1 | 2018, Indonesien,
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Kahlschlag mit Hilfe von „Schattenunternehmen“

Stück einer Palmölfrucht © Rhett A. Butler/Mongabay

Indonesischer Milliardär schafft mit dubiosen Geschäftspraktiken neue Palmölplantagen – unterstützt von internationalen Banken und Nahrungsmittelkonzernen.

Der Besitzer des größten indonesischen Konzerns wurde beschuldigt, an der illegalen Abholzung von Borneos Ketungau Torfmoor beteiligt zu sein, um dieses als Land für Palmöl-Plantagen nutzen zu können. Der Großunternehmer Anthoni Salim, der laut Forbes viertreichste Mann Indonesiens, steht einem Bericht zufolge entweder als Besitzer oder Kooperationspartner mit zwei Unternehmen in Verbindung, die eine Fläche von fast 10.000 Hektar geschütztem Regenwald zerstört haben.

Zur Salim Group gehört auch Indofood, ein Unternehmen das mit PepsiCo und Nestle kooperiert, sowie First Pacific, ein Teilhaber des führenden Lebensmittelproduzenten der asiatischen und pazifischen Region Goodman Fielder. In einem neuen Bericht deckt die Nachhaltigkeitsberatung Aidenvironment die Zusammenarbeit der Salim Group mit „Schattenunternehmen“ auf, durch die rechtliche Überwachung umgangen werden kann. Fragwürdig ist dabei auch die Beteiligung führender Banken wie Citibank, Mizuho, Standard Chartered, BNP Paribas und die Rabobank, die zu den Geldgebern der Salim Group zählen.

Durch Banken finanzierte Abholzung

„Dieser Bericht liefert klare Beweise für dubiose Geschäftspraktiken und Unterlassungen auf den höchsten Ebenen der Unternehmen, während tropische Regenwälder weiterhin dem, in die Kritik gekommenen, Palmöl weichen müssen“, sagte Gemma Tillack, Direktorin für Forstpolitik des Rainforest Action Network (RAN), welches die Forschung gemeinsam mit der Rainforest Foundation Norway (RFN) und SumOfUs in Auftrag gegeben hatte.

Der Bericht mit dem Titel „Beurteilung der Nachhaltigkeitdes Palmöl-Anbaus von mit Salim in Verbindung stehenden Unternehmen in Borneos Torfwäldern“ behauptet auch, dass die Salim Group zu Beginn des Jahres 2016 auf die Abholzung aufmerksam gemacht wurde, welche durch die PT Duta Rendra Mulya – Mehrheitseigner ist die Salim Group – und die PT Sawit Khatulistiwa Lestari – durch Geschäftspartnerschaften mit dem Konzern verknüpft – durchgeführt wurden. Entgegen wiederholten Interventionsversuchen der Regierung sah der Konzern von jedweder Handlung ab. Es stellt sich heraus, dass eines der Unternehmen, PT Sawit Khatulistiwa Lestari, erfolgreich eine kartografische Veränderung des staatlichen Moratoriums für die Torfmoore beantragt hatte – trotz der Einstufung der Torfmoore als besonders schutzbedürftig.

„Die Geschäftspartner und Geldgeber der Salim Group – wie PepsiCo – machen sich  der illegalen Rodungen mitschuldig, wenn sie weiterhin ihren Geschäften mit Salim nachgehen. PepsiCo, Nestle und Wilmar müssen ihre Geschäftspartner dazu bringen, die indonesischen Gesetze und Nachhaltigkeitsnormen der abholzungsfreien Entwicklung einzuhalten oder aus den geschäftlichen Beziehungen zurücktreten“, so Tillack.

Durch dubiose Firmenstrukturen ist keiner für die Abholzung verantwortlich

Der Bericht argumentiert, dass das Konglomerat der Salim Group – mit einer Basis an öffentlich gelisteten Unternehmen mit ausgewiesenem Engagement für Nachhaltigkeit sowie die illegal agierenden mit der Salim Group verknüpften „Schattenunternehmen“ – für ernsthafte Bedenken bei Investoren und Geschäftspartner sorgen sollte.

„Dies ist nicht das erste Mal, dass Unternehmen innerhalb der Salim Group aufgrund ihrer zerstörerischen Praktiken entlarvt wurde“, äußerte Kiki Taufik, Chef der Greenpeace-Kampagne zum Schutz von indonesischen Wäldern. „Die Salim Group zählt zu den schlimmsten Straftätern und hat ihre zerstörerischen Unternehmungen von der öffentlichen Darstellung des Indofood Imperiums getrennt gehalten. Aus diesem Grund müssen Unternehmen Verantwortung dafür übernehmen, sicherzustellen, dass nur Palmöl von verantwortlichen Herstellern verwendet wird, die den Regenwald schützen und Menschenrechte respektieren.“

Die Salim Group hat nicht sofort auf die Anfrage von Mongabay reagiert, sich in einer Stellungnahme zu äußern. Das Ketungau Torfmoor in der indonesischen Region von Borneo Sintang, ist Gegenstand spezieller Schutzmaßnahmen der indonesischen Regierung. In Torfwäldern ist die Waldbrandgefahr besonders hoch und sie unterstehen im Rahmen der globalen Klimabestimmungen besonderen Gesetzen als natürliche Speicher für Kohlenstoff. Die jährlichen CO2-Emissionen des trockengelegten Moors Ketungau wird laut der Zahlen des World Resources Institute der jährlichen Emission von 110.000 Kraftfahrzeugen entsprechen.

Die Trockenlegung des Moors entspricht Emissionen von 110.000 PKWs

Von Greenpeace ausgewerteten neuen Daten über Lieferketten zufolge beziehen Unternehmen weiterhin Produkte von umstrittenen Palmöl-Fabriken, die mit der Salim Group in Verbindung gebracht werden können. „Trotz Herrn Salims bestehenden Verwicklungen in illegale Waldrodungen, fließen Kredite in Milliardenhöhe sowie Finanzierungen durch Wertpapiere und Aktien weiterhin in den Großkonzern“, sagte Vermund Olsen von RFN. „Banken müssen für ihre Verpflichtungen gegenüber dem Klimawandel einstehen und die Finanzierung, der Zerstörung von Mooren einstellen.“

Als Antwort auf die Erkenntnisse des Berichts von Aidenvironment sagte Citigroup, dass sie alle Kreditvereinbarungen mit IndoAgri, dem agrarwirtschaftlichen Zweig der Salim Group, sofort beenden würden. Zusätzlich wird eine Untersuchung der Beteiligung an schmutzigem Palmöl durch andere an Indofood gewährte Kreditrahmen eingeleitet.

Standard Chartered, HSBC, Rabobank und DBS bekräftigen, dass sie sich weiterhin der Nachhaltigkeit der Palmöl-Industrie verpflichtet fühlen und gegebenenfalls auch Darlehensübereinkommen erneut prüfen würden. BNP Paribas und SMFG weisen jegliche Verantwortung zurück, da PT Duta Rendra Mulya und PT Sawit Khatulistiwa Lestari nicht ihrem Kundenkreis angehören.

Salim Group nicht nur in Borneo aktiv

Im Jahr 2016 wurde die Salim Group angeklagt, hinter vier Unternehmen zu stehen, die zu den Wegbereitern der Erweiterung der illegalen Palmöl-Industrie in Papua zählen. Dabei wurde ein komplexes Netzwerk von gemeinsamen Unternehmensvorständen und offshore-Firmen genutzt, um die Verantwortung zu verschleiern.

Aktuellen Recherchen des investigativen Blogs awas MIFEE zufolge, wird auch der Indogunta-Konzern, ein Unternehmen, das mehrere Plantagen in Kalimantan und Papua besitzt, von der Salim Group kontrolliert wird.

Selwyn Moran von awas MIFEE räumt ein, dass es eine Herausforderung für die Umweltbewegung darstellt, eine Kampagne gegen die Finanzierung und Unterstützung von Unternehmen wie die Salim Group zu führen, da diese ihre Lieferketten verschleiern.

„Es ist nicht nur die Salim Group; die meisten der Palmöl-Konzerne agieren „im Dunkeln“ und roden weiterhin“, sagt er Mongabay. „Wenn Händler und Käufer sich generell gegen Rodungen von Wäldern aussprechen möchten, müssen sie diesen Unternehmen mit ungeklärten Beteiligungsverhältnissen geschlossen entgegentreten. Es gibt gute Gründe davon auszugehen, dass ein gewinnbeteiligter Besitzer nicht auf der Liste der Anteilseigner zu finden ist.“

„Es sollte wirklich im Aufgabenbereich der Handelsgesellschaften liegen, ihre Zulieferer zu prüfen und die Zusammenarbeit mit Wald abholzenden Unternehmen auszuschließen. Vor allem wenn diese auf bei derselben Adresse gemeldet sind, wie im Falle von Salim.“

Übersetzung aus dem Englischen: Angela La Cognata (Watch Indonesia!) und Franziska Blum (SOAI)
Das Original dieses Artikels erschien am 11. April 2018 bei Mongabay

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Kahlschlag mit Hilfe von „Schattenunternehmen“

Rezension zu:

Kathrin Hartmann: Die grüne Lüge. Weltrettung als profitables Geschäftsmodell. Blessing Verlag 2018, 15,- €.

Das Buch zum Film the Green Lie von Werner Boote, mit Kathrin Hartmann.

Mit Nespresso und George Clooney beginnt Kathrin Hartmann ihre Suche nach der „Weltrettung“ durch Unternehmen. Die Werbung für die Kapseln suggeriert nicht nur Kaffeegenuss, sondern bietet ein „Lifestyle-Accessoire gratis obendrauf: ein reines Ökogewissen“. Denn Nestlé verspricht, die Aluminiumproduktion, die mit schwerwiegenden Umweltschäden einhergeht, „nachhaltiger“ zu machen. Ein weiter steigender Abbau des Metalls und wachsende Kapsel-Berge werden dann, Nestlé sei Dank, umweltverträglich sein – wenn die Versprechungen eingehalten werden. Das allerdings, so Hartmann, sei nicht zu erwarten.

Weitere Beispiele für Werbebotschaften und Versprechungen, sich für eine nachhaltige Welt einzusetzen, sind das Recycling von Plastikmüll aus den Ozeanen zu Designer-Klamotten, die Ankündigung von H&M, eine „Roadmap zu einem Existenzlohn“ für ArbeiterInnen in Textilfabriken aufzustellen, und die erfolgreichen Image-Kampagnen des Erdölkonzerns BP, der „Mutter des greenwashing“, nach der Katastrophe im Golf von Mexiko. Anzuführen sind auch die Koalitionen aus Unternehmen, Regierungen und Nichtstaatlichen Organisationen wie WWF, durch freiwillige Vereinbarungen und Bekenntnissen zur „Unternehmensverantwortung “ Umweltschäden und die Verletzung von Menschen-und Arbeitsrechten bei der Produktion von Palmöl, Kakao, Soja, Fleisch oder Textilverarbeitung zu beseitigen, und das Zertifizierungs- und Siegel-Wirrwarr, das Informationen über Herstellungsbedingungen von Waren eher vernebelt als einlöst.

Die Image-Strategen der Konzerne machen sich dabei zunehmend Methoden, Begriffe und Forderungen zivilgesellschaftlicher Organisationen zunutze. Da ist viel von Nachhaltigkeit, Umweltschutz, einem Beitrag gegen den Klimawandel, der Beseitigung von Kinderarbeit, besseren Arbeitsbedingungen, aber auch ganz ehrgeizig von der Schaffung eines lebenswerteren Planeten die Rede. Sie zielen damit auf VerbraucherInnen, die in den vergangenen Jahren kritischer geworden sind, und wollen sie bei der Stange halten. Durch dieses „Greenwashing“, so Hartmann, soll die Kritik an der rücksichtslosen Ausbeutung von Mensch und Natur entpolitisiert und entkräftet werden – nach dem Motto: seht, wir tun was! Und der Konsum wird als Beitrag dazu umgedeutet.

An den Praktiken ändert sich allerdings wenig, wie Hartmann mit spannenden Reportagen zu den von ihr herangezogenen Beispiele zeigt. „Jenseits der schönen Scheinwelt schreitet die globale Zerstörung rapide fort“. Denn das System der Profitmaximierung und des Shareholder value, der billigen Massenproduktion, der Wegwerfmentalität, der weltumspannenden Produktionsketten, der globalen Konkurrenz treibt die Spirale von Wirtschaftswachstum, Ressourcenplünderung und Billiglöhnen immer weiter. Um dennoch als ‚verantwortungsbewusst’ dazustehen, werden „Tatsachen verdreht, isolierte Fakten überbetont, entscheidende Details unterschlagen“, beschreibt Hartmann die PR-Methoden. Dabei wird der Status quo als alternativlos dargestellt. Anstatt durch ökologische Landwirtschaft und fairen Handel bestehende Produktions- und Handelsstrukturen wenigstens ansatzweise zugunsten von Menschen und Umwelt zu verändern, gilt ‚business as usual’, versehen mit einem hübschen Mäntelchen.

Hartmanns Buch leistet damit vielerlei: Es zeigt die Strategien, Lügen und Verdrehungen der Unternehmen auf. Es benennt die Verursacher der Probleme, die von denselben Unternehmen mit dem Greenwashing vernebelt werden. Es zeigt, wie sie dabei oft Hand in Hand mit Staat, Regierungen und UN-Organisationen klüngeln. Die Politik entzieht sich damit der Aufgabe, „Unternehmen ordnungspolitisch einzuhegen und sie zu ökologisch wie sozial gerechtem Wirtschaften zu zwingen“. Und es stellt das gute Gewissen von Verbrauchern in Frage, indem es aufzeigt, dass sie die Augen davor verschließen, selbst ein Teil des Lügengewebes zu sein.

Wirkliche Veränderungen dagegen gehen von Widerstand und der Entwicklung von Alternativen aus, durch die die Unternehmen zumindest ein einigen Bereichen in ihre Schranken verwiesen werden können – auch dafür liefert das Buch zahlreiche ermutigende Beispiele.

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1 | 2018, Indonesien,
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Kahlschlag mit Hilfe von „Schattenunternehmen“

In Südostasien finden sich sowohl Hauptverursacher von klimaschädlichen Emissionen als auch Hauptbetroffene von den Folgen des Klimawandels. Im Climate Change Performance Index, herausgegeben von Germanwatch, NewClimate Institute und Climate Action Network (CAN), der die Bemühungen zur Eindämmung des Klimawandels der Staaten auflistet, die zusammen 90% der Treibhausgasemissionen verursachen, rangieren Indonesien und Thailand bei low, Malaysia sogar bei very low. Die Ursache: Ein Wachstums- und Entwicklungsparadigma auf der Basis fossiler Brennstoffe, wodurch ein steigender Energieverbrauch zu immer höheren Emissionen führt, während vergleichsweise wenige Ressourcen in den Ausbau erneuerbarer Energien investiert werden. Vor allem Malaysia wird von den Autor*innen der Studie kritisiert: Das Land habe keinerlei Verbesserungen im Bereich erneuerbare Energien vorgenommen, die erforderlich wären, um auf einen deutlichen unter-2-Grad-Celsius-Kurs zu kommen, heißt es in der Studie.

Zugleich ist Südostasien mit langen Küstenlinien und bevölkerungsreichen Städten in niedrigen Lagen bereits jetzt stark von den Folgen des Klimawandels betroffen. Waldbrände, Überschwemmungen, Dürreperioden und Ernteausfälle nehmen zu. Die Artenvielfalt schwindet. All das wirkt sich dramatisch auf die Lebensbedingungen der Menschen und auf landwirtschaftliche Erträge aus.

Zwar zählen die Philippinen und Vietnam zu den Mitgliedern des Climate Vulnerable Forum (CVF), einer Partnerschaft von 48 Ländern des Globalen Südens, die zur Verankerung der 1,5-Grad-Celsius-Schwelle im Pariser Abkommen und zur Beauftragung der IPCC-Sonderberichte aufgerufen hat. Doch nach wie vor zeigen südostasiatische Staaten wenig Einsicht und nehmen nur bedingt Einfluss in den internationalen Klimaverhandlungen, wie Denise Margaret Matias und Danica Marie Supnet in ihrem Artikel kritisieren.

Wer hat die Deutungshoheit über Ursachen und Folgen des Klimawandels, der zu einem bedeutenden Teil auf das westlich-kapitalistische Wachstumsparadigma zurückgeht? Welche Rechte haben Länder des globalen Südens, etwa in Südostasien, an klimaschädlichen technischen Entwicklungen teilzuhaben, die Länder im Westen selbstverständlich für sich in Anspruch genommen haben? Wer hat die entsprechenden Mittel für Forschung und Publikation? Wer setzt die Agenda?

Zwar wirke sich der Klimawandel finanziell in wirtschaftsstarken Ländern drastischer aus. Todesfälle und existenzielle Bedrohungen durch Extremwetter jedoch seien in einkommensschwachen Ländern weitaus wahrscheinlicher, schreibt Christina Grein in ihrem Beitrag zu Myanmar. Gleichzeitig fehlen sowohl auf staatlicher als auch auf individueller Ebene häufig die nötigen Ressourcen, um Folgeschäden des Klimawandels zu kompensieren und sich nach Extremwetterereignissen zu erholen. An Klimabudgets und technischer Unterstützung für die Länder des Globalen Südens fehlt es – trotz aller Appelle – nach wie vor.

Machtverhältnisse drücken sich auch in Sprache aus. Wer spricht mit wem und in welcher Form über den Klimawandel? Ist die Rede von Klimawandel oder Klimakrise oder Klimagerechtigkeit? Wird bei der Ursachenforschung zur Veranschaulichung von Emissionen der Ausstoß von Ländern in absoluten Werten oder pro Kopf ihrer Bevölkerung verglichen und welche Bilder werden damit erzeugt? 2015 befand sich Indonesien beispielsweise in absoluten Zahlen auf Platz 8 der Länder mit den höchsten Treibhausgasemissionen. Betrachten wir hingegen die Pro-Kopf-Emissionen, lag das Land auf Rang 106 (Emissions Database for Global Atmospheric Research).“

Julia Behrens fordert in ihrem Artikel eine Dekolonisierung des Klimaregimes. Am Beispiel von Vietnam beschreibt sie die Zwangslage eines Landes, das weniger als ein Prozent zu den globalen Emissionen beiträgt, von den Folgen, wie Überschwemmungen und Dürre-Katastrophen, jedoch schon jetzt stark betroffen ist. Aus der Binnenperspektive wiederum sind es, wie andernorts in Südostasien auch, die Ärmsten, die der Klimawandel am stärksten trifft. Doch noch immer wird die Debatte über die Klimakrise weitestgehend an ihnen vorbei geführt, wie auch Syarifah Aini Dalimunthe am Beispiel Indonesien zeigt. Sie fordert einen Paradigmenwechsel in der Kommunikation. Informationskampagnen der Regierung zu Ursachen des Klimawandels, seinen Folgen und nötigen Anpassungsmaßnahmen würden bislang in Eliten-Sprache geführt und erreichten vor allem die städtische Bevölkerung. Ein Austausch zwischen (Dorf)-Gemeinschaften über die gemeinsamen Herausforderungen und eine diesbezügliche Zusammenarbeit finde so gut wie nicht statt.

Die Zerstörung von Regenwäldern und Torfmooren – beides äußerst wichtige CO2-Speicher – ist der Grund, warum Indonesien unter den größten Treibhausgasemittenten weltweit rangiert. Helena Varkkey erläutert im Interview mit Janis Wicke, welche verheerenden Kettenreaktionen durch das Trockenlegen von Torfmooren zur Nutzung für Plantagen ausgelöst werden.

In Südostasien, wie in vielen anderen Teilen der Welt, ist es die herrschende Wachstumsdoktrin, in Form von industrialisierter Landwirtschaft, Bergbau und Infrastruktur-Megaprojekten, die die Klimakrise verursacht hat und sie weiter verschärft. In Indonesien kursiert – trotz ehrgeiziger Klimaziele – gerade ein Gesetzentwurf, der Investitionen erleichtern und Umweltauflagen verringern soll. Hans Nicholas Jong beschreibt, welch fatale Auswirkungen dieses Gesetz hätte und wie es Bemühungen um Naturschutz und soziale Gerechtigkeit weit zurückwerfen würde.

Der rote Teppich für Investoren auf Kosten der Umwelt wird auch in Richtung europäischer Unternehmen ausgerollt. Deshalb muss die Betrachtung von Klimagerechtigkeit sowohl in Bezug auf neokoloniale Strukturen im Gefüge Globaler Norden/Globaler Süden betrachtet werden. Zugleich braucht es aber auch die kritische Debatte über Verursacher und Leidtragende in den jeweiligen Ländern, über die Widersacher*innen einer engagierten Klimapolitik und über die Entwicklungsparadigmen, die diese Widersacher*innen vertreten und die weltweit für die Klimakrise verantwortlich sind. Es braucht auch Geschichten des Widerstands, sei es in Form von Protest und/oder gelebten klimafreundlichen Alternativen.

Vor allem braucht es den Austausch zwischen politischen Bewegungen sowie transnationale Solidarität, wenn wir es wirklich ernst meinen mit dem „Wir wollen Klimagerechtigkeit!“

In diesem Sinne wünschen wir unseren Leser*innen eine erkenntnisreiche Lektüre! Den ersten Artikeln dieser Ausgabe werden in den kommenden Wochen hier auf www.suedostasien.net zahlreiche weitere Beiträge zum Thema „Klimawandel: Ursachen, Folgen, Gegenbewegung“ folgen.

Auch in der kommenden Ausgabe werden uns Fragen der Gerechtigkeit beschäftigen, diesmal beim Zugang zu Wasser und Nahrung. Wir freuen uns über Artikelangebote. Hier geht´s zum call for papers.

Das Redaktionsteam

 

 

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1 | 2018, Indonesien,
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Kahlschlag mit Hilfe von „Schattenunternehmen“

Myanmar: Naturkatastrophen der letzten zwei Jahrzehnte zeigen die Sensibilität des Landes für die Folgen des Klimawandels. Die Regierung will den Weg zu einer klimaresistenten und kohlenstoffarmen Gesellschaft ebnen, setzt jedoch weiterhin auf Kohle zur Energieversorgung.

Die Verschlechterung von Umweltbedingungen und der Klimawandel gehören zu den größten globalen Herausforderungen. Laut dem Klima-Risiko-Index (KRI, 2020) der Organisation Germanwatch waren 2018 maßgeblich Hitzewellen die Ursache von Schäden weltweit. Allen voran seien Japan, Indien und Deutschland davon betroffen gewesen. In Europa seien extreme Hitzeperioden zwischen 10- und 100-mal wahrscheinlicher als noch vor einem Jahrhundert. Global betrachtet sind jedoch insbesondere Länder des Globalen Südens von den Auswirkungen des Klimawandels betroffen.

Gerade wirtschaftsschwache Länder mit so genanntem Least Developed Country-Status (LDC) zeichnen sich durch eine erhöhte Verletzlichkeit aus. Obwohl die absoluten finanziellen Schäden in wirtschaftsstarken Ländern zumeist deutlich höher sind, treten in einkommensschwachen Ländern Todesfälle und existenzielle Bedrohungen durch Extremwetter sehr viel wahrscheinlicher auf.

Von den zehn am stärksten vom Klimawandel betroffenen Ländern zwischen 1999 und 2018 waren sieben so genannte Entwicklungsländer (Germanwatch 2019/20). Myanmar belegt auf diesem Index Platz zwei nach Puerto Rico und vor Haiti, den Philippinen, Pakistan und Vietnam. Ausschlaggebend hierfür ist vor allem der Zyklon (tropischer Wirbelsturm im Indischen Ozean) Nargis, der als einer der folgenschwersten Wirbelstürme in der Geschichte der Wetteraufzeichnungen bezeichnet wird.

Viele Risiken

Myanmar gehört aufgrund seiner geographischen Lage und klimatischen Bedingungen zu den Ländern mit der größten Bevölkerungsgefährdung durch Seebeben (Platz sieben), Überschwemmungen (Platz zehn), Wirbelstürme (Platz elf) und Erdrutsche (Platz elf). Zudem ist Myanmar eines der 15 Länder, in denen insgesamt 80 Prozent der von schweren Überschwemmungen betroffenen Bevölkerung weltweit leben. Der Monsun bringt alljährlich zwischen Mai und Oktober starke Regenfälle in die Bergregionen und Flussdeltas. Dadurch kommt es zunehmend zu massiven Überschwemmungen, die die Menschen zur (dauerhaften) Flucht zwingen.

In Myanmar herrscht vorrangig ein tropisches Klima, das vom Monsun bestimmt wird. Es gibt mehrere klimatische Zonen, die mit unterschiedlichen Extremen zu kämpfen haben. So fällt beispielsweise in Zentral-Myanmar die Zunahme von Trockenzeiten und Dürren durch das spätere Einsetzen des Monsuns, abnehmende Regenfälle und Hitzewellen ins Gewicht. Wasserknappheit, geringe Ernteerträge und sogar komplette Ernteausfälle sind in dieser Region keine Seltenheit mehr.

Das Ayeyarwaddy-Delta und die Küstenregion Rakhine im Westen des Landes sind von der zunehmenden Frequenz und Intensität von Zyklonen und Stürmen, einer höheren Wahrscheinlichkeit von Sturmfluten und abnehmender Süßwasserströmung bedroht. Betroffen sind hier die Küstenökosysteme, Ackerland, Ernten, die Infrastruktur und damit die Lebensgrundlage zahlreicher Menschen. In den Großstädten wird die Situation durch das mangelhafte Abwassersystem verschlimmert; in ländlichen Gegenden hauptsächlich durch Fluss- und Dammerosion.

Flucht vor Naturkatastrophen

Der Zyklon Nargis traf 2008 mit Windgeschwindigkeiten bis zu 215 km/h auf das Land. Er ist für über 95 Prozent der Todesfälle und Schäden in den letzten zwei Jahrzehnten verantwortlich. Rund 140.000 Menschen starben, bis zu 2,4 Millionen Menschen wurden obdachlos. Nur zwei Jahre später folgte Zyklon Giri, der über 20.000 Häuser zerstörte und vom dem mindestens rund 224.000 Menschen betroffen waren.

In den letzten Jahren kam es außerdem zu folgenreichen Überschwemmungen und Erdrutschen. So mussten beispielsweise während der Monsunzeit 2019 über 100.000 Menschen evakuiert werden. Die Regierung Myanmars befürchtet eine durch den Klimawandel induzierte erhöhte Frequenz und Zerstörungskraft von Zyklonen und eine Verkürzung der Monsundauer bei gleichzeitig vermehrt auftretenden Starkregen.

Internationale Studien deuten darauf hin, dass die Zahl der schweren tropischen Wirbelstürme mit jedem Zehntel Grad des globalen durchschnittlichen Temperaturanstiegs zunehmen wird. Bis 2050 wird für Myanmar ein Temperaturanstieg um 1,3°C auf 2,7°C und ein Meeresspiegelanstieg zwischen 20 und 40 cm prognostiziert. Hunderttausende, wenn nicht Millionen Menschen werden zur Flucht in die Städte oder in andere Regionen und Länder gezwungen werden. Die Weltbank schätzt, dass bis zum Jahr 2050 über 143 Millionen Menschen weltweit zur Binnenmigration gezwungen sein könnten.

“Wir leben in einem Teil der Welt, der unglaublich hart vom Klimawandel betroffen sein wird. Die Beeinträchtigungen für die Landwirtschaft und Ernährungssicherheit werden enorm sein. Die Menschen (hier) werden nicht mehr wie jeher und am gleichen Ort weiterleben können“, so der Schriftsteller und Regierungsberater Thant Myint U (Mizzima, 2020-01-11)

Video: Warmer Days – Myanmar In The Age Of Climate Change

Klimapolitik der Regierung

Myanmar ratifizierte 1994 die Klimarahmenkonvention der Vereinten Nationen (UNFCCC) und 2003 das Kyoto Protokoll 2003. In den letzten Jahren reichte die Regierung dann ihr National Adaptation Programme of Action (NAPA) und den Nationally Determined Contribution (NDC) ein. Die zentrale Akteurin bezüglich Fragen des Klimawandels ist das Environmental Conservation Department unter dem Ministry of Natural Resources and Environmental Conservation. Es ist zuständig für die Verhandlungen und Berichterstattung auf internationaler Ebene, wie etwa über das UNFCCC. Im Zuge der Ratifizierung des Klimaabkommens von Paris richtete die Regierung außerdem ein nationales Steuerungskomitee für Umweltschutz und Klimawandel ein, das Ableger auf regionaler und (planmäßig) auf lokaler Ebene hat.

Unterstützt werden diese Strukturen durch die Myanmar Climate Change Alliance (MCCA), die 2013 mit Unterstützung der Global Climate Change Alliance (GCCA) ins Leben gerufen wurde und durch UN-Habitat (United Nations Centre for Human Settlements) und United Nations Environment Programme (UNEP) umgesetzt wird. Die Allianz dient als Plattform um das Thema Klimawandel in die Politikgestaltung und Reformagenda einzubeziehen.

Es unterstützt ebenso laufende Aktivitäten zum Klimawandel seitens der Regierung, lokalen Behörden, Nichtregierungsorganisationen, Zivilgesellschaft und Privatwirtschaft. In Kooperation mit der MCCA erarbeitete die Regierung das Paket Myanmar Climate Change Policy, Strategy und Master Plan 2018-2030. In diesen werden die Bedrohungen für die soziale und wirtschaftliche Entwicklung des Landes durch den Klimawandel explizit anerkannt und die Transformation in eine nachhaltige, klimaresistente und kohlenstoffarme Gesellschaft angekündigt.

Klimapolitik braucht Finanzierung

Trotzdem ist Myanmar auf potentielle Herausforderungen des Klimawandels bis jetzt nur sehr schlecht vorbereitet. Das liegt nicht zuletzt an fehlendem finanziellem Budget zur Förderung von Anpassungsmaßnahmen. Der direkte Zugang zu internationalen Klimatöpfen durch nationale Einrichtungen ist gerade für die am meisten betroffenen Länder extrem begrenzt.

Die Organisation Germanwatch betonte beim letzten Klimagipfel Ende 2019, dass es an zusätzlichen Klimabudgets und technischer Unterstützung für ärmere Länder fehle. Gerade auch, um den durch das Klima verursachten Verlusten und Schäden effektiv begegnen zu können. Die Asiatische Entwicklungsbank (ADB) gehört gegenwärtig zu den größten „Klima-Investoren“ in die LDC-Länder der Region. Seit 2019 will sie jährlich rund sechs Milliarden US-Dollar für Anpassungsprogramme und Projekte zur Minderung des Klimawandels beitragen.

In Myanmar steuern bilaterale Hilfsprogramme steuern bisher das Gros der Klimafinanzierung im Land bei, vornehmlich in Zusammenarbeit mit Japan, Deutschland, Großbritannien, Norwegen, der Schweiz und Frankreich. Daneben erhält Myanmar Gelder aus multilateralen Quellen, wie etwa dem ADB Special Fund, der International Development Association (IDA) der Weltbank und der Global Environmental Facility.

Unglücklicherweise ist es vorrangig die Regierung, die hieraus Gelder bezieht. Dabei wären gerade auch nichtstaatliche Organisationen wie Bäuer*innenverbände, Stadtverwaltungen und NGOs entscheidende Akteurinnen und Akteure im Kampf gegen den Klimawandel.

Am Tropf fossiler Energien

Obwohl erneuerbare Energien auch in Asien im Trend liegen und zunehmen, ist für viele Regierungen die Abkehr von fossilen Energien weiterhin unvorstellbar. Die wesentlichen Motoren des Klimawandels wie Öl, Gas und insbesondere Kohle bleiben in den ASEAN-Staaten die wichtigsten Rohstoffquellen.

Im gegenwärtigen Strommix-Plan Myanmars für 2030 soll 34 Prozent der Energie aus Kohle gespeist werden (32 Prozent Wasserkraft, 20 Prozent Erdgas und der Rest aus erneuerbaren Energien). Die jährliche Kohleproduktion soll entgegen breitem zivilgesellschaftlichem Protest in den kommenden Jahren weiter hochgeschraubt werden. „Wir können uns nicht aussuchen, woher der Strom kommt (…). Es ist nicht an der Zeit, Nein zu Kohle zu sagen, wenn lediglich 35 Prozent der Bevölkerung unseres Landes Zugang zu Elektrizität hat“, betont U Ko Ko, ein Parlamentarier aus der Region Sagaing.

Dabei hat Myanmar schon jetzt die mit Abstand am stärksten verschmutzte Luft in Südostasien, Tendenz steigend. Sie gehört zu den größten Risikofaktoren für frühzeitige Sterblichkeit. Seit 2017 hat sie zu schätzungsweise über 45.000 Todesfällen landesweit beigetragen. Im Zuge der Demokratisierung seit 2011 kam es zu schnellen wirtschaftlichen Entwicklungen, gerade in urbanen Räumen. Die städtische Bevölkerung wächst exponentiell aufgrund von Landflucht, doch die Flächen sind begrenzt. Mehr als 80 Prozent der Stadtbevölkerung kocht mit Festbrennstoffen. Die Neuregistrierungen für Kraftfahrzeuge haben sich in den letzten fünf Jahren verdoppelt. Industrien rund um Städte sprießen aus dem Boden und der Bau neuer Industriezonen wird von der Regierung massiv gefördert.

Ausblick

Die politischen Entscheidungen der kommenden Jahre werden maßgebend für Myanmars Zukunft und seine Antworten auf den Klimawandel sein. Vor allem sind hier die Einbindung und Zusammenarbeit mit lokalen Behörden, zivilgesellschaftlichen Akteur*innen und betroffenen Berufsverbänden im Landwirtschafts- und Fischereisektor für schnelle Fortschritte unabdingbar. Denn die Auswirkungen des Klimawandels sind je nach Region sehr unterschiedlich und bedürfen lokaler, kontextspezifischer Reaktionen.

Bis heute sind mehrere Landesteile von bewaffneten Konflikten betroffen. Glücklicherweise arbeiten zivilgesellschaftliche Initiativen schon länger an Gegen- bzw. Anpassungsstrategien, die insbesondere auf den Schutz der Wälder und Biodiversität setzen. So ist etwa laut dem Karen Environmental and Social Action Network (KESAN) die Entwaldung im Karen-Staat, aber auch landesweit, Hauptverursacher des Klimawandels.

Gemeinschaftliche Waldbewirtschaftung (Community forestry) wird daher – neben diversen anderen Maßnahmen – von vielen Initiativen als Schlüssel zur Verbesserung der Lebensqualität der Menschen und zum Schutz der Ökosysteme gesehen. Jetzt fehlt nur noch das finanzielle Budget, um solche zivilgesellschaftlichen Musterbeispiele und Ideen flächendeckend zu unterstützen. Hier stehen nicht nur Myanmars Regierung, sondern gerade auch die internationale Gemeinschaft in der Verpflichtung.

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Kahlschlag mit Hilfe von „Schattenunternehmen“

Indonesien – Informationen zum Klimawandel sind häufig gespickt mit Fachsprache. Das macht sie unzugänglich für die Menschen. Unsere Autorin fordert einen Paradigmenwechsel in der Kommunikationsstrategie

Indonesien nimmt eine entscheidende Rolle bei der erfolgreichen Umsetzung der globalen Klimaziele ein. Im Jahr 2009 erließ Präsident Susilo Bambang Yudhoyono eine Verordnung zur Reduktion von Treibhausgasemissionen um 26 Prozent bis zum Jahr 2020, und sogar bis zu 41 Prozent bei stärkerer Unterstützung durch die Industrienationen. Es war ein ambitioniertes Ziel für Indonesien als fünftgrößten Treibhausgasemittenten.

Indonesiens Klimaziele zwischen Anspruch und Wirklichkeit

Das Land stützt sich seit jeher auf Forstwirtschaft, Landwirtschaft und den Energiesektor. Daher ist es keine Überraschung, dass sich Indonesien von den Zielen weg bewegt hat. Es verbraucht selbst mehr Steinkohle als jemals zuvor und ist der weltweit zehntgrößte Kohle-Exporteur, mit China, Indien, Japan und Südkorea als Hauptzielländern.

Die Entscheidungsträger*innen in Indonesien bleiben dennoch optimistisch. So geht die Regierung weiter davon aus, bis 2030 die Emissionen, die auf Entwaldung zurückzuführen sind, um 29 Prozent gegenüber dem ‚Business-as-usual‘-Szenario reduzieren zu wollen (Boykoff, Maxwell & Pearman, Olivia (2019). Now or never: How media coverage of the IPCC Special Report on 1.5C shaped climate-action deadlines. One Earth, 1(3), 285–288). Dieses Ziel wurde ursprünglich im Rahmen des Pariser Klima-Abkommens aus dem Jahr 2018 formuliert. Dabei sichert die Regierung in Indonesien weiterhin zu, das Waldmoratorium und die Dekarbonisierung umzusetzen, z.B. durch die Verwendung von Biogas.

Auf der anderen Seite sorgt aktuell der Entwurf für das so genannte ‚Omnibus-Gesetz‘, das es Unternehmen erheblich erleichtern soll, in Indonesien zu investieren, für Diskussionen. Umweltschützer*innen warnen davor, dass dieses Gesetz zu noch stärkerer Ausbeutung von Ressourcen führen würde (vgl. den Artikel Profit geht vor Umweltschutz von Hans Nicholas Jong auf suedostasien.net). In einer Pressemeldung vom 28. Februar 2020 teilte das Ministerium für Umwelt und Forstwirtschaft seine Unterstützung des Gesetzes mit, da es den Abbau von Bürokratie verspreche. Der Minister gab bekannt, dass das Gesetz dazu führen würde, dass Investor*innen ihre Umweltverträglichkeitsprüfungen leichter und schneller bearbeiten/erledigen könnten. Hauptsächlich wird die Gesetzesänderung aber wohl zu einem erheblichen Ausbau von Industrien führen.

Der Druck ist hoch, die Herausforderungen des Klimawandels als nationales Problem anzunehmen. Die Regierung beginnt nun, die breitere Öffentlichkeit über die Herausforderungen des Klimawandels aufzuklären. Dabei legt sie den Schwerpunkt auf wissenschaftliche Informationen zu extremen Wetterereignissen. Das öffentliche Verständnis für den Klimawandel gilt als ausschlaggebender Faktor, um die allgemeine Akzeptanz politischer Entscheidungen und Risikomanagement-Maßnahmen in der Bevölkerung zu gewährleisten.

Politische Entscheidungsträger*innen sind jedoch stark eingebunden in ihre Verantwortlichkeiten. Wissenschaftliche Quellen stellen Informationen lediglich im Fach-Jargon bereit. Das führt zu erheblichen Schwierigkeiten für diejenigen mit weniger Fachexpertise, eine klare Botschaft der Ergebnisse dieser wissenschaftlichen Studien zu kommunizieren.

Dieser Artikel beleuchtet eine Studie von Climate Asia, in der 2012, 2016 und 2018 private Haushalte zu alltäglichen Erfahrungen und zum Umgang mit dem Klimawandel befragt wurden. Die Studie umfasste 4985 Haushalte in ganz Indonesien. Dieser Artikel nimmt Bezug auf die zwei aktuelleren Erhebungen.

Aufklärung hauptsächlich in größeren Städten

Für die Öffentlichkeit ist die Diskussion über Auswirkungen und Abmilderung des Klimawandels sowie die Anpassung daran noch neu. Obwohl weltweite Initiativen schon Mitte der 1990er begannen, wurde die Thematik in Indonesien erst im Jahr 2007 nach der UN-Klimakonferenz auf Bali bekannt. Aufgrund der Geschehnisse im ersten Jahrzehnt des neuen Jahrtausends legte man in Indonesien den Schwerpunkt auf die Risikominimierung bei Naturkatastrophen, beispielsweise von Tsunamis und Erdbeben.

Die Studie von Climate Asia zeigte, dass die Aufklärung über den Klimawandel hauptsächlich größere Städte erreicht. Die Befragung ergab, dass 57 Prozent der Stadtbewohner*innen bereits von Aufklärungskampagnen und -programmen über die Auswirkungen des Klimawandels gehört hatten. Demgegenüber haben 68 Prozent der Befragten aus ländlichen Gebieten noch nie davon gehört.

Erste Kampagnen konzentrierten sich auf größere städtische Gebiete, um das Wissen über den Klimawandel allmählich in ganz Indonesien zu verbreiten. Aus meiner Beobachtung der aktuellen Kampagne stelle ich fest, dass der meistgenutzte Jargon efek rumah kaca (Treibhausgaseffekt), pemanasan global (globale Erderwärmung), kerusakan lapisan ozon (Ozonabbau), kerusakan fungsi hutan (Entwaldung) und gas buang industri (Industrieemissionen) beinhaltet. Diesem Fachjargon folgt dann eine Liste von Handlungen, um den Klimawandel abzumildern.

Die Regierung verbreitet regelmäßig Informationen über den Klimawandel durch die Meteorologische, Klimatologische und Geophysische Behörde (BMKG). Diese Behörde initiiert für gewöhnlich Gespräche zu diesem Thema auf nationaler Ebene. Darüber hinaus werden Informationen über Mainstream- und soziale Medien verbreitet. Da die Kampagne vor allem von den nationalen Behörden ausgeht, erreicht der Fachjargon hauptsächlich Menschen in städtischen und industriellen Gebieten.

In meinen Gesprächen mit der Regierung, mit internationalen Behörden, der Zivilgesellschaft und Medienorganisationen bestehen diese darauf, dass die Kommunikationsmaßnahmen gut in der Öffentlichkeit verbreitet wurden. Nichtsdestotrotz gestehen sie ein, dass Hürden überwunden werden müssen, um das Verständnis für die Thematik zu erhöhen. Besonders die Nutzung von Fachjargon und wissenschaftlicher Sprache seien weniger relevant für das Alltagsleben.

Der Klimawandel – ein Thema der Elite

Eine unausgeglichene Verteilung der Kampagne wird sehr deutlich. Jakarta und andere größere Städte waren Epizentren der Kampagne. Die Bevölkerung dieser Regionen haben von den nationalen und internationalen Aufklärungskampagnen stark profitiert. Diese Kampagnen hoben vor allem die ‚grünen‘ Aktivitäten hervor. Dazu zählen beispielsweise, mit dem Fahrrad zur Arbeit zu fahren, den Stromverbrauch einzudämmen und weniger Plastik zu nutzen.

In einem Gespräch mit einem NGO-Mitglied in Jambi (Sumatra) wurde mir erklärt, dass die Herausforderungen des Klimawandels im Allgemeinen kaum diskutiert werden.

Klimawandel hat in der Gesellschaft unterschiedliche Bedeutungen. Stadtbewohner*innen sind um ihre Umwelt besorgt. 43 Prozent der Befragten verstehen Klimawandel als extreme Wetterereignisse wie Überflutungen und Dürrezeiten. Stadtbewohner*innen gaben an, dass die Aufklärung zum Klimawandel sie kaum auf die Auswirkungen des extremen Wetters vorbereiteten, nur 18 Prozent fühlten sich vorbereitet.

Ländliche Bevölkerung fühlt sich abgehängt

Im ländlichen Raum war das Bewusstsein und Verständnis für den Begriff ‚Klimawandel‘ eher gering mit Ausnahme von Kalimantan. Es fällt in jenen Gebieten höher aus, in denen die Regierung und Zivilgesellschaft stark eingegriffen haben. In Kalimantan haben 74 Prozent der Befragten schon einmal vom Begriff ‚Klimawandel‘ gehört. Grund dafür ist, dass die Region [das Hauptkohlerevier Indonesiens, d.R.] im Mittelpunkt der Diskussionen um Biodiversitäts- und Moorlandverlust sowie um Waldbrände steht. Obwohl die Anzahl der Befragten, denen der Begriff Klimawandel nicht fremd ist, sehr hoch ist, konnten nur 29 Prozent diesen tatsächlich auch verstehen.

Die Kampagnen von Seiten der Regierung enthalten zwar geläufige Begriffe wie ‚Flut‘, ‚Erdrutsch‘ oder ‚Dürre‘, aber die wissenschaftliche Kommunikation schafft es nicht , auszudrücken, was der Klimawandel in spezifischen Zusammenhängen wirklich bedeutet. Die Narrativen, die der ländlichen Bevölkerung vorgesetzt werden, sind vor allem Ausflüchte der nationalen Klimaagentur.

Die große Mehrheit der ländlichen Bevölkerung nannte fehlende Ressourcen als Hürde, um auf den Klimawandel zu reagieren. Sie sind der Überzeugung, dass Aktivitäten zum Klimaschutz teuer und unerreichbar seien. Auch das Unwissen über Handlungsmöglichkeiten und der fehlende Zugang zu Informationen werden als Hemmnisse von rund 50 Prozent der Befragten genannt.

Im Großen und Ganzen fühlt sich die ländliche Bevölkerung, bombardiert mit dem Fachjargon zum Klimaschutz, im Stich gelassen.

Die aktuelle Kommunikation führt dazu, dass diejenigen, die am stärksten vom Klimawandel betroffen sind, am wenigsten dagegen ausrichten können. Überraschenderweise waren Landwirtinnen zynisch gegenüber sich selbst (61 Prozent), wenn es um die Anpassung an den Klimawandel geht.

Die Bevölkerung, die von der Natur abhängt, wie etwa Landwirt*innen und Fischer*innen, benötigt Informationen, die sie in ihrem Lebensalltag unterstützen. Sie würden auch Informationen über Techniken begrüßen, die die Umwelt nicht weiter belasten. Das Wissen das Landwirt*innen vor der so genannten ‚Grünen Revolution‘ noch besaßen, wurde nicht an die nächste Generation weiter gegeben. Stattdessen gerieten Bäuer*innen in die Abhängigkeit von chemischen Düngemitteln, um ihre Ernteerträge anzukurbeln. Saaten wurden von den Märkten bezogen, anstatt sie selbst zu ziehen/kultivieren.

Die derzeitigen Methoden misslingen auch deshalb, weil die Qualität des Bodens abnimmt. Dazu kommen die Folgen des Klimawandels: In Bali suchen Landwirt*innen aufgrund wiederholter Ernteausfälle beispielsweise inzwischen nach Maissetzlingen, die lange Trockenzeiten besser überstehen. Insgesamt muss der Fokus auf einer Klima-Bildung liegen, die die finanziellen und sozialen Vorteile der Anpassung an den Klimawandel in den Vordergrund stellt.

Kommunikation muss näher an Bedürfnissen der Menschen sein

Ohne die bisherigen und fortlaufenden Bemühungen zur Klimawandel-Aufklärung schlecht reden zu wollen, muss diese Lücke geschlossen werden. Um die Bemühungen auf die nächste Ebene zu bringen, muss die Kommunikation in Indonesien sich auf die Vermeidung von Fachjargon konzentrieren, wenn es um die Aufklärung der Öffentlichkeit geht. Es muss einen Paradigmenwechsel in der Kommunikationsstrategie geben.

Es müssen dringend Informationen bereitgestellt werden, die der Bevölkerung helfen, Bewusstsein, Motivation, den Glauben an sich selbst, Wissen und Kompetenzen aufzubauen, damit sie entsprechend handeln können. Dabei stehen Nahrungsmittelsicherheit, Wasser und Obdach, wirtschaftliche Potentiale und Sicherheit, Minimierung von Naturkatastrophen und der Umgang mit Klimakrisen im Vordergrund. Außerdem sollten die Kampagnen den Austausch innerhalb der Gemeinschaften über gemeinsame Herausforderungen und Zusammenarbeit unterstützen.

Übersetzung aus dem Englischen von: Tiara Fausel und Tanja Matheis.

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1 | 2018, Indonesien,
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Kahlschlag mit Hilfe von „Schattenunternehmen“

Vietnam: Reiseprospekte über das Mekongdelta schwärmen von saftig grünen Reisfeldern, Bäuerinnen mit runden Spitzhüten, Mangrovenwäldern und schwimmenden Märkten. Die Idylle trügt. Denn der steigende Meeresspiegel frisst Meter um Meter Land dieser fruchtbaren Landschaft.

„Die Küstenerosion in der südlichsten Provinz Vietnams beeinträchtigt Tausende von Menschen. Die Behörden ergreifen Maßnahmen zur Anpassung an den Klimawandel, bevor die Schäden irreversible Ausmaße erreichen“, schrieb die Journalistin Van Chau am 1. Dezember 2019 in der Online-Zeitung Viet Nam News. Betroffene äußerten sich in dem Artikel wie folgt: „Vor einigen Jahren befand sich das Meer etwa 100 bis 200 Meter von meinem Haus in Dat Mui entfernt. Jetzt ist das Meerwasser nur 10 bis 15 Meter entfernt und bereits in meinen Brunnen eingedrungen“, berichtet Tran Van Ut, ein Landwirt in der südlichsten Provinz Cà Mau. Das hat für ihn vielfältige Folgen. „Ich kann doch zum Duschen kein Süßwasser kaufen, erstens weil nicht genug zur Verfügung steht, und selbst wenn ich Geld habe, ist es zu teuer. Wenn ich schmutzig von der Arbeit zurückkomme, springe ich einfach in mein Garnelenzuchtbecken.“

Offizielle Zahlen der Behörden bestätigen dieses individuelle Bild im großen Rahmen. Seit 2005 erfährt das Mekongdelta eine jährliche Erosion von etwa 300 Hektar. Zwischen 2010 und 2015 sank die Region auf dem größten Teil ihrer Fläche zwischen fünf und zehn Zentimeter. Ein Anstieg des Meeresspiegels um 30 cm könnte nach Angaben der OECD den Verlust von fast 200.000 Hektar Reisanbau bedeuten.

Menschen auf der Flucht

„In den letzten Jahren hat das Salzwasser begonnen, vom Ozean aus weit ins Landesinnere des Deltas vorzudringen, und zwar in einem solchen Ausmaß, dass die Landwirt*innen von ‚Salzzeit‘ sprechen. Einige sind vom Reisanbau auf die Zucht von Garnelen umgestiegen, die im nun brackigen Wasser zurechtkommen“, heißt es in der erwähnten OECD-Studie. Viele Familien sehen bereits heute keine Chance mehr für ihre Zukunft im Delta. Die Folgen des Klimawandels verursachen die Vertreibung von Menschen, die seit Generationen am Mekongdelta leben. Von rund 18 Millionen haben in den vergangenen Jahren schon 1,7 Millionen dem Delta den Rücken gekehrt. Eine Studie von Oanh Le Thi Kim und Truong Le Minh von der Van Lang Universität in Ho Chi Minh Stadt legt nahe, dass bei 14,5 Prozent der Migrant*innen der Klimawandel der dominierende Faktor war, das Mekongdelta zu verlassen. Wenn diese Zahl zutrifft, zwingt der Klimawandel jedes Jahr 24.000 Menschen dazu, die Region zu verlassen, um den schwierigen Bedingungen und der damit verbundenen Armut zu entkommen.

Vietnam versucht, mit viel Geld gegen die ökologischen Probleme vorzugehen. Mangrovenwälder werden wieder aufgeforstet. Stabile Uferböschungen sollen den Landfraß stoppen und neue Dämme, Schleusen und Sperrtore das Brackwasser von den Reisfeldern fernhalten.

Wasserversorgung ist langfristig bedroht

Nicht nur für die Einzelnen, sondern auch für die Behörden im Mekongdelta ähnelt der Kampf gegen die Probleme des Klimawandels dem Bemühen von Sisyphos. Lokale Gemeinschaften pumpen zum Beispiel in gemeinsamen Aktionen Grundwasser für Bewässerung, Aquakultur und Trinkwasser. Dies beschleunigt aber das Eindringen des Meerwassers und damit die Versalzung der Böden. Das Pumpen führt nämlich zu zusätzlichen Landabsenkungen und erschöpft die unterirdischen Wasservorräte. Dies bedroht die Wasserversorgung langfristig.

Die Dorfgemeinschaften und einzelne Bäuerinnen und Bauern steigen, unterstützt durch die Behörden, auf andere Produkte um. Zusätzlich zum Reis züchten sie Garnelen. Dies funktioniert bislang recht gut. Der Bedarf an Garnelen auf dem Weltmarkt ist groß und die Bäuerinnen und Bauern erzielen bei der Garnelenzucht den doppelten Ertrag im Vergleich zu Reis (vgl. Artikel „Möglichst billig, aber bitte mit Gütesiegel“ auf suedostasien.net). Allerdings ist dieser Erfolg schon wieder gefährdet, weil viele Menschen Ähnliches versuchen und auch andere Regionen in Südostasien auf diesen Zug aufspringen.

Behörden und Wissenschaftler*innen aus Europa und Vietnam schlagen vor, den Reisanbau klimaresistenter auszurichten, was der Jahrhunderte alten Tradition der Eigenversorgung entspräche. Weitere Empfehlungen sind auf Obst und Blumen oder auf Viehzucht umzusteigen, zum Beispiel Kaninchen und Bienen, anstatt Reis anzubauen. Für die viele Bäuerinnen und Bauern mit niedrigem Ausbildungsniveau bietet das keine langfristige Perspektive. Bleiben also nur noch Konzepte zur Industrialisierung, wie sie vor allem von internationalen Investor*innen vorgeschlagen werden. „Der Aufbau von Windkraftanlagen boomt“, schreibt Viet Nam News. Ob damit Millionen von Bäuerinnen und Bauern eine alternative Lebensgrundlage finden, ist mehr als fraglich.

Menschengemachte Probleme

Das rasante Wirtschaftswachstum am Mekong, in Vietnam selbst und insbesondere beim großen Nachbarn China verschärft die Probleme im Delta. Zu nennen ist hier die große Zahl von Staudämmen am Oberlauf des Mekong in China und in Laos. Sie verknappen das Wasser in den unteren Flussregionen und die fruchtbaren Sedimente, die das Mekongdelta im Laufe der Jahrtausende erst geschaffen haben. Mit dem Strom wollen die Erbauer*innen der Staudämme Geld verdienen. Denn Strom wird dringend gebraucht für die Industrialisierung und für angenehmere Lebensbedingungen der Menschen. Vor allem Laos baut auf die Einnahmen aus dem Export von Strom, da es ansonsten kaum Möglichkeiten sieht, Mittel für die Verbesserungen der Infrastruktur und Lebensbedingungen zu erwirtschaften. Profiteure sind allerdings vor allem internationale Finanzierungs- und Baukonzerne, die die Staudammprojekte planen, bauen und betreiben (vgl. Artikel „Riesendesaster statt Modellprojekt“ auf suedostasien.net).

Für Staudämme und andere gewaltige Infrastrukturprojekte wie Straßen, Brücken und Hochhäuser werden Unmengen an Beton und damit Sand benötigt. Dieser ist knapp, was dazu führt, dass der illegale Sandabbau in den Deltas der großen Flüsse, also auch im Mekongdelta, zunimmt. Ein vom Bundesministerium für Bildung und Forschung finanziertes Projekt „Catch-Mekong“ an der Leibnitz Universität Hannover kommt zu dem Schluss, „dass der Nachschub von Sedimenten aus dem Mittel- und Oberlauf des Mekong bereits heute zu gering ist, um die Sandentnahmen im Delta auszugleichen. Vor dem Hintergrund der intensiveren Nutzung der Wasserkraft am Mekong und mit dem Bau von mehr als einem Dutzend neuer Stauanlagen verschärft sich die Problematik der Stabilität des Mekong im Unterlauf und im Delta infolge eines zusätzlichen Rückhalts von Sedimenten im Mittel- und Oberlauf.“

Vietnam unterstützt Pariser Klimaabkommen

Schon 2016 hat die Regierung einen Plan zur Implementierung der Klimaschutzabkommen von Paris vorgelegt. Es fehlt auch nicht an ehrgeizigen Plänen zur Verbannung der Millionen die Luft verpestenden Mopeds aus Hanoi, Ho Chi Minh Stadt oder Da Nang. Gegenüber dem rasanten Wirtschaftswachstum bleiben die Pläne weitgehend wirkungslos. Hanoi bleibt laut Greenpeace eine der Städte mit der schlechtesten Luft in Südostasien. Auch bei diesem Problem sucht Vietnam Unterstützung aus Deutschland. Im November 2019 organisierte das vietnamesische Ministerium für Natürliche Ressourcen und Umwelt (MONRE) mit Unterstützung der Hanns-Seidel-Stiftung (HSF) einen Konsultationsworkshop zur Bewertung der Umsetzung der Nationalen Umweltschutzstrategie bis 2020 und zur Skizzierung der Strategie im Zeitraum 2021-2030. Die Regierung fördert außerdem Projekte „Jugend für den Umweltschutz“ gemeinsam mit der EU. Eine Bewegung vergleichbar mit ‚Fridays for Future‘ steht in Vietnam noch in den Anfängen (vgl. Artikel „Das Klimaregime muss dekolonisiert werden“ auf suedostasien.net).

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1 | 2018, Indonesien,
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Kahlschlag mit Hilfe von „Schattenunternehmen“

Südostasien- Wenn Indonesiens Wälder großflächig brennen, wird die ganze Region mit einer Dunstglocke aus giftigem Qualm (Haze) überzogen. Helena Varkkey von der University of Malaya in Kuala Lumpur erforscht die Ursachen der Waldzerstörung und erklärt, warum der Schutz von Torfböden entscheidend im Kampf gegen den Klimawandel ist.

Im Sommer und Herbst 2019 konnten wir in den Medien beobachten, wie Indonesiens Wälder wieder in Flammen standen. Wie haben sich die Waldbrände 2019 im Vergleich zu den Vorjahren entwickelt, vor allem im Vergleich zu 2015?

Waldbrände haben wir in Südostasien relativ regelmäßig. In Indonesien treten sie normalerweise jedes Jahr in der Trockenzeit auf. Das hat sowohl natürliche als auch Menschen gemachte Gründe. Ich beschäftige mich vor allem mit dem grenzübergreifenden Charakter der Feuer. Ob Brände zu einem grenzübergreifenden Problem werden hängt sehr stark von den Wetterverhältnissen ab. 2019 hatten wir eine sehr trockene El Niño Saison.

El Niño ist ein wiederkehrendes Wetterphänomen, mit einer Kombination aus extremer Trockenheit, wenig Regen und sehr starken Winden, das alle drei bis fünf Jahre auftritt. 2015 hatten wir einen extrem starken El Niño und 2019 ist er erneut eingetreten. 2016, 2017 und 2018 war es dagegen nicht so trocken und der Wind war nicht stark genug, um die Feuer zu einem grenzüberschreitenden Problem zu machen.

Grenzübergreifend meint, dass der Rauch, auch ‚Haze‘ genannt, zu einem grenzübergreifenden Problem wird?

Wenn ich von einer grenzübergreifenden ‚Haze‘-Episode spreche, dann meine ich damit, dass der Rauch der Feuer, die in der Regel in Indonesien auftreten, sich über die Grenzen hinweg auf die Nachbarstaaten ausbreitet. Die unmittelbar betroffenen Länger sind Singapur und Malaysia. Wenn es sehr schlimm wird, kann der Smog auch noch weiter nach Norden vordringen.

Im Extremfall kann der Rauch bis zu sechs Länder erreichen, bis hoch zu den Philippinen und Thailand. Aber 2019 war es nicht ganz so extrem und betraf [neben Indonesien selbst] „nur“ Malaysia, Singapur und Brunei.

Was sind direkte Auswirkungen der Feuer für die lokale Bevölkerung in den betroffenen indonesischen Regionen Kalimantan und Sumatra, aber auch auf das Leben in den Nachbarländern?

Es ist nicht einfach, die Intensität der Situation in Indonesien mit dem zu vergleichen, was wir in Malaysia erleben. Ich bin Malaysierin, also mache ich Untersuchungen und Beobachtungen dazu, welche Auswirkungen ‚Haze‘ auf Malaysia hat. Aber im gleichen Atemzug müssen wir immer auch im Blick behalten, wie viel schlimmer die Lage in Kalimantan und Sumatra ist. 2019 hatten wir in Malaysia PSI-Werte von 300 [der Pollution Standard Index ist ein Messsystem, das die Konzentration von Schadstoffpartikeln in der Luft angibt], was schon ein sehr gefährliches Level ist.

Aber in Indonesien, nahe den Epizentren des Feuers, stiegen die Werte auf 2.000 PSI. Du kannst dir vorstellen, wir haben 300 schon als sehr belastend wahrgenommen, aber 2.000 über dem Boden, in Atemhöhe, das ist viel, viel schlimmer. Das hat drastische Auswirkungen auf die Gesundheit der Menschen. Die Feuer aus brennender Biomasse produzieren sehr kleine Russpartikel, 2,5 Pikometer oder noch kleiner, die klein genug sind, um sie einzuatmen.

Das führt zu nachhaltigen und langfristigen Gesundheitsproblemen, vor allem für sehr junge und sehr alte Menschen. Wenn du den Rauch einatmest, verklebt er deine Lungen und geht direkt in deinen Blutkreislauf, was zu Atemproblemen führt und bereits bestehende Erkrankungen stark verschlechtern kann. Neuere Forschungsergebnisse schätzen die Zahl der durch ‚Haze‘ verursachten Todesfälle in Südostasien auf 100.000 Menschen, davon 90.000 in Indonesien. Gleichzeitig haben die Brände auch enorme wirtschaftliche Auswirkungen, denn wer krank ist, kann nicht zu Arbeit gehen.

Das führt zu einem Produktivitätseinbruch. Gleichzeitig gehen die Touristenzahlen zurück. Und viele andere Bereiche sind ebenfalls beeinträchtigt, zum Beispiel die Fischerei. Fischer*innen können aufgrund der schlechten Sicht nicht mehr aufs Meer raus fahren und deswegen wird weniger Fisch gefangen.

Im Kontext des Klimawandels wird derzeit viel über brennende Torfwälder diskutiert.

Ja, Torfgebiete sind ein großer Teil des Problems und das ist eng verbunden mit der Art der Landnutzung in Indonesien. Torfwälder sind eine einzigartige und besonders sensible Form von Land in unserer Region. Indonesien hat den größten Anteil von Torfgebieten in den tropischen Regionen der Welt.

Torfwälder sind normalerweise feucht und mit Wasser geflutet und in diesem nassen Zustand sind sie ein einzigartiger Kohlenstoffspeicher. Wenn Blätter, Zweige und anderes organisches Material der ursprünglichen Torfwälder auf den Boden fallen, sinken sie unter die Wasseroberfläche. Der Kompostierungsprozess, der normalerweise den Kohlenstoff freisetzt, wird unter Wasser eingeschlossen.

Die Probleme beginnen, wenn man Torfgebiete trockenlegt und dass passiert in Indonesien und Malaysia häufig, um Land für Plantagen nutzbar zu machen. Dann wird all der Kohlenstoff, der in den Böden unter Wasser eingeschlossen war, schlagartig freigesetzt. Das heizt den Klimawandel an. Vor einigen Jahren rutschte Indonesien auf Rang drei der weltweit größten Treibhausgasproduzenten.

Schuld daran waren nicht Industrialisierung und die Verbrennung fossiler Energieträger wie Kohle oder Öl, sondern die beschriebenen Landnutzungsänderungen. Hinzu kommt, dass Torfgebiete, wenn sie erst einmal trockengelegt sind, äußerst feueranfällig sind. Und wenn sie Feuer fangen, dann wird der Kohlenstoff noch schneller in die Atmosphäre geblasen.

Das heißt, wenn Torfwälder brennen, wurden sie vorher von Menschen trockengelegt?

Ja, denn im natürlichen Zustand sind Torfwälder mit Wasser geflutet. Wenn sie brennen, hat das in der Regel etwas mit Eingriffen des Menschen zu tun. Waldbrände treten nicht nur in Torfgebieten auf. Aber der Charakter des Feuers ist entscheidend und er wird dadurch bestimmt, auf welchem Boden es sich ausbreitet.

Feuer, die auf Torfböden brennen, setzten viel mehr CO2 frei. Außerdem sind sie viel schwerer zu löschen. Torfböden sind quasi reiner Treibstoff. Das Feuer in Torfgebieten kann sich unter die Erde verlagern. Dann brennt der Boden buchstäblich und man sieht Rauch aus der Erde aufsteigen. Brennende Torfgebiete machen nur 40 Prozent aller Waldbrände in Indonesien aus, aber sie verursachen 80 bis 90 Prozent des ‚Haze‘ und der Treibhausgasemissionen.

Du forschst seit vielen Jahren in Indonesien und Malaysia zu den Entwicklungen der Feuer. Was sind, deiner Meinung nach, die Hauptursachen der Waldbrände?

Eigentlich existiert in Indonesien eine ganze Reihe von Gesetzen, die Torfwälder schützen sollen. Erst kürzlich hat der Präsident ein Moratorium auf die Umwandlung von Torfwälder in Plantagen verhängt. Das Problem dabei ist jedoch, dass Torfgebiete auch sehr attraktiv für Plantagenunternehmen sind . Es gibt eine Reihe von Gründen dafür: Erstens sind Torfwälder reich an wertvollen Tropenhölzern, die verkauft und als Start-Up-Kapital für die weitere Erschließung genutzt werden können.

Zweitens liegen Torfgebiete meistens auch in sehr abgelegenen Regionen, in denen es kaum Dörfer gibt. Das heißt, die Plantagenunternehmen müssen sich weniger mit der lokalen Bevölkerung und der Kompensierung von lokalen Gemeinden befassen.

Ein dritter Grund ist, dass ungenutztes Land für die Plantagenentwicklung generell immer knapper wird und Unternehmen deswegen auch verstärkt in Torfgebiete vordringen. Obwohl es rechtlich untersagt ist, dass Torfwälder abgeholzt und erschlossen werden, stehen ein Viertel aller Plantagen in Indonesien auf Torfböden.

Wie ist das möglich?

Ich argumentiere in meinen Publikationen, dass das mit einer starken Kultur der Patronage zusammenhängt. Patrone, die üblicherweise in der Regierung oder öffentlichen Verwaltung sitzen, schützen und unterstützen ihre Klienten, die im Businesssektor tätig sind, indem sie bestimmte Landrechte an sie vergeben. Dies mag in ihrer Macht liegen, aber sie folgen dabei nicht den rechtlichen Regelungen und Prozedere. Dabei spielt auch Indonesiens System der Dezentralisierung eine Rolle.

Die Lokalregierungen haben die Kontrolle über die Vergabe von Land. Gleichzeitig wurde auch das Steuersystem teilweise dezentralisiert und die Lokalregierungen müssen ihr Budget über das Erheben von Steuern selbst generieren. Die lokalen Regierungschefs, die Bupati [Landräte] haben also die Macht, Staatsland herauszugeben und gleichzeitig sind sie auch auf die Steuereinnahmen angewiesen. Und natürlich sind sie auch an der Möglichkeit interessiert, Schmiergeld zu kassieren. Im Prinzip umgehen sie dann die Regulierungen der Zentralregierung und verteilen Land – auch Torfwälder – an ihre Freunde und Familienmitglieder in den Plantagenunternehmen.

Wie kommt es dann zu den flächendeckenden Waldbränden?

Das hängt stark mit den Praktiken der Unternehmen zusammen. Allein die Tatsache, dass sich die Plantagen auf Torfböden befinden, setzt sie schon einem enorm hohen Feuer-Risiko aus. Leider sind viele Unternehmen bereit, dieses Risiko einzugehen, weil die Plantagen einfach so lukrativ sind. Aber die Situation eskaliert auch deswegen, weil manche Unternehmen Feuer benutzen, um das Land vollständig zu roden, nachdem die wertvollen Tropenhölzer bereits gefällt wurden. Das ist der einfachste und billigste Weg, Gestrüpp und Baumstümpfe loszuwerden und das Land für die Bepflanzung vorzubereiten. Aber wenn man Feuer auf Torf legt, verbreitet es sich schnell unkontrolliert weiter. Und dann haben wir die riesigen Brände, wie wir sie immer wieder sehen.

Was hat die indonesische Regierung bis jetzt getan, um die Brände zu bekämpfen? Präsident Joko Widodo (Jokowi) hat ja versprochen, das ‚Haze‘-Problem innerhalb einer Legislaturperiode zu lösen. Wir würdest du seine Politik beurteilen?

Jokowi hat dem ‚Haze‘-Problem sehr viel Aufmerksamkeit geschenkt, weil es eines der ersten Probleme war, mit dem er sich auseinandersetzen musste, als er [2014, d.R.] ins Amt kam. Ich denke Jokowi hat das Herz am rechten Fleck, aber leider sind einige grundlegende Maßnahmen im Politikbetrieb untergegangen.

Der grenzübergreifende Charakter des Haze-Problems führt dazu, dass die Folgen der Brände nicht nur in Indonesien, sondern auch in den Nachbarländern spürbar sind.

Aber Indonesien hat sich bis jetzt sehr unwillig und unzugänglich gezeigt, mit ASEAN zu kooperieren, um das ‚Haze‘-Problem auf einer regionalen, zwischenstaatlichen Ebene anzugehen. Viele der großen Palmöl- und Tropenholzkonzerne kommen aus Malaysia und Singapur. Die Präsenz der anderen ASEAN-Staaten in Indonesien liegt auf der Hand. Deswegen ist es nicht hilfreich, den anderen den Schwarzen Peter zu zuspielen und sie zu beschuldigen, aber gleichzeitig keine Offenheit und Transparenz im Teilen von Informationen zuzulassen.

Singapur hat ein Transboundary-Haze-Gesetz, dass die strafrechtliche Verfolgung von Entitäten außerhalb Singapurs möglich macht, wenn diese für die Verursachung von ‚Haze‘ verantwortlich sind. Aber Indonesien hat sich bis jetzt nicht sehr kooperativ gezeigt, Singapur Zugang zu wichtigen Informationen zu geben. Ich denke, diese transnationale Zusammenarbeit wäre ein wichtiger Schritt, aber sie wird derzeit von Indonesien blockiert.

Das indonesische Umwelt- und Forstministerium hat beispielsweise im Rahmen seiner Untersuchungen eine ganze Liste von Plantagenunternehmen veröffentlicht, die im Verdacht standen, in das Legen von Feuer involviert zu sein. Und das wurde sozusagen dazu benutzt, auf Malaysia zu zeigen, nach dem Motto: „das sind eure Leute, die dafür verantwortlich sind“. Aber als Malaysia dann Unterstützung angeboten hat, haben sie die nicht angenommen.

Wenn Indonesien behauptet, dass malaysische Firmen in die Verursachung der Waldbrände involviert sind, dann sollten sie ihre Informationen transparent machen und Malaysia erlauben zu ermitteln, zu helfen und ihre eigenen Feuerwehreinheiten zu schicken.

Welche Maßnahmen hat Jokowi bis jetzt umgesetzt, um die Ursachen der Feuer zu bekämpfen?

Auf der lokalen Ebene hat Jokowi schon einiges getan. Er hat zum Beispiel die Badan Restorasi Gambut aufgebaut (Agentur zur Restauration von Torfgebieten). Sie soll Torfgebiete, die in der Vergangenheit durch Feuer zerstört wurden, wieder rehabilitieren. Das ist eine sinnvolle Initiative, aber sie fokussiert nur auf brachliegende, besitzerlose Torfgebiete. Sie bleibt leider unklar darüber, was mit den Torfgebieten passiert, die sich unter Konzessionen von Plantagenunternehmen befinden.

Jokowi hat auch versucht, das Patronage-Problem anzugehen, in dem er den Umgang mit dem Feuer zu einem Key-Perfomance-Indikator von Armee- und Polizeichefs gemacht hat. Wenn die nun in ihrem Amtsbereich Waldbrände haben, laufen sie jetzt Gefahr, ihre Posten zu verlieren. Das ist eine gute Initiative, aber sie schließt nicht die Gouverneure und lokalen Regierungschefs ein, weil diese nicht durch die Zentralregierung eingesetzt oder entlassen werden können.

Zu weiteren Maßnahmen, die Jokowi ergriffen hat, gehört auch die Zusammenlegung des Umwelt und Forstministeriums. Dies war mit der Annahme verbunden, dass Umwelt-Angelegenheiten dann auch bei den Forstbehörden einen höheren Stellenwert bekommen. Aber ich denke, dadurch, dass das Forstministerium die stärkere Behörde ist, kam es eher dazu, dass die Umweltangelegenheiten innerhalb des neu zusammengelegten Ministeriums in den Hintergrund gedrängt wurden.

Darüber hinaus hat Jokowi das Moratorium auf die Vergabe von neuen Konzessionen für Ölpalmplantagen dauerhaft verlängert. Das ist ein sehr wichtiger Schritt, wenn er richtig implementiert wird. Aber Präsidialverordnungen bleiben von begrenzter Wirkung, solange sie im Parlament nicht durch Gesetzte verankert werden. Das Moratorium anzukündigen heißt noch nicht automatisch, dass es auch umgesetzt werden wird.

Schließt das Moratorium auch Konzessionen ein, die bereits vergeben wurden?

Das ist ein weiteres Problem dabei, das ist eines der Schlupflöcher. Konzessionen, die bereits vergeben wurden, sind – soweit ich weiß – nicht mit eingeschlossen. Ganzheitlich betrachtet hat Jokowi im Vergleich zu vorherigen Präsidenten zwar bis jetzt am meisten Einsatz gezeigt, aber sein Einfluss auf der lokalen Ebene ist einfach begrenzt. Was noch dazu kommt ist, dass es sich um ein saisonales Problem handelt, das kommt und dann wieder verschwindet.

Wenn es brennt, dann richtet sich alle Aufmerksamkeit darauf, aber wenn die Feuer abgeklungen sind, tritt das Thema wieder in den Hintergrund. Das Budget der Peatland Restoration Agency wurde beispielsweise nach einigen Jahren wieder zusammengestrichen, weil die Feuer in den Jahren zwischen den El Niños nicht mehr so schlimm waren. Kontinuität ist aber sehr wichtig, wenn es um die Bekämpfung der Brandursachen geht. Denn Prävention ist am allerwichtigsten. Wenn die Feuer bereits da sind, dann ist es zu spät, sie zu kontrollieren.

In Europa wird in der Öffentlichkeit darüber diskutiert, ob ein Boykott von Palmöl helfen kann, die Expansion von Plantagen und damit auch die Waldbrände zu stoppen. Die Europäische Union hat vor diesem Hintergrund entschieden, Palmöl aus dem Förderprogramm für Biodiesel auszuschließen. Ist das der richtige Weg?

Ich halte das für keine gute Idee. Ich denke, Palmöl aus dem Agrartreibstoffprogramm auszuschließen, verbreitet das Bild, dass Palmöl grundsätzlich nicht nachhaltig ist. Darin sehe ich ein Problem. Nicht jede Form von Palmöl ist schlecht. Indem man den Markt einfach blockiert, unterbindet man auch die Nachfrage nach nachhaltigem Palmöl.

Der Roundtable on Sustainable Palm Oil (RSPO) hat große Probleme, Absatzmärkte für sein zertifiziertes Palmöl zu finden. Unternehmen, die nachhaltiges Palmöl produzieren, können es nicht zu einem Premiumpreis verkaufen, weil es keinen Markt dafür gibt. Dadurch, dass die EU den Markt blockiert, verschärft sie die Situation für diese Unternehmen, die bereits Aufwand betrieben haben, um nachhaltiger zu werden.

Aber das Argument ist doch, dass Agrartreibstoffe die Nachfrage nach Palmöl weiter nach oben treiben und damit immer auch zu einer Expansion der Plantagen führen.

Das stimmt, aber der Punkt ist doch, dass Biodiesel so oder so produziert und genutzt wird, ob mit oder ohne Palmöl. Und wenn man Palmöl verbietet, muss man es durch ein anderes Öl ersetzen. Andere Pflanzenöle sind aber weniger effizient, das heißt, sie verbrauchen mehr Fläche. Das heißt, man triggert damit die Abholzung von Wald an einem anderen Ort, möglicherweise in einem noch größeren Ausmaß, zum Beispiel mit Soja oder Raps. Wenn es stattdessen eine größere Nachfrage nach nachhaltigem Palmöl für Biodiesel gäbe, könnte man der Industrie Anreize setzen, sich nachhaltiger zu verhalten.

Was verstehst du denn unter nachhaltigem Palmöl? Auch zertifizierte Palmölplantagen sind bekannt dafür, große Mengen Pestizide und Kunstdünger einzusetzen, was auf lange Sicht unter anderem die Böden übersäuern kann.

Wenn man viele Chemikalien und Kunstdünger benutzt, ist das natürlich nicht sehr nachhaltig. Die Palmölindustrie wendet immer noch Praktiken an, die überhaupt nicht nachhaltig sind, und eine davon ist die Trockenlegung und Bebauung von Torfgebieten. Aber wenn man sich an nachhaltige Anbaumethoden hält, verursachen Palmölplantagen weniger Probleme.

Dabei geht es darum, weniger Chemikalien einzusetzen und vorteilhafte Züchtungen zu benutzen. Anstatt Chemikalien zu nutzen, sollte man sich auf hochwertige Palmen konzentrieren, die gute Samen produzieren. Anstatt zu expandieren, sollte man intensivieren. Man konzentriert sich auf die Plantagen, die man schon hat und produziert mehr Ertrag und bessere Qualität, anstatt permanent neues Land zu roden.

Ich glaube, es ist möglich, Palmöl nachhaltig zu produzieren. Und meine Aufgabe als Wissenschaftlerin ist es, bestimmte Praktiken, die ich für nicht nachhaltig, sondern schädlich halte, offen zu legen und ihre politischen und ökonomischen Hintergründe zu diskutieren. Letztlich müssen wir gegen diese Praktiken vorgehen, um eine nachhaltigere Industrie zu schaffen. Denn für uns, in diesem Teil der Welt, ist Palmöl sehr wichtig, es ist ein wichtiger Wirtschaftsfaktor, der auch Entwicklung ermöglicht.

Wenn du von Intensivierung sprichst, kann das nicht auch einen weniger nachhaltigen Effekt haben, wenn man die Erträge durch immer höheren Einsatz von Agrarchemikalien steigert?

Ja, wenn man immer mehr Kunstdünger benutzt, kann das nicht nachhaltig sein. Aber es gibt auch andere Wege. In Malaysia haben wir eine Regierungsbehörde, die daran forscht, wie man Palmöl nachhaltig anbauen kann. Beispielweise pflanzen sie kleine Kletterpflanzen zwischen den Palmen an, die den Boden mit Nährstoffen versorgen. Dadurch lässt sich Kunstdünger vermeiden.

In Europa sind viele sehr skeptisch gegenüber dem RSPO, weil es so viele Fälle gab, in denen Palmölunternehmen die Standards verletzt haben und nicht suspendiert oder innerhalb des Systems sanktioniert wurden. Hat der RSPO nicht ein Problem damit, seine Standards, die auf der internationalen Ebene beschlossen wurden, auf der lokalen Ebene durchzusetzen?

Ich kann verstehen, dass es Skepsis gibt – der RSPO ist kein perfektes System. Aber ich denke, er ist als Ausgangspunkt gut genug. Der RSPO erneuert seine Regulierungen und Standards immer wieder, das ist ein Prozess. Ich hoffe, dass er sich noch verbessern wird und in der Zukunft dann auch von mehr Ländern akzeptiert wird.

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1 | 2018, Indonesien,
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Kahlschlag mit Hilfe von „Schattenunternehmen“

Südostasien/Philippinen: Obwohl die Region stark von den Folgen des Klimawandels betroffen ist, sind Vertreter*innen aus Südostasien in internationalen Klima-Gremien kaum präsent. Um Ursachen des Klimawandels zu bekämpfen und seine Folgen abzumildern, ist sektorübergreifende Kooperation von lokaler bis internationaler Ebene unerlässlich.

Während als Auswirkungen des Klimawandels in Südostasien vor allem starken Taifune und Überschwemmungen bekannt sind, haben auch die so genannten slow onset events (SOE) gravierende Folgen. Zu den SOEs zählen unter anderem der Anstieg des Meeresspiegels, steigende Temperaturen, Versauerung der Meere, Rückgang der Gletscher, Versalzung, Entwaldung, Verlust der Artenvielfalt und Wüstenbildung. Die schleichende Entwicklung von SOEs macht sie manchmal für das Klimaregime unsichtbar. Ihre direkte Zuschreibung zum anthropogenen Klimawandel ist nicht immer leicht zu ermitteln.

Politiker*innen handeln nicht mit der gebotenen Dringlichkeit

Die Kluft zwischen der Dringlichkeit der Wissenschaft und dem Handeln der führenden Politiker*innen der Welt ist in den letzten Jahren größer geworden. Während der Pariser Klimagespräche 2015 beauftragten die Länder den Zwischenstaatlichen Ausschuss für Klimaänderungen (IPCC) mit der Erstellung von Berichten über die Erwärmungsschwelle von 1,5 Grad Celsius. Bei den letzten beiden großen Klimakonferenzen der Vereinten Nationen in Kattowitz und Madrid kam es jedoch zu Unstimmigkeiten zwischen den Ländern darüber, wie diese Berichte anerkannt und umgesetzt werden sollten. Beide Konferenzen endeten daraufhin damit, dass die Teilnehmenden diese Entwicklungen – eigentlich ein Weckruf für politische Entscheidungsträger*innen weltweit – lediglich „anerkannten“, ohne sich auf konkrete gemeinsame Maßnahmen zu einigen.

Südostasien (SOA), eine Region, die sehr anfällig für die Auswirkungen des Klimawandels ist, hat keinen eigenen Verhandlungsblock in den UN-Klimaverhandlungen. Die Association of Southeast Asian Nations (ASEAN) veröffentlicht jedoch häufig gemeinsame Erklärungen zum Klimawandel, um ihre Verpflichtungen gegenüber der United Nations Framework Convention on Climate Change (UNFCCC) zu bekräftigen und Pläne zur Eindämmung und Anpassung aufzuzählen. Obwohl die ASEAN keine gemeinsame Verhandlungsposition hat, sind einige ihrer einzelnen Mitgliedsländer wie Kambodscha, die Philippinen und Vietnam Teil des Climate Vulnerable Forum (CVF), einer Partnerschaft von 48 Ländern des Globalen Südens, die den Aufruf zur Verankerung der 1,5-Grad-Celsius-Schwelle im Pariser Abkommen und zur Beauftragung der IPCC-Sonderberichte ausgelöst hat.

Obwohl das CVF kein formeller Verhandlungsblock ist, bietet diese Kooperationsplattform den Mitgliedsländern die Möglichkeit, sich auf gemeinsame Prinzipien zur Klimapolitik und -finanzierung zu einigen, die die Länder in die UN-Verhandlungen einbringen können. Die Staaten der Region bringen sich also auf verschiedenen Ebenen ein. Wie stark sie dies tun, hängt jedoch von der eigenen Regierung ab. Das Engagement multisektoraler Vertreter*innen südostasiatischer Länder im CVF ist ein Beispiel für eine starke sektorübergreifende Allianz und eine Plattform für die sektorübergreifende Zusammenarbeit auf internationaler Ebene.

Multi-Akteurs-Partnerschaften im Kampf gegen den Klimawandel

Mehrere Begriffe beschreiben sektorübergreifende Zusammenarbeit, so zum Beispiel Multi-Akteurs-Partnerschaften (MAP). Diese können als ein kooperativer Prozess definiert werden, an dem verschiedene Akteure beteiligt sind, die gemeinsam komplexe Probleme angehen. Oft werden MAPs von zivilgesellschaftlichen Akteuren initiiert und eher mit gemeinnütziger Arbeit verbunden, die auf die Durchführung von Projekten vor Ort ausgerichtet ist.

Video: ‘What are Multi Actor Partnerships’ c/o Germanwatch:

Der Begriff ‚transdisziplinär’ beschreibt Ansätze zur Bewältigung von Herausforderungen oder bezieht sich auf die Zusammensetzung von Teams. Transdisziplinarität wird als ‚echter Modus der Nachhaltigkeitsforschung’ angesehen, bei dem gemeinsame Lernprozesse zwischen Wissenschaft und Gesellschaft stattfinden. Transdisziplinäre Ansätze nehmen, ähnlich wie MAPs, das Beste aus verschiedenen fachlichen Welten und nutzen deren vielfältige Expertise, um Lösungen für Nachhaltigkeitsprobleme wie den Klimawandel zu erarbeiten. Mittels der Stärken von Transdisziplinarität und MAPs könnten die Auswirkungen des Klimawandels, insbesondere die von SOEs verringert werden.

Südostasien: Stark betroffen, aber in globalen Klima-Gremien unterrepräsentiert

Die Auseinandersetzung mit SOEs auf regionaler Ebene könnte auf einer kollaborativen Plattform geschehen. Diese könnte eine Form von MAP sein und Expert*innen und Akteure aus der Praxis einbeziehen. Die Land- und Forstwirtschaft und die Artenvielfalt sind die am stärksten vom Klimawandel in Südostasien betroffene Bereiche. Ohne Anpassung (Adaption) und Abmilderung (Mitigation) würden die klimatischen Auswirkungen zu großen Verlusten an landwirtschaftlichen Erträgen und biologischer Vielfalt in den Tropen und den maritimen Ökosystemen wie dem Korallendreieck führen. Die Asian Climate Experts, ein Netzwerk aus Wissenschaftler*innen aus Indonesien, den Philippinen, Vietnam und Thailand, verweisen ständig auf die gering ausfallende Repräsentation von südostasiatischen Wissenschaftler*innen auf dem globalem Parkett.

Die IPCC-Berichte basieren zwar auf fachlich begutachteter Forschung, jedoch fehlt es an Einsichten und Einfluss von südostasiatischer Seite. Die Einbeziehung von Expert*innen aus der Region in einen gemeinsamen Diskurs ist ein dringend notwendiger Schritt, um die Stimmen Südostasiens in internationalen Diskussionen über den Klimawandel sichtbar zu machen. Während auf regionaler Ebene noch viel zu tun ist, sind Initiativen auf Länderebene immer noch der Schlüssel zur Förderung der Forschung auf lokaler und kommunaler Ebene.

Adaption und Mitigation in den Philippinen

Die Philippinen stehen laut Global Climate Risk Index 2019 von Germanwatch an vierter Stelle unter den Ländern, die von 1998 bis 2018 von langfristigen Klimarisiken betroffen sind. Die Klimapolitik auf den Philippinen, wie z.B. das Klimaschutzgesetz von 2009, das durch den People’s Survival Fund geändert wurde, setzt nicht nur Schwerpunkte für Anpassungs- und Minderungsstrategien, sondern förderte auch Partnerschaften zwischen Regierungsbehörden, dem privaten und nichtstaatlichen Sektor und der Wissenschaft.

Die östliche Visayas-Region der Philippinen, eines der Gebiete, das 2013 vom Taifun Haiyan verwüstet wurde, ist ein gutes Beispiel für Multi-Akteurs-Partnerschaften. Im Jahr 2016 wurde der Entwicklungsplan für die Region der östlichen Visayas vom regionalen Entwicklungsrat genehmigt. Dieser Plan befasst sich mit Katastrophen- und Klimarisiken und stellte erfolgreich umfassende Pläne zum Umgang mit SOEs zusammen. Dies geschah in einem mehrstufigen Prozess, der von der Zivilgesellschaft angeführt wurde.

Der erste Schritt bestand darin, das politische Gremium der Provinz dazu zu bewegen, die Klimagrundsätze ihres Entwicklungsplans zu stärken. Eine politische Empfehlung, die sich herauskristallisierte, ist die Gewährleistung eines eigenen Budgets für die Forschung über SOEs in lokalen akademischen Einrichtungen. Ziel dieser Forschung ist es, einen Leitfaden für die sektorübergreifende Planung der Anpassung an den Klimawandel und der Abschwächung seiner Folgen zu entwickeln. Im Idealfall sollten die auf subnationaler Ebene entwickelten Strategien mit den Strategien auf lokaler Ebene einhergehen. Aber auch auf lokaler Ebene entstehen unabhängig von einem verbesserten subnationalen Plan bemerkenswerte, proaktive Klimaschutzmaßnahmen.

Lokale Klimaschutzpläne und Forschungskooperationen

Guiuan in den östlichen Visayas, war der Ort, wo der Taifun Haiyan als erstes auf Land getroffen ist. Guiuan liegt an der südöstlichsten Spitze der Insel Samar und verfügt über eine vielfältige Meeresflora und –fauna. Diese ist sowohl durch SOEs als auch durch extreme Wetterereignisse gefährdet. Nach dem Taifun Haiyan bildete die Lokalregierung die Guiuan Recovery and Sustainable Development Group for Resilience, um die Gemeinde beim Ausbau ihrer Widerstandsfähigkeit zu stärken. Die Gruppe diente als MAP-Plattform für die Anpassungsstrategien Guiuans an den Klimawandel.

Es wurden mehrere Risiko- und Verwundbarkeitsbewertungen und Übungen durchgeführt, um sicherzustellen, dass die Schaffung eines starken Klimaschutzplans, der übersichtlich und umsetzbar ist, gewährleistet ist. Die Kommunalverwaltungen haben dabei den Auftrag, einen lokalen Aktionsplan gegen den Klimawandel zu erstellen. Guiuan ging über dieses Mandat hinaus und entwickelte einen Aktionsrahmen für den Klimawandel. Dieser Aktionsrahmen bietet einen forschungsorientierten Planungsmechanismus mit einem 10-jährigen Anpassungsrahmen und dreijährigen Umsetzungsplänen.

Jüngste Studien, insbesondere in der östlichen Visayas-Region, weisen darauf hin, dass SOEs sogar schneller als die prognostizierten Klimatrends auftreten. Trotz Bemühungen wie der Anpassungsstrategie Guiuans an den Klimawandel sind also weiterhin Aktionspläne nötig. Philippinische Wissenschaftler*innen betonen, dass dafür kontinuierlich weitere Studien durchgeführt werden sollten. Um die Entwicklung in Guiuan weiter zu stärken, wurde die Expertise einer lokalen Universität, der Visayas State University, hinzugezogen, um Forschungsarbeiten, z.B. zur Versauerung der Ozeane durchzuführen.

Die Universität schulte dabei auch Gemeindemitglieder in der Datenerfassung vor Ort. Die Forschungsarbeiten liefern politische Empfehlungen, die die Kommunalverwaltung von Guiuan in die Entwicklungspläne der Gemeinde und die Umsetzung der Klimaanpassung einbezog. Dies führte zu einer anpassungsfähigen und sich ständig weiterentwickelnden Klimabilanz der Gemeinde.

Neben diesen Akteuren sind die NGOs Institute for Climate and Sustainable Cities (ICSC) und CORDAID in Guiuan aktiv. Diese vereinbarten eine Zusammenarbeit aufgrund des gemeinsamen Ansatzes bei der Stärkung lokaler Ansätze für integriertes Risikomanagement und der Planung der Anpassung an den Klimawandel durch ihre Partner-Lokalverwaltungseinheiten und Gemeindeorganisationen.

Das Erreichen einer funktionierenden Strategie zur Anpassung an den Klimawandel bei SOEs ist keine einmalige Sache, sondern ständige Kommunikation, die auf Partnerschaften mit diversen Akteuren aufbaut. Die Stadtverwaltung von Guiuan war bestrebt eine transdisziplinäre Klimapolitik zu entwickeln und umzusetzen, die aus jahrelangem Lernen mit ihren Partnern hervorgegangen ist. Erfolgreiche Klimamaßnahmen auf Gemeindeebene könnten sicherlich einen Dominoeffekt auslösen, der den Erfolg politischer Reformen auf lokaler und nationaler Ebene auslösen würde. Ihre Erfolge und Erfahrungen auf dieser Basis könnten die Philippinen wiederum in internationale Plattformen einbringen.

Übersetzung aus dem Englischen von: Kathrin Spenna

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1 | 2018, Indonesien,
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Kahlschlag mit Hilfe von „Schattenunternehmen“

Die Philippinen sind eines der Länder, die am stärksten von der Klimakrise betroffen sind. Sechs Jahre nach dem Super-Taifun Yolanda leben noch immer Tausende Menschen in provisorischen Behausungen. Der Wiederaufbau dient großen Unternehmen, die aus der Notsituation der Menschen Nutzen schlagen.

Trotz wachsenden Bewusstseins für die Klimaproblematik haben sich die Zustände in den Staaten, die am stärksten von den Auswirkungen des Klimawandels betroffen sind, nicht wesentlich verbessert. Auch die Philippinen zählen zu den am härtesten betroffenen Ländern. Jedes Jahr ziehen rund 19 Taifune durch den Inselstaat. Die Zerstörungen, die vor allem Super-Taifun Yolanda (international bekannt als Haiyan) im November 2013 auf den Philippinen hinterlassen hatte, zeigen die Realität einer verfehlten globalen Klimapolitik und nationalen Sozialpolitik. Yolanda hat nicht nur über 6.000 Filipin@s das Leben gekostet, sondern auch rund vier Millionen Menschen obdachlos gemacht. Wiederaufbauprogramme unterstützten Betroffene beim Bau neuer Häuser und neuer Lebensperspektiven.

Eine der größten Herausforderungen ist dabei die Umsetzung des staatlich geleiteten Programms zum Wiederaufbau von Häusern. Tausende Taifun-Betroffene leben heute noch in provisorischen Behausungen oder Zeltlagern. Im Jahre 2016, sechs Jahre nach Yolanda, hat die zuständige National Housing Authority (NHA) im Rahmen des Programms Reconstruction Assistance on Yolanda (RAY) nur 50% der geplanten 205.128 Häuser fertiggestellt und auch diese in nur mangelhafter Qualität.

Landraub statt staatlicher Hilfe

Darüber hinaus wurden zahlreiche Überlebende vom staatlichen Wiederaufbauprogramm ausgeschlossen. Auf der Suche nach Land für die Umsiedlung der Taifun-Überlebenden aus den unsicheren Küstenregionen hat die Regierung viele Kleinbäuer*innen in die Obdachlosigkeit gedrängt. Nach Yolanda (Haiyan) drohte ihnen aufgrund von fehlenden offiziellen Landtiteln eine Zwangsräumung. Zusätzlich wurde ihnen der Anspruch auf staatliche Unterstützungsleistungen zur Rehabilitierung ihrer Landwirtschaft verweigert.

Insbesondere Betroffene mit ungeregelten Landbesitzverhältnissen waren im Zuge von Wiederaufbauprogrammen von Landraub betroffen. Ermöglicht wurde dies vor allem durch die enge staatliche Kooperation mit Unternehmen des Privatsektors: Eine große Anzahl von Yolanda-Überlebenden wurden vom NHA-Wiederaufbauprogramm ausgeschlossen. Stattdessen konnten sich private Unternehmen des Wiederaufbaus ‚annehmen’. Unlautere finanzielle Angebote gegenüber Betroffenen sowie Gewaltandrohungen ermöglichten Landraub und Vertreibung.

Die Insel Sicogon

Ein Beispiel dafür ist die Insel Sicogon in der Provinz Iloilo. Auf der 1.163 Hektar großen Insel Sicogon arbeitet für das Wiederaufbau-Programm des ehemaligen Präsidenten Beningo Aquino III die Regierung mit Unternehmen zusammen. Eines der größten Bau- und Immobilienunternehmen, Ayala Land (kurz: Ayala), übernahm die Verantwortung für den Wiederaufbau. Allerdings zeigt die Situation heute, dass die Notsituation der Menschen dem Unternehmen zur Gewinnmaximierung in Form eines Tourismus-Projektes diente.

Zugleich hat der Umgang mit den Folgen von Yolanda einen langwierigen Landrechtsstreit mit dem privaten Unternehmen Sicogon Development Corporation (kurz SIDECO) verschärft. Im Zuge einer Joint Venture Partnerschaft von SIDECO und Ayala wurden die ungeklärten Landbesitzverhältnisse auf der Insel zu Gunsten von SIDECOs Tourismusprojekt genutzt. Die beiden Unternehmen verhinderten nach dem Taifun Yolanda, dass humanitäre Leistungen wie Baumaterial und Nahrung die Insel erreichten.

Ayala und SIDECO boten den Taifun-Betroffenen nach einem Monat lediglich zwei Optionen an: Entweder nehmen sie eine einmalige Zahlung von 150.000 Pesos (ca. 2.628 Euro) an, verlassen die Insel unverzüglich und kehren nie wieder zurück, oder sie erhalten 5.000 Pesos (ca. 88 Euro) und siedeln auf das Festland um, sobald Ersatzhäuser fertig gestellt würden. Aus Not nahmen über 200 Familien das unfaire Angebot an. Trotz der Notsituation lehnten 784 Familien der lokalen Federation of Sicogon Island Farmers and Fisherfolks Association (FESIFFA) die Angebote der zwei Unternehmen ab.

Sicogons sauberes Quellwasser, fruchtbares Ackerland und reiche Fischgründe bieten den rund 6.000 Inselbewohner*innen der drei Dörfer die notwendige Grundlage für den Erhalt ihrer Subsistenz-Wirtschaft. Der Erwerb von Landtitel(n) ist essenziell, um ihr Recht auf Nahrung, Wasser und Behausung auch weiterhin ausüben zu können. Schon 1919 hat der Oberste Gerichtshof den Sicogoner*innen genügend Platz für ihre Gemeinschaft, i.e. Plaza, Schule, Friedhof und Straßen, zugesprochen. Dies stellte die Grundbedingung für den ehemaligen Landbesitzer dar, den Landtitel für 809 Hektar Land (70% der Insel) erwerben zu können. Doch bis heute wurde der Bescheid von der Regierung sowie von den Unternehmen ignoriert.

Kampf um Landrechte

Anfang der 1980er Jahre wurde dieser Landtitel auf die wohlhabende Sarroza-Familie übertragen. Ihr Versuch durch das Familien-Unternehmen SIDECO, Sicogon in ein beliebtes Tourismusziel zu verwandeln, blieb allerdings erfolglos. Im Zuge der nationalen Landreform von 1988, ließ die zuständige Behörde für Agrarreform rund 335 Hektar von SIDECOs Land als Agrarland ausweisen, welches ab dem Jahre 2004 auf 256 begünstigte Bäuer*innen aufgeteilt werden sollte.

Seit 2004 hat FESIFFA insgesamt vier Mal eine gemeinschaftliche Bewirtschaftung des öffentlichen Waldes (282 Hektar) beantragt. Die ersten drei Anträge von FESIFFA wurden ignoriert. Der Regierungsbeschluss über den letzten Antrag vom September 2019 steht noch aus. Mit dem Einfordern ihrer Landrechte begannen bereits in den 1990er Jahren die Schikanen durch die Sarroza-Familie und ihr Unternehmen, SIDECO. Die Menschenrechtsverletzungen durch das SIDECO-Personal wurden nie strafrechtlich verfolgt.

Gemeinschaftsland in Kapitalistenhand

Die Auswirkungen des verfehlten Taifun-Wiederaufbaus erschwerten FESIFFAs jahrelangen Kampf um die Sicherung ihrer Lebensgrundlage. Durch Ayala erhielt SIDECO die notwendigen finanziellen Mittel und den politischen Einfluss, Sicogon zu einem Paradies für reiche Tourist*innen zu machen. Anstatt den Wiederaufbau gemäß der Vereinbarung zügig voranzutreiben, konzentrierten sich Ayala und SIDECO auf den Ausbau ihres Tourismusprojektes. Ayala und SIDECO beteuern, dass bereits drei Hektar mit 50 Häusern bebaut und erste Gelder für Berufstrainings aufgewendet wurden.

FESIFFA versichert hingegen, dass bisher nichts dergleichen mit ihrem Einverständnis geschah. Heute operieren bereits zwei Hotelanlagen. Wo früher Reisfelder waren, entstand ein Flughafen. Der Antrag der zwei Unternehmen auf Landumwidmung der knapp 335 Hektar Agrarland wurde von der Behörde für Agrarreform schon im Februar 2016 genehmigt. Aufgrund der unerfüllten Vereinbarung, reichte FESIFFA im August 2017 einen Widerrufungsantrag ein. Dieser wurde aber im Oktober 2019 von der Regierung abgelehnt.

Noch im März 2019 stellte der Sekretär der nationalen Behörde für Agrarreform auf Drängen von FESIFFA einen Bescheid (Cease and Desist Order) aus , private landowner, der einen vorübergehenden Baustopp für Sicogon veranlasste, bis der Landrechtsdisput geregelt ist. Ebenfalls im März 2019 verklagte FESIFFA acht Regierungsbeamt*innen des Department of Environment and Natural Ressources wegen Korruption und Bestechung.

Denn anstatt den Sicogoner*innen ihre Nutzungsrechte für öffentliches Land zu gewähren, stellte die Behörde im Jahre 2010 Nutzungsrechtszertifikate für öffentliche Landparzellen an Personen aus, denen enge Verbindungen zu Ayala und SIDECO nachgesagt werden. Diese hatten jedoch weder einen festen Wohnsitz auf Sicogon, noch konnten sie einen Besitz von mindestens 30 Jahren auf der Insel nachweisen, was eine Bedingung zum Erwerb der Zertifikate ist. Drei Jahre nachdem die Zertifikate ausgestellt wurden, gab die Umweltbehörde zu, dass diese aufgrund von fehlerhaften Landkarten unrechtmäßig waren. Auf Drängen von FESIFFA leitete die Behörde im Juni 2019 eine Untersuchung der Unregelmäßigkeiten ein. Seither wartet FESIFFA auf einen Bericht.

Unternehmensinteressen bedrohen Recht auf Wasser

Die Sicogoner*innen stellen sich nicht grundsätzlich gegen Tourismus, jedoch gegen einen Tourismus, der ihre Rechte bedroht. Zugang zu Landbesitz ist essenziell für das Recht auf Nahrung der ländlichen Bevölkerung. Die Regierung hat ihre Pflicht versäumt, gemäß dem Internationalen Pakt über wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte (WSK), das Recht auf Nahrung der Sicogoner*innen durch eine rasche Umverteilung von privatem und öffentlichen Landbesitzes zu sichern.

Auch das Recht auf Wasser der Sicogoner*innen ist bedroht. Anfang 2019 ließen Ayala und SIDECO trotz fehlender Genehmigung die einzige Trinkwasserquelle im öffentlichen Waldanteil für ihre Hotelanlagen umleiten. Anstatt die Inselbewohner*innen nach dem Taifun Yolanda mit der notwendigen humanitären Hilfe zu versorgen, wurde den Unternehmen der Wiederaufbau und das (Un-)Wohl der Bevölkerung überlassen.

Indessen wurde durch den Taifun Ursula Ende Dezember 2019 auch Sicogon wieder stark verwüstet. Über 1.000 Häuser sowie zahlreiche Fischerboote und Obstbäume wurden zerstört. Insbesondere der durch Ayala vorangetriebene Straßenausbau, der den natürlichen Wasserpfad blockiert, dürfte massiv zu Erdrutschungen und folglich zu den Zerstörungen der Häuser beigetragen haben. Genau wie vor sechs Jahren übernahm nicht der Staat, sondern Ayala die Verantwortung für Nothilfeleistungen an die betroffenen Inselbewohner*innen. Das Unternehmen bot an, zwei Millionen Pesos für den Wiederaufbau zu spenden. FESIFFA lehnte ab und forderte die Unterstützung der verantwortlichen Regierungsbehörde.

Klimagerechtigkeit heißt: Gemeinwohl statt Profitmaximierung

Trotz des täglichen Alptraums kämpfen die Inselbewohner*innen weiter für soziale Gerechtigkeit und dafür, auf Sicogon zu bleiben. Landraub ist ein politisches Problem, getrieben von ökonomischen Interessen. In einem Land, wo das Vertrauen in einen unabhängigen Rechtsstaat gering ausfällt und wo mit Geld politische Entscheidungen beeinflusst werden, hat ein millionenschwerer Immobilienriese wie Ayala leichtes Spiel, die Bewohner*innen einer kleinen Insel zu unterdrücken und zu manipulieren.

Problematisch ist vor allem, dass auf den Philippinen in vielen Fällen ökonomische und politische Eliten identisch sind und dass diese Eliten einen großen und wichtigen Teil der Medienkanäle besitzen. Auch wenn Pressefreiheit auf den Philippinen gesetzlich festgeschrieben ist, so leben Journalist*innen gefährlich, wenn ihre Berichte den Interessen der Eliten widersprechen. Unter diesen Umständen ist es für marginalisierte Bevölkerungsgruppen äußerst schwierig, sich medial Gehör zu verschaffen.

Der Klimawandel und seine Folgen sind ein globales Problem, von dem alle Menschen betroffen sind. Weltweit nehmen Extremwetterereignisse zu, nicht nur in den Ländern des Globalen Südens, sondern auch in Industriestaaten. Es braucht ein stärkeres globales Verantwortungsbewusstsein sowie einen konkreten Handlungswillen auf Seiten der Regierungen und des Privatsektors. Auf lokaler Ebene ist ebenfalls ein starker politischer Wille notwendig, der sich in den Dienst des Gemeinwohls stellt, statt der Profitmaximierung zu frönen.

Die Schwierigkeiten, die sich im Wiederaufbau nach dem Taifun Yolanda gezeigt haben, verdeutlichen, wie unvorbereitet Regierungen auf zukünftige Klimakatastrophen sind. Eine Grundvoraussetzung für klimaresiliente Lebensgrundlagen ist, dass Land- und Siedlungsrechte gesichert werden. Letztlich sollten die Menschen, die von der Klimakrise am meisten betroffenen sind, stärker in die politischen Diskussionen einbezogen werden.

Dieser Artikel ist eine redaktionell bearbeitete und gekürzte Fassung des im Februar 2020 in der Reihe Blickwechsel des Asienhauses erschienen Artikels.

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1 | 2018, Indonesien,
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Kahlschlag mit Hilfe von „Schattenunternehmen“

Südostasien: Das „Routledge Handbook of Climate Justice“ ist eine reichhaltige Wissenssammlung. Es macht deutlich, dass Klimagerechtigkeit nicht an Landesgrenzen aufhören darf und auch nicht an gesellschaftlichen Grenzen. Um eine breite Leserschaft zu erreichen, ist das Buch aber leider zu teuer.

Ein Buch mit über 500 Seiten kann vieles. Es kann Briefe beschweren und den eigenen Kopf. Es kann Insekten erschlagen, genauso wie die Leser*innen. Es kann das Bücherregal bereichern und das eigene Wissen. Dem Handbuch zur Klimagerechtigkeit des Routledge -Verlags gelingt vor allem letzteres: Es bereichert das Wissen. Das Buch führt in den Diskurs der Klimagerechtigkeit ein und erklärt vielschichtig, wie die Klimakrise mit lokalen und globalen Fragen sozialer Gerechtigkeit verknüpft ist.

Nach einer Einführung in die bislang relativ kurze Geschichte des Diskurses sowie der Grundlagen der theoretischen Debatten setzen die Herausgebenden thematische Schwerpunkte, wie zum Beispiel Finanzen & Unternehmen, urbane Räume und Gender. Schon anhand der Schwerpunkte wird deutlich, dass Klimagerechtigkeit nicht nur über Landesgrenzen sondern auch über gesellschaftliche Grenzen hinweg gedacht wird. Sie ist ein Ansatz für alle, der genug Spielraum lässt, die grundlegenden Ideen auf den eigenen Lebens- und Arbeitskontext anzupassen.

Klimagerechtigkeit in Südostasien

Das Buch bietet Fallbeispiele aus fast allen Regionen der Welt. Zu Südostasien gibt es drei Beiträge. Anna Fünfgeld diskutiert die Gerechtigkeit im indonesischen Energiesektor. Sie stellt grundlegende Fragen zu politisch-ökonomischen Systemen, die hinter fehlender Gerechtigkeit in der Energieversorgung stecken und erklärt an Beispielen, wie ländliche Gemeinschaften in Indonesien sowohl bei der Energieerzeugung als auch beim Zugang zu Energie benachteiligt werden.

Roa Petra Crease, Meg Parsons und Karen Toni Fisher besprechen in ihrem Beitrag, wie die Geschlechter- und Klimagerechtigkeit sich in Projekten zur Anpassung an den Klimawandel auf den Philippinen überschneiden. Es geht zum Beispiel um Projekte von internationalen Hilfsorganisationen und der philippinischen Regierung in der Stadt San Fernando. Dort kämpfen marginalisierte Gruppen mit Wetterextremen, die sich durch die Klimakrise verstärken. Frauen sind davon besonders stark betroffen, da sie unter Mangelernährung leiden.

Die Autorinnen kritisieren, dass die vermeintlichen Lösungsansätze zur Anpassung an den Klimawandel gerade diese Frauen noch weiter gefährden. In den Projekten werden Frauen ausschließlich als Versorgerinnen und als verletzlich gesehen. Das sei gefährlich, so die Autor*innen, weil auf diese Weise die Rolle von Frauen als Wissensquelle, zum Beispiel in der Landwirtschaft, übersehen wird. Außerdem werden vorhandene Machtstrukturen verstärkt, indem mit ihnen gearbeitet und auf sie aufgebaut wird.

Frauen aktiv beteiligen

In einem anderen Beitrag analysieren So-Young Lee und Eric Zusman aus einer Geschlechterperspektive einige Maßnahmen zur Abschwächung der Folgen des Klimawandels und der partizipativen Klimapolitik in Südostasien. Auch sie beklagen, dass Frauen in der Problemanalyse einer Krisensituation und in der darauf aufbauenden Projektplanung oft als Opfer dargestellt werden. Außerdem werde bei der Implementierung von Maßnahmen übersehen, welchen aktiven Beitrag sie leisten, und wie vielfältig ihre Rollen in einer Gemeinschaft sein können. Fallstudien aus Laos, Kambodscha und Vietnam machen deutlich, wie eine Einbindung von Frauen in diese Projekte erfolgreich sein kann.

In Kambodscha werden Frauen zum Beispiel in die Herstellung und den Verkauf von nachhaltigen Kochern eingebunden, sowie auch in deren Integrierung in die nationale Strategie zur nachhaltigen Energiegewinnung. Sie sind nicht als Zielgruppe sondern aktiv am gesamtem Prozess beteiligt. In einem Pilotprojekt in Vietnam, das Biogasanlagen baut, werden Frauen dazu ausgebildet, sowohl die erste Anlage zu betreiben, als auch neue Mitarbeiter*innen für zukünftige Anlagen zu schulen. Im Rahmen dessen wurde der lokale Aktionsplan zu Umweltschutz und Klimawandel mit explizitem Einbezug von weiblichen Expertinnen überarbeitet.

Vielfalt an Autor*innen

Die Auswahl der Autor*innen für das Handbuch wurde mit Bedacht getroffen. Zwar sind diejenigen, die an anglophonen Universitäten des globalen Nordens arbeiten, immer noch überrepräsentiert, doch es wird ein Bemühen deutlich, Menschen mit möglichst verschiedenen Hintergründen eine Stimme zu geben – sei es Geschlecht, Herkunft oder beruflicher Status. Es sind sogar einige Beiträge von Studierenden zu lesen. Zudem gibt es Autor*innen, die nicht im akademischen Bereich arbeiten, sondern in Netzwerken oder Organisationen im Bereich Klimagerechtigkeit aktiv sind. Dadurch gelingt es dem Sammelband, nicht nur den akademischen Diskurs zu zeigen, sondern auch ein Verständnis für gelebte Klimagerechtigkeit zu vermitteln.

Eine Frage des Zugangs

Das Buch schließt mit einem Kapitel zu „Emerging Areas“. Hierbei geht es unter anderem in einem Beitrag von Sonja Klinsky um die Öffnung von Wissenschaft. Sie berichtet von ihren eigenen Erfahrungen, Forschungsmethoden neu zu denken, um eigene Vorurteile nicht von vornherein in Thesen und Forschungsfragen zu reproduzieren. Sie plädiert dafür, mehr Kooperationen einzugehen und den Menschen, die Zielgruppe von Studien sind, mehr Mitspracherecht und Raum zur eigenen Repräsentation zu geben.

Solidarische Kooperationen über Grenzen hinweg und auf Augenhöhe, das mache Klimagerechtigkeit aus, so Klinsky. Die Herausgeber haben sich bemüht, diesen Gedanken auch in der Konzeption des Sammelbandes umzusetzen – vollständig gelungen ist es ihnen allerdings nicht. Dies betrifft die Auswahl von Autor*innen aber letztendlich auch den Zugang zum Buch. Denn es ‚versteckt sich’ hinter einer Bezahlschranke von satten 123 englischen Pfund (~ 140 Euro) für die E-Book-Version bzw. 152 Pfund (~ 170 Euro) für das gedruckte Werk.

Rezension zu: Tahseen Jafry (Hg.): Routledge Handbook of Climate Justice. Routledge, 542 S., 2018.

Dieser Artikel erschien zunächst in der südostasien Ausgabe 1|2020 – „What do we want? Climate justice“ und ist Teil der südostasien – Sonderausgabe Buchmesse

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1 | 2018, Indonesien,
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Kahlschlag mit Hilfe von „Schattenunternehmen“

In Myanmar gibt es bislang wenig öffentliche Klimakommunikation und -bildung. Anastacia Howe und Nicole Tu-Maung organisieren deshalb Climate Talks (Klimagespräche). Im Interview berichten sie über ihre Ideen zur Umsetzung von Klimaschutzmaßnahmen.

Eure Organisation Conyat Create hat die Climate Talks im Januar 2019 gegründet. Was war Eure Motivation dabei?

Anastacia: Wir arbeiten viel zu Themen des Klimawandels, z.B. in der Wasser- oder Forstwirtschaft oder mit Gemeinden, um ein größeres Bewusstsein zu schaffen. Wir wollten unsere Erfahrungen an Menschen weitergeben, die im Einzugsgebiet von Yangon leben. Wir begannen, Interesse bei jungen Burmes*innen aus Yangon zu wecken. Wir alle wissen, dass Myanmar heute als das am zweithäufigsten gefährdete Land für Effekte des Klimawandels angesehen wird.

Welche Organisationen habt Ihr zuerst kontaktiert, um die Initiative in Gang zu bringen?

Anastacia: Wir wollten eine Möglichkeit für eine kostenlose Veranstaltung schaffen, bei der Menschen sich mit Expert*innen austauschen und anschließend Informationen vertiefen können, z.B. um dies später in ihren eigenen Arbeitsbereichen zu nutzen. Unser erstes Thema war der Boden.

Damit wollten wir zeigen, wie sehr verschiedene Themen miteinander verbunden sind. Wir luden das Start-Up Bokashi ein, das einen Vortrag über Kompostierung, die Bedeutung der Bodenregeneration und über sein Projekt zur Bodenrevolution hielt. Wir stellten einige Fakten über den Klimawandel und den Boden zur Verfügung.

Ich könnte mir vorstellen, dass es aufgrund der Fachsprache schwierig ist, eine gemeinsame Sprache zu finden.

Anastacia: Wir arbeiten mit studentischen Freiwilligen, die uns helfen, die Themen des Klimawandels in Alltagssprache aufzuschlüsseln, durch Videos, Vlogs oder Fotos. Das hilft, eine Grundlage zu schaffen, bevor die Leute zu den Climate Talks kommen. Intern haben wir einen Themenkalender. Wir recherchieren, wer die wichtigsten Expert*innen für diese Themen sind. Dann diskutieren wir mit unseren Freiwilligen und den Redner*innen, wie wir unser Publikum dazu bringen können, sich mit den Informationen auseinanderzusetzen.

Wir versuchen, eine Gruppenaufgabe auf Basis der von den Expert*innen vermittelten Informationen zu entwickeln. Wir hatten zum Beispiel eine Einheit über den Klimawandel und nachhaltige Städte. Am Ende stellten die beiden Moderatoren, ein Stadtplaner und ein Architekt, eine Aufgabe. Die Teilnehmenden sollten sich eine Strategie ausdenken, wie sie die Tragweite der Überschwemmungen in Yangon kommunizieren, und wie sie ein Abfall-Managementsystem verwalten würden. Wir nutzen Informationen aus unserer aktuellen Kampagne sowie aus der Präsentation, um diese Gruppenaufgabe zu bearbeiten.

Wer ist Euer Publikum?

Anastacia: Unsere Teilnehmer*innen sind jeweils zur Hälfte Expats und Menschen aus Myanmar. Sie haben ein persönliches Interesse oder arbeiten in einer Organisation, die sich mit dem Klimawandel beschäftigt. Die Expert*innen arbeiten in der Regel bei Organisationen, die sich auf Abfall-Management, Wasserkraft oder Solarenergie spezialisiert haben.

Informationen über den Klimawandel sind nicht leicht zugänglich, da sie oft in langen Berichten aufbereitet sind – auf Englisch und sehr technologieorientiert oder wissenschaftlich. Das macht es für den Durchschnittsmenschen wirklich schwer zu verstehen.

Wie kommt Ihr mit potentiellen Freiwilligen in Kontakt?

Nicole: Wir veröffentlichen Bewerbungs-Aufrufe auf unserer Facebook-Seite. Viele Menschen, die sich generell für den Klimawandel interessieren, sind bereits bei den Climate Talks angemeldet, wenn sie von diesen Aufrufen erfahren. Da wir Bewerbungen aus dem ganzen Land bekommen, interviewen wir per Skype oder Telefon.

Die Freiwilligen müssen nicht unbedingt aus Yangon kommen. Diejenigen, die von hier sind, können sich bei Organisation und Veranstaltungen jedoch mehr einbringen. Es ist aber auch großartig, dass Menschen aus anderen Teilen des Landes ihre Sichtweise zu diesen Themen teilen.

Wie schafft Ihr mit den Freiwilligen eine gemeinsame Basis für das Erstellen und Teilen der Medieninhalte?

Nicole: Die Freiwilligen treffen sich zweimal im Monat in unserem Büro und machen sich mit unserem hauptamtlichen Conyat-Team an die Arbeit. Wir sagen, „Ok, das ist das Thema des Monats“, und überlassen ihnen dann die Recherche und das Herstellen inhaltlicher Zusammenhänge. Wir helfen ihnen dabei, die Inhalte online zu stellen.

Es ist bestimmt interessant, in einer internationalen Gruppe zu arbeiten und mit Menschen aus städtischen und ländlichen Regionen zu interagieren. Inwiefern erlebt Ihr bei diesem Projekt Sprachbarrieren?

Anastacia: Wir sind ein Team von elf Personen mit nur vier ,Expats‘, mich eingeschlossen. Viele unserer Freiwilligen sind Studierende an Universitäten in Yangon oder sie arbeiten in Teilzeit an anderen Orten. An sich haben wir keine Sprachbarrieren. Zwei Projektbetreuer*innen aus Myanmar begleiten die Freiwilligen. So kann der Austausch auch auf Burmesisch stattfinden.

Nicole: Es ist Teil unserer Unternehmenskultur, dass wir verschiedene Kulturen und Sprachen respektieren. Unser Büro ist ein Open Space. Je mehr Leute sich einbringen können, desto besser kann das Ergebnis werden – vor allem, wenn man Leute mit fundierten lokalen Kenntnissen hat, aber auch Leute, die Erfahrung mit der Arbeit auf globaler Ebene haben. Durch die Freiwilligen hören wir die Stimmen der Jugend. Myanmar hat eine lange Kultur mit strengen Hierarchien hinsichtlich Alter und Geschlecht. Diese Art von Arbeitskultur bricht das auf. Das Conyat-Team selbst besteht hauptsächlich aus Frauen. Und viele der Freiwilligen sind ebenfalls Frauen.

Die Regierung Myanmars hat letztes Jahr, wie Ihr auch in Euren Veröffentlichungen erwähnt, im Rahmen der Myanmar Climate Change Policy angekündigt, dass sie die Bildung in Sachen Klimawandel verbessern wird. Wie würde Eure Initiative in die öffentliche Klimabildung passen?

Nicole: Leider geht diese Art von Veränderung des Bildungssystems eher langsam vonstatten. Es gibt eine niedrige Verbleibquote von Schüler*innen im Bereich der staatlichen Hauptschulbildung, vor allem in ländlichen Gebieten, wo Jugendliche teilweise arbeiten, um ihren Familien den Lebensunterhalt zu sichern. Die Fortsetzung der Climate Talks wird zeigen, dass wir uns nicht nur auf das öffentliche Bildungssystem verlassen können.

Anastacia: Myanmar ist ein großes Land und die Regierung hat so viel zu tun. Es gibt einfach nicht genug Organisationen, die in die Klimabildung investieren. Vieles davon ist auf Klimaschutz in Bezug auf spezielle Interessengruppen ausgerichtet. Bildung und Bewusstsein stehen oft hinten an.

Angesichts der hohen Beteiligung von Jugendlichen könnten wir die Vermittlung von Klimawissen etwa in Mandalay nutzen, um von dort aus Ortsgruppen in verschiedenen ethnischen Staaten zu gründen. Und sollte die Regierung dann später Lehrpläne für Schulen entwickeln, dann können diese Informationen sie dabei unterstützen.

Ihr möchtet eine Klimabewegung inspirieren. Steht Ihr in Kontakt mit jungen Aktivistinnen und Aktivisten, wie Aye Ko Htut oder Kyaw Ye Htet, die die Yangon-Kampagne von Fridays for Future organisiert haben?

Anastacia: Wir stehen in Kontakt, haben aber bisher keine Gespräche über eine Zusammenarbeit geführt. Ich unterstütze den Aktivismus und die friedlichen Proteste in der Stadt, die sie anführen, voll und ganz. Unsere Klimabewegung ist etwas anders. Wir bringen Leute zusammen, um über den Klimawandel zu sprechen und geben den Menschen die Instrumente an die Hand, die sie brauchen, um etwas zu verändern. Ich denke, dass sich unsere Bewegungen unterscheiden, aber auch ergänzen.

Nicole: Zum Beispiel werden wir 2020 studentischen Aktivist*innen in einer Einheit eine Plattform geben, um über ihre Rolle in der Klimabewegung zu sprechen. Es gibt es also ein gewisses Potential, die beiden Arten von Klima-Aktivismus zu verbinden.

Im Oktober und November 2019 habt Ihr Euch auf nachhaltige Städte und nachhaltigen Tourismus fokussiert. Wie kann eine Organisation den Klimaschutz vertreten aber auch mit den Herausforderungen des Reisens umgehen, besonders wenn man um das Fliegen nicht herumkommt?

Anastacia: Hm (überlegt). Das ist schwierig in Myanmar, nicht nur für uns. Das Land ist ziemlich groß. Der Zugang zu einigen Gebieten ist nicht immer gegeben, die Straßeninfrastruktur nicht immer vorhanden. So bleibt vielen Organisationen nur das Fliegen. Was uns in Myanmar fehlt, ist das Gespräch darüber, wie man den eigenen CO2-Fußabdruck kompensieren kann, z.B. durch die Regeneration der Mangroven. Der private Sektor ist außen vor, wenn es um Klimaresistenz und -anpassung geht.

Für Unternehmen gibt es kein gutes Weiterbildungsangebot, z.B. wie man den Fußabdruck messen kann, geschweige denn, wie man in dieser Hinsicht etwas zurückgeben oder Resilienz-Strategien erarbeiten kann. Ich glaube, das alles entwickelt sich langsam, sehr langsam, und wenn die Regierung ein bisschen mehr Politik zum Klimawandel macht, sehen wir wahrscheinlich ein bisschen mehr Bewegung. Es ist eine Gelegenheit für Conyat, dieses Jahr darüber nachzudenken, wie man die Climate Talks ausweiten kann, um den privaten Sektor besser mit einzubeziehen.

Der Privatsektor spielt eine große Rolle, aber auch die Politik. Die ethnischen Staaten Myanmars, die besonders anfällig für die Auswirkungen des Klimawandels sind, sind auch politisch umkämpft. Wie kann man Eurer Meinung nach hier effektiv gegen den Klimawandel vorgehen und Klimaschutzmaßnahmen umsetzen?

Nicole: Die meisten Orte, die am stärksten vom Klimawandel betroffen sind, sind auch von anderen Problemen wie Armut und gender-spezifischer Ungleichheit betroffen. Es ist kein Zufall, dass die ärmsten und konfliktreichsten Orte am verwundbarsten durch den Klimawandel sind. Es zeigt uns, dass wir Lösungen für Armut und die Konflikte finden müssen, wenn wir den Menschen jemals aus dieser Klimakrise heraushelfen wollen.

Anastacia: Mir fallen hier besonders die ethnischen Gruppen ein. Sie leben in Gebieten in Myanmar, die reich an Ressourcen sind, aber sie haben keinen Zugang zu Bildung und Infrastruktur. Ihnen werden viele Rechte verweigert, aufgrund ihrer Gruppenzughörigkeit, die die Regierung Myanmars festgelegt hat. In ihren Gebieten gibt es im Grunde genommen andere Gesetze. Es sind leider diese Gebiete, die am anfälligsten für die Auswirkungen des Klimawandels sind.

Es geht nicht mehr nur um die Menschenrechte, sondern auch um das Recht auf eine sichere und intakte Umwelt, auch für zukünftige Generationen. Es wäre sinnvoll, diese Gruppen mit an den Verhandlungstisch zu bringen. Aber ich glaube nicht, dass Privatsektor oder Regierung genug Zeit und Ressourcen investieren, um das Wissen und die Informationen zu nutzen, die diese Menschen haben. Es geht immer nur darum, ihnen etwas, z.B. Ressourcen, zu nehmen.

Wie kann Myanmar gesamtheitlich, als Volkswirtschaft betrachtet, von Klimaschutzmaßnahmen profitieren?

Anastacia: Ich denke, hier geht es um Technologie. In Myanmar gibt es einen starken Zuwachs an Sozialunternehmer*innen und Start-ups, die Technologien entwickeln und Geschäftsmodelle entwerfen, um soziale und ökologische Probleme anzugehen. Was bei dieser Entwicklung fehlt, ist der stärkere Fokus auf Klimaschutz, Klimaresilienz und Klimaanpassung.

Wir beobachten, dass sich viele Investor*innen derzeit mit der Finanzierung befassen und versuchen, die junge Öffentlichkeit dazu zu bewegen, über Geschäftsmodelle nachzudenken, die einen Klimafokus haben. Das hat gerade erst begonnen. Ich wäre nicht überrascht, wenn das in den nächsten Jahren weiter zunimmt, solange es eine Nachfrage gibt.

Nicole: Klimaschutzmaßnahmen werden der Wirtschaft Myanmars langfristig zugutekommen, z.B. wenn wir jetzt Maßnahmen für nachhaltige Forstwirtschaft oder Fischerei ergreifen. Für zukünftige Generationen ist es so wichtig, eine Wirtschaft um diese nationalen Ressourcen herum zu entwickeln.

Aber wenn wir nur auf Ausbeutung setzen, werden unsere Ressourcen schnell erschöpft sein und Myanmar wird dieser Lebensgrundlage beraubt werden.

Spielen die Machtverhältnisse zwischen Militär und Regierung aus Eurer Perspektive eine Rolle für Klimaschutzmaßnahmen, z.B. für die Klimafinanzierung oder die Start-up-Szene, die sich speziell auf Klimaschutz-Technologien konzentriert?

Anastacia: Alle Interessenvertreter*innen spielen in Myanmar eine Rolle, sei es die Regierung oder das Militär. Aber wenn ich an das Militär denke, denke ich nicht nur an das Militär der Regierung, sondern an Ethnic Armed Organisations (EAOs). Ich denke, dass es hier einen Unterschied gibt. Die EAOs, die in Staaten außerhalb des Einflussbereichs der Regierung das Sagen haben, spielen eine Rolle beim Klimaschutz, weil sie die erste Verteidigungslinie für die ethnischen Gebiete sind.

Und es gibt Organisationen, die mit EAOs zusammenarbeiten, was Governance, Corporate Social Responsibility und Umweltmanagement betrifft. Der Klimaschutz wird als eine weitere, eigenständige Initiative angesehen. Deshalb dauert es in Myanmar so lange, den Plan für eine nachhaltige Entwicklung voranzubringen, in dem der Klimawandel berücksichtigt wird. Es gibt immer noch kein Gesetz zum Klimawandel. Um eines auf den Weg zu bringen, sind die Machtverhältnisse im Land in der Tat eine Herausforderung.

Ist es Eurer Meinung nach möglich, den Klimaschutz in den Friedensförderungsprozess zu integrieren?

Anastacia: Es ist möglich, es ist nur eine Frage der Zeit. Zum Beispiel hat die Regierung letztes Jahr erst rund 30 Aufträge für Wasserkraft-Projekte erteilt. Sie suchen also nach erneuerbarer Energien. Myanmar hat allerdings das Problem, dass die Gemeinden nicht richtig in die Entscheidungsfindung eingebunden werden, was die Umwelt und die Transparenz von Umweltverträglichkeitsprüfungen angeht. Es gibt also immer noch grundlegendere Fragen, die innerhalb des Landes gelöst werden müssen, bevor wir uns mit der Integration des Klimawandels bzw. des Klimaschutzes in den Friedensprozess befassen können.

Wir tun derzeit nicht genug dafür, eine dauerhafte Widerstandsfähigkeit aufzubauen. Für mich sind Resilienz und Frieden in gewisser Weise zwei Seiten einer Medaille. Sie spiegeln die Notwendigkeit und das Recht auf eine gesunde und sichere Umwelt wider. Um das zu erreichen, muss es das Recht geben, an einer informierten Entscheidungsfindung teilzunehmen.

Ihr habt viel von der Nutzung und dem Management von Ressourcen gesprochen. Denkt Ihr, dass das kürzlich in Thailand erlassene Verbot von Plastiktüten auch in Myanmar umgesetzt werden könnte?

Anastacia: Das würde ich gerne sehen. Ich denke, ein solches Gesetz wäre ein guter Anfang. Es würde eine Haltung zeigen. Andererseits wäre es schwierig, entsprechende Monitoring- und Evaluierungsmaßnahmen sowie einen regulatorischen Rahmen zu etablieren, um sicherzustellen, dass sich die Menschen auch wirklich daran halten. Zudem grenzt Myanmar an Thailand, China und Indien. Es gibt dort einen undokumentierten Handel von Waren. Das ist eine weitere Herausforderung.

Nicole: In städtischen Gebieten gibt es meiner Meinung nach Hoffnung, denn ich sehe viele junge Leute, die sich sehr leidenschaftlich für die Reduzierung von Plastikabfällen einsetzen, vor allem weil es ein so sichtbares Problem ist. Wenn diese jungen Menschen die nächste Gesellschaft anführen, wäre ein solches Gesetz möglich. In ländlichen Gebieten müsste sich die Regierung sehr auf den Zugang zu sauberem Wasser, auf Bildung und Armutsbekämpfung konzentrieren, damit die Menschen in der Lage sind, Prioritäten zu setzen und die Wahl treffen zu können, Plastik zu reduzieren. Selbst wenn die Menschen motiviert sind, gibt es dazu bisher nur wenige Anreize.

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1 | 2018, Indonesien,
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Kahlschlag mit Hilfe von „Schattenunternehmen“

Indonesien: Jakartas Überschwemmungen sind das Ergebnis einer verfehlten Stadtplanung. Seit der Kolonialzeit folgt diese dem kapitalistischen Paradigma des schnellen Profits. Die neuen Umzugspläne der Regierung haben das gleiche Ziel.

Als dieser Artikel im April 2020 geschrieben wurde hatte die Mortalitätsrate von Covid-19 (Corona) in Indonesien acht bis neun Prozent erreicht. Damit zählt Indonesien zu den tödlichsten Ländern für Menschen, die mit dem Corona-Virus infiziert sind. Das Epizentrum dieses Zustands liegt in der Haupstadt, Jakarta. Im März 2020 verzeichnete Jakarta über 4.000 Beerdigungen, beinahe 80 Prozent mehr als in “normalen Monaten” und so viele wie noch nie in den letzten zehn Jahren.

Die Covid-19-Pandemie ist für die Bewohner Jakartas der zweite schwere Schlag in diesem Jahr. Im Januar und Februar war es in Jakarta und seinen Satellitenstädten Bogor, Depok, Tangerang und Bekasi (sog. Jabodetabek-Region, d.R.) zu schweren Überschwemmungen gekommen, die 70 Todesopfer forderten und 187.000 Menschen obdachlos machten. Die Schäden wurden auf eine Billion Rupiah geschätzt (Quelle: Bank Indonesia).

Neben Überschwemmungen ist das beinahe 500 Jahre alte Jakarta dauerhaft von drei weiteren Gefahren bedroht: Luftverschmutzung, Absinken der Böden (land subsidance) und das Ansteigen des Meeresspiegels.

Jakarta – die zubetonierte Stadt

Die Überschwemmungen von 2020 gingen als schwerste seit 2007 in die Statistiken ein. Damals hatten 70 Prozent der Hauptstadt unter Wasser gestanden. Als Ursache gaben Meteorologen die stärksten Regenfälle seit den ersten Aufzeichnungen vor 154 Jahren an. Um das Ausmaß zu verdeutlichen: Das Wasservolumen, das in Jakarta als Regen zu Boden ging, entsprach 180 Millionen Kubikmetern. Damit könnte man 72.000 Olympia-Schwimmbecken füllen.

Dass diese Regenmengen zu einer Katastrophe führen, liegt daran, dass 80 Prozent der Stadtfläche zubetoniert sind. Fünf weitere Prozent nehmen asphaltierte Straßen ein. Offene Grünflächen, wo Regenwasser versickern kann, betragen gerade einmal 9,8 Prozent der Stadtfläche. Dabei sollte in einer Stadt wie Jakarta mit mehr als zehn Millionen Einwohnern [Jabodetabek über 30 Mio., d.R.] mindestens 30 Prozent unbebaute Flächen geben, damit Wasser versickern kann und keine Überschwemmungen entstehen. Mit den bestehenden Bedingungen sind die Flüssen und Kanäle der Stadt (drei Prozent der Fläche) extremen Belastungen ausgesetzt. Die Folge sind seit jeher Überschwemmungen.

Das verfehlte Paradigma der Stadtplanung reicht in die Kolonialzeit zurück. Eigentlich war das Gebiet, auf dem die Hauptstadt erreichtet wurde, ein von dreizehn Flüssen durchzogenes Sumpfgebiet. Die Prioritäten des globalen Kapitalismus sorgen seit der holländischen Kolonialzeit, d.h. seit der Ausbeutung durch die Vereinigte Ostindische Kompanie (VOC) dafür, dass Jakarta bebaut wird, als existiere es auf Festland.

Stadtplanung folgt kapitalistischer Profitlogik

Während der Überschwemmungen im Januar 2020 machten wir eine Video-Serie zum Thema ‘Wasserstadt Jakarta’. Die Bilder sollten auch eine Art Schocktherapie sein. Es ging uns darum, einen Diskurs anzustoßen darüber, dass die Flutnothilfe die eine Sache ist, dass es aber auch darum gehen muss, dass Stadtplanung generell entsprechend geographischer Gegebenheiten erfolgen sollte. Wir filmten Menschen, die sich an die Bedigungen eines Lebens am Fluss angepasst hatten, zum Beispiel Mittelschicht-Vertreter*innen, die jetzt in Stelzenhäusern leben. Aber wir stellten auch ärmere Stadtviertel in den Mittelpunkt unserer Filme, wo die Menschen sich einer Vertreibung durch die Stadtregierung widersetzt hatten und jetzt ihre Hütten nicht mehr direkt am Ufer errichten, um den natürlichen Schutz durch ein von Bäumen und Büschen bewachsenes Flussufer zu erhalten.

Mit der Video-Serie wollten wir aussagen: “Ihr könnt nicht einfach aus Venedig eine ‘trockene’ Stadt auf Festland machen, ohne dass dies sehr weitreichende und sehr teure Konsequenzen für diese Art von Megaprojekt hat.” Und wer jetzt an die ‘Erfolgsstory’ Amsterdam denkt, sollte nicht vergessen, dass die Mittel zum Aufbau vom Amsterdams Infrastruktur zu einem nicht geringen Teil aus der kolonialen Ausbeutung Indonesiens (damals noch Ostindien genannt) durch die Niederlande stammten.

Stadtviertel tragen ‘Sumpf’ in ihrem Namen

Viele Viertel in Jakarta tragen heute noch ‘Sumpf’ im Namen, was auf Indonesisch ‘rawa’ heisst. Rawa Belong (Sumpfiger Teich), Rawa Buaya (Krokodilssumpf), Rawa Mangun (Bebauter Sumpf), Rawa Sari (Blütensumpf), Rawa Bebek (Entensumpf) sind nur einige Beispiele. Diese überlieferten Namen sind der anthropologische Beweis dafür, dass es ein kollektives Gedächtnis für die geografischen Gegebenheiten Jakartas als einem von Wasser geprägten Gebiet gibt. Jahrhundertelang versuchten die Holländer, die Überschwemmungen von Jakarta zu beherrschen. Immer wieder scheiterten sie.

Vom Architektonischen bis zum Sozialen wurde der Stadt die Möglichkeit genommen, Wasser aufzunehmen. Das Wasser wurde zu einer Bedrohung stilisiert, anstatt es als natürliche Gegebenheit anzunehmen und zu einem Teil des städtischen Lebensstils zu machen. Das begann, als im damaligen Batavia Flüsse begradigt und Kanäle angelegt wurden, so dass die natürlichen ‘Parkplätze’ für Wasser verloren gingen. Damit einher ging eine beschleunigte Sedimentation. Trotz dieses massiv vorangetriebenen ‘Infrasrukturmanagements’, kam es in den Jahren 1895 und 1899 zu großen Überschwemmungen. Am 19. Februar 1909 erschien die Zeitung De Locomotief wegen der erneut aufgetretenen großen Flut mit dem Titel: “Batavia Onder Water” (Batavia unter Wasser).

Batavia wurde in den Händen des neuen Staates Indonesien zu Jakarta. Die rasant wachsende Bevölkerung traf erneut auf ein Paradigma der Stadtplanung, das die natürlichen Gegebenheiten von Sumpf und Flüssen ignorierte. Die Kommerzialisierung von Land, die ‘Real-Estate-Industrie’ und eine Genehmigungsbürokratie, die auf Patronen-Klienten-Beziehungen und entsprechenden beiderseitigen finanziellen Vorteilen beruht, verschärfen das Problem bis heute. Ökologische Faktoren wie der Erhalt von natürlichen Flussläufen oder soziale Faktoren wie die Anpassung an geographische Gegebenheiten, gelten in diesem herrschenden Paradigma als nicht relevant.

Flüsse als Hinterhof und Müllhalde der Anwohner

Betrachtet man die Häuser an den Flussläufen, sieht man ebenfalls, wie weit sich Jakarta von seinen natürlichen Gegebenheiten als Wasser-Gebiet entfernt hat. Wurden früher die Häuser in Richtung der Flüsse ausgerichtet (die auch Transportwege waren), stehen sie heute mit ihrer Rückseite zu den Flüssen. Die Flüsse wurden zum ‘Hinterhof’, zum Abfluss und zur Müllhalde der Haushalte.

Zugleich treibt die Stadt den Bau von Dämmen und Deichen voran und vermindert damit erneut den natürlichen Raum, wo Wasser versickern könnte. Da Deiche auf beiden Flussseiten Platz brauchen, werden die Bewohner armer Viertel an den Flüssrändern mit der Begründung vertrieben, dass ihr Siedeln am Ufer zu Überschwemmungen führt. Dabei haben diese Dämme in der Geschichte Jakartas die Stadt noch nie vor Überschwemmung bewahrt. Sie sind lediglich ‘schöner anzusehen’ in den Augen jener Stadtplaner*innen, die es ‘gerade und symmetrisch’ mögen. Im Jahr 2015 gab es 113 Fälle von Vertreibungen von Siedlungen, 2016 sogar 139. Einige dieser Fälle, die im Namen der ‘Flut-Prävention’ geschahen, haben wir im Film Jakarta Unfair dokumentiert.

Bis heute werden Viertel wie Bukit Duri, wo die Menschen vertrieben wurden, um Deiche zu errichten, vom Wasser überflutet. Die Bewältigung der Überschwemmungen belastet das kommunale Budget nun sogar noch mehr, weil das Wasser aus den überfluteten Vierteln in den Fluss zurück gepumpt werden muss. Mit dem Konzept des ‘Einmauerns’ der Flüsse (anstelle zum Beispiel der Planung von Vierteln mit Pfahlbauten) muss Jakarta inzwischen 478 permanente und 122 mobile Wasserpumpen betreiben.

Teufelskreis aus Energieverbrauch und Ausstoß von Kohlendioxid

Damit schließt sich ein Teufelskreis aus dem Verbrauch von Energie und dem Ausstoß von CO₂. Denn 62 Prozent des indonesischen Energieverbrauches stammen aus der Verbrennung von Steinkohle, weitere 25 Prozent werden auf der Basis von Erdöl und Erdgas generiert.

Während die ärmsten Bewohner der Stadt von den Ufern der Flüsse vertrieben werden, wird die Besetzung des städtischen Raums durch die Interessen des Kapitals in Form der Real-Estate-Industrie geduldet und gesetzlich geschützt. Diese ‘internen’ Faktoren sind das Vorspiel zu dem, was wir nun erleben, wo die ‘externe’ Variable namens Klimawandel hinzukommt. Dessen Folgen treffen auf Jakarta wie Feuer auf trockenes Stroh.

Von 1981 bis 2020 nahm die Zahl der Regentage in Indonesien um 1,1 Tage pro Dekade zu. Im Jahr 2016 verzeichnete die Behörde für Meteorologie, Klimatologie und Geophysik (BMKG) eine Jahresdurchschnittstemperatur, die um 1,2 Grad höher lag als der Durchschnitts-Wert der vergangenen 25 Jahre.

Die hohen Temperaturen (bis 2035 wird mit einer durchschnittlichen Erhöhung von 2 Grad gerechnet) wirken sich auf die Luftfeuchtigkeit aus. Sie bedeuten häufigere und stärkere Regenfälle, die das Risiko von Überschwmmungen erhöhen. Doch es gibt noch weitere Faktoren, die Jakarta zu einem der Orte in Südostasien machen, die von den Folgen des Klimawandels am meisten bedroht sind.

Absenkung des Bodens und steigender Meeresspiegel

Aus Richtung der oberen Flußläufe und in der Stadtmitte ist Jakarta ohnehin von Überschwemmung bedroht. Dazu kommt, da wo die Flüsse münden, der ansteigende Meeresspiegel. Doch bevor wir erneut den Klimawandel als ‘Feuer’ verurteilen, sollten wir uns die Bedingungen des ‘trockenen Strohs’ anschauen.

Selbst wenn man den steigenden Meeresspiegel, verursacht durch die Gletscherschmelze in der Antarktis, die jährlich mit rund 300 Milliarden Tonnen voranschreitet, außer Acht lässt, dringt wegen der absinkenden Böden bereits Meerwasser in die Bucht von Jakarta ein. In einigen Gebieten im Norden von Jakarta wurden Dämme errichtet, wie zum Beispiel in Muara Baru, wo ein sechs Kilometer langer Damm das Land schützen soll, das bereits einen Meter unter dem Meeresspiegel liegt.

An manchen Orten liegt die Geschwindigkeit des Absinkens der Böden bei 22-25 Zentimeter im Jahr. Sicher, das geschieht auch in anderen Städten. In Tokio zum Beispiel sank der Boden zwischen 1900 und 1970 um insgesamt 4,5 Meter. Doch das Tempo, in dem Jakarta ‚sinkt’, sucht seinesgleichen. Innerhalb von zehn Jahren sank der Boden in einigen Stadtteilen um bis zu 2,5 Meter. Das World Economic Forum bezeichnete Jakarta als eine der am schnellsten sinkenden Städte der Welt.

Dieses Absinken des Bodens hat vier hauptsächliche Gründe: Die Entnahme des Grundwassers, die Verdichtung der Bodenstruktur, Druck/Bodenbelastung sowie tektonische Faktoren. Am meisten Einfluss hat die Entnahme von Grundwasser für Trinkwasser, sanitäre Anlagen und Bewässerung. Von den rund zehn Millionen Einwohnern, die pro Jahr ungefähr 846 Millionen Kubikmeter Wasser verbrauchen, sind nur 40 Prozent an die städtische Wasserversorgung angeschlossen. Die Mehrheit der Einwohner Jakartas – eingeschlossen Büros und Unternehmen des formellen und des informellen Sektors – nutzen Grundwasser, das sie aus dem Boden pumpen. Die Verringerung des Wassers im Aquifer (der Grundwasser enthaltenden Gesteinsschichten) führt zum Absinken der Böden. Dieser Prozess wird durch die starke Bebauung Jakartas, durch die ein enormer Druck auf den Böden lastet, zusätzlich verschärft. Außerdem verdichten sich die Bodensedimente durch die oben genannten Faktoren von lockeren zu festeren Schichten.

Die ersten Opfer der sinkenden Stadt sind die vier bis fünf Millionen Menschen, die in den nördlichen Teilen Jakartas nahe der Küste leben. Manche von ihnen, wie die Bewohner von Kapuk, Muara Baru und Muara Angke leiden schon jetzt beinahe täglich unter Überschwemmungen durch in Landgebiete eindringendes Meerwasser (banjir rob). Diese Gebiete sind in der Regel von Menschen mittleren bis niedrigen Einkommens bewohnt. Die Überschwemmungen fügen den strukturellen Ursachen von Armut also noch neue, zusätzliche Belastungen hinzu, unter denen die Betroffenen leiden.

Ansteigender Meeresspiegel lässt Inseln versinken

Der steigende Meeresspiegel verstärkt das Absinken der Böden. Dies lässt sich eindrucksvoll am Beispiel der so genannten ‚1000 Inseln’ (Kepulauan Seribu) in der Bucht von Jakarta betrachten. Das Gebiet, das tatsächlich aus 180 Inseln besteht, erfährt massiven Landverlust. Von der Insel Onrust zum Beispiel, die einst 40 Hektar umfasste, ragt nur noch die Hälfte dieser Fläche aus dem Wasser.

Im Durchschnitt steigt der Meeresspiegel an Jakartas Küsten um sechs Milimeter im Jahr. Die Regierung möchte deshalb einen 30 Kilometer langen Damm entlang der Küste errichten. An den Flußläufen sollen weitere Dämme mit einer Gesamtlänge von 30 Kilometern gebaut werden. Doch damit nicht genug. Die Regierung treibt in einem fragwürdigen gigantischen Küstenentwicklungsprojekt die Landgewinnung von 5.100 Hektar Fläche im Norden von Jakarta und den Bau eines ‚Riesen-Damms’ voran. Im Rahmen dieses Projekts sind bereits drei künstliche Inseln entstanden, die kommerziellen Interessen von Grundstücks-und Immobilienunternehmen dienen. Ein Teil der Bautätigkeit wurde gestoppt, weil sich die politischen Verhältnisse in Jakarta nach den Gouverneurs-Wahlen von 2017 geändert hatten.

2016 produzierten wir einen Dokumentarfilm mit dem Titel Die Verlockungen der falschen Inseln (Rayuan Pulau Palsu). Die Regierung beteuerte, das Megaprojekt der Landreklamation stehe in Verbindung und die Giant Sea Wall, für die entlang von Jakartas Küste Straßen vom Damm zu den Inseln gebaut würden, sei eine ‚Riesenanstrengung’, damit Jakarta nicht versinke. Eine solche Argumentation beleidigt die Intelligenz der Öffentlichkeit. Denn Landgewinnung und Bebauung dieses Landes verschärften die Probleme dort, wo die Flächen schon jetzt am sensibelsten sind. Zugleich bedeutet das Projekt Giant Sea Wall eine gigantische Energieverschwendung. Denn den Flüssen, aus denen jetzt schon das Wasser mit Pumpen abgepumpt wird, wird ihr natürlicher Ablauf zum Meer genommen.

Damit die Öffentlichkeit ihr das Megaprojekt ‚abkauft’, argumentierte die Regierung, das die Giant Sea Wall auch als Trinkwasserreservoir diene. Dabei schafft sie es nicht mal, die Stadt mittels eines Leitungssystems mit Wasser aus dem Oberlauf der Flüsse, wo es noch relativ sauber ist, ausreichend zu versorgen. Wie sollte das dann wohl am Unterlauf mit seiner viel stärkeren Verschmutzung und Verzweigung aussehen?

Luftverschmutzung

In Südostasien gelten Jakarta und Hanoi als Städte mit der höchsten Luftverschmutzung. Die jährliche Feinstaubbelastung (PM2,5) Jakartas beträgt das Vierfache dessen, was die Weltgesundheitsorganisation als gesundheitsgefährdenden Grenzwert bezeichnet. Greenpeace Indonesia nennt dafür zwei Hauptursachen: Verkehrsabgase und Kohlekraftwerke.

Jakarta investiert nicht ausreichend in öffentlichen Nahverkehr. Im Gegenteil: Unsere Hauptstadt ist Spitzenreiter in der Privatisierung des Transportsektors. 4,4 Millionen Autos und 30 Millionen Mopeds fahren durch die Stadt. Dazu kommen die ‚Durchreisenden’ aus dem Großraum Jakarta (Jabodetabek). Täglich verkehren 3,5 Millionen Pendler zwischen Jakarta und ihrem Wohnort. Nicht einmal die Hälfte von ihnen nutzt öffentliche Verkehrsmittel.

Kohleverstromung ist die zweite Hauptursache für Jakartas Smog. In einem Radius von 100 Kilometern finden sich um Jakarta herum 22 Kohlekraftwerke. Damit ist Jakarta die von den meisten Kohlekraftwerken umgebene Stadt der Welt. Der Anteil von Kohleverbrennung an der Luftverschmutzung beträgt in Jakarta 33 bis 38 Prozent. Betrachtet man die Grenzwerte für Luftverschmutzung, gelten 22 Tage pro Monat in Jakarta als ungesund. Im August 2019 wurde Jakarta sogar als Stadt mit der schmutzigsten Luft weltweit ‚gekürt’.

Schon vor der Corona-Pandemie hatte das Umweltministerium bekannt gegeben, dass 57 Prozent der Einwohner Jakartas durch die Luftverschmutzung bedingte Gesundheitsschäden erleiden. Die entsprechenden Kosten, die die Bürger*innen für medizinische Behandlungen aufbringen müssen, wird auf 38,5 Billionen Rupiah geschätzt.

Über die Folgen der Umweltverschmutzung durch Kohlekraftwerke haben wir die Bevölkerung auch in unserem Dokumentarfilm Sexy Killers aufgeklärt (siehe Rezension des Films auf suedostasien.net). 30 Millionen Menschen haben diesen Film auf youtube gesehen. Doch weiterhin wird an den schmutzigen Energiequellen festgehalten, weil sie den Interessen von Indonesiens Oligarchen dienen.

Betrachtet man nun die Prognosen für die Klimawandelfolgen, die uns erwarten – Treibhauseffekt, Schmelzen der Polkappen, extreme Wetterereignisse – kann man sich ausmalen, dass Jakarta über kurz oder lang auf eine Katastrophe zusteuert.

Was tut die Regierung?

Die Regierung plant, Jakarta zu verlassen und ihren Amtssitz nach Kalimantan zu verlegen. Das ambitionierte Projekt, das bis 2030 vollzogen sein soll, bedeutet: Die Regierung lässt die alten Probleme hinter sich und schafft woanders neue Probleme der gleichen Art. Denn an den Ursachen, an der Ignoranz gegenüber nachhaltigen und umweltfreundlichen Entwicklungsperspektiven, ändert sie nichts. Die natürlichen Bedürfnisse der Menschen unterliegen einmal mehr der Herrschaft des Geldes.

Wenn dann in Kalimantan der Wald endgültig zerstört ist, wenn die Flüsse begradigt und eingedeicht sind und das Grundwasser erschöpft, beginnt möglicherweise das gleiche Spiel wieder von vorn. Inzwischen ist bekannt, dass eine Verbindung zwischen unserem Umgang mit der Umwelt und dem Auftreten von zoonotischen Infektionen [die von Tieren auf Menschen und umgekehrt übertragen werden können] besteht. Trotzdem setzen wir die Zerstörung unserer Umwelt und die Ausrottung von Wildtieren fort. Wir müssen schon verdammt viel Glück haben, wenn wir damit nicht schon bald nächste Pandemie verursachen.

Übersetzung aus dem Indonesischen von: Anett Keller.

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