
Im Rahmen einer gemeinschaftsgeführten Ausstellung über den Alltag der Orang Pulau [Menschen der Inseln] in Singapur erhielt die Gemeinschaft Einwegkameras, um die Überbleibsel des Insellebens festzuhalten, wie sie heute mit eigenen Augen gesehen und geteilt werden. © Cik Hamzah, alle Rechte vorbeh
„Dah jadi darah daging pula. Dah sebatilah“
„Es ist Teil meines Fleisches und Blutes. Es ist zu meiner zweiten Natur geworden.“– Cik Hamzah, ein 71-jähriger Orang-Laut-Fischer aus Pulau Sudong, Singapur, über die Tradition des Fischens
Die Geschichte Singapurs ist stark beeinflusst durch die koloniale Gründung im Jahr 1819. Vorkoloniale Geschichten, indigene Gemeinschaften und regionale Verbindungen werden aus diesem Grund im Mainstream oft vernachlässigt. Darstellungen des Singapurs vor 1819 in einigen historischen Berichten und Lehrmaterialien erzählen von einer kleinen Fischersiedlung. Ihrer Rolle als Teil eines größeren maritimen Handelsnetzwerkes und der Vielfalt indigener Gemeinschaften in den umliegenden Gewässern wird dabei wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Allerdings waren die Inseln und Gewässer weder unbesetzt noch unbewohnt und schon gar nicht warteten sie darauf, ‚entdeckt‘ zu werden.
Zunächst gab es eine Instagram-Seite, auf der kulinarische Traditionen, Geschichten und die Kultur der Orang-Laut-Familien geteilt wurden. Während der COVID-19 Pandemie entwickelte diese sich nach und nach zu etwas viel Größeren. Der Wunsch, die Geschichten der Familien von Pulau Semakau, einer Insel vor der Südküste Singapurs, zu teilen, diente als Inspiration für die Gründung von Orang Laut Singapore Organisation. Seitdem hat sich die Initative zu einer Gemeinschaftsorganisation entwickelt, die sich der Dokumentation, Wiederbelebung und Bewahrung von Erzählungen, Bräuchen und Lebensräumen der Orang-Laut-[Menschen des Meeres] und Orang-Pulau-[Menschen der Inseln]- Gemeinschaften in Singapur widmet. Heute ist Orang Laut Singapore in den Bereichen Forschung, Geschichte, Bildung, Kunst und gesellschaftliches Engagement tätig. Dies schafft Möglichkeiten für die Orang-Laut-Gemeinschaften, Teil des lebendigen Erbes Singapurs zu sein.
Für die Orang-Laut und Orang-Pulau-Gemeinschaften war das Meer nie nur eine Kulisse oder eine auszubeutende Ressource. Es hat über Generationen hinweg das Leben, die Wissensformen, sozialen Beziehungen und die kulturelle Identität geprägt.
Historisch gesehen spielten die Orang Laut im malaiischen Archipel wichtige Rollen als Bootsleute, Navigator:innen, Lots:innen, Händler:innen, Fischer:innen und Hüter:innen strategischer Wasserstraßen. Viele wuchsen auf dem Wasser auf und lernten nicht nur das Fischen, sondern auch das Lesen von Gezeiten, das Vorhersagen von Wetterveränderungen, das Erkennen von Meeresarten und das Navigieren zwischen Inseln.
Die Folgen der Landenteignung
Im Zuge der rasanten Entwicklung Singapurs waren die Gemeinschaften auf den südlichen Inseln, darunter Pulau Semakau, Pulau Sudong und Pulau Seraya, von Landenteignung und Umsiedlung betroffen. Nach dem Landenteignungsgesetz von 1966 wurden die Inselfamilien in öffentliche Wohnbauten auf dem Festland umgesiedelt.

Die tiefe Verbindung zwischen die Orang Laut und Wasser wird hier dargestellt. © Orang Laut Singapur, alle Rechte vorbehalten
So wurde es zunehmend schwieriger, Lebensgrundlagen, kulturelle Praktiken und ökologisches Wissen, die an das Meer gebunden waren, aufrechtzuerhalten. Die alltägliche Verbindung mit der Küstenumwelt nahm ab und damit auch viele der Bindungen, die die Inselgemeinschaften seit Generationen mit ihrem Land, ihren Gewässern und ihren Traditionen verankert hatten. Heute praktizieren noch etwa zehn ehemalige Inselbewohner und ihre Nachkommen die traditionelle Fischerei. Für viele bleibt sie eine der wenigen greifbaren Verbindungen zu einer Lebensweise, die vor Vertreibung und Umsiedlung existierte.
Fischen als kulturelle Praxis
Auf die Frage, warum das Fischen so wichtig sei, antwortete Cik Hamzah, ein ehemaliger Bewohner von Pulau Sudong, schlicht: „Dah jadi darah daging pula. Dah sebatilah“ („Es ist ein Teil von uns geworden.“) Das Meer bleibt einer der wenigen Räume, in denen die Inselbewohner ihr überliefertes Wissen und Erinnerungen weiterleben lassen können.
Fischerei mag zunächst als nichts Besonderes erscheinen. Doch in den lokalen Gewässern zu fischen erfordert ein Verständnis von Gezeiten, Strömungen, Wetterverhältnissen, Meeresbodenbeschaffenheit und Meereslebewesen. Dieses Wissen wird durch jahrelange Erfahrung und praktische Teilhabe, nicht durch theoretischen Unterricht, weitergegeben.
Bubu-Fischerei und maritimes Wissen
Bei unseren Besuchen im letzten verbliebenen Gemeinschaftsraum der Inselbewohner:innen im West Coast Park teilte Cik Hamzah das Wissen und die Techniken der Bubu-Reusenfischerei mit uns.
Die Platzierung der Bubu ist niemals willkürlich. Die Fischer:innen nutzen ihr tiefes Verständnis der Meeresumwelt. Inseln, Riffe, Strömungen und sogar entfernte Orientierungspunkte auf dem Festland wie der Bukit Timah Hill werden genutzt, um sich zu orientieren und die Fallen mit bemerkenswerter Genauigkeit zu lokalisieren. Diese kognitiven Karten entstehen durch jahrelange Erfahrung auf dem Wasser.
Diese Praxis ist zutiefst gemeinschaftlich. Eine Person taucht unter die Wasseroberfläche, um die Reuse mit großen Steinen am Riff zu befestigen, während ein:e andere:r im Boot bleibt und aufmerksam Veränderungen in Wind, Strömungen und Seebedingungen beobachtet. Jede Bewegung erfordert Aufmerksamkeit, Koordination und den fortwährenden Dialog mit der Umwelt.

Liegeplatz bei West Coast Park. © Orang Laut Singapur, alle Rechte vorbehalten
Die Arbeit erfordert sowohl Geschick als auch Koordination. Wenn der Fang groß und die Bubu selbst schwer ist, müssen beide Fischer:innen sie gemeinsam anheben. Oft kann eine Person den Fang entnehmen, dabei behutsam Algen und Ablagerungen entfernen, bevor sie die Reuse wieder an ihren Platz hinablässt.
Mehr als nur ein Werkzeug
„Eine Bubu ist wie ein Zuhause“, berichtet Cik Hamzah. Wenn sie nicht gut gepflegt wird, wollen die Fische nicht gefangen werden. Seine Worte offenbaren: Eine Bubu ist nicht nur eine Falle. Sie muss mit Sorgfalt hergestellt, platziert und gewartet werden. Als passive Falle ermöglicht sie Fischen den Eintritt, erschwert jedoch das Entkommen, ohne dabei Lebensräume zu schädigen oder Beifang zu verursachen.
Anders als Netzfischerei, wird Bubu-Fischerei als effizient beschrieben. Die Reusen können tagsüber geborgen werden, sodass die Fischer:innen abends nach Hause zurückkehren können. Ihre Bedeutung geht aber über Effizienz hinaus: In indigenen Küstengemeinschaften wie den Moken an der Küste Thailands oder den Sama Bajau im malaiischen Archipel, hat die Bubu-Fischerei über Generationen Familien und Lebensgrundlagen erhalten. Diese Praxis spiegelt eine Welt wider, in der Menschen, Werkzeuge, Meereslebewesen und Meereslandschaften in einer anhaltenden Beziehung miteinander verbunden sind.
Um das indigene ökologische Wissen unserer Ältesten zu dokumentieren, haben wir 88 verschiedene Arten von Meeresfischen erfasst. Schwarmfische wie Sagai (Makrelenbarsch) werden am effizientesten mit Kelong (küstennahen Fischereiplattformen) gefangen. Einzelgänger wie Kerapu (Zackenbarsch) und paarweise lebende Arten wie Gedak (Schmetterlingsbarsch) werden häufiger mit Bubu gefangen.

Ikan Dengkis (Siganus) ist in den flachen Gewässern der südlichen Inseln Singapurs zu finden. © Orang Laut Singapur, alle Rechte vorbehalte
Doch viele Fische, die einst häufig waren, werden heute nicht mehr gesichtet. Zwei Faktoren tauchen in den Berichten der Inselbewohner:innen auf: das Ausbaggern von Wasserstraßen und die Landgewinnung. Das führt zu zunehmend trüber werdenden Gewässern, Veränderungen in Strömungen und Meeresbodenbedingungen sowie zur Degradierung mariner Lebensräume. Diese Probleme schlagen sich nicht immer vollständig in Umweltverträglichkeitsprüfungen von Unternehmen nieder. Die Menschen mit den tiefsten Beziehungen zu diesen Gewässern werden oft von diesbezüglichen Gesprächen und Entscheidungen ausgeschlossen.
Indigenes Wissen für die Zukunft
Pläne zur Entwicklung der südlichen Inseln Singapurs bedrohen die indigenen Gemeinschaften. Mehrere Riffsysteme, auf die sich Gemeindemitglieder beim Fischen stützen, befinden sich in Gebieten, die für künftige Landgewinnung vorgesehen sind. Veränderungen in Strömungen, Meeresbodenbedingungen und marinen Lebensräumen könnten die ökologischen Beziehungen verändern, die das Meeresleben und die Gemeinschaftspraktiken über Generationen hinweg geprägt haben. Nicht nur das Ökosystem ist also betroffen, sondern auch die lebendige Beziehung zwischen Menschen, Land und Meer.
Ohne die historische und fortdauernde Präsenz der Orang-Laut– und Orang-Pulau-Gemeinschaften anzuerkennen, wird es kaum Raum für Gespräche über Vertreibung, Umweltveränderungen und soziale Folgen von Entwicklung geben. Die Anerkennung darf allerdings nicht nur symbolischer Natur sein. Sie muss Möglichkeiten für Geschichten, Erfahrungen und Wissenssysteme schaffen, die oft vergessen wurden und diese in weitergehende Diskussionen über Erbe, Nachhaltigkeit und die Küstenumwelt Singapurs einbeziehen.

Bubu-Fischerei hat eine lange Tradition. © Orang Laut Singapur, alle Rechte vorbehalten
Diese Gemeinschaften als „indigen“ zu bezeichnen ist eine bewusste Entscheidung. Es erkennt langfristige Beziehungen zu Land, Meer und Ort an, die dem modernen Nationalstaat vorausgehen und stellt damit Narrative in Frage, die sie auf „frühe Migranten“ oder „Siedler“ reduzieren. Indigenes Wissen jedoch ist nicht statisch, sondern lebendig und anpassungsfähig. Es wird kontinuierlich von sich verändernden sozialen und ökologischen Realitäten geprägt.
Die sich beschleunigende Umweltveränderung lädt uns ein, zu fragen: Welche Wissensformen werden geschätzt? Welche werden unterschätzt? An wessen Geschichte wird erinnert? Welche Verantwortung tragen wir für die Orte und Ökosysteme, die uns erhalten? Das aufmerksame Zuhören bei Gemeinschaften, deren gesamtes Leben über Generationen vom Meer geprägt wird, führt dazu, dass wir alternative Deutungen der Geschichte entdecken. Und damit auch neue Möglichkeiten für die Zukunft.
Übersetzung aus dem Englischen von: Anica Peters






