„Cut Plastic Production Now”-Aktion, Intergovernmental Negotiating Committee (INC-5) 2024 in Bangkok. Greenpeace und zivilgesellschaftliche Gruppen forderten ein globales Kunststoffabkommen. © Tadchakorn Kitchaiphon / Greenpeace Thailand, alle Rechte vorbehalten
„Cut Plastic Production Now”-Aktion, Intergovernmental Negotiating Committee (INC-5) 2024 in Bangkok. Greenpeace und zivilgesellschaftliche Gruppen forderten ein globales Kunststoffabkommen. © Tadchakorn Kitchaiphon / Greenpeace Thailand, alle Rechte vorbehalten
Südostasien: Der Kampf gegen Abfallkolonialismus und die Forderung nach weniger Plastik im Globalen Süden.
Dieses Positionspapier von Greenpeace Southeast Asia (kurz: GPSEA, dt.: Greenpeace Südostasien) greift das Thema des Recycling-Mythos aus der Perspektive des Globalen Südens auf. Es deckt außerdem den Abfallkolonialismus auf: Länder des Globalen Nordens produzieren systematisch zu viel Plastik und sind dafür keine Rechenschaft schuldig. Diese Krise steht im Zusammenhang mit der Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen, insbesondere von der petrochemischen Industrie, sowie dem Mythos, dass Recycling die Lösung für die Plastikmüllkrise ist. Eine nachhaltige Lösung benötigt gerechte Maßnahmen: weniger Kunststoffproduktion und der Übergang zu Wiederverwendungs- und Nachfüllsystemen.
Wir fordern eine Reduzierung der Kunststoffproduktion von 75 Prozent bis zum Jahr 2040. Außerdem fordern wir den Globalen Norden auf, die Straffreiheit von Unternehmen zu beenden und einen gerechten Wandel zu gewährleisten. Die Strategie der Kunststoffkampagne von Greenpeace Southeast Asia beruht auf einem evidenzbasierten Ansatz. Dieser umfasst Marken-Audits durch Forschungsergebnisse von Bürger:innen (Citizen Science) sowie wissenschaftliche Mikroplastikforschung und fordert die Rechenschaftspflicht von Regierungen und Unternehmen ein. Wir nutzen Gegen-Narrative, Storytelling und Graswurzelorganisationen, um Mythen der Unternehmen zu hinterfragen. Wir entwickeln politische und rechtliche Strategien, um in nationalen, regionalen und multilateralen Foren eine strengere Kunststoffpolitik und -regulierung zu fordern.
Das vorherrschende Narrativ des Globalen Nordens stellt die Plastikverschmutzung als ein lokales Versagen der Abfallwirtschaft des Globalen Südens dar. Das ist falsch. Wir blicken auf das Thema aus der Perspektive des Globalen Südens. Dabei müssen wir systematischen Abfallkolonialismus feststellen: Eine Krise, die der Globale Norden durch Überproduktion auslöst. Die Abfälle landen aufgrund ihrer grenzüberschreitende Entsorgung indes im Globalen Süden landet. Die Krise spitzt sich zu und das hat gleich mehrere Ursachen: Die anhaltende Nachfrage, den Ausbau petrochemischer Infrastrukturen sowie die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen, die die weltweite Kunststoffproduktion in die Höhe treiben. Expert:innen schätzen, dass die weltweite Kunststoffproduktion in den nächsten zwei Jahrzehnten um weitere 70 Prozent ansteigen wird. Die Schätzung basiert auf rund 435 Millionen Tonnen produzierten Kunststoffs im Jahr 2020.
World Cleanup Day am 15. September 2018 am Wonnapa-Strand (Chonburi) von Greenpeace Southeast Asia. Wer produziert den Kunststoffmüll, der am Strand gelandet ist (Marken-Audit)? © Chanklang Kanthong / Greenpeace Thailand, alle Rechte vorbehalten
Ein gravierender Mangel an Rechenschaftspflicht ermöglicht es den Unternehmen des Globalen Nordens, fragile Märkte mit Einwegplastik zu überschwemmen. Diese überwältigende Menge an nicht recycelbaren Verpackungen und Einwegplastik überfordert die lokale Abfallinfrastruktur und schädigt die umliegenden Ökosysteme erheblich. Einheimische Gemeinschaften sind dadurch den toxischen Umweltbelastungen sowie den wirtschaftlichen und klimabedingten Belastungen des Abfalls ausgesetzt. Für eine nachhaltige Lösung dieser Krise ist es notwendig, globaler Lieferketten zu unterbrechen. Das funktioniert durch koordinierte Arbeit von Basisinitiativen, politischen Druck sowie lokale Kampagnen.
Unternehmen aus dem Bereich der Konsumgüter (Fast-Moving Consumer Goods, kurz: FMCG, dt.: schnelllebige Konsumgüter) haben ihre Präsenz in Südostasien ausgebaut. In sechs ASEAN-Staaten hat das jährliche Aufkommen an Kunststoffabfällen 31 Millionen Tonnen erreicht. Vorrangig sind Sachets und andere Einwegverpackungsformate. Diese sind beim Einkauf günstig. Ihre Entsorgung verursacht aber hohe Kosten für Gemeinden und lokale Behörden.
In den Philippinen führt diese Marketingstrategie zu einem geschätzten Verbrauch von 164 Millionen Sachets pro Tag. Die Abfallinfrastrukturen sind nicht in der Lage, diese Massen zu bewältigen. So fallen allein auf den Philippinen jährlich 22 Millionen Tonnen Abfall an. Davon bestehen 12 bis 24 Prozent aus nicht biologisch abbaubarem Kunststoff.
Im Großraum Jakarta in Indonesien kaufen laut einer Studie 98 Prozent der Einwohner:innen Produkte in Einwegverpackungen oder Sachets. Expert:innen schätzen die sozialen Kosten aus den nicht entsorgten Abfall auf jährlich 1,19 bis 1,78 Billionen Indonesische Rupiah (€59.000 bis €88.000). Außerdem hängt der Müll mit Belastungen für Atemwege und das Herz-Kreislauf-System zusammen.
„Break Free from Plastic“ – Unterwasser-Marken-Audit im Jahr 2019 mit 30 Taucher:innen vor der Insel Pramuka, nördlich von Jakarta: Dokumentation von Plastik am Meeresgrund. © Tri Yuliantoro / Greenpeace Indonesia, alle Rechte vorbehalten
Das systematische Versagen zeigte sich auch in tödlichen Deponieeinstürzen. Anfang des Jahres 2026 starben über 40 Menschen bei Erdrutschen auf Deponien in den philippinischen Städten Cebu City (Deponie Binilaw segregation facility) sowie in Rodriguez in der Provinz Rizal. Auch in Indonesien starben Menschen beim teilweisen Einsturz einer der größten Deponien des Landes, Bantar Gebang.
Anhaltende Deponiebrände in Malaysia, Thailand, Indonesien und den Philippinen setzten hochgiftige Feinstaubpartikel und krebserregende, schwer abbaubare organische Schadstoffe, darunter auch Dioxine, frei. Diese gefährden die Gesundheit von Einsatzkräften und reichern sich auch in regionalen Nahrungsketten an.
Maßnahmen wie Aufräumaktionen, Recycling und Abfallwirtschaft sind nicht geeignet eine Krise abzumildern, die ungebremste Produktionsmengen vorantreiben. Akteur:innen der Industrie fördern scheinbare technologische Lösungen, wie die Energiegewinnung aus Abfall, chemisches Recycling und als biologisch abbaubar gekennzeichnete Kunststoffe. Das Ziel: Bisherige Geschäftsmodelle aufrechterhalten, öffentliche Investitionen von einer tatsächlichen Reduzierung sowie von skalierbaren, vorgelagerten Wiederverwertungssystemen ablenken.
Fokus und Investitionen sollten auf die Ausweitung nachhaltiger Lösungen gerichtet sein, wie beispielsweise die Initiative Kuha Sa Tingi (dt. in etwa: im Einzelhandel gekauft) in Quezon City auf den Philippinen. Tausende Sari-Sari Stores, kleine Geschäfte mit Artikeln des täglichen Bedarfs, bieten im Rahmen der Initiative anstelle von Einwegverpackungen Alternativen zum Wiederverwenden und Nachfüllen an.
Abfall müsste aus dem Wirtschaftskreislauf verbannt werden, um eine echte Lösung herbeizuführen. Dazu müssten Politiker:innen einen Übergang von Einwegverpackungen zu lokalen, kreislauforientierten Wiederverwendungs- und Nachfüllverpackungen vorantreiben. Um die globale Erwärmung unter der 1,5-Grad-Schwelle zu halten, ist eine rechtsverbindliche Reduzierung der Produktion von Kunststoff um 75 Prozent bis zum Jahr 2040 erforderlich. Dieses Ziel ist mathematisch unverhandelbar, da allein die Produktion von Plastik – also die Umwandlung von fossilen Rohstoffen in Plastik – 90 Prozent der CO2-Emissionen über die gesamte Lebensdauer von Kunststoff ausmacht.
Greenpeace Indonesia und die University of Indonesia: Studie „The Hidden Pollution: The Unseen of Microplastics“. Ziel der Studie ist es, die Auswirkungen der Mikroplastikbelastung auf den Körper zu verstehen. © Rosa Panggabean / Greenpeace Indonesia, alle Rechte vorbehalten
Die erweiterte Herstellerverantwortung soll Unternehmen für die Umweltauswirkungen ihrer Produkte auch nach deren Entsorgung zur Verantwortung ziehen, anstatt diese Last den Verbraucher:innen oder dem Staat aufzubürden. Modelle der Wiederverwendung und Wiederbefüllung stechen als Lösung zur Reduzierung des Plastikverbrauchs hervor. Sie verhindern Abfall bereits an der Quelle, anstatt ihn erst im Nachhinein zu bewältigen.
Greenpeace empfiehlt dazu einen koordinierten ASEAN-Handlungsrahmen. Dieser sollte verbindliche sektorale Rücknahme- und Nachfüllziele festlegen, Sicherheitsrichtlinien standardisieren und grenzüberschreitende Richtlinien zum Handel mit Abfällen koordinieren. Einen solchen Handlungsrahmen sollten beteiligte Länder auf nationaler Ebene umsetzen. Zudem soll er die Zusammenarbeit zwischen den ASEAN-Ländern stärken und den Übergang von einer Wegwerfwirtschaft zu einer Wiederverwendungswirtschaft in ganz Südostasien fördern. Die Länder sollten eine Arbeitsgruppe der Hochrangingen Umweltbeamt:innen der ASEAN (ASOEN) etablieren, um das Thema Plastikverschmutzung und Handel mit Abfällen zu stärken.
Greenpeace Southeast Asia strebt eine abfallfreie, klimaresistente Zukunft an, in der regionale wirtschaftliche Sicherheit und öffentliche Gesundheit unabhängig von den globalen Märkten für fossile Brennstoffe bestehen. Der Wechsel zu einer Kreislaufwirtschaft bietet wirtschaftliche Vorteile gegenüber der Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen in der Kunststoffproduktion. Dieser Wandel unterstützt zugleich ökologische und klimapolitische Ziele.
Der Globale Norden muss sofort Verantwortung übernehmen, indem er:
Übersetzung aus dem Englischen von: Anica Peters und Mirjam Overhoff
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