Call for Paper: Ausgabe 2/2021

call for paper 2/2021

Ein Rattanball, der beim Spielen von Sepak Takraw verwendet wird © B.V., Shutterstock

Südostasien – Spielball von Hegemonialinteressen?

Hegemonie wird meist als Vorherrschaft eines Staates gegenüber einem oder mehreren anderen Staaten in politischer, ökonomischer, militärischer, sozialer, kultureller oder religiöser Hinsicht definiert. Die USA, China, Russland, Australien, Indien, Japan und Europa haben eins gemeinsam: Sie nahmen bzw. nehmen eine hegemoniale Machtstellung in Südostasien ein. Auch innerhalb Südostasiens und aus der Region heraus, kam und kommt es zu solchen Vormachtstellungen.

Wir möchten in der Ausgabe 2/2021 der südostasien den Hegemoniebegriff weiter fassen und als Überlegenheit, Führung oder Vormachtstellung verschiedener Formen verstehen, die beispielsweise durch ein Land, eine Organisation, ein Wirtschaftsunternehmen oder eine Gruppe im Vergleich zu anderen besteht. Wir möchten uns dabei sowohl auf regionale als auch auf globale Großmächte fokussieren, die in und für Südostasien prägend sind.

Die Association of Southeast Asian Nations (ASEAN) ist seit der Gründung 1967 zu einer politischen und wirtschaftlichen Akteurin gewachsen und bildet eine Verbindung zwischen ihren Mitgliedern und anderen Weltregionen. Durch die jüngst verkündete strategische Partnerschaft mit der Europäischen Union wachsen die supranationalen Verbindungen Europas zur Region in der post-kolonialen Ära an. Zugang zu Rohstoffen und Märkten, aber auch sicherheitspolitische Aspekte, wie etwa Rüstungsgüter, spielen hierbei eine Rolle.

Die Militärinteressen der USA am Westrand des Pazifik sind für die Region und gegenüber dem Festlandgürtel von Süd-, Südost- und Ostasien ein gewichtiger Faktor, dem mehrere bilaterale Abkommen zwischen den USA und den Philippinen, auch nach der Schließung der beiden strategisch bedeutsamen US-Militärbasen Subic Naval Base und Clark Airfield in den 90er Jahren, Rechnung tragen.

Eine neue Dynamik entsteht im wirtschaftlichen Bereich. Das im November 2020 unterzeichnete Freihandelsabkommen (Regionale umfassende Wirtschaftspartnerschaft, RCEP) zwischen den zehn ASEAN-Mitgliedsstaaten und China, Japan, Südkorea, Australien und Neuseeland aus der Region Asien-Pazifik bildet die größte Freihandelszone der Welt. 2,2 Milliarden Menschen leben in dem neuen Handelsblock. Sie produzieren mehr als 30 Prozent der Weltwirtschaftsleistung.

Abkommen wie dieses lassen die Frage aufkommen, ob China auf lange Sicht ein expansives kapitalistisches Modell kopiert, auf dem Europa und die USA seit langem ihre Wirtschaftsmacht begründen. Laut Pekings Regierungsaussagen geht es bei ihrem Ausbau interkontinentaler Handels- und Infrastruktur im Rahmen der Belt-and-Road-Initiative (Neue Seidenstraße) nicht um hegemoniale Dominanz. Als Großinvestor nimmt China dennoch in Südostasien immer wieder entscheidenden Einfluss auf politische Entscheidungen. Insbesondere in Kambodscha und Laos investiert China im Rahmen der Neuen Seidenstraße große Summen.

Das hegemoniale Paradigma des Wirtschaftswachstums und der Vereinnahmung der Natur als Ressource wurde seit der Kolonialzeit in südostasiatischen Ländern verinnerlicht. Länder des Globalen Nordens gelten immer noch als positive Wirtschaftsbeispiele. Dies bringt Schwierigkeiten und Gefahren für das Allgemeinwohl mit sich. Häufig wird durch ausländische Akteur*innen entschieden, was mit dem Lebensraum lokaler Bevölkerungen geschieht, z.B. durch Holzfirmen, Minen-Betreiber und Palmöl-Plantagen. Ähnliches geschieht aber auch im Rahmen von Klimaschutzprojekten. Die meisten Länder Südostasiens sind stark vom Klimawandel betroffen. Dabei sind sie vor allem von den großen Emittenten USA, Europa und China abhängig. Die Themensetzung und Analyse der Klima-Agenda in südostasiatischen Ländern geschehen häufig außerhalb der Region und unter Ausschluss der vor Ort direkt Betroffenen.

Hegemoniales Bestreben wird auch durch ’Wertevermittlung’ betrieben. Mit religiösen oder säkularen Weltbildern und Diskursen – wie beispielsweise dem über Menschenrechte – wird Politik gemacht und globale und regionale Mächte versuchen dadurch, ihren Einfluss zu festigen. Auch religiöse Einrichtungen und/oder Kulturinstitute und ihre Methoden, zum Beispiel Sprachvermittlung, zielen auf Einflussnahme. Es lohnt sich, diese Strukturen zu beleuchten, da durch sie ein ‚Lifestyle’ aus anderen Ländern und Regionen nach Südostasien importiert wird. Wer sind dabei die Akteure, wer die Gewinner und wer die Verlierer?

Folgende Fragen werden uns in der südostasien 2/2021 unter anderem beschäftigen:

  • Wie gelingt und wie gelang in der Vergangenheit die Etablierung einer hegemonialen Vormachtstellung in Südostasien? Lassen sich historische Veränderungen beobachten?
  • Welche politischen, ökonomischen, militärischen, sozialen, kulturellen und religiösen Hegemonien wirken heute in Südostasien?
  • Welche Folgen hat hegemoniale Einflussnahme in Südostasien?
  • Welche Rolle spielen multilaterale und bilaterale Abkommen für hegemoniale Vormachtstellungen? Welche Rolle spielen die Vereinten Nationen?
  • Welche hegemonialen Interessen und koloniale Erblasten stehen hinter aktuellen territorialen Disputen und Grenzkonflikten?
  • Was bedeutet Hegemonialmacht im Hinblick auf die Klimakrise in Südostasien?
  • Welche Rolle spielt Entwicklungspolitik für die Durchsetzung hegemonialer Interessen in Südostasien?
  • Wie wird in Südostasien hegemonialer Vorherrschaft begegnet? Welche Initiativen stellen sich Hegemonie entgegen und auf welche Art und Weise?

Wir möchten uns in der Ausgabe 02/2021 diesem Themenkomplex in möglichst vielen verschiedenen Darstellungsformen widmen: Reportagen, Hintergrundberichten, Analysen, Portraits von Akteur*innen, Interviews, Foto-Essays und Rezensionen von Filmen, Büchern oder Musik zum Thema.

Selbstverständnis der südostasien:

südostasien versammelt Stimmen aus und über Südostasien zu aktuellen Entwicklungen in Politik, Ökonomie, Ökologie, Gesellschaft und Kultur. Zu vier Schwerpunkthemen im Jahr erscheinen Beiträge über die Region und die Länder Südostasiens sowie deren globale/internationale Beziehungen.

südostasien versteht sich als pluralistisches Forum eines herrschaftskritischen und solidarischen Dialogs, als Raum für Diskussionen zwischen Akteur*innen in Südostasien und Deutschland mit Nähe und Kenntnissen zu sozialen Bewegungen. südostasien beschäftigt sich mit Möglichkeiten transnationaler Solidaritätsarbeit angesichts ungleicher Machtverhältnisse zwischen dem globalen Norden und Süden. südostasien möchte Denkanstöße für das Handeln in Europa bzw. in Deutschland liefern.

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