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Editorial südostasien 2/2019:
In aller Munde: Plastik in Südostasien

Der Kerobokan Strand in Bali zur Regenzeit: eine Flut an (Plastik-) Müll © ROLE Foundation

Strand bei Kerobokan im Südwesten der Insel Bali © ROLE Foundation

Kürzlich fand ein Forschungsteam am tiefsten Punkt des Meeres – im Mariannengraben in fast 11.000 Metern Tiefe – Plastikverpackungen. Die Folgen der Unmengen Plastikmüll, die Menschen in den letzten Jahrzehnten in der Natur zurückließen, sind zunehmend auch medial präsent. Plastik lässt sich nicht natürlich abbauen, sondern zerfällt lediglich in Kleinstteile, so genanntes Mikro- oder Nanoplastik, das durch den natürlichen Kreislauf zirkuliert. Plastik sorgt für Artensterben in den Meeren. Nanoplastik wandert in Sedimente und in die Atmosphäre. Plastik ist nach neuesten Studien im wahrsten Sinn des Wortes in aller Munde. Seine mikroskopisch kleinen Überreste wandern in unseren Lebensmitteln zu uns zurück.

Die wachsende Menge eines Problems, für das wir noch keine Lösung haben, das aber munter weiter produziert und konsumiert wird, ist Grund genug, sich ernsthaft mit der Thematik auseinanderzusetzen. Derzeit werden jährlich rund 400 Millionen Tonnen Plastik produziert. Nicht einmal zehn Prozent des Plastikmülls wird recycelt. Der Großteil – rund 80 Prozent – landet auf Deponien, in Flüssen, Meeren oder an der nächsten Straßenecke. Rund 12 Prozent des Mülls wird schlichtweg verbrannt. Die Deutschen sind Europameister im Plastikverbrauch: 220 Kilo Verpackungsmüll pro Kopf waren es im Jahr 2016.

Dabei mutete Plastik zunächst so viel versprechend an! Seit Anfang des 20. Jahrhunderts der vollsynthetische Kunststoff erfunden wurde, hat Plastik seinen weltweiten Siegeszug angetreten. Es ist zu billig und zu bequem, um davon zu lassen. 1950 wurden pro Jahr rund 2 Tonnen Plastik hergestellt, 50 Jahre später rund 200 Millionen Tonnen, inzwischen beinahe 400 Millionen Tonnen. Es wächst die Erkenntnis, dass dies nicht folgenlos für Mensch und Umwelt bleibt. Doch die aktive Übernahme von Verantwortung für den Müll durch Hersteller von Plastik hält leider mit dem Produktionstempo in keinster Weise Schritt.

Gerade Länder des globalen Nordens, wie die USA oder Deutschland, exportieren ihren Plastikmüll ins Ausland. Seit der langjährige Abnehmer China im Januar 2018 Müllimporte verboten hat, werden unsere Plastikabfälle vermehrt nach Südostasien exportiert. So wurden 2017 145.000 Tonnen Plastikabfall von Deutschland nach Thailand und 100.00 Tonnen nach Malaysia transportiert. Mit insgesamt etwa 686.000 Tonnen dorthin verschifften Plastikabfällen löste Malaysia China im Jahr 2018 als Haupt-Importland ab. Gleichzeitig ist Plastiknutzung auf dem Binnenmarkt der südostasiatischen Staaten schon sehr hoch, während es dort kaum Pfand-Systeme und öffentliche Müllentsorgung gibt. Den höchsten Pro-Kopf-Verbrauch hat im Übrigen auch in Südostasien das reichste Land der Region: Brunei. Das Fehlen einer effektiven Entsorgungsstruktur, ein wachsendes Importvolumen von Plastikmüll aus dem Globalen Norden und die maritime Lage Südostasiens, führen dazu, dass enorme Mengen Plastikmüll den Weg in die angrenzenden Meere und Flüsse finden. Laut einer Studie der Ocean Cleanup Foundation befinden sich von den 20 Flüssen, die weltweit das meiste Plastik ins Meer transportieren, sieben in Südostasien.

Verschmutzte Plastikteile sind schwer zu recyceln. Bislang entledigten sich die Industrieländer dieses Problems mit den genannten Müllexporten, die rein privatwirtschaftlich funktionierten. Mit der im Mai 2019 geschlossenen Zusatzvereinbarung zum Basler Abkommen „über die Kontrolle der grenzüberschreitenden Verbringung gefährlicher Abfälle und ihrer Entsorgung“, dem 186 Staaten angehören, soll dies nun stärkerer staatlicher Kontrolle unterliegen. Hoffnungen auf verstärkte Müllvermeidung ruhen auch auf dem Ende 2018 beschlossenen EU-Verbot für Einwegplastik ab 2021.

Dabei agieren Plastik-produzierende Unternehmen selten umweltpolitisch im Sinne des Allgemeinwohls. Ein Umstand, der zuweilen von green-washing-Aktivitäten der Unternehmen verdeckt wird. CocaCola, Pepsi, Unilever, Nestlé sind globale Player, die es sich leisten können ihr Image mit Kampagnen und Fördertöpfen für Recycling- und Upcycling-Initiativen aufzubessern. In Förderprogramme für Nachhaltigkeit, Natur und Müllvermeidung zu investieren, das ist das neue vermeintliche ‚Grün’. Dabei investierten nicht nur ökonomische, sondern auch (stadt-)politische Akteure im Rahmen von internationalen Vereinbarungen und Abkommen, bspw. den Sustainable Development Goals, in Green City-Strategien und Programme.

In dieser Ausgabe der südostasien widmen wir uns verschiedenen Perspektiven und Praktiken im Umgang mit Plastik. Es geht um Wahrnehmungen und Handlungsansätze in den Ländern, in denen unser Abfall hauptsächlich landet. Aus lokaler und alltagsbezogener Perspektive wird von lokalen Initiativen die Rede sein, wie bei dem Beispiel der Trash Heros von Flores, Indonesien (Kristian Gäckle), der Waste Banks in Java, Indonesien (Lena Keller-Bischoff/Nuzuli Ziadatun Ni’mah), plastikfreier Initiativen in Vietnam (Johanna Kramm/Heide Kerber), Refill-Initiativen (Alieth Bontuyan) und Zero-Waste-Städten (Sonia Mendoza, Mother Earth Foundation) in den Philippinen.

Julia Behrens und Quỳnh Anh Nguyễn berichten, wie mit Plastik in Hanoi umgegangen wird und Mirjam Overhoff beleuchtet Säuberungen der Manila Bay, und die vorhandenen Müllzyklen in den Philippinen. Aus Kambodscha berichtet Kathrin Eitel von Müllsammler*innen, die zum großen Teil die Infrastruktur des Abfallmanagements in Phnom Penh darstellen. Svenja Hübinger analysiert das neue Verbot von Einwegplastik auf der indonesischen Urlaubsinsel Bali. Diese und weitere Artikel finden Sie in den kommenden Wochen auf suedostasien.net.

Die vielfältigen Beiträge zeigen, dass es zahlreiche Initiativen und Bewegungen in Südostasien gibt, die sich mit der Frage von Plastik und Plastikmüll auseinandersetzen und lokal aktiv werden. Sie zeigen aber auch, dass diese oft nur durch die Hilfe von Fördermaßnahmen und politischer Regulierung langfristig Bestand haben können. Dabei müssen völkerrechtlich bindende Verträge entstehen, wie es im Rahmen des Basler Abkommens geplant ist. Jedoch ist hier wichtig, dass alle Nationen an einem Strang ziehen, was sichin in Hinblick auf unterschiedliche außenpolitische Interessen schwierig gestaltet. Auch auf nationaler Ebene müssen bessere Abfallregulierungen ausgearbeitet und ein Ausbau der Müllinfrastruktur vorgenommen werden. Letztendlich sollten aber in erster Linie die Produzent*innen von Plastik in die Verantwortung genommen werden. Ohne eine nachhaltige und umweltverträgliche Regulierung, an die sich alle Unternehmen zu halten haben, wird sich die Plastikflut nicht eindämmen lassen. Das Problem ist zu groß und zu folgenschwer, um es in jahrzehntelangem Verantwortungs-Ping-Pong zwischen Politik, Industrie und Verbraucher*innen auf die lange Bank zu schieben. Unsere nächste Ausgabe (3/2019) hat das Thema: „Asia First! Autoritarismen und das Ringen um Demokratie“. Hier geht’s zum call for paper (Deutsch PDF / Englisch PDF). Unsere übernächtste Ausgabe (4/2019) beschäftigt sich mit „Musik als Instrument politischer Bewegungen“. Hier geht’s zum call for paper (Deutsch PDF / Englisch PDF).

Wir danken allen an dieser Ausgabe Beteiligten sehr herzlich und wünschen eine erkenntnisreiche Lektüre!

Das Redaktionsteam

 
zur Ausgabe

  • Artikel


Die Autorin


Tamara Bülow ist passionierte Politikwissenschaftlerin mit Regionalfokus Südostasien und Nepal. Sie engagiert sich für nachhaltigen Handel, kulturellen und gesellschaftlichen Austausch und ist Redaktionsmitglied der südostasien.

  • Myanmar, Jade-Mine, Chin

    Myanmar – In „Tluangza Nu“ erzählt Joel Ling die bewegende Geschichte einer Frau, die sich in der Nähe der Jade-Minen ein neues Leben aufbaut.

  • Klimawandel, Jugend Südostasien

    Südostasien – Junge Aktivist*innen erzählen im Sammelband “Klima ist für alle da” von den Auswirkungen des Klimawandels auf ihr Leben. Vorgestellt werden einige inspirierende große und kleine Initiativen.

  • Photocopier, Indonesien, Spielfilm

    Indonesien – Mit eindrücklicher Bildsprache zeigt der Film „Photocopier“ das Spannungsfeld zwischen Digitalisierung und ‚klassischen Medien‘ und setzt das Thema #metoo auf die Agenda.

  • Südostasien Ernährung Frauen

    Südostasien – Vielen Menschen fehlt es noch immer am sicheren Zugang zu Lebensmitteln – ganz besonders Frauen und Kindern. „Ensuring a Square Meal“ beleuchtet, welche Rolle Frauen für eine ausreichende Ernährung ihrer Familien spielen können – innerhalb sowie auch außerhalb der Familie.

  • Ausschnitt Buchcover "Thailland: Ein Länderportrait" © Ch. Links Verlag

    Thailand – Die Journalistin Nicola Glass hat ein ehrliches und warmherziges Porträt geschrieben über das Land, das 13 Jahre ihre Wahlheimat war. Sie beleuchtet kritisch die politischen Eliten und lenkt die Aufmerksamkeit auf Themen wie Meinungsfreiheit, Umweltverschmutzung sowie die Stellung von Frauen und dem dritten Geschlecht.

  • Artikel


Die Autorin


Kathrin Eitel ist Kulturanthropologin und hat zur lokalen Recyclingökonomie in Kambodscha promoviert, unter besonderer Berücksichtigung postkolonialer Arten des Politikmachens, alltäglicher Praktiken der Müllsammlerinnen und des Kampfes um die Gestaltung der Stadt. Weitere Forschungsschwerpunkte sind: Klimagerechtigkeit, städtische Bürgerschaften, Science and Technology Studies und queer-feministische Ansätze. Mehr Informationen über Kathrin Eitel gibt es hier: www.kathrineitel.com

  • Kambodscha, documenta, Kunst

    Kambodscha – Eine neue Künstler*innengeneration gründet Kollektive und schafft Räume des Austausches und der gesellschaftlichen Auseinandersetzung. Lina Sokchanlina und sein Kollektiv Stiev Selapak/Art Rebels gehören dazu.

  • Coca Cola-Werbungen sind in Phnom Penh omnipräsent © Kathrin Eitel

    Kambodscha – Phnom Penh versinkt in Abfall, der nicht-organischer Natur ist und sich trotzdem wie selbstverständlich in das Bild der Stadt eingeprägt hat. Insbesondere Plastikmüll säumt die Straßen und Abwasserkanäle und wird dank der Müllsammler*innen im Zaum gehalten. Dabei ist es noch nicht lange her, dass Plastik als ‚Bote von Modernität und Wohlstand’ nach Kambodscha kam …

  • Sombo beim Sortieren des gesammelten wiederverwertbaren Abfalls in 'ihrem' Depot © Kathrin Eitel

    Kambodscha – Phnom Penh versinkt in Abfall, der nicht-organischer Natur ist und sich trotzdem wie selbstverständlich in das Bild der Stadt eingeprägt hat. Insbesondere Plastikmüll säumt die Straßen und Abwasserkanäle und wird dank der Müllsammler*innen im Zaum gehalten. Dabei ist es noch nicht lange her, dass Plastik als ‚Bote von Modernität und Wohlstand’ nach Kambodscha kam …

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Die Autorin


Anna Fünfgeld ist Politikwissenschaftlerin, Geographin und Ethnologin. Ihre Doktorarbeit am GIGA German Institute for Global and Area Studies und an der Universität Freiburg beschäftigt sich mit Energie- und Klimapolitik in Indonesien und Brasilien.

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Die Autorin


Anett Keller hat in Leipzig und Yogyakarta Journalistik, Politikwissenschaft und Indonesisch studiert. Sie hat mehrere Jahre in Indonesien gelebt und von dort als freie Korrespondentin berichtet. Derzeit arbeitet sie als freie Autorin, Moderatorin und Übersetzerin und koordiniert (auf Teilzeitbasis) die Redaktionsarbeit der südostasien.

  • Indonesien Winners of Life

    Indonesien – Mit dem Buch „Pemenang Kehidupan/Winners of Life“ setzen der Fotograf Adrian Mulya und die Autorin Lilik HS den Frauen ein Denkmal, die während der Suharto-Diktatur als Kommunistinnen verfolgt wurden.

  • Rezension Sexy Killers

    Indonesien – Der Dokumentarfilm „Sexy Killers“ thematisiert die massiven Eingriffe in die Natur durch Steinkohleabbau und die verheerenden Folgen für Mensch und Umwelt. Zugleich zeigt der Film, wie eng die Verzahnung von Politik und Unternehmen beim wertvollen Rohstoff Kohle ist.

  • Indonesien Mit Musik Schweigen brechen

    Indonesien war ein umkämpfter Schauplatz des Kalten Krieges. 1965 ergriff der prowestliche Militärdiktator Suharto 1965 die Macht. Es begann einer der größten Massenmorde des 20. Jahrhunderts. Heute erinnern junge Musiker*innen gemeinsam mit Überlebenden an das Erbe der politisch Verfolgten

  • Teilnehmer*innen eines Workshops zum Nähen von waschbaren Monatsbinden © Biyung/NBB

    Indonesien – Aktivist*innen aus Yogyakarta klären über die Gefahren von Plastik und Chemikalien in Menstruationsbinden auf und werben für waschbare Stoffbinden. In Workshops geben sie ihr Wissen an Frauen weiter und nähen mit ihnen gemeinsam farbenfrohe und umweltfreundliche Alternativen zu herkömmlichen Einwegbinden.

  • Ohne Arbeiter werden die Fabriken zu Geisterhäusern © Taring Padi

    Indonesien – Seit mehr als 20 Jahren streitet das Künstlerkollektiv Taring Padi mit kreativen Mitteln für die Rechte der Arbeiter*innen. Die Poster, Banner und Murals der Gruppe sind sowohl Aufruf zum Kampf als auch Dokumentation der indonesischen Arbeiterbewegung

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Die Autorin

Mirjam Overhoff ist Sozialwissenschaftlerin und Geschäftsführerin des philippinenbüro e.V. in Köln. Seit 2013 arbeitet sie intensiv zum Thema Migration und Diaspora rund um die Philippinen. Weitere Schwerpunktthemen ihrer Arbeit sind Politik, Stadtentwicklung, Klima und der Umgang mit Müll in den Philippinen.

  • Österreich, Philippinen, Diaspora, Kunst

    Philippinen/Österreich – Chelsea Amada, Gérard Rababa und Christel Joy Gaño, philippinisch-österreichische Künstler*innen reden im südostasien-Interview über Identität, Gemeinschaft und das zeitgenössische Kunst-Festival KUBŌ22.

  • Deutschland/Philippinen – Maite Hontiveros-Dittke erzählt von der gespaltenen Diaspora seit Rodrigo Duterte in den Philippinen an der Macht ist – aber auch von der verbindenden Kraft des Essens.

  • Die Community Baseco Compound liegt direkt an der Bucht von Manila © Mirjam Overhoff

    Philippinen – Zwar erließ die Regierung vor fast 20 Jahren ein umfassendes Abfallwirtschaftsgesetz, doch die Umsetzung verläuft lokal sehr verschieden. Informelle Müllsammler*innen besorgen den Großteil der Müllentsorgung. Immerhin gibt es inzwischen in über 20 Städten Plastikverbote.

  • Plastikmonster in den Philippinen © Mirjam Overhoff

    Südostasien/Europa: Greenpeace Philippines und Greenpeace International sind Teil der ‚Break Free From Plastic’ Bewegung. Das Ziel ist, auf die weltweite Umweltverschmutzung durch Plastik aufmerksam zu machen. Im Interview berichtet Manfred Santen, Chemieexperte bei Greenpeace Deutschland, von ‚Plastikmonstern’ und deren Auswirkungen.

  • Artikel


Der Autor


Janis Wicke hat in Hamburg und Jena Soziologie und Wirtschaftswissenschaften studiert. Für seine Masterarbeit hat er in Indonesien die Interaktion lokaler Communities und NGOs im Kontext der Zertifizierung von „nachhaltigem“ Palmöl untersucht.

  • Südostasien Interviews Klimawandel

    Südostasien – Wenn Indonesiens Wälder großflächig brennen, wird die ganze Region mit einer Dunstglocke aus giftigem Qualm (Haze) überzogen. Helena Varkkey von der University of Malaya in Kuala Lumpur erforscht die Ursachen der Waldzerstörung und erklärt, warum der Schutz von Torfböden entscheidend im Kampf gegen den Klimawandel ist.

  • Plastikmüll vor einer Palmölplantage © Greenpeace Malaysia

    Malaysia – Heng Kiah Chun hat für Greenpeace Malaysia die Untersuchungen zu den Auswirkungen der groß angelegten Plastikmüllimporte aus dem Globalen Norden geleitet. Im Interview spricht er über die Folgen für Mensch und Umwelt und den Widerstand von betroffenen Communities.

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Editorial südostasien 2/2019:
In aller Munde: Plastik in Südostasien

Thailand: Die ‚Plastikkultur’ ist eine omnipräsente Lebensweise. Nach und nach geschieht ein Wandel hin zu nachhaltigeren Ansätzen. Aber werden alle Thailänder*innen daran teilhaben können?

 

Kurz bevor sich Chaiyuth Lothuwachai auf den Weg macht, prüft er, ob er auch genügend vorbereitete Lunchboxen in seinem Fahrradkorb hat. In diese wird er später das Mittagessen für sich und seine Familie füllen. Chaiyuth will nicht noch mehr Plastikabfälle auf dem Planeten erzeugen: „Ich bin sicher, dass mein Lebensstil zu 100 Prozent plastikfrei wäre, wenn ich es besser planen könnte.“ Chaiyuth ist Spezialist im Digital Marketing Department der Börse von Thailand und Web-Administrator von Bike in the City. Deswegen hat Chaiyuth, der mit dem Fahrrad pendelt, immer saubere Lunchboxen und Tragetaschen in seinem Fahrradkorb, bereit dazu, Lebensmittel einzukaufen oder an Garküchen gekochte Gerichte mitzunehmen. Doch manchmal hat er keine andere Wahl als Einweg-Plastik zu akzeptieren. Zum Beispiel bereits verpackte Produkte im Supermarktregal oder wenn in einem Restaurant ein Getränk mit Strohhalm serviert wird. Es mag sich trivial anhören, aber man stelle sich eine Stadt mit 8.2 Millionen Einwohnern vor, in der auswärts zu essen und Essen zum Mitnehmen zur Kultur gehört, aber Abfalltrennung noch keine gängige Praxis ist.

Kampf gegen das schlechte Gewissen

Um sein schlechtes Gewissen zu beruhigen, verwendet Chaiyuth seine Plastikverpackungen ein paar Mal wieder, bevor er die Taschen schließlich in eine Plastikflasche packt, wodurch sie zu so genannten Ökoziegeln werden. Ökoziegel werden zum Bau von Gebäuden verwendet, wie die Bücherei in einer Schule in Kanchanaburi, einer Stadt 130 km westlich von Bangkok.

Chaiyuth steht für den neuesten Trend in Thailand, bei dem mehr und mehr Menschen sich ihres unnötig hohen Konsums von Einmal-Plastikverpackungen bewusst werden. Die Leute kehren zum alten Lebensstil von vor den 1970er Jahren zurück und versuchen, die Verwendung von Einweg-Plastiktüten, Tassen, Lebensmittelboxen und anderen Plastikutensilien zu vermeiden.
Obwohl viele zustimmen, hinterfragen manche, ob dieser Trend nur eine Praxis der privilegierten Klasse ist. Haben Menschen im weniger privilegierten Spektrum die gleichen Möglichkeiten, mitzumachen? Ist ein Plastikverbot die richtige Lösung für alle? In der Vergangenheit wurden Kochzutaten und die meisten gekochten Lebensmittel oder Snacks auf den Märkten in Bananenblätter oder Altpapier (oft Zeitungspapier), gewickelt und jede/r Einkäufer*in brachte einen eigenen Rattan-Korb zum morgendlichen Einkauf mit.

Erst vor ein paar Jahrzehnten wurden Bananenblätter und Papiertüten allmählich durch Plastiktüten ersetzt. Sie wurden, vor allem für den Einkauf am Morgen, von Hausfrauen als eine hygienischere und bequemere Möglichkeit erachtet. Ehe man sich versah, wurde Plastik zum unverzichtbaren Bestandteil des Alltags und verdrängte die Verpackungen aus natürlichen Rohstoffen. Bilder von ‚modernen’ Hausfrauen, die verpackte Lebensmittel aus den Supermarktregalen nahmen, sahen hygienischer aus und wurden zunehmend erstrebenswert. Rohe Lebensmittel, wie Fisch oder Schweinefleisch, frisch vom Markt, wurden separat und praktisch in Plastiktüten verpackt, ebenso take-away-Essen, Snacks und Eisgetränke aus Automaten und von Händlern am Straßenrand. Papier- und Plastikbecher, Wegwerf-Lunchboxen mit Plastikbesteck wurden zu bequemen Begleitern im Alltag, ohne die wir nicht mehr leben können. Heute verwenden Thais etwa 45 Milliarden Plastiktüten pro Jahr.

Aktuell gelangen über 9 Millionen Tonnen Kunststoff jährlich in die Ozeane auf der ganzen Welt. Thailand gehört mit China, Indonesien, den Philippinen und Vietnam zu den fünf Ländern, die zusammen für 60 Prozent der weltweiten Plastikabfälle verantwortlich sind. Thailands Plastikkonsum wuchs in den 1970er Jahren als die erdölchemische Industrie zu florieren begann. Thailands petrochemischer Sektor ist der zweitgrößte in Südostasien und rangiert weltweit auf dem 16. Platz. Laut dem Plastic Industry Club – einer gemeinnützige Organisation des öffentlichen und privaten Sektors, unter der Zuständigkeit der Vereinigungen der thailändischen Industrie und Akademikern zur Identifizierung nachhaltigerer Lösungen für den Plastikkonsum im Land – kommt Kunststoff in jeder Branche, vom Automobilsektor bis hin zur Verpackungsindustrie, in Thailand im Einsatz. Weniger diskutiert wird über die Industrien zur Herstellung von Gebrauchsgütern, wie der Automobilindustrie und dem Elektronikbereich, da die Güter hier eine längere Lebensdauer haben und es weniger Sorgen um den Verwertungsprozess gibt. Kurzlebige Plastikprodukte hingegen, wie Becher, Strohhalme und Taschen sind problematischer. Insgesamt ist die Verpackungsindustrie der Sektor mit dem höchsten Plastikeinsatz.

Trend der urbanen Mittelklasse

Arunee Srisuk, eine Frau Ende 40, sagt über Plastik: „Es unterstützt unseren schnellen Lebensstil, verbessert unsere Mobilität und steigert die Lebensmittelhygiene.“ Sie erinnert sich noch daran, wie ihr Leben nach der Einführung der Kunststofftechnologie bequemer wurde. Als Kind musste sie auf einmal kein Wasser mehr in einer schweren Glasflasche herumtragen. Arunee weist darauf hin, dass Kunststoff in den letzten Jahrzehnten für die Thais zu einer effizienten und hygienischen Lösung bei Lebensmitteln und beim Kochen geworden sei. Durch den gewandelten Lebensstil und die täglichen Pendlerwege der Menschen, die länger und häufiger wurden, wurde leichtes und vermeintlich bequem zu entsorgendes Plastik unabdingbar für den Alltag. Arunee gibt zu, dass sie bei spontanen Einkäufen zu Einweg-Plastiktüten greift.

Arunee, die vor 20 Jahren in der Schweiz studiert hat, meint der aktuelle Trend, Einweg-Plastik abzulehnen, sei eine Praxis der privilegierten Klasse in Bangkok: „Es ist ein Lebensstil der Idealisten, der Reichen“, sagt sie. Es sei fast ein Ritual innerhalb der Mittelschicht geworden mit zusätzlichen Stofftaschen, persönlichen Utensilien und Bambusstrohhalmen herumzulaufen. In den sozialen Medien zu teilen wie umweltfreundlich man geworden sei, indem man traditionelle Tiffin-Stapel-Träger zur Arbeit mitbringt, werde zum neuesten Trend.

Diese Menschen, so Arunee, sind vor allem aus der städtischen Mittelklasse, die entweder in Bangkok entlang der Stadtbahnlinien wohnt, oder mit dem Auto fährt. Diejenigen, die im Niedriglohn- oder Mindestlohnsektor arbeiten (zwischen 308-325 Baht/Tag, 8-9 Euro/Tag) und die auf unzuverlässige Transportmittel, wie öffentliche Busse, angewiesen sind, würden dem neuen Anti-Plastiktrend nicht folgen können. „Sie haben keine zusätzliche Zeit zu verlieren oder den Luxus, um all die Boxen oder Verpackungen, groß genug für ihren Einkauf von ganzen Hühnern oder Fischen und ein paar Bündeln Gemüse, vorzubereiten“, sagt Arunee.

Kaew Jaichum, eine Haushälterin in ihren 60ern, bestätigt diese Situation. Sie war eine der wenigen Haushälterinnen, die kostenlose, wieder verwendbare Lunchboxen und Becher erhalten haben, aber sich weigerten diese zu benutzen. „Ich kann mich nicht bemühen, mehr Zeug in meiner Tasche zu tragen, obwohl ich weiß, dass wir ermutigt werden keine Einweg-Plastiktüten zu verwenden“, gibt Kaew zu, während sie ihr Hemd, das sie an diesem Tag beim Reinigen von Häusern getragen hat, in eine Einweg-Tasche packt. Für sie ist diese Tüte immer noch notwendig, um das schmutzige Hemd von anderen persönlichen Gegenständen und Lebensmitteln in ihrer Tasche zu trennen. Von ihrer günstigen Wohnung in einem Randgebiet von Bangkok, etwa 30 Kilometer von ihrem Arbeitsplatz entfernt, nimmt Kaew in der Regel drei Busverbindungen zur Arbeit und verbringt rund fünf Stunden täglich in dem oft überfüllten Bus.

Fehlende Alternativen

Endverbraucher dazu zu ermutigen Plastiktüten abzulehnen, ohne eine angemessene Alternative zu bieten, könnte die falsche Strategie sein, sagt Getthip Hannarong, Gründer von und Partnerschaftsmanager bei Yolo Zero Waste Your Life – einem Start-up, das versucht, Menschen dabei zu helfen, durch Recycling und Wiederverwendung ein abfallfreies Leben zu leben. Anstatt den Menschen immer wieder zu sagen keine Plastiktüten zu verwenden, sagt Getthip, sollte die Regierung Einweg-Plastik sofort verbieten und gleichzeitig eine neue Option einführen, die umweltfreundlicher und langlebiger ist als die existierenden Wegwerf-Taschen und Boxen. „Man kann nicht einfach etwas verbieten ohne den Menschen eine alternative Option zur Verfügung zu stellen“, sagte Getthip. Wenn alle Einweg-Plastiktüten jetzt verboten würden, wäre es nicht für jeden möglich, Lunchboxen zu nutzen, um eine Mahlzeit zum Mitnehmen zu kaufen. Für die Essensverkäufer aber wäre es möglich, bessere Optionen zu nutzen, um ihr take-away-Essen zu verpacken, wenn diese von der Regierung zur Verfügung gestellt würden. Derzeit würden die Verbraucher aufgefordert ihren Plastikkonsum zu reduzieren und ihre eigene Mehrwegbehälter und -utensilien mitzubringen. Jedoch hätten weder die Regierung noch die Wirtschaft umweltfreundlichere Optionen angeboten, so Getthip.

Thailand ist sich seines unnötig hohen Anteils an Einweg-Plastikabfällen bewusst, der laut dem Ministerium für Meeres- und Küstenressourcen jedes Jahr über 300 Todesfälle seltener Meerestiere verursacht. Die Regierung hat das jedoch nur langsam zum Handeln veranlasst. Während eine Gruppe von Verbrauchern schon vor fast einem Jahrzehnt angefangen hat, Einweg-Plastik abzulehnen, hat sich das Kabinett erst im April 2019 auf den Fahrplan 2018-2030 für Abfallmanagement geeinigt. Eingebracht wurde die Initiative vom Ministerium für natürliche Ressourcen und Umwelt. Der Fahrplan soll einerseits die Reduzierung von Einweg-Kunstoff fördern und zum anderen dazu beitragen umweltfreundlichere Alternativen zu finden.

In der Zwischenzeit, besonders nachdem im Mai 2018 im Magen eines toten Grindwals 80 Plastiktüten gefunden wurden, hat das Ministerium mehrere Kampagnen gestartet und private Nutzer aufgefordert den Einsatz von Plastik zu reduzieren. Supermarktketten haben, im Rahmen ihrer Corporate Social Responsibility (CSR)- Projekte, angefangen, ihre Kunden mit Hilfe zusätzlicher Mitglieder-Treuepunkte dazu aufzufordern, ihre eigenen Einkaufstaschen mitzubringen. Eine der erfolgreichsten Kampagnen einer Lebensmittel-geschäftskette war das Versprechen, für jede Plastiktüte, die in einer ihrer Filialen von Konsument*innen abgelehnt wurde, 0,2 Baht an ein lokales Krankenhaus zu spenden. Bereits innerhalb weniger Monate ermöglichte die Kampagne es dem Unternehmen, im Januar 2019 die ersten 25 Millionen Baht zu spenden.

Acht Monate nach der Einführung der staatlichen Anti-Einwegplastik-Kampagne in verschiedenen Formaten, war eine Reduktion von 1,5 Milliarden Plastiktüten, circa 2.6 Tonnen, erreicht. Bis Ende dieses Jahres plant das Ministerium ein Verbot von Kunststoffverschlüssen, OXO-abbaubaren Kunststoffen und Mikroperlen. Bis 2022 sollen vier weitere Materialen, dünne Einweg-Plastiktüten, Styroporbehälter, Einwegstrohhalme und dünne Einweg-Plastikbecher, verboten sein.

Paradorn Chulajata, Vorsitzende des Plastic Industry Club, bekräftigt, dass Verbote nicht immer die Lösung seien. Dennoch wären die Reduzierung der Plastiknutzung und die Erschließung von länger nutzbaren Optionen als Ersatz für Wegwerf-Produkte richtige Schritte hin zu einer nachhaltigeren Nutzung von Kunststoff. Eine der Missionen des Plastic Industry Club ist es dabei zu helfen die Nutzung von Einweg-Plastik zu reduzieren und gleichzeitig die Menschen über Abfalltrennung aufzuklären, damit mehr Plastikmüll in das Recyclingsystem zurückgeführt wird.
Laut Paradorn sind von den 4 Millionen Tonnen Kunststoffabfällen, die jedes Jahr in Thailand produziert werden, 1,9 Millionen Tonnen Einweg-Kunststoffe wie Strohhalme und Tüten. Nur etwa 400.000 Tonnen davon werden recycelt. 1,5 Millionen Tonnen werden auf Mülldeponien entsorgt. Von dem Müll, der außerhalb des Abfallmanagementsystems verbleibt, landen geschätzte 10.000 bis 30.000 Tonnen im Meer. Plastikmüll in den Recyclingprozess zu integrieren sei der einzige Weg, dies verhindern, so Paradorn.

Genau das ist es, was Getthip und ihr Start-Up versuchen zu erreichen: Der Kunststoffabfall soll in das Recyclingsystem zurück wandern, indem alle Arten von gebrauchtem Plastik wiederverwertet und manche in Designprodukte verwandelt werden. In vielen Ländern, darunter auch in Deutschland, darf eine Trinkflasche eine bestimmte Menge an recyceltem Kunststoff enthalten. Die Tatsache, dass recyceltes Plastik in Lebensmittelverpackungen, wie beispielsweise in Wasserflaschen, in Thailand nicht verwendet werden darf, führt dazu, dass Unmengen von Plastikmüll in etwas umgewandelt werden, was wir nicht unbedingt brauchen, wie Kunststoff-Eimer oder -Becken. So werden Berge von gebrauchten Sodaflaschen, mit bestimmten Farbschemata, zu etwas anderem recycelt, anstatt daraus wieder Sodaflaschen der gleichen Marke herzustellen.

Paradorn befürwortet die Wiederverwertung von Plastikflaschen. Sie sagt, der Plastic Industry Club habe versucht, die Regierung zu überzeugen, dass gebrauchte Wasserflaschen mit Hilfe fortschrittlicher Technologie zu neuen Flaschen in Lebensmittelqualität recycelt werden können. Paradorn meint, nicht Plastik sei das Problem, sondern der Über-Konsum. Es wäre besser, wenn die Verbraucher*innen versuchen würden, ihren Plastikkonsum zu reduzieren und gleichzeitig eine umweltfreundlichere Option angeboten bekämen.

Arunee und Chaiyuth stimmen zu, dass das Verbot von Plastik ein Thema für alle sein sollte, nicht nur für die Mittelschicht. Chaiyuth, der selbst erst seit ein paar Jahren wirklich ernsthaft versucht, ein Leben frei von Wegwerf-Plastik zu führen, versteht zwar auch die Rahmenbedingungen der Pendler*innen, wie Kaew. Dennoch wünscht er sich, jeder Mensch würde zumindest versuchen, die tägliche Nutzung von Kunststoff so weit wie möglich zu reduzieren.

Übersetzung aus dem Englischen von: Martin Lassak und Tamara Bülow.

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Editorial südostasien 2/2019:
In aller Munde: Plastik in Südostasien

Indonesien: Die beliebte Urlaubsinsel Bali wird jährlich von über fünf Millionen Touristen besucht. Ende 2017 ließ Balis Regierung den Müll-Notstand ausrufen. Ein Weckruf, der ein Jahr später zur Deklaration eines längst überfälligen Verbots von Einwegplastik seitens der balinesischen Regierung führte.

 

Indonesien gilt als zweitgrößter Plastikmüll-Verursacher weltweit. Im Jahr 2010 wurden in Indonesien 3.22 Millionen Tonnen Plastikabfall unkontrolliert entsorgt, wovon schätzungsweise ein Drittel im Ozean landete (Jambeck et al. 2015: Plastic waste inputs from land into the ocean, in: Science 347(6223): 768-771).

Auf der Insel Bali, die mit mehr als fünf Millionen Besuchern pro Jahr mehr Touristen als Einwohner verkraften muss, ist die Müll-Situation besonders alarmierend. Auch wenn es schwer ist, die Herkunft des Abfalls an Balis Stränden zurückzuverfolgen, so schätzen Expert*innen des Instituts für marine Ökosystem und Fischereiwissenschaften der Udayana Universität, dass bis zu achtzig Prozent vom balinesischen Festland selbst stammt. Es mangelt an einem umfassenden Abfallmanagement-System. Der Müll wird vielerorts aufgrund fehlender Alternativen in Flüssen, Grünflächen und am Straßenrand abgeladen oder schlichtweg verbrannt. Einzig informelle Müllsammler*innen verfrachten Abfälle zu offiziellen Mülldeponien, welche jedoch ein weiteres immenses Schadstoffpotential darstellen. Dort bleiben die Abfälle offen liegen. Es gibt kein ausgereiftes Mülltrennungs- und Verwertungssystem.

Ein signifikanter Teil des Abfalls Balis endet jedoch einfach unkontrolliert im Ozean, wo er eine zunehmende Gefahr darstellt. Kunststoffteile werden von Meerestieren für Nahrung gehalten – in vielen Fällen ein tödlicher Irrtum. Untersuchungen eines australischen Forscherteams an Meeresschildkröten haben gezeigt, dass der ‚Verzehr’ von Plastik für junge Schildkröten am tödlichsten ist. Schon ein einziges Stück Plastik kann tödlich sein. Auch für uns Menschen kommen die Folgen unseres Konsums zu uns zurück: Angeschwemmt an Strände ist Plastik sichtbar. Wie viel davon über die Nahrungskette in den menschlichen Organismus zurückgeht und welche Folgen das hat, ist bislang kaum erforscht.

Die Verordnung Nr. 97/2018 – ein Rettungsanker?

Aufgrund der Abhängigkeit von der Tourismusindustrie konnte Balis Müllproblem nicht länger ignoriert werden. In den sozialen Medien kursierten vermehrt Bilder vom „Müllparadies“. NGOs und Grassroot-Initiativen haben sich seit Jahren dem Problem verschrieben. Mit zunehmendem Druck durch die Öffentlichkeit musste sich schließlich auch die Regierung bewegen.

Mit der Verordnung Nr. 97/2018 zielte Balis Gouverneur Wayan Koster auf einen 70-prozentigen Rückgang der Plastikverschmutzung des maritimen Ökosystems der Insel innerhalb eines Jahres nach dem Inkrafttreten Mitte 2019 ab. Zweifelsfrei stößt eine derartige Regulierung auf eine Vielzahl an Befürwortern, auch auf globaler Ebene. Die jüngste Entwicklung nährt die Hoffnung, dass die Plastikproblematik der Insel nun an der Wurzel angegangen werden kann. Zugleich stellt sich jedoch die Frage, inwieweit das Verbot eine effektive Reduzierung des Plastikmülls in den Meeren durchzusetzen vermag, oder ob es lediglich an der Oberfläche eines tiefer verankerten Abfallmanagement- und Verpackungsproblems ansetzt.

Ein Einwegplastikverbot in der Theorie

Die Einzelheiten des Gesetzes sind recht detailliert aufgeführt und der Wortlaut ist durchaus ambitioniert. So zielt die Verordnung laut Artikel 2 nicht nur darauf ab, durch die Reduzierung von Einwegplastikmüll die Reinheit, Harmonie und das ökologische Gleichgewicht aufrechtzuerhalten, sondern auch das Recht der Allgemeinheit auf ein gutes und gesundes Leben ohne Schadstoffbelastung und Umweltverschmutzung zu sichern. Zu guter Letzt forciert die Verordnung eine gesamtgesellschaftliche Partizipation in Sachen Umweltschutz.

Dabei beinhaltet das Verbot jedoch nur drei Sorten von Einwegkunststoff: Plastiktüten, Polystyrol (Styropor) und Plastikstrohhalme. Eine derartige Limitierung mag zunächst ernüchternd wirken denn die weit verbreiteten Plastikflaschen sowie Lebensmittelverpackungen werden nicht berücksichtigt. Zwar machen die betroffenen drei Plastiksorten einen beträchtlichen Teil des Abfalls an Balis Küsten aus, wie die Statistik des wahrscheinlich umfassendsten Beach Clean-Ups Anfang 2019 zeigt. Die Clean-Up Aktion war eine Initiative von One Island One Voice, einem Kollektiv von Organisationen die sich für eine Lösung des Abfallproblems engagieren. Sie umfasste eine Vielzahl von Stränden, Flüssen, Straßen, Dörfern und Städten, die über die ganze Insel verteilt lag und involvierte 13.000 Menschen an 150 Orten. Die Auswertung zeigte, dass Plastikstrohhalme 12 Prozent, Plastiktüten 15 Prozent und Styropor fünf Prozent des mehr als 30 Tonnen zusammen getragenen Abfalls darstellten. Zugleich machten von der Verordnung Nr. 97/2018 nicht betroffene Lebensmittelverpackungen mit 22 Prozent und ebenfalls weiterhin erlaubte Plastikflaschen mit 16 Prozent immer noch die Mehrheit des Mülls aus.

In Bezug auf betroffene Stakeholder deckt die Verordnung eine größere Bandbreite von Akteur*innen ab. Denn laut Artikel 6, Paragraph 1-4 sind sowohl Produzent*innen, Händler*innen, Lieferant*innen, Wirtschaftsakteur*innen als auch Gemeinden, traditionelle Dörfer, und Konsument*innen dazu verpflichtet, den Gebrauch von genannten Einwegkunststoffen nicht nur zu unterbinden, sondern auch Alternativen zu produzieren, zu verbreiten und zu nutzen. In der Theorie lautet die Strategie zur Umsetzung dieses umfassenden Verbots wie folgt: existente Materialien identifizieren und zusammentragen, Ausgangsdaten zu deren Nutzung erheben und evaluieren, Aktivitäten planen und Jahresziele festlegen. Zudem sieht die Regulierung Aufklärungsarbeit sowie eine Reihe von Kampagnen mit dem Ziel, die Nutzung von umweltfreundlichen Alternativen anzuregen, vor.

Korruption, Bequemlichkeit und die Plastiklobby

Auf dem Papier klingt die Regulierung viel versprechend, die Implementierung wird jedoch eine große Herausforderung darstellen. Laut Transparency International herrscht in Indonesien mit einem Korruptionswahrnehmungsindex von 38 (auf einer Skala von 0 bis 100, wobei 100 die geringste Wahrnehmung von Korruption anzeigt) ein hohes Maß an Korruption, was eine wesentliche Einschränkung der Steuerungsfähigkeit der politischen Führung darstellt.

Eine weitere Problematik ist das dezentrale Abfallmanagement-System Balis. Laut Daten der Stiftung ROLE findet 95 Prozent Balis Abfallentsorgung effektiv auf kommunaler Ebene statt. Desas (Dörfer) sowie Banjar (Dorfeinheiten) spielen damit eine Schlüsselrolle in dem erforderlichen Wandel. Genau hier greift die Verordnung wissentlich und bietet wichtige Anreize für eine Implementation auf traditioneller Dorfebene. Laut Paragraph 20, Artikel 1-2, kann ein Desa Adat (traditionelles Dorf) welches das Verbot erfolgreich umsetzt Unterstützung von der Regierung in Form infrastruktureller Einrichtungen oder Fördermitteln erhalten.

Ein weiteres großes Hindernis stellt die Alltagsgewohnheit dar, Mahlzeiten und Getränke mehrheitlich zum Mitnehmen an Straßenständen zu kaufen. Besonders hierfür ist Einwegplastik nicht nur zweckdienlich, sondern bis dato auch die einzige kostengünstige Option. In diesem Zusammenhang ist der Wandel hin zu umweltfreundlichen Alternativen vor allem für klein- und mittelständische Unternehmen nur schwer realisierbar. Asana Viebeke, ein Kleinunternehmer zitiert vom Online-Magazin Mongabay, wünscht sich neben Aufklärung durch die Regierung auch Subventionen für alternative Verpackungsstoffe.

Einem großen Teil der Bevölkerung fehlt das Wissen über die Gefahren, die Einwegplastik für Umwelt und Gesundheit darstellt. Wenn hier keine Breitband-Aufklärungsarbeit betrieben wird, ist es unwahrscheinlich, dass die Bevölkerung ihren Lebensstil ändern wird. Und selbst wenn sie es zügig täte, würde das noch nicht viel bewirken, denn Touristen verbrauchen im Schnitt fünfmal so viele Ressourcen wie lokale Bewohner und tragen somit einen immensen Teil zum wachsenden ‚garbage mountain’ bei.

Betroffene Plastikproduzenten klagen zudem bereits, dass ein Wechsel zu alternativen Produkten eine erhebliche ökonomische Barriere darstelle, nicht zuletzt da die Verordnung in diesem Zusammenhang keinerlei Subventionen oder Zuschüsse vorsieht. So hat der indonesische Plastik-Recycling Verband Asosiasi Daur Ulang Plastik Indonesia ADUPI bereits eine Klage gegen das Verbot eingereicht.

Grund hierfür ist der dabei entstehende Engpass an recycelbarem Material sowie die Mutmaßung, das Verbot für den balinesischen Markt ziehe fatale Geschäftsschädigungen für indonesische Plastik-Produzent*innen nach sich. Die Fakten sprechen jedoch mehrheitlich gegen die Vorwürfe. Laut einer Studie aus dem Jahr 2018 werden in Bali nur 6,8 Prozent der kommunalen Feststoffabfälle ganz Indonesiens überhaupt recycelt (Widyarsana et al. 2018: municipal solid waste material flow in Bali province, Indonesia. Bandung Institute of Technology, Indonesia).

Insbesondere Strohhalme sind zu filigran für große industrielle Recyclinganlagen und werden laut dem Plastic Recycling & Recycability Report der Indonesian Waste Platform, verfasst unter anderem von Vorstandsmitgliedern von ADUPI selbst, zum größten Teil nicht recycelt. Tiza Mafira, Mitbegründerin der Bewegung Gerakan Indonesia Diet Kantong Plastik (GIDKP), fordert Organisationen in diesem Zusammenhang auf, die Öffentlichkeit nicht mit der Annahme irrezuführen, Recycling alleine könnte jegliche Abfallprobleme lösen. Vielmehr sollten Recycling-Tätigkeiten eine Symbiose mit dem Verbot von Einwegplastik eingehen. In Bezug auf die eingereichte Klage argumentiert Tiza „Diese Vorschriften verbieten Einwegkunststoffe, die beim Recycling keinen hohen Wert haben, wie Plastiktüten und Strohhalme. Sie schaden also weder Recycling-Akteuren noch Müllsammler*innen, die überhaupt kein Interesse an ihnen haben”.

Bambus-Strohhalme und Bananenblätter

Balis Gouverneur scheint sich der Hürden bewusst und kündigte Sanktionen wie beispielsweise eine Nichtverlängerung von Geschäftsgenehmigungen im Falle von Missachtungen des Gesetzes an. Seine Strategie um eine erfolgreiche Implementierung der Regulierung sicherstellen zu können, zitiert von der Tageszeitung The Jakarta Post: “If they [businesses] disobey, we will take action, like not extending their business permit“. Neben derartigen Sanktionen kündigte Koster zudem an, ein Team von Beamt*innen, Akademiker*innen, Nichtregierungsorganisationen, Unternehmen und religiösen Führungspersönlichkeiten zu formen, welches Monitoring- und Unterstützungsmaßnahmen übernehmen soll.

Allen Widrigkeiten zum Trotz: Bereits vor dem endgültigen Inkrafttreten der Regulierung Mitte 2019 zeichnen sich erste Erfolge ab. Größere Supermärkte und Einzelhandelsketten haben Plastiktüten verbannt und verkaufen stattdessen wieder verwendbare Einkaufstaschen. Zudem ist eine wachsende Zahl an Cafés, lokalen Restaurants, Bars und Hotels komplett auf Edelstahl- oder Bambus-Versionen von Strohhalmen umgestiegen. Tiza Mafira, Leiterin von GIDKP, zeigt sich hoffnungsvoll: “Mehrwegbeutel anstelle von Plastiktüten, Essensboxen anstelle von Styropor, sowie Bambus- oder Edelstahlstrohhalme anstelle von Plastikstrohhalmen werden mittlerweile überall verkauft. Vorschriften, die Einwegkunststoffe verbieten, sollen eigentlich niemanden belasten oder bestrafen. Stattdessen fördern sie nachweislich Änderungen im Verbraucherverhalten, um umweltfreundlicher zu sein”.

Auch zeichnet sich eine Tendenz zurück zu traditionellen Verpackungsmaterialien aus Zeiten vor der Plastikinvasion ab. Frisches Gemüse, Süßwaren und einfache Reisgerichte werden wieder in Bananenblätter verpackt. Der Wandel ist jedoch noch überwiegend dort zu beobachten, wo die finanziellen Ressourcen gegeben sind (vgl. dazu auch Artikel von Sirinya Wattana in dieser Ausgabe) oder wo Maßnahmen der Imageverbesserung in Bezug auf westliche Besucher*innen als essenziell erachtet werden.

Mit dem Verbot ist nun zumindest der legale Rahmen geschaffen, um einen nachhaltigen Wandel voranzutreiben. Die Einschätzung Ni Wayan Ani Yulindas, Mitbegründerin der PlastikDetox-Kampagne, scheint diese Annahme zu bestätigen: „Wir haben gesehen, dass balinesische Einwohner die Regelung mit Begeisterung aufgenommen haben. Viele Supermärkte, Restaurants, kleine Läden und große Einzelhändler haben Plastiktüten verbannt, noch bevor die Vorschrift in Kraft trat. Und sie haben begonnen, lokales Kunsthandwerk als Alternative anzubieten, gewebte Körbe, Bambusstrohhalme und Lebensmittelverpackungen aus Bananenblättern. Dies zeigt auch den Stolz auf die balinesische Kultur“.

Studien haben gezeigt, dass der Schlüssel im Kampf gegen das Problem der Verschmutzung durch Plastikabfälle in einem ganzheitlichen Ansatz liegt. Die drei R’s (reduce, reuse and recycle) haben sich seit dem Weltgipfel für nachhaltige Entwicklung 2002 zu einem weit verbreiteten Ansatz etabliert und werden unter anderem vom United Nations Environment Programme (UNEP) stark forciert. Regulatorische Interventionen sind hierbei eine ausschlaggebende Komponente in Richtung eines nachhaltigen Paradigmen-Wechsel, müssen jedoch mit einer verbesserten Abfallsammlung und – wirtschaft, Aufklärungsarbeit sowie der Bereitstellung von wieder verwendbaren und ökologischen Ersatzprodukten kombiniert werden. Kurzum, während Bali definitiv einen verbesserten End-of-the-Pipe-Ansatz in Form von Abfallmanagement und Recycling benötigt um die bestehenden Müllberge zu minimieren, scheint das Verbot zumindest ein wichtiger erster Schritt in Richtung Versiegen von Quellen neuer Einweg-Kunststoffe zu sein. Durch die Schaffung von Anreizen zur Reduzierung von Abfällen stellt es damit die erste Maßnahme der drei Kernpraktiken (Reduzierung, Wiederverwertung und Recycling) nachhaltigen Abfallmanagements dar.

Der Einwegplastikverbot Balis schürt also Hoffnung, dass der Plastikmüll-Notstand Indonesiens weder seitens der Politik noch der Gesellschaft länger toleriert wird. Auch wenn ein 70-prozentiger Rückgang der Plastikverschmutzung im Meer innerhalb eines Jahres utopisch klingt: Ein Anfang ist gemacht.

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Editorial südostasien 2/2019:
In aller Munde: Plastik in Südostasien

Malaysia: Heng Kiah Chun hat für Greenpeace Malaysia die Untersuchungen zu den Auswirkungen der groß angelegten Plastikmüllimporte aus dem Globalen Norden geleitet. Im Interview spricht er über die Folgen für Mensch und Umwelt und den Widerstand von betroffenen Communities. Das Interview wurde in Kuala Lumpur geführt, nach einer Exkursion zu illegalen Plastikdeponien im Hafengebiet von Klang, wo der Autor unter den Müllbergen auch Plastikverpackungen aus deutschen Supermärkten fand.

Laut dem Greenpeace Bericht „The Recycling Myth“ hat sich der globale Handel mit Kunststoffabfällen aus den Ländern des globalen Nordens nach Südostasien verlagert, seit China im letzten Jahr den Import von Plastikmüll verboten hat. Im Jahr 2018 hat Deutschland 100 000 Tonnen Kunststoffabfälle nach Malaysia verschifft. Was passiert mit dem Plastikmüll, nachdem er die malaysischen Häfen erreicht hat?

Während unserer Untersuchungen erhielten wir immer wieder Beschwerden von Anwohner*innen und lokalen Communities. Sie fanden eine Menge Plastikmüll aus anderen Ländern im Umfeld der Dörfer und Siedlungen, in denen sie wohnen. Am Anfang dachten wir, es sei nur eine kleine Müllhalde mit malaysischem Müll. Nachdem wir das überprüft hatten, waren wir schockiert. All dieser Plastikmüll stammte aus entwickelten Ländern und kam über die Häfen nach Malaysia. Nicht nur zehn Kilo oder 100 Kilo – Millionen Tonnen Plastikmüll, die nach Malaysia verschifft werden. Wir haben festgestellt, dass der größte Teil davon aus den USA, Großbritannien, Deutschland, Japan und anderen Industrieländern stammt. Nach Angaben der Behörden importieren Unternehmen all diese Kunststoffabfälle, weil sie angeblich recycelbar sind. Aber in unseren Untersuchungen haben wir festgestellt, dass nicht alle Kunststoffabfälle recycelt werden können. So werden beispielsweise Einwegplastik und der kommunale Abfall einfach unter freiem Himmel verbrannt oder in verlassenen Gebäuden und Palmölplantagen entsorgt. Deshalb beklagen sich die Menschen in Jenjarom und Klang darüber, dass vor einigen Monaten jede Nacht Plastikmüll verbrannt wurde.

Welche Auswirkung hat das Ganze auf Menschen und Umwelt in diesen Regionen?

Die Menschen beklagen sich darüber, dass sie öfter krank werden. Menschen, die Asthma haben, berichteten, dass ihr Asthma sich verschlechtert hat.Das größte Problem für die Menschen ist die Luftverschmutzung. Der Plastikmüll wurde schon seit Anfang letzten Jahres heimlich in diesen Gebieten abgeladen, aber nicht viele Leute nahmen das als großes Problem wahr. Das Problem wurde schlimmer, als unverantwortliche Leute begonnen haben, den Müll einfach anzuzünden. Das Verbrennen des Plastiks verursacht Luft-, Wasser- und Bodenverschmutzung. Die Luftverschmutzung macht viele Menschen krank. Sie bekommen Atembeschwerden. Deshalb protestierten sie und forderten die Regierung auf, nicht zuzulassen, dass all diese Plastikabfälle ins Land gelangen.

Welche Schritte haben die betroffenen Anwohner*innen gegen diese Verschmutzung ihres Lebensraums unternommen und welche Strategien des Widerstands haben sie entwickelt?

Als die betroffenen Communities mit ihrer Kampagne begannen, gingen sie in der Regel zu den illegalen Deponien, um Fotos und Videos zu machen. Danach beschwerten sie sich bei den lokalen Behörden. Aber oft stehen sie vor der Herausforderung, dass die Regierung nur langsam reagiert und die verantwortlichen Beamten sagen, dass die Fotos und Videos nicht authentisch sind oder vor langer Zeit aufgenommen wurden. Wenn wir sie unterstützen, bieten wir Schulungen und regelmäßige Treffen an und statten sie mit der App Timestamp aus, damit die Kamera die GPS-Position, Datum und Uhrzeit in die Bilder und Videos integriert. Dieses Instrument ist sehr wirkungsvoll und die Bilder und Videos wurden zu einem starken Beweis, mit dem wir die Regierung davon überzeugen konnten, sofort Maßnahmen zu ergreifen. Durch den Prozess entwickelt sich ein starkes Gemeinschaftsgefühl in den Communities und sie führen die Beschwerden gemeinsam. Deshalb hat die Regierung auch einige positive Maßnahmen ergriffen. Ende März führte die malaysische Regierung Razzien in mehr als 100 illegalen Plastik-Recycling-Fabriken durch. Das ist ein positives Ergebnis. Aber wir wollen auch darauf aufmerksam machen, dass es sich hier um ein globales Problem handelt. Das ‚Hochnehmen’ der illegalen Fabriken ist ein guter Schritt, aber es ist auch wichtig, die Probleme von der Ursache, von der Wurzel her anzugehen. Denn wenn die Regierung die illegalen Recycling-Fabriken schließt, verlagern die Unternehmen ihre Aktivitäten in andere Gebiete. Nicht nur Selangor, nicht nur Jenjarom und Klang. Sie ziehen weiter in andere Regionen.

Welche Art von Unternehmen betreiben das Recycling-Business?

Wir stehen auch in Kontakt mit der legalen Plastik-Recycling-Industrie. Diese Leute sagen, sie arbeiten mit Plastik, das recycelt werden kann, beispielsweise sauberem Plastik aus Industrieabfällen. Aber es gibt eben auch Plastik, das nicht recycelt werden kann, zum Beispiel Einweg-Kunststoffe und der Müll aus privaten Haushalten. Dieser Plastikmüll ist dreckig und die Recycling-Industrie sagt, dass sie damit kein Geld verdienen kann. Sie können nur Geld verdienen, wenn sie den sauberen Industrieabfall verarbeiten. Um Plastik zu recyceln, muss es gewaschen und geschmolzen werden, und wenn dieser Prozess – auch in den legalen Fabriken – nicht richtig durchgeführt wird, verursacht er Umweltverschmutzungen.

Nachdem China die Einfuhr von Kunststoffabfällen verboten hat, sind einige der festland-chinesischen Recycling-Firmen nach Malaysia umgezogen und haben hier ihre Geschäfte aufgebaut. Gleichzeitig haben sie auch ihre eigenen Praktiken mitgebracht. Das heißt sie verarbeiten nur einen Teil des Plastiks während der Anteil, der nicht recycelt werden kann, einfach verbrannt wird. Das ist alles andere als nachhaltig.

Warum denkst du das festland-chinesische Recycling-Unternehmer gerade Malaysia ausgewählt haben, um umzusiedeln? Warum steht Malaysia derart im Fokus des Handels mit Plastikmüll?

China war lange die Müllhalde der Welt. China hat früher den ganzen Plastikmüll aufgenommen. Aber nachdem die chinesische Regierung das Verbot angekündigt hat, verlagern chinesische Unternehmen ihr Geschäft nach Südostasien. Es gibt einige Faktoren, warum ihnen Südostasien günstig erscheint: Erstens sind die Umweltauflagen im Vergleich zu Ländern mit hohem Einkommen nicht so streng. Zweitens gibt es auch kulturelle Gründe: Ich bin zum Beispiel malaysischer Chinese. Von der Sprache und dem kulturellen Hintergrund her können die festland-chinesischen Recycling-Unternehmer leicht mit den lokalen malaysisch-chinesischen Communities und Geschäftsleuten sprechen. Auch darin sehen sie einen Vorteil, wenn es darum geht, ihr Unternehmen nach Malaysia zu verlagern.

Warum ist es so profitabel, diese Recyclingunternehmen zu betreiben, wenn der gekaufte Plastikmüll einfach in der Umwelt abgeladen und verbrannt wird?

Aus dem recycelten Plastik werden Pellets hergestellt und für einen besseren Preis weiterverkauft. Aber nicht der ganze Plastikmüll kann recycelt werden. Wenn der ganze Müll recycelt werden könnte, würde niemand ihn einfach verbrennen. Das heißt, einige illegale Unternehmer kaufen gemischten Plastikmüll. 30 bis 40 Prozent sind recycelbar, der Rest wird einfach irgendwo abgeladen und verbrannt. Die illegalen Unternehmer machen dabei trotzdem Gewinne, weil sie keinen Umweltstandards folgen.

Wohin werden die Pellets und das recycelte Material verkauft und welche Produkte können daraus hergestellt werden?

Soweit ich weiß, wird das recycelte Material wieder nach China verschifft und zu neuen Plastikprodukten weiterverarbeitet.

Wer arbeitet eigentlich in den Recycling-Fabriken und wie sind dort die Arbeitsbedingungen.

So wie ich das verstanden habe, gibt es Kriterien der Regierung die einen Mindestlohn garantieren und die Ausbeutung von Arbeiter*innen verhindern sollen. Aber es gibt viele Fälle, in denen die Regierung illegale Fabriken hochgenommen hat und dort viele illegale Arbeitsmigrant*innen vorfand. Dort waren die Arbeitsbedingungen sehr schlecht. Aber Greenpeace befasst sich in erster Linie mit den Auswirkungen auf die Umwelt. Arbeitsbedingungen sind ein Problem, auf das wir bis jetzt noch keinen Fokus legen konnten.

Spielt heimischer/malaysischer Plastikmüll auch eine Rolle im illegalen Recycling-Business und dem Verbrennen von Müll?

Die größten Probleme verursacht der importierte Müll. Denn als China vor einigen Jahren noch die meisten Plastikabfälle aus dem Norden angenommen hat, gab es in Malaysia kein so großes Müllproblem. Also ich meine es gab schon immer Probleme damit, dass Leute ihren Müll irgendwo abladen, aber das ist kein Vergleich zu der Situation, die wir jetzt haben. Unsere Studie zeigt, dass mehr als 19 Länder ihren Müll nach Malaysia verschiffen. Das Ausmaß ist einfach riesig.

Wie hat die malaysische Regierung bisher auf das Problem reagiert? Ich habe gehört, dass darüber diskutiert wird, Plastikmüll-Importe ganz zu verbieten?

Nachdem wir diesen Bericht veröffentlicht hatten, haben wir eine Pressekonferenz einberufen, und zahlreiche Vertreter internationaler Medien kamen nach Malaysia, um daran teilzunehmen. Die malaysische Regierung kündigte in diesem Kontext an, dass sie den Import von Plastikmüll nicht verbieten wird, weil das Recycling-Business Einkommen generiert, und zum Wirtschaftswachstum beitragen kann. Sie kündigten aber an, strengere Regeln einzuführen, was bedeutet, dass sie all diese Einweg- und kommunalen Kunststoffabfälle nicht mehr ins Land lassen und nur noch sauberen, recycelbaren Plastikmüll importieren wollen. Aber in unserer Untersuchung haben wir festgestellt, dass in einigen der nach Malaysia verschifften Container das saubere Plastik mit dem schmutzigen Plastikmüll gemixt worden ist. Das ist immer noch ein Problem. Sogar die Regierung hat das zugegeben. Sie können nicht alle Container überprüfen. Denn wenn der Zoll einen Container öffnet, sieht er vorne den sauberen industriellen Plastikmüll, aber tatsächlich ist der schmutzige Plastikmüll dahinter versteckt.

Wie wichtig ist das Recycling-Business für die malaysische Wirtschaft? Denn, wie du schon erwähnt hast, ist das ja immer ein Argument der Recycling-Unternehmer und auch der Regierung.

Wir möchten betonen, dass wir nicht generell gegen Entwicklung sind, aber wir unterstützen Konzepte für eine nachhaltige Entwicklung und eine Kreislaufwirtschaft. So lange Entwicklung nicht mit Umweltverschmutzung und der Belastung der lokalen Communities einhergeht, haben wir kein Problem damit. Unsere größte Sorge ist die schwache Durchsetzung der Gesetze durch die Behörden, was dazu führt, dass noch mehr Menschen Opfer der Plastikimporte werden. Es sind die Menschen vor Ort, die die Konsequenzen tragen müssen. Die malaysische Regierung sagt, die Plastikmüllimporte generieren Einkommen für unser Land. Aber das ist keine nachhaltige Entwicklung. Denn wir müssen das Problem von der Quelle, von der Wurzel her lösen. Deshalb fordern wir von der Regierung nicht einfach nur, die Einfuhr von ausländischem Plastikmüll zu stoppen. Das würde vielleicht die Probleme in Malaysia lösen. Aber wenn die Regierung die Plastikmüllimporte nach Malaysia einfach verbieten würde, dann würden die exportierenden Länder sich nach Alternativen umsehen. Sie würden ihren Müll dann beispielsweise nach Indonesien, Thailand oder Vietnam verschiffen. Um das Problem von der Wurzel her zu lösen, müssen wir an der Quelle ansetzen, und das sind die großen Konzerne, vor allem die Produzenten schnelllebiger Konsumgüter. Die Konzerne müssen den Verkauf von Einwegplastik klar reduzieren und in bessere Alternativen investieren. Gleichzeitig tragen auch wir als Konsumenten durch unseren zu hohen Verbrauch von Einwegplastik zur derzeitigen Situation bei. Diese Probleme zu lösen ist unsere Hauptaufgabe und es ist wichtig, dass mehr Regierungen und Konzerne daran arbeiten, und zwar so bald wie möglich.

Welche Unternehmen produzieren und verkaufen das meiste Einwegplastik in Malaysia?

Ich würde sagen, nicht nur in Malaysia, sondern global, die bekanntesten Marken. Nestle, Unilever, Kellogg’s – die spielen eine wichtige Rolle. Die haben auch die Ressourcen, um in bessere Alternativen zu investieren. Stell dir vor, eines Tages führen all diese großen Konsumgütermarken bessere Verpackungssysteme ein. Das würde sich auf deren Lieferkette in der ganzen Welt auswirken. Und wenn du das ganze Einwegplastik überprüfst, siehst du, dass es überwiegend von den bekannten globalen Marken stammt und die maximieren ihren Profit in diesem Prozess. Deswegen sollten sie ihre Ressourcen bereitstellen und in bessere Alternativen investieren. Wir glauben, dass sich die gegenwärtige Situation mit technologischen Innovationen verbessern lässt.

Was empfiehlst du der europäischen Zivilgesellschaft, aber auch der Politik? Was können wir in Europa tun, um die Situation zu verbessern?

Das ist global betrachtet ein kaputtes System: Global werden tatsächlich nur neun Prozent des Plastikmülls recycelt, zwölf Prozent werden in Anlagen verbrannt und der Rest, 79 Prozent landen einfach in der Umwelt, zum Beispiel auf Deponien oder im Meer. Nicht jede Form des Plastikmülls kann recycelt werden. Der zweite Punkt ist: Malaysia und andere Länder sollten nicht als globale Müllhalde benutzt werden und alle Länder sollten mit ihrem eigenen Müll haushalten. Malaysia ist ein kleines Land. Malaysia hat sein eigenes, heimisches Müllproblem. Deswegen hat Malaysia keine Kapazitäten mit all dem Plastikmüll aus dem Ausland fertig zu werden. Das ist ein globales Problem, nicht nur ein malaysisches, indonesisches, amerikanisches oder deutsches Problem. Es ist ein globales Problem und wir können das nur gemeinsam lösen.

Aus einer globalen Perspektive würde ich sagen: Es ist gut zu recyceln. Aber für uns ist Recycling alleine keine Lösung. Recycling sollte die letzte Option sein. Wir müssen die ‚drei R‘ umsetzen: Reduce, Reuse, Recycle. Wenn wir ein Produkt herstellen, sollten wir zuerst über die Reduktion der Plastikanteile nachdenken. Wenn wir nicht reduzieren können, sollten wir es wiederbenutzen. Wenn Reduzieren und Mehrfachnutzung nicht möglich sind, dann sollte Recycling die letzte Option sein. Manche Leute denken sie können mehr und mehr Einwegplastik benutzen, weil es schon irgendjemand recyceln wird. Aber in Wirklichkeit – das ist jetzt der Skandal – recycelt es niemand. Um dieses Problem zu lösen, rufen wir Regierungen und Konzerne auf, klare Richtlinien zur Reduzierung von Einwegplastik zu verabschieden.

Gibt es in Malaysia Initiativen der Regierung oder auch von Unternehmen, Einwegplastik zu reduzieren?

Vor kurzem hat das Ministerium für Wissenschaft, Technologie, Umwelt und Klimawandel einen nationalen Aktionsplan für die Reduktion von Einwegplastik vorgestellt. Von diesem Jahr ausgehend bis 2030 gibt es eine Übergangsphase für die Reduktion von Einwegplastik.
Plastik hat viele Vorteile und ist sehr bequem für uns alle. Aber gleichzeitig verursacht es globale Probleme von desaströsem Ausmaß. Wir produzieren zu viel davon und wir schmeißen zu viel davon weg. Deswegen müssen wir unseren Lebensstil verändern und uns aus der Abhängigkeit von Plastik lösen. Und das ist möglich, ohne dass unsere Lebensqualität darunter leidet.

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Editorial südostasien 2/2019:
In aller Munde: Plastik in Südostasien

Philippinen: Das Sinulog Festival in Cebu City ist eins der größten Festivals auf den Philippinen – vergleichbar mit dem deutschen Oktoberfest. Millionen Menschen besuchen das Sinulog Festival jedes Jahr, was zu Tonnen an Müll führt. Eine Gruppe junger Umweltaktivistinnen hat eine Initiative gegen die Müllberge gestartet – die Sinulog Refill Revolution. So konnten mehr als 2.000 Einweg-Plastikflaschen vermieden werden.

 

Das Sinulog Festival in Cebu City, eines der größten Festivals in den Philippinen, wird seit dem 16. Jahrhundert alljährlich an jeden dritten Sonntag im Januar gefeiert. Zwar ist die Geschichte des Festivals untrennbar mit Kolonialisierung und Verbreitung des katholischen Glaubens verbunden, doch es gibt auch ältere kulturelle Traditionen, die beim Sinulog-Festival gepflegt werden. Der rituelle Tanz Sinulog wurde beispielsweise schon vor der Kolonialisierung aufgeführt.

Seit mehr als 400 Jahren wird Santo Niño – das Christuskind, und Schutzpatron der Philippinen – verehrt und beim Sinulog Festival gefeiert. Über die Jahre pilgerten die Menschen durch das ganze Land bis nach Cebu City, um ihre tiefe Hingabe für Santo Niño zum Ausdruck zu bringen. Seit 1980 organisiert die Lokalregierung von Cebu das Festival, bei dem Paraden und Tänze stattfinden, welche die philippinische Nation und dessen Glauben symbolisieren.

Festivalvideo 2019:

Mehr als zehn Tonnen Müll in zwei Tagen

Jedes Jahr zieht das Festival mehr Besucher*innen aus In- und Ausland an. Von den zwei bis drei Millionen Menschen, die das Festival besuchen, konsumiert jede*r ungefähr vier bis sechs 250ml Flaschen Wasser am Tag. Dazu kommen weitere Lebensmittelverpackungen. Wie bei jeder Großveranstaltung sind große Mengen von Müll die Folge. Mehr als zehn Tonnen Müll in nur zwei Tagen sind es im Fall des Sinulog Festivals.

Der Plastikmüll in den Philippinen steht seit zwei Jahren im Fokus der Öffentlichkeit. Schlechtes Müllmanagement, wachsende Müllberge an Land und Müllverschmutzung im Meer sind zu einem der größten Probleme geworden. Global betrachtet sind die Philippinen der drittgrößte Verursacher von Meeresmüllverschmutzung, hinter den Spitzenreitern China und Indonesien. Viele Organisationen und Umweltaktivisten fordern von der Regierung eine striktere Implementierung von Abfallmanagement und entsprechend Rechtsgrundlagen. Dafür wäre ein landesweites Verbot von Einweg-Plastik ein erster Schritt, den umwelt- und gesellschaftspolitische Akteur*innen fordern.

Kostenloses Wasser-Auffüllen statt Plastik-Flaschen-Berge

Vor dem diesjährigen Festival haben wir – eine Gruppe passionierter Individuen die sich für den Schutz der Meere einsetzen und in ihrer Freizeit Scuba-tauchen, freitauchen und reisen – über die frustrierende Plastikmüll Situation beim Sinulog Festival diskutiert und nach konstruktiven Lösungen gesucht.

Schließlich haben wir uns dazu entschlossen, kostenlose Wasser-Nachfüllungen für die Besucher*innen an zwei Refill-Stationen anzubieten. Die Finanzierung dafür kam von Cebu Eco Fix, einem von mir gegründeten Laden, der umweltfreundliche Produkte verkauft. Zum anderen unterstützte Literless PH unsere Aktion, ein weiterer Unverpackt-Laden in Cebu City, der auch in der Zulieferung tätig ist. Während des kurzen Planungsprozesses trafen wir hoch motiviert und eilig alle Vorbereitungen und suchten Freiwillige für die zwei Refill-Stationen.

Am Tag vor dem Festival legten wir final die Standorte der Refill-Stationen für das Wasser fest und erhielten die notwendigen Genehmigungen der Regierungsbehörden (Cebu City Environmental Resources Office). Wir stellten 30 große Wassercontainer bereit, die je fünf Gallonen Wasser enthielten, 15 Container pro Refill-Station. Auf der Festival-Route für Straßentänze planten wir zwei Stationen zur Ausgabe des Wassers.

Aufmerksamkeit für nachhaltigen Konsum

Während des Sinulog Festivals wurden die Nachfüll-Stationen von über 20 Freiwilligen betrieben. Wir gingen die Straßen entlang und fragten die Leute, ob sie eine kostenlose Auffüllung ihrer Wasserflasche benötigen. Darüber hinaus war es unser Ziel, Aufmerksamkeit für unseren Einsatz gegen Einweg-Plastik zu wecken.

Von Kindern bis zu Erwachsenen, alle beteiligten und informierten sich über wieder verwendbare Wasserflaschen. Bei Veranstaltungen wie diesen sind Wasserflaschen unverzichtbar, weil die meisten Leute wegen der vielen Menschenmassen und dem heißen Wetter schnell dehydrieren. Indem Wasserflaschen wieder befüllt werden, kann abgepacktes Wasser in PET-Flaschen oder Einweg-Plastik vermieden werden. Das trifft auch auf weitere wieder verwendbare Gegenstände zu. Jede*r sollte überlegen wieder verwendbares Besteck, Lunch-Boxen und Strohhalme zu nutzen. Ein bewusster Konsum würde das Anwachsen von Müllbergen in der Landschaft und Müllteppichen im Meer verlangsamen.

Die Sinulog Refill Revolution Stationen wurden von vielen Menschen sehr gut angenommen – am Ende des Tages waren 27 Container leer, lediglich drei Container sind übriggeblieben. Der Aktionstag war lang und anstrengend, allerdings mit großem Mehrwert! Wir haben es geschafft kostenfreie Auffüllungen von mehr als 2.000 Flaschen (250ml pro Flasche) auszugeben. Das bedeutet, dass genau so viele Einweg-Plastikflaschen eingespart wurden. Die Aktion war besonders durch die kollektiven Bemühungen, gemeinsam mit den Regierungsbehörden, lokalen Gruppen und der Zusammenarbeit mit der Öffentlichkeit, erfolgreich. Auch wenn wir eine solche Aktion das erste Mal organisiert haben, war es sicherlich nicht das letzte Mal. So lange es Einweg-Plastik und Müll gibt, der in unseren Ozeanen landet, hören wir nicht auf zu kämpfen!

Die Stadtregierung von Cebu City war für unsere Hilfe dankbar, Aufmerksamkeit auf das Plastikmüllthema zu lenken und hofft auf eine erneute Zusammenarbeit beim nächsten Sinulog Festival 2020. Mit unserer Erfahrung planen wir mehr kostenfreie Refill-Stationen aufzubauen, da viele unserer Freunde die Bereitschaft zeigen, diese finanziell zu unterstützen. Für 2020 hoffen wir auf mehr Freiwillige und dass mindestens die Hälfte der Besucher*innen ihre eigenen Wasserflaschen mitbringt.

Übersetzung aus dem Englischen von: Tamara Bülow

 

Impressionen von der Sinulog Refill Revolution:

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Editorial südostasien 2/2019:
In aller Munde: Plastik in Südostasien

Südostasien/Europa: Ein globales zivilgesellschaftliches Bündnis namens „Break Free From Plastic“ (BFFP) versucht, die Vermüllung der Welt zu stoppen. Mit öffentlichkeitswirksamen Aktionen und Aufklärung setzt es Konzerne unter Druck. Denn mittels der „brand audits“ von BFFP wird sichtbar, welche Unternehmen massenweise unnötige Kunststoffartikel produzieren.

Seit Jahrzehnten stellt die Industrie die Vermüllung mit Kunststoff als Problem der Abfallentsorgung dar. Diese weltweit propagierte und von der Öffentlichkeit und den Regierungen unhinterfragt akzeptierte Sicht erlaubt es den Unternehmen, massenweise weiter Plastik zu produzieren. Gleichzeitig können sie so die Schuld an der Misere mit dem Plastikmüll den Konsumentinnen und Konsumenten zuschieben – und die Verantwortung für die Abfallentsorgung den Behörden vor Ort.

Auf der ganzen Welt schließen sich Basisgruppen und Umweltorganisationen zusammen, um die Rolle der Kunststoffindustrie zu beleuchten und zu kritisieren. Seit ihrer Gründung im Jahr 2016 hat die Bewegung Break Free From Plastic (BFFP) mehr als 1400 Organisationen und Tausende von Unterstützerinnen und Unterstützern auf sechs Kontinenten vereint. Die Mitglieder fordern, Kunststoffe auf Basis fossiler Brennstoffe deutlich weniger zu produzieren und zu verwenden. Sie machen sichtbar, dass die Vermüllung durch Plastik ein systemisches Problem ist, das man an seiner Wurzel bekämpfen muss. Das Ziel der Bewegung ist ein grundlegender Wandel, der in drei Schritten erfolgen muss. Erstens versucht BFFP, die Umweltverschmutzung entlang der gesamten Wertschöpfungskette zu bekämpfen. Zweitens lenkt sie den Blick darauf, dass die Produktion der Kunststoffe vermieden werden muss, statt die Plastikflut zu bewältigen. Und drittens entwickelt sie langfristige Lösungen, wie ein Leben ohne Plastik funktionieren kann.

Doch die Herausforderung ist enorm. Beteiligt an der Produktion, dem Vertrieb und der Entsorgung von Kunststoffen sind die größten Unternehmen der Welt, darunter Ölkonzerne wie ExxonMobil, Chevron, Shell und Total; Chemieunternehmen wie Dow, BASF, SABIC und Formosa Plastics; dazu Konsumgüterriesen wie Procter & Gamble, Unilever, Nestlé, Coca-Cola und PepsiCo und Entsorgungsunternehmen wie SUEZ und Veolia. Die BFFP-Bewegung drängt die Unternehmen dazu, die Produktion von Einwegkunststoffartikeln massiv zu reduzieren. Die meisten Unternehmen allerdings, wenn nicht alle, weigern sich, ihre Kunststoffproduktion zurückzufahren. Denn das hätte zur Folge, dass sie ihre optimistischen Wachstumsprognosen korrigieren müssten. Fest verankerte Geschäftspraktiken rund um den Handel mit Einwegkunststoffartikeln würden auf den Kopf gestellt. Die Folge wären zwangsläufig niedrigere Gewinne.

Stattdessen sind die Unternehmen bestrebt, Wegwerfprodukte aus Plastik als festen Bestandteil im Alltag der Menschen weiter zu etablieren und zu erhalten. Das Bündnis BFFP drängt darauf, dass die Firmen, die die Verantwortung für ihre Umweltverschmutzung bislang auf die Verbraucher abgewälzt haben, ihre Praktiken ändern. Zu diesem Zweck organisieren BFFP und seine Partnerorganisationen so genannte „Brand Audits“, bei denen Abfälle gesammelt und nach Unternehmensmarken sortiert werden. Seit 2017 hat die Bewegung zahlreiche solcher Sammlungen in Asien, Europa, Afrika, Süd- und Nordamerika und Australien organisiert und so den Begriff „branded trash“ zu einem Schlagwort gemacht – ein Wortspiel aus „gebrandmarkter Müll“ und „Marken-Müll“. Auf diese Weise ist es ihnen bereits gelungen, Produzenten von Konsumgütern in die Defensive zu drängen. Seit ihre Marken in direkten Zusammenhang mit Müll gebracht werden, haben einige dieser multinationalen Unternehmen begonnen, sich zu Zielen zu verpflichten. So ziehen sie einige problematische Kunststoffe aus dem Verkehr und verbessern die Möglichkeiten, Verpackungen zu sammeln und zu recyceln.

Diese freiwilligen Zusagen bleiben jedoch immer noch weit hinter den Schritten zurück, die tatsächlich erforderlich wären, um die Menge an Wegwerfwaren aus Kunststoff drastisch zu reduzieren. Dank dieser „brand audits“ wird sichtbar, dass die Unternehmen massenweise problematische und unnötige Kunststoffartikel produzieren. Das BFFP-Bündnis demaskiert die Verursacher der Plastikverschmutzung und räumt mit dem Mythos der Industrie auf, nach dem die Menschen und die Abfallentsorgung das Problem seien, für das Lösungen zu entwickeln sind – insbesondere in armen asiatischen Ländern. Darüber hinaus tragen die Sammlungen dazu bei, Lösungen zu entwickeln und voranzutreiben. In Asien arbeiten mehrere BFFP-Mitgliedsorganisationen mit Städten zusammen, um auf der Grundlage von audit-Daten umweltfreundliche Systeme für die Abfallbewirtschaftung zu etablieren, die für Kommunen gut umzusetzen sind. Unter dem BFFP-Banner haben dort bereits mindestens 16 Kommunalverwaltungen zugesichert, zu Zero-Waste-Städten zu werden.

In Europa und den USA bewirken die Mitstreiterinnen und Mitstreiter der BFFP-Bewegung auf diese Weise eine wegweisende politische Neuausrichtung: das Ende der industriebedingten Einweg- und Wegwerfmentalität. Die Auswirkungen dieser Zeitenwende kommen nun auch in der Industrie an. Angesichts des wachsenden Drucks hat sich im Januar 2019 in der Branche die Alliance to End Plastic Waste formiert. Die 30 Gründungsunternehmen verpflichteten sich zu Ausgaben in Höhe von umgerechnet 1,3 Milliarden Euro, um Infrastrukturen zur Abfallbewirtschaftung und -entsorgung zu fördern, insbesondere in Asien. Dieselben Unternehmen planen jedoch, bis 2030 umgerechnet etwa 80 Milliarden Euro in den Ausbau ihrer Kunststoffproduktion zu investieren und damit die Herstellung von Plastik auf Basis fossiler Brennstoffe weiter auszubauen.

Um den riesigen multinationalen Konzernen Paroli bieten zu können, ist es entscheidend, dass die Bewegung weiter an Einfluss und Stärke gewinnt. Das Bündnis ist zwar noch jung, es wächst aber mit seinen Mitgliederzahlen und seiner Reichweite stetig in die Breite. Damit legt es den Grundstein für eine Bewegung, die sich den Interessen der Plastikindustrie langfristig entgegen stellt, bevor der Schaden unumkehrbar wird.

Der Artikel stammt aus dem im Juni 2019 veröffentlichten Plastikatlas der Heinrich Böll Stiftung in Zusammenarbeit mit dem Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) und wurde für diese Ausgabe der südostasien redaktionell bearbeitet.

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Editorial südostasien 2/2019:
In aller Munde: Plastik in Südostasien

Südostasien/Europa: Greenpeace Philippines und Greenpeace International sind Teil der ‚Break Free From Plastic’ Bewegung. Gemeinsam wurde in den Philippinen im März 2019 das Projekt ‚Ship The Plastic Monster Back’ durchgeführt. Das Ziel ist, auf die weltweite Umweltverschmutzung durch Plastik aufmerksam zu machen. Der europäische Teil der Kampagne richtete sich mit der Aktion ‚Ship it back’ an die Unternehmen, die einen Großteil des Plastikmülls produzieren – wie Unilever oder Nestlé. Im Interview berichtet Manfred Santen, Chemieexperte bei Greenpeace Deutschland und Koordinator der Kampagne in Deutschland, von ‚Plastikmonstern’ und deren Auswirkungen.

Unsere Ozeane und viele Orte an Land scheinen in Plastik zu ersticken. Seit den 1950er Jahren begann die Massenproduktion des vermeintlich ‚praktischen’, aber kaum abbaubaren Materials. Wie viel Prozent des global produzierten Plastiks werden recycelt?

Global gesehen werden weniger als 10% des Plastikmülls recycelt, rund 12% werden verbrannt und deutlich über 70% landen auf wilden oder schlecht kontrollierten Deponien. In Deutschland wird ein Großteil des Plastikmülls in Verbrennungsanlagen verbrannt – eine relativ bequeme Art, das Zeug loszuwerden. Trotzdem wird Plastikmüll nach Südostasien, beispielsweise nach Malaysia, Indonesien oder Thailand exportiert. Die deutsche Recycling-Quote liegt bei etwa 25%. 50 – 60% des Plastikmülls werden verbrannt, entweder in Müllverbrennungsanlagen oder als Brennstoff für die Zementindustrie. Der restliche Plastikmüll verschwindet im Export oder auf heimischen Deponien.

Zunehmend werden gesetzliche Rahmenbedingungen zur Eindämmung des so genannten Single Use Plastic oder Einwegkunststoffprodukten – Wattestäbchen, Einweggeschirr, Strohhalme, Plastiktüten – geschaffen. Ist die politische Konzentration auf Single Use Plastic ausreichend?

Global gesehen nein. Aber auch wir (Greenpeace) konzentrieren uns in unserer ‚Ship it back’-Kampagne auf die Vermeidung von Single Use Plastic. Wir beziehen uns in der Kampagne konkret auf Single Use Plastic von Nestlé, Protector & Gamble (P&G), Unilever und anderen. Wir sehen in der Reduzierung von Single Use Plastic den dringendsten Handlungsbedarf, der kein Abwarten mehr duldet!

Entsprechend ist die Herangehensweise von Europäischer Union und Umweltministerin Svenja Schulze ein Anfang, der dringend ausgebaut werden müsste. Frau Schulzes Fünf-Punkte-Plan zur Plastikreduktion ist gut gemeint, allerdings nicht weit reichend. Sie möchte Unternehmen und Konsument*innen auf freiwilliger Basis zur Reduktion von Plastik bewegen. Im 5. Punkt ihres Planes sollen 50 Millionen Euro in diesem Jahr bereitgestellt werden, um Technologie zur Säuberung der Meere weltweit einzusetzen – diese Bemühungen sind gut gemeint, hindern die Großkonzerne aber nicht an der weiteren Plastikproduktion!

Der Verbrauch von Plastikverpackungen in deutschen Supermärkten ist enorm. Was sollte sich dort ändern?

Die Plastikeinkaufstüten sind das beste Beispiel. Der Tütengebrauch in Supermärkten und im Einzelhandel ist deutlich gesunken. Doch an Obstständen im Supermarkt, auf dem Markt oder bei Obst- und Gemüseläden werden nach wie vor die dünnen Plastiktüten verwendet. Zwar haben die deutschen Supermarktriesen Edeka, Rewe und andere eine Absichtserklärung zur Reduzierung unterzeichnet, aber es existieren weiterhin keine behördlichen Regulierungen. Täglich werden Unmengen von Tüten verbraucht und das muss möglichst bald ein Ende haben! Gerade die dünnen Tüten landen oft über Umwege im Meer, sie sind für Schildkröten und andere Meerestiere fatal!

Einzelne Produkte von Bonbons bis zum gewaschenen Salat sind in Plastik einzeln und bequem verpackt, aber auch diese produzieren viel Müll! Hier hat Deutschland wahnsinnigen Nachholbedarf!

Was muss passieren, damit auch Plastikverpackungen stärker thematisiert werden?

Im europäischen Maßstab werden Plastikverpackungen jetzt verstärkt thematisiert. Greenpeace England hat eine sehr erfolgreiche Supermarkt-Kampagne durchgeführt. In Frankreich, Spanien und der Türkei arbeiten die Greenpeace-Büros intensiv zu Verpackungen. Aber auch andere deutsche Akteure, wie beispielsweise die Deutsche Umwelthilfe arbeiten zur Reduzierung von Verpackungen.

Ich bin verhalten optimistisch, dass Plastikverpackungen in den Supermärkten langfristig abnehmen. Die Supermarktbetreiber*innen haben gelernt zuzuhören, haben zum Teil gute Ideen und setzen diese nach vielen Gesprächen und gesellschaftlichen Druck auch um. Aber wir müssen immer am Ball bleiben – das ist die eigentliche Herausforderung.

Du warst kürzlich in Malaysia, welche Erfahrungen konntest du zum Thema Plastikmüll und Single Use Plastic mit Politikern und der Bevölkerung vor Ort machen?

Meine malaysischen Greenpeace-Kolleg*innen haben 2018 den Report The Recycling Myth (siehe Interview mit Greenpeace Malaysia in dieser Ausgabe) veröffentlicht, weshalb ich schon vorab einen Eindruck der Situation hatte. Trotzdem war ich überrascht, wie viel deutscher Abfall auf den Mülldeponien lag. Wir sind auf einen hohen Müllberg geklettert, auf dem der ganze Müll unsortiert lag. Im weiteren Gelände fanden wir 50 verschnürte Ballen Haushaltsmüll ausschließlich mit deutschen Etiketten. Der Weg des deutschen Haushaltsmülls beginnt mit der Vorsortierung und Reinigung, bevor er zu Ballen gepresst nach Malaysia verschifft wird. Dabei sind es überwiegend chinesische Unternehmen, die den deutschen Müll in Malaysia (aufgrund des chinesischen Müllimport-Stopps) nach verwertbaren Materialien sortieren. Das Material wird zerkleinert, eingeschmolzen und in Pelletform nach China verkauft. Aber über die Hälfte unverwertbarer Materialien häufen sich auf malaysischen Müllkippen an. Ich habe zum Beispiel Capri-Sonne-Verpackungen gesehen, die wegen des dreilagigen Materials und des eingesteckten Strohhalms nicht weiterverwertet werden.

Wie viele Tonnen an deutschem Müll gehen nach Südostasien seit China den Müllimport-Stopp Anfang 2018 verhängt hat?

Exportierter deutscher Müll wird offiziell als Rohstoff deklariert, da er nach Wertstoffen vorsortiert wird – der Rohstoff Plastik darf exportiert werden. 2018 wurden rund 100.000 Tonnen Plastikmüll nach Malaysia verschifft, im Vergleich zum Vorjahr hat sich der Wert verdoppelt. Auch nach Indonesien, Thailand und Vietnam wird deutscher Müll exportiert (siehe auch Artikel von Claire Arkin in dieser Ausgabe). Gemessen am deutschen Gesamtvolumen des jährlich anfallenden Plastikmülls ist der exportierte Müll gering – doch trotzdem wundere ich mich. Für ein Land wie Malaysia sind die Müllimporte gigantisch. Wir haben auf dem Müllberg Journalist*innen aus Großbritannien, USA, Australien und Neuseeland getroffen. Unser Umgang mit Plastikmüll, den wir nach Malaysia schicken, ist skandalös. Denn dort wird er gereinigt, sortiert, abgelagert – und vergessen.

Greenpeace ist mit der ‚Ship it back’-Kampagne im März 2019 mit dem Greenpeace-Schiff Rainbow Warrior III durch die Philippinen gesegelt. Wie ist es zu der Kampagne in Europa und den Philippinen gekommen?

2017 haben wir gemeinsam mit der Umweltorganisation Break free from Plastic – Philippines ein großes Küstenreinigungs-Projekt mit integrierter Markenauflistung auf der Freedom Island vor Manila durchgeführt. Wir haben 54.000 Plastiktütchen nach Marken aufgelistet und anschließend eine Rangliste erstellt: Nestlé, Unilever und P&G lagen auf den ersten Plätzen, aber auch weitere europäische, US-amerikanische und auch philippinische Marken waren vertreten. In der Manila Bay ist das globale Plastikproblem extrem sichtbar. Plastikmüll wächst besonders an Orten ohne geregelte Müllentsorgung visuell an.

Lokale Abfallsysteme können die Mengen an Plastikmüll in Sachet-Tütchen (Einzelportionsverpackungen) nicht auffangen, auch die großen Sachet-Produzenten wissen davon. Wir entnahmen auch Boden- und Wasserproben aus der Manila Bay und haben den reinsten Chemikaliencocktail vorgefunden. Gemeinsam mit Break free from Plastic, den Nichtregierungsorganisationen wie Global Alliance for Incinerator Alternatives (GAIA) oder der Mother Earth Foundation wollten wir aktiv werden. Wir waren uns einig, wir müssen den großen Plastikmüllproduzenten ihren Müll zurückbringen – ship it back!

Welche Aktionen habt ihr während der sechswöchigen Kampagne durchgeführt und geplant?

In Europa haben wir symbolisch das Monster, was die Firmen einst kreierten, auf dem deutschen Greenpeace-Schiff Beluga II den Rhein hochgefahren. Den Startpunkt an der Mündung zum Meer haben wir bewusst in Rotterdam, an der Unilever-Zentrale, gewählt. Die niederländischen Greenpeace-Gruppen haben einen großen Rave mit hunderten Leuten organisiert und das Plastikmonster in Szene gesetzt. In Köln wurde drei Tage über die Kampagne mit Musik und Vorträgen informiert. In Basel fand ein kleines Festival zum Thema Plastik statt. Der Genfer See war unser Ziel, da in der Schweiz die Firmenzentrale von Nestlé liegt. In Vevey ist das Monster vor den Toren der Nestlé-Zentrale aus dem See aufgetaucht. Und auch an der Fassade haben Greenpeace-Kletterer ein Banner mit der Forderung ‚Stop Single Use Plastic‘ entfaltet. Die Firmenleitung hat inzwischen eingeräumt, dass Recycling allein nicht die Lösung des Problems sein wird. Aber außer den Lippenbekenntnissen, in Zukunft die Ware mit weniger Plastik zu verpacken, ist aus der Nestlé-Zentrale keine haltbare Aussage gekommen.

In den Philippinen haben wir uns auf Aktionen mit der Rainbow Warrior in der Manila Bay und auf die Tour von Manila bis nach Cebu City konzentriert. Die Manila Bay symbolisiert die Plastikverschmutzung der Philippinen. Dort werden mehrmals am Tag riesige Schiffe mit Plastikmüll gefüllt und von einer Seite zur anderen Seite der Bucht gefahren, wo die Mülldeponie liegt. Wenn starke Winde über die Bucht hinwegfegen, fliegt der Müll direkt ins Meer. Wir haben in einer Aktion ein riesiges Banner mit der Aufschrift „Stop Single-Use Plastic!“ an das Müllschiff gehängt. In der Manila Bay war auch ein Tauchgang geplant, aber wegen der Verschmutzung stellte dies für die Taucher*innen eine zu große Gefährdung dar. Und für den Tauchroboter war die Brühe zu trüb. Nicht weit von Manila liegt die Isla-Verde-Passage, eine Meerenge zwischen den Inseln Luzon und Mindoro, eines der artenreichsten Unterwassergebiete weltweit. Unser Team hat die Schönheit dieser Unterwasserwelt erkundet und die Plastikverschmutzung unter Wasser dokumentiert. Wir haben die große Artenvielfalt und Korallenriffe bestaunt und waren gleichzeitig frustriert, da unter Wasser kleine bunte Tütchen von Nescafé, Maggie und Konsorten auf dem Meeresboden lagen und schwammen. Für die Natur und auch für den Tourismus ist die Müllverschmutzung im Meer fatal – der Müll bleibt und verschwindet nicht.

Welche Resonanz hat Greenpeace in der philippinischen Zivilgesellschaft auf die Kampagne erhalten?

In den sozialen Medien haben wir eine große Resonanz auf die Kampagne erhalten. Mich hat ein Artikel in einer philippinischen Tageszeitung auf der dritten Seite beeindruckt, der die Rainbow Warrior und unseren Kampagneninhalt detailliert und ungeschönt beschrieb. Viele Medienvertreter*innen kamen zu uns an Bord der Rainbow Warrior, führten Interviews und berichteten über unsere Arbeit. Die philippinischen Kolleg*innen machen tolle Arbeit, sind gut vernetzt und werden von der Politik und Zivilgesellschaft ernst genommen. Niemand kann sich im Moloch Manila vor dem Thema Müll verstecken! Viele Menschen leben neben zum Teil ‚wilden Müllbergen’ und verdreckten Flüssen, es stinkt und stört.

Konntet ihr mit eurer Kampagne auch die lokale Bevölkerung für die Probleme des Plastikmülls sensibilisieren?

Auf allen Stationen haben wir die Schiffe für Besucher*innen geöffnet. In Manila und Cebu City sind viele Interessierte auf die Rainbow Warrior III gekommen, genau wie in Köln auf die Beluga II. Insgesamt haben mehrere tausend Personen die Schiffe besichtigt und sich informiert. Cebu City schien mir dabei eine besondere Stadt, die umwelttechnisch in Bewegung ist.

In Gesprächen mit Akteur*innen aus Cebu City habe ich einen ähnlichen Eindruck gewonnen, allerdings ist die junge Umweltszene zwar sehr aktiv aber kaum organisiert. Welche Eindrücke hast du von der Umweltbewegung in Manila erhalten?

Die Umweltszene Manilas, die zu Plastikmüll arbeitet, ist organisierter, untereinander vernetzt und arbeitet aktiv mit Müllsammler*innen zusammen. Die Müllsammler*innen leben oft seit Generationen vom Müll, sind untereinander organisiert und springen ein, wenn das öffentliche Müllmanagement versagt. Einige Müllsammler*innen haben uns 2017 bei dem Brand Audit sehr geholfen den Müll zu sortieren und die Plastikstoffe aufgrund ihrer Expertise zu kategorisieren. Ganz tolle Leute! (zur Lebensrealität von Müllsammlerinnen vgl. auch Artikel „Müllbanken in Indonesien“ und „Müllsammlerinnen und ihr Umgang mit Plastik in den Straßen Phnom Penhs“)

Wie wird Greenpeace nach dem Abschluss der ‚Ship it back’-Kampagne weiter am Plastikthema arbeiten?

Die Kampagne wurde global geplant, entsprechend werden wir das Augenmerk auf andere Länder mit ähnlichen Plastikproblemen, wie Indonesien, Malaysia oder Thailand, richten. Im September werden wir beim International Coastal Clean-Up Day weltweit aktiv sein. In den Philippinen greifen wir dann noch mal das Thema Break free from Plastic auf. Wir werden international vernetzt weiter zu Plastikmüll arbeiten.

Wie könnte ein langfristiger Bewusstseinswandel bei den Plastikproduzenten erreicht werden?

Während unserer Kampagne hat Unilever leider nicht reagiert. Nestlé reagierte schon in der Vergangenheit häufiger mit Pressemitteilungen, indem sie bekräftigten, sich der Plastikproblematik anzunehmen. Wir müssen die Verursacher*innen direkter adressieren, ihnen das Plastikproblem verdeutlichen und sie in die Pflicht nehmen. Wir müssen in den Dialog treten und über effektive und plastikreduzierte Verteilsysteme in einzelnen Ländern sprechen.

Nescafé wird weltweit getrunken, allerdings müssen die Portionen nicht einzeln in Tütchen verpackt und mit Zucker und Milchpulver angereichert sein. 3-in-1 Portionierungen müssen überdacht und diskutiert werden. Nestlé hat zumindest alternative Verteilsysteme öffentlich ausgesprochen. Unser Job ist es, beharrlich zu bleiben und auf effektive und vernünftige Lösungen zu drängen – ‚so wie jetzt kann es nicht bleiben, das habt ihr selber zugegeben!’

Besonders in Südostasien werden Waren in gering dosierten Sachets verpackt und in kleinen Lädchen verkauft. Die leeren Sachets landen nach dem Gebrauch auf der Müllkippe, in der Natur oder werden direkt vor Ort verbrannt. Wie kann die Sachet-Problematik konstruktiv angegangen werden?

Eine unserer philippinischen Kolleginnen war erstaunt, dass es keine Sachets in den Niederlanden oder Deutschland gibt. Sie empfand die Situation als zynisch, da Nestlé und Unilever in den Philippinen argumentieren „Wir bringen den Filipin@s das, was sie brauchen. Da die Filipin@s wenig Geld haben und überwiegend Tagelöhner sind, kriegen sie Tagesrationen unserer Produkte.“ Monatlich summiert kosten die Tagesrationen deutlich mehr als größere Verpackungen. Das Zynische an dieser Situation ist: du brauchst Geld, um zu sparen!

Auch in Ländern wie Bulgarien werden Tagesrationen an Lebens- und Gebrauchsmitteln in Sachets verkauft. Um weltweit gegen die Müllproblematik vorzugehen, müssen wir die doppelten Standards in der Verpackungsherstellung der Großkonzerne thematisieren und alternative Lösungen suchen. In den Philippinen gibt es viele Initiativen und Gemeinden, die Müll komplett vermeiden und ohne Sachets auskommen – ich bin optimistisch.

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Editorial südostasien 2/2019:
In aller Munde: Plastik in Südostasien

Timor-Leste: Der Gebrauch von Einweg-Kunststoffprodukten soll künftig verboten werden. Bis 2030 möchte die sich entwickelnde Inselnation alle Kunststoffabfälle recyceln. Entsprechende Gesetzesentwürfe und Vereinbarungen hat der Staatssekretär für Umwelt des Landes, Demétrio do Amaral de Carvalho, jüngst auf den Weg gebracht.

„Wir wissen, dass Plastik ein großes Problem für die Umwelt ist. Wenn wir uns einig sind, dass unser Ozean unser Vermächtnis ist, dann liegt es in unseren Händen, den zukünftigen Generationen einen gesunden und produktiven Ozean zu hinterlassen“, betonte der Staatssekretär für Umwelt, Demétrio do Amaral de Carvalho, im Herbst 2018 auf der Our Ocean Conference (OOC2018) in Bali/Indonesien.

Wechsel in die Politik

Der frühere Direktor der Umweltorganisation HABURAS, ausgezeichnet mit dem Goldman Environmental Prize, war 2017 in die Politik gewechselt. Er ist Mitglied der Partidu Libertasaun Popular (PLP). Die von Taur Matan Ruak (Präsident von Timor-Leste 2012 – 2017) geführte Partei nahm erstmals bei den Parlamentswahlen 2017 teil und erreichte passable 10,58% der Stimmen. Zu den vorgezogenen Neuwahlen 2018 trat sie mit den Parteien CNRT und Khunto im Bündnis Aliança para Mudança e Progresso (AMP) an. Das Bündnis erreichte die absolute Mehrheit im Parlament und löste die von der FRETILIN und Partidu Demokratiku gebildete Minderheitsregierung ab. Nach fast einjährigem politischem Stillstand wurde Taur Matan Ruak im Juni 2018 als Premierminister vereidigt.

Im Wahlkampf prangerte die PLP die um sich greifende Korruption an. Auch setzte sie weniger auf Großprojekte zur Entwicklung des Landes als ihre politischen Gegenspieler. In der PLP finden sich auffallend viele, auch jüngere, Persönlichkeiten, die sich bislang aus politischen Ämtern fern gehalten hatten. In den von der „Generation 1975“ (Politiker*innen und Widerstandskämpfer*innen der ersten Stunde) geführten Parteien sahen sie keinen Platz für sich.

Demétrio do Amaral de Carvalho hat sich Besonderes vorgenommen: er möchte eine ‚Null Plastik Politik‘ einführen und das Land zur ersten plastik-neutralen Nation der Welt machen. Timor-Leste stehe vor großen Entwicklungsherausforderungen in den Bereichen Gesundheit, Bildung und Armut. Doch das Land habe auch die Gefahr der Plastikbelastung erkannt und müsse sie angehen.

Wachsende Müllberge

„Allein in Dili (der Hauptstadt) wächst die tägliche Abfallproduktion von 190 Tonnen im Jahr 2015 auf 200 Tonnen 2018. Wenn wir diesen Trend fortsetzen, werden wir bis 2030 im ganzen Land täglich 400 Tonnen Abfall produzieren“, prognostiziert de Carvalho. Aktuell machen Kunststoffabfälle 20 Prozent des gesamten Abfalls aus. Auf das ganze Land gesehen erzeugt Timor-Leste täglich etwa 70 Tonnen Kunststoffabfälle, die größtenteils an Stränden und in städtischen Gebieten gesammelt und im Freien verbrannt werden. Und nicht wenige Kunststoffabfälle finden ihren Weg ins Meer.

Timor-Leste selbst produziert keinen Kunststoff. Die Geschäfte aber sind voll mit Produkten aus Plastik und solchen, die in Plastik verpackt sind. Mit dem Wiederaufbau des Landes nach dem Votum für die Unabhängigkeit 1999 und der damit einhergehenden wirtschaftlichen Entwicklung sind die Importe enorm gestiegen. Täglich werden Tonnen von Einweg-Wasserflaschen verkauft. Selbstverständlich sind alle Einkäufe in Einweg-Plastiktüten verpackt.

Hinzu kommen eine mangelnde Umweltbildung bei der Bevölkerung und ihr daraus folgender leichtfertiger Umgang mit Müll. Zwar stehen in Dili an öffentlichen Plätzen und in den Stadtvierteln gemauerte, offene Abfallsammelstellen bereit. Doch davon gibt es viel zu wenige. So verteilt sich rund um die Sammelstellen häufig der Müll. Er wird zu Timors einziger Müllkippe in Tibar, nahe der Hauptstadt Dili, gebracht und dort verbrannt. Mülltrennung gibt es nicht. Noch immer entsorgen viele Haushalte, aber auch Restaurants und Ladenbesitzer ihren Müll vor der Haustür oder werfen ihn in Bewässerungskanäle. In der Regenzeit wird der Müll dann ins Meer hinaus geschwemmt. Müllbrigaden sammeln zwar den Müll und räumen Strände, Straßen und Viertel, doch die derzeitige Abfallentsorgungswirtschaft kann den Anforderungen nicht ausreichend nachkommen.

Wachsendes Engagement

Mehr und mehr zivilgesellschaftliche Initiativen engagieren sich beim Säubern der Strände und in der Bildungsarbeit. So haben z.B. die Studierenden des Ajuda atu Estuda Stipendien-Programms, das durch die Stiftung Asienhaus unterstützt wird, eine öffentliche Umweltschutzaktion durchgeführt. Unter dem Motto: „Gemeinsam säubern wir unsere Küste – Eine sauberer Umwelt schützt unser Leben!“ befreiten sie Strandabschnitte vom Müll. „Wir hoffen, dass durch unsere kleine Aktion, das Bewusstsein für den Umweltschutz bei anderen Timores*innen wächst und den lokalen Behörden gestärkt wird“, betont Adilson da Costa, Koordinator des AAE Stipendienprogramms.

Damit die Gesellschaft bei der Entsorgung ihrer Abfälle mehr Sorgfalt walten lässt, möchte der Staatssekretär Demétrio do Amaral de Carvalho die Verordnung von 2008 über den Umweltschutz und die Abfallwirtschaft gezielter umsetzen. Dazu sollen in der Hauptstadt Kontrollen durchgeführt und Geldbußen für illegale Müllentsorgung verhängt werden.

Um die Menge an Plastik im Müll zu reduzieren, hat de Carvalho dem Ministerrat am 8. Mai 2019 eine Gesetzesverordnung über den Verkauf, die Einfuhr und die Produktion von Plastiktüten, Verpackungen und anderen Gegenständen vorgelegt. Die Verordnung setzt auf Verursacherprinzip, Wiederverwendung und Recycling.

Gesetzliche Weichenstellung

Der Gesetzesentwurf sieht eine schrittweise Umsetzung des Verbots von Einwegplastik vor. Zunächst müssen die Bedingungen geschaffen werden. Zu Anfang sollen die 500 ml Wasserflaschen im Import nicht mehr erlaubt sein und Einweg-Kunststoffe werden mit einer Sonderabgabe belegt. „In Zukunft muss jeder, der Einweg-Plastik, einschließlich Plastiktüten, importiert, eine spezielle Lizenz besitzen. Und wir werden eine Recyclingabgabe von etwa 30% auf den Wert dieser importierten Produkte erheben“, sagte Demétrio de Amaral. „Diese Maßnahme wird zumindest dazu beitragen, das Bewusstsein für die Umweltproblematik zu schärfen. Plastiktüten gehören zu den Dingen, die unsere Umwelt am meisten belasten.  Dieser Eingriff soll die Menge an Plastik im Müll reduzieren“.

Die Umstellung soll nicht nur Hand in Hand mit Maßnahmen zur Umweltbildung der Bevölkerung gehen, sondern auch die Privatwirtschaft ist konkret gefordert. „Bevor die Regierung interveniert, sollten die Unternehmen kreative Lösungen finden. Wir brauchen Verantwortlichkeit bei den Händlern. Die Regierung kann nicht für alles Lösungen anbieten“, erläutert de Carvalho gegenüber der Presse.

Unternehmen in der Pflicht

Bei den Unternehmen ist diese Botschaft angekommen. Die Kmanek-Supermarktgruppe bietet inzwischen ökologische Taschen aus Maniok an. Clarence Lim, Leiter der Kmanek-Gruppe, betont, dass dies zumindest ein Schritt seines Unternehmens zur Förderung eines besseren Umweltmanagements und ein Beitrag für die timoresische Gesellschaft sei. „Wenn ich ihnen eine Plastiktüte gebe, gebe ich ihnen etwas Giftiges, und das will ich nicht“, sagte er. Andere Supermärkte ziehen inzwischen mit. Sie setzen auf die Strategie: Müssen die umweltgerechten Taschen bezahlt werden, so gewinnen sie bei den Verbrauchern an Wert und werden mehrfach benutzt.

Bereits im September 2018 hat das Go Green Entwicklungsunternehmen Scope Asia Timor-Leste gemeinsam mit lokalen Unternehmen das Seminar ‚Weniger Kunststoff, mehr Lebensqualität’ ausgerichtet. Fachleute und engagierte Unternehmer stellten innovative Lösungsvorschläge vor. Sie diskutierten konkrete Maßnahmen wie z.B. zu ‚Maniok als ökologische Alternative’, ‚Lösungen für den Wasserverbrauch ohne Kunststoffflaschen` und ‚EcoBox für organische Abfälle, Biogas und organische Düngemittel‘. Staatssekretär de Carvalho vertrat die Regierungsseite und warb für seine ‚Zero Plastic Policy’, die eine nachhaltige Strategie für Unternehmen sei.

Erstes kunststoff-neutrales Land der Welt?

Timor-Leste sagt Plastik nicht nur beim Gebrauch und der Eindämmung von Importen den Kampf an. Sondern es möchte auch zum ersten Land der Welt werden, das alle anfallenden Kunststoffabfälle recycelt. Zum Einsatz kommen soll ein katalytischer hydrothermaler Reaktor (Cat-HTR), eine an der University of Sydney von den Professoren Thomas Maschmeyer und Len Humphreys neu entwickelte Technologie. Nach Angaben der Entwickler seien in der Anlage hocheffizient „praktisch alle Kunststoffabfälle“ zu recyceln.

Zur Vermarktung haben die beiden Forscher das Unternehmen Licella gegründet. Diese wiederum hat die Mura Technology LtD. lizenziert, die Technologie weltweit einzusetzen. Im Mai 2019 unterzeichnete die Regierung von Timor-Leste mit Mura eine Absichtserklärung zum Bau einer 40 Millionen US-Dollar teuren Anlage. Mura verzichtete dabei auf seine Lizenzgebühren. Die Regierung trägt Land und Logistik bei und betrieben werden soll die Anlage, so die Vereinbarung, von einer gemeinnützigen Organisation namens RESPECT. Geplant ist, die Anlage bereits Ende 2020 in Betrieb zu nehmen. Die Betriebskosten gehen nicht zu Lasten des Staates. Er muss aber zunächst die Mittel für den Bau der Recyclinganlage aufbringen. Mit den Gewinnen sollen Gemeindeprojekten zu Umweltschutz unterstützt werden. Und sie sollen in die Bereitstellung kostengünstiger Energie und sauberem Trinkwasser für die Bevölkerung fließen.

„Das ist eine spannende Zusammenarbeit für uns“, sagte Demetrio do Amaral de Carvalho. „Es wird einen großen Unterschied bei der Reduzierung von Kunststoffabfällen machen und den Schaden für unser geschätztes Meeresleben verringern. Timor-Leste kann auch ein Beispiel für den Rest der Welt sein.“

Bis zum Jahr 2030 möchte Timor-Leste kunststoff-neutral sein und den Anteil von Plastik im Müll auf unter 5% bringen. Demetrio de Carvalho ist zuversichtlich, dass der Ministerrat seinen Gesetzesentwurf in Kürze bewilligen wird. Auf der Sitzung am 8. Mai 2019 billigte der Rat bereits den vom Minister der Staatsverwaltung, Abílio José Caetano, vorgelegten Antrag für ein Vergabeverfahren zur Umsetzung einer Investitionsstrategie für die Bewirtschaftung fester Abfälle in Dili. Dieser sieht zur Verbesserung der städtischen Umwelt eine effiziente Abfallentsorgung mit Containern, Müllfahrzeugen und moderner Ausrüstung der Deponie Tibar vor. Zur Erreichung der ambitionierten Klima- und Umweltziele braucht es noch viele weitere Schritte und Anstrengungen von allen Seiten.

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