Ein Sari-Sari-Store: Alltagswaren hängen platzsparend an Gittern und Haken im und vor dem Verkaufsstand © Tiffany Joy Schlaug, alle Rechte vorbehalten
Ein Sari-Sari-Store: Alltagswaren hängen platzsparend an Gittern und Haken im und vor dem Verkaufsstand © Tiffany Joy Schlaug, alle Rechte vorbehalten
Philippinen: Sachets gehören zum philippinischen Alltag. Doch die kleinen Plastikverpackungen befeuern die Müllkrise.
Die Philippinen stehen vor einer großen Plastikkrise. Die Ursache ist der enorme Konsum von Einwegkunststoffen. Ein Großteil des anfallenden Plastikmülls gelangt nicht in reguläre Deponien. Er landet stattdessen auf offenen Müllhalden. Das belastet die Umwelt und naheliegende Siedlungen. Die Folgen dieses schlechten Abfallmanagements zeigen sich in schwerwiegenden Katastrophen: Erst im Mai 2026 ereignete sich erneut ein Erdrutsch auf einer Mülldeponie in Davao City. Nach Angaben der Behörden waren anhaltende Regenfälle der Auslöser.
Laut Greenpeace Philippines ist der Vorfall bereits die vierte Mülldeponiekatastrophe in diesem Jahr. Zuvor waren Deponien in den Städten Cebu und Rizal eingestürzt. In Navotas, einer Stadt im Großraum Metro Manila, wütete ein wochenlanger Brand auf einer bereits geschlossenen Mülldeponie. Erdrutsche und Brände auf Mülldeponien sind der Beleg: Ein grundlegender Systemwandel muss her. Die Kunststoffproduktion muss weniger werden.
Auf den Philippinen erschweren die geographischen Gegebenheiten die Situation weiter. Das Land ist ein Archipel mit mehr als 7.600 Inseln und einer weitläufigen Küstenlinie. Abfälle, die sich unkontrolliert verbreiten, gelangen hier schnell in die Ozeane. Entsprechend zählen die Philippinen zu den weltweit größten Verursachern von Plastikverschmutzung in den Meeren. Der Inselstaat belegt den dritten Platz im internationalen Vergleich.
Nescafé-Sachets hängen in zwei verschiedenen Sorten an einem Draht von der Decke eines Sari-Sari-Stores © Tiffany Joy Schlaug, alle Rechte vorbehalten
Die Philippinen sind in hohem Maße extremen Wetterereignissen ausgesetzt, deren Frequenz, Intensität und Unvorhersehbarkeit durch die Klimakrise zunehmen. Die Probleme von Plastikverschmutzung und Klimarisiken sind eng miteinander verknüpft. Das zeigte sich etwa im Juli 2024 während des Taifuns Carina, der international als Gaemi bekannt ist. Mit Müll verstopfte Wasserwege und Entwässerungssysteme verschlimmerten die Überschwemmungen. Expert:innen zufolge steigt das Hochwasserrisiko in vielen betroffenen Gebieten so weiter an.
In den Philippinen hängt im Alltag vieles an den Sachets: Das sind kleine Einwegverpackungen für Produkte wie Shampoo, Zahnpasta, Kaffee, Waschpulver und Sojasauce. Insbesondere einkommensschwache Haushalte nutzen sie im Alltag. Sachets prägen den Konsum mittlerweile so stark, dass Expert:innen die Philippinen im Jahr 2021 sogar als Sachet-Wirtschaft bezeichneten.
Wie präsent diese kleinen Verpackungen im Alltag sind, wurde mir im Jahr 2023 bewusst. Bei einem Besuch bei meiner Familie in Rizal bemerkte ich, dass mein Shampoo leer war. Meine Cousine bot daraufhin wie selbstverständlich an, wir könnten zum Tindahan unserer Nachbarin gehen. Die kleinen Nachbarschaftsläden, auch Sari-Sari Stores genannt, sind vergleichbar mit einem Kiosk. Sie haben je nach Besitzer:in oft bis spät in die Nacht geöffnet. Für wenige Pesos kaufte sie dort ein Sachet einer internationalen Kosmetik-Marke – in einer Menge, die genau für eine Dusche reichte.
Die kleine Verpackung in der Hand, ließ mich der Gedanke nicht mehr los, wie viele Sachets nötig wären, um den Inhalt einer Shampooflasche zu ersetzen. Noch mehr beschäftigte mich, was danach mit diesem Sachet passiert. Eine Antwort bekam ich auf dem Heimweg. Nur wenige Meter vom Laden entfernt lag eine identische Verpackung am Straßenrand: Von der Sonne ausgebleicht, zerrissen und bereits halb in die Erde eingearbeitet. Außerdem zog immer wieder der beißende Geruch von verbranntem Plastik durch die Nachbarschaft. Da die Abfallentsorgung mit den wachsenden Müllmengen nicht hinterherkam, verbrannten Bewohner:innen den gesamten Müll – auch Plastik – vor der eigenen Haustür. In den Rauchschwaden spielten meine jüngsten Cousinen Fangen.
Keine Studie hätte mir die Plastikkrise so eindrücklich vor Augen führen können wie diese Begegnungen. Was blieb, waren nicht nur Frust und Wut, sondern offene Fragen: Warum sind Sachets in den Philippinen beliebt und weit verbreitet? Seit wann produzieren und verkaufen Unternehmen ihre Produkte überhaupt in kleinen Einwegverpackungen? Was gab es davor? Und vor allem: Gibt es heute plastikfreie Alternativen? Falls ja, wo sind sie zu finden?
Der Eingang zu einem Sari-Sari-Store, den die Ladenbesitzerin in ihrer Wohnung betreibt © Tiffany Joy Schlaug, alle Rechte vorbehalten
Das heutige Sachet-System der Philippinen ist kein Zufall. Es entstand, weil gewinnorientierte Marketingstrategien auf bestehende Konsumgewohnheiten trafen. Wer diese Erfolgsgeschichte verstehen will, muss zwei Aspekte in den Blick nehmen: die wirtschaftliche Logik und Attraktivität von Sachets. Und: Die kulturellen sowie sozialen Konsumpraktiken, die ihre Verbreitung beschleunigen.
Sachets sind kleine, mehrschichtige Einwegverpackungen. Sie bestehen meist aus einer Kombination von Kunststoff, Papier, Aluminium- oder Laminatfolien. Sie dienen der portionsweisen Verpackung von Lebensmitteln, Getränken, Medikamente sowie Kosmetik- und Hygieneartikeln. Je nach Inhalt unterscheiden sich Form, Größe und Materialzusammensetzung. In Tindahans hängen sie oft in langen Streifen, auch Multipacks genannt, an Regalen oder von der Decke. Der Preis ist gering: Kund:innen kaufen sie einzeln für wenige Pesos.
Der Ursprung der heutigen Sachet-Wirtschaft liegt in Indien. In den 1980er Jahren begann der Unternehmer C.K. Rajkumar Shampoo in kleinen Einwegportionen zu verkaufen. Die Idee war simpel: Menschen mit geringem Einkommen sollten sich Markenprodukte leisten können. In den folgenden Jahrzehnten griffen immer mehr multinationale Konzerne dieses Modell auf. Unternehmen wie Nestlé oder Unilever begannen damit, ihre Produkte buchstäblich zu miniaturisieren. Sachets wurden als erschwingliche Alternative für ärmere Haushalte vermarktet. Besonders in Ländern mit hoher Armut und starker Einkommensungleichheit, wie etwa den Philippinen, fand dieses Konzept einen fruchtbaren Nährboden.
Für viele Filipinos ist dieses Modell passgenau auf ihre wirtschaftliche Realität zugeschnitten. Wer seinen Lohn täglich verdient, kauft oft auch nur das, was er für den einen Tag benötigt. Ein Shampoo-Sachet für wenige Pesos ist zugänglicher als eine ganze Flasche. Darin liegt jedoch das Paradoxon der Sachet-Wirtschaft: Langfristig und auf den gesamten Verbrauch gerechnet zahlen Verbraucher:innen mehr. Die kleinen Mengen sind relativ betrachtet nämlich deutlich teurer. Sachets lösen das Problem wirtschaftlicher Unsicherheit also nicht. Im Gegenteil: Indem viele Haushalte täglich überteuerte Kleinstmengen kaufen, nimmt die wirtschaftliche Not zu.
Auswahl an Sachets von Wasch- und Reinigungsprodukten in einem Sari-Sari-Store. Diese Produkte kaufen die Menschen am häufigsten in Sachets. © Tiffany Joy Schlaug, alle Rechte vorbehalten
Im philippinischen Kontext haben tief verwurzelte Konsumpraktiken zum Erfolg des Sachet-Geschäftsmodells beigetragen: Die kleinen, meist familiengeführten Nachbarschaftsläden, Tindahans oder Sari-Sari-Stores, und die Tingi-Kultur, also der Einkauf in kleinen Mengen, die gerade nötig und bezahlbar sind. Sari-Sari stammt aus dem Tagalog und bedeutet so viel wie Vielfalt. Gemeint ist das Sortiment an Produkten des täglichen Bedarfs. Reis, Salz, Waschmittel und Snacks: Fast alles ist dort erhältlich. Die Geschäfte sind an nahezu jeder Ecke zu finden. Sie bilden damit eines der dichtesten Vertriebsnetze des Landes.
Ihre Ursprünge reichen bis in vorkoloniale Handelsstrukturen zurück. Menschen tauschten Waren innerhalb ihrer Siedlungen. Während der spanischen Kolonialzeit (1565-1898) entwickelten sich daraus kleine Einzelhandelsgeschäfte, die Tiendas (dt.: Geschäfte). Sie versorgten die lokale Bevölkerung mit grundlegenden Gütern und waren häufig direkt an Wohnhäuser angeschlossen. Das ist auch heute noch so. Der begrenzte Lagerplatz begünstigt den Verkauf kleiner Produktportionen. Genau diese bestehende Infrastruktur machten sich Konzerne wie Nestlé später zunutze.
Meine 78-jährige Oma erinnert sich noch an die Zeit, als sie Güter wie Reis bedarfsgerecht abgefüllt und verpackt in wiederverwendbaren oder biologisch abbaubaren Materialien in den Läden erhielt. Konsum in kleinen Mengen gab es damals schon. Er war aber nicht an Plastikverpackungen gebunden. Erst die Kommerzialisierung durch große Konzerne verwandelte die philippinische Tingi-Kultur in ein modernes Wegwerfmodell.
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