
Aeshnina “Nina“ Azzahra Aqilani beim Klimaprotest in Busan 2024 © Seunghyeok Choi für Break Free From Plastic und Uproot Plastic Coalition, alle Rechte vorbehalten
Indonesien: Die Umwelt-Aktivistinnen Aeshnina Azzahra Aqilani und Daru Setyorini sprechen über Plastikverschmutzung und Verantwortung.
Dies ist Teil II des Interviews, hier geht’s zu Teil I
südostasien: Nina, du bist mit Umweltaktivismus groß geworden. Haben dich deine Eltern inspiriert?
Aeshnina „Nina“ Azzahra Aqilani ist Umweltaktivistin und Mitbegründerin von „River Warriors Indonesia“ (Riverin), einer Jugendbewegung von ECOTON (Ecological Observation and Wetlands Conservation Foundation). Riverin setzt sich gegen die Plastikverschmutzung im Brantas-Fluss ein. Im Alter von zwölf Jahren schrieb Nina Protestbriefe an ausländische Regierungen und forderte, Plastikexporte nach Indonesien zu stoppen. Sie trug damit zum EU-Verbot von Plastikexporten in Nicht-OECD-Staaten ab 2027 bei. Nina beteiligt sich aktiv an den internationalen Verhandlungen des Intergovernmental Negotiating Committee (INC) der Vereinten Nationen, trat als jüngste Rednerin beim Plastic Health Summit 2021 in Amsterdam auf, war in dem Dokumentarfilm „Girls for Future“ (Kinder der Klimakrise) von Irja von Bernstorff zu sehen und wurde als Finalistin für den Internationalen Kinderfriedenspreis 2025 in Stockholm nominiert. Heute studiert die 19-jährige Internationale Beziehungen an der Airlangga-Universität in Surabaya und engagiert sich weiterhin aktiv gegen Umweltverschmutzung durch Plastik.

© Daru Setyorini, alle Rechte vorbehalten
Daru Setyorini ist Geschäftsführerin von ECOTON. Als Umweltaktivistin und Forscherin engagiert sie sich landesweit für den Schutz von Flüssen und Feuchtgebieten. Die studierte Biologin verbindet wissenschaftliche Forschung mit öffentlicher Lobbyarbeit, um Veränderungen in der Umweltpolitik voranzutreiben.
Nina Azzahra Aqilani: Klar, unser Zuhause ist buchstäblich ihr Büro und ihr Engagement gehört zu unseren täglichen Gesprächen dazu. Seit meiner Kindheit bin ich mitten im ECOTON-Geschehen dabei. Meine Geschwister und ich haben mitgehört und selbst auch mitdiskutiert. Als ich klein war, war es allerdings schwierig für mich zu erklären, was meine Eltern beruflich machten – meine Eltern haben andere Jobs als die Eltern meiner Freund:innen.
Wenn wir über Plastikverschmutzung sprechen, sind alle gleichermaßen betroffen: Konsument:innen, Industrie und Regierung. Wer aber trägt die größte Verantwortung?
Nina: Es scheint, als ob die Welt von Kapitalist:innen beherrscht wird, die über Konsum und weltweite Wirtschaft entscheiden. Das frustriert mich. Es fühlt sich an, als könnten wir nichts tun. Die Konzerne sind gewinnorientiert und kümmern sich weder um die Menschen noch um den Planeten, sie denken nur an Profit und Gewinne. Gleichzeitig sind die Machthabenden oftmals Männer und nutzen diese Macht oder Stärke zur Zerstörung und Ausbeutung unserer Natur und Ressourcen. Sie stützen das Patriarchat – das ist so frustrierend!
Daru Setyorini: Ja, da stimme ich Nina zu, besonders was die Kunststoffproduktion aus der Ölindustrie betrifft. Kunststoff wird aus Rohöl hergestellt. Das ist eine nicht erneuerbare Ressource, gemischt mit giftigen Chemikalien, die ein sicheres Recycling unmöglich machen. Während des gesamten Lebenszyklus von Plastik, von der Produktion bis zur Deponierung oder Verbrennung, verunreinigen diese Chemikalien alles. Seit der Erfindung von Plastik wurden weltweit nur neun Prozent recycelt. Die restlichen 91 Prozent des Plastiks haben keinen sicheren Bestimmungsort und sind Kern des Problems.
Aus diesem Grund exportieren wohlhabende Nationen ihren Müll. Recycling ist teuer und in den Industrieländern gehen viele Recyclingunternehmen insolvent. So laden sie ihren Müll in unserem Land ab, weil wir keine starken Umweltvorschriften haben. Recyclingunternehmen können hier ohne ordnungsgemäße Genehmigungen arbeiten, ungehindert Grundwasser entnehmen und Abfälle unbehandelt einleiten. Jedes Land sollte die Verantwortung für die Entsorgung seines eigenen Mülls übernehmen.
Ihr arbeitet eng mit den Gemeinschaften am Brantas-Fluss zusammen. Wie gehen die Anwohner:innen in ihrem Alltag mit Plastikmüll um? Welche Veränderungen seht ihr?
Nina: Die ältere Generation lebte in ihrer Kindheit ohne Plastik. Meine Großmutter wickelte Snacks in Bananenblätter oder kaufte Lebensmittel in Glasflaschen, die sie im Laden nachfüllte. Plastik als Verpackungsmaterial kam auf, als sie bereits erwachsen war. Es schien einfach praktischer zu sein. Aber diese Bequemlichkeit wurde zu einer Obsession. Jetzt verpackt meine Großmutter manchmal alles in Plastiktüten, ohne darüber nachzudenken.

Nina neben den „Fünf Geschenkkoffern“: Plastikmüll aus den USA, Australien, Deutschland, den Niederlanden und Italien, der nach Indonesien exportiert wurde. © Daru Setyorini, alle Rechte vorbehalten
Meine Generation denkt umgekehrt. Wir sind mit Plastik und Einwegartikeln aufgewachsen, aber wir sind auch mit dem Wissen um die Folgen groß geworden. Manche Menschen verschließen immer noch ihre Augen vor den Folgen. Doch es gibt auch die Mutigen: Die den Gebrauch von Einwegplastik reduzieren und sich für einen Zero-Waste-Lebensstil einsetzen, also ein Leben möglichst ohne Müll.
Daru: Junge Menschen sind aufnahmefähiger, aber wir müssen auch von älteren Generationen lernen. Da müssen wir langfristig einen Mittelweg finden. Zu Plastikalternativen können wir viel von älteren Generationen lernen, wie das Flechten von Körben aus Kokosnussblättern oder Bambus. In den tropischen Ländern haben wir viele natürliche Alternativen: Teakblätter, Pandanblätter, Bananenblätter.
Viele Länder haben bereits eine klare Haltung eingenommen: Ruanda hat Plastiktüten komplett verboten. In den Philippinen verwenden schon viele Geschäfte Papiertüten, Papierstrohhalme und Holzlöffel.
Wir unterstützen keine Biokunststoffe (zum Beispiel aus Maniok), da sie weiterhin Einwegartikel sind, die einmal benutzt und weggeworfen werden. Das ist reine Ressourcenverschwendung. Warum verwenden wir nicht einfach Bananenblätter? Wirf sie weg und sie kompostieren von selbst!
Nina, du hast Briefe an europäische Regierungen geschrieben und sie gebeten, den Plastikmüllexport nach Indonesien einzustellen. Welche Auswirkungen hatten eure Briefe?
Nina: Nachdem ich einen Brief an Angela Merkel geschrieben hatte, erhielt ich eine Einladung von der deutschen Botschaft in Jakarta. Wir reisten nach Jakarta und sprachen mit Botschaftsmitarbeiter:innen. Sie erklärten, das Plastikexportproblem läge im Hafen, mit fehlerhaften Kennzeichnungen beim Versand von Abfällen. Die Botschaft versprach, die Aufsicht in den Häfen zu verstärken. Berichten zufolge werden die Kunststoffexporte nun in andere Länder verlagert, nach Malaysia, Thailand und Vietnam. Das ärgert mich sehr.

Daru Setyorini spricht bei einer Protestaktion gegen Dioxinverseuchung durch importierten Plastikmüll, der in Tofu-Fabriken im Dorf Tropodo, Ost-Java, verbrannt wird. © Ecoton Foundation, alle Rechte vorbehalten
Bei den INC-Verhandlungen im Jahr 2024 in Busan gab es bereits Pläne der EU, den Export von Abfällen in Nicht-OECD-Länder ab dem Jahr 2026 einzustellen. Ich schrieb direkt an den EU-Ausschuss und sie antworteten, dass ab November 2026 keine Abfälle mehr in Nicht-OECD-Länder exportiert würden. Das ist zumindest schon mal etwas.
Seid ihr optimistisch, dass die Plastikkrise in Indonesien in zehn Jahren gelöst ist? Was müsste sich bei der Regierung, der Industrie oder der Öffentlichkeit ändern?
Daru: Ich bin optimistisch. Die Krise lässt sich nicht ignorieren: der Erdrutsch auf der Mülldeponie Bantaran Gebang, Brände auf Deponien oder Schließungen durch Überlastung. Gleichzeitig steigen die Kunststoffpreise aufgrund des Iran-Israel-USA-Konflikts. Diese Katastrophen zwingen Regierungsvertreter:innen einzusehen, dass die Behandlung von Kunststoff als ‚normaler Abfall‘ das Problem niemals lösen wird. Enorme Summen wurden für die Abfallwirtschaft ausgegeben. Warum nimmt der Abfall dann nicht ab? Die Lösung liegt nicht in einer besseren Abfallwirtschaft. Die Lösung besteht darin, von vornherein weniger Abfall zu produzieren.
Immer mehr Städte führen bereits Vorschriften zur Einschränkung von Plastik ein. Am strengsten ist Bali, wo der Gouverneur den Verkauf von Mineralwasser in Flaschen unter einem Liter verbieten will. Das ist der richtige Weg, denn kleine Flaschen lassen sich am schwersten von Stränden, Flüssen und aus den Ozeanen sammeln. Wir müssen uns von Einwegartikeln verabschieden und zu einem wiederverwendbaren System übergehen. Notwendig sind Investitionen von Unternehmen, die eine Nachfüllkultur und nicht nur Recycling unterstützen.
Wie könnte das umgesetzt werden?
Daru: Dies muss durch die erweiterte Herstellerverantwortung (EPR – Extended Producer Responsibility) geschehen. Unternehmen erhalten eine Quote, wie viel Plastik sie herstellen dürfen, und müssen das Recycling des eigenen Abfalls finanzieren. In Zukunft könnten Geschäfte gesonderte Sammelboxen für Verpackungen anbieten. Das zieht jedes Unternehmen zur Verantwortung.

INC-Verhandlungen 2024: Nina bei der Youth and Stakeholder Assembly on Plastic Pollution in Busan (Südkorea) neben Koffern voll importiertem Plastikmüll. © Ecoton Foundation, alle Rechte vorbehalten
Eine Version dieses Systems existiert bereits in Europa. Allerdings gibt es eine Marke, die behauptet, ihr Abfall werde ordnungsgemäß verarbeitet. Aber wir haben auch ihre Verpackungen im Brantas gefunden. Das Unternehmen hat Dritte beauftragt, sich um ihren Müll zu kümmern – ohne Erfolgsgarantie. Das Wichtigste ist, dass Unternehmen Verantwortung für ihren Müll übernehmen und ein funktionierendes Entsorgungssystem etablieren. Ohne ein echtes, durchsetzbares System wird der Abfall weiterhin überall verstreut landen.
Nina, bist du so optimistisch wie deine Mutter?
Nina: Ich bin als Idealistin mit großen Träumen bekannt. Aber bei der Plastikkrise bin ich pessimistisch, selbst zehn Jahre reichen nicht aus. Es gab bereits Vorfälle auf Mülldeponien mit Toten – ohne Konsequenzen für die Machthabenden.
Jede:r Einzelne muss Verantwortung übernehmen. Auf dem Weg für eine bessere Zukunft spielt die Regierung eine Schlüsselrolle: Sie hat die Macht, unser Leben zu gestalten und muss die Grenzen der Ausbeutung kennen. Ich habe Angst. Wir sind Teil von Mutter Erde – wenn wir ihr schaden, schaden wir uns selbst.
Aber es gibt auch Grund zum Optimismus. Viele junge Menschen bilden derzeit Gemeinschaften. Sie wenden sich an die Regierung und drängen auf Veränderungen. Die Auswirkungen werden nicht sofort spürbar sein. Aber wenn wir gemeinsam handeln, ist Veränderung möglich.
Übersetzung aus dem Englischen von: Miriam Stadler, Mirjam Overhoff und Anica Peters






