
Die Philippinen als Gastland der Frankfurter Buchmesse 20205 – wir blicken in den Auftritt des Gastlands. © Mirjam Overhoff, alle Rechte vorbehalten
Deutschland: Zwischen Bücherdiversität, Politik und Staunen, ein Erlebnisbericht vom Gastlandauftritt der Philippinen bei der Frankfurter Buchmesse 2025.
„Ruhige Inseln der philippinischen Bücherdiversität“, dies waren die ersten Gedanken, die mir in den Sinn kamen, als ich den Pavillion des Ehrengasts Philippinen auf der Frankfurter Buchmesse betrat. Am Samstag, den 18. Oktober, machte ich mich morgens früh von Köln auf den Weg nach Frankfurt. Mein letzter Besuch der Buchmesse lag bis dahin bereits 10 Jahre zurück, was meine Freude und Aufregung an diesem Tag noch steigerte.
Zu Beginn war ich durch die schiere Größe und die vielen Menschen, die aus allen Richtungen in die verschiedenen Messehallen strömten, etwas überfordert – hatte ich dies doch anders in Erinnerung. „Fantasie beseelt die Luft“, das Motto des Ehrengasts Philippinen, konnte ich jedoch beim Betreten des Pavillions direkt spüren.
Im Gegensatz zu den anderen Messehallen war der Philippinen Pavillon weitläufig, hell und offen, aber gleichzeitig intim. Dieses Gefühl entstand durch die sechs, wie an Inseln erinnernde Bereiche, viele Sitzmöglichkeiten, zwei offen konstruierte Bühnen und die Verwendung von Naturmaterialien (Kapis-Muscheln, Bambus, Textilien, Ananasgewebe und leichter Stahl).
Ein sich im hinteren Teil des Pavillons befindendes Café lud zusätzlich zum Verweilen, Nachdenken und Austauschen ein.
Wandern „von Insel zu Insel“

Pavillioninsel, die den nationalen Künstler:innen gewidmet wurde. © Kathrin Stopp, alle Rechte vorbehalten
Im Pavillon gab es die Möglichkeit, von Bereich zu Bereich, von Insel zu Insel zu „wandern“ und die reiche kulturelle und literarische Vielfalt des Ehrengasts kennen zu lernen. So wurde zum Beispiel eine „Insel“ nationalen Künstler:innen und Kulturschätzen gewidmet. Eine andere hob Bücher hervor, die in den letzten 100 Jahren in und über Themen zu den Philippinen publiziert wurden. Eine Bücherinsel präsentierte eine Auswahl an ausländischen Veröffentlichungen der letzten fünf Jahre über die Philippinen. Ein Nachbau eines Gebäudes, welches unter anderem von den indigenen T’boli aus den Südphilippinen für Versammlungen genutzt wird, lud zum Reflektieren und Ausruhen ein. Künstlerische Videoprojektionen an den Außenwänden der Inseln, beseelte die Messeatmosphäre zusätzlich.
Von kolonialem Erbe bis zur queeren Literatur
Ein vielfältiges Programm zu den Themenschwerpunkten Geschichte, Politik und Kultur in Mindanao, Schreiben in der Diaspora, Reflexion über das koloniale Erbe und der philippinischen Kinderliteratur konnten die Besucher:innen im philippinischen Ehrengastpavillon am 18. Oktober erleben.
Besonders interessiert verfolgte ich eine Diskussionsrunde über die Entwicklung der queeren Literatur in den Philippinen. Dabei wurde anhand von Bucherscheinungen, die Geschichte dieser nachgezeichnet und erläutert. In den 1990er Jahren war das Mitwirken an der Ladlad-Reihe (coming out-Reihe) für schwule und queere philippinische Autor:innen ein öffentliches Bekennen zu ihrer Queerness und keine leichte Entscheidung beteiligter Schriftsteller:innen. Damals wurden die Bücher wie verbotene Gegenstände von ihrer Leser:innenschaft in braunes Papier eingeschlagen, um sie vor neugierigen Blicken und den (katholischen) Eltern zu verstecken. Die LGBTIQ+-Community in den Philippinen ist damals wie heute eine marginalisierte gesellschaftliche Gruppe, umso wichtiger ist es, queere Literatur zu publizieren und zu fördern.
Auf der Bühne war unter anderem der philippinische Autor Blaise Campo Gacoscos, der mit seinem 2025 auf Deutsch erschienenen Roman „Der Junge aus Ilocos“ auf der Buchmesse präsent war.
Aufmerksamkeit für Frauenperspektiven in asiatischer Literatur schaffen

Eine Videoinstallation auf der Außenwand eines Pavillonelements. © Kathrin Stopp, alle Rechte vorbehalten
Auch in der Internationalen Halle 5.1 der Buchmesse waren die Philippinen auf der „Asia Stage“ vertreten. So hatte das Land einen großen, ähnlich hell und aus Naturmaterialien gestalteten Stand in der Messehalle, in der asiatische Verlage und Literatur ausgestellt waren. Hier verfolgte ich auf der „Asia Stage“ eine interessante Podiumsdiskussion über „Women‘s writing in Asia“. Dabei waren neben der aus dem Iran stammenden Autorin Nastaran Makaremi und der singapurischen Autorin mit malaysischen Wurzeln, Hidayah Amin auch zwei philippinische Autorinnen/Verlegerinnen auf der Bühne vertreten: Ester Topia und Bevely Siy. In der von der Moderatorin Rochit Tañedo geführten Diskussion sprachen die Schriftstellerinnen über geschlechterspezifische Vorurteile, den Druck, bestimmten Bildern zu entsprechen und den Herausforderungen, Themen über Frauen und Frauen in der Literatur im Allgemeinen neu darzustellen.
Ester Topia sprach in diesem Zusammenhang über den „male gaze“ in der philippinischen Literatur: Frauenfiguren in philippinischen Büchern hätten lange Zeit vermehrt traditionellen Rollenverständnissen entsprochen oder wurden als „objects of dreams“ stilisiert. Aus diesem Grund sehe sie es als ihre Aufgabe, „awarness of women perspectives in literature“ zu schaffen. Auch Bevely Siy prangerte an, dass die philippinische Literaturszene männlich dominiert sei. Deswegen kritisiert sie öffentlich Verlage, Schreibwerkstätten etc., die zum Beispiel Schreibworkshops ohne Frauen anbieten, oder Preise verleihen, bei denen die Jury keine weiblichen Autorinnen oder Expertinnen mit einbeziehen. „I call them out in Social Media“, sagte sie lachend auf der Veranstaltung. Dabei soll die Problematik dahinter nicht heruntergespielt werden. Angehenden Autorinnen fehle es an „safe spaces”, so werden bestimmte Themen in der Literatur nicht besprochen. Dies ist auch ein Grund, warum Bevely Siy genau diese verschwiegenen Themen anspricht. Sie schreibt und spricht über Diskriminierung von Frauen und Tabuisierungen wie die Menstruation. „My books talk about women bodies”, fasst sie es auf dem Podium zusammen.
Die Philippinen über die Literatur hinaus erleben

Vortrag „Ladlad the Optics of Gender” zur queeren philippinischen Literaturszene. © Kathrin Stopp, alle Rechte vorbehalten
Vor Beginn der Frankfurter Buchmesse 2025 sprach sich die Senatorin Loren Legarda zum Auftritt der Philippinen als Gastland wie folgt aus:
„The Philippines’ presence in Germany is more than a literary offering. It is a call to journey through stories that sail across oceans, voices that weave connections between cultures, and ideas that know no boundaries “. („Die Präsenz der Philippinen in Deutschland ist mehr als nur ein literarisches Angebot. Sie ist eine Einladung zu einer Reise durch Geschichten, die Ozeane überqueren, Stimmen, die Verbindungen zwischen Kulturen knüpfen, und Ideen, die keine Grenzen kennen.“)
Auf mich machten der Auftritt und das Programm des Gastlands ebenfalls den Eindruck, dass hier nicht nur philippinische Literatur auf der Buchmesse präsentiert wurde, sondern den Besucher:innen auch durch Literatur Einblicke in die Geschichte und kulturelle Diversität des Inselstaats gewährt wurden.
Meinem Empfinden nach ist dies etwas, was Literatur für mich leisten kann und soll: Neue, andere Perspektiven kennen lernen, zum Nachdenken und Hinterfragen anregen und Begegnung ermöglichen.
Insofern konnte ich mich selbst nicht zurückhalten, ein paar vielversprechende Buchneuheiten zu erwerben. Nachdem ich die Rezension von „Stille im August“ von Caroline Hau in der südostasien gelesen hatte, war mein Interesse groß, mir dieses Buch zu kaufen. Am Stand vor dem Gastpavillons war es allerdings leider bereits ausverkauft. Beim Kauf des Buches am Messestand des herausgebenden Verlags wurde mir das Buch schließlich mit den Worten „ein guter Einstieg in die kulturelle Welt der Philippinen“ übergeben.









