© Chuon Sopheap
© Chuon Sopheap, alle Rechte vorbehalten
Kambodscha kämpft mit Abfall und schwachen sozialen Strukturen. In einem Theaterprojekt fordern Schüler:innen mehr gemeinsame Verantwortung.
Ein heller Klassenraum in der kambodschanischen Hauptstadt Phnom Penh. Morgenlicht fällt durch die Fenster und beleuchtet eine Tafel, auf der noch Spuren des gestrigen Unterrichts zu sehen sind. Drei Stühle, ein gemeinsamer Tisch, daneben Schultaschen. Die Jugendlichen Dara, Nita und Chantrea betreten den Raum, ihre Stimmen sind hell, ihr Lachen unbeschwert. Für einen Moment wirkt die Welt gewöhnlich, sicher, vorhersehbar. Dann tritt die Lehrkraft nach vorn und die Atmosphäre verändert sich. Pause. Es folgt eine Frage von großer Tragweite: „Heute beschäftigen wir uns mit einem dringenden Problem. Ein Problem, das uns alle betrifft, überall und jeden Tag. Was könnte das sein?“ Chantrea beugt sich vor und antwortet: „Es muss die Plastikverschmutzung sein.“ Es folgt Stille – doch sie ist erfüllt von einer unsichtbaren Bedrohung, die sich jenseits der Klassenzimmerwände ansammelt: in Flüssen, auf Straßen, in Böden und in der Luft.
Diese Szene eröffnet „Together: The Last Hope“, eine Theaterproduktion, die Schüler:innen der neunten Klasse der Liger Leadership Academy (www.ligeracademy.org) in Phnom Penh selbst konzipiert, geschrieben und aufgeführt haben. Die Aufführungen finden landesweit in Schulen, Tempeln und Gemeindezentren statt. Die Schule hat das Projekt in Kooperation mit dem Meta House Phnom Penh entwickelt, dem ältesten unabhängigen Kunst- und Medienzentrum des Landes. Es handelt sich um das erste Projekt dieser Art: Vollständig von Schüler:innen getragen, von ihren Perspektiven geprägt und eng an ihre Lebensrealität angepasst.
Jugendliche spielen im Theaterprojekt „Together: The Last Hope“ vor Schüler:innen © Som Daravid, alle Rechte vorbehalten
In Kambodscha ist Plastikverschmutzung kein abstraktes Problem, sondern Alltag. In den vergangenen drei Jahrzehnten ist das Abfallaufkommen stark gestiegen und überlastet die vorhandene Infrastruktur. Die Menschen entsorgen den Müll oft nicht sachgerecht. Stattdessen verbrennen oder werfen sie ihn unkontrolliert in die Umgebung. Die Folgen sind überall sichtbar. Sie beeinträchtigen natürliche Ökosysteme ebenso wie die öffentliche Gesundheit und das tägliche Leben der Bevölkerung.
Dabei gibt es ein erhebliches Potenzial, diese Entwicklung zu verändern. Rund siebzig Prozent von Kambodschas Bevölkerung sind jünger als dreißig Jahre. Die junge Generation ist besser ausgebildet und stärker vernetzt als ihre Eltern, die im Schatten des Genozids der Roten Khmer (1975-1979) und der darauffolgenden Jahre des Bürgerkriegs (1979-1997) aufgewachsen sind. Während der Kampf ums Überleben die älteren Generationen stark geprägt hat, beginnt die jüngere Generation, aktiv ihre Zukunft zu gestalten – im Bildungsbereich, im öffentlichen Raum und auch auf der Bühne.
„Unser Stück handelt von drei Jugendlichen, die die Außenbezirke von Phnom Penh besuchen. In einem Dorf wollen sie gemeinsam die Wasserverschmutzung bekämpfen“, erzählt die 14-jährige Regisseurin Ly Ratanak Raingsey, Schülerin der Liger Leadership Academy. „Das Projekt hat mich in vieler Hinsicht herausgefordert – insbesondere bei der Zusammenarbeit mit Mitschüler:innen und Trainer:innen. Ich musste meine Komfortzone verlassen und habe erkannt, dass man persönlich erst wachsen kann, wenn man sich selbst herausfordert.“
Raingsey stammt aus der Stadt Siem Reap, die in der Nähe des Tempelkomplexes Angkor Wat liegt. Aufgrund ihrer schulischen Leistungen erhielt sie im Alter von zwölf Jahren ein Stipendium für die Liger Leadership Academy und wechselte in das angeschlossene Internat. Die Schule ist seit 2025 Teil der American University of Phnom Penh (https://www.aupp.edu.kh). Die Einrichtung fördert gezielt talentierte und zum Teil wirtschaftlich benachteiligte Schüler:innen, um langfristig eine gesellschaftliche Veränderung zu erreichen. Im Mittelpunkt stehen projektbasiertes Lernen und die Förderung unternehmerischen Denkens.
Jugendliche proben das Stück „Together: The Last Hope“ © Choun Sopheap, alle Rechte vorbehalten
Der US-amerikanische Lehrer Jeff Kane, der seit 2023 an der Liger Leadership Academy unterrichtet, sagt: „Dieses Theaterprojekt war eine der bedeutendsten Initiativen, an denen ich beteiligt war. Die Schüler:innen haben gelernt, eine professionelle Produktion zu entwickeln – vom Schreiben des Drehbuchs über die Darstellung der Rollen bis hin zur Aufführung und Verfilmung. Wichtiger ist jedoch, dass sie ein tieferes Verständnis dafür entwickelt haben, wie sie in ihrem Land eine konkrete gesellschaftliche Wirkung erzielen können.“
Über einen Zeitraum von sechs Monaten arbeitete die Klasse mit einem kambodschanisch-internationalen Team zusammen. Dazu gehörte auch die 19-jährige Nico-Marie Jelenski aus Deutschland, die ein Freiwilligenjahr im Meta House Phnom Penh absolviert. Seit 2015 führt das Goethe-Zentrum in Zusammenarbeit mit dem kambodschanischen Bildungsministerium, internationalen Hilfsorganisationen und Stiftungen landesweite Theater- und Medienprojekte mit Schulen und Universitäten in Kambodscha durch. Bisher haben mehr als 200.000 Schüler:innen und Student:innen daran teilgenommen.
„Ich bin beeindruckt von der Motivation und Energie der Schüler:innen hier“, sagt Jelenski. „Das Problem der Verschmutzung ist allgegenwärtig. Besonders auffällig sind die zahlreichen Plastikflaschen für Trinkwasser sowie die Plastiktüten, die auf Märkten automatisch ausgegeben werden. Öffentliche Mülleimer sind selten. Zudem gibt es eine deutliche Kluft zwischen städtischen und ländlichen Regionen: Während es in Phnom Penh eine Müllabfuhr gibt, wird Abfall in ländlichen Gebieten häufig verbrannt oder in die Umwelt entsorgt.“
Das Plastikproblem in Kambodscha ist historisch betrachtet jung, entwickelt sich jedoch schnell. Zwar gelangten Kunststoffprodukte bereits in den 1960er und 1970er Jahren ins Land, doch ein breiter Konsum setzte erst nach der wirtschaftlichen Öffnung in den 1990er Jahren ein. Seit den 2000er Jahren stieg der Verbrauch durch Urbanisierung, steigende Einkommen und veränderte Konsumgewohnheiten stark an. Einwegprodukte wie Plastiktüten, Flaschen und ,To Go´-Verpackungen sind fest im Alltag verankert, ohne dass entsprechende Systeme zur Abfallbeseitigung aufgebaut wurden.
Regisseurin Ly Ratanak Raingsey (rechts unten) bei der Probenarbeit zu „Together: The Last Hope“ © Steve Porte, alle Rechte vorbehalten
Jährlich entstehen schätzungsweise vier bis zu fünf Millionen Tonnen Abfall – 20 Prozent davon sind Plastikabfälle. Mehr als die Hälfte wird nicht ordnungsgemäß entsorgt, die Recyclingquote liegt bei vier Prozent.
Neben infrastrukturellen Defiziten spielen soziale Faktoren eine zentrale Rolle. Fast 30 Jahre Bürgerkrieg führten zur Zerstörung der gesellschaftlichen Strukturen. Bis heute wirkt sich dies auf das Gemeinschaftsgefühl aus. Verantwortung wird individuell verstanden, nicht kollektiv. Die meisten wollen den Müll zwar möglichst schnell aus dem eigenen Umfeld entfernen, denken aber nicht an die Folgen für die Allgemeinheit.
Viele Initiativen der kambodschanischen Zivilgesellschaft versuchen, die Menschen für das Müllproblem zu sensibilisieren, konzentrieren sich jedoch häufig auf Aufräumaktionen statt auf Prävention. Anhaltende Praktiken wie Verunreinigung, illegale Entsorgung und das Verbrennen von Abfall zeigen, dass es kein gemeinschaftliches Verantwortungsbewusstsein für das Problem gibt.
„Viele Menschen betrachten Abfallmanagement als Aufgabe des Staates und nicht als gemeinsame Verantwortung. Es fehlt der soziale Druck, um öffentliche Räume sauber zu halten“, sagt Frank Jattke, ASEAN-Teamleiter der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) in Kambodscha. Die GIZ fördert das Theaterprojekt „Together: The Last Hope“ im Rahmen der „Green Growth Initiative for Circular Economy in Cambodia“. „Viele Kampagnen sind von oben organisiert und binden die Bevölkerung nicht ausreichend ein“, erklärt Jattke. „Erfolgreiche Beispiele zeigen aber, dass Menschen Verantwortung übernehmen, wenn sie an der Entwicklung von Lösungen beteiligt sind.“ Das bestätigen auch die Erfahrungen des kambodschanischen GIZ-Mitarbeiters Som Daravid, der die Schüler:innen des Theaterprojekts auf ihrer landesweiten Tour begleitet. Im Mai 2026 erreichten Aufführungen in Kampong Khleang, Kampong Phluk und an der Wat-Damnak-Grundschule Hunderte Teilnehmer:innen – darunter Schüler:innen, Lehrkräfte, lokale Behörden und Gemeindemitglieder. Die Wirkung ging weit über die Informationsvermittlung hinaus: Das Publikum reagierte emotional und übertrug die Erzählung auf den eigenen Alltag. Daravid erklärt: „Geschichten machen Botschaften persönlicher und leichter verständlich.“
Im letzten Teil des Stücks schließen sich die Dorfbewohner:innen zusammen und verpflichten sich, ihr Verhalten zu ändern. „Von nun an werden wir unseren Müll ordnungsgemäß entsorgen, statt ihn ins Wasser zu werfen“, sagen sie auf der Bühne, „wenn wir zusammenarbeiten und die Verantwortung teilen, können wir unsere Umwelt sauber halten.“ Der Dorfvorsteher fasst zusammen: „Das bedeutet Gemeinschaft – Verantwortung statt Strafe, Zusammenarbeit statt Schweigen.“
Die Freiwillige Nico-Marie Jelenski unterstützte die Schüler:innen beim Theaterprojekt © Choun Sopheap, alle Rechte vorbehalten
Nach den Aufführungen schildern die Schüler:innen ihre eigenen Perspektiven. „Ich möchte ein Kambodscha sehen, in dem alle Menschen nachhaltig leben und Verantwortung für die Umwelt übernehmen“, sagt die 14-jährige Socheata Chut. Der 16-jährige Chorn Kimchheng ergänzt: „Mein Beitrag beginnt bei mir selbst. Ich muss mein Verhalten ändern.“ Gemeinsam verweisen ihre Stimmen auf eine übergeordnete Entwicklung. „Together: The Last Hope“ ist mehr als ein Theaterprojekt. Es ist ein Modell für wirksame Jugendbeteiligung in einem Land, in dem gesellschaftliche Veränderung häufig von den älteren Generationen geprägt ist.
Junge Menschen in Kambodscha sind offen für Lernen, Anpassung und Veränderung. Sie sind zentrale Akteur:innen eines Wandels, der nicht nur Umweltverhalten betrifft, sondern auch gesellschaftliche Strukturen stärkt. Das Projekt zeigt, wie eine neue Generation dazu beitragen kann, die Folgen der Vergangenheit zu überwinden. Und wie sie eine Zukunft gestaltet, die auf Zusammenarbeit, Verantwortung und nachhaltigem Umgang mit Ressourcen basiert.
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