
© WWF
Indonesien: Frauen und ihr traditionelles Umweltwissen bewirken Veränderung in ganz Papua.
Papua ist seit Langem von komplizierten Sicherheitsdynamiken betroffen. Bestimmte Regionen sind bewaffneter Auseinandersetzung und der Präsenz von militärischen Operationen geprägt. Dies betrifft den Alltag vieler Gemeinschaften, beispielsweise wie Menschen auf das Land zugreifen, zwischen Territorien hin- und herziehen oder ihren Lebensunterhalt bestreiten.
Inmitten dieser Herausforderungen sind die indigenen Gemeinschaften weiterhin auf die Wälder angewiesen. Diese bieten Lebensgrundlagen und sind zugleich Orte kultureller Identität. Deshalb ist der Waldschutz eng mit dem Schutz der Stabilität, der Würde und der Zukunft ihrer Familien verbunden.
In ganz Papua, von Jayapura in der Provinz Papua bis Tambrauw in der Regentschaft Südwest-Papua und Asmat in der Regentschaft Süd-Papua, führt eine Gruppe indigener Frauen, die auch als „Mama-Mama“ (was „Mütter“ bedeutet) bekannt ist, eine grundlegende Veränderung herbei. Sie sorgen nicht nur für ihre Familien, sondern agieren als zentrale Akteurinnen beim Schutz der Natur sowie Stärkung der lokalen Wirtschaft. Auch auf die Herausforderungen des Klimawandels reagieren sie auf eine Weise, die in ihrem eigenen kulturellen Wissen verwurzelt ist.
Dieses Netzwerk, das von WWF Indonesien unterstützt wird, umfasst mehr als zwanzig Gemeinschaftsgruppen mit über einhundert Frauen.
Das Teilen von eigenen Erfahrungen
Ihr Weg war nicht einfach. Zunächst fehlte vielen Frauen das Selbstvertrauen. Begriffe wie „Klimawandel“, „Adaptation“ und „Mitigation“ waren unbekannt, fern und wirkten sogar einschüchternd. Eine Frau erinnert sich, wie sie in einer Gruppendiskussion an sich gezweifelt hat: „Alle hier sind sehr gut ausgebildet. Ich möchte gehen. Ich verstehe nichts.“

Luftaufnahme von Sausapor (Tambrauw) in Südwestpapua, © Abihut / Wikicommons, CC BY-SA 4.0,
Daraufhin änderte das Team des WWF seinen Ansatz. Anstatt technische Begriffe zu betonen, ermutigten sie die Teilnehmerinnen, von ihren eigenen Erfahrungen zu berichten: von den Wechseln der Jahreszeiten, von abnehmenden Ressourcen im Wald und von ihrer alltäglichen Überlebenspraxis. Allmählich wurde das Selbstvertrauen größer.
Umweltaktivistin und Leiterin des WWF-Forest & Wildlife-Programms in Papua, Wika Rumbiak, betont die Herausforderung einer patriarchalen Ordnung: „Viele Frauen durften die Dörfer nicht verlassen, um an den Treffen der Mütter teilzunehmen. Es hat Zeit gebraucht, Vertrauen aufzubauen, und auch ihre Familien waren daran beteiligt“, erklärt sie. Inzwischen treten die Frauen selbstbewusster in der Öffentlichkeit auf. „Sie hatten Angst, zu reden. Doch jetzt sind sie präsent, sogar auf nationaler Ebene“, so Wika Rumbiak.
Dieses wachsende (Selbst)Vertrauen hat Türen für eine stärkere Beteiligung bei der Vertretung von Betroffenen- und Minderheiteninteressen und bei gemeinschaftlichen Entscheidungsprozessen geöffnet.
Unterstützung der Lebensgrundlagen
Zudem wurde die wirtschaftlicher Selbst- und Gruppenorganisation unterstützt. Frauengruppen entwickeln derzeit Produkte auf Basis lokaler Ressourcen, darunter Sago, Maniok und Bananen. Laut Wika Rumbiak sind diese Gruppen nun in der Lage, Unternehmen eigenständig zu verwalten, ohne auf externe Unterstützung angewiesen zu sein. Gleichzeitig beteiligen sie sich am Schutz der Wälder.
Denn die Umweltauswirkungen von Großprojekten zunehmend sichtbar. In Regionen wie Sawe Suma in der Stadt Jayapura haben sich die Gemeinschaften dafür entschieden, die industrielle Expansion abzulehnen und stattdessen den Ökotourismus zu entwickeln. „Sie erkennen, dass der Schutz des Waldes tatsächlich langfristige Vorteile hat“, sagt Jeni Karay.
Wald-Wissen stärken und verbreiten
In Sausapor in der Regentschaft Tambrauw wurde Yesnath Dominggas, von allen liebevoll Mama Minggas genannt, zum Symbol dieser Bewegung. Sie engagiert sich für den Schutz der Wälder und ermutigt jüngere Generationen, sich ebenfalls dafür einzusetzen. „Ich bitte die Jugendlichen, die Paradiesvögel in ihren Lebensräumen zu schützen.“, so Mama Minggas über eine ihrer Aufgaben.
Mama Minggas erklärt außerdem, wie Naturschutz, traditionelle Lebensgrundlagen und gemeinsame Regelungen in ihrem Dorf Nanggouw miteinander verbunden sind. „Gemeinsam mit anderen Mamas und Frauengruppen verarbeite ich Waldprodukte. Aus der Rinde des Antiaris toxicaria-Baums [deutsch: Upasbaum, d.R.] stelle ich beispielsweise geflochtene Kunsthandwerksartikel her. Gleichzeitig unterstützen wir Naturschutzbemühungen, indem wir diese Bäume neu anpflanzen.“
Im Rahmen des Ökotourismus wird die Bewirtschaftung der Waldressourcen unterstützt und bietet somit Umweltschutz und wirtschaftliche Chancen für die lokale Bevölkerung. 2025 wurde in Nanggouw ein Entwurf für eine Dorfverordnung als Teil der Bemühungen zum Schutz der lokalen Flora und Fauna erarbeitet, die im gleichen Jahr in Kraft trat. Sie bietet nun noch besseren Schutz für Wildtiere, Pflanzen sowie das gesamte Waldökosystem.

Mama Minggas demonstriert das Bearbeiten der Upasbaum-Rinde bei einem Kulturfestival in Jakarta. © WWF Indonesia, alle Rechte vorbehalten
Im Rahmen dieser Initiative seien von der Bewegung der Mütter Sanktionen für alle festgelegt worden, die gegen diese Regeln und Vorschriften verstießen, berichtet Mama Minggas. Neben den Ökotourismus‑Aktivitäten sind diese gemeinschaftlichen Regeln zu einem wichtigen Instrument zur Bewahrung der Biodiversität und zur Stärkung der lokalen Naturschutzpraxis geworden.
Auch bei den jüngeren Generationen vollzieht sich derzeit ein bedeutender Wandel. Wo Früher wurden wilde Vögel häufig zum Verzehr gejagt. Jeni Karay berichtet: „Heute sind es die Kinder, die ihre Eltern ermahnen: ‚Tötet sie nicht und nehmt ihnen die Eier nicht weg.“ Naturschutzwerte werden durch kulturell verankerte Bildung, zum Beispiel durch das Erzählen von Geschichten vermittelt.
Große „Entwicklungsprojekte“ sind Grund zur Sorge
Trotz der positiven Veränderungen bleiben die Herausforderungen bestehen. Großräumige so genannte Entwicklungsprojekte in Papua werfen Fragen zur Umweltverträglichkeit und zur Zukunft der indigenen Gemeinschaften auf.
In diesem Zusammenhang wird den Stimmen der Mütter inzwischen größere Bedeutung beigemessen – sowohl als Hüterinnen der Umwelt als auch als Fürsprecherinnen ihrer Gemeinschaften.
Wika Rumbiak betont, dass der Kampf der Mütter über den Umweltschutz hinausgeht. „Sie setzen sich dafür ein, dass ihre Kinder Zugang zu Bildung erhalten und zugleich die Natur als Teil ihrer kulturellen Identität bewahren“, sagt sie.
Denn indigene Frauen in Papua pflegen seit jeher eine tiefe spirituelle und praktische Beziehung zur Natur und betrachten Wälder nicht nur als Ressourcen, sondern als Quelle des Lebens und der Identität.
Diese Beziehung prägt die Weise, wie sie ihr Land bewirtschaften, die Biodiversität schützen und ökologisches Wissen über Generationen hinweg weitergeben. Dadurch werden sie zu Schlüsselakteurinnen bei der Erhaltung von Kultur und Umwelt.
Anerkennung des indigenen Wissens
„Die Mütter sind keine Neulinge im Naturschutz. Sie bewirtschaften Wälder, Flüsse und Ernährungssysteme seit jeher nach überlieferten Bräuchen, die über Generationen hinweg weitergegeben wurden“, sagt WWF-Koordinatorin Jeni Karay. Deshalb schaffe die Kooperation Räume, in denen dieses Wissen gestärkt und zwischen den Gemeinschaften in Jayapura, Tambrauw und Asmat ausgetauscht werden kann.

Baumrinde wird im Dorf Nanggouw unter anderem zur Herstellung von Kunsthandwerk verwendet. © WWF Indonesia, alle Rechte vorbehalten
„Dank Plattformen für gegenseitiges Lernen und gemeinschaftsbasierter Schulungen sind Frauen, die früher zögerten, in der Öffentlichkeit zu sprechen, nun in der Lage, Erfahrungen über Dorf- und Ökosystemgrenzen hinweg auszutauschen – von Küstengebieten über Wälder im Landesinneren bis hin zu Gemeinschaften im Hochland“, so Wika Rumbiak. „Dieser Austausch hilft ihnen zu erkennen, dass ihre lokalen Maßnahmen Teil eines größeren Naturschutzsystems sind.“
Je stärker ihr Netzwerk wird, desto mehr positionieren sich die Mütter nicht nur als Mitwirkende, sondern auch als Entscheidungsträgerinnen und Fürsprecherinnen für ihr Umfeld. „Ihre Stimmen beeinflussen zunehmend die Art und Weise, wie Naturschutz und Entwicklung auf Gemeinschaftsebene diskutiert werden. Damit untermauern sie die Vorstellung, dass der Schutz der Wälder Papuas untrennbar mit dem Schutz der Identität, der Kultur und künftiger Generationen verbunden ist“, so Rumbiak.
Aus den Dörfern in die Welt
In vielen Gebieten Papuas sind Frauen traditionell für die Verwaltung der Ernährungssysteme, das Sammeln von Waldprodukten sowie die Aufrechterhaltung des Gleichgewichts zwischen Nutzung und Erhaltung verantwortlich.
„Ihr Wissen über Jahreszeitenzyklen, Biodiversität und nachhaltige Erntepraktiken wurde über Generationen hinweg aufgebaut. In formellen Entscheidungsprozessen wird dieses Wissen jedoch oft unterschätzt“, sagte Rumbiak. „Deshalb sind Initiativen, die Frauen eine stärkere Stimme verschaffen, wie gemeinschaftliche Lernplattformen und Austausch von entscheidender Bedeutung, um lokales Wissen mit umfassenderen Klimaschutzbemühungen zu verknüpfen.“
Die Geschichte der Bewegung der Mütter aus Papua zeigt, dass tiefgreifende Veränderungen nicht immer ‚von oben‘ herbeigeführt werden müssen. Sie können aus den Gemeinschaften selbst entstehen – aus gelebter Erfahrung, Mut und einer tiefen Verbundenheit mit der Natur.
Übersetzung aus dem Englischen: Mustafa Kursun






