
Müllsammeln in den Mangroven – manchen Stellen sind nur mit dem Boot zu erreichen. © Pro Ocean
Philippinen: In Zamboanguita sammeln Umweltschützer:innen Plastikmüll am Strand. Das ist nur die sichtbare Spur eines globalen Müllproblems.
Die Philippinen zählen zu den Ländern, in denen besonders viel Plastikmüll ins Meer gelangt. Besonders relevant ist dabei Verpackungsmüll. Einwegverpackungen wie Sachets, Tüten und Folien sind in den Philippinen üblich. Sie haben kaum Recyclingwert und sind schwer zu sammeln. Große Plastikmüllmengen treffen hier auf fehlende kommunale Infrastruktur, ein lückenhaftes Entsorgungssystem und die besonderen geografischen Herausforderungen des Archipels.
Für das Sammeln, Sortieren, den Transport und die Weiterverarbeitung des Abfalls entstehen auf Inseln längere Wege, höhere Kosten und mehr logistische Hürden. Wo aber keine verlässlichen Systeme bestehen, bleibt Müll liegen. Starkregen und Taifune spülen ihn von Straßen, Böschungen und Ufern über Kanäle und Flüsse ins Meer. Das Problem dabei: Wir Menschen können die Meere nicht einfach wieder reinigen. Ist Plastik erst im Meer, sinkt ein Großteil ab, zerfällt, treibt in allen Meeresschichten, verfängt sich in Algen oder Organismen und landet am Meeresboden. Meeresschutz beginnt daher nicht am Strand, sondern muss verhindern, dass Müll überhaupt erst ins Wasser gelangt.
Wenn die Müllabfuhr nicht bis zur Küste kommt
Zamboanguita im Süden der philippinischen Insel Negros gehört zu den eher einkommensschwächeren Gemeinden des Landes. Das zeigt sich in der Müllinfrastruktur: Es gibt zwar eine kommunale Müllabfuhr im Ortszentrum. In abgelegenen Siedlungen oder an den Küstenabschnitten ist die Situation jedoch deutlich uneinheitlicher. Dort erreicht die Abfallentsorgung nicht alle Haushalte zuverlässig. Siedlungen direkt am Meer oder ländlich gelegene Häuser liegen oft außerhalb der regulären Sammelrouten.

Viele Flaschendeckel treiben an Land. Die dazugehörigen Flaschen sind oft längst auf den Meeresboden gesunken. © Pro Ocean
Wenn Müll nicht abgeholt wird, geraten die Menschen in eine schwierige Lage. Sie müssen ihn lagern, selbst wegbringen, irgendwo ablegen oder verbrennen. Letzteres ist gesetzlich verbotene, mangels Alternativen aber oft der einzige Ausweg. Hier bräuchte es pragmatische Zwischenlösungen: Feste Sammelpunkte, klare Abholtage oder Vereinbarungen mit den Verwaltungen der jeweiligen Barangays (dt.: Viertel), Müll zu bestimmten Zeiten an Straßen zu bringen.
Das Dilemma: Der Müll wird Teil des Ökosystems
Im Spülsaum, also den Ablagerungen, die das Meer bei höchstem Wasserstand anspült, wird das Problem sichtbar: Zwischen Seegras, Blättern, Kokosnüssen und organischem Material liegen Plastikverpackungen, Zigarettenfilter, Sachets, Flaschen, Deckel, Netze und kleine Kunststoffteile. Der Müll ist untrennbar mit dem verwoben, was das Meer an Land trägt. Besonders häufig liegen dort Materialen, die kaum recycelbar sind. Weitere Beispiele sind Netze, Angelschnüre sowie die Sohlen alter Flipflops. Der Müll stammt aus Haushalten, Siedlungen, Flüssen und der Fischerei. Strömungen spülen in auch über weite Distanzen an.
Wie viel und welcher Müll den Strand erreicht, hängt stark von Wetter, Saison und Strömungen ab. Nach Unwettern landet deutlich mehr Treibgut an den Stränden, meist mit Plastik durchsetzt. Während eines starken Südmonsuns etwa brachte die Strömung zahlreiche Flaschen aus Indonesien an die Strände der Südspitze von Negros. Der sichtbare Müll ist nur ein kleiner Teil des Problems. Denn: Plastikdeckel schwimmen, offene PET-Flaschen sinken. Zu jedem Deckel, der am Strand liegt, gehört eine Flasche, die längst am Meeresboden liegt. Mit der Zeit verbindet sich der Müll mit dem natürlichen Ökosystem. Muscheln, Algen oder andere Meeres-Organismen besiedeln Flaschen, Verpackungen und Kunststoffteile. Kleine Tiere nutzen Deckel oder Plastikteile als Unterschlupf. Das Dilemma: Wer den Müll später entfernt, greift daher ungewollt in kleinste Lebensräume ein.
Die Arbeit von Pro Ocean: Mehr als Sammeln
Die NGO (Nichtregierungsorganisation) Pro Ocean (siehe Infokasten) hat in den Philippinen bereits über 400 Tonnen Müll gesammelt. Jeden Morgen starten Sammler:innen zu verschiedenen Stränden. Je nach Route und Sammelgebiet sind bis zu drei Cleanups (Sammelaktionen) pro Tag und Team möglich. Am Strand trennen die Teams den Müll in zwei Säcke für wiederverwertbare Materialien und für nicht wiederverwertbare Abfälle. Am Fahrzeug trennen sortieren sie nach, wiegen und dokumentieren.

Vom Strand in die örtliche Entsorgungsstruktur. Am Fahrzeug werden die gesammelten Abfälle nachsortiert, gewogen und dokumentiert. © Pro Ocean
Diese Arbeit bedeutet mehr als das Einsammeln von Müll. Die Mitarbeiter:innen von Pro Ocean sind geschult und am Strand täglich sichtbar. Sie begegnen Kindern, Familien, Fischer:innen und Menschen, die direkt an der Küste leben, und kommen ins Gespräch. Oft übernehmen sie eine Rolle, die an Bantay Dagat erinnert: Freiwillige, die sich zum Schutz der Meeresumwelt engagieren. Die Mitarbeiter:innen von Pro Ocean sehen Veränderungen an den Stränden, kennen lokale Hotspots und entwickeln ein genaues Gespür dafür, wo Müll entsteht, wo er anlandet und wo Handlungsbedarf besteht.
Nicht alles ist recycelbar
Pro Ocean sammelt alles, was der Umwelt schadet und nicht an den Strand gehört. Die gesammelten und sortierten Wertstoffe bringen die Teams zu einem lokalen Recycling-Partner, der sie bündelt, verdichtet und in bestehende Verwertungsketten eingespeist. Für Wertstoffe wie PET-Flaschen, Aluminium oder Glas gibt es ebenfalls Sammelstellen. Für viele Materialien fehlt aber ein funktionierender Markt. Nasses, salziges, sandiges oder bewachsenes Plastik lässt sich kaum recyceln. Das gilt vor allem für Sachets sowie verschmutzte Folien und Kunststoffteile.
Nicht verwertbare Abfälle landen auf Deponien, da es für diese derzeit auf der Insel keine Weiterverwertung gibt. Grundsätzlich ist nicht jeder Müll recycelbar. Auch in Ländern wie Deutschland gelingt Recycling nur unter dem Einsatz von viel Geld, Technologie, Infrastruktur und Regulierung. In den ländlichen Regionen des philippinischen Archipels sind die Hürden noch deutlich höher. Dennoch sucht Pro Ocean nach Lösungen, um mehr Materialien in Kreisläufe zurückzuführen: Ab dem Jahr 2027 arbeitet Pro Ocean mit dem Fraunhofer-Institut für Verfahrenstechnik an einem Pilotprojekt, um auch schwer zu recycelnde Materialien verarbeiten und möglichst lokal wieder in den Kreislauf bringen zu können.
Globale Marken, lokale Kosten
Der Globale Norden trägt Verantwortung für die Plastikmüllkrise in Ländern wie den Philippinen. Lange Zeit spielte direkter Müllexport eine große Rolle. Doch viele der gesammelten Verpackungen stammen heute von Marken großer Konsumgüterunternehmen. Diese Unternehmen bringen Produkte in kleinen Verkaufsgrößen wie den Sachets auf den Markt. Diese sind für viele Menschen erschwinglicher, die täglich und in kleinen Mengen einkaufen müssen. Die Ursachen sind unterschiedlich: Armut, Gelegenheitsjobs und nicht bezahlbare größere Packungen.

Lernen vom Land bis zum Riff. In Schulen und Barangays arbeitet Pro Ocean mit Kindern zu Meeresschutz, Mangroven, Riffen und Müllvermeidung. © Pro Ocean
Unternehmen lagern die Verantwortung für die Entsorgung dabei schlicht aus. Sie wissen, dass es in vielen Regionen weder die Struktur, Kapazität oder Logistik gibt, um die Verpackungen zu recyceln. Der unternehmerische Gewinn entsteht beim Verkauf des Produkts, aber die Entsorgungskosten und Folgeschäden landen bei Kommunen, lokalen Gemeinschaften, Müllsammler:innen, privaten Organisationen und bei der Umwelt. Sachets und Flaschen sind nicht das Müllproblem einzelner Menschen, sondern die Folgekosten der Geschäftsmodelle internationaler Großkonzerne.
Das Müllproblem ist größer als individuelles Konsumverhalten. Unternehmen müssen stärker Produktverantwortung übernehmen, etwa im Rahmen von EPR-Systemen (EPR: Extended Producer Responsibility, dt.: Erweiterte Herstellerverantwortung). Ehrliche Entsorgungsfinanzierung auf Seiten der Unternehmen, weniger nicht oder schwer recycelbare Einwegverpackungen und bessere politische Rahmenbedingungen gehören dazu. Verpackungskosten dürfen nicht dort hängen bleiben, wo Menschen die geringsten Möglichkeiten haben, sie zu tragen.
Pro Ocean ist ein Meeresschutzprojekt der NGO Life e.V. mit Sitz in Reutlingen. In den Philippinen sammelt die Organisation gemeinsam mit lokalen Teams Plastikmüll an Stränden sowie in den Mangrovenwäldern. Das schont sensible Ökosysteme, führt dem Recycling wertvolles Material zu und schafft, krankenversicherte Arbeitsplätze. Ein Schwerpunkt ist die Umweltbildung. Sie zeigt Kindern und Erwachsenen, welche Folgen Plastikmüll hat und wie sie Abfall vermeiden können. Neben dem Engagement vor Ort verbindet Pro Ocean aktiven Naturschutz mit sozialer Wirkung und fördert ein Bewusstsein für nachhaltigen Konsum. In Deutschland ist Pro Ocean aktiv mit Projekten wie dem Ocean Van, dem Archive of Trash sowie Bildungsarbeit und Reinigungsaktionen mit Unternehmen.






