1 | 2020, Philippinen, Rezensionen, Sonderausgabe Buchmesse,
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„Ein wahrer Wissensschatz!“

Philippinen Rezension Handbuch

Motorräder für Passagiere sind Teil des ÖPNV © Lilli Breininger

Das „Handbuch Philippinen“ versammelt vielseitige Einblicke in die Geschichte und Gegenwart des Inselstaats. Es spürt dabei besonders den Herausforderungen der Zivilgesellschaft nach. Eine komplett überarbeitete Neuauflage ist jetzt erschienen.

Mit der sechsten Auflage des „Handbuch Philippinen. Gesellschaft-Politik-Wirtschaft-Kultur“ halte ich meine erste Ausgabe in den Händen. Für mich persönlich trägt es im Kontext privater und beruflicher Erfahrungen zu einem tieferen Verständnis der Seele des südostasiatischen Archipels in all seiner Vielfalt, Schönheit und Zerrissenheit bei. Reiseerfahrungen bekommen einen neuen Anstrich; familiäre Beziehungsmuster erweiterte Handlungsspielräume. Möglichkeiten des persönlichen Engagements werden klarer, Kenntnislücken schließen sich.

Philippinen Rezension Handbuch

Buchcover „Handbuch Philippinen“ © regiospectra Verlag

Wer sich bereits mit den Philippinen auseinandergesetzt hat, wird im vorliegenden Handbuch bekannten Themen und Inhalten begegnen, wenngleich man diesen besonderen Grad an Tiefe, Genauigkeit und Empathie in anderer Literatur vermissen wird. Es benötigt ein sehr feines Gespür und viel praktische Erfahrung im Umgang mit Kultur und Menschen, um die Facetten philippinischer Sozialisierung derart einfühlsam zu beschreiben, wie es hier gelingt. So widmet sich beispielsweise das Kapitel „Kinder, Kindheit und Erwachsenwerden“ unter anderem dem Thema Kindererziehung und Kinderrechte (z. B. im Kontext von Kinderarbeit) und deren Bedeutung für Familie und Gesellschaft und.

Philippinen von A bis Z

Somit ist das Handbuch für alle geeignet, die sich einen tieferen Einblick in das Wesen von Land, Geschichte, Menschen, Wirtschaft, Kultur, Religion oder insbesondere Politik verschaffen möchten. Es bietet einen hervorragenden Überblick zu aktuellen und zentralen gesellschaftspolitischen Themen und liefert darüber hinaus wertvolle Hintergrundinformationen (u. a. aus der philippinischen Presse oder den Medien), Literaturverweise sowie Links für weiterführende Recherchen. Aus historischer Perspektive spannt es einen weiten Bogen von der neueren Geschichte bis hin zum Wandel zu einer modernen Gesellschaft, die politisch immer noch an postkolonialen Symptomen krankt.

Themen wie Film oder Literatur runden das Handbuch an vielen Stellen ab und eröffnen eine ganzheitliche Sicht auf Land und Leute. Die Inhalte sind oft mit Beispielen aus dem Lebensalltag unterfüttert (z. B. Streiks vor dem Hintergrund prekärer Arbeitsbedingungen, siehe Kapitel „Die Gewerkschafts- und Arbeiter*innen-Bewegung“) und schaffen ein praxisbezogenes, lebendiges Bild der philippinischen Gesellschaft. Insgesamt handelt es sich um eine sehr abwechslungsreiche Lektüre, die aufgrund der authentischen Erfahrungshintergründe der Autorenschaft nicht zuletzt durch die Verwendung und Erläuterung zahlreicher Begriffe philippinischer Sprachen überzeugt. Mit einer guten Mischung aus sachlichen Beiträgen, Erlebnisberichten oder übersetzten Originalquellen richtet sich das Handbuch an eine breite Leserschaft.

Auseinandersetzung mit den politischen Dynastien

Das Handbuch geht ausführlich auf die Entwicklung politischer Dynastien ein, thematisiert die Konsolidierung der extrem ungleichen Besitz- und Machtverhältnisse und rückt in diesem Zusammenhang die strukturellen sozialen Probleme in den Vordergrund. Die ernüchternden Folgen von Interessenskonflikten zwischen Bevölkerung und einem willkürlich agierenden Staat werden unverblümt analysiert und offen gelegt: Im Kapitel „Mindanao: ressourcen- und konfliktreich“ geht es z. B. um die zahlreichen Ursachen und Folgen diverser, seit langer Zeit schwelender Konflikte im Süden des Landes.

Wenngleich die politischen Analysen in diesem Handbuch aus einer westlichen Sichtweise einwandfrei nachvollziehbar sind, wäre nach meinem Verständnis eine etwas ausgewogenere Darstellung wünschenswert gewesen. Dort wo politische Dynastien mit Diktaturen und all ihren Schrecken in Verbindung gebracht werden, gelangte ich in Gesprächen mit Filipin@s oft an einen neuralgischen Punkt. Wenn man sich mit ihnen auf Augenhöhe über damalige oder gegenwärtige Politik in ihrem Land unterhalten möchte, so ist das Verständnis der individual-psychologischen Perspektive genauso wichtig wie das der systemischen. Der qualitative Ansatz könnte im Handbuch an dieser Stelle etwas umfassender sein. In diesem Kontext stände etwa die Frage, welche persönlichen Beweggründe die Filipin@s dazu veranlasst haben, z. B. seinerzeit Despoten wie Marcos über Jahrzehnte im Amt zu stützen bzw. „gut“ zu heißen. Diese Frage wird im Handbuch leider nicht behandelt.

Philippinen Rezension Handbuch

Nächtliches Shopping in den Philippinen © Robin Weber-Höller

Wie vielfältig, lebendig aber auch brüchig die philippinische Zivilgesellschaft an vielen Stellen ist, wird im Buch insgesamt sehr deutlich, auch, wo sie noch mehr solidarische Unterstützung gebrauchen könnte. Dort, wo Unterstützung von einem korrupten Staatsapparat oftmals verwehrt bleibt, erkennt man nichtsdestotrotz Hoffnungsschimmer, die Mut machen, auch als Außenstehender genauer hinzuschauen und sich zu engagieren!

Ein wahrer Wissensschatz

Unterm Strich bleibt zu sagen: Eine derart umfassende und zugleich kompakte deutschsprachige Publikation über die Philippinen habe ich bisher nicht gefunden. Das Handbuch ist informativ, präzise und aktuell, ein wahrer Wissensschatz! Es reichert bestehendes Wissen an, verknüpft lose Enden und sorgt dort für Fragen und Erkenntnisse, wo man mit einem westlich geprägten Mindset gedanklich oft zum Stillstand kommt. Es sollte in keiner Philippinen-Bibliothek fehlen! Zum Schluss möchte ich gerne eine ehrenamtliche Mitarbeiterin von IPON, dem in Hamburg ansässigen International Peace Observers Network, zitieren. Auf meine Frage, ob sie das Handbuch kenne, gab sie mir mit einem erstaunten Blick zur Antwort: „Das ist unsere Bibel!“

Rezension zu: Rainer Werning/Jörg Schwieger (Hrsg.): Handbuch Philippinen – Gesellschaft, Politik, Wirtschaft, Kultur. 6., akt. & erw. Auflage, Berlin 2019: regiospectra Verlag, 500 S., 24,90 Euro

Am 14. März werden die beiden Herausgeber, Rainer Werning und Jörg Schwieger, sowie die Ko-Autorin Mary Lou U. Hardillo das Handbuch Philippinen im Kontext der aktuellen politischen Entwicklung vorstellen und daraus passagenweise lesen.

Dieser Artikel erschien zunächst in der südostasien Ausgabe 1|2020 – „What do we want? Climate justice“ und ist Teil der südostasien – Sonderausgabe Buchmesse

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„Ein wahrer Wissensschatz!“

Vietnam: Der heroische Kampf des vietnamesischen Volkes für seine Unabhängigkeit ist ein oft bedienter Mythos und einer von vielen über das Land. Der Sammelband „Vietnam. Mythen und Wirklichkeiten“ erläutert, welche Funktion diese Mythen erfüllen. Allerdings bleiben die Beiträge zu sehr in der Betrachtung dieser Funktionen stecken.

Ein Mythos ist etwas, dessen Existenz behauptet wird, jedoch nicht wirklich vorhanden ist. Überall existieren Mythen: von der Familiengeschichte über regionale Märchen bis hin zur nationalen Geschichte. Mythen stiften Identität, beeinflussen Wahrnehmungen und legitimieren Machtverhältnisse. Solche Narrative gibt es auch in und über Vietnam.

Der von der Bundeszentrale für politische Bildung herausgegebene Sammelband Vietnam. Mythen und Wirklichkeiten macht sich auf die Suche nach solchen Mythen, um „so zu einem besseren Verständnis des Landes beizutragen“. Ein Blick ins Inhaltsverzeichnis zeigt jedoch sehr schnell, dass es im Band mehr um die Mythen als um die Wirklichkeit zu gehen scheint. Nahezu alle Autoren der elf Beiträge (ausschließlich Männer) verwenden den Begriff des Mythos in den Titeln ihrer Aufsätze. Die Wirklichkeit tritt etwas in den Hintergrund.

Wird alles zum Mythos erklärt, wird der Begriff beliebig

Nach einer durchaus lesenswerten politikwissenschaftlichen Einleitung, die den Begriff des Mythos näher beleuchtet, folgen drei Themenbereiche: Der erste, Geschichte und Kultur, versammelt Aufsätze, die sich unter anderem mit dem Mythos des „heldenhaften Kampfes des vietnamesischen Volkes für seine Unabhängigkeit“ (sowohl gegen China, Frankreich und die USA) sowie mit der Rolle der Kommunistischen Partei Vietnams bei der Staatsgründung auseinandersetzen. Im Bereich Politik befassen sich die Texte mit dem Mythos des „zentralistischen Staat[s], dem eine schwache vietnamesische Zivilgesellschaft“ gegenüberstehe. Die Texte im Bereich Wirtschaft versuchen unter anderem mit dem Mythos der „Erneuerung“ (Doi Moi) des Jahres 1986 aufzuräumen. Im letzten Text Politische Mythen in Vietnam und ihre Lehren für andere Regionen versuchen sich die Herausgeber Jörg Wischermann und Gerhard Will an einer politischen Theorie der Mythen, die auch außerhalb Vietnams gelten können soll.

Im Sammelband geht es um Mythen mit einer langen Geschichte ebenso wie um solche, die neu entstehen. Dabei machen die Texte die große Vielfalt der Mythen eindrucksvoll deutlich. Die Autoren beantworten vor allem Fragen wie: Was haben die Mythen mit der Wirklichkeit zu tun? Wie prägen sie das Land und den Blick von außen? Welche Funktionen erfüllen sie in Vietnam und anderswo?

Mythen haben immer eine politische Funktion – wirklich?

Problematisch ist, dass die Autoren des Sammelbandes viel zu viele Begebenheiten zu Mythen erklären. Der zentralistische Staat in Vietnam: ein Mythos. Der Cyberspace: ein Mythos. Die Erneuerungen nach dem sechsten Parteitag 1986: ein Mythos. Wenn so vieles unter einen Begriff fällt, wird er beliebig und verliert seine Schärfe. Warum soll die Erneuerungs- und Öffnungspolitik (Doi Moi) lediglich ein Mythos gewesen sein – wie Adam Forde in seinem Beitrag schreibt? Nur, weil nicht die Partei selbst sie angestoßen habe sondern „gesellschaftliche und wirtschaftliche Akteure“ außerhalb „der Planwirtschaft“?

Ein zweites Problem des Buches ist, dass die Herausgeber davon ausgehen, dass alle Mythen „bestimmte politische Funktionen“ zu erfüllen haben. Die Aufsätze klopfen die Mythen also auf ihre gesellschaftlichen Funktionen ab: Was ›bringen‹ sie für die Geschichtsschreibung? Wie verfestigen sie Herrschaftsstrukturen? Wie beeinflussen sie öffentliche Diskurse? Das ist freilich spannend, jedoch ist diese Sichtweise zu einfach, um gesellschaftliche Realitäten zu erfassen. Mythen entstehen nicht einfach so, sondern spiegeln die Macht- und Herrschaftsverhältnisse einer Gesellschaft. Betrachtet man diese zusammen mit den Lebensverhältnissen der Menschen, nähert man sich der Wirklichkeit konkreter als durch die reine Zerstörung der Mythen.

Die internationale Solidarität im Vietnamkrieg: ein Mythos?

So bezeichnet Herausgeber Jörg Wischermann in seinem Beitrag die Vietnam-Solidarität der 1968er-Bewegung als einen Mythos, da es den Protestierenden nicht wirklich um Vietnam sondern um Veränderungen im eigenen Land gegangen sei. Dabei verkennt er zum einen die Bedeutung des vietnamesischen Befreiungskampfes an sich und zum anderen läuft sein Vorwurf ins Leere. Selbst wenn es den mit Ho Chi Minh-Plakaten Protestierenden in Berlin und anderswo um eine ‚Veränderung der eigenen Gesellschaft’ gegangen sein mag, bedeutet das nicht, dass sie gleichzeitig nicht auch die Veränderung der Welt im Blick hatten.

Ein sinnvolles Analyseinstrumentarium für die genannten Probleme hat der Politikwissenschaftler Benedict Anderson in seinem bereits 1983 erschienenen Buch Imagined Communities entwickelt. Er beschreibt eine Nation als eine sozial konstruierte Gemeinschaft, die von den Menschen, die sich als Teil dieser Gruppe wahrnehmen, imaginiert wird. Durch Medien, Bilder und Kommunikation entstehen Nationen als solche imaginierten Gemeinschaften. Aber all dies passiert nicht bruchlos. Da sind Widersprüche, es gibt subversive Potenziale. Wenn Gesellschaft, wie hier im Sammelband, jedoch nur als Funktionalismus verstanden wird, bleibt dies unsichtbar.

Rezension zu: Jörg Wischermann, Gerhard Will (Hrsg.): Vietnam. Mythen und Wirklichkeiten. Bundeszentrale für politische Bildung, 2018, 279 S. 4,50 Euro.

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„Ein wahrer Wissensschatz!“

Vietnam ist wegen seines langen Küstenstreifens stark von den Folgen des Klimawandels betroffen. Da das Land weniger als ein Prozent der globalen Treibhausemissionen verursacht, ist das ‚eigene Sparpotential’ begrenzt. Vietnam ist auf Mitigation der großen Emittenten USA, Europa und China angewiesen.

In Vietnam ist es schwer, jemanden zu finden, der den Klimawandel oder dessen katastrophale Auswirkungen leugnet. Denn der Temperaturanstieg führt bereits jetzt zu verheerenden Wetterextremen wie Überschwemmungen. Mit seinem über 3400 Kilometer langen Küstenstreifen läuft Vietnam Gefahr, 35% seiner Landfläche, inklusive der ‚Reiskammer’ im Mekongdelta und der Megastadt Ho Chi Minh Stadt, an das Meer zu verlieren. Durch Dürren versalzen langfristig die Böden im Mekongdelta, da Meerwasser in die Flussarme eindringt. Viele Bauern und Bäuerinnen migrieren deswegen auf der Suche nach einer neuen Lebensgrundlage in die Städte. Handlungen zur Mitigation und Adaption sind bisher dennoch lediglich punktuell. Neben zahlreichen lokalen Problemen liegt dies auch an internationalen Akteuren.

Nationales Klimaziel: Reduzierung von Treibhausgasen um acht Prozent

Auf dem Papier sehen Klimaschutzmaßnahmen in Vietnam viel versprechend aus. So gibt es zum Beispiel seit 2011 die National Climate Change Strategy. Seit 2013 gibt es das Gesetz zur Vermeidung und Kontrolle von Naturkatastrophen und 2014 wurde das Gesetz zum Umweltschutz mit einem Kapitel zum Klimawandel verabschiedet. Als nationalen Beitrag zur Reduzierung von Treibhausgasen legte Vietnam sich auf eine Minderung von acht Prozent gegenüber dem ‚business as usual’ Szenario bis 2030 fest. Sollte es weitere Unterstützung der Reduktionsmaßnahmen durch die internationale Gemeinschaft geben, verpflichtet sich Vietnam zur Reduzierung von 25 Prozent der Treibhausgase. Dies soll vor allem durch alternative Kraftstoffe, die verstärkte Etablierung von erneuerbaren Energien und Effizienzsteigerung erreicht werden.

Dabei hat Vietnam kaum Anteil an der Klimakatastrophe. Unter einem Prozent der Emissionen kamen global gesehen im Jahr 2016 aus dem südostasiatischen Land. Eigene Reduktion kann also allein nicht der Schlüssel zur Rettung des Landes sein. Vietnam ist auf die Mitigationsmaßnahmen bei den großen Emittenten USA, Europa und China angewiesen und muss sich vor Ort vor allem anpassen und die Bevölkerung auf die Krise vorbereiten.

Seit der Kolonialzeit gilt: Wachstum geht vor Umweltschutz

Die Umsetzung von Adaptionsmaßnahmen hapert jedoch und die Ursachen sind zahlreich. Wie auch global trifft die Klimakatastrophe in Vietnam die Armen zuerst. Menschen, die sich nicht vor 45° im Sommer mit Klimaanlagen schützen können oder ihre Häuser auf befestigte Grundstücke außerhalb von Überschwemmungsgebieten bauen können. Sie finden bei den Machthabenden kaum Gehör, denn Korruption und Vetternwirtschaft ist in Vietnam weit verbreitet.

Dies geschieht jedoch vor dem Hintergrund der aktuellen politischen Priorität: Wachstum geht vor Umweltschutz. Zwar ist Umweltzerstörung und Nutzbarmachung der Natur in Vietnam kein rein modernes Phänomen. Spuren davon gehen Hunderte von Jahren zurück. Doch das hegemoniale Paradigma des Wirtschaftswachstums und die Vereinnahmung der Natur als Ressource wurden seit der französischen Kolonialisierung kontinuierlich forciert. Aktuelle Akteure, von anderen Staaten über die Weltbank bis hin zu Nicht-Regierungsorganisationen (NGOs) haben erfolgreich gefestigt, dass Wirtschaftswachstum nationale Priorität Nummer eins sein muss.

Vietnam besteht dabei – ähnlich wie andere Länder – auf das Recht auf wirtschaftliche Entwicklung. Zwei Mythen halten sich hartnäckig: Dass es Wohlstand braucht für Umweltschutz; und dass westliche Länder dafür das beste Beispiel sind. Dabei tragen eben jene immer noch die größte Schuld an der Klimakrise. China hat sie zwar, was das Gesamtmaß der aktuellen Emissionen angeht, überholt, jedoch unter anderem, weil westliche Länder ihre ‚dreckigen Produktionen’ nach China verlegt haben. Auch ist Chinas CO2-Ausstoß pro Kopf immer noch geringer (7,5t CO2 pro Person, Stand 2014) als der der USA (16,5t) oder Deutschlands (8,9t). Vietnams Ausstoß lag 2014 bei 1,8 t pro Kopf.

Vietnam ist außerdem weiterhin Schauplatz der ‚Mitigation der anderen’. Um die eigene CO2-Bilanz aufzubessern, investieren Staaten wie Deutschland in Projekte wie REDD+ (United Nations Programme on Reducing Emissions from Deforestation and Forest Degradation). Sie investieren in Aufforstung und Waldschutz am anderen Ende der Welt, um eigene Konsumverhalten vor Ort nicht hinterfragen zu müssen. Dabei ist REDD+ allein wegen der Definition, was ein Wald ist, in Vietnam fragwürdig. Monokulturen haben denselben Status wie Urwälder. Staatliche Kontrollen, ob es einen Wald nur auf dem Papier gibt, sind nicht zuverlässig. So ist bereits vorgekommen, dass an Orten, wo laut offiziellen Dokumenten ein Wald sein sollte, freie Ackerfläche war. Unter NGOs und Stiftungen wird größtenteils das Wachstumsparadigma, wenn auch grün angestrichen, weiter propagiert. So wird die Debatte der Klimagerechtigkeit, wie z.B. in den Philippinen spürbar, in Vietnam nicht geführt.

Agenda-Setting folgt neokolonialen Richtlinien

Nicht nur Regierungen, auch internationale NGOs spielen eine wichtige Rolle, wenn es um die Definition und Implementierung von Maßnahmen gegen die Klimakrise geht. „Klimawandel ist ein Trendthema für Geldgeber“, sagt die Leiterin einer lokalen Umwelt-NGO, die namentlich nicht genannt werden möchte. Vor zehn Jahren gab es schon einmal den Trend, Förderung für Klimaprojekte auszuloben. Dazwischen hätten andere Themen – wie Plastikmüll – übernommen. Erst seit kurzem gäbe es wieder Mittel für Klimamitigation und -adaption.

Obwohl sich viele internationale Organisationen aus Vietnam zurückgezogen haben und es stattdessen finanzielle Unterstützung für neu gegründete lokale Organisationen gibt, bedeutet das nicht mehr Möglichkeiten für ein eigenes Agenda-Setting der lokalen Akteure. Viele vietnamesische NGOs beklagen, dass die Themensetzung und die Analyse, was eigentlich das zu lösende Problem sei, im Ausland in den Zentralen von NGOs geschähen. Neben der Themensetzung erschwerten auch die Vorgaben von Berichterstattung und Rechenschaftspflicht die Arbeit der lokalen Organisationen. So sagt die bereits zitierte NGO-Leiterin: „Geldgeber haben Schwierigkeiten damit, lokale Kapazitäten zu verstehen, mehr Geld ist für Verwaltungsarbeit nötig als für die Projekte“. Dabei sind die Projekte der NGOs essentiell, da auch die vietnamesische Regierung sich auf sie verlässt.

Es gibt vereinzelt Projekte, die nicht der Idee des grünen Wachstums folgen, sondern alternative Konzepte und Visionen besprechen. Sie tun dies allerdings vor allem praktisch und versuchen Wörter wie „Klimagerechtigkeit“ zu vermeiden. Unter dem Konzept „nachhaltiger Entwicklung“ („phát triển bền vững“) finden sich Regierungs- und Nicht-Regierungsakteure zusammen. Dies hat verschiedene Gründe.

Zum einen ist dies das Paradigma, das von internationalen Organisationen ausgelobt wird, unter dem Ausschreibungen zur Geldvergabe stattfinden. Zum anderen ist „nachhaltige Entwicklung“ von der vietnamesischen Regierung politisch als unproblematisch anerkannt. Im autoritären System kann es für NGOs schwierig sein, sich durch andere Begriffe, Normen und Debatten abzugrenzen. Sie könnten dadurch ihre Arbeitsgenehmigungen riskieren. So nutzen sie das Konzept, um keine unnötige Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, auch wenn sie in der Praxis Projekte umsetzen, die durch kritisch gegenüber den Konzepten der gängigen Wachstumsdoktrin sind. Wenige internationale Akteure versuchen Debatten um alternative Wirtschaftsmodelle und Lebensweisen anzustoßen. Doch fraglich ist ohnehin, wie erfolgreich dies sein kann, wenn diese wiederum aus dem Ausland importiert werden.

Lost in translation: Klimadebatten in städtischer und ländlicher Umgebung

Hinzu kommt die weitere Kluft zwischen den oft Stadt-basierten NGOs und der ländlichen Bevölkerung, die Ziel von Adaptionsmaßnahmen der Klimakrise sind. Bäuer*innen können den Klimawandel nicht immer in der NGO-Sprache von nachhaltiger Entwicklung erklären. Viele merken aber, dass etwas nicht stimmt, dass Ernten sich verändern und Überschwemmungen zunehmen. Ihr Wissen darüber, was Klimawandel aber konkret bedeutet und welche Adaptionsmaßnahmen nötig sind, wird kaum in die Aktionsplanung durch die Mitarbeitenden der NGOs mit einbezogen. Das Vorurteil, dass die ländliche Bevölkerung ungebildet und nicht wissend ist, ist weit verbreitet.

Nicht zuletzt spielt die Wirtschaft in Vietnam wie global auch eine wichtige und mehrheitlich negative Rolle in den Bemühungen um Klimamitigation und -adaption. Internationale Unternehmen wie Coca Cola agieren durch ihre Corporate Social Responsibility– Abteilungen als Geldgeber für Umwelt-NGOs. Unterstützte Projekte richten sich dabei kaum nach innen an das eigene Unternehmen, um beispielsweise den eigenen Beitrag zum Klimawandel zu hinterfragen.

Zwar ist das Plastikmüllproblem ein anderes als die Klimakrise, doch illustriert dies die Doppelagenda der wirtschaftlichen Geldgeber. So unterstützt Coca Cola Bildungsprojekte an Schulen Hanois zur Müllreduzierung, ist aber zugleich größter Plastikverschmutzer in der Wirtschaft weltweit. Lokale Unternehmen sorgen sich wenig um Umweltbelange. Die produzierende und emittierende Industrie ist Teil des vietnamesischen Wachstumsplans.

Was bedeutet all dies für internationale Akteure? Zunächst einmal, dass eine Dekolonisierung des Klimaregimes nötig ist. Jene, die die Klimakrise zu verantworten haben, müssen in die Verantwortung genommen werden. Und es braucht den Paradigmenwechsel „Weg vom Wachstum“. Zusätzlich braucht es auf allen Ebenen eine Veränderung in den Machstrukturen: Internationale NGOs müssen lokalen Akteuren die Definition von Problemen überlassen. Die am stärksten von der Klimakrise Betroffenen müssen, vertreten durch lokale Organisationen, von Anfang an in Mitigations- und Adaptionsmaßnahmen eingebunden werden.

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Myanmar: Naturkatastrophen der letzten zwei Jahrzehnte zeigen die Sensibilität des Landes für die Folgen des Klimawandels. Die Regierung will den Weg zu einer klimaresistenten und kohlenstoffarmen Gesellschaft ebnen, setzt jedoch weiterhin auf Kohle zur Energieversorgung.

Die Verschlechterung von Umweltbedingungen und der Klimawandel gehören zu den größten globalen Herausforderungen. Laut dem Klima-Risiko-Index (KRI, 2020) der Organisation Germanwatch waren 2018 maßgeblich Hitzewellen die Ursache von Schäden weltweit. Allen voran seien Japan, Indien und Deutschland davon betroffen gewesen. In Europa seien extreme Hitzeperioden zwischen 10- und 100-mal wahrscheinlicher als noch vor einem Jahrhundert. Global betrachtet sind jedoch insbesondere Länder des Globalen Südens von den Auswirkungen des Klimawandels betroffen.

Gerade wirtschaftsschwache Länder mit so genanntem Least Developed Country-Status (LDC) zeichnen sich durch eine erhöhte Verletzlichkeit aus. Obwohl die absoluten finanziellen Schäden in wirtschaftsstarken Ländern zumeist deutlich höher sind, treten in einkommensschwachen Ländern Todesfälle und existenzielle Bedrohungen durch Extremwetter sehr viel wahrscheinlicher auf.

Von den zehn am stärksten vom Klimawandel betroffenen Ländern zwischen 1999 und 2018 waren sieben so genannte Entwicklungsländer (Germanwatch 2019/20). Myanmar belegt auf diesem Index Platz zwei nach Puerto Rico und vor Haiti, den Philippinen, Pakistan und Vietnam. Ausschlaggebend hierfür ist vor allem der Zyklon (tropischer Wirbelsturm im Indischen Ozean) Nargis, der als einer der folgenschwersten Wirbelstürme in der Geschichte der Wetteraufzeichnungen bezeichnet wird.

Viele Risiken

Myanmar gehört aufgrund seiner geographischen Lage und klimatischen Bedingungen zu den Ländern mit der größten Bevölkerungsgefährdung durch Seebeben (Platz sieben), Überschwemmungen (Platz zehn), Wirbelstürme (Platz elf) und Erdrutsche (Platz elf). Zudem ist Myanmar eines der 15 Länder, in denen insgesamt 80 Prozent der von schweren Überschwemmungen betroffenen Bevölkerung weltweit leben. Der Monsun bringt alljährlich zwischen Mai und Oktober starke Regenfälle in die Bergregionen und Flussdeltas. Dadurch kommt es zunehmend zu massiven Überschwemmungen, die die Menschen zur (dauerhaften) Flucht zwingen.

In Myanmar herrscht vorrangig ein tropisches Klima, das vom Monsun bestimmt wird. Es gibt mehrere klimatische Zonen, die mit unterschiedlichen Extremen zu kämpfen haben. So fällt beispielsweise in Zentral-Myanmar die Zunahme von Trockenzeiten und Dürren durch das spätere Einsetzen des Monsuns, abnehmende Regenfälle und Hitzewellen ins Gewicht. Wasserknappheit, geringe Ernteerträge und sogar komplette Ernteausfälle sind in dieser Region keine Seltenheit mehr.

Das Ayeyarwaddy-Delta und die Küstenregion Rakhine im Westen des Landes sind von der zunehmenden Frequenz und Intensität von Zyklonen und Stürmen, einer höheren Wahrscheinlichkeit von Sturmfluten und abnehmender Süßwasserströmung bedroht. Betroffen sind hier die Küstenökosysteme, Ackerland, Ernten, die Infrastruktur und damit die Lebensgrundlage zahlreicher Menschen. In den Großstädten wird die Situation durch das mangelhafte Abwassersystem verschlimmert; in ländlichen Gegenden hauptsächlich durch Fluss- und Dammerosion.

Flucht vor Naturkatastrophen

Der Zyklon Nargis traf 2008 mit Windgeschwindigkeiten bis zu 215 km/h auf das Land. Er ist für über 95 Prozent der Todesfälle und Schäden in den letzten zwei Jahrzehnten verantwortlich. Rund 140.000 Menschen starben, bis zu 2,4 Millionen Menschen wurden obdachlos. Nur zwei Jahre später folgte Zyklon Giri, der über 20.000 Häuser zerstörte und vom dem mindestens rund 224.000 Menschen betroffen waren.

In den letzten Jahren kam es außerdem zu folgenreichen Überschwemmungen und Erdrutschen. So mussten beispielsweise während der Monsunzeit 2019 über 100.000 Menschen evakuiert werden. Die Regierung Myanmars befürchtet eine durch den Klimawandel induzierte erhöhte Frequenz und Zerstörungskraft von Zyklonen und eine Verkürzung der Monsundauer bei gleichzeitig vermehrt auftretenden Starkregen.

Internationale Studien deuten darauf hin, dass die Zahl der schweren tropischen Wirbelstürme mit jedem Zehntel Grad des globalen durchschnittlichen Temperaturanstiegs zunehmen wird. Bis 2050 wird für Myanmar ein Temperaturanstieg um 1,3°C auf 2,7°C und ein Meeresspiegelanstieg zwischen 20 und 40 cm prognostiziert. Hunderttausende, wenn nicht Millionen Menschen werden zur Flucht in die Städte oder in andere Regionen und Länder gezwungen werden. Die Weltbank schätzt, dass bis zum Jahr 2050 über 143 Millionen Menschen weltweit zur Binnenmigration gezwungen sein könnten.

“Wir leben in einem Teil der Welt, der unglaublich hart vom Klimawandel betroffen sein wird. Die Beeinträchtigungen für die Landwirtschaft und Ernährungssicherheit werden enorm sein. Die Menschen (hier) werden nicht mehr wie jeher und am gleichen Ort weiterleben können“, so der Schriftsteller und Regierungsberater Thant Myint U (Mizzima, 2020-01-11)

Video: Warmer Days – Myanmar In The Age Of Climate Change

Klimapolitik der Regierung

Myanmar ratifizierte 1994 die Klimarahmenkonvention der Vereinten Nationen (UNFCCC) und 2003 das Kyoto Protokoll 2003. In den letzten Jahren reichte die Regierung dann ihr National Adaptation Programme of Action (NAPA) und den Nationally Determined Contribution (NDC) ein. Die zentrale Akteurin bezüglich Fragen des Klimawandels ist das Environmental Conservation Department unter dem Ministry of Natural Resources and Environmental Conservation. Es ist zuständig für die Verhandlungen und Berichterstattung auf internationaler Ebene, wie etwa über das UNFCCC. Im Zuge der Ratifizierung des Klimaabkommens von Paris richtete die Regierung außerdem ein nationales Steuerungskomitee für Umweltschutz und Klimawandel ein, das Ableger auf regionaler und (planmäßig) auf lokaler Ebene hat.

Unterstützt werden diese Strukturen durch die Myanmar Climate Change Alliance (MCCA), die 2013 mit Unterstützung der Global Climate Change Alliance (GCCA) ins Leben gerufen wurde und durch UN-Habitat (United Nations Centre for Human Settlements) und United Nations Environment Programme (UNEP) umgesetzt wird. Die Allianz dient als Plattform um das Thema Klimawandel in die Politikgestaltung und Reformagenda einzubeziehen.

Es unterstützt ebenso laufende Aktivitäten zum Klimawandel seitens der Regierung, lokalen Behörden, Nichtregierungsorganisationen, Zivilgesellschaft und Privatwirtschaft. In Kooperation mit der MCCA erarbeitete die Regierung das Paket Myanmar Climate Change Policy, Strategy und Master Plan 2018-2030. In diesen werden die Bedrohungen für die soziale und wirtschaftliche Entwicklung des Landes durch den Klimawandel explizit anerkannt und die Transformation in eine nachhaltige, klimaresistente und kohlenstoffarme Gesellschaft angekündigt.

Klimapolitik braucht Finanzierung

Trotzdem ist Myanmar auf potentielle Herausforderungen des Klimawandels bis jetzt nur sehr schlecht vorbereitet. Das liegt nicht zuletzt an fehlendem finanziellem Budget zur Förderung von Anpassungsmaßnahmen. Der direkte Zugang zu internationalen Klimatöpfen durch nationale Einrichtungen ist gerade für die am meisten betroffenen Länder extrem begrenzt.

Die Organisation Germanwatch betonte beim letzten Klimagipfel Ende 2019, dass es an zusätzlichen Klimabudgets und technischer Unterstützung für ärmere Länder fehle. Gerade auch, um den durch das Klima verursachten Verlusten und Schäden effektiv begegnen zu können. Die Asiatische Entwicklungsbank (ADB) gehört gegenwärtig zu den größten „Klima-Investoren“ in die LDC-Länder der Region. Seit 2019 will sie jährlich rund sechs Milliarden US-Dollar für Anpassungsprogramme und Projekte zur Minderung des Klimawandels beitragen.

In Myanmar steuern bilaterale Hilfsprogramme steuern bisher das Gros der Klimafinanzierung im Land bei, vornehmlich in Zusammenarbeit mit Japan, Deutschland, Großbritannien, Norwegen, der Schweiz und Frankreich. Daneben erhält Myanmar Gelder aus multilateralen Quellen, wie etwa dem ADB Special Fund, der International Development Association (IDA) der Weltbank und der Global Environmental Facility.

Unglücklicherweise ist es vorrangig die Regierung, die hieraus Gelder bezieht. Dabei wären gerade auch nichtstaatliche Organisationen wie Bäuer*innenverbände, Stadtverwaltungen und NGOs entscheidende Akteurinnen und Akteure im Kampf gegen den Klimawandel.

Am Tropf fossiler Energien

Obwohl erneuerbare Energien auch in Asien im Trend liegen und zunehmen, ist für viele Regierungen die Abkehr von fossilen Energien weiterhin unvorstellbar. Die wesentlichen Motoren des Klimawandels wie Öl, Gas und insbesondere Kohle bleiben in den ASEAN-Staaten die wichtigsten Rohstoffquellen.

Im gegenwärtigen Strommix-Plan Myanmars für 2030 soll 34 Prozent der Energie aus Kohle gespeist werden (32 Prozent Wasserkraft, 20 Prozent Erdgas und der Rest aus erneuerbaren Energien). Die jährliche Kohleproduktion soll entgegen breitem zivilgesellschaftlichem Protest in den kommenden Jahren weiter hochgeschraubt werden. „Wir können uns nicht aussuchen, woher der Strom kommt (…). Es ist nicht an der Zeit, Nein zu Kohle zu sagen, wenn lediglich 35 Prozent der Bevölkerung unseres Landes Zugang zu Elektrizität hat“, betont U Ko Ko, ein Parlamentarier aus der Region Sagaing.

Dabei hat Myanmar schon jetzt die mit Abstand am stärksten verschmutzte Luft in Südostasien, Tendenz steigend. Sie gehört zu den größten Risikofaktoren für frühzeitige Sterblichkeit. Seit 2017 hat sie zu schätzungsweise über 45.000 Todesfällen landesweit beigetragen. Im Zuge der Demokratisierung seit 2011 kam es zu schnellen wirtschaftlichen Entwicklungen, gerade in urbanen Räumen. Die städtische Bevölkerung wächst exponentiell aufgrund von Landflucht, doch die Flächen sind begrenzt. Mehr als 80 Prozent der Stadtbevölkerung kocht mit Festbrennstoffen. Die Neuregistrierungen für Kraftfahrzeuge haben sich in den letzten fünf Jahren verdoppelt. Industrien rund um Städte sprießen aus dem Boden und der Bau neuer Industriezonen wird von der Regierung massiv gefördert.

Ausblick

Die politischen Entscheidungen der kommenden Jahre werden maßgebend für Myanmars Zukunft und seine Antworten auf den Klimawandel sein. Vor allem sind hier die Einbindung und Zusammenarbeit mit lokalen Behörden, zivilgesellschaftlichen Akteur*innen und betroffenen Berufsverbänden im Landwirtschafts- und Fischereisektor für schnelle Fortschritte unabdingbar. Denn die Auswirkungen des Klimawandels sind je nach Region sehr unterschiedlich und bedürfen lokaler, kontextspezifischer Reaktionen.

Bis heute sind mehrere Landesteile von bewaffneten Konflikten betroffen. Glücklicherweise arbeiten zivilgesellschaftliche Initiativen schon länger an Gegen- bzw. Anpassungsstrategien, die insbesondere auf den Schutz der Wälder und Biodiversität setzen. So ist etwa laut dem Karen Environmental and Social Action Network (KESAN) die Entwaldung im Karen-Staat, aber auch landesweit, Hauptverursacher des Klimawandels.

Gemeinschaftliche Waldbewirtschaftung (Community forestry) wird daher – neben diversen anderen Maßnahmen – von vielen Initiativen als Schlüssel zur Verbesserung der Lebensqualität der Menschen und zum Schutz der Ökosysteme gesehen. Jetzt fehlt nur noch das finanzielle Budget, um solche zivilgesellschaftlichen Musterbeispiele und Ideen flächendeckend zu unterstützen. Hier stehen nicht nur Myanmars Regierung, sondern gerade auch die internationale Gemeinschaft in der Verpflichtung.

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„Ein wahrer Wissensschatz!“

Kambodscha: Menschen, die in Armut leben, können sich erheblich schlechter an den Klimawandel anpassen, da ihnen die Mittel und Zugänge zu Ressourcen fehlen. Dennoch gibt es wirkungsvolle Lösungen. Zu Besuch bei einem Pilotprojekt, das Häuser klimafreundlich nachbessert und anpasst.

Seit einigen Jahren boomt die kambodschanische Hauptstadt. In einem atemberaubenden Tempo verändern sich Skyline und Straßenzüge. Hochhäuser sprießen wie Pilze aus dem Boden und die quirlige Stadt verleibt sich das ruhige Umland ein. Neben Ackerland werden Seen und Deiche zugunsten von Bauland zugeschüttet. Das Verkehrsaufkommen vervielfacht sich, hupende Autos und Mopeds verstopfen die Straßen, öffentlicher Nahverkehr ist hingegen fast nicht existent. Begrünte Flächen, wie große Parks, sind rar.

Negative Folgen der Stadtentwicklung in Phnom Penh

Die negativen Auswirkungen bekommen vor allem ärmere Familien zu spüren. Da sie häufig an Flussläufen siedeln, sind sie stärker von Überschwemmungen betroffen. Bei Stürmen sind ihre Häuser weniger sicher, weil sie aus minderwertigem Material gebaut sind. Da informelle Siedlungen oft sehr dicht bebaut sind, und sich die Menschen hier, anders als die reichen Hauptstadtbewohner*innen, keine Klimaanlagen leisten können, leiden sie auch mehr unter extremer Hitze.

Die NGO Sahmakum Teang Tnaut (STT) hat ein Pilotprojekt zu klimaangepassten und -schonenden Gestaltungsstrategien von Häusern bedürftiger Haushalte in Phnom Penh durchgeführt. Die mit Beteiligung von Community-Mitgliedern entwickelten Ideen sollen nachhaltig, umweltfreundlich und insbesondere bezahlbar sein. Einige davon wurden in Smor San, einer informellen Siedlung, erprobt.

Smor San liegt im Süden Phnom Penhs. Die Siedlung wurde 1982 auf einem Friedhof einer vietnamesischen Gemeinschaft Phnom Penhs gebaut. Etwa 680 Personen, Khmer, Khmer-Krom (Khmer aus Südvietnam) und ethnische Vietnames*innen leben dort in rund 110 Häusern. Die Bewohner*innen besitzen keine Landtitel, die Arbeitslosigkeit ist hoch. Das Viertel ist ans elektrische Netz und an die Wasserversorgung, aber nicht an das städtische Abwassersystem angeschlossen. Als ‚Abwassersystem’ wird der Fluss benutzt. Die Wege sind in schlechtem Zustand, es fehlt Straßenbeleuchtung, die Müllsituation bedarf Verbesserungen. Die ca. 200 Gräber werden noch von Nachkommen besucht. Da Smor San auf einem Friedhof errichtet wurde, haben in jüngster Zeit mehrere internationale Medien über das Viertel berichtet .

Eine wenig befahrene Straße der Nachbargemeinde grenzt an Smor San. Ein nicht-asphaltierter Weg führt in die Siedlung. Eng stehen die einfachen Häuser beieinander. Es ist heiß und überall liegt Müll. Es riecht streng. Im Schatten einer offenen Überdachung frittieren einige Frauen in einem Wok Süßgebäck, das an lokale Märkte weiterverkauft wird. Tagsüber sind nur wenige Männer hier. Sie suchten in der Stadt als Tagelöhner ihr Glück, erzählt eine Bewohnerin.

Häuser sind nicht klimaangepasst

Im Schatten der Bäume lässt sich die Hitze einigermaßen ertragen. In den mit einfachen Mitteln gebauten kleinen Häusern staut sich dagegen die Hitze in den Innenräumen. Die Häuser haben Blechdächer, die Wände sind selten aus Stein, meist aus Blech oder Holz, manchmal aus einem Mix. Es wurde offensichtlich mit dem gebaut, was zur Verfügung stand und was erschwinglich war. Die Bauart wirkt pragmatisch. Traditionellen Mustern des Khmer-Hauses wird weniger gefolgt.

Ein Problem bei tropischem Wetter sind die Wellblechdächer. In traditionellen Khmer-Häusern wurden Palmenmatten als Dachmaterial verwendet. Aufgrund der begrenzten Haltbarkeit und der Kosten wird heutzutage anderes Material, in dieser Community Wellblech, verwendet. Nachteilig am Metall ist, dass es sich tagsüber schnell aufheizt und die Wärme in das Haus abgibt. Durch die einfache Baukasten-Bauweise gibt es kaum natürliche Ventilation. Die Innenräume kühlen nach Sonnenuntergang kaum ab. Linderung schaffen lediglich Ventilatoren, doch Strom ist in Kambodscha vergleichsweise teuer, und gerade für sozial benachteiligte Haushalte ein kostbares Gut.

Einfache Maßnahmen gegen Hitze in den Wohnhäusern

In Smor San und sieben weiteren Communitys wurden einzelne Maßnahmen zur Anpassung ans Klima und zur Verbesserung der Energieeffizienz der Häuser durchgeführt. Die Aufwertungen sind einfach und pragmatisch, die Kosten in den meisten Fällen niedrig. Mit nur wenigen Eingriffen können z. B. die Temperaturen in den Häusern bereits um mehrere Grad Celsius gesenkt werden. Die Gemeinschaften packen selbst mit an, die NGO stellt das Knowhow und teilweise die Materialien.

Als probat hat sich dabei die Folien-Isolierung unter den Dächern erwiesen, die aus einer Mischung von Aluminium und Plastik besteht und an der Unterseite des Dachüberhangs von außen leicht erkennbar ist. Die Dachdämmung unter den Schrägen reduziert das Eindringen von Wärme in die Wohnräume um bis zu 7 Grad Celsius. Wie lange mag das halten? Es gibt noch keine Erfahrungswerte, die Meinungen gehen auseinander. Fünf Jahre mindestens sollte die Isolierung halten; wenn sie keinen Schaden nimmt, auch länger, so der Konsens mehrerer Befragter.

Ein zweiter Ansatzpunkt zur Anpassung ist die Durchlüftung. Durch neue offene Bereiche unter dem Dach sowie den Einbau von Fenstern und Türen kann für Durchzug gesorgt und die Raumtemperatur gekühlt werden. Während die Belüftung in traditionellen Häusern der Khmer mitgedacht ist, fehlt diese oft bei neueren Hausbauten. „Ich schlafe nun besser“, berichtet Soum Sovan, eine vierzigjährige alleinerziehende Mutter von vier Kindern, die Anpassungen an ihrem Haus vornahm. Weitere Bewohner*innen der Community bestätigen die positiven Effekte.

Für Kühlung sorgt auch Schatten, der z.B. durch Dachverlängerungen erzeugt wird oder mit neuen Läden sowie Pflanzen vor den Fenstern gespendet wird. Der nächste kleine Kniff: Dächer und Wände werden mit hellen Farben gestrichen, im Idealfall weiß. Diese haben ein größeres Rückstrahlungsvermögen, d. h. sie absorbieren weniger Wärme als dunkle Farben. Häuser und die Siedlung sollen auch begrünt werden. Kleine Beete oder Gärten sowie Pflanzen in und um die Häuser sind überall zu sehen. Einige Bewohner*innen haben Obst und Gemüse zur Selbstversorgung gepflanzt, an anderer Stelle spenden Bäume – die es teilweise schon gab – Schatten. Topfpflanzen verschönern Wohnraum und Hauseingänge. Die Bepflanzungen sorgen für einen weiteren Kühleffekt des Mikroklimas durch Verdunstung.

Isolation, Lüftung und Energiesparen

Weitere Vorschläge befassen sich mit klimafreundlichen Bauerweiterungen und Lebensweisen. Diese wurden in anderen Communitys erprobt, aber in Workshops auch den Bewohner*innen von Smor San vermittelt. Der Einsatz von LED-Lampen spart Energie und Stromkosten. In dicht bebauten Vierteln ohne Stromanschluss gibt es die Möglichkeit, durch den Einbau einer Plastikflasche ins Dach, gefüllt mit Bleichmittel und Wasser, tagsüber Licht zu gewinnen: das Wasser bricht die Sonnenstrahlen und erleuchtet den Raum wie eine Lampe .

Andere Potentiale sind Solarpaneele, die aber teuer sind. Zum Kochen können emissionsärmere Gaskocher anstelle von Brennholz genutzt werden, was in Innenräumen durch die Rußpartikel auch massiv gesundheitsschädlich ist und zumeist die fürs Kochen zuständigen Frauen betrifft. Solche Ideen konnten die finanziellen Ressourcen des Projekts nicht abdecken. Eine Finanzierung könnte aber optional über Saving Groups (Kleinspargruppen) realisiert werden. Diese schaffen durch gemeinsames Sparen ihr eigenes Grundkapital, durch das u.a. Kredite an Mitglieder vergeben werden können und diese dadurch ihre Einkommensgrundlagen verbessern. STT rät, beim Neubau von Häusern, klimafreundliche Materialen zu nutzen, z.B. Wände aus emissionsärmeren Materialen wie Hohlblocksteine, verdichtete Lehmsteine oder Ecobricks aus Wasserflaschen statt klassischen Backsteinen, deren Herstellung energieaufwendig ist und mehr Emissionen erzeugt. Wichtig für Gemeinschaften und einzelne Haushalte ist auch eine Anbindung an die Abfallwirtschaft.

„Die Anpassungen funktionieren im städtischen sowie im ländlichen Raum“, erklärt Pho Rhatana, Referent für alternativen Wohnungsbau & Stadtplanung von STT. Die Gestaltungsideen sollen zukünftig im von der Organisation entwickelten Handbuch für arme städtische Gemeinden weitergenutzt werden, das von anderen Organisationen oder Gruppen verwendet werden kann. „Unser Handbuch soll klimaschonende Maßnahmen aufzeigen, für alle Akteure, die die Infrastruktur von ärmeren Haushalten verbessern wollen“, sagt Saran Soeung, Geschäftsführer von STT.

„Die Eingriffe waren hilfreich“ bestätigt Sun Ramaly, die Gemeinschaftsvertreterin. „Sie haben die Wohnsituation für die Bewohner*innen verbessert“. Neben dem Nutzen für die Menschen hat eine kleine marginalisierte Community auf diese Weise auch einen Beitrag fürs Klima geleistet. „Wir wollen zeigen, dass Nachhaltigkeit und Beiträge zum Klimaschutz auch mit begrenzten Mitteln möglich sind“, ergänzt Saran Soeung.

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„Ein wahrer Wissensschatz!“

Laos: In den Augen der Weltbank ist der von ihr mitfinanzierte Staudammprojekt Nam Theun 2 (NT2) im Süden von Laos ein nachahmenswertes Modellprojekt. Das Buch „Dead in the water: Global Lessons from the World Bank’s Model Hydropower Project in Laos“ widerlegt den Mythos der vermeintlichen Erfolgsgeschichte.

Bruce Shoemaker und William Robichaud sammeln im Buch Dead in the Water. Global Lessons from the World Bank’s Model Hydropower Project in Laos Stimmen und Standpunkte zum umstrittenen Staudamm Nam Theun 2 (NT2) in Laos, den die Weltbank 2005 mitfinanzierte. NT2 war damals eines der größten und komplexesten und sehr kontrovers diskutierten Wasserkraftprojekte in Laos.

Es war das erste Projekt, das gemeinsam von privaten Geldgebern und der laotischen Regierung finanziert wurde, mit Unterstützung der Asian Development Bank (ADB) und der Weltbank (WB). Als ein Argument für die Finanzierung galt der so genannte „China factor“, also die Befürchtung der Weltbank und weiterer Geldgeber, wenn sie nicht finanzieren, dann finanziere China (und achte noch weniger auf soziale und ökologische Standards und gewinne mehr ökonomischen Einfluss).

Die beiden Herausgeber Shoemaker, Wissenschaftler mit Fokus auf Konflikte um natürliche Ressourcen und der Umweltbiologe Robichaud, stellen sich der Herausforderung, einen konsistenten und zusammenfassenden Überblick der Auswirkungen zu geben, die der Damm NT2 auf Gesellschaft und Umwelt in Laos hat. Alle im Buch versammelten Autor*innen kennen die Region seit Jahrzehnten, die meisten sprechen Laotisch und legen eigene Untersuchungen lange vor dem Dammbau zugrunde.

Ehrlich und schonungslos nehmen die Autor*innen soziale und ökologische Versäumnisse beim Dammbau ins Visier. Der Fokus liegt auf diesen beiden Aspekten, die Laos in der Öffentlichkeit nach Lesart von Weltbank und Regierung zu einem weltweit herausragenden positiven Beispiel des Dammbaus machen sollten.

Kritische Antwort auf Eigenlob der Weltbank

Das Buch ist die Antwort auf das 2010 erschienene Buch der Weltbank Doing a dam better. Die Herausgeber, zwei ehemalige Weltbank-Mitarbeitende, brachten das Buch über Planung, Entwicklung und erwartete Auswirkungen des Staudammbaus NT 2 heraus. Beitragende waren hauptsächlich (ehemalige) Mitarbeiter*innen und Berater*innen.

Im Buch loben sich die Weltbank-Mitarbeitenden zum größten Teil selbst. Kritik wird nicht am Projekt selbst geübt, sondern nur am Management der Umsetzung. Laut Weltbank habe der Bau des Staudamms NT2 in Laos nicht nur in den Projektgebieten sondern im ganzen Land positive soziale Auswirkungen mit sich gebracht.

Das wird im hier beschriebenen Buch in dreizehn Kapiteln, die in drei Themenblöcken gegliedert sind, gründlich widerlegt.

Im ersten Teil werden die Zeit vor der Entscheidung und die langen Diskussionen aufgegriffen. Beteiligte NGOs, vor allem CARE, The World Conservation Union (IUCN) und Wildlife Conservation International (WCS) sowie Berater*innen des Expertengremiums, die zu Beginn noch von den hochgesteckten Zielen des „New Model of Hydropower“ der Weltbank überzeugt waren, äußern ihre Enttäuschung. Vor allem die NGOs fühlten sich im Nachhinein benutzt, weil sie durch ihre Mitwirkung dem Projekt gleichzeitig Legitimität verliehen.

Dammbau zerstört Land, soziale Beziehungen und lokales Wissen

Die Autor*innen im zweiten Teil beschreiben vor allem die negativen sozialen und ökologischen Auswirkungen (auch flussabwärts) und misslungene Umsiedlungsprogramme, die bis dahin wenig in den Blick genommen wurden. Von Umsiedlungen durch den Dammbau waren vor allem lokale Gemeinschaften betroffen, es wurden ca. 6.300 Menschen aus 17 Dörfern umgesiedelt.

Kompensationszahlungen für Umsiedlungen sind zwar per Dekret geregelt, aber oft fällt die Kompensation in den Provinzen deutlich niedriger aus als beispielsweise in der Hauptstadt Vientiane. Durch Umsiedlungen wurden soziale Beziehungen und Netzwerke zerstört: lokales Wissen und Erfahrungen innerhalb dieser sozialen Beziehungen und zum Land, auf dem die Menschen leben, wurden zerstört und können kaum wieder aufgebaut werden.

Außerdem kommt es durch Umsiedlung zu Streitigkeiten. Der Verlust von Land ist gleichbedeutend mit dem Verlust der Existenzgrundlage, die Bodenqualität des neuen Landes ist oft schlechter als die ursprüngliche.

Zu den ökologischen Auswirkungen zählen ausbleibende Sedimentablagerungen, die fehlenden Mineralien führen zu schlechterer Wasser- und Bodenqualität, was sich negativ auf die Landwirtschaft auswirkt. Zudem unterspült sedimentloses Wasser Felsen schneller und führt daher zu Erosion. Seltene Tier- und Pflanzenarten sterben aus und es kommt zum Fischsterben.

Mythos der Armutsminderung durch Dammbau

Im dritten Teil des Buches geht es um die Nutzung des NT2 als eine Art Marke, um die globale Wasserkraftindustrie zu legitimieren und ihr Wachstum zu ermöglichen. Dabei wurde in Laos das Narrativ der Armutsminderung mit dem Dammbau verknüpft. Die Weltbank sprach auch von breit angelegten Partizipationsprozessen, die eine Entwicklung des Landes nach sich ziehen sollten.

Das trat jedoch nicht ein. Außerdem unterstützte die Weltbank sehr einseitig private Investoren und Kreditgeber, die Bürger*innen profitierten jedoch nicht im selben Maß. Lokale Gemeinschaften zahlten den Preis dafür, dass weit weg profitiert wurde. Im Fall der Stromerzeugung durch das NT2 profitierte das stromhungrige Nachbarland Thailand. Denn der Strombedarf von Laos war zum Zeitpunkt des Dammbaus bereits gedeckt.

Auch aus ökonomischer Sicht war der Damm nicht erfolgreich. Thayer Scudder, ein ehemaliger Dammbefürworter und Mitglied im Expertengremium des NT2 ist inzwischen ein entschiedener Dammgegner: „Die Regierung von Laos plant in den nächsten 20 bis 30 Jahren weitere 60 Dämme, dabei hat sie momentan nicht mal die Kapazität mit den ökologischen und sozialen Auswirkungen eines einzigen Dammes fertig zu werden”, äußert sich Scudder im Buch.

Er bezweifelt, dass Wasserkraft eine zukunftsfähige Energiequelle ist. Wasserkraft ist aus ökonomischer Sicht ein Verlustgeschäft, weil die Entscheidungen bei den Kostenberechnungen meistens einseitig getroffen werden und Faktoren wie Inflation, Schuldenrückzahlung und ökologische und soziale Kosten nicht einbezogen sind.

Laos zahlt langfristig den Preis für den Dammbau

Auf lange Sicht wirken sich auch die Übernahmebedingungen, unter denen die Abkommen mit den Investoren geschlossen werden, nachteilig auf Laos aus. Die meisten Dammprojekte werden durch ausländische Investitionen und mittels so genannter unterschiedlicher Betreibermodelle („build-operate-transfer“ (BOT) oder „build-own-operate-transfer“ (BOOT)) mit den Investoren finanziert. Diese sehen vor, dass die Investoren das Eigentumsrecht und die Zuständigkeit nach mehreren Jahrzehnten an die laotische Regierung übergeben.

Im Fall NT2 geschieht das nach 25 Jahren. Und dann kann es sein, dass sich die Rahmenbedingungen längst geändert haben und der Betrieb des Damms verglichen mit alternativen und günstigeren Energielösungen wie Solar und hybriden Projekten schon nicht mehr wettbewerbsfähig ist. Auch Instandhaltung und Modernisierung eines Damms ist mit exorbitant hohen Kosten verbunden und gerade unter sich ändernden Wetterbedingungen ist es äußerst wichtig, die Wartung konsequent umzusetzen.

In ihrem Fazit schreiben die Herausgeber, dass viele der vollmundigen Versprechungen der Weltbank sich nicht erfüllt haben. Das Projekt eigne sich nicht als Modellprojekt. Seine Fehler sollten nicht in anderen Dammprojekten weltweit wiederholt werden. Nach Meinung der Herausgeber und der Autor*innen sollte die Weltbank umdenken und sich mehr an den Bedürfnissen lokaler Gemeinschaften orientieren und weniger an den Interessen des privaten Sektors.

Die Herausgeber und Autor*innen empfehlen der Weltbank, ein vertieftes Verständnis der begangenen Fehler und deren Auswirkungen zu erlangen, um auf dieser Grundlage eine neue, gut durchdachte Strategie zu entwickeln. Stellenweise liest sich das Buch wie ein Krimi. Gerade vor dem Hintergrund aktueller Entwicklungen des Staudammbusiness im Mekong und der Regierungsstrategie, Laos zur ‚Batterie Südostasiens’ zu machen, ist dieses Buch zu empfehlen.

Es ist ein gute Lektüre, um sich vertiefter mit Aspekten des Dammbaus auseinanderzusetzen und sich nicht zu schnell vom Argument der „nachhaltigen Wasserkraft“ überzeugen zu lassen, die das Land „entwickeln“ und aus der „Armut führen“ soll.

Rezension zu: Bruce Shoemaker und William Robichaud (Hg) : Dead in the water: Global Lessons from the World Bank’s Model Hydropower Project in Laos. University of Wisconsin Press, 2019, 384 Seiten, Paperback.

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Indonesien – Informationen zum Klimawandel sind häufig gespickt mit Fachsprache. Das macht sie unzugänglich für die Menschen. Unsere Autorin fordert einen Paradigmenwechsel in der Kommunikationsstrategie

Indonesien nimmt eine entscheidende Rolle bei der erfolgreichen Umsetzung der globalen Klimaziele ein. Im Jahr 2009 erließ Präsident Susilo Bambang Yudhoyono eine Verordnung zur Reduktion von Treibhausgasemissionen um 26 Prozent bis zum Jahr 2020, und sogar bis zu 41 Prozent bei stärkerer Unterstützung durch die Industrienationen. Es war ein ambitioniertes Ziel für Indonesien als fünftgrößten Treibhausgasemittenten.

Indonesiens Klimaziele zwischen Anspruch und Wirklichkeit

Das Land stützt sich seit jeher auf Forstwirtschaft, Landwirtschaft und den Energiesektor. Daher ist es keine Überraschung, dass sich Indonesien von den Zielen weg bewegt hat. Es verbraucht selbst mehr Steinkohle als jemals zuvor und ist der weltweit zehntgrößte Kohle-Exporteur, mit China, Indien, Japan und Südkorea als Hauptzielländern.

Die Entscheidungsträger*innen in Indonesien bleiben dennoch optimistisch. So geht die Regierung weiter davon aus, bis 2030 die Emissionen, die auf Entwaldung zurückzuführen sind, um 29 Prozent gegenüber dem ‚Business-as-usual‘-Szenario reduzieren zu wollen (Boykoff, Maxwell & Pearman, Olivia (2019). Now or never: How media coverage of the IPCC Special Report on 1.5C shaped climate-action deadlines. One Earth, 1(3), 285–288). Dieses Ziel wurde ursprünglich im Rahmen des Pariser Klima-Abkommens aus dem Jahr 2018 formuliert. Dabei sichert die Regierung in Indonesien weiterhin zu, das Waldmoratorium und die Dekarbonisierung umzusetzen, z.B. durch die Verwendung von Biogas.

Auf der anderen Seite sorgt aktuell der Entwurf für das so genannte ‚Omnibus-Gesetz‘, das es Unternehmen erheblich erleichtern soll, in Indonesien zu investieren, für Diskussionen. Umweltschützer*innen warnen davor, dass dieses Gesetz zu noch stärkerer Ausbeutung von Ressourcen führen würde (vgl. den Artikel Profit geht vor Umweltschutz von Hans Nicholas Jong auf suedostasien.net). In einer Pressemeldung vom 28. Februar 2020 teilte das Ministerium für Umwelt und Forstwirtschaft seine Unterstützung des Gesetzes mit, da es den Abbau von Bürokratie verspreche. Der Minister gab bekannt, dass das Gesetz dazu führen würde, dass Investor*innen ihre Umweltverträglichkeitsprüfungen leichter und schneller bearbeiten/erledigen könnten. Hauptsächlich wird die Gesetzesänderung aber wohl zu einem erheblichen Ausbau von Industrien führen.

Der Druck ist hoch, die Herausforderungen des Klimawandels als nationales Problem anzunehmen. Die Regierung beginnt nun, die breitere Öffentlichkeit über die Herausforderungen des Klimawandels aufzuklären. Dabei legt sie den Schwerpunkt auf wissenschaftliche Informationen zu extremen Wetterereignissen. Das öffentliche Verständnis für den Klimawandel gilt als ausschlaggebender Faktor, um die allgemeine Akzeptanz politischer Entscheidungen und Risikomanagement-Maßnahmen in der Bevölkerung zu gewährleisten.

Politische Entscheidungsträger*innen sind jedoch stark eingebunden in ihre Verantwortlichkeiten. Wissenschaftliche Quellen stellen Informationen lediglich im Fach-Jargon bereit. Das führt zu erheblichen Schwierigkeiten für diejenigen mit weniger Fachexpertise, eine klare Botschaft der Ergebnisse dieser wissenschaftlichen Studien zu kommunizieren.

Dieser Artikel beleuchtet eine Studie von Climate Asia, in der 2012, 2016 und 2018 private Haushalte zu alltäglichen Erfahrungen und zum Umgang mit dem Klimawandel befragt wurden. Die Studie umfasste 4985 Haushalte in ganz Indonesien. Dieser Artikel nimmt Bezug auf die zwei aktuelleren Erhebungen.

Aufklärung hauptsächlich in größeren Städten

Für die Öffentlichkeit ist die Diskussion über Auswirkungen und Abmilderung des Klimawandels sowie die Anpassung daran noch neu. Obwohl weltweite Initiativen schon Mitte der 1990er begannen, wurde die Thematik in Indonesien erst im Jahr 2007 nach der UN-Klimakonferenz auf Bali bekannt. Aufgrund der Geschehnisse im ersten Jahrzehnt des neuen Jahrtausends legte man in Indonesien den Schwerpunkt auf die Risikominimierung bei Naturkatastrophen, beispielsweise von Tsunamis und Erdbeben.

Die Studie von Climate Asia zeigte, dass die Aufklärung über den Klimawandel hauptsächlich größere Städte erreicht. Die Befragung ergab, dass 57 Prozent der Stadtbewohner*innen bereits von Aufklärungskampagnen und -programmen über die Auswirkungen des Klimawandels gehört hatten. Demgegenüber haben 68 Prozent der Befragten aus ländlichen Gebieten noch nie davon gehört.

Erste Kampagnen konzentrierten sich auf größere städtische Gebiete, um das Wissen über den Klimawandel allmählich in ganz Indonesien zu verbreiten. Aus meiner Beobachtung der aktuellen Kampagne stelle ich fest, dass der meistgenutzte Jargon efek rumah kaca (Treibhausgaseffekt), pemanasan global (globale Erderwärmung), kerusakan lapisan ozon (Ozonabbau), kerusakan fungsi hutan (Entwaldung) und gas buang industri (Industrieemissionen) beinhaltet. Diesem Fachjargon folgt dann eine Liste von Handlungen, um den Klimawandel abzumildern.

Die Regierung verbreitet regelmäßig Informationen über den Klimawandel durch die Meteorologische, Klimatologische und Geophysische Behörde (BMKG). Diese Behörde initiiert für gewöhnlich Gespräche zu diesem Thema auf nationaler Ebene. Darüber hinaus werden Informationen über Mainstream- und soziale Medien verbreitet. Da die Kampagne vor allem von den nationalen Behörden ausgeht, erreicht der Fachjargon hauptsächlich Menschen in städtischen und industriellen Gebieten.

In meinen Gesprächen mit der Regierung, mit internationalen Behörden, der Zivilgesellschaft und Medienorganisationen bestehen diese darauf, dass die Kommunikationsmaßnahmen gut in der Öffentlichkeit verbreitet wurden. Nichtsdestotrotz gestehen sie ein, dass Hürden überwunden werden müssen, um das Verständnis für die Thematik zu erhöhen. Besonders die Nutzung von Fachjargon und wissenschaftlicher Sprache seien weniger relevant für das Alltagsleben.

Der Klimawandel – ein Thema der Elite

Eine unausgeglichene Verteilung der Kampagne wird sehr deutlich. Jakarta und andere größere Städte waren Epizentren der Kampagne. Die Bevölkerung dieser Regionen haben von den nationalen und internationalen Aufklärungskampagnen stark profitiert. Diese Kampagnen hoben vor allem die ‚grünen‘ Aktivitäten hervor. Dazu zählen beispielsweise, mit dem Fahrrad zur Arbeit zu fahren, den Stromverbrauch einzudämmen und weniger Plastik zu nutzen.

In einem Gespräch mit einem NGO-Mitglied in Jambi (Sumatra) wurde mir erklärt, dass die Herausforderungen des Klimawandels im Allgemeinen kaum diskutiert werden.

Klimawandel hat in der Gesellschaft unterschiedliche Bedeutungen. Stadtbewohner*innen sind um ihre Umwelt besorgt. 43 Prozent der Befragten verstehen Klimawandel als extreme Wetterereignisse wie Überflutungen und Dürrezeiten. Stadtbewohner*innen gaben an, dass die Aufklärung zum Klimawandel sie kaum auf die Auswirkungen des extremen Wetters vorbereiteten, nur 18 Prozent fühlten sich vorbereitet.

Ländliche Bevölkerung fühlt sich abgehängt

Im ländlichen Raum war das Bewusstsein und Verständnis für den Begriff ‚Klimawandel‘ eher gering mit Ausnahme von Kalimantan. Es fällt in jenen Gebieten höher aus, in denen die Regierung und Zivilgesellschaft stark eingegriffen haben. In Kalimantan haben 74 Prozent der Befragten schon einmal vom Begriff ‚Klimawandel‘ gehört. Grund dafür ist, dass die Region [das Hauptkohlerevier Indonesiens, d.R.] im Mittelpunkt der Diskussionen um Biodiversitäts- und Moorlandverlust sowie um Waldbrände steht. Obwohl die Anzahl der Befragten, denen der Begriff Klimawandel nicht fremd ist, sehr hoch ist, konnten nur 29 Prozent diesen tatsächlich auch verstehen.

Die Kampagnen von Seiten der Regierung enthalten zwar geläufige Begriffe wie ‚Flut‘, ‚Erdrutsch‘ oder ‚Dürre‘, aber die wissenschaftliche Kommunikation schafft es nicht , auszudrücken, was der Klimawandel in spezifischen Zusammenhängen wirklich bedeutet. Die Narrativen, die der ländlichen Bevölkerung vorgesetzt werden, sind vor allem Ausflüchte der nationalen Klimaagentur.

Die große Mehrheit der ländlichen Bevölkerung nannte fehlende Ressourcen als Hürde, um auf den Klimawandel zu reagieren. Sie sind der Überzeugung, dass Aktivitäten zum Klimaschutz teuer und unerreichbar seien. Auch das Unwissen über Handlungsmöglichkeiten und der fehlende Zugang zu Informationen werden als Hemmnisse von rund 50 Prozent der Befragten genannt.

Im Großen und Ganzen fühlt sich die ländliche Bevölkerung, bombardiert mit dem Fachjargon zum Klimaschutz, im Stich gelassen.

Die aktuelle Kommunikation führt dazu, dass diejenigen, die am stärksten vom Klimawandel betroffen sind, am wenigsten dagegen ausrichten können. Überraschenderweise waren Landwirtinnen zynisch gegenüber sich selbst (61 Prozent), wenn es um die Anpassung an den Klimawandel geht.

Die Bevölkerung, die von der Natur abhängt, wie etwa Landwirt*innen und Fischer*innen, benötigt Informationen, die sie in ihrem Lebensalltag unterstützen. Sie würden auch Informationen über Techniken begrüßen, die die Umwelt nicht weiter belasten. Das Wissen das Landwirt*innen vor der so genannten ‚Grünen Revolution‘ noch besaßen, wurde nicht an die nächste Generation weiter gegeben. Stattdessen gerieten Bäuer*innen in die Abhängigkeit von chemischen Düngemitteln, um ihre Ernteerträge anzukurbeln. Saaten wurden von den Märkten bezogen, anstatt sie selbst zu ziehen/kultivieren.

Die derzeitigen Methoden misslingen auch deshalb, weil die Qualität des Bodens abnimmt. Dazu kommen die Folgen des Klimawandels: In Bali suchen Landwirt*innen aufgrund wiederholter Ernteausfälle beispielsweise inzwischen nach Maissetzlingen, die lange Trockenzeiten besser überstehen. Insgesamt muss der Fokus auf einer Klima-Bildung liegen, die die finanziellen und sozialen Vorteile der Anpassung an den Klimawandel in den Vordergrund stellt.

Kommunikation muss näher an Bedürfnissen der Menschen sein

Ohne die bisherigen und fortlaufenden Bemühungen zur Klimawandel-Aufklärung schlecht reden zu wollen, muss diese Lücke geschlossen werden. Um die Bemühungen auf die nächste Ebene zu bringen, muss die Kommunikation in Indonesien sich auf die Vermeidung von Fachjargon konzentrieren, wenn es um die Aufklärung der Öffentlichkeit geht. Es muss einen Paradigmenwechsel in der Kommunikationsstrategie geben.

Es müssen dringend Informationen bereitgestellt werden, die der Bevölkerung helfen, Bewusstsein, Motivation, den Glauben an sich selbst, Wissen und Kompetenzen aufzubauen, damit sie entsprechend handeln können. Dabei stehen Nahrungsmittelsicherheit, Wasser und Obdach, wirtschaftliche Potentiale und Sicherheit, Minimierung von Naturkatastrophen und der Umgang mit Klimakrisen im Vordergrund. Außerdem sollten die Kampagnen den Austausch innerhalb der Gemeinschaften über gemeinsame Herausforderungen und Zusammenarbeit unterstützen.

Übersetzung aus dem Englischen von: Tiara Fausel und Tanja Matheis.

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Vietnam: Reiseprospekte über das Mekongdelta schwärmen von saftig grünen Reisfeldern, Bäuerinnen mit runden Spitzhüten, Mangrovenwäldern und schwimmenden Märkten. Die Idylle trügt. Denn der steigende Meeresspiegel frisst Meter um Meter Land dieser fruchtbaren Landschaft.

„Die Küstenerosion in der südlichsten Provinz Vietnams beeinträchtigt Tausende von Menschen. Die Behörden ergreifen Maßnahmen zur Anpassung an den Klimawandel, bevor die Schäden irreversible Ausmaße erreichen“, schrieb die Journalistin Van Chau am 1. Dezember 2019 in der Online-Zeitung Viet Nam News. Betroffene äußerten sich in dem Artikel wie folgt: „Vor einigen Jahren befand sich das Meer etwa 100 bis 200 Meter von meinem Haus in Dat Mui entfernt. Jetzt ist das Meerwasser nur 10 bis 15 Meter entfernt und bereits in meinen Brunnen eingedrungen“, berichtet Tran Van Ut, ein Landwirt in der südlichsten Provinz Cà Mau. Das hat für ihn vielfältige Folgen. „Ich kann doch zum Duschen kein Süßwasser kaufen, erstens weil nicht genug zur Verfügung steht, und selbst wenn ich Geld habe, ist es zu teuer. Wenn ich schmutzig von der Arbeit zurückkomme, springe ich einfach in mein Garnelenzuchtbecken.“

Offizielle Zahlen der Behörden bestätigen dieses individuelle Bild im großen Rahmen. Seit 2005 erfährt das Mekongdelta eine jährliche Erosion von etwa 300 Hektar. Zwischen 2010 und 2015 sank die Region auf dem größten Teil ihrer Fläche zwischen fünf und zehn Zentimeter. Ein Anstieg des Meeresspiegels um 30 cm könnte nach Angaben der OECD den Verlust von fast 200.000 Hektar Reisanbau bedeuten.

Menschen auf der Flucht

„In den letzten Jahren hat das Salzwasser begonnen, vom Ozean aus weit ins Landesinnere des Deltas vorzudringen, und zwar in einem solchen Ausmaß, dass die Landwirt*innen von ‚Salzzeit‘ sprechen. Einige sind vom Reisanbau auf die Zucht von Garnelen umgestiegen, die im nun brackigen Wasser zurechtkommen“, heißt es in der erwähnten OECD-Studie. Viele Familien sehen bereits heute keine Chance mehr für ihre Zukunft im Delta. Die Folgen des Klimawandels verursachen die Vertreibung von Menschen, die seit Generationen am Mekongdelta leben. Von rund 18 Millionen haben in den vergangenen Jahren schon 1,7 Millionen dem Delta den Rücken gekehrt. Eine Studie von Oanh Le Thi Kim und Truong Le Minh von der Van Lang Universität in Ho Chi Minh Stadt legt nahe, dass bei 14,5 Prozent der Migrant*innen der Klimawandel der dominierende Faktor war, das Mekongdelta zu verlassen. Wenn diese Zahl zutrifft, zwingt der Klimawandel jedes Jahr 24.000 Menschen dazu, die Region zu verlassen, um den schwierigen Bedingungen und der damit verbundenen Armut zu entkommen.

Vietnam versucht, mit viel Geld gegen die ökologischen Probleme vorzugehen. Mangrovenwälder werden wieder aufgeforstet. Stabile Uferböschungen sollen den Landfraß stoppen und neue Dämme, Schleusen und Sperrtore das Brackwasser von den Reisfeldern fernhalten.

Wasserversorgung ist langfristig bedroht

Nicht nur für die Einzelnen, sondern auch für die Behörden im Mekongdelta ähnelt der Kampf gegen die Probleme des Klimawandels dem Bemühen von Sisyphos. Lokale Gemeinschaften pumpen zum Beispiel in gemeinsamen Aktionen Grundwasser für Bewässerung, Aquakultur und Trinkwasser. Dies beschleunigt aber das Eindringen des Meerwassers und damit die Versalzung der Böden. Das Pumpen führt nämlich zu zusätzlichen Landabsenkungen und erschöpft die unterirdischen Wasservorräte. Dies bedroht die Wasserversorgung langfristig.

Die Dorfgemeinschaften und einzelne Bäuerinnen und Bauern steigen, unterstützt durch die Behörden, auf andere Produkte um. Zusätzlich zum Reis züchten sie Garnelen. Dies funktioniert bislang recht gut. Der Bedarf an Garnelen auf dem Weltmarkt ist groß und die Bäuerinnen und Bauern erzielen bei der Garnelenzucht den doppelten Ertrag im Vergleich zu Reis (vgl. Artikel „Möglichst billig, aber bitte mit Gütesiegel“ auf suedostasien.net). Allerdings ist dieser Erfolg schon wieder gefährdet, weil viele Menschen Ähnliches versuchen und auch andere Regionen in Südostasien auf diesen Zug aufspringen.

Behörden und Wissenschaftler*innen aus Europa und Vietnam schlagen vor, den Reisanbau klimaresistenter auszurichten, was der Jahrhunderte alten Tradition der Eigenversorgung entspräche. Weitere Empfehlungen sind auf Obst und Blumen oder auf Viehzucht umzusteigen, zum Beispiel Kaninchen und Bienen, anstatt Reis anzubauen. Für die viele Bäuerinnen und Bauern mit niedrigem Ausbildungsniveau bietet das keine langfristige Perspektive. Bleiben also nur noch Konzepte zur Industrialisierung, wie sie vor allem von internationalen Investor*innen vorgeschlagen werden. „Der Aufbau von Windkraftanlagen boomt“, schreibt Viet Nam News. Ob damit Millionen von Bäuerinnen und Bauern eine alternative Lebensgrundlage finden, ist mehr als fraglich.

Menschengemachte Probleme

Das rasante Wirtschaftswachstum am Mekong, in Vietnam selbst und insbesondere beim großen Nachbarn China verschärft die Probleme im Delta. Zu nennen ist hier die große Zahl von Staudämmen am Oberlauf des Mekong in China und in Laos. Sie verknappen das Wasser in den unteren Flussregionen und die fruchtbaren Sedimente, die das Mekongdelta im Laufe der Jahrtausende erst geschaffen haben. Mit dem Strom wollen die Erbauer*innen der Staudämme Geld verdienen. Denn Strom wird dringend gebraucht für die Industrialisierung und für angenehmere Lebensbedingungen der Menschen. Vor allem Laos baut auf die Einnahmen aus dem Export von Strom, da es ansonsten kaum Möglichkeiten sieht, Mittel für die Verbesserungen der Infrastruktur und Lebensbedingungen zu erwirtschaften. Profiteure sind allerdings vor allem internationale Finanzierungs- und Baukonzerne, die die Staudammprojekte planen, bauen und betreiben (vgl. Artikel „Riesendesaster statt Modellprojekt“ auf suedostasien.net).

Für Staudämme und andere gewaltige Infrastrukturprojekte wie Straßen, Brücken und Hochhäuser werden Unmengen an Beton und damit Sand benötigt. Dieser ist knapp, was dazu führt, dass der illegale Sandabbau in den Deltas der großen Flüsse, also auch im Mekongdelta, zunimmt. Ein vom Bundesministerium für Bildung und Forschung finanziertes Projekt „Catch-Mekong“ an der Leibnitz Universität Hannover kommt zu dem Schluss, „dass der Nachschub von Sedimenten aus dem Mittel- und Oberlauf des Mekong bereits heute zu gering ist, um die Sandentnahmen im Delta auszugleichen. Vor dem Hintergrund der intensiveren Nutzung der Wasserkraft am Mekong und mit dem Bau von mehr als einem Dutzend neuer Stauanlagen verschärft sich die Problematik der Stabilität des Mekong im Unterlauf und im Delta infolge eines zusätzlichen Rückhalts von Sedimenten im Mittel- und Oberlauf.“

Vietnam unterstützt Pariser Klimaabkommen

Schon 2016 hat die Regierung einen Plan zur Implementierung der Klimaschutzabkommen von Paris vorgelegt. Es fehlt auch nicht an ehrgeizigen Plänen zur Verbannung der Millionen die Luft verpestenden Mopeds aus Hanoi, Ho Chi Minh Stadt oder Da Nang. Gegenüber dem rasanten Wirtschaftswachstum bleiben die Pläne weitgehend wirkungslos. Hanoi bleibt laut Greenpeace eine der Städte mit der schlechtesten Luft in Südostasien. Auch bei diesem Problem sucht Vietnam Unterstützung aus Deutschland. Im November 2019 organisierte das vietnamesische Ministerium für Natürliche Ressourcen und Umwelt (MONRE) mit Unterstützung der Hanns-Seidel-Stiftung (HSF) einen Konsultationsworkshop zur Bewertung der Umsetzung der Nationalen Umweltschutzstrategie bis 2020 und zur Skizzierung der Strategie im Zeitraum 2021-2030. Die Regierung fördert außerdem Projekte „Jugend für den Umweltschutz“ gemeinsam mit der EU. Eine Bewegung vergleichbar mit ‚Fridays for Future‘ steht in Vietnam noch in den Anfängen (vgl. Artikel „Das Klimaregime muss dekolonisiert werden“ auf suedostasien.net).

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„Ein wahrer Wissensschatz!“

Südostasien- Wenn Indonesiens Wälder großflächig brennen, wird die ganze Region mit einer Dunstglocke aus giftigem Qualm (Haze) überzogen. Helena Varkkey von der University of Malaya in Kuala Lumpur erforscht die Ursachen der Waldzerstörung und erklärt, warum der Schutz von Torfböden entscheidend im Kampf gegen den Klimawandel ist.

Im Sommer und Herbst 2019 konnten wir in den Medien beobachten, wie Indonesiens Wälder wieder in Flammen standen. Wie haben sich die Waldbrände 2019 im Vergleich zu den Vorjahren entwickelt, vor allem im Vergleich zu 2015?

Waldbrände haben wir in Südostasien relativ regelmäßig. In Indonesien treten sie normalerweise jedes Jahr in der Trockenzeit auf. Das hat sowohl natürliche als auch Menschen gemachte Gründe. Ich beschäftige mich vor allem mit dem grenzübergreifenden Charakter der Feuer. Ob Brände zu einem grenzübergreifenden Problem werden hängt sehr stark von den Wetterverhältnissen ab. 2019 hatten wir eine sehr trockene El Niño Saison.

El Niño ist ein wiederkehrendes Wetterphänomen, mit einer Kombination aus extremer Trockenheit, wenig Regen und sehr starken Winden, das alle drei bis fünf Jahre auftritt. 2015 hatten wir einen extrem starken El Niño und 2019 ist er erneut eingetreten. 2016, 2017 und 2018 war es dagegen nicht so trocken und der Wind war nicht stark genug, um die Feuer zu einem grenzüberschreitenden Problem zu machen.

Grenzübergreifend meint, dass der Rauch, auch ‚Haze‘ genannt, zu einem grenzübergreifenden Problem wird?

Wenn ich von einer grenzübergreifenden ‚Haze‘-Episode spreche, dann meine ich damit, dass der Rauch der Feuer, die in der Regel in Indonesien auftreten, sich über die Grenzen hinweg auf die Nachbarstaaten ausbreitet. Die unmittelbar betroffenen Länger sind Singapur und Malaysia. Wenn es sehr schlimm wird, kann der Smog auch noch weiter nach Norden vordringen.

Im Extremfall kann der Rauch bis zu sechs Länder erreichen, bis hoch zu den Philippinen und Thailand. Aber 2019 war es nicht ganz so extrem und betraf [neben Indonesien selbst] „nur“ Malaysia, Singapur und Brunei.

Was sind direkte Auswirkungen der Feuer für die lokale Bevölkerung in den betroffenen indonesischen Regionen Kalimantan und Sumatra, aber auch auf das Leben in den Nachbarländern?

Es ist nicht einfach, die Intensität der Situation in Indonesien mit dem zu vergleichen, was wir in Malaysia erleben. Ich bin Malaysierin, also mache ich Untersuchungen und Beobachtungen dazu, welche Auswirkungen ‚Haze‘ auf Malaysia hat. Aber im gleichen Atemzug müssen wir immer auch im Blick behalten, wie viel schlimmer die Lage in Kalimantan und Sumatra ist. 2019 hatten wir in Malaysia PSI-Werte von 300 [der Pollution Standard Index ist ein Messsystem, das die Konzentration von Schadstoffpartikeln in der Luft angibt], was schon ein sehr gefährliches Level ist.

Aber in Indonesien, nahe den Epizentren des Feuers, stiegen die Werte auf 2.000 PSI. Du kannst dir vorstellen, wir haben 300 schon als sehr belastend wahrgenommen, aber 2.000 über dem Boden, in Atemhöhe, das ist viel, viel schlimmer. Das hat drastische Auswirkungen auf die Gesundheit der Menschen. Die Feuer aus brennender Biomasse produzieren sehr kleine Russpartikel, 2,5 Pikometer oder noch kleiner, die klein genug sind, um sie einzuatmen.

Das führt zu nachhaltigen und langfristigen Gesundheitsproblemen, vor allem für sehr junge und sehr alte Menschen. Wenn du den Rauch einatmest, verklebt er deine Lungen und geht direkt in deinen Blutkreislauf, was zu Atemproblemen führt und bereits bestehende Erkrankungen stark verschlechtern kann. Neuere Forschungsergebnisse schätzen die Zahl der durch ‚Haze‘ verursachten Todesfälle in Südostasien auf 100.000 Menschen, davon 90.000 in Indonesien. Gleichzeitig haben die Brände auch enorme wirtschaftliche Auswirkungen, denn wer krank ist, kann nicht zu Arbeit gehen.

Das führt zu einem Produktivitätseinbruch. Gleichzeitig gehen die Touristenzahlen zurück. Und viele andere Bereiche sind ebenfalls beeinträchtigt, zum Beispiel die Fischerei. Fischer*innen können aufgrund der schlechten Sicht nicht mehr aufs Meer raus fahren und deswegen wird weniger Fisch gefangen.

Im Kontext des Klimawandels wird derzeit viel über brennende Torfwälder diskutiert.

Ja, Torfgebiete sind ein großer Teil des Problems und das ist eng verbunden mit der Art der Landnutzung in Indonesien. Torfwälder sind eine einzigartige und besonders sensible Form von Land in unserer Region. Indonesien hat den größten Anteil von Torfgebieten in den tropischen Regionen der Welt.

Torfwälder sind normalerweise feucht und mit Wasser geflutet und in diesem nassen Zustand sind sie ein einzigartiger Kohlenstoffspeicher. Wenn Blätter, Zweige und anderes organisches Material der ursprünglichen Torfwälder auf den Boden fallen, sinken sie unter die Wasseroberfläche. Der Kompostierungsprozess, der normalerweise den Kohlenstoff freisetzt, wird unter Wasser eingeschlossen.

Die Probleme beginnen, wenn man Torfgebiete trockenlegt und dass passiert in Indonesien und Malaysia häufig, um Land für Plantagen nutzbar zu machen. Dann wird all der Kohlenstoff, der in den Böden unter Wasser eingeschlossen war, schlagartig freigesetzt. Das heizt den Klimawandel an. Vor einigen Jahren rutschte Indonesien auf Rang drei der weltweit größten Treibhausgasproduzenten.

Schuld daran waren nicht Industrialisierung und die Verbrennung fossiler Energieträger wie Kohle oder Öl, sondern die beschriebenen Landnutzungsänderungen. Hinzu kommt, dass Torfgebiete, wenn sie erst einmal trockengelegt sind, äußerst feueranfällig sind. Und wenn sie Feuer fangen, dann wird der Kohlenstoff noch schneller in die Atmosphäre geblasen.

Das heißt, wenn Torfwälder brennen, wurden sie vorher von Menschen trockengelegt?

Ja, denn im natürlichen Zustand sind Torfwälder mit Wasser geflutet. Wenn sie brennen, hat das in der Regel etwas mit Eingriffen des Menschen zu tun. Waldbrände treten nicht nur in Torfgebieten auf. Aber der Charakter des Feuers ist entscheidend und er wird dadurch bestimmt, auf welchem Boden es sich ausbreitet.

Feuer, die auf Torfböden brennen, setzten viel mehr CO2 frei. Außerdem sind sie viel schwerer zu löschen. Torfböden sind quasi reiner Treibstoff. Das Feuer in Torfgebieten kann sich unter die Erde verlagern. Dann brennt der Boden buchstäblich und man sieht Rauch aus der Erde aufsteigen. Brennende Torfgebiete machen nur 40 Prozent aller Waldbrände in Indonesien aus, aber sie verursachen 80 bis 90 Prozent des ‚Haze‘ und der Treibhausgasemissionen.

Du forschst seit vielen Jahren in Indonesien und Malaysia zu den Entwicklungen der Feuer. Was sind, deiner Meinung nach, die Hauptursachen der Waldbrände?

Eigentlich existiert in Indonesien eine ganze Reihe von Gesetzen, die Torfwälder schützen sollen. Erst kürzlich hat der Präsident ein Moratorium auf die Umwandlung von Torfwälder in Plantagen verhängt. Das Problem dabei ist jedoch, dass Torfgebiete auch sehr attraktiv für Plantagenunternehmen sind . Es gibt eine Reihe von Gründen dafür: Erstens sind Torfwälder reich an wertvollen Tropenhölzern, die verkauft und als Start-Up-Kapital für die weitere Erschließung genutzt werden können.

Zweitens liegen Torfgebiete meistens auch in sehr abgelegenen Regionen, in denen es kaum Dörfer gibt. Das heißt, die Plantagenunternehmen müssen sich weniger mit der lokalen Bevölkerung und der Kompensierung von lokalen Gemeinden befassen.

Ein dritter Grund ist, dass ungenutztes Land für die Plantagenentwicklung generell immer knapper wird und Unternehmen deswegen auch verstärkt in Torfgebiete vordringen. Obwohl es rechtlich untersagt ist, dass Torfwälder abgeholzt und erschlossen werden, stehen ein Viertel aller Plantagen in Indonesien auf Torfböden.

Wie ist das möglich?

Ich argumentiere in meinen Publikationen, dass das mit einer starken Kultur der Patronage zusammenhängt. Patrone, die üblicherweise in der Regierung oder öffentlichen Verwaltung sitzen, schützen und unterstützen ihre Klienten, die im Businesssektor tätig sind, indem sie bestimmte Landrechte an sie vergeben. Dies mag in ihrer Macht liegen, aber sie folgen dabei nicht den rechtlichen Regelungen und Prozedere. Dabei spielt auch Indonesiens System der Dezentralisierung eine Rolle.

Die Lokalregierungen haben die Kontrolle über die Vergabe von Land. Gleichzeitig wurde auch das Steuersystem teilweise dezentralisiert und die Lokalregierungen müssen ihr Budget über das Erheben von Steuern selbst generieren. Die lokalen Regierungschefs, die Bupati [Landräte] haben also die Macht, Staatsland herauszugeben und gleichzeitig sind sie auch auf die Steuereinnahmen angewiesen. Und natürlich sind sie auch an der Möglichkeit interessiert, Schmiergeld zu kassieren. Im Prinzip umgehen sie dann die Regulierungen der Zentralregierung und verteilen Land – auch Torfwälder – an ihre Freunde und Familienmitglieder in den Plantagenunternehmen.

Wie kommt es dann zu den flächendeckenden Waldbränden?

Das hängt stark mit den Praktiken der Unternehmen zusammen. Allein die Tatsache, dass sich die Plantagen auf Torfböden befinden, setzt sie schon einem enorm hohen Feuer-Risiko aus. Leider sind viele Unternehmen bereit, dieses Risiko einzugehen, weil die Plantagen einfach so lukrativ sind. Aber die Situation eskaliert auch deswegen, weil manche Unternehmen Feuer benutzen, um das Land vollständig zu roden, nachdem die wertvollen Tropenhölzer bereits gefällt wurden. Das ist der einfachste und billigste Weg, Gestrüpp und Baumstümpfe loszuwerden und das Land für die Bepflanzung vorzubereiten. Aber wenn man Feuer auf Torf legt, verbreitet es sich schnell unkontrolliert weiter. Und dann haben wir die riesigen Brände, wie wir sie immer wieder sehen.

Was hat die indonesische Regierung bis jetzt getan, um die Brände zu bekämpfen? Präsident Joko Widodo (Jokowi) hat ja versprochen, das ‚Haze‘-Problem innerhalb einer Legislaturperiode zu lösen. Wir würdest du seine Politik beurteilen?

Jokowi hat dem ‚Haze‘-Problem sehr viel Aufmerksamkeit geschenkt, weil es eines der ersten Probleme war, mit dem er sich auseinandersetzen musste, als er [2014, d.R.] ins Amt kam. Ich denke Jokowi hat das Herz am rechten Fleck, aber leider sind einige grundlegende Maßnahmen im Politikbetrieb untergegangen.

Der grenzübergreifende Charakter des Haze-Problems führt dazu, dass die Folgen der Brände nicht nur in Indonesien, sondern auch in den Nachbarländern spürbar sind.

Aber Indonesien hat sich bis jetzt sehr unwillig und unzugänglich gezeigt, mit ASEAN zu kooperieren, um das ‚Haze‘-Problem auf einer regionalen, zwischenstaatlichen Ebene anzugehen. Viele der großen Palmöl- und Tropenholzkonzerne kommen aus Malaysia und Singapur. Die Präsenz der anderen ASEAN-Staaten in Indonesien liegt auf der Hand. Deswegen ist es nicht hilfreich, den anderen den Schwarzen Peter zu zuspielen und sie zu beschuldigen, aber gleichzeitig keine Offenheit und Transparenz im Teilen von Informationen zuzulassen.

Singapur hat ein Transboundary-Haze-Gesetz, dass die strafrechtliche Verfolgung von Entitäten außerhalb Singapurs möglich macht, wenn diese für die Verursachung von ‚Haze‘ verantwortlich sind. Aber Indonesien hat sich bis jetzt nicht sehr kooperativ gezeigt, Singapur Zugang zu wichtigen Informationen zu geben. Ich denke, diese transnationale Zusammenarbeit wäre ein wichtiger Schritt, aber sie wird derzeit von Indonesien blockiert.

Das indonesische Umwelt- und Forstministerium hat beispielsweise im Rahmen seiner Untersuchungen eine ganze Liste von Plantagenunternehmen veröffentlicht, die im Verdacht standen, in das Legen von Feuer involviert zu sein. Und das wurde sozusagen dazu benutzt, auf Malaysia zu zeigen, nach dem Motto: „das sind eure Leute, die dafür verantwortlich sind“. Aber als Malaysia dann Unterstützung angeboten hat, haben sie die nicht angenommen.

Wenn Indonesien behauptet, dass malaysische Firmen in die Verursachung der Waldbrände involviert sind, dann sollten sie ihre Informationen transparent machen und Malaysia erlauben zu ermitteln, zu helfen und ihre eigenen Feuerwehreinheiten zu schicken.

Welche Maßnahmen hat Jokowi bis jetzt umgesetzt, um die Ursachen der Feuer zu bekämpfen?

Auf der lokalen Ebene hat Jokowi schon einiges getan. Er hat zum Beispiel die Badan Restorasi Gambut aufgebaut (Agentur zur Restauration von Torfgebieten). Sie soll Torfgebiete, die in der Vergangenheit durch Feuer zerstört wurden, wieder rehabilitieren. Das ist eine sinnvolle Initiative, aber sie fokussiert nur auf brachliegende, besitzerlose Torfgebiete. Sie bleibt leider unklar darüber, was mit den Torfgebieten passiert, die sich unter Konzessionen von Plantagenunternehmen befinden.

Jokowi hat auch versucht, das Patronage-Problem anzugehen, in dem er den Umgang mit dem Feuer zu einem Key-Perfomance-Indikator von Armee- und Polizeichefs gemacht hat. Wenn die nun in ihrem Amtsbereich Waldbrände haben, laufen sie jetzt Gefahr, ihre Posten zu verlieren. Das ist eine gute Initiative, aber sie schließt nicht die Gouverneure und lokalen Regierungschefs ein, weil diese nicht durch die Zentralregierung eingesetzt oder entlassen werden können.

Zu weiteren Maßnahmen, die Jokowi ergriffen hat, gehört auch die Zusammenlegung des Umwelt und Forstministeriums. Dies war mit der Annahme verbunden, dass Umwelt-Angelegenheiten dann auch bei den Forstbehörden einen höheren Stellenwert bekommen. Aber ich denke, dadurch, dass das Forstministerium die stärkere Behörde ist, kam es eher dazu, dass die Umweltangelegenheiten innerhalb des neu zusammengelegten Ministeriums in den Hintergrund gedrängt wurden.

Darüber hinaus hat Jokowi das Moratorium auf die Vergabe von neuen Konzessionen für Ölpalmplantagen dauerhaft verlängert. Das ist ein sehr wichtiger Schritt, wenn er richtig implementiert wird. Aber Präsidialverordnungen bleiben von begrenzter Wirkung, solange sie im Parlament nicht durch Gesetzte verankert werden. Das Moratorium anzukündigen heißt noch nicht automatisch, dass es auch umgesetzt werden wird.

Schließt das Moratorium auch Konzessionen ein, die bereits vergeben wurden?

Das ist ein weiteres Problem dabei, das ist eines der Schlupflöcher. Konzessionen, die bereits vergeben wurden, sind – soweit ich weiß – nicht mit eingeschlossen. Ganzheitlich betrachtet hat Jokowi im Vergleich zu vorherigen Präsidenten zwar bis jetzt am meisten Einsatz gezeigt, aber sein Einfluss auf der lokalen Ebene ist einfach begrenzt. Was noch dazu kommt ist, dass es sich um ein saisonales Problem handelt, das kommt und dann wieder verschwindet.

Wenn es brennt, dann richtet sich alle Aufmerksamkeit darauf, aber wenn die Feuer abgeklungen sind, tritt das Thema wieder in den Hintergrund. Das Budget der Peatland Restoration Agency wurde beispielsweise nach einigen Jahren wieder zusammengestrichen, weil die Feuer in den Jahren zwischen den El Niños nicht mehr so schlimm waren. Kontinuität ist aber sehr wichtig, wenn es um die Bekämpfung der Brandursachen geht. Denn Prävention ist am allerwichtigsten. Wenn die Feuer bereits da sind, dann ist es zu spät, sie zu kontrollieren.

In Europa wird in der Öffentlichkeit darüber diskutiert, ob ein Boykott von Palmöl helfen kann, die Expansion von Plantagen und damit auch die Waldbrände zu stoppen. Die Europäische Union hat vor diesem Hintergrund entschieden, Palmöl aus dem Förderprogramm für Biodiesel auszuschließen. Ist das der richtige Weg?

Ich halte das für keine gute Idee. Ich denke, Palmöl aus dem Agrartreibstoffprogramm auszuschließen, verbreitet das Bild, dass Palmöl grundsätzlich nicht nachhaltig ist. Darin sehe ich ein Problem. Nicht jede Form von Palmöl ist schlecht. Indem man den Markt einfach blockiert, unterbindet man auch die Nachfrage nach nachhaltigem Palmöl.

Der Roundtable on Sustainable Palm Oil (RSPO) hat große Probleme, Absatzmärkte für sein zertifiziertes Palmöl zu finden. Unternehmen, die nachhaltiges Palmöl produzieren, können es nicht zu einem Premiumpreis verkaufen, weil es keinen Markt dafür gibt. Dadurch, dass die EU den Markt blockiert, verschärft sie die Situation für diese Unternehmen, die bereits Aufwand betrieben haben, um nachhaltiger zu werden.

Aber das Argument ist doch, dass Agrartreibstoffe die Nachfrage nach Palmöl weiter nach oben treiben und damit immer auch zu einer Expansion der Plantagen führen.

Das stimmt, aber der Punkt ist doch, dass Biodiesel so oder so produziert und genutzt wird, ob mit oder ohne Palmöl. Und wenn man Palmöl verbietet, muss man es durch ein anderes Öl ersetzen. Andere Pflanzenöle sind aber weniger effizient, das heißt, sie verbrauchen mehr Fläche. Das heißt, man triggert damit die Abholzung von Wald an einem anderen Ort, möglicherweise in einem noch größeren Ausmaß, zum Beispiel mit Soja oder Raps. Wenn es stattdessen eine größere Nachfrage nach nachhaltigem Palmöl für Biodiesel gäbe, könnte man der Industrie Anreize setzen, sich nachhaltiger zu verhalten.

Was verstehst du denn unter nachhaltigem Palmöl? Auch zertifizierte Palmölplantagen sind bekannt dafür, große Mengen Pestizide und Kunstdünger einzusetzen, was auf lange Sicht unter anderem die Böden übersäuern kann.

Wenn man viele Chemikalien und Kunstdünger benutzt, ist das natürlich nicht sehr nachhaltig. Die Palmölindustrie wendet immer noch Praktiken an, die überhaupt nicht nachhaltig sind, und eine davon ist die Trockenlegung und Bebauung von Torfgebieten. Aber wenn man sich an nachhaltige Anbaumethoden hält, verursachen Palmölplantagen weniger Probleme.

Dabei geht es darum, weniger Chemikalien einzusetzen und vorteilhafte Züchtungen zu benutzen. Anstatt Chemikalien zu nutzen, sollte man sich auf hochwertige Palmen konzentrieren, die gute Samen produzieren. Anstatt zu expandieren, sollte man intensivieren. Man konzentriert sich auf die Plantagen, die man schon hat und produziert mehr Ertrag und bessere Qualität, anstatt permanent neues Land zu roden.

Ich glaube, es ist möglich, Palmöl nachhaltig zu produzieren. Und meine Aufgabe als Wissenschaftlerin ist es, bestimmte Praktiken, die ich für nicht nachhaltig, sondern schädlich halte, offen zu legen und ihre politischen und ökonomischen Hintergründe zu diskutieren. Letztlich müssen wir gegen diese Praktiken vorgehen, um eine nachhaltigere Industrie zu schaffen. Denn für uns, in diesem Teil der Welt, ist Palmöl sehr wichtig, es ist ein wichtiger Wirtschaftsfaktor, der auch Entwicklung ermöglicht.

Wenn du von Intensivierung sprichst, kann das nicht auch einen weniger nachhaltigen Effekt haben, wenn man die Erträge durch immer höheren Einsatz von Agrarchemikalien steigert?

Ja, wenn man immer mehr Kunstdünger benutzt, kann das nicht nachhaltig sein. Aber es gibt auch andere Wege. In Malaysia haben wir eine Regierungsbehörde, die daran forscht, wie man Palmöl nachhaltig anbauen kann. Beispielweise pflanzen sie kleine Kletterpflanzen zwischen den Palmen an, die den Boden mit Nährstoffen versorgen. Dadurch lässt sich Kunstdünger vermeiden.

In Europa sind viele sehr skeptisch gegenüber dem RSPO, weil es so viele Fälle gab, in denen Palmölunternehmen die Standards verletzt haben und nicht suspendiert oder innerhalb des Systems sanktioniert wurden. Hat der RSPO nicht ein Problem damit, seine Standards, die auf der internationalen Ebene beschlossen wurden, auf der lokalen Ebene durchzusetzen?

Ich kann verstehen, dass es Skepsis gibt – der RSPO ist kein perfektes System. Aber ich denke, er ist als Ausgangspunkt gut genug. Der RSPO erneuert seine Regulierungen und Standards immer wieder, das ist ein Prozess. Ich hoffe, dass er sich noch verbessern wird und in der Zukunft dann auch von mehr Ländern akzeptiert wird.

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Indonesien: Recycling soll Ressourcen und somit auch das Klima schützen. Doch statt des für die indonesischen Papierfabriken benötigten Altpapiers beinhalteten importierte Container bis zu 70 Prozent Plastik. Das landet direkt in der Umwelt oder wird verbrannt – sogar in Tofufabriken.

Deutschland ist bekannt für seinen hohen Papierverbrauch: Im Schnitt verbrauchen die Deutschen 250 kg Papier pro Jahr. Als größter Papierproduzent in Europa verbraucht Deutschland viel Frischfaser. Das Holz dazu stammt von Bäumen aus Skandinavien, Indonesien und Brasilien. Wird statt Frischfaser Altpapier eingesetzt, können Energie und Wasser eingespart werden. Somit bleiben die Bäume als Kohlenstoffspeicher und Sauerstofflieferanten erhalten und das bereits produzierte Papier findet seinen Weg zurück in die Recyclingkette. Soweit die Theorie.

Deutschland gilt als Recyclingmeister. Doch unser Müll gilt auch dann als recycelt, wenn er tatsächlich exportiert wird. Was im Importland mit dem Müll passiert, wird von deutscher Seite nicht kontrolliert.

Mit dem Müllimportstopp Chinas Anfang 2018 änderten sich die Wege des Altpapierstroms. China wollte nicht länger die schlechte Qualität des importierten Altpapiers hinnehmen und führte eine 1-Prozent-Fehlwurfquote ein. Diese kann von kaum einem Exportland erfüllt werden. Indien folgte dem chinesischen Vorbild. Infolgedessen wichen die Exporteur*innen auf andere (asiatische) Länder aus, darunter auch Indonesien (mehr zum Thema Plastik und Plastikmüll auf suedostasien.net).

Im Interview erzählt der indonesische Fotograf und Umweltaktivist Fully Syafi von den Auswirkungen des illegalen Plastikmülls im Altpapierimport.

Wie sind Sie auf das Thema Müllimporte aufmerksam geworden?

Als ich anfing für Ecological Observation and Wetland Conversation (ECOTON) zu arbeiten, informierte ich mich verstärkt über das Thema der Müllimporte nach Indonesien. ECOTON ist eine NGO, die sich mit der Erhaltung von Flüssen befasst, vor allem dem Brantas, dem längsten Fluss in Ost-Java. Als ich mich mit dem Problem von Plastikmüll im Altpapier auseinandersetzte, öffnete mir das die Augen dafür, wie komplex dieses Thema ist. Meiner Meinung nach ist es hochproblematisch, dass Indonesien seinen eigenen Müll noch nicht verarbeiten kann und zusätzlich mit Müll aus dem Ausland belastet wird.

Wie läuft der legale Altpapierimport ab?

In Ost-Java gibt es sehr viele Papierfabriken. Es gibt ungefähr 22 Fabriken, die im Zusammenhang mit den illegalen Plastikmülleinfuhren stehen. Es gibt auch Papierabfälle aus dem Ausland, aus Deutschland, den USA, Japan, aus verschiedenen Ländern. Am Ende aber kommt der Plastikmüll hierher. Dieser ist nicht legal, weil eigentlich ja nur Papier importiert wird. Also, nur der Altpapierimport ist legal. Aber das Altpapier enthält bis zu 70 Prozent illegalen Plastikmüll.

Wie hoch ist das Bewusstsein der Bevölkerung über diesen illegalen Handel innerhalb des legalen Altpapierhandels? Sind sich die Leute in Ost-Java, also in und um Surabaya, dessen bewusst?

Eigentlich wissen sie darüber Bescheid, aber die Importfirmen des Altpapiermülls können sich den Müll ja nicht aussuchen. Sie nehmen das an, was ankommt. Die Papierfabriken benutzen dann das Altpapier, der Plastikabfall wird verkauft und den Anwohner*innen, die in der Umgebung der Fabrik leben, zur Verfügung gestellt. Diese verkaufen den Plastikabfall dann weiter.

Wer klärt die Bevölkerung über diese Geschäfte und die Auswirkungen auf?

Es gibt keine Aufklärung. Zumindest nicht an den Orten, an denen ich die Berichterstattung für ECOTON gemacht habe

Kann man Ihrer Meinung nach gegen diese Geschäfte vorgehen?

Ja, das ist sehr gut möglich. Die Lösung liegt bei der Regierung, da dies ein regulatorisches Problem ist. Hier geht es um Einfuhrvorschriften für Plastik. Aber auch in den Exportländern, wie zum Beispiel Deutschland, sollten entsprechende Vorschriften umgesetzt werden, sodass die anfallende Müllmenge im eigenen Land bewältigt werden kann.

Wenn wir über das Geschäftliche reden: Das importierte Papier und auch das Plastik wird in den lokalen Papier- und Plastikfabriken benötigt. Die Bedarfe der Fabriken können nicht durch die lokal erzeugten Müllmengen erfüllt werden. Es gibt Vorschriften, die das regeln. Aber es wird illegal, wenn zusätzlich falsch deklarierter Plastikmüll und medizinischer Abfall eingeführt werden. Was da eingeführt wird, ist zum Teil giftiger Müll.

Welche Auswirkungen hat der Altpapierimport mit diesen „Zusatzbestandteilen“ auf die Umwelt?

Ich glaube, das Papier hat keine Auswirkungen auf die Umwelt, denn genau das wird von den Papierfabriken gebraucht. Auswirkungen hat der Kunststoff. Nicht alle Kunststoffe, die hier aus dem Ausland ankommen, haben einen Verkaufswert. Es können also nicht alle weiterverkauft werden. Die negativen Auswirkungen entstehen dadurch, dass dieser Müll dann einfach in der Umgebung abgeladen wird. Wenn er dort lange liegt, werden die Gewässer und der Boden verschmutzt. Letztens betrifft es auch das Grundwasser. Der wertlose Plastikmüll wird aber auch von Tofu-Fabriken gekauft und als Brennmaterial für die Tofuherstellung verwendet.

Das ist doch aber sehr giftig.

Ja, in Deutschland weiß man sicher, dass das Verbrennen von Plastik Giftstoffe freisetzt. Wenn der Kunststoff verbrannt wird, tritt schwarzer, dioxinhaltiger Rauch aus. Die New York Times berichtete, dass die Organisation Ecological Observation and Wetlands Conservation ECOTON Eier aus der Region einer Tofufabrik testen ließ. Die Eier aus dem Dorf Tropodo (an der Ostküste Javas) enthalten einen der höchsten Dioxinwerte, die jemals in Asien gemessen wurden. Trotzdem wird weiterhin Plastik als Brennstoff verwendet, weil es günstiger als Holz ist.

Ist das Verbrennen von Plastik in Indonesien legal?

Es ist nicht verboten, es gibt keine Gesetze oder Vorschriften dazu. Das ist wie eine schlechte Angewohnheit der Indonesier*innen – der Müll wurde schon immer verbrannt.

Gibt es in diesen Orten niemanden, der*die Fabriken daran hindern kann, Plastik zu verbrennen?

Der Dorfvorsteher könnte das. Der Dorfvorsteher gibt eine Empfehlung ab, spricht aber kein Verbot aus. Doch die Empfehlungen sind nicht verpflichtend. Es gibt auch keine Strafen.

Gibt es eine Bewegung gegen den Plastikmüll?

Es gibt Widerstand, aber keine große Bewegung gegen den Müllschmuggel. Es gibt Programme an Schulen und viele Kampagnen wie den autofreien Tag oder Kampagnen gegen den Gebrauch von Plastik.

Was muss sich ändern?

Regierung, Einwohner*innen und NGOs müssen gemeinsam denken und zusammenarbeiten, um dieses Problem zu lösen. Dabei muss für Arbeit für die Anwohner*innen gesorgt werden, die aktuell auf den Verkauf von Plastikmüll angewiesen sind. Es müssen Regelungen gemeinsam mit der Regierung beschlossen werden, damit niemand benachteiligt wird.

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„Ein wahrer Wissensschatz!“

Südostasien/Philippinen: Obwohl die Region stark von den Folgen des Klimawandels betroffen ist, sind Vertreter*innen aus Südostasien in internationalen Klima-Gremien kaum präsent. Um Ursachen des Klimawandels zu bekämpfen und seine Folgen abzumildern, ist sektorübergreifende Kooperation von lokaler bis internationaler Ebene unerlässlich.

Während als Auswirkungen des Klimawandels in Südostasien vor allem starken Taifune und Überschwemmungen bekannt sind, haben auch die so genannten slow onset events (SOE) gravierende Folgen. Zu den SOEs zählen unter anderem der Anstieg des Meeresspiegels, steigende Temperaturen, Versauerung der Meere, Rückgang der Gletscher, Versalzung, Entwaldung, Verlust der Artenvielfalt und Wüstenbildung. Die schleichende Entwicklung von SOEs macht sie manchmal für das Klimaregime unsichtbar. Ihre direkte Zuschreibung zum anthropogenen Klimawandel ist nicht immer leicht zu ermitteln.

Politiker*innen handeln nicht mit der gebotenen Dringlichkeit

Die Kluft zwischen der Dringlichkeit der Wissenschaft und dem Handeln der führenden Politiker*innen der Welt ist in den letzten Jahren größer geworden. Während der Pariser Klimagespräche 2015 beauftragten die Länder den Zwischenstaatlichen Ausschuss für Klimaänderungen (IPCC) mit der Erstellung von Berichten über die Erwärmungsschwelle von 1,5 Grad Celsius. Bei den letzten beiden großen Klimakonferenzen der Vereinten Nationen in Kattowitz und Madrid kam es jedoch zu Unstimmigkeiten zwischen den Ländern darüber, wie diese Berichte anerkannt und umgesetzt werden sollten. Beide Konferenzen endeten daraufhin damit, dass die Teilnehmenden diese Entwicklungen – eigentlich ein Weckruf für politische Entscheidungsträger*innen weltweit – lediglich „anerkannten“, ohne sich auf konkrete gemeinsame Maßnahmen zu einigen.

Südostasien (SOA), eine Region, die sehr anfällig für die Auswirkungen des Klimawandels ist, hat keinen eigenen Verhandlungsblock in den UN-Klimaverhandlungen. Die Association of Southeast Asian Nations (ASEAN) veröffentlicht jedoch häufig gemeinsame Erklärungen zum Klimawandel, um ihre Verpflichtungen gegenüber der United Nations Framework Convention on Climate Change (UNFCCC) zu bekräftigen und Pläne zur Eindämmung und Anpassung aufzuzählen. Obwohl die ASEAN keine gemeinsame Verhandlungsposition hat, sind einige ihrer einzelnen Mitgliedsländer wie Kambodscha, die Philippinen und Vietnam Teil des Climate Vulnerable Forum (CVF), einer Partnerschaft von 48 Ländern des Globalen Südens, die den Aufruf zur Verankerung der 1,5-Grad-Celsius-Schwelle im Pariser Abkommen und zur Beauftragung der IPCC-Sonderberichte ausgelöst hat.

Obwohl das CVF kein formeller Verhandlungsblock ist, bietet diese Kooperationsplattform den Mitgliedsländern die Möglichkeit, sich auf gemeinsame Prinzipien zur Klimapolitik und -finanzierung zu einigen, die die Länder in die UN-Verhandlungen einbringen können. Die Staaten der Region bringen sich also auf verschiedenen Ebenen ein. Wie stark sie dies tun, hängt jedoch von der eigenen Regierung ab. Das Engagement multisektoraler Vertreter*innen südostasiatischer Länder im CVF ist ein Beispiel für eine starke sektorübergreifende Allianz und eine Plattform für die sektorübergreifende Zusammenarbeit auf internationaler Ebene.

Multi-Akteurs-Partnerschaften im Kampf gegen den Klimawandel

Mehrere Begriffe beschreiben sektorübergreifende Zusammenarbeit, so zum Beispiel Multi-Akteurs-Partnerschaften (MAP). Diese können als ein kooperativer Prozess definiert werden, an dem verschiedene Akteure beteiligt sind, die gemeinsam komplexe Probleme angehen. Oft werden MAPs von zivilgesellschaftlichen Akteuren initiiert und eher mit gemeinnütziger Arbeit verbunden, die auf die Durchführung von Projekten vor Ort ausgerichtet ist.

Video: ‘What are Multi Actor Partnerships’ c/o Germanwatch:

Der Begriff ‚transdisziplinär’ beschreibt Ansätze zur Bewältigung von Herausforderungen oder bezieht sich auf die Zusammensetzung von Teams. Transdisziplinarität wird als ‚echter Modus der Nachhaltigkeitsforschung’ angesehen, bei dem gemeinsame Lernprozesse zwischen Wissenschaft und Gesellschaft stattfinden. Transdisziplinäre Ansätze nehmen, ähnlich wie MAPs, das Beste aus verschiedenen fachlichen Welten und nutzen deren vielfältige Expertise, um Lösungen für Nachhaltigkeitsprobleme wie den Klimawandel zu erarbeiten. Mittels der Stärken von Transdisziplinarität und MAPs könnten die Auswirkungen des Klimawandels, insbesondere die von SOEs verringert werden.

Südostasien: Stark betroffen, aber in globalen Klima-Gremien unterrepräsentiert

Die Auseinandersetzung mit SOEs auf regionaler Ebene könnte auf einer kollaborativen Plattform geschehen. Diese könnte eine Form von MAP sein und Expert*innen und Akteure aus der Praxis einbeziehen. Die Land- und Forstwirtschaft und die Artenvielfalt sind die am stärksten vom Klimawandel in Südostasien betroffene Bereiche. Ohne Anpassung (Adaption) und Abmilderung (Mitigation) würden die klimatischen Auswirkungen zu großen Verlusten an landwirtschaftlichen Erträgen und biologischer Vielfalt in den Tropen und den maritimen Ökosystemen wie dem Korallendreieck führen. Die Asian Climate Experts, ein Netzwerk aus Wissenschaftler*innen aus Indonesien, den Philippinen, Vietnam und Thailand, verweisen ständig auf die gering ausfallende Repräsentation von südostasiatischen Wissenschaftler*innen auf dem globalem Parkett.

Die IPCC-Berichte basieren zwar auf fachlich begutachteter Forschung, jedoch fehlt es an Einsichten und Einfluss von südostasiatischer Seite. Die Einbeziehung von Expert*innen aus der Region in einen gemeinsamen Diskurs ist ein dringend notwendiger Schritt, um die Stimmen Südostasiens in internationalen Diskussionen über den Klimawandel sichtbar zu machen. Während auf regionaler Ebene noch viel zu tun ist, sind Initiativen auf Länderebene immer noch der Schlüssel zur Förderung der Forschung auf lokaler und kommunaler Ebene.

Adaption und Mitigation in den Philippinen

Die Philippinen stehen laut Global Climate Risk Index 2019 von Germanwatch an vierter Stelle unter den Ländern, die von 1998 bis 2018 von langfristigen Klimarisiken betroffen sind. Die Klimapolitik auf den Philippinen, wie z.B. das Klimaschutzgesetz von 2009, das durch den People’s Survival Fund geändert wurde, setzt nicht nur Schwerpunkte für Anpassungs- und Minderungsstrategien, sondern förderte auch Partnerschaften zwischen Regierungsbehörden, dem privaten und nichtstaatlichen Sektor und der Wissenschaft.

Die östliche Visayas-Region der Philippinen, eines der Gebiete, das 2013 vom Taifun Haiyan verwüstet wurde, ist ein gutes Beispiel für Multi-Akteurs-Partnerschaften. Im Jahr 2016 wurde der Entwicklungsplan für die Region der östlichen Visayas vom regionalen Entwicklungsrat genehmigt. Dieser Plan befasst sich mit Katastrophen- und Klimarisiken und stellte erfolgreich umfassende Pläne zum Umgang mit SOEs zusammen. Dies geschah in einem mehrstufigen Prozess, der von der Zivilgesellschaft angeführt wurde.

Der erste Schritt bestand darin, das politische Gremium der Provinz dazu zu bewegen, die Klimagrundsätze ihres Entwicklungsplans zu stärken. Eine politische Empfehlung, die sich herauskristallisierte, ist die Gewährleistung eines eigenen Budgets für die Forschung über SOEs in lokalen akademischen Einrichtungen. Ziel dieser Forschung ist es, einen Leitfaden für die sektorübergreifende Planung der Anpassung an den Klimawandel und der Abschwächung seiner Folgen zu entwickeln. Im Idealfall sollten die auf subnationaler Ebene entwickelten Strategien mit den Strategien auf lokaler Ebene einhergehen. Aber auch auf lokaler Ebene entstehen unabhängig von einem verbesserten subnationalen Plan bemerkenswerte, proaktive Klimaschutzmaßnahmen.

Lokale Klimaschutzpläne und Forschungskooperationen

Guiuan in den östlichen Visayas, war der Ort, wo der Taifun Haiyan als erstes auf Land getroffen ist. Guiuan liegt an der südöstlichsten Spitze der Insel Samar und verfügt über eine vielfältige Meeresflora und –fauna. Diese ist sowohl durch SOEs als auch durch extreme Wetterereignisse gefährdet. Nach dem Taifun Haiyan bildete die Lokalregierung die Guiuan Recovery and Sustainable Development Group for Resilience, um die Gemeinde beim Ausbau ihrer Widerstandsfähigkeit zu stärken. Die Gruppe diente als MAP-Plattform für die Anpassungsstrategien Guiuans an den Klimawandel.

Es wurden mehrere Risiko- und Verwundbarkeitsbewertungen und Übungen durchgeführt, um sicherzustellen, dass die Schaffung eines starken Klimaschutzplans, der übersichtlich und umsetzbar ist, gewährleistet ist. Die Kommunalverwaltungen haben dabei den Auftrag, einen lokalen Aktionsplan gegen den Klimawandel zu erstellen. Guiuan ging über dieses Mandat hinaus und entwickelte einen Aktionsrahmen für den Klimawandel. Dieser Aktionsrahmen bietet einen forschungsorientierten Planungsmechanismus mit einem 10-jährigen Anpassungsrahmen und dreijährigen Umsetzungsplänen.

Jüngste Studien, insbesondere in der östlichen Visayas-Region, weisen darauf hin, dass SOEs sogar schneller als die prognostizierten Klimatrends auftreten. Trotz Bemühungen wie der Anpassungsstrategie Guiuans an den Klimawandel sind also weiterhin Aktionspläne nötig. Philippinische Wissenschaftler*innen betonen, dass dafür kontinuierlich weitere Studien durchgeführt werden sollten. Um die Entwicklung in Guiuan weiter zu stärken, wurde die Expertise einer lokalen Universität, der Visayas State University, hinzugezogen, um Forschungsarbeiten, z.B. zur Versauerung der Ozeane durchzuführen.

Die Universität schulte dabei auch Gemeindemitglieder in der Datenerfassung vor Ort. Die Forschungsarbeiten liefern politische Empfehlungen, die die Kommunalverwaltung von Guiuan in die Entwicklungspläne der Gemeinde und die Umsetzung der Klimaanpassung einbezog. Dies führte zu einer anpassungsfähigen und sich ständig weiterentwickelnden Klimabilanz der Gemeinde.

Neben diesen Akteuren sind die NGOs Institute for Climate and Sustainable Cities (ICSC) und CORDAID in Guiuan aktiv. Diese vereinbarten eine Zusammenarbeit aufgrund des gemeinsamen Ansatzes bei der Stärkung lokaler Ansätze für integriertes Risikomanagement und der Planung der Anpassung an den Klimawandel durch ihre Partner-Lokalverwaltungseinheiten und Gemeindeorganisationen.

Das Erreichen einer funktionierenden Strategie zur Anpassung an den Klimawandel bei SOEs ist keine einmalige Sache, sondern ständige Kommunikation, die auf Partnerschaften mit diversen Akteuren aufbaut. Die Stadtverwaltung von Guiuan war bestrebt eine transdisziplinäre Klimapolitik zu entwickeln und umzusetzen, die aus jahrelangem Lernen mit ihren Partnern hervorgegangen ist. Erfolgreiche Klimamaßnahmen auf Gemeindeebene könnten sicherlich einen Dominoeffekt auslösen, der den Erfolg politischer Reformen auf lokaler und nationaler Ebene auslösen würde. Ihre Erfolge und Erfahrungen auf dieser Basis könnten die Philippinen wiederum in internationale Plattformen einbringen.

Übersetzung aus dem Englischen von: Kathrin Spenna

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1 | 2020, Philippinen, Rezensionen, Sonderausgabe Buchmesse,
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„Ein wahrer Wissensschatz!“

Indonesien: Die Regierung will über 1200 Änderungen an bestehenden Gesetzen vornehmen. Ihr Ziel: die Wirtschaft deregulieren und Investitionen ankurbeln. Auf Umweltschutz und die Rechte von Indigenen könnte sich das verheerend auswirken.

Die Regierung von Präsident Joko Widodo hat im Februar 2020 dem Parlament ein Omnibus-Gesetz vorgelegt, das mehr als 1200 Änderungsvorschläge zu mindestens 80 bestehenden Gesetzen beinhaltet. Der Regierung zufolge zielen all diese Maßnahmen darauf ab, die Investitionsbedingungen in Indonesien zu erleichtern mit der Absicht, das Wirtschaftswachstum über die 5 Prozent zu steigern, bei denen es sich seit 2014 festgefahren hat.

Aber der Omnibus-Entwurf droht, die ohnehin schon dürftigen Umweltschutzmaßnahmen zu erodieren. Der Prozess der Ausarbeitung sei intransparent und überstürzt, so Hariadi Kartodihardjo, ein Forstwissenschaftler an der Hochschule für Agrarwissenschaft in Bogor (IPB): „Der Prozess [zur Aushandlung] der Substanz [der Gesetzentwürfe] dauert noch lang“, sagte er. „Aber es scheint, die Politiker*innen wollen, dass es schnell geht. Wie ich gehört habe, sollen die Omnibus-Gesetze im Mai oder Juni [2020] vom Parlament verabschiedet werden.“

Die Regierungskoalition von Präsident Widodo kontrolliert drei Viertel der Sitze im Parlament, weswegen es wahrscheinlich ist, dass von der Regierung eingebrachte Gesetzentwürfe das Parlament weitgehend unverändert durchlaufen. Die Regierung erklärte, sie erwarte eine Verabschiedung der Gesetze innerhalb von 100 Tagen nach ihrer Vorlage.

Doch so viele deregulierende Bestimmungen in so kurzer Zeit durchzuwinken, lässt so gut wie keine Gelegenheit für eine gründliche Überprüfung. Nicht einmal ein gewisser Anschein von Umweltschutzbestimmungen werde gewahrt, so Laode Muhammad Syarif, Exekutivdirektor der NGO Kemitraan (Partnerschaft). „Wie soll man ein Gesetz in 100 Tagen verabschieden? Das ist unmöglich“, sagte er. „Wenn die Regierungsvertreter das unterstützen, wo sind sie zur Schule gegangen?“ Würde die Gesetzgebung überstürzt, entstünden Risiken, befürchtet Hariadi. „Und wer wird die Risiken tragen? Es sind die Investoren selbst.“

Das Ende der Umweltverträglichkeits-Prüfungen?

Einer der strittigsten Punkte im Omnibus-Gesetzentwurf ist die Lockerung der Anforderungen an Unternehmen und Bauträger zur Durchführung einer Umweltverträglichkeitsprüfung. Nach geltendem Recht ist eine solche Prüfung nötig, um je nach Umfang des Projekts entweder vom Umweltministerium oder von den lokalen Behörden eine Umweltgenehmigung einzuholen. Die Umweltgenehmigung selbst ist wiederum eine Voraussetzung für den Erhalt einer Geschäftsgenehmigung, die dann die Durchführung des Projekts ermöglicht.

Der Omnibus-Gesetzentwurf fordert die Überarbeitung oder den Widerruf von 39 bestehenden Artikeln über Umweltgenehmigungen, darunter Paragraphen im Umweltschutzgesetz von 2009 und im Forstgesetz von 1999. Dies würde zur Folge haben, dass Umweltgenehmigungen nicht länger Voraussetzung für eine Geschäftsgenehmigung sind.

Umweltverträglichkeitsprüfungen würden demnach nur noch für Projekte erforderlich sein, die als hoch riskant eingestuft werden, so Bambang Hendroyono, Generalsekretär des Umweltministeriums. „Eine Umweltverträglichkeitsprüfung wird nur [benötigt], wenn es sich um sehr große [Projekte] mit schwerwiegenden Auswirkungen auf die Umwelt handelt“, sagte er. „[In diesem Fall] wird öffentliche Kommunikation nötig.“

Darüber hinaus erklärte er, dass der Umweltschutz trotzdem bestehen bleibe, weil Unternehmen grundsätzlich auf Naturschutz bedacht seien. „Es gibt also keinen Grund zur Besorgnis, denn eine Umweltverträglichkeitsprüfung ist eine moralische Botschaft“, sagte er. „Unternehmen müssen Umweltprinzipien bedenken.“

Ein*e weitere*r Beamte des Ministeriums erklärte, die Regierung diskutiere momentan noch, welche Art von Projekten als hoch riskant eingestuft würden und daher immer noch eine Umweltverträglichkeitsprüfung erforderten.

Selbst dann könnten Unternehmen jedoch noch eine Geschäftsgenehmigung erhalten, bevor sie die Prüfung durchführten, so der koordinierende Minister für Recht und Sicherheit, Mahfud M. D. Er sagte weiter, dass als Sicherheitsvorkehrung zur Gewährleistung der Umweltverträglichkeit von Projekten nach dem Erwerb der Geschäftsgenehmigung und der Durchführung der Umweltverträglichkeitsprüfung eine Überprüfung stattfinden werde.

„Wenn die Genehmigungen erst nach der Umweltverträglichkeitsprüfung erteilt werden, wird es sehr lange dauern“, sagte Mahfud gegenüber lokalen Medien. „Den Menschen wird [vor der Erteilung der Genehmigungen] das Geld ausgehen.“

Umweltzerstörung ist jetzt schon enorm und irreversibel

Forstwissenschaftler Hariadi argumentiert, die Aufhebung der Anforderungen an eine Umweltverträglichkeitsprüfung und eine Umweltgenehmigung, um Investitionen zu erleichtern, wären katastrophal für ein Land, das ohnehin anfällig für Naturkatastrophen ist. Er wies dabei auf die Überschwemmungen und Erdrutsche hin, die Jakarta und die umliegenden Gebiete Anfang 2020 heimsuchten und mindestens 67 Menschen töteten sowie mehr als 173.000 Menschen vertrieben.

Umweltaktivist*innen schrieben die Schwere der Katastrophe der Abholzung und den Umweltschäden in den stromaufwärts gelegenen Gebieten zu. Dazu zählen auch Wohn- und Gewerbegebiete, die in Überschwemmungsgebieten und Wasserfassungsgebieten unter Verletzung von Flächennutzungs- und Umweltvorschriften gebaut wurden.

Hariadi prognostiziert, es könnte noch schlimmer kommen, wenn die Omnibus-Gesetze Umweltschutz vollständig außer Acht ließen und weist darauf hin, dass viele solcher Schutzmaßnahmen aus gutem Grund vorhanden seien. „Was ist nun mit den Paragraphen, die Investitionen in bestimmten Sektoren in der Tat aus Umweltgründen unterbinden?“, fragte er. „Das Problem ist, dass man diese Artikel nicht einfach beseitigen kann. Nehmen wir an, Sie wollen ein Auto bauen. Das Auto muss Räder haben, aber die Räder sind teuer. Wenn Sie die Räder loswerden, dann haben Sie auch kein Auto, nicht wahr?“

Nicht Umweltschutz, sondern Korruption verlangsamt die Verfahren

Hariadi meint, die derzeit hohen Kosten und die lange Wartezeit auf die Erteilung einer Umweltgenehmigung seien nicht auf aufwändige Anforderungen an die Umweltverträglichkeitsprüfung und die dafür nötigen wissenschaftlichen Untersuchungen zurückzuführen, sondern auf die unzähligen Möglichkeiten für Korruption im bürokratischen Prozess. Er zitiert eine von seiner Universität durchgeführte Studie, in der mindestens 32 Stufen des Verfahrens identifiziert wurden, die entweder von Beamt*innen zur Einforderung von Bestechungsgeldern missbraucht oder von Antragsteller*innen zur Umgehung von Vorschriften manipuliert werden könnten.

Henri Subagiyo, der ehemalige Exekutivdirektor des Indonesischen Zentrums für Umweltrecht (ICEL), erklärt, ein weiterer Faktor sei der Mangel an Umweltdaten, etwa zu den Kapazitäten der Flüsse des Landes. Jedes Mal, wenn ein Unternehmen beispielsweise eine Fabrik in der Nähe eines Flusses errichten will, muss es seine eigenen Daten von Grund auf neu sammeln, um festzustellen, wie viele Abfallprodukte es sicher in den Fluss einleiten kann.

„Umweltdaten können nicht von heute auf morgen generiert werden. Sie müssen über einen langen Zeitraum gemessen werden“, so Henri. „Aber das Problem ist, dass diese Daten oft nicht verfügbar sind, weil unsere Regierung sie nicht besitzt. Wir wissen nie, wie viel Abfall wir in die Flüsse einleiten können und trotzdem werden immer wieder Genehmigungen erteilt.“

Henri erklärt auch, dass der Umweltschutz, einschließlich der Forderung, eine Umweltverträglichkeitsprüfung durchzuführen, nicht als Hindernis für Investitionen angesehen werden sollte. Stattdessen sei sie ein wesentlicher Faktor zum Schutz von Investoren gegen zukünftige Unsicherheit. „Eine Umweltverträglichkeitsprüfung ist nicht nur ein Verwaltungsdokument. Es ist ein Leitfaden für Unternehmen zum Schutz der Umwelt“, führte Henri aus. „Wenn es ignoriert wird, besteht ein Umweltrisiko für die Unternehmen selbst. Die Umweltverträglichkeitsprüfung schützt die Unternehmen faktisch vor rechtlichen Bedrohungen.“

Ähnliche Anforderungen, so Henri, gäbe es auch in anderen südostasiatischen Ländern, die als investorenfreundlicher angesehen werden. Das deute darauf hin, dass es nicht die Umweltvorschriften seien, die diese aus Indonesien fernhielten.

Mas Achmad Santosa, ein Schifffahrtsexperte der Indonesischen Initiative für Gerechtigkeit im Ozean, pflichtet ihm bei, dass Indonesien Gefahr laufe, unter den Mitgliedsstaaten in der Vereinigung südostasiatischer Nationen (ASEAN) zum Außenseiter zu werden. „Umweltverträglichkeitsprüfungen werden universell praktiziert, insbesondere in den entwickelten Ländern“, erklärte er. „Alle 10 ASEAN-Länder fordern sie ein und der Trend geht eigentlich dahin, sie zu stärken, nicht sie zu schwächen.“

Abschaffung der Strafverfolgung für Geschäftsleute

Laut Forstwissenschaftler Hariadi finden sich noch weitere beunruhigende Bestimmungen in den Gesetzentwürfen, die derzeit noch ausgearbeitet werden. Eine entscheidende Änderung ist die Abschaffung der Strafverfolgung für Geschäftsleute, die Verstöße gegen Umweltverordnungen begehen. Stattdessen wird die empfohlene Höchststrafe der Entzug ihrer Geschäftsgenehmigungen sein.

Die Gesetzesvorlagen fordern auch eine Einschränkung der Öffentlichkeitsbeteiligung am Genehmigungsverfahren, um eine beschleunigte Ausstellung zu ermöglichen. Hariadi befürchtet, dies werde verhindern, dass die Bevölkerung über Projekte, die sie betreffen, umfassend informiert werde und könnte zudem Konflikte um Land und andere Ressourcen auslösen.

„Um eine rasche Erteilung von Genehmigungen zu ermöglichen, wird jegliche [öffentliche] Beteiligung gestoppt, solange [die Projekte] den Vorschriften für Flächennutzung entsprechen“, sagte er. „Es wird [Umwelt- und Flächennutzungs-] Probleme von sehr großem Ausmaß geben, aber die Beteiligung der Öffentlichkeit wird eingeschränkt werden. Wird das nicht zu Konflikten führen? Anstatt die Qualität der Öffentlichkeitsbeteiligung zu verbessern, wird sie einfach so fallengelassen.“

Bambang Hendroyono vom Umweltministerium sagte, die Öffentlichkeit werde weiterhin die Möglichkeit haben, mitzubestimmen – dies aber wiederum nur bei risikoreichen Projekten.

Dieser Artikel ist die übersetzte und redaktionell bearbeitete Fassung des am 11. Februar 2020 auf dem Umweltportal Mongabay erschienenen Artikels Experts see minefield of risk as Indonesia seeks environmental deregulation.

Übersetzung aus dem Englischen von Sophia Hornbacher-Schönleber

Das ist der erste Teil des Artikels „Profit geht vor Umweltschutz“ (hier geht’s zu Teil II).

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1 | 2020, Philippinen, Rezensionen, Sonderausgabe Buchmesse,
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„Ein wahrer Wissensschatz!“

Die Philippinen sind eines der Länder, die am stärksten von der Klimakrise betroffen sind. Sechs Jahre nach dem Super-Taifun Yolanda leben noch immer Tausende Menschen in provisorischen Behausungen. Der Wiederaufbau dient großen Unternehmen, die aus der Notsituation der Menschen Nutzen schlagen.

Trotz wachsenden Bewusstseins für die Klimaproblematik haben sich die Zustände in den Staaten, die am stärksten von den Auswirkungen des Klimawandels betroffen sind, nicht wesentlich verbessert. Auch die Philippinen zählen zu den am härtesten betroffenen Ländern. Jedes Jahr ziehen rund 19 Taifune durch den Inselstaat. Die Zerstörungen, die vor allem Super-Taifun Yolanda (international bekannt als Haiyan) im November 2013 auf den Philippinen hinterlassen hatte, zeigen die Realität einer verfehlten globalen Klimapolitik und nationalen Sozialpolitik. Yolanda hat nicht nur über 6.000 Filipin@s das Leben gekostet, sondern auch rund vier Millionen Menschen obdachlos gemacht. Wiederaufbauprogramme unterstützten Betroffene beim Bau neuer Häuser und neuer Lebensperspektiven.

Eine der größten Herausforderungen ist dabei die Umsetzung des staatlich geleiteten Programms zum Wiederaufbau von Häusern. Tausende Taifun-Betroffene leben heute noch in provisorischen Behausungen oder Zeltlagern. Im Jahre 2016, sechs Jahre nach Yolanda, hat die zuständige National Housing Authority (NHA) im Rahmen des Programms Reconstruction Assistance on Yolanda (RAY) nur 50% der geplanten 205.128 Häuser fertiggestellt und auch diese in nur mangelhafter Qualität.

Landraub statt staatlicher Hilfe

Darüber hinaus wurden zahlreiche Überlebende vom staatlichen Wiederaufbauprogramm ausgeschlossen. Auf der Suche nach Land für die Umsiedlung der Taifun-Überlebenden aus den unsicheren Küstenregionen hat die Regierung viele Kleinbäuer*innen in die Obdachlosigkeit gedrängt. Nach Yolanda (Haiyan) drohte ihnen aufgrund von fehlenden offiziellen Landtiteln eine Zwangsräumung. Zusätzlich wurde ihnen der Anspruch auf staatliche Unterstützungsleistungen zur Rehabilitierung ihrer Landwirtschaft verweigert.

Insbesondere Betroffene mit ungeregelten Landbesitzverhältnissen waren im Zuge von Wiederaufbauprogrammen von Landraub betroffen. Ermöglicht wurde dies vor allem durch die enge staatliche Kooperation mit Unternehmen des Privatsektors: Eine große Anzahl von Yolanda-Überlebenden wurden vom NHA-Wiederaufbauprogramm ausgeschlossen. Stattdessen konnten sich private Unternehmen des Wiederaufbaus ‚annehmen’. Unlautere finanzielle Angebote gegenüber Betroffenen sowie Gewaltandrohungen ermöglichten Landraub und Vertreibung.

Die Insel Sicogon

Ein Beispiel dafür ist die Insel Sicogon in der Provinz Iloilo. Auf der 1.163 Hektar großen Insel Sicogon arbeitet für das Wiederaufbau-Programm des ehemaligen Präsidenten Beningo Aquino III die Regierung mit Unternehmen zusammen. Eines der größten Bau- und Immobilienunternehmen, Ayala Land (kurz: Ayala), übernahm die Verantwortung für den Wiederaufbau. Allerdings zeigt die Situation heute, dass die Notsituation der Menschen dem Unternehmen zur Gewinnmaximierung in Form eines Tourismus-Projektes diente.

Zugleich hat der Umgang mit den Folgen von Yolanda einen langwierigen Landrechtsstreit mit dem privaten Unternehmen Sicogon Development Corporation (kurz SIDECO) verschärft. Im Zuge einer Joint Venture Partnerschaft von SIDECO und Ayala wurden die ungeklärten Landbesitzverhältnisse auf der Insel zu Gunsten von SIDECOs Tourismusprojekt genutzt. Die beiden Unternehmen verhinderten nach dem Taifun Yolanda, dass humanitäre Leistungen wie Baumaterial und Nahrung die Insel erreichten.

Ayala und SIDECO boten den Taifun-Betroffenen nach einem Monat lediglich zwei Optionen an: Entweder nehmen sie eine einmalige Zahlung von 150.000 Pesos (ca. 2.628 Euro) an, verlassen die Insel unverzüglich und kehren nie wieder zurück, oder sie erhalten 5.000 Pesos (ca. 88 Euro) und siedeln auf das Festland um, sobald Ersatzhäuser fertig gestellt würden. Aus Not nahmen über 200 Familien das unfaire Angebot an. Trotz der Notsituation lehnten 784 Familien der lokalen Federation of Sicogon Island Farmers and Fisherfolks Association (FESIFFA) die Angebote der zwei Unternehmen ab.

Sicogons sauberes Quellwasser, fruchtbares Ackerland und reiche Fischgründe bieten den rund 6.000 Inselbewohner*innen der drei Dörfer die notwendige Grundlage für den Erhalt ihrer Subsistenz-Wirtschaft. Der Erwerb von Landtitel(n) ist essenziell, um ihr Recht auf Nahrung, Wasser und Behausung auch weiterhin ausüben zu können. Schon 1919 hat der Oberste Gerichtshof den Sicogoner*innen genügend Platz für ihre Gemeinschaft, i.e. Plaza, Schule, Friedhof und Straßen, zugesprochen. Dies stellte die Grundbedingung für den ehemaligen Landbesitzer dar, den Landtitel für 809 Hektar Land (70% der Insel) erwerben zu können. Doch bis heute wurde der Bescheid von der Regierung sowie von den Unternehmen ignoriert.

Kampf um Landrechte

Anfang der 1980er Jahre wurde dieser Landtitel auf die wohlhabende Sarroza-Familie übertragen. Ihr Versuch durch das Familien-Unternehmen SIDECO, Sicogon in ein beliebtes Tourismusziel zu verwandeln, blieb allerdings erfolglos. Im Zuge der nationalen Landreform von 1988, ließ die zuständige Behörde für Agrarreform rund 335 Hektar von SIDECOs Land als Agrarland ausweisen, welches ab dem Jahre 2004 auf 256 begünstigte Bäuer*innen aufgeteilt werden sollte.

Seit 2004 hat FESIFFA insgesamt vier Mal eine gemeinschaftliche Bewirtschaftung des öffentlichen Waldes (282 Hektar) beantragt. Die ersten drei Anträge von FESIFFA wurden ignoriert. Der Regierungsbeschluss über den letzten Antrag vom September 2019 steht noch aus. Mit dem Einfordern ihrer Landrechte begannen bereits in den 1990er Jahren die Schikanen durch die Sarroza-Familie und ihr Unternehmen, SIDECO. Die Menschenrechtsverletzungen durch das SIDECO-Personal wurden nie strafrechtlich verfolgt.

Gemeinschaftsland in Kapitalistenhand

Die Auswirkungen des verfehlten Taifun-Wiederaufbaus erschwerten FESIFFAs jahrelangen Kampf um die Sicherung ihrer Lebensgrundlage. Durch Ayala erhielt SIDECO die notwendigen finanziellen Mittel und den politischen Einfluss, Sicogon zu einem Paradies für reiche Tourist*innen zu machen. Anstatt den Wiederaufbau gemäß der Vereinbarung zügig voranzutreiben, konzentrierten sich Ayala und SIDECO auf den Ausbau ihres Tourismusprojektes. Ayala und SIDECO beteuern, dass bereits drei Hektar mit 50 Häusern bebaut und erste Gelder für Berufstrainings aufgewendet wurden.

FESIFFA versichert hingegen, dass bisher nichts dergleichen mit ihrem Einverständnis geschah. Heute operieren bereits zwei Hotelanlagen. Wo früher Reisfelder waren, entstand ein Flughafen. Der Antrag der zwei Unternehmen auf Landumwidmung der knapp 335 Hektar Agrarland wurde von der Behörde für Agrarreform schon im Februar 2016 genehmigt. Aufgrund der unerfüllten Vereinbarung, reichte FESIFFA im August 2017 einen Widerrufungsantrag ein. Dieser wurde aber im Oktober 2019 von der Regierung abgelehnt.

Noch im März 2019 stellte der Sekretär der nationalen Behörde für Agrarreform auf Drängen von FESIFFA einen Bescheid (Cease and Desist Order) aus , private landowner, der einen vorübergehenden Baustopp für Sicogon veranlasste, bis der Landrechtsdisput geregelt ist. Ebenfalls im März 2019 verklagte FESIFFA acht Regierungsbeamt*innen des Department of Environment and Natural Ressources wegen Korruption und Bestechung.

Denn anstatt den Sicogoner*innen ihre Nutzungsrechte für öffentliches Land zu gewähren, stellte die Behörde im Jahre 2010 Nutzungsrechtszertifikate für öffentliche Landparzellen an Personen aus, denen enge Verbindungen zu Ayala und SIDECO nachgesagt werden. Diese hatten jedoch weder einen festen Wohnsitz auf Sicogon, noch konnten sie einen Besitz von mindestens 30 Jahren auf der Insel nachweisen, was eine Bedingung zum Erwerb der Zertifikate ist. Drei Jahre nachdem die Zertifikate ausgestellt wurden, gab die Umweltbehörde zu, dass diese aufgrund von fehlerhaften Landkarten unrechtmäßig waren. Auf Drängen von FESIFFA leitete die Behörde im Juni 2019 eine Untersuchung der Unregelmäßigkeiten ein. Seither wartet FESIFFA auf einen Bericht.

Unternehmensinteressen bedrohen Recht auf Wasser

Die Sicogoner*innen stellen sich nicht grundsätzlich gegen Tourismus, jedoch gegen einen Tourismus, der ihre Rechte bedroht. Zugang zu Landbesitz ist essenziell für das Recht auf Nahrung der ländlichen Bevölkerung. Die Regierung hat ihre Pflicht versäumt, gemäß dem Internationalen Pakt über wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte (WSK), das Recht auf Nahrung der Sicogoner*innen durch eine rasche Umverteilung von privatem und öffentlichen Landbesitzes zu sichern.

Auch das Recht auf Wasser der Sicogoner*innen ist bedroht. Anfang 2019 ließen Ayala und SIDECO trotz fehlender Genehmigung die einzige Trinkwasserquelle im öffentlichen Waldanteil für ihre Hotelanlagen umleiten. Anstatt die Inselbewohner*innen nach dem Taifun Yolanda mit der notwendigen humanitären Hilfe zu versorgen, wurde den Unternehmen der Wiederaufbau und das (Un-)Wohl der Bevölkerung überlassen.

Indessen wurde durch den Taifun Ursula Ende Dezember 2019 auch Sicogon wieder stark verwüstet. Über 1.000 Häuser sowie zahlreiche Fischerboote und Obstbäume wurden zerstört. Insbesondere der durch Ayala vorangetriebene Straßenausbau, der den natürlichen Wasserpfad blockiert, dürfte massiv zu Erdrutschungen und folglich zu den Zerstörungen der Häuser beigetragen haben. Genau wie vor sechs Jahren übernahm nicht der Staat, sondern Ayala die Verantwortung für Nothilfeleistungen an die betroffenen Inselbewohner*innen. Das Unternehmen bot an, zwei Millionen Pesos für den Wiederaufbau zu spenden. FESIFFA lehnte ab und forderte die Unterstützung der verantwortlichen Regierungsbehörde.

Klimagerechtigkeit heißt: Gemeinwohl statt Profitmaximierung

Trotz des täglichen Alptraums kämpfen die Inselbewohner*innen weiter für soziale Gerechtigkeit und dafür, auf Sicogon zu bleiben. Landraub ist ein politisches Problem, getrieben von ökonomischen Interessen. In einem Land, wo das Vertrauen in einen unabhängigen Rechtsstaat gering ausfällt und wo mit Geld politische Entscheidungen beeinflusst werden, hat ein millionenschwerer Immobilienriese wie Ayala leichtes Spiel, die Bewohner*innen einer kleinen Insel zu unterdrücken und zu manipulieren.

Problematisch ist vor allem, dass auf den Philippinen in vielen Fällen ökonomische und politische Eliten identisch sind und dass diese Eliten einen großen und wichtigen Teil der Medienkanäle besitzen. Auch wenn Pressefreiheit auf den Philippinen gesetzlich festgeschrieben ist, so leben Journalist*innen gefährlich, wenn ihre Berichte den Interessen der Eliten widersprechen. Unter diesen Umständen ist es für marginalisierte Bevölkerungsgruppen äußerst schwierig, sich medial Gehör zu verschaffen.

Der Klimawandel und seine Folgen sind ein globales Problem, von dem alle Menschen betroffen sind. Weltweit nehmen Extremwetterereignisse zu, nicht nur in den Ländern des Globalen Südens, sondern auch in Industriestaaten. Es braucht ein stärkeres globales Verantwortungsbewusstsein sowie einen konkreten Handlungswillen auf Seiten der Regierungen und des Privatsektors. Auf lokaler Ebene ist ebenfalls ein starker politischer Wille notwendig, der sich in den Dienst des Gemeinwohls stellt, statt der Profitmaximierung zu frönen.

Die Schwierigkeiten, die sich im Wiederaufbau nach dem Taifun Yolanda gezeigt haben, verdeutlichen, wie unvorbereitet Regierungen auf zukünftige Klimakatastrophen sind. Eine Grundvoraussetzung für klimaresiliente Lebensgrundlagen ist, dass Land- und Siedlungsrechte gesichert werden. Letztlich sollten die Menschen, die von der Klimakrise am meisten betroffenen sind, stärker in die politischen Diskussionen einbezogen werden.

Dieser Artikel ist eine redaktionell bearbeitete und gekürzte Fassung des im Februar 2020 in der Reihe Blickwechsel des Asienhauses erschienen Artikels.

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1 | 2020, Philippinen, Rezensionen, Sonderausgabe Buchmesse,
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„Ein wahrer Wissensschatz!“

Südostasien: Das „Routledge Handbook of Climate Justice“ ist eine reichhaltige Wissenssammlung. Es macht deutlich, dass Klimagerechtigkeit nicht an Landesgrenzen aufhören darf und auch nicht an gesellschaftlichen Grenzen. Um eine breite Leserschaft zu erreichen, ist das Buch aber leider zu teuer.

Ein Buch mit über 500 Seiten kann vieles. Es kann Briefe beschweren und den eigenen Kopf. Es kann Insekten erschlagen, genauso wie die Leser*innen. Es kann das Bücherregal bereichern und das eigene Wissen. Dem Handbuch zur Klimagerechtigkeit des Routledge -Verlags gelingt vor allem letzteres: Es bereichert das Wissen. Das Buch führt in den Diskurs der Klimagerechtigkeit ein und erklärt vielschichtig, wie die Klimakrise mit lokalen und globalen Fragen sozialer Gerechtigkeit verknüpft ist.

Nach einer Einführung in die bislang relativ kurze Geschichte des Diskurses sowie der Grundlagen der theoretischen Debatten setzen die Herausgebenden thematische Schwerpunkte, wie zum Beispiel Finanzen & Unternehmen, urbane Räume und Gender. Schon anhand der Schwerpunkte wird deutlich, dass Klimagerechtigkeit nicht nur über Landesgrenzen sondern auch über gesellschaftliche Grenzen hinweg gedacht wird. Sie ist ein Ansatz für alle, der genug Spielraum lässt, die grundlegenden Ideen auf den eigenen Lebens- und Arbeitskontext anzupassen.

Klimagerechtigkeit in Südostasien

Das Buch bietet Fallbeispiele aus fast allen Regionen der Welt. Zu Südostasien gibt es drei Beiträge. Anna Fünfgeld diskutiert die Gerechtigkeit im indonesischen Energiesektor. Sie stellt grundlegende Fragen zu politisch-ökonomischen Systemen, die hinter fehlender Gerechtigkeit in der Energieversorgung stecken und erklärt an Beispielen, wie ländliche Gemeinschaften in Indonesien sowohl bei der Energieerzeugung als auch beim Zugang zu Energie benachteiligt werden.

Roa Petra Crease, Meg Parsons und Karen Toni Fisher besprechen in ihrem Beitrag, wie die Geschlechter- und Klimagerechtigkeit sich in Projekten zur Anpassung an den Klimawandel auf den Philippinen überschneiden. Es geht zum Beispiel um Projekte von internationalen Hilfsorganisationen und der philippinischen Regierung in der Stadt San Fernando. Dort kämpfen marginalisierte Gruppen mit Wetterextremen, die sich durch die Klimakrise verstärken. Frauen sind davon besonders stark betroffen, da sie unter Mangelernährung leiden.

Die Autorinnen kritisieren, dass die vermeintlichen Lösungsansätze zur Anpassung an den Klimawandel gerade diese Frauen noch weiter gefährden. In den Projekten werden Frauen ausschließlich als Versorgerinnen und als verletzlich gesehen. Das sei gefährlich, so die Autor*innen, weil auf diese Weise die Rolle von Frauen als Wissensquelle, zum Beispiel in der Landwirtschaft, übersehen wird. Außerdem werden vorhandene Machtstrukturen verstärkt, indem mit ihnen gearbeitet und auf sie aufgebaut wird.

Frauen aktiv beteiligen

In einem anderen Beitrag analysieren So-Young Lee und Eric Zusman aus einer Geschlechterperspektive einige Maßnahmen zur Abschwächung der Folgen des Klimawandels und der partizipativen Klimapolitik in Südostasien. Auch sie beklagen, dass Frauen in der Problemanalyse einer Krisensituation und in der darauf aufbauenden Projektplanung oft als Opfer dargestellt werden. Außerdem werde bei der Implementierung von Maßnahmen übersehen, welchen aktiven Beitrag sie leisten, und wie vielfältig ihre Rollen in einer Gemeinschaft sein können. Fallstudien aus Laos, Kambodscha und Vietnam machen deutlich, wie eine Einbindung von Frauen in diese Projekte erfolgreich sein kann.

In Kambodscha werden Frauen zum Beispiel in die Herstellung und den Verkauf von nachhaltigen Kochern eingebunden, sowie auch in deren Integrierung in die nationale Strategie zur nachhaltigen Energiegewinnung. Sie sind nicht als Zielgruppe sondern aktiv am gesamtem Prozess beteiligt. In einem Pilotprojekt in Vietnam, das Biogasanlagen baut, werden Frauen dazu ausgebildet, sowohl die erste Anlage zu betreiben, als auch neue Mitarbeiter*innen für zukünftige Anlagen zu schulen. Im Rahmen dessen wurde der lokale Aktionsplan zu Umweltschutz und Klimawandel mit explizitem Einbezug von weiblichen Expertinnen überarbeitet.

Vielfalt an Autor*innen

Die Auswahl der Autor*innen für das Handbuch wurde mit Bedacht getroffen. Zwar sind diejenigen, die an anglophonen Universitäten des globalen Nordens arbeiten, immer noch überrepräsentiert, doch es wird ein Bemühen deutlich, Menschen mit möglichst verschiedenen Hintergründen eine Stimme zu geben – sei es Geschlecht, Herkunft oder beruflicher Status. Es sind sogar einige Beiträge von Studierenden zu lesen. Zudem gibt es Autor*innen, die nicht im akademischen Bereich arbeiten, sondern in Netzwerken oder Organisationen im Bereich Klimagerechtigkeit aktiv sind. Dadurch gelingt es dem Sammelband, nicht nur den akademischen Diskurs zu zeigen, sondern auch ein Verständnis für gelebte Klimagerechtigkeit zu vermitteln.

Eine Frage des Zugangs

Das Buch schließt mit einem Kapitel zu „Emerging Areas“. Hierbei geht es unter anderem in einem Beitrag von Sonja Klinsky um die Öffnung von Wissenschaft. Sie berichtet von ihren eigenen Erfahrungen, Forschungsmethoden neu zu denken, um eigene Vorurteile nicht von vornherein in Thesen und Forschungsfragen zu reproduzieren. Sie plädiert dafür, mehr Kooperationen einzugehen und den Menschen, die Zielgruppe von Studien sind, mehr Mitspracherecht und Raum zur eigenen Repräsentation zu geben.

Solidarische Kooperationen über Grenzen hinweg und auf Augenhöhe, das mache Klimagerechtigkeit aus, so Klinsky. Die Herausgeber haben sich bemüht, diesen Gedanken auch in der Konzeption des Sammelbandes umzusetzen – vollständig gelungen ist es ihnen allerdings nicht. Dies betrifft die Auswahl von Autor*innen aber letztendlich auch den Zugang zum Buch. Denn es ‚versteckt sich’ hinter einer Bezahlschranke von satten 123 englischen Pfund (~ 140 Euro) für die E-Book-Version bzw. 152 Pfund (~ 170 Euro) für das gedruckte Werk.

Rezension zu: Tahseen Jafry (Hg.): Routledge Handbook of Climate Justice. Routledge, 542 S., 2018.

Dieser Artikel erschien zunächst in der südostasien Ausgabe 1|2020 – „What do we want? Climate justice“ und ist Teil der südostasien – Sonderausgabe Buchmesse

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1 | 2020, Philippinen, Rezensionen, Sonderausgabe Buchmesse,
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„Ein wahrer Wissensschatz!“

Das ist der zweite Teil des Artikels „Profit geht vor Umweltschutz“ (hier geht’s zu Teil I).

Indonesien: Die Regierung plant ein Omnibus-Gesetz, das die Wirtschaft deregulieren und Investitionen ankurbeln soll. Kritiker befürchten, dass diesem Ziel Umweltschutz und die Rechte von Indigenen geopfert werden und werfen der Regierung Intransparenz vor.

Ein weiterer Novellierungsvorschlag im Rahmen des Omnibus-Gesetzes besteht darin, den Prozess der Deklarierung eines Gebietes als Waldgebiet einzuschränken. Wie die Beschränkung der Öffentlichkeitsbeteiligung hat auch diese Änderung der Ausweisung von Waldgebieten das Potenzial, Landkonflikte auszulösen, so Hariadi Kartodihardjo, Forstwissenschaftler an der Hochschule für Agrarwissenschaft in Bogor (IPB).

Entrechtung indigener Gruppen

Der Deklarierungsprozess erfordert momentan die Zustimmung der indigenen und Waldgemeinden, würde aber, wenn es nach der Regierung geht, in Zukunft diese weitgehend marginalisierten Gruppen umgehen. Der anschließende Kartierungsprozess soll elektronisch durchgeführt werden, wobei Satellitenbilder zur Beschleunigung des Prozesses verwendet werden sollen, erklärt Bambang Hendroyono, Generalsekretär des Umweltministeriums.

Hariadi prognostiziert, dass dies die Kluft zwischen den im Wald lebenden Gruppen und der Regierung sowie den Unternehmen, welche ihr Land im Auge haben, vertiefen werde, da letztere eher Zugang zur Technologie für die Erstellung der elektronischen Karten hätten. Die meisten bestehenden Landkonflikte in Indonesien betreffen umstrittene Grenzziehungen. Gruppen ohne Zugang zu elektronischen Karten wären beim Abstecken ihrer Ansprüche auf Land massiv benachteiligt, so Hariadi. „Stellen Sie sich doch nur vor, dass sie [diese Gruppen] sich auf die lokale Regierung und den Privatsektor verlassen müssen, die im Besitz der elektronischen Karten sind“, sagte er. „Ein Gebiet hat soziale und kulturelle Funktionen, es ist nicht nur eine Ware auf dem Papier.“

Durch das Omnibus-Gesetz soll das Mitspracherecht indigener und lokaler Gemeinschaften bei der Deklarierung von Waldflächen nun praktisch ausgehebelt werden. Die Dorfgemeinschaft von Sekonyer in Zentral-Kalimatan protestiert gegen das Palmölunternehmen PT Bumi Langgeng (BW Plantation) wehren. Auf dem Banner im Hintergrund fordern sie das Unternehmen auf, der Lokalbevölkerung ihre Rechte zurückzugeben. Beide Fotos © Rainforest Action Network (RAN), Flickr CC BY-NC 2.0

Ebenfalls im Zusammenhang mit den Waldgebieten steht der Vorschlag, eine bislang für alle Regionen gültige Verpflichtung zu streichen, die vorschreibt, mindestens 30% ihres jeweiligen Territoriums als Waldfläche zu erhalten.

Muhammad Iqbal Damanik, ein Forscher der Umwelt-NGO Auriga Nusantara, erklärt, dies würde es Bergbau- und Plantagenunternehmen, die derzeit illegal in Waldgebieten tätig sind, ermöglichen, ihre Verbrechen zu übertünchen. Diesen Unternehmen würde es im Rahmen der vorgeschlagenen Änderung möglich, zu beantragen, den Status des Landes von Wald auf Nicht-Waldgebiet zu ändern, wodurch ihre Aktivitäten legalisiert würden. „Die Perspektive [der Omnibus-Gesetze] ist also Ausbeutung“, sagte er zu Mongabay. „Es gibt darin keine Naturschutzperspektive.“

Anggalia Putri, Forscherin bei der NGO Madani, bekräftigt, dass die Regierung besser darauf drängen sollte, die Grenze auf über 30% zu erhöhen, insbesondere für Regionen wie Papua im Osten Indonesiens, das noch eine große Fläche intakten Naturwaldes besitzt. Selbst die Beibehaltung einer Mindestwaldfläche von 30% in Papua würde effektiv einer massiven Welle der Abholzung grünes Licht geben, erklärte sie.

Legal und doch unrechtmäßig

Trotz des hohen Stellenwerts der vorgeschlagenen Änderungen in den Omnibus-Gesetzen hat die Öffentlichkeit die Entwürfe noch immer nicht zu Gesicht bekommen. Präsident Widodo wies seine Beamten im Dezember dazu an, die Entwürfe der Transparenz zuliebe der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Dies ist immer noch nicht geschehen, was Gewerkschaften aufgrund von Spekulationen über umfassende Kürzungen der Sozial- und Sicherheitsbestimmungen für Arbeitnehmer*innen dazu veranlasst hat, Proteste gegen die Gesetzentwürfe zu organisieren.

Auch die nationale Ombudsstelle wurde übergangen. Als diese um ein Treffen mit dem Büro des koordinierenden Ministers für Wirtschaft zur Erörterung der Gesetzesvorlagen bat, wurde sie zurückgewiesen. Der Ombudsmann Ahmad Alamsyah Saragih erklärte, dies sei das erste Mal, dass seiner Stelle ein Treffen von einer Regierungsinstitution verweigert worden sei. Stattdessen forderte das Büro des Ministers den Ombudsmann dazu auf, eine schriftliche Empfehlung zu den Gesetzentwürfen abzugeben.

„Wie können wir eine schriftliche Empfehlung abgeben, wenn wir die Entwürfe nie erhalten haben?“ empörte sich Alamsyah. „Wir haben auch beobachtet, wie NGOs [um ein Treffen mit dem Büro des Ministers gebeten haben und] die gleiche Antwort erhielten.“

Laode Muhammad Syarif von der NGO-Kemitraan, der noch bis vor kurzem als Kommissar bei der nationalen Anti-Korruptionsbehörde KPK tätig war, sagte, der Mangel an Transparenz deute darauf hin, dass die Omnibus-Gesetze mit problematischen Artikeln durchsetzt seien. Er verglich sie mit dem umstrittenen Antikorruptionsgesetz, das 2019 von der Regierung entworfen und vom Parlament in ähnlich blitzschneller Weise verabschiedet wurde, wobei die KPK aus den Beratungen ausgeschlossen wurde. Die Regierung bestand zwar darauf, dass das Gesetz den Kampf der Behörde gegen die Korruption verstärken würde, aber tatsächlich hat das Gesetz nach seiner Verabschiedung die Möglichkeiten der KPK zur Durchführung von Ermittlungen massiv beschnitten.

Sowohl beim Antikorruptionsgesetz als auch bei den Omnibus-Gesetzen wurden die Verhandlungen hinter verschlossenen Türen geführt, zivilgesellschaftliche Gruppen ausgeschlossen und die Regierung drängte auf eine rasche Verabschiedung. Laode wirft die Frage auf, wozu die Heimlichtuerei diene, wenn die Regierung nichts zu verbergen habe und die Omnibus-Gesetze wirklich dem Gemeinwohl dienten. „Was soll hier verheimlicht werden, sodass die Entwürfe nicht [mit der Öffentlichkeit] geteilt werden?“, fragte er.

Hariadi ruft die Regierung dazu auf, transparenter mit den Gesetzesvorlagen umzugehen. „Schränken Sie die Beteiligung nicht ein“, fordert er. „Lassen Sie die Gesetzesvorlagen nicht legal und doch unrechtmäßig werden, indem Sie die Öffentlichkeit nicht in die Beratungen einbeziehen.“ Die Beteiligung der Öffentlichkeit sei wichtig, weil weder die Gesetzentwürfe noch die geltende Gesetzgebung die wirklichen Probleme, die größere Investitionen in Indonesien behindern, wie Korruption und Landkonflikte, angemessen angingen.

„Was [Investoren] im Weg steht, ist in Wirklichkeit durch Autoritätsmissbrauch verursacht“, so Hariadi. „Die Regierung und die Gesetzgeber*innen müssen die Tatsachen vor Ort betrachten, um die Probleme lösen zu können, die die Omnibus-Gesetze in Angriff nehmen sollen. Diese Probleme vor Ort sind zahlreich und sehr komplex. Sie können also nicht einmal eben so vereinfacht werden.“ Wenn überhaupt, so Hariadi, seien die Gesetzesvorlagen ein potentielles Minenfeld für Investoren, das weitere Probleme – wie Umweltzerstörung und Landkonflikte – zu schaffen drohe, welche Investoren bereits jetzt davon abhielten, nach Indonesien zu kommen.

Dzulfian Syafrian, ein Wirtschaftswissenschaftler am Institut für die Entwicklung von Wirtschaft und Finanzen (INDEF), stimmt zu, dass die Gesetzesvorlagen „tatsächlich kontraproduktiv dafür [sind], Investoren zu gewinnen.“ Eine Lockerung des Umweltschutzes würde Investoren schaden, weil Umweltschäden zu weiteren Problemen führen würden. „Aus wirtschaftlicher Sicht sind [Unternehmen und Regierung] auf der Suche nach kurzfristigem Gewinn und Profit“, sagte Dzulfian. „Sie sehen Nachhaltigkeit für die Entwicklung ihrer Geschäfte als unwichtig an.“

Er fügt hinzu, durch die Gesetzentwürfe würden etwa Investitionen in Kohlenwasserstoffe gefördert, die weder den Zielen Indonesiens zur Emissionssenkung noch seinen langfristigen Plänen für nachhaltiges Wachstum dienen würden. „Mit der Lockerung der Umweltvorschriften werden solche Unternehmen glücklich sein“, sagte Dzulfian. „Aber Investoren, die sich für die Umwelt einsetzen, werden ihre Zweifel haben.“

Dieser Artikel ist die übersetzte und redaktionell bearbeitete Fassung des am 11. Februar 2020 auf dem Umweltportal Mongabay erschienen Artikels Experts see minefield of risk as Indonesia seeks environmental deregulation

Übersetzung aus dem Englischen von: Sophia Hornbacher-Schönleber

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„Ein wahrer Wissensschatz!“

Indonesien: Der Dokumentarfilm „Sexy Killers“ thematisiert die massiven Eingriffe in die Natur durch Steinkohleabbau und die verheerenden Folgen für Mensch und Umwelt. Zugleich zeigt der Film, wie eng die Verzahnung von Politik und Unternehmen beim wertvollen Rohstoff Kohle ist.

Was hat eine Liebesnacht in einem Hotel mit einer Explosion in einer Kohlegrube zu tun? Der Film Sexy Killers führt seine Zuschauer vom Stromverbrauch diverser Elektrogeräte wie Klimaanlage, Haartrockner, Smartphone, Computer und TV dahin, wo dieser Strom seinen Ursprung hat. An die Orte, die nicht so sauber sind wie die weißen Bettlaken im Hotel in der Anfangsszene. Und in die Hintergründe aus Wirtschaft und Politik, wo es schmutzig zugeht wie in einer Kohlegrube.

Trotz ehrgeiziger Klimaziele: Indonesiens Kohleförderung steigt stetig. Indonesien ist nicht nur der zweitgrößte Exporteur von Steinkohle. Das viertgrößte Land der Welt mit einer Bevölkerung von 260 Millionen Menschen verbraucht zunehmend mehr des fossilen Brennstoffes bei der eigenen Energieversorgung (vgl. dazu auch den Artikel ‚Business as usual’ im Kohle- Revier auf suedostasien.net). Schätzungen zufolge wird der Energiesektor in zehn Jahren mehr als 50 Prozent von Indonesiens Treibhausgasemmissionen ausmachen.

Kalimantan: gefährliches Steinkohlerevier

In den Luftaufnahmen des Films sehen die gelben Bagger in Kalimantans Kohlegruben wie Spielzeug aus. Ebenso die LKWs, die ihre schwarze Last durch eine wüste Mondlandschaft abtransportieren. Kalimantan, der indonesische Teil der Insel Borneo, ist das größte Steinkohlerevier des Landes.

Zahlreiche Menschen leben in unmittelbarer Nähe zu den offenen Kohlegruben. Das Filmteam besucht diese Menschen und zeigt, wie sie leben. Wo früher Wälder waren, ausreichend Wasser und grüne Felder, sind heute Kohle, Staub und Trockenheit. Das Wasser, das die Menschen aus ihren Brunnen pumpen, ist trübe. Die Felder werden überschwemmt vom Schlamm, der entsteht, wenn sich der Kohlestaub mit Wasser mischt. „Sie verdienen das Geld, für uns bleibt der Schlamm“, sagt eine aufgebrachte Bäuerin vor der Kamera.

Die Ignoranz von Politikern und Unternehmen

Obwohl Kohleunternehmen dazu verpflichtet sind, die Kohlegruben am Ende der Nutzungszeit zu renaturieren, gibt es in Kalimantan Hunderte zurück gelassene Kohlegruben-Löcher, die sich mit der Zeit mit Regenwasser füllen. Nicht selten befinden sich die offenen Tagebaue direkt neben den Wohngebieten der Menschen. Zwischen 2011 und 2018 ertranken allein in der Provinz Ostkalimantan 32 Menschen in ehemaligen Kohlegruben, in ganz Indonesien waren es zwischen 2014 und 2018 in Kohlegruben insgesamt 115 Menschen.

Die Unternehmen zeigen kein Verantwortungsbewusstsein. Ebenso wenig tut es die Politik. Todesfälle geschähen nun einmal, er spreche sein Beileid aus, so der zynische Kommentar des Gouverneurs von Ostkalimantan. Vor laufender Kamera scherzt er darüber, ob es wohl möglicherweise Geister an den Gruben gebe. Und schließlich wüssten die Menschen doch, dass sie dort nicht schwimmen sollten.

Es ist die Stärke des Films, nah an den Betroffenen zu sein und zugleich die Verantwortlichkeit von Politik und Wirtschaft aufzuzeigen. Diese reichen im Geschäft mit der Kohle in höchste politische Ebenen. Kein Wunder, dass der Film, der von Watchdoc fünf Tage vor den Wahlen am 19. April 2019 veröffentlicht wurde, in Indonesien einschlug wie eine Bombe.

Binnen weniger Tage wurden mehr als 1.000 öffentliche screenings von Sexy Killers von zahlreichen Aktivist*innen organisiert. Binnen weniger Tage sahen Millionen Menschen den Film. Er machte deutlich, dass die der Öffentlichkeit im Wahlkampf suggerierte politische Rivalität im Wirtschaftsleben keine Rolle spielt. Präsident und Vizepräsident, ebenso wie ihre beiden Herausforderer, mehrere amtierende Minister bis zum als moralische Instanz geltenden Rat der Muslimgelehrten (MUI) – beim Geschäft mit der Kohle verdienen alle mit.

Dokumentationen, die den Mächtigen auf die Finger schauen

Der Name der Produktionsfirma „Watchdoc“ ist Programm. Seit Jahren macht das Team um die Filmemacher Dandhy Laksono und Suparta Arz Filme um Landkonflikte und ihre ökonomischen und politischen Hintergründe. Sexy Killers entstand als Teil einer Serie, für die Arz und Laksono ein Jahr lang auf dem Moped durch ganz Indonesien reisten. Einige der dabei entstandenen Dokumentationen gibt es inzwischen auch mit deutschen Untertiteln bzw. synchronisierte auf youtube, zum Beispiel The Mahuzes (über Landkonflikte in Papua, deutsche UT), Asimetris (über Palmöl und die Umweltfolgen, deutsche Synchronisation) und Samin vs. Semen (deutsche UT). Letztgenannte Doku, in der es um Umweltzerstörung durch Zementkonzerne geht, stellte Dandhy Laksono 2017 in zehn deutschen Städten, unter anderem auch beim Asientag in Köln, vor.

Akribische Recherche und glasklare Analyse zeichnen alle Watchdoc-Filme aus. Sie zeigen ungeschminkt die fatalen Auswirkungen der so unheilvollen wie weit verbreiteten Kombination von kapitalistischer Ökonomie und korrumpierbaren Politikern. Zum Watchdoc-Programm gehört, alle Dokus auf dem eigenen youtube-Kanal online zur Verfügung zu stellen und alle Interessierten einzuladen, öffentliche Filmscreenings zu veranstalten. Sexy Killers stellt gewissermaßen den bisherigen Höhepunkt des Watchdoc-Schaffens dar.

Die Themen gehen den Filmemacher*innen indes nicht aus. Obwohl ihre Häuser zum Teil selbst von den Überschwemmungen betroffen waren, drehte das Watchdoc-Team zum Jahreswechsel 2019/2020 in Jakarta engagierte Reportagen über die Folgen einer seit der Kolonialzeit verfehlten Stadtplanung in Jakarta. Dandhy Laksono schreibt darüber in dieser Ausgabe der südostasien.

Rezension zu: Sexy Killers, 89 Min, Indonesisch mit englischen Untertiteln, Indonesien 2019

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„Ein wahrer Wissensschatz!“

In Myanmar gibt es bislang wenig öffentliche Klimakommunikation und -bildung. Anastacia Howe und Nicole Tu-Maung organisieren deshalb Climate Talks (Klimagespräche). Im Interview berichten sie über ihre Ideen zur Umsetzung von Klimaschutzmaßnahmen.

Eure Organisation Conyat Create hat die Climate Talks im Januar 2019 gegründet. Was war Eure Motivation dabei?

Anastacia: Wir arbeiten viel zu Themen des Klimawandels, z.B. in der Wasser- oder Forstwirtschaft oder mit Gemeinden, um ein größeres Bewusstsein zu schaffen. Wir wollten unsere Erfahrungen an Menschen weitergeben, die im Einzugsgebiet von Yangon leben. Wir begannen, Interesse bei jungen Burmes*innen aus Yangon zu wecken. Wir alle wissen, dass Myanmar heute als das am zweithäufigsten gefährdete Land für Effekte des Klimawandels angesehen wird.

Welche Organisationen habt Ihr zuerst kontaktiert, um die Initiative in Gang zu bringen?

Anastacia: Wir wollten eine Möglichkeit für eine kostenlose Veranstaltung schaffen, bei der Menschen sich mit Expert*innen austauschen und anschließend Informationen vertiefen können, z.B. um dies später in ihren eigenen Arbeitsbereichen zu nutzen. Unser erstes Thema war der Boden.

Damit wollten wir zeigen, wie sehr verschiedene Themen miteinander verbunden sind. Wir luden das Start-Up Bokashi ein, das einen Vortrag über Kompostierung, die Bedeutung der Bodenregeneration und über sein Projekt zur Bodenrevolution hielt. Wir stellten einige Fakten über den Klimawandel und den Boden zur Verfügung.

Ich könnte mir vorstellen, dass es aufgrund der Fachsprache schwierig ist, eine gemeinsame Sprache zu finden.

Anastacia: Wir arbeiten mit studentischen Freiwilligen, die uns helfen, die Themen des Klimawandels in Alltagssprache aufzuschlüsseln, durch Videos, Vlogs oder Fotos. Das hilft, eine Grundlage zu schaffen, bevor die Leute zu den Climate Talks kommen. Intern haben wir einen Themenkalender. Wir recherchieren, wer die wichtigsten Expert*innen für diese Themen sind. Dann diskutieren wir mit unseren Freiwilligen und den Redner*innen, wie wir unser Publikum dazu bringen können, sich mit den Informationen auseinanderzusetzen.

Wir versuchen, eine Gruppenaufgabe auf Basis der von den Expert*innen vermittelten Informationen zu entwickeln. Wir hatten zum Beispiel eine Einheit über den Klimawandel und nachhaltige Städte. Am Ende stellten die beiden Moderatoren, ein Stadtplaner und ein Architekt, eine Aufgabe. Die Teilnehmenden sollten sich eine Strategie ausdenken, wie sie die Tragweite der Überschwemmungen in Yangon kommunizieren, und wie sie ein Abfall-Managementsystem verwalten würden. Wir nutzen Informationen aus unserer aktuellen Kampagne sowie aus der Präsentation, um diese Gruppenaufgabe zu bearbeiten.

Wer ist Euer Publikum?

Anastacia: Unsere Teilnehmer*innen sind jeweils zur Hälfte Expats und Menschen aus Myanmar. Sie haben ein persönliches Interesse oder arbeiten in einer Organisation, die sich mit dem Klimawandel beschäftigt. Die Expert*innen arbeiten in der Regel bei Organisationen, die sich auf Abfall-Management, Wasserkraft oder Solarenergie spezialisiert haben.

Informationen über den Klimawandel sind nicht leicht zugänglich, da sie oft in langen Berichten aufbereitet sind – auf Englisch und sehr technologieorientiert oder wissenschaftlich. Das macht es für den Durchschnittsmenschen wirklich schwer zu verstehen.

Wie kommt Ihr mit potentiellen Freiwilligen in Kontakt?

Nicole: Wir veröffentlichen Bewerbungs-Aufrufe auf unserer Facebook-Seite. Viele Menschen, die sich generell für den Klimawandel interessieren, sind bereits bei den Climate Talks angemeldet, wenn sie von diesen Aufrufen erfahren. Da wir Bewerbungen aus dem ganzen Land bekommen, interviewen wir per Skype oder Telefon.

Die Freiwilligen müssen nicht unbedingt aus Yangon kommen. Diejenigen, die von hier sind, können sich bei Organisation und Veranstaltungen jedoch mehr einbringen. Es ist aber auch großartig, dass Menschen aus anderen Teilen des Landes ihre Sichtweise zu diesen Themen teilen.

Wie schafft Ihr mit den Freiwilligen eine gemeinsame Basis für das Erstellen und Teilen der Medieninhalte?

Nicole: Die Freiwilligen treffen sich zweimal im Monat in unserem Büro und machen sich mit unserem hauptamtlichen Conyat-Team an die Arbeit. Wir sagen, „Ok, das ist das Thema des Monats“, und überlassen ihnen dann die Recherche und das Herstellen inhaltlicher Zusammenhänge. Wir helfen ihnen dabei, die Inhalte online zu stellen.

Es ist bestimmt interessant, in einer internationalen Gruppe zu arbeiten und mit Menschen aus städtischen und ländlichen Regionen zu interagieren. Inwiefern erlebt Ihr bei diesem Projekt Sprachbarrieren?

Anastacia: Wir sind ein Team von elf Personen mit nur vier ,Expats‘, mich eingeschlossen. Viele unserer Freiwilligen sind Studierende an Universitäten in Yangon oder sie arbeiten in Teilzeit an anderen Orten. An sich haben wir keine Sprachbarrieren. Zwei Projektbetreuer*innen aus Myanmar begleiten die Freiwilligen. So kann der Austausch auch auf Burmesisch stattfinden.

Nicole: Es ist Teil unserer Unternehmenskultur, dass wir verschiedene Kulturen und Sprachen respektieren. Unser Büro ist ein Open Space. Je mehr Leute sich einbringen können, desto besser kann das Ergebnis werden – vor allem, wenn man Leute mit fundierten lokalen Kenntnissen hat, aber auch Leute, die Erfahrung mit der Arbeit auf globaler Ebene haben. Durch die Freiwilligen hören wir die Stimmen der Jugend. Myanmar hat eine lange Kultur mit strengen Hierarchien hinsichtlich Alter und Geschlecht. Diese Art von Arbeitskultur bricht das auf. Das Conyat-Team selbst besteht hauptsächlich aus Frauen. Und viele der Freiwilligen sind ebenfalls Frauen.

Die Regierung Myanmars hat letztes Jahr, wie Ihr auch in Euren Veröffentlichungen erwähnt, im Rahmen der Myanmar Climate Change Policy angekündigt, dass sie die Bildung in Sachen Klimawandel verbessern wird. Wie würde Eure Initiative in die öffentliche Klimabildung passen?

Nicole: Leider geht diese Art von Veränderung des Bildungssystems eher langsam vonstatten. Es gibt eine niedrige Verbleibquote von Schüler*innen im Bereich der staatlichen Hauptschulbildung, vor allem in ländlichen Gebieten, wo Jugendliche teilweise arbeiten, um ihren Familien den Lebensunterhalt zu sichern. Die Fortsetzung der Climate Talks wird zeigen, dass wir uns nicht nur auf das öffentliche Bildungssystem verlassen können.

Anastacia: Myanmar ist ein großes Land und die Regierung hat so viel zu tun. Es gibt einfach nicht genug Organisationen, die in die Klimabildung investieren. Vieles davon ist auf Klimaschutz in Bezug auf spezielle Interessengruppen ausgerichtet. Bildung und Bewusstsein stehen oft hinten an.

Angesichts der hohen Beteiligung von Jugendlichen könnten wir die Vermittlung von Klimawissen etwa in Mandalay nutzen, um von dort aus Ortsgruppen in verschiedenen ethnischen Staaten zu gründen. Und sollte die Regierung dann später Lehrpläne für Schulen entwickeln, dann können diese Informationen sie dabei unterstützen.

Ihr möchtet eine Klimabewegung inspirieren. Steht Ihr in Kontakt mit jungen Aktivistinnen und Aktivisten, wie Aye Ko Htut oder Kyaw Ye Htet, die die Yangon-Kampagne von Fridays for Future organisiert haben?

Anastacia: Wir stehen in Kontakt, haben aber bisher keine Gespräche über eine Zusammenarbeit geführt. Ich unterstütze den Aktivismus und die friedlichen Proteste in der Stadt, die sie anführen, voll und ganz. Unsere Klimabewegung ist etwas anders. Wir bringen Leute zusammen, um über den Klimawandel zu sprechen und geben den Menschen die Instrumente an die Hand, die sie brauchen, um etwas zu verändern. Ich denke, dass sich unsere Bewegungen unterscheiden, aber auch ergänzen.

Nicole: Zum Beispiel werden wir 2020 studentischen Aktivist*innen in einer Einheit eine Plattform geben, um über ihre Rolle in der Klimabewegung zu sprechen. Es gibt es also ein gewisses Potential, die beiden Arten von Klima-Aktivismus zu verbinden.

Im Oktober und November 2019 habt Ihr Euch auf nachhaltige Städte und nachhaltigen Tourismus fokussiert. Wie kann eine Organisation den Klimaschutz vertreten aber auch mit den Herausforderungen des Reisens umgehen, besonders wenn man um das Fliegen nicht herumkommt?

Anastacia: Hm (überlegt). Das ist schwierig in Myanmar, nicht nur für uns. Das Land ist ziemlich groß. Der Zugang zu einigen Gebieten ist nicht immer gegeben, die Straßeninfrastruktur nicht immer vorhanden. So bleibt vielen Organisationen nur das Fliegen. Was uns in Myanmar fehlt, ist das Gespräch darüber, wie man den eigenen CO2-Fußabdruck kompensieren kann, z.B. durch die Regeneration der Mangroven. Der private Sektor ist außen vor, wenn es um Klimaresistenz und -anpassung geht.

Für Unternehmen gibt es kein gutes Weiterbildungsangebot, z.B. wie man den Fußabdruck messen kann, geschweige denn, wie man in dieser Hinsicht etwas zurückgeben oder Resilienz-Strategien erarbeiten kann. Ich glaube, das alles entwickelt sich langsam, sehr langsam, und wenn die Regierung ein bisschen mehr Politik zum Klimawandel macht, sehen wir wahrscheinlich ein bisschen mehr Bewegung. Es ist eine Gelegenheit für Conyat, dieses Jahr darüber nachzudenken, wie man die Climate Talks ausweiten kann, um den privaten Sektor besser mit einzubeziehen.

Der Privatsektor spielt eine große Rolle, aber auch die Politik. Die ethnischen Staaten Myanmars, die besonders anfällig für die Auswirkungen des Klimawandels sind, sind auch politisch umkämpft. Wie kann man Eurer Meinung nach hier effektiv gegen den Klimawandel vorgehen und Klimaschutzmaßnahmen umsetzen?

Nicole: Die meisten Orte, die am stärksten vom Klimawandel betroffen sind, sind auch von anderen Problemen wie Armut und gender-spezifischer Ungleichheit betroffen. Es ist kein Zufall, dass die ärmsten und konfliktreichsten Orte am verwundbarsten durch den Klimawandel sind. Es zeigt uns, dass wir Lösungen für Armut und die Konflikte finden müssen, wenn wir den Menschen jemals aus dieser Klimakrise heraushelfen wollen.

Anastacia: Mir fallen hier besonders die ethnischen Gruppen ein. Sie leben in Gebieten in Myanmar, die reich an Ressourcen sind, aber sie haben keinen Zugang zu Bildung und Infrastruktur. Ihnen werden viele Rechte verweigert, aufgrund ihrer Gruppenzughörigkeit, die die Regierung Myanmars festgelegt hat. In ihren Gebieten gibt es im Grunde genommen andere Gesetze. Es sind leider diese Gebiete, die am anfälligsten für die Auswirkungen des Klimawandels sind.

Es geht nicht mehr nur um die Menschenrechte, sondern auch um das Recht auf eine sichere und intakte Umwelt, auch für zukünftige Generationen. Es wäre sinnvoll, diese Gruppen mit an den Verhandlungstisch zu bringen. Aber ich glaube nicht, dass Privatsektor oder Regierung genug Zeit und Ressourcen investieren, um das Wissen und die Informationen zu nutzen, die diese Menschen haben. Es geht immer nur darum, ihnen etwas, z.B. Ressourcen, zu nehmen.

Wie kann Myanmar gesamtheitlich, als Volkswirtschaft betrachtet, von Klimaschutzmaßnahmen profitieren?

Anastacia: Ich denke, hier geht es um Technologie. In Myanmar gibt es einen starken Zuwachs an Sozialunternehmer*innen und Start-ups, die Technologien entwickeln und Geschäftsmodelle entwerfen, um soziale und ökologische Probleme anzugehen. Was bei dieser Entwicklung fehlt, ist der stärkere Fokus auf Klimaschutz, Klimaresilienz und Klimaanpassung.

Wir beobachten, dass sich viele Investor*innen derzeit mit der Finanzierung befassen und versuchen, die junge Öffentlichkeit dazu zu bewegen, über Geschäftsmodelle nachzudenken, die einen Klimafokus haben. Das hat gerade erst begonnen. Ich wäre nicht überrascht, wenn das in den nächsten Jahren weiter zunimmt, solange es eine Nachfrage gibt.

Nicole: Klimaschutzmaßnahmen werden der Wirtschaft Myanmars langfristig zugutekommen, z.B. wenn wir jetzt Maßnahmen für nachhaltige Forstwirtschaft oder Fischerei ergreifen. Für zukünftige Generationen ist es so wichtig, eine Wirtschaft um diese nationalen Ressourcen herum zu entwickeln.

Aber wenn wir nur auf Ausbeutung setzen, werden unsere Ressourcen schnell erschöpft sein und Myanmar wird dieser Lebensgrundlage beraubt werden.

Spielen die Machtverhältnisse zwischen Militär und Regierung aus Eurer Perspektive eine Rolle für Klimaschutzmaßnahmen, z.B. für die Klimafinanzierung oder die Start-up-Szene, die sich speziell auf Klimaschutz-Technologien konzentriert?

Anastacia: Alle Interessenvertreter*innen spielen in Myanmar eine Rolle, sei es die Regierung oder das Militär. Aber wenn ich an das Militär denke, denke ich nicht nur an das Militär der Regierung, sondern an Ethnic Armed Organisations (EAOs). Ich denke, dass es hier einen Unterschied gibt. Die EAOs, die in Staaten außerhalb des Einflussbereichs der Regierung das Sagen haben, spielen eine Rolle beim Klimaschutz, weil sie die erste Verteidigungslinie für die ethnischen Gebiete sind.

Und es gibt Organisationen, die mit EAOs zusammenarbeiten, was Governance, Corporate Social Responsibility und Umweltmanagement betrifft. Der Klimaschutz wird als eine weitere, eigenständige Initiative angesehen. Deshalb dauert es in Myanmar so lange, den Plan für eine nachhaltige Entwicklung voranzubringen, in dem der Klimawandel berücksichtigt wird. Es gibt immer noch kein Gesetz zum Klimawandel. Um eines auf den Weg zu bringen, sind die Machtverhältnisse im Land in der Tat eine Herausforderung.

Ist es Eurer Meinung nach möglich, den Klimaschutz in den Friedensförderungsprozess zu integrieren?

Anastacia: Es ist möglich, es ist nur eine Frage der Zeit. Zum Beispiel hat die Regierung letztes Jahr erst rund 30 Aufträge für Wasserkraft-Projekte erteilt. Sie suchen also nach erneuerbarer Energien. Myanmar hat allerdings das Problem, dass die Gemeinden nicht richtig in die Entscheidungsfindung eingebunden werden, was die Umwelt und die Transparenz von Umweltverträglichkeitsprüfungen angeht. Es gibt also immer noch grundlegendere Fragen, die innerhalb des Landes gelöst werden müssen, bevor wir uns mit der Integration des Klimawandels bzw. des Klimaschutzes in den Friedensprozess befassen können.

Wir tun derzeit nicht genug dafür, eine dauerhafte Widerstandsfähigkeit aufzubauen. Für mich sind Resilienz und Frieden in gewisser Weise zwei Seiten einer Medaille. Sie spiegeln die Notwendigkeit und das Recht auf eine gesunde und sichere Umwelt wider. Um das zu erreichen, muss es das Recht geben, an einer informierten Entscheidungsfindung teilzunehmen.

Ihr habt viel von der Nutzung und dem Management von Ressourcen gesprochen. Denkt Ihr, dass das kürzlich in Thailand erlassene Verbot von Plastiktüten auch in Myanmar umgesetzt werden könnte?

Anastacia: Das würde ich gerne sehen. Ich denke, ein solches Gesetz wäre ein guter Anfang. Es würde eine Haltung zeigen. Andererseits wäre es schwierig, entsprechende Monitoring- und Evaluierungsmaßnahmen sowie einen regulatorischen Rahmen zu etablieren, um sicherzustellen, dass sich die Menschen auch wirklich daran halten. Zudem grenzt Myanmar an Thailand, China und Indien. Es gibt dort einen undokumentierten Handel von Waren. Das ist eine weitere Herausforderung.

Nicole: In städtischen Gebieten gibt es meiner Meinung nach Hoffnung, denn ich sehe viele junge Leute, die sich sehr leidenschaftlich für die Reduzierung von Plastikabfällen einsetzen, vor allem weil es ein so sichtbares Problem ist. Wenn diese jungen Menschen die nächste Gesellschaft anführen, wäre ein solches Gesetz möglich. In ländlichen Gebieten müsste sich die Regierung sehr auf den Zugang zu sauberem Wasser, auf Bildung und Armutsbekämpfung konzentrieren, damit die Menschen in der Lage sind, Prioritäten zu setzen und die Wahl treffen zu können, Plastik zu reduzieren. Selbst wenn die Menschen motiviert sind, gibt es dazu bisher nur wenige Anreize.

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Indonesien: Jakartas Überschwemmungen sind das Ergebnis einer verfehlten Stadtplanung. Seit der Kolonialzeit folgt diese dem kapitalistischen Paradigma des schnellen Profits. Die neuen Umzugspläne der Regierung haben das gleiche Ziel.

Als dieser Artikel im April 2020 geschrieben wurde hatte die Mortalitätsrate von Covid-19 (Corona) in Indonesien acht bis neun Prozent erreicht. Damit zählt Indonesien zu den tödlichsten Ländern für Menschen, die mit dem Corona-Virus infiziert sind. Das Epizentrum dieses Zustands liegt in der Haupstadt, Jakarta. Im März 2020 verzeichnete Jakarta über 4.000 Beerdigungen, beinahe 80 Prozent mehr als in “normalen Monaten” und so viele wie noch nie in den letzten zehn Jahren.

Die Covid-19-Pandemie ist für die Bewohner Jakartas der zweite schwere Schlag in diesem Jahr. Im Januar und Februar war es in Jakarta und seinen Satellitenstädten Bogor, Depok, Tangerang und Bekasi (sog. Jabodetabek-Region, d.R.) zu schweren Überschwemmungen gekommen, die 70 Todesopfer forderten und 187.000 Menschen obdachlos machten. Die Schäden wurden auf eine Billion Rupiah geschätzt (Quelle: Bank Indonesia).

Neben Überschwemmungen ist das beinahe 500 Jahre alte Jakarta dauerhaft von drei weiteren Gefahren bedroht: Luftverschmutzung, Absinken der Böden (land subsidance) und das Ansteigen des Meeresspiegels.

Jakarta – die zubetonierte Stadt

Die Überschwemmungen von 2020 gingen als schwerste seit 2007 in die Statistiken ein. Damals hatten 70 Prozent der Hauptstadt unter Wasser gestanden. Als Ursache gaben Meteorologen die stärksten Regenfälle seit den ersten Aufzeichnungen vor 154 Jahren an. Um das Ausmaß zu verdeutlichen: Das Wasservolumen, das in Jakarta als Regen zu Boden ging, entsprach 180 Millionen Kubikmetern. Damit könnte man 72.000 Olympia-Schwimmbecken füllen.

Dass diese Regenmengen zu einer Katastrophe führen, liegt daran, dass 80 Prozent der Stadtfläche zubetoniert sind. Fünf weitere Prozent nehmen asphaltierte Straßen ein. Offene Grünflächen, wo Regenwasser versickern kann, betragen gerade einmal 9,8 Prozent der Stadtfläche. Dabei sollte in einer Stadt wie Jakarta mit mehr als zehn Millionen Einwohnern [Jabodetabek über 30 Mio., d.R.] mindestens 30 Prozent unbebaute Flächen geben, damit Wasser versickern kann und keine Überschwemmungen entstehen. Mit den bestehenden Bedingungen sind die Flüssen und Kanäle der Stadt (drei Prozent der Fläche) extremen Belastungen ausgesetzt. Die Folge sind seit jeher Überschwemmungen.

Das verfehlte Paradigma der Stadtplanung reicht in die Kolonialzeit zurück. Eigentlich war das Gebiet, auf dem die Hauptstadt erreichtet wurde, ein von dreizehn Flüssen durchzogenes Sumpfgebiet. Die Prioritäten des globalen Kapitalismus sorgen seit der holländischen Kolonialzeit, d.h. seit der Ausbeutung durch die Vereinigte Ostindische Kompanie (VOC) dafür, dass Jakarta bebaut wird, als existiere es auf Festland.

Stadtplanung folgt kapitalistischer Profitlogik

Während der Überschwemmungen im Januar 2020 machten wir eine Video-Serie zum Thema ‘Wasserstadt Jakarta’. Die Bilder sollten auch eine Art Schocktherapie sein. Es ging uns darum, einen Diskurs anzustoßen darüber, dass die Flutnothilfe die eine Sache ist, dass es aber auch darum gehen muss, dass Stadtplanung generell entsprechend geographischer Gegebenheiten erfolgen sollte. Wir filmten Menschen, die sich an die Bedigungen eines Lebens am Fluss angepasst hatten, zum Beispiel Mittelschicht-Vertreter*innen, die jetzt in Stelzenhäusern leben. Aber wir stellten auch ärmere Stadtviertel in den Mittelpunkt unserer Filme, wo die Menschen sich einer Vertreibung durch die Stadtregierung widersetzt hatten und jetzt ihre Hütten nicht mehr direkt am Ufer errichten, um den natürlichen Schutz durch ein von Bäumen und Büschen bewachsenes Flussufer zu erhalten.

Mit der Video-Serie wollten wir aussagen: “Ihr könnt nicht einfach aus Venedig eine ‘trockene’ Stadt auf Festland machen, ohne dass dies sehr weitreichende und sehr teure Konsequenzen für diese Art von Megaprojekt hat.” Und wer jetzt an die ‘Erfolgsstory’ Amsterdam denkt, sollte nicht vergessen, dass die Mittel zum Aufbau vom Amsterdams Infrastruktur zu einem nicht geringen Teil aus der kolonialen Ausbeutung Indonesiens (damals noch Ostindien genannt) durch die Niederlande stammten.

Stadtviertel tragen ‘Sumpf’ in ihrem Namen

Viele Viertel in Jakarta tragen heute noch ‘Sumpf’ im Namen, was auf Indonesisch ‘rawa’ heisst. Rawa Belong (Sumpfiger Teich), Rawa Buaya (Krokodilssumpf), Rawa Mangun (Bebauter Sumpf), Rawa Sari (Blütensumpf), Rawa Bebek (Entensumpf) sind nur einige Beispiele. Diese überlieferten Namen sind der anthropologische Beweis dafür, dass es ein kollektives Gedächtnis für die geografischen Gegebenheiten Jakartas als einem von Wasser geprägten Gebiet gibt. Jahrhundertelang versuchten die Holländer, die Überschwemmungen von Jakarta zu beherrschen. Immer wieder scheiterten sie.

Vom Architektonischen bis zum Sozialen wurde der Stadt die Möglichkeit genommen, Wasser aufzunehmen. Das Wasser wurde zu einer Bedrohung stilisiert, anstatt es als natürliche Gegebenheit anzunehmen und zu einem Teil des städtischen Lebensstils zu machen. Das begann, als im damaligen Batavia Flüsse begradigt und Kanäle angelegt wurden, so dass die natürlichen ‘Parkplätze’ für Wasser verloren gingen. Damit einher ging eine beschleunigte Sedimentation. Trotz dieses massiv vorangetriebenen ‘Infrasrukturmanagements’, kam es in den Jahren 1895 und 1899 zu großen Überschwemmungen. Am 19. Februar 1909 erschien die Zeitung De Locomotief wegen der erneut aufgetretenen großen Flut mit dem Titel: “Batavia Onder Water” (Batavia unter Wasser).

Batavia wurde in den Händen des neuen Staates Indonesien zu Jakarta. Die rasant wachsende Bevölkerung traf erneut auf ein Paradigma der Stadtplanung, das die natürlichen Gegebenheiten von Sumpf und Flüssen ignorierte. Die Kommerzialisierung von Land, die ‘Real-Estate-Industrie’ und eine Genehmigungsbürokratie, die auf Patronen-Klienten-Beziehungen und entsprechenden beiderseitigen finanziellen Vorteilen beruht, verschärfen das Problem bis heute. Ökologische Faktoren wie der Erhalt von natürlichen Flussläufen oder soziale Faktoren wie die Anpassung an geographische Gegebenheiten, gelten in diesem herrschenden Paradigma als nicht relevant.

Flüsse als Hinterhof und Müllhalde der Anwohner

Betrachtet man die Häuser an den Flussläufen, sieht man ebenfalls, wie weit sich Jakarta von seinen natürlichen Gegebenheiten als Wasser-Gebiet entfernt hat. Wurden früher die Häuser in Richtung der Flüsse ausgerichtet (die auch Transportwege waren), stehen sie heute mit ihrer Rückseite zu den Flüssen. Die Flüsse wurden zum ‘Hinterhof’, zum Abfluss und zur Müllhalde der Haushalte.

Zugleich treibt die Stadt den Bau von Dämmen und Deichen voran und vermindert damit erneut den natürlichen Raum, wo Wasser versickern könnte. Da Deiche auf beiden Flussseiten Platz brauchen, werden die Bewohner armer Viertel an den Flüssrändern mit der Begründung vertrieben, dass ihr Siedeln am Ufer zu Überschwemmungen führt. Dabei haben diese Dämme in der Geschichte Jakartas die Stadt noch nie vor Überschwemmung bewahrt. Sie sind lediglich ‘schöner anzusehen’ in den Augen jener Stadtplaner*innen, die es ‘gerade und symmetrisch’ mögen. Im Jahr 2015 gab es 113 Fälle von Vertreibungen von Siedlungen, 2016 sogar 139. Einige dieser Fälle, die im Namen der ‘Flut-Prävention’ geschahen, haben wir im Film Jakarta Unfair dokumentiert.

Bis heute werden Viertel wie Bukit Duri, wo die Menschen vertrieben wurden, um Deiche zu errichten, vom Wasser überflutet. Die Bewältigung der Überschwemmungen belastet das kommunale Budget nun sogar noch mehr, weil das Wasser aus den überfluteten Vierteln in den Fluss zurück gepumpt werden muss. Mit dem Konzept des ‘Einmauerns’ der Flüsse (anstelle zum Beispiel der Planung von Vierteln mit Pfahlbauten) muss Jakarta inzwischen 478 permanente und 122 mobile Wasserpumpen betreiben.

Teufelskreis aus Energieverbrauch und Ausstoß von Kohlendioxid

Damit schließt sich ein Teufelskreis aus dem Verbrauch von Energie und dem Ausstoß von CO₂. Denn 62 Prozent des indonesischen Energieverbrauches stammen aus der Verbrennung von Steinkohle, weitere 25 Prozent werden auf der Basis von Erdöl und Erdgas generiert.

Während die ärmsten Bewohner der Stadt von den Ufern der Flüsse vertrieben werden, wird die Besetzung des städtischen Raums durch die Interessen des Kapitals in Form der Real-Estate-Industrie geduldet und gesetzlich geschützt. Diese ‘internen’ Faktoren sind das Vorspiel zu dem, was wir nun erleben, wo die ‘externe’ Variable namens Klimawandel hinzukommt. Dessen Folgen treffen auf Jakarta wie Feuer auf trockenes Stroh.

Von 1981 bis 2020 nahm die Zahl der Regentage in Indonesien um 1,1 Tage pro Dekade zu. Im Jahr 2016 verzeichnete die Behörde für Meteorologie, Klimatologie und Geophysik (BMKG) eine Jahresdurchschnittstemperatur, die um 1,2 Grad höher lag als der Durchschnitts-Wert der vergangenen 25 Jahre.

Die hohen Temperaturen (bis 2035 wird mit einer durchschnittlichen Erhöhung von 2 Grad gerechnet) wirken sich auf die Luftfeuchtigkeit aus. Sie bedeuten häufigere und stärkere Regenfälle, die das Risiko von Überschwmmungen erhöhen. Doch es gibt noch weitere Faktoren, die Jakarta zu einem der Orte in Südostasien machen, die von den Folgen des Klimawandels am meisten bedroht sind.

Absenkung des Bodens und steigender Meeresspiegel

Aus Richtung der oberen Flußläufe und in der Stadtmitte ist Jakarta ohnehin von Überschwemmung bedroht. Dazu kommt, da wo die Flüsse münden, der ansteigende Meeresspiegel. Doch bevor wir erneut den Klimawandel als ‘Feuer’ verurteilen, sollten wir uns die Bedingungen des ‘trockenen Strohs’ anschauen.

Selbst wenn man den steigenden Meeresspiegel, verursacht durch die Gletscherschmelze in der Antarktis, die jährlich mit rund 300 Milliarden Tonnen voranschreitet, außer Acht lässt, dringt wegen der absinkenden Böden bereits Meerwasser in die Bucht von Jakarta ein. In einigen Gebieten im Norden von Jakarta wurden Dämme errichtet, wie zum Beispiel in Muara Baru, wo ein sechs Kilometer langer Damm das Land schützen soll, das bereits einen Meter unter dem Meeresspiegel liegt.

An manchen Orten liegt die Geschwindigkeit des Absinkens der Böden bei 22-25 Zentimeter im Jahr. Sicher, das geschieht auch in anderen Städten. In Tokio zum Beispiel sank der Boden zwischen 1900 und 1970 um insgesamt 4,5 Meter. Doch das Tempo, in dem Jakarta ‚sinkt’, sucht seinesgleichen. Innerhalb von zehn Jahren sank der Boden in einigen Stadtteilen um bis zu 2,5 Meter. Das World Economic Forum bezeichnete Jakarta als eine der am schnellsten sinkenden Städte der Welt.

Dieses Absinken des Bodens hat vier hauptsächliche Gründe: Die Entnahme des Grundwassers, die Verdichtung der Bodenstruktur, Druck/Bodenbelastung sowie tektonische Faktoren. Am meisten Einfluss hat die Entnahme von Grundwasser für Trinkwasser, sanitäre Anlagen und Bewässerung. Von den rund zehn Millionen Einwohnern, die pro Jahr ungefähr 846 Millionen Kubikmeter Wasser verbrauchen, sind nur 40 Prozent an die städtische Wasserversorgung angeschlossen. Die Mehrheit der Einwohner Jakartas – eingeschlossen Büros und Unternehmen des formellen und des informellen Sektors – nutzen Grundwasser, das sie aus dem Boden pumpen. Die Verringerung des Wassers im Aquifer (der Grundwasser enthaltenden Gesteinsschichten) führt zum Absinken der Böden. Dieser Prozess wird durch die starke Bebauung Jakartas, durch die ein enormer Druck auf den Böden lastet, zusätzlich verschärft. Außerdem verdichten sich die Bodensedimente durch die oben genannten Faktoren von lockeren zu festeren Schichten.

Die ersten Opfer der sinkenden Stadt sind die vier bis fünf Millionen Menschen, die in den nördlichen Teilen Jakartas nahe der Küste leben. Manche von ihnen, wie die Bewohner von Kapuk, Muara Baru und Muara Angke leiden schon jetzt beinahe täglich unter Überschwemmungen durch in Landgebiete eindringendes Meerwasser (banjir rob). Diese Gebiete sind in der Regel von Menschen mittleren bis niedrigen Einkommens bewohnt. Die Überschwemmungen fügen den strukturellen Ursachen von Armut also noch neue, zusätzliche Belastungen hinzu, unter denen die Betroffenen leiden.

Ansteigender Meeresspiegel lässt Inseln versinken

Der steigende Meeresspiegel verstärkt das Absinken der Böden. Dies lässt sich eindrucksvoll am Beispiel der so genannten ‚1000 Inseln’ (Kepulauan Seribu) in der Bucht von Jakarta betrachten. Das Gebiet, das tatsächlich aus 180 Inseln besteht, erfährt massiven Landverlust. Von der Insel Onrust zum Beispiel, die einst 40 Hektar umfasste, ragt nur noch die Hälfte dieser Fläche aus dem Wasser.

Im Durchschnitt steigt der Meeresspiegel an Jakartas Küsten um sechs Milimeter im Jahr. Die Regierung möchte deshalb einen 30 Kilometer langen Damm entlang der Küste errichten. An den Flußläufen sollen weitere Dämme mit einer Gesamtlänge von 30 Kilometern gebaut werden. Doch damit nicht genug. Die Regierung treibt in einem fragwürdigen gigantischen Küstenentwicklungsprojekt die Landgewinnung von 5.100 Hektar Fläche im Norden von Jakarta und den Bau eines ‚Riesen-Damms’ voran. Im Rahmen dieses Projekts sind bereits drei künstliche Inseln entstanden, die kommerziellen Interessen von Grundstücks-und Immobilienunternehmen dienen. Ein Teil der Bautätigkeit wurde gestoppt, weil sich die politischen Verhältnisse in Jakarta nach den Gouverneurs-Wahlen von 2017 geändert hatten.

2016 produzierten wir einen Dokumentarfilm mit dem Titel Die Verlockungen der falschen Inseln (Rayuan Pulau Palsu). Die Regierung beteuerte, das Megaprojekt der Landreklamation stehe in Verbindung und die Giant Sea Wall, für die entlang von Jakartas Küste Straßen vom Damm zu den Inseln gebaut würden, sei eine ‚Riesenanstrengung’, damit Jakarta nicht versinke. Eine solche Argumentation beleidigt die Intelligenz der Öffentlichkeit. Denn Landgewinnung und Bebauung dieses Landes verschärften die Probleme dort, wo die Flächen schon jetzt am sensibelsten sind. Zugleich bedeutet das Projekt Giant Sea Wall eine gigantische Energieverschwendung. Denn den Flüssen, aus denen jetzt schon das Wasser mit Pumpen abgepumpt wird, wird ihr natürlicher Ablauf zum Meer genommen.

Damit die Öffentlichkeit ihr das Megaprojekt ‚abkauft’, argumentierte die Regierung, das die Giant Sea Wall auch als Trinkwasserreservoir diene. Dabei schafft sie es nicht mal, die Stadt mittels eines Leitungssystems mit Wasser aus dem Oberlauf der Flüsse, wo es noch relativ sauber ist, ausreichend zu versorgen. Wie sollte das dann wohl am Unterlauf mit seiner viel stärkeren Verschmutzung und Verzweigung aussehen?

Luftverschmutzung

In Südostasien gelten Jakarta und Hanoi als Städte mit der höchsten Luftverschmutzung. Die jährliche Feinstaubbelastung (PM2,5) Jakartas beträgt das Vierfache dessen, was die Weltgesundheitsorganisation als gesundheitsgefährdenden Grenzwert bezeichnet. Greenpeace Indonesia nennt dafür zwei Hauptursachen: Verkehrsabgase und Kohlekraftwerke.

Jakarta investiert nicht ausreichend in öffentlichen Nahverkehr. Im Gegenteil: Unsere Hauptstadt ist Spitzenreiter in der Privatisierung des Transportsektors. 4,4 Millionen Autos und 30 Millionen Mopeds fahren durch die Stadt. Dazu kommen die ‚Durchreisenden’ aus dem Großraum Jakarta (Jabodetabek). Täglich verkehren 3,5 Millionen Pendler zwischen Jakarta und ihrem Wohnort. Nicht einmal die Hälfte von ihnen nutzt öffentliche Verkehrsmittel.

Kohleverstromung ist die zweite Hauptursache für Jakartas Smog. In einem Radius von 100 Kilometern finden sich um Jakarta herum 22 Kohlekraftwerke. Damit ist Jakarta die von den meisten Kohlekraftwerken umgebene Stadt der Welt. Der Anteil von Kohleverbrennung an der Luftverschmutzung beträgt in Jakarta 33 bis 38 Prozent. Betrachtet man die Grenzwerte für Luftverschmutzung, gelten 22 Tage pro Monat in Jakarta als ungesund. Im August 2019 wurde Jakarta sogar als Stadt mit der schmutzigsten Luft weltweit ‚gekürt’.

Schon vor der Corona-Pandemie hatte das Umweltministerium bekannt gegeben, dass 57 Prozent der Einwohner Jakartas durch die Luftverschmutzung bedingte Gesundheitsschäden erleiden. Die entsprechenden Kosten, die die Bürger*innen für medizinische Behandlungen aufbringen müssen, wird auf 38,5 Billionen Rupiah geschätzt.

Über die Folgen der Umweltverschmutzung durch Kohlekraftwerke haben wir die Bevölkerung auch in unserem Dokumentarfilm Sexy Killers aufgeklärt (siehe Rezension des Films auf suedostasien.net). 30 Millionen Menschen haben diesen Film auf youtube gesehen. Doch weiterhin wird an den schmutzigen Energiequellen festgehalten, weil sie den Interessen von Indonesiens Oligarchen dienen.

Betrachtet man nun die Prognosen für die Klimawandelfolgen, die uns erwarten – Treibhauseffekt, Schmelzen der Polkappen, extreme Wetterereignisse – kann man sich ausmalen, dass Jakarta über kurz oder lang auf eine Katastrophe zusteuert.

Was tut die Regierung?

Die Regierung plant, Jakarta zu verlassen und ihren Amtssitz nach Kalimantan zu verlegen. Das ambitionierte Projekt, das bis 2030 vollzogen sein soll, bedeutet: Die Regierung lässt die alten Probleme hinter sich und schafft woanders neue Probleme der gleichen Art. Denn an den Ursachen, an der Ignoranz gegenüber nachhaltigen und umweltfreundlichen Entwicklungsperspektiven, ändert sie nichts. Die natürlichen Bedürfnisse der Menschen unterliegen einmal mehr der Herrschaft des Geldes.

Wenn dann in Kalimantan der Wald endgültig zerstört ist, wenn die Flüsse begradigt und eingedeicht sind und das Grundwasser erschöpft, beginnt möglicherweise das gleiche Spiel wieder von vorn. Inzwischen ist bekannt, dass eine Verbindung zwischen unserem Umgang mit der Umwelt und dem Auftreten von zoonotischen Infektionen [die von Tieren auf Menschen und umgekehrt übertragen werden können] besteht. Trotzdem setzen wir die Zerstörung unserer Umwelt und die Ausrottung von Wildtieren fort. Wir müssen schon verdammt viel Glück haben, wenn wir damit nicht schon bald nächste Pandemie verursachen.

Übersetzung aus dem Indonesischen von: Anett Keller.

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„Ein wahrer Wissensschatz!“

Laos: Nachhaltigere Waldbewirtschaftung und eine Ausweitung der Waldfläche stehen im Fokus der nationalen Klimaziele. Erste positive Entwicklungen sind zu verzeichnen, doch Entwaldung bleibt ein Problem. Das verstärkt die Auswirkungen vermehrt auftretender Extremwetterereignisse.

Laos verzeichnet mit 58 Prozent (2015) zwar noch immer eine der höchsten Waldbedeckungen auf dem südostasiatischen Festland (Ministry of Agriculture and Forestry, MAF 2018). Diese ist jedoch in den letzten Jahrzehnten von etwa 70 Prozent dramatisch zurück gegangen. Zudem ist sind die Waldflächen stark fragmentiert.

Der Rückgang und die Degradierung der Naturwälder führen zu erhöhten Treibhausgasemissionen. Laos hat sich aufgrund von Landnutzungsänderungen von einer netto Kohlenstoffsenke hin zu einem Emittenten von Treibhausgasen entwickelt. Der Anteil von Laos ist mit weniger als 0,1 Prozent an den weltweiten Emissionen jedoch sehr gering.

Die jährlichen Emissionen lagen nach Schätzungen des World Resources Institute im Jahr 2016 bei 47 Million Tonnen Kohlendioxid. Davon entfallen 55 Prozent auf Landnutzungsänderungen und Waldbewirtschaftung sowie 21 Prozent auf die Landwirtschaft.

Extremwetterereignisse bedrohen Lebensgrundlagen

Die Bevölkerung trägt nicht wesentlich zum Klimawandel bei, ist aber unverhältnismäßig stark betroffen. Die Folgen des anthropogen verursachten Klimawandels sind schon heute in Laos deutlich zu spüren. Etwa drei Viertel der nationalen Katastrophen innerhalb der letzten 50 Jahre hatten einen klaren Bezug zu Wetter und Klima: Überschwemmungen mit 50 Prozent, Stürme mit 14 Prozent und Dürren mit 14 Prozent.

Vor 1992 kamen Naturkatastrophen ungefähr einmal alle zwei Jahre vor, seit 1992 ein- bis zweimal pro Jahr. Das Land gilt als hochgradig anfällig für Überschwemmungen durch Flüsse, städtische Überschwemmungen, Erdrutsche, Zyklone und Waldbrände. Zudem hat es ein mittelgroßes Risiko für extreme Hitze. Laos ist mit einem erheblichen Klimarisiko konfrontiert, laut Klima-Risiko-Index (KRI 2020) von Germanwatch liegt Laos auf Rang 22 von 181. Es gehört zu den Ländern, die am stärksten vom Klimawandel betroffen sind.

Ernteausfälle führen zu geringeren Einkommen

Bisher hat die laotische Regierung, bedingt durch geringe Kapazitäten, jedoch wenig unternommen, um das Land und die Bevölkerung auf die kommenden Auswirkungen des Klimawandels einzustellen. Arme und marginalisierte Gruppen sind unverhältnismäßig stark mit Klimarisiken konfrontiert, da sie Temperaturanstieg und Niederschlägen stärker ausgesetzt sind und aufgrund ihrer Abhängigkeit von der unmittelbaren Umwelt eine geringere Anpassungsfähigkeit besitzen.

Von den Reisfeldern an den Flüssen bis hin zum Kalksteinkarst sind die Subsistenzlandwirt*innen – etwa 80 Prozent der ländlichen Bevölkerung – darauf angewiesen, die richtige Menge an Regen zur richtigen Zeit zu erhalten. Doch in den letzten Jahren haben Veränderungen des globalen Klimas zu langen Trockenzeiten und dann zu kurzen, intensiven Regenzeiten geführt, die die Anbauflächen überschwemmen.

Die Überschwemmungen zerstören jährlich etwa 60.000 Hektar Reisfelder in Laos, und diese Zahl wird noch steigen. Gleichzeitig können Nassreisfelder nicht bestellt werden, da nicht ausreichend Niederschlag fällt und künstliche Bewässerungssysteme kaum verbreitet sind. Dies führt zu Ernteausfällen, was sich wiederum auf die Nahrungsmittelproduktion und Versorgung auswirkt. Die Zunahme von Dürren und hohen Temperaturen wird voraussichtlich zu Wasserknappheit in Trockenzeiten führen.

Steigende Temperaturen werden das Auftreten und die Reichweite von Schädlingen erhöhen, was wiederum zu Ernteausfällen führt. Etwa 40 Prozent der üblichen Reismenge wurde 2019 aufgrund des fehlenden Regens nicht angepflanzt. Dies wirkt sich dramatisch auf die Einkommen der Kleinbäuerinnen und Kleinbauern aus, die in der Mehrheit auf die Reisproduktion angewiesen sind.

Durch die klimawandelbedingten Veränderungen sieht sich die laotische Regierung gefordert, entsprechende Maßnahmen zur Eindämmung der Folgen des Klimawandels zu entwickeln und umzusetzen. Als Least Developed Country (LDC) stehen dafür nur unzureichende Haushaltsmittel zur Verfügung und Laos ist in großem Maße auf Unterstützung durch bi- und multilaterale Geber angewiesen.

Laos‘ Beitrag, um den Klimawandel einzudämmen

Die im Vorfeld der Pariser Klimakonferenz 2015 von Laos eingereichten national festgelegten Beiträge (Nationally Determined Contribution, NDC) an die Klimarahmenkonvention weisen darauf hin, dass sich die Bemühungen um eine Eindämmung auf die Sektoren Landnutzungsänderung und Forstwirtschaft konzentrieren sollten.

So wurde das Ziel einer 70% Waldbedeckung bis 2020 aus der nationalen Waldstrategie sowie dem nationalen sozio-ökonomischen Entwicklungsplan übernommen. Nicht nur in Bezug auf Minderung des Klimawandels, sondern auch in Bezug auf Anpassung an den Klimawandel findet der Forstsektor prominente Erwähnung.

Die laotische Regierung nominierte die Abteilung für Klimawandel (Department of Climate Change, DCC) des Ministeriums für natürliche Ressourcen und Umwelt (Ministry of Natural Resources and Environment, MoNRE) zur nationalen Koordinierungsstelle der Umsetzung der NDC in Laos. Die Regierung hat auch eine Reihe damit zusammenhängender Gesetze und Verordnungen erlassen, wie z.B. das neue Forstgesetz im Juni 2019 und den Erlass über den Klimawandel im September 2019.

Das Dekret legt die Grundsätze, Vorschriften und Maßnahmen für die Verwaltung, Überwachung und Inspektion von Aufgaben im Zusammenhang mit dem Klimawandel fest, um die potenziellen Auswirkungen des Klimawandels einzudämmen.

Das Erreichen der NDC bleibt herausfordernd

1995 ratifizierte die Regierung die Klimarahmenkonvention und 2003 das Kyoto-Protokoll. 2010 wurde die National Strategy on Climate Change of the Lao PDR verabschiedet. Diese baut auf der Verpflichtung des Landes zu seinen Bemühungen dem Klimawandel zu begegnen auf. Laos hat im September 2016 als eines der ersten ASEAN-Länder – und noch vor der EU – das Pariser Klimaabkommen ratifiziert und sich somit den Zielen ihrer national festgelegten Beiträge (NDC) verschrieben.

Die im NDC festgehaltenen Ziele sind zwar nicht völkerrechtlich bindend. Die Vertragsstaaten des Übereinkommens müssen jedoch Maßnahmen umsetzen, die zur Erreichung der NDCs beitragen. Im Zyklus von fünf Jahren sind die Vertragsstaaten dazu angehalten ihre NDC zu überarbeiten und Ambitionssteigerungen zu kommunizieren. Das DCC plant eine Überarbeitung des NDC für 2020.

Die großen Herausforderungen, die die Bemühungen des Landes behindern, seine NDC-Ziele, speziell im Forstsektor, zu erreichen, sind seit vielen Jahren unverändert. Dazu zählen u.a., die Anfälligkeit in Bezug auf Korruption, die unzureichende Umsetzung von Richtlinien und Maßnahmen vor Ort, gepaart mit oft fehlender Koordination zwischen den Schlüsselsektoren sowie ein Mangel an verfügbaren finanziellen Mitteln für die Umsetzung von Aktivitäten. Unklarheit besteht weiterhin darüber, ob das 70 Prozent-Ziel Bewaldung 2020 erreicht wird (laut Center for International Forestry Research (CIFOR) gab es im Februar 2020 noch keine offizielle Bestandaufnahme der bewaldeten Fläche für das Jahr 2019).

Klimaschutz durch Walderhalt und social media

Das laotische NDC weist auf das Minderungspotenzial des Forstsektors hin und unterstreicht die Bedeutung von REDD+ (Reducing Emissions from Deforestation and Forest Degradation and the role of conservation, sustainable management of forests and enhancement of forest carbon stocks in developing countries) sowie FLEGT (Forest Law Enforcement, Governance and Trade) für die Erreichung des Ziels einer Waldbedeckung von 70 Prozent und einer funktionierenden nachhaltigen Waldwirtschaft unter Beteiligung der lokalen Bevölkerung.

Über die letzten Jahrzehnte sind große Summen an ODA (Official Development Assistance) Mitteln in den laotischen Forstsektor geflossen. So ist Laos ein Partnerland der Forest Carbon Partnership Facility (FCPF) und kann 2025, bei tatsächlich nachgewiesener Reduktion der Emissionen aus Entwaldung, ergebnisbasierte Zahlungen aus dem FCPF Carbon Fund unter der Weltbank erhalten.

Laos war ebenfalls eines der Zielländer des Forest Investment Programms (FIP) unter Beteiligung der Weltbank sowie der finnischen Regierung. Seit über zehn Jahren unterstützt auch die deutsche Bundesregierung über das BMZ den Sektor, mit Fokus auf REDD+ und FLEGT. Auch für die nächsten Jahre sind finanzielle Mittel in großem Umfang zugesagt. Mit dem nach langjähriger Überarbeitung im Juni 2019 verabschiedeten Forstgesetz sind die Weichen gestellt, nachhaltige Forstwirtschaft in der Fläche umzusetzen.

Bereits vor der Jahrtausendwende wurde Laos schon einmal als positives Beispiel in Bezug auf Dorfwaldbewirtschaftung aufgeführt. Jedoch wurden die Ansätze unter Beteiligung der lokalen Bevölkerung im Rahmen des FOMACOP (Forest Management and Conservation Project) Projekts von der Regierung abrupt gestoppt.

Vermutlich war illegale Abholzung für die Distrikte und Provinzen, und für die Eliten in der Hauptstadt Vientiane doch zu lukrativ. So sind in den Jahren bis 2015 unzählige Mengen an wertvollen Rundhölzern zum Teil aus Konzessionsflächen, aber in sehr großem Umfang auch darüber hinaus, in die Nachbarländer nach China und Vietnam – oft illegal – exportiert worden.

Einen sicherlich entscheidenden positiven Einfluss auf die Waldbedeckung bzw. den Rückgang der illegalen Abholzung hat die Verordnung Nr. 15 des Premierministers. Sie verbietet die Ausfuhr von Rundholz, halbverarbeitetem Holz, Wurzeln, Stümpfen, Ästen und anderen Teilen von Bäumen, die aus Naturwäldern geerntet wurden. Nur der Export von fertigen Möbeln und Holzprodukten ist erlaubt.

In einem Zeitungsartikel (Vientiane Times, 6 Juni 2016: Export ban sees timber traders turn to other means” from the ‘Editorial Desk’) wurde vorgeschlagen, dass die Öffentlichkeit die Rolle von ‚watch dogs‘ spielen kann, um den illegalen Holzeinschlag aufzudecken. Die Regierung solle die sozialen Medien als Kampagneninstrument nutzen, indem sie eine Facebook-Seite erstellt, auf der die Bürger illegale Aktivitäten melden und Beamte diese Informationen für ihre Ermittlungen nutzen können.

Tatsächlich hatte Premierminister Thongloun Sisoulith dazu aufgerufen, relevante Informationen auf seiner Facebook-Seite zu veröffentlichen. Im Juni 2019 hat die staatliche Nachrichtenagentur verkündet, dass die Facebook-Seite laut Abteilung für Öffentlichkeitsarbeit aus dem Büro des Premierministers nicht in direktem Zusammenhang mit dem Premierminister stünde. Es ist jedoch nach wie vor möglich, öffentliche Anliegen über soziale Medien zu kommunizieren.

Die beliebteste Facebook-Seite ist THOLAKHONG, auf der die Bürger in der Regel ihre Bedenken äußern. Die laotische Jugendradio-Seite Lao Youth Radio ist ebenfalls ein viel genutzter Kanal. So führt der Druck der Gesellschaft über soziale Medien, neben den fehlenden Steuereinnahmen und der Erkenntnis, dass die Holzressourcen begrenzt sind, dazu, dass die Regierung proaktiver und engagierter bei der Verhinderung des illegalen Holzeinschlags und bei der Durchsetzung der bestehenden Vorschriften vorgeht.

Dank internationaler Klimafinanzierung kann Laos externe finanzielle Ressourcen mobilisieren, um den chronisch unterfinanzierten Forstsektor zu stärken – ob diese Investitionen und institutionellen Vorarbeiten einen Beitrag zur Minderung des Klimawandels und zugleich positive Entwicklungswirkungen für die ländliche Bevölkerung hinsichtlich Anpassung an die Folgen des Klimawandels hat, wird sich zeigen müssen. Zumindest deuten die letzten Zahlen von Global Forest Watch auf einen Rückgang der Entwaldung seit 2016 hin.

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„Ein wahrer Wissensschatz!“

Thailand: Nanticha ‚Lynn‘ Ocharoenchai hat die thailändische Klimastreik-Bewegung ins Leben gerufen. Ihr Credo: Nicht die Diskussion über Mangel sollte die Klimadebatten bestimmen, sondern das, was wir durch Klimaschutz gewinnen können.

Ich starrte auf den Computerbildschirm. Was ich sah, war ein weinerlich wirkendes Mädchen, das durch ein Megafon sprach und den Leuten sagte, was sie tun sollten. Dieses Mädchen, das den Streik gegen den Klimawandel in Bangkok anführte, war ich. Der Streik, den ich organisierte, fand im Rahmen des globalen #FridaysForFuture-Klimastreiks am 24. Mai 2019 statt, als weltweit 1,3 Millionen junge Umweltaktivist*innen der Schule fernblieben, um Klimagerechtigkeit und eine nachhaltige Zukunft zu fordern.

Viele Menschen hatten mich während des Marsches in Bangkok gefilmt und mir die Aufnahmen geschickt. Auf den Videos sah ich wütend aus – und das war ich auch. Das war ich schon immer, wenn ich bedenke, wie meine Stadt mit Umweltfragen umgeht. Ich forderte, dass mehr Bäume gepflanzt werden und dass alle notwendigen Maßnahmen ergriffen werden, um Klimagerechtigkeit zu erreichen.

Ich möchte gerne denken, dass ich meiner Arbeit als Umweltschützerin und Aktivistin gerecht geworden bin. Aber als ich mir die Videos noch einmal ansah, hatte ich das Gefühl, wie ein verängstigter Teenager zu klingen, der auf den Straßen Bangkoks in ein Megafon schreit und nur ein paar hundert Unterstützer*innen hinter sich hat. Wir kritisierten Politiker*innen und Unternehmen für ihre Umweltzerstörung und die Ausbeutung von Menschen – dafür, dass sie wirtschaftliches Wachstum über nachhaltige Städte stellen. Wir liefen durch Bangkoks viel befahrene Sukhumvit Road und machten Passant*innen auf ihren verschwenderischen Konsum aufmerksam, der schnell, billig, hübsch und einfach sein soll und damit einer Industrie Vorschub leistet, die von der Ausbeutung natürlicher Ressourcen angetrieben wird.

Bangkok ist eine der Städte mit der geringsten Anzahl an öffentlichen Grünflächen. Deshalb habe ich mehr Parks gefordert und mich gegen Einkaufszentren ausgesprochen. In einem Land, das einer der größten Produzenten von Plastikabfällen ist, setzte ich mich für den Schutz der Meereslebewesen ein und verurteilte den Plastikverbrauch.

Falsche Prioritäten der Regierung

Climate Strike Thailand wurde aus einer Frustration heraus gegründet. Ich dachte mir, wenn niemand darüber redet, was an den Prioritäten unserer Regierung falsch ist, dann würde ich es tun. Seit ich mich auf einer umweltwissenschaftlichen Exkursion in der High School zum ersten Mal in die Natur verliebt habe, habe ich einen Großteil meiner Zeit damit verbracht, meine Mitmenschen davon zu überzeugen, das Gleiche zu empfinden. Während meiner Zeit an der Universität habe ich meine Familie aufgefordert, mehr zu recyceln, und meine Freund*innen genervt, weniger Fleisch zu essen. Jeden Tag wurde mir die Bedeutung einer nachhaltigen Lebensweise bewusster und ich wollte dieses Bewusstsein mit anderen teilen. Manche Menschen kümmern sich tatsächlich um den Planeten, und es ist nicht leicht, diejenigen zu überzeugen, die das nicht tun.

In der Nacht vor dem weltweiten Klimastreik habe ich eine Liste von fünf machbaren und hilfreichen Maßnahmen für die Umwelt erstellt, die ich für Bangkok am sinnvollsten halte:

  1. die Ausrufung eines Klimanotstands
  2. bessere öffentliche Verkehrsmittel
  3. mehr erneuerbare Energiequellen
  4. mehr wirtschaftliche Anreize für nachhaltige Unternehmen und
  5. mehr Grünflächen.

Ich versuchte mein Bestes, alle rechtlichen und technologischen Einschränkungen zu berücksichtigen, fragte Expert*innen und recherchierte im Internet zu jeder meiner Forderungen. Ich habe eine Petition in den sozialen Medien veröffentlicht, die meine Anhänger*innen geteilt haben. Während meines Streiks wiederholte ich die Forderungen – und die Menschen hörten zu. Reporter*innen haben mich interviewt, und ich habe ihnen gesagt, warum sich unsere Systeme ändern müssen und weshalb unseren Politiker*innen das egal ist. Aber was weiß ich schon? Ich bin nur eine Studentin der Kommunikationswissenschaften, die Bäume liebt und mehr davon will. Ich weiß nicht, ob ich euch genau sagen kann, für welche Bereiche unsere Regierung das Budget veranschlagen sollte oder wie ein neuer Stadtpark gebaut werden kann. Diese Selbstzweifel quälen mich.

Lernprozesse einer Aktivistin

Neulich saß ich mit meinem Onkel zum Abendessen zusammen. „Ich muss alles über den Energie-Masterplan Thailands wissen“, sagte ich zu ihm. Ich begann, meine Kritik am Umweltmanagement unseres Landes in Frage zu stellen. Sicher, ich habe früher ein Praktikum bei Greenpeace gemacht und viele Umwelt- und Wissenschaftsnachrichten gelesen, aber letztendlich muss ich zugeben, dass ich keine Expertin bin. Allerdings muss ich informiert sein, wenn ich eine der wenigen Regeln befolgen soll, die ich für meine Klimastreiks habe: Sagt keine Dinge, von denen ihr nicht wisst, dass sie wahr sind. Beschuldigt Menschen nicht für Dinge, die sie nicht getan haben. Und hebt keine Probleme hervor, die keine*r beheben kann. Wir wollen keine einseitigen Aktivist*innen werden, die gegen Politiker*innen kämpfen, sondern ihre Freund*innen, die aufzeigen, was sie beheben können und wie wir helfen können.

Dies beschränkt sich nicht nur auf Proteste für Klimagerechtigkeit. Das gilt für unser tägliches Leben. Es gilt für philosophische Debatten mit euren Freund*innen und Diskussionen über Leben verändernde Entscheidungen mit euren Eltern. Es sollte das Leitprinzip sein, wenn ihr euch mit fremden Menschen im Internet streitet oder über Politik redet. Im Gegensatz zu mir ist mein Onkel kein 21-Jähriger, der meistens hinter einem Laptop arbeitet. Er ist der Präsident eines Unternehmens für erneuerbare Energien und hat 30 Jahre Erfahrung auf dem Energiemarkt. Er hat die Entwicklung und Schrumpfung der Branche, ihre Politik und Wirtschaft miterlebt. Er hat gesehen, wie sie sich verändert hat und wie sie sich verändern kann.

Mein Onkel erzählte mir, dass viele von Thailands öffentlichen und privaten Sektoren auf erneuerbare Energiequellen umstellen. Bevor er das sagte, war mir gar nicht aufgefallen, welchen Fortschritt wir bereits gemacht haben. Fairerweise muss gesagt werden, dass Erwachsene versuchen, die Welt zu einem besseren und nachhaltigeren Ort zu machen. Tatsächlich versuchen sie das schon seit langer Zeit. Sie haben Jahrzehnte damit verbracht, die Science-Fiction-Fantasien von Flugmaschinen und drahtlosen Geräten zu erfüllen.

Wir Jugendliche nutzen ein Stromnetz, das rund um die Uhr in Betrieb ist, damit wir unsere täglichen Instagram-Stories posten können. Wir nutzen Kraftwerke mit fossilen Brennstoffen, um die Autos zu betreiben, mit denen wir die Reisen machen, von denen wir träumen. Wenn sie uns unsere Smartphones wegnehmen würden, die auf dem Abbau von Metallen basieren, würden wir uns alle beschweren. Ohne ihre Erfindungen wären wir immer noch ‚Höhlenbewohner*innen’. Jetzt sind wir an der Reihe, zu versuchen, die Welt zu verbessern, die uns die älteren Generationen übergeben haben, so wie sie es zu ihrer Zeit getan haben.

Nicht alle in Bangkok räumen dem Schicksal eines Waldes Vorrang vor dem Bau eines Wolkenkratzers ein. Nicht alle ziehen Wandern und Campen einem Schaufensterbummel und feinem Essen vor. Nicht alle lesen lieber über die Evolution der Tiere und die Biologie der Pflanzen, als sich Blockbuster-Filme und Netflix-Thriller anzuschauen. Nicht alle verstehen die Wissenschaft des Klimawandels oder die Auswirkungen, die er auf uns hat, und nicht alle interessieren sich dafür. Nicht alle haben das Geld, um Solarpaneele zu installieren, und nicht alle haben die Zeit, über ein von Menschen verursachtes Massensterben nachzudenken.

Wie also soll eine Umweltschützerin wie ich Millionen von Bangkoker*innen davon überzeugen, keine Plastikstrohhalme mehr zu verwenden und keine Schildkröten zu verletzen, mehr Bäume zu pflanzen und die Kohlestoffemissionen zu reduzieren? Kümmern sich die Menschen überhaupt um Schildkröten, oder wollen sie nur sicherstellen, dass ihnen ihr Eiskaffee nicht auf ihr Hemd kleckert, wenn sie daran nippen? Mögen die Menschen Bäume und Parks überhaupt noch, oder wollen sie einfach nur auf ihre Telefone schauen und den ganzen Tag mit ihren Autos herumfahren?

Wie können wir den Klimaschutz als die bessere Alternative darstellen?

Als ein Mensch, der internationale Schulen besucht hat, ausländische Freund*innen hat und westliche Medien konsumiert, dachte ich mir, dass ich nicht die beste Person bin, um Thailänder*innen zu sagen, was sie tun sollen. Trotz meiner thailändischen Nationalität bin ich nur eine Außenseiterin, die versucht, andere davon zu überzeugen, sich für etwas zu interessieren. Es ist nicht leicht, eine ganze Kultur und die Mentalität eines Volkes zu verändern.

Deshalb frage ich mich heute: Was wollen wir alle – ob wir reich oder arm, jung oder alt, Student*in oder Elternteil, Hausmeister*in oder Unternehmer*in, religiös oder atheistisch, Einheimische oder Ausländer*in sind? Was sind unsere Hauptmotivationen und Grundwerte? Wie kann Klimaschutz als eine Win-Win-Situation für alle gestaltet werden? Wie können die Menschen vom Umweltschutz profitieren und gleichzeitig die Dinge erreichen, die sie wollen, und dieselben Menschen bleiben, die sie sind?

Ich weiß, dass wir alle gern gut essen und saubere Luft atmen, und ich habe diesen einfachen Ansatz auch ausprobiert. Aber solange die Supermärkte gefüllt sind und die Klimaanlagen funktionieren, wird Umweltschutz den meisten Menschen in Bangkok unnötig erscheinen – und wahrscheinlich auch in den Teilen der Welt, die nicht an vorderster Front des Klimawandels stehen. Die Welt wird heute nicht in die Luft fliegen, und wahrscheinlich wird sie auch morgen nicht in die Luft fliegen. Aber für diejenigen, die sich darüber ärgern, dass sie eines Tages explodieren wird, und dass wir dies nur verhindern können, indem wir jetzt handeln, stellt sich die Frage: Wie können wir den Menschen zeigen, was sie jetzt haben können, anstatt ihnen mit dem zu drohen, was sie später verlieren werden, d.h. wie können wir den Klimaschutz als die bessere Alternative darstellen?

In einem Blog macht Nanticha ‚Lynn‘ Ocharoenchai Vorschläge für praktischen Klimaschutz, Illustrationen von Saranporn Rarunron:

Wie können wir dazu beitragen, ein nachhaltiges Leben wirtschaftlicher und zugänglicher zu machen für diejenigen, die bereits Hunderte von Problemen haben, um die sie sich täglich sorgen müssen? Anstatt viel beschäftigten Arbeiter*innen zu sagen, dass sie weniger Einzelportionen an Snacks kaufen sollen, damit die Wale den Müll nicht schlucken, ist es besser, ihnen zu sagen, dass ein Großeinkauf ihnen langfristig hilft, Geld zu sparen. Anstatt erschöpften Büroangestellten zu sagen, dass sie nicht mehr mit dem Auto zur Arbeit fahren sollen, sagt ihnen, wie sie mit öffentlichen Verkehrsmitteln Zeit sparen können. Macht den Umweltschutz billig und einfach. Macht ihn schnell und bequem.

Wie können wir nachhaltigen Konsum cooler, angesagter, schöner und trendiger gestalten und ihn gleichzeitig einfach und erschwinglich machen? Anstatt College-Kids zu sagen, dass sie nicht mehr auf Einkaufstour gehen sollen, um die Produktion zu drosseln, sagt ihnen, wie sehr der Minimalismus im Trend liegt. Sagt ihnen, warum Fast Fashion den Menschen und dem Planeten schadet.

Anstatt Rucksacktourist*innen zu erzählen, wie Billigflüge die Umwelt verschmutzen und warum der Wildtiertourismus scheiße ist, erzählt ihnen, dass Zugreisen jetzt cool sind und dass es hip ist, freiwillig Bäume zu pflanzen. Besser noch, zeigt ihnen, wie einfach es wirklich ist, mit dem Zug zu reisen, und wie sinnvoll es sein kann, Bäume zu pflanzen. Macht den Umweltschutz cool. Macht ihn zum Trend.

Wie können wir nachhaltige Industrien und Systeme für Unternehmen nutzbarer machen? Anstatt Unternehmen unter Druck zu setzen, damit sie die Ausbeutung natürlicher Ressourcen einstellen, unterstützt lieber die Unternehmen, die umweltfreundliche Materialien beziehen. Anstatt von Regierungen zu verlangen, dass sie sich wegen ihrer ökologischen Auswirkungen von fossilen Brennstoffen trennen, sagt ihnen, dass sie in saubere Energie investieren sollen, da dies wirtschaftliche Vorteile bringt. Macht den Umweltschutz praktisch und logisch. Macht ihn profitabel.

Es ist eine Herausforderung, für den Klimaschutz einzutreten, weil er jeden Aspekt unseres täglichen Lebens betrifft – von den Lebensmitteln, die wir zu uns nehmen, der Kleidung, die wir tragen, der Art und Weise, wie wir pendeln, bis hin zu den Häusern, in denen wir leben, den Jobs, die wir ausüben, und den Worten, die wir sprechen. Gleichzeitig ist es eine Chance, weil wir in fast allen der genannten Bereiche Veränderungen bewirken können.

Wir können nicht erwarten, dass wir alle mit einer einzigen Lösung für den Klimawandel erreichen, und deshalb sollten wir versuchen, die Menschen mit Ansätzen zu erreichen, die auf ihren Lebensstil zugeschnitten sind. Der Schlüssel liegt darin, herauszufinden, was sie am meisten schätzen, wie betroffen sie sind und wie wir sie für den Kampf gegen die Klimakrise gewinnen können. Der Schlüssel liegt darin, alle dazu zu bringen, dass sie es wollen, und nicht alle dazu zu zwingen. Es geht darum, allen etwas anzubieten, was sie gewinnen können, unabhängig davon, wer sie sind oder woher sie kommen, anstatt sie mit dem einzuschüchtern, was sie durch den Klimawandel verlieren könnten. Auf diese Weise können wir den Umweltschutz zu einer Win-Win-Situation für alle machen.

Übersetzung aus dem Englischen von: Simon Kaack

Dieser Artikel erschien zunächst auf Englisch im Rahmen der von der Heinrich-Böll-Stiftung publizierten „Perspectives Asia #8: Asia for Future“ und wurde für die südostasien redaktionell bearbeitet.

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„Ein wahrer Wissensschatz!“

Indonesien – Die Regierung setzt der Ausbeutung von Ressourcen durch Unternehmen wenig entgegen. Landnahmen beeinträchtigen insbesondere indigene Frauen. Die NGO Perempuan AMAN stärkt deren Selbstbewusstsein, indem sie ihnen Frauen- und Indigenenrechte vermittelt. Ein Interview mit der Aktivistin Afina Nurul Faizah.

Indonesien besitzt große Urwaldflächen und ist reich an natürlichen Ressourcen wie Kohle, Gas, oder Öl. Die derzeitige indonesische Regierung – ebenso wie die vorherigen – verfolgt die Politik, diese Ressourcen durch internationale oder einheimische Unternehmen ausbeuten zu lassen, obwohl dies verheerende Auswirkungen auf Umwelt und Klima hat. Die Folgen treffen insbesondere die indigene Bevölkerung des Landes. Immer wieder kritisieren Menschenrechtsorganisationen, dass Indonesien seine indigene Bevölkerung gegenüber extraktiven Industrien oder Palmölplantagen nicht hinreichend schütze.

Landkonflikte sind an der Tagesordnung und viele Ritualpraktiken können nicht mehr durchgeführt werden. Die Organisation AMAN (Aliansi Masyarakat Adat Nusantara = Verband der Indigenen Bevölkerung Indonesiens) ist die größte Advocacy-NGO, die für die Rechte indigener Gruppen in Indonesien kämpft. Afina Nurul Faizah arbeitet für AMANs Unterorganisation Persekutuan Perempuan AMAN (Perempuan AMAN = Allianz von Frauen in AMAN), die sich spezifisch für die Belange indigener Frauen einsetzt, welche besonders schwer unter den Konflikten leiden.

Afina, Sie arbeiten für Perempuan AMAN. Können Sie kurz die Aktivitäten und das aktivistische Ziel dieser Organisation beschreiben?

Wir betrachten alle Angelegenheiten, die die indigene Bevölkerung betreffen, unter einer Gender-Perspektive, um Gerechtigkeit für indigene Frauen herzustellen. Ihre Situation ist sehr komplex und keineswegs homogen. Es gibt weitgehend egalitäre Gruppen, aber auch solche, die patriarchal sind. Feudalismus ist ein weiteres Thema unserer Arbeit.

Perempuan AMAN ist eine der wenigen Organisationen weltweit, deren Mitglieder überwiegend indigene Frauen sind. Insgesamt haben wir etwa 2000 indigene Mitglieder in sechs Regionen. Bei unserer Arbeit geht es vor allem darum, diese indigenen Frauen zusammen zu bringen und ihnen eine Stimme in Bezug auf ihre ethnische Gruppe und auf ihr Geschlecht zu geben. Außerdem verfolgen wir die Umsetzung der Nachhaltigen Entwicklungsziele (SDGs) für die indigene Bevölkerung.

Klimagerechtigkeit ist das Thema dieser Ausgabe der südostasien. Welche konkreten Auswirkungen für indigene Gruppen und besonders für indigene Frauen hat der Klimawandel?

Eines unserer Projekte ist Engendering Participatory Mapping, ein gendergerechter partizipativer Mapping-Ansatz. Hier werden Frauen darin geschult, Veränderungen in ihrer Umgebung zu beobachten und festzuhalten. Ein Beispiel ist Landraub durch Unternehmen, wodurch Frauen den Zugang zu und die Souveränität über ihre natürlichen Ressourcen verlieren. Das erschwert die Lebensbedingungen. Beispielsweise stellen indigene Frauen Kleidung selbst her, indem sie Stoffe aus Fasern weben, die sie ganz einfach auf ihrem Land finden können.

Wenn ihnen das Land nicht mehr zur Verfügung steht, müssen sie Garn im Laden kaufen. Indigene Frauen haben aber in der Regel keinen Zugang zu Bargeld. Deswegen müssen sie in Schuldknechtschaft arbeiten, weil sie, wie indigene Männer auch, meist nicht staatlich registriert sind und so keine faire und legale Arbeitsstelle finden können. Das ist eine Form der Ausbeutung und sogar der Sklaverei. Zu dieser an sich schon ungerechten Situation kommt nun noch die Umweltkatastrophe.

Wie gestaltet sich die Arbeit von Perempuan Aman in diesem Zusammenhang?

Die Folgen des Klimawandels sind für viele der Frauen noch schwierig zu erfassen oder tiefer gehend zu diskutieren, weil viele dieser Frauen kein Identitätsbewusstsein als indigene Frauen haben. Für uns ist es deswegen zunächst zentral, ihnen dabei zu helfen, ein Bewusstsein ihrer eigenen Position in der Gesellschaft und ihrer spezifischen Probleme zu entwickeln: Dass sie Frauen sind, dass sie Frauen in einer indigenen Gruppe sind, die dadurch ein hohes Risiko für Verarmung und Marginalisierung durch den Staat haben. Effekte des Klimawandels wie etwa die veränderten Tierbestände sind in unserer Arbeit daher im Moment leider noch nachrangig.

Ich höre oft von Aktivist*innen, dass der Klimawandel-Diskurs in Indonesien ein Elitendiskurs ist und selten überhaupt diskutiert wird. Hat das damit zu tun, dass der Klimawandel als Begriff abstrakt bleibt, obwohl es konkrete Folgen wie extreme Wetterlagen, Waldbrände, zu wenig oder zu viel Regen gibt? Wie sehen Indigene selbst die Lage?

Diese Veränderungen sind der indigenen Bevölkerung natürlich bewusst. In unserem partizipativen Mapping sollen die Frauen beispielsweise Veränderungen in ihrer Gegend festhalten. Da wird viel genannt. Zum Beispiel gab es früher Pflanzen und Tiere, die jetzt nicht mehr da sind. Eine indigene Aktivistin von den Dayak Kanayatn in Landak, nahe Pontianak (West-Kalimantan), schrieb folgendes: “Es gibt Tiere, von denen ich nur die Namen kenne, weil ich sie von meinen Vorfahren gehört habe. Ich habe sie nie gesehen.”

Dort sind viele Arten verschwunden. Andere erzählen, wie einfach es für sie früher war, ein Haus zu bauen. Die Häuser waren nicht aus Ziegeln oder Zement, sondern aus Naturmaterialien. Aber jetzt, erklären sie, müssen sie das Material kaufen, weil sie es nicht mehr finden können. Sie sind oft noch bei einer Bestandsaufnahme dessen, was es nicht mehr gibt und was sich verändert hat. Sie wissen das genau, aber die Begriffe wie ‚Klimawandel‘ sind noch Leerstellen und fehlen in ihrer Analyse, aber das geht vielen Menschen in Indonesien so.

Wenn es den indigenen Aktivist*innen nicht primär um den Begriff Klimawandel geht, worum dann?

Ihr Hauptanliegen ist es im Moment, die Kontrolle über ihre Gebiete zurück zu erlangen, besonders ihren Wald, der zu staatlichem Eigentum erklärt wurde. Das ist wichtig für sie, weil die meisten indigenen Gruppen Wald, Land oder Flüsse nicht als Ware ansehen, die man besitzen kann. Deswegen sollen sie ihrer Ansicht nach auch nicht verkauft werden oder Zertifikate für sie verteilt werden. Aber wenn sie kein Zertifikat beantragen, kann ihnen das Land weggenommen werden. Das ist ein Dilemma. So werden auch viele sakrale Orte entweiht. Weil sie so unter Druck stehen und ihnen oft Migrant*innen aus anderen Teilen Indonesiens den Platz streitig machen, geben viele indigene Gruppen sogar ihre Rituale auf.

Auch die Umsiedlung der Hauptstadt nach Kalimantan wurde ohne Einwilligung der lokalen indigenen Bevölkerung, der Dayak Paser, beschlossen. Die Entwicklung, über die die Regierung im Zuge dessen für Kalimantan spricht, wird da auch nichts helfen. Entwicklung für wen? Na, für Kapitalisten, für die mit dem großen Geld, doch nicht für die indigene Bevölkerung in Kalimantan!

Viele indigene Gruppen, vor allem in Sumatra, haben in erster Linie Geldsorgen. Die Leute brauchen Bargeld, weil sie ihre Nahrungsmittel nicht mehr aus der Natur um sie herum gewinnen können. Sie müssen Reis und Süßkartoffeln kaufen, weil sie angezeigt werden können, wenn sie im Wald ernten. Selbst Wasser müssen sie oft kaufen, weil Quellen auf ihrem Land verschmutzt sind oder Unternehmen gehören.

In der Hoffnung, am Wohlstand teilzuhaben, pflanzen viele Indigene selbst Ölpalmen in Monokultur statt ihrer gewohnten Nahrungsmittel an, um sich wiederum andere Waren leisten zu können. Oft wissen die Leute selbst, dass die Ölpalmen nicht gut für den Boden sind, aber sie sehen es als ihre einzige Möglichkeit, Geld zu verdienen. Sie haben nicht wirklich eine Wahl, ihr Ökosystem zu schützen. All das ist sehr ironisch und zeigt, dass der Weg noch sehr lang ist.

Und ihr als Perempuan AMAN helft den Frauen, Möglichkeiten zu finden, mit der bestehenden Situation umzugehen?

Genau! Aber es geht auch um Stigmatisierung. Ein Beispiel sind die Waldbrände und die dadurch entstehende Luftverschmutzung, die besonders 2018 sehr heftig waren. In weiten Teilen Südostasiens lag Smog in der Luft, der aus Kalimantan kam. Nun gab es das Stigma, die Indigenen haben Waldstücke angezündet und dadurch die unkontrollierbaren Brände ausgelöst. Es stimmt zwar, dass viele indigene Gruppen Brandrodung betreiben, also nach der Ernte neues Ackerland durch Abbrennen gewinnen, und so regelmäßig die Felder wechseln.

Der Punkt ist aber, dass sie ihre eigenen Rituale, Regeln und Sanktionen haben, die verhindern sollen, dass das Feuer aus dem gewünschten Bereich auf andere übertritt. Sie haben ihr eigenes System und beeinträchtigen damit nicht ihre eigene Lebensgrundlage, ihr Zuhause. Die Anschuldigungen dienen unserer Ansicht nach vor allem dazu, die indigenen Bäuer*innen zu stigmatisieren und zu kriminalisieren. Das fällt ganz besonders auf die Frauen zurück, die hauptsächlich die Felder bestellen.

Etwa 75 Prozent der Menschen in Indonesien erhalten ihre Nahrungsmittel durch Frauen, die Ackerbau betreiben, darunter viele indigene Frauen. Diese Frauen verstehen zwar oft nicht viel von der globalen Erderwärmung oder vom Klimawandel, aber sie strengen sich sehr an und wollen die Erde und ihren Lebensraum nachhaltig bewirtschaften wie ihre Vorfahren. Es ist also sehr ungerecht, dass sie dieses Stigma und sogar Kriminalisierung ertragen müssen.

Es gibt ein weiteres Problem für indigene Frauen. Sie leben oft weit von der nächsten Stadt entfernt. Der Zugang zu verschiedenen staatlichen Leistungen, insbesondere im Bereich Gesundheit, ist dadurch sehr eingeschränkt. Vor allem wenn sie gebären, ist das schwierig. Es gibt meistens eine Baby-Heilerin (dukun bayi), die bei der Geburt hilft. Diese besitzen aber keinen rechtlichen Status, sodass sie immer wieder kriminalisiert werden – oft gemeinsam mit der gebärenden Mutter. Das ist sehr widersprüchlich: der Staat will, dass Frauen ins Krankenhaus gehen, aber es gibt keine Straße dorthin, es gibt auch keinen Zugang zu kostenloser Gesundheitsversorgung, dabei haben diese Menschen ja auch kein Geld. Die Belastung durch den Klimawandel nehmen die Frauen deswegen nur nachrangig wahr.

Was könnte aus deiner Sicht und aus der Sicht von Perempuan AMAN die indonesische Regierung in Bezug auf die ökologische Krise für die indigene Bevölkerung und besonders Frauen tun?

Wir stimmen alle darin überein, dass die Regierung zunächst mal ein Gesetz eigens für den Schutz der indigenen Bevölkerung erlassen sollte. Zudem sollte das Strafrecht überarbeitet und einige Paragraphen gestrichen werden, weil sie die indigene Bevölkerung benachteiligen, beispielsweise in Bezug auf Landbesitz. Landraub und Landbesitz sind ein Problem für indigene Gruppen, weil es keine guten staatlichen Karten oder Daten gibt. So tauchen die indigene Bevölkerung und ihre Landrechte gar nicht auf und werden vom Staat kaum beachtet oder geschützt.

Außerdem leiden indigene Frauen am stärksten unter der ökologischen Krise, weil es ihre Verantwortung ist, Essen für ihre Kinder zu besorgen. Es gibt eine strukturelle Verarmung indigener Frauen, weil ihnen so viel vorenthalten wird. Es gibt auch noch einen weiteren Punkt: In Südostasien geht es bei Gesetzen für die indigene Bevölkerung oft primär um Landbesitz, obwohl es eine maritime Region ist. Das ist aber seit der Kolonialzeit ein einseitiger Fokus, weil doch viele indigene Gruppen hier an Flüssen, an der Küste oder auf dem Meer leben. Manchmal haben diese Menschen noch nicht einmal die Staatsbürgerschaft, weil das Staatenkonzept so stark auf dem Paradigma von Land basiert.

Und was ist Deiner Meinung eure wichtigste Arbeit?

Wir stärken das Identitätsgefühl der Frauen und ein Verständnis ihrer eigenen Lage. Sehr viele indigene Frauen haben nicht den Mut und auch nicht die Macht, sich natürliche Ressourcen in ihrem indigenen Land anzueignen oder sich für sich selbst einzusetzen. Männer und Personen von Rang oder Titel treffen alle Entscheidungen. Junge und vor allem unverheiratete Frauen haben da oft nicht viel zu sagen. Das ist ein ganz wichtiger Teil unserer Arbeit, damit Frauen ihre Stimme erheben können, um ihre Bedürfnisse zum Ausdruck zu bringen.

Das betrifft auch Konflikte in der Familie, häusliche Gewalt, bis hin zur Scheidung. Diese Konflikte drehen sich immer wieder um Fragen von Umweltschutz oder Ressourcenausbeutung, gegen die sich Frauen wehren wollen, während Männer Hoffnung haben, dadurch einen Arbeitsplatz zu erlangen. Die Männer haben auch wirklich oft gute Chancen, in einer Kohlemine oder ähnlichen Unternehmen Arbeit zu finden, im Gegensatz zu den Frauen. Sie sitzen dann ohne ihre Männer da und müssen sich um alles alleine kümmern. Das führt zu Spannungen.

Das klingt alles sehr schwierig und hoffnungslos.

Ja, es ist furchtbar! Die Situation ist noch schlimmer als ich es mir ausmalen konnte. Das liegt auch daran, dass eine Sichtbarkeit dieser Frauen kaum gegeben ist und indigene Gruppen in aktivistischen Diskursen kaum zur Sprache kommen. Urbane Feminist*innen lehnen es oft ab, sich für indigene Frauen einzusetzen, weil sie der Meinung sind, dass diese in einem patriarchalen Denken verhaftet sind. Und auch Umweltaktivist*innen kümmern sich oft nicht besonders um die indigene Bevölkerung. Sie werden immer wieder zum Vorzeigen eingeladen, aber nicht wirklich nach ihrer Meinung gefragt. Das macht mich wütend.

Gibt es denn auch positive Entwicklungen?

Es gibt einige Frauen, die gegen alle Widerstände versuchen etwas zu bewegen. Beispielsweise haben sich in einer Gruppe Frauen beschwert, dass sie den Mitgliedsbeitrag nicht bezahlen können, weil sie kein Geld haben. Da haben die Frauen die Initiative ergriffen und einen Maniok-Garten angelegt, den sie jetzt seit drei Jahren führen und von dem sie die Mitgliedsbeiträge und ein Gehalt bezahlen. Sie haben eine Kooperative gegründet. Erst seit es diese Kooperative gibt, werden sie vom Bürgermeister und anderen Autoritätspersonen angehört.

Es gibt einige Frauen, die Beachtliches schaffen, vor Gericht gehen oder lokale Frauengruppen organisieren. Aber viele wissen nicht mal, wer sie selbst sind. Als Coach in unserem Schreibtraining stelle ich fest, dass viele Frauen ihre Identität gar nicht darstellen können. Sie verwenden Worte wie „ich“ oder „ich will“, „ich brauche“ überhaupt nicht. Stattdessen beschreiben sie, was sie gehört haben oder was ihre zugewiesene Aufgabe ist, aber sie schreiben nicht über sich selbst. Aber ich denke, es ist gerade wichtig, die eigene Positionalität zu kennen.

Das ist unsere wichtigste Aufgabe: den Frauen ihre Stimme zu geben und es ihnen zu ermöglichen, ihre Bedürfnisse zu artikulieren. Wir wollen ihnen ihre Rechte aufzeigen und ihnen helfen, sich Zugang zu den ihnen zustehenden natürlichen Ressourcen verschaffen, ihr eigenes Einkommen zu verwalten und ihre körperliche Selbstbestimmtheit ebenso wie das ökonomische Auskommen ihrer Familie und die Autonomie ihrer indigenen Gruppe zu schützen. Denn wenn die Frauen ihre Rechte kennen, ist vieles möglich.

Interview und Übersetzung aus dem Indonesischen von: Sophia Hornbacher-Schönleber

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1 | 2020, Philippinen, Rezensionen, Sonderausgabe Buchmesse,
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„Ein wahrer Wissensschatz!“

Laos: Nachhaltigkeit sei für ländliche Gemeinden kein Thema gewesen, so lange es keine Einmischung von außen gab und die Ressourcen für alle reichten, sagt Phillip Bengel, der als Experte für Umweltbildung in Laos mit der lokalen Bevölkerung zusammengearbeitet hat.

Was sind Ursachen und Folgen des Klimawandels speziell in Laos?

Laos ist nicht besonders industrie- und wirtschaftsstark, vielmehr hat es ein großes Potential zur Kompensation durch die Wälder (vgl. dazu den Artikel Waldschutz als nationales Klimaziel auf suedostasien.net). Die Regierung ist sich dessen bewusst. In der Bevölkerung ist dieser Aspekt hingegen nicht so richtig präsent. Die Regierung hat sich zum Ziel gesetzt, die Waldfläche bis 2020 wieder auf 70 Prozent zu erhöhen, annähernd so viel wie in den 1940er Jahren. Durch starke Abholzung war sie in den 1990er Jahren auf knapp 40 Prozent gesunken, 2015 waren es 58 Prozent. Das ist ein sehr, sehr ambitioniertes Ziel. Waldschutz ist ein ganz entscheidender Punkt, weil es viel illegalen Holzschlag gibt, gerade im Grenzbereich zu Vietnam. Oft werden Vietnamesen beschuldigt, es sind aber natürlich auch Laoten beteiligt, dass das Holz illegal geschlagen und verkauft werden kann. Das ist ein großes Problem.

Wie werden Klimaschutzmaßnahmen auf nationaler und lokaler Ebene umgesetzt?

Wenn Vorgaben von Kooperationspartnern, wie z.B. von der deutschen Regierung gemacht werden, dann werden die eingehalten. Aber ich weiß nicht, wie viel davon wirklich intrinsisch motiviert ist. Die laotische Regierung konzentriert sich eher auf sich und sieht weniger das globale Bild. Man sieht sich vor allem als das ‚kleine Laos‘, also auch nicht in der Verantwortung und schiebt vor, dass man gar keinen so großen Einfluss hat. Was natürlich schade ist, denn die Bevölkerung bekommt die Auswirkungen des Klimawandels wie z.B. Überschwemmungen und Dürren zu spüren. Auch die Regierung merkt, wie Ernst der Klimawandel ist und dass Laos genauso mitverantwortlich ist wie andere Länder auch.

Hast Du das Argument, dass Wasserkraft nachhaltig ist, öfters gehört?

Der größte Teil der Energieversorgung läuft über Wasserkraft, was viele als erneuerbare Energiequelle sehen, auch wenn negative Folgen für Natur, Mensch und Umwelt damit zusammenhängen (vgl. dazu Rezension auf suedostasien.net https://suedostasien.net/laos-rezension-riesendesaster-statt-modellprojekt/). Der durch Wasserkraft erzeugte Strom wird als ein legales Exportgut, das laut offiziellen Statements immens zur Entwicklung des Landes beiträgt, gern als green energy in den Vordergrund gestellt. Darauf sind viele Menschen in Laos stolz.

Hast Du einen öffentlichen Diskurs über Klimawandel wahrgenommen?

Eigentlich nicht, höchstens mal, wenn man sich offizielle Statements und Projektbeschreibungen von anderen Projekten durchliest, wird standardmäßig darauf Bezug genommen, auf die SDGs im allgemeinen und den Klimawandel, aber vor Ort im Diskurs nicht. Es gibt hier z. B. keine Fridays for Future-Bewegung und auch sonst keine Demos oder eine lokal organisierte Widerstandsbewegung.

Gibt es Kritik an Staat oder Unternehmen so wie es hier inzwischen üblich ist, dass z.B. die Autoindustrie oder bestimmte Unternehmen kritisiert werden, wenn es um den Klimawandel geht?

Da ist man ja in Laos grundsätzlich sehr vorsichtig. Weil die größte Institution, die daran schuld sein könnte, die Regierung ist und gegen die hört man gar nichts. Offiziell schon gar nicht, inoffiziell tauscht man sich vielleicht mal mit Nachbarn und besten Freunden aus und nur ganz vorsichtig. Wenn sich jemand öffentlich beschwert ist es weniger spezifische Kritik, sondern eher so etwas wie: Okay, in der Politik muss mal was passieren. Man hört es dort seltener, den Menschen wird auch kein Sprachrohr gegeben und wenn sich jemand in den Medien äußern würde, hätte er gleich ein ganz großes Problem.

Wir hatten uns bei anderen Ländern gefragt, ob der Klimadiskurs ein Elitendiskurs ist? Kann man die Frage stellen bei Laos?

Wenn man die Frage am Beispiel Laos beantwortet, kann das gut sein, dass es so wahrgenommen wird. Anhand einer Bedürfnispyramide gesehen, müssen erst alle grundlegenden Bedürfnisse befriedigt sein, bevor sich Menschen über Umweltprobleme Gedanken machen. Und in Laos ist Armut noch ein weit verbreitetes Problem. Wenn ich nicht weiß, wo ich heute Nacht schlafe oder was ich morgen esse, mache ich mir zuerst darüber Gedanken.

Wir hatten im Projekt mit einem Dorf zu tun, das von der Regierung zwangsumgesiedelt wurde. Die Bewohner*innen mussten raus aus dem Kerngebiet des Nationalparks, wo sie seit Generationen gelebt hatten. Sie wurden an einen neuen Standort umgesiedelt mit weniger fruchtbarem Boden (angeblich noch durch Altlasten aus der Kriegszeit stark mit Chemikalien belastet) und es stand ihnen nach der Umsiedelung viel weniger Nutzwald zur Verfügung. Die Bewohner*innen hatten kein Interesse an Umweltschutz und Erhalt der Biodiversität. Sie reagierten ablehnend auf die vorgeschlagenen Maßnahmen, weil diese nicht zu ihren aktuellen Grundbedürfnissen passten. Sie mussten sich erst wieder eine neue Lebensgrundlage schaffen und benötigten dafür eine andere Art von Unterstützung. Wir nahmen dann in der Diskussion mit den Betroffenen ihre Probleme auf und gaben sie an andere Projekte mit passenderen Unterstützungsmöglichkeiten weiter.

Mit wem hast Du zusammengearbeitet? Wie stehen vor allem ärmere Menschen oder weniger gut ausgebildete Menschen zum Klimawandel?

Ich hatte am meisten zu tun mit der Provinzumweltbehörde in Khammouane, die mit jungen Freiwilligen gearbeitet haben. Diese arbeiten in der Hoffnung, da reinzurutschen und eine feste Stelle zu bekommen. Sie haben unentgeltlich, nur für eine Aufwandsentschädigung, gearbeitet. Ich würde sie dadurch als beruflich privilegiert bezeichnen. Dennoch war das Bildungsniveau, obwohl sie in der Umweltbehörde arbeiten, schon sehr niedrig. Die eigentliche Zielgruppe waren Dörfer um den Hin Nam No Nationalpark in der Provinz Khammouane, die in einer sehr ländlichen Gegend in der Natur angesiedelt sind und von Subsistenzlandwirtschaft leben. Diese Menschen wissen aus einer utilitaristischen Perspektive sehr wohl, was die Natur ihnen geben kann. Nur war ‚Nachhaltigkeit’ tatsächlich nie ein Thema, weil für alle in den Dörfern genug vorhanden war, solange es keine Einmischung von außen z.B. in Form von Umsiedlung gab.

Das Bewusstsein für Nachhaltigkeit ist also nicht vorhanden?

Der Nachhaltigkeitsgedanke wie bei uns ist in der laotischen Bevölkerung wenig ausgeprägt. Um ein Beispiel zu nennen: da kommt jemand aus China oder Vietnam, vielleicht oder auch besser gestellte Laoten und macht ein tolles Angebot. Dann wird der komplette Wald verkauft und für die Kinder und Enkel ist nichts mehr da.

Das halte ich definitiv für den größten negativen klimawandelrelevanten Faktor. In Deutschland kommt der Nachhaltigkeitsgedanke aus der Forstwirtschaft, er ist schon 300 Jahre alt. Die ersten, die damals kapiert haben, dass wir so viel nachwachsen lassen müssen, wie wir auch schneiden wollen, waren Förster und Forstwirte. Dieses Verständnis fehlt in Laos. Und dort geht es nicht nur um Aufforstung, sondern tatsächlich um den Schutz von Urwald, der für die Biodiversität noch wertvoller und bedeutender ist.

Man hat noch eine Chance dieses Problem direkt anzugehen. Wenn man aber sagt, dass dieser kleine Wald mit vielen anderen Wäldern zusammen auch einen Einfluss auf das globale Klima hat, sprengt das definitiv die Vorstellungskraft. Das interessiert auch gar nicht, weil die Welt der ländlichen Bevölkerung das Dorf, der Wald und das Nachbardorf ist. Das ist okay so, aber darauf muss man sich einlassen, wenn man dort arbeitet.

Wenn es bei meiner Arbeit um Umweltthemen ging, dann weniger theoretisch auf einer Metaebene über den Klimawandel, sondern eher über damit zusammenhängende alltagsrelevante Themen wie zum Beispiel Abfallvermeidung, Waldschutz und Artenschutz. Durch den direkten Bezug zur Lebenswelt der Menschen funktioniert das und wird gut aufgenommen. Alles andere kommt den Menschen sonst zu abstrakt vor.

Ihr habt mit Theater gearbeitet, um Leute aufzuklären. Wer hat das initiiert und welche Erfahrungen habt ihr gemacht?

Das war von der Methodik besonders passend, weil es gemeinschaftlich entwickelt wurde. Man bezeichnet es als non-formale Bildungsmethoden oder -programme. Das Theater war ein großer Teil davon, aber auch Spiele, Gruppendiskussionen, Gruppenarbeit, eben vieles, was nicht diesen frontalen Schulcharakter hat. Es war schon eine Herausforderung, die Menschen davon zu überzeugen, dass wir zwar Themen vermitteln wollen, aber nicht nur die Lehrenden sind, die vorne stehen und einen Monolog halten, sondern dass wir gemeinsam mit ihnen diskutieren, spielen oder ein Theaterstück anschauen und danach mit den Schauspielern diskutieren wollen.

Die Schulungen, Stücke, etc. hat das Team in Vorbereitungsworkshops selbst entwickelt, es wurde kooperativ überlegt welche Themen passen und wie sie abwechslungsreich gestaltet werden können. Ich hab dabei vor Ort in einer zurückgestellten Coachingposition unterstützt und Feedback gegeben, z.B. noch mehr auf die Leute einzugehen, weil sie sich noch nicht trauten, richtig mitzumachen. Das war wichtig und wurde auch angenommen. Daraus hat sich dann später eine gegenseitige Feedbackkultur im Team etabliert.

Würdest Du sagen, dass das Theater eine Art Gegenbewegung ist, um auf bestimmte Themen aufmerksam zu machen?

Ja, es ist auf jeden Fall ein guter Weg. Auch bei uns in Deutschland fruchten solche Konzepte und stellen eine Alternative zur ‚Katastrophenpädagogik’ dar. Auf bestimmte Aspekte des eigenen Handelns, gerade wenn sie negativ sind, muss man die Leute schon aufmerksam machen. Macht man das sehr direkt, erreicht man oft nur eine Abwehrhaltung. Gerade bei einer Kultur wie der laotischen, wo es sozial weniger toleriert wird, andere direkt auf negative und unangenehme Sachen aufmerksam zu machen, ist diese Art des spielerischen Herangehens definitiv besser. Da geht es darum, Lösungen im Kleinen aufzuzeigen. Mit einem Lächeln und mit ein bisschen Witz ranzugehen hat auf jeden Fall Potential.

Konntest Du die Leute letztendlich mitnehmen?

Ja, aber es war ein langer Weg. Gemerkt habe ich das an meinem Team, mit dem ich zusammengearbeitet habe, da konnte ich irgendwann eine Veränderung beobachten. Es ging mir allgemein so, dass ich teilweise mit Inhalten, die ich vermitteln wollte, noch ein, zwei, drei Niveaus drunter ansetzen musste, als ich es vorhatte, weil die Grundbildung oder das Grundverständnis fehlte. Allerdings habe ich auch mit einem Assistenten gearbeitet, der übersetzt hat, es sprach kaum jemand Englisch und mein Laotisch war nicht gut genug, um damit inhaltlich zu arbeiten.

Daher wusste ich auch nie wirklich, was mein Assistent jetzt tatsächlich transportiert, von dem, was ich gesagt habe und was ich rüberbringen wollte. Das hat teilweise zu großen Einbußen geführt und war ein Qualitätsmangel. Wenn man das irgendwie ändern könnte, dann könnte man die Menschen noch viel effizienter erreichen. Was sich tatsächlich bei der eigentlichen Zielgruppe in den Dörfern getan hat, konnte ich persönlich dann kaum noch einschätzen. Ich konnte mich nur drauf verlassen, was von meinem Team zurück kam und das war oftmals positiv. Als sie sich getraut haben, mal negatives Feedback zu geben, kamen auch Dinge zur Sprache, die wir dann gleich aufgegriffen haben (siehe Beispiel der Umsiedlung oben).

Was fällt besonders auf, wenn man sich Klimawandel global anschaut und auf Laos schaut?

Was mir immer wieder während meiner Arbeit bewusst geworden ist, sind die Unterschiede in der Entwicklung der Umweltbildung, wobei wir in Deutschland und im europäischen Kontext zumindest von Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) sprechen, wir sehen das schon viel interdisziplinärer. Auch soziale und wirtschaftliche Faktoren spielen mit rein, nicht nur die klassischen ökologischen. Aber auch das war ein Weg, der sich seit den frühen 1970er Jahren in Deutschland entwickelt hat und begonnen haben wir auch mit: ‚Wir gehen in den Wald und sammeln Müll’ als Umweltbildungsmaßnahme. Das machen wir jetzt in Deutschland gar nicht mehr, weil wir es gar nicht mehr brauchen. Jeder weiß, dass es nicht okay ist und warum es nicht okay ist, seinen Müll in den Wald zu werfen. Und in Laos können wir nicht voraussetzen, dass jeder weiß, dass es nicht okay ist.

In Laos wurden früher die Bananenblätter (die als Verpackung dienten) in den Wald geschmissen und jetzt schmeißen die Menschen die Plastiktüten auch in den Wald. Es war schon immer so. Und jetzt kommen wir hin und erwarten möglicherweise ein Verständnis, wie es sich bei uns innerhalb von 30, 40 Jahren entwickelt hat. Aus diesem Grund haben viele Methoden in der Umweltbildung nicht so funktioniert, wie ich es in Deutschland gemacht hätte. Sie mussten angepasst und komplett überarbeitet werden. Das wird es wahrscheinlich in vielen anderen Feldern auch in Bezug auf Klimawandel geben, nicht nur Umweltbildung, dass man sich noch mal mehr aufs Land, die Kultur und die Situation einlassen muss.

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1 | 2020, Philippinen, Rezensionen, Sonderausgabe Buchmesse,
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„Ein wahrer Wissensschatz!“

Philippinen: Mit ihrer Petition für Klimaschutz und Menschenrechte wagten Aktivist*innen einen beispielhaften Vorstoß gegen die ‚Carbon Majors’, die Unternehmen für fossile Brennstoffe, die für einen Großteil des globalen CO2-Ausstoßes verantwortlich sind.

„Wie wird die Zukunft unserer Kinder aussehen, wenn die Natur zerstört wird?“ Diese Frage stellte die Fischerfrau Elma Ryes im Januar 2016 in Manila. Sie nahm dort an den Anhörungen teil, die von der Menschenrechtskommission der Philippinen (CHR) durchgeführt wurden. Mit einer nationalen Untersuchung sollte unter anderem festgestellt werden, ob der Klimawandel Auswirkungen auf die grundlegenden Menschenrechte der Filipin@s hat. Im Fokus standen dabei die so genannten Carbon Majors (die größten Öl-, Gas- und Kohlekonzerne, die für einen Großteil der Treibhausgase in der Atmosphäre verantwortlich sind).

Elma Ryes Aufforderung an die Carbon Majors war deutlich: „Hört auf zu verbrennen, so dass die Natur heilen kann und die Hitze nicht alles zerstört.“

Folgen des Klimawandels auf den Philippinen

Die Philippinen gehören zu den Ländern, die am stärksten durch den Klimawandel bedroht sind. Auf dem im Pazifik gelegenen Archipel leben mehr als 100 Millionen Menschen. Als wirtschaftlich aufstrebender Staat kämpfen die Philippinen mit großen Gegensätzen zwischen einer kleinen reichen Oberschicht und einem großen, extrem armen Bevölkerungsanteil. Ein Drittel der Beschäftigten verdient ihren Lebensunterhalt in Landwirtschaft und Fischerei. Zudem liegen die Philippinen geographisch in einer seismisch aktiven Zone.

Auch die über 36.000 Kilometer lange Küstenlinie macht die Philippinen angesichts des steigenden Meeresspiegels empfindlich für die Folgen des Klimawandels. Überschwemmungen, Taifune, Hitzewellen, Dürren und Erdrutsche, Erdbeben und Vulkanausbrüche sind reale Bedrohungen, denen Filipin@s gegenüberstehen. Der Klimawandel verstärkt die Wetter-Extreme und die damit verbundenen Gefahren, vor allem für die Bevölkerung an den Küsten und die in Armut lebenden Menschen in den Städten.

Menschenrechtssituation

Die Menschenrechtssituation auf den Philippinen ist mehr als angespannt. Nach dem friedlichen Sturz des Diktators Ferdinand Marcos 1986 galten die Philippinen zunächst als Vorreiterin einer demokratischen Entwicklung in Asien. Die Idee universeller Menschrechte wurde ebenfalls 1986 in der philippinischen Verfassung verankert und eine unabhängige Kommission eingesetzt.

Die jüngsten Entwicklungen zeichnen jedoch ein düsteres Bild für die Philippinen. In nur drei Jahren wurden im Rahmen des von der Regierung ausgerufenen „Krieges gegen die Drogen“ zehntausende Menschen ermordet. Die Regierung Duterte versucht außerdem systematisch, all jene zum Schweigen zu bringen, die Kritik an ihr üben. Besonders betroffen sind davon Umwelt-, Klima- und Menschenrechtsaktivisten. Wichtige Erfolge der Demokratisierung und Etablierung von Rechtsstaatlichkeit, die die Philippinen nach dem Ende der Marcos-Diktatur mühsam errungen hatten, werden im Eiltempo wieder zunichte gemacht.

Klimawandel bedroht alle Menschenrechte – bürgerliche und politische, wirtschaftliche, soziale und kulturelle. Durch den Klimawandel werden ganz besonders das Recht auf Gesundheit, das Recht auf Wohnen und der Zugang zu sauberem Wasser bedroht. Wirbelsturm Haiyan tötete auf den Philippinen 2013 nicht nur fast 10.000 Menschen, sondern machte auch vier Millionen obdachlos (vgl. dazu auch den Artikel Profitgier statt Solidarität auf suedostasien.net). Ganze Dörfer wurden in notdürftige Unterkünfte am Rande von Mülldeponien umgesiedelt, ohne angemessenen Zugang zu Trinkwasser, Ernährung, Gesundheitsversorgung und Bildung.

Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation zufolge, könnten von 2030 bis 2050 jedes Jahr 250.000 Menschen an den Folgen des Klimawandels sterben. Indigene Völker sind dabei besonders stark betroffen, weil ihnen der Verlust ihrer Lebensräume droht und ihr Menschenrecht auf Selbstbestimmung auf dem Spiel steht.

Millionen von Menschen protestieren gegen die Untätigkeit ihrer Regierungen, prangern Missstände an und fordern Aufklärung. Dafür sind Menschenrechte wie Meinungs- und Versammlungsfreiheit entscheidend. Weltweit gerät zivilgesellschaftliches Engagement aber zunehmend unter Druck und wird kriminalisiert, so auch auf den Philippinen. Umweltaktivist*innen zu schützen und ihren Handlungsspielraum zu erhalten, ist eine zentrale menschenrechtliche Aufgabe.

Die Petition für Klimaschutz und Menschenrechte

Eine Gruppe mutiger Filipin@s reichte im Jahr 2015 eine Petition bei der CHR ein, in der sie die Rechenschaftspflicht der 47 weltweit größten Unternehmen für fossile Brennstoffe (Carbon Majors) unter anderen Shell, BP, Chevron, Repsol, Sasol, Total und ExxonMobil forderten, die durch ihr kontinuierliches Fördern und Verbrennen fossiler Brennstoffe den Klimawandel vorantreiben und damit verbundene Menschenrechtsverletzungen begünstigen.

Die Initiator*innen vertraten die Gesellschaft in ihrer ganzen Bandbreite. Landwirt*innen, Fischer*innen, religiöse Gruppen, Jugendliche, Studenten*innen, Wissenschaftler*innen, Akademiker*innen, Künstler*innen, Anwält*innen, Menschenrechtsverteidiger*innen, Überlebende von Taifunen sowie Indigene unterstützten die Bewegung, um auf die Menschrechtsverletzungen aufmerksam zu machen und dagegen anzugehen.

Insgesamt unterstützten 31 Organisationen und Einzelpersonen die Petition. Neben Greenpeace Southeast Asia, stehen auf der Liste der Unterzeichner*innen die Philippine Rural Reconstruction Movement (PRRM) Bewegung, eine Organisation, die sich für die ländliche Bevölkerung einsetzt, sowie DAKILA (Philippine Collective for Modern Heroism), eine Gruppe von Künstler*innen, Student*innen, und weiteren Aktivist*innen, die sich gegen soziale Missstände wenden.

In der eingereichten Petition machen die Initiator*innen auf die verheerenden Folgen des Klimawandels und die damit einhergehenden Menschenrechtsverletzungen aufmerksam. Sie zeigen anhand von wissenschaftlichen Untersuchungen den Zusammenhang zwischen der Industrialisierung und dem Anstieg der weltweiten CO2 und Methan-Emissionen.

In zwei Statistiken werden die Carbon Majors aufgeführt, die auf den Philippinen operieren oder präsent sind oder weitreichende wirtschaftliche Verbindungen in das Land unterhalten. Aus den Statistiken geht die deutliche Verantwortung für die gesteigerten Emissionen von Treibhausgasen hervor, die für den Klimawandel verantwortlich gemacht werden.

Am 21. Juli 2016 forderte die CHR die Carbon Majors auf, innerhalb von 45 Tagen zu den Vorwürfen der Petition Stellung zu beziehen. Nur vierzehn der 47 Befragten übermittelten Antworten oder Kommentare zur Petition. Fast alle Carbon Majors verweisen in ihren Antworten zum einen darauf, dass sie nicht haftbar gemacht werden können und das Verfahren ablehnen, zum anderen verweisen sie auf ihre offiziellen Stellungnahmen zum Thema Klimawandel, Menschenrechte und ökologisch-soziale Verantwortung.

Während die Gruppen, die die Petition eingereicht hatten, die offiziellen Antworten und Kommentare begrüßten, forderten mehrere Carbon Majors, das Verfahren aus technischen und formellen Gründen auszusetzen. Dabei übersahen sie, dass es sich bei der Petition nicht um ein Gerichtsverfahren handelt, sondern um eine Untersuchung der CHR, die zum Ziel hat weiteren Verstößen gegen die Menschenrechte der Filipin@s vorzubeugen. Sie stellt weder eine Strafklage dar, die Corpus delicti und Beweise über jeden vernünftigen Zweifel hinaus erfordert, noch einen Zivilprozess für Schadenersatz, der direkte oder nahe Haftursache erfordert.

Die CHR ist ein unabhängiges Gremium, das auf der philippinischen Verfassung gründet. Sie hat in erster Linie die Aufgabe, jegliche Form von Menschenrechtsverletzungen im Zusammenhang mit Bürgerrechten, politischen, sozioökonomischen und kulturellen Rechten auf den Philippinen zu untersuchen. Zwar handelt es sich nicht um eine Justizbehörde, aber ihre Feststellungen und Empfehlungen werden von den Gerichten anerkannt.

Anhörungen in Manila, New York und London

Die Kommission hielt Anhörungen in Manila , New York und London ab, bei denen Klimaforscher*innen, Rechtsexpert*innen, Wissenschaftler*innen und Überlebende klimabedingter Katastrophen Beweise vorlegten. Gerry Bagtasa, Professor an der Universität der Philippinen am Institut für Umweltforschung, äußerte sich im Zuge der ersten Anhörung in Manila eindeutig:

„Die meisten menschengemachten Kohlenstoffemissionen wurden durch das Verbrennen fossiler Energieträger und das Abholzen der Kohlenstoff absorbierenden Wälder erzeugt. […] Die Beweise für einen anthropogenen Klimawandel wachsen.“

Der Fischer Pablo Rosales aus Thulong-Duhat gab bei der dritten Anhörung in Manila die problematische Situation der philippinischen Fischer zu Protokoll. Er sprach über das große Artensterben, das die Existenzgrundlage der Fischer bedroht, Krankheiten, die durch verseuchten Fisch verursacht werden und auch über die Veränderungen des Klimas, die extreme Hitze und die Unberechenbarkeit des Wetters, mit denen die Fischer zu kämpfen haben.

Am 9. Dezember 2019 gab die Menschenrechtskommission der Philippinen am Rande der COP 25 in Madrid bekannt, dass die 47 Unternehmen rechtlich und moralisch für die Menschenrechtsverletzungen der Filipin@s aufgrund des Klimawandels verantwortlich sind. Die wegweisende Untersuchung der CHR endete mit der Empfehlung, möglicherweise strafrechtliche Konsequenzen folgen zu lassen und Unternehmen wegen Behinderung, vorsätzlicher Verschleierung und Klimaschutzverweigerung, zivil- und strafrechtlich zur Rechenschaft zu ziehen. Durch die Untersuchung sollte die Macht der Industrie für fossile Brennstoffe mittels politischer Instrumente gemindert werden. Mit dem Abschluss der Untersuchung hofft die CHR, auch die weltweit wachsende Zahl von weiteren Klimaprozessen günstig zu beeinflussen.

Fossile Brennstoffindustrie gefährdet Sicherheit von Millionen von Menschen

Die Kommission stellte weiter fest, dass die fossile Brennstoffindustrie die Sicherheit von Millionen von Menschen auf der ganzen Welt wissentlich für ihre eigenen Interessen gefährdet hat. Diese Branche setze sich aus den größten und reichsten Unternehmen weltweit zusammen und erziele Gewinne, während die ärmsten und am stärksten betroffenen Gemeinden von Super-Taifunen und Dürren betroffen sind, die durch den Klimawandel verschlimmert werden, und die unter dem Verlust ihrer Existenzgrundlagen leiden. Die CHR fordert alle Menschen weltweit auf, ihre Bewegung zu unterstützen und Regierungen wie Unternehmen zur Rechenschaft zu ziehen, um einen gerechten Übergang zu erneuerbaren Energien zu beschleunigen und die schlimmsten Auswirkungen des Klimawandels abzuwenden.

Die Filipin@s haben mit der Petition für Klimawandel und Menschenrechte einen Vorstoß gewagt, der beispielhaft für viele andere sein dürfte. Eine drastische Veränderung, die durch Staat und Gesellschaft gleichermaßen vorangetrieben wird, ist unabdingbar. Da sich die großen fossilen Energieproduzenten der Umweltkrise und den damit einhergehenden Menschenrechtsverletzungen nicht eindeutig und nicht entschieden genug öffnen und keine oder nur geringe Maßnahmen ergreifen um die Situation zu verändern, sind weitere Schritte nötig um eine Klimawende zu erreichen. Die Petition und die Reaktionen der Industrie haben deutlich gemacht, dass die ‚Carbon Majors’ für ihre Verantwortung für die Klimakrise zur Rechenschaft gezogen werden sollten – nicht nur moralisch, sondern auch juristisch.

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„Ein wahrer Wissensschatz!“

Indonesien: Kalimantan gilt wegen seiner Regenwälder als eine der ‚Lungen der Welt’. Doch massive Ressourcenausbeutung resultiert in Überschwemmungen, Luft- und Wasser-Verschmutzung. Sie bewirkt aber auch eine tief greifende soziale Transformation in den indigenen Gemeinden.

Seit dem 13. Welt-Klimagipfel im Dezember 2007 auf Bali hat sich die Fördermenge an Steinkohle in Indonesien von 188,66 Millionen Tonnen auf ca. 610 Millionen Tonnen verdreifacht. Ausrichtungsland des Klimagipfels zu sein und selbst Hunderte von Delegierten zu entsenden, hat das Entwicklungsmodell in Indonesien also nicht unbedingt verändert. Trotz des Versprechens, die Treibhausgasemissionen bis 2020 auf 26% zu senken, ist Indonesien nach Australien heute der zweitgrößte Exporteur von thermischer Kohle. Fast 80% der Kohle aus Indonesien werden nach Indien, China, Südkorea, Vietnam, Thailand und auf die Philippinen exportiert. Der Rest wird für Kohlekraftwerke im Inland verwendet mit einer Prognose, dass der Bedarf dafür in Zukunft weiter steigen wird.

Wie wirkt sich diese Situation in Kalimantan (indonesischer Teil der Insel Borneo) aus, dessen Wald als eine der ‚Lungen der Erde’ bezeichnet wird und die gleichzeitig eines der Hauptgebiete für die Ausbeutung von Kohle ist? Die Provinzen Ost- und Süd-Kalimantan steuerten 2017 bereits 82,2% der 461,2 Millionen Tonnen Kohleproduktion Indonesiens bei. Im selben Jahr begann auch der Anstieg der Kohleförderung in Zentral-Kalimantan. Im Jahr 2017 förderte Zentral-Kalimantan 17,3 Millionen Tonnen, ein Anstieg um mehr als das Zweifache im Vergleich zu drei Jahren zuvor (zu Kohleförderung in Kalimantan und den Folgen vergleiche auch die Rezension des Dokumentarfilms Sexy Killers auf suedostasien.net). Kalimantan bietet nicht nur Kohlenreserven, die großen Flüsse stellen dort auch die billigsten Transportwege für die Kohle von den Bergbaustandorten dar.

Die Zerstörung der Flussökosysteme bringt sozio-ökologische Kosten auf Kalimantan mit sich, die von Indonesien und der Welt, die weiterhin Kohle verbrennen, berücksichtigt werden müssten. Die sozialen und ökologischen Veränderungen in der Umgebung der Flüsse in Zentral-Kalimantan zeugen davon, wie die Bevölkerung und die Natur die Auswirkungen der Kohleförderung tragen und gleichzeitig mit den Auswirkungen des Klimawandels umgehen müssen.

Leben am und mit dem Fluss

Wer am Ufer eines Flusses lebt, kann diesen als ein sehr sensibles Ökosystem wahrnehmen. Er ist wie ein Kuchenteig, der sich erst ausdehnt und dann wieder zusammenfällt, sobald sich die Temperatur um ihn verändert. Innerhalb weniger Stunden kann sein Pegel um einige Meter steigen oder sinken. Die Aktivitäten der indigenen Bevölkerung der Dayak sind größtenteils abhängig von den Flüssen in der Region. So auch bei den Dayak Murung, einer Gemeinde an den Ufern der Flüsse Laung und Maruwei in der Region Murung Raya. Wenn das Wasser der Flüsse ansteigt, dann bedeutet das, dass die Frauen und Männer nicht mehr auf die Plantagen gehen können, um Kautschuk zu gewinnen. Ihr Land wird überflutet und sie können die Kautschukbäume nicht mehr erreichen. “Die Kautschukernte wird ausgesetzt, wenn das Flusswasser steigt“, sagt Rosa, eine der Murung- Frauen, die jeden Morgen zwischen 6 und 10 Uhr auf die Plantage geht.

Wenn der Flusspegel ansteigt und die Strömung stärker wird, trägt die Strömung große Holzstücke mit sich. Das ist sehr gefährlich für die Frauen, die kleine Boote ohne Motor benutzen, um über den Fluss zur Kautschukplantage zu gelangen. Der Wasseranstieg hindert die Frauen aber nicht nur daran, Kautschuk abzuzapfen. Die Bewohner*innen der Dörfer stromabwärts des Flusses Laung müssen ihre Habseligkeiten, insbesondere ihre elektronischen Geräte, in den ersten Stock bringen und wohnen auch dort, bis das Wasser wieder sinkt. Die Dörfer, die weit unten flussabwärts liegen, leiden besonders darunter. Insbesondere die Dörfer Maruwei II, Batubua I und Batubua II sind von schweren Überschwemmungen betroffen, weil ihre Häuser unmittelbar von Wasser umgeben sind, sobald der Flusspegel des Laung ansteigt. “Das Wasser geht bei uns gerade mal bis zu den Stufen des Hauses, wenn es bei ihnen schon bis ins Haus reicht“, sagt Ata während sie auf das Dorf gegenüber zeigt, das durch eine Eisenbrücke mit ihrem Dorf verbunden ist. Die Menschen bleiben bei Überschwemmungen zu Hause oder bewegen sich mit kleinen Booten fort.

Überschwemmungen werden nicht nur vom Regen und dem Zustand der Wälder stromaufwärts beeinflusst, sondern auch durch den Wasserstand des großen Flusses in seiner Mündung. Der Wasserstand des Laung steigt weiter an, wenn die Mündung des Barito – des längsten Flusses in Kalimantan – ebenfalls einen hohen Wasserstand erreicht, weil dadurch das Wasser des Laung zurückgestaut wird. Der ökologische Zustand dieses Flusses und seiner Nebenflüsse bestimmt schon lange die sozialen Formationen in dieser Region.

Trübes Wasser und Überschwemmungen

Die Murung Dayak werden auch als ‚Menschen des Murung’ bezeichnet, weil sie entlang des Murung und teilweise am Ufer des Barito leben. Die Identität der Menschen ist eng verknüpft mit den Namen der Flüsse, hier leben ‚die Kapuas’, ‚die Murung’ und ‚die Laung’. Das Ökosystem der Flüsse formt auch die Dörfer in der Gegend des Laung und des Maruwei. Dörfer, die entlang eines Flusses entstehen, übernehmen oft dessen Namen. So zum Beispiel das Dorf Lakutan, weil es am Ufer des Lakutan liegt, das Dorf Pelaci, weil es am Flussufer des Pelaci liegt.

Zurzeit gibt es aber große Veränderungen der ökologischen Bedingungen der Flüsse, die durch steigende Wasserpegel immer näher an die Dörfer ‚rücken’. Auch in der Trockenzeit kommt es inzwischen zu plötzlichen Regenfällen – Überschwemmungen sind die Folge. „In der Vergangenheit kam das nicht so häufig vor und das Wasser war auch nicht so trüb wie jetzt“, erinnert sich Ata, die in Maruwei geboren wurde. Atas macht für die Trübheit des Wassers die Aktivitäten von Kohlegruben an den Nebenflüssen des Laung verantwortlich.

Seit zwei Jahrzehnten ist eine Kohlemine in der Umgebung des Laung und des Maruwei in Betrieb. Eine weitere kam vor einigen Jahren hinzu. Drei weitere sollen folgen. Kohlefirmen sind an den Feldern und Plantagen der Bewohner*innen interessiert , welche nach der Meinung der Firmen einen hohen Kohleanteil bergen. Im Bezirk Murung Raya bestehen Bergbaukonzessionen für 48% des Gebiets. Diese Bergbaukonzessionen überschneiden sich mit einer Konzession für Holzunternehmen, die seit den 1970er Jahren die Wälder in der Region schlagen.

Verflechtung von Politik und Wirtschaft

Traditionell sind diese Gebiete das Land der indigenen Völker. Die indigene Gemeinde Murung gab es schon lange vor Gründung der Republik Indonesien. Dennoch erteilte vor einem halben Jahrhundert die Regierung der Neuen Ordnung (Regierungszeit von Suharto 1966 – 1998) eine Konzession für die Waldnutzung, die es ermöglichte, Urwaldbäume zu fällen und zu verkaufen. Einige der Holzunternehmer*innen hatten enge Beziehungen zur Suharto-Familie.

In der Folge wurden jahrhundertealte Bäume im großen Stil gerodet und über die Flüsse Laung und Maruwei abtransportiert. In ihrem Artikel mit dem Titel Natural Resources and Capitalist Frontiers (2003) beschrieb Anna Tsing die Region um die Flüsse Laung und Maruwai als „Ressourcengrenze“ (ressource frontier). Gemeint ist eine Region, die aufgrund externer Rohstoffnachfrage physische und soziale Veränderungen durchlaufen hat. Früher nach Holz, heutzutage nach Kohle. Die Straßen zu den Flüssen, die einst von den Holzfirmen angelegt wurden, werden heute sowohl von der Bevölkerung als auch von Bergbauunternehmen genutzt.

Straßen, die ursprünglich von nur zwei Lastwagen befahren werden konnten, wurden auf das Doppelte bis Dreifache verbreitert. Täglich transportieren Lastwagen mit einer Kapazität von 38 Tonnen Kohle aus den riesigen Tagebaulöchern am Flussufer. Das Gebiet entlang der Straßen, welche die Dörfer miteinander verbinden, ist durch das erhöhte Verkehrsaufkommen nun gefährlicher. Oft werden Haustiere von Lastwagen überfahren, vor allem Hunde und Hühner. Auf der 60 km langen Straße sterben jeden Monat fünf bis sechs Hunde. Früher wurde diese Straße als „Holzstraße“ bezeichnet, heute wird sie als Kohlestraße bezeichnet.

Anfangs durften die Bewohner*innen die neuen, breiteren Straßen nicht nutzen, obwohl sich viele durch die Kompensationszahlungen Motorräder leisten können. Sie reagierten mit Protesten und Straßensperrungen, damit das Unternehmen ihnen den Zugang zur Straße ermöglicht. Mit Barrieren machen sie auch auf die überfahrenen Hunde aufmerksam, die ökonomisch einen Verlust darstellten, weil sie den Menschen bei der Jagd helfen. Die Anwohner*innen veranstalteten verschiedene Aktionen, um das Augenmerk auf das Problem zu lenken. Dies führte schließlich dazu, dass im lokalen Recht Sanktionen für Kohle– oder Holzunternehmen festgeschrieben wurden, wenn ihre Lastwagen Hunde oder Hühner überfuhren.

Seit die Straße auch von öffentlichen Verkehrsmitteln befahren wird, bevorzugen die Menschen die Asphaltstraße als Transportweg. Transportmittel für den Fluss, wie kleine Boote werden nur noch für bestimmte Zwecke verwendet, etwa zum Überqueren eines Flusses, um zu einer Plantage oder einem Feld zu gelangen oder zum Transport von Früchten. Seit zehn Jahren sind zunehmend Motorräder auf den Dorfstraßen zu sehen, welche die Bewohner*innen sich aus Kompensationszahlungen für Plantagen und Felder, aber auch aus Gehältern beim Kohlebergbau leisten können. Die Kaufkraft der Menschen wächst und ebenso die Nachfrage nach Konsumgütern. Waren, die – anders als früher – nicht von den Dorfbewohner*innen selbst hergestellt werden können, wie zum Beispiel in Plastik verpackte Fertignahrung.

Obwohl sich die Kohlemine in der unmittelbaren Nachbarschaft befindet, wird der Strombedarf der Dorfbewohner*innen teils durch Solarenergie gedeckt, teils durch Stromgeneratoren, die mit Diesel und Benzin betrieben werden. Zudem steigt der Bedarf an fossilen Brennstoffen für Motorräder und Autos.

Bergbau und sozialer Wandel

Neue Transport- und Kommunikationsmöglichkeiten beschleunigen die Bewegung von Menschen und Gütern in die Dörfer entlang der Flüsse Laung und Maruwei. Fernsehen und Handy machen sie mit Produkten vertraut, die vorher nur in Städten erhältlich waren: teure Renn-Motorräder, die nur auf glatten Asphaltstraßen fahren können, nicht auf felsigen, hügeligen und oft nur geschotterten Dorfstraßen. Diese Situation spaltet die lokale Gesellschaft in Klassen: zwischen Frauen und Männern, zwischen Jungen und Alten und zwischen denen, die auf den Feldern und in den Plantagen arbeiten, und denen, die in Kohleminen arbeiten.

Die Arbeitsmöglichkeiten im Kohlebergbau für lokale Anwohner*innen, die über keinen Studienabschluss verfügen, beschränken sich oft auf körperliche Arbeit. Zunächst werden sie als Helfer*innen zum Tragen von Ausrüstung und Versorgungsmaterialien in den Wald, bei der Entnahme von Gesteinsproben oder beim Bedienen von schweren Maschinen eingesetzt. Die Produktionsweise im Bergbau und die Geschlechterverteilung in der Gesellschaft machen Beschäftigungsmöglichkeiten im Bergbau meist nur für Männer attraktiv. Es gibt nur wenige Möglichkeiten der Lohnarbeit für Frauen, außer in der Verwaltung, Buchhaltung, in der Wäscherei oder im Catering. Dazu müssen die Anwohner*innen von Maruwei auch noch mit den umliegenden Dörfern konkurrieren, was die Arbeitsmöglichkeiten weiter erschwert.

Altersbegrenzung und Vertragslaufzeiten der Jobs in den Kohlefirmen begrenzt. Wer älter als 45 Jahre ist, bekommt keine Arbeit mehr. Ein Großteil der lokalen Arbeitskräfte erhält zudem nur Kurzzeit-Verträge, die mit einer Probezeit von drei Monaten beginnen. Die Verträge werden dann auf sechs Monate verlängert und können auf ein oder zwei Jahre ausgedehnt werden. Ist der Auftrag des Unternehmens erledigt, folgen Massenentlassungen.

Land ohne Bauern und Bauern ohne Land

Dennoch sind diese Jobs unter jungen Menschen sehr beliebt. Der Lohn liegt über dem regionalen Mindestlohn der Provinz Zentral-Kalimantan. Zudem ist der Preis für Kautschuk, die ehemalige Haupteinnahmequelle, im letzten Jahrzehnt dramatisch gesunken, wodurch die Einnahmen aus Kautschukplantagen um 70% zurückgingen. Eltern setzen daher ihre Kinder unter Druck, fleißig in der Schule zu sein, damit sie ihren Abschluss machen und in einem Bergbauunternehmen arbeiten können. Einige der Jungen im Grundschulalter, die ich befragte, sagten sie möchten Fahrer beim Bergbauunternehmen werden, während die Mädchen wie ihre älteren Verwandten in der Wäscherei oder der Kantine arbeiten möchten.

Diese Situation hat große Auswirkungen auf die Arbeitsteilung in den Dörfern in der Umgebung, weil die Männer lieber im Bergbau arbeiten als auf den Plantagen oder Feldern. Traditionell teilen sich jedoch Männer und Frauen die Arbeit auf den Feldern: Die Männer bereiten das Feld vor, während die Frauen Proviant und Opfergaben für das Pflanzritual herrichten. Die Männer graben die Löcher vor, in welche dann die Frauen die Reispflanzen setzen. Die Frauen stutzen das Gras zwischen den Reisfeldern, während die Männer Früchte von den Plantagen unweit der Felder ernten. Die Männer jagen, die Frauen häuten und reinigen das gejagte Wild.

Doch seit ihre Männer im Bergbau arbeiten, entschieden sich viele Frauen dazu, nicht mehr die Felder zu bestellen oder Kautschuk abzubauen. Wollen sie die Felder bestellen, sind die Ausgaben für die Bestellung des Feldes höher als die daraus resultierenden Einnahmen, da sie nun Arbeiter*innen auf ihren Feldern bezahlen müssen.

Der Kohlebergbau verlangt nicht nur nach immer mehr männlichen Arbeitskräften, sondern auch nach immer mehr Land. Heute werden die Felder und Plantagen rund um den Nangok – ein Nebenfluss des Laung – bereits für 20 bis 35 Millionen Rupiah pro Hektar an Kohlebergbauunternehmen verkauft. Traditionell wurden Felder und Plantagen von Generation zu Generation weitergegeben. Demnächst müssen Dorfbewohner*innen, wenn sie noch Landwirtschaft betreiben und Kautschuk anbauen oder Obst ernten wollen, weiterziehen.

Dazu kommt das Verbot der Regierung, Brandrodung zu betreiben, aus Angst vor Waldbränden, die jedes Jahr in Zentral-Kalimantan ausbrechen. Einige Bewohner*innen hatten gar mit der Polizei zu tun und wurden verurteilt. Sie wurden vor der Wahl gestellt, drei Monate ins Gefängnis zu gehen oder eine Geldstrafe zu zahlen.

Verlust der eigenen Wurzeln

Die Bestellung der Felder ist mehr als nur eine Arbeitstätigkeit, sie hat auch eine spirituelle Ebene. Auf den Feldern werden in Tradition und Glauben der Dayak seit jeher die Beziehungen des Menschen zur Natur und ihren nicht-menschlichen Wesen gestärkt. Der landwirtschaftliche Prozess bestimmt auch den jährlichen Lebenszyklus, welcher mit der ‚Kommunikation mit der Erde’ beginnt, um herauszufinden ob das zu rodende Land fruchtbar genug ist. Die Menschen bitten Holz, Steine, Berge und andere Wesenheiten um Erlaubnis und behandeln Reissamen als Seelen, die verreisen, wenn die Felder bepflanzt werden, und zurückkommen, wenn die Felder geerntet werden. Wenn der Reis reif ist, danken die Menschen mit einem Ritual den Vögeln, die den Reis vor Krankheit beschützt haben. Die Felder sind auch ein Ort, wo verschiedene Reissorten gepflegt und aufbewahrt werden. Hier wird die Beziehung zwischen Menschen und Natur durch Symbole und Rituale gestärkt. Das Feld ist für die Dayak Murung ein Ort, wo sie ihre ursprüngliche Religion, Kaharingan, bewahren können.

Kaharingan und die Felder sind untrennbar mit dem Fluss verbunden, der die Identität der Dayak Murung prägt. Die Felder und Plantagen entstanden entlang des Flusses. In der Tradition des Kahaharingan ist der Fluss auch der erste Ort, an dem Neugeborene gereinigt werden. Bevor sie im Fluss gewaschen und den Wächter*innen des Flusses vorgestellt wurden, dürfen Neugeborene das Haus nicht verlassen. Auch für die Geister von Verstorbenen ist der Fluss wichtig: Für sie ist er der Weg ins Sangiang, ins Nirwana.

Doch die Flusslandschaft verändert sich drastisch. Vor etwa 20 Jahren fing das Flusswasser an, trüb zu werden und konnte nicht mehr als Trinkwasserquelle verwendet werden. „Wir wagen es nicht mehr das Flusswasser zu trinken. Beim Baden kommt es vor, dass der ganze Körper davon juckt“ sagt Ata. Seit Generationen hat sich ihre Familie auf den Fluss als Wasserquelle für alle Lebensbedürfnisse verlassen. Im Jahr 2004 organisierten die Frauen daher einen Protest und forderten die Kohle-Konzerne auf, sauberes Wasser bereitzustellen. Dafür blockierten Dutzende Frauen eine der Zufuhrstraßen und bauten dort Zelte auf, aber ohne Erfolg. Seit das Wasser des Laung nicht mehr trinkbar ist, müssen die Bewohner*innen Wasser aus einem anderen Flussarm schöpfen, was Zeit und Ressourcen in Anspruch nimmt. Ata muss jeden Monat 100.000 Rupiah (ca. 6 Euro) für den Transport von sauberem Wasser ausgeben. Das Wasser kommt von der Dirung-Hara-Quelle, die nur mit einem Boot erreichen werden kann.

Die Rituale, die mit der Natur in Verbindung stehen, sind nicht nur in Bedrängnis gekommen, weil immer mehr Felder in Kohlegruben verwandelt werden. Auch die Ankunft einer neuen Religion verändert alte Glaubensvorstellungen und Traditionen. Mit der Ankunft des Islam über Handelswege und des Christentums während der Kolonialzeit ließen Dorfbewohner*innen ihre alte Religion hinter sich und konvertierten zu einer der neuen Religionen. Diese betrachten die Rituale, die an die Kraft der Natur glauben, als rückständig. Die Rituale beim Einpflanzen des Reises wurden schließlich aufgegeben. Darüber hinaus betrachten Anhänger*innen der neuen Religion die ursprüngliche Religion als veraltet, da sie unpraktisch ist und hohe Ausgaben für die Hauptrituale erfordert.

Die oben dargestellte Beziehung der Bevölkerung zur Natur, dem Staat und den Unternehmen rund um den Laung- Fluss zeigt die Komplexität des Problems der lokal verursachten sozial-ökologischen Notlage sowie der sie verschärfenden Klimakrise. Soziale Veränderungen in den Dörfern und um die Flüsse werden durch staatliche Maßnahmen und Verschiebungen auf den globalen Rohstoffmärkten beeinflusst. Es ist wichtig, diese Komplexität zu durchdringen, um zu verstehen, wie historische und sozial-ökologische Aspekte mit dem Klimawandel zusammenhängen.

Am Ende müssen wir demütig anerkennen, dass es zunehmend unmöglich erscheint, den Klimawandel aufzuhalten und gleichzeitig die Rohstoffinvestitionen zu beschleunigen. Vor allem jetzt, wo die indonesische Regierung in einem „Omnibus-Gesetz“- (vgl. Artikel dazu den Artikel Profit geht vor Umweltschutz auf suedostasien.net) Investitionen erleichtern will, in der Hoffnung, dass dadurch neue Arbeitsplätze geschaffen werden. Damit wird die Komplexität der Probleme verschleiert und wir sind erneut gefangen im „business as usual“.

Übersetzung aus dem Indonesischen von: Mandana Uriep

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