1 | 2018, Indonesien, Rezensionen,
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Kenntnisreiche Einführung in die indonesische Gegenwartskunst

Ausschnitt Buchcover: Spielmann: Indonesische Kunst der Gegenwart © Logos Verlag Berlin

Rezension zu:
Yvonne Spielmann: Indonesische Kunst der Gegenwart
Logos Verlag, Berlin, 2015, 204 Seiten, 49 €

S­pätestens seit 2008, als Sotheby’s und Christie’s Werke indonesischer Künstler für bis zu einer Million US-Dollar versteigerten, hat die indonesische Kunstszene international einen neuen Stellenwert erhalten. Yvonne Spielmann beschreibt, wie sich Künstler seit den 1990er Jahren von den Zwängen der Suharto-Diktatur befreiten und den Weg aus der Moderne in die Gegenwart fanden.

Wie in vielen postkolonialen Staaten zeugt ein Großteil der Werke von der Suche nach einer eigenen Identität: Die Künstler behaupten sich gegen ein postkoloniales Kulturverständnis, das den globalen Kunstmarkt weltweit immer noch bestimmt. Dazu experimentieren sie häufig mit traditionellen Elementen wie Batik und Schattentheater, Kunsthandwerk oder Performance Art – und mischen diese mit Medien und Produkten der Gegenwartskultur wie Comics oder Werbung. Weil Indonesien aufgrund der unterdrückten Ausdrucksfreiheit auch in der neuen Medienrealität erst verzögert ankam, dominieren die Malerei und Mixed-Media-Werke aus low-tech-Alltagsmaterialien.

Trotz des internationalen Erfolgs und obwohl heimische Biennalen und andere regelmäßige Ausstellungen immer beliebter werden, gibt Indonesien bis heute kaum öffentliche Gelder für die Kunst. So entstehen Abhängigkeiten von Sammlern und privaten Förderern – aber auch zahlreiche unabhängige Initiativen, in denen sich die Künstler in Gruppen oder Kollektiven zusammentun, um ihre Vorstellungen gemeinsam zu verwirklichen. Die Autorin gibt an einigen Stellen Einsicht in die Arbeitsweisen einflussreicher Gruppen, wie etwa Ruang Rupa. Man hätte sich hier als Leser allerdings gern noch etwas mehr Hintergründe gewünscht. Ein eigenes Kapitel widmet sie den Künstlerinnen, die bis heute signifikant unterrepräsentiert sind, wie Spielmann wiederholt feststellt.

Das letzte Drittel des Buches bietet einen tieferen Einblick in die Arbeit von zwölf ausgewählten Künstlern, darunter FX Harsono, Eko Nugroho und Melati Suryodarmo, und vertieft so das Verständnis für deren Motivation und die gesamte Entwicklung der Kunstszene in Indonesien. Mit ihrer umfassenden Analyse zur indonesischen Gegenwartskunst zeigt Spielmann vor allem, wie eng diese mit historischen und sozial-politischen Entwicklungen – im eigenen Land und weltweit – verwoben ist.

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Kenntnisreiche Einführung in die indonesische Gegenwartskunst

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Uwe Hoering: Der Lange Marsch 2.0. Chinas Neue Seidenstraßen als Entwicklungsmodell.
In Kooperation mit der Stiftung Asienhaus, VSA Verlag, 2018. 14,80 €.

China investiert gewaltige Summen in Asien, Europa und Afrika. Durch die „Belt and Road Initiative“ (BRI) sollen Billiarden Dollar für Infrastrukturprojekte ausgegeben werden. Mit dem Projekt der „neuen Seidenstraße“ will die Volksrepublik den transnationalen Handel ausweiten und effizienter gestalten. Über dieses Vorhaben hat der Publizist Uwe Hoering mit „Der Lange Marsch 2.0. Chinas Neue Seidenstraßen als Entwicklungsmodell“ eine Einführung vorgelegt.

Durch den Ausbau von Verkehrsinfrastruktur, Energieversorgung und Wirtschaftskorridoren zwischen Asien, Afrika und Europa soll ein „neues goldenes Zeitalter der Globalisierung“ eingeleitet werden. Damit soll China wieder seinen angestammten zentralen Platz als „Reich der Mitte“ einnehmen. Ermöglicht wird dies durch die chinesische Form des Staatskapitalismus. Der chinesische Staat hat bei der Planung der BRI eine omnipräsente makroökonomische Steuerungsfunktion inne. Nichts auf der neuen Seidenstraße geschieht ohne den Willen des Staates, was in China die Kommunistische Partei und der Staats- und Parteichef Xi Jinping ist.

Selbiger gab auch im September 2013 in Kasachstan das offizielle Startsignal für die neue Seidenstraße. Der Ort war klug gewählt, schließt er doch an die alte Seidenstraße an. Mit der Bezugnahme auf diese schwingt auch eine antikapitalistische Romantik mit – der Merkantilismus der alten Seidenstraße wird als Vorbild angesehen. Wie damals wolle man, so Xi, Zusammenarbeit auf vielen Ebenen erreichen und keine Handelshierarchien oder Gewinnstreben. Die Finanzierung erfolgt über die eigens gegründete Asian Infrastructure Investment Bank. Sie nahm 2016 mit 100 Milliarden US-Dollar ihre Tätigkeiten auf.

Stabilität durch wirtschaftliche Entwicklung

Uwe Hoering zeigt die vielfältigen Chancen und Risiken auf, die mit der Initiative verbunden sind. Auf der einen Seite soll in den der Seidenstraße angrenzenden Regionen Stabilität durch wirtschaftliche Entwicklung erreicht werden. Flankiert werden die Infrastrukturmaßnahmen durch Ausbildungsmöglichkeiten, Stipendien und Sprachkurse in den Ländern vor Ort. Gerade für ärmere Staaten wie Laos ist dies attraktiv. Ebenso versucht China die Gemeinschaft südostasiatischer Staaten (ASEAN) durch das Projekt verstärkt einzubinden und dadurch lokale Konflikte mit z.B. Vietnam oder auch Indonesien einzuhegen. Laut Regierungsaussage geht es China bei all den Projekten und Beziehungen nicht um eine hegemoniale Dominanz, sondern um „Beziehungen neuen Typs“. Diese zeichnen sich dadurch aus, dass China Infrastrukturprojekte lanciert oder Kredite gibt, ohne sich in die inneren Angelegenheiten der Staaten einzumischen. Gerade autoritäre Regime wie Kambodscha fokussieren sich daher auf China, da die westliche Entwicklungszusammenarbeit zumeist (zumindest formal) an die Verwirklichung von Menschenrechten gekoppelt ist.

Negative Folgen

Auf der anderen Seite hat die Initiative auch viele offensichtlich negative Folgen für die betroffenen Länder. Hoering zeigt die vielfältigen Gefahren auf, die mit der Initiative einhergehen: sozialer Wettlauf nach unten, soziale und ökologische Risiken, Umsiedlungen, fehlende Entschädigungen oder Umweltschäden seien die Folgen der Projekte. Ebenso stellt er Chinas Position infrage: Für Hoering ergibt sich aus der neuen Seidenstraße durchaus die Gefahr eines Neo-Kolonialismus. Die chinesische Seite sichere sich meist auch in den Ländern lokal vor Ort Konzessionen und baue dadurch ihre Macht aus.

Mit romantischen Bildern von Kamelen, die Gewürze und feine Stoffe transportieren, hat die neue Seidenstraße somit wenig, mit Machtverhältnissen im globalen Kapitalismus dagegen viel zu tun. Dies beschreibt Hoering anschaulich und verständlich. Die 140 Seiten geben einen ersten guten Überblick über das Projekt, denn bisher gibt es wenig (deutschsprachige) Literatur zur Thematik.

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Kathrin Hartmann: Die grüne Lüge. Weltrettung als profitables Geschäftsmodell. Blessing Verlag 2018, 15,- €.

Das Buch zum Film the Green Lie von Werner Boote, mit Kathrin Hartmann.

Mit Nespresso und George Clooney beginnt Kathrin Hartmann ihre Suche nach der „Weltrettung“ durch Unternehmen. Die Werbung für die Kapseln suggeriert nicht nur Kaffeegenuss, sondern bietet ein „Lifestyle-Accessoire gratis obendrauf: ein reines Ökogewissen“. Denn Nestlé verspricht, die Aluminiumproduktion, die mit schwerwiegenden Umweltschäden einhergeht, „nachhaltiger“ zu machen. Ein weiter steigender Abbau des Metalls und wachsende Kapsel-Berge werden dann, Nestlé sei Dank, umweltverträglich sein – wenn die Versprechungen eingehalten werden. Das allerdings, so Hartmann, sei nicht zu erwarten.

Weitere Beispiele für Werbebotschaften und Versprechungen, sich für eine nachhaltige Welt einzusetzen, sind das Recycling von Plastikmüll aus den Ozeanen zu Designer-Klamotten, die Ankündigung von H&M, eine „Roadmap zu einem Existenzlohn“ für ArbeiterInnen in Textilfabriken aufzustellen, und die erfolgreichen Image-Kampagnen des Erdölkonzerns BP, der „Mutter des greenwashing“, nach der Katastrophe im Golf von Mexiko. Anzuführen sind auch die Koalitionen aus Unternehmen, Regierungen und Nichtstaatlichen Organisationen wie WWF, durch freiwillige Vereinbarungen und Bekenntnissen zur „Unternehmensverantwortung “ Umweltschäden und die Verletzung von Menschen-und Arbeitsrechten bei der Produktion von Palmöl, Kakao, Soja, Fleisch oder Textilverarbeitung zu beseitigen, und das Zertifizierungs- und Siegel-Wirrwarr, das Informationen über Herstellungsbedingungen von Waren eher vernebelt als einlöst.

Die Image-Strategen der Konzerne machen sich dabei zunehmend Methoden, Begriffe und Forderungen zivilgesellschaftlicher Organisationen zunutze. Da ist viel von Nachhaltigkeit, Umweltschutz, einem Beitrag gegen den Klimawandel, der Beseitigung von Kinderarbeit, besseren Arbeitsbedingungen, aber auch ganz ehrgeizig von der Schaffung eines lebenswerteren Planeten die Rede. Sie zielen damit auf VerbraucherInnen, die in den vergangenen Jahren kritischer geworden sind, und wollen sie bei der Stange halten. Durch dieses „Greenwashing“, so Hartmann, soll die Kritik an der rücksichtslosen Ausbeutung von Mensch und Natur entpolitisiert und entkräftet werden – nach dem Motto: seht, wir tun was! Und der Konsum wird als Beitrag dazu umgedeutet.

An den Praktiken ändert sich allerdings wenig, wie Hartmann mit spannenden Reportagen zu den von ihr herangezogenen Beispiele zeigt. „Jenseits der schönen Scheinwelt schreitet die globale Zerstörung rapide fort“. Denn das System der Profitmaximierung und des Shareholder value, der billigen Massenproduktion, der Wegwerfmentalität, der weltumspannenden Produktionsketten, der globalen Konkurrenz treibt die Spirale von Wirtschaftswachstum, Ressourcenplünderung und Billiglöhnen immer weiter. Um dennoch als ‚verantwortungsbewusst’ dazustehen, werden „Tatsachen verdreht, isolierte Fakten überbetont, entscheidende Details unterschlagen“, beschreibt Hartmann die PR-Methoden. Dabei wird der Status quo als alternativlos dargestellt. Anstatt durch ökologische Landwirtschaft und fairen Handel bestehende Produktions- und Handelsstrukturen wenigstens ansatzweise zugunsten von Menschen und Umwelt zu verändern, gilt ‚business as usual’, versehen mit einem hübschen Mäntelchen.

Hartmanns Buch leistet damit vielerlei: Es zeigt die Strategien, Lügen und Verdrehungen der Unternehmen auf. Es benennt die Verursacher der Probleme, die von denselben Unternehmen mit dem Greenwashing vernebelt werden. Es zeigt, wie sie dabei oft Hand in Hand mit Staat, Regierungen und UN-Organisationen klüngeln. Die Politik entzieht sich damit der Aufgabe, „Unternehmen ordnungspolitisch einzuhegen und sie zu ökologisch wie sozial gerechtem Wirtschaften zu zwingen“. Und es stellt das gute Gewissen von Verbrauchern in Frage, indem es aufzeigt, dass sie die Augen davor verschließen, selbst ein Teil des Lügengewebes zu sein.

Wirkliche Veränderungen dagegen gehen von Widerstand und der Entwicklung von Alternativen aus, durch die die Unternehmen zumindest ein einigen Bereichen in ihre Schranken verwiesen werden können – auch dafür liefert das Buch zahlreiche ermutigende Beispiele.

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Kenntnisreiche Einführung in die indonesische Gegenwartskunst

Budi (30, oben im Bild) und Septi (25, unten im Bild) sind Bio-Gärtner in Cangkringan, im Norden von Yogyakarta am Fuß des Merapi-Vulkans. Mit ihrem fünfjährigen Sohn leben sie in einem Bambushäuschen am Rand ihres Gartens. Statt auf aufwendige und teure Zertifizierung setzen sie auf ein partizipatives Garantiesystem: Ihr Obst und Gemüse verkaufen sie auf dem Pasar Milas, einem alternativen Bio-Markt in Yogyakarta.

 

Wie kam es dazu, dass ihr Biogärtner wurdet?

Budi: Ich hab mich schon sehr lange für Bio-Anbau interessiert, sah aber lange kaum Möglichkeiten, vom Anbau von Bio-Gemüse leben zu können. Das änderte sich, als wir das Milas kennen lernten und feststellten, es gibt da eine Gemeinschaft von Menschen, die Wert auf gesunde Nahrung legt. 2010 begannen wir dann selbst mit dem biologischen Landbau. Ich hatte vorher schon Erfahrungen gesammelt, bei Familienmitgliedern und Freunden, die biologische Landwirtschaft betreiben.

Septi: Ich kam zum Gärtnern, als ich Budi kennen lernte. Mich erfüllt das Leben als Bio-Gärtnerin sehr, weil es ein sehr gesundes Leben für mich und meine Familie ist, aber auch etwas, das ich weiteren Menschen vermitteln kann.

Warum habt ihr euch für Bio-Anbau und nicht für den konventionellen Weg entschieden?

Budi: Ich wurde Bio-Gärtner, weil mich besorgt, dass Landwirtschaft heutzutage vor allem ein Geschäft ist, ein schnelles Geschäft, mit immer stärkerer Technisierung. Demgegenüber sehe ich das Betreiben eines Bio-Gartens als etwas sehr Gesundes an, etwas das mir und meiner Familie gut tut.

Septi: Das hat auch mit dem Wunsch zu tun, die Umwelt zu schützen. Warum sollten wir chemischen Dünger verwenden, der die Umwelt schädigt, wenn es organischen Dünger gibt, der die Umwelt nicht schädigt? Wir bekommen doch alles auf diese natürliche Weise, meine Familie kann sich gesund ernähren, wir können unser Wissen darüber mit anderen Menschen teilen und wir sorgen dafür, dass die Umwelt nicht verschmutzt wird. Das ist doch gut für unsere Zukunft. Leider gibt es aber bislang nur sehr wenige Menschen, die auf gesunde Weise Nahrungsmittel anbauen wollen.

Wie können wir uns einen typischen Tag in eurem Garten vorstellen?

Budi: Unser Garten ist etwa 800 Quadratmeter groß. Wir bauen nach der sogenannten tumpangsari-Tradition an, ganz ähnlich den Prinzipien der Permakultur. Unseren Dünger stellen wir selber her, aus Grasschnitt, Gemüseresten, Essensresten, die wir an einem speziellen Platz lagern, wo sie zu Komposterde werden. Außerdem stellen wir mittels Fermentationsprozessen in speziellen Behältern flüssigen Dünger her. Dafür verwenden wir Blätter, Grasschnitt und den Dung von Schafen, Kühen und von Hasen. All dies haben wir von alten, erfahrenen Bauern gelernt und von jüngeren Freunden, die Bio-Anbau betreiben.

Septi: Unsere Vorfahren wussten alles über Bio-Anbau. Für bestimmte Schädlinge mischten sie bestimmte Bekämpfungsmittel aus natürlichen Zutaten. Budi setzt diese Tradition fort, auch wenn diese Art von ‚Lösung‘ in einem modernen Labor vielleicht nicht als ‚beweisfähig’ gelten würde. Aber in der Praxis funktionieren die alten Rezepte.

Man könnte also sagen, Bio-Anbau ist schlicht eine Rückkehr zu den alten Traditionen?

Septi: Ja. Wenn man die Alten fragt, sagen sie, es gibt heutzutage so viele Schädlinge, weil so viel chemisch gedüngt wird. Wir sind aber nicht Bio-Gärtner geworden, weil wir gerne besonders traditionell sein wollten,sondern weil wir unsere Gesundheit erhalten und die Umwelt schützen wollten. Wir bauen vor allem Gemüse an, zum Beispiel Spinat, Tomaten, Gurken, Maniok, Moringa und Pandan. Aber auch verschiedene Wildkräuter, Gewürzpflanzen und Salatsorten, Basilikum und essbare Blüten wie Tagetes, Schmetterlingserbse und Rote Ingwerlilie, die übrigens hervorragend für Sambal-Saucen geeignet ist.

Wie können wir uns einen typischen Tag in eurem Garten vorstellen?

Septi: Normalerweise planen wir am Vorabend, was am nächsten Tag getan wird. Wir teilen unsere Zeit ein, setzen eine Art Tagesziel fest, das erreicht werden muss. Das kann dann so aussehen, dass morgens erstmal umgegraben und der Boden vorbereitet wird um Jungpflanzen auszusetzen, die dann bewässert und gedüngt werden und so weiter. Wir haben von morgens bis abends.zu tun mit Pflanzen, Pflegen und Ernten.

Zieht ihr eure Jungpflanzen aus eigenem Saatgut?

Septi: Einen Teil ziehen wir selbst aus unseren Pflanzen. Manches bekommen wir von Freund*innen, die ebenfalls Bio-Anbau betreiben. Einen Teil kaufen wir. Da es sehr schwer ist, Bio-Saatgut zu kaufen, müssen wir manchmal auch auf konventionelles Saatgut zurückgreifen, das wir dann aber ebenfalls biologisch anbauen.

Könnt ihr von den Erträgen eures Gartens leben?

Budi: Wir können sogar etwas ansparen. Einen Teil der Einnahmen investieren wir sofort wieder in unseren Garten. Einen Teil legen wir für Notfälle zurück. Der Rest fließt in Transportkosten und alle weiteren Lebenskosten. Ab und zu gönnen wir uns auch einen netten Ausflug. Es ist ja wichtig, das Leben zu genießen (lacht).
Septi: Momentan reicht es zum Leben. Und wenn es nicht mehr reicht, dann müssen wir uns etwas Neues einfallen lassen.

Wo und an wen verkauft ihr eure Ernte?

Septi: Es gibt ein paar Stammkund*innen, die oft zu unserem Garten kommen und direkt etwas einkaufen. Es gibt Besucher*innen, die spontan vorbei kommen und dann auch Gemüse mitnehmen. Das passiert sogar ziemlich oft. Viele Menschen kennen uns vom Milas-Markt, wo wir immer mittwochs und samstags Gemüse, Obst und Jungpflanzen verkaufen. Wir wollen vor allem lokale Pflanzen bekannt machen. Im Milas kaufen sowohl Einheimische als auch viele ausländische Besucher*innen ein.

Vermarktet ihr eure Erträge auch übers Internet?

Septi: Nein. Nicht weil wir das Internet per se ablehnen, es hat ja viel Fortschrittliches. Aber es ist eben etwas anderes, wenn man das Gemüse im Internet bestellt und dann geliefert bekommt. Wenn Besucher*innen direkt zu unserem Garten kommen, dann sehen sie, dass wir wirklich biologisch gärtnern, sie bekommen einen Eindruck, der wahrhaftig ist. Auch der Milas-Markt schafft einen Raum, wo man auf direkte Weise miteinander ins Gespräch kommt. Ein Gespräch von Mensch zu Mensch, das ist klar und direkt und das bereitet Freude. Und noch schöner ist es, wenn die Menschen uns dann in unserem Garten besuchen und sich selbst ein Bild machen wollen.

Bekommt ihr als Bio-Bäuer*innen und -Bauern Unterstützung von der Regierung?

Septi: Wir wollen keine Unterstützung von der Regierung. Es gibt so viele ‚Projekte‘ mit Regierungsunterstützung, deren Umsetzung überhaupt nicht gut läuft. Außerdem bräuchte es eine Gruppenstruktur, um von der Regierung unterstützt zu werden. Aber wir haben noch keine Gruppe gefunden, der wir vertrauen würden.

Budi: Die Regierungsprogramme helfen den Bäuer*innen nicht wirklich. Die Regierung führt zum Beispiel Programme für Bio-Anbau durch, aber sie setzten dafür Ertragsziele voraus, die mit Bio-Anbau nicht auf die Schnelle zu leisten sind, weil wirklicher Bio-Anbau Zeit braucht. Die Menschen, die in diesen Programmen mitarbeiten, wollen keine Verluste machen und versuchen, sich diesen Vorgaben zu beugen. Das geht aber auf Kosten der biologischen Landwirtschaft. Doch davon will die Regierung nichts hören. Es ist für die Bauern schwierig, das zu vermitteln. Zum einen haben sie alle Hände voll auf den Feldern zu tun. Zum anderen wissen sie zwar viel, sind aber nicht geschult darin, dieses Wissen weiter zu geben, vor allem wenn sie auf Regierungsvertreter*innen treffen.

Welche Herausforderungen gibt es seitens der Konsument*innen?

Budi: Viele von ihnen fragen, warum Bio-Gemüse so teuer ist, aber wenn man es ihnen erklärt, dann verstehen sie es auch. Es kommt vor, dass mich Kund*innen fragen, warum ein Bund Spinat bei mir 5000 Rupiah kostet und nicht 3000 Rupiah wie auf den anderen Märkten und sagen, das sei aber teuer. Dann erkläre ich ihnen, dass sie natürlich anderswo den Spinat für weniger Geld kaufen können, dass sie aber dann nicht wissen, wo er angebaut wurde, auf welche Weise und von wem. Und dass sie natürlich für sich entscheiden können, was ihnen wichtiger ist. Kommunikation mit den Kund*innen spielt eine wichtige Rolle.

Septi: Auf dem Milas-Markt bekommen die Kund*innen die Informationen direkt von den Erzeuger*innen. Das heißt, wir können ihnen alles erklären, vom Saatgut bis zur Ernte. Manche wollen am Anfang nicht verstehen, dass es einen großen Unterschied zwischen konventioneller Landwirtschaft und Bio-Anbau gibt, Aber spätestens wenn sie mal bei uns im Garten vorbei geschaut haben, verstehen sie den Unterschied.

Zu Anfang des Interviews hattet ihr gesagt, Bio-Anbau sei traditionell eigentlich der ‚normale‘ Weg des Anbaus gewesen. Warum wird diese Tradition eurer Meinung nach kaum noch gepflegt?

Septi: Da sind wir wieder bei dem Problem, dass schnell auf Masse produziert werden soll. Dabei wird nicht auf die langfristigen Umweltfolgen geachtet, sondern nur auf schnelle Erträge, die man sich unter anderem von chemischen Düngemitteln erhofft.

Budi: Natürlich sind wirtschaftliche Gründe wichtig. Aber was wir brauchen ist eine nachhaltige Wirtschaft. Für viele Menschen zählt nur das Geschäft, das schnelle Geld. Deswegen wird Bio-Anbau als zu zeitaufwendig abgelehnt. Dabei hängt doch alles mit allem zusammen. Wenn wir auf gesunde Weise für Nahrungsmittel sorgen, dann werden wir auch in weiteren Lebensbereichen nachhaltiger sein, zum Beispiel auch bezüglich Gesundheit und Bildung.

Was haltet ihr von Labels zur Zertifizierung von Bio-Produkten?

Budi: Ich glaube, Indonesien ist noch nicht so weit, dass das funktioniert. Unsere Umwelt ist so kaputt. Da müsste sich grundsätzlich etwas ändern. Die Richtlinien für den Bioanbau müssten verbessert und auch wirklich umgesetzt werden. Meiner Erfahrung nach ist das wie Schminke, die aufgelegt wird, es wird nur oberflächlich geschaut und dann zertifiziert. Was wir aber bräuchten sind tiefgreifende Diskussionen mit den Bäuer*innen und mit Anwohner*innen in ihrer Umgebung, um ein nachhaltiges Umweltbewusstsein zu entwickeln. Es sollte nicht nur um ein Label geben, das man seinem Produkt verpasst, ohne sich zu fragen, was man in einem größeren Rahmen gegen Umweltverschmutzung tun kann.

Septi: Bei der Zertifizierung sollte auch darauf geachtet werden, woher zum Beispiel das Wasser kommt, ob es sauber ist. Auch darauf, ob das was angebaut wird, für die Region, wo es angebaut wird, überhaupt sinnvoll ist. Da müsste viel mehr ins Detail gegangen werden. Ein weiteres Problem sind die hohen Kosten für die Zertifizierungen, Tausende von Euro. Das können Ein-Mann-Betriebe wie wir finanziell gar nicht stemmen.

Warum seid ihr nicht Teil einer Genossenschaft?

Septi: Wir suchen noch nach Mitstreiter*innen, denen wir wirklich vertrauen können. Wenn wir sie gefunden haben, würden wir sehr gerne eine Genossenschaft gründen, denn unsere Kapazitäten zu zweit sind begrenzt. Über eine Genossenschaft, wo es kollegial und ehrlich zugeht, wären wir sehr glücklich. Und dann könnten wir uns vielleicht sogar um Zertifizierungen bemühen. Aber wir sind auch erst vor einem Jahr an diesen Ort umgezogen. Wir haben noch viele Pläne. Einstweilen versuchen wir, mit dem, was wir haben und was wir tun, in unserer Gegend ein gutes Vorbild zu sein.

Gebt ihr euer Wissen in eurer Gegend auch über Schulen weiter und zeigt Kindern und Jugendlichen, wie man gesunde Nahrung anbauen kann?

Septi: In unserem alten Garten haben wir das gemacht, da kamen immer mal Schulklassen vorbei. Wir bereiten das hier auch gerade vor, wollen demnächst mit Broschüren zu einer nahe gelegenen Schule gehen. Vielleicht werden wir irgendwann auch eine Website anlegen, auf die alle Menschen zugreifen können. Denn wir glauben, dass unser Garten auch ein Bildungsort ist, wo man viel lernen kann: Über das Pflanzen, das Halten von Tieren, aber auch über unser familiäres Zusammenleben und über das Leben ganz allgemein.

Was sind eure Wünsche für die Zukunft?

Septi: Ich wünsche mir, dass viele Menschen unserem Beispiel folgen, dass sie sich vorstellen können, so zu leben wie wir. Ich möchte ein gutes Vorbild sein, in der Hoffnung, dass sich etwas ändern kann wenn wir viele sind. Dass wir wieder eine gesunde Umwelt bekommen, weil die Menschen verstehen warum das wichtig ist. Vielleicht schaffen wir es, hier eine Art Ökodorf aufzubauen. Von der Regierung wünsche ich mir, dass sie Kleinbäuer*innen wie uns wirklich zuhört. Und dass sie sich wirklich in den Gärten und auf den Feldern umschaut.
Budi: Bevor die Regierung Regelungen zum Thema Bio-Anbau erlässt, sollte sie sich wirklich eingehend damit beschäftigen, was das bedeutet. Dann wird es mit der Implementierung auch einfacher. Momentan habe ich das Gefühl, weder die, die die Gesetze machen, noch die, die sie implementieren sollen, verstehen wirklich etwas von der Materie. In der Praxis wirkt das wie ein Bumerang.

Was wünscht ihr euch von den Konsument*innen?

Budi: Ich wünsche mir ein ganzheitliches Interesse, nicht nur ein ‚Ich lebe bio, ich esse bio‘, weil es schick ist. Dabei wissen sie oft nicht einmal, ob wirklich `bio` drin ist, wo ´bio` drauf steht. Sie wollen zum Beispiel `bio` und kaufen lieber im Supermarkt ein, als auf dem Markt. Dabei würden sie auf den traditionellen Märkten und vor allem auf alternativen Märkten mehr Bio-Produkte finden und direkt mit den Erzeuger*innen ins Gespräch kommen.

Septi: Ich wünsche mir von unseren Kund*innen, dass sie verstehen, dass wir nicht alle Wünsche erfüllen können. Die Natur folgt ihren eigenen Gesetzen und wir folgen der Natur, in diesem Monat gibt sie uns diese Früchte, zu einer anderen Zeit andere. Ein System, in dem Bauern gezwungen werden, wider die Natur zu handeln, um jeden Konsument*innenwunsch zu erfüllen, ist ein falsches System.

Das könnten wir fast schon als Schlusswort stehen lassen…

Septi: Eins noch: Ich wünsche mir, dass ´bio´ mehr ist als nur ein Trend. Denn es ist eine Lebenshaltung. Wer ´bio´ einkauft, sollte zum Beispiel die Finger lassen von Einwegplastik. Hier in Indonesien ist so viel von Plastikmüll verschmutzt. Die Menschen über die Folgen zu informieren ist schwierig. Wenn ich auf dem Markt einkaufe, gehe ich da immer mit meinen eigenen Einkaufstaschen und Lebensmittelbehältern hin. Anfangs war das mühsam, ich konnte 100-mal sagen: `Ich will keine Plastiktüte` ich bekam trotzdem alles in die obligatorischen Einwegplastiktüten gepackt. Aber wenn ich mit den Marktfrauen rede und ihnen erkläre, dass ich Müll vermeiden will, verstehen sie es. Und dann sage ich: „Wenn es zehn Menschen gäbe wie mich oder 100, dann wären zehn oder 100 weniger von diesen Tüten in der Welt.“ Es macht mich wirklich traurig, den Zustand unserer Umwelt zu sehen. Aber wer soll etwas verändern, wenn nicht wir, die junge Generation?

Interview und Übersetzung aus dem Indonesischen von: Anett Keller

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Kenntnisreiche Einführung in die indonesische Gegenwartskunst

Interview mit dem indonesischen Regisseur Dandhy Dwi Laksono über seinen neuen Film „Asimetris“, in dem es um Profiteure und die Folgen des Palmölanbaus in Indonesien geht. Der Film zeigt Waldbrände, die Lebensrealität von Kleinbäuer*innen und schließlich die Produkte, in denen Palmöl steckt. Asimetris nennt auch die Namen derer, die vom Palmölbusiness profitieren und zeigt die Verbindung zwischen Unternehmen, Banken und der Politik auf.

In deinem neuen Dokumentarfilm „Asimetris“ übst Du heftige Kritik an der Palmölproduktion. Jeder von uns nutzt Palmöl, als Brennstoff, in Fertiggerichten, Schokocremes, Waschmitteln und Kosmetika. Warum sollten wir den Umgang mit Palmöl überdenken?

Weil wir alles, was wir konsumieren, als selbstverständlich nehmen. Wir denken kaum über die Auswirkungen auf die Natur oder auf die Menschen an den Produktionsorten nach. Die globalisierte kapitalistische Produktionsweise beruht darauf, dass Waren weit weg von ihren Verbraucher*innen hergestellt werden, so dass sie von der Wurzel der Probleme nichts mitbekommen.

Wie viele Menschen in Europa wissen, wie eine Ölpalme aussieht? Sie bekommen sie ja nie mit eigenen Augen zu sehen. Das ist anders als beim Raps oder bei der Sonnenblume, die ihr vor der eigenen Haustür habt. Das Ziel meines Films ist, zu zeigen, was da passiert, wo das Palmöl herkommt und eine Verständigung zu erreichen zwischen der Welt der Verbraucher und der Menschen, die es herstellen. Und dass unsere Produkte des täglichen Bedarfs eben keine Selbstverständlichkeit sind.

Indonesien ist der größte Palmölproduzent der Welt, die Exportmenge von Palmöl hat sich in den letzten zehn Jahren beinahe verdoppelt. Im Palmölgeschäft sind große Wirtschaftkonglomerate mit besten Verbindungen in die Politik aktiv. Wie waren die Reaktionen in Indonesien auf deinen Film?

Wir messen den Einfluss unserer Filme daran, wie viele Menschen sich für ihre Verbreitung einsetzen, indem sie öffentliche Vorführungen organisieren. Watchdoc, unsere Filmproduktionsfirma, hat noch nie selbst eine Vorführung organisiert. Unsere Dokumentationen laden wir auf unseren Youtube-Kanal hoch und geben bekannt, dass sie für öffentliche Vorführungen genutzt werden können. Bei „Asimetris“ war die Nachfrage enorm hoch. Seit wir den Film Ende April hochgeladen haben hat es über 300 öffentliche Vorführungen in Indonesien und weiteren Ländern gegeben. Das gab es in dieser kurzen Zeit noch nie bei unseren anderen Filmen. Diese Vorführungen fanden in Indonesien häufig da statt, wo Menschen selbst von den Folgen der Palmölproduktion betroffen sind. Aber auch an anderen Orten, wo Menschen wegen anderweitiger Ressourcenausbeutung leiden, zum Beispiel wegen Kohleabbau. Es wurde also auch in Gegenden, wo gar keine Ölpalmen wachsen, das Beispiel Palmöl genutzt, um zu zeigen, welche Konflikte durch die Ausbeutung von Naturressourcen entstehen. Die Nachfrage war wirklich überwältigend. In Kalimantan gab es sogar eine Vorführung, die Menschen in einer riesigen Shopping Mall veranstaltet haben. All diese Veranstaltungen haben Menschen aus eigenem Antrieb organisiert, sie bekamen kein Geld dafür, sie schrieben nicht vorher Projektanträge. Sie haben es einfach gemacht, haben in ihren Dörfern ein Tuch zwischen zwei Bambusstangen gehangen und den Film gezeigt. Dass der Film nun auch international Interesse findet, freut uns zusätzlich.

Ihr kritisiert im Film deutlich die Umwelt- und menschenfeindlichen Bedingungen in der Palmölindustrie und die Politik, die die Produktion pusht. Ihr nennt Namen, zeigt Verbindungen auf, auch zu internationalen Banken. Gab es von diesen Akteuren Reaktionen?

Das ist interessant. Asimetris ist der 10. Film, den wir in einer Serie gemacht haben, in der es um Landkonflikte in verschiedenen Regionen Indonesiens geht. Bei früheren Filmen, z.B. Samin vs. Semen, The Mahuzes und Kala Benoa gab es sofort harsche Reaktionen, sie wurden in sozialen Medien verunglimpft, als tendenziös hingestellt. Die Folge war, dass noch mehr Menschen neugierig auf unsere Filme wurden. Bei diesem Film gab es diese Art Kritik bislang nicht. Vielleicht möchten uns die im Film Kritisierten keine zusätzliche publicity verschaffen. Vielleicht wissen sie auch nicht, wo sie ansetzen sollten. Denn der Film lebt sehr stark von Aufnahmen der Betroffenen und von Ausschnitten, die zum Beispiel aus Nachrichtensendungen stammen. In einer Szene fordert Präsident Joko Widodo zum Beispiel von Palmöl-Kleinbauern, sie sollten die gleichen Erträge bringen, wie die großen Plantagen das können – in meinen Augen ein fataler Fehler. Das sind Aufnahmen, die existieren und die einen starken Eindruck machen und wo wir immer die beteiligten Quellen nennen. Es ist das, was da ist, nicht meine oder unsere Interpretation.

Palmöl ist ein Politikum. Als die EU bekanntgab, aus der Beimischung von Palmöl zu Biodiesel auszusteigen zu wollen, reagierte Indonesiens Regierung heftig. Wie ist der aktuelle Stand in diesem „Handelskrieg“?

Die Gemüter haben sich abgekühlt, nachdem die EU den Zeitrahmen von 2020 auf 2030 verschoben hat. Zuvor hatte die indonesische Regierung intensive Lobbyarbeit geleistet. EU-Vertreter wurden nach Indonesien eingeladen, zahlreiche Diskussionsrunden wurden veranstaltet. In Indonesien schloss die Palmölindustrie sogar ein Memorandum of Understanding mit dem Journalistenverband PWI ab, wo sich verpflichtet wurde, keine „Lügen“ mehr über Palmöl zu verbreiten. Oft werden von Seiten der Befürworter Kritiker von Palmöl dargestellt als Menschen, die gegen Indonesiens ‚nationales Interesse’ handeln, z.B. als Lobbyvertreter von europäischen Produkten wie Sonnenblumen- oder Rapsöl. In Indonesien wird von interessierter Seite die Geschichte gepflegt, dass die Europäer uns beim Palmöl zu ihrem eigenen Vorteil eins auswischen wollen.

Unser Film versucht, das Thema aus diesem nationalistischen Kontext heraus zu nehmen und zu zeigen, dass es damit nichts zu tun hat. Sondern dass es im Palmölgeschäft um Interessen globaler Konzerne mit einer transnationalen Eigentümerschaft geht, die von Banken aus diversen Ländern gefördert werden. Es geht nicht um einen „Handelskrieg“ zwischen verschiedenen Ländern oder verschiedenen Pflanzenöl-Sorten. Diese Handelskrieggeschichten sind Märchen für die Bevölkerung, um sie davon abzulenken, dass es eigentlich um globalen Kapitalismus geht.

Du hast den so genannten Handelskrieg als Märchen bezeichnet. Ist das gerade von Indonesien verkündete Moratorium, nach dem keine weiteren Wald-Flächen für den Anbau von Ölpalmen gerodet werden dürfen, auch Teil dieses Märchens?

Das Moratorium geht am Kern des Problems vorbei. Es währt nur drei Jahre. Erstens: Wenn der Grund für das Moratorium ist, dass die Wälder sich erholen sollen, dann reichen drei Jahre nicht. Nicht mal für eine Monokultur wie die Ölpalme reichen drei Jahre, bis sie Früchte trägt. Erst recht nicht für komplexe Ökosysteme, die für Biodiversität sorgen würden. Zweitens: Von den 16 Millionen Hektar, die in Indonesien für den Palmölanbau jetzt schon zur Verfügung stehen, sind vier Millionen bereits gerodete Flächen noch nicht bepflanzt. Da braucht es also aktuell keine Expansion. Es klingt natürlich toll, wenn man ein Moratorium verkündet. Aber eigentlich ist es ein weiteres Greenwashing der Regierung, die die Ausweitung vom Ölpalmenanbau in den letzten Jahren stark vorangetrieben hat. Das Moratorium hat zudem den unternehmerfreundlichen Aspekt, dass es die Ölpalmen-Oligarchen vor neuen Konkurrenten schützt. Drittens: ist es auch eine Atempause in unsicheren Zeiten, was die Abnahme von Palmöl aus der EU betrifft. Indonesien schützt sich vor einem Preisverfall. Denn China und Indien haben ebenfalls einen großen Energiehunger und nehmen Indonesien gerne Palmöl ab, das sich nicht in die EU verkaufen lässt, aber zu einem niedrigeren Preis. Die indonesische Regierung hat schon Maßnahmen ergriffen, die Nachfragedrosselung auszugleichen: Seit September ist die Beimischquote von Biodiesel in Indonesien von zehn auf 20 Prozent erhöht worden. Es gab also drei Schritte: Die EU zu einer Verlängerung des Ausstiegsdatums zu bewegen, alternative Märkte wie Indien und China bedienen und die Nachfrage im eigenen Land erhöhen.

Die großen Palmölproduzenten in Indonesien haben sich im Round Table for Sustainable Palmoil (RSPO) zusammen geschlossen. Dessen Kriterien und die Unverbindlichkeit bei ihrer Umsetzung hat dem RSPO viel Kritik als „Greenwashing“ eingebracht. Was hältst Du von RSPO, hat es zum Schutz der Umwelt und auch für mehr Rechte der im Palmölsektor Beschäftigten beigetragen?

Auch die Zertifizierung a la RSPO geht am Kern des Problems vorbei. Alles, was in Monokulturen für einen Massenmarkt hergestellt wird, zerstört die Umwelt. Aber wenn es nur um den Anbau von Palmöl für Lebensmittel ginge, dann machte eine Zertifizierung vielleicht Sinn. Weil es ein Limit im Verbrauch gibt. Egal wie viel Essen wir in Palmöl braten, irgendwann sind wir satt. Aber wenn man Waldflächen konvertiert, um Palmöl für Biodiesel herzustellen, gibt es praktisch kein Limit. Wir können immer weiter verreisen mit Biosprit im Tank. Nachhaltigkeit klingt also sehr absurd, wenn gleichzeitig der Verbrauch immer weiter in die Höhe getrieben wird. Was da gefördert ist, ist ein verschwenderischer Lebensstil, der keine Grenzen kennt. Und was da alternative Energie genannt wird, um fossile Brennstoffe zu ersetzen, beschwört eine neue Katastrophe herauf. Dazu kommt, dass die Standards, die zertifiziertes Palmöl haben sollte, nicht eingehalten werden. Es gibt Korruption. Es gibt weiterhin Kinderarbeit. In den Mühlen werden Ölfrüchte aus zertifizierten Plantagen und nicht-zertifizierten einfach gemischt.

In Deutschland sind große Unternehmen wie Rewe, Kaufland, Edeka, ThyssenKrupp, Unilever, Henkel und weitere im Forum für Nachhaltiges Palmöl (FONAP) organisiert, das von der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) koordiniert wird. Sind dir Beispiele bekannt, wo das Wirken von FONAP im indonesischen Palmölsektor Verbesserungen für Mensch und Umwelt gebracht hat?

Ich höre von FONAP heute zum ersten Mal. Ich kenne RSPO. Die indonesische Seite wollte dieses nicht akzeptieren und hat ihren eigenen Standard ISPO geschaffen, weil sie nichts vom Ausland diktiert bekommen haben wollten. FONAP ist mir bei meinen Recherchen zu Palmöl bisher nicht über den Weg gelaufen. Was die meisten Zertifizierungsbefürworter immer wieder betonen, ist die Förderung von Kleinbauern. Kritikern wird vorgeworfen, das Schicksal der Kleinbauern zu gefährden, von denen 40 % des Palmöls stammen. Deswegen war es uns wichtig, im Film ein vielschichtiges Bild zu zeigen, wie es Palmöl-Kleinbauern geht. Da zeigen wir die unterschiedliche Situation von Bauern, die Palmölgärten in verschiedenen Größen besitzen sowie auch die von landlosen Bauern.

Der Anbau einer Monokultur bringt vielen Menschen Leid. Umso mehr, wenn sie mit riesigen Plantagen von Großunternehmen konkurrieren müssen. Deswegen zeigen wir im Film auch Beispiele von Bauern, die sich nicht den Ölpalmen verschrieben haben, sondern verschiedene andere Nahrungsmittel anbauen. Das macht sie unabhängiger. Eigentlich sollten Bauern, je kleiner ihre Flächen sind, umso mehr auf Mischkulturen setzen. Das entspricht auch dem lokalen Wissen und der Tradition. Aber unsere Regierung fordert etwas anderes von den Bauern, nämlich die Monokultur. Die indonesische Regierung hat auch damit begonnen, entlegene Gegenden mit Diesel-basierter Energie zu versorgen, anstatt mit Windrädern oder Solarenergie.

Bislang gibt es kein `Bio`-Palmöl aus Indonesien, also keines, das den Richtlinien der EU-Öko-Verordnung für den ökologischen Landbau genügt. Auch Palmöl mit einem Fairhandelssiegel sucht man vergebens. Warum ist das so, obwohl doch das meiste Palmöl auf dem Weltmarkt aus Indonesien kommt?

Ich glaube, das hat mit der Vertrauenswürdigkeit der gesamten Branche zu tun. In Indonesien sind Zertifizierungen output-orientiert, da geht es nicht ums Ökosystem. In Europa ist es vielleicht so, dass erst mal ein alternatives Anbau-System geschaffen wird, dann folgt die Zertifizierung.

Bio-Palmöl stammt bislang aus afrikanischen und lateinamerikanischen Ländern.

Offenbar sind die vertrauenswürdiger. Wer sollte auf einer Fläche von 16 Millionen Hektar sicherstellen, dass die gesamte Produktionskette „sauber“ im Sinne von Umwelt- und Menschenrechtsstandards ist. Indonesien hat ein Korruptionsproblem. Und, auch das sieht man im Film, die Sicherheitskräfte handeln oft im Sinne der Unternehmen. Die Arbeiter stehen unter hohem Druck, Kinderarbeit ist verbreitet. Man muss sich beim Thema Zertifizierung nur das Beispiel RSPO anschauen. Die EU hat unlängst in einem Bericht zu Palmöl festgestellt, dass lediglich vier bis sechs Prozent des RSPO-zertifizierten Palmöls wirklich bis zu den Anbauorten zurückverfolgt werden kann.

Wahrscheinlich wäre Palmöl auch für die Verbraucher nicht mehr so billig zu haben, wenn all diese Standards wirklich eingehalten würden.

Ja. Das ist auch Teil des Märchens vom Handelskrieg. Da wird argumentiert, dass alle möglichen Forderungen an uns gestellt werden, um die Preise in die Höhe zu treiben. Dabei werden Preissteigerungen meist ohnehin gar nicht an die Produzent*innen weiter gereicht. Kleinbauern oder auf Plantagen Beschäftigte haben kaum eine Chance, ihre Situation zu verändern.

Gibt es keine gewerkschaftliche Tätigkeit im Bereich Palmöl?

Die gibt es. Sie sind aber oft auf Betriebsebene oder lokaler Ebene organisiert. Die Früchte der Ölpalme müssen innerhalb von 24 Stunden verarbeitet werden, sonst verderben sie. Das bringt die Anbauenden in eine sehr schwache Verhandlungsposition. Nimmt ein Zwischenhändler sie nicht ab, haben sie die Wahl, viel Zeit und Transportkosten in die Fahrt zu einem andern Händler zu stecken. Oder sie eben zum angebotenen Preis zu verkaufen. Um die Bauern zu unterstützen, könnte die Regierung alternative Wirtschaftsformen unterstützen, z.B. den Aufbau von Genossenschaften mit Hilfe von Steuervergünstigungen oder Infrastrukturhilfen. Genossenschaften würden die Bauern in eine stärkere Position bringen. Aber welche Verhandlungsposition hat ein einzelner Kleinbauer, der seine Ernte um jeden Preis verkaufen muss, um sich den Reis für seine Familie leisten zu können.

In welcher Situation sind Menschen, die versuchen, an dieser Situation etwas zu ändern, z.B. Aktivist*innen und/oder NGOs?

Die NGOs in Indonesien sind sehr in Sektoren gespalten. Sie schauen auf einzelne Problemfelder. Manche auf die Situation der Arbeiter*innen, andere auf die Zerstörung der Wälder und die Bedrohung der Tiere, wieder andere auf die Fragen von Landkonflikten. Sie arbeiten einzeln, entlang der Linien, die in ihren Projektanträgen stehen. Ich wünsche mir, dass wir über diese „NGO“-Logik hinaus kommen. Es wünsche mir nicht nur eine grenzenlose Solidarität, sondern auch eine, die ohne Projektanträge auskommt. Wir sollten uns nicht in Sektoren aufspalten. Denn der Kapitalismus vereint alle Bereiche des Lebens, er hält sich Armeen, Wissenschaftler, Medien und Regierungen. Dagegen zu kämpfen braucht also auch einen umfassenden Ansatz.

Was können Verbraucher tun, um nicht Teil der zerstörerischen Produktions- und Handelskette im Palmölsektor zu werden?

Ich selbst dusche zum Beispiel seltener, seit ich für diesen Film recherchiert habe (lacht). Und ich verwende nicht mehr jedes Mal Seife und Shampoo. Man kann sich auch nur mit Wasser ausreichend sauber waschen, das tut sogar unserer Haut gut. Außerdem esse ich nicht mehr so viel Frittiertes, denn das meiste Frittierte bei uns in Indonesien wird in Palmöl gebacken, weil es am billigsten ist. Wir müssen versuchen, unseren Verbrauch zu reduzieren und auf Vielfalt zu setzen. Wer sich `bio` leisten kann, sollte dies tun. Wer Fertigprodukte mit selbst gemachten ersetzen kann, sollte dies tun. Dies alles sind in Bezug auf Nahrungsmittel und Kosmetik individuelle Schritte, die gut und wichtig sind.

Aber der größte Teil des Palmöls wird zu Biodiesel. Wir können nicht argumentieren, „ich lebe ja schön ‚grün’ und der Rest der Welt soll selber klar kommen“. Wir müssen in Bezug auf die Benutzung von Brennstoffen unseren Lebensstil kritisch überdenken. Und wir müssen auf der strukturellen Ebene viel mehr Einfluss nehmen. In der Politik, in den Medien, im Bildungssystem. Lehrer*innen sollten nicht warten, bis der Lehrplan es ihnen sagt. Sie können auch jetzt schon über die verheerenden Folgen unseres Lebensstils mit ihren Schüler*innen sprechen. Eltern können dasselbe mit ihren Kindern tun. Und jeder, der möchte, kann öffentlich Filme wie unseren zeigen.

„Asimetris“ auf youtube – Deutsche Version (32 min):

zur Indonesischen Version mit englischen UT (68 min)

Interview und Übersetzung aus dem Indonesischen: Anett Keller

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1 | 2018, Indonesien, Rezensionen,
Autor*in:

Kenntnisreiche Einführung in die indonesische Gegenwartskunst

Fairventures aus Stuttgart verfolgen mit ihren Wiederaufforstungsprojekten in Indonesien ein eigenes Konzept: Kleinbäuer*innen in Kalimantan werden mit Setzlingen von schnell wachsenden Sengonbäumen ausgestattet, die sie zusammen mit Gemüse und Gewürzen zur Selbstversorgung auf degradierten Flächen anpflanzen. Das in der Bauindustrie verwendbare Nutzholz soll den Familien nach wenigen Jahren ein verlässliches Einkommen einbringen. Wie und ob das funktioniert und welche Herausforderungen bei der Umsetzung bewältigt werden müssen, darüber haben wir mit Johannes Schwegler gesprochen. Schwegler ist Holzbauingenieur und Betriebswirt. Nach langjährigen Tätigkeiten in Indonesien, gründete er im Jahr 2014 die gemeinnützige GmbH Fairventures Worldwide.

Sie arbeiten seit über 20 Jahren in Projekten in Kalimantan, dem indonesischen Teil von Borneo. Auf der Insel wird weiterhin massiv Regenwald gerodet. Was sind die Ursachen?

Bei uns in der Projektregion, der Provinz Zentral-Kalimantan, sind die Hauptgründe der Rodungen Konzessionsvergaben die zur Umwandlung von Sekundärwäldern zu Monokulturen führen, insbesondere durch die Palmölindustrie, aber auch durch Rohstoffabbau, vor allem Gold- und Kohleminen. Die Provinz erfährt ein jährliches Bevölkerungswachstum von 10% durch Migranten aus Java. Für ihre landwirtschaftliche Tätigkeit wird Wald abgeholzt.

Weitere Gründe der Entwaldung sind Holzkonzessionen für den lokalen Bausektor in Indonesien und Rodungen für den Wanderfeldbau der indigenen Bevölkerungsgruppe der Dayaks. Unsere Tätigkeit fokussiert sich hauptsächlich auf unmittelbare Lösungsansätze für die drei letzten Ursachen: Migration, Holzkonzessionen für den lokalen Bausektor und Rodung für Wanderfeldbau.

„Wirkung durch Moratorium, Reglementierungen und nachhaltiger Waldnutzung“

Was muss sich ändern, um Holzeinschlag und die Expansion von Monokulturen zu reduzieren?

Es gibt drei Ansätze, die in unserem Projektgebiet in der letzten Zeit Wirkung gezeigt haben. Einer davon ist ein Moratorium, welches vom indonesischen Präsidenten 2011 unterzeichnet und mehrfach verlängert wurde. Somit wird eine Fläche (fast doppelt so groß wie das Bundesgebiet) von 670.000 km² Primärwälder und Torfmoorgebiete offiziell davor geschützt, in Monokulturen umgewandelt zu werden.

Zweitens: Reglementierungen durch die europäische Holzhandelsverordnung, denen sich die indonesische Regierung mit dem V-Legal System angeschlossen hat. Hierbei handelt es sich um eine Restriktion zur Nutzung tropischer Hölzer. Dabei wird die Legalität des Holzes geprüft, in dem jeder Akteur transparent machen muss, wo das Holz herkommt. Tatsächlich wird deutlich weniger Holz eingeschlagen. Laut dem World Resources Institute (WRI) ist der Waldverlust 2017 im Vergleich zum Vorjahr in Indonesien um die Hälfte zurückgegangen. Es gibt keine großflächigen Abholzungen im Moment in unserem Projektgebiet mehr. Die großen Sägen in Zentral-Kalimantan stehen still. Jetzt muss die Regierung weiter Druck machen und dafür sorgen, dass diese beiden Maßnahmen dauerhaft umgesetzt werden.

Drittens schafft auch unsere Arbeit eine Alternative zum Holzeinschlag. Wir schaffen bei der lokalen Bevölkerung, den Dayaks, ein Bewusstsein, dass die Abholzung ihrer Naturwälder für Wanderfeldbau nicht notwendig ist. Wir begleiten die Menschen vor Ort und unterstützen sie mit Wissen zu nachhaltiger Wald-und Landnutzung. Die politischen Akteure halten uns bei dieser Arbeit den Rücken frei. Sowohl durch die Forstbehörden vor Ort, als auch auf nationaler Ebene erhalten wir Unterstützung. Für die Zukunft planen wir gemeinsam mit der Regierung, ein Aufforstungshandbuch zu schreiben. All das sind nicht nur Möglichkeiten, sondern bereits heute Maßnahmen, Abholzungen zu verhindern.

Wie stehen politische Akteure, die lokale Bevölkerung und Entwicklungsorganisationen in Kalimantan zur Wiederaufforstung?

Wir erfahren sowohl von deutschen, als auch von indonesischen politischen Akteuren große Unterstützung. Bei der lokalen Bevölkerung genießen wir ein über die Jahre gewachsenes, intensives Vertrauen. Verglichen zu den meisten Entwicklungsorganisationen verfolgen wir einen anderen Ansatz.

„Wiederaufforstung mit Nutzhölzern schafft einen Mehrwert für die Kleinbäuer*innen“

Stellen Sie doch bitte kurz den Ansatz Ihres Programms vor.

Unser Ansatz bei Fairventures Worldwide ist es, gemeinsam mit den Menschen, nachhaltige Alternativen zu schaffen. Das heißt zum einen, dass wir degradierte Flächen aufforsten und somit einen Mehrwert schaffen, der zuvor nicht gegeben war. Durch die Begleitung der Kleinbäuer*innen entlang der Wertschöpfungskette zeigen wir zudem wirtschaftlich attraktive Kontaktpunkte auf. So dürfen die Landwirte auf kontrollierte Art und Weise aus diesen Flächen Hölzer entnehmen und verkaufen.

Außerdem gedeihen zwischen den angepflanzten Bäumen Gemüse, Kakao, Kaffee, Ingwer oder Erdnüsse. Dadurch entstehen Nutzwälder, die sowohl Menschen, als auch Tieren Lebensraum geben. Mit diesem Programm wirken wir auf ökonomischer, ökologischer und sozialer Ebene und zeigen auf, dass sich Naturschutz und Landwirtschaft nicht ausschließen müssen. Die Bäuer*innen pflanzen im Idealfall jedes Jahr etwa 500 Bäume, so kann ein Rotationssystem etabliert werden.

Auf welchen degradierten Flächen werden die Wiederaufforstungsprojekte durchgeführt? Wie werden diese ausgewählt?

Dafür gibt es drei Auswahlkriterien. Erstens ist die Garantie, dass es sich bei der Fläche um keine Waldfläche handelt, für die Schließung des Vertrages zwischen Bäuer*innen und unserer Organisation zwingend notwendig. Ein Mitarbeiter prüft auch das Gelände. Zweitens dürfen die Bäuer*innen keinen Kunstdünger und keine chemischen Pflanzenschutzmittel für die Pflanzvorbereitungen verwenden. Es muss außerdem vertraglich geregelt sein, dass sie die Bäume pflegen, die wir zur Verfügung stellen. Und drittens müssen die geltenden Landrechte klar sein. In der Regel handelt es sich um eine maximale Größe von einem Hektar, den der/die Bäuer*in mit 1.000 Bäumen von uns bewirtschaften darf.

Wie wurde die Projektregion bzw. die Gemeinden, mit denen sie zusammenarbeiten, ausgewählt?

Wir haben in dem Gebiet, wo wir bereits Projekte durchführen, angefangen. Dort kennen wir uns aus, haben Erfahrungen und die Lokalregierung blockiert unsere Projekte nicht. Dann haben wir in der Pufferzone Dörfer identifiziert, damit die infrastrukturelle Anbindung durch Straßen an die Wertschöpfkette, also der Transport und die Weiterverarbeitung des Holzes, gewährleistet ist.

Kann dies für manche ein Anreiz sein Wald zu roden, um dann als Nutznießer*in an einem Wiederaufforstungs-Projekt teilhaben zu können?

Ja, definitiv. Das ist eine Gefahr, die tatsächlich besteht. Durch unseren Ansatz besteht die Möglichkeit, dass eine Wiederaufforstung ökonomisch so attraktiv wird, dass in bestehenden Wald eingegriffen wird. Im ersten Projektjahr ist das in einem Fall sogar passiert. Daraus haben wir gelernt. Deshalb sind unsere Begehungen im Feld strenger geworden. Wir unternehmen ein intensives Monitoring, bei dem wir jede Fläche und jeden Baum zählen und aufnehmen.

Außerdem verfolgen wir bei unserer Arbeit die FPIC-Methode (Free Prior and Informed Consent) der UN. Diese Methode besagt im Kern, dass ein Projekt nur in Einvernehmen und mit der Einwilligung der Bevölkerung durchgeführt werden darf. Darum begleitet uns bei der Sozialisierung und dem Vertragsschluss mit den Bäuer*innen die Polizei, die auf Lokalebene als Vermittler fungiert. Hierbei wird die aktuelle Gesetzeslage erklärt, da eine gewisse Verunsicherung aufgrund der „Zero Burning Policy“ besteht.

Wie werden die lokalen Beteiligten der Projekte ausgewählt?

Dazu laden wir die lokale Bevölkerung in den Gemeindesaal ein, wo wir unser Projekt vorstellen. Dort kommt es im nächsten Schritt zur Sozialisierung der interessierten Bäuer*innen. Es kam schon vor, dass wir aufgrund der großen Begeisterung, die Anzahl der Bäume pro Fläche aufgrund unserer finanziellen Ressourcen von 1.000 auf 500 Bäume pro Bäuer*in jährlich reduziert haben. Damit konnten wir dann mehr Bäuer*innen bedienen.

„Nachhaltigkeit hat eine ökologische, soziale und ökonomische Dimension“

Wie kann die Nachhaltigkeit und langfristige Nutzung des Mischwaldes gewährleistet werden?

Aus unserer Sicht hat Nachhaltigkeit eine ökologische, soziale und ökonomische Dimension. Die große Schwachstelle vieler Projekte ist es, dass die ökonomische Nachhaltigkeit vernachlässigt wird. Dadurch, dass wir den Bäuer*innen, die Nutzung der Hölzer anbieten, tragen wir somit eben auch zu ökonomischer Nachhaltigkeit bei. Wenn diese Dimension gesichert ist, sind die Dayaks und Javaner*innen nicht weiter darauf angewiesen, die restlichen Wälder abzuholzen, um ihre Familien zu ernähren.

Wir kalkulieren selbstverständlich immer mit Risiken und beobachten die Märkte. Dabei bewahrheitet sich die Einnahmequelle durch Leichtholz als eine stabile Perspektive. Bei der größten Handelsmesse Indonesiens, der Trade Expo Indonesia 2018 besuchte der Präsident Joko Widodo auch unseren aus Leichtholz gefertigten Messestand, den wir gemeinsam mit unseren Partnern aus der Wirtschaft und Holzindustrie umsetzen durften. In einem Statement nach seinem Rundgang betont er, dass Leichtholz einer der wichtigsten Rohstoffe der Zukunft ist.

Warum entscheiden sich die Betroffenen für ein solches Projekt? Neben angebauten Lebensmitteln dauert es doch bis zu den Verkäufen der Nutzhölzer ein wenig …

Sie müssen sich die fünf bis sieben Jahre Wartezeit bis zur Reife eines Baumes wie ein Sparbuch vorstellen – die Menschen sind bereit, diese Zeit in Kauf zu nehmen. Zudem handelt es sich bei den Flächen, wie bereits erwähnt, um ohnehin landwirtschaftlich wertlose Flächen mit ausgelaugten Böden. Die Anpflanzung schnell wachsender Tropenhölzer und Stickstoffsammlern, die andere Nutzpflanzen begünstigen, ist aus diesem Grund eine Wertsteigerung in besonderem Maße. Das motiviert die Menschen. Sie sehen das „Sparbuch“ bei den Nachbarn und sie sehen die ersten Holzhändler*innen und wie die teilnehmenden Bäuer*innen daran verdienen. Das spornt an und schafft Vertrauen.

Welche Bäume werden in ihren Projekten angepflanzt?

Wir haben zunächst mit Sengon angefangen. Dieses Leichtholz wurde in Java früher in Programmen gegen Erosion gepflanzt. Es entstand eine große Nachfrage nach dem Holz und eine verarbeitende Industrie. Der Standort bestimmt auch den Baum, das zeigt sich z.B. in unseren Testfeldern. Im Süden unseres Projektgebietes wächst Sengon z.B. nicht so gut, dafür aber Akazien. Daneben geben wir an die Bäuer*innen auch Jabonsetzlinge.

„Wir beobachten Verbesserungen in der Projektregion“

Haben Sie Erkenntnisse wie sich das Programm auf die Lebenssituationen der Menschen auswirkt?

Wir beobachten, dass es den Menschen besser geht. Wir sehen zudem eindeutig, dass der Druck auf den Naturwald sinkt und Lebensräume erhalten bleiben. Auch das liegt im Interesse der Bevölkerung. Was wir zudem sehen ist, dass sich die Bäuer*innen mit unserem Projekt identifizieren. Sie sind stolz, Teil dieses Vorhabens zu sein, sie teilen ihre Erfahrungen mit Familie und Freunden und sind somit wichtige Vermittler für Vertrauen und Glaubwürdigkeit.

Ist ein solcher Ansatz wirklich neu für die Menschen? Nutzen lokale Gemeinschaften ihren Wald nicht nachhaltig und in einer Form von Agroforstwirtschaft?

Tatsächlich ist dieser Ansatz neu für die Dayaks. Wir begleiten einen kulturellen Lernprozess. Früher war es noch möglich, durch Jagd und Wanderfeldbau nachhaltig zu überleben. Die Menschen waren es gewohnt, degradierte Flächen hinter sich zu lassen. Das geht heute nicht mehr. Es gibt kein Wild mehr und in den Flüssen schwimmen kaum noch Fische. Das Gleichgewicht ist so gestört, dass die Menschen ihre Lebensweise umstellen müssen.

Wie stark ist der tatsächliche Beitrag zum Klimaschutz, wenn angebaute Nutzhölzer wieder nach einigen Jahren gefällt werden?

Unsere Berechnungen zeigen, dass in unserem Projektgebiet 5,4 Tonnen pro Hektar pro Jahr an Kohlenstoff aus der Atmosphäre gespeichert werden. Auch wenn der Baum abgeholzt wird, bleibt Kohlenstoff im Boden gespeichert.

Wäre eine ausschließliche Wiederaufforstung der degradierten Flächen mit ausreichenden finanziellen Anreizen „zur Nicht-Abholzung“ nicht ein größerer Beitrag zum Klimaschutz?

Die Vermeidung der nachhaltigen Holzgewinnung wäre zumindest für die Zeitspanne besser, die der Wald braucht, um sich vollständig zu erholen. Dann kommt man auf 25 Tonnen gespeichertem Kohlenstoff pro Hektar pro Jahr. Allerdings ist dann irgendwann ein Sättigungspunkt der Speicherkapazität von Kohlenstoff erreicht. Darum ist Holz als Baumaterial so wichtig. Es speichert Kohlenstoff langfristig und ersetzt andere graue Baustoffe wie Beton und Stahl. Selbstverständlich ist der Idealfall, dass wir sowohl Natur- als auch Nutzwälder schaffen.

„Die ökonomische Nachhaltigkeit soll gewährleistet sein“

Was kann man mit Ihrem Ansatz erreichen, was man mit anderen nicht erreicht? Was ist der Unterschied?

Wir kennen viele sehr gute Projekte, die auf sozialer und ökologischer Ebene vorbildlich sind. Aber solange die ökonomische Nachhaltigkeit nicht gewährleistet ist, kollabieren viele Initiativen sobald der Geldhahn zugedreht wird. Bei unserem Ansatz sehen wir jetzt schon wie er sich verselbstständigt.

Wo sehen Sie Risiken?

Es ist nicht auszuschließen, dass größere Unternehmen versuchen, den Bäuer*innen ihr Land abzukaufen, um selbst Gewinn maximierend schnell wachsende Hölzer auf großen Flächen anzubauen.

Wie begegnen sie dieser Möglichkeit?

Zum einen eine enge Anbindung an die Leichtholzindustrie und die Gewährleistung der Integration der Kleinbäuer*innen in die Wertschöpfungskette. Zum anderen ein digitalisiertes Monitoring mit einer App, die wir derzeit einführen. Diese ist transparent und ideal für Kleinbäuer*innen, für die z.B. das FSC-Siegel das Holz in der Produktion doppelt so teuer machen würden. Und wir müssen mit der Regierung zusammenarbeiten. Abgesehen von diesen Regulationen beobachten wir, dass viele Familien mit Herz an dem Projekt dabei sind. Mit einigen Kleinbäuer*innen haben sich innerhalb der letzten Jahre richtige Freundschaften entwickelt.

„Der Ansatz des Tropenholzboykotts ist von vorgestern“

Stichwort FSC. Hölzer aus Wäldern in Indonesien werden auch nach Europa exportiert, viele sind mit dem Holzsiegel FSC zertifiziert. Das Siegel steht immer wieder in der Kritik. Wie schätzen Sie das ein?

Bei jedem Siegel gibt es Missbrauch und Schwachstellen. Aus diesem Grund ist die Presse und Medienberichterstattung ein sehr wichtiges Kontrollinstrument, um die Regulationen zu verbessern und die schwarzen Schafe auszusortieren. In unserer Region beobachten wir, dass gute Holzkonzessionen die einzigen Flächen in der Vergangenheit waren, bei den der Wald nicht verschwunden ist. FSC ist einer der Standards, der hier Lösungen anbietet. Das FSC-Siegel, ist neben staatlichen Kontrollmechanismen, das einzige, das Vorschriften effektiv umsetzt.

In diesem Sinne kann ich nur mein Credo wiederholen: Ein guter Tropenholzkonsum ist der beste Waldschutz und stelle mich gegen die veraltete These des Tropenholzboykotts, das ist ein Ansatz von vorgestern. In den 1980er Jahren war diese Initiative gut, heute ist sie kontraproduktiv und treibt in der Praxis die Entwaldung voran.

Ist der europäische Markt auf Holz aus Asien bzw. Indonesien überhaupt angewiesen?

Der europäische Markt ist aus unterschiedlichen Gründen auf tropische Hölzer angewiesen. Zum einen bedeutet die nachhaltige Nutzung tropischer Regenwaldhölzer einen wichtigen Beitrag zum Klimaschutz. Tropische Wälder sind einer der größten Kohlenstoffspeicher. Durch die Verwendung der zum Teil schnell wachsenden Hölzer als Baustoff wird Kohlenstoff dauerhaft gebunden.

Außerdem weisen viele Tropenhölzer Eigenschaften auf, die europäische Hölzer oder vergleichbare, nachhaltige Baustoffe nicht ersetzen können. Beispielsweise spielt tropisches Leichtholz bei der Fertigung von Furnieren, im Schiffsbau oder der Innenverkleidung von Wohnmobilen eine gewichtige Rolle. Wasserabweisende Hölzer aus den Tropen werden beim Bau von Terrassen gebraucht.
Eine solche Art der Verwendung von Tropenhölzern ist in jedem Fall besser als Edelhölzer gänzlich zu vermeiden. Denn dabei entstehen absurde Ausweichprodukte, wie beispielsweise Wood-Plastics-Composite Materialien, die aus Sägespäne- und Plastikmischungen bestehen.

Was sagen Sie zu kritischen Stimmen, die Ihren Ansatz als eine neue Form von Monokultur verurteilen?

Ich höre mir gern konstruktive Kritik an. Leider höre ich aber selten alternative Lösungsvorschläge, wie wir die Probleme der Abholzung und des Klimaschutzes angehen könnten. Die Menschen im ländlichen Raum in Kalimantan wollen eine Alternative zum Arbeiten auf Plantagen, zum Gold Suchen oder der Holzindustrie. Auch wir machen Fehler, aber wir probieren weiter, lernen und arbeiten mit der Bevölkerung zusammen. Die Bevölkerung muss das Projekt mittragen, die Menschen müssen mitmachen. Damit ein Projekt oder Programm funktioniert, braucht es die Akzeptanz der Beteiligten und eine gewisse Qualität der Maßnahmen.

Auch Fauna und Flora finden in unserem Projektgebiet mit der Zeit wieder ein zu Hause; Vögel nisten in den Bäumen, Echsen verstecken sich im Unterholz. Wir glauben daran, dass wir einen Unterschied machen können und sehen bereits jetzt in unseren Projekten, dass dieser Glaube Wahrheit wird.

Interview von: Raphael Göpel

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1 | 2018, Indonesien, Rezensionen,
Autor*in:

Kenntnisreiche Einführung in die indonesische Gegenwartskunst

Rezension zu:
Zana Fraillon: Wenn nachts der Ozean erzählt. Jugendroman (Ab 12 Jahren). Aus dem Englischen von Claudia Max. Originaltitel: The Bone Sparrow. Cbt-Verlag, 2017, 16,99 €.

„Wenn nachts der Ozean erzählt“ ist ein Jugendroman über die Freundschaft zweier ungleicher Kinder, die durch die Kraft von Geschichten den Mut aufbringen, gegen ihre Unsichtbarkeit anzukämpfen. Die australische Autorin Zana Fraillon erinnert mit ihrem Buch an die gnadenlose Flüchtlingspolitik (nicht nur) der australischen Regierung und die millionenfache Vertreibung der Rohingya.

Subhi hat keine Erinnerungen an draußen. Er wurde im Flüchtlingslager in Australien geboren, trägt nicht den Namen des Bootes oder des Lastwagens, auf dem er ankam. Im Lager leben 900 Menschen, mehr Nummern als Namen, mit 14 Paar Schuhen, in staubigen Zelten, verbringen nach der Berechnung von Subhis Schwester Queeny ein Drittel ihrer Zeit mit Schlange stehen. Alles in Subhis Welt ist begrenzt und rationiert, nicht aber seine Vorstellungskraft. Denn er braucht Geschichten, weil er keine Erinnerungen hat, keine Erinnerungen an draußen.

So erzählt seine Maá auf Subhis Drängen Geschichten, die stets mit „Hör zu“ beginnen, die meist schön und glücklich sind, die manchmal Rohingya-Geschichten sind, die seit Ewigkeiten von Müttern an ihre Kinder weitergegeben werden. Manche Geschichten jedoch sind nicht glücklich. Geschichten davon, dass man ihnen gesagt hatte, die Rohingya würden nicht existieren. Dass ihr Haus niedergebrannt wurde. Dass sie nicht in die Schule gehen durften. Dass Menschen verschwanden und starben. Dass Subhis Ba verhaftet wurde, weil er Gedichte schrieb, und nicht zurückgekommen war. Dass Maá und Queeny von Soldaten auf ein Boot getrieben wurden. Dass man sie töten wollte, falls sie nach Burma zurückkehrten.

Als seiner Máa die Hoffnung und Geschichten längst ausgegangen sind, ist es das Nachtmeer, das Subhi Geschichten erzählt – und eines nachts das Mädchen Jimmie ins Lager bringt, die jenseits des Zauns lebt und wie Subhi auf der Suche nach Geschichten ist. Während sich Subhi in den Geschichten Spuren einer Zukunft erhofft, sucht Jimmie die Vergangenheit, die verblassende Erinnerung an ihre Mutter.

Zana Fraillons Jugendroman ist vielschichtig, nie eindeutig. Durch die zweifache Erzählperspektive von Subhi und Jimmie entstehen die Lebenswelten der Kinder, die ungleicher nicht sein könnten und werden doch nicht zum Klischee. So bringt Subhi Jimmie das Lesen bei, nicht umgekehrt, und unter den Wächtern des Lagers, ebenso wie unter den Geflüchteten, gibt es Hilfsbereitschaft ebenso wie gnadenlose Gewalt. Durch ihre gemeinsame Geschichte geben sich Subhi und Jimmie Kraft und Mut, um angesichts der menschenunwürdigen Bedingungen und der unfassbaren Gewalt eine Entscheidung treffen zu können.

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1 | 2018, Indonesien, Rezensionen,
Autor*in:

Kenntnisreiche Einführung in die indonesische Gegenwartskunst

Rezension zu:
Reimar Schefold: Ein bedrohtes Paradies. Meine Jahre bei den Sakkudei in Indonesien. Quintus Verlag, Berlin, 2017, 376 Seiten, 22€

Geister- und Ahnenglaube spielen eine große Rolle im Leben der Sakkudei, einer ethnischen Gruppe, die teilweise heute noch so wie schon seit Jahrhunderten tief im Innern der indonesischen Insel Siberut lebt. In ihrer Lebenswelt hat jeder Baum, jedes Tier eine Seele – und wer das seelische Gleichgewicht stört, indem er etwa Tiere jagt oder Bäume fällt, muss dementsprechende Opfer bringen und die Natur um Entschuldigung bitten. Ansonsten drohen Krankheit und Unglück. Auch die eigene Seele muss immer wieder neu motiviert werden, im dazugehörigen Körper zu bleiben und nicht für immer zu den Ahnen zu wandern: etwa durch Feste oder „Seelenspielzeug“ wie zum Beispiel schöne Schnitzereien.

Der niederländische Anthropologe Reimar Schefold taucht in seinem Buch tief in die Lebenswelt der Sakkudei ein. 1967 reiste er zum ersten Mal auf das Mentawai-Archipel, um die erhaltenen Sprachen und Gemeinschaftsstrukturen der dort lebenden Ethnien zu erforschen. Mühsam erlangte er schrittweise das Vertrauen der Ureinwohner, die vom indonesischen Staat und christlichen Missionaren bedrängt wurden (und werden), ihre traditionelle Lebensweise und animistischen Rituale abzulegen. Der Autor berichtet sehr anschaulich über seine Erfahrungen, ohne dabei jemals überheblich zu wirken. Im Gegenteil: Nicht selten musste er feststellen, wie absurd das „moderne“ Leben erscheint – etwa, wenn er versucht, seine Umzugskisten in einem Einbaum flussaufwärts mitten in den Regenwald zu transportieren. Oder wenn seine Fragen über Zuständigkeiten in der egalitären Stammesgemeinschaft auf völliges Unverständnis stoßen.

Spannend ist, dass Schefold seine jahrzehntealten Tagebuchaufzeichnungen noch einmal reflektieren kann, als er 2009 erneut zu den Sakkudei reist – diesmal mit seiner Frau und seinen zwei halbwüchsigen Kindern, die von den wenigen „Überlebenden“ der alten Gemeinschaft wie die eigene Familie aufgenommen werden. Mit einer gewissen Genugtuung stellt der Autor fest, dass sich seine alten Freunde trotz Bedrohungen und Verlockungen des modernen Lebens die meisten ihrer Traditionen bewahrt haben – genauso wie ihre naturverbundene Lebenseinstellung, die unsere westliche Gesellschaft erst jetzt wiederentdeckt.

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1 | 2018, Indonesien, Rezensionen,
Autor*in:

Kenntnisreiche Einführung in die indonesische Gegenwartskunst

Indonesien: Die Hamburger Künstlerin Katharina Duve hat im Rahmen eines Künstlerresidenz-Programms des Goethe-Instituts drei Monate in der indonesischen Stadt Yogyakarta verbracht: Von September bis November 2018 arbeitete sie gemeinsam mit der indonesischen Künstlerin Sakinah Alatas im Cemeti Institute for Art and Society. Zum Abschluss präsentierte sie ihre Recherchen zum Thema Geisterglauben in Java sowie die Ergebnisse ihres Workshops mit dem Titel „(Im)possible Identities – or how can we learn from ghosts?“

Christina Schott wollte von ihr wissen, was sie von ihrer Suche nach der Identität der Geister gelernt hat.

 

Was hat Dich an einer Residenz in Indonesien gereizt?

Ich wollte mal raus, brauchte einen Perspektivwechsel. Da bin ich auf der Webseite des Goethe-Instituts über dieses Programm gestolpert: Es verbindet Kunst und Gesellschaft, die Voraussetzungen passten genau auf mich und die Rahmenbedingungen waren toll. Ich hatte vorher noch nie eine Künstlerresidenz im Ausland, aber hier hatte ich das Gefühl: Da möchte ich gern hin.

Wie bist Du auf die Idee gekommen, Dich ausgerechnet mit Geisterglauben zu beschäftigen?

Die Idee entstand schon in Hamburg. Zu den Hauptthemen meiner Arbeiten gehören Identität, soziale und individuelle Körper, Körper in der Öffentlichkeit sowie popkulturelle Phänomene. Ich arbeite viel mit Masken, Kostümen und Collagen und benutze dazu unterschiedliche Materialien, die viele Assoziationen hervorrufen können. Ich war neugierig auf die Materialien, die ich in Indonesien finden würde, und wollte über deren Beschaffenheit gern das System der Geister erforschen, die in Masken und Performances oft dargestellt werden. Dass Geister hier immer noch so wichtig und präsent sind, dass sie quasi zum täglichen Leben gehören, war mir vorher überhaupt nicht bewusst.

Wie hat Dein Residenzteam auf den Themenvorschlag reagiert?

Sie haben versucht mich dafür zu sensibilisieren, dass man bei dem Thema schnell in Orientalismus abdriften kann und das Irrationale verklärt – also in einem exotischen Blick verharrt auf etwas, das hier normal ist. Diese Auseinandersetzung war nicht immer leicht für mich, im Nachhinein aber sehr wichtig. Ich musste meine eigene Perspektive überprüfen: eine Art „Unlearning“ von festgelegten Vorstellungen. Dabei habe ich auch gemerkt, dass schnell die Gefahr besteht, Menschen in ihrem Glauben auszustellen.

Wie bist du Deine Recherche dann angegangen?

Am Anfang habe ich vor allem mit vielen unterschiedlichen Leute gesprochen – auch um zu lernen, welche Begriffe hier überhaupt angemessen sind. Mittlerweile benutze ich zum Beispiel den Begriff Animismus nicht mehr, weil er viele unterschiedliche Glaubenssysteme verallgemeinert. Am Ende bin ich dann wieder bei den Geistern gelandet: Das Thema hat – nicht nur in Indonesien – viel mit Identität, Gesellschaft und auch Öffentlichkeit zu tun.

Inwiefern sind Geister relevant für das gesellschaftliche Selbstverständnis?

Geister beziehungsweise Geschichten über Geister folgen eigenen Regeln. Sie sind unberechenbar, freie Radikale – sie stören oft die Alltagsroutine und auch die Kontinuität eines Systems, so dass es unkalkulierbar wird. Das ist zum Beispiel interessant im Zusammenhang der Kapitalismuskritik. Mit meinem Thema „(Im)possible Identities“ wollte ich versuchen, diesen Kampf auf Menschen zu übertragen: Wie können wir alle ein bisschen mehr Geist werden? Also nicht so fixiert sein auf eine Identität, weniger reguliert leben.

Wie hast Du diese Idee in ein Kunstprojekt umgesetzt?

Zunächst einmal brauchte ich mehr Leute, um meine These zu erforschen – also habe ich einen Workshop organisiert. Jeder Teilnehmer hat ein Objekt mitgebracht, das in Verbindung mit einem Geist steht. Entweder hatten sie damit selbst eine Erfahrung gemacht oder jemand, den sie kennen. Jeder hat von seinen Gedanken dazu erzählt, daraus habe ich später ein Video produziert. Außerdem haben wir Fotogramme von den Objekten erstellt: Jeder hat versucht, Schatten seiner Geisteridentität auf Fotopapier zu legen, das anschließend belichtet wurde. Das war natürlich nicht sehr ernst, eher lustvoll: sich zu überlegen, ob ein Geist freundlich oder bösartig ist, weiblich oder männlich, hat er vielleicht sogar Superkräfte? Im Grunde untergräbt man die freie Imagination von Geistern, indem man sie fixieren will. Stattdessen lernt man dabei viel über sich selbst.

Haben sich die Workshop-Teilnehmer alle gleichermaßen auf das Geisterthema eingelassen?

Bemerkenswert war, dass die Indonesier alle völlig normal über ihre Geistererfahrungen gesprochen haben, während die ausländischen Teilnehmer sich für diese Dimension jenseits des Rationalismus erst öffnen mussten. In Europa tun wir unerklärliche Phänomene als Träume ab. Ich fand es schön, dass diese Phänomene hier einfach so sein dürfen, wie sie die Menschen erleben – ohne nach rationalen Erklärungen zu suchen.

Welche Lehre hast du daraus gezogen?

Wie man in die Welt hineinguckt, so schaut es aus ihr heraus: Wenn ich freundlich schaue, schaut es auch freundlich zurück. Während meiner Recherche bin ich auf alte indonesische Horrorfilme gestoßen, die in der Suharto-Ära so populär waren. Sie sind geprägt von unheimlichen Frauenfiguren – stellten also genau das Gegenteil des idealen Frauenbilds jener Zeit dar und zeugen von viel unterdrückter Sexualität. Die Lehre dieser Filme ist: Sieht Dich das Monster erst, dann greift es auch an. Koexistenz ist nicht möglich. Wenn wir jedoch Geister nicht als etwas betrachten, was uns Angst macht, dann haben sie auch keinen Grund uns zu bedrohen. Das Andere, das Fremde ist da – und wir leben besser, wenn wir diese Tatsache akzeptieren. Nur so ist Koexistenz möglich und letztendlich auch Toleranz: Das gilt für die Geister genauso wie für das menschliche Miteinander.

In welcher Form hast Du Deine eigenen Erfahrungen umgesetzt?

Erst wollte ich einen humorvollen Kurz-Horrorfilm produzieren, aber das ließ sich zeitbedingt nicht realisieren. Also habe ich Assemblagen zusammengestellt, quasi Collagen aus dreidimensionalen Gegenständen – alles Dinge, die ich entweder im Haushalt, auf Märkten oder auf der Straße gefunden habe. Daraus sind „Sinneinheiten“ entstanden, die meine Erfahrungen hier widerspiegeln.

Wirst Du nach Deiner Rückkehr in Deutschland weiter an diesem Thema arbeiten?

Ich würde gern meine Werke auch dort zeigen. Da ich nicht alle Gegenstände aus den Assemblagen mitnehmen konnte, habe ich sie abfotografiert. Die Objekte, die ich mitnehmen kann, werde ich neu anordnen. Außerdem habe ich viel Videomaterial, unter anderem von traditionellen Ritualen, aber auch von Haus und Garten, von öffentlichen Orten – daraus möchte ich gern eine Filmcollage montieren. Allerdings wird sich meine Rolle ändern: In Deutschland werde ich nun auf einmal zur Expertin, die dem Publikum etwas über Geister erzählt. Ich war eigentlich schon immer offen für das Gefühl, dass da „mehr“ ist – aber habe mich gar nicht getraut, das zu sagen. Daher war es wichtig für mich, das Geisterthema auf das menschliche und gesellschaftliche Leben zu übertragen. Der Einfluss auf mein eigenes Ego ließ sich natürlich nicht ganz raushalten, der Alltag in Yogyakarta ist sehr spirituell, religiös geprägt. Aber dadurch ist meine Angst vor dem unsichtbaren „Anderen“ viel kleiner geworden.

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1 | 2018, Indonesien, Rezensionen,
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Kenntnisreiche Einführung in die indonesische Gegenwartskunst

Philippinen: Der Dokumentarfilm „The Cleaners“ schaut hinter die Kulissen von Facebook, Google und Co. In ihrem Auftrag sichten Menschen massenhaft Bilder und Videos mit verstörender Gewalt, Pornografie etc. um die sozialen Netzwerke „sauber“ zu halten. Sie tun dies für einen Billiglohn und ohne psychologische Betreuung.

Es gehört schon lange zu den Grundprinzipien des globalen Kapitalismus, gefährliche und dreckige Arbeit dorthin zu verlagern, wo Arbeitskräfte billig und willig und die juristischen Mindeststandards für die Beschäftigung niedrig, nicht vorhanden oder leicht zu umgehen sind. Ein solcher Ort sind für Konzerne wie Facebook, Google und Co. die Philippinen.

Die Arbeit, die die großen Player aus dem Silicon Valley insbesondere nach Manila auslagern, eignet sich hervorragend dafür, zumal kaum mehr vonnöten ist außer einem Bildschirmarbeitsplatz samt Internetanbindung und fleißigem Personal, das die westlichen Werte- und Moralvorstellungen teilt. Beides bieten und liefern die Philippinen: eine gute digitale Infrastruktur in den Zentren des Inselstaates, eine Bevölkerung, die digital affin ist und deren Löwenanteil überdies einem innigen katholischen Glauben anhängt.

Diese fleißigen Filipin@s dürfen für einen Hungerlohn in dunklen Arbeitshallen der IT-Konzerne die digitale Drecksarbeit verrichten, für die Algorithmen der Digitalkonzerne offenbar noch nicht taugen. Sie haben Millionen von Bildern und Videos zu sichten und Medien mit verstörender Gewalt, Pornografie etc., damit der gemeine User der sozialen Netzwerke ein ungetrübtes Nutzungserlebnis genießt.

Deshalb arbeitet eine ganze Armee von Billiglohnarbeiter*innen daran, all jene Inhalte zu sichten und gegebenenfalls zu zensieren, die ihnen von den Algorithmen oder den Usern der sozialen Netzwerke vorgelegt oder gemeldet werden. Die „Cleaners“, wie die Content-Moderator*innen im Gewand „neuzeitlichen Reinigungspersonals“ auch genannt werden, haben die miserable Aufgabe, Bilder und Videos mit zu viel Haut, Geschlechtsorganen aber auch Darstellungen von Gewalt nach den Vorgaben der Silicon-Valley-Riesen Google, Facebook, Twitter et al. zu begutachten und gegebenenfalls zu löschen.

Der Workflow ist simpel: Sobald ein Bild oder Video auf dem Bildschirm des digitalen Prekariats erscheint, hat dieses die Wahl zwischen „delete“ oder „ignore“. Dabei werden die Moderator*innen so überwacht, dass es ihnen nicht möglich ist, mitten in einem Video die Sichtung abzubrechen. Wird ein Video nicht komplett angesehen, ergeht automatisch Meldung an den Vorgesetzten. Wer mehr als drei Mal im Monat die Überprüfung von Videos abbricht oder nicht das Mindestmaß an Bildern begutachtet, wird rausgeworfen und gegen eine andere Arbeitskraft ausgetauscht.

Die großen Konzerne Google und Facebook sind dabei fein raus, da kein*e Content-Moderator*in in Manila offiziell und direkt bei ihnen beschäftigt ist. Die Filipin@s, die für wenig Geld rund um die Uhr die dunkelsten Seiten des Netzes durchforsten und überwachen, sind bei Subunternehmen angestellt – dementsprechend immun sind die großen IT-Konzerne gegen Kritik aufgrund menschenfeindlicher Arbeitsbedingungen.

Die Filipin@s, die stundenlang vor dem Monitor sitzen, um das Internet „sauber“ zu halten, bekommen keine psychologische Betreuung und keine der Tätigkeit angemessene Bezahlung, obwohl das, was sie auf Fotos und in Videoclips zu sehen bekommen, das normale menschliche Vorstellungsvermögen übersteigt: Pornografie, Sadismus, brutale Gewalt und irre geleitete Fanatiker*innen.

Mit einem Klick landet das meiste im Müll. Doch aus den Köpfen der Arbeiter*innen ist es nicht mehr zu löschen. Und auch nicht aus ihren Seelen. Viele klagen über körperliche Beschwerden, Schlaflosigkeit und Unruhe. Sie entwickeln psychische Krankheiten wie Depressionen und fühlen sich allein gelassen, zumal sie sich in einer Verschwiegenheitserklärung verpflichten, mit niemandem über ihre Arbeit zu reden.

Der Regisseur Moritz Riesewieck hat zu diesem Thema über ein Jahr in Manila recherchiert – und etwa die Contentmoderatorin „Maggy“ getroffen, die stolz darauf ist, wie schnell sie arbeitet, aber unter einem neurotischen Waschzwang leidet. „Schmutzig wird man nicht vom Bildermüll“, sagt Moritz Riesewieck, „er hinterlässt aber Spuren bei denen, die das Netz putzen.“

 

Der (für die südostasien redaktionell bearbeitete) Beitrag entstammt folgender Neuerscheinung:

Rainer Werning / Jörg Schwieger (Hg.), Handbuch Philippinen. Gesellschaft-Politik-Wirtschaft-Kultur. 6., aktualisierte und erweiterte Auflage, Berlin, Verlag regiospectra, Feburar 2019. ISBN 978-3-94477-2906-7

Zum Weiterlesen:

  • Riesewieck, Moritz (2017): Digitale Drecksarbeit. Wie uns Facebook und Co. von dem Bösen erlösen. München: dtv.
  • „The Cleaners“ D, BRA 2018; Drehbuch: Hans Block, Moritz Riesewieck; Regie: Hans Block, Moritz Riesewieck; Produktion: Gebrueder Beetz Filmproduktion, Grifa Filmes, WDR, NDR, RBB u.a.; Verleih: farbfilm verleih GmbH; Länge: 88 Minuten; Start: 17. Mai 2018, http://www.gebrueder-beetz.de/produktionen/the-cleaners

 

Filmtrailer „The Cleaners“:

Dieser Artikel erschien zunächst in den südostasien Ausgaben 1|2019 – Arbeiter*innenbewegung(en) neu entdecken und 2|2022 – Südostasien 4.0 Die digitale Transformation und ihre Folgen und ist Teil der südostasien – Sonderausgabe Buchmesse

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1 | 2018, Indonesien, Rezensionen,
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Kenntnisreiche Einführung in die indonesische Gegenwartskunst

„Kampuchea“ von Patrick Deville ist kein Reisebericht, keine Reportage und kein Geschichtsbuch. Im rasanten Zickzack bewegt sich der Roman kaleidoskopisch zwischen starken Naturbildern, beklemmenden Schilderungen der Verbrechen der Roten Khmer und zwischenmenschlichen Begegnungen, in denen Fragen von Identität und Herkunft verhandelt werden.

Wir befinden uns im Jahre 159 nach Henri Mouhot. Zumindest wenn man dem französischen Schriftsteller Patrick Deville folgt. Im Jahre 1860 stößt sich der französische Forscher und Universalgelehrte Mouhot bei einer Schmetterlingsjagd im kambodschanischen Dschungel den Kopf. Er blickt auf und steht erstaunt vor den vergessenen Tempelanlagen von Angkor Wat – seitdem ist alles anders in „Kampuchea“. In seinem gleichnamigen Roman zeichnet Deville die eineinhalb Jahrhunderte alte und verworrene Geschichte der ehemaligen französischen Kolonie Indochina (Vietnam, Laos und Kambodscha) nach.

Ebenso verworren und spannend wie die Geschichte ist dabei das Buch. In fünfzig Kurzkapiteln nimmt Deville seine Leser*innen auf eine Reise an verschiedene Orte zu verschiedenen Zeiten mit. Die Namen und Ereignisse prasseln nur so auf einen ein, die Chronologie ist aufgehoben. Bald begleitet man Deville, wie er selbst als Reisender Südostasien besucht und auf Spurensuche geht, bald ist man zusammen mit dem ehemaligen König Kambodschas, Sihanouk, oder begibt sich in den dunkelsten Teil der kambodschanischen Geschichte: der Terrorherrschaft der Roten Khmer von 1975-1979, die ein Viertel der Bevölkerung nicht überleben wird.

Was überfordernd und unstrukturiert klingen mag, ist es nicht. Man wird schnell in einen Sog verwickelt. Die Biographien der Hauptcharaktere werden oft geschickt verbunden, kurze Sätze im Präsens führen zur direkten Teilhabe an allen Ereignissen.

Deville hat keinen Reisebericht, keine Reportage und kein Geschichtsbuch geschrieben und das ist gut so. Im rasanten Zickzack bewegt er sich kaleidoskopisch zwischen starken Naturbildern, beklemmenden Schilderungen der Verbrechen der Roten Khmer im Foltergefängnis S-21 und zwischenmenschlichen Begegnungen, in denen häufig Fragen von Identität und Herkunft verhandelt werden. Dabei ist nicht alles nur schön, es rührt an und wühlt auf, voll von Zuwendung, Melancholie aber auch menschlichen Tragödien.

Gerahmt wird das Buch durch die beiden berühmt-berüchtigten „T‘s“ der kambodschanischen Geschichte: Tempel und Trauma. Die Entdeckung der wundervollen Tempelanlagen von Angkor dient ihm als Startpunkt und der Prozess des Roten-Khmer-Tribunal gegen ehemalige Führungskräfte der Khmer Rouge beschließt das Buch. Doch Deville, Zaungast beim Prozess, macht deutlich, dass die Geschichte Kambodschas weit mehr ist.

Auf seiner packenden Spurensuche durch die letzten Jahrhunderte greift Deville zwischen Königen, Entdeckern, Generälen und Kommunisten jedoch manchmal ein bisschen kurz. Während er ausführlich und ohne Zweifel als großer Literat die Geschichten der französischen Entdecker Auguste Pavie, Ernest Doudart de Lagrée oder Francis Garnier nachzeichnet, vergisst er jedoch häufig, dass Geschichte nicht von großen (europäischen) Männern gemacht wird. In seinem Gedicht „Fragen eines lesenden Arbeiters“ geht Bertolt Brecht bereits diesem Thema nach und stellt die ironischen Fragen: „Der junge Alexander eroberte Indien. Er allein? Cäsar schlug die Gallier. Hatte er nicht wenigstens einen Koch bei sich?“ Deville scheint sich dieser Gefahr durchaus bewusst, da er selbst davon schreibt, dass häufig „nichts über die vielen Völker“ der Region gesagt werde. Komplett eingelöst wird dies durch das Buch jedoch nicht.

Auch wenn das Buch bereits 2010 erschienen ist, behält es auch im Jahr 2019 seine Aktualität. Devilles historische Streifzüge und Verquickungen sind auch knapp zehn Jahre nach Erstveröffentlichung noch lesenswert und lehrreich. „Kampuchea“ wurde vom Magazin Lire zum besten französischen Roman 2011 gewählt, nun hat der Unionsverlag die deutsche Übersetzung besorgt. Man wünscht dem Buch zahlreiche Leser*innen.

 

Patrick Deville: Kampuchea. Unionsverlag, Zürich. Aus dem Französischen von Holger Fock und Sabine Müller. 288 Seiten, 12,95 €.

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1 | 2018, Indonesien, Rezensionen,
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Kenntnisreiche Einführung in die indonesische Gegenwartskunst

Die Geistergeschichte der Pontianak, eines gewalttätigen Blut saugenden weiblichen Wesens, ist seit Langem in Südostasien bekannt. Die malaysische Regisseurin Amanda Nell Eu erzählt die Horrorgeschichte der Pontianak neu – als Geschichte der Gegenwehr gegen männliche Gewalt.

 

Die Pontianak geistert durch Geschichten, Albträume und Filme. Sie ist eine Figur aus der südostasiatischen Mythologie (vgl. Artikel von Timo Duile in dieser Ausgabe), eine bleiche Frau mit langem schwarzem Haar, roten Augen in einem blutgetränkten weißen Kleid. Ein feminines Monster, das in den Wäldern haust und dort sein Unwesen treibt – aus Rache. Rache an denen, die sie vergewaltigt und ermordet haben.

Die Pontianak ist zugleich das Paradebeispiel dessen, was die Filmwissenschaftlerin Barbara Creed als „monstrous feminine“ beschreibt. Ihre Monstrosität wurzelt in ihrer von der Gesellschaft als Gefahr konstruierten Sexualität. Eine schöne Frau, die im Horrorfilm zum Monster gemacht wird. Horrorgeschichten sind nicht real, aber dabei sagen sie viel über unsere Realität aus. Wenn man als Frau die Geschichte der Pontianak hört, hat man im Grunde zwei Möglichkeiten: entweder entwickelt man Angst vor seiner eigenen Sexualität und unterdrückt diese, um nicht zum Monster gemacht zu werden oder man hat Mitgefühl und Respekt vor einer Frau die unglaublich verletzt wurde.

Die Filmemacherin Amanda Nell Eu empfand Mitgefühl und drehte einen Film. Sie gibt die Legende der Pontianak weiter, wie das schon seit hunderten von Jahren gemacht wird. Mit dem Unterschied, dass nun auch Frauen Geschichte(n) schreiben und ihre eigenen Perspektiven einbringen. Der Filmtitel alleine spricht Bände über diesen Perspektivwechsel: „Es ist einfacher, ein Rindvieh groß zu ziehen (…)“ – der Anfang eines alten Sprichworts, das folgendermaßen weitergeht: „(…) als ein Mädchen.“

Amandas Film ist eine Coming of Age Geschichte, die von der Freundschaft zwischen zwei Mädchen handelt: Ramah und Pontianak. Der Wald ist, wo die beiden unbeschwert und frei sind: auf Bäumen klettern, Fangen spielen und Zigarette rauchend zu Discobeats tanzen. Zwischen den beiden spannt sich ein Raum auf voller Möglichkeiten, voller Zuneigung, Neugier und Sexualität. Solange die beiden unter sich sind, ist alles gut. Jedoch wird bald klar, dass dies nicht immer der Fall ist. Es ist die Rede von Internetseiten, wo man mit Narben im Bikini posieren kann. Dann liegt die sonst so lebensfrohe und mutige Pontianak plötzlich zusammengekrümmt am Boden. Ramah steht ihr zur Seite. Später streichelt sie liebevoll ihren Nacken, während Pontianak blutverschmiert den Bauch eines leblosen Männerkörpers aussaugt. Die beiden sind keine Vorzeigefrauen, sie sind Freigeister. Der Film zeigt: das Problem sind nicht sie sondern die Männer, die ihnen Gewalt antun – daher die Narben.

(Regisseurin Amanda Nell Eu ).

Amanda Nell Eu ist mit ihrem Film um die Welt gereist (u.a. auch zur Berlinale) und hat viele Nominierungen und Preise bei internationalen Filmfestivals gewonnen. Sie gibt dem Publikum damit einen liebevollen und mitreißenden Einblick in das Südostasien von Heute – aus der Sicht einer jungen Frau, die sich weigert, in Kategorien gesteckt zu werden und die kreative Wege geht, um neue Realitäten zu erschaffen.

 

Rezension zu: Amanda Nell Eu: Lagi senang jaga sekandang lembu (It’s easier to raise cattle), Malaysia 2017, 18 Min.

 

Filmtrailer: „It’s easier to raise cattle“

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1 | 2018, Indonesien, Rezensionen,
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Kenntnisreiche Einführung in die indonesische Gegenwartskunst

Thailand: Die Journalistin Nicola Glass hat ein ehrliches und warmherziges Porträt geschrieben über das Land, das 13 Jahre ihre Wahlheimat war. Sie beleuchtet kritisch die politischen Eliten und lenkt die Aufmerksamkeit auf Themen wie Meinungsfreiheit, Umweltverschmutzung sowie die Stellung von Frauen und dem dritten Geschlecht.

 

Wer bei Thailand ausschließlich an Traumstrände, glänzende Tempel und lachende Menschen denkt, wird bei der Lektüre dieses Buches eine Entzauberung des Königreichs erfahren. In neun Kapiteln berichtet die Journalistin Nicole Glass aus der Perspektive einer Auslandskorrespondentin, die die zunehmende Medienzensur im „Land der Freien“ nicht mehr akzeptieren konnte und ihrer „Wahlheimat“ nach 13 Jahren den Rücken kehrte. So liest sich das Länderporträt wie ein innerer Zwiespalt zwischen tiefer Verbundenheit zu Menschen und Kultur, und der Wut über politische Eliten, die Thailand in Geiselhaft nehmen. Dabei lenkt die Autorin bewusst die Aufmerksamkeit auf kritische Themen, wie die Stellung der Frau und des dritten Geschlechts in der Gesellschaft, umstrittene Mönche, Gewaltbereitschaft, Menschenrechtsverletzungen und Katastrophen. So beginnt bereits die Einleitung mit den verschiedenen Bedeutungen des Lächelns und greift anhand des Tsunamis 2004 und seiner Folgen die Hilfsbereitschaft der Thais auf.

Der Fokus des ehrlichen und zugleich warmherzigen Länderporträts liegt auf den Konflikten um politische Macht zwischen den Parteien auf der einen, und dem Königshaus und dem Militär auf der anderen Seite. Es gelingt der Autorin, die Verflechtungen zwischen Politik und feudaler Elite in der jüngeren Geschichte verständlich darzustellen und fachlich fundiert einzuordnen. Besonders eindrücklich ist ihre ausführliche und persönliche Schilderung der Auseinandersetzungen zwischen Rothemden und Gelbhemden, welche Bangkok schließlich 2010 zu einer „Kriegszone“ werden ließen. Auch fehlt es nicht an einer kritischen Betrachtung des Königshauses und dem „unpopulären Nachfolger Vajiralongkorn“, der 2016 die Nachfolge König Bhumibols antrat.

Authentisch und plastisch werden die Beschreibungen und Analysen der erfahrenen Journalistin durch viele Zitate von Augenzeug*innen, Betroffenen und Expert*innen sowie persönlichen Erlebnissen. Ihre Wertschätzung gegenüber den Menschen und dem Land werden in den vielen liebevoll erzählten Anekdoten aus ihrem Leben in der „Stadt der Engel“ und ihren Recherchen in ganz Thailand deutlich. Dadurch veranschaulicht sie gekonnt kulturelle Praktiken und deckt gesellschaftliche Probleme auf.

Im zweiten Teil des Buches widmet sich die Journalistin den Themenbereichen Tourismus, Kultur und Wirtschaft und schließt das Buch mit dem „vergessenen Konflikt“ zwischen der thailändischen Regierung und der muslimischen Minderheit im Süden des Landes. Was wie eine kleine Hommage an Bangkok anmutet, entwickelt sich zu einem Kapitel über eine Stadt, deren ursprünglicher Charme angesichts rücksichtloser finanzieller Interessen und politischer Ignoranz gegenüber Umwelteinflüssen, wie Überschwemmungen, zunehmend verblasst.

Obwohl die Auslandskorrespondentin bereits 2015 nach Deutschland zurückgekehrt war, mangelt es ihren Ausführungen nicht an Aktualität. Die Entwicklungen der letzten Jahre erläutert sie anhand von Korrespondenz mit Freund*innen und Kolleg*innen, die, wie sie sagt „in Thailand geblieben sind und dort versuchen, das bisschen, was an Meinungsfreiheit übrig geblieben ist, jeden Tag aufs Neue zu verteidigen“.

Dieses Länderporträt leistet einen wichtigen und leicht zugänglichen Beitrag zu einem besseren Verständnis der thailändischen Gesellschaft, Wirtschaft und Politik als auch der verschiedenen Herausforderungen, denen sich die Menschen dort tagtäglich stellen. So wie Nicole Glass sich in ihrem Schlusswort zweifelnd und doch hoffnungsvoll über die Zukunft des Landes äußert, stellt sich für selbstkritische Urlauber*innen die Frage, wie man guten Gewissens in das ferne Königreich voller tiefgehender Konflikte reisen kann.

 

Rezension zu: „Thailand – Ein Länderporträt“ von Nicole Glass, Ch. Links Verlag, Berlin, 2018, 192 S., 18€

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Kenntnisreiche Einführung in die indonesische Gegenwartskunst

Indonesien: Bekasi ist die am dichtesten besiedelte Industriestadt Indonesiens. Rund eine Million Menschen schuften dort für den globalen Markt. Der Dokumentarfilm „Bekasi in Bewegung“ zeigt Arbeitsbedingungen und Organisierung des indonesischen Proletariats – und seine Erfolge …

 

Früher bestand das 40 Kilometer östlich von Indonesiens Hauptstadt Jakarta gelegene Bekasi aus Dörfern und Reisfeldern. In den 80er Jahren, noch während der Zeit der Suharto-Diktatur, wurde das Gebiet industrialisiert, um Elektrogeräte, Autos, Mopeds, Lebensmittel, Spielzeug und Kosmetik zu produzieren. Die Diktatur endete 1998, die Produktion für den globalen Markt ging weiter.

„Nicht vergessen! All dies wird mit dem Schweiß Tausender Arbeiter*innen hergestellt“, heißt es gleich zu Beginn des Dokumantarfilms „Bekasi in Bewegung“, nachdem die Kamera zunächst über Firmenschilder von Samsung über L’oréal, Unilever, Mattel bis Kraft Foods schwenkt und dann den Tross von Menschen zeigt, die ihre Arbeitskraft an diese Unternehmen verkaufen.

Menschen als Teilchen der globalen Lieferketten

Mittels Investitionen aus Japan, Korea, Deutschland und China wurden in Bekasi sieben große Industriegebiete aufgebaut, in denen rund eine Million Menschen als Teilchen der globalen Lieferketten schuften. Damit ist Bekasi die am dichtesten besiedelte Industriestadt in Indonesien, aus der 40 Prozent der Exporte (ohne Erdöl/Erdgas) stammen.

Hinter den Fabriken befinden sich die ärmlichen Behausungen der Arbeiter*innen entlang enger Gassen wie der „Straße der 1.000 Türen“. Der poetische Name bezeichnet einen langen Gang, der zu kärglichen Mietzimmern mit Gemeinschaftsbadezimmern führt, für die die Menschen mindestens ein Viertel ihres im Industriegebiet verdienten Geldes aufbringen müssen. Zeitarbeitsverträge sind üblich, wenn es überhaupt Arbeitsverträge gibt.

Viele Arbeiter*innen bekommen nicht mal den gesetzlich vorgeschriebenen Mindestlohn und verschulden sich immer mehr, da die Preise ständig steigen. Gespart werde am Essen, meist gebe es Instantnudeln mit Tofu, schon Eier seien Luxus, sagt einer der interviewten Arbeiter.

Solidarisierung und Organisierung der Arbeiter*innen

Die Arbeiter*innen beginnen, sich zu organisieren und gründen Gewerkschaften. Sie beginnen, sich zu solidarisieren und zu demonstrieren. „Mit der Regierung zu sprechen ist, als wenn man mit einer Wand spricht“, heißt es in „Bekasi in Bewegung“ treffend aus dem Off, während der Zuschauer Bilder von Massendemonstrationen sieht. Diese Demonstrationen sind laut und bunt und sie politisieren die überwiegend jungen Arbeiter*innen Bekasis.

Im Oktober 2012 erlebte Indonesien den ersten Generalstreik seit den sechziger Jahren. Es muss daran erinnert werden, dass Indonesien bis 1965 die drittgrößte KP der Welt beheimatet hat. Nach der Machtergreifung durch General Suharto löschten dessen Schergen die linke Bewegung beinahe vollständig aus, indem sie Hunderttausende Menschen umbrachten und weitere Hunderttausende zum Teil mehr als ein Jahrzehnt gefangen hielten.

Sind die Arbeiter*innen vereint, können sie nicht besiegt werden …

Fast 50 Jahre später wurde Bekasi, das Ballungszentrum des neuen Proletariats, zum Zentrum des Generalstreiks. Mehr als eine halbe Million Menschen beteiligten sich und legten die Produktion völlig lahm. Als wirksames Mittel im Kampf für höhere Löhne und gegen outsourcing erweisen sich auch diverse factory raids sowie die Blockade der Stadtautobahn zum Industriegebiet. Auf diese Weise setzen die Arbeiter*innen signifikante Lohnerhöhungen durch.

Damit bekommen sie zwar ein kleines Stück vom Kuchen mehr, doch das System ihrer Ausbeutung bleibt. Von den 40 Millionen im formellen Sektor beschäftigten Arbeiter*innen in Indonesien sind nur drei Millionen gewerkschaftlich organisiert. Der Kampf unter dem Motto „Sind die Arbeiter*innen vereint, können sie nicht besiegt werden“ geht also weiter …

Der Film „Bekasi in Bewegung“ der indonesischen NGO LIPS wurde überwiegend mit Handykameras gedreht und zeigt sehr unmittelbar die Lebensrealität und die Stärke, die Organisierung und Solidarität mit sich bringen. Dank der Übersetzung durch Labournet sind die eindrucksvollen Erfahrungen der indonesischen Arbeiterbewegung auch mit deutschen Untertiteln nachvollziehbar.

Dieser Text erschien am 14.9.2017 in der Tageszeitung junge Welt und in einer gekürzten Version in der südostasien 4/2017.

Rezension zum Film „Bekasi in Bewegung“, indonesisch mit dt. UT, 35 min, 2017

 

Zum Film „Bekasi in Bewegung“:

Filmtrailer "Bekasi in Bewegung", Screenshot

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Kenntnisreiche Einführung in die indonesische Gegenwartskunst

Kambodscha: Daniel Bultmann beschreibt in seinem Buch „Kambodscha unter den Roten Khmer. Die Erschaffung des perfekten Sozialisten“ die Herrschaft der Roten Khmer in Kambodscha als Ausdruck der Moderne und leistet damit einen wichtigen Beitrag zum historischen Verständnis des Schreckensregimes.

 

Das bundesdeutsche Urteil über die Roten Khmer unter Pol Pot, die von 1975-1979 in Kambodscha regierten, fällt relativ eindeutig aus: Steinzeitkommunisten, die jeden mit Brille sofort umbrachten. Massenmord, Killing-Fields, Agrarproduktion werden daher wohl auch die ersten Assoziationen sein, die man mit ihnen verbindet. Dass es ganz so einfach nicht ist, zeigt Daniel Bultmann in seinem jüngst erschienenen Buch „Kambodscha unter den Roten Khmer. Die Erschaffung des perfekten Sozialisten“ auf. Bultmann, der als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl Gesellschaft und Transformation in Asien und Afrika der HU Berlin arbeitet, vertritt im Buch die These, dass das Ziel der Khmer Rouge kein „archaisch-pathologischer Steinzeitkommunismus“ war, sondern ihre Herrschaft als „Programm nationaler Entwicklung und Modernisierung“ verstanden werden muss. Die umfängliche Kontrolle der Bevölkerung und die Ordnungsfantasie der Kader der Roten Khmer könne nur als Phänomen der Moderne verstanden werden, so Bultmann. Dieser Blickwinkel bereichert die Forschung über die Roten Khmer ungemein.

‚Sozialistisches Engineering‘

In seinem gut lesbaren Buch, das größtenteils auf akademisch-elitäre Sprache verzichtet, zeichnet Bultmann die Ursprünge der Bewegung unter Pol Pot nach und beschreibt die Maßnahmen zur Umformung des Staates. Ausführlich stellt er die Ursachen für die Gewalteskalation des Systems dar und wirft auch einen Blick auf das ‚Nachleben‘ der Roten Khmer. Deren Herrschaft gilt als eines der brutalsten Staatsverbrechen des 20. Jahrhunderts. Schätzungen zufolge kamen rund zwei Millionen Menschen während des vierjährigen Regimes ums Leben. Das Ziel war ein egalitärer Arbeiter- und Bauernstaat. Jedoch sollte nicht nur die Gesellschaft umgeformt werden, sondern auch die intimsten Gedanken und Wünsche der Bevölkerung. Zwangsarbeit, Indoktrination, Selbstkritikstunden sowie ein ausgeklügeltes System von Sicherheits- und Umerziehungslagern sollte die perfekte sozialistische Gesellschaft und perfekte Sozialist*innen erschaffen. Angkar („die Organisation“), wie die Partei in Kambodscha genannt wurde, war dabei eine omnipräsente aber auch unsichtbare Macht. Omnipräsent, weil kaum eine Regierung mehr Staat und Bürokratie hervorbrachte als die kommunistische Partei Kambodschas. Unsichtbar, weil die Strukturen der Bevölkerung nicht klar waren und auch ihr Führer, Pol Pot nur äußerst selten öffentlich auftrat.

Von Beginn an sei die Herrschaft der Roten Khmer als ’sozialistisches Engineering‘ zu verstehen, so Bultmann. Man müsse an den von Individualismus und Kapitalismus erkrankten Volkskörper eingreifen und die neue Ordnung schaffen. Daher wurden Schulen und Universitäten des ‚alten Systems‘ geschlossen, die Zentralbank gesprengt und Geld abgeschafft. Klare Normen und Vorgaben der Planwirtschaft bestimmten die industrielle Produktion. Haargenaue Listen sollten auch die Landwirtschaft nach fordistischer Manier organisieren. Diese ‚moderne Ordnungsfantasie des Regimes‘ mache deutlich, dass nicht die Steinzeit, sondern eine fordistisch-industrielle und egalitär-kollektivistische Massenproduktion das Ziel der Roten Khmer war. Die Herrschaft der Roten Khmer war für Bultmann die „vielleicht radikalste Umformung einer gesellschaftlichen Ordnung seit Menschengedenken“.

Die Hälfte der eigenen Kader wurde ermordet

Bultmann beschreibt relativ ausführlich das ‚geradezu bürokratisch organisierte Gefängnissystem und den damit verbundenen professionell organisiertem Verwaltungsmassenmord‘. 196 Sicherheits- und Umerziehungszentren im gesamten Land sorgten für eine ständige und enge Überwachung der Bevölkerung, aber auch der eigenen Kader. Im Laufe der vier Jahre wurde rund die Hälfte der eigenen Kader ermordet.

Neben diesem historischen Rückblick widmet sich Bultmann auch theoretischen Fragen rund um die Khmer Rouge und greift die Debatten auf, wie die Herrschaft und die Verbrechen begriffen werden können. Handelte es sich um einen Genozid, einen Politizid, einen ‚Auto-Genozid‘ oder um Rassismus? Für Bultmann sind all diese Benennungen schwierig, weil „die gesamte Struktur der Gesellschaft das Denken und das Fühlen der Menschen (…) entlang der eigenen Ordnungsfantasie umgestaltet wurde und sich somit die Roten Khmer in gewisser Weise auch den ‚alten‘ Begriffen entziehen“.

Auch der Einmarsch Vietnams 1979 und das Nachleben der letzten Guerilla-Truppen der Roten Khmer bis in die 1990er Jahre hin wird ausführlich beschrieben. Somit bietet das Buch einen guten Gesamtüberblick über die jüngste kambodschanische Geschichte. Etwas dünn fällt die Beschreibung der Politisierung der Kader der Roten Khmer im Paris der 50er Jahre aus. Ebenso erfährt man etwas wenig über den Konflikt zwischen Vietnam und Kambodscha. Wie es zum offenen Krieg zwischen den beiden kommunistischen Bruderstaaten kam, bleibt weitgehend im Dunklen.

Trotz dessen ist es dem Buch zu verdanken, mit der These des ‚Steinzeitkommunismus‘ aufgeräumt zu haben und die Roten Khmer als Ausdruck der Moderne zu begreifen. Damit leistet Bultmann einen wichtigen Beitrag zum Verständnis des Schreckensregimes der Roten Khmer.

 

Rezension zu: Daniel Bultmann: Kambodscha unter den Roten Khmer. Die Erschaffung des perfekten Sozialisten. Paderborn: Verlag Ferdinand Schöningh 2017, 265 Seiten

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Kenntnisreiche Einführung in die indonesische Gegenwartskunst

Indonesien: Wiji Thukuls „graswurzellieder“ sind wunderschöne Appelle an die Menschlichkeit. Die Gedichte des Lyrikers und Oppositionellen, der seit 1998 verschwunden ist und wahrscheinlich von Militärs ermordet wurde, sind nun erstmals gesammelt einem deutschsprachigen Publikum zugänglich. In Indonesien sind Wiji Thukuls Verse Slogans im Kampf gegen Unterdrückung und begleiten bis heute zahlreiche Proteste.

 

Endlich sind sie gesammelt auf Deutsch erschienen: die kraftvollen und zeitlosen Gedichte des seit 1998 verschwundenen indonesischen Lyrikers und Regimegegners Wiji Thukul. Beinahe prophetisch klingt sein Gedicht „ich schweife in der luft umher“ aus dem Jahr 1996: „in der luft könnt ihr nicht lügen, mit waffengewalt können radiowellen nicht mundtot gemacht werden […] in der luft sprechen tausend stimmen/die könnt ihr nicht auf eine linie ausrichten/in dem moment wo ein gewehrschuss losgeht wird das echo bis in jeden winkel des kontinents getragen […]“

Wiji Thukuls Spuren verlieren sich 1997/98, kurz vor dem Ende der Suharto-Diktatur. Freunde und Wegbegleiter sind sich sicher, dass das Militär ihn entführt und umgebracht hat. Doch Wiji Thukuls Echo ist noch lange nicht verhallt. Bis heute werden seine aufrüttelnden Verse in Indonesien zu Slogans des Kampfes für Freiheit und gegen Unterdrückung. Sie werden auf Wände gesprüht oder begleiten auf Bannern Aktionen zivilen Ungehorsams.

Appelle an die Menschlichkeit

Zum Beispiel das „lied der graswurzeln“, das der gerade erschienenen deutschen Übersetzung seinen Titel gab: „die hauptstraße wird verbreitert/wir werden vertrieben/bauen uns eine siedlung/werden verjagt/wir ziehen hierhin und dorthin/hängen an mauern/werden herausgezerrt/weggeworfen/wir sind das gras/brauchen erde/hört/folgt uns/damit wir zum albtraum des präsidenten werden.“ Oder das bekannte Gedicht „mahnung“, das mit dem Satz endet: „dann gibt es nur ein wort: widerstand!“. Wiji Thukuls Gedichte sind wunderschöne Appelle an die Menschlichkeit. Seine ebenso berührende wie zeitlose Lyrik ist nun dank der über einen Zeitraum von zehn Jahren entstandenen Übersetzungen von Peter Sternagel erstmals gesammelt auf Deutsch erschienen.

Alex Flor von der Menschenrechtsorganisation Watch Indonesia! vergleicht in seinem Vorwort die Ikonisierung, die Wiji Thukul in den letzten Jahren in Indonesien erfuhr, mit der von Che Guevara. Sein Konterfei drückt Widerstandsgeist aus, auch wenn nicht alle in Indonesien, die Wiji Thukuls Bild auf einem T-Shirt tragen oder auf ein Poster drucken, wirklich im Detail etwas über ihr „Vorbild“ wissen. Oder über die Zeit, in der Wiji Thukuls Gedichte entstanden.

Es war die Zeit der Suharto-Diktatur (1965 – 1998). General Suharto war 1965 – ähnlich wie Pinochet acht Jahre später in Chile – mit einem von westlichen Regierungen unterstützten regime change an die Macht gekommen. Hunderttausende, wenn nicht Millionen Menschen wurden umgebracht oder jahrelang inhaftiert, weil sie Kommunist*innen, Gewerkschafter*innen, Frauenrechtler*innen, Bauernaktivist*innen oder deren Angehörige waren. Das ressourcenreiche Indonesien, vor 1965 auf antiimperialistischem Kurs und ein Gründungsmitglied der Blockfreienbewegung, wurde mit dem Installieren von Suharto fest in das kapitalistische Weltwirtschaftssystem eingegliedert.

 

Gedichte für Widerstand und Solidarität

Der 1963 geborene Wiji Thukul stammte aus einfachen Verhältnissen, sein Vater fuhr Becak, die indonesische Form der Fahrradrikscha. Wiji Thukul bricht aus finanziellen Gründen die Schule ab, arbeitet mal als Ticketverkäufer im Kino, mal in einer Möbelfabrik. Der Alltag, geprägt von Mangel und Streit ums Geld, spricht aus seinen frühen Gedichten wie dem „lied des becakfahrers“ (1984). Darin finden sich noch Zeilen wie „mein schicksal ist ein spielball in der hand der mächtigen“. Wiji Thukuls Ton ändert sich mit der Zeit. Mit einfachen Worten versteht er es, zu mobilisieren, zu Widerstand und solidarischem Handeln aufzurufen. „ich verbanne die klugscheißer aus meinem kopf/ich habe keine angst mehr vor dem maul der klugen/die begeistert klingen, wenn sie reden/die welt bewegt sich nicht vom reden“, schrieb er in „die klugscheißer entmachten“.

Schon früh interessiert sich Wiji Thukul fürs Theater spielen. Starken Einfluss auf ihn üben ältere Mentoren einer Theatergruppe in seiner Heimatstadt Solo aus. Durch sie kommt er in Kontakt mit emanzipatorischen indonesischen Künstler*innen, er lernt die Schriften von Paulo Freire und Ivan Illich kennen und folgt dem Vorbild des Brasilianers Augusto Boal und dessen Theater der Unterdrückten. Wiji Thukuls Gedichte handeln von der Ausbeutung der Arbeiter durch Unternehmer, von Landbesitz und Ohmacht der Landlosen, von Gewalt der Militärs. Sie handeln jedoch auch von Lebensfreude, von emanzipatorischen Prozessen, von der Kraft, die in Solidarität und praktischem Handeln liegt.

In den 90er Jahren wird Wiji Thukul Vorsitzender des oppositionellen Künstlerverbandes Jaker (Vereinigung der Kulturschaffenden des Volkes), der sich in der Tradition des 1965 zerschlagenen linken Kulturverbandes Lekra sah. Jaker steht der oppositionellen, linken Demokratischen Volkspartei (PRD) nahe. Thukul spricht auf Großkundgebungen und organisiert Arbeiter*innen, zum Beispiel 1995 bei einem Streik von 15.000 Arbeiter*innen bei der Textilfirma Sritex (die auch für die Bundeswehr Uniformen näht). Militärs verhaften ihn und schlagen ihn mit solcher Wucht, dass er beinahe ein Auge verliert. 1996 wird die PRD verboten, viele Aktivist*innen, so auch Wiji Thukul, tauchen unter. Zunächst bekommt seine Familie noch gelegentlich Nachricht von ihm, Anfang 1998 bricht der Kontakt jedoch ab. In den Jahren 1997/98 werden 23 Aktivist*innen aus dem PRD-Umfeld entführt. Neun von ihnen überleben und berichten später davon, wie sie von Militärs gefoltert wurden. Und davon, dass sie in den Verhören immer wieder nach Wiji Thukul gefragt wurden.

Die für die Entführungen zuständige Militäroperation mit dem klangvollen Namen „Rosen-Team“ wurde von Angehörigen der Spezialkräfte Kopassus durchgeführt. Deren Befehlshaber war (der unter anderem bei der GSG-9 ausgebildete) General Prabowo Subianto, ein Schwiegersohn von Diktator Suharto. Prabowo, der einer einflussreichen Unternehmerdynastie entstammt, wurde nach Suhartos Rücktritt aus dem Militär entlassen, gründete später seine eigene Partei und kandidierte 2014 bei den Präsidentschaftswahlen, wo er knapp verlor. Bei den Wahlen im April 2019 forderte Prabowo den Amtsinhaber Joko Widodo erneut heraus. Doch auch im Führungskreis des amtierenden Präsidenten Widodo agieren Ex-Generäle, die während der Diktatur-Jahre Karriere gemacht haben.

1992 schrieb Wiji Thukul: „es spielt keine rolle/wer die wahl gewinnt/wir haben genug von einem leben wie jetzt […] wir brauchen keine beschwörungen/keine zauberformeln/oder versprechen/oder einen sack reis/aus dem speicher der unternehmer/der die not nicht lindert […] wir haben genug von einem leben wie jetzt/noch einmal deutlich: was ich fordere, ist veränderung!“

Dieser Artikel erschien zuerst in der Märzausgabe der Monatszeitschrift graswurzelrevolution

Rezension zu: Wiji Thukul: graswurzellieder, aus dem Indonesischen von Peter Sternagel, regiospectra, Berlin, Dezember 2018, 214 Seiten, kart., format 225 x 155 mm, 24,90 Euro, ISBN 978-3-947729-07-4

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1 | 2018, Indonesien, Rezensionen,
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Kenntnisreiche Einführung in die indonesische Gegenwartskunst

Südostasien: Zum Tag der Arbeit am 1. Mai sind die Menschen in vielen Ländern Südostasiens auf die Straßen gegangen. Die diesjährigen Proteste waren vor allem getragen von linkeren Gewerkschaften und Parteien. Aktivist*innen aus unserem Netzwerk waren vor Ort und gewähren anhand von Bildern, die sie direkt über Whatsapp verschickt haben, interessante Einblicke in die Akteure und Themen der Arbeiter*innenbewegungen in Südostasien.

 

Die 1. Mai-Proteste sind in Südostasien in diesem Jahr recht klein ausgefallen: Hunderte von Teilnehmer*innen oder höchstens Tausende. Noch 2013 – im Kontext des Generalstreiks gegen Prekarisierung – demonstrierten über hunderttausend Menschen in Jakarta am Tag der Arbeit. Auch in Kambodscha und Thailand gab es noch vor einigen Jahren Demonstrationen mit Tausenden und Zehntausenden von Arbeiter*innen. Ohne größere Kämpfe und auf Grund der zunehmenden Repression sind die May-Day-Proteste dieses Jahr eher von linkeren Gewerkschaften und Parteien getragen. Die Bilder zeigen trotzdem interessante Einblicke in die Akteure und Themen der Arbeiter*innenbewegungen in Südostasien. Sie sind am 1. Mai von Aktivist*innen aus unserem Netzwerk direkt mit Whatsapp verschickt worden. Darunter leidet manchmal die Pixelzahl, aber sie macht deutlich, dass eine globalisierte Kommunikation innerhalb der Arbeiter*innenbewegung heute schnell möglich ist.

Thailand

Die 1. Mai-Demonstration 2019 wurde wieder in Kooperation mit dem Militärregime veranstaltet. Sie fand nur wenige Tage vor der Krönung des neuen Königs statt. Deshalb sollten alle Thais, auch die Arbeiter*innen am 1. Mai, gelb tragen. Interessanterweise wird die Demonstration dadurch farblich eine Mischung aus gelb und rot – weil die Forderungen für höhere Löhne und Mindestlöhne, für soziale Absicherung und Gesundheitsversicherung meist auf roten Plakaten und Transparenten vorgetragen werden. Darunter mischten sich aber auch Junta-kritische Positionen, z.B. von der Textilarbeitergewerkschaft und vom Labour Congress of Thailand. Diese durften mitdemonstrieren, wurden aber am Ende nicht in das Stadion gelassen, wo Militärdiktator Prayuth seine Rede hielt. Dazu meint die Arbeiteraktivistin Patchanee Kumnak, die uns die Bilder geschickt hat: „Wir wollen seine Rede sowieso nicht hören.“

Kambodscha

In der Hauptstadt Phnom Penh fanden die zwei größten Veranstaltungen zum 133. internationalen Tag der Arbeit statt. Hier kamen mehrere hundert Teilnehmer*innen zu 1. Mai-Demonstrationen zusammen.

Geschätzt 500 Menschen versammelten sich im (neuen) Freedom Park. Hier wurden jedoch ausschließlich Kundgebungen abgehalten, da Protestmärsche durch die Stadt – wie bereits in den Jahren zuvor – nicht erlaubt waren. Zu groß scheint nach wie vor die Angst vor größeren Protestmärschen durch die Stadt und zu stark scheinen noch die Erinnerungen an den letzten großen Generalstreik der Textilarbeiter*innen im Jahr 2013/2014 zu sein.

Mehrere Hundert Menschen schlossen sich auch der Parallelveranstaltung am Rat für Entwicklung in Kambodscha (The Council for the Development in Cambodia, CDC) an. Ein geplanter, längerer Protestmarsch zur Volksversammlung konnte auch hier nicht durchgeführt werden. Nur ein kleiner, kurzer Protestzug um den Tempel Wat Phnom wurde hingenommen und war für dieses Jahr schon Zugeständnis genug – natürlich nur in Anwesenheit von Sicherheitskräften.

Insgesamt nahmen jedoch weit weniger Menschen an den 1. Mai-Demonstrationen in Phnom Penh teil als erwartet. So waren es auch insgesamt weniger Teilnehmer*innen als in den Jahren zuvor. Laut unseren Kontakten vor Ort war ein zentraler Grund, dass viele Textilarbeiter*innen, die den Großteil der Arbeiter*innenklasse in Kambodscha ausmachen, trotz des Feiertages arbeiten gingen, um die damit verbundenen und oftmals vom Arbeitgeber versprochenen höheren Ausgleichszahlungen (Boni) erhalten zu können. Auf die Boni sind viele Arbeiter*innen angewiesen, um überhaupt ihre Ausgaben zum (Über-) Leben decken zu können (vgl. den Artikel von Patrick Lee in dieser Ausgabe).

Malaysia

Nur um die 500 Menschen folgten 2019 in Kuala Lumpur dem Ruf des May-Day-Komittees, das aus verschiedenen Organisationen wie der Socialist Party of Malaysia (PSM) und Einzelpersonen zusammengesetzt ist. Die Erklärung des 1. Mai hatte 20 Forderungen, u.a. die Erhöhung des Mindestlohns, das Ende von Diskrimminierungen, Rechte für Arbeitsmigrant*innen und ein Ende der Privatisierung von öffentlichen Dienstleistungen.

Myanmar

Die 1. Mai-Proteste sind dieses Jahr in Myanmar klein ausgefallen. Stattdessen versammelten sich Arbeiter*innen aus den Industriezonen zu größeren Versammlungen, um sich auszutauschen und den Tag politisch zu feiern.

Indonesien

Die 1. Mai-Demonstrationen in Indonesien 2019 wurden hauptsächlich von den progressiveren, linken Gewerkschaftsföderationen veranstaltet. Die in der Neuen Ordnung (Zeit der Suharto-Diktatur) gegründete SPSI und die eher sozialdemokratische SBSI haben, statt zu demonstrieren, vorwiegend zusammen mit der Regierung und Unternehmerverbänden Versammlungen und verschiedene Freizeitaktivitäten wie Marathons oder Kochwettbewerbe organisiert. KSPI, in der die Metallgewerkschaft stark ist, hat den rechtsnationalen Präsidentschaftskandidat Prabowo zu seiner Versammlung eingeladen. Bei den Protesten in Jakarta nahmen verschiedene linkere Gewerkschaften – aber auch lokale Gruppen der Mainstream-Gewerkschaften – an Versuchen teil, zum Palast des Präsidenten vorzudringen, der aber durch einen Großaufgebot der Polizei abgesperrt war. Auch die entlassenen Freeport-Arbeiter waren dabei (vgl. Artikel von Tri Puspital und Andrea Höing in dieser Ausgabe). In vielen anderen Städten wie z.B. Makassar gab es Demonstrationen. In Bandung kam es zu Auseinandersetzungen bei denen 600 Menschen verhaftet wurden.

Philippinen

Landesweit beteiligten sich laut Angaben von gewerkschaftlicher Seite und Presseberichten zufolge 50.000 Filipin@s an den Mai- Kundgebungen in den größeren Städten des Landes – unter anderem in Bacolod, Cebu, Calamba, Davao und Manila. Allein aus der Hauptstadt Manila wurde von 30.000 Kundgebungsteilnehmer*innen berichtet.

Zentrale Forderungen auf Bannern, Plakaten und in Reden waren die Erhöhung des gesetzlichen Mindeslohns von derzeit 537 Peso pro Tag auf 750 Peso pro Tag landesweit (also 12,90 Euro statt bisher 9,25 Euro pro Arbeitstag) sowie die überfällige Verabschiedung eines seit 12 Monaten anhängigen Gesetzes zur Eindämmung und drastischen Beschränkung von Kontraktarbeitsverhältnissen und Leiharbeit.

Fotos vom 1. Mai 2019 erreichten die Redaktion aus Manila und Bacolod.

 

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1 | 2018, Indonesien, Rezensionen,
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Kenntnisreiche Einführung in die indonesische Gegenwartskunst

Indonesien: Seit mehr als 20 Jahren streitet das Künstlerkollektiv Taring Padi mit kreativen Mitteln für die Rechte der Arbeiter*innen. Die Poster, Banner und Murals der Gruppe sind sowohl Aufruf zum Kampf als auch Dokumentation der indonesischen Arbeiterbewegung

 

‚Kunst ist eine Waffe‘ steht auf einem der von Taring Padi mit Siebdruck hergestellten T-Shirts. Seit mehr als zwanzig Jahren leistet das in Yogyakarta beheimatete indonesische Künstlerkollektiv gewaltfreien Widerstand mit kreativen Mitteln. Eine Vielzahl von gemeinsam hergestellten Postern, Bannern, Murals und T-Shirts begleiten seit der Gründung des Kollektivs im Jahr 1998 diverse Aktionen der indonesischen Zivilgesellschaft. Taring Padi bedeutet wörtlich übersetzt ‚Zahn der Reispflanze‘, ein Verweis auf deren scharfen Spitzen. Taring Padi legen den Finger in die Wunden Indonesiens: soziale Ungerechtigkeit, Militarismus, Menschenrechtsverletzungen.

Ein Schwerpunkt des künstlerischen Schaffens von Taring Padi ist die Beschäftigung mit Arbeiterrechten. Regelmäßig sind Arbeitskämpfe Thema in der von Taring Padi heraus gegebenen Zeitschrift ‚Trompet Rakyat‘ (= Trompete des Volkes). Die Werke des Künstlerkollektivs, von denen die südostasien hier Auszüge dokumentiert, sind fester Bestandteil von 1. Mai-Demonstrationen und weiteren Aktionen. Einige Werke von Taring Padi wurden auch in Deutschland bereits ausgestellt, unter anderem das 2,40 x 1,20m große Werk „Buruh Bersatu“ (Arbeiter vereinigt euch) im Jahr 2004 im Kunsthaus Dresden.

Im Billiglohnland Indonesien, wo die Arbeiterbewegung beim Suharto-Putsch 1965 blutig zerschlagen wurde und sich erst nach dem Ende der Suharto-Herrschaft 1998 langsam wieder erholt, brodeln im ganzen Land Konflikte. Während die Regierung mit ‚Deregulierung‘ und Steueranreizen Kapital anlocken will, sind es die Arbeiter*innen – ob in Industrie oder Landwirtschaft – die die Zeche zahlen, vgl. Artikel ‚Am Arbeitsplatz getötet‘ in dieser Ausgabe.

Indonesien leidet unter den neokolonialen und militaristischen Altlasten der Diktatur. Doch im Oktober 2012 erlebte das Land den ersten Generalstreik seit den sechziger Jahren.

Die Werke von Taring Padi sind beides: Aufruf zum Kampf und Dokumentation der Arbeiterbewegung. Das Kollektiv beschränkt sich dabei nicht ’nur‘ auf die bildende Kunst. Auch in den Songs der Band Dendang Kampungan, die aus Taring Padi-Mitgliedern besteht, geht es immer wieder um den Kampf der Unterdrückten gegen Ausbeutung. So heißt es zum Beispiel im Song „Buang mimpi iblismu“ (= „Befrei dich von deinem Alptraum“): „Warum sind Wenige reich während so viele andere leiden […] wir können alle in Wohlstand leben, wenn wir nur wollen […] befrei dich von deinem Alptraum …“.

Zum Weiterlesen:

  • Anett Keller: Kunst, die dem Menschen dient, in: südostasien 3/2016
  • Christina Schott: Die Unkonformen: Künstler, Punks und Aktivisten, S. 173- 180 in Indonesien – Ein Länderporträt, Ch. Links Verlag, 2015
  • Yayak Yatmaka: Workers united will never be defeated, S. 147 – 170, in Taring Padi: Seni membongkar tirani, Lumbung Press 2011

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1 | 2018, Indonesien, Rezensionen,
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Kenntnisreiche Einführung in die indonesische Gegenwartskunst

Myanmar: Die anfängliche Euphorie um die Liberalisierung und Demokratisierung ist inzwischen abgeebbt. „Positive Entwicklungen“ sind vor allem bessere Investitionsmöglichkeiten internationaler Konzerne. Die Arbeitslöhne zählen weiter zu den niedrigsten in Südostasien. Neue Gesetze schränken die Versammlungsfreiheit ein. Im Interview schildert Alexey Yusupov, Direktor des Landesbüros der Friedrich-Ebert-Stiftung in Yangon, die aktuelle Situation.

suedostasien.net: Gewerkschaften waren unter der Militärdiktatur in Myanmar lange verboten. Mit der Liberalisierung und dem Regierungswechsel entstehen nun auch hier neue Möglichkeiten. Wie lässt sich die Situation der Arbeiter*innenbewegungen in Myanmar in den letzten Jahren beschreiben?

Alexey Yusupov: Ab 2014 begann die wirkliche Rückkehr der Gewerkschaften: einerseits sind viele Gewerkschafter*innen aus dem Exil zurückgekehrt, andererseits gab es ein neues Arbeitsorganisationsgesetz, das es ermöglichte, neue Gewerkschaften zu gründen. Dies führte zu einer Phase von explosionsartig vielen Gründungen – von Betriebsgewerkschaften zu nationalen Verbänden. Heute gibt es drei nationale Gewerkschaften, zwei sektorale und eine Konföderation, vergleichbar mit dem DGB in Deutschland. Das alles ist die Geschichte der letzten fünf Jahre. Deswegen gibt es oder gab es bis jetzt sehr viel Momentum, aber die Bewegung ist noch mehr.

Welche Gewerkschaften und weitere Organisationen gibt es denn?

Die Arbeiter*innenbewegung besteht nicht nur aus Gewerkschaften, sondern aus ganz, ganz vielen zivilgesellschaftlichen Gruppen, die rechtlich keine Gewerkschaften sind, aber sich natürlich um die Belange von Menschen kümmern, die enteignet werden, die ausgebeutet werden, die nicht wissen, wie sie mit illegalen Kündigungen, nicht ausgezahlten Überstunden etc. umgehen sollen. Sie machen Rechtsberatungen, sind in den Fabriken, beispielsweise hier in Yangon in den Industriezonen. Ich würde also sagen, die Bewegung besteht zur Hälfte aus Gewerkschaften, die das formell machen und organisieren, also die Leute erst organisieren und dann vertreten und NGOs, die sehr stark problemorientiert arbeiten. Beispiele hierfür sind Action Labor Right oder CCTU – Cooperation Council of Trade Unions. Sie vertreten, beraten und machen auch viel Öffentlichkeitsarbeit, vor allem über soziale Medien. Sie setzen sich also schon zum Ziel, Gewerkschaftsarbeit zu machen, betonen aber auch, dass es nicht möglich ist, alles auf legalen Wegen zu erreichen und deswegen wollen sie keine registrierten Gewerkschaften werden. Sie sind also aktivistischer. Sie interessieren sich nicht für Quoren, Schlichtungsverfahren etc.

„The Trade Union Movement in Myanmar – Challenges and Achievements“ – Ein Video der Friedrich-Ebert-Stiftung in Myanmar

Wie kam es zu diesem Spektrum? Gibt es historische Vorläufer dieser Organisationen und Gewerkschaften?

Wer auch immer sich ein bisschen einliest in die Geschichte der Unabhängigkeitsbewegung wird sehen, dass es da ein ganz starkes marxistisches Element gab und auch eine Verbindung zwischen marxistischen und buddhistischen Elementen und viele Bewegungen, Gewerkschaften, Arbeitergruppen, Selbsthilfegruppen in der Landwirtschaft haben ihre Wurzeln in dieser Zeit. Im Jahr 1988 gab es eine große Zäsur, sehr viele sind geflohen, auch viele der Anführer, d. h. seitdem war die Bewegung in ihrem Auslandsteil auch eine Exilbewegung. Die Akteure und Kollektive, die heute die größten Dachverbände in Myanmar anführen, waren teilweise über Jahrzehnte im Ausland, zumeist in Thailand oder Indien. Danach, unter der Militärdiktatur waren Gewerkschaften illegal und sind erst im Jahr 2013 wieder legalisiert worden.

Gibt es inzwischen einen Mindestlohn in Myanmar?

Den gibt es seit ca. 1,5 Jahren in Myanmar, aber er liegt bei nur 4800 MMK (ca. 2,70 €) am Tag. Das sichert noch keinen guten Lebensunterhalt. Hier sitzen die Gewerkschaften in den Kommissionen, die den Mindestlohn berechnen und aushandeln. Die NGOs können sich daran nicht direkt beteiligen, sie sind nicht Teil dieses Systems.

Wie werden die Interessen der Arbeiter*innen im Parteienspektrum vertreten? Gibt es eine Arbeiterpartei oder eine sozialdemokratische Partei?

Es gibt sehr, sehr viele Kleinstparteien. Die großen Parteien sind die NLD, die USDP (militärnahe Partei, die aus der Militärregierung hervorgegangen ist), und die größeren ethnischen Parteien. Von diesen sind nur zwei im nationalen Parlament vertreten: die SNLD (Shan) und die ANP (Arakan National Party). Alle größeren Parteien haben nicht wirklich einen programmatischen Kern. Bei keiner kann man davon sprechen, dass es eine linke Partei sei. Sie machen sich vor allem zur Aufgabe, Sprachrohr einer nationalistischen Gruppe oder ethnischen Minderheit zu sein. Manchmal findet man auch Ansätze, z. B. zum Landrecht, die man als progressiv einschätzen kann, aber das kommt nicht durchgängig vor. Natürlich gibt es auch weiterhin Kommunisten und Sozialisten im Land, aber das sind alles Mikroerscheinungen. Sie spielen keine Rolle im Wahlkampf oder im Wahlprozess.

Die große Frage, die sich hier noch stellt ist: Wer ist die Opposition? Das ist hier eigentlich nicht klar zu sagen. Ist es die USDP, die ja eigentlich das alte Regime repräsentiert? Die Regierung ist ja quasi eine große Koalition zwischen NLD und Militär, das beschreibt es, glaube ich, am besten.

Der aktuelle Wahltrend (aus kleineren Umfragen) zeigt, dass die NLD bei den nächsten Wahlen 2020 einige Sitze sogar wieder zurück an die USDP verlieren könnte, die ethnischen Stimmen haben sie größtenteils schon verloren. Hier stellt sich die Frage, woran das liegt. Eine Antwort hier könnte sein, dass die ganze liberale Öffnung und Transition angegangen wurden, ohne die sozialen Fragen als separates Politikfeld anzugehen. Wenn die NLD bei den Wahlen 2020 noch bestehen will, sollte sie das ändern, aber bisher sehen wir das nicht.

Werden in Myanmar – ähnlich wie in Europa – rechtspopulistische Stimmen laut, die sich mit den Stimmen nach sozialer Gerechtigkeit vermischen?

Ich glaube, das ist ein bisschen komplizierter. Sicherlich gibt es eine Mode für solche strong men. Duterte und Trump haben auch in Myanmar hohe Popularitätswerte in bestimmten Milieus. Ich glaube aber, dass das hier eine andere langfristige Dynamik ist, denn im Grunde genommen ist die Öffnung des Landes ja keine liberale, sondern eine nationalistische Öffnung. Ein Teil der nationalistischen Elite, der militärische, ist gerade dabei, ein Machtteilungsarrangement mit dem anderen Teil der nationalistischen Elite zu treffen, der NLD (National League for Democracy). Beide liegen nah beieinander, wenn es um die Definierung nationaler Interessen geht und um den Zukunftsentwurf Myanmars. Aber nicht nur die NLD ist eine nationalistische Partei, sondern auch die ethnischen Parteien sind nationalistische Parteien, so dass sich eine Vielzahl von Nationalismen nebeneinander ergibt. Die überbieten sich in den Wahlkämpfen, die hier sehr personalisierend sind mit zugespitzten Themen. Das klingt dann oft ähnlich wie das, was wir in Europa als Rechtspopulismus kennen, aber das war hier nie anders. Das ist kein Wechsel zu einer neuen Form von Politik oder neuer Rhetorik. Es war schon lange der Hauptmodus: Die Nation zusammenzuführen, das Wohl der Nation zu verteidigen. Vor einem Jahr gab es immer wieder Demos, wo man auf ein und demselben Plakat lesen konnte: „Wir stehen zu Aung San Suu Kyi, wir stehen zum Militär, wir stehen zur Regierung.“ Alles auf einem Plakat. Dieser Dualismus, der vor 2012 herrschte, ist nicht mehr da und dadurch fällt es vielleicht mehr auf. Aber es ist nicht so, dass das programmatisch in der NLD je anders gewesen wäre. Die NLD war immer eine patriotische Freiheitsbewegung. Der Partei fehlt das Soziale und das ist es, was für mich ein Rätsel ist, wenn man Aung San [Vater von Aung San Suu Kyi, Unabhängigkeitskämpfer und Gründer der kommunistischen Partei Birmas, d.R.] ansieht. Denn seine Bewegung war dezidiert emanzipatorisch: Für Bauern, für Umverteilung, für das Volk im Sinne von Klasse. Das geht der NLD völlig ab. Ihre wirtschaftlichen und sozialen policies sind durchwegs neoliberal mit protektionistischen Elementen und das Nationalistische war immer dabei.

Was sind die alltäglichen Herausforderungen im Arbeitskampf?

Es gibt sehr, sehr viele. Die Zahl der Streiks stieg in den letzten zwei Jahren stetig an, vor allem der illegalen Streiks. Es gibt ein legales Prozedere, wie man einen Streik anzumelden hat, das aber relativ aufwendig ist und nur über eine Dachgewerkschaft geht. Es gibt viele nicht registrierte Gewerkschaften, die zeigen, dass das soziale Konfliktpotential sehr hoch ist. Es geht in der Regel um illegale Kündigungen und nicht bezahlte Überstunden. Es geht aber auch um Themen wie Betriebssicherheit und Fragen wie: Gibt es genug Licht in der Fabrik? Wie sind die Produktionsbedingungen? Bekommt man genug Urlaub, um über die staatlichen Feiertage nach Hause zu fahren?

Gerade jetzt gab es einen großen, gewaltsamen Streik in einem großen Hotel in Alt-Bagan [1], der Konflikt schwelte schon länger. Nun kam es zum Streik und auch zu Solidarisierungsaktionen in Mandalay. Der Streik wurde von der Polizei aufgelöst, acht Leute wurden verhaftet.

Daran sieht man auch eine weitere Herausforderung: Die Versammlungsfreiheit ist zurückgegangen, es gibt seit knapp einem Jahr ein neues Gesetz „Peaceful assembly and peaceful procession law“, das nicht explizit auf Streiks bezogen ist, die ja legal wären, wenn man sie in diesem langwierigen Prozess anmelden würde. Dieses Gesetz erlaubt nun mehr oder minder, jede beliebige Menschenansammlung aufzulösen. Und das ist ein neues, ein NLD-Gesetz und unter diesem Gesetz leiden die Aktionen und Proteste stark.

Welche weiteren Herausforderungen gibt es?

Ein riesiges Thema sind Landrechte. Es gibt ein neues Gesetz, das sehr viel Panik produziert. Es geht um Nutzung von Land, das bislang niemandem gehört und definiert erneut, wie man Landbesitz nachweisen muss. Das führt dazu, dass viele Binnenmigrant*innen oder Vertriebene de facto enteignet werden können. Das kann aber auch alle anderen Menschen betreffen, die ihren Landbesitz nicht dokumentieren können, obwohl sie schon seit Generationen an einem Ort leben. Dies hängt natürlich auch mit der neoliberalen Politik zusammen. Es soll Großinvestitionsprojekte schnell ermöglichen. Das führt natürlich zu großen Ängsten bei der Landbevölkerung.

Insgesamt bereitet die wirtschaftliche Entwicklung mehr Sorgen als Anlass zur Hoffnung. Der Boom ist ausgeblieben, das sagen alle – sowohl die NLD (wenn auch nicht so laut) als auch die internationalen Investoren – die Erwartung, dass es zu einem explosionsartigen Anstieg der Anzahl von Arbeitsplätzen kommt, hat sich nicht bestätigt. Es gibt natürlich ein ganz passables Wirtschaftswachstum von 6-7%. Aber, man muss natürlich bedenken, dass dieses Wachstum von einer extrem geringen Ausgangsbasis ausgeht.

Welchen Einfluss hat die EU-Handelspolitik vor diesem Hintergrund?

Mit der aktuellen Situation der Rohingya in Rakhine [2] droht der Entzug der EU-Handelspräferenzen [3], was einen besonders negativen Effekt auf den Textilmarkt haben würde. In der Textil- und Bekleidungsindustrie rund um Yangon sind hunderttausende neue Arbeitsplätze entstanden, wo vor allem Frauen aus anderen Landesteilen arbeiten. Der gesellschaftliche Effekt, den diese Entwicklung hat, durch die Rücküberweisungen der Frauen in ihre Heimatregionen, aber auch durch den Wandel der Geschlechterrollen, wenn die Frauen dadurch zu den Ernährerinnen der Familie geworden sind, ist stark. Hier könnte der Entzug der EU-Handelspräferenzen fatale Folgen haben. Das kann auch schnell zu einer stark anti-westlichen Stimmung führen, je nachdem, wer den Diskurs in dem Moment prägt.

Aus dem europäischen Textilmarkt sind alle großen Namen hier: H&M, C&A, Adidas und Lidl – insgesamt beläuft sich das auf 2 Milliarden Euro Umsatz, die die europäischen Unternehmen hier produzieren. Das ist der größte Markt, wohin Myanmar exportiert. Es sind zwar größtenteils chinesische Fabriken, aber gefertigt wird hier. Wenn das alles wegfallen würde, wäre das katastrophal. Dazu gibt es also verständlicherweise große Sorgen auf allen Seiten, sowohl in der Politik als auch unter den Arbeiterinnen – es sind immerhin an die 500.000, die das betreffen würde.

Wie ist das Verhältnis zwischen Feminismus und Arbeiter*innen-Bewegungen in Myanmar?

Natürlich gibt es da unglaublich viele Themen, die das zusammenführen. Nicht nur die klassische strukturelle Frage: Was passiert mit der traditionellen Rolle der Frauen? Müssen sie sich auch weiterhin dem Druck ausgesetzt sehen, auch die Arbeit zuhause alleine zu machen und früh Kinder zu bekommen? Diese Frage ist ganz virulent. Daneben gibt es Probleme, wo Frauen struktureller Diskriminierung und sogar Gewalt ausgesetzt sind. Es gab Fälle in Fabriken, wo das Management bei Schichtbeginn die Näherinnen gewaltsam auf Schwangerschaft kontrolliert, um zu wissen, wann sie kündigen sollen. Andere Probleme sind gesundheitsschädliche Arbeitsbedingungen, mangelnde Sicherheit beim Transport auf dem Arbeitsweg.

Es gibt verhältnismäßig viel Bewusstsein dafür, dass man diese Themen zusammen denken muss, dass die Gender- Aspekte keine separaten Themen sind, sondern dass man Arbeit, Ausbeutung und Abhängigkeiten alle zusammen problematisieren muss.

Kann die FES Einfluss auf deutsche, europäische und internationale Investoren nehmen, um die Einhaltung von Mindeststandards im Arbeitsrecht zu erreichen? Schließlich stehen ja gerade in der Textilbranche wir als deutsche Konsument*innen am anderen Ende.

Wir machen das nicht direkt, sondern in Arbeitsteilung. Wir spielen es oft zurück an deutsche Gewerkschaften, also den DGB. Und dann gibt es eine Klammerstruktur über die Globalgewerkschaften, die Rahmenabkommen mit großen, global agierenden Produzenten geschlossen haben, z. B. mit H&M. Das bedeutet also, dass H&M verpflichtet ist, die lokalen Gewerkschaften, die derselben globalen Gewerkschaft angehören, ernst zu nehmen, sich einmal pro Jahr mit ihnen zu treffen, jeden problematischen Fall zu besprechen. Und wenn das nicht funktioniert, haben wir schon Möglichkeiten, darauf Aufmerksamkeit zu lenken. Seit dem Textilbündnis, das als Reaktion auf den Einsturz der Textilfabrik Rana Plaza in Bangladesch gibt es dafür ein gesteigertes Bewusstsein auf allen Seiten. Natürlich gibt es nach wie vor Firmen, die das besser machen – Beispiel H&M – und Firmen, die das schlechter machen. Lidl ist hier eine der weniger beispielhaften Firmen. So gab es ja neulich hier auch einen riesigen, zwei Monate langen Streik in einer Lidl-Fabrik, der gewaltsam aufgelöst wurde. Dazu hab es sehr viel Berichterstattung auch in Deutschland. In solchen Fällen spielen wir das zurück an die SPD-Bundestagsfraktion, sodass von dort Druck auf den Lidl-Vorstand ausgeübt werden kann. Das ist also der Weg, auf dem wir indirekt Einfluss nehmen können. Aber das ist nicht unsere primäre Funktion und es gibt viele Organisationen, die das besser machen, das öffentliche Bewusstsein für diese Themen zu wecken. Da wir dauerhaft hier sind, mit Büro, Repräsentanz und Mitarbeiter*innen, können wir nicht wie andere agieren, die fluidere Strukturen haben und kommen in manchen Belangen schnell an rote Linien.

[1] Anmerkung der Redaktion: Mitte März sind die Gewerkschaftsführer der Gewerkschaft IUF aufgrund dieses Streiks zu einer einmonatigen Haftstrafe verurteilt worden
[2] Anmerkung der Redaktion: Rakhine ist der Landesteil Myanmars, in dem der größte Teil der Rohingya-Minderheit lebt, seit vielen Jahrzehnten herrscht hier ein bewaffneter Konflikt. Immer wieder werden in den internationalen Medien Stimmen laut, die davor warnen, dass hier seitens der myanmarischen Armee Genozid-ähnliche Verbrechen verübt werden.
[3] Die EU-Handelspräferenzen gewähren ausgewählten Entwicklungsländern den zollfreien Export in die EU für alle Waren außer Waffen.

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1 | 2018, Indonesien, Rezensionen,
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Kenntnisreiche Einführung in die indonesische Gegenwartskunst

Thailand: Ein Popmusikgenre spiegelt die Zeitgeschichte besonders gut – gerade im Hinblick auf die Arbeiter*innenbewegungen. Sein Name lautet Pleng Pue Chee Wit. Der folgende Artikel erklärt, was es mit diesem Musikstil auf sich hat und wie die bekannteste Band des Pleng Pue Chee Wit zur Marke wurde, die nun ihrerseits eine ganze Produktpalette vermarktet.

 

„Lieder fürs Leben“

Pleng Pue Chee Wit lässt sich wörtlich mit „Lieder fürs Leben“ übersetzen. Sie entstanden in ihrer heutigen Form Mitte der 80er Jahre. Im Allgemeinen repräsentieren die Bands dieser Szene die Stimme der Generation von linken Studentenaktivist*innen, die nach dem Sturz der Kommunistischen Partei Thailands (CPT) einige Jahre zuvor in die Stadt zurückkehrten. Das Musikgenre könnte als Teil der Bewegung des Sozialrealismus angesehen werden, da sein lyrisches Hauptthema das erbärmliche Leben der Unterschicht wie der Armen, Arbeiter*innen, Bauern und Bäuerinnen darstellt. Dazu macht es auch kritische Stimmen gegen die korrupte Gesellschaft, die Reichen, die Regierung und die Politiker*innen hörbar, wie es sonst kaum jemand wagt. Deshalb bezeichnen einige so genannte progressive Liberale heutzutage dieses Musikgenre als „die Stimme von unten“.

Da die Texte von eingängiger, tanzbarer Musik begleitet sind, hat das Musikgenre aber eine viel breitere Fangemeinde. Pleng Pue Chee Wit ist nicht diese Art kommunistischer Lieder nach dem Motto „Mit-Genossen-still sitzen-und-klatschen“. Es klingt eher nach einer Kombination aus amerikanischen Protest-Folksongs der 1960-70er Jahre und Rockmusik, insbesondere Latin Rock wie von Santana. Letzteres verbindet Pleng Pue Chee Wit mit der schon vorher populären thailändischen Country-Musik (Pleng Luk Thung), die sich hauptsächlich auf Latin Dance Grooves wie Cha-Cha-Cha stützt. In dieser Hinsicht beruhigt Pleng Pue Chee Wit nicht nur die Seelen der Student*innen und Aktivist*innen, sondern unterhält gleichzeitig auch die große Masse der einfachen Arbeiter*innen. So wurde Pleng Pue Chee Wit zu einem der beliebtesten Musikgenres der thailändischen Arbeiter*innen.

Die populären Texte

Daher behaupten einige renommierte thailändische Wissenschaftler*innen, der Hauptgrund dafür, dass sich dieses Musikgenre so großer Beliebtheit erfreue, sei, dass die Fans fast nur auf die Musik hörten und nicht auf den Text. Für viele klingt das einleuchtend. Dem stimme ich nur zur Hälfte zu. Obwohl ich zugeben muss, dass der musikalische Teil sehr wichtig ist, sind die Texte meiner Meinung eben die zweite wichtige Hälfte, die die Herzen der Fans gewinnt. Was sie so beliebt macht, sind meiner Meinung nach nicht die Themen an sich, sondern die Weise, wie sie über diese Dinge sprechen. Pleng Pue Chee Wit erklärt die alltägliche Härte des Lebens thailändischer Arbeiter durch drei sehr überzeugende und leicht verständliche Ideen:

  1. das Volk gegen korrupte Eliten
  2. eine idealisierte Bauerngesellschaft
  3. Nationalismus

Interessant daran ist, dass dies die gleichen drei Kernelemente dessen sind, was einige Wissenschaftler*innen heute als „agrarpolitischen Populismus“ definieren. Auf diese Weise werden alle komplexen Struktur- und Klassenprobleme vereinfacht und in eine Schwarzweiß-Welt verwandelt. Es gibt nur zwei klare Gruppen von Menschen, die auf dieser Welt leben: die Guten und die Bösen.

Die Band Carabao am 6. Juni 2008 in der Schweiz © Pierre Theze, CC BY-SA 3.0

Die Band Carabao am 6. Juni 2008 in der Schweiz © Pierre Theze, CC BY-SA 3.0

 

Der Zauber der Carabao-Lieder

Die Guten in den Pue Chee Wit-Liedern sind diejenigen, die die Armen, das einfache thailändische Volk, die natürlichen Ressourcen, die thailändische Kultur und die thailändische Nation schützen. Oftmals sind diejenigen, die als gute Jungs dargestellt werden, Militärs und traditionelle Eliten. Die bösen Jungs das Gegenteil von alledem: die nicht-traditionellen Eliten wie korrupte Politiker und die gierigen (nicht-thailändischen) Kapitalist*innen. Dazu gehört auch das Misstrauen gegenüber der Industrialisierung und einige westliche Ideen, die als zu fremd für die thailändische Lebensweise gilt. Wie es dazu kam, möchte ich anhand einiger ausgewählter Lieder der Band Carabao, einer der berühmtesten Bands der Pleng Pue Chee Wit-Szene, nacherzählen.

Die Band wurde Anfang der 80er-Jahre von einer Gruppe Absolventen der Schule für Hochbau (Uthenthawai) gegründet. Einige von ihnen hatten ein höheres Studium an einer Universität auf den Philippinen absolviert, was einer der Gründe sein könnte, warum sie ihre Band mit dem philippinischen Wort carabao (Wasserbüffel) benannten, mit dem sie auf harte Arbeit und das bäuerliche Leben anspielen. Carabao ist die Band, die den musikalischen Teil des Pue Chee Wit-Genres auf neue Ebenen gehoben hat. Sie erkundeten und probierten nicht nur viele Musikstile mit ihren Songs aus, sondern wussten auch, wie man die Musik kreativ an die Stimmung eines jeden Songs anpasst. Carabao sind es auch, die den Cha-Cha-Cha-Rock bei Arbeiter*innen und Landbewohner*innen beliebt gemacht haben.

Kulis und namenlose Arbeiter

In den Anfängen war ihre Musik noch nicht so eingängig, ihre Texte klangen linker und nicht so populistisch. Noch auf ihrem dritten Album Wanipok (Der bettelnde Musikant) von 1983 gab es einen Songtitel Jubkang, den man mit Kulis übersetzen kann. In diesem Lied erzählt Carabao das beschwerliche Leben der Kulis, die den erdrückenden Reissack für das thailändische Volk tragen. Hier spricht Carabao noch deutlich über Arbeit im Sinne der marxistischen Abstraktion.

Auf dem nächsten Album Tor-tahan Oad-ton (Der beharrliche Gefreite), das im selben Jahr folgte, gibt es einen Song über die thailändischen Arbeiter. Der Name dieses Songs lautet Khon-niranam (Das namenlose Volk). Es erzählt die Geschichte von Arbeiter*innen in der Stadt, die aus vier Regionen des Landes ausgewandert sind, weil die schlechte Bewirtschaftung in den ländlichen Gebieten sie zwang, in der Hauptstadt Arbeit zu suchen. Da sie unqualifiziert waren, mussten sie alle verfügbaren Arbeiten annehmen – meist sehr arbeitsintensive und zugleich sehr schlecht bezahlte Jobs. Am Ende landen sie auf dem Bodensatz der Gesellschaft und niemand kümmert sich um sie. Im Vergleich zu Jubkang hat der Song Khon-niranam schon einen weniger linken Text und mit Hard Rock einen eingängigeren Musikstil. Dennoch wurden dieser und die meisten Songs aus ihrer Anfangszeit von einigen Hardcore-Fans gehört.

Die Könige der Ratenzahlungen

Der Wendepunkt kam mit der Veröffentlichung ihres fünften Albums Made in Thailand 1984. Fast alle Songs dieses Albums wurden schnell zu Hits und später zum Inbegriff des Pleng Pue Chee Wit Genres. Außerdem werden auf diesem Album die populistischen Ansichten explizit. Sie begannen, über den Schutz der thailändischen Kultur und Wirtschaft vor der „Verwestlichung“ zu sprechen. Auch andere populistische Themen wie den braven Soldaten, den guten armen Vater und Sohn, das böse rich kid, einen enteigneten Bauern und thailändische Arbeiter*innen, die thailändische Produkte kaufen, um thailändische Produzenten zu unterstützen.

Letzteres kommt im Song Raja Nguen-pon (Könige der Ratenzahlungen) vor. Dies ist ein legendärer Song, der mit seinem Thai-Latin-Rock seine unvergessliche Handschrift in der thailändischen Popkultur hinterlassen hat. In den Texten wandte sich Carabao an arme Thais, die es sich nur leisten können, Dinge auf Raten zu kaufen. Obwohl Ratenkäufe der Mehrheit der armen Thailänder*innen scheinbar ein wohlhabendes Leben ermöglichen, ist dieser Lebensstil sehr fragil. Um ihn aufrechtzuerhalten, sagt Carabao, braucht es eine Regierung, die dafür sorgt, „den Preis der Waren niedrig zu halten, den Lohn hoch zu halten, [und] niemanden den thailändischen Markt dominieren zu lassen“.

Der Song Raja Nguen-pon bei YouTube:

Dafür unterstützten die Armen mit ihren Ratenkäufen die thailändische Gesellschaft (und damit thailändische Kapitalist*innen, die sie im Gegenzug ausbeuten?). Außerdem erwähnt dieses Lied auch die Migration männlicher thailändischer Arbeiter in den Nahen Osten. Carabao hat eine ziemlich klare nationalistisch-populistische Botschaft über dieses Phänomen: „Schickt sie nicht ins Ausland, um sie wohlhabend zu machen. Es ist eine Schande. Es ist eine Schande. Thailand ist nicht der Mittlere Osten. Zu sehen, wie thailändische Landsleute gehen, ist traurig, so traurig.“

Die Einweg-Arbeiter

Das letzte Beispiel stammt vom Album Welcome to Thailand, das 1987 veröffentlicht wurde. In dem Song Khon Nang-neow (Menschen mit zäher Haut) haben sie zwei Sänger, die zwei betrunkene entlassene Arbeiter verkörpern, die über ihr Leben und ihre hoffnungslose Zukunft sprechen. Entlassen zu werden ist sicherlich ein ziemlich ernstes Problem, besonders, wenn man am unteren Ende der Gesellschaft steht; dennoch hat Carabao beschlossen, diese Geschichte mit schwarzem Humor zu erzählen. Das bedeutet, dass der Song sehr lustig und deprimierend zugleich ist.

Die beiden Charaktere beginnen mit den Worten: „Das Tor der Fabrik ist jetzt geschlossen, die düstere Zeit erreicht uns endlich. Der Weg ist so dunkel. Wie viele Menschen werden unsere Situation verstehen.“ Dann singen sie: „ein Proletarier zu sein, der seine Arbeit verkauft, ist verdammt hart.“ Das liegt sicherlich daran, dass Arbeitnehmer nicht genug Geld verdienen, um ihre Familien täglich zu ernähren. Es gibt immer eine Menge Ausgaben, die bezahlt werden müssen und sie haben keine Chance auf Ersparnisse. An eine Rückkehr ins bäuerliche Leben ist nicht zu denken, da ihnen das Reisfeld bereits genommen wurde. Sie haben also keine Ahnung, wie sie den nächsten Monat ohne Job überleben könnten. Im letzten Teil des Songs beginnen die beiden betrunkenen Charaktere, über einen finsteren Witz zu sprechen. Sie sagen, dass sie so stark wie Büffel sind. Es gibt jedoch einen wesentlichen Unterschied. Den Büffel kann man, wenn er alt wird, an den Schlachthof verkaufen. Aber die Arbeiter, obwohl sie eine zähe Haut wie Büffel haben, sind völlig nutzlos, wenn sie von der Arbeit weggeworfen werden. Sie glauben also, dass selbst die Büffel mehr wert sind als sie selbst.

Der Song Khon Nang-neow bei YouTube:

Die Arbeiter wurden ausgeblendet …

Ausgehend von diesen drei ausgewählten Songs würde ich behaupten, dass sie mindestens drei populistische Hauptbotschaften über thailändische Arbeiter*innen enthüllen. Erstens gäbe es absolut nichts Gutes daran, ein Arbeiter/eine Arbeiterin zu sein. Geschichten von Arbeiter*innen werden immer mit Hoffnungslosigkeit erzählt. So erzählen sie auch die Geschichten von Bauern und Bäuerinnen, die eine völlig falsche Entscheidung getroffen haben, indem sie sich zu städtischen Proletarier*innen gemacht haben. Zweitens, obwohl Carabao versucht, mit diesen Liedern über das Elend der thailändischen Arbeiter*innen zu sprechen, geben sie nur den schlechten Menschen die Schuld, nie aber der Struktur der thailändischen Gesellschaft. Anders gesagt: die Probleme der armen thailändischen Arbeiter*innen zu lösen, bedeute nur, die gierigen Menschen loszuwerden. Drittens und nach dem oben Erwähnten bedeutete dies, dass es keinen Klassenkonflikt mehr zwischen thailändischen Arbeiter*innen und Kapitalist*innen gäbe. Wenn es überhaupt einen Konflikt gibt, müsse er zwischen dem thailändischen Volk und den korrupten Thais und gierigen Ausländer*innen bestehen. Anders ausgedrückt, um sich selbst und ihr geliebtes Land zu schützen, müssen thailändische Arbeiter*innen unbedingt die ‚guten thailändischen Kapitalist*innen‘ schützen und unterstützen.

… und neue Märkte erschlossen

Vielleicht ist es deshalb nicht verwunderlich, dass die Band Carabao nun Eigentümer der weltweiten Marke Carabao wurde, die eine breite Produktpalette vom Musikinstrument bis zum Energy Drink abdeckt. Ja, ich spreche vom Energy Drink Carabao, der aktuelle Sponsor des English League Cup. Jetzt können thailändische Arbeiter*innen nicht nur den Carabao Energy Drink kaufen, um während der Arbeit mehr aus sich herauszuholen, sondern sie können auch dazu beitragen, den Wert der Marke Carabao zu steigern, während sie in ihrer Freizeit die Fußballspiele schauen.

Es ist auch nicht verwunderlich, dass in den letzten zehn Jahren der politischen Krise Thailands die thailändischen Arbeiter*innenbewegungen und die meisten der Pleng Pue Chee Wit-Künstler*innen (außer Carabao) die ’nationalen Interessen Thailands schützen‘, indem sie ein Bündnis mit den Gelbhemden und dem People’s Democratic Reform Committee (PDRC) schlossen, die gegen Demokratie und Wahlfreiheit, dafür für traditionelle Autorität und militärische Volksbewegungen sind. Dennoch gibt es eine Sache, die ich nicht verstehen konnte und vielleicht auch nie verstehen werde: wie konnten sich die Künstler von Pleng Pue Chee Wit den Bewegungen anschließen, die thailändische Arbeiter*innen und arme Menschen, die in den Bewegungen der Rothemden sind, als nutzlose „rote dumme Büffel“ verachten und verspotten. Wie konnten sie sich den Bewegungen anschließen, die die arbeitenden Armen entmenschlichen, in deren Namen die Pleng Pue Chee Wit zu sprechen behauptet?

Bitte verstehen Sie mich hier nicht falsch. Ich sage nicht, dass die Rothemden demokratischer und arbeitnehmerfreundlicher sind. Obwohl sie die Tatsache ansprechen, dass strukturelle Ungleichheit die Mutter aller Probleme in der thailändischen Gesellschaft ist, erkennen sie den Klassenkonflikt zwischen den Arbeiter*innen und den thailändischen Kapitalist*innen nicht an. Außerdem unterscheiden sich die Rothemden nicht allzu sehr von den Gelbhemden, da beide die Arbeiter*innen nur stillschweigend unter dem einheitlichen Begriff „das thailändische Volk“ verstecken. Was der einzige Unterschied sein könnte, ist, dass die Roten die thailändischen Arbeiter*nnen bitten, sich den progressiven thailändischen Kapitalist*innen im großen politischen Kampf gegen die alten thailändischen Kapitalist*innen anzuschließen. So oder so, die Gelben oder die Roten, beide würden die thailändischen Arbeiter*innenbewegungen nur zunehmend schwächen.

Übersetzung aus dem Englischen von: Marlene Weck

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1 | 2018, Indonesien, Rezensionen,
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Kenntnisreiche Einführung in die indonesische Gegenwartskunst

Vietnam: Vuong Trong Binh und Lê Thị Kim Ngọc engagieren sich auf Phu Quoc für eine plastikfreie Insel. Im Interview geben sie uns einen Einblick in ihre Umweltschutzprojekte und die Herausforderungen, denen sie begegnen. Sie erzählen aber auch, warum sie trotzdem an ihrer Vision festhalten.

 

Wie wir auf Phu Quoc kamen …

Seit 2016 arbeiten wir, die Autorinnen, zum Thema Meeresmüll und Plastikverschmutzung. Spätestens seit Erscheinen eines Artikels (Jambeck, Jenna R., Roland Geyer, Chris Wilcox et al. (2015): Plastic waste inputs from land into the ocean. Science, 347: 768-771.) in der renommierten Fachzeitschrift Science über geschätzte Eintragsmengen von Plastikmüll in die Meere, gilt Asien, insbesondere die Länder China, Indonesien, die Philippinen und Vietnam als „Hot-Spots“ Region. Deshalb forschen wir in der Nachwuchsgruppe PlastX zum Zusammenhang von Plastikverschmutzung und Tourismus auf der Insel Phu Quoc. Die größte Insel Vietnams misst ungefähr 600 km² und liegt südwestlich vom Mekong-Delta. Auf Phu Quoc leben etwa 110.000 Menschen. Lange Sandstrände und eine üppige Tropenlandschaft locken jährlich fast 3 Millionen nationale wie internationale Urlaubsgäste [1]. Phu Quoc ist in den letzten Jahren zum Tourismusmagneten avanciert. Allerdings hält die Abfallinfrastruktur mit dieser rasanten Entwicklung nicht Schritt. Die zwei ungesicherten Deponien haben längst ihre Kapazitätsgrenze erreicht. Eine Abfallverbrennungsanlage ist zwar gebaut, aber noch nicht in Betrieb. Und so ist Plastikmüllverschmutzung ein sichtbares und drängendes Problem.

Bitte stellt eure Projekte kurz vor.

Binh: Der WWF-Vietnam hat seit vielen Jahren ein Projekt zum Schutz der blauen Schwimmkrabbe in den Meeresschutzgebieten im Nordwesten der Insel. Meine Kolleg*innen haben dort viel Plastikmüll festgestellt. Dazu kam, dass Plastikmüll in den Meeren zunehmend ein globales Umweltthema wurde. Ich schätze, das waren die Ausgangspunkte für das Projekt, in dem ich nun arbeite. Ziel des Projekts ist, die Seegraswiesen in den Meeresschutzgebieten zu schützen. Dafür versuchen wir, die Plastikverschmutzung zu reduzieren. Im Projekt adressieren wir verschiedene Akteursgruppen mit verschiedenen Aktivitäten: Wir fördern Bewusstseinsbildende Maßnahmen und Abfallvermeidungsstrategien in Unternehmen. Wir unterstützen die Lokalregierung bei Maßnahmen in diesem Bereich sowie Unternehmen dabei, Plastikalternativen zu finden. Des Weiteren trainieren wir Lehrkräfte in Umweltthemen und führen Pilotprojekte zur Abfalltrennung und lokalem Abfallmanagement in zwei Dörfern durch. Ich koordiniere all diese Maßnahmen, bin mit allen Beteiligten in Kontakt und ermutige sie.

Ngoc: Die Initiative Phu Quoc Clean and Green zielt darauf ab, Bewusstsein zu schaffen, Wissen zu vermitteln und Verhaltensänderungen herbeizuführen. Wir wollen den Menschen ein besseres Verständnis ihrer Umwelt vermitteln und sie ermutigen weniger Plastik zu konsumieren. Unsere Aktivitäten beinhalten vor allem die Organisation von Abfallsammelaktionen auf der ganzen Insel. Jetzt wollen wir die Initiative aber noch weiter entwickeln. Jedes Wochenende führen wir Abfallsammelaktionen an denselben Orten durch, um die Orte sauber und schön zu machen. Zurzeit planen wir gerade ein großes Event für den Tag der Erde am 29. März. Des Weiteren haben wir einen Abfallsammelwettbewerb lanciert. Die Freiwilligen nehmen vor und nach der Aufräumaktion Fotos auf. Diese werden dann auf Facebook gepostet. Belohnt wird der Post mit den meisten ‚likes‘.

Wie sieht euer Arbeitsalltag aus?

Binh: Bei mir gibt es keine Routine. Jeder Tag sieht anders aus. Mein Arbeitsprogramm hängt von dem Programm der stakeholder ab, mit denen ich zusammenarbeite. Ich treffe sie, wenn sie Zeit haben.

Ngoc: Ich arbeite jeden Tag für die Initiative. Ich organisiere die Events und das Equipment. Ich versuche auch, Sponsoren für das Equipment zu finden und ich koordiniere die Aktivitäten mit der Lokalregierung.

Welche Herausforderungen begegnen euch bei eurer Arbeit?

Ngoc: Wir brauchen mehr Leute, die mitmachen. Mehr Leute, die die Umwelt sauber halten. Denn es ist eine ganz schön große Herausforderung. Anwohnende, Arbeiter*innen und Urlaubsgäste werfen viel Abfall auf die Straße und so kann ein gerade gereinigter Ort nach einer Woche wieder verdreckt sein. Wir brauchen mehr Unterstützung durch die Lokalregierung, mehr Abfalleimer und weniger Leute, die Müll auf die Straße werfen.

Binh: In unserem Projekt versuchen wir, strukturelle Veränderungen zu erreichen. Wir zielen auf Regulierung und politische Lösungen. Aber manchmal scheint der Weg blockiert zu sein, da viele Behörden auf Phu Quoc sagen, dass sie nicht die Macht haben, Regulierungen durchzusetzen und Politik-Änderungen vorzunehmen. Stattdessen verlassen sie sich darauf, eine Technologie zu finden, die alle Abfälle zusammen behandelt. Unsere Aufgabe ist es, das Volkskomitee [3] für unsere Aktivitäten und Visionen zu begeistern. Es ist großartig, wenn stakeholder wie Geschäftsleute und Lehrer*innen sich engagieren und Verantwortung übernehmen. Aber in unserem Projekt kommt es mir eher so vor, als ob wir den stakeholdern nachlaufen müssten. Es ist kein gutes Zeichen, wenn unsere Zielgruppe nicht den Mehrwert und den Nutzen des Projekts sieht. Die Herausforderung besteht zurzeit noch darin, die stakeholder von den Vorteilen zu überzeugen, gegen die Plastikverschmutzung vorzugehen.

Wen seht ihr also in der Verantwortung etwas gegen die Plastikverschmutzung auf Phu Quoc zu unternehmen?

Ngoc: Alle. Jeder auf der Insel sollte sich engagieren. Die lokalen Politiker*innen müssen über die Plastikverschmutzung sprechen, um zu informieren und sensibilisieren. Außerdem sind die lokalen Entscheidungsträger*innen für das Abfallmanagement und zukünftig auch für die Abfallverbrennungsanlage der Insel zuständig. Aber auch die Tourismusbranche ist gefragt. Das lokale Hotel- und Gastgewerbe muss den Verbrauch der großen Mengen an Plastikartikeln reduzieren, entweder über Substitution oder Verzicht. Denn die Urlaubsgäste, die auf die Insel kommen, und das sind viele, konsumieren wie sie es gewohnt sind. Das bedeutet, immer mehr Müll.

Binh: Fast alle unserer stakeholder sind der Ansicht, dass das Kreis-Volkskomitee mehr Eigeninitiative ergreifen sollte, da es dem Projekt offiziell zugestimmt hat. Und es hat die Verantwortung an die zuständige Behörde für natürliche Ressourcen und Umwelt auf der Insel übertragen. Trotz des anfänglichen Engagements, war bislang die Zusammenarbeit mit unserem Projekt begrenzt. Plastikverschmutzung hat noch nicht die oberste Priorität, auch wenn die politischen Verantwortlichen das Problem erkannt haben. Hier auf der Insel – vielleicht anders als anderswo – liegt das fehlende Engagement der Entscheidungsträger*innen nicht am fehlenden Bewusstsein. Es ist fehlende Macht – zumindest gefühlt fehlende Macht –, die sie zurückhält. Sie erklären, dass die Entscheidungsbefugnis auf Provinzebene liegt und nicht im Bezirk Phu Quoc. Dabei gibt es andere Beispiele vom Festland. In der zentralvietnamesischen Küstenstadt Hoi An sind nämlich lokale Behörden selbst aktiv geworden. ‚Hoi An sagt nein zu Plastiktüten‘ ist der Slogan ihrer Kampagne. Aber klar, das braucht viel Zeit und Engagement. Ich hoffe, dass das Kreis-Volkskomitee von Phu Quoc bald mehr Initiative ergreift und dem Rest Vietnams zeigen wird, dass sie Phu Quoc vom Müll befreien können.

Was bedeutet es für die Insel, wenn die Plastikverschmutzung in den nächsten Jahren nicht drastisch reduziert wird?

Ngoc: Es ist bereits und wird sicher noch mehr ein Problem für die Tourismusbranche. Die Insel ist wunderschön, aber wenn die Urlaubsgäste von der verschmutzten Insel hören, werden sie sicher nicht mehr kommen. Also braucht es hier vor allem von den Anwohner*innen mehr Bewusstsein, um die Schönheit der Natur auf der Insel zu schützen und zu bewahren.

Binh: Es kommt auf die Perspektive der Reisenden an. Die Verschmutzung wirkt sich auf die Tourismusindustrie aus, wird aber von einigen stakeholdern und Urlaubsgästen noch nicht als ein drängendes Problem wahrgenommen.

Was seht ihr für Lösungsansätze?

Binh: Das wäre gut zu wissen. Ngoc macht tolle Arbeit. Es ist großartig, dass sie die wöchentlichen Abfallsammelaktionen veranstaltet. Nur das Ergebnis bleibt abzuwarten. Die Frage ist, wie viel das Saubermachen tatsächlich zur Bewusstseinsbildung beiträgt. Denn Phu Quoc Clean and Green ist schon eine ganze Weile aktiv, aber leider wird es schnell wieder schmutzig, weil viele Einheimische ihr Verhalten nicht ändern. Deswegen setzt das WWF-Projekt eher auf top-down, also bei den Entscheidungstragenden, und weniger auf bottom-up, sprich bei der Bevölkerung, an. Aber unser Ansatzpunkt ist natürlich auch mit Herausforderungen verbunden. Die Voraussetzungen, Maßnahmen umzusetzen, sind zwar aktuell nicht schlecht, aber dafür müssen wir den Anspruch und die politische Ebene des Projekts anpassen. Tatsächlich haben wir erkannt, dass wir stärker die Provinzebene adressieren müssen. Aber klar, das ist ein zusätzlicher Ansatz.

Ngoc: Plastikverpackungen sind ein großes Problem. Hier sollte sich etwas ändern. Aber es wird einige Zeit dauern, bis Produzent*innen für ihren Abfall, den sie produzieren, in Verantwortung genommen werden und sich an den Entsorgungskosten beteiligen müssen. Produktionsmuster ändern sich nicht von heute auf morgen. Die Entwicklung nachhaltiger Verpackungen ist mit viel Geld verbunden und wird sich hinziehen. Ich denke daher, dass unsere Abfallsammelaktionen einen guten Startpunkt darstellen, jetzt aktiv zu werden. Abgesehen davon, bin ich froh, dass sich immer mehr Einwohner*innen um die Umwelt ihrer Insel sorgen. Zum Beispiel gibt es unser Bambus-Strohhalm Projekt. Die Idee ist, nachhaltige und umweltfreundliche Strohhalme als Alternative zu Plastik-Strohhalmen herzustellen. Inzwischen sind Bambus-Strohhalme im Trend und immer mehr Menschen nutzen sie. Am Anfang war es jedoch nicht einfach, die Leute von Bambus-Strohhalmen zu überzeugen und auch die Entwicklung eines Bambus-Strohhalms, der die Nutzungsanforderungen erfüllt, hat Zeit gebraucht. Aber jetzt haben wir ein super Produkt entwickelt und immer mehr Unternehmen sind daran interessiert.

Welche Rolle spielt Umweltschutz in der vietnamesischen Gesellschaft?

Ngoc: Die Umwelt ist uns wichtig. Aber vielen Vietnames*innen fehlt dazu noch Wissen und Bewusstsein. Viele sind mit dem täglichen ‚Überleben‘ beschäftigt. Es fällt ihnen also schwer, die Umweltprobleme zu erkennen und sich damit auseinanderzusetzen. Aber wenn sie diese besser verstehen würden, würden sie auch anders handeln.

In meinem Umfeld versuche ich aktiv, das Interesse für Umwelt zu wecken. Ich spreche zum Beispiel mit meinen Nachbar*innen. Sie interessieren sich für meine Arbeit. Ich erkläre ihnen unter anderem, warum es wichtig ist, Müll zu trennen und auf die Deponie zu bringen. Allerdings siegt dann doch manchmal die Bequemlichkeit über den Umweltschutz, wenn der Müll gelegentlich einfach auf der Brachfläche nebenan entsorgt wird. Das braucht noch etwas Zeit. Dafür habe ich sie sehr für die Bambus-Strohhalme begeistern können. Sie helfen mir zum Beispiel beim Verpacken. Sie haben daran echt Interesse. Und, sie haben auch schon welche gekauft. Das ist natürlich prima. Oder manchmal schenke ich Ihnen welche zum Dank für ihre Hilfe.

Binh: Die Gruppe an ‚organisierten‘ Umweltschützer*innen ist eher klein. Aber es gibt viele Vietnames*innen, die sich um die Umwelt sorgen, sich aber nicht als Umweltschützer*innen beschreiben würden. Sie engagieren sich und teilen Umweltschutzaktivitäten in sozialen Netzwerken, sind aber nicht Mitglied einer NGO oder anderen formalisierten Initiativen. Es ist schön zu sehen, dass diese Gruppe wächst. Trotzdem sind sie aktuell in der Minderheit und auf die größeren Städte begrenzt.

Für Mitglieder von NGOs ist es ein Kampf an allen Fronten: begrenzte finanzielle und personelle Ressourcen, die Abhängigkeit von Förderern aus dem Ausland und reichen Philanthrop*innen, die vor allem kurzfristige Wohltätigkeitsprogramme statt langfristige Umweltprogramme fördern, und natürlich die fehlende gesellschaftliche und politische Aufmerksamkeit. Tatsächlich lässt sich viel über die Bedürfnispyramide erklären. Umweltthemen spielen einfach keine so wichtige Rolle. Meine persönliche Erfahrung ist: Geld verdienen ist noch immer das, worum sich die Leute vor allem kümmern. Aber, wie bereits gesagt, wächst auch die Gruppe der Umweltinteressierten.

Beim Thema Plastikverschmutzung sind es vor allem Leute in Küstennähe, die über Aufräum- und Bewusstseinsbildungskampagnen das Problem zunehmend wahrnehmen. Grundsätzlich geht es allerdings ums Littering und weniger um Plastikmüll. In Städten, die nicht an der Küste liegen, ist es ziemlich schwierig, für das Plastikthema zu sensibilisieren. Das Meer ist fern. Zudem gibt es dort meist eine passabel funktionierende Abfallsammlung. Also herrscht eine „aus den Augen, aus dem Sinn“-Mentalität. Das gilt auch für meine Freunde. Komfort und Bequemlichkeit zählt. Sie wissen eigentlich, dass sie weniger Plastik verwenden sollten, aber es fällt ihnen schwer, die Routinen daran anzupassen. Ihre Logik ist: wenn ich es in den Mülleimer werfe, wird es abgeholt. Sie sehen eben nicht die Konsequenzen ihres täglichen Konsums – das größere Bild.

Was sagt Dein Umfeld zu Deinem Job, Binh?

Binh: Mein Onkel meint, ich soll aufhören, als Umweltschützer zu arbeiten. Einige meiner Freunde sagen das auch. Es ist nicht so, dass sie gegen meine Arbeit sind, sondern eher, dass sie denken, dass Vietnam dafür noch nicht bereit ist. Ich glaube, sie haben in gewisser Weise Recht. Aber wenn man wartet, wartet man für immer. Man muss einfach irgendwann anfangen.

[1] Im Jahr 2017 nach Tourism Statistic Kien Giang Province 2017
[2] „Littering“ heißt Vermüllung und meint das achtlose Wegwerfen oder Liegenlassen von Abfällen, z.B. Zigaretten, Kaugummis, Verpackungen, im öffentlichen Raum.
[3] Das Volkskomitee (People’s Commitee) setzt die Vorgaben der Regierung um. Volkskomitees gibt es auf Provinz-, Kreis-, und Gemeindeebene.

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1 | 2018, Indonesien, Rezensionen,
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Kenntnisreiche Einführung in die indonesische Gegenwartskunst

Indonesien: Auf der Insel Flores sorgt Susilowati mit vielen Gleichgesinnten dafür, dass Müll gesammelt, sortiert und recycelt wird. Kinder sind in die Programme der Trash Heros besonders einbezogen, um Müllvermeidung im Alltag zu verbreiten. Ein Interview mit der „Müllkönigin“ von Maumere.

 

Queen of Waste, Müllkönigin, so wird Susilowati von vielen Bewohner*innen in Maumere, einer Kleinstadt auf der Insel Flores, genannt. Vor fünf Jahren hat ‚Ibu Susi‘ (Mutter Susi) hier eine waste bank gegründet. Die Gründung von waste banks beschreibt die neue Strategie des indonesischen Umweltministeriums, kleine Sammelstellen für Abfälle zu schaffen, in denen Wertstoffe gelagert, verarbeitet und weiterverkauft werden können (vgl. auch Artikel von Keller-Bischoff/Nimah in dieser Ausgabe). In einigen Fällen werden dort auch biologisch abbaubare Produkte kompostiert.

Ibu Susi begann, Menschen mit Behinderungen über die Wiederverwendung, Reduzierung und das Recycling von Abfällen zu unterrichten und organisierte mit einigen von ihnen Trainingsveranstaltungen für Gemeindegruppen, Regierungsbeamt*innen, Lehrkräfte und Schüler*innen. Um einen Teil der Kosten für ihre Aktivitäten zu decken, gründete sie das Gästehaus Pantai Paris. Inzwischen begleiten sie ihre meist ausländischen Gäste bei ihren Aktivitäten mit Schulen und lokalen Gemeinschaften.

Zudem leitet Ibu Susi die Trash Hero Kampagne in der indonesischen Stadt Maumere. Die in der Schweiz gegründete Trash Hero-Initiative ist eine globale Freiwilligenbewegung von gemeindebasierten Organisationen, die Programme gegen Umweltverschmutzung durchführen. Der gemeinsame Kern der Initiative ist es, Menschen zusammenzubringen, um aufzuräumen und Abfall zu reduzieren. Dabei geht es um direkte Aktionen, wie das gemeinsame Müllsammeln, um Bildungsarbeit und die Etablierung von nachhaltigen Projekten. Dabei soll die Philosophie der Abfallvermeidung im eigenen Alltag etabliert werden. Die Initiative erstreckt sich derzeit auf zwölf Länder.

Liebe Ibu Susi, vielen Dank, dass du dir die Zeit für das Interview genommen hast. Wie würdest du die Plastik-Situation in Maumere beschreiben?

Die Situation bezüglich Plastik in Maumere? Plastik ist überall, man wirft es weg, auf die Straße, in den Fluss, in den Kanal, ins Meer, an den Strand und sogar in den eigenen Garten. Daher ist Plastik einfach überall.

Warum gibt es überhaupt so viel Müll? Was macht die lokale Bevölkerung mit Plastik? Und wie ist die Rechtslage?

In jedem Geschäft und auf dem Markt erhält man beim Einkaufen von den Verkäufer*innen kostenlose Plastiktüten. Und die Regierung hat keinen Plan, kein System für eine ordnungsgemäße Abfallentsorgung. Wie du sehen kannst, läuft die Abfallentsorgung hier noch nicht so gut. Viele Leute werfen ihren Müll einfach irgendwo hin. Zum Beispiel haben sie zu Hause keinen Mülleimer, weswegen der Müll auf dem Boden landet. Der Müll auf dem eigenen Boden wird meist von Müttern oder Ehefrauen morgens oder abends eingesammelt, aber der Müll auf der Straße? Der bleibt einfach liegen. Der Müll auf den Hauptstraßen der Städte wird wenigstens von städtischem Reinigungspersonal eingesammelt. Aber in anderen Straßen wird der Müll einfach liegen gelassen. Was die Rechtslage betrifft, so besagen die Vorschriften und Gesetze, dass die Menschen nicht einfach Plastikmüll irgendwo hinwerfen dürfen. Der Müll soll in Mülleimern oder Containern entsorgt werden, aber viele Leute halten sich einfach nicht daran und die Strafverfolgung in diesem Bereich ist extrem begrenzt.

Wie bist du persönlich zu einer radikalen Gegnerin von Plastik geworden?

Ich denke, dass eine radikale Gegnerin von Plastik das falsche Wort ist. Das richtige Wort wäre eher eine Person, die sich über Plastikverbrauch bewusst ist, oder einfach eine Aktivistin. Inzwischen engagiere ich mich seit mehr als sechs Jahren gegen Plastik. Ich bin eine Aktivistin gegen Plastik geworden, weil ich traurig bin, dass in meiner Gegend und in meinem Land so viel Plastikmüll herumliegt. Unsere Lebensmittel, unser Wasser, unser Boden und unsere Luft sind bereits mit Plastik belastet und das ist nicht gut für unsere Gesundheit und unseren Planeten, auch nicht für das Meer und die Meereslebewesen.

Während eines Aufenthaltes bei dir habe ich bemerkt, wie lebendig du auch deine Umgebung mit einbeziehst: Die Nachbarin backt Donuts, ein anderer Nachbar fährt das Team in die anderen Dörfer und dein Mann kümmert sich um die Müllabfuhr. Wie viel Leute sind bei den Trash Heros im Organisationsteam? Und wie viel Unterstützung erhaltet ihr bei euren Aktionen?

Meine Arbeit geht über die Trash Hero Initiative hinaus. Dort aber besteht unser Kernteam der Trash Hero Ortsgruppe Maumere aus vier Personen. Eine Person koordiniert die Strand-Clean-Ups, eine weitere organisiert und leitet die Clean-Ups im Meer, die mit Tauchgängen kombiniert werden, eine dritte Person leitet Clean-Ups im Meer mit Schnorchelequipment und eine vierte Person kümmert sich um die Aus- und Weiterbildung.

Die von uns organisierten Freiwilligenaktionen sind jedes Mal anders. Wir haben drei Plätze, die wir reinigen: Einen in der Stadt Maumere jeden Samstag, einen jeden Freitag in meiner Gegend, östlich von Maumere und einen jeden Sonntag am Wodong Strand. Beim letzteren nehmen durchschnittlich rund 20 bis 40 Kinder und fünf bis zehn Erwachsene teil. Bei den sonstigen Freiwilligenaktionen nehmen in der Regel etwa um die 30 Personen teil. Die bisher größte Gruppe bestand aus 5.000 Personen, die im Rahmen des World Cleanup Days am 15. September 2018 teilgenommen haben.

Unser Handeln wird auch von den Menschen vor Ort unterstützt. Manchmal unterstützen uns die Leute mit Müllsäcken, manchmal erhalten wir Obst oder selbst gebackenen Kuchen. Andere spenden Handschuhe, um Müll zu sammeln oder Bücher, Bleistifte, Radiergummis oder Farbstifte für die Bildungsarbeit und für die Kinder.

Wenn ihr Plastikmüll sammelt, was macht ihr dann damit?

Der gesammelte Müll wird direkt vor Ort sortiert, zum Beispiel trennen wir Kleidung und recycelbares Plastik. Dann wiegen wir die verschiedenen Abfallarten ab und erfassen die gesammelten Kilogramm. Wir bringen den größten Teil des vom Strand oder in der Stadt gesammelten Mülls zu unserem Büro und zu unserem Gästehaus Pantai Paris, östlich von Maumere. Wir bereiten den getrennten Müll vor Ort auf, da der gesammelte Müll in der Regel sehr schmutzig ist. Nur sauberes, recycelbares Plastik darf wiederverkauft werden. Dann transportieren wir es mit einem offenen Auto oder mit einem Bemo (einem lokalen Kleinbus) zu den entsprechenden Orten zur Weiterverwertung. Den Rest bringen wir zu einer öffentlichen Mülldeponie.

Auf der Insel Bali gibt es inzwischen von Regierungsseite ein ‚Plastikverbot‘. Wünschst du dir das auch für eure Insel Flores?

Natürlich unterstützen wir das Plastikverbot, und ich hoffe sehr, dass es bald einen ähnlichen Vorstoß der Regierung in unserer Region und in ganz Indonesien geben wird. Auf Bali soll es keine Plastiktüten mehr in den Supermärkten geben, aber auf anderen Märkten gibt es immer noch Plastiktüten gratis. Deshalb hoffe ich sehr, dass Plastiktüten auch in unserer Region bald verboten werden. Und damit meine ich Supermärkte, Geschäfte und auch traditionelle Märkte.

Werdet ihr von der Stadt unterstützt? Oder gibt es staatliche Beihilfen?

Während unseres langjährigen Engagements gegen Plastik schenkte uns die Regierung 3.000 Müllsäcke und 3.000 Handschuhe und ein dreirädriges Motorrad für den Transport des Mülls. Darüber hinaus wurden wir einmal mit 80 Millionen indonesischen Rupien (ca. 5.000 €) für Umweltbildungsarbeit unterstützt, so dass wir an 20 Schulen Umweltschulungen durchführen konnten. Wir kauften auch einen Laptop und einen Projektor für die Lehr- und Bildungsarbeit und bauten drei einfache Häuser für das waste bank-Konzept. Bei uns dauert es etwa drei Monate bis wir den bei der waste bank angenommenen Müll zum Wiederverkauf vorbereitet haben. Mit den Einnahmen haben wir dann wiederum Schulungen für Personen organisiert, die die waste banks verwalten.

Hast du im Laufe deines Aktivistinnenlebens Veränderungen festgestellt? Oder was wünschst du dir, was sollte sich noch ändern?

Ich habe einige Entwicklungen in den vergangenen Jahren festgestellt. Zum Beispiel feiern wir den Unabhängigkeitstag immer mit einer großen Parade am 17. August. Bisher haben die Kinder ihre Plastikflaschen und -gläser einfach in die Umgebung geworfen, aber jetzt bringen sie kleine Säcke und Kisten mit, um den Müll zu sammeln. Früher hat niemand die Plastikflaschen und -gläser nach der Parade vom Boden aufgehoben. Jetzt aber warten die Leute darauf diese Dinge sammeln zu können, weil sie sie als Rohstoffe weiterverkaufen können.

Aber die Menschen müssen ihr Verhalten grundlegend ändern und nicht einfach Plastik überall in die Gegend werfen, sondern sich um ihre und unsere Gesundheit kümmern und den Planeten schützen. Das System sollte sich von einem System der Entsorgung, Sammlung, Verbrennung und des Deponierens zu einem neuen System entwickeln, das Plastik vermeidet und recycelt. Im Lehrplan der Schule sollten die Kinder über die Abfallwirtschaft unterrichtet werden. Und Plastik herstellende Unternehmen sollten dafür verantwortlich gemacht werden, Plastikabfälle zu entsorgen.

Trash Hero wurde in der Schweiz gegründet. Bekommst du von dort viel Unterstützung?

Vor drei Jahren bin ich der Trash Hero Initiative beigetreten, führe wöchentliche Strand-Clean-Ups durch und nenne mich seitdem Trash Hero. Zweimal im Jahr haben wir ein großes Treffen der Trash Hero Familie. Wir alle unterstützen uns und arbeiten sehr transparent miteinander. Als Trash Heros säubern wir die Umwelt und fördern Bildungsarbeit, um den nächsten Generationen den Umgang mit Plastik beizubringen. Dazu müssen wir ein Vorbild sein, nicht nur für uns selbst, sondern auch für unser Umfeld und unsere Familien. Die Trash Hero Initiative unterstützt uns unter anderem mit einem Trash Hero Kids‘ Programm und stellt wieder verwendbare Metallflaschen sowie Einkaufstaschen zur Verfügung. Somit versuchen wir den Einmalgebrauch von Plastik zu vermeiden, wie zum Beispiel bei Plastikstrohhalmen, die in Indonesien massenweise benutzt werden. Die Initiative lehrt uns, wie wir leben können, um Abfall zu vermeiden und so naturnah wie möglich zu leben.

Ich wurde während meines Aufenthalts bei eurem Homestay Pantai Paris mit offenen Armen empfangen und du hast mich sofort in die Aktivitäten von Trash Hero einbezogen. Was ist deine Sichtweise auf den Tourismus, der ja auch seine Schattenseiten hat?

Normalerweise sind die Tourist*innen die hier her kommen, aus Europa. Sie kommen aus Ländern, die bereits eine fortschrittlichere Abfallentsorgung durch Mülltrennung und mit dem Abfallmanagementsystem etabliert haben. Deswegen sehen sie hier jedes bisschen Abfall, weil sie es nicht gewohnt sind und fragen, wie so etwas passieren kann. Und weil wir Clean-Up Programme durchführen, laden wir dann auch die Tourist*innen mit ein und freuen uns, wenn sie bei den Clean-Ups mithelfen.

Und während der Aufräumarbeiten vor Ort habt ihr hauptsächlich Kinder mobilisiert? Warum legt ihr einen besonderen Fokus auf Kinder?

Wir glauben, dass unsere Generation, aber vor allem unsere Kinder, sich des Mülls bewusst sein müssen. Deshalb beziehe ich mehr Kinder als Erwachsene in unser Handeln ein. Wir bereiten eine neue Generation vor, die sich um die Umwelt und diesen Planeten kümmert, und wir helfen dabei, wie dies im Detail funktionieren kann. Zum Beispiel durch die Clean-Ups und die Bildungsarbeit. Denn die Ziele von Trash Hero lauten: Wir räumen auf, Wir bilden weiter, Wir verändern.

Glaubst du, dass in der Schule der Vermeidung von Plastik zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt wird? Was würdest du diesbezüglich im Bildungssystem ändern?

Im Moment wird in der Schule auf jeden Fall zu wenig Fokus auf Plastikvermeidung gelegt. Ein Programm wie Trash Hero kann wirklich eine Ergänzung in der Bildungsarbeit sein oder diese auch verändern. Initiativen wie Green Indonesia und Bildungsarbeit, die mit der Rettung des Planeten zusammenhängt, sollten in den Lehrplan aufgenommen werden. So lernen die Kinder schon von klein auf in der Schule wie sie mit der Umwelt umgehen sollten.

Oft kombiniert ihr die Clean-Ups mit den Kindern mit einem einfachen Englischunterricht. Siehst du dich selbst als Lehrerin?

Ich sehe mich nicht als Lehrerin, weil ich keine Lehrerin bin. Aber ich denke, dass Englisch sprechen sehr wichtig ist und deshalb bieten wir Englischunterricht an. Dies führt auch zu einem sprachlichen Austausch zwischen den Kindern und den Freiwilligen, die an den Clean-Ups teilnehmen. Die Kinder lernen Englisch und die Freiwilligen Indonesisch.

Wenn du dir etwas wünschen könntest, wo würdest du gerne alle an euren Aktionen beteiligten Kinder in 20 Jahren sehen?

In 20 Jahren möchte ich keine Kinder mehr bei unseren Clean-Ups am Strand oder auf der Straße sehen, weil ich möchte, dass die Menschen den Müll nicht mehr einfach so wegwerfen. Und ich hoffe sehr, dass die Kinder, die bei unseren Aktionen helfen, dann mit verschiedenen anderen Aktionen vorankommen.

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1 | 2018, Indonesien, Rezensionen,
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Kenntnisreiche Einführung in die indonesische Gegenwartskunst

Malaysia: Heng Kiah Chun hat für Greenpeace Malaysia die Untersuchungen zu den Auswirkungen der groß angelegten Plastikmüllimporte aus dem Globalen Norden geleitet. Im Interview spricht er über die Folgen für Mensch und Umwelt und den Widerstand von betroffenen Communities. Das Interview wurde in Kuala Lumpur geführt, nach einer Exkursion zu illegalen Plastikdeponien im Hafengebiet von Klang, wo der Autor unter den Müllbergen auch Plastikverpackungen aus deutschen Supermärkten fand.

Laut dem Greenpeace Bericht „The Recycling Myth“ hat sich der globale Handel mit Kunststoffabfällen aus den Ländern des globalen Nordens nach Südostasien verlagert, seit China im letzten Jahr den Import von Plastikmüll verboten hat. Im Jahr 2018 hat Deutschland 100 000 Tonnen Kunststoffabfälle nach Malaysia verschifft. Was passiert mit dem Plastikmüll, nachdem er die malaysischen Häfen erreicht hat?

Während unserer Untersuchungen erhielten wir immer wieder Beschwerden von Anwohner*innen und lokalen Communities. Sie fanden eine Menge Plastikmüll aus anderen Ländern im Umfeld der Dörfer und Siedlungen, in denen sie wohnen. Am Anfang dachten wir, es sei nur eine kleine Müllhalde mit malaysischem Müll. Nachdem wir das überprüft hatten, waren wir schockiert. All dieser Plastikmüll stammte aus entwickelten Ländern und kam über die Häfen nach Malaysia. Nicht nur zehn Kilo oder 100 Kilo – Millionen Tonnen Plastikmüll, die nach Malaysia verschifft werden. Wir haben festgestellt, dass der größte Teil davon aus den USA, Großbritannien, Deutschland, Japan und anderen Industrieländern stammt. Nach Angaben der Behörden importieren Unternehmen all diese Kunststoffabfälle, weil sie angeblich recycelbar sind. Aber in unseren Untersuchungen haben wir festgestellt, dass nicht alle Kunststoffabfälle recycelt werden können. So werden beispielsweise Einwegplastik und der kommunale Abfall einfach unter freiem Himmel verbrannt oder in verlassenen Gebäuden und Palmölplantagen entsorgt. Deshalb beklagen sich die Menschen in Jenjarom und Klang darüber, dass vor einigen Monaten jede Nacht Plastikmüll verbrannt wurde.

Welche Auswirkung hat das Ganze auf Menschen und Umwelt in diesen Regionen?

Die Menschen beklagen sich darüber, dass sie öfter krank werden. Menschen, die Asthma haben, berichteten, dass ihr Asthma sich verschlechtert hat.Das größte Problem für die Menschen ist die Luftverschmutzung. Der Plastikmüll wurde schon seit Anfang letzten Jahres heimlich in diesen Gebieten abgeladen, aber nicht viele Leute nahmen das als großes Problem wahr. Das Problem wurde schlimmer, als unverantwortliche Leute begonnen haben, den Müll einfach anzuzünden. Das Verbrennen des Plastiks verursacht Luft-, Wasser- und Bodenverschmutzung. Die Luftverschmutzung macht viele Menschen krank. Sie bekommen Atembeschwerden. Deshalb protestierten sie und forderten die Regierung auf, nicht zuzulassen, dass all diese Plastikabfälle ins Land gelangen.

Welche Schritte haben die betroffenen Anwohner*innen gegen diese Verschmutzung ihres Lebensraums unternommen und welche Strategien des Widerstands haben sie entwickelt?

Als die betroffenen Communities mit ihrer Kampagne begannen, gingen sie in der Regel zu den illegalen Deponien, um Fotos und Videos zu machen. Danach beschwerten sie sich bei den lokalen Behörden. Aber oft stehen sie vor der Herausforderung, dass die Regierung nur langsam reagiert und die verantwortlichen Beamten sagen, dass die Fotos und Videos nicht authentisch sind oder vor langer Zeit aufgenommen wurden. Wenn wir sie unterstützen, bieten wir Schulungen und regelmäßige Treffen an und statten sie mit der App Timestamp aus, damit die Kamera die GPS-Position, Datum und Uhrzeit in die Bilder und Videos integriert. Dieses Instrument ist sehr wirkungsvoll und die Bilder und Videos wurden zu einem starken Beweis, mit dem wir die Regierung davon überzeugen konnten, sofort Maßnahmen zu ergreifen. Durch den Prozess entwickelt sich ein starkes Gemeinschaftsgefühl in den Communities und sie führen die Beschwerden gemeinsam. Deshalb hat die Regierung auch einige positive Maßnahmen ergriffen. Ende März führte die malaysische Regierung Razzien in mehr als 100 illegalen Plastik-Recycling-Fabriken durch. Das ist ein positives Ergebnis. Aber wir wollen auch darauf aufmerksam machen, dass es sich hier um ein globales Problem handelt. Das ‚Hochnehmen’ der illegalen Fabriken ist ein guter Schritt, aber es ist auch wichtig, die Probleme von der Ursache, von der Wurzel her anzugehen. Denn wenn die Regierung die illegalen Recycling-Fabriken schließt, verlagern die Unternehmen ihre Aktivitäten in andere Gebiete. Nicht nur Selangor, nicht nur Jenjarom und Klang. Sie ziehen weiter in andere Regionen.

Welche Art von Unternehmen betreiben das Recycling-Business?

Wir stehen auch in Kontakt mit der legalen Plastik-Recycling-Industrie. Diese Leute sagen, sie arbeiten mit Plastik, das recycelt werden kann, beispielsweise sauberem Plastik aus Industrieabfällen. Aber es gibt eben auch Plastik, das nicht recycelt werden kann, zum Beispiel Einweg-Kunststoffe und der Müll aus privaten Haushalten. Dieser Plastikmüll ist dreckig und die Recycling-Industrie sagt, dass sie damit kein Geld verdienen kann. Sie können nur Geld verdienen, wenn sie den sauberen Industrieabfall verarbeiten. Um Plastik zu recyceln, muss es gewaschen und geschmolzen werden, und wenn dieser Prozess – auch in den legalen Fabriken – nicht richtig durchgeführt wird, verursacht er Umweltverschmutzungen.

Nachdem China die Einfuhr von Kunststoffabfällen verboten hat, sind einige der festland-chinesischen Recycling-Firmen nach Malaysia umgezogen und haben hier ihre Geschäfte aufgebaut. Gleichzeitig haben sie auch ihre eigenen Praktiken mitgebracht. Das heißt sie verarbeiten nur einen Teil des Plastiks während der Anteil, der nicht recycelt werden kann, einfach verbrannt wird. Das ist alles andere als nachhaltig.

Warum denkst du das festland-chinesische Recycling-Unternehmer gerade Malaysia ausgewählt haben, um umzusiedeln? Warum steht Malaysia derart im Fokus des Handels mit Plastikmüll?

China war lange die Müllhalde der Welt. China hat früher den ganzen Plastikmüll aufgenommen. Aber nachdem die chinesische Regierung das Verbot angekündigt hat, verlagern chinesische Unternehmen ihr Geschäft nach Südostasien. Es gibt einige Faktoren, warum ihnen Südostasien günstig erscheint: Erstens sind die Umweltauflagen im Vergleich zu Ländern mit hohem Einkommen nicht so streng. Zweitens gibt es auch kulturelle Gründe: Ich bin zum Beispiel malaysischer Chinese. Von der Sprache und dem kulturellen Hintergrund her können die festland-chinesischen Recycling-Unternehmer leicht mit den lokalen malaysisch-chinesischen Communities und Geschäftsleuten sprechen. Auch darin sehen sie einen Vorteil, wenn es darum geht, ihr Unternehmen nach Malaysia zu verlagern.

Warum ist es so profitabel, diese Recyclingunternehmen zu betreiben, wenn der gekaufte Plastikmüll einfach in der Umwelt abgeladen und verbrannt wird?

Aus dem recycelten Plastik werden Pellets hergestellt und für einen besseren Preis weiterverkauft. Aber nicht der ganze Plastikmüll kann recycelt werden. Wenn der ganze Müll recycelt werden könnte, würde niemand ihn einfach verbrennen. Das heißt, einige illegale Unternehmer kaufen gemischten Plastikmüll. 30 bis 40 Prozent sind recycelbar, der Rest wird einfach irgendwo abgeladen und verbrannt. Die illegalen Unternehmer machen dabei trotzdem Gewinne, weil sie keinen Umweltstandards folgen.

Wohin werden die Pellets und das recycelte Material verkauft und welche Produkte können daraus hergestellt werden?

Soweit ich weiß, wird das recycelte Material wieder nach China verschifft und zu neuen Plastikprodukten weiterverarbeitet.

Wer arbeitet eigentlich in den Recycling-Fabriken und wie sind dort die Arbeitsbedingungen.

So wie ich das verstanden habe, gibt es Kriterien der Regierung die einen Mindestlohn garantieren und die Ausbeutung von Arbeiter*innen verhindern sollen. Aber es gibt viele Fälle, in denen die Regierung illegale Fabriken hochgenommen hat und dort viele illegale Arbeitsmigrant*innen vorfand. Dort waren die Arbeitsbedingungen sehr schlecht. Aber Greenpeace befasst sich in erster Linie mit den Auswirkungen auf die Umwelt. Arbeitsbedingungen sind ein Problem, auf das wir bis jetzt noch keinen Fokus legen konnten.

Spielt heimischer/malaysischer Plastikmüll auch eine Rolle im illegalen Recycling-Business und dem Verbrennen von Müll?

Die größten Probleme verursacht der importierte Müll. Denn als China vor einigen Jahren noch die meisten Plastikabfälle aus dem Norden angenommen hat, gab es in Malaysia kein so großes Müllproblem. Also ich meine es gab schon immer Probleme damit, dass Leute ihren Müll irgendwo abladen, aber das ist kein Vergleich zu der Situation, die wir jetzt haben. Unsere Studie zeigt, dass mehr als 19 Länder ihren Müll nach Malaysia verschiffen. Das Ausmaß ist einfach riesig.

Wie hat die malaysische Regierung bisher auf das Problem reagiert? Ich habe gehört, dass darüber diskutiert wird, Plastikmüll-Importe ganz zu verbieten?

Nachdem wir diesen Bericht veröffentlicht hatten, haben wir eine Pressekonferenz einberufen, und zahlreiche Vertreter internationaler Medien kamen nach Malaysia, um daran teilzunehmen. Die malaysische Regierung kündigte in diesem Kontext an, dass sie den Import von Plastikmüll nicht verbieten wird, weil das Recycling-Business Einkommen generiert, und zum Wirtschaftswachstum beitragen kann. Sie kündigten aber an, strengere Regeln einzuführen, was bedeutet, dass sie all diese Einweg- und kommunalen Kunststoffabfälle nicht mehr ins Land lassen und nur noch sauberen, recycelbaren Plastikmüll importieren wollen. Aber in unserer Untersuchung haben wir festgestellt, dass in einigen der nach Malaysia verschifften Container das saubere Plastik mit dem schmutzigen Plastikmüll gemixt worden ist. Das ist immer noch ein Problem. Sogar die Regierung hat das zugegeben. Sie können nicht alle Container überprüfen. Denn wenn der Zoll einen Container öffnet, sieht er vorne den sauberen industriellen Plastikmüll, aber tatsächlich ist der schmutzige Plastikmüll dahinter versteckt.

Wie wichtig ist das Recycling-Business für die malaysische Wirtschaft? Denn, wie du schon erwähnt hast, ist das ja immer ein Argument der Recycling-Unternehmer und auch der Regierung.

Wir möchten betonen, dass wir nicht generell gegen Entwicklung sind, aber wir unterstützen Konzepte für eine nachhaltige Entwicklung und eine Kreislaufwirtschaft. So lange Entwicklung nicht mit Umweltverschmutzung und der Belastung der lokalen Communities einhergeht, haben wir kein Problem damit. Unsere größte Sorge ist die schwache Durchsetzung der Gesetze durch die Behörden, was dazu führt, dass noch mehr Menschen Opfer der Plastikimporte werden. Es sind die Menschen vor Ort, die die Konsequenzen tragen müssen. Die malaysische Regierung sagt, die Plastikmüllimporte generieren Einkommen für unser Land. Aber das ist keine nachhaltige Entwicklung. Denn wir müssen das Problem von der Quelle, von der Wurzel her lösen. Deshalb fordern wir von der Regierung nicht einfach nur, die Einfuhr von ausländischem Plastikmüll zu stoppen. Das würde vielleicht die Probleme in Malaysia lösen. Aber wenn die Regierung die Plastikmüllimporte nach Malaysia einfach verbieten würde, dann würden die exportierenden Länder sich nach Alternativen umsehen. Sie würden ihren Müll dann beispielsweise nach Indonesien, Thailand oder Vietnam verschiffen. Um das Problem von der Wurzel her zu lösen, müssen wir an der Quelle ansetzen, und das sind die großen Konzerne, vor allem die Produzenten schnelllebiger Konsumgüter. Die Konzerne müssen den Verkauf von Einwegplastik klar reduzieren und in bessere Alternativen investieren. Gleichzeitig tragen auch wir als Konsumenten durch unseren zu hohen Verbrauch von Einwegplastik zur derzeitigen Situation bei. Diese Probleme zu lösen ist unsere Hauptaufgabe und es ist wichtig, dass mehr Regierungen und Konzerne daran arbeiten, und zwar so bald wie möglich.

Welche Unternehmen produzieren und verkaufen das meiste Einwegplastik in Malaysia?

Ich würde sagen, nicht nur in Malaysia, sondern global, die bekanntesten Marken. Nestle, Unilever, Kellogg’s – die spielen eine wichtige Rolle. Die haben auch die Ressourcen, um in bessere Alternativen zu investieren. Stell dir vor, eines Tages führen all diese großen Konsumgütermarken bessere Verpackungssysteme ein. Das würde sich auf deren Lieferkette in der ganzen Welt auswirken. Und wenn du das ganze Einwegplastik überprüfst, siehst du, dass es überwiegend von den bekannten globalen Marken stammt und die maximieren ihren Profit in diesem Prozess. Deswegen sollten sie ihre Ressourcen bereitstellen und in bessere Alternativen investieren. Wir glauben, dass sich die gegenwärtige Situation mit technologischen Innovationen verbessern lässt.

Was empfiehlst du der europäischen Zivilgesellschaft, aber auch der Politik? Was können wir in Europa tun, um die Situation zu verbessern?

Das ist global betrachtet ein kaputtes System: Global werden tatsächlich nur neun Prozent des Plastikmülls recycelt, zwölf Prozent werden in Anlagen verbrannt und der Rest, 79 Prozent landen einfach in der Umwelt, zum Beispiel auf Deponien oder im Meer. Nicht jede Form des Plastikmülls kann recycelt werden. Der zweite Punkt ist: Malaysia und andere Länder sollten nicht als globale Müllhalde benutzt werden und alle Länder sollten mit ihrem eigenen Müll haushalten. Malaysia ist ein kleines Land. Malaysia hat sein eigenes, heimisches Müllproblem. Deswegen hat Malaysia keine Kapazitäten mit all dem Plastikmüll aus dem Ausland fertig zu werden. Das ist ein globales Problem, nicht nur ein malaysisches, indonesisches, amerikanisches oder deutsches Problem. Es ist ein globales Problem und wir können das nur gemeinsam lösen.

Aus einer globalen Perspektive würde ich sagen: Es ist gut zu recyceln. Aber für uns ist Recycling alleine keine Lösung. Recycling sollte die letzte Option sein. Wir müssen die ‚drei R‘ umsetzen: Reduce, Reuse, Recycle. Wenn wir ein Produkt herstellen, sollten wir zuerst über die Reduktion der Plastikanteile nachdenken. Wenn wir nicht reduzieren können, sollten wir es wiederbenutzen. Wenn Reduzieren und Mehrfachnutzung nicht möglich sind, dann sollte Recycling die letzte Option sein. Manche Leute denken sie können mehr und mehr Einwegplastik benutzen, weil es schon irgendjemand recyceln wird. Aber in Wirklichkeit – das ist jetzt der Skandal – recycelt es niemand. Um dieses Problem zu lösen, rufen wir Regierungen und Konzerne auf, klare Richtlinien zur Reduzierung von Einwegplastik zu verabschieden.

Gibt es in Malaysia Initiativen der Regierung oder auch von Unternehmen, Einwegplastik zu reduzieren?

Vor kurzem hat das Ministerium für Wissenschaft, Technologie, Umwelt und Klimawandel einen nationalen Aktionsplan für die Reduktion von Einwegplastik vorgestellt. Von diesem Jahr ausgehend bis 2030 gibt es eine Übergangsphase für die Reduktion von Einwegplastik.
Plastik hat viele Vorteile und ist sehr bequem für uns alle. Aber gleichzeitig verursacht es globale Probleme von desaströsem Ausmaß. Wir produzieren zu viel davon und wir schmeißen zu viel davon weg. Deswegen müssen wir unseren Lebensstil verändern und uns aus der Abhängigkeit von Plastik lösen. Und das ist möglich, ohne dass unsere Lebensqualität darunter leidet.

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1 | 2018, Indonesien, Rezensionen,
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Kenntnisreiche Einführung in die indonesische Gegenwartskunst

Südostasien: Die englischsprachige Podcast-Serie ‘Plasticity’ von Sustainable Asia bringt mit hippem Style das Thema Recycling zum Klingen – aus der Perspektive von Unternehmer*innen.

Was braucht es, um Plastik-Recycling in Südostasien zu einem profitablen Geschäft zu machen? Wie können wir Anreize schaffen, damit die Wirtschaft in Asien sich von einer linearen Konsumkette (produce, consume, discard) zu einer zirkulären Wirtschaft (reuse and recycle) entwickelt? Dies sind die Ausgangsfragen der vierteiligen Podcast-Serie von Marcy Trent Long, der Gründerin von Sustainable Asia.

Die vier eingängig gestalteten Folgen behandeln das Thema entlang des Weges der Wiedergeburt von Plastik: vom Hausmüll über die Müllsortierung und das Recycling bis hin zur Produktherstellung aus recyceltem Plastik. Als Ausgangsproblematik für diese Erkundung wird die Meeresverschmutzung beschrieben, die an den Küsten Südostasiens besonders sichtbar wird. Als Erstes kommt die Produzentenseite zu Wort: ein Zusammenschluss großer globaler Konzerne hat sich für ihre Produktionsketten Ziele gesetzt, die Verpackungen zu mindestens 50 Prozent aus recyceltem Plastik herzustellen. In den weiteren Folgen werden sowohl die technischen als auch die marktwirtschaftlichen Aspekte des Plastikrecycling-Puzzles dargestellt.

Die Gesprächspartner*innen der Autorin sind Unternehmer*innen sowie Nachhaltigkeitsberater*innen großer globaler Konzerne. Allein diese Auswahl scheint erkennen zu lassen, wer die Zielgruppe des Podcasts ist: Entrepreneurs und potentielle Investor*innen, die von der Wirtschaftlichkeit dieses viel versprechenden Marktes überzeugt werden sollen. In bester Marketing-Manier werden wichtige Namen, Netzwerke, NGOs und Firmen geschickt platziert und häufig wiederholt. Dies ist sicherlich zweckdienlich im Sinn einer Marketing-Strategie, erhöht aber nicht unbedingt den Hörgenuss für diejenigen, die sich eher inhaltlich für das Thema interessieren.

Auf der Webseite von Sustainable Asia kann man nicht nur den Text der Podcasts nachlesen, sondern auch Fotos der beteiligten Personen sehen. Hier fällt auf, dass die Beteiligten zu einem Großteil weiße Personen sind; eigentlich erstaunlich, da im Podcast immer wieder Formulierungen auftauchen, wie „was wir hier in Asien tun können“. Dies hinterlässt den Eindruck, dass das Projekt Sustainable Asia eine Expat-to-Expat-Plattform zu sein scheint, in die viele Stimmen und Perspektiven Asiens noch nicht einfließen.

Dennoch finde ich diesen und auch die anderen Podcasts von Sustainable Asia hörenswert. Sie sind gut recherchiert, inhaltlich schlüssig, informativ sowie kurz und bündig. Dazu haben sie eine bestechend gute Audioqualität und eine geschmackvolle musikalische Rahmung: Für ‘Plasticity’ hat der Musiker Alexander Mauboussin Musik auf Recycling-Instrumenten komponiert, die aus Müll hergestellt sind.

Doch nicht nur das Nachhören, sondern auch das Nachmachen möchte ich empfehlen. Podcasts zu zivilgesellschaftlichen Themen sollten zahlreicher werden als Plastikflaschen im Meer!

 

Rezension zu: Marcy Trent Long/Sustainable Asia: Plasticity, Podcast-Serie in 4 Episoden à ca. 10 Min.

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1 | 2018, Indonesien, Rezensionen,
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Kenntnisreiche Einführung in die indonesische Gegenwartskunst

Südostasien/Europa: Greenpeace Philippines und Greenpeace International sind Teil der ‚Break Free From Plastic’ Bewegung. Gemeinsam wurde in den Philippinen im März 2019 das Projekt ‚Ship The Plastic Monster Back’ durchgeführt. Das Ziel ist, auf die weltweite Umweltverschmutzung durch Plastik aufmerksam zu machen. Der europäische Teil der Kampagne richtete sich mit der Aktion ‚Ship it back’ an die Unternehmen, die einen Großteil des Plastikmülls produzieren – wie Unilever oder Nestlé. Im Interview berichtet Manfred Santen, Chemieexperte bei Greenpeace Deutschland und Koordinator der Kampagne in Deutschland, von ‚Plastikmonstern’ und deren Auswirkungen.

Unsere Ozeane und viele Orte an Land scheinen in Plastik zu ersticken. Seit den 1950er Jahren begann die Massenproduktion des vermeintlich ‚praktischen’, aber kaum abbaubaren Materials. Wie viel Prozent des global produzierten Plastiks werden recycelt?

Global gesehen werden weniger als 10% des Plastikmülls recycelt, rund 12% werden verbrannt und deutlich über 70% landen auf wilden oder schlecht kontrollierten Deponien. In Deutschland wird ein Großteil des Plastikmülls in Verbrennungsanlagen verbrannt – eine relativ bequeme Art, das Zeug loszuwerden. Trotzdem wird Plastikmüll nach Südostasien, beispielsweise nach Malaysia, Indonesien oder Thailand exportiert. Die deutsche Recycling-Quote liegt bei etwa 25%. 50 – 60% des Plastikmülls werden verbrannt, entweder in Müllverbrennungsanlagen oder als Brennstoff für die Zementindustrie. Der restliche Plastikmüll verschwindet im Export oder auf heimischen Deponien.

Zunehmend werden gesetzliche Rahmenbedingungen zur Eindämmung des so genannten Single Use Plastic oder Einwegkunststoffprodukten – Wattestäbchen, Einweggeschirr, Strohhalme, Plastiktüten – geschaffen. Ist die politische Konzentration auf Single Use Plastic ausreichend?

Global gesehen nein. Aber auch wir (Greenpeace) konzentrieren uns in unserer ‚Ship it back’-Kampagne auf die Vermeidung von Single Use Plastic. Wir beziehen uns in der Kampagne konkret auf Single Use Plastic von Nestlé, Protector & Gamble (P&G), Unilever und anderen. Wir sehen in der Reduzierung von Single Use Plastic den dringendsten Handlungsbedarf, der kein Abwarten mehr duldet!

Entsprechend ist die Herangehensweise von Europäischer Union und Umweltministerin Svenja Schulze ein Anfang, der dringend ausgebaut werden müsste. Frau Schulzes Fünf-Punkte-Plan zur Plastikreduktion ist gut gemeint, allerdings nicht weit reichend. Sie möchte Unternehmen und Konsument*innen auf freiwilliger Basis zur Reduktion von Plastik bewegen. Im 5. Punkt ihres Planes sollen 50 Millionen Euro in diesem Jahr bereitgestellt werden, um Technologie zur Säuberung der Meere weltweit einzusetzen – diese Bemühungen sind gut gemeint, hindern die Großkonzerne aber nicht an der weiteren Plastikproduktion!

Der Verbrauch von Plastikverpackungen in deutschen Supermärkten ist enorm. Was sollte sich dort ändern?

Die Plastikeinkaufstüten sind das beste Beispiel. Der Tütengebrauch in Supermärkten und im Einzelhandel ist deutlich gesunken. Doch an Obstständen im Supermarkt, auf dem Markt oder bei Obst- und Gemüseläden werden nach wie vor die dünnen Plastiktüten verwendet. Zwar haben die deutschen Supermarktriesen Edeka, Rewe und andere eine Absichtserklärung zur Reduzierung unterzeichnet, aber es existieren weiterhin keine behördlichen Regulierungen. Täglich werden Unmengen von Tüten verbraucht und das muss möglichst bald ein Ende haben! Gerade die dünnen Tüten landen oft über Umwege im Meer, sie sind für Schildkröten und andere Meerestiere fatal!

Einzelne Produkte von Bonbons bis zum gewaschenen Salat sind in Plastik einzeln und bequem verpackt, aber auch diese produzieren viel Müll! Hier hat Deutschland wahnsinnigen Nachholbedarf!

Was muss passieren, damit auch Plastikverpackungen stärker thematisiert werden?

Im europäischen Maßstab werden Plastikverpackungen jetzt verstärkt thematisiert. Greenpeace England hat eine sehr erfolgreiche Supermarkt-Kampagne durchgeführt. In Frankreich, Spanien und der Türkei arbeiten die Greenpeace-Büros intensiv zu Verpackungen. Aber auch andere deutsche Akteure, wie beispielsweise die Deutsche Umwelthilfe arbeiten zur Reduzierung von Verpackungen.

Ich bin verhalten optimistisch, dass Plastikverpackungen in den Supermärkten langfristig abnehmen. Die Supermarktbetreiber*innen haben gelernt zuzuhören, haben zum Teil gute Ideen und setzen diese nach vielen Gesprächen und gesellschaftlichen Druck auch um. Aber wir müssen immer am Ball bleiben – das ist die eigentliche Herausforderung.

Du warst kürzlich in Malaysia, welche Erfahrungen konntest du zum Thema Plastikmüll und Single Use Plastic mit Politikern und der Bevölkerung vor Ort machen?

Meine malaysischen Greenpeace-Kolleg*innen haben 2018 den Report The Recycling Myth (siehe Interview mit Greenpeace Malaysia in dieser Ausgabe) veröffentlicht, weshalb ich schon vorab einen Eindruck der Situation hatte. Trotzdem war ich überrascht, wie viel deutscher Abfall auf den Mülldeponien lag. Wir sind auf einen hohen Müllberg geklettert, auf dem der ganze Müll unsortiert lag. Im weiteren Gelände fanden wir 50 verschnürte Ballen Haushaltsmüll ausschließlich mit deutschen Etiketten. Der Weg des deutschen Haushaltsmülls beginnt mit der Vorsortierung und Reinigung, bevor er zu Ballen gepresst nach Malaysia verschifft wird. Dabei sind es überwiegend chinesische Unternehmen, die den deutschen Müll in Malaysia (aufgrund des chinesischen Müllimport-Stopps) nach verwertbaren Materialien sortieren. Das Material wird zerkleinert, eingeschmolzen und in Pelletform nach China verkauft. Aber über die Hälfte unverwertbarer Materialien häufen sich auf malaysischen Müllkippen an. Ich habe zum Beispiel Capri-Sonne-Verpackungen gesehen, die wegen des dreilagigen Materials und des eingesteckten Strohhalms nicht weiterverwertet werden.

Wie viele Tonnen an deutschem Müll gehen nach Südostasien seit China den Müllimport-Stopp Anfang 2018 verhängt hat?

Exportierter deutscher Müll wird offiziell als Rohstoff deklariert, da er nach Wertstoffen vorsortiert wird – der Rohstoff Plastik darf exportiert werden. 2018 wurden rund 100.000 Tonnen Plastikmüll nach Malaysia verschifft, im Vergleich zum Vorjahr hat sich der Wert verdoppelt. Auch nach Indonesien, Thailand und Vietnam wird deutscher Müll exportiert (siehe auch Artikel von Claire Arkin in dieser Ausgabe). Gemessen am deutschen Gesamtvolumen des jährlich anfallenden Plastikmülls ist der exportierte Müll gering – doch trotzdem wundere ich mich. Für ein Land wie Malaysia sind die Müllimporte gigantisch. Wir haben auf dem Müllberg Journalist*innen aus Großbritannien, USA, Australien und Neuseeland getroffen. Unser Umgang mit Plastikmüll, den wir nach Malaysia schicken, ist skandalös. Denn dort wird er gereinigt, sortiert, abgelagert – und vergessen.

Greenpeace ist mit der ‚Ship it back’-Kampagne im März 2019 mit dem Greenpeace-Schiff Rainbow Warrior III durch die Philippinen gesegelt. Wie ist es zu der Kampagne in Europa und den Philippinen gekommen?

2017 haben wir gemeinsam mit der Umweltorganisation Break free from Plastic – Philippines ein großes Küstenreinigungs-Projekt mit integrierter Markenauflistung auf der Freedom Island vor Manila durchgeführt. Wir haben 54.000 Plastiktütchen nach Marken aufgelistet und anschließend eine Rangliste erstellt: Nestlé, Unilever und P&G lagen auf den ersten Plätzen, aber auch weitere europäische, US-amerikanische und auch philippinische Marken waren vertreten. In der Manila Bay ist das globale Plastikproblem extrem sichtbar. Plastikmüll wächst besonders an Orten ohne geregelte Müllentsorgung visuell an.

Lokale Abfallsysteme können die Mengen an Plastikmüll in Sachet-Tütchen (Einzelportionsverpackungen) nicht auffangen, auch die großen Sachet-Produzenten wissen davon. Wir entnahmen auch Boden- und Wasserproben aus der Manila Bay und haben den reinsten Chemikaliencocktail vorgefunden. Gemeinsam mit Break free from Plastic, den Nichtregierungsorganisationen wie Global Alliance for Incinerator Alternatives (GAIA) oder der Mother Earth Foundation wollten wir aktiv werden. Wir waren uns einig, wir müssen den großen Plastikmüllproduzenten ihren Müll zurückbringen – ship it back!

Welche Aktionen habt ihr während der sechswöchigen Kampagne durchgeführt und geplant?

In Europa haben wir symbolisch das Monster, was die Firmen einst kreierten, auf dem deutschen Greenpeace-Schiff Beluga II den Rhein hochgefahren. Den Startpunkt an der Mündung zum Meer haben wir bewusst in Rotterdam, an der Unilever-Zentrale, gewählt. Die niederländischen Greenpeace-Gruppen haben einen großen Rave mit hunderten Leuten organisiert und das Plastikmonster in Szene gesetzt. In Köln wurde drei Tage über die Kampagne mit Musik und Vorträgen informiert. In Basel fand ein kleines Festival zum Thema Plastik statt. Der Genfer See war unser Ziel, da in der Schweiz die Firmenzentrale von Nestlé liegt. In Vevey ist das Monster vor den Toren der Nestlé-Zentrale aus dem See aufgetaucht. Und auch an der Fassade haben Greenpeace-Kletterer ein Banner mit der Forderung ‚Stop Single Use Plastic‘ entfaltet. Die Firmenleitung hat inzwischen eingeräumt, dass Recycling allein nicht die Lösung des Problems sein wird. Aber außer den Lippenbekenntnissen, in Zukunft die Ware mit weniger Plastik zu verpacken, ist aus der Nestlé-Zentrale keine haltbare Aussage gekommen.

In den Philippinen haben wir uns auf Aktionen mit der Rainbow Warrior in der Manila Bay und auf die Tour von Manila bis nach Cebu City konzentriert. Die Manila Bay symbolisiert die Plastikverschmutzung der Philippinen. Dort werden mehrmals am Tag riesige Schiffe mit Plastikmüll gefüllt und von einer Seite zur anderen Seite der Bucht gefahren, wo die Mülldeponie liegt. Wenn starke Winde über die Bucht hinwegfegen, fliegt der Müll direkt ins Meer. Wir haben in einer Aktion ein riesiges Banner mit der Aufschrift „Stop Single-Use Plastic!“ an das Müllschiff gehängt. In der Manila Bay war auch ein Tauchgang geplant, aber wegen der Verschmutzung stellte dies für die Taucher*innen eine zu große Gefährdung dar. Und für den Tauchroboter war die Brühe zu trüb. Nicht weit von Manila liegt die Isla-Verde-Passage, eine Meerenge zwischen den Inseln Luzon und Mindoro, eines der artenreichsten Unterwassergebiete weltweit. Unser Team hat die Schönheit dieser Unterwasserwelt erkundet und die Plastikverschmutzung unter Wasser dokumentiert. Wir haben die große Artenvielfalt und Korallenriffe bestaunt und waren gleichzeitig frustriert, da unter Wasser kleine bunte Tütchen von Nescafé, Maggie und Konsorten auf dem Meeresboden lagen und schwammen. Für die Natur und auch für den Tourismus ist die Müllverschmutzung im Meer fatal – der Müll bleibt und verschwindet nicht.

Welche Resonanz hat Greenpeace in der philippinischen Zivilgesellschaft auf die Kampagne erhalten?

In den sozialen Medien haben wir eine große Resonanz auf die Kampagne erhalten. Mich hat ein Artikel in einer philippinischen Tageszeitung auf der dritten Seite beeindruckt, der die Rainbow Warrior und unseren Kampagneninhalt detailliert und ungeschönt beschrieb. Viele Medienvertreter*innen kamen zu uns an Bord der Rainbow Warrior, führten Interviews und berichteten über unsere Arbeit. Die philippinischen Kolleg*innen machen tolle Arbeit, sind gut vernetzt und werden von der Politik und Zivilgesellschaft ernst genommen. Niemand kann sich im Moloch Manila vor dem Thema Müll verstecken! Viele Menschen leben neben zum Teil ‚wilden Müllbergen’ und verdreckten Flüssen, es stinkt und stört.

Konntet ihr mit eurer Kampagne auch die lokale Bevölkerung für die Probleme des Plastikmülls sensibilisieren?

Auf allen Stationen haben wir die Schiffe für Besucher*innen geöffnet. In Manila und Cebu City sind viele Interessierte auf die Rainbow Warrior III gekommen, genau wie in Köln auf die Beluga II. Insgesamt haben mehrere tausend Personen die Schiffe besichtigt und sich informiert. Cebu City schien mir dabei eine besondere Stadt, die umwelttechnisch in Bewegung ist.

In Gesprächen mit Akteur*innen aus Cebu City habe ich einen ähnlichen Eindruck gewonnen, allerdings ist die junge Umweltszene zwar sehr aktiv aber kaum organisiert. Welche Eindrücke hast du von der Umweltbewegung in Manila erhalten?

Die Umweltszene Manilas, die zu Plastikmüll arbeitet, ist organisierter, untereinander vernetzt und arbeitet aktiv mit Müllsammler*innen zusammen. Die Müllsammler*innen leben oft seit Generationen vom Müll, sind untereinander organisiert und springen ein, wenn das öffentliche Müllmanagement versagt. Einige Müllsammler*innen haben uns 2017 bei dem Brand Audit sehr geholfen den Müll zu sortieren und die Plastikstoffe aufgrund ihrer Expertise zu kategorisieren. Ganz tolle Leute! (zur Lebensrealität von Müllsammlerinnen vgl. auch Artikel „Müllbanken in Indonesien“ und „Müllsammlerinnen und ihr Umgang mit Plastik in den Straßen Phnom Penhs“)

Wie wird Greenpeace nach dem Abschluss der ‚Ship it back’-Kampagne weiter am Plastikthema arbeiten?

Die Kampagne wurde global geplant, entsprechend werden wir das Augenmerk auf andere Länder mit ähnlichen Plastikproblemen, wie Indonesien, Malaysia oder Thailand, richten. Im September werden wir beim International Coastal Clean-Up Day weltweit aktiv sein. In den Philippinen greifen wir dann noch mal das Thema Break free from Plastic auf. Wir werden international vernetzt weiter zu Plastikmüll arbeiten.

Wie könnte ein langfristiger Bewusstseinswandel bei den Plastikproduzenten erreicht werden?

Während unserer Kampagne hat Unilever leider nicht reagiert. Nestlé reagierte schon in der Vergangenheit häufiger mit Pressemitteilungen, indem sie bekräftigten, sich der Plastikproblematik anzunehmen. Wir müssen die Verursacher*innen direkter adressieren, ihnen das Plastikproblem verdeutlichen und sie in die Pflicht nehmen. Wir müssen in den Dialog treten und über effektive und plastikreduzierte Verteilsysteme in einzelnen Ländern sprechen.

Nescafé wird weltweit getrunken, allerdings müssen die Portionen nicht einzeln in Tütchen verpackt und mit Zucker und Milchpulver angereichert sein. 3-in-1 Portionierungen müssen überdacht und diskutiert werden. Nestlé hat zumindest alternative Verteilsysteme öffentlich ausgesprochen. Unser Job ist es, beharrlich zu bleiben und auf effektive und vernünftige Lösungen zu drängen – ‚so wie jetzt kann es nicht bleiben, das habt ihr selber zugegeben!’

Besonders in Südostasien werden Waren in gering dosierten Sachets verpackt und in kleinen Lädchen verkauft. Die leeren Sachets landen nach dem Gebrauch auf der Müllkippe, in der Natur oder werden direkt vor Ort verbrannt. Wie kann die Sachet-Problematik konstruktiv angegangen werden?

Eine unserer philippinischen Kolleginnen war erstaunt, dass es keine Sachets in den Niederlanden oder Deutschland gibt. Sie empfand die Situation als zynisch, da Nestlé und Unilever in den Philippinen argumentieren „Wir bringen den Filipin@s das, was sie brauchen. Da die Filipin@s wenig Geld haben und überwiegend Tagelöhner sind, kriegen sie Tagesrationen unserer Produkte.“ Monatlich summiert kosten die Tagesrationen deutlich mehr als größere Verpackungen. Das Zynische an dieser Situation ist: du brauchst Geld, um zu sparen!

Auch in Ländern wie Bulgarien werden Tagesrationen an Lebens- und Gebrauchsmitteln in Sachets verkauft. Um weltweit gegen die Müllproblematik vorzugehen, müssen wir die doppelten Standards in der Verpackungsherstellung der Großkonzerne thematisieren und alternative Lösungen suchen. In den Philippinen gibt es viele Initiativen und Gemeinden, die Müll komplett vermeiden und ohne Sachets auskommen – ich bin optimistisch.

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1 | 2018, Indonesien, Rezensionen,
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Kenntnisreiche Einführung in die indonesische Gegenwartskunst

Kambodscha: Während in manchen Teilen der Hauptstadt täglich der Haushaltsmüll abgeholt wird, wird die Entsorgung in anderen völlig vernachlässigt, so der Bericht ‚Urban Governance: Waste Management in Phnom Penh‘ der NGO Sahmakum Teang Tnaut (STT). Die Organisation arbeitet zu städtischer Armut und zeigt durch ihre Recherchen urbane Ungleichheiten, insbesondere im Bereich Wohnrechte und Infrastruktur, auf. Die südostasien hat Soeung Saran, den Geschäftsführer von STT, zu den Ergebnissen des Berichts interviewt.

Was hat eure im Januar 2019 veröffentlichte Studie herausgefunden?

In der Studie ‚Urban Governance‘ stellten wir fest, dass 99 (35,7%) der 277 städtischen Gemeinden mit hoher Armut in Phnom Penh keine Abfallentsorgung von Haushaltsmüll [1] erhalten. Wohlhabende Gemeinden, auch in der direkten Nachbarschaft, werden dagegen regelmäßig von der Müllabfuhr angefahren.

Woran liegt das?

Es liegt aus unserer Sicht an kleinen und engen Straßen in einigen Stadtgegenden sowie wahrscheinlich am fehlenden politischen Willen, der bei den verantwortlichen Stadtbehörden und beim zuständigen Entsorgungsunternehmen für Hausmüll liegt.

Was sind die Probleme in der lokalen Verwaltung Phnom Penhs?

Es ist nicht transparent, wie die Abfallwirtschaft koordiniert wird. Hinzu kommt, dass die Stadtverwaltung nicht ihrer Rechenschaftspflicht nachkommt und dass sie nicht oder schlecht auf Beschwerden und Anfragen von Seiten der Bürger*innen, engagierter Gruppen oder Organisationen reagiert.

Wo genau funktioniert die Abfallwirtschaft in Kambodschas Hauptstadt nicht?

Betrachtet man vor allem die Gebiete Phnom Penhs mit hohem Armutsanteil, und nicht nur die Innenstadt, wohlhabende Gegenden und touristische Zentren, zeigt sich, dass die Abfallwirtschaft dort nicht funktioniert. Dies betrifft dann besonders die Gegenden, wo marginalisierte sowie mittellose Bevölkerungsgruppen leben.

Melden das die betroffenen Haushalte nicht bei den Behörden?

Die Betroffenen, zumeist einkommensschwache Familien, haben wenig Möglichkeiten das zu melden. Zum einen liegt das an Unkenntnis, zum anderen an fehlenden Kapazitäten sowie politischer Einflussnahme, ihr Recht auf Inklusion in das städtische Abfallsystem durchzusetzen.

Was können diese Gruppen tun?

Hier gibt es zunächst das Problem, dass eine schlechte Kommunikation und ein schlechter Austausch zwischen der Stadt, dem zuständigen Entsorgungsunternehmen CINTRI und den Bürger*innen bestehen. Dann haben viele Bewohner*innen Phnom Penhs ein geringes Wissen über Müllentstehung und -entsorgung sowie das Abfallsystem. Und vornehmlich die armen Haushalte wissen wenig oder nichts von ihrem Recht auf Teilhabe, sie kennen keine Beschwerdemechanismen oder Stellen, an die sie sich wenden können. Nur wenige sind in der Lage, Erkundigungen dazu einzuholen und nur manche sind in Netzwerke eingebunden, die sie dabei unterstützen könnten.

Was haben euch die betroffenen Menschen aus Phnom Penh berichtet?

Interviewte Bewohner*innen in den betroffenen Stadtteilen fühlten sich von der lokalen Verwaltung nicht ernst genommen. Sie erzählten uns, dass eingereichte Beschwerden von den lokalen Behörden ignoriert wurden. Viele fühlen sich diskriminiert. „Die Behörden kümmern sich nicht um uns. Es ist ihnen egal, was mit dieser Gemeinschaft passiert“, sagte uns ein Einwohner einer städtischen Gemeinde mit hohem Armutsanteil bei der Datenerhebung.

Kannst du ein weiteres Beispiel aus eurer Studie schildern?

In der Gemeinde Samaki Roeung Roeurng wird Müll zweimal pro Woche am Rande der Gemeinde abgeholt. Sie liegt am Boeung Trabek-Abwasserkanal, der als ‚schwarzer Kanal’ mit seinem pechschwarzen, müllgetränkten, und stinkendem Wasser stadtbekannt ist. Selten nimmt dort der Müllwagen alles mit. Innerhalb der Gemeinde wird gar kein Abfall abgeholt. Trotzdem muss jeder Haushalt 1 US-Dollar pro Monat für die Müllentsorgung aufbringen, die über die Elektrizitätsrechnung bezahlt wird.

Fast 300 Menschen leben dort in Häusern auf und am Wasser. Die Umgebung ist voller Müll, der Kanal schwemmt die Abfälle von Stadtbewohner*innen flussaufwärts heran. Bei Regen fließt er über und der Müll wird über den Stadtteil verteilt. Trotz des Gestanks suchen einige Gemeindemitglieder, meist Kinder, wieder verwertbare Materialien in der dunklen Brühe, die sie anschließend an die durch die Stadt ziehenden Müllsammler*innen verkaufen, oder selbst in irgendeiner Art und Weise verwenden.

Was haben die Stadtbehörden zu den Problemen gesagt?

Die Behörden nennen häufig das Problem der Infrastruktur: Sie behaupten, nicht alle Gemeinden anfahren zu können. Wie gesagt, das liegt an der schlechten Anbindung der Straßen an die täglich abgefahrenen Routen der Müllabfuhr und an den engen Gassen. Als Maßnahme wurden bereits Handziehwagen an CINTRI-Arbeiter verteilt, die jetzt häufiger in kleinen Gassen gesichtet werden können. Aber das Entsorgungsunternehmen CINTRI scheint seine Wagen nicht bedarfsabhängig zuzuordnen, wenn man die Wägen pro Kopf auf die Bevölkerung und die Ziehwägen, die arme Gemeinden tatsächlich abfahren, miteinander vergleicht.

Und was sagt der Entsorger CINTRI selbst dazu?

Die städtische Müllabfuhr beteuert, dass sie arme städtische Gemeinschaften unterstützen möchte, es aber hierfür oft an technischem Wissen oder Unterstützung durch die Behörden fehle.

Wer ist alles für den Haushaltsmüll in Phnom Penh zuständig?

Für die offizielle Müllsammlung ist seit 2002 alleinig das Entsorgungsunternehmen CINTRI zuständig. Hier mangelt es aber an Transparenz. Der Vertrag zwischen der Firma und der Stadt ist nicht öffentlich zugänglich, fällt aber in die Kategorie eines Langzeitvertrags, der der Firma über zehn Jahre den alleinigen Auftrag der Müllentsorgung in der Stadt zuspricht. Es gibt derzeit kaum öffentliche Daten zur Problematik, wenn sich auch immer mehr lokale NGOs und Bildungsinstitutionen für veränderte Handlungsweisen mit Abfall einsetzen. Recycelbarer Müll wird dagegen von informellen Müllsammler*innen gesammelt und weiterverkauft.

Ein weiteres Problem besteht darin, dass CINTRI als städtisches Abfallunternehmen eine Monopol-Stellung einnimmt, weswegen Preise und Abholzeiten und -routen in keinerlei Konkurrenz stehen. Kurzum, es gibt niemanden, der mit CINTRI um den Auftrag zur Entsorgung der kommunalen Abfälle der Stadt konkurriert bzw. konkurrieren kann.

Eure Studie geht auch auf CINTRI selbst ein und bemängelt den Arbeitsschutz dort. Was habt ihr festgestellt?

Wir haben einen unzureichenden Arbeitsschutz der etwa 2.300 Angestellten des Unternehmens festgestellt. Fast 1.700 Personen werden im Außendienst eingesetzt, also beispielsweise am Müllwagen. CINTRI kommt dabei seinen gesetzlichen Verpflichtungen einer sicheren Arbeitsumgebung nicht nach: 14 Arbeiter starben in den letzten vier Jahren im Dienst. Es gab weitere 380 Unfälle in den letzten drei Jahren, davon 285 Unfälle von Arbeitern bei ihrer Arbeit am Müllwagen.

Ein sicheres Arbeitsumfeld, wie es das kambodschanische Arbeitsgesetz vorschreibt, sieht anders aus. Trotz dieser Todesfälle wird den Arbeitern auf den Müllwagen keine Schutzkleidung zur Verfügung gestellt und keine ergänzenden Sicherheitsmaßnahmen eingeführt.

Habt ihr CINTRI zu diesen Mängeln befragt?

Das Unternehmen selbst hat erklärt, dass es Warnkleidung, Masken und Arbeitsstiefel bereitstellte, aber die Arbeiter diese nicht tragen, und der Verkehr in Phnom Penh die Hauptgefahrenquelle der Arbeiter sei. Von uns befragte Arbeiter verneinten bzw. sagten aus, dass die Übergabe der Kleidung lange her sei. Aber nun gibt es erste Erfolge: Nach Erscheinen unserer Studie über die Situation der Abfallwirtschaft in Phnom Penh mit einer Auflistung von Sicherheitsmängeln, wurden viele CINTRI-Arbeiter mit sichtbarer Arbeitskleidung ausgestattet, die es ihnen erlaubt auch bei Nacht gesehen zu werden.

Was kann aus eurer Sicht getan werden, damit die Abfallwirtschaft verbessert wird?

Die Stadtregierung könnte einiges verbessern. Zum einen wäre es von Vorteil, wenn die Stadtbehörden ihre Entscheidungsprozesse transparenter machen, regelmäßige Rechenschaftsberichte ablegen, den Vertrag zwischen CINTRI und der Stadt und relevante Daten über die Haushalte bzw. Gemeinde offen legen würden.

Anderseits kann die Kommunikation mit der Stadtbevölkerung zu diesem Thema besser werden, indem Menschen über die Abfallsituation in der Stadt informiert werden und Gemeinden in die Abfallwirtschaft miteinbezogen werden, z.B. in öffentlichen Workshops oder bei Gemeindeversammlungen. Weitere Bildungsprogramme, die von der Lokalregierung finanziert werden könnten, könnten über Risiken des Mülls für Mensch und Umwelt berichten. Im Dialog mit der Bevölkerung können dann Lösungen für schwer zugängliche Gemeinden oder Straßen gefunden werden.

Abfallsammelstellen sollten innerhalb der Gemeinden eingerichtet werden, damit die Bewohner*innen ihre Abfälle dort sammeln können. Und die Mülllabfuhr sollte regelmäßig alle Orte anfahren.

Zuletzt muss natürlich von Seiten des Entsorgungsunternehmens CINTRI auch dafür gesorgt werden, dass die Arbeiter einen besseren Arbeitsschutz haben, vor allem für diejenigen, die nachts am und auf dem Müllwagen arbeiten.

Interview und Übersetzung aus dem Englischen von: Raphael Göpel

 

[1] Wiederverwertbarer Müll wird hingegen insbesondere von Müllsammler*innen entweder direkt bei den Haushalten abgeholt, bzw. aufgekauft, oder auf den Straßen Phnom Penhs eingesammelt. Einen Einblick in die ‚andere Seite‘ des Müllmanagements in Phnom Penh bietet der ebenfalls in dieser Ausgabe erschienene Artikel von Kathrin Eitel.

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1 | 2018, Indonesien, Rezensionen,
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Kenntnisreiche Einführung in die indonesische Gegenwartskunst

Philippinen: Zwar erließ die Regierung vor fast 20 Jahren ein umfassendes Abfallwirtschaftsgesetz, doch die Umsetzung verläuft lokal sehr verschieden. Informelle Müllsammler*innen besorgen den Großteil der Müllentsorgung. Immerhin gibt es inzwischen in über 20 Städten Plastikverbote.

Noel, 47 Jahre alt, stapelt mehrere TV-Gehäuse, weitere größere Plastikteile und einen Sack mit kleinen Plastikstücken auf sein Tricycle (Motorrad mit fest installiertem Beiwagen). Mit dem vollbeladenen Tricycle fährt er zu einem größeren Junkshop (einer Annahmestelle für Wertstoffe, die gesammelt und weiterverkauft werden). Noels Haus ist selbst ein kleiner Junkshop, voll mit Plastikflaschen verschiedener Sorten, Kunststoffdeckeln, Glasflaschen, Pappen, verschiedenen Metall- und Plastikresten, Glühbirnen und alten Elektrogeräten. Der Müll anderer Leute ist für Noel und seine Familie ein Wertstoff, der ihren Lebensunterhalt sichert. Er lebt mit seinen drei Kindern und einem Enkelkind im Junkshop und dem angrenzenden Wohnraum. Nebenan wohnen seine Mutter Violette und sein Vater. Die ganze Familie hilft beim Sortieren der Wertstoffe, die sich in den Räumen bis unter die Decke türmen.

Noels Junkshop ist die Anlaufstelle für die Müllsammler*innen seines Viertels. Sie bringen meistens Plastikflaschen und Hartplastikstücke, welche er ihnen abkauft, um sie anschließend zum doppelten Preis weiter zu verkaufen. Große Elektrogeräte sammelt er selbst ein, schraubt sie auseinander und sortiert die Einzelteile nach Wertstoffen. Zweimal pro Tag fährt er zu drei größeren Junkshops und verkauft seine gesammelten Materialien, je nachdem wer aktuell die besten Preise für seine Wertstoffe bietet.

Leben in Payatas

Noel und seine Familie leben in Payatas, einem Barangay (Stadtteil) Quezon Citys. Payatas ist bekannt und berüchtigt für seine Müllhalde, die sich über 50 Hektar erstreckt, seit den 1980er Jahren wuchs und 2017 endgültig schloss. Der Müll der Hauptstadt Manila wurde täglich unsortiert nach Payatas gekarrt. Die Müllhalde war die Existenzgrundlage von rund 5.000 Filipin@s ohne wirtschaftliche Perspektive auf dem regulären Arbeitsmarkt. Stattdessen arbeiteten sie als Müllsammler*innen, Zwischenhändler*innen, in Junkshops, oder ähnlichen Bereichen. Ein tragischer Erdrutsch im Juli 2000 begrub nahezu 300 Menschen unter dem Müll. Die städtische Regierung beschloss, eine Lösung für die wachsenden Müllberge zu finden und sprach Arbeitsverbote für Jugendliche unter 14 Jahren aus. Auch die Steigung der Deponie durfte 40% nicht überschreiten. Die Deponie wurde 2004 in eine ‚kontrollierte Deponie’ und 2011 in eine ‚Sanitärdeponie’ umgewandelt und 2017 geschlossen. Seitdem wird der Müll des Großraums Manila in die angrenzenden Provinzen transportiert.

Noel und seine Mutter Violette arbeiteten bis zur Schließung der Deponie dort als Zwischenhändler und Müllsammlerin. Violette und ihr Mann waren 1994 aus dem Norden Luzons mit ihren vier Kindern nach Payatas gekommen, da sie nach langer Arbeitslosigkeit eine neue Perspektive suchten. Noel und seine Eltern begannen als Müllsammler*innen zu arbeiten, die drei jüngeren Kinder gingen damals noch zur Schule. Noels Mutter Violette sammelte täglich bis zu elf Stunden Müll, da sie nach Erfolgsrate bezahlt wurde – im Schnitt verdiente sie 225 Pesos pro Tag (etwa 4,29 €). Ihr Mann litt zunehmend unter Rückenproblemen, so dass sie früh zur Hauptverdienerin für ihre Familie wurde. Violette war mit 40 anderen Müllsammler*innen vertraglich bei einem Zwischenhändler (zwischen Müllsammler*innen und Junkshop) angestellt. Alle Zwischenhändler waren Männer. Violette sammelte verschiedenste Wertstoffe, je nachdem, was sie finden konnte. Die besten Funde waren Kleidung und Schmuck. Allerdings variierte die Art des Mülls während der Jahre stark. Noel gelang der Aufstieg vom Müllsammler zum Zwischenhändler, er hatte fünf angestellte Müllsammler*innen und verdiente monatlich 30.000 Pesos (etwa 515 €).

Preistabelle für den An- und Weiterverkauf von Wertstoffen in Junkshops in Metro Manila

 

Recyclebares Material Junkshop an Müllsammler*innen: Preis/kg Zwischenhändler*in bzw. Recyclingunternehmen an Junkshop: Preis/kg
Aluminium 40-45 Pesos 80 Pesos
Stahl 8-10 Pesos 20 Pesos
Kupfer 230 Pesos* 460 Pesos*
Messing 120* Pesos 240* Pesos
Blech 4-5 Pesos 8-10 Pesos
Wellblech 4-5 Pesos 8-10 Pesos
Pappe 3-4 Pesos 6-8 Pesos
Konservendosen 4 Pesos 8 Pesos
Hartplastik 3 Pesos 6 Pesos
Hartplastik (z.B. Plastikstuhl) 10 Pesos 20 Pesos
Zeitungspapier 6 Pesos 12 Pesos
Getränkedosen 35 Pesos 70 Pesos
PET (gesäubert und farblich sortiert) 11 Pesos 22 Pesos
Plastikdeckel 19 Pesos 38 Pesos
Altpapier mit Plastik 1,5-2,5 Pesos 3-5 Pesos
weißes Papier 9 Pesos 18 Pesos

*niedrigster Preis pro Kilo, ändert sich je nach Materialkurs

Daten-Quelle: Eigene Recherche der Autorin

Mit der Schließung des Müllbergs hat sich Violette zur Ruhe gesetzt. Drei ihrer Kinder haben Arbeit im Großraum Manila gefunden und Noels Junkshop ernährt die Familie, er verdient monatlich 20.000 Pesos (etwa 343 €). Der einstige ‚Jobmagnet’ Payatas hat sich gewandelt. Viele ehemalige Arbeiter*innen arbeiten nun in Junkshops oder als Müllsammler*innen, die von Tür zu Tür gehen. Andere verdingen sich im Straßenbau oder als Fahrer*innen. Der einstige Müllberg ist mittlerweile oberflächlich von der Natur zurückerobert und grün, der beißende Geruch von damals verschwunden. Gerüchte sagen, die Regierung habe das Land an einen asiatischen Konzern verpachtet, der eine Waste-to-Energy Verbrennungsanlage bauen möchte – derzeit ist das Gelände eingezäunt und die Sicherheitskräfte zu keiner Aussage bereit.

Landesweite Müllverordnungen

Der Erdrutsch in Payatas im Juli 2000 beschleunigte die Verabschiedung des Republic Act 9003 (RA 9003), dem Ecological Solid Waste Management Act (siehe Artikel zu Zero Waste Communities in den Philippinen in dieser Ausgabe) zum Jahresbeginn 2001. Das RA 9003 regelte landesweit erstmals die Abfallwirtschaft, indem die Sammlung (Mülltrennung), Behandlung (Beförderung und Lagerung) und umweltgerechte Entsorgung des Mülls bis in die kleinste Regierungseinheit (Local Government Unit – LGU), dem Barangay vorgeschrieben wird. Verstöße, wie die illegale Abfallentsorgung, offene Abfallverbrennung und andere Delikte werden mit Bußgeldern geahndet. Allerdings ist die RA 9003 seit 18 Jahren die einzige effektive Maßnahme der Legislative zur Abfallreglementierung. Wie der Müll in Barangays entsorgt wird, hängt landesweit von der Durchsetzung der LGUs und der Barangay-Mitarbeiter*innen ab. Mancherorts bieten die LGUs Trainings zum Abfallumgang für Bürger*innen und in Schulen an.

Müll in Metro Manila

In urbaneren Regionen wird die Entsorgung des Haushaltsmülls von Abfallunternehmen organisiert, welche mehrmals in der Woche mit einem offenen LKW oder Müllauto den Abfall einsammeln. In Metro Manila gibt es Stadtgebiete, die ihren Haushaltsmüll in biologischen, nicht-biologischen Müll und Restmüll trennen, andere stellen ihren Müll unsortiert vor die Häuser. Manche Barangays Metro Manilas verteilen Bußgelder bei nicht korrekter Sortierung. In anderen wird trotz Mülltrennungsverordnung auch unsortierter Müll abgeholt.

Viele Haushalte sammeln PET-Flaschen, Glas (z.T. Pfandflaschen), Papier, Batterien und Elektromüll gesondert, um sie Müllsammler*innen direkt zu geben. Die Müllsammler*innen Metro Manilas wandern mit selbst gebauten Handkarren durch die Straßen und sammeln ein, was sie finden können. Manche Junkshops verleihen Handkarren an Müllsammler*innen, wenn diese ausschließlich für sie Wertstoffe sammeln. Ein Betreiber eines Junkshops in Quezon City berichtet, dass die Müllsammler*innen in Quezon City fest zugeteilte Sammelgebiete besitzen, um sich nicht in die Quere zu kommen. An den Hauptstraßen ist das Sammeln verboten, da es in der Vergangenheit oft zu Unfällen kam.

Im Jahr 2010 wurden in Quezon City 15.600 Tonnen Müll vom formellen Sektor und 141.800 Tonnen Müll vom informellen Sektor gesammelt. Die Müllsammler*innen des informellen Sektors sammelten die Wertstoffe des Mülls zu 37% auf Straßen, zu 26% auf Müllhalden und zu 37% für Junkshops, denen sie als Müllsammler*innen angehören (EIN LEBEN VON UND MIT MÜLL, Plastikatlas 2019, S. 40-41).

Müllsammler*innen, die mit ihren Familien im Touristen-Hotspot und alten Stadtkern Manilas rund um die Stadtteile Ermita, Malate, Intramuros oder Quiapo leben, verlassen ihren Standort selten, damit sie ihren Platz nicht verlieren. Viele von ihnen wohnen auf dem Handkarren am Straßenrand, verdienen zusätzlich mit einem kleinen Kioskverkauf und versuchen mit dem Müll anderer zu überleben.

Große Junkshops wie Noel’s lagern die verschiedenen Wertstoffe getrennt. Die einzelnen Wertstoffe werden jeweils von LKWs (entweder eigener LKW des Junkshops oder des Recyclingunternehmens) abgeholt und zu Recyclingbetrieben außerhalb Metro Manilas in die Provinzen Bulacan, Laguna oder Batangas transportiert. Anschließend werden die Wertstoffe weiter segregiert, zum Teil außer Landes verschifft oder wie PET-Flaschen direkt zu Flocken geschreddert und an Unternehmen verkauft, die diese weiterverarbeiten.

Müll im ländlichen Raum

Im Dorf Macalamcam zwischen Rosario und Tiaong in der Provinz Batangas wohnen nahezu 1000 Bürger*innen, die ihren Lebensunterhalt entweder in der Landwirtschaft und in Kleinstbetrieben dort oder in den umliegenden Orten verdienen. Seit Jahren lernen die Schüler*innen zwar die Mülltrennung in der Schule, die jedoch bis heute ein großes Problem in Macalamcam und den Dörfern der Region darstellt.

Denn während der Haushaltsmüll in den kleineren Städten der Region von Unternehmen der Abfallwirtschaft abgeholt wird, gilt dies nicht für Macalamcam, da der Ort zu klein ist, als dass der Abfall hier wirtschaftlich entsorgt werden könnte. Die Barangay- Leitung initiierte 2013 ein Waste Managment-Programm inklusive einer Materialverwertungsanlage (material recovery facility – MRF), doch diese ist überfüllt. So kümmern sich die Dorfbewohner*innen wie eh und je selbst um ihren Müll. Einige kompostieren biologische Abfälle oder streuen diese direkt an die Pflanzen als Dünger. Manche Familien sammeln PET-Flaschen, Karton, Glas, Metall und Blech für den wöchentlich kommenden Müllsammler, der durch Macalamcam läuft. Junkshops fahren unregelmäßig mit Pickups durch das Dorf auf der Suche nach defekten Elektrogeräten. Der restliche Haushaltsmüll wird in den Gärten vergraben oder verbrannt. In der Natur rund um das Dorf wachsen so illegale Müllkippen, deren Benutzung strafbar ist.

Mit dem Programm ‚Save our Rivers’ machen die Barangay-Leitung und die lokale Kirche auf die nicht funktionierende MRF, die systematische Müllsammlung der Haushalte und die Verseuchung des nahe liegenden Flusses aufmerksam. Über den Fluss gelangen der Müll aus Lipa City und die Abwässer von Viehzucht- und Landwirtschaftsbetriebe nach Macalamcam. Dort fürchten die Bewohner*innen die Verseuchung ihres Dorfes über das Flusswasser und den Erdboden. Sie wandten sich deshalb an das zuständige Umweltamt. Bisher ohne Erfolg.

Macalamcam ist ein typisches Beispiel für die Problematik der Müllentsorgung in den ländlichen Regionen der Philippinen. Die RA 9003 mag im urbanen Raum mit großen Mülldeponien zwar funktionieren, doch im ländlichen Raum können die vorgeschriebenen Maßnahmen wegen der fehlenden Entsorgungssysteme und Kontrollinstanzen nicht eingehalten werden, entsprechend wird die Müllentsorgung damit auf private Maßnahmen reduziert.

Plastikverbote in über 20 Städten

Plastik als Verpackungsmaterial ist in den Philippinen seit über 30 Jahren populär. Vorher wurden Getränke überwiegend in Pfandflaschen in Geschäften und kleinen Straßenkiosken (SariSari-Stores) verkauft. Fisch und andere Lebensmittel wurden in Bananenblätter, Zeitungspapier und Papiertüten eingewickelt auf dem Markt verkauft. Seit Anfang der 1990er Jahre wird maßgeblich Wasser in PET-Flaschen (Softdrinks können sowohl in Pfandflaschen, PET-Flaschen oder Dosen gekauft werden), Softdrinks in SariSari-Stores in Plastiktüten mit Strohhalm, Lebensmittel an Markt- und Straßenständen in Plastiktüten verpackt und Kleinstportionen Waschpulver, Zahnpasta, Kakao, Kaffee, Creamer, Shampoo usw. in Plastiksachets verkauft (siehe hierzu das Interview mit Manfred Santen in dieser Ausgabe). Entsprechend wachsen die Müllberge des schwer recycle- und abbaubaren Materials.

Die Stadt Los Baños, 60 km südlich von Manila am Laguna Bay gelegen, führte 2008 als erste Stadt der Philippinen mit Erfolg ein Plastikverbot ein. Das städtische Verbot von Plastiktüten und Styropor als Verpackung für Lebensmittel und andere Produkte reduzierte den Müll der Stadt erheblich. 2014 folgte ein Verbot der Benutzung von Einwegplastik, Plastikbannern und Plastikplanen. Letztere dürfen nur mit Genehmigung der Stadt verwendet werden. Selbst die großen Fastfoodketten wie Starbucks, KFC, Jollibee und andere halten sich in Los Baños an das Einwegplastikverbot. Landesweit ist deren Plastik- und Styropornutzung auf freiwilliger Basis zwar zurückgegangen, allerdings noch nicht ausreichend. Mittlerweile haben sich über 20 Städte einem teilweisen Plastikverbot angeschlossen, darunter sind Los Baños, Quezon City, Makati, Pasig, Muntinlupa, Las Piñas, Pasay, Cebu City, Bacolod City, San Fernando, Baguio City, Pilar (Siargao Islands), San Carlos, mehrere Gemeinden und Städte der Provinz Pangasinan sowie die Tourismus Inseln Boracay, El Nido, Siquijor. Senatorin Loren Legarda reichte 2011 den Gesetzentwurf Total Plastic Bag Ban Act of 2011 (Senate Bill 2759) ein, der bisher jedoch nicht verabschiedet wurde. Der Gesetzentwurf sieht ein vollständiges Verbot von nicht biologisch abbaubaren Plastiktüten im ganzen Land vor (Aiming for plastic-free PH).

Die Philippinen sind nach China und Indonesien der weltweit drittgrößte Plastikmüllverschmutzer der Ozeane (siehe Jambeck et al. (2015): Plastic waste inputs from land into the ocean. In: Science, Vol. 347, Ausgabe 6223, 13. Februar 2015). Aufgrund von großen Stürmen und unzureichender Müllentsorgungsmöglichkeiten gelangt Müll in die Flüsse und Ozeane, vom Sickerwasser der Deponien ganz abgesehen. Verschiedene Mülldeponien nahe der Manila Bay wurden errichtet und geschlossen. Eine davon liegt auf dem Baseco Compound und gehört zum Stadtteil Tondo in Manila und ist seit Jahrzehnten geschlossen – mittlerweile wurde ein ganzes Stadtviertel darauf gebaut. Der Smoky Mountain, eine der größten Mülldeponien Metro Manilas im Stadtteil Tondo war von 1969 bis 2007 in Betrieb. Im Mai 2019 ordnete das Umweltministerium die finale Schließung der offenen Mülldeponie in Limay, Bataan an, nachdem diese zwar schon 2015 geschlossen, aber illegal weiter genutzt wurde.

Für die philippinische Regierung scheint das Müllproblem des Inselstaates Nebensache zu sein. Präsident Rodrigo Duterte stritt zwar öffentlichkeitswirksam mit der kanadischen Regierung, da eine kanadische Firma 69 Schiffscontainer Müll, der irrtümlich als recyclebar gekennzeichnet war, 2013 in die Philippinen schickte (die Container wurden Ende Mai 2019 wieder nach Kanada geschickt). Doch eine effiziente und nachhaltige Gesetzgebung zur Abfallwirtschaft und dem Umgang mit Müll und eine und konsequente Implementierung sieht anders aus. Auch wenn die Einsammlung und Trennung des Mülls durch Junkshops und die Müllabfuhr mancherorts gut durchgeführt wird, fehlen landesweit Recyclingunternehmen mit spezialisierten Maschinen. Auch eine regelmäßige Müllabfuhr im ländlichen Raum würde das Müllentsorgungsproblem verringern. Jedoch müssten effektive Verpackungs- und Plastikreglementierungen eingeführt werden, um die Müllmenge des Landes zu verringern und in punkto Müllvermeidung auch die Hersteller in die Pflicht zu nehmen.

Für Junkshop-Besitzer wie Noel würde wohl auch dann noch genügend Müll zum An- und Verkauf übrig bleiben.

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Kenntnisreiche Einführung in die indonesische Gegenwartskunst

Indonesien: Aktivist*innen aus Yogyakarta klären über die Gefahren von Plastik und Chemikalien in Menstruationsbinden auf und werben für waschbare Stoffbinden. In Workshops geben sie ihr Wissen an Frauen weiter und nähen mit ihnen gemeinsam farbenfrohe und umweltfreundliche Alternativen zu herkömmlichen Einwegbinden.

Frauen haben im Laufe ihres Lebens etwa 500 Mal ihre Tage. Über einen Zeitraum von rund 40 Jahren bluten sie (mit Ausnahme von Schwangerschaft und Stillzeit) alle vier Wochen etwa fünf Tage lang. Zusammen gerechnet rund sieben Jahre Lebenszeit! Benutzen Frauen herkömmliche Hygieneprodukte sind sie in dieser Zeit einem Chemikaliencocktail ausgesetzt, der über die empfindliche Vaginalschleimhaut in den Körper übergeht und dort dauerhafte Schäden anrichten kann. Kunststoffe, Phthalate (Weichmacher), Formaldehyd, Dioxin, Pestizide – all das findet sich in herkömmlichen Binden und Tampons. Da diese Hygieneprodukte Plastik enthalten, in Plastik verpackt sind und in großer Zahl verwendet werden, sorgen ihr Verbrauch und der daraus entstehende Müll für dieselben Probleme, die aller Plastikmüll verursacht. Er verschwindet nicht einfach, sondern seine Überreste umgeben uns allerorten.

Dabei gibt es Alternativen wie Menstruationstassen und waschbare Stoffbinden. Letztere werden nach der Benutzung einfach mit kaltem Wasser ausgespült und dann mit der restlichen Wäsche gewaschen. Sie haben den Vorteil, dass Frau sie selbst nähen kann und sich dabei in Haushalten bereits vorhandene Stoffreste wieder verwenden lassen. Drei Aktivistinnen aus Indonesien zeigen Frauen in speziellen Näh-Workshops, wie das geht. Die Umweltaktivistin Westiani Agustin (Ani) ist Gründerin des Labels Biyung, das Stoffbinden produziert und vertreibt. Mita und Mila sind Mitglieder des anarcha-feministischen Kollektivs Needle ’n Bitch (NNB), das geschützte Räume für Frauen bietet, emanzipatorische Aufklärungsarbeit leistet und den Kampf um Frauenrechte mit DIY verbindet. Im Kollektivhaus von NNB werden von vielen Händen an mehreren Nähmaschinen Tote-Bags, Taschen, T-Shirts und Monatsbinden aus Stoff genäht.

Warum und seit wann setzt ihr euch für die Nutzung und Verbreitung waschbarer Stoffbinden ein?

Mita: Meine Großmutter erzählte mir immer, dass sie sich früher mit Handtuch- und Stoffresten geholfen habe. Doch ich kannte lange nichts anderes als die handelsüblichen und vermeintlich alternativlosen Einwegbinden und Slipeinlagen. Inzwischen nenne ich sie „Müll-Binden“. 2014 wurde ich krank, meine Scheide schmerzte und juckte und ich musste im Krankenhaus behandelt werden. Dort sagte mir eine Ärztin, ich solle besser keine Binden/Slipeinlagen mehr verwenden, da sie viel Chemie enthielten, was sich dauerhaft schädlich auf meine Gesundheit auswirken könne. „Warum setzt ihr euch als Mediziner*innen dann nicht dafür ein, dass sie verboten werden?“, fragte ich. „Weil sich die Unternehmen und die Regierung um unsere Ratschläge nicht scheren“, sagte die Ärztin. Das machte mich wütend und ich beschloss, dieses Zeug einfach nicht mehr zu verwenden.

Ani: Ich benutze seit 2013 waschbare Stoffbinden. In Yogyakarta kannten das damals nur wenige Menschen. Deshalb dachte ich zunehmend darüber nach, Stoffbinden selbst zu produzieren und zu verkaufen. Dabei waren auch meine beiden heranwachsenden Töchter einbezogen, die ich zu der Zeit per home schooling unterrichtet habe. Sie hatten sich ein Projekt vorgenommen, bei dem sie zu Hause etwas herstellen wollten, das für Frauen nützlich ist. Sie suchten sich die Stoff-Monatsbinden aus.

Wie seid ihr auf das Problem Plastik in Monatsbinden und das daraus folgende Aufkommen von Müll aufmerksam geworden?

Ani: Ich bin seit 20 Jahren in der Umweltbewegung aktiv. Und dabei wurde mir immer mehr klar, dass alle Umweltprobleme mit unserem Konsumverhalten zu tun haben. Das heißt, wenn wir weniger Müll wollen, müssen wir weniger Müll-produzierende Dinge konsumieren. Darüber müssen wir nachdenken BEVOR wir etwas einkaufen. Das Gleiche gilt für Menstruationsprodukte. Wir benötigen davon regelmäßig so viel, dass dies enorme Mengen Müll produziert. Dem entgehen wir nur, wenn wir uns für wieder verwendbare Produkte entscheiden.

Sind euch Statistiken bekannt, wie viel Plastikmüll in Indonesien durch Plastik enthaltende Menstruationsprodukte verursacht wird?

Ani/Mita: In Indonesien leben dem Zensus von 2018 zufolge 132 Millionen Frauen. 60 Prozent, also fast 80 Millionen Frauen, sind zwischen 15 und 49 Jahre alt, haben also einmal monatlich ihre Periode. Rechnet man damit, dass sie pro Periode zwischen zehn und 20 Monatsbinden verbrauchen [Tampons werden in Indonesien kaum verwendet, d.R.] kommt man auf monatlich 80 bis 160 Millionen Plastik enthaltende Binden, die in Indonesien zu Müll werden!

Die Binden landen üblicherweise im Hausmüll. Wie wird dieser wiederum entsorgt?

Ani: In Indonesien gibt es keine kommunale Müllabfuhr. Aus Büros und Wohnkomplexen wird der Müll gegen eine Gebühr abgeholt und auf Müllhalden gebracht. Manche Menschen, die nicht in diesem System sind, bringen den Müll selbst zur Halde. Viele entsorgen ihn jedoch illegal: in Flüssen, Kanälen oder einfach irgendwo am Straßenrand. Oder sie vergraben oder verbrennen den Müll in ihren Hinterhöfen.

Wie seid ihr auf die Idee gekommen, euch die Alternativen zu herkömmlichen Binden einfach selbst zu nähen?

Ani: Das ergab sich aus der Weiterentwicklung des Projektes mit meinen beiden Töchtern und den Diskussionen mit ihnen. Von Oktober 2016 bis Juli 2017 machten wir zunächst einen Testlauf mit einer ausgewählten Gruppe von Menschen.

Mita: Ich kam nach meinem Krankenhausaufenthalt zurück in unser Gemeinschaftshaus und wurde dort von allen unterstützt. Wir suchten Informationen im Internet zum Plastik-Problem, den Gesundheitsfolgen und den Alternativen. Zum Glück hatten wir schon Erfahrung mit dem selber Nähen und Nähmaschinen hatten wir auch. Wir experimentierten also mit verschiedenen Stoffen für Hülle und Füllung von Stoffbinden, nähten drauf los und probierten das Ergebnis an uns und unseren Freundinnen aus. Daraus entstanden viele Diskussionen und schließlich die Workshops.

Aus welchen Materialien bestehen die waschbaren Stoffbinden, die ihr in Workshops mit Interessierten gemeinsam näht?

Ani/Mita: Die äußere, untere Schicht besteht aus buntem Batik-Stoff aus Baumwolle. Die äußere obere Schicht aus Resten von T-Shirts, also ebenfalls Baumwolle. Innen nähen wir unten zunächst eine Wasser abweisende Schicht ein, die wir aus Stücken von gebrauchten Regenmänteln zurecht schneiden. Darüber kommt als obere innere Schicht ein Stück Handtuch-Stoff aus Baumwolle. Alles sind Materialien, die in Haushalten bereits vorhanden sind und wiederverwertet werden.

Wie sind die Reaktionen, die ihr bekommt, wenn ihr das Konzept der wieder verwendbaren Monatsbinden vorstellt?

Mila: Die Reaktionen sind sehr verschieden. Manche Frauen sind anfangs unsicher, wie sie die Binden benutzen und pflegen können. Andere sorgen sich darum, ob sie saugfähig und hygienisch genug sind. Überwiegend reagieren die Frauen aber sehr positiv, denn sie verstehen, dass die Stoffbinden besser für ihre Körper und besser für die Umwelt sind.

Was ist aus deiner Sicht das größte Hindernis für Frauen, auf nachhaltige und Plastik-freie Menstruationsprodukte umzusteigen?

Ani: Vielen erscheint es erst mal teurer. Was es auf lange Sicht aber gar nicht ist. Eine Grafik von CNN Indonesia zeigt, dass auf zehn Jahre berechnet die Ausgaben für herkömmliche Einwegbinden das Doppelte bis Achtfache der Ausgaben für Stoffbinden ausmachen.

Habt ihr den do-it-yourself-Ansatz des Binden-Nähens vor allem aus Umweltaspekten gewählt oder spielen feministische Fragen des self empowerment auch eine Rolle?

Mila: Selbstverständlich. Sich seine Binden selbst herzustellen heißt, sich auf selbständige Weise mit den Bedürfnissen des eigenen Körpers für eine gesunde Menstruation auseinander zu setzen. Außerdem kann die Fähigkeit des selber Nähens die ökonomische Unabhängigkeit von Frauen als Einzelpersonen und auch als Gruppen erhöhen.

Würdest Du sagen, dass das Bewusstsein für die Umweltfolgen von Plastikmüll in Indonesien wächst?

Ani: Ja. Es gibt einen Trend zu einem „grüneren“ Lebensstil, es gibt zero-waste-Bewegungen und sie üben einen Einfluss auf die indonesische Gesellschaft aus. Es gibt inzwischen in Jakarta, Bandung, Yogyakarta und Surabaya Unverpackt-Läden. Die #zerowaste-Gruppen wachsen und veranstalten immer mehr Workshops und Festivals. Auch einige Regierungsbehörden haben inzwischen Regeln, dass in ihren Büros keine Plastikverpackungen mehr verwendet werden dürfen. Sicher wirkt Vieles erst mal wie ein Tropfen auf dem heißen Stein, aber es gibt an vielen Stellen Signale von Bewegungen, die sich für eine Reduzierung unseres Plastik-Konsums einsetzen.

Interview und Übersetzung aus dem Indonesischen von: Anett Keller

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1 | 2018, Indonesien, Rezensionen,
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Kenntnisreiche Einführung in die indonesische Gegenwartskunst

Kambodscha: Lesben, Schwule, Bi-, Intersexuelle und Transgender (LGBTI) werden in Kambodschas Gesellschaft marginalisiert. Das Netzwerk CamASEAN setzt sich mit Informationsarbeit und Veranstaltungen für ihre Inklusion ein und klärt die Bevölkerung über gängige Vorurteile auf. Ein Interview mit Srorn Sroun, Mitbegründer von CamASEAN.

Warum habt ihr CamASEAN gegründet?

Eigentlich sind wir ein loser Zusammenschluss von Aktivist*innen im LGBTI-Bereich. Wir sind eher eine Bewegung und weniger eine Institution. Wir organisieren Bildungsveranstaltungen, Kunstausstellungen und Berufstrainings, lobbyieren aber auch die kambodschanische Regierung, um politische Partizipation von LGBTI zu erreichen. Da wir auch LGBTI in Gefängnissen betreuen, mussten wir uns 2015 als Organisation registrieren lassen, denn ohne eine solche Registrierung erhält man keinen Zutritt zu Gefängnissen.

Wie ist die Lage von LGBTI in Kambodscha?

Die Situation ist sehr komplex. Einerseits verkündet die Regierung immer wieder ihre Unterstützung für LGBTI. Doch das für Gender-Fragen zuständige Frauenministerium klammert LGBTI aus ihren Aktivitäten oder strategischen Planungen aus. Und andererseits erfahren LGBTI immer wieder Diskriminierung, wie z.B. willkürliche Verhaftung, fehlender Zugang zum Gesundheitswesen, oder wir erhalten keine Erlaubnis, Informationsveranstaltungen durchzuführen.

Wie sieht es mit gleichgeschlechtlicher Ehe aus?

Formal ist die gleichgeschlechtliche Ehe in Kambodscha nicht erlaubt. Daher gibt es keine öffentlichen Hochzeiten, sondern lediglich private Feiern im Haus des Paares. In einigen Gemeinden werden trotzdem zwei Männer oder zwei Frauen gemeinsam ins Familienbuch eingetragen, dann aber als Geschwister. Eine traditionelle Hochzeit darf auch nicht stattfinden, stattdessen wird es zum Beispiel „Einweihungsparty für das gemeinsame Haus“ genannt. Das mag zwar im Einzelfall als Lösung funktionieren, beseitigt aber nicht das zu Grunde liegende Problem.

Wie ist die LGBTI-Bewegung in Kambodscha entstanden?

Der ursprüngliche Zugang kam über HIV/Aids-Projekte, für die die internationale Gemeinschaft in den 1990er Jahren viel Geld zur Verfügung stellte. Das war zwar wichtig, aber wir sehen heute auch, dass viele Nichtregierungsorganisationen von ausländischem Geld gänzlich abhängen und eine Agenda verfolgen, die nicht nachhaltig ist. Wenn Mittelgeber Programme für 1 oder 2 Jahre fördern, muss man sich fragen, wie es danach weitergeht. Und leider gibt es auch Konkurrenz zwischen den NGOs, sodass sie zu häufig aneinander vorbei arbeiten, anstatt zu kooperieren.

Was wissen die Menschen in Kambodscha über LGBTI?

Wir stellen immer wieder fest, dass in der Bevölkerung zu wenig Wissen über LGBTI vorhanden ist. Viele glauben noch, das sei ansteckend oder sei die willkürliche Wahl einer Lebensweise, die man auch wieder ändern kann. Und leider ist diese Unwissenheit auch in gebildeten Kreisen vorhanden.

In TV-Shows kommen LGBTI als Freaks vor, aber nie als normale Menschen mit einer mehrheitlich akzeptierten Lebensweise. Medien spielen eine große Rolle darin, wie LGBTI in der Gesellschaft wahrgenommen werden. Hier ist noch viel zu tun in Kambodscha.

Wir haben versucht, dieser Unwissenheit mit einem Vorschlag zur Änderung der Schulcurricula zu begegnen, damit junge Menschen etwas darüber lernen. Doch das zuständige Ministerium für Erziehung sieht lediglich zwei Stunden pro Schuljahr vor, um darüber zu sprechen.

Natürlich ist es auch ein großes Problem, das wir zu wenige Daten über LGBTI haben. Wir werden immer wieder gefragt, wie viele es gibt. Aber wir wissen es einfach nicht. Wir können lediglich schätzen, dass, wie in anderen Ländern auch, 10-15% der Bevölkerung LGBTI sind.

Welche Aktivitäten entwickelt CamASEAN, um die Situation zu verbessern?

Wir haben ein Netzwerk gegründet, das ganz verschiedene Aktivitäten verfolgt, um die Situation von LGBTI zu verbessern. Dabei konzentrieren wir uns nicht nur auf Gender-Aspekte, sondern wenden verschiedene Ansätze an, um mit den Menschen ins Gespräch zu kommen. Wir veröffentlichen Podcasts und Kurzfilme, die online abrufbar sind. Darin thematisieren wir Diskriminierung, verbreiten aber auch positive Nachrichten, z.B. über das Transgender-Paar, das in seinem Dorf ein Haus für obdachlose Alte gebaut hat. Das hat natürlich die Akzeptanz für das Paar in dem Dorf deutlich gesteigert.

Wir reden aber auch über Themen, die z. B. Jugendliche im Allgemeinen interessieren, z.B. Berufswahl, Schwangerschaft, Probleme in der Partnerschaft oder IT-Sicherheit.

In Phnom Penh haben wir ein Haus für obdachlose LGBTI errichtet, damit sie eine Anlaufstelle haben. Dort leben sie und gehen, soweit möglich, einer Arbeit nach. Wir haben dort strikte Regeln: Da Drogenkonsum unter jungen Menschen ein großes Problem in Kambodscha ist, sind bei uns Drogen verboten. Die Bewohner*innen sollen sich in sozialer Arbeit engagieren.

Mit unseren begrenzten finanziellen Mitteln stellen wir auch Kleinstkredite zur Verfügung, wenn jemand ein kleines Geschäft aufmachen will, z.B. ein Straßenrestaurant oder ein Tuktuk-Café. Wir nehmen nur 1% Zinsen und vereinbaren feste Rückzahlungsraten. Bei den Mikrokreditinstituten in Kambodscha zahlen die Menschen oft bis zu 30% Zinsen, und so landen sie in einer Schuldenfalle. Banken wie die ACLEDA Bank geben keine Kredite an HIV-positive Menschen, was natürlich diskriminierend ist. Die wirtschaftliche Unabhängigkeit ist sehr wichtig für viele LGBTI, weil es auf dem kambodschanischen Arbeitsmarkt viel Diskriminierung gibt und die meisten Unternehmen LGBTI nicht anstellen.

Wie sieht es mit LGBTI unter den ethnischen Minderheiten aus?

Natürlich gibt es wie überall auch bei den Indigenen, den ethnischen Vietnames*innen oder den Muslim*innen LGBTI. Wir versuchen, sie im Rahmen unserer finanziellen und organisatorischen Möglichkeiten zu unterstützen. Dabei beziehen wir uns nicht auf Religion, sondern auf den gesetzlichen Rahmen. In den muslimischen Gemeinden gibt es viele Menschen, die sagen, Gott habe die LGBTI so erschaffen, und deswegen sollen sie so akzeptiert werden. Aber auch hier haben wir zu wenige verlässliche Daten, um ein genaues Bild zu haben.

Ihr entwickelt auch viele Aktivitäten in den sozialen Medien.

Ja, Facebook ist sehr wichtig in Kambodscha, um Informationen zu verbreiten. Wir haben verschiedene Online-Auftritte, um die vielfältigen Aspekte von LGBTI zu behandeln. Unsere Facebookseiten werden von über 300.000 Menschen verfolgt, darunter etwa 6.000 Paare. Das Interesse ist also riesig.

Andererseits ist Facebook leider auch ein Medium, in dem Gerüchte und Unwahrheiten über LGBTI verbreitet werden. Wir werden dort oft beschimpft. Daher thematisieren wir über Facebook das Thema Online-Belästigung. Wir versuchen, positive Nachrichten zu senden und die Menschen zu ermutigen, darüber nachzudenken, was sie auf Facebook posten und welche Sprache sie benutzen.

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1 | 2018, Indonesien, Rezensionen,
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Kenntnisreiche Einführung in die indonesische Gegenwartskunst

Myanmar: Der Menschenrechtsaktivist Moe Thway ist Gründungsmitglied und Präsident der Organisation Generation Wave, die sich für Frieden, Demokratisierung und Menschenrechte in Myanmar einsetzt. Im Interview erklärt er, warum die Kultur der Gewalt, des Militarismus und der Unterdrückung in seinem Land noch immer so stark ist. Auch in der NLD, der Partei von Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi, dominiere ein autokratischer Führungsstil.

Nach den Parlamentswahlen 2015 in Myanmar gab es große Hoffnungen, dass die siegreiche Partei von Aung San Suu Kyi, die Nationalliga für Demokratie (NLD), den Demokratisierungsprozess in Myanmar voranbringen würde. Seither zeigt die Staatsberaterin einen zunehmend autoritären Führungsstil. Welche Hintergründe führen zu dieser Entwicklung und wie wirken sie sich auf die Demokratisierung aus?

Die politischen Veränderungen in Myanmar, die nach über fünf Jahrzehnten Militärdiktatur 2015 zu der Bildung einer Zivilregierung geführt haben, wurden nicht von den Menschen, der Oppositionspartei oder Aung San Suu Kyi herbeigeführt. Das Militär hat sie initiiert. Seine Machtposition hat es in der Verfassung von 2008 abgesichert. Demnach wird ein Viertel der Parlamentarier*innen von der Militärführung ernannt. Für eine Verfassungsänderung sind 75 Prozent plus eine Stimme im Parlament nötig. Das heißt, ohne Beteiligung und Zustimmung des Militärs kann die Verfassung nicht geändert werden. Viele wichtige Positionen in Politik und Wirtschaft werden von Militärs besetzt und Straffreiheit für die Ausbeutung von natürlichen Ressourcen ist gesetzlich verankert. Die Zivilregierung hat keinerlei Befugnisse über das Militär. Alle militärischen Angelegenheiten, Fragen der Sicherheit und der Verteidigung werden von der Militärführung entschieden und kontrolliert. Ich denke, dass der Regierung und Aung San Suu Kyi angesichts der anhaltenden militärischen Macht das Selbstvertrauen fehlt, ihre politischen Rechte auszuüben. Sie fühlen sich unsicher in ihrer Rolle.

Außerdem durchdringt die militärische Tradition noch immer alles. Auch viele führende NLD-Mitglieder haben einen militärischen Hintergrund, selbst Aung San Suu Kyi, deren Vater der Begründer der birmanischen Armee ist. Das hat ihre Persönlichkeit geprägt. Die meisten NLD-Mitglieder haben die Militärdiktatur erlebt und konnten keine demokratischen Werte oder ein Rechtsverständnis entwickeln. Es gibt eine jahrzehntelange Kultur der Gewalt, des Militarismus und der Unterdrückung in Myanmar. Der autoritäre Führungsstil wurde durch das langjährige Herrschaftssystem normalisiert. Auch die buddhistische Kultur und die patriarchale und hierarchische Tradition im Land haben dazu beigetragen.

Besonders problematisch ist aber, dass die NLD selbst auch nicht demokratisch ist. Aung San Suu Kyi wurde vor über 30 Jahren Parteivorsitzende. Diese Entscheidung wurde von ihr und einer Handvoll Parteimitglieder getroffen. Das ist in revolutionären Zeiten nachvollziehbar. Während der Militärdiktatur musste die NLD im Geheimen operieren und konnte den eigenen Leuten nicht trauen, weil es Agent*innen des militärischen Geheimdienstes in den eigenen Reihen gab. Sie haben das aber nie wirklich überwunden und bis heute fehlt es ihnen an Vertrauen untereinander und an der Fähigkeit, Entscheidungen mehrheitlich zu treffen. Deshalb ist die NLD und ihre Führung so autokratisch.

Nationalistische buddhistische Mönche schüren die Angst der Mehrheitsbevölkerung vor Muslim*innen, besonders den Rohingya, die angeblich eine Bedrohung für den Buddhismus und die Einheit des Staates darstellen. Welchen Nerv trifft das bei der Bevölkerung?

Nicht nur die Führungselite steht unter dem Einfluss der militärischen Vergangenheit. Das gilt genauso für die ‚gewöhnlichen Menschen’. Sie haben unter anhaltender Armut und fehlender Bildung gelitten und konnten ihre Grundrechte nicht ausüben. Angst wurde in ihr Denken gepflanzt. Jetzt öffnet sich das Land, aber nur oberflächlich. Trotz jüngster Reformbemühungen besteht das mangelhafte Bildungssystem fort. Und auch die lokalen Verwaltungsstrukturen sind noch dieselben. Für die Menschen in den ländlichen Regionen hat sich bisher nur wenig geändert. Eine vielschichtige Kultur von Gewalt prägt die Beziehungen zwischen den Menschen und zwischen Institutionen und den Menschen.

Rund 90 Prozent der Bevölkerung sind Buddhist*innen. Religion spielt noch immer die wichtigste Rolle in ihrem Leben, wichtiger noch als Bildung oder Freiheit. Sie haben kein Vertrauen in das politische System entwickelt und können leicht durch staatliche Propaganda und Hassreden gegen ethnische und religiöse Minderheiten aufgestachelt werden.

Welche Rolle spielt hier das Militär?

In der Vergangenheit hat das Militär seine Herrschaft damit gerechtfertigt, das Land vor politischer Zerrissenheit und dem Auseinanderbrechen schützen zu müssen. Ab Anfang der 2000er Jahre wollte das Militär selbst einen Systemwechsel, um den Druck der internationalen Sanktionen zu mindern. Deshalb wurden zivile Parteien bei den Wahlen 2010 zugelassen. Aber wie sollte es die Macht in einem parlamentarischen System behalten? Es war nahe liegend, sich einer nationalistischen und religiösen Ideologie zu bedienen, um Wähler*innen zu mobilisieren. Dafür mussten sie ein Feindbild finden. Die Muslim*innen boten sich an, denn sie machen nur wenige Prozent der Gesamtbevölkerung aus und können dem Land nicht gefährlich werden. So wurde der buddhistische Chauvinismus in Myanmar gestärkt. Und wieder behaupten die Militärs, das Land beschützen zu müssen.

Mit den Rohingya gab es bereits einen langjährigen Konflikt [über ihre Staatsbürgerechte]. Die Militärs haben den Konflikt ‚warm gehalten’, um ihn eines Tages zu nutzen. Obwohl die Menschen in einer offeneren sozialen und politischen Umwelt leben, stehen sie noch unter dem Einfluss des vergangenen Systems. So haben sie die nationalistische Ideologie leicht übernommen und richten ihren Hass gegen Rohingya und andere Muslim*innen. Dabei gibt es eine Reihe unterschiedlicher Schnittmengen. Viele Menschen etwa unterstützen Aung San Suu Kyi politisch, aber verteidigen den Buddhismus und den Nationalismus besonders gegenüber Muslim*innen.

Was bedeutet dieser autoritäre Regierungsstil für die Menschenrechte in Myanmar?

Zwischen 2010 bis 2015 gab es eine Liberalisierung, was die Menschenrechte anging. Die Regierung suchte die Anerkennung der internationalen Gemeinschaft und wollte sich als Reformerin darstellen. Deshalb hat sie viele zivilgesellschaftliche Aktionen toleriert. In einigen Fällen hat sie aber auch unnachgiebig durchgegriffen, etwa 2012 bei Protesten gegen die Letpadaung-Kupfermine in der Region Sagaing und 2015 bei einem Protestmarsch von Student*innen. Unter der NLD-Regierung glaubten wir, so etwas würde nie wieder passieren. Aber dann kam die Rohingya-Krise.

Es gibt auch eine Reihe von Gesetzen, die die Grundrechte einschränken. Das Telekommunikationsgesetz schränkt in Paragraf 66(d) die Meinungsäußerung in den sozialen Medien ein. Wir hatten erwartet, dass die NLD das Gesetz ändern würde, so dass es mit internationalen Menschenrechtsnormen übereinstimmt. Aber das hat sie nicht gemacht, sondern es sogar benutzt, um Menschen, die die Regierung kritisiert haben, zu verhaften. Das hat uns schockiert. Das Gesetz über friedliche Versammlungen und Demonstrationen wurde zwar geändert, aber nicht weitgehend genug. Das zeigt die autoritäre Einstellung der NLD-Regierung.

Inwiefern wird der Handlungsspielraum von Aktivist*innen und NGOs beschnitten?

Die Einschränkung der Meinungsfreiheit hat direkte Auswirkungen auf uns Menschenrechtsaktivist*innen. Wir müssen an unsere Sicherheit denken und uns überlegen, ob wir die Regierung für etwas kritisieren. Das betrifft besonders den Völkermord an den Rohingya. Die Mehrheit der Menschen und auch viele Aktivist*innen sind von der Propaganda so beeinflusst, dass sie diesen Völkermord unterstützen. Mitte 2016 veröffentlichte Aung San Suu Kyi eine Stellungnahme, die untersagte, die Bezeichnung „Rohingya“ zu verwenden. Seither trauen sich die Menschen nicht mehr, sie zu gebrauchen. Es war kein Gesetz, aber wir wissen einfach nicht, was passiert, wenn wir der Anweisung nicht folgen.

Dazu kommt die nationalistische und islamfeindliche Hetze. Als die Gewalt gegen die Rohingya begann, wagten nur wenige moderate Personen, sich zu äußern. Ich selbst traue mich nicht, öffentlich über die Rohingya zu sprechen, auch wenn ich es immer wieder versucht habe. Es ist sehr gefährlich für mich und andere Aktivist*innen.

Wir wagen es auch nicht, uns zu anderen Themen zu äußern, etwa zu der verbreiteten Korruption staatlicher Institutionen oder dem Vorgehen des Militärs gegen Demonstrant*innen oder ethnische Gruppen. Das könnte als Verleumdung behandelt und mit bis zu 20 Jahren Haft bestraft werden. Ich hatte nie erwartet, so etwas unter Aung San Suu Kyis Regierung zu sehen. Sie hat den Friedensnobelpreis und viele andere Auszeichnungen bekommen und war über Jahrzehnte die meist respektierte und verehrte Führungspersönlichkeit. Sie war der ehrwürdigste Mensch in meinem Leben. Ich will sie nicht verteidigen, aber ich glaube nicht, dass sie sich plötzlich verändert hat, sondern dass sie schon immer so war. Wir haben sie vorher nur nicht wirklich gekannt.

Wie adressieren Menschenrechtsaktivist*innen die Restriktionen der Regierung?

Nach der Wahl 2015 haben wir versucht, mit den Parlamentarier*innen zu sprechen. Viele kennen wir schon lange und sie sind unsere Freunde. Wir haben sie ermutigt, Änderungen repressiver Gesetze gegen die Menschenrechte voranzubringen. Aber Aung San Suu Kyi dominiert nicht nur die Regierung. Als Staatsberaterin kann sie auch direkt mit der Legislative sprechen. Keiner der Parlamentarier*innen wagt es, sich gegen ihren Willen zu stellen. Das hat Auswirkungen auf unsere Advocacy-Tätigkeiten. Die Parlamentarier*innen hören uns zwar an, aber sie unternehmen nichts. Sie folgen der Regierung und nicken ab, was Aung San Suu Kyi und die Partei will. Deshalb gehen wir bei kontroversen und kritischen Themen auf die Straße und demonstrieren. Unter der vorherigen Regierung haben sich viele Menschen unseren Protesten angeschlossen. Heute sind viele regierungsfreundlich und glauben an die Kompetenz von Aung San Suu Kyi.

Wir haben aber nicht mehr so viele Verbündete wie früher. Es gibt einige Organisationen, die ihre Stimme auch kritisch gegen die Regierung und andere Institutionen erheben. Dafür werden wir angeklagt. Zurzeit laufen zwei Verfahren gegen mich und andere Aktivist*innen, weil wir für Frieden und die Gleichberechtigung der ethnischen Gruppen demonstriert haben. Wir versuchen auch, die internationalen Menschenrechtsmechanismen zu erreichen. Sie sind unsere einzige Hoffnung, solange wir nicht mit der Regierung oder anderen Institutionen sprechen können .

Der birmanische Aktivist Khin Zaw Win hat 2018 gesagt: „In Ermanglung einer politischen Ideologie verfallen Myanmars Regierende in Primitivismus, Populismus und Autoritarismus.“ [eigene Übersetzung] Wie kann eine zukünftige Vision für Myanmar entwickelt werden, und welche Rolle kann die Zivilgesellschaft dabei spielen?

Um die Situation in Myanmar zu verändern, braucht es mehr als die Zivilgesellschaft. In der Vergangenheit haben wir versucht, soziale Veränderung zu unterstützen, Menschen zu mobilisieren und die NLD in ihrer Oppositionsrolle zu unterstützen, weil wir glaubten, dass sie eine liberale Demokratie will. Aber wir brauchen ein anderes Wirtschaftssystem. Es wurde durch nepotistische Strukturen zerstört, mit denen sich das Militärregime die natürlichen Ressourcen gesichert hat. Die Menschen leben in Armut und haben kaum Chancen auf eine angemessene Bildung und Gesundheitsversorgung. Der Wohlstand ist zu ungleich verteilt. Dafür brauchen wir die Regierung.

Aber die NLD hat sich seit 2015 stark verändert. In der Zivilgesellschaft fragen sich viele, welche Partei wir bei den nächsten Parlamentswahlen 2020 wählen sollen. Es gibt keine, die unsere Träume für die Zukunft erfüllt. Deshalb wollte ich 2016 mit Gleichgesinnten eine neue Partei gründen, die von den Aktivist*innen der 88er Generation geführt wird. Während der Rohingya-Krise haben wir festgestellt, dass sie zur Regierung und dem Militär stehen und uns sogar davon abhalten wollten, über Unterstützung für die Rohingya zu sprechen. Da haben wir die Gruppe verlassen. Jetzt gründen wir eine neue Partei, die unsere Werte vertritt. Was Khin Zaw Win gesagt hat, stimmt für die etablierten politischen Parteien. Nicht einmal die NLD folgt ihren liberalen Werten, ihr fehlt eine klare politische und ökonomische Strategie.

Wenn wir über die Grenzen von Myanmar in die Nachbarländer der Region schauen, sehen wir zunehmend autoritäre Regierungen. Haben diese regionale Entwicklungen Auswirkungen auf Myanmar?

Myanmar ist Mitglied in der ASEAN-Gemeinschaft und die Situation ist in den meisten Mitgliedsstaaten ähnlich. Außer Indonesien werden alle mehr oder weniger autokratisch regiert. Wir sind Teil des ASEAN Youth Movement. In unserem Netzwerk nennen wir ASEAN die ‚Vereinigung des Bösen’. Die autoritären Regime in der Nachbarschaft bieten also keine Inspiration. Stattdessen helfen sich die Regime gegenseitig, die Missstände in ihren Ländern zu vertuschen.

Viel mehr wird Myanmar von den weiter entfernt liegenden westlichen Ländern beeinflusst. Dort nimmt der Nationalismus zu. Viele Politiker*innen und Bürger*innen schauen Richtung USA und fragen sich, warum sich dieses liberale Land so stark verändert hat. Das ist keine plötzliche Entwicklung. Sie wählen einen neuen Weg, weil sie es nicht mehr ertragen und die Grenzen von Demokratie und Menschenrechten sehen. Auch der Brexit hat Auswirkungen. Wir wollen eine föderale Struktur, aber Großbritannien hat sich dagegen entschieden.

Wenn die Lage in Myanmar dann bei den Vereinten Nationen diskutiert wird, fragen sich die Menschen, warum sich selbst die USA aus dem UN-Menschenrechtsrat zurückgezogen haben. Und dann zeigen Deutschland, Frankreich, Großbritannien oder die USA auf Aung San Suu Kyi und Myanmar und sagen, sie sollten toleranter gegenüber den Muslim*innen sein? Sie akzeptieren doch selbst die Menschen aus Syrien und dem Nahen Osten nicht. Wie soll Myanmar also die Rohingya tolerieren, wenn im Westen anti-muslimische Trends zunehmen? Dieses Narrativ basiert auf der Weltpolitik.

Die Länder in Südostasien ahmen den Westen nach. Nach 9/11 begann die ganze Welt Anti-Terrorismus-Maßnahmen zu schaffen. Wir haben keine terroristische Bedrohung in Myanmar, aber inzwischen gibt es entsprechende Gesetze und die Menschen haben Angst vor dem Terror. In Myanmar und in den Ländern der Region sagt man, dass die USA und Europa Menschenrechte und Demokratie ‚exportieren’, um unsere Länder zu beeinflussen und sie wirtschaftlich wieder zu kolonialisieren. In den letzten zwei Jahrzehnten hat der Westen aber nicht die Demokratie gebracht, sondern China- und Islamfeindlichkeit verbreitet. Die wurde nicht aus den asiatischen Ländern, sondern aus dem Westen importiert. Das hat eine signifikante Auswirkung auf unser Land und die Region Südostasien.

Interview und Übersetzung aus dem Englischen von: Judith Kunze.

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1 | 2018, Indonesien, Rezensionen,
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Kenntnisreiche Einführung in die indonesische Gegenwartskunst

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Kenntnisreiche Einführung in die indonesische Gegenwartskunst

Kambodscha: Judith W. Taschlers fesselnder Roman „Das Geburtstagsfest“ handelt vom Er- und Überleben des Regimes der Roten Khmer. Auf einfühlsame Weise schildert die Autorin Verdrängung, Lügen, Traumata und den Umgang mit der Vergangenheit.

Der Roman erzählt die Geschichte von Tevi Gardiner und Kim Mey, die als Kinder gemeinsam den Roten Khmer entkamen und in Österreich in einer Gastfamilie Zuflucht fanden. Als junge Erwachsene verloren sie sich wieder aus den Augen – bis Jonas, der jüngste Sohn Kims, zum 50. Geburtstag seines Vaters einen Überraschungsgast einlädt: Tevi. Doch seine Eltern empfangen sie eher kühl als herzlich.

Kindheit unter den Roten Khmer

Mit Rückblenden werden drei Familiengeschichten, auch die der österreichischen Adoptivfamilie, erzählt. Vergangenheit und Gegenwart, sowie die Orte der Handlung in Kambodscha und Österreich wechseln sich ab und werden immer weiter miteinander verwoben. Die Kindheit der beiden Hauptfiguren könnte nicht unterschiedlicher sein: Während Tevi behütet in einer wohlhabenden Familie zweisprachig aufwächst, lebt Kims Familie vom Fischfang und in armen Verhältnissen. Die Autorin zeichnet anfangs ein noch friedliches Bild von Kambodschas Süden um das Seebad Kep, wo die gehobene Mittelschicht in den frühen 1970er Jahren noch Feste feierte, während die Machtübernahme durch die Roten Khmer wie ein drohendes Gewitter langsam aufzog.

Die folgende Gewaltherrschaft der Khmer Rouge wird schonungslos anhand der Erlebnisse der beiden beschrieben: Die Vertreibung aus ihren Häusern, die unerbittlichen erzwungenen Märsche von der Stadt in ländliche Gebiete, die willkürlichen Morde, die Gewalt an Unschuldigen, die Brutalität in den Arbeitslagern. Auch die Angst der Bevölkerung und das ständig steigende Misstrauen unter den Soldaten der Roten Khmer, das bis ins Paranoide umschlägt, wird fühlbar bis zum Zusammenbrechen des Systems erzählt. Im Kontrast zeigt sich dann im idyllischen Österreich der Gegenwart wie beide völlig unterschiedlich mit den Schrecken der Vergangenheit umgehen. Wer ist Opfer, wer ist Täter? Heilt die Zeit alle Wunden?

Wie ein Puzzle fügt sich alles zusammen

Die Autorin schafft es, eine langsame und stets steigende Spannung aufzubauen: Gleichsam fiebert man auf den Gipfel des Geburtstagsfestes hin, bei dem eine drohende Eskalation unvermeidlich scheint, also auch auf das Aufdecken der Geheimnisse der Vergangenheit von Kim und Tevi. Spätestens nach der Hälfte nimmt der Roman so an Fahrt auf, dass man das Buch kaum aus der Hand legen möchte.

Gleichzeitig wird der düstere, historische Hintergrund glaubhaft vermittelt. Anhand des schweren Themas beeindruckt dabei vor allem eines: Taschlers einfühlsamer Stil. Manchem Leser mögen zwei, drei Zufälle und Wendungen des Geschehens in der Erzählung etwas zu viel des Guten sein, aber es handelt sich schließlich um einen Roman und nicht um ein Sachbuch. Wer nur wenig über Kambodscha weiß, bekommt, verpackt in ein Familiendrama, einen Eindruck von der grauenvollen Zeit unter den Roten Khmer.

Rezension zu: Judith W. Taschler, „Das Geburtstagsfest“, Verlagsgruppe Droemer Knaur*

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Kenntnisreiche Einführung in die indonesische Gegenwartskunst

Vietnam: Die viehrzehn Kurzgeschichten des Erzählbandes „Endlose Felder“ spielen im Mekong-Delta und sind eng mit dieser Landschaft verwoben. Sie handeln vom Verlassen, Verlassen-Werden, von Flucht und von Sehnsucht. Die Autorin Nguyễn Ngọc Tư wurde für ihr literarisches Schaffen auf der Frankfurter Buchmesse 2018 mit dem LiBeraturpreis von Litprom ausgezeichnet.

In den Geschichten von Nguyễn Ngọc Tư bleibt die Zeit stehen, oder vielmehr ist Zeit etwas, das nie angefangen hat und sich nie wirklich vorwärts bewegt. Die Figuren sind gefangen in einem endlosen Kreislauf von traumatischen Ereignissen der Vergangenheit und der Möglichkeit einer imaginären Zukunft, in der alles besser wird, die aber immer außer Reichweite bleibt. Sie führen ein trostloses Leben, das sich in seiner Trostlosigkeit nur vom Wechsel den Jahreszeiten unterbrechen lässt.

Nicht nur die Zeit, sondern auch der Ort ist schwer (be)greifbar. Obwohl alle vierzehn Geschichten im Mekong-Delta spielen, lässt Nguyễn die die Umgebung bestimmenden Zeichen komplett aus, und erreicht damit eine traumähnliche Wirkung. Gleichzeitig gibt dies den Geschichten eine gefühlte Allgemeingültigkeit. In der minutiösen Beschreibung der Flora sind die Bezeichnungen zwar ‚vietnamesisch’, aber die bittere Perspektivlosigkeit des bäuerlichen Lebens hinter der trügerischen ländlichen Idylle sind allzu bekannt und übertragbar.

Allgegenwärtige Gewalt

Die Landschaft schont niemanden und lässt wenig Veränderung zu. Die Männer werden zu wortkargen Automaten, die in nostalgischen Erinnerungen oder in betäubenden ‚Wirkstoffen’ (Alkohol, Glücksspiel, Sex) Zuflucht vor der Realität finden. Für die Frauen ist die Situation noch aussichtsloser. Alleine, insbesondere ohne ein Stück Land zu bebauen, sind sie hilflos der Hilfsbereitschaft Anderer – häufig Fremder – ausgeliefert. Gleichzeitig sind sie von den Männern in ihrer Familie abhängig und werden oft zur Zielscheibe deren Frustration, die sich immer wieder auch in Gewalt manifestiert. Gewalt gegen Frauen ist in allen möglichen Formen, emotionaler, körperlicher und sexueller, überall im Buch anwesend. In der Titelgeschichte muss die Protagonistin erst mit der emotionalen Vernachlässigung ihres Vaters und mit dem Verlassen ihres Bruders umgehen, um später nur von einem noch heftigeren Schicksalsschlag getroffen zu werden.

Verlassen ist ein oft wiederkehrendes Thema in den Geschichten des Erzählbandes. Frauen werden von Liebhabern, Männern und Familien verlassen. Sehr selten sind sie diejenigen, die eine Beziehung fallen lassen, und auch dann meistens auf der Suche nach einem erfüllteren (und/oder gewaltfreien) Leben. Diese kleinen Trotzreaktionen repräsentieren eine Art Hoffnung, denn sie zeigen die ungewöhnliche Resilienz den Bewohnerinnen dieses grimmigen Gebiets. Nguyễn verkündet aber kein Urteil; mit klarer, verdichteter Sprache und manchen Auslassungen statt direkter Stellungsnahmen, stellt sie eine Version der Wirklichkeit dar und vertraut den Leser*innen, ihre eigenen Schlussfolgerungen zu ziehen.

Kampf mit der Zensurbehörde

Wie auch bei ihren vorherigen Veröffentlichungen, hatte die Autorin Nguyễn auch bei diesem Buch wieder mit der Zensurbehörde zu kämpfen, um schreiben zu können, wie sie schreiben will. Für manche ist offenbar die schonungslose Darstellung der Wirklichkeit, wie sie der Autorin immer wieder gelingt, schon ein Urteil. So wurde die Titelgeschichte zunächst von den vietnamesischen Behörden verboten. Nach dem Erscheinen des Buches aber wurde eben diese Geschichte sogar auch für das Kino adaptiert.

Filmtrailer: Floating Lives:

Rezension zu: Nguyen Ngoc Tu: Endlose Felder. Aus dem Vietnamesischen von Günter Giesenfeld und Marianne Ngo, Mitteldeutscher Verlag, 2017, 264 Seiten, 24,95 €.

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USA/Vietnam: Der Roman „Auf Erden sind wir kurz grandios“ von Ocean Vuong packt die Geschichte(n) an der Wurzel der Herkunft. In Form eines Briefes an seine vietnamesische Mutter erzählt der in den USA lebende Protagonist von seiner Kindheit in Vietnam, vom Ankommen in den USA, von Gewalt und von Liebe.

Der Debütroman des 30-jährigen vietnamesisch-amerikanischen Lyrikers Ocean Vuong wurde sofort nach seinem Erscheinen ein großer Erfolg. Von vielen Kritiker*innen wird das Buch als der neue ‚große amerikanische Roman’ bezeichnet. Das Buch ist in Form eines Briefes geschrieben, den der Protagonist Little Dog an seine analphabetische Mutter adressiert. Unter dem Schutzmantel der englischen Sprache und in der festen Überzeugung, dass seine vietnamesische Mutter das Bekenntnis nie wird lesen können, entfaltet sich die Geschichte seiner Flucht und Trauma, vom Verlust und dem Wieder finden der Würde. Es geht aber auch um die Suche nach einem eigenen Ort im Schmelztiegel von Identitäten, Körpern und Erzählungen, einem Ort an dem man als Mensch gesehen und gehört wird.

Wo die Geschichten beginnen

Gesehen und gehört zu werden, das hat für Vuongs Charaktere die allergrößte Bedeutung. Die Geschichten von Einwanderern wie Vuong beginnen nicht mit ihren ersten Schritten auf amerikanischen Boden, sondern mit den ersten amerikanischen Bomben die auf ihr Heimatland fallen. Viele Erinnerungen bleiben hinter einer Wand von Scham, Schmerz und der Unangemessenheit oder dem Mangel der Sprache verborgen. Sprache kann ein Mittel sein, um diese Wand einzureißen. Die Beherrschung der englischen Sprache, ein Thema, das in der vietnamesisch-amerikanischen Literatur häufig vorkommt, nutzt der Protogonist Little Dog, um seine Familie nach außen zu repräsentieren. Genau so wie der Autor Vuong sie nutzt, um die vietnamesisch-amerikanischen Einwanderer-Erfahrungen in den literarischen Kanon des Landes einzuschreiben. Letztlich gelingt es ihm damit auch, zu zeigen, dass diese Erfahrungen in den Wurzeln aller amerikanischen Geschichten stecken. Geschichten, die von der Gewalt der Eroberung stammen, durch Gewalt weitergeführt und mit gewalttätiger Sprache fortgeschrieben werden. Aber auch mit herzzerreißend schöner Sprache.

Andere Stimmen hörbar machen

Das Buch ist zugleich ein Coming-of-Age-Roman mit einer queeren Liebesgeschichte. Das ist nicht nur aus der Perspektive der Liebe wichtig. Der Autor setzt sich auch hier mit seiner biografischen Erfahrung auseinander und macht so im doppelten Sinn Stimmen von Minderheiten hörbar. In der Art und Weise, wie Vuong über das Sehnen und Sich-Auseinandersetzen mit dem eigenen Körper schreibt, zeigt sich der Autor zu Recht als gefeierter Lyriker. Für ihn bedeutet Liebe auch, gesehen zu werden, in unserer grandiosen Schönheit, bewahrt vor jeglichem Vorurteil. Damit werden wir auf Erden, wenn auch nur für eine kurze Zeit, alle grandios.

 

Rezension zu: Ocean Vuong: Auf Erden sind wir kurz grandios. Übersetzt von Anne-Kristin Mittag, Hanser Verlag 2019, 240 Seiten, 20,- € / E-Book 16,99 €.

 

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Kenntnisreiche Einführung in die indonesische Gegenwartskunst

Malaysia: Der politische Cartoonist Zunar hat in den letzten Jahren massive Kritik an der malaysischen Regierung geübt. Nach schweren Repressalien wurde er – politisch motiviert – wegen Aufwiegelung angeklagt, das Verfahren aber nach dem Regierungswechsel eingestellt. Über seine Situation im „Neuen Malaysia“ spricht er im Interview.

2015 wurde Zunar angeklagt, die malaysische Regierung und Justiz beleidigt zu haben. Die Staatsanwaltschaft berief sich dabei auf den noch aus der britischen Kolonialzeit stammenden Sedition Act (Gesetz gegen staatsgefährdende Aktivitäten). Das von Menschenrechtsorganisationen seit Langem kritisierte Gesetz wurde von der Regierung des Ex-Premiers Najib Razak (2009- 2018) vermehrt genutzt, um Kritiker*innen zu verfolgen. Zunar sollte in dem angestrebten Prozess für neun kritische Twitter-Posts mit 43 Jahren Haft bestraft werden. Im Juli 2018 wurde die Anklage fallen gelassen.

Die Südostasien Informationsstelle im Asienhaus präsentierte 2016 eine Ausstellung mit seinen Cartoons. Zunars Situation, sein Kampf für freie Meinungsäußerung und seine Cartoons wurden wiederholt in der südostasien aufgegriffen.

Seit Mai 2018 gibt es eine neue Regierung in Malaysia. Was bedeutete der Regierungswechsel für dich?

Ja, endlich. Es ist das erste Mal seit 1957, dass wir eine neue Regierung haben. Unter der letzten Regierung wurde ich unter dem Sedition Act angeklagt, viele meiner Bücher wurden verboten, ich bekam Ausreiseverbot. Daneben wurde ich mit allen möglichen Arten von Belästigungen konfrontiert. Zum Glück wurde kurz nach dem Regierungswechsel die Anklage gegen mich fallengelassen und das Reiseverbot aufgehoben. In den Läden kann man jetzt wieder meine Bücher kaufen.

Wie geht es dir mit deiner neuen Freiheit?

Für mich war das eine große Erleichterung. Ich habe nun ein viel besseres Leben. Ich kann wirklich zeichnen, was ich will, ohne mich um Einschüchterungen zu sorgen. Wenn ich Ausstellungen mache, muss ich mir keine Sorgen machen, dass Störungen auftreten oder ich von der Polizei verhaftet werde. Ich habe mehr persönliche Freiheiten. Das hat sich für mich verbessert.

Du warst öfters in Untersuchungshaft. Wie hast du das erlebt?

Ich wurde fünfmal unter Bezugnahme auf sechs verschiedene Gesetze verhaftet, war aber tatsächlich nie im Gefängnis. Die Unterbringungen dauerten unterschiedlich lange, von einem Tag bis zu einer Woche. Ich war dort zusammen mit anderen Angeklagten. Es gibt eine offene Toilette für alle und man hat den ganzen Tag nichts zu tun. Man kann nur kurz duschen und schläft auf dem Zementboden. Moskitos sind überall, Mahlzeiten gibt es nur zu bestimmen Uhrzeiten, die letzte um 6 Uhr abends. Wenn ich mehrere Tage eingesperrt war, habe ich immer ein paar Kilo abgenommen. Ich nenne es die Lock-Up-Diät, kein Essen nach 6 (lacht). Vielleicht wenigstens ein positiver Aspekt des Ganzen.

Dann gab es Vernehmungen. Sie stellen Fragen und Fragen. Bei der intelligence interrogation fragen sie dich alles über dein Leben, deine Familie, wo du zur Schule gegangen bist, wirklich alles. Und das kommt dann ins System. Dein Anwalt ist bei den Vernehmungen nicht dabei.

Deine Arbeit konzentrierte sich in den letzten Jahren stark auf die Regierung, Korruption, den 1MDB (Korruptionsskandal um einen malaysischen Staatsfond, siehe auch Artikel von Boon Kia Meng in dieser Ausgabe) und Ex-Premier Najib. Was hat sich dem Regierungswechsel für deine Arbeit verändert? Hast du einen anderen Fokus?

Meine Zeichnungen haben sich ein wenig verändert, aber meine Ziele sind noch nicht erreicht. Manche meinen, mit dem Wechsel ist es getan. Aber das ist natürlich falsch. Ich als politischer Cartoonist mache weiter und kritisiere auch die neue Regierung. Sie haben viele Versprechungen gemacht, aber nur wenig getan.

Hat sich auch der Stil deiner Cartoons mit dem Regierungswechsel verändert?

Der Stil ist ein wenig anders, es ist eine andere Art des Zeichnens. Najib ist kein Premier mehr. Meine befreundeten Kolleg*innen in den USA sind in gewisser Weise glücklich über Trump. Für einen Cartoonisten ist Trump mit seinem Auftreten natürlich eine Steilvorlage. Wenn er nicht mehr Präsident ist, werden sie diese Lücke füllen müssen. So ist das bei mir gerade.

Was hat sich noch geändert?

Ich habe mal gesagt, Cartoons sind für mich wie eine Waffe, um ein Land zu befreien. Aber jetzt geht es darum, das Land wieder aufzubauen.

Wie siehst du die neue Regierung?

Ich übe mit meinen Zeichnungen weiter Kritik und beobachte genau was passiert. Nur weil die Regierung gewechselt hat, höre ich nicht auf. Ich finde, dass die alte Regierung sehr viel Macht hatte. Man sollte nicht die gleichen Fehler machen und der neuen Regierung genauso viel Macht geben.

Du hast dich in der Vergangenheit für Anwar Ibrahim eingesetzt, seine Verhaftung kritisiert, was mit zu der Anklage gegen dich geführt hat. Anwar soll bald Mahathir Mohamad als Premier ablösen. Wie wirst du damit umgehen, wenn er Premier wird?

Das spielt keine Rolle. Ich werde seine Handlungen und seine Politik genauso kritisch begutachten wie die der anderen. Wenn er gut regiert, begrüße ich das. Aber meine Aufgabe ist es, die Politiker*innen an ihren Auftrag und ihre Verantwortung zu erinnern, die sie gegenüber den Malaysier*innen haben.

Was müsste in dieser Hinsicht in Malaysia getan werden?

Neben der Bekämpfung der Korruption, muss das Land dezentraler werden. Ein Kernproblem der Vergangenheit ist, dass die Macht auf wenige konzentriert wurde. Im „Neuen Malaysia“ sollte durch Dezentralisierung politische Macht mehr verteilt werden und dafür kämpfe ich.

Neben den Problemen in der Politik gibt es nicht-politische Probleme, die angegangen werden müssen. Ich möchte dabei helfen unsere Nation wiederaufzubauen, Korruption zu bekämpfen. Es geht dabei nicht nur um Politiker*innen, sondern auch um die Leute. Wir starten bei null.

Wie ist dein Eindruck nach etwa einem Jahr Amtszeit der neuen Regierung? Gab es aus deiner Sicht Fortschritte?

Ich möchte mich da nur zu einem Thema äußern: Meinungsfreiheit. Die Leute sagen, es gibt einen Wandel, Malaysia hat sich in weltweiten Rankings verbessert. Aber ich sehe bisher nur wenig Veränderungen. Ich will einen politischen Willen von der Regierung sehen. Und woran sehe ich das? Man redet von Freiheit. Das Gesetz, der Sedition Act, ist aber immer noch da.

Du hattest (ohne Erfolg) gegen den Sedition Act geklagt, da er u.a. gegen den Artikel der Meinungsfreiheit verstieße. Die neue Regierung versprach ihn abzuschaffen.

Hat sie, vor über einem Jahr. Hat sie ihn aufgehoben?

Nein, bisher noch nicht.

Genau. Deshalb warte ich darauf, dass er tatsächlich abgeschafft wird. Es ist nichts passiert, nur Worte. Bis er abgeschafft wird, mache ich weiter und werde keine Ruhe geben. Die neue Regierung hat das Gesetz noch nicht angewandt, aber sie nutzt ihn vielleicht später.

Das ist, wie wenn jemand eine Waffe hat, und sagt er nutzt sie nicht, aber er hat noch immer diese Waffe. Wenn sie von Wandel sprechen, dann müssen sie uns ihren Willen zeigen und den Sedition Act abschaffen. Wenn du den Willen hast, dann machst du es.

Beispielsweise wurde der Priester Wan Ji Wan Hussin im Juni 2019 noch unter dem Gesetz verurteilt, Das ist zwar ein alter Fall, von vor den Wahlen. Aber ich wiederhole, wenn sie den politischen Willen hätten, gäbe es das Gesetz nicht mehr.

Man sagt auch zu den Medien: „Ihr seid nun freier“. Aber der Sedition Act ist noch da. Ich glaube, dass viele Journalist*innen noch verängstigt oder vorsichtig sind.

Deine Zeichnungen kann man in Ausstellungen anschauen, sie erscheinen in Printmedien und sind online zu finden. Wo fühlst du dich eher zu Hause?

Online wird immer wichtiger, klar ist da diese Tendenz. The Nation aus Thailand z. B. erscheint seit einigen Monaten nur noch online. Für die konventionellen Medien wird es schwieriger. Für mich ist das Medium nicht so wichtig. Wichtig ist, dass meine Zeichnungen verbreitet werden und eine Wirkung zeigen. Das geht mittlerweile online ein bisschen einfacher.

Wie siehst du die Bedeutung der ‚sozialen Medien’ für Meinungsfreiheit und für einen Demokratisierungsprozess in Malaysia?

Ich denke, sie spielen eine wichtige Rolle. Insbesondere haben die ‚sozialen Medien’ das Monopol der Redakteure durchbrochen. Wir bekommen mehr Perspektiven. Und es geht nicht nur um Inhalte, sondern auch um Verbreitung und die Geschwindigkeit der Berichterstattung.

Es kommt in den sozialen Medien immer wieder zu so genannten Fake-News. Die alte Regierung wollte hierzu ein Gesetz verabschieden.

Ja, Fake-News tauchen immer häufiger auf und können ein Problem sein. Manche Regierungen sind damit zunächst überfordert und wissen nicht, wie sie darauf reagieren sollen. Das Problem ist die Definition. Was sind Fake-News, wer entscheidet darüber? Ein Anti-Fake-News-Gesetz birgt dieselbe Gefahr wie der Sedition Act. Darüber sollten Regierungen nicht wachen und entscheiden. Sie sollten nicht die Kontrolle haben. Es muss eine unabhängige Instanz geben.

Wie siehst du den Umgang malaysischer Politiker*innen mit ‚sozialen Medien’ wie Twitter und Facebook?

Die Politiker*innen in Malaysia nutzen die sozialen Medien nicht so intensiv oder offensiv wie Trump. Aber immer mehr von ihnen nutzen diese Kanäle. Sie scheinen PR-mäßig noch damit zu üben und wollen Einfluss gewinnen. Die Debatten und Auseinandersetzungen zwischen Opposition und Regierung nehmen online zu. ‚Soziale Medien’ haben gute und schlechte Seiten. Aber nur die negativen Nachrichten gehen zumeist viral.

Hast du selbst damit Erfahrungen gemacht?

Ja. Es gab kürzlich einen abgeänderten Cartoon von mir, der in den ‚sozialen Netzwerken’ zirkulierte. Man hatte den Titel, die Worte, geändert aber die Zeichnung war dieselbe und weiterhin als Zunar gekennzeichnet. Da habe ich mich auch über drei Accountholder beschwert.

Wie siehst du das „Neue Malaysia“ im Vergleich zu anderen südostasiatischen Staaten wie Thailand oder Kambodscha? Entwickelt es sich in eine andere, eine demokratischere Richtung?

Es ist schwer diese Länder zu vergleichen. Jedes Land hat sein eigenes System, seine eigene Geschichte, seine eigene Politik. Was aber viele ASEAN-Länder gemein haben und ihre Entwicklung hemmt, ist Korruption. Nicht in der Vergangenheit, sondern die heutige und zukünftige Korruption. Eine gute Regierung macht eine gute Anti-Korruptionspolitik, das ist für mich wichtig.

Wie ist die Resonanz der malaysischen Bürger*innen auf deine Cartoons?

Unterschiedlich. Ich werde auf der Straße angesprochen oder ich sehe die Reaktionen in den ‚sozialen Medien’. Manche mögen meine Cartoons, manche nicht. Einige haben mich schon kritisiert, dass ich nicht Pakatan Harapan (die neue Regierungskoalition) kritisieren soll. Aber das ist mein Job.

Dieses Jahr erschien dein Buch “Fight Through Cartoons – My story of harassment, intimidation and jail”. Worüber schreibst du darin?

Es geht um all die Probleme, die ich mit meiner Arbeit in den letzten 10 Jahren erlebt habe. Ich habe die ganzen Einschüchterungen und Belästigungen durch die malaysische Regierung seit 2009 dokumentiert. Und die Restriktionen, die mir auferlegt wurden. In meinem Buch erzähle ich von allen Verhaftungen, den Bücherverboten, den Ereignissen vor Gericht, wie die Polizei mein Büro durchsuchte. Alles.

Alle aktuellen Cartoons von Zunar finden sich fortlaufend auf seiner Webseite Zunar Cartoonist.

Interview und Übersetzung aus dem Englischen von: Raphael Göpel.

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1 | 2018, Indonesien, Rezensionen,
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Kenntnisreiche Einführung in die indonesische Gegenwartskunst

Indonesien: Nachdem die indonesische Regierung im September weitere Truppenkontingente nach West-Papua verlegte und Internetverbindungen kappte, ist es für Aktivist*innen noch schwieriger geworden, sich Gehör zu verschaffen. Ein Interview mit zwei Vertreter*innen der lokalen, gewaltfreien Bewegung Pasifika, dem jüngsten Mitglied der globalen pazifistischen Bewegung War Resisters International.

Ihr musstet euch zuletzt verstecken, um überhaupt über die Militäroffensive in Papua berichten zu können. Was waren eure Eindrücke?

Danke, es tut gut, darüber sprechen zu können. Wir freuen uns über die Solidarität aus der Friedens- und von antimilitaristischen und gewaltfreien Bewegungen. Diese Verbindungen sind so wichtig, vor allem an einem Ort wie West-Papua, der auch eine ‚Geheimgeschichte’ ist. Hier werden selbst die internationalen Medien vom indonesischen Militär draußen gehalten, und wir Aktivist*innen fühlen uns manchmal ganz schön allein gelassen. Die letzten Wochen waren sehr schwierig. Schon vor den jüngsten Protesten gab es viel Polizei und Militär in West-Papua [= westliche Hälfte der Insel Neuguinea bestehend aus den Provinzen Westpapua und Papua, im Folgenden wird entsprechend der Bezeichnung im Interview West-Papua verwendet, d. R.].

Seit den Protesten wurden jedoch mehr als 8.000 Mann zusätzlicher Sicherheitskräfte aus anderen Teilen Indonesiens nach West-Papua verlegt. Täglich sah man Polizei und Militär in voller Kampfmontur. Zudem sind jetzt auch Milizen – die von der indonesischen Polizei und Militär trainiert, bewaffnet und organisiert wurden – offen in Erscheinung getreten. Was hier passiert, ist wie Osttimor 1999. [Viele Menschen in Papua wünschen sich ein Referendum, mit dem sie über die Zukunft ihres Landes selbst entscheiden können. In Osttimor führte ein solches – von den Vereinten Nationen unterstütztes – Referendum 1999 zu einem Votum für die Unabhängigkeit (vergleiche dazu auch den Artikel von Monika Schlicher und Maria Tschanz in dieser Ausgabe) und wurde zunächst von indonesischen Sicherheitskräften mit massiver Gewalt beantwortet, d. Red.]

Der Beginn der Eskalation im August/September scheint aus meiner Außenperspektive ein Protest von Studierenden gewesen zu sein, die dann festgenommen wurden. Aber was sind denn die wahren Ursprünge der jetzigen Bewegung?

Die Einwohner*innen West-Papuas haben schon immer Widerstand gegen die indonesische Kolonialherrschaft gezeigt, selbst in den 1960er Jahren. Dort liegen die Ursprünge des Aufstandes. Damals haben die Vereinten Nationen gegen den Willen der Bewohner*innen West-Papuas quasi die Kontrolle direkt an den indonesischen Staat übergaben.

Die Menschen stehen gegen die Unterdrückung des indonesischen Staates auf. Aber wie sind sie organisiert? Welche Protestformen verwenden sie und wie effektiv ist das?

Der Widerstand ist im überwältigenden Teil gewaltfrei. Anfangs wurde er von Studierenden und jungen Menschen angeführt. Meine Kolleg*innen und ich zählten gewaltfreie Demonstrationen in 22 Städten überall in West-Papua, selbst an sehr abgelegenen Orten. Es gab bis zu 40 Kilometer lange Märsche. In den großen Städten wie Jayapura, Manokwari und Sorong gab es einen totalen Kollaps wegen der schieren Maße an Menschen auf den Straßen, die sich weigerten, wieder zu gehen. In Jayapura wurde das Parlamentsgebäude besetzt.

Am Anfang befand sich auch der Gouverneur, ein Papua, unter den Demonstrant*innen – als Unterstützung. In Sorong und vielen anderen Orten wurde die indonesische Flagge eingeholt, sorgsam gefaltet und den Behörden zurückgegeben. Überall ließen die Menschen die Morning Star-Flagge hissen, das papuanische Symbol der Unabhängigkeit [das Hissen der Morning Star-Flagge, die viele Papuas auch als kulturelles Symbol wahrnehmen, wurde von der indonesischen Regierung verboten, d. Red.]. In Manokwari, Fak Fak und Wamena gab es gewaltsame Prozesse. Dies geschah durch unidentifizierte Mobs. Alle organisierten Gruppen waren bislang dagegen diszipliniert und gewaltfrei.

Und obwohl indonesische Milizen Papua töteten, kamen bislang keine indonesischen Zivilist*innen durch Papua ums Leben. Leider wurden zwei Soldaten getötet, aber keine Zivilist*innen. Das braucht Disziplin, vor allem, da die Proteste ja nicht perfekt geplant und durchgeführt wurden. Seit Beginn der Proteste wurden mehr als 40 unserer Freund*innen und Kolleg*innen verhaftet – die Polizei verfolgt gezielt die Führung der gewaltfreien Gruppen. Die meisten von ihnen wurden wegen Hochverrats angeklagt, worauf hier die Todesstrafe steht. Ob die Proteste effektiv sind, ist schwer zu sagen, da wir ja noch mitten im Aufstand sind. Wir müssen noch mehr Menschen involvieren und strategischer vorgehen. Der Aufstand war ja weitgehend spontan, und es gab keinen klaren Plan. Wir müssen uns auch international organisieren.

Das indonesische Militär und einige aus der ‚Zivilgesellschaft’ haben die Aufstände schnell als gewaltsam bezeichnet. Gleichzeitig sind Videos davon aufgetaucht, wie Menschen aus der ‚Zivilgesellschaft’ auf Protestierende einprügeln. Wer steckt hinter dieser seltsamen Allianz?

In Indonesien wird der Aufruf zur Selbstbestimmung als Akt der Gewalt betrachtet, als Ausdruck des Hochverrates. Aber wenn die Polizei oder das Militär einen gewaltfrei Protestierenden, der die Morning Star-Flagge trägt, erschießen, dann bezeichnet man das als Verteidigung des Staates. Wir müssen also genau aufpassen, wer was sagt. Es ist kein ethnischer Konflikt, sondern ein Kampf gegen die Besetzung und gegen das koloniale Regime.

Welche Rolle spielen Rassismus und andere sich damit überschneidende Diskriminierungen?

Rassismus ist der Kern dieses Konfliktes. Die Menschen in West-Papua haben schwarze Haut und krauses Haar – sie gehören zu den Melanesier*innen, so wie die Menschen Papua-Neuguineas. Der indonesische Staat behandelt die Papua, als wären sie halbe Tiere. Wenn wir in Indonesien unterwegs sind, wird uns regelmäßig mit rassistischen Kommentaren begegnet. Rassismus ist eine alltägliche Erfahrung für jede*n einzelne*n Papua.

Viele Indonesier*innen denken, dass die Papua weniger wert sind als sie. Wir werden konstant als faul, dreckig und schlimmeres bezeichnet. Und wenn Persipura, Papuas Fußballteam, in Indonesien spielt, werfen die Zuschauer*innen regelmäßig Bananenschalen aufs Spielfeld und beschimpfen unsere Leute als Affen.

In Surabaya gingen die Attacken auf Papua los, nachdem angeblich eine indonesische Flagge ‚misshandelt’ wurde. Das scheint mir eine ziemlich nationalistische Antwort zu sein, einen Protest deshalb zu unterdrücken, weil er ein nationales Symbol ‚missbraucht’.

Oh ja! Indonesien ist ein ziemlich nationalistisches Land. Wir wissen nicht genau, was da in Surabaya passiert ist, aber angeblich wurde die indonesische Flagge in den Rinnstein geworfen. Als diese Geschichte bekannt wurde, umringte die indonesische Polizei, das Militär und Milizen das Studierendenwohnheim und kesselte die Studierenden ein. Sie nannten die Studierenden „Schweine“ und „Affen“, warfen Steine und drohten, sie „zu schlachten“. Dann feuerte die Polizei Tränengasgranaten und Gummigeschosse, trat die Türen ein und verhaftete 43 Menschen. Das startete die Proteste im ganzen Land. <7p>

Medienberichte zu den Protesten gibt es im Netz zum Beispiel von Neues Deutschland, von der Deutschen Welle oder auf der Internetseite vom Westpapuanetz.

Ich frage mich, wie wir den west-papuanischen Ruf nach Freiheit besser verstehen können. Die Menschen fürchten immer, dass Befreiungsbewegungen an sich nationalistisch sind. Das sehe ich hier gar nicht so. Aber wie können wir denn diese antirassistische, antikoloniale Befreiungshaltung von einem gewalttätigen Nationalismus, wie ihn der indonesische Staat an den Tag legt, unterscheiden?

Das ist eine gute Frage und ganz schwer zu beantworten. Ein erster Unterschied könnte darin gemacht werden, wie die Leute für ihre Sache streiten. Ja, in West-Papua gibt es bewaffneten Kampf. Diese Gruppen sind auch Teil des Widerstandes. Sie leben irgendwo im Dschungel und in den Bergen. Das sind einige wenige und lange nicht so aktiv, wenn man das mit dem gewaltfreien Widerstand vergleicht, der die treibende Kraft hinter dem Widerstand ist.

Der gewaltfreie Kampf besteht aber nicht nur aus Demos, Streiks, Blockaden, Besetzungen und anderen gewaltfreien Taktiken. Es gibt auch eine kulturelle Dimension dabei, wir singen, tanzen, trommeln, spielen Musik und lachen. Die Menschen holen sich ihren Stolz zurück und ihr Selbstbewusstsein als indigene Bevölkerung. Das ist der Kern des Kampfes, und die Menschen holen sich diese Dimension zurück, was dem Aufstand noch einen völlig anderen Charakter gibt. Die Menschen wissen, wer sie sind, sie wissen, dass sie Papua mit schwarzer Haut und krausem Haar sind. Sie wissen, dass West-Papua ihr Land ist. Sie wissen, dass es ihnen gewaltsam genommen wurde. Das übersetzt sich in Furchtlosigkeit und eine leise, aber nicht unterdrückbare Überzeugung, frei sein zu wollen.

Ihr ruft als Pasifika dazu auf, gewaltfreie direkte Aktionen zu machen, oder ist das gar nicht notwendig? Welchen Einfluss habt ihr denn eigentlich überhaupt auf die Proteste?

Als Pasifika haben wir seit fast 15 Jahren Menschen in gewaltfreier Aktion, dem Aufbau einer Bewegung, Strategisierung und zivilgesellschaftlicher Medienarbeit trainiert. In den letzten Jahren hat sich die Bewegung vereinigt, und es gab geordnetere, strategische Massenaktionen. Aber das machen die Menschen von selbst, das kommt nicht von uns. Wir sind da, um zu unterstützen, zu ermutigen, zu trainieren, Leute zusammenzubringen, Menschen Raum zur Reflexion zu geben und um unser Können und unser Wissen weiterzugeben.

Haben die Menschen irgendeine Chance, in der derzeitigen Situation ‚sicher’ zu sein?

Nein, West-Papua ist nicht sicher. Es ist kein sicherer Ort für irgendeine*n Papua. Um ganz ehrlich zu sein, fühlen sich die meisten von uns eher so, dass wir sogar bedroht sind, als Volk zu verschwinden. Das ist unsere größte Sorge. Dass die Welt nur dabei zusieht, wie der indonesische Staat uns ausrottet und ausländische Unternehmen unser Land und unsere Ressourcen stehlen.

Der Unabhängigkeitskampf in West-Papua und die indonesische Antwort darauf wirken so ähnlich wie der Fall von Timor-Leste/Osttimor.

Ja, es ist ziemlich ähnlich. Darum brauchen wir eure Solidarität. Wir brauchen internationale Aktionen, um das indonesische Militär und die Regierung zur Zurückhaltung zu zwingen, so wie die Menschen das für Osttimor erreicht haben.

Der indonesische Staat hat West-Papua ein Jahr nach seiner formellen Unabhängigkeit damals besetzt. Warum ist er – immer noch – an West-Papua interessiert?

Hauptsächlich, weil er unsere Ressourcen will. Indonesien braucht die Papua nicht, es braucht unser Land und unsere Ressourcen. Es gibt also auch eine ökonomische Dimension in diesem Konflikt, da die meisten Ressourcen nicht nur von den Unternehmenseliten, sondern auch durch die indonesischen Sicherheitskräfte kontrolliert werden (vgl. dazu auch den Artikel „Der Kampf der Freeport-Arbeiter*innen in Westpapua“ von Tri Puspital auf suedostasien.net [d. Red.]).

Welche Rolle spielen Südkorea, Australien, die Nato-Länder, vor allem Deutschland, in diesem Konflikt?

Alle diese Länder sind Teil des Problems, weil sie die Besetzung West-Papuas durch die indonesische Regierung unterstützen. Was ihr in Deutschland schaffen müsst, ist, eure Regierung davon abzuhalten, die indonesische Polizei zu trainieren und zu bewaffnen, die der größte staatliche Gewaltakteur ist.

In Deutschland gibt es eine große Kampagne gegen Waffenexporte…

Da brauchen wir eure Hilfe! Wir wissen, dass Deutschland in der Vergangenheit ein großer Waffenexporteur nach Indonesien war. Wir gehen davon aus, dass das immer noch der Fall ist, aber ihr müsst das untersuchen.

Wie können wir euren Kampf unterstützen?

Den ersten Schritt machst du gerade schon: Helft dabei, den Widerstand nach außen sichtbar zu machen, vor allem auch den gewaltfreien Widerstand, der so oft übersehen wird. Deine Überlegung, den Kampf in West-Papua mit eurer Waffenexport-Kampagne zu verknüpfen, ist eine gute Idee.

Wann seid ihr gegründet worden und was sind die Ziele?

Es gibt uns seit 2005, um den gewaltfreien Kampf für die Selbstbestimmung zu begleiten. Wir arbeiten mit allen Widerstandsgruppen aus West-Papua, die gewaltfreie Aktionen verwenden, oder daran interessiert sind.

Unser Zugang hat fünf Dimensionen: Das Strategiepotenzial erweitern durch Training und Bildungsveranstaltungen, die Bewegung ausbauen, Einheit zu schaffen, indem wir mit allen Gruppen arbeiten und sie zusammenbringen, wann immer es möglich ist, die gewaltfreie Überzeugung vertiefen und indem wir daran arbeiten, die ‚Story’ zu verändern – indem wir die gewaltfreie Bewegung und wie die Papua an die Hoffnung glauben, stärken.

Die fünf Kernprinzipien, nach denen wir agieren, sind:

  1. Gewaltfreiheit,
  2. Selbstbestimmung,
  3. Nichtintervention – in unseren Workshops erzählen wir den Menschen nicht, was oder wie sie etwas tun sollen, sondern wir räumen den Raum ein, dass Menschen herausfinden, was sie selber machen wollen –,
  4. Unparteilichkeit – wir arbeiten mit allen Freiheitsparteien – und Arbeit auf Einladung sowie
  5. Rechenschaft – wir arbeiten nur dort, wo wir eingeladen wurden, und sind den Communities, Gruppen und Menschen gegenüber Rechenschaft schuldig, die uns einladen, mit ihnen zu arbeiten.

 

Das Interview erschien zuerst in Ausgabe 4/2019 von ZivilCourage, dem Magazin der Deutschen Friedensgesellschaft-Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen (DFG-VK). Es wurde für die südostasien redaktionell bearbeitet.

 

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1 | 2018, Indonesien, Rezensionen,
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Kenntnisreiche Einführung in die indonesische Gegenwartskunst

Timor-Leste: Joviana Guterres, Kiera Zen und Ego Lemos erklären in diesem Interview, wie nationale Identität, Kampf um die Befreiung, aktuelle politische Themen und einzigartige osttimoresische Ideale in traditionellen und neuen Liedern verständigt werden.

Zuallererst: Könnten Sie unseren Leser*innen etwas über sich erzählen? Wie würden Sie sich beschreiben?

Ego Lemos: Ich bin ein osttimoresischer Sänger und Songwriter. Ich wurde 1972 geboren. Im täglichen Leben bin ich Permakultur-Bauer und –Aktivist. Wir arbeiten daran, im ganzen Land Schulgärten und Wasserspeicher einzurichten, um die Umweltsysteme wiederherzustellen. Außerdem organisieren wir alle zwei Jahre ein Permakultur-Jugendcamp. Meine Musik ist von meiner Arbeit inspiriert und meine Arbeit ist von Musik inspiriert.

Kiera Zen: Ich bin ein gewöhnlicher Osttimorese, der versucht, etwas für sein Land zu tun. Ich bin auch Songwriter. Ich weiß nicht, ob man mich als Künstler bezeichnen könnte. Wir haben das erste Orchester in Timor gegründet, Berliku Fanu Rai (BFR). Wir wollen den jungen Timores*innen mehr Möglichkeiten geben, ihren Weg dorthin zu finden, wo sie hinpassen, in diese Gesellschaft.

 

Welche Musiktraditionen wurden im Widerstand gepflegt, auf welche Vorbilder konnte zurückgegriffen werden? Inwiefern hat die Musik die Identität und Einheit der Menschen in Timor-Leste gestärkt?

Ego Lemos: Viele traditionelle Lieder, beliebte Lieder, erhielten revolutionsbezogene Songtexte. Wie allgemein bekannt wurde das traditionelle Lied Kolele Mai (in der Fassung der australischen Band Midnight Oil zur solidarischen Unterstützung von Osttimors Kampf) von Fransisco Borja da Costa verändert [Anmerkung der Autorinnen: Borja da Costa wurde am 8. Dezember 1975, dem Tag nach Beginn der indonesischen Invasion in Osttimor, von indonesischen Streitkräften hingerichtet. Er war Mitglied im Zentralkomitee der Partei Fretilin]. Er hat dem Lied eine ausdrucksstarke revolutionäre Lyrik gegeben, um die Menschen damit aufzurufen, weiter für Unabhängigkeit zu kämpfen. Und so haben viele Lieder den Menschen geholfen. Musik war inspiriert von der Situation und dem politischen Druck. Also schrieben wir auch Lieder über Frieden und Einigkeit.

Ich war drei Jahre alt, als Indonesien 1975 einmarschierte. Während ich erwachsen wurde, war Kolele Mai Tanzmusik. Der Rhythmus war weiterhin derselbe, die Melodie ebenso, Menschen sangen es mit einem fröhlichen Text. Aber die meisten wussten, es ist ein Revolutionslied. Es ist ein sehr beliebtes Lied. ein traditionelles Lied aus Baucau. Nach demselben Prinzip schrieb ich 1999 das Lied Hadomi Timor (Liebe zu Timor). Der Liedtext ist nicht so freimütig, ich musste viele Metaphern benutzen. Aber alle Osttimores*innen verstanden, welches Gefühl mit diesem Lied zum Ausdruck gebracht wurde. Zum Beispiel hat Soe Isin Lemorai, einer unserer strahlendsten Singer-Songwriter, der bereits verstorben ist, ein Lied namens Hau hakarak kaer ba fitun geschrieben. Er schrieb es, als er im Gefängnis war. Die Menschen mögen denken, dass er damit einfach meinte, ‚Ich will nach den Sternen greifen.‘ Aber was er wirklich sagen wollte war, dass Timor-Leste früher oder später unabhängig werden würde.

Ich denke viele Songwriter*innen haben eine Menge Metaphern in ihrer Musik benutzt, um die Menschen damit in Richtung Unabhängigkeit zu bewegen. Selbst unser Unabhängigkeitsführer Maun Xanana schrieb Lieder während des Widerstands im Dschungel, auch wenn er sie nicht aufnahm. Und auch einige Guerillakämpfer*innen komponierten Lieder. Ich denke die Bedeutung der Lieder liegt darin, die Tatkraft und den Kampf für die Unabhängigkeit aufrecht zu erhalten. Deshalb sind Musik und Kultur sehr wichtig. Sie haben einen großen Einfluss darauf, Menschen zusammenzubringen. Ob sie aus Los Palos, aus Tutuala, aus dem Osten, Süden, Norden und Westen von Osttimors kommen, der Rhythmus und die Bedeutung der Lieder bleiben die gleichen. Die Liedtexte mögen anders sein. Die Instrumente, die die Menschen benutzen, wie etwa die Trommel, bleiben die gleichen.

Auch wenn Indonesien ein mächtiges Land ist, so konnten sie uns nicht auseinanderdividieren, weil die Musik durch das gesamte Land floss. Es ist etwas Gutes, dass die Kultur in Timor sich noch bis heute so zeigt.

Kiera Zen: Musik als Mittel zum Widerstand begann mit Borja da Costa und seinen Gedichten über Timor-Leste. Sie waren sehr neu, inspirierend und motivierend für viele Osttimores*innen. Borja da Costa und Abilio Araujo sind für mich diejenigen, die die Basis dafür geschaffen haben, dass Musik als Teil der Bewegung genutzt wird. Und es gab die Band Cinco do Oriente (The 5 Do Oriente 1972). [Anmerkung der Autorinnen: Von den fünf Bandmitgliedern sind während der indonesischen Besetzung drei nach einem Auftritt vor dem Hotel Dili ‚verschwunden‘ und kehrten nie zurück. Toto Lebre gründete die Band 1995 neu. Heute hat die Band fünf neue Mitglieder und spielt weiterhin traditionelle timoresische Musik in Verbindung mit modernen Klängen]

In Australien schrieb beispielsweise Agostinho Moniz den romantischen Song Maria (das Original auf Youtube sowie eine Live-Coverversion der Dili Acoustic Community (DAC) von 2018). Deshalb dachten die Indonesier*innen, wenn wir dieses Lied sangen, ‚Oh, das ist ein Liebeslied‘, aber wir Osttimores*innen wussten, dass es ein Lied über Timor-Leste ist.

Die jüngere Generation hat sehr von diesen Künstler*innen gelernt. Und später in den 1980ern bis in die 1990er etablierten sich einige Musikgruppen. Lieder wurden einzig dafür geschrieben, die Bewegung zu mobilisieren und den Kampfgeist junger Osttimores*innen anzufachen. Eins der Lieder, an das ich mich erinnere, ist Lemorai. Es handelt davon, dass alle Osttimores*innen in die Welt hinausziehen, um für Unabhängigkeit zu kämpfen. Sie bringen sich mit allem in die Bewegung ein, was sie können. Und dann später, 1999, veröffentlichte die Lahane Group die Lieder Oras to’o ona (Die Zeit ist gekommen) – was das Lied der Mission der Vereinten Nationen in Osttimor (UNAMET) zur Durchführung der Volksbefragung 1999 war – und Loron aban hahu ohin (Das Morgen beginnt heute).

Das Lied erlange Kultstatus im Rahmen des Referendums 1999 und hielt alle dazu an, für unsere Freiheit wählen zu gehen. Musik spielt also verschiedene Rollen und hat eine Menge beigetragen. Um diesen Geist aufrechtzuerhalten und sich an diese Lieder und ihre Rollen im Kampf um die Befreiung zu erinnern, ließ ich unser Orchester Berliku Fanu Rai diese Lieder in Orchesterformaten schreiben. So werden sie an die jungen Generationen weitergegeben.

Ist Musik heute noch ein Instrument, um politische, soziale und ökologische Anliegen auszudrücken? Und ist Musik auch ein Mittel zur Förderung von Bildung?

Kiera Zen: Ich denke, Musiker*innen haben eine wichtige Aufgabe darin, Menschen mit ihrer Musik zu unterstützen und zu mobilisieren. Zwischen 2002 und 2005 war ich in einer Band namens Rai Nain (Indigene). In fünf Songs, die ich geschrieben habe, habe ich den damaligen Premierminister Mari Alkatiri von der Partei Fretilin kritisiert. Für mich war er ein ziemlicher Diktator, also habe ich mit einem Lied namens Keta protestiert. Er hat Menschen wie uns, die in Indonesien ihren Universitätsabschluss machten, beleidigt. Er nannte uns ‚Sarjana Supermie‘, also ‚Instantnudel-Absolvent*innen’. In einem meiner Lieder habe ich geantwortet, „Ja, wir sind ‚Sarjana Supermie‘, aber wir essen Pflanzen, die aus der Natur kommen. Aber Sie essen Käse, der vom Tier kommt. Deshalb ist Ihre Mentalität so verbittert im Umgang mit Menschen.“

Es ist wahr! Meine Eltern waren auf Seiten der Fretilin. Nun wurde ich so wahrgenommen, als wäre ich gegen die Partei. Ich habe ihnen gesagt: „Schaut, ich war mit euch drei oder vier Jahre im Dschungel. Und was ich während des Kampfes gelernt habe ist doch, dass es um Konsens und um Selbstkritik geht. Es geht darum, Unterschiede zu akzeptieren und zusammen eine Lösung zu finden. Man darf anderen die eigene Vorstellung als den richtigen Weg nicht diktieren.“ Ich sehe, dass diese Ansätze nicht mehr Teil des Geistes von Fretilin sind. Ich habe einen anderen Song namens Nasionalismo geschrieben, um diese Sorge, wie die Fretilin mit Menschen umgeht und welch unmenschliche Ansätze sie in der Politik verfolgt, auszudrücken.

Viele Musiker*innen in Timor-Leste sind und waren politisch motiviert. Glauben Sie, dass dies sich so fortsetzen wird, und engagieren sich junge Menschen?

Ego Lemos: Ja. Ich denke, während des Widerstands wurde Musik genutzt für Einigkeit und um die Menschen zusammenzubringen. Auch heute spielt Musik noch eine wichtige Rolle für die Entwicklung des Landes. Ich glaube mittlerweile sind viele überrascht, wenn sie Singer-Songwriter*innen sehen, die inspirierende Lieder schreiben. Wir haben heute auch weibliche Singer-Songwriterinnen, wie Cidalia und Joviana. Es gibt viele weitere junge Talente, wie zum Beispiel Izu. Zuvor hat man nur Cinco do Oriente gehört. Es haben aber viele junge Bands wie etwa Alcatraz mehrere Songs über die sozialen Probleme von Timor-Leste geschrieben. Zum Beispiel haben junge Künstler*innen wie Otopsy sich kritisch mit der Korruption des Landes auseinandergesetzt. Und Izu und einige andere, darunter Alcatraz, schrieben Lieder darüber, wie die Leute Held*innen, die zur Unabhängigkeit beigetragen haben, respektlos behandeln. Verschiedene Künstler*innen tragen zu verschiedenen sozialen Entwicklungen bei.

Joviana, Sie gehören zu dieser neuen Generation von Singer-Songwriter*innen. Wie oder von was werden Sie inspiriert?

Joviana Guterres: Ich habe schon in der Schule mit der Musik angefangen. Für mich war und ist die Musik ein Segen. Mit 16 habe ich begonnen selbst Lieder zu schreiben. Mein erster Song handelte von einer Person, die sehr speziell ist. Das Lied erzählt davon, wie jemand viele und wichtige Botschaften weitergeben könnte, aber keine Gelegenheit dazu findet. Ich fing an, meine eigene Musik zu machen und ich suchte Inspiration. Zu dieser Zeit fing ich an bei AJAR Timor-Leste zu arbeiten. Ich interpretierte und vertonte einen Text in Tetum, in dem um die nach Indonesien verschleppten Kinder ging. In dem Lied Labarik Lakon (Verschleppte Kinder) (siehe der Film Nina & the Stolen Children of Timor-Leste). erzählte ich die Geschichte direkt aus der Sicht eines Kindes, das seine Mutter und die Liebe zu ihr wieder finden und nach Hause zurückkehren möchte.

Die Inspiration zu dem Song Feto Eroi (Heldinnen) habe ich aus den Geschichten, die ich von Frauen gehört habe, von den Überlebenden der vergangenen Zeit des Unabhängigkeitskampfes. Die Organisation ACbit sammelte diese Geschichten und veröffentlichte sie in einem Buch. Ich habe den Song dann bei der Buchveröffentlichung vorgetragen. Viele Inspiration und Impulse bekomme ich aus meiner Arbeit. Ich beobachte einfach das Leben, die Menschen, die Situationen. Ich brauche diese nur zu beschreiben, ich muss nichts erfinden. Meine Lieder haben alle einen Bezug zur Menschenrechtsarbeit. Momentan schreibe ich an einem Song zum Gedenken an das Marabia-Massaker (Marabia Community Exhibition), das sich am 10. Juni 1980 zutrug. Wieder erzähle ich die Geschichte aus der Sicht der Überlebenden, samt ihrer Klagen und ihrer Trauer. Musik hat eine starke Rolle während des Widerstandes gespielt und das tut sie auch heute noch.

Wie schätzen Sie die politische motivierte Musikszene ein? Denken Sie, sie wird weiter bestehen, und sind junge Menschen bereit, sich dort einzubringen?

Ich denke, dass dies sicher fortbestehen wird. Momentan haben wir ganz starke Bands, wie Galaxy, Klamar, Naran-Laek und weitere aufstrebende Gruppen. Viele Lieder erzählen von der Liebe, aber sie haben doch eine Botschaft, um Bewusstsein für soziale Ungerechtigkeit zu schaffen. Ich glaube fest daran, dass die politisch motivierte Musikszene weitergehen wird. Es gibt sehr viele junge Menschen, die Musik machen wollen und die Bands gründen. Da sind einige aus der Rap- und Hiphop-Szene, die viele soziale und politische Themen aufgreifen. So hat die Musikgruppe Black Jesus zum Beispiel Songs zu LGBTIQ*, zu den Geschichten der Überlebenden und der Opfer der Besatzungszeit und zu Menschenrechtsthemen.

Sehr viele junge Osttimores*innen sind Künstler*innen, auch wenn sie sich nicht als solche sehen, aber sie sind aktiv. Sie lernen das nicht, viele bringen das Talent für die Musik mit, können von Natur aus spielen, singen. Oft greifen sie die Lieder zum Beispiel von Ego Lemos auf, mit all den Themen in seinen Songs. Die Lieder werden verstanden und weiter getragen. Musik wird meiner Meinung nach weiterhin ein Instrument für das Eintreten für Menschenrechte und andere politische und soziale Themen, wie soziale Gerechtigkeit, Diskriminierung, Gendergleichheit, bleiben.

Was ist Ihr Traum, wie sieht Ihr perfektes Osttimor in der Zukunft aus? Und was lässt Sie stolz werden auf Timor-Leste, 20 Jahre nach dem Unabhängigkeitsreferendum?

Joviana Guterres: Ich wünsche mir ein demokratisches Timor-Leste. Eins, das auf einer inklusiven Gesellschaft fußt. Ich bin stolz darauf, dass wir heute über unser Schicksal bestimmen können und wir frei sind von Kolonisation und Fremdbestimmung.

Ego Lemos: Mein Traum ist, dass die Menschen in Timor-Leste ein Bewusstsein für ihre Umwelt haben, sodass wir im Einklang mit der Natur leben können. Ich denke, dass Natur die wichtigste Ressource ist, die wir schützen müssen. Und mein Traum ist auch, dass eine jüngere Generation den Kampf des Volkes für die Unabhängigkeit versteht und wertschätzt. Dass wir Timor-Leste als Ganzes schätzen, die Umwelt und Gemeinschaft, damit wir für das gesamte Land Harmonie schaffen können.

Kiera Zen: Ein Paradies. Wir hatten dies schon von 2002 bis 2004 erreicht. Also keine Kämpfe, keine Streitereien, keine Zusammenstöße, es war so friedlich. Und ich würde das wirklich gerne zurückbekommen.

Die Interviews führten die Autorinnen in Dili und Maliana, im September 2019.

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1 | 2018, Indonesien, Rezensionen,
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Kenntnisreiche Einführung in die indonesische Gegenwartskunst

Timor-Leste: Viele Mitglieder der Filmcrew von „Beatriz’s War“ haben die Zeit der indonesischen Besatzung erlebt und ihre Erfahrungen in den Film eingebracht. Dieser erzählt von der Zeit des Widerstandes aus der Perspektive der Frauen.

Beatriz stolpert durch einen Haufen von Leichen, auf der Suche nach ihrem Ehemann. Dies ist eine der Schlüsselszenen in „Beatriz’s War“, dem ersten Spielfilm aus dem jungen Timor-Leste. Der Film erzählt die Liebesgeschichte von Beatriz und Tomas, die in der Zeit des osttimoresischen Widerstandskampfes gegen die indonesischen Besatzer spielt.

Beatriz beginnt zu kämpfen

Der Film beginnt im Jahr 1975, als indonesische Truppen in Osttimor einmarschierten, nachdem das Land seine Unabhängigkeit von Portugal erklärt hatte. Beatriz flieht als Kind mit ihrer Mutter aus ihrem Dorf in ein Versteck der Widerstandsbewegung in den Bergen. Im Alter von elf Jahren wird Beatriz dort mit dem gleichaltrigen, schwächlichen Jungen Tomas verheiratet. Die beiden wachsen auf in einer Zeit, die geprägt ist von Flucht, Hunger und Tod. Die junge Beatriz wird zur aktiven Widerstandskämpferin. Während eines Waffenstillstandes 1983 ergibt sie sich – müde und hochschwanger – den Besatzern. Sie wird mit ihren Mitstreitern in das Dorf Kraras umgesiedelt.

Kurz nach der Geburt von Beatriz‘ und Tomas‘ Sohn richten die Besatzer in Kraras ein Massaker an und erschießen nahezu alle männlichen Bewohner des Dorfes. Beatriz wird aus einem entfernten Versteck Zeugin der Gräueltat, kann aber ihren Ehemann unter den Toten nirgends finden. Bald ist Beatriz die einzige unter den überlebenden Frauen in Kraras, die die Hoffnung noch nicht aufgegeben hat, dass Tomas noch am Leben ist.

Beatriz wird zur Anführerin der Frauen. Um zu überleben, hält sie Tomas‘ Schwester Teresa dazu an, die Frau des indonesischen Captain Sumitro zu werden, der das Dorf in seiner Gewalt hat.

Filmtrailer: „Beatriz’s War“

Der verschollene Mann kehrt zurück

Sechzehn Jahre später taucht Tomas plötzlich wieder auf. Aus dem zurückhaltenden Jungen, der der tapferen Beatriz früher nie Schutz bieten konnte, ist ein kräftiger Mann geworden. Doch schon bald überkommen Beatriz Zweifel: Ist dieser Mann, zu dem sie sich von Tag zu Tag mehr hingezogen fühlt, wirklich ‚ihr Tomas’ oder ein Betrüger?

Der Plot dieser fiktiven Liebesgeschichte ist dem französischen Spielfilm Die Wiederkehr des Martin Guerre entliehen, der wiederum auf einer wahren Begebenheit beruht. Martin Guerre war ein französische Bauer, der im 16. Jahrhundert spurlos verschwand, bis sich viele Jahre später ein Mann, der sich als der vermisste Guerre ausgab, seinen Platz im Leben der Ehefrau und des Umfeldes für sich beanspruchte.

Die Geschichte ist eingebettet in einen Hintergrund historischer Fakten. Sie spielt während der 24 Jahre dauernden indonesischen Besatzung bis zum 1999 von den Vereinten Nationen durchgeführten Referendum, bei dem die Mehrheit der Bevölkerung für die Unabhängigkeit Timor-Lestes stimmte.

Das Leid der Frauen

Der Film beschäftigt sich mit der Rolle der Frauen im Widerstand – ein Thema mit weltweiten Parallelen – das das heutige Timor-Leste im Zuge seiner Vergangenheitsbewältigung und Geschichtsaufarbeitung direkt betrifft. Deutlich wird dies im Film unter anderem in der Szene, als der zurück gekehrte Tomas seine Schwester Teresa eine „Verräterin“ nennt, als er von ihrer Ehe mit dem indonesischen Unterdrücker erfährt.

In der Realität gibt es sie, die osttimoresischen Frauen, deren Männer tot oder untergetaucht waren und die gezwungen wurden, ihre indonesischen Vergewaltiger zu heiraten. Diese Frauen werden auch heute noch von ihrem sozialen Umfeld geächtet und ausgegrenzt. Der Film leistet einen Beitrag zur Aufarbeitung der Situation dieser Frauen und zur Solidarität mit ihnen.

Prominent erwähnt wird im Film auch die Untätigkeit Australiens und der USA im Wissen über die indonesische Invasion. [Indonesiens Truppen hatten mit stillschweigendem Einverständnis der westlichen Welt die ehemalige portugiesische Kolonie Osttimor besetzt. Vor allem die USA und Australien sahen in Osttimor einen möglichen, potentiell kommunistischen Unruheherd, ein ‚zweites Kuba’, Anm. d. Red.]

Zeitzeugen als Statisten

Das Dorf Kraras ist ein echter Schauplatz, in dessen Umgebung indonesische Soldaten tatsächlich Morde an Zivilisten verübten. Bei vielen der Statisten, die in der Massakerszene zum Einsatz kommen, handelt es sich um Überlebende aus Kraras, die ihre Erinnerungen an das Massaker in den Film einbrachten. Dazu gehört auch das Detail, dass die Indonesier die zusammengetriebenen Osttimoresen vor der Erschießung zwangen, die verbotene Hymne des Widerstandes, Foho Ramelau, zu singen. Dies wurde dann als Vorwand genutzt, um das Feuer zu eröffnen. Insgesamt wird von mehr als zweihundert ermordeten Osttimoresen in Kraras berichtet.

Viele Mitglieder des größtenteils osttimoresischen Filmteams haben die Zeit der indonesischen Besatzung noch selbst miterlebt, wie etwa der frühere Falantil-Widerstandskämpfer Funu Lakan (im Film in der Rolle des Celestino dos Anjo, der kurz nach dem Kraras-Massaker ermordet wird). Regie führten die Osttimoresin Bety Reis, die 16 Jahre alt war, als ihr Land sich per Referendum für die Unabhängigkeit entschied, und der australische Filmemacher Luigi Acquisito, der mehrere Dokumentarfilme über Timor-Leste produzierte. Das Drehbuch schrieb die osttimoresische Hauptdarstellerin Irim Tolentino, die im Film die erwachsene Beatriz spielt, gemeinsam mit Acquisito.

Tolentino und weitere Darsteller in „Beatriz’s War“ hatten schon in dem australischen Spielfilm Balibo (2009) mitgewirkt. Er erzählt die Geschichte von fünf australischen TV-Journalisten, die im Zuge der indonesischen Invasion in Timor-Leste ermordet wurden. „Balibo“ gilt als der erste Spielfilm, der in Timor-Leste gedreht wurde. [In Indonesien wurde „Balibo“ von der Zensurbehörde verboten, da er angeblich den Beziehungen zu Timor Leste und Australien schaden könne, Anm. d. Red.]

Von Osttimoresen erzählt

„Die timoresischen Politiker sagten ihrem Volk, sie sollen vergeben, sich versöhnen und sich ein neues Leben aufbauen“, schreiben die Produzenten des Films. „Beatriz beschließt zwar, ein neues Leben aufzubauen, verweigert jedoch die Vergebung der Verbrechen gegen sie und ihr Volk. Sie will Gerechtigkeit und dies ist die Dialektik, mit der das heutige Osttimor konfrontiert ist.“

Beatriz’s War ist ein wichtiger Film, weil darin die Geschichte Timor-Lestes von Osttimoresen selbst erzählt wird: kritisch und zuweilen auch selbstkritisch. Eine international viel zu wenig beachtete Geschichte aus einer oft vergessenen Perspektive.

Der Film lief im Rahmen der Filmreihe „Südostasien auf der Leinwand“, veranstaltet von Stiftung Asienhaus, Deutsch-Indonesischen Gesellschaft,  philippinenbüro im Asienhaus und dem Allerweltskino in Köln.

Rezension zu: Beatriz’s War (A Guerra da Beatriz), Luigi Acquisto, Bety Reis, Timor-Leste 2013, 105 min

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1 | 2018, Indonesien, Rezensionen,
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Kenntnisreiche Einführung in die indonesische Gegenwartskunst

Kambodscha: Als 1975 die Herrschaft der Roten Khmer begann, ging es für viele nicht um Ideologie sondern vor allem um das eigene Überleben. In „Funan“, einem Mix aus Animationsfilm, Drama und Geschichtsporträt, arbeitet Regisseur Denis Dos die Schrecken und die Moral jener Jahre auf.

‚Nichts gehört dir’ – diese Lektion lernen die Bewohner*innen von Phnom Penh nach und nach, als sie mit Beginn der Revolution aus der Hauptstadt vertrieben werden. Die Familie um Chou, ihren Ehemann Khoun und ihren vierjährigen Sohn Sovanh, tritt den Marsch ins Ungewisse an. Sie hoffen, bald zurückzukehren. Ganz im Sinne der Geheimhaltung der Kommunistischen Partei, die nun an der Macht ist, bleibt die Führung dabei mysteriös, die Sprache vage: ‚Angka’ ( = ‚die Organisation’) macht euch zu einer besseren Gesellschaft, stellt euch nicht gegen die Revolution’.

Die Hauptcharaktere müssen sich fügen, zu Fuß in ein Arbeitslager wandern und dort schuften. Auf dem Weg in eine Nachbarkommune verlieren Sovanh und seine Großmutter den Rest der Familie in der Menge. Die Ordnung haltenden Partei-Kader verbieten die Suche mit den Worten, dass sich Angka schon um ihn kümmere. Sovanhs Mutter Chou ist besonders bestürzt über die Trennung. Sie und Khoun versuchen, in den Widrigkeiten des Systems Sovanh wiederzufinden.

Hilflosigkeit und emotionales Abstumpfen

Das Tempo des Films nimmt schnell Fahrt auf. Charaktere werden vorgestellt, bevor sie im Chaos der Gesellschaft ein oft nicht ganz explizit genanntes Schicksal ereilt. Chous Bruder Meng, der Kritiker, der sich nichts vorschreiben lassen will; der andere Bruder Tuch, der gesundheitlich schwächelt, und auf den die Familie Acht geben muss; ihr Cousin Sok im örtlichen Kader, der versucht zu helfen, aber nichts gegen das System tun kann; das junge Paar Lili und Hout, das ebenfalls getrennt wird, als man Hout abzieht und Lily ungeschützt lässt vor dem ungewollten Interesse eines Roten Khmer; die junge Mutter Chen, von den anderen geächtet, weil sie resigniert hat und mit einem Kader schläft, die aber dennoch Hilfsbereitschaft zeigt. Menschen verhungern, werden exekutiert oder abtransportiert, oft aus fadenscheinigen Gründen, die die Umstehenden oft nur weiter emotional abstumpfen.

Chou kann den Gedanken an Sovanh nicht loslassen. Trotz schwindender Kräfte beschließen sie und Khoun, die Bombardierung durch die vietnamesische Armee zu nutzen. Fern der Kommune suchen sie das Land weiter nach ihrem Sohn ab und hoffen, mit ihm nach Thailand fliehen zu können.

Indirekte Symbolik

Besonders an „Funan“ ist die Entscheidung, keine direkte Gewalt zu zeigen oder Worte als Schuldzuweisung zu verwenden. Das Elend spricht für sich. Die immer tragischeren Lebensumstände werden implizit dargestellt durch Überblenden und das Wiederholen von – nun veränderten – Alltagsmustern: Menschen werden in dunklen Farben, still, im Regen, ohne jegliches Lächeln, durch entfernte Schreie oder Geräusche dargestellt. Vergleiche zum Leben vor der Besetzung werden nicht angesprochen, doch die Veränderungen werden deutlich: in ausgemergelteren Gesichtern, kürzeren Haaren, uniformerer Kleidung.

Ein Leitmotiv, das sich durch den Film zieht, lässt innehalten: Eine Umarmung von Khoun und Chou, bei der sie die Augen schließen, in immer verzweifelteren, hoffnungsloseren Umständen. Die Situation des jungen Paares steht als Beispiel für viele Menschen – vom idyllischen Beginn bis zum Ende, an dem die, die überlebt haben, nur noch Schatten ihrer Selbst sind. Sie waren Zeugen des Todes, des zufälligen, bewussten, zur Abschreckung und Warnung, aus Missverständnissen heraus.

Eine entsprechend drückende Atmosphäre macht sich in den Beziehungen untereinander breit. Der Untertitel des Films ‚Die neuen Menschen’ ist eine treffende Metapher sowohl für das sozialistische Idealbild der Roten Khmer als auch für die individuellen Schicksale der Menschen in Kambodscha.

Systemübergreifender Zwang zur Anpassung

Die Geschichte basiert auf der Lebensgeschichte der Mutter des Regisseurs. In ihrem Realismus und den Fakten, die mittlerweile über das Rote Khmer-Regime bekannt sind, liegt auch eine Botschaft für die nächsten Generationen.

Die Idee der Revolution wird nicht kontinuierlich kritisiert, das Scheitern des Gesellschaftsversuches nicht explizit unterstrichen. Einerseits wirken seine Anhänger*innen zuweilen auf naive Art von der Idee selbst überzeugt und beschönigen die Mittel zum Zweck (‚Angka belohnt harte Arbeit’). Die Kader scheinen bereit, eine neue Welt mit aufzubauen, und das Leid nur temporär zu halten.

Andererseits sieht man, wie realitätsfern ihre Ziele sind, wie grausam ihre Methoden. Letztlich sind die korrupten Kader nur davon geleitet, ihre eigenen Vorteile im System zu erhalten. Der Großteil der Reaktionen des Volkes ist schon nach kurzer Zeit wenig politisch. Man will nur noch die, die einem am nächsten stehen, schützen, niemand Wichtigen verärgern, um irgendwie die Hölle zu ertragen. Die Gesellschaft wird von persönlichen Gefälligkeiten bestimmt, so dass selbstlose Hilfe für nur entfernte Verwandte oder gar Fremde überraschend wirkt. Ein Leben in Angst, da Gerechtigkeit relativ ist.

Zugleich ändert sich für die gewöhnlichen Menschen nicht viel von System zu System: Wollen sie überleben, sind sie gezwungen, sich anzupassen. Und dennoch: Die Verantwortung dafür, das eigene Gewissen, nicht zu verlieren, liegt bei jedem Einzelnen.

‚Selbstkritik ist der Weg zum Wandel’, eine im Film genannte Parole der Revolution, mag ein fataler Denkfehler des Systems aus gegenseitigen Anschuldigungen und großer Vorsicht sein. Wenn man die Kritik in die richtige Moral oder ein Ziel umwandelt, kann sie aber, wie auch in Chous Fall, physisch und mental stärken. Auch die Resignierten müssen sich Entscheidungen stellen und treffen sie oft aktiv, selbst in Situationen, auf die sie vorher keinen Einfluss hatten.

Der Film schafft Bewusstsein, ohne Schuld zuzuweisen oder belehrend zu sein. Er zeigt, was die aktuelle Regierung kaum aufarbeitet, außer um es gegen ihre Opposition zu instrumentalisieren.

Offizieller Trailer des Films:

Rezension zu: Denis Do, Funan, Frankreich 2018, 84 min

„Funan“ wurde im Rahmen der Filmreihe „Südostasien auf der Leinwand: Kampf um die Freiheit“ gezeigt, einer Kooperation der Stiftung Asienhaus, der Deutsch-Indonesischen Gesellschaft, dem philippinenbüro und dem Allerweltskino.

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1 | 2018, Indonesien, Rezensionen,
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Kenntnisreiche Einführung in die indonesische Gegenwartskunst

Philippinen: Regisseur Mikhail Red schickt seine Protagonisten durch die philippinische Provinz und schlägt Brücken zu hochbrisanten, gesellschaftlichen Vorgängen im Land. Landrechtskonflikte, staatliche Korruption, Polizeigewalt oder Geschlechter(un)gerechtigkeit schwingen stets im Hintergrund mit.

Wer kennt sie nicht, diese lebensverändernden Momente? In einem Augenblick scheint noch alles wie gewohnt. Die vertraute Umgebung und der Alltag wiegen uns in vermeintlicher Sicherheit vor Veränderung. Doch plötzlich schlägt das Leben Parolen und alles steht Kopf. Eine falsche Entscheidung: und eine Kettenreaktion nimmt ihren Lauf.

Maya streift in der abendlichen Dämmerung durch die verlassene Zuckerrohrplantage streift. Ihr Gewehr fest an sich gedrückt. Wohin sie geht, weiß sie selbst nicht genau. Aber eines ist klar: Hier kann sie nicht bleiben. Sie fühlt sich völlig leer. Über ihrem Kopf kreisen Adler. Wer hätte gedacht, dass sich ihr Leben so schnell ändern würde. Was ist nur passiert?

Toter Adler und verschwundene Bauern

Dieser Frage geht der fesselnde philippinische Mystery-Thriller „Birdshot“ auf den Grund. Alles beginnt an einem harmlosen Morgen, an dem Diego seiner 14jährigen Tochter Maya das Jagen beibringen möchte. Gemeinsam leben sie in einer abgeschiedenen Hütte inmitten einer Zuckerrohrplantage, die Diego zusammen mit seiner Tochter betreibt. Als Maya die umliegende Gegend erkundet, landet sie in einem privaten Naturschutzreservat und erschießt einen vom Aussterben bedrohten Adler. Als sie die Beute stolz ihrem Vater präsentiert, merkt Maya sofort, dass sie etwas Schlimmes getan haben muss.

Das Verschwinden des Adlers wird schnell bemerkt. Am nächsten Morgen wird das Polizistenduo Domingo und Mendoza auf den Fall angesetzt. Bei den Ermittlungen stößt der Nachwuchspolizist Domingo auf das mysteriöse Verschwinden eines Busses, in dem eine Gruppe von Farmern auf dem Weg in die Hauptstadt Manila war. Doch auf der Suche nach der Wahrheit wird Domingo klar, dass sich etwas Größeres dahinter zu verbergen scheint. Was steckt hinter diesem Verschwinden? Kann Diego seine Tochter beschützen? Wo sind die verschwundenen Farmer? Wird die Wahrheit ans Licht kommen?

Abgründe und Lichtblicke

In einer Mischung aus Krimi und Coming of Age-Film begleitet „Birdshot“ die Protagonisten auf ihrer Reise und schlägt dabei immer wieder Brücken zu gesellschaftspolitischen Themen. Dabei nimmt sich das junge philippinische Filmtalent Mikhail Red die Zeit, den Protagonisten emotionale Tiefe zu geben. Neben einer mitreißenden Geschichte, brachialer Bildgewalt und einem bewussten Spiel mit Licht, Kamera und Musik gelingt „Birdshot“ ein Balanceakt zwischen menschlichen Abgründen und Lichtblicken, Brutalität und Sanftheit, Schönheit und Komplexität der Philippinen.

So bildet der Film die Vielfalt der Natur in der philippinischen Provinz ab und kontrastiert zugleich ruhige Momente an plätschernden Flüssen oder bei leise rasselnden Blättern im Wald mit düster und bedrohlich wirkenden Schauplätzen der polizeilichen Ermittlungsarbeit. Die unterschiedlichen Handlungsstränge werden langsam aufgebaut und verwickeln die Hauptcharaktere nach und nach in etwas, das größer ist als sie selbst.

Gleichzeitig nutzt Mikhael Red Handlung und Schauplätze, um die Zuschauer mit hoch brisanten und aktuellen gesellschaftlichen Vorgängen zu konfrontieren. Obwohl die Landrechtsreform nicht ausdrücklich thematisiert wird, schwingen Fragen um Landrechtskonflikte, damit verbundene staatliche Korruption und Polizeigewalt im Hintergrund immer mit und verdichten die Handlung. Gleichzeitig wird weiteren aktuellen Fragen Raum gegeben wie der nach traditionellen und modernen Werten, der Selbstermächtigung von Frauen und der Geschlechtergleichstellung.

Der Film ist eine Empfehlung für alle, die nicht zu leicht besaitet sind, Lust auf eine emotionale und tiefgründige Geschichte haben und bereits Wissen zu gesellschaftspolitischen Fragen der Philippinen mitbringen. Insbesondere Krimifans werden bei „Birdshot“ auf ihre Kosten kommen.

Neugierig geworden? Erste Eindrücke verschafft der offizielle Trailer:

Rezension zu: Mikhail Red, Birdshot, Philippinen 2016, 116 min

Der Film feierte seine die offizielle Kinopremiere in Deutschland im Rahmen der aktuellen Filmreihe des Asienhauses.

Weitere Informationen zu den Filmreihen im Asienhaus finden Sie auf unser Übersichtsseite.

Dieser Artikel erschien zunächst in der südostasien Ausgabe 4|2019 – Musik als Mittel politischer Bewegung und ist Teil der südostasien – Sonderausgabe Buchmesse

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1 | 2018, Indonesien, Rezensionen,
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Kenntnisreiche Einführung in die indonesische Gegenwartskunst

Südostasien: Populärmusik hat in den Südostasienwissenschaften bisher wenig Beachtung gefunden. Mit dem Buch ‘Popular Music in Southeast Asia. Banal Beats, Muted Histories‘ ist nun ein Buch zur Kulturgeschichte der südostasiatischen Popmusik erschienen.

Popular Music in Southeast Asia. Banal Beats, Muted Histories hat den Anspruch, erstmals eine Geschichte populärer Musik in Südostasien zu schreiben. Der Fokus liegt ganz klar auf dem insularen Südostasien. Die Autoren untersuchen, wie lokal produzierte Musik ein massenkulturelles Phänomen in der Region werden konnte und wie die südostasiatische Moderne darin Ausdruck fand. Deshalb wird populäre Musik auch im Kontext von sozialen Phänomenen wie religiösen Bewegungen, Konsumverhalten, Autoritarismus oder politischer Kritik erläutert.

Das Buch bietet einen chronologischen Überblick. Es beginnt mit den ersten Expeditionen westlicher Musikfirmen auf der Suche nach exotischer Musik zu Beginn des 20. Jahrhunderts und dem allmählichen Aufbau eines eigenen Musikmarktes in Südostasien. Es endet mit aktuellen musikalischen Trends wie der K-Pop-Welle, die auch Südostasien erfasst hat. Entstanden ist die Publikation im Zuge des Projektes Articulating Modernity: The Making of Popular Music in Twentieth-Century Southeast Asia and the Rise of New Audiences in dem von 2011-2014 sowohl westliche als auch südostasiatische Wissenschaftler*innen mitwirkten. Dabei hatten die Autoren des Buches zugleich die Projektleitung inne.

Zu Beginn machen die Autoren klar, dass sie mit dem Begriff der Popmusik jene Musik meinen, die ein breites Publikum findet und nicht nur (aber auch) solche Musik bezeichnet, die bei ‚populären‘ (unteren) Klassen beliebt ist. Im Laufe der Lektüre wird dennoch klar, wie Musikgeschmack als Distinktionsmerkmal sozialer Klassen in Erscheinung trat und tritt. Aber auch, und hierauf legen die Autoren großen Wert, inwieweit Musik auch als Identitätsmarker für nationale, religiöse oder ethnische Identitäten entscheidend ist. Das Buch beleuchtet, wer die wichtigen Akteure in den Musikszenen waren und sind, wie populäre Musik ein Ausdruck sozialen Wandels vor allem in urbanen Umgebungen war. Es beschreibt ebenfalls die technischen Voraussetzungen, die dazu beitrugen, dass die besprochenen Bands und Musikstile breite Massen erreichen konnten.

Einflüsse und Ablehnung westlicher Musik

Das erste Kapitel befasst sich vor allem mit den Einflüssen des Jazz und anderer populärer westlicher Musikstile in Südostasien und der in diesem Zuge entstandenen hybriden Musikrichtungen wie des Keroncong im holländischen Kolonialreich Niederländisch-Ostindien (heute Indonesien) bis zur japanischen Besetzung 1942. Bereits hier wird ausführlich auf den musikalischen Austauschprozess Südostasiens mit anderen Weltregionen hingewiesen (beispielsweise der Einfluss hawaiianischer Musik in dieser Zeit) – ein Thema, dass bei der Lektüre der folgenden Kapitel immer wieder auftauchen wird. Im ersten Kapitel werden auch neu aufkommenden Phänomene wie das des (weiblichen) Musikstars und der entsprechenden Fangemeinschaften beschrieben, die auch mit Hilfe der neuen Massenmedien wuchsen.

Im zweiten Kapitel geht es um Einflüsse westlicher Musik (vor allem Rock‘n Roll) in der Zeit nach dem zweiten Weltkrieg bis Mitte der 60er Jahre. Die Autoren heben hier besonders hervor, wie diese Musik in den neuen Nationalstaaten im Prozess der Dekolonialisierung für Verunsicherung sorgte. Sowohl in Ländern mit ‚Westbindung’ als auch bei kommunistischen oder blockfreien Regierungen erregte westliche Popmusik – und ihre lokalen Adaptionen – in der Regel großes Misstrauen und Ablehnung. Einzig Kambodscha (in der Zeit vor den Roten Khmer) wird als Ausnahme angeführt. Mit dem Import von Popmusik ging eine Welle moralischer Panik und Angst vor Verwestlichung einher, so dass in vielen Ländern Südostasiens versucht wurde, ihre Verbreitung einzuschränken. In Indonesien beispielsweise wurde 1957 ein Verbot von Rock‘n Roll im Radio erlassen. 1963 erfolgte dann ein generelles Verbot von öffentlichem Abspielen von Rock‘n Roll und ähnlicher Musik.

Musik im gesellschaftlichen Wandel der 70er bis 90er Jahre

Dies änderte sich dann in den 70er Jahren. Das dritte Kapitel beschäftigt sich mit der Zeit der 70er bis zu den 90er Jahren, die einerseits von kultureller Öffnung gegenüber westlicher Kultur (und damit auch der Popmusik), andererseits aber von neuem Autoritarismus geprägt waren. Außerdem erlebte Südostasien massive Urbanisierungsprozesse und eine neue Mittelklasse bildete sich heraus. In diesen Zeiten fragten Menschen immer stärker nach ihren Identitäten in einer sich rasant ändernden sozialen und kulturellen Umwelt, was auch große Auswirkungen auf die Populärmusik hatte.

Islamisch geprägte Musik kam in Mode, ebenso Popmusik, die sich ethnischer und lokaler Musikstile bediente, beispielsweise in Indonesien Pop Minang (Westsumatra) oder Pop Jawa (Zentral- und Mitteljava). Diese wurde vor allem von der in den großen Städten lebenden Diaspora der verschiedenen ethnischen Gruppen gehört. Die Autoren argumentieren überzeugend, dass diese Musik dazu beitrug, ethnische Identität auch fernab der Heimat zu konstruieren, obwohl die Musik auch stark durch fremde Musikstile wie z.B. aus Lateinamerika beeinflusst wurde. Außerdem wurde in dieser Zeit populäre Musik zum Sprachrohr der Kritik an politischem Autoritarismus. Populäre Musik diente zugleich als Distinktionsmarker der sozialen Schichten. So galt und gilt Dangdud, das sich aus dem Pop Melayu entwickelte, in Indonesien als Unterhaltung für ärmere Bevölkerungsschichten.

‚Unangepasstheit’ als konsumorientierter Mainstream?

Das letzte Kapitel beleuchtet die Entwicklungen ab den 90er Jahren. Weiterhin, so wird konstatiert, finden kulturelle Hybridisierungsprozesse statt. Neu hinzu kamen Indie-Labels, oft mit einer Attitüde des Unangepassten und zum Teil mit politischer Botschaft. Metal, Punk und vor allem BritPop beeinflussten diese neuen populärmusikalischen Ausdrucksformen, die trotz des rebellischen Images längst Teil des musikalischen Mainstreams geworden sind. Heute findet Indie-Musik ihre Verbreitung über Online-Medien, ist daher oft sowohl lokal als auch transnational. Außerdem gehen die Autoren noch einmal auf die islamisch geprägte populäre Musik (Nasyid) ein und werfen die Frage auf, wie islamische Pietät und Konsumverhalten zusammenpassen. Nasyid ist seit Beginn der 2000er Jahre sehr populär vor allem in den urbanen Räumen in Malaysia und Indonesien.

Besonders hervorgehoben wird im letzten Kapitel auch der Einfluss ostasiatischer Musik: Interessanterweise ist chinesische Musik, trotz der großen chinesischstämmigen Minderheit in Südostasien, immer ein Nischenphänomen geblieben. Anders als Pop aus Japan und vor allem Korea, der seit den 90er Jahren sehr beliebt geworden ist. Auch in Südostasien selbst haben Bands diesen Musikstil aufgegriffen, wie am Beispiel der indonesischen Band JKT48 erläutert wird.

Abschließend erläutern die Autoren aktuelle Trends. Zum einen diskutieren sie die Auswirkungen der Digitalisierung, die Musik heute fast überall erhältlich macht und auch unbekannten Bands die Möglichkeit bietet, sich per Online-Plattform an ein größeres Publikum zu wenden. Außerdem gibt es seit einigen Jahren ein neues Interesse für die Musik der Vergangenheit: Populäre Musik der 60er und 70er, aber auch Swing und Jazz werden neu entdeckt und interpretiert durch eine junge Generation von Musiker*innen. Als ein wichtiges aktuelles Phänomen werten die Autoren das ‚Zelebrieren des Gewöhnlichen‘: Fans performen die Musik ihrer Idole und können sich über Online-Medien an ein größeres Publikum richten. Jeder kann ein Star sein. Beliebte Casting-Shows im TV sind Ausdruck dieses Trends.

Musik als Spiegel der Gesellschaft

Popular Music in Southeast Asia. Banal Beats, Muted Histories ist informativ und übersichtlich. Aufgrund seines geringen Umfangs (105 Seiten) kann es allerdings nur einen fragmentarischen Überblick über die populäre Musik in Südostasien geben. Viele bedeutende Bands und Musiker*innen bleiben unerwähnt. So zum Beispiel in Indonesien die erste rein weibliche Beat-Band Dara Puspita und die über Jahrzehnte einflussreiche Popband Koes Plus, die beide in den 60ern begannen, britischen Beat und andere westliche Musik mit lokalen Musikstilen zu kombinieren. In den aktuellen Auflistungen von Musiker*innen finden sich beispielsweise auch nicht die heute in linken Kreisen beliebten und politisch aktiven Punkbands Band Marjinal oder Superman is Dead – um nur einige zu nennen. Auch liegt der Fokus des Buches ganz klar auf Indonesien und seinen insularen Nachbarländern. Entwicklungen auf dem südostasiatischen Festland werden leider kaum erwähnt.

Zu würdigen ist, dass sich das Werk auf sehr verständliche Weise einer Forschungslücke widmet. Es richtet sich nicht nur an Akademiker*innen, sondern ist auch für interessierte Laien gut verständlich und macht Lust, in die im Buch besprochenen Genres reinzuhören. Populäre Musikformen werden mit den sozialen Zuständen ihrer Entstehung in Verbindung gesetzt. So ist dieses Buch allen ans Herz zu legen, die sich für populäre Kultur und soziale Themen in Südostasien im Allgemeinen interessieren.

Rezension zu: Bart Barendregt, Peter Keppy und Henk Schulte Nordholt: Popular Music in Southeast Asia. Banal Beats, Muted Histories. Amsterdam University Press, 2017, als E-Book erhältlich.

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1 | 2018, Indonesien, Rezensionen,
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Kenntnisreiche Einführung in die indonesische Gegenwartskunst

Vietnam: Digitale Bürokratie, digitale Beteiligung, digitale Behördengänge. Auf diesem Feld hat Deutschland noch ähnlich viel Entwicklungspotential wie Vietnam. Dies zeigt ein vergleichender Sammelband, der sich dem Thema E-Government widmet.

Inwieweit schafft Digitalisierung von Verwaltungsvorgängen neue Möglichkeiten für bessere Kommunikation zwischen Regierungen und Bürger*innen? Wie lässt sich Bürgerbeteiligung verbessern? Dies waren Fragestellungen im Rahmen der Tagung E-Government and Administrative Reform in Germany and Vietnam, die im März 2018 an der Universität für Sozial- und Geisteswissenschaften VNU (USSH) in Hanoi stattfand. Der gleichnamige Sammelband dokumentiert die Beiträge und Ergebnisse der Konferenz. Im Mittelpunkt standen weniger technische, als vielmehr gesellschaftspolitische und rechtliche Fragen. An der Konferenz nahmen Wissenschaftler*innen u. a. aus den Disziplinen Politik- und Verwaltungswissenschaft sowohl aus Vietnam als auch aus Deutschland teil.

Der Vergleich zwischen Deutschland und Vietnam ist durchaus überraschend. Beide Länder unterscheiden sich in Bezug auf das Regierungs- und Rechtssystem, Behördenstrukturen, den Grad der wirtschaftlichen Entwicklung, Infrastruktur und Pro-Kopf-Einkommen. Es gibt andererseits Ähnlichkeiten, wie zum Beispiel die Abdeckung der Breitbandinfrastruktur oder den Prozentsatz der Internetnutzer. „Was beide Länder ebenfalls verbindet, ist der Wille, E-Government zu einem dauerhaften Bestandteil der Verwaltungssysteme zu machen“ betonen die drei Herausgeber*innen des Tagungsbandes Detlef Briesen, Pham Quoc Thanh, Nguyen Thi Thuy Hang in der Einführung. „Die bisherigen dualen Weltanschauungen, hier modernes Industrieland, dort Entwicklungsland, hier alternde, schrumpfende Gesellschaft, dort südostasiatischer Tigerstaat“, so die Herausgeber*innen, seien in dieser Form nicht mehr unbedingt gültig. Dies gelte insbesondere für den Zusammenhang zwischen notwendigen Verwaltungsreformen und der Implementierung von E-Government.

Das klang spannend genug, sich die Publikation genauer anzuschauen. Für die Rezension habe ich gezielt drei Vorträge von vietnamesischen Autor*innenteams herausgegriffen, da diese die grundlegenden Aspekte der vietnamesischen Perspektive berücksichtigen.

Digitale Demokratie – bessere Demokratie?

Der Schwerpunkt des Beitrags E-Government and E-Democracy – Some Theoretical and Practical Issues von Lai Quoc Khanh liegt auf der Definition und Beschreibung der Zielsetzungen für E-Government. Dies sei in Vietnam der Einsatz von innovativer Technik für bessere staatliche Dienstleistungen sowie für eine schnellere Kommunikation der Regierung mit einzelnen Bürger*innen, der Wirtschaft und innerhalb verschiedener Behörden. Außerdem erwartet der Autor mehr Transparenz, Offenheit, Kontrolle, eine einfache Bedienbarkeit und die Verbesserung der Arbeitsprozesse bei Behörden. Lai Quoc Khanh führt in seinem Beitrag zudem den über eine technisch orientierte Definition von E-Government hinausführenden Begriff von E-Demokratie oder ‚digitaler Demokratie‘ ein. Er geht davon aus, dass durch den Einsatz von Digitaltechnik demokratische Prozesse verbessert werden. Die digitale Demokratie sei eine Form der Demokratie, in der digitale Gestaltungswerkzeuge dabei helfen, die digitalen Angebote der Regierung zugunsten der Bürger*innen zu nutzen.

Hier nennt er drei Aspekte. Erstens: Das ‚Recht auf Information‘ durch Bereitstellung dieser Informationen über IT-Systeme und erweiterte rechtliche Rahmenbedingungen. So soll es Menschen besser möglich werden, ihre gesetzlichen Rechte umfassend und korrekt wahrzunehmen. Zweitens: Das ‚Recht auf Diskussion‘ durch die Bereitstellung von Informationen und Dialogplattformen, über die Bürger*innen ihre Meinung vollständig und unverzüglich am richtigen Ort äußern können. Auf diese Weise sollen Probleme rechtzeitig, öffentlich und verantwortungsbewusst gelöst werden. Drittens: Das ‚Recht zu handeln‘: schließe die Möglichkeit ein, demokratische Rechte auch durchzusetzen.

Der Autor plädiert allerdings nicht für eine ungezügelte Informationsverbreitung, sondern betont die Notwendigkeit der Einhaltung von Verfassungen und Gesetzen. Er verweist auf ein ‚potenzielles Risiko‘ in der Verwaltung politischer Inhalte und anderer sozialer Fragen im Internet, insbesondere wenn es an Kontrollmethoden bei der Überwachung der Informationsquellen und deren Vertrauenswürdigkeit mangelt.

Bestandsaufnahmen bestehender E-Government-Strukturen in Vietnam

Die drei Autor*innen Tran Bach Hieu, Tran Thi Quang Hoa und Tran Thi Minh Tuyet befassen sich in ihrem Beitrag Some Aspects of E-Government and its Development in Vietnam mit dem aktuellen Stand von E-Government-Anwendungen in Vietnam und stellen fest, dass diese derzeit in Vietnam noch auf viele Schwierigkeiten stoßen. Die größte Herausforderung sei die fehlende technische Infrastruktur. Die Anwendung der Informationstechnologien, innerhalb von Regierungsstellen sei noch sehr beschränkt. Dies gelte auch für das Angebot an konkreten Online-Diensten. Darüber hinaus gäbe es das Problem bei der Internet- und Netzwerksicherheit. Ein Defizit bestünde außerdem in einem erkennbaren Mangel an Wissen und Verständnis sowohl bei Beamt*innen als auch bei Bürger*Innen.

Der Beitrag Implementing Social and Health Insurance in Vietnam and the Establishment of E-Government von Dang Anh Dung enthält eine Bestandsaufnahme dessen, was auf Basis von Regierungsbeschlüssen von 2015 bereits erfolgt ist. Dazu gehöre ein zentrales Dokumentenmanagementsystem, das 26 Ministerien, Regierungsbehörden sowie 63 Provinzen und Städte verbindet. Es soll Daten und Dokumente über alle Hierarchien der staatlichen Verwaltungseinheiten (Kommune, Distrikt, Provinz, Regierungsebene) hinweg vernetzen. Das System soll über eine einzige Internet-Adresse (URL) zugänglich sein, Datensicherheit und Datenschutz gewährleisten und insbesondere in entlegenen Regionen nutzbar sein. Es soll außerdem den Bürger*innen erlauben, die Aktionen der Behörden zu verfolgen und zu überwachen. Konkret im Gesundheitswesen verweist der Autor auf ein zentrales Datenbanksystem, das Daten aus Sozialversicherungsbüchern und Krankenversicherungskarten auf Provinzebene zusammenführt. Der Autor sieht darin u. a. ein wirksames Instrument, um illegale Geschäfte mit der Krankenversicherung in medizinischen Einrichtungen zu vermeiden.

Überraschende Ähnlichkeiten bei Schwächen und Herausforderungen

Zusammenfassend stellen die Herausgeber*innen fest, dass in Vietnam und Deutschland in der Bewertung der Möglichkeiten von E-Government Ähnlichkeiten vorhanden sind. Dies lässt sich in den drei betrachteten Beiträgen in der Tat gut nachvollziehen. Die meisten der Ziele, die die vietnamesischen Wissenschaftler*innen formulieren, kann man auch in den Vorgaben der Bundesregierung und in Diskussionen der hiesigen Öffentlichkeit finden – wie zum Beispiel beim Umgang mit vertrauenswürdigen Quellen. Besonders deutlich sind die Ähnlichkeiten überraschenderweise in den Schwächen der Systeme. Die Angebote bestünden bislang lediglich in der Bereitstellung von Information. Eine vollständige Abwicklung von Verwaltungsvorgängen sei selten. Die Bürger*innen müssen weiterhin zu den Ämtern gehen. In beiden Ländern beklagen die Anwender*innen die mangelnde Benutzerfreundlichkeit sowie Unsicherheiten beim Datenschutz. Diese Mängel hielten sowohl in Vietnam als auch in Deutschland Benutzer*innen davon ab, die E-Government-Angebote zu nutzen. Die vietnamesischen Forscher*innen seien aber, so die Konferenzleiter, in toto deutlich optimistischer, was die positiven Einflüsse von E-Government auf politische Partizipation, Demokratie, Verwaltungsabläufe und rechtliche Regelwerke habe. Einige der vietnamesischen Referent*innen äußerten die Hoffnung, dass die Systeme helfen könnten, das in Vietnam verbreitete Phänomen der Korruption und Verfolgung von Eigeninteressen besser zu bekämpfen. Hier konnte ich mir als Rezensent beim Lesen dieses Satzes ein leichtes Lächeln nicht verkneifen, da die Probleme mit Eigeninteressen auch hierzulande existieren.

Abgesehen von den genannten ähnlichen und divergierenden Aspekten, ist bemerkenswert, dass Vietnam, gemessen an seinem Entwicklungsstand in Bezug auf den Einsatz dieser Techniken hochgesteckte Ziele verfolgt. Dies korreliert mit ähnlich hohen Zielsetzungen auf anderen Feldern der Wirtschaftsentwicklung, die nach Ansicht der Regierung Vietnams immer noch der Beseitigung der Armut und einer besseren Versorgung der Bevölkerung dienen sollen. Das Verdienst der Konferenz war, an Hand des Buches aus der Ferne betrachtet, ein vorurteilsfreier und offener Meinungsaustausch.

Rezension zu: Detlef Briesen, Pham Quoc Thanh, Nguyen Thi Thuy Hang (Hrsg.): E-Government and Administrative Reform in Germany and Vietnam. Cuvillier Verlag, 2019, 210 S., als E-Book erhältlich.

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1 | 2018, Indonesien, Rezensionen,
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Kenntnisreiche Einführung in die indonesische Gegenwartskunst

Thailand: Die aktivistische Band Faiyen agiert seit dem Militärputsch 2014 aus dem politischen Exil – erst in Laos und seit 2019 in Frankreich. Im Interview mit der südostasien berichten sie über ihre Musik als Protestmittel, ihre Zeit im Exil, und warum sie nicht bereit sind, aufzugeben.

Musik ist ein bewährtes Mittel für politischen Protest. Wie nutzt ihr Musik für euren Aktivismus?

Jom: Für die Menschen in Thailand ist es nicht möglich die Monarchie direkt zu kritisieren. Was wir also gemacht haben ist, mit Musik die Monarchie indirekt zu parodieren. Jeder versteht, was wir in unseren Liedern meinen, aber das Gesetz kann uns dafür nicht belangen. So können wir über wichtige Themen im Zusammenhang mit der Politik und der Monarchie sprechen. Damit können wir ausdrücken, was viele Menschen sagen möchten, aber nicht aussprechen können.

Khuntong: Wir machen uns über das Militär und die Monarchie lustig. Indem wir Themen in einer lustigen Art und Weise behandeln, hoffen wir, den Menschen ihre Furcht zu nehmen. Wenn du in Thailand über den König sprichst, kannst du durch das lèse majesté-Gesetz verhaftet werden. Daher nutzten wir Symbole in unseren Liedern. Als wir über den König sangen, nannten wir ihn zum Beispiel Lung Somchai (Onkel Somchai) oder die Königin nannten wir Pa Somchit (Tante Somchit). Mit der Zeit hat sich unser Stil aber auch geändert. In Thailand kritisierten wir indirekt, aber nachdem wir geflohen sind, begannen wir auch, direkte Botschaften zu nutzen.

Was ist besonders an Musik als politischer Protestform und was kann Musik den Menschen geben?

Yammy: Musik gibt den Menschen Hoffnung. Indem wir sie als politische Protestform nutzen, können wir für Demokratie und Freiheit eintreten. Musik kann auf eine unterhaltsame Art und Weise den Menschen auch helfen, sich zu beruhigen und ihnen Kraft geben.

Khuntong: Musik kann dazu verwendet werden, Botschaften zu verbreiten, wie im Fall von 2010: die Menschen darüber aufzuklären, wer für die Morde verantwortlich ist.

Jom: Viele der Rothemden, die gegen das Militär protestieren, haben keine Hoffnung. Es ist ihnen nicht erlaubt ihre Meinung zu äußern, um diese große Macht zurückzuschlagen. Wenn sie also nicht alleine sprechen können, können wir das mit Liedern tun. Sie können unsere Lieder singen, um zu protestieren.

War eure Musik immer schon politisch? Wann habt ihr beschlossen, dass ihr über politische Themen in eurer Musik sprechen möchtet?

Khuntong: Früher war ich eigentlich Komponist für königliche Symphonien. Nach dem Staatsstreich gegen Thaksin im Jahr 2006 begann ich, meine politische Meinung zu ändern: Ich wurde von einem Royalisten zu einem Anti-Royalisten. Nach der Niederschlagung der Proteste im Jahr 2010 begann ich schließlich aktiv zu werden. Das war schlicht und einfach Mord, und die Monarchie unterstützte das. Ich begann deshalb, Protestmusik zu komponieren.

Jom: Vorher war ich ein normaler Studentenaktivist. Ich hatte nicht so viel Musik gemacht, aber ich bin Khuntong zu Faiyen gefolgt. Die Anfänge von Faiyen liegen im Jahr 2010, und die Band existiert offiziell seit 2011. Das Militär hatte Angst vor dem zunehmenden Aufbegehren der Rothemden und tötete viele Menschen während der Proteste. Um uns zu wehren, begannen wir, Lieder zu verwenden. Wir wiesen darauf hin, dass hinter den Taten des Militärs die Monarchie steht.

Yammy: Ich bin 2015 in Laos Faiyen beigetreten. Davor war ich als Aktivistin auf Facebook in meiner Gemeinde tätig und arbeitete als Verkäuferin für Samsung.

Tito: Ich war bereits vor der Protestniederschlagung als Student ein Aktivist in der Region Isaan. Ich trat der Band dann bei, als sie nach Laos gingen.

Habt ihr musikalische Vorbilder? Wer inspiriert euch?

Khuntong: Ich hatte keine konkreten Vorbilder.

Yammy: Ich wurde von den Protestbewegungen der Studierenden in Thailand inspiriert. Danach begann ich zu singen und liebte die Lieder von Faiyen. Daher beschloss ich, der Gruppe beizutreten.

Jom: Schon vor dem Protest war ich ein Fan der Musik von Jin Gammashon. Er ist meine Inspiration in Thailand. Er schrieb und sang Lieder für die kommunistische Partei Thailands. International haben mich die Cranberrys geprägt. Ich liebe es, der inneren Stimme von Dolores O’Riordan zuzuhören. Wenn ich versuche, meine Gedanken auszudrücken, bin ich von ihr inspiriert.

Tito: Ich muss sagen, dass ich keine bestimmten Personen hatte, die mich inspiriert haben. Vielleicht war es ein bisschen meine Familie, aber meine Inspiration kam hauptsächlich aus den Umständen in Thailand. Ich komme aus einer ländlichen Gegend in Isaan und kenne das Leiden der Menschen aus meiner eigenen Situation, in der ich aufgewachsen bin. Es gibt Menschen, die sich nicht wehren konnten, weil ihnen die Mittel dazu fehlten. Das hat mich inspiriert, aktiv zu werden. Ich versuche auch, meine Ideen aus Isaan-Volksliedern zu kanalisieren.

Wie würdet ihr unseren Leser*innen beschreiben, wovon eure Musik handelt?

Tito: Von der Wahrheit in Thailand.

Khuntong: Unsere Musik handelt von den Problemen in Thailand. Wir versuchen mit unseren Liedern die offenen Fragen über die thailändische Politik zu adressieren.

Jom: Viele Royalist*innen behandeln die Rothemden nach den Protesten als wären sie keine Menschen. Mit unserer Musik können wir ihnen sagen: ‚Wir sind auch Menschen, wir haben dieselben Rechte!‘

Was sind eure Hauptkritikpunkte an der thailändischen Politik?

Khuntong: Die Monarchie steht ganz oben auf der Liste unserer Kritik, und damit das lèse majesté-Gesetz, 112 [Das Gesetz zur Majestätsbeleidigung ist der Artikel 112 im Strafgesetzbuch, Anm. d. Red.]. Niemand wagt es, sich wegen des Gesetzes zu erheben. An zweiter Stelle kommt das Militär. Das Problem ist, dass die Monarchie und das Militär eine Einheit bilden, doch glaube ich, dass die Monarchie noch mehr Macht als das Militär hat.

Warum macht eure Musik das Militär so wütend?

Khuntong: Wir sprechen die Themen direkt an.

Jom: Sie sind verärgert, weil wir die Lieder so geschrieben haben, dass das Gesetz uns nichts anhaben kann. Wir haben das Gesetz gründlich studiert und wissen, wie wir bestimmte Wörter verwenden mussten. Wir zerstören damit die Gesetzeskontrolle. Als die Lieder in Thailand Verbreitung fanden, hatten sie Angst vor dem Einfluss der Musik und davor, dass die Menschen ihre Loyalität gegenüber der Monarchie verlieren. Die Lieder können den Menschen auch selber beibringen, wie sie die Kontrolle durch das Gesetz umgehen können.

Yammy: Die Monarchie will nicht, dass jemand sie und ihre Propaganda in Frage stellt. Die Tatsache, dass wir das mit unseren Liedern tun, macht sie wütend. Unsere Lieder können den Menschen die Angst nehmen und sie wachrütteln, damit sie verstehen: Hey, die Monarchie ist eigentlich etwas Schlechtes. Das Militär will das natürlich verhindern.

Video, in dem Yammi das Militär verspottet, das Straßenhändler für den Verkauf von roten Eimern verhaftet hat, da es die Farbe der Rothemdenbewegung ist.

Wie hat sich die Situation für euch nach dem Putsch 2014 verändert?

Jom: Es war eine sehr schlechte Zeit nach dem Putsch. Sie [Die Militärs] nutzten ihre Macht, um uns zum Nationalen Rat für Frieden und Ordnung (NCPO) zu zitieren, obwohl dies nicht legitimiert war. Wir waren vorher sehr vorsichtig, kannten die Gesetze gut und haben uns entsprechend geäußert. Aber als das Militär an die Macht kam, benutzten sie nicht das Gesetz, sondern die Macht der Waffen. Seit dem Putsch ist die Lage noch viel schlimmer geworden.

Wie reagieren Menschen in Thailand auf eure Musik?

Yammy: Viele Menschen in der demokratischen Bewegung verstehen unsere Botschaft, mögen unsere Lieder und unterstützen uns – müssen aber vorsichtig sein. Die thailändischen Royalist*innen mögen uns nicht, und eine Gruppe unter ihnen verlangt sogar vom Militär, uns zu töten. Sie skandieren: „Tötet Faiyen, tötet sie“.

Jom: Ja, diese Gruppe will, dass unsere Band gejagt und getötet wird. Es gibt viele Bands, die das Militär, die Regierung oder den Premierminister kritisieren, aber nur eine Band, die die Monarchie adressiert: Faiyen. Daher kennen uns viele Leute von den Rothemden.

Tito: Manche von ihnen feiern unsere Musik heimlich und benutzen sie als eine Art Protest. Sie können dies aber wegen der militärischen Unterdrückung nicht offen zeigen.

Wie beurteilt ihr die politische Musikszene in Thailand jetzt?

Tito: Obwohl es viele Bands gibt, die über diese Wahrheit sprechen, sind sie nicht auf das inhaltliche Niveau gekommen, das die Monarchie direkt kritisiert. Sie versuchen, etwas zu tun, aber sie können es nicht. Wir hoffen, dass in Zukunft viele Thailänder*innen diese ‚Wand‘ durchbrechen werden, um [in ihrer Kritik] zum Problem der Monarchie als Institution zu gelangen.

Wie war euer Leben in Laos und was hat sich für euch verändert?

Jom: Die Kulturen in Laos und Thailand sind sich sehr ähnlich. Das war hilfreich. In Laos konnten wir uns auch frei bewegen und anfangs das tun, was wir wollten. Wir verwendeten direktere Botschaften in unseren Liedern. Dennoch gibt es Verbindungen zwischen den Regierungen. Leute von der Regierung haben uns gesagt, dass wir still sein müssen, um die Beziehungen nicht zu gefährden. Trotzdem machten wir weiter. Wir sind der Meinung, dass eine kommunistische Regierung der Thai-Monarchie gegenüber nicht loyal sein sollte. Einige Leute in der kommunistischen Partei wussten über uns Bescheid und unterstützten uns. Einige nicht.

Yammy: Obwohl wir die Freiheit hatten, in Laos über die Monarchie zu sprechen, waren wir nicht durch das Gesetz geschützt und es war gefährlich. Wir waren keine offiziell anerkannten Geflüchteten. Wir mussten auf uns selbst aufpassen und darauf, unseren Standort nicht preiszugeben. Das fing schon bei den Inhalten und Fotos in den sozialen Medien an.

Wie konntet ihr euch in Laos finanzieren?

Yammy: Die Menschen, die sich für die Demokratie einsetzen, haben für uns gespendet.

Jom: Wir nutzen Youtube, um über Politik zu sprechen und unsere Lieder zu verbreiten. Viele Leute haben Geld gespendet, um uns zu unterstützen. Aber ich habe auch z.B. in einem medizinischen Cannabis-Zentrum gearbeitet, um etwas zusätzliches Geld zu verdienen.

Warum wurde die Situation in Laos später so gefährlich?

Jom: Am Ende versuchte die thailändische Regierung, der laotischen Regierung Geld zu geben, um uns zu jagen und uns gegen politische Geflüchtete aus Laos in Thailand auszutauschen.

Yammy: Die thailändische Regierung wollte drei Gruppen in Laos gegen laotische Aktivist* eintauschen. Sie wollten Faiyen, die Gruppe um Surachai Danwattananusorn und die um Lung Sanamluang.

Jom: Sie waren Freunde, die soziale Medien nutzten, um das Militär in Thailand zurückzuschlagen, und dann verschwanden. Zwei wurden als Leichen im Mekong wieder gefunden. Wir wussten, dass wir nicht mehr sicher sind und mussten sehr schnell handeln, da wir die letzte verbliebene Gruppe waren. Wir gingen direkt zur französischen Botschaft und baten um Hilfe.

Neben einer Reihe von anderen Medien berichtete die BBC über die Situation von Faiyen:

Wie kam es dazu, dass ihr Laos verlassen und nach Frankreich gehen konntet?

Jom: Als die Medien über unsere Situation berichteten, konnten wir mit diesen Berichten zeigen, dass wir in Gefahr waren. Wir gaben der Botschaft die Informationen von BBC, Al Jazeera und vielen anderen Medien. Die französische Regierung glaubte uns. Ohne die Berichterstattung wäre es sehr schwierig gewesen, und wir wären vielleicht nicht in der Lage gewesen, hierher zu kommen.

Wie ist es in Paris für euch? Was hat sich für euer Leben und eure politische Arbeit verändert?

Jom: Wir arbeiten immer noch politisch, und das französische Gesetz schützt uns. Jetzt haben wir die Freiheit, wirklich in die Öffentlichkeit zu treten. Wir können live spielen und unseren Standort zeigen. Wann immer wir mit den Menschen in Thailand sprechen möchten, können wir das jetzt tun, z.B. über Live-Videos auf Facebook. Mehr Menschen können nun unsere Musik und unsere Botschaft hören.

Khuntong: Wir haben bereits zweimal vor der thailändischen Botschaft für das Rederecht protestiert. Wir haben es live auf Facebook gezeigt. Außerdem sind das Wetter und die Sprache eine große Veränderung für uns. Wir haben begonnen, Französisch zu lernen. Wir haben kein Einkommen, aber wir können noch keine Arbeit haben.

Yammy: Es ist hier sehr gut für uns, denn in Frankreich haben wir Freiheit. Mein Leben ist besser geworden und ich fühle mich gut. Das Gesetz schützt uns, und wir bekommen Unterstützung von der französischen Regierung. Der erste Schritt war, unsere Botschaften dem thailändischen Volk mitzuteilen. Der nächste Schritt ist nun, es den Menschen in der Welt mitzuteilen. Es wäre sehr schön, wenn ich, nachdem ich die Sprache gelernt habe, Arbeit finden könnte.

Habt ihr Probleme mit Repressionen durch die thailändische Regierung oder durch thailändische Royalist*innen in Paris?

Jom: Wir haben einige Probleme gehabt. Die thailändische Botschaft hat versucht, uns daran zu hindern, gegen die thailändische Regierung zu protestieren. Sie wandte sich an die Organisation für Geflüchtete und sagte ihnen, dass sie nicht wollen, dass wir vor der Botschaft protestieren. Einige Leute bezahlten auch einen Boxer, um uns anzugreifen. Außerdem lebt die Tochter des thailändischen Königs in Paris und hat viele Verbindungen zum thailändischen Tempel hier. Das ist sehr gefährlich für uns.

Yammy: Auch wenn uns das französische Gesetz schützt, ist es immer noch ein wenig gefährlich. Ich bin mir nicht sicher, wie viele Anhänger sie in Frankreich hat.

Habt ihr jemals darüber nachgedacht, euren Aktivismus aufzugeben?

Khuntong: Nein, ich will die Aktionen nicht beenden, bis die Menschen in Thailand sagen können, was sie wollen.

Tito: Solange das thailändische Volk noch immer unterdrückt wird, und solange Thailand noch eine Monarchie als Institution hat, die ihr Volk ausnutzt, werde ich weitermachen.

Yammy: Nein, ich will jetzt nicht aufhören, denn in Thailand gibt es keine Demokratie und keine Meinungsfreiheit.

Jom: Wir können nicht aufhören. Sonst gibt es keinen anderen mehr, der das tun kann, was wir jetzt tun.

Was möchtet ihr, dass die Menschen im Westen tun?

Tito: Sie können helfen, uns zu unterstützen und das, was in Thailand geschehen ist, in der Welt verbreiten. Sie können den Menschen sagen, dass sie die thailändische Monarchie nicht unterstützen sollen. Geben Sie ihnen nichts, diese Macht ist sehr grausam.

Yammy: Ich möchte, dass die Menschen in Europa die Wahrheit über die thailändische Politik verstehen, wenn sie nach Thailand gehen. Als ich mit einigen Leuten hier in Frankreich sprach, wurde mir klar, dass viele Europäer*innen ein falsches Bild von Thailand, der Monarchie und der thailändischen Politik haben.

Jom: Ich glaube, einige Europäer*innen romantisieren Thailand, weil sie die Schönheit des Meeres, der Berge, der Kultur und der Musik schätzen. Sie müssen aber auch von der repressiven Politik wissen. Die Regierung behandelt die Menschen nicht wie Menschen und sieht sie nicht als gleichwertig an. Sie sieht die Menschen als ihre Sklaven und behandelt sie auch so. Wenn Sie [die Menschen im Westen, d. Red.] nicht helfen können, das ist in Ordnung, aber unterstützen Sie bitte nicht die thailändische Regierung. Einige Länder verkaufen zum Beispiel Waffen an Thailand. Diese Waffen werden auch dazu benutzt, um Thailänder*innen zu töten.

Was ist euer Traum, wie würde euer perfektes Thailand in Zukunft aussehen?

Tito: Ich möchte, dass das thailändische Volk Freiheit und eine bessere Lebensqualität hat. Es sollte dieses System der Unterdrückung durch die herrschende Klasse nicht geben. Das thailändische Volk sollte gleichbehandelt werden.

Yammy: Die normalen Menschen in Thailand sollten der wahre Souverän des Staates sein. Die Macht sollte nicht in der Hand der Eliten liegen. Wir sollten in der Lage sein, zu entscheiden, in welcher Art von Gesellschaft wir leben wollen.

Khuntong: Wenn man in Thailand wirklich einen Monarchen will, sollte es so sein wie in England oder Japan vielleicht. Die zweite Option wäre: Wenn wir uns auf die Abschaffung dieser Institutionen einigen, dann sollten wir es wie in Frankreich und Deutschland machen.

Jom: Die Menschenrechte müssen an erster Stelle stehen und das wichtigste Thema der thailändischen Regierung sein. Man kann eine Monarchie haben, aber sie muss sich ändern. Wenn sie das nicht tut, ist sie nutzlos. Und auch das Militär muss die Menschenrechte respektieren. Sie haben die Menschenrechte seit dem letzten Putsch mehrfach verletzt, sie nutzen die Macht der Gewehre und Panzer, um das zu tun, was sie wollen. Eine Demokratie ist für alle Menschen wichtig. Wenn wir keine Demokratie haben, leben wir ein Sklavenleben.

Interview und Übersetzung aus dem Englischen: Dominik Hofzumahaus

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1 | 2018, Indonesien, Rezensionen,
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Kenntnisreiche Einführung in die indonesische Gegenwartskunst

Das „Handbuch Philippinen“ versammelt vielseitige Einblicke in die Geschichte und Gegenwart des Inselstaats. Es spürt dabei besonders den Herausforderungen der Zivilgesellschaft nach. Eine komplett überarbeitete Neuauflage ist jetzt erschienen.

Mit der sechsten Auflage des „Handbuch Philippinen. Gesellschaft-Politik-Wirtschaft-Kultur“ halte ich meine erste Ausgabe in den Händen. Für mich persönlich trägt es im Kontext privater und beruflicher Erfahrungen zu einem tieferen Verständnis der Seele des südostasiatischen Archipels in all seiner Vielfalt, Schönheit und Zerrissenheit bei. Reiseerfahrungen bekommen einen neuen Anstrich; familiäre Beziehungsmuster erweiterte Handlungsspielräume. Möglichkeiten des persönlichen Engagements werden klarer, Kenntnislücken schließen sich.

Wer sich bereits mit den Philippinen auseinandergesetzt hat, wird im vorliegenden Handbuch bekannten Themen und Inhalten begegnen, wenngleich man diesen besonderen Grad an Tiefe, Genauigkeit und Empathie in anderer Literatur vermissen wird. Es benötigt ein sehr feines Gespür und viel praktische Erfahrung im Umgang mit Kultur und Menschen, um die Facetten philippinischer Sozialisierung derart einfühlsam zu beschreiben, wie es hier gelingt. So widmet sich beispielsweise das Kapitel „Kinder, Kindheit und Erwachsenwerden“ unter anderem dem Thema Kindererziehung und Kinderrechte (z. B. im Kontext von Kinderarbeit) und deren Bedeutung für Familie und Gesellschaft und.

Philippinen von A bis Z

Somit ist das Handbuch für alle geeignet, die sich einen tieferen Einblick in das Wesen von Land, Geschichte, Menschen, Wirtschaft, Kultur, Religion oder insbesondere Politik verschaffen möchten. Es bietet einen hervorragenden Überblick zu aktuellen und zentralen gesellschaftspolitischen Themen und liefert darüber hinaus wertvolle Hintergrundinformationen (u. a. aus der philippinischen Presse oder den Medien), Literaturverweise sowie Links für weiterführende Recherchen. Aus historischer Perspektive spannt es einen weiten Bogen von der neueren Geschichte bis hin zum Wandel zu einer modernen Gesellschaft, die politisch immer noch an postkolonialen Symptomen krankt.

Themen wie Film oder Literatur runden das Handbuch an vielen Stellen ab und eröffnen eine ganzheitliche Sicht auf Land und Leute. Die Inhalte sind oft mit Beispielen aus dem Lebensalltag unterfüttert (z. B. Streiks vor dem Hintergrund prekärer Arbeitsbedingungen, siehe Kapitel „Die Gewerkschafts- und Arbeiter*innen-Bewegung“) und schaffen ein praxisbezogenes, lebendiges Bild der philippinischen Gesellschaft. Insgesamt handelt es sich um eine sehr abwechslungsreiche Lektüre, die aufgrund der authentischen Erfahrungshintergründe der Autorenschaft nicht zuletzt durch die Verwendung und Erläuterung zahlreicher Begriffe philippinischer Sprachen überzeugt. Mit einer guten Mischung aus sachlichen Beiträgen, Erlebnisberichten oder übersetzten Originalquellen richtet sich das Handbuch an eine breite Leserschaft.

Auseinandersetzung mit den politischen Dynastien

Das Handbuch geht ausführlich auf die Entwicklung politischer Dynastien ein, thematisiert die Konsolidierung der extrem ungleichen Besitz- und Machtverhältnisse und rückt in diesem Zusammenhang die strukturellen sozialen Probleme in den Vordergrund. Die ernüchternden Folgen von Interessenskonflikten zwischen Bevölkerung und einem willkürlich agierenden Staat werden unverblümt analysiert und offen gelegt: Im Kapitel „Mindanao: ressourcen- und konfliktreich“ geht es z. B. um die zahlreichen Ursachen und Folgen diverser, seit langer Zeit schwelender Konflikte im Süden des Landes.

Wenngleich die politischen Analysen in diesem Handbuch aus einer westlichen Sichtweise einwandfrei nachvollziehbar sind, wäre nach meinem Verständnis eine etwas ausgewogenere Darstellung wünschenswert gewesen. Dort wo politische Dynastien mit Diktaturen und all ihren Schrecken in Verbindung gebracht werden, gelangte ich in Gesprächen mit Filipin@s oft an einen neuralgischen Punkt. Wenn man sich mit ihnen auf Augenhöhe über damalige oder gegenwärtige Politik in ihrem Land unterhalten möchte, so ist das Verständnis der individual-psychologischen Perspektive genauso wichtig wie das der systemischen. Der qualitative Ansatz könnte im Handbuch an dieser Stelle etwas umfassender sein. In diesem Kontext stände etwa die Frage, welche persönlichen Beweggründe die Filipin@s dazu veranlasst haben, z. B. seinerzeit Despoten wie Marcos über Jahrzehnte im Amt zu stützen bzw. „gut“ zu heißen. Diese Frage wird im Handbuch leider nicht behandelt.

Wie vielfältig, lebendig aber auch brüchig die philippinische Zivilgesellschaft an vielen Stellen ist, wird im Buch insgesamt sehr deutlich, auch, wo sie noch mehr solidarische Unterstützung gebrauchen könnte. Dort, wo Unterstützung von einem korrupten Staatsapparat oftmals verwehrt bleibt, erkennt man nichtsdestotrotz Hoffnungsschimmer, die Mut machen, auch als Außenstehender genauer hinzuschauen und sich zu engagieren!

Ein wahrer Wissensschatz

Unterm Strich bleibt zu sagen: Eine derart umfassende und zugleich kompakte deutschsprachige Publikation über die Philippinen habe ich bisher nicht gefunden. Das Handbuch ist informativ, präzise und aktuell, ein wahrer Wissensschatz! Es reichert bestehendes Wissen an, verknüpft lose Enden und sorgt dort für Fragen und Erkenntnisse, wo man mit einem westlich geprägten Mindset gedanklich oft zum Stillstand kommt. Es sollte in keiner Philippinen-Bibliothek fehlen! Zum Schluss möchte ich gerne eine ehrenamtliche Mitarbeiterin von IPON, dem in Hamburg ansässigen International Peace Observers Network, zitieren. Auf meine Frage, ob sie das Handbuch kenne, gab sie mir mit einem erstaunten Blick zur Antwort: „Das ist unsere Bibel!“

Rezension zu: Rainer Werning/Jörg Schwieger (Hrsg.): Handbuch Philippinen – Gesellschaft, Politik, Wirtschaft, Kultur. 6., akt. & erw. Auflage, Berlin 2019: regiospectra Verlag, 500 S., 24,90 Euro

Am 14. März werden die beiden Herausgeber, Rainer Werning und Jörg Schwieger, sowie die Ko-Autorin Mary Lou U. Hardillo das Handbuch Philippinen im Kontext der aktuellen politischen Entwicklung vorstellen und daraus passagenweise lesen.

Dieser Artikel erschien zunächst in der südostasien Ausgabe 1|2020 – „What do we want? Climate justice“ und ist Teil der südostasien – Sonderausgabe Buchmesse

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1 | 2018, Indonesien, Rezensionen,
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Kenntnisreiche Einführung in die indonesische Gegenwartskunst

Vietnam: Der heroische Kampf des vietnamesischen Volkes für seine Unabhängigkeit ist ein oft bedienter Mythos und einer von vielen über das Land. Der Sammelband „Vietnam. Mythen und Wirklichkeiten“ erläutert, welche Funktion diese Mythen erfüllen. Allerdings bleiben die Beiträge zu sehr in der Betrachtung dieser Funktionen stecken.

Ein Mythos ist etwas, dessen Existenz behauptet wird, jedoch nicht wirklich vorhanden ist. Überall existieren Mythen: von der Familiengeschichte über regionale Märchen bis hin zur nationalen Geschichte. Mythen stiften Identität, beeinflussen Wahrnehmungen und legitimieren Machtverhältnisse. Solche Narrative gibt es auch in und über Vietnam.

Der von der Bundeszentrale für politische Bildung herausgegebene Sammelband Vietnam. Mythen und Wirklichkeiten macht sich auf die Suche nach solchen Mythen, um „so zu einem besseren Verständnis des Landes beizutragen“. Ein Blick ins Inhaltsverzeichnis zeigt jedoch sehr schnell, dass es im Band mehr um die Mythen als um die Wirklichkeit zu gehen scheint. Nahezu alle Autoren der elf Beiträge (ausschließlich Männer) verwenden den Begriff des Mythos in den Titeln ihrer Aufsätze. Die Wirklichkeit tritt etwas in den Hintergrund.

Wird alles zum Mythos erklärt, wird der Begriff beliebig

Nach einer durchaus lesenswerten politikwissenschaftlichen Einleitung, die den Begriff des Mythos näher beleuchtet, folgen drei Themenbereiche: Der erste, Geschichte und Kultur, versammelt Aufsätze, die sich unter anderem mit dem Mythos des „heldenhaften Kampfes des vietnamesischen Volkes für seine Unabhängigkeit“ (sowohl gegen China, Frankreich und die USA) sowie mit der Rolle der Kommunistischen Partei Vietnams bei der Staatsgründung auseinandersetzen. Im Bereich Politik befassen sich die Texte mit dem Mythos des „zentralistischen Staat[s], dem eine schwache vietnamesische Zivilgesellschaft“ gegenüberstehe. Die Texte im Bereich Wirtschaft versuchen unter anderem mit dem Mythos der „Erneuerung“ (Doi Moi) des Jahres 1986 aufzuräumen. Im letzten Text Politische Mythen in Vietnam und ihre Lehren für andere Regionen versuchen sich die Herausgeber Jörg Wischermann und Gerhard Will an einer politischen Theorie der Mythen, die auch außerhalb Vietnams gelten können soll.

Im Sammelband geht es um Mythen mit einer langen Geschichte ebenso wie um solche, die neu entstehen. Dabei machen die Texte die große Vielfalt der Mythen eindrucksvoll deutlich. Die Autoren beantworten vor allem Fragen wie: Was haben die Mythen mit der Wirklichkeit zu tun? Wie prägen sie das Land und den Blick von außen? Welche Funktionen erfüllen sie in Vietnam und anderswo?

Mythen haben immer eine politische Funktion – wirklich?

Problematisch ist, dass die Autoren des Sammelbandes viel zu viele Begebenheiten zu Mythen erklären. Der zentralistische Staat in Vietnam: ein Mythos. Der Cyberspace: ein Mythos. Die Erneuerungen nach dem sechsten Parteitag 1986: ein Mythos. Wenn so vieles unter einen Begriff fällt, wird er beliebig und verliert seine Schärfe. Warum soll die Erneuerungs- und Öffnungspolitik (Doi Moi) lediglich ein Mythos gewesen sein – wie Adam Forde in seinem Beitrag schreibt? Nur, weil nicht die Partei selbst sie angestoßen habe sondern „gesellschaftliche und wirtschaftliche Akteure“ außerhalb „der Planwirtschaft“?

Ein zweites Problem des Buches ist, dass die Herausgeber davon ausgehen, dass alle Mythen „bestimmte politische Funktionen“ zu erfüllen haben. Die Aufsätze klopfen die Mythen also auf ihre gesellschaftlichen Funktionen ab: Was ›bringen‹ sie für die Geschichtsschreibung? Wie verfestigen sie Herrschaftsstrukturen? Wie beeinflussen sie öffentliche Diskurse? Das ist freilich spannend, jedoch ist diese Sichtweise zu einfach, um gesellschaftliche Realitäten zu erfassen. Mythen entstehen nicht einfach so, sondern spiegeln die Macht- und Herrschaftsverhältnisse einer Gesellschaft. Betrachtet man diese zusammen mit den Lebensverhältnissen der Menschen, nähert man sich der Wirklichkeit konkreter als durch die reine Zerstörung der Mythen.

Die internationale Solidarität im Vietnamkrieg: ein Mythos?

So bezeichnet Herausgeber Jörg Wischermann in seinem Beitrag die Vietnam-Solidarität der 1968er-Bewegung als einen Mythos, da es den Protestierenden nicht wirklich um Vietnam sondern um Veränderungen im eigenen Land gegangen sei. Dabei verkennt er zum einen die Bedeutung des vietnamesischen Befreiungskampfes an sich und zum anderen läuft sein Vorwurf ins Leere. Selbst wenn es den mit Ho Chi Minh-Plakaten Protestierenden in Berlin und anderswo um eine ‚Veränderung der eigenen Gesellschaft’ gegangen sein mag, bedeutet das nicht, dass sie gleichzeitig nicht auch die Veränderung der Welt im Blick hatten.

Ein sinnvolles Analyseinstrumentarium für die genannten Probleme hat der Politikwissenschaftler Benedict Anderson in seinem bereits 1983 erschienenen Buch Imagined Communities entwickelt. Er beschreibt eine Nation als eine sozial konstruierte Gemeinschaft, die von den Menschen, die sich als Teil dieser Gruppe wahrnehmen, imaginiert wird. Durch Medien, Bilder und Kommunikation entstehen Nationen als solche imaginierten Gemeinschaften. Aber all dies passiert nicht bruchlos. Da sind Widersprüche, es gibt subversive Potenziale. Wenn Gesellschaft, wie hier im Sammelband, jedoch nur als Funktionalismus verstanden wird, bleibt dies unsichtbar.

Rezension zu: Jörg Wischermann, Gerhard Will (Hrsg.): Vietnam. Mythen und Wirklichkeiten. Bundeszentrale für politische Bildung, 2018, 279 S. 4,50 Euro.

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1 | 2018, Indonesien, Rezensionen,
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Kenntnisreiche Einführung in die indonesische Gegenwartskunst

Laos: In den Augen der Weltbank ist der von ihr mitfinanzierte Staudammprojekt Nam Theun 2 (NT2) im Süden von Laos ein nachahmenswertes Modellprojekt. Das Buch „Dead in the water: Global Lessons from the World Bank’s Model Hydropower Project in Laos“ widerlegt den Mythos der vermeintlichen Erfolgsgeschichte.

Bruce Shoemaker und William Robichaud sammeln im Buch Dead in the Water. Global Lessons from the World Bank’s Model Hydropower Project in Laos Stimmen und Standpunkte zum umstrittenen Staudamm Nam Theun 2 (NT2) in Laos, den die Weltbank 2005 mitfinanzierte. NT2 war damals eines der größten und komplexesten und sehr kontrovers diskutierten Wasserkraftprojekte in Laos.

Es war das erste Projekt, das gemeinsam von privaten Geldgebern und der laotischen Regierung finanziert wurde, mit Unterstützung der Asian Development Bank (ADB) und der Weltbank (WB). Als ein Argument für die Finanzierung galt der so genannte „China factor“, also die Befürchtung der Weltbank und weiterer Geldgeber, wenn sie nicht finanzieren, dann finanziere China (und achte noch weniger auf soziale und ökologische Standards und gewinne mehr ökonomischen Einfluss).

Die beiden Herausgeber Shoemaker, Wissenschaftler mit Fokus auf Konflikte um natürliche Ressourcen und der Umweltbiologe Robichaud, stellen sich der Herausforderung, einen konsistenten und zusammenfassenden Überblick der Auswirkungen zu geben, die der Damm NT2 auf Gesellschaft und Umwelt in Laos hat. Alle im Buch versammelten Autor*innen kennen die Region seit Jahrzehnten, die meisten sprechen Laotisch und legen eigene Untersuchungen lange vor dem Dammbau zugrunde.

Ehrlich und schonungslos nehmen die Autor*innen soziale und ökologische Versäumnisse beim Dammbau ins Visier. Der Fokus liegt auf diesen beiden Aspekten, die Laos in der Öffentlichkeit nach Lesart von Weltbank und Regierung zu einem weltweit herausragenden positiven Beispiel des Dammbaus machen sollten.

Kritische Antwort auf Eigenlob der Weltbank

Das Buch ist die Antwort auf das 2010 erschienene Buch der Weltbank Doing a dam better. Die Herausgeber, zwei ehemalige Weltbank-Mitarbeitende, brachten das Buch über Planung, Entwicklung und erwartete Auswirkungen des Staudammbaus NT 2 heraus. Beitragende waren hauptsächlich (ehemalige) Mitarbeiter*innen und Berater*innen.

Im Buch loben sich die Weltbank-Mitarbeitenden zum größten Teil selbst. Kritik wird nicht am Projekt selbst geübt, sondern nur am Management der Umsetzung. Laut Weltbank habe der Bau des Staudamms NT2 in Laos nicht nur in den Projektgebieten sondern im ganzen Land positive soziale Auswirkungen mit sich gebracht.

Das wird im hier beschriebenen Buch in dreizehn Kapiteln, die in drei Themenblöcken gegliedert sind, gründlich widerlegt.

Im ersten Teil werden die Zeit vor der Entscheidung und die langen Diskussionen aufgegriffen. Beteiligte NGOs, vor allem CARE, The World Conservation Union (IUCN) und Wildlife Conservation International (WCS) sowie Berater*innen des Expertengremiums, die zu Beginn noch von den hochgesteckten Zielen des „New Model of Hydropower“ der Weltbank überzeugt waren, äußern ihre Enttäuschung. Vor allem die NGOs fühlten sich im Nachhinein benutzt, weil sie durch ihre Mitwirkung dem Projekt gleichzeitig Legitimität verliehen.

Dammbau zerstört Land, soziale Beziehungen und lokales Wissen

Die Autor*innen im zweiten Teil beschreiben vor allem die negativen sozialen und ökologischen Auswirkungen (auch flussabwärts) und misslungene Umsiedlungsprogramme, die bis dahin wenig in den Blick genommen wurden. Von Umsiedlungen durch den Dammbau waren vor allem lokale Gemeinschaften betroffen, es wurden ca. 6.300 Menschen aus 17 Dörfern umgesiedelt.

Kompensationszahlungen für Umsiedlungen sind zwar per Dekret geregelt, aber oft fällt die Kompensation in den Provinzen deutlich niedriger aus als beispielsweise in der Hauptstadt Vientiane. Durch Umsiedlungen wurden soziale Beziehungen und Netzwerke zerstört: lokales Wissen und Erfahrungen innerhalb dieser sozialen Beziehungen und zum Land, auf dem die Menschen leben, wurden zerstört und können kaum wieder aufgebaut werden.

Außerdem kommt es durch Umsiedlung zu Streitigkeiten. Der Verlust von Land ist gleichbedeutend mit dem Verlust der Existenzgrundlage, die Bodenqualität des neuen Landes ist oft schlechter als die ursprüngliche.

Zu den ökologischen Auswirkungen zählen ausbleibende Sedimentablagerungen, die fehlenden Mineralien führen zu schlechterer Wasser- und Bodenqualität, was sich negativ auf die Landwirtschaft auswirkt. Zudem unterspült sedimentloses Wasser Felsen schneller und führt daher zu Erosion. Seltene Tier- und Pflanzenarten sterben aus und es kommt zum Fischsterben.

Mythos der Armutsminderung durch Dammbau

Im dritten Teil des Buches geht es um die Nutzung des NT2 als eine Art Marke, um die globale Wasserkraftindustrie zu legitimieren und ihr Wachstum zu ermöglichen. Dabei wurde in Laos das Narrativ der Armutsminderung mit dem Dammbau verknüpft. Die Weltbank sprach auch von breit angelegten Partizipationsprozessen, die eine Entwicklung des Landes nach sich ziehen sollten.

Das trat jedoch nicht ein. Außerdem unterstützte die Weltbank sehr einseitig private Investoren und Kreditgeber, die Bürger*innen profitierten jedoch nicht im selben Maß. Lokale Gemeinschaften zahlten den Preis dafür, dass weit weg profitiert wurde. Im Fall der Stromerzeugung durch das NT2 profitierte das stromhungrige Nachbarland Thailand. Denn der Strombedarf von Laos war zum Zeitpunkt des Dammbaus bereits gedeckt.

Auch aus ökonomischer Sicht war der Damm nicht erfolgreich. Thayer Scudder, ein ehemaliger Dammbefürworter und Mitglied im Expertengremium des NT2 ist inzwischen ein entschiedener Dammgegner: „Die Regierung von Laos plant in den nächsten 20 bis 30 Jahren weitere 60 Dämme, dabei hat sie momentan nicht mal die Kapazität mit den ökologischen und sozialen Auswirkungen eines einzigen Dammes fertig zu werden”, äußert sich Scudder im Buch.

Er bezweifelt, dass Wasserkraft eine zukunftsfähige Energiequelle ist. Wasserkraft ist aus ökonomischer Sicht ein Verlustgeschäft, weil die Entscheidungen bei den Kostenberechnungen meistens einseitig getroffen werden und Faktoren wie Inflation, Schuldenrückzahlung und ökologische und soziale Kosten nicht einbezogen sind.

Laos zahlt langfristig den Preis für den Dammbau

Auf lange Sicht wirken sich auch die Übernahmebedingungen, unter denen die Abkommen mit den Investoren geschlossen werden, nachteilig auf Laos aus. Die meisten Dammprojekte werden durch ausländische Investitionen und mittels so genannter unterschiedlicher Betreibermodelle („build-operate-transfer“ (BOT) oder „build-own-operate-transfer“ (BOOT)) mit den Investoren finanziert. Diese sehen vor, dass die Investoren das Eigentumsrecht und die Zuständigkeit nach mehreren Jahrzehnten an die laotische Regierung übergeben.

Im Fall NT2 geschieht das nach 25 Jahren. Und dann kann es sein, dass sich die Rahmenbedingungen längst geändert haben und der Betrieb des Damms verglichen mit alternativen und günstigeren Energielösungen wie Solar und hybriden Projekten schon nicht mehr wettbewerbsfähig ist. Auch Instandhaltung und Modernisierung eines Damms ist mit exorbitant hohen Kosten verbunden und gerade unter sich ändernden Wetterbedingungen ist es äußerst wichtig, die Wartung konsequent umzusetzen.

In ihrem Fazit schreiben die Herausgeber, dass viele der vollmundigen Versprechungen der Weltbank sich nicht erfüllt haben. Das Projekt eigne sich nicht als Modellprojekt. Seine Fehler sollten nicht in anderen Dammprojekten weltweit wiederholt werden. Nach Meinung der Herausgeber und der Autor*innen sollte die Weltbank umdenken und sich mehr an den Bedürfnissen lokaler Gemeinschaften orientieren und weniger an den Interessen des privaten Sektors.

Die Herausgeber und Autor*innen empfehlen der Weltbank, ein vertieftes Verständnis der begangenen Fehler und deren Auswirkungen zu erlangen, um auf dieser Grundlage eine neue, gut durchdachte Strategie zu entwickeln. Stellenweise liest sich das Buch wie ein Krimi. Gerade vor dem Hintergrund aktueller Entwicklungen des Staudammbusiness im Mekong und der Regierungsstrategie, Laos zur ‚Batterie Südostasiens’ zu machen, ist dieses Buch zu empfehlen.

Es ist ein gute Lektüre, um sich vertiefter mit Aspekten des Dammbaus auseinanderzusetzen und sich nicht zu schnell vom Argument der „nachhaltigen Wasserkraft“ überzeugen zu lassen, die das Land „entwickeln“ und aus der „Armut führen“ soll.

Rezension zu: Bruce Shoemaker und William Robichaud (Hg) : Dead in the water: Global Lessons from the World Bank’s Model Hydropower Project in Laos. University of Wisconsin Press, 2019, 384 Seiten, Paperback.

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1 | 2018, Indonesien, Rezensionen,
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Kenntnisreiche Einführung in die indonesische Gegenwartskunst

Südostasien- Wenn Indonesiens Wälder großflächig brennen, wird die ganze Region mit einer Dunstglocke aus giftigem Qualm (Haze) überzogen. Helena Varkkey von der University of Malaya in Kuala Lumpur erforscht die Ursachen der Waldzerstörung und erklärt, warum der Schutz von Torfböden entscheidend im Kampf gegen den Klimawandel ist.

Im Sommer und Herbst 2019 konnten wir in den Medien beobachten, wie Indonesiens Wälder wieder in Flammen standen. Wie haben sich die Waldbrände 2019 im Vergleich zu den Vorjahren entwickelt, vor allem im Vergleich zu 2015?

Waldbrände haben wir in Südostasien relativ regelmäßig. In Indonesien treten sie normalerweise jedes Jahr in der Trockenzeit auf. Das hat sowohl natürliche als auch Menschen gemachte Gründe. Ich beschäftige mich vor allem mit dem grenzübergreifenden Charakter der Feuer. Ob Brände zu einem grenzübergreifenden Problem werden hängt sehr stark von den Wetterverhältnissen ab. 2019 hatten wir eine sehr trockene El Niño Saison.

El Niño ist ein wiederkehrendes Wetterphänomen, mit einer Kombination aus extremer Trockenheit, wenig Regen und sehr starken Winden, das alle drei bis fünf Jahre auftritt. 2015 hatten wir einen extrem starken El Niño und 2019 ist er erneut eingetreten. 2016, 2017 und 2018 war es dagegen nicht so trocken und der Wind war nicht stark genug, um die Feuer zu einem grenzüberschreitenden Problem zu machen.

Grenzübergreifend meint, dass der Rauch, auch ‚Haze‘ genannt, zu einem grenzübergreifenden Problem wird?

Wenn ich von einer grenzübergreifenden ‚Haze‘-Episode spreche, dann meine ich damit, dass der Rauch der Feuer, die in der Regel in Indonesien auftreten, sich über die Grenzen hinweg auf die Nachbarstaaten ausbreitet. Die unmittelbar betroffenen Länger sind Singapur und Malaysia. Wenn es sehr schlimm wird, kann der Smog auch noch weiter nach Norden vordringen.

Im Extremfall kann der Rauch bis zu sechs Länder erreichen, bis hoch zu den Philippinen und Thailand. Aber 2019 war es nicht ganz so extrem und betraf [neben Indonesien selbst] „nur“ Malaysia, Singapur und Brunei.

Was sind direkte Auswirkungen der Feuer für die lokale Bevölkerung in den betroffenen indonesischen Regionen Kalimantan und Sumatra, aber auch auf das Leben in den Nachbarländern?

Es ist nicht einfach, die Intensität der Situation in Indonesien mit dem zu vergleichen, was wir in Malaysia erleben. Ich bin Malaysierin, also mache ich Untersuchungen und Beobachtungen dazu, welche Auswirkungen ‚Haze‘ auf Malaysia hat. Aber im gleichen Atemzug müssen wir immer auch im Blick behalten, wie viel schlimmer die Lage in Kalimantan und Sumatra ist. 2019 hatten wir in Malaysia PSI-Werte von 300 [der Pollution Standard Index ist ein Messsystem, das die Konzentration von Schadstoffpartikeln in der Luft angibt], was schon ein sehr gefährliches Level ist.

Aber in Indonesien, nahe den Epizentren des Feuers, stiegen die Werte auf 2.000 PSI. Du kannst dir vorstellen, wir haben 300 schon als sehr belastend wahrgenommen, aber 2.000 über dem Boden, in Atemhöhe, das ist viel, viel schlimmer. Das hat drastische Auswirkungen auf die Gesundheit der Menschen. Die Feuer aus brennender Biomasse produzieren sehr kleine Russpartikel, 2,5 Pikometer oder noch kleiner, die klein genug sind, um sie einzuatmen.

Das führt zu nachhaltigen und langfristigen Gesundheitsproblemen, vor allem für sehr junge und sehr alte Menschen. Wenn du den Rauch einatmest, verklebt er deine Lungen und geht direkt in deinen Blutkreislauf, was zu Atemproblemen führt und bereits bestehende Erkrankungen stark verschlechtern kann. Neuere Forschungsergebnisse schätzen die Zahl der durch ‚Haze‘ verursachten Todesfälle in Südostasien auf 100.000 Menschen, davon 90.000 in Indonesien. Gleichzeitig haben die Brände auch enorme wirtschaftliche Auswirkungen, denn wer krank ist, kann nicht zu Arbeit gehen.

Das führt zu einem Produktivitätseinbruch. Gleichzeitig gehen die Touristenzahlen zurück. Und viele andere Bereiche sind ebenfalls beeinträchtigt, zum Beispiel die Fischerei. Fischer*innen können aufgrund der schlechten Sicht nicht mehr aufs Meer raus fahren und deswegen wird weniger Fisch gefangen.

Im Kontext des Klimawandels wird derzeit viel über brennende Torfwälder diskutiert.

Ja, Torfgebiete sind ein großer Teil des Problems und das ist eng verbunden mit der Art der Landnutzung in Indonesien. Torfwälder sind eine einzigartige und besonders sensible Form von Land in unserer Region. Indonesien hat den größten Anteil von Torfgebieten in den tropischen Regionen der Welt.

Torfwälder sind normalerweise feucht und mit Wasser geflutet und in diesem nassen Zustand sind sie ein einzigartiger Kohlenstoffspeicher. Wenn Blätter, Zweige und anderes organisches Material der ursprünglichen Torfwälder auf den Boden fallen, sinken sie unter die Wasseroberfläche. Der Kompostierungsprozess, der normalerweise den Kohlenstoff freisetzt, wird unter Wasser eingeschlossen.

Die Probleme beginnen, wenn man Torfgebiete trockenlegt und dass passiert in Indonesien und Malaysia häufig, um Land für Plantagen nutzbar zu machen. Dann wird all der Kohlenstoff, der in den Böden unter Wasser eingeschlossen war, schlagartig freigesetzt. Das heizt den Klimawandel an. Vor einigen Jahren rutschte Indonesien auf Rang drei der weltweit größten Treibhausgasproduzenten.

Schuld daran waren nicht Industrialisierung und die Verbrennung fossiler Energieträger wie Kohle oder Öl, sondern die beschriebenen Landnutzungsänderungen. Hinzu kommt, dass Torfgebiete, wenn sie erst einmal trockengelegt sind, äußerst feueranfällig sind. Und wenn sie Feuer fangen, dann wird der Kohlenstoff noch schneller in die Atmosphäre geblasen.

Das heißt, wenn Torfwälder brennen, wurden sie vorher von Menschen trockengelegt?

Ja, denn im natürlichen Zustand sind Torfwälder mit Wasser geflutet. Wenn sie brennen, hat das in der Regel etwas mit Eingriffen des Menschen zu tun. Waldbrände treten nicht nur in Torfgebieten auf. Aber der Charakter des Feuers ist entscheidend und er wird dadurch bestimmt, auf welchem Boden es sich ausbreitet.

Feuer, die auf Torfböden brennen, setzten viel mehr CO2 frei. Außerdem sind sie viel schwerer zu löschen. Torfböden sind quasi reiner Treibstoff. Das Feuer in Torfgebieten kann sich unter die Erde verlagern. Dann brennt der Boden buchstäblich und man sieht Rauch aus der Erde aufsteigen. Brennende Torfgebiete machen nur 40 Prozent aller Waldbrände in Indonesien aus, aber sie verursachen 80 bis 90 Prozent des ‚Haze‘ und der Treibhausgasemissionen.

Du forschst seit vielen Jahren in Indonesien und Malaysia zu den Entwicklungen der Feuer. Was sind, deiner Meinung nach, die Hauptursachen der Waldbrände?

Eigentlich existiert in Indonesien eine ganze Reihe von Gesetzen, die Torfwälder schützen sollen. Erst kürzlich hat der Präsident ein Moratorium auf die Umwandlung von Torfwälder in Plantagen verhängt. Das Problem dabei ist jedoch, dass Torfgebiete auch sehr attraktiv für Plantagenunternehmen sind . Es gibt eine Reihe von Gründen dafür: Erstens sind Torfwälder reich an wertvollen Tropenhölzern, die verkauft und als Start-Up-Kapital für die weitere Erschließung genutzt werden können.

Zweitens liegen Torfgebiete meistens auch in sehr abgelegenen Regionen, in denen es kaum Dörfer gibt. Das heißt, die Plantagenunternehmen müssen sich weniger mit der lokalen Bevölkerung und der Kompensierung von lokalen Gemeinden befassen.

Ein dritter Grund ist, dass ungenutztes Land für die Plantagenentwicklung generell immer knapper wird und Unternehmen deswegen auch verstärkt in Torfgebiete vordringen. Obwohl es rechtlich untersagt ist, dass Torfwälder abgeholzt und erschlossen werden, stehen ein Viertel aller Plantagen in Indonesien auf Torfböden.

Wie ist das möglich?

Ich argumentiere in meinen Publikationen, dass das mit einer starken Kultur der Patronage zusammenhängt. Patrone, die üblicherweise in der Regierung oder öffentlichen Verwaltung sitzen, schützen und unterstützen ihre Klienten, die im Businesssektor tätig sind, indem sie bestimmte Landrechte an sie vergeben. Dies mag in ihrer Macht liegen, aber sie folgen dabei nicht den rechtlichen Regelungen und Prozedere. Dabei spielt auch Indonesiens System der Dezentralisierung eine Rolle.

Die Lokalregierungen haben die Kontrolle über die Vergabe von Land. Gleichzeitig wurde auch das Steuersystem teilweise dezentralisiert und die Lokalregierungen müssen ihr Budget über das Erheben von Steuern selbst generieren. Die lokalen Regierungschefs, die Bupati [Landräte] haben also die Macht, Staatsland herauszugeben und gleichzeitig sind sie auch auf die Steuereinnahmen angewiesen. Und natürlich sind sie auch an der Möglichkeit interessiert, Schmiergeld zu kassieren. Im Prinzip umgehen sie dann die Regulierungen der Zentralregierung und verteilen Land – auch Torfwälder – an ihre Freunde und Familienmitglieder in den Plantagenunternehmen.

Wie kommt es dann zu den flächendeckenden Waldbränden?

Das hängt stark mit den Praktiken der Unternehmen zusammen. Allein die Tatsache, dass sich die Plantagen auf Torfböden befinden, setzt sie schon einem enorm hohen Feuer-Risiko aus. Leider sind viele Unternehmen bereit, dieses Risiko einzugehen, weil die Plantagen einfach so lukrativ sind. Aber die Situation eskaliert auch deswegen, weil manche Unternehmen Feuer benutzen, um das Land vollständig zu roden, nachdem die wertvollen Tropenhölzer bereits gefällt wurden. Das ist der einfachste und billigste Weg, Gestrüpp und Baumstümpfe loszuwerden und das Land für die Bepflanzung vorzubereiten. Aber wenn man Feuer auf Torf legt, verbreitet es sich schnell unkontrolliert weiter. Und dann haben wir die riesigen Brände, wie wir sie immer wieder sehen.

Was hat die indonesische Regierung bis jetzt getan, um die Brände zu bekämpfen? Präsident Joko Widodo (Jokowi) hat ja versprochen, das ‚Haze‘-Problem innerhalb einer Legislaturperiode zu lösen. Wir würdest du seine Politik beurteilen?

Jokowi hat dem ‚Haze‘-Problem sehr viel Aufmerksamkeit geschenkt, weil es eines der ersten Probleme war, mit dem er sich auseinandersetzen musste, als er [2014, d.R.] ins Amt kam. Ich denke Jokowi hat das Herz am rechten Fleck, aber leider sind einige grundlegende Maßnahmen im Politikbetrieb untergegangen.

Der grenzübergreifende Charakter des Haze-Problems führt dazu, dass die Folgen der Brände nicht nur in Indonesien, sondern auch in den Nachbarländern spürbar sind.

Aber Indonesien hat sich bis jetzt sehr unwillig und unzugänglich gezeigt, mit ASEAN zu kooperieren, um das ‚Haze‘-Problem auf einer regionalen, zwischenstaatlichen Ebene anzugehen. Viele der großen Palmöl- und Tropenholzkonzerne kommen aus Malaysia und Singapur. Die Präsenz der anderen ASEAN-Staaten in Indonesien liegt auf der Hand. Deswegen ist es nicht hilfreich, den anderen den Schwarzen Peter zu zuspielen und sie zu beschuldigen, aber gleichzeitig keine Offenheit und Transparenz im Teilen von Informationen zuzulassen.

Singapur hat ein Transboundary-Haze-Gesetz, dass die strafrechtliche Verfolgung von Entitäten außerhalb Singapurs möglich macht, wenn diese für die Verursachung von ‚Haze‘ verantwortlich sind. Aber Indonesien hat sich bis jetzt nicht sehr kooperativ gezeigt, Singapur Zugang zu wichtigen Informationen zu geben. Ich denke, diese transnationale Zusammenarbeit wäre ein wichtiger Schritt, aber sie wird derzeit von Indonesien blockiert.

Das indonesische Umwelt- und Forstministerium hat beispielsweise im Rahmen seiner Untersuchungen eine ganze Liste von Plantagenunternehmen veröffentlicht, die im Verdacht standen, in das Legen von Feuer involviert zu sein. Und das wurde sozusagen dazu benutzt, auf Malaysia zu zeigen, nach dem Motto: „das sind eure Leute, die dafür verantwortlich sind“. Aber als Malaysia dann Unterstützung angeboten hat, haben sie die nicht angenommen.

Wenn Indonesien behauptet, dass malaysische Firmen in die Verursachung der Waldbrände involviert sind, dann sollten sie ihre Informationen transparent machen und Malaysia erlauben zu ermitteln, zu helfen und ihre eigenen Feuerwehreinheiten zu schicken.

Welche Maßnahmen hat Jokowi bis jetzt umgesetzt, um die Ursachen der Feuer zu bekämpfen?

Auf der lokalen Ebene hat Jokowi schon einiges getan. Er hat zum Beispiel die Badan Restorasi Gambut aufgebaut (Agentur zur Restauration von Torfgebieten). Sie soll Torfgebiete, die in der Vergangenheit durch Feuer zerstört wurden, wieder rehabilitieren. Das ist eine sinnvolle Initiative, aber sie fokussiert nur auf brachliegende, besitzerlose Torfgebiete. Sie bleibt leider unklar darüber, was mit den Torfgebieten passiert, die sich unter Konzessionen von Plantagenunternehmen befinden.

Jokowi hat auch versucht, das Patronage-Problem anzugehen, in dem er den Umgang mit dem Feuer zu einem Key-Perfomance-Indikator von Armee- und Polizeichefs gemacht hat. Wenn die nun in ihrem Amtsbereich Waldbrände haben, laufen sie jetzt Gefahr, ihre Posten zu verlieren. Das ist eine gute Initiative, aber sie schließt nicht die Gouverneure und lokalen Regierungschefs ein, weil diese nicht durch die Zentralregierung eingesetzt oder entlassen werden können.

Zu weiteren Maßnahmen, die Jokowi ergriffen hat, gehört auch die Zusammenlegung des Umwelt und Forstministeriums. Dies war mit der Annahme verbunden, dass Umwelt-Angelegenheiten dann auch bei den Forstbehörden einen höheren Stellenwert bekommen. Aber ich denke, dadurch, dass das Forstministerium die stärkere Behörde ist, kam es eher dazu, dass die Umweltangelegenheiten innerhalb des neu zusammengelegten Ministeriums in den Hintergrund gedrängt wurden.

Darüber hinaus hat Jokowi das Moratorium auf die Vergabe von neuen Konzessionen für Ölpalmplantagen dauerhaft verlängert. Das ist ein sehr wichtiger Schritt, wenn er richtig implementiert wird. Aber Präsidialverordnungen bleiben von begrenzter Wirkung, solange sie im Parlament nicht durch Gesetzte verankert werden. Das Moratorium anzukündigen heißt noch nicht automatisch, dass es auch umgesetzt werden wird.

Schließt das Moratorium auch Konzessionen ein, die bereits vergeben wurden?

Das ist ein weiteres Problem dabei, das ist eines der Schlupflöcher. Konzessionen, die bereits vergeben wurden, sind – soweit ich weiß – nicht mit eingeschlossen. Ganzheitlich betrachtet hat Jokowi im Vergleich zu vorherigen Präsidenten zwar bis jetzt am meisten Einsatz gezeigt, aber sein Einfluss auf der lokalen Ebene ist einfach begrenzt. Was noch dazu kommt ist, dass es sich um ein saisonales Problem handelt, das kommt und dann wieder verschwindet.

Wenn es brennt, dann richtet sich alle Aufmerksamkeit darauf, aber wenn die Feuer abgeklungen sind, tritt das Thema wieder in den Hintergrund. Das Budget der Peatland Restoration Agency wurde beispielsweise nach einigen Jahren wieder zusammengestrichen, weil die Feuer in den Jahren zwischen den El Niños nicht mehr so schlimm waren. Kontinuität ist aber sehr wichtig, wenn es um die Bekämpfung der Brandursachen geht. Denn Prävention ist am allerwichtigsten. Wenn die Feuer bereits da sind, dann ist es zu spät, sie zu kontrollieren.

In Europa wird in der Öffentlichkeit darüber diskutiert, ob ein Boykott von Palmöl helfen kann, die Expansion von Plantagen und damit auch die Waldbrände zu stoppen. Die Europäische Union hat vor diesem Hintergrund entschieden, Palmöl aus dem Förderprogramm für Biodiesel auszuschließen. Ist das der richtige Weg?

Ich halte das für keine gute Idee. Ich denke, Palmöl aus dem Agrartreibstoffprogramm auszuschließen, verbreitet das Bild, dass Palmöl grundsätzlich nicht nachhaltig ist. Darin sehe ich ein Problem. Nicht jede Form von Palmöl ist schlecht. Indem man den Markt einfach blockiert, unterbindet man auch die Nachfrage nach nachhaltigem Palmöl.

Der Roundtable on Sustainable Palm Oil (RSPO) hat große Probleme, Absatzmärkte für sein zertifiziertes Palmöl zu finden. Unternehmen, die nachhaltiges Palmöl produzieren, können es nicht zu einem Premiumpreis verkaufen, weil es keinen Markt dafür gibt. Dadurch, dass die EU den Markt blockiert, verschärft sie die Situation für diese Unternehmen, die bereits Aufwand betrieben haben, um nachhaltiger zu werden.

Aber das Argument ist doch, dass Agrartreibstoffe die Nachfrage nach Palmöl weiter nach oben treiben und damit immer auch zu einer Expansion der Plantagen führen.

Das stimmt, aber der Punkt ist doch, dass Biodiesel so oder so produziert und genutzt wird, ob mit oder ohne Palmöl. Und wenn man Palmöl verbietet, muss man es durch ein anderes Öl ersetzen. Andere Pflanzenöle sind aber weniger effizient, das heißt, sie verbrauchen mehr Fläche. Das heißt, man triggert damit die Abholzung von Wald an einem anderen Ort, möglicherweise in einem noch größeren Ausmaß, zum Beispiel mit Soja oder Raps. Wenn es stattdessen eine größere Nachfrage nach nachhaltigem Palmöl für Biodiesel gäbe, könnte man der Industrie Anreize setzen, sich nachhaltiger zu verhalten.

Was verstehst du denn unter nachhaltigem Palmöl? Auch zertifizierte Palmölplantagen sind bekannt dafür, große Mengen Pestizide und Kunstdünger einzusetzen, was auf lange Sicht unter anderem die Böden übersäuern kann.

Wenn man viele Chemikalien und Kunstdünger benutzt, ist das natürlich nicht sehr nachhaltig. Die Palmölindustrie wendet immer noch Praktiken an, die überhaupt nicht nachhaltig sind, und eine davon ist die Trockenlegung und Bebauung von Torfgebieten. Aber wenn man sich an nachhaltige Anbaumethoden hält, verursachen Palmölplantagen weniger Probleme.

Dabei geht es darum, weniger Chemikalien einzusetzen und vorteilhafte Züchtungen zu benutzen. Anstatt Chemikalien zu nutzen, sollte man sich auf hochwertige Palmen konzentrieren, die gute Samen produzieren. Anstatt zu expandieren, sollte man intensivieren. Man konzentriert sich auf die Plantagen, die man schon hat und produziert mehr Ertrag und bessere Qualität, anstatt permanent neues Land zu roden.

Ich glaube, es ist möglich, Palmöl nachhaltig zu produzieren. Und meine Aufgabe als Wissenschaftlerin ist es, bestimmte Praktiken, die ich für nicht nachhaltig, sondern schädlich halte, offen zu legen und ihre politischen und ökonomischen Hintergründe zu diskutieren. Letztlich müssen wir gegen diese Praktiken vorgehen, um eine nachhaltigere Industrie zu schaffen. Denn für uns, in diesem Teil der Welt, ist Palmöl sehr wichtig, es ist ein wichtiger Wirtschaftsfaktor, der auch Entwicklung ermöglicht.

Wenn du von Intensivierung sprichst, kann das nicht auch einen weniger nachhaltigen Effekt haben, wenn man die Erträge durch immer höheren Einsatz von Agrarchemikalien steigert?

Ja, wenn man immer mehr Kunstdünger benutzt, kann das nicht nachhaltig sein. Aber es gibt auch andere Wege. In Malaysia haben wir eine Regierungsbehörde, die daran forscht, wie man Palmöl nachhaltig anbauen kann. Beispielweise pflanzen sie kleine Kletterpflanzen zwischen den Palmen an, die den Boden mit Nährstoffen versorgen. Dadurch lässt sich Kunstdünger vermeiden.

In Europa sind viele sehr skeptisch gegenüber dem RSPO, weil es so viele Fälle gab, in denen Palmölunternehmen die Standards verletzt haben und nicht suspendiert oder innerhalb des Systems sanktioniert wurden. Hat der RSPO nicht ein Problem damit, seine Standards, die auf der internationalen Ebene beschlossen wurden, auf der lokalen Ebene durchzusetzen?

Ich kann verstehen, dass es Skepsis gibt – der RSPO ist kein perfektes System. Aber ich denke, er ist als Ausgangspunkt gut genug. Der RSPO erneuert seine Regulierungen und Standards immer wieder, das ist ein Prozess. Ich hoffe, dass er sich noch verbessern wird und in der Zukunft dann auch von mehr Ländern akzeptiert wird.

Zum Weiterlesen und –schauen:

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1 | 2018, Indonesien, Rezensionen,
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Kenntnisreiche Einführung in die indonesische Gegenwartskunst

Indonesien: Von Verheißungen auf schnelle Erfolge gelockt, zieht es viele junge Leute aus der Provinz in die Hauptstädte dieser Welt – so auch in der Handlung des Spielfilms „A moon hangs over the graveyard“ (Bulan di atas kuburan)“. In beeindruckenden Bildern verhandelt er Fragen nach Zugehörigkeit.

Der indonesische Spielfilm A moon hangs over the graveyard (Bulan di atas kuburan) ist ein Remake des gleichnamigen Klassikers von 1973 und handelt von drei Freunden, die am Tobasee im Batakland in Nordsumatra zu Hause sind. Von dort machen sie sich auf, um in der Hauptstadt Jakarta ihr Glück sowie neue Freiheiten zu suchen.

Es war diese spärliche Information, die mich dazu bewog, ‚ja‘ zu sagen, als ich um eine Filmkritik gebeten wurde. Warum ich das tat, war die Tatsache, dass meine Freundin Paula und ich, auf der gleichen Route wie die drei Freunde Sahat, Tigor und Sabat im Januar 1973 von der Tobaseeinsel Samosir nach Jakarta gereist waren. Von Erinnerungen begleitet, sah ich nun diesen Film, der mit englischen Untertiteln versehen war (die mir oft zu kurz eingeblendet waren).

Die Geschichte handelt von der Idee, dass die glamouröse und vielversprechende indonesische Hauptstadt ein besseres Leben ermöglichen würde als der Alltag in Nordsumatra. Die drei Jungs finden teils Zuspruch, müssen aber auch mit Widerständen kämpfen. Schon auf der Busfahrt machen sie erste Erfahrungen mit einem schmierigen Typen, der mit vermeintlichen Verheißungen viel Geld in Aussicht stellt, wenn sie denn mutig genug wären, sich auf das Eldorado in Jakarta einzulassen. Nebenbei will er ihnen eine (natürlich gefälschte) Rolex-Armbanduhr andrehen, als Beleg für die zu erwartende Glückssträhne.

Zwielichtige Anlaufstationen

Nach der Ankunft sind die ersten Anlaufstationen zunächst andere Batak. Familienangehörige vermitteln ernüchternde Erlebnisse und windige Geschäftsleute versprechen eine rosige Zukunft. Sabar lebt in den Slums und schlägt sich als Taxifahrer durch. Tigor gerät in die Fänge von Gangstern und wird in den Strudel von Gewalt und Verbrechen hinein gezogen. Sahat, der sich als Autor einen Namen machen will, lernt die Politikertochter Mona kennen. Durch sie kommt er in einen fragwürdigen Kontakt zur Oberschicht.

Der Leitgedanke des Films ist ein Portrait einer Volksgruppe – hier der Batak – als Bindeglied für sowohl soziale Verheißungen als auch Verpflichtungen. Das Gefühl der Sicherheit in einem quasi familiären Netzwerk beflügelt die jungen Männer. Sie müssen allerdings immer wieder erfahren, dass solche vermeintlichen Vertrauensverhältnisse gestört werden. Es wird ihnen meist mit mangelndem Respekt begegnet. Unehrlichkeit und Raffgier geben den Ton an, während die verheißungsvollen Prophezeiungen unerfüllt bleiben. Die letzten Szenen spielen wieder am Ausgangsort der Erzählung, nämlich bei einer Beerdigung am Tobasee. Das Film-Remake ist den Machern der ersten Version (von 1973) gewidmet: dem Regisseur Asrul Sani und dem Autor Sitor Situmorang.

Ethnische Zugehörigkeit als gesellschaftlicher Kitt?

Dem Regisseur Sitanggang – auch ein Batak – gelingt es, mit eindrucksvollen Bildern die unterschiedlichen Situationen nachvollziehbar zu machen. Die Dialoge sind klar positioniert und machen die Rollen deutlich, Hoffnungen hier und Ernüchterung dort. Was ich mitnehme, ist die Bedeutung ethnischer Zugehörigkeiten als gesellschaftlicher Kitt für individuelles wie auch kollektives Verhalten. Dass sich dabei Widersprüche ergeben, Unregelmäßigkeiten, das ist gewiss kein Phänomen nur der Batak. Deshalb lässt sich die Geschichte auch auf andere gesellschaftliche Gruppen übertragen. Insofern hat der Film mir interessante Erkenntnisse vermittelt.

Rezension zu: Edo W. F. Sitanggang: A moon hangs over the graveyard (Bulan di atas kuburan), 2015.

Am 26. November 2019 lief der Film im Kölner Off-Broadway-Kino in der Reihe „Südostasien auf der Leinwand“

Weitere Informationen zu den Filmreihen im Asienhaus finden Sie auf unser Übersichtsseite.

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1 | 2018, Indonesien, Rezensionen,
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Kenntnisreiche Einführung in die indonesische Gegenwartskunst

Philippinen: Seit über 50 Jahren kämpft der militärische Flügel der kommunistischen Partei, die Neue Volksarmee, gegen die extreme Ungleichheit im Land. Im Interviewband „Ein Leben im Widerstand“ blickt Gründer und Anführer José María Sison in die Vergangenheit der Bewegung – und auch in deren Zukunft.

Der kommunistisch geführte Volkskrieg auf den Philippinen geht in sein 51. Jahr und ist damit die weltweit am längsten andauernde bewaffnete Revolution gegen US-Imperialismus, Feudalsystem und den korrupten, reaktionären Staat. Von ihren Gegnern wie dem Militär und den gegen die Linke gerichteten Schlägern wird sie als todgeweiht und terroristisch bezeichnet.

Über die charakteristischen Schikanen hinaus werden die Untergrundlinke und ihre Massenbasis weiterhin vom Staat gejagt, der derzeit von der Herrschaftsclique Rodrigo Dutertes angeführt wird und 125.000 Soldaten und Tausende von Polizeikräften gegen sie ins Feld führt. Sieben Präsidenten, von Marcos in den 1960er Jahren bis Duterte heute, haben groß angelegte und von den USA unterstützte Einkesselungs- und Unterdrückungskampagnen gegen die Sozialrevolutionäre durchgeführt, wobei jeder militärische Stabschef damit prahlte, dass die maoistische Neue Volksarmee (NPA) vernichtet werden würde.

Vor einem Jahr gab Verteidigungschef Delfin Lorenzana zu, dass die kommunistische Rebellion nicht besiegt werden kann. Dennoch kündigte er das erneut aufgelegte Enhanced Comprehensive Local Integration Program (E-CLIP) an, in dessen Rahmen auf lokaler Ebene Friedensgespräche mit der NPA aufgenommen werden sollen – mit dem Ziel, das ländliche Rückgrat der bewaffneten Linken in den letzten drei Jahren der Amtszeit von Duterte [bis Mitte 2022] zu zerschlagen.

Der Staat als Akteur der herrschenden Klasse

Was die herrschende Elite nicht versteht: Der Hauptgrund, warum die revolutionäre Bewegung noch nicht besiegt ist, ist ihre Ausdauer und Widerstandsfähigkeit. Letztere ist tief in der ländlichen Massenbasis, der geheimen revolutionären Regierung sowie in der lebendigen Massenbewegung in den Städten verwurzelt.

In 71 der 81 Provinzen des Landes bestehen Guerillazonen. Nach wie vor wird die Bewegung durch die systemischen und strukturellen sozialen, wirtschaftlichen und politischen Ungleichheiten der Gesellschaft befeuert. Diese werden vom reaktionären Staat geschützt, um die Hegemonie der einheimischen herrschenden Klasse zu sichern.

Der Staat täuscht sich in der Annahme, dass nur ein barbarisches militärisches Vorgehen den Aufstand beenden kann, während er die Aufständischen mit Friedensverhandlungen an der Nase herumführt, um sie in die Kapitulation zu locken und ihre Führer zu ermorden. Der Staat, der als Akteur der herrschenden Klasse handelt, wird sich nicht mit den Ursachen des Krieges befassen. Denn das würde bedeuten, sich zusammen mit dem Ausbeutungssystem sein eigenes Grab zu schaufeln.

Negative Auswirkungen auf die philippinische Revolution

Die Interviews des deutschen Politikwissenschaftlers und Aktivisten Dr. Rainer Werning mit dem Gründungsvorsitzenden der Kommunistischen Partei der Philippinen (CPP) Prof. José María Sison im Band Ein Leben im Widerstand: Gespräche über Imperialismus, Sozialismus und Befreiung vermitteln einen tiefen Einblick in den andauernden revolutionären Krieg und den Optimismus, der ihn begleitet.

So antwortet Sison auf die Frage, warum der Volkskrieg auf dem Weg zu einer strategischen Pattsituation und einer strategischen Offensive immer noch „auf der Stufe der strategischen Defensive“ festgefahren ist:

Auch internationale Faktoren müssen berücksichtigt werden, so Sison, wie zum Beispiel „der revisionistische Verrat am Sozialismus und die vollständige Restauration des Kapitalismus“, die sich negativ auf die philippinische Revolution ausgewirkt haben.

An dieser Stelle unterstreicht Sison, was er bereits in vielen Parteidokumenten und in Büchern geschrieben hat: „Die revolutionären Kräfte müssen an Stärke gewinnen und mit der richtigen Linie voranschreiten, müssen vermeiden, größere und kleinere Fehler zu begehen und Fehler zeitnah durch Kritik und Selbstkritik und gegebenenfalls Berichtigungskampagnen korrigieren, je nach Schwere der Fehler.“

Der marxistische Blick Sisons

Diejenigen, die Sisons frühe und aktuelle Werke gelesen und studiert haben, werden in diesem Buch bekannte Themen, Fragestellungen und Analysen erkennen. Die Bedeutung des neuen Bandes liegt jedoch darin, den Leser zu neuen Perspektiven und Einsichten über nationale und internationale Themen zu führen, die durch den marxistischen Blick Sisons bereichert werden und im Interviewformat zum Nachdenken anregen. Mit Blick auf die „Aussichten auf ein weltweites sozialistisches Wiederaufleben“ sagt er in Kapitel 9:

Neue Anziehungskraft des Sozialismus

Sisons Synthese überzeugt auch heute angesichts der kumulativen Auswirkungen der kapitalistischen Krisen und der erneuten Anziehungskraft des Sozialismus. Die Edelman Trust Barometer-Umfrage 2020 unter 40.000 Befragten in 28 Ländern ergab, dass fast 60 Prozent der Befragten den Kapitalismus für schädlich halten. Eine ähnliche Umfrage ergab kürzlich, dass 40 Prozent der Amerikaner es vorziehen würden, in einem sozialistischen Land zu leben. Die Zustimmungsquote der Frauen liegt sogar bei 60 Prozent.

Weitere Interviews im Buch zeigen Ausschnitte aus Sisons Leben. So war Sison zum Beispiel mit neun Jahren Messdiener und träumte davon, Bischof zu werden. Was ihn am meisten beeindruckte, war die Erinnerung an seinen Großonkel Isabelo de los Reyes, der ein Sympathisant der philippinischen Revolution war, ein Senator, Gründer der modernen Arbeiterbewegung des Landes und Antiimperialist.

Sison als Autor und Poet

Ein Leben im Widerstand ist das neueste von rund 30 Büchern, die Sison seit den 1960er Jahren veröffentlicht hat. Seine Werke einschließlich seiner Gedichte sind eine Erzählung des 60jährigen nationalen demokratischen Kampfes, der Geburt und des Wiederauflebens des Volkskrieges, der revolutionären Anwendung der Theorien von Marx, Lenin und Mao Zedong auf den Philippinen und der sozialistischen Perspektive – ein mühsames und heroisches Unterfangen, bei dem er die Hauptfigur war.

Die revolutionäre Bewegung hat die politische Landschaft verändert, hat Millionen von Menschen, insbesondere Bauern, Arbeiter, Jugendliche und andere demokratische und fortschrittliche Kräfte, dazu inspiriert, Freiheit und Demokratie einzufordern und hat die herrschende Elite und ihre ausländischen Herren aufgeschreckt.

Vielleicht ist es als Zusammenfassung des Buches angebracht, einen Ausschnitt von Sisons Gedicht Der lange Freiheitskampf von 2018 zu zitieren:

Eine ausführlichere Version dieser Rezension wurde Anfang März 2020 im Rahmen der Buchvorstellung der englischen Ausgabe Reflections on Revolution and Prospects in Manila vorgetragen.

Übersetzung aus dem Englischen von: Jörg Schwieger

Rezension zu: José María Sison, Rainer Werning: Ein Leben im Widerstand: Gespräche über Imperialismus, Sozialismus und Befreiung. Verlag Neuer Weg, Essen, 2019, 272 S.

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1 | 2018, Indonesien, Rezensionen,
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Kenntnisreiche Einführung in die indonesische Gegenwartskunst

Indonesien: Recycling soll Ressourcen und somit auch das Klima schützen. Doch statt des für die indonesischen Papierfabriken benötigten Altpapiers beinhalteten importierte Container bis zu 70 Prozent Plastik. Das landet direkt in der Umwelt oder wird verbrannt – sogar in Tofufabriken.

Deutschland ist bekannt für seinen hohen Papierverbrauch: Im Schnitt verbrauchen die Deutschen 250 kg Papier pro Jahr. Als größter Papierproduzent in Europa verbraucht Deutschland viel Frischfaser. Das Holz dazu stammt von Bäumen aus Skandinavien, Indonesien und Brasilien. Wird statt Frischfaser Altpapier eingesetzt, können Energie und Wasser eingespart werden. Somit bleiben die Bäume als Kohlenstoffspeicher und Sauerstofflieferanten erhalten und das bereits produzierte Papier findet seinen Weg zurück in die Recyclingkette. Soweit die Theorie.

Deutschland gilt als Recyclingmeister. Doch unser Müll gilt auch dann als recycelt, wenn er tatsächlich exportiert wird. Was im Importland mit dem Müll passiert, wird von deutscher Seite nicht kontrolliert.

Mit dem Müllimportstopp Chinas Anfang 2018 änderten sich die Wege des Altpapierstroms. China wollte nicht länger die schlechte Qualität des importierten Altpapiers hinnehmen und führte eine 1-Prozent-Fehlwurfquote ein. Diese kann von kaum einem Exportland erfüllt werden. Indien folgte dem chinesischen Vorbild. Infolgedessen wichen die Exporteur*innen auf andere (asiatische) Länder aus, darunter auch Indonesien (mehr zum Thema Plastik und Plastikmüll auf suedostasien.net).

Im Interview erzählt der indonesische Fotograf und Umweltaktivist Fully Syafi von den Auswirkungen des illegalen Plastikmülls im Altpapierimport.

Wie sind Sie auf das Thema Müllimporte aufmerksam geworden?

Als ich anfing für Ecological Observation and Wetland Conversation (ECOTON) zu arbeiten, informierte ich mich verstärkt über das Thema der Müllimporte nach Indonesien. ECOTON ist eine NGO, die sich mit der Erhaltung von Flüssen befasst, vor allem dem Brantas, dem längsten Fluss in Ost-Java. Als ich mich mit dem Problem von Plastikmüll im Altpapier auseinandersetzte, öffnete mir das die Augen dafür, wie komplex dieses Thema ist. Meiner Meinung nach ist es hochproblematisch, dass Indonesien seinen eigenen Müll noch nicht verarbeiten kann und zusätzlich mit Müll aus dem Ausland belastet wird.

Wie läuft der legale Altpapierimport ab?

In Ost-Java gibt es sehr viele Papierfabriken. Es gibt ungefähr 22 Fabriken, die im Zusammenhang mit den illegalen Plastikmülleinfuhren stehen. Es gibt auch Papierabfälle aus dem Ausland, aus Deutschland, den USA, Japan, aus verschiedenen Ländern. Am Ende aber kommt der Plastikmüll hierher. Dieser ist nicht legal, weil eigentlich ja nur Papier importiert wird. Also, nur der Altpapierimport ist legal. Aber das Altpapier enthält bis zu 70 Prozent illegalen Plastikmüll.

Wie hoch ist das Bewusstsein der Bevölkerung über diesen illegalen Handel innerhalb des legalen Altpapierhandels? Sind sich die Leute in Ost-Java, also in und um Surabaya, dessen bewusst?

Eigentlich wissen sie darüber Bescheid, aber die Importfirmen des Altpapiermülls können sich den Müll ja nicht aussuchen. Sie nehmen das an, was ankommt. Die Papierfabriken benutzen dann das Altpapier, der Plastikabfall wird verkauft und den Anwohner*innen, die in der Umgebung der Fabrik leben, zur Verfügung gestellt. Diese verkaufen den Plastikabfall dann weiter.

Wer klärt die Bevölkerung über diese Geschäfte und die Auswirkungen auf?

Es gibt keine Aufklärung. Zumindest nicht an den Orten, an denen ich die Berichterstattung für ECOTON gemacht habe

Kann man Ihrer Meinung nach gegen diese Geschäfte vorgehen?

Ja, das ist sehr gut möglich. Die Lösung liegt bei der Regierung, da dies ein regulatorisches Problem ist. Hier geht es um Einfuhrvorschriften für Plastik. Aber auch in den Exportländern, wie zum Beispiel Deutschland, sollten entsprechende Vorschriften umgesetzt werden, sodass die anfallende Müllmenge im eigenen Land bewältigt werden kann.

Wenn wir über das Geschäftliche reden: Das importierte Papier und auch das Plastik wird in den lokalen Papier- und Plastikfabriken benötigt. Die Bedarfe der Fabriken können nicht durch die lokal erzeugten Müllmengen erfüllt werden. Es gibt Vorschriften, die das regeln. Aber es wird illegal, wenn zusätzlich falsch deklarierter Plastikmüll und medizinischer Abfall eingeführt werden. Was da eingeführt wird, ist zum Teil giftiger Müll.

Welche Auswirkungen hat der Altpapierimport mit diesen „Zusatzbestandteilen“ auf die Umwelt?

Ich glaube, das Papier hat keine Auswirkungen auf die Umwelt, denn genau das wird von den Papierfabriken gebraucht. Auswirkungen hat der Kunststoff. Nicht alle Kunststoffe, die hier aus dem Ausland ankommen, haben einen Verkaufswert. Es können also nicht alle weiterverkauft werden. Die negativen Auswirkungen entstehen dadurch, dass dieser Müll dann einfach in der Umgebung abgeladen wird. Wenn er dort lange liegt, werden die Gewässer und der Boden verschmutzt. Letztens betrifft es auch das Grundwasser. Der wertlose Plastikmüll wird aber auch von Tofu-Fabriken gekauft und als Brennmaterial für die Tofuherstellung verwendet.

Das ist doch aber sehr giftig.

Ja, in Deutschland weiß man sicher, dass das Verbrennen von Plastik Giftstoffe freisetzt. Wenn der Kunststoff verbrannt wird, tritt schwarzer, dioxinhaltiger Rauch aus. Die New York Times berichtete, dass die Organisation Ecological Observation and Wetlands Conservation ECOTON Eier aus der Region einer Tofufabrik testen ließ. Die Eier aus dem Dorf Tropodo (an der Ostküste Javas) enthalten einen der höchsten Dioxinwerte, die jemals in Asien gemessen wurden. Trotzdem wird weiterhin Plastik als Brennstoff verwendet, weil es günstiger als Holz ist.

Ist das Verbrennen von Plastik in Indonesien legal?

Es ist nicht verboten, es gibt keine Gesetze oder Vorschriften dazu. Das ist wie eine schlechte Angewohnheit der Indonesier*innen – der Müll wurde schon immer verbrannt.

Gibt es in diesen Orten niemanden, der*die Fabriken daran hindern kann, Plastik zu verbrennen?

Der Dorfvorsteher könnte das. Der Dorfvorsteher gibt eine Empfehlung ab, spricht aber kein Verbot aus. Doch die Empfehlungen sind nicht verpflichtend. Es gibt auch keine Strafen.

Gibt es eine Bewegung gegen den Plastikmüll?

Es gibt Widerstand, aber keine große Bewegung gegen den Müllschmuggel. Es gibt Programme an Schulen und viele Kampagnen wie den autofreien Tag oder Kampagnen gegen den Gebrauch von Plastik.

Was muss sich ändern?

Regierung, Einwohner*innen und NGOs müssen gemeinsam denken und zusammenarbeiten, um dieses Problem zu lösen. Dabei muss für Arbeit für die Anwohner*innen gesorgt werden, die aktuell auf den Verkauf von Plastikmüll angewiesen sind. Es müssen Regelungen gemeinsam mit der Regierung beschlossen werden, damit niemand benachteiligt wird.

Zum Weiterlesen:

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1 | 2018, Indonesien, Rezensionen,
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Kenntnisreiche Einführung in die indonesische Gegenwartskunst

Hier die hippe Kunstszene Berlins samt kosmopolitischem Lebensstil und dort familiäre Wurzeln in Jakarta samt erstarkendem Islamismus. Laksmi Pamuntjaks Protagonistin im Roman „Herbstkind“ pendelt zwischen den beiden Städten und sucht nach Heimat.

Mit der Frankfurter Buchmesse 2015, auf der Indonesien Gastland war, begann eine breitere deutsche Öffentlichkeit Literatur aus Indonesien verstärkt wahrzunehmen. Besonders beeindruckt war das Messepublikum von Laksmi Pamuntjak und ihrem Debütroman Alle Farben Rot, der ein Erfolg auf dem deutschen Buchmarkt wurde. Darin behandelt die Essayistin, Lyrikerin und Schriftstellerin Pamuntjak das dunkelste Kapitel der neueren indonesischen Geschichte: die anti-kommunistischen Massaker von 1965.

Hunderttausende Menschen wurden damals getötet, weitere Hunderttausende ohne Prozess in Straflager verschleppt. Diktator Suharto begründete darauf seine Macht, die sich dreißig Jahre lang hielt, immer legitimiert durch die ‚kommunistische Gefahr’. Aufgearbeitet hat der indonesische Staat die Verbrechen bis heute nicht.

Die Handlung von Alle Farben Rot ist als Vorgeschichte wichtig, um Pamuntjaks zweiten auf Deutsch veröffentlichten Roman Herbstkind verstehen zu können. In Alle Farben Rot erzählt Pamuntjak die Geschichte von Amba. Als junge Frau verliert sie in jenem Herbst 1965 bei einer politischen Veranstaltung und deren Stürmung durch die Polizei ihre große Liebe, Bhisma. Sie wird ihn nie wieder sehen. Dass er verhaftet und auf die Gefängnisinsel Buru verschleppt wurde, erfährt sie erst vierzig Jahre später.

Fast 60jährig und bereits verwitwet, reist sie nach Buru und sucht nach Spuren ihrer Jugendliebe. Pamuntjak hat daraus eine große Erzählung gemacht: sprachgewaltig, poetisch und ein wenig übersinnlich. Der offiziellen Geschichtsschreibung, die die Mörder immer noch verherrlicht und die Opfer brandmarkt, setzt sie Einzelschicksale und individuelles Leid entgegen.

Die entwurzelte Künstlerin

Herbstkind knüpft an diese Geschichte an. Protagonistin ist nun die Tochter von Amba und Bhisma, Srikandi, genannt Siri. Von ihrem Vater Bhisma und seinem Schicksal als politischer Gefangener erfährt sie erst als Erwachsene. Aufgewachsen ist sie mit einem liebevollen Adoptivvater. Mittlerweile ist Siri fast 50 Jahre alt, eine bekannte Künstlerin. Schon lange ist sie nicht mehr in Jakarta zu Hause, sondern in den angesagten Metropolen der Welt: London, Madrid, New York, Berlin.

Gerade erst ist sie nach Berlin gezogen und vollauf damit beschäftigt, in der hippen Berliner Kunstszene Fuß zu fassen. Ausschweifend erzählt Laksmi Pamuntjak, wie Siri Galerien, Ausstellungen und Empfänge besucht, dort Leute beobachtet und netzwerkt. Das ist teilweise noch recht amüsant. Doch Pamuntjak ergänzt das durch seitenlange essayistische Abhandlungen über diverse Kunstwerke und Künstler. Auf Leser*innen ohne Affinität zur Kunstwelt wirkt das einfach nur ermüdend.

Die Vergangenheit abschütteln – unmöglich

Zurück nach Indonesien zieht es Siri nur selten. Die physische und emotionale Distanz zu Familie und Geburtsland ist groß. Beinahe unüberwindbar scheint die Kluft zu ihrer Mutter, jener Amba aus Alle Farben Rot, die nach dem Verschwinden des Geliebten zwar heiratete, doch nie mehr richtig glücklich wurde.

Siri erinnert sich an das „verlässliche, aber meist nüchterne Interesse“ der Mutter an ihr, an „eine Gleichgültigkeit, die, wie mir erst später klar wurde, von Trauer und Liebeskummer angetrieben war.“

Erst als Siris Adoptivtochter aus ihrer geschiedenen Ehe in Schwierigkeiten gerät, muss sie nach Jakarta zurück und sich der Familiengeschichte stellen. Dort erwartet sie nicht nur die komplizierte Vergangenheit. Sie muss sich auch mit den neuen muslimischen Sittenwächtern auseinandersetzen, die eine Ausstellung ihrer sexuell eher freizügigen Skulpturen verhindern wollen.

Zwei Hälften eines Geistes

Wirklich interessant wird der Roman erst im zweiten Teil. Dann ist nicht mehr Siri die Ich-Erzählerin sondern Dara, ihre beste Freundin aus Schulzeiten und jetzt politische Aktivistin in Jakarta. Dara stammt aus einfachen Verhältnissen, ist aufgewachsen in einem Viertel, in dem sie sich ohne Kopftuch nicht auf die Straße traute.

In Siri sieht sie mittlerweile die „verhätschelte Prinzessin“ aus einer liberal denkenden „bourgeoisen Familie“. „Doch aller Unterschiede zum Trotz“, erinnert sich Dara an ihre Freundschaft, als beide Anfang Zwanzig waren, „waren wir wie zwei Hälften eines Geistes. Zumindest glaubte ich das.“

Freundinnen sind die zwei schon lange nicht mehr. Dara, die bodenständige, politische Kämpferin, ist fest verwurzelt in Jakarta und blickt nun kritisch auf Siri und deren Lebensweise: ihre Heimatlosigkeit, ihre „lächerliche“ Kunst und „gespielte“ gesellschaftliche Sorge. Das ist ein schöner Kunstgriff Pamuntjaks, um auch einen anderen Blick auf Künstlerin und Kunstszene zu bieten.

Nach 14 Jahren begegnen sich beide zum ersten Mal wieder und müssen zusammen Entscheidungen treffen. Dabei arbeitet Siri nicht nur ihr Verhältnis zu Dara auf, sondern auch zu ihrer Mutter und ihrer Vergangenheit. Siri tut sich schwer damit, die zwei Welten zusammenzubringen: ihre Wurzeln in Indonesien und ihr eher europäisches Lebensgefühl als Künstlerin.

Eine zerstückelte Geschichte

Laksmi Pamuntjak reißt in diesem Roman leider zu viele Themen an: die Berliner Kunstszene, die erstarkenden Islamisten in Jakarta und deren Einfluss auf Kunst und Gesellschaft, die Gleichberechtigung der Frauen, das Verhältnis von Adoptiveltern und -kindern, die Geschehnisse von 1965 und ihre Folgen.

Die Geschichte wirkt reichlich zerstückelt, es will kein angenehmer Erzählfluss entstehen, von der erzählerischen Wucht von Alle Farben Rot ganz zu schweigen. Stellenweise funkelt sie aber auf, diese Kraft der Erzählerin, in einzelnen Szenen der Rückblicke, die sich hervorragend lesen und die Leser*innen für kurze Zeit in einen Teil der Geschichte abtauchen lassen.

Die autobiografischen Züge sind in diesem Buch unverkennbar: Die Autorin hat in den vergangenen Jahren immer wieder längere Zeit in Berlin verbracht und wohl etliche Stadtbeschreibungen und Erlebnisse in den ersten Teil des Romans eingearbeitet. Vielleicht ist er sogar teilweise in Berlin entstanden. Vielleicht wurde er – auf Englisch geschrieben – zügig ins Deutsche übersetzt, um dem deutschen Publikum nach dem Erfolg von Alle Farben Rot schnell einen Nachfolger zu präsentieren. Die englische Originalausgabe erschien erst ein Jahr nach der deutschen Übersetzung.

Rezension zu: Laksmi Pamuntjak: Herbstkind. Ullstein, 2018, 496 S., 24 Euro

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1 | 2018, Indonesien, Rezensionen,
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Kenntnisreiche Einführung in die indonesische Gegenwartskunst

Indonesien: Seit Beginn der Reformasi-Ära 1998 sind Frauen im indonesischen Literaturbetrieb auf dem Vormarsch. Die Anthologie ‚Indonesian Women Writers’ bietet einen faszinierenden Einblick in Werke, Leben und Denken einiger indonesischer Schriftstellerinnen.

Mit Kurzgeschichten, Interviews und Auszügen aus Romanen stellt dieser Band neun Autorinnen eingehend vor. Eine von ihnen ist Intan Paramaditha. Kritiker*innen beschreiben ihre Kurzgeschichte Spinner of Darkness unter anderem als Horror mit feministischem Twist. Anhand der Figur eines weiblichen Geistes beschäftigt sich die Geschichte mit der idealisierten, sich selbst aufopfernden Mutterfigur, die in der indonesischen Kultur weit verbreitet ist, und wirft dabei elementare Fragen von Schein und Realität auf.

Ein Auszug des indonesischen Romans Tempurung der international bekannten Autorin Oka Rusmini besticht durch seine Dialogstärke und skizziert kritisch denkende Frauen. Eine davon ist die beste Freundin der Ich-Erzählerin, die provokant nachhakt, warum Frauen einen vergleichsweise hohen Preis für die Liebe zahlen, obwohl sie dafür ihren Körper und den Respekt vor sich selbst aufzugeben scheinen.

Die Zusammenstellung von Kurzgeschichten verschiedener Autorinnen zeigt zudem die Vielfalt der literarischen Ausdrucksformen und erweckt Lust auf mehr.

Bemerkenswerte Interviews

Eine besondere Stärke der Sammlung liegt in den Interviews. Darin beantworten die Autorinnen Fragen wie: Welche Themen beschäftigen sie? Warum schreiben sie? Wie sehen sie sich selbst und ihre Position als Schriftstellerin innerhalb der Gesellschaft? Wie sehen sie die Stellung der Frauen in Indonesien und den gesellschaftlichem Wandel?

Ayu Utami zum Beispiel erläutert ihre persönliche Gratwanderung beim Erkunden neuer Pfade, auf denen sie versucht, sich von ihrer Religion und dem kritischen Denken gleichermaßen leiten zu lassen. Dass Sexismus auch innerhalb des Literaturbetriebs eine prominente Rolle spielt, verdeutlicht Djenar Maesa Ayu, die von persönlichen Diskriminierungserfahrungen als Schriftstellerin erzählt.

Persönlich wirken auch die feministischen Zugänge von Intan Paramaditha: in ihren fiktiven sowie auch in den wissenschaftlichen Texten interessiert sie sich vor allem für die Überschneidungen von Gender, Sexualität, Kultur und Politik.

Nähe durch persönliche Erfahrungen

Während Intan Paramaditha am liebsten am Morgen schreibt, braucht die Autorin Oka Rusmini weder Ruhe noch eine bestimmte Atmosphäre, um kreativ zu sein. Schreiben sei für sie eine Aktivität mit therapeutischem Effekt auf die eigene Psyche, erzählt sie im Interview. Die offenen Antworten auf die teils sehr intimen Fragen bringen den Leser*innen diese Frauen näher. Ihre Auskünfte zu den Geschichten im Band entführen die Leser*innen selbst hinter die Kulissen ebendieser.

Die wissenschaftlichen Essays ergänzen all diese Eindrücke außerdem noch um eine breitere gesellschaftliche Einordnung des Phänomens und ermöglichen auch Fachfremden einen fundierten Einstieg in das Thema.

Der Band macht deutlich: Indonesische Schriftstellerinnen stellen Frauenfiguren mutig in den Mittelpunkt ihrer Geschichten und nutzen das Schreiben als feministische Praxis. Dabei sind sie nicht selten selbst Pionierinnen, die Themen wie Sexualität, Religion und Geschlechterbeziehungen kritisch und intersektional denken.

Rezension zu: Yvonne Michalik und Melani Budianta (Hg.): Indonesian Women Writers. regiospectra Verlag, Berlin 2015, 267 S., 24,90€.

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1 | 2018, Indonesien, Rezensionen,
Autor*in:

Kenntnisreiche Einführung in die indonesische Gegenwartskunst

Südostasien: Das „Routledge Handbook of Climate Justice“ ist eine reichhaltige Wissenssammlung. Es macht deutlich, dass Klimagerechtigkeit nicht an Landesgrenzen aufhören darf und auch nicht an gesellschaftlichen Grenzen. Um eine breite Leserschaft zu erreichen, ist das Buch aber leider zu teuer.

Ein Buch mit über 500 Seiten kann vieles. Es kann Briefe beschweren und den eigenen Kopf. Es kann Insekten erschlagen, genauso wie die Leser*innen. Es kann das Bücherregal bereichern und das eigene Wissen. Dem Handbuch zur Klimagerechtigkeit des Routledge -Verlags gelingt vor allem letzteres: Es bereichert das Wissen. Das Buch führt in den Diskurs der Klimagerechtigkeit ein und erklärt vielschichtig, wie die Klimakrise mit lokalen und globalen Fragen sozialer Gerechtigkeit verknüpft ist.

Nach einer Einführung in die bislang relativ kurze Geschichte des Diskurses sowie der Grundlagen der theoretischen Debatten setzen die Herausgebenden thematische Schwerpunkte, wie zum Beispiel Finanzen & Unternehmen, urbane Räume und Gender. Schon anhand der Schwerpunkte wird deutlich, dass Klimagerechtigkeit nicht nur über Landesgrenzen sondern auch über gesellschaftliche Grenzen hinweg gedacht wird. Sie ist ein Ansatz für alle, der genug Spielraum lässt, die grundlegenden Ideen auf den eigenen Lebens- und Arbeitskontext anzupassen.

Klimagerechtigkeit in Südostasien

Das Buch bietet Fallbeispiele aus fast allen Regionen der Welt. Zu Südostasien gibt es drei Beiträge. Anna Fünfgeld diskutiert die Gerechtigkeit im indonesischen Energiesektor. Sie stellt grundlegende Fragen zu politisch-ökonomischen Systemen, die hinter fehlender Gerechtigkeit in der Energieversorgung stecken und erklärt an Beispielen, wie ländliche Gemeinschaften in Indonesien sowohl bei der Energieerzeugung als auch beim Zugang zu Energie benachteiligt werden.

Roa Petra Crease, Meg Parsons und Karen Toni Fisher besprechen in ihrem Beitrag, wie die Geschlechter- und Klimagerechtigkeit sich in Projekten zur Anpassung an den Klimawandel auf den Philippinen überschneiden. Es geht zum Beispiel um Projekte von internationalen Hilfsorganisationen und der philippinischen Regierung in der Stadt San Fernando. Dort kämpfen marginalisierte Gruppen mit Wetterextremen, die sich durch die Klimakrise verstärken. Frauen sind davon besonders stark betroffen, da sie unter Mangelernährung leiden.

Die Autorinnen kritisieren, dass die vermeintlichen Lösungsansätze zur Anpassung an den Klimawandel gerade diese Frauen noch weiter gefährden. In den Projekten werden Frauen ausschließlich als Versorgerinnen und als verletzlich gesehen. Das sei gefährlich, so die Autor*innen, weil auf diese Weise die Rolle von Frauen als Wissensquelle, zum Beispiel in der Landwirtschaft, übersehen wird. Außerdem werden vorhandene Machtstrukturen verstärkt, indem mit ihnen gearbeitet und auf sie aufgebaut wird.

Frauen aktiv beteiligen

In einem anderen Beitrag analysieren So-Young Lee und Eric Zusman aus einer Geschlechterperspektive einige Maßnahmen zur Abschwächung der Folgen des Klimawandels und der partizipativen Klimapolitik in Südostasien. Auch sie beklagen, dass Frauen in der Problemanalyse einer Krisensituation und in der darauf aufbauenden Projektplanung oft als Opfer dargestellt werden. Außerdem werde bei der Implementierung von Maßnahmen übersehen, welchen aktiven Beitrag sie leisten, und wie vielfältig ihre Rollen in einer Gemeinschaft sein können. Fallstudien aus Laos, Kambodscha und Vietnam machen deutlich, wie eine Einbindung von Frauen in diese Projekte erfolgreich sein kann.

In Kambodscha werden Frauen zum Beispiel in die Herstellung und den Verkauf von nachhaltigen Kochern eingebunden, sowie auch in deren Integrierung in die nationale Strategie zur nachhaltigen Energiegewinnung. Sie sind nicht als Zielgruppe sondern aktiv am gesamtem Prozess beteiligt. In einem Pilotprojekt in Vietnam, das Biogasanlagen baut, werden Frauen dazu ausgebildet, sowohl die erste Anlage zu betreiben, als auch neue Mitarbeiter*innen für zukünftige Anlagen zu schulen. Im Rahmen dessen wurde der lokale Aktionsplan zu Umweltschutz und Klimawandel mit explizitem Einbezug von weiblichen Expertinnen überarbeitet.

Vielfalt an Autor*innen

Die Auswahl der Autor*innen für das Handbuch wurde mit Bedacht getroffen. Zwar sind diejenigen, die an anglophonen Universitäten des globalen Nordens arbeiten, immer noch überrepräsentiert, doch es wird ein Bemühen deutlich, Menschen mit möglichst verschiedenen Hintergründen eine Stimme zu geben – sei es Geschlecht, Herkunft oder beruflicher Status. Es sind sogar einige Beiträge von Studierenden zu lesen. Zudem gibt es Autor*innen, die nicht im akademischen Bereich arbeiten, sondern in Netzwerken oder Organisationen im Bereich Klimagerechtigkeit aktiv sind. Dadurch gelingt es dem Sammelband, nicht nur den akademischen Diskurs zu zeigen, sondern auch ein Verständnis für gelebte Klimagerechtigkeit zu vermitteln.

Eine Frage des Zugangs

Das Buch schließt mit einem Kapitel zu „Emerging Areas“. Hierbei geht es unter anderem in einem Beitrag von Sonja Klinsky um die Öffnung von Wissenschaft. Sie berichtet von ihren eigenen Erfahrungen, Forschungsmethoden neu zu denken, um eigene Vorurteile nicht von vornherein in Thesen und Forschungsfragen zu reproduzieren. Sie plädiert dafür, mehr Kooperationen einzugehen und den Menschen, die Zielgruppe von Studien sind, mehr Mitspracherecht und Raum zur eigenen Repräsentation zu geben.

Solidarische Kooperationen über Grenzen hinweg und auf Augenhöhe, das mache Klimagerechtigkeit aus, so Klinsky. Die Herausgeber haben sich bemüht, diesen Gedanken auch in der Konzeption des Sammelbandes umzusetzen – vollständig gelungen ist es ihnen allerdings nicht. Dies betrifft die Auswahl von Autor*innen aber letztendlich auch den Zugang zum Buch. Denn es ‚versteckt sich’ hinter einer Bezahlschranke von satten 123 englischen Pfund (~ 140 Euro) für die E-Book-Version bzw. 152 Pfund (~ 170 Euro) für das gedruckte Werk.

Rezension zu: Tahseen Jafry (Hg.): Routledge Handbook of Climate Justice. Routledge, 542 S., 2018.

Dieser Artikel erschien zunächst in der südostasien Ausgabe 1|2020 – „What do we want? Climate justice“ und ist Teil der südostasien – Sonderausgabe Buchmesse

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1 | 2018, Indonesien, Rezensionen,
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Kenntnisreiche Einführung in die indonesische Gegenwartskunst

Indonesien: Der Dokumentarfilm „Sexy Killers“ thematisiert die massiven Eingriffe in die Natur durch Steinkohleabbau und die verheerenden Folgen für Mensch und Umwelt. Zugleich zeigt der Film, wie eng die Verzahnung von Politik und Unternehmen beim wertvollen Rohstoff Kohle ist.

Was hat eine Liebesnacht in einem Hotel mit einer Explosion in einer Kohlegrube zu tun? Der Film Sexy Killers führt seine Zuschauer vom Stromverbrauch diverser Elektrogeräte wie Klimaanlage, Haartrockner, Smartphone, Computer und TV dahin, wo dieser Strom seinen Ursprung hat. An die Orte, die nicht so sauber sind wie die weißen Bettlaken im Hotel in der Anfangsszene. Und in die Hintergründe aus Wirtschaft und Politik, wo es schmutzig zugeht wie in einer Kohlegrube.

Trotz ehrgeiziger Klimaziele: Indonesiens Kohleförderung steigt stetig. Indonesien ist nicht nur der zweitgrößte Exporteur von Steinkohle. Das viertgrößte Land der Welt mit einer Bevölkerung von 260 Millionen Menschen verbraucht zunehmend mehr des fossilen Brennstoffes bei der eigenen Energieversorgung (vgl. dazu auch den Artikel ‚Business as usual’ im Kohle- Revier auf suedostasien.net). Schätzungen zufolge wird der Energiesektor in zehn Jahren mehr als 50 Prozent von Indonesiens Treibhausgasemmissionen ausmachen.

Kalimantan: gefährliches Steinkohlerevier

In den Luftaufnahmen des Films sehen die gelben Bagger in Kalimantans Kohlegruben wie Spielzeug aus. Ebenso die LKWs, die ihre schwarze Last durch eine wüste Mondlandschaft abtransportieren. Kalimantan, der indonesische Teil der Insel Borneo, ist das größte Steinkohlerevier des Landes.

Zahlreiche Menschen leben in unmittelbarer Nähe zu den offenen Kohlegruben. Das Filmteam besucht diese Menschen und zeigt, wie sie leben. Wo früher Wälder waren, ausreichend Wasser und grüne Felder, sind heute Kohle, Staub und Trockenheit. Das Wasser, das die Menschen aus ihren Brunnen pumpen, ist trübe. Die Felder werden überschwemmt vom Schlamm, der entsteht, wenn sich der Kohlestaub mit Wasser mischt. „Sie verdienen das Geld, für uns bleibt der Schlamm“, sagt eine aufgebrachte Bäuerin vor der Kamera.

Die Ignoranz von Politikern und Unternehmen

Obwohl Kohleunternehmen dazu verpflichtet sind, die Kohlegruben am Ende der Nutzungszeit zu renaturieren, gibt es in Kalimantan Hunderte zurück gelassene Kohlegruben-Löcher, die sich mit der Zeit mit Regenwasser füllen. Nicht selten befinden sich die offenen Tagebaue direkt neben den Wohngebieten der Menschen. Zwischen 2011 und 2018 ertranken allein in der Provinz Ostkalimantan 32 Menschen in ehemaligen Kohlegruben, in ganz Indonesien waren es zwischen 2014 und 2018 in Kohlegruben insgesamt 115 Menschen.

Die Unternehmen zeigen kein Verantwortungsbewusstsein. Ebenso wenig tut es die Politik. Todesfälle geschähen nun einmal, er spreche sein Beileid aus, so der zynische Kommentar des Gouverneurs von Ostkalimantan. Vor laufender Kamera scherzt er darüber, ob es wohl möglicherweise Geister an den Gruben gebe. Und schließlich wüssten die Menschen doch, dass sie dort nicht schwimmen sollten.

Es ist die Stärke des Films, nah an den Betroffenen zu sein und zugleich die Verantwortlichkeit von Politik und Wirtschaft aufzuzeigen. Diese reichen im Geschäft mit der Kohle in höchste politische Ebenen. Kein Wunder, dass der Film, der von Watchdoc fünf Tage vor den Wahlen am 19. April 2019 veröffentlicht wurde, in Indonesien einschlug wie eine Bombe.

Binnen weniger Tage wurden mehr als 1.000 öffentliche screenings von Sexy Killers von zahlreichen Aktivist*innen organisiert. Binnen weniger Tage sahen Millionen Menschen den Film. Er machte deutlich, dass die der Öffentlichkeit im Wahlkampf suggerierte politische Rivalität im Wirtschaftsleben keine Rolle spielt. Präsident und Vizepräsident, ebenso wie ihre beiden Herausforderer, mehrere amtierende Minister bis zum als moralische Instanz geltenden Rat der Muslimgelehrten (MUI) – beim Geschäft mit der Kohle verdienen alle mit.

Dokumentationen, die den Mächtigen auf die Finger schauen

Der Name der Produktionsfirma „Watchdoc“ ist Programm. Seit Jahren macht das Team um die Filmemacher Dandhy Laksono und Suparta Arz Filme um Landkonflikte und ihre ökonomischen und politischen Hintergründe. Sexy Killers entstand als Teil einer Serie, für die Arz und Laksono ein Jahr lang auf dem Moped durch ganz Indonesien reisten. Einige der dabei entstandenen Dokumentationen gibt es inzwischen auch mit deutschen Untertiteln bzw. synchronisierte auf youtube, zum Beispiel The Mahuzes (über Landkonflikte in Papua, deutsche UT), Asimetris (über Palmöl und die Umweltfolgen, deutsche Synchronisation) und Samin vs. Semen (deutsche UT). Letztgenannte Doku, in der es um Umweltzerstörung durch Zementkonzerne geht, stellte Dandhy Laksono 2017 in zehn deutschen Städten, unter anderem auch beim Asientag in Köln, vor.

Akribische Recherche und glasklare Analyse zeichnen alle Watchdoc-Filme aus. Sie zeigen ungeschminkt die fatalen Auswirkungen der so unheilvollen wie weit verbreiteten Kombination von kapitalistischer Ökonomie und korrumpierbaren Politikern. Zum Watchdoc-Programm gehört, alle Dokus auf dem eigenen youtube-Kanal online zur Verfügung zu stellen und alle Interessierten einzuladen, öffentliche Filmscreenings zu veranstalten. Sexy Killers stellt gewissermaßen den bisherigen Höhepunkt des Watchdoc-Schaffens dar.

Die Themen gehen den Filmemacher*innen indes nicht aus. Obwohl ihre Häuser zum Teil selbst von den Überschwemmungen betroffen waren, drehte das Watchdoc-Team zum Jahreswechsel 2019/2020 in Jakarta engagierte Reportagen über die Folgen einer seit der Kolonialzeit verfehlten Stadtplanung in Jakarta. Dandhy Laksono schreibt darüber in dieser Ausgabe der südostasien.

Rezension zu: Sexy Killers, 89 Min, Indonesisch mit englischen Untertiteln, Indonesien 2019

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1 | 2018, Indonesien, Rezensionen,
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Kenntnisreiche Einführung in die indonesische Gegenwartskunst

In Myanmar gibt es bislang wenig öffentliche Klimakommunikation und -bildung. Anastacia Howe und Nicole Tu-Maung organisieren deshalb Climate Talks (Klimagespräche). Im Interview berichten sie über ihre Ideen zur Umsetzung von Klimaschutzmaßnahmen.

Eure Organisation Conyat Create hat die Climate Talks im Januar 2019 gegründet. Was war Eure Motivation dabei?

Anastacia: Wir arbeiten viel zu Themen des Klimawandels, z.B. in der Wasser- oder Forstwirtschaft oder mit Gemeinden, um ein größeres Bewusstsein zu schaffen. Wir wollten unsere Erfahrungen an Menschen weitergeben, die im Einzugsgebiet von Yangon leben. Wir begannen, Interesse bei jungen Burmes*innen aus Yangon zu wecken. Wir alle wissen, dass Myanmar heute als das am zweithäufigsten gefährdete Land für Effekte des Klimawandels angesehen wird.

Welche Organisationen habt Ihr zuerst kontaktiert, um die Initiative in Gang zu bringen?

Anastacia: Wir wollten eine Möglichkeit für eine kostenlose Veranstaltung schaffen, bei der Menschen sich mit Expert*innen austauschen und anschließend Informationen vertiefen können, z.B. um dies später in ihren eigenen Arbeitsbereichen zu nutzen. Unser erstes Thema war der Boden.

Damit wollten wir zeigen, wie sehr verschiedene Themen miteinander verbunden sind. Wir luden das Start-Up Bokashi ein, das einen Vortrag über Kompostierung, die Bedeutung der Bodenregeneration und über sein Projekt zur Bodenrevolution hielt. Wir stellten einige Fakten über den Klimawandel und den Boden zur Verfügung.

Ich könnte mir vorstellen, dass es aufgrund der Fachsprache schwierig ist, eine gemeinsame Sprache zu finden.

Anastacia: Wir arbeiten mit studentischen Freiwilligen, die uns helfen, die Themen des Klimawandels in Alltagssprache aufzuschlüsseln, durch Videos, Vlogs oder Fotos. Das hilft, eine Grundlage zu schaffen, bevor die Leute zu den Climate Talks kommen. Intern haben wir einen Themenkalender. Wir recherchieren, wer die wichtigsten Expert*innen für diese Themen sind. Dann diskutieren wir mit unseren Freiwilligen und den Redner*innen, wie wir unser Publikum dazu bringen können, sich mit den Informationen auseinanderzusetzen.

Wir versuchen, eine Gruppenaufgabe auf Basis der von den Expert*innen vermittelten Informationen zu entwickeln. Wir hatten zum Beispiel eine Einheit über den Klimawandel und nachhaltige Städte. Am Ende stellten die beiden Moderatoren, ein Stadtplaner und ein Architekt, eine Aufgabe. Die Teilnehmenden sollten sich eine Strategie ausdenken, wie sie die Tragweite der Überschwemmungen in Yangon kommunizieren, und wie sie ein Abfall-Managementsystem verwalten würden. Wir nutzen Informationen aus unserer aktuellen Kampagne sowie aus der Präsentation, um diese Gruppenaufgabe zu bearbeiten.

Wer ist Euer Publikum?

Anastacia: Unsere Teilnehmer*innen sind jeweils zur Hälfte Expats und Menschen aus Myanmar. Sie haben ein persönliches Interesse oder arbeiten in einer Organisation, die sich mit dem Klimawandel beschäftigt. Die Expert*innen arbeiten in der Regel bei Organisationen, die sich auf Abfall-Management, Wasserkraft oder Solarenergie spezialisiert haben.

Informationen über den Klimawandel sind nicht leicht zugänglich, da sie oft in langen Berichten aufbereitet sind – auf Englisch und sehr technologieorientiert oder wissenschaftlich. Das macht es für den Durchschnittsmenschen wirklich schwer zu verstehen.

Wie kommt Ihr mit potentiellen Freiwilligen in Kontakt?

Nicole: Wir veröffentlichen Bewerbungs-Aufrufe auf unserer Facebook-Seite. Viele Menschen, die sich generell für den Klimawandel interessieren, sind bereits bei den Climate Talks angemeldet, wenn sie von diesen Aufrufen erfahren. Da wir Bewerbungen aus dem ganzen Land bekommen, interviewen wir per Skype oder Telefon.

Die Freiwilligen müssen nicht unbedingt aus Yangon kommen. Diejenigen, die von hier sind, können sich bei Organisation und Veranstaltungen jedoch mehr einbringen. Es ist aber auch großartig, dass Menschen aus anderen Teilen des Landes ihre Sichtweise zu diesen Themen teilen.

Wie schafft Ihr mit den Freiwilligen eine gemeinsame Basis für das Erstellen und Teilen der Medieninhalte?

Nicole: Die Freiwilligen treffen sich zweimal im Monat in unserem Büro und machen sich mit unserem hauptamtlichen Conyat-Team an die Arbeit. Wir sagen, „Ok, das ist das Thema des Monats“, und überlassen ihnen dann die Recherche und das Herstellen inhaltlicher Zusammenhänge. Wir helfen ihnen dabei, die Inhalte online zu stellen.

Es ist bestimmt interessant, in einer internationalen Gruppe zu arbeiten und mit Menschen aus städtischen und ländlichen Regionen zu interagieren. Inwiefern erlebt Ihr bei diesem Projekt Sprachbarrieren?

Anastacia: Wir sind ein Team von elf Personen mit nur vier ,Expats‘, mich eingeschlossen. Viele unserer Freiwilligen sind Studierende an Universitäten in Yangon oder sie arbeiten in Teilzeit an anderen Orten. An sich haben wir keine Sprachbarrieren. Zwei Projektbetreuer*innen aus Myanmar begleiten die Freiwilligen. So kann der Austausch auch auf Burmesisch stattfinden.

Nicole: Es ist Teil unserer Unternehmenskultur, dass wir verschiedene Kulturen und Sprachen respektieren. Unser Büro ist ein Open Space. Je mehr Leute sich einbringen können, desto besser kann das Ergebnis werden – vor allem, wenn man Leute mit fundierten lokalen Kenntnissen hat, aber auch Leute, die Erfahrung mit der Arbeit auf globaler Ebene haben. Durch die Freiwilligen hören wir die Stimmen der Jugend. Myanmar hat eine lange Kultur mit strengen Hierarchien hinsichtlich Alter und Geschlecht. Diese Art von Arbeitskultur bricht das auf. Das Conyat-Team selbst besteht hauptsächlich aus Frauen. Und viele der Freiwilligen sind ebenfalls Frauen.

Die Regierung Myanmars hat letztes Jahr, wie Ihr auch in Euren Veröffentlichungen erwähnt, im Rahmen der Myanmar Climate Change Policy angekündigt, dass sie die Bildung in Sachen Klimawandel verbessern wird. Wie würde Eure Initiative in die öffentliche Klimabildung passen?

Nicole: Leider geht diese Art von Veränderung des Bildungssystems eher langsam vonstatten. Es gibt eine niedrige Verbleibquote von Schüler*innen im Bereich der staatlichen Hauptschulbildung, vor allem in ländlichen Gebieten, wo Jugendliche teilweise arbeiten, um ihren Familien den Lebensunterhalt zu sichern. Die Fortsetzung der Climate Talks wird zeigen, dass wir uns nicht nur auf das öffentliche Bildungssystem verlassen können.

Anastacia: Myanmar ist ein großes Land und die Regierung hat so viel zu tun. Es gibt einfach nicht genug Organisationen, die in die Klimabildung investieren. Vieles davon ist auf Klimaschutz in Bezug auf spezielle Interessengruppen ausgerichtet. Bildung und Bewusstsein stehen oft hinten an.

Angesichts der hohen Beteiligung von Jugendlichen könnten wir die Vermittlung von Klimawissen etwa in Mandalay nutzen, um von dort aus Ortsgruppen in verschiedenen ethnischen Staaten zu gründen. Und sollte die Regierung dann später Lehrpläne für Schulen entwickeln, dann können diese Informationen sie dabei unterstützen.

Ihr möchtet eine Klimabewegung inspirieren. Steht Ihr in Kontakt mit jungen Aktivistinnen und Aktivisten, wie Aye Ko Htut oder Kyaw Ye Htet, die die Yangon-Kampagne von Fridays for Future organisiert haben?

Anastacia: Wir stehen in Kontakt, haben aber bisher keine Gespräche über eine Zusammenarbeit geführt. Ich unterstütze den Aktivismus und die friedlichen Proteste in der Stadt, die sie anführen, voll und ganz. Unsere Klimabewegung ist etwas anders. Wir bringen Leute zusammen, um über den Klimawandel zu sprechen und geben den Menschen die Instrumente an die Hand, die sie brauchen, um etwas zu verändern. Ich denke, dass sich unsere Bewegungen unterscheiden, aber auch ergänzen.

Nicole: Zum Beispiel werden wir 2020 studentischen Aktivist*innen in einer Einheit eine Plattform geben, um über ihre Rolle in der Klimabewegung zu sprechen. Es gibt es also ein gewisses Potential, die beiden Arten von Klima-Aktivismus zu verbinden.

Im Oktober und November 2019 habt Ihr Euch auf nachhaltige Städte und nachhaltigen Tourismus fokussiert. Wie kann eine Organisation den Klimaschutz vertreten aber auch mit den Herausforderungen des Reisens umgehen, besonders wenn man um das Fliegen nicht herumkommt?

Anastacia: Hm (überlegt). Das ist schwierig in Myanmar, nicht nur für uns. Das Land ist ziemlich groß. Der Zugang zu einigen Gebieten ist nicht immer gegeben, die Straßeninfrastruktur nicht immer vorhanden. So bleibt vielen Organisationen nur das Fliegen. Was uns in Myanmar fehlt, ist das Gespräch darüber, wie man den eigenen CO2-Fußabdruck kompensieren kann, z.B. durch die Regeneration der Mangroven. Der private Sektor ist außen vor, wenn es um Klimaresistenz und -anpassung geht.

Für Unternehmen gibt es kein gutes Weiterbildungsangebot, z.B. wie man den Fußabdruck messen kann, geschweige denn, wie man in dieser Hinsicht etwas zurückgeben oder Resilienz-Strategien erarbeiten kann. Ich glaube, das alles entwickelt sich langsam, sehr langsam, und wenn die Regierung ein bisschen mehr Politik zum Klimawandel macht, sehen wir wahrscheinlich ein bisschen mehr Bewegung. Es ist eine Gelegenheit für Conyat, dieses Jahr darüber nachzudenken, wie man die Climate Talks ausweiten kann, um den privaten Sektor besser mit einzubeziehen.

Der Privatsektor spielt eine große Rolle, aber auch die Politik. Die ethnischen Staaten Myanmars, die besonders anfällig für die Auswirkungen des Klimawandels sind, sind auch politisch umkämpft. Wie kann man Eurer Meinung nach hier effektiv gegen den Klimawandel vorgehen und Klimaschutzmaßnahmen umsetzen?

Nicole: Die meisten Orte, die am stärksten vom Klimawandel betroffen sind, sind auch von anderen Problemen wie Armut und gender-spezifischer Ungleichheit betroffen. Es ist kein Zufall, dass die ärmsten und konfliktreichsten Orte am verwundbarsten durch den Klimawandel sind. Es zeigt uns, dass wir Lösungen für Armut und die Konflikte finden müssen, wenn wir den Menschen jemals aus dieser Klimakrise heraushelfen wollen.

Anastacia: Mir fallen hier besonders die ethnischen Gruppen ein. Sie leben in Gebieten in Myanmar, die reich an Ressourcen sind, aber sie haben keinen Zugang zu Bildung und Infrastruktur. Ihnen werden viele Rechte verweigert, aufgrund ihrer Gruppenzughörigkeit, die die Regierung Myanmars festgelegt hat. In ihren Gebieten gibt es im Grunde genommen andere Gesetze. Es sind leider diese Gebiete, die am anfälligsten für die Auswirkungen des Klimawandels sind.

Es geht nicht mehr nur um die Menschenrechte, sondern auch um das Recht auf eine sichere und intakte Umwelt, auch für zukünftige Generationen. Es wäre sinnvoll, diese Gruppen mit an den Verhandlungstisch zu bringen. Aber ich glaube nicht, dass Privatsektor oder Regierung genug Zeit und Ressourcen investieren, um das Wissen und die Informationen zu nutzen, die diese Menschen haben. Es geht immer nur darum, ihnen etwas, z.B. Ressourcen, zu nehmen.

Wie kann Myanmar gesamtheitlich, als Volkswirtschaft betrachtet, von Klimaschutzmaßnahmen profitieren?

Anastacia: Ich denke, hier geht es um Technologie. In Myanmar gibt es einen starken Zuwachs an Sozialunternehmer*innen und Start-ups, die Technologien entwickeln und Geschäftsmodelle entwerfen, um soziale und ökologische Probleme anzugehen. Was bei dieser Entwicklung fehlt, ist der stärkere Fokus auf Klimaschutz, Klimaresilienz und Klimaanpassung.

Wir beobachten, dass sich viele Investor*innen derzeit mit der Finanzierung befassen und versuchen, die junge Öffentlichkeit dazu zu bewegen, über Geschäftsmodelle nachzudenken, die einen Klimafokus haben. Das hat gerade erst begonnen. Ich wäre nicht überrascht, wenn das in den nächsten Jahren weiter zunimmt, solange es eine Nachfrage gibt.

Nicole: Klimaschutzmaßnahmen werden der Wirtschaft Myanmars langfristig zugutekommen, z.B. wenn wir jetzt Maßnahmen für nachhaltige Forstwirtschaft oder Fischerei ergreifen. Für zukünftige Generationen ist es so wichtig, eine Wirtschaft um diese nationalen Ressourcen herum zu entwickeln.

Aber wenn wir nur auf Ausbeutung setzen, werden unsere Ressourcen schnell erschöpft sein und Myanmar wird dieser Lebensgrundlage beraubt werden.

Spielen die Machtverhältnisse zwischen Militär und Regierung aus Eurer Perspektive eine Rolle für Klimaschutzmaßnahmen, z.B. für die Klimafinanzierung oder die Start-up-Szene, die sich speziell auf Klimaschutz-Technologien konzentriert?

Anastacia: Alle Interessenvertreter*innen spielen in Myanmar eine Rolle, sei es die Regierung oder das Militär. Aber wenn ich an das Militär denke, denke ich nicht nur an das Militär der Regierung, sondern an Ethnic Armed Organisations (EAOs). Ich denke, dass es hier einen Unterschied gibt. Die EAOs, die in Staaten außerhalb des Einflussbereichs der Regierung das Sagen haben, spielen eine Rolle beim Klimaschutz, weil sie die erste Verteidigungslinie für die ethnischen Gebiete sind.

Und es gibt Organisationen, die mit EAOs zusammenarbeiten, was Governance, Corporate Social Responsibility und Umweltmanagement betrifft. Der Klimaschutz wird als eine weitere, eigenständige Initiative angesehen. Deshalb dauert es in Myanmar so lange, den Plan für eine nachhaltige Entwicklung voranzubringen, in dem der Klimawandel berücksichtigt wird. Es gibt immer noch kein Gesetz zum Klimawandel. Um eines auf den Weg zu bringen, sind die Machtverhältnisse im Land in der Tat eine Herausforderung.

Ist es Eurer Meinung nach möglich, den Klimaschutz in den Friedensförderungsprozess zu integrieren?

Anastacia: Es ist möglich, es ist nur eine Frage der Zeit. Zum Beispiel hat die Regierung letztes Jahr erst rund 30 Aufträge für Wasserkraft-Projekte erteilt. Sie suchen also nach erneuerbarer Energien. Myanmar hat allerdings das Problem, dass die Gemeinden nicht richtig in die Entscheidungsfindung eingebunden werden, was die Umwelt und die Transparenz von Umweltverträglichkeitsprüfungen angeht. Es gibt also immer noch grundlegendere Fragen, die innerhalb des Landes gelöst werden müssen, bevor wir uns mit der Integration des Klimawandels bzw. des Klimaschutzes in den Friedensprozess befassen können.

Wir tun derzeit nicht genug dafür, eine dauerhafte Widerstandsfähigkeit aufzubauen. Für mich sind Resilienz und Frieden in gewisser Weise zwei Seiten einer Medaille. Sie spiegeln die Notwendigkeit und das Recht auf eine gesunde und sichere Umwelt wider. Um das zu erreichen, muss es das Recht geben, an einer informierten Entscheidungsfindung teilzunehmen.

Ihr habt viel von der Nutzung und dem Management von Ressourcen gesprochen. Denkt Ihr, dass das kürzlich in Thailand erlassene Verbot von Plastiktüten auch in Myanmar umgesetzt werden könnte?

Anastacia: Das würde ich gerne sehen. Ich denke, ein solches Gesetz wäre ein guter Anfang. Es würde eine Haltung zeigen. Andererseits wäre es schwierig, entsprechende Monitoring- und Evaluierungsmaßnahmen sowie einen regulatorischen Rahmen zu etablieren, um sicherzustellen, dass sich die Menschen auch wirklich daran halten. Zudem grenzt Myanmar an Thailand, China und Indien. Es gibt dort einen undokumentierten Handel von Waren. Das ist eine weitere Herausforderung.

Nicole: In städtischen Gebieten gibt es meiner Meinung nach Hoffnung, denn ich sehe viele junge Leute, die sich sehr leidenschaftlich für die Reduzierung von Plastikabfällen einsetzen, vor allem weil es ein so sichtbares Problem ist. Wenn diese jungen Menschen die nächste Gesellschaft anführen, wäre ein solches Gesetz möglich. In ländlichen Gebieten müsste sich die Regierung sehr auf den Zugang zu sauberem Wasser, auf Bildung und Armutsbekämpfung konzentrieren, damit die Menschen in der Lage sind, Prioritäten zu setzen und die Wahl treffen zu können, Plastik zu reduzieren. Selbst wenn die Menschen motiviert sind, gibt es dazu bisher nur wenige Anreize.

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1 | 2018, Indonesien, Rezensionen,
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Kenntnisreiche Einführung in die indonesische Gegenwartskunst

Indonesien – Die Regierung setzt der Ausbeutung von Ressourcen durch Unternehmen wenig entgegen. Landnahmen beeinträchtigen insbesondere indigene Frauen. Die NGO Perempuan AMAN stärkt deren Selbstbewusstsein, indem sie ihnen Frauen- und Indigenenrechte vermittelt. Ein Interview mit der Aktivistin Afina Nurul Faizah.

Indonesien besitzt große Urwaldflächen und ist reich an natürlichen Ressourcen wie Kohle, Gas, oder Öl. Die derzeitige indonesische Regierung – ebenso wie die vorherigen – verfolgt die Politik, diese Ressourcen durch internationale oder einheimische Unternehmen ausbeuten zu lassen, obwohl dies verheerende Auswirkungen auf Umwelt und Klima hat. Die Folgen treffen insbesondere die indigene Bevölkerung des Landes. Immer wieder kritisieren Menschenrechtsorganisationen, dass Indonesien seine indigene Bevölkerung gegenüber extraktiven Industrien oder Palmölplantagen nicht hinreichend schütze.

Landkonflikte sind an der Tagesordnung und viele Ritualpraktiken können nicht mehr durchgeführt werden. Die Organisation AMAN (Aliansi Masyarakat Adat Nusantara = Verband der Indigenen Bevölkerung Indonesiens) ist die größte Advocacy-NGO, die für die Rechte indigener Gruppen in Indonesien kämpft. Afina Nurul Faizah arbeitet für AMANs Unterorganisation Persekutuan Perempuan AMAN (Perempuan AMAN = Allianz von Frauen in AMAN), die sich spezifisch für die Belange indigener Frauen einsetzt, welche besonders schwer unter den Konflikten leiden.

Afina, Sie arbeiten für Perempuan AMAN. Können Sie kurz die Aktivitäten und das aktivistische Ziel dieser Organisation beschreiben?

Wir betrachten alle Angelegenheiten, die die indigene Bevölkerung betreffen, unter einer Gender-Perspektive, um Gerechtigkeit für indigene Frauen herzustellen. Ihre Situation ist sehr komplex und keineswegs homogen. Es gibt weitgehend egalitäre Gruppen, aber auch solche, die patriarchal sind. Feudalismus ist ein weiteres Thema unserer Arbeit.

Perempuan AMAN ist eine der wenigen Organisationen weltweit, deren Mitglieder überwiegend indigene Frauen sind. Insgesamt haben wir etwa 2000 indigene Mitglieder in sechs Regionen. Bei unserer Arbeit geht es vor allem darum, diese indigenen Frauen zusammen zu bringen und ihnen eine Stimme in Bezug auf ihre ethnische Gruppe und auf ihr Geschlecht zu geben. Außerdem verfolgen wir die Umsetzung der Nachhaltigen Entwicklungsziele (SDGs) für die indigene Bevölkerung.

Klimagerechtigkeit ist das Thema dieser Ausgabe der südostasien. Welche konkreten Auswirkungen für indigene Gruppen und besonders für indigene Frauen hat der Klimawandel?

Eines unserer Projekte ist Engendering Participatory Mapping, ein gendergerechter partizipativer Mapping-Ansatz. Hier werden Frauen darin geschult, Veränderungen in ihrer Umgebung zu beobachten und festzuhalten. Ein Beispiel ist Landraub durch Unternehmen, wodurch Frauen den Zugang zu und die Souveränität über ihre natürlichen Ressourcen verlieren. Das erschwert die Lebensbedingungen. Beispielsweise stellen indigene Frauen Kleidung selbst her, indem sie Stoffe aus Fasern weben, die sie ganz einfach auf ihrem Land finden können.

Wenn ihnen das Land nicht mehr zur Verfügung steht, müssen sie Garn im Laden kaufen. Indigene Frauen haben aber in der Regel keinen Zugang zu Bargeld. Deswegen müssen sie in Schuldknechtschaft arbeiten, weil sie, wie indigene Männer auch, meist nicht staatlich registriert sind und so keine faire und legale Arbeitsstelle finden können. Das ist eine Form der Ausbeutung und sogar der Sklaverei. Zu dieser an sich schon ungerechten Situation kommt nun noch die Umweltkatastrophe.

Wie gestaltet sich die Arbeit von Perempuan Aman in diesem Zusammenhang?

Die Folgen des Klimawandels sind für viele der Frauen noch schwierig zu erfassen oder tiefer gehend zu diskutieren, weil viele dieser Frauen kein Identitätsbewusstsein als indigene Frauen haben. Für uns ist es deswegen zunächst zentral, ihnen dabei zu helfen, ein Bewusstsein ihrer eigenen Position in der Gesellschaft und ihrer spezifischen Probleme zu entwickeln: Dass sie Frauen sind, dass sie Frauen in einer indigenen Gruppe sind, die dadurch ein hohes Risiko für Verarmung und Marginalisierung durch den Staat haben. Effekte des Klimawandels wie etwa die veränderten Tierbestände sind in unserer Arbeit daher im Moment leider noch nachrangig.

Ich höre oft von Aktivist*innen, dass der Klimawandel-Diskurs in Indonesien ein Elitendiskurs ist und selten überhaupt diskutiert wird. Hat das damit zu tun, dass der Klimawandel als Begriff abstrakt bleibt, obwohl es konkrete Folgen wie extreme Wetterlagen, Waldbrände, zu wenig oder zu viel Regen gibt? Wie sehen Indigene selbst die Lage?

Diese Veränderungen sind der indigenen Bevölkerung natürlich bewusst. In unserem partizipativen Mapping sollen die Frauen beispielsweise Veränderungen in ihrer Gegend festhalten. Da wird viel genannt. Zum Beispiel gab es früher Pflanzen und Tiere, die jetzt nicht mehr da sind. Eine indigene Aktivistin von den Dayak Kanayatn in Landak, nahe Pontianak (West-Kalimantan), schrieb folgendes: “Es gibt Tiere, von denen ich nur die Namen kenne, weil ich sie von meinen Vorfahren gehört habe. Ich habe sie nie gesehen.”

Dort sind viele Arten verschwunden. Andere erzählen, wie einfach es für sie früher war, ein Haus zu bauen. Die Häuser waren nicht aus Ziegeln oder Zement, sondern aus Naturmaterialien. Aber jetzt, erklären sie, müssen sie das Material kaufen, weil sie es nicht mehr finden können. Sie sind oft noch bei einer Bestandsaufnahme dessen, was es nicht mehr gibt und was sich verändert hat. Sie wissen das genau, aber die Begriffe wie ‚Klimawandel‘ sind noch Leerstellen und fehlen in ihrer Analyse, aber das geht vielen Menschen in Indonesien so.

Wenn es den indigenen Aktivist*innen nicht primär um den Begriff Klimawandel geht, worum dann?

Ihr Hauptanliegen ist es im Moment, die Kontrolle über ihre Gebiete zurück zu erlangen, besonders ihren Wald, der zu staatlichem Eigentum erklärt wurde. Das ist wichtig für sie, weil die meisten indigenen Gruppen Wald, Land oder Flüsse nicht als Ware ansehen, die man besitzen kann. Deswegen sollen sie ihrer Ansicht nach auch nicht verkauft werden oder Zertifikate für sie verteilt werden. Aber wenn sie kein Zertifikat beantragen, kann ihnen das Land weggenommen werden. Das ist ein Dilemma. So werden auch viele sakrale Orte entweiht. Weil sie so unter Druck stehen und ihnen oft Migrant*innen aus anderen Teilen Indonesiens den Platz streitig machen, geben viele indigene Gruppen sogar ihre Rituale auf.

Auch die Umsiedlung der Hauptstadt nach Kalimantan wurde ohne Einwilligung der lokalen indigenen Bevölkerung, der Dayak Paser, beschlossen. Die Entwicklung, über die die Regierung im Zuge dessen für Kalimantan spricht, wird da auch nichts helfen. Entwicklung für wen? Na, für Kapitalisten, für die mit dem großen Geld, doch nicht für die indigene Bevölkerung in Kalimantan!

Viele indigene Gruppen, vor allem in Sumatra, haben in erster Linie Geldsorgen. Die Leute brauchen Bargeld, weil sie ihre Nahrungsmittel nicht mehr aus der Natur um sie herum gewinnen können. Sie müssen Reis und Süßkartoffeln kaufen, weil sie angezeigt werden können, wenn sie im Wald ernten. Selbst Wasser müssen sie oft kaufen, weil Quellen auf ihrem Land verschmutzt sind oder Unternehmen gehören.

In der Hoffnung, am Wohlstand teilzuhaben, pflanzen viele Indigene selbst Ölpalmen in Monokultur statt ihrer gewohnten Nahrungsmittel an, um sich wiederum andere Waren leisten zu können. Oft wissen die Leute selbst, dass die Ölpalmen nicht gut für den Boden sind, aber sie sehen es als ihre einzige Möglichkeit, Geld zu verdienen. Sie haben nicht wirklich eine Wahl, ihr Ökosystem zu schützen. All das ist sehr ironisch und zeigt, dass der Weg noch sehr lang ist.

Und ihr als Perempuan AMAN helft den Frauen, Möglichkeiten zu finden, mit der bestehenden Situation umzugehen?

Genau! Aber es geht auch um Stigmatisierung. Ein Beispiel sind die Waldbrände und die dadurch entstehende Luftverschmutzung, die besonders 2018 sehr heftig waren. In weiten Teilen Südostasiens lag Smog in der Luft, der aus Kalimantan kam. Nun gab es das Stigma, die Indigenen haben Waldstücke angezündet und dadurch die unkontrollierbaren Brände ausgelöst. Es stimmt zwar, dass viele indigene Gruppen Brandrodung betreiben, also nach der Ernte neues Ackerland durch Abbrennen gewinnen, und so regelmäßig die Felder wechseln.

Der Punkt ist aber, dass sie ihre eigenen Rituale, Regeln und Sanktionen haben, die verhindern sollen, dass das Feuer aus dem gewünschten Bereich auf andere übertritt. Sie haben ihr eigenes System und beeinträchtigen damit nicht ihre eigene Lebensgrundlage, ihr Zuhause. Die Anschuldigungen dienen unserer Ansicht nach vor allem dazu, die indigenen Bäuer*innen zu stigmatisieren und zu kriminalisieren. Das fällt ganz besonders auf die Frauen zurück, die hauptsächlich die Felder bestellen.

Etwa 75 Prozent der Menschen in Indonesien erhalten ihre Nahrungsmittel durch Frauen, die Ackerbau betreiben, darunter viele indigene Frauen. Diese Frauen verstehen zwar oft nicht viel von der globalen Erderwärmung oder vom Klimawandel, aber sie strengen sich sehr an und wollen die Erde und ihren Lebensraum nachhaltig bewirtschaften wie ihre Vorfahren. Es ist also sehr ungerecht, dass sie dieses Stigma und sogar Kriminalisierung ertragen müssen.

Es gibt ein weiteres Problem für indigene Frauen. Sie leben oft weit von der nächsten Stadt entfernt. Der Zugang zu verschiedenen staatlichen Leistungen, insbesondere im Bereich Gesundheit, ist dadurch sehr eingeschränkt. Vor allem wenn sie gebären, ist das schwierig. Es gibt meistens eine Baby-Heilerin (dukun bayi), die bei der Geburt hilft. Diese besitzen aber keinen rechtlichen Status, sodass sie immer wieder kriminalisiert werden – oft gemeinsam mit der gebärenden Mutter. Das ist sehr widersprüchlich: der Staat will, dass Frauen ins Krankenhaus gehen, aber es gibt keine Straße dorthin, es gibt auch keinen Zugang zu kostenloser Gesundheitsversorgung, dabei haben diese Menschen ja auch kein Geld. Die Belastung durch den Klimawandel nehmen die Frauen deswegen nur nachrangig wahr.

Was könnte aus deiner Sicht und aus der Sicht von Perempuan AMAN die indonesische Regierung in Bezug auf die ökologische Krise für die indigene Bevölkerung und besonders Frauen tun?

Wir stimmen alle darin überein, dass die Regierung zunächst mal ein Gesetz eigens für den Schutz der indigenen Bevölkerung erlassen sollte. Zudem sollte das Strafrecht überarbeitet und einige Paragraphen gestrichen werden, weil sie die indigene Bevölkerung benachteiligen, beispielsweise in Bezug auf Landbesitz. Landraub und Landbesitz sind ein Problem für indigene Gruppen, weil es keine guten staatlichen Karten oder Daten gibt. So tauchen die indigene Bevölkerung und ihre Landrechte gar nicht auf und werden vom Staat kaum beachtet oder geschützt.

Außerdem leiden indigene Frauen am stärksten unter der ökologischen Krise, weil es ihre Verantwortung ist, Essen für ihre Kinder zu besorgen. Es gibt eine strukturelle Verarmung indigener Frauen, weil ihnen so viel vorenthalten wird. Es gibt auch noch einen weiteren Punkt: In Südostasien geht es bei Gesetzen für die indigene Bevölkerung oft primär um Landbesitz, obwohl es eine maritime Region ist. Das ist aber seit der Kolonialzeit ein einseitiger Fokus, weil doch viele indigene Gruppen hier an Flüssen, an der Küste oder auf dem Meer leben. Manchmal haben diese Menschen noch nicht einmal die Staatsbürgerschaft, weil das Staatenkonzept so stark auf dem Paradigma von Land basiert.

Und was ist Deiner Meinung eure wichtigste Arbeit?

Wir stärken das Identitätsgefühl der Frauen und ein Verständnis ihrer eigenen Lage. Sehr viele indigene Frauen haben nicht den Mut und auch nicht die Macht, sich natürliche Ressourcen in ihrem indigenen Land anzueignen oder sich für sich selbst einzusetzen. Männer und Personen von Rang oder Titel treffen alle Entscheidungen. Junge und vor allem unverheiratete Frauen haben da oft nicht viel zu sagen. Das ist ein ganz wichtiger Teil unserer Arbeit, damit Frauen ihre Stimme erheben können, um ihre Bedürfnisse zum Ausdruck zu bringen.

Das betrifft auch Konflikte in der Familie, häusliche Gewalt, bis hin zur Scheidung. Diese Konflikte drehen sich immer wieder um Fragen von Umweltschutz oder Ressourcenausbeutung, gegen die sich Frauen wehren wollen, während Männer Hoffnung haben, dadurch einen Arbeitsplatz zu erlangen. Die Männer haben auch wirklich oft gute Chancen, in einer Kohlemine oder ähnlichen Unternehmen Arbeit zu finden, im Gegensatz zu den Frauen. Sie sitzen dann ohne ihre Männer da und müssen sich um alles alleine kümmern. Das führt zu Spannungen.

Das klingt alles sehr schwierig und hoffnungslos.

Ja, es ist furchtbar! Die Situation ist noch schlimmer als ich es mir ausmalen konnte. Das liegt auch daran, dass eine Sichtbarkeit dieser Frauen kaum gegeben ist und indigene Gruppen in aktivistischen Diskursen kaum zur Sprache kommen. Urbane Feminist*innen lehnen es oft ab, sich für indigene Frauen einzusetzen, weil sie der Meinung sind, dass diese in einem patriarchalen Denken verhaftet sind. Und auch Umweltaktivist*innen kümmern sich oft nicht besonders um die indigene Bevölkerung. Sie werden immer wieder zum Vorzeigen eingeladen, aber nicht wirklich nach ihrer Meinung gefragt. Das macht mich wütend.

Gibt es denn auch positive Entwicklungen?

Es gibt einige Frauen, die gegen alle Widerstände versuchen etwas zu bewegen. Beispielsweise haben sich in einer Gruppe Frauen beschwert, dass sie den Mitgliedsbeitrag nicht bezahlen können, weil sie kein Geld haben. Da haben die Frauen die Initiative ergriffen und einen Maniok-Garten angelegt, den sie jetzt seit drei Jahren führen und von dem sie die Mitgliedsbeiträge und ein Gehalt bezahlen. Sie haben eine Kooperative gegründet. Erst seit es diese Kooperative gibt, werden sie vom Bürgermeister und anderen Autoritätspersonen angehört.

Es gibt einige Frauen, die Beachtliches schaffen, vor Gericht gehen oder lokale Frauengruppen organisieren. Aber viele wissen nicht mal, wer sie selbst sind. Als Coach in unserem Schreibtraining stelle ich fest, dass viele Frauen ihre Identität gar nicht darstellen können. Sie verwenden Worte wie „ich“ oder „ich will“, „ich brauche“ überhaupt nicht. Stattdessen beschreiben sie, was sie gehört haben oder was ihre zugewiesene Aufgabe ist, aber sie schreiben nicht über sich selbst. Aber ich denke, es ist gerade wichtig, die eigene Positionalität zu kennen.

Das ist unsere wichtigste Aufgabe: den Frauen ihre Stimme zu geben und es ihnen zu ermöglichen, ihre Bedürfnisse zu artikulieren. Wir wollen ihnen ihre Rechte aufzeigen und ihnen helfen, sich Zugang zu den ihnen zustehenden natürlichen Ressourcen verschaffen, ihr eigenes Einkommen zu verwalten und ihre körperliche Selbstbestimmtheit ebenso wie das ökonomische Auskommen ihrer Familie und die Autonomie ihrer indigenen Gruppe zu schützen. Denn wenn die Frauen ihre Rechte kennen, ist vieles möglich.

Interview und Übersetzung aus dem Indonesischen von: Sophia Hornbacher-Schönleber

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1 | 2018, Indonesien, Rezensionen,
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Kenntnisreiche Einführung in die indonesische Gegenwartskunst

Laos: Nachhaltigkeit sei für ländliche Gemeinden kein Thema gewesen, so lange es keine Einmischung von außen gab und die Ressourcen für alle reichten, sagt Phillip Bengel, der als Experte für Umweltbildung in Laos mit der lokalen Bevölkerung zusammengearbeitet hat.

Was sind Ursachen und Folgen des Klimawandels speziell in Laos?

Laos ist nicht besonders industrie- und wirtschaftsstark, vielmehr hat es ein großes Potential zur Kompensation durch die Wälder (vgl. dazu den Artikel Waldschutz als nationales Klimaziel auf suedostasien.net). Die Regierung ist sich dessen bewusst. In der Bevölkerung ist dieser Aspekt hingegen nicht so richtig präsent. Die Regierung hat sich zum Ziel gesetzt, die Waldfläche bis 2020 wieder auf 70 Prozent zu erhöhen, annähernd so viel wie in den 1940er Jahren. Durch starke Abholzung war sie in den 1990er Jahren auf knapp 40 Prozent gesunken, 2015 waren es 58 Prozent. Das ist ein sehr, sehr ambitioniertes Ziel. Waldschutz ist ein ganz entscheidender Punkt, weil es viel illegalen Holzschlag gibt, gerade im Grenzbereich zu Vietnam. Oft werden Vietnamesen beschuldigt, es sind aber natürlich auch Laoten beteiligt, dass das Holz illegal geschlagen und verkauft werden kann. Das ist ein großes Problem.

Wie werden Klimaschutzmaßnahmen auf nationaler und lokaler Ebene umgesetzt?

Wenn Vorgaben von Kooperationspartnern, wie z.B. von der deutschen Regierung gemacht werden, dann werden die eingehalten. Aber ich weiß nicht, wie viel davon wirklich intrinsisch motiviert ist. Die laotische Regierung konzentriert sich eher auf sich und sieht weniger das globale Bild. Man sieht sich vor allem als das ‚kleine Laos‘, also auch nicht in der Verantwortung und schiebt vor, dass man gar keinen so großen Einfluss hat. Was natürlich schade ist, denn die Bevölkerung bekommt die Auswirkungen des Klimawandels wie z.B. Überschwemmungen und Dürren zu spüren. Auch die Regierung merkt, wie Ernst der Klimawandel ist und dass Laos genauso mitverantwortlich ist wie andere Länder auch.

Hast Du das Argument, dass Wasserkraft nachhaltig ist, öfters gehört?

Der größte Teil der Energieversorgung läuft über Wasserkraft, was viele als erneuerbare Energiequelle sehen, auch wenn negative Folgen für Natur, Mensch und Umwelt damit zusammenhängen (vgl. dazu Rezension auf suedostasien.net https://suedostasien.net/laos-rezension-riesendesaster-statt-modellprojekt/). Der durch Wasserkraft erzeugte Strom wird als ein legales Exportgut, das laut offiziellen Statements immens zur Entwicklung des Landes beiträgt, gern als green energy in den Vordergrund gestellt. Darauf sind viele Menschen in Laos stolz.

Hast Du einen öffentlichen Diskurs über Klimawandel wahrgenommen?

Eigentlich nicht, höchstens mal, wenn man sich offizielle Statements und Projektbeschreibungen von anderen Projekten durchliest, wird standardmäßig darauf Bezug genommen, auf die SDGs im allgemeinen und den Klimawandel, aber vor Ort im Diskurs nicht. Es gibt hier z. B. keine Fridays for Future-Bewegung und auch sonst keine Demos oder eine lokal organisierte Widerstandsbewegung.

Gibt es Kritik an Staat oder Unternehmen so wie es hier inzwischen üblich ist, dass z.B. die Autoindustrie oder bestimmte Unternehmen kritisiert werden, wenn es um den Klimawandel geht?

Da ist man ja in Laos grundsätzlich sehr vorsichtig. Weil die größte Institution, die daran schuld sein könnte, die Regierung ist und gegen die hört man gar nichts. Offiziell schon gar nicht, inoffiziell tauscht man sich vielleicht mal mit Nachbarn und besten Freunden aus und nur ganz vorsichtig. Wenn sich jemand öffentlich beschwert ist es weniger spezifische Kritik, sondern eher so etwas wie: Okay, in der Politik muss mal was passieren. Man hört es dort seltener, den Menschen wird auch kein Sprachrohr gegeben und wenn sich jemand in den Medien äußern würde, hätte er gleich ein ganz großes Problem.

Wir hatten uns bei anderen Ländern gefragt, ob der Klimadiskurs ein Elitendiskurs ist? Kann man die Frage stellen bei Laos?

Wenn man die Frage am Beispiel Laos beantwortet, kann das gut sein, dass es so wahrgenommen wird. Anhand einer Bedürfnispyramide gesehen, müssen erst alle grundlegenden Bedürfnisse befriedigt sein, bevor sich Menschen über Umweltprobleme Gedanken machen. Und in Laos ist Armut noch ein weit verbreitetes Problem. Wenn ich nicht weiß, wo ich heute Nacht schlafe oder was ich morgen esse, mache ich mir zuerst darüber Gedanken.

Wir hatten im Projekt mit einem Dorf zu tun, das von der Regierung zwangsumgesiedelt wurde. Die Bewohner*innen mussten raus aus dem Kerngebiet des Nationalparks, wo sie seit Generationen gelebt hatten. Sie wurden an einen neuen Standort umgesiedelt mit weniger fruchtbarem Boden (angeblich noch durch Altlasten aus der Kriegszeit stark mit Chemikalien belastet) und es stand ihnen nach der Umsiedelung viel weniger Nutzwald zur Verfügung. Die Bewohner*innen hatten kein Interesse an Umweltschutz und Erhalt der Biodiversität. Sie reagierten ablehnend auf die vorgeschlagenen Maßnahmen, weil diese nicht zu ihren aktuellen Grundbedürfnissen passten. Sie mussten sich erst wieder eine neue Lebensgrundlage schaffen und benötigten dafür eine andere Art von Unterstützung. Wir nahmen dann in der Diskussion mit den Betroffenen ihre Probleme auf und gaben sie an andere Projekte mit passenderen Unterstützungsmöglichkeiten weiter.

Mit wem hast Du zusammengearbeitet? Wie stehen vor allem ärmere Menschen oder weniger gut ausgebildete Menschen zum Klimawandel?

Ich hatte am meisten zu tun mit der Provinzumweltbehörde in Khammouane, die mit jungen Freiwilligen gearbeitet haben. Diese arbeiten in der Hoffnung, da reinzurutschen und eine feste Stelle zu bekommen. Sie haben unentgeltlich, nur für eine Aufwandsentschädigung, gearbeitet. Ich würde sie dadurch als beruflich privilegiert bezeichnen. Dennoch war das Bildungsniveau, obwohl sie in der Umweltbehörde arbeiten, schon sehr niedrig. Die eigentliche Zielgruppe waren Dörfer um den Hin Nam No Nationalpark in der Provinz Khammouane, die in einer sehr ländlichen Gegend in der Natur angesiedelt sind und von Subsistenzlandwirtschaft leben. Diese Menschen wissen aus einer utilitaristischen Perspektive sehr wohl, was die Natur ihnen geben kann. Nur war ‚Nachhaltigkeit’ tatsächlich nie ein Thema, weil für alle in den Dörfern genug vorhanden war, solange es keine Einmischung von außen z.B. in Form von Umsiedlung gab.

Das Bewusstsein für Nachhaltigkeit ist also nicht vorhanden?

Der Nachhaltigkeitsgedanke wie bei uns ist in der laotischen Bevölkerung wenig ausgeprägt. Um ein Beispiel zu nennen: da kommt jemand aus China oder Vietnam, vielleicht oder auch besser gestellte Laoten und macht ein tolles Angebot. Dann wird der komplette Wald verkauft und für die Kinder und Enkel ist nichts mehr da.

Das halte ich definitiv für den größten negativen klimawandelrelevanten Faktor. In Deutschland kommt der Nachhaltigkeitsgedanke aus der Forstwirtschaft, er ist schon 300 Jahre alt. Die ersten, die damals kapiert haben, dass wir so viel nachwachsen lassen müssen, wie wir auch schneiden wollen, waren Förster und Forstwirte. Dieses Verständnis fehlt in Laos. Und dort geht es nicht nur um Aufforstung, sondern tatsächlich um den Schutz von Urwald, der für die Biodiversität noch wertvoller und bedeutender ist.

Man hat noch eine Chance dieses Problem direkt anzugehen. Wenn man aber sagt, dass dieser kleine Wald mit vielen anderen Wäldern zusammen auch einen Einfluss auf das globale Klima hat, sprengt das definitiv die Vorstellungskraft. Das interessiert auch gar nicht, weil die Welt der ländlichen Bevölkerung das Dorf, der Wald und das Nachbardorf ist. Das ist okay so, aber darauf muss man sich einlassen, wenn man dort arbeitet.

Wenn es bei meiner Arbeit um Umweltthemen ging, dann weniger theoretisch auf einer Metaebene über den Klimawandel, sondern eher über damit zusammenhängende alltagsrelevante Themen wie zum Beispiel Abfallvermeidung, Waldschutz und Artenschutz. Durch den direkten Bezug zur Lebenswelt der Menschen funktioniert das und wird gut aufgenommen. Alles andere kommt den Menschen sonst zu abstrakt vor.

Ihr habt mit Theater gearbeitet, um Leute aufzuklären. Wer hat das initiiert und welche Erfahrungen habt ihr gemacht?

Das war von der Methodik besonders passend, weil es gemeinschaftlich entwickelt wurde. Man bezeichnet es als non-formale Bildungsmethoden oder -programme. Das Theater war ein großer Teil davon, aber auch Spiele, Gruppendiskussionen, Gruppenarbeit, eben vieles, was nicht diesen frontalen Schulcharakter hat. Es war schon eine Herausforderung, die Menschen davon zu überzeugen, dass wir zwar Themen vermitteln wollen, aber nicht nur die Lehrenden sind, die vorne stehen und einen Monolog halten, sondern dass wir gemeinsam mit ihnen diskutieren, spielen oder ein Theaterstück anschauen und danach mit den Schauspielern diskutieren wollen.

Die Schulungen, Stücke, etc. hat das Team in Vorbereitungsworkshops selbst entwickelt, es wurde kooperativ überlegt welche Themen passen und wie sie abwechslungsreich gestaltet werden können. Ich hab dabei vor Ort in einer zurückgestellten Coachingposition unterstützt und Feedback gegeben, z.B. noch mehr auf die Leute einzugehen, weil sie sich noch nicht trauten, richtig mitzumachen. Das war wichtig und wurde auch angenommen. Daraus hat sich dann später eine gegenseitige Feedbackkultur im Team etabliert.

Würdest Du sagen, dass das Theater eine Art Gegenbewegung ist, um auf bestimmte Themen aufmerksam zu machen?

Ja, es ist auf jeden Fall ein guter Weg. Auch bei uns in Deutschland fruchten solche Konzepte und stellen eine Alternative zur ‚Katastrophenpädagogik’ dar. Auf bestimmte Aspekte des eigenen Handelns, gerade wenn sie negativ sind, muss man die Leute schon aufmerksam machen. Macht man das sehr direkt, erreicht man oft nur eine Abwehrhaltung. Gerade bei einer Kultur wie der laotischen, wo es sozial weniger toleriert wird, andere direkt auf negative und unangenehme Sachen aufmerksam zu machen, ist diese Art des spielerischen Herangehens definitiv besser. Da geht es darum, Lösungen im Kleinen aufzuzeigen. Mit einem Lächeln und mit ein bisschen Witz ranzugehen hat auf jeden Fall Potential.

Konntest Du die Leute letztendlich mitnehmen?

Ja, aber es war ein langer Weg. Gemerkt habe ich das an meinem Team, mit dem ich zusammengearbeitet habe, da konnte ich irgendwann eine Veränderung beobachten. Es ging mir allgemein so, dass ich teilweise mit Inhalten, die ich vermitteln wollte, noch ein, zwei, drei Niveaus drunter ansetzen musste, als ich es vorhatte, weil die Grundbildung oder das Grundverständnis fehlte. Allerdings habe ich auch mit einem Assistenten gearbeitet, der übersetzt hat, es sprach kaum jemand Englisch und mein Laotisch war nicht gut genug, um damit inhaltlich zu arbeiten.

Daher wusste ich auch nie wirklich, was mein Assistent jetzt tatsächlich transportiert, von dem, was ich gesagt habe und was ich rüberbringen wollte. Das hat teilweise zu großen Einbußen geführt und war ein Qualitätsmangel. Wenn man das irgendwie ändern könnte, dann könnte man die Menschen noch viel effizienter erreichen. Was sich tatsächlich bei der eigentlichen Zielgruppe in den Dörfern getan hat, konnte ich persönlich dann kaum noch einschätzen. Ich konnte mich nur drauf verlassen, was von meinem Team zurück kam und das war oftmals positiv. Als sie sich getraut haben, mal negatives Feedback zu geben, kamen auch Dinge zur Sprache, die wir dann gleich aufgegriffen haben (siehe Beispiel der Umsiedlung oben).

Was fällt besonders auf, wenn man sich Klimawandel global anschaut und auf Laos schaut?

Was mir immer wieder während meiner Arbeit bewusst geworden ist, sind die Unterschiede in der Entwicklung der Umweltbildung, wobei wir in Deutschland und im europäischen Kontext zumindest von Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) sprechen, wir sehen das schon viel interdisziplinärer. Auch soziale und wirtschaftliche Faktoren spielen mit rein, nicht nur die klassischen ökologischen. Aber auch das war ein Weg, der sich seit den frühen 1970er Jahren in Deutschland entwickelt hat und begonnen haben wir auch mit: ‚Wir gehen in den Wald und sammeln Müll’ als Umweltbildungsmaßnahme. Das machen wir jetzt in Deutschland gar nicht mehr, weil wir es gar nicht mehr brauchen. Jeder weiß, dass es nicht okay ist und warum es nicht okay ist, seinen Müll in den Wald zu werfen. Und in Laos können wir nicht voraussetzen, dass jeder weiß, dass es nicht okay ist.

In Laos wurden früher die Bananenblätter (die als Verpackung dienten) in den Wald geschmissen und jetzt schmeißen die Menschen die Plastiktüten auch in den Wald. Es war schon immer so. Und jetzt kommen wir hin und erwarten möglicherweise ein Verständnis, wie es sich bei uns innerhalb von 30, 40 Jahren entwickelt hat. Aus diesem Grund haben viele Methoden in der Umweltbildung nicht so funktioniert, wie ich es in Deutschland gemacht hätte. Sie mussten angepasst und komplett überarbeitet werden. Das wird es wahrscheinlich in vielen anderen Feldern auch in Bezug auf Klimawandel geben, nicht nur Umweltbildung, dass man sich noch mal mehr aufs Land, die Kultur und die Situation einlassen muss.

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1 | 2018, Indonesien, Rezensionen,
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Kenntnisreiche Einführung in die indonesische Gegenwartskunst

Indonesien: Vorstellungen von Gesundheit und Krankheit sind kulturell geprägt und die Entscheidung für bestimmte Therapien ist ein komplexer Prozess. Die Psychologin Nicole Weydmann erforscht Gesundheitskonzepte und -strategien im Spannungsfeld von traditioneller und westlicher Medizin anhand der Erfahrungen zahlreicher Frauen in Zentraljava

Der Gebrauch traditioneller Medizin und überlieferter Behandlungsmethoden ist in Indonesien weit verbreitet. Das Kräutergetränk Jamu zum Beispiel ist für viele Bewohner des Archipels Bestandteil sowohl der Vorsorge als auch der akuten Behandlung von Krankheiten. Auffallend sind auch die zahlreichen Angebote verschiedener Arten von Heilmassagen und die für Fremde zunächst seltsam klingenden Symptome und Krankheitsbilder.

Grund genug, sich als an Indonesien und seinen kulturellen Ausprägungen Interessierter, aber der Psychologie fachfremder Leser, mit der jüngsten Publikation von Nicole Weydmann zu beschäftigen. Das Buch Healing is not just Dealing with your Body verspricht tiefer gehende ethno-medizinische Einblicke in den auch in Deutschland aktuellen Diskurs zu Gesundheit und dem Umgang mit dem eigenen Körper.

Der Untertitel “A Reflexive Grounded Theory Study Exploring Women’s Concepts and Approaches Underlying the Use of Traditional and Complementary Medicine in Indonesia” deutet bereits an, dass es sich um einen komplexen Sachverhalt handelt, und in der Tat ist das Buch ja auch die Veröffentlichung der Dissertation im Fach Psychologie.

Persönliche Erfahrung und methodische Feinstarbeit

Über sechs Kapitel wird das Forschungsthema systematisch und methodisch aufbereitet. Schnell wird klar, dass die Mischung und Aufarbeitung der beiden an sich schon zutiefst methodik-freudigen Disziplinen Psychologie und Ethnologie mit ihren jeweils eigenen Terminologien den Sachverhalt leider auch zunehmend abstrakter werden lassen. Einige Titel der Unterkapitel mögen dies veranschaulichen: Fundamental Theoretical and Experiential Assumptions and Knowledge Guiding Research; Collecting Data: Positioning Myself and Acting in the Field, Interacting with Data; ‘Doing Being Western’: In-group and Out-group Negotiations in the Context of Research Interviews.

Nun muss man bei einer Doktorarbeit natürlich die theoretischen Grundlagen vorab besprechen. Die Autorin legt dar, dass Krankheit ein Konzept ist, das, je nach Kultur, unterschiedliche Ausprägungen hat und dass es althergebrachte ‚traditionelle’ und konträr dazu neue ‚moderne’, ‚chemische’ Behandlungen von Krankheiten gibt. Sie zeigt, dass Menschen sich aus verschiedenen Motiven und Motivationen mehr der einen oder der anderen Behandlungsweise zuwenden oder auch nacheinander erst der einen und dann der anderen.

Einen weiteren großen Bereich der Grundlagen nimmt die theoretische und methodische Erörterung der Situation in der Feldforschung ein. Bedingt durch das Thema und der damit großen menschlichen Nähe ist die Forschung zugleich auch eine sehr persönliche Erfahrung für die Autorin gewesen, was man im Text manches Mal zu spüren glaubt, was letztendlich aber dann doch immer von einem Vorhang aus Theorie ‚verschleiert’ wird.

Wie erzählt man Gesundheit?

Von Beginn des Buches an, wird dem Leser ein “narrative approach” angekündigt. Möglicherweise beruht mein Verständnis dieser Ankündigung auf einem sprachlichen Missverständnis. Denn eine persönliche Schilderung der Ereignisse ist auch im zweiten Teil nicht zu erwarten. Die mündlichen Zeugnisse und Interview-Ausschnitte in sich sind wenig lebhaft und haben keinen ‚erzählenden’ Charakter. Die Auswertung der Interviews folgt den theoretisch-methodischen Vorgaben, und erfüllt damit die wissenschaftliche Zielsetzung.

Somit bleiben Erwartungen auf anschauliche Aufarbeitungen und kulturelle Einbettung der Begriffe wie zum Beispiel masuk angin [wörtlich ‚in den Wind eintreten’, d.h. sich erkälten, d.R.], kerok [eine auch in anderen Ländern Asiens verbreitete Massageform, bei der mit speziellen Werkzeugen oder auch Löffeln/Münzen die Haut geschabt wird, d.R.], ‚pijit’ [Massage, d.R.] und ‚jamu’ [aus Heilkräutern und Wurzeln hergestellte Medizin, d.R.] unerfüllt.

Dennoch wird es, je weiter man im Text voranschreitet, zunehmend faszinierender, zu lesen, wie schwierig erfassbar und beschreibbar so scheinbar einfache Entscheidungen des alltäglichen Lebens sein können wie z. B. sich bei einem bestimmten Körpergefühl für eine Tablette oder eine Massage als Therapie zu entscheiden.

Dabei diskutiert die Autorin Fragen wie: Welche Klassifikationen und Bewertungssysteme werden angewendet? Welche Motive und Motivationen sind ausschlaggebend? Auch der Aspekt des Kulturwandels und der steigende Einfluss der so genannten westlichen Medizin findet sich in den Aussagen der Informantinnen und den Analysen der Autorin wieder.

Die männliche Sphäre wirkt etwas stiefmütterlich behandelt, da ausschließlich Frauen befragt werden. Man gewinnt den Eindruck, Männer würden die traditionelle Medizin nur zur Potenzsteigerung nutzen; so wird es zumindest aus Sicht der Frauen und damit als ein gängiges und schlüssiges, ‚weibliches’ Narrativ dargestellt.

Für viele interessant, für wenige zugänglich

Der regiospectra-Verlag gibt für gewöhnlich sowohl wissenschaftliche, politische und touristische Bücher als auch Sprachlehrwerke zu Afrika und Asien heraus. Dennoch war ein derartig spezialisiertes Fachbuch für den Rezensenten etwas überraschend im Vergleich zu dem sonst üblichen Verlagssortiment.

Als Fachfremdem erschließen sich ihm aufgrund des streng wissenschaftlichen Aufbaus und der komplizierten Terminologie nur einige Bereiche des Themas. Indonesienwissenschaftler*innen können sich anhand des Buches eher die psychologische Sichtweise erschließen als kulturwissenschaftlich einen Einstieg zu finden.

Um sich dem Thema pijit, kerok und jamu anzunähern, ist das Buch somit zunächst nicht geeignet. Diese Einschätzung soll in keiner Weise die wissenschaftliche Leistung von Nicole Weydmann in Frage stellen, sondern der Eingrenzung des potentiellen Leserkreises dienen.

Es hätte dem Buch sicherlich gut getan, es für einen breiteres Publikum etwas aufzubereiten. Der Themenbereich ‚traditionelle Medizin’ spricht einen weiten Leserkreis an, vor allem, weil die ‚Kräutermedizin’ der indonesischen Inseln bisher kaum Beachtung in den Kreisen der Naturheil-Fans in Europa gefunden hat. Allerdings hätte eine solche populärwissenschaftliche Darstellung des Untersuchungsgegenstandes natürlich genau die Stärken des Werkes vermindert, die Herausarbeitung der Details und die eingehende und tiefe Beschäftigung mit den Frauen und ihrem Verhältnis zu Gesundheit und Krankheit.

Rezension zu: Nicole Weydmann: ‘Healing is not just Dealing with your Body’. A Reflexive Grounded Theory Study Exploring Women’s Concepts and Approaches Underlying the Use of Traditional and Complementary Medicine in Indonesia. Berlin: regiospectra Verlag 2019, 437 S.

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1 | 2018, Indonesien, Rezensionen,
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Kenntnisreiche Einführung in die indonesische Gegenwartskunst

Indonesien: Indonesische Studierende wurden in Deutschland von der eigenen Regierung überwacht und bedroht. Handelte es sich um Einzelfälle oder systematisches Vorgehen? Wie reagierte die Bundesregierung? Fragen wie diesen geht das lesenswerte Buch „Zwischen Repression und Opposition“ nach.

„Die Bundesregierung sollte nicht dulden, dass auf ihrem Gebiet totalitäre Ansprüche ausländischer Regierungen verwirklicht werden können“, mit diesem Satz endet 1967 ein Artikel in der Freiburger Studentenzeitung, in dem berichtet wird, dass die indonesische Regierung unter Suharto indonesische Studierende in Deutschland überwacht, drangsaliert und bedroht.

Wie genau sahen diese Repressionen aus? Geschahen sie zeitlich und örtlich begrenzt? Wie hat die Bundesregierung reagiert? Wie die deutsche Öffentlichkeit? Und wie gingen die Studierenden damit um? Diese Fragen stellte sich die Lehramtsanwärterin Irina Grimm als sie den Artikel Jahrzehnte später las. Für ihre Abschlussarbeit ging sie auf die Suche nach Antworten. Sie hat Quellen recherchiert, Dokumente zusammengetragen, mit Zeitzeugen gesprochen und alles stringent und sehr gut lesbar aufgeschrieben. Zwischen Repression und Opposition. Indonesische Studierende in der Bundesrepublik (1965-1998) bringt Licht in ein dunkles und bisher unerforschtes Kapitel indonesischer Zeitgeschichte.

In einem ersten Kapitel geht die Autorin kurz auf die politische Situation in Indonesien nach 1945 ein. Zentral sind dabei der Putschversuch von 1965, die darauf folgenden anti-kommunistischen Massaker sowie die Machtergreifung von General Suharto, dessen Politik der Neuen Ordnung eine wirtschaftliche Öffnung des Landes für westliche Unternehmen vorsah. Grimm schreibt dazu: „Suhartos Regentschaft zeichnete vor allem ein straffer anti-kommunistischer Kurs aus, der vom Westen wohlwollend gesehen und gleichzeitig gefördert wurde.“

Westdeutschland als beliebter Studienort

In den Folgejahren zog es viele Studierende aus Indonesien an westdeutsche Universitäten: 905 waren es im Wintersemester 1967/68, in den folgenden zehn Jahren stieg ihre Zahl auf über 3.400 an. Westdeutschland war beliebt unter indonesischen Studierenden, die es ins Ausland zog: Rund 38 Prozent der im Ausland studierenden Indonesier*innen entscheiden sich Ende der 1970er für ein Studium in der BRD. Die meisten traten der Vereinigung Indonesischer Studierender (PPI) bei, die bereits 1956 gegründet worden war. In ihr fand man Anschluss und unterstützte sich in der Fremde. Obwohl die Vereinigung von Anfang an als regierungsnah galt, war die Mitgliedschaft zunächst freiwillig. Nach der Machtergreifung Suhartos wurde sie Pflicht und die PPI in den Folgejahren zum Instrument des staatlichen Anti-Kommunismus.

So mussten die Studierenden Ende 1966 in Deutschland ein patriotisches und anti-kommunistisches Gelöbnis auf den indonesischen Staat ablegen, in dem sie auch versprachen, „diejenigen, die sich gegen die ‚Neue Ordnung‘ stellen, tatkräftig zu verurteilen und zu liquidieren“. Grimm nimmt an, dass diese Aufforderung „auch den Boden der BRD mit einschloss“ und sieht bewiesen, „dass die indonesische Regierung ihre im Ausland studierenden Landsleute zur Verfolgung kommunistischer und oppositioneller Gruppen im Ausland, insbesondere in der Bundesrepublik in den Jahren 1966 und 1967 aufrief“.

Beipflichten, verdächtigen, denunzieren

Aber damit nicht genug. Beaufsichtigt von Mitarbeiter*innen des indonesischen Außenministeriums mussten die Studierenden – wie alle im Ausland lebenden Indonesier*innen – einen umfangreichen Fragebogen ausfüllen. Er diente nicht nur dazu, die Studierenden politisch zu durchleuchten, sie wurden auch aufgefordert, diverse Verdächtigungen zu äußern und Andersdenkende zu denunzieren. In geschlossenen Fragen wurden außerdem eine eindeutige Stellungnahme zu den Geschehnissen von 1965 sowie eine Beurteilung der in diesem Zusammenhang verhängten Todesurteile gegen (vermeintliche) Kommunisten/Putschisten verlangt.

Eine Übersetzung des Fragebogens ist im Anhang des Buches abgedruckt. Beim Lesen der rund 40 Fragen schaudert es einen auch jetzt noch. Nicht auszudenken, in welcher Zwickmühle sich die jungen Menschen damals befanden: sich fügen und in Ruhe studieren oder sich weigern und die Konsequenzen tragen? Diese wurden deutlich angedroht: Wer sich widersetzt, dem wird der Reisepass nur noch kurz oder gar nicht mehr verlängert. Dank derjenigen, die sich weigerten und die Dokumente sofort weitergaben, erfuhr die Öffentlichkeit schnell von den Repressionen. Schon Anfang 1967 druckten die wus nachrichten des World University Service das Gelöbnis samt Fragebogen in deutscher Übersetzung ab. Wenig später berichteten auch der Stern und die Zeit.

Studentische Solidarität und staatliche Gleichgültigkeit

Deutsche Kommilitonen*innen und ihre Medien solidarisierten sich mit den indonesischen Studierenden. Sie forderten die Bundesregierung auf, „die illegalen Handlungen der indonesischen Botschaft“ zu unterbinden. Doch diese verwies auf „die freundschaftlichen Verhältnisse zur Republik Indonesien“ und darauf, dass indonesische Diplomaten bei einer Unterredung im Auswärtigen Amt erklärte hätten, zukünftige Befragungen zu unterlassen. Eine öffentliche Verurteilung gab es nicht. Grimm bezeichnet die Reaktion als „politisches Armutszeugnis“ und nimmt an, „dass die Bundesregierung ihre guten Beziehungen, besonders wirtschaftlicher Art (…) nicht gefährden wollte“. Außerdem – doch das erwähnt die Autorin nicht explizit – war der antikommunistische Kurs, für den Suharto stand und von dem die BRD wirtschaftlich profitierte, zu dieser Zeit ohnehin der herrschende Zeitgeist im Westen.

Politischer Aktivismus entsteht

Im zweiten Teil des Buches berichtet die Autorin, wie in den 1970er Jahren in Deutschland eine Bewegung gegen das Regime Suharto entstand. Ein wichtiger Zeitzeuge ist Pipit Rochijat, der später die NGO Watch Indonesia! gründete. Auf seinen Aussagen und Dokumenten – die Pipit auch selbst unter dem Titel Dokumen Berlin auf Indonesisch veröffentlicht hat – basiert der größte Teil von Grimms Recherche zu diesem Zeitabschnitt. Als politisch unbedarfter Student kam Pipit 1971 nach West-Berlin und wurde sukzessive zum Oppositionellen.

Grimm zeichnet nach, wie sich unter den indonesischen Studierenden in Deutschland der politische Aktivismus formte, Vorreiter waren dabei Studierende der West-Berliner PPI. Ein „erstes Zeichen einer Opposition“ sieht Grimm in der Weigerung einiger, 1977 an der Gedenkfeier zum „Tag des Pancasila-Sieges“ teilzunehmen – einen Feiertag, den Suharto eingeführt hatte, um an die Niederlage der kommunistischen Partei PKI von 1965 zu erinnern. In den Folgejahren gewann der politische Aktivismus der West-Berliner PPI-Mitglieder an Fahrt – vor allem durch verschiedene neu gegründete kritische Zeitschriften, in denen sie als Redakteur*innen tätig waren und „konstant kritisch gegenüber der indonesischen Regierung“.

Die Repressionen seitens der indonesischen Regierung gingen bis zum Ende der Suharto-Zeit auf vielfältige Weise weiter – wie zum Beispiel „ein landesweites Programm der politischen Indoktrination“, das Ende der 1970er Jahre begann und offiziell P4 genannt wurde. Auch die in Deutschland studierenden Indonesier*innen mussten diese zweiwöchigen Seminare besuchen, die der „Niederschlagung der Opposition“ dienten.

Irina Grimm beschreibt die Ereignisse klar nachvollziehbar und so eindrücklich, dass man sogar die Fußnoten mit Interesse liest. Die nehmen – wie es sich für eine ordentliche wissenschaftliche Arbeit gehört – gern auch mal eine halbe Seite ein, tragen aber meist wissenswerte Details zur Geschichte bei. Das alles macht das Buch zu einem spannenden Dokument indonesischer – und zugleich auch deutscher – Zeitgeschichte.

Rezension zu: Irina Grimm. Zwischen Repression und Opposition. Indonesische Studierende in der Bundesrepublik (1965-1998). regiospectra, 2019, 150 Seiten, 19,90 Euro.

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1 | 2018, Indonesien, Rezensionen,
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Kenntnisreiche Einführung in die indonesische Gegenwartskunst

Malaysia: Der Roman „Nachttiger“ spielt in British-Malaya und führt tief in die multiethnische Gesellschaft unter britischer Kolonialherrschaft. Auf der Suche eines Jungen nach einem verlorenen Finger kommt es zu merkwürdigen Todesfällen. War es ein Tiger? Oder doch ein Geisterwesen?

1930: Im nördlichen Teil der malaiischen Halbinsel sorgt der Zinnabbau für Aufbruch und Wandel. Der Waisenjunge Ren ist Houseboy, Hausangestellter bei einem alten Arzt. Als dieser stirbt, will Ren ihm einen letzten Wunsch erfüllen und seinen verlorenen amputierten Finger wieder finden und innerhalb von 49 Tagen seinem Grab beilegen – so dass sein Geist Ruhe finden kann. Rens Suche kommt dabei sein sechster Sinn zugute. Er kann Dinge spüren, die über die Wahrnehmung gewöhnlicher Menschen hinausgehen.

Die zweite Protagonistin ist Ji Lin, ein junges Mädchen, das eine Lehre zur Schneiderin macht. Sie hat einen jähzornigen Stiefvater und eine Mutter, die Spielschulden hat. Um diese abzuzahlen, arbeitet Ji Lin zusätzlich in einer Tanzhalle. Diese sind zwar gesellschaftlich geächtet, haben aber großen Zulauf von Männern.

Ji Lin kommt dort zufällig in den Besitz des konservierten Fingers. Während sie Nachforschungen anstellt und den Finger wieder loswerden möchte, nähert sich ihr Ren immer mehr an. Daneben taucht die Handlung in eine mystische Traumwelt der beiden ein. Die zwei und auch andere Personen scheinen miteinander verbunden zu sein. Was ist real? Was vorbestimmt? Was nur im Kopf? Plötzlich kommt es in der Gegend zu grauenvollen Todesfällen. Bei der Bevölkerung geht schnell die Angst vor einem Menschen fressenden Tiger um.

Authentische Figuren im Spiegel ihrer Zeit

Die Autorin Yangsze Choo ist Malaysierin mit chinesischen Vorfahren. Ihre Eltern wuchsen im Kinta-Tal auf, wo auch Nachttiger spielt. Dieser Roman ist ihr zweiter und das erste Buch von ihr, das auf Deutsch erscheint. Der Roman ist spannend geschrieben. Die fast 600 Seiten lesen sich sehr flüssig. Das Ablaufen der Frist zum Finden des abgetrennten Fingers lässt die Leserschaft mitfiebern. Gekonnt verknüpft die Autorin die Handlungsstränge der beiden Hauptpersonen, die sich immer wieder abwechseln.

Ohne langes Abschweifen wird das Setting der Geschichte in den Städten Batu Gajah, Ipoh und Taiping sowie ihrer Vororte gezeichnet. Shophouses und Kolonialvillen, Dampflokomotiven und Bahnhöfe, Tropenschauer, das schwüle Wetter, der umliegende Dschungel und malaiische Speisen zeichnen die Atmosphäre. Es gibt zahlreiche Einblicke in die damalige Kultur, dabei auch in Rituale und Glaubensvorstellungen.

Die Hauptfigur Ren kommt sehr sympathisch daher: Er ist absolut loyal, hat ein gutes Herz, ist clever. Manchmal wirkt er schon erwachsen, dann wieder kindlich naiv. Die zweite Hauptfigur Ji Lin hat in ihrem Leben viele Herausforderungen zu bewältigen und entwickelt sich im Laufe der Geschichte von einem Mädchen zur jungen Frau.

Protagonistin spiegelt Situation der Frauen

Anhand ihrer Geschichte beschreibt die Autorin auch die damalige Situation von Frauen: Ji Lin wäre am liebsten Ärztin geworden, durfte es aber nicht. Stattdessen studiert ihr Stiefbruder, der selbst zugibt, dass sie das besser könnte. Mittlerweile würde sie gern Krankenschwester werden. Doch auch das erlaubt ihr Vater nicht. Er verspricht ihr, dass sie, wenn sie heirate, machen könne was sie wolle – dann wäre ihr Ehemann für sie verantwortlich.

Trotzdem verfolgt Ji Lin weiterhin ihre eigenen Ziele. Mit ihrem Mut, ihren eigenen Weg zu gehen, steht sie im Kontrast zu ihrer Mutter: Tradition gegen Moderne. Auch die zahlreichen Nebenfiguren fügen sich gut ein: Ji Lins Familienmitglieder, ihre Arbeitskolleg*innen sowie andere Figuren aus Malaya, zumeist Chines*innen. Außerdem sind da noch einige Brit*innen, die ein privilegiertes Leben mit zahlreichen Annehmlichkeiten im Kolonialreich führen. Was verschlug diese nach Malaya? Dass die Antworten auf Fragen wie diese sowie Geheimnisse und Gerüchte um die diversen Figuren erst allmählich in die Geschichte einfließen, kommt der Spannung zugute, genauso wie der Fakt, dass die Autorin dabei immer Deutungsspielraum offen lässt.

Traum und Realität

Schließlich gibt es die Todesfälle und den Tiger. Ist es ein Menschen fressender Tiger oder ein übernatürliches Wesen in Tigergestalt? Während der ersten Kapitel erfährt man allerlei über Geistertiger und Wer-Tiger, also über Menschen, die sich in Tiger verwandeln. Es könnte ein keramat sein, ein Mensch, der sich in einen Tiger verwandeln kann oder ein harimau jadian, ein Tier, das Menschengestalt annimmt.

Neben Geistervorstellungen aus der malaiischen und chinesischen Kultur (vgl. auch Ausgabe zu Geisterglaube auf suedostasien.net) spielt auch der Konfuzianismus eine wichtige Rolle für die aufkommenden rätselhaften Ereignisse in der Traumwelt. Diese werden im Verlauf der Handlung immer wichtiger. Sie sind jedoch nicht überzeichnet, lenken nicht allzu sehr vom Hauptstrang ab und bleiben in gewisser Weise schlüssig. Aber: Wer ‚realistische Geschichte’ lesen möchte, könnte sich an diesen Passagen stören.

Koloniale Machtverhältnisse

Die Ungerechtigkeit und Ausbeutung der Kolonialzeit werden nicht zentral thematisiert, jedoch deutlich widergespiegelt. Das macht die Autorin dezent, ohne erhobenen Zeigefinger. Es gibt viele Einblicke in die ungleichen Machtverhältnisse zwischen Briten und Kolonialisierten und der aufkommenden chinesischen Mittelschicht. So leiten britische Ärzte das Krankenhaus, die Einheimischen arbeiten als Krankenschwester oder -pfleger. Diese Machtverhältnisse zeigen sich auch in der Beziehung von Ren zu seinen Herren. Beide werden zwar als durchaus gutherzig sowie ihm und den anderen Hausangestellten gegenüber wohl gesonnen dargestellt, dennoch: Der eine dient und der andere bekommt. Ganz abgesehen davon, dass Ren ein Kind ist und arbeitet.

Nachttiger ist ein herausragendes und außergewöhnliches Buch. Ein historischer Roman, der eine Coming-of-Age-Geschichte, einen Krimi mit mystischen Elementen und eine ungewöhnliche Lovestory enthält. Letztere wirkt stellenweise etwas zu viel, was den Gesamteindruck aber kaum trübt. Für Lesende, die offen sind für die Mystery- und Traumpassagen, ist das Buch definitiv eine Empfehlung – für Südostasieninteressierte umso mehr. Abschließend bleibt nur der Wunsch, dass sich bald ein Verlag auch der deutschen Übersetzung von Yangsze Choos Debüt Ghost Bride annimmt.

Rezension zu: Yangsze Choo. Nachttiger. Wunderraum Verlag, 2019, 576 Seiten.

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1 | 2018, Indonesien, Rezensionen,
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Kenntnisreiche Einführung in die indonesische Gegenwartskunst

Thailand, Myanmar, Indonesien: Auf thailändischen Fischerbooten fristen tausende Migrant*innen in internationalen Gewässern ein Dasein als rechtlose Arbeiter*innen. Die beeindruckende Dokumentation ‚Slavery at Sea’ zeigt, wie die Industrie immer wieder Gesetze umgeht.

Die „harten Wahrheiten über die Schattenseite Asiens“ aufdecken und „die Not der Entrechteten und Vertriebenen“ zu beleuchten, dieses Ziel hat sich der Film Slavery at Sea gesetzt. Die Doku ist Teil der Investigativ-Serie Undercover Asia des staatseigenen Senders Channel NewsAsia CNA aus Singapur. Slavery at Sea zeigt die verheerenden Bedingungen, unter denen Männer auf thailändischen Fischerbooten leben und arbeiten. Episodenhaft erzählt der Film von Menschen in Thailand, Myanmar und Indonesien, die am Beginn einer langen Lieferkette stehen.

Fehlende Perspektiven bringen Menschen im Süden Myanmars dazu, sich auf der Suche nach Arbeit vermeintlichen Vermittler*innen anzuvertrauen, die jedoch für ein System des Menschenhandels agieren. Die Arbeitssuchenden werden über die Grenze nach Thailand geschmuggelt, wo sie auf Fischerbooten oft monatelang schuften – ohne an Land zu gehen. Sie sind körperlicher Gewalt, Hunger und unhygienischen Bedingungen ausgesetzt. Obendrein behalten die Kapitäne der Boote ihren Lohn und ihre Dokumente ein. Durch die kontinuierlich hohe Nachfrage nach billigen Meeresfrüchten fahren die Boote immer weiter hinaus und kommen erst nach vielen Wochen in vertrautes Terrain zurück. Oft bleibt nur die Flucht während der Fahrt. Tausende Menschen hat es so auf entfernte indonesische Inseln verschlagen. Von dort kommen sie nur schwer wieder weg, da sie keine Dokumente und kein Geld für die weite Reise haben.

Detektivarbeit im Dienste der Menschenrechte

Die Dokumentation begleitet Aktivist*innen dreier Organisationen, die sich für die verschleppten Fischer und ihre Familien einsetzen. Zum einen ist da Patima Tungpuchayakul, Mitbegründerin von Labor protection network LPN in Mahachai Muangtong Village in Thailand. Sie reist nach Indonesien, um mehr über die Gestrandeten herauszufinden und Möglichkeiten für ihre Rückkehr zu schaffen.

In der thailändischen Grenzstadt Ranong, in der sich einer der wichtigsten Häfen des Landes befindet, macht das Fishers‘ Rights Network Arbeiter*innen in der Branche auf ihre Rechte aufmerksam, die durch die Schuldknechtschaft im Arbeitsverhältnis ohnehin stark eingeschränkt sind. Auf der anderen Seite der Grenze, in der burmesischen Hafenstadt Kawthaung, arbeitet der Geschäftsführer des Migrant Worker Education Centre, Moe Wai. Er hat selbst viele Jahre auf thailändischen Booten gearbeitet und unterstützt jetzt Familien bei der Bewältigung von bürokratischen Hürden. Zum Beispiel hilft er ihnen dabei, Kompensationszahlungen der thailändischen Regierung für ermordete Fischer zu bekommen.

Die Zuschauer*innen erfahren so viel über die Arbeitsweise der Aktivist*innen. Ihr Arbeitsalltag ist geprägt von zeitintensiven Recherchen: auf dem Laptop und Smartphone, aber auch vor Ort. Drei Tage braucht Patima von LPN in die indonesische Provinz der Molukken, wo sie gestrandete Fischer vermutet. Die Dokumentation profitiert von diesem Blickwinkel, weil sie damit die Herausforderungen offen legt, vor denen die lokalen Aktivist*innen stehen.

Denn die Kriminalität zieht sich durch das ganze perfide System. Nicht selten sind es Familienangehörige oder Nachbar*innen, die ihre Mitmenschen täuschen und an Menschenhändler*innen verraten. Einmal über der Grenze verliert sich die Spur der Menschen auf den thailändischen Booten. Diese steuern ferne Gewässer an, wo den Verschleppten gefälschte Papiere verpasst werden. Sogar die Namen und Farben der Boote werden über Nacht geändert, sodass sie sich der thailändischen Rechtsprechung entziehen.

So kommt es, dass Männer, die eine riskante Flucht von den Booten überleben, Tausende Kilometer von ihrer Heimat entfernt auf entlegenen Inseln stranden. Für Aung Naing beispielsweise, einen verschollenen Fischer aus Myanmar, dessen Schicksal im Film erzählt wird, sind das rund 6000 Kilometer. Die Reporter*innen begleiten Patimas schwierige Suche nach dem Vermissten.

Und was machen die Regierungen?

2014 verhängt Indonesien ein einjähriges Moratorium für ausländische Fischerboote in indonesischen Gewässern, lässt Kapitäne verhaften und illegale Fischerboote zerstören. Von internationaler Seite vergrößert sich der Druck auf die thailändische Regierung. 2015 verwarnt die EU das Land offiziell, weil es sich nicht ausreichend in den Kampf gegen illegale Fischerei einbringt. Thailand ratifiziert daraufhin zwei Abkommen der International Labour Organisation ILO: die Forced Labour Convention und die Work in Fishing Convention.

Was hat sich dadurch geändert? Der thailändische Arbeitsminister lässt im Film verlauten, dass es nach dem Erlass der neuen Gesetze kein Problem mehr mit Zwangsarbeit gebe. Wie die Zuschauer*innen vermuten können, ist dem nicht so. Die Strategien verlagern sich lediglich – wie die weiteren Interviews mit betrogenen Fischern, einem Vertreter des thailändischen Industrieverbands und einem Kapitän belegen. Die Reporter*innen verarbeiten dabei gekonnt die Widersprüche zwischen der Industrieperspektive und der erlebten Realität der Fischer, indem sie die Aussagen der Interviewten abwechselnd nacheinander präsentieren.

Lokale Perspektiven auf globale Problematik

Die Wurzeln der Probleme sind die weit reichende Überfischung als Folge der unstillbaren Nachfrage und der Fakt, dass nur wenige thailändische Arbeitskräfte auf den Booten arbeiten möchten. Diese globalen Dimensionen und die Seite der Konsument*innen kommen hier nur am Rande zur Sprache. Vielleicht braucht es aber auch in diesem Fall keine detaillierte Betrachtung der gesamten Lieferkette.

Der Schwerpunkt liegt auf den Erlebnissen der Betroffenen, die im internationalen Diskurs um mehr Nachhaltigkeit in Lieferketten oft als eine homogene Gruppe der verwundbaren Wanderarbeiter*innen dargestellt und wahrgenommen werden. Diese Dokumentation öffnet den Blick auf Nuancen – auch für diejenigen, die bereits mit der Thematik vertraut sind. Verglichen mit anderen Dokumentationen zu diesem Thema kommen hier, abgesehen von einem Vertreter der ILO, lokale Expert*innen zu Wort. Das macht die Reportage umso authentischer.

Zugleich stellt der Film den zyklischen Charakter der Migration und die radikalen Eingriffe in das Leben der Betroffenen dar. So ist eine Rückkehr nach Hause nicht unbedingt mit der Lösung aller Probleme verbunden. Die Perspektivlosigkeit lässt die zurückgekehrten Männer wiederum Teil anderer ausbeuterischen Lieferketten werden.

Rezension zu: Slavery at Sea, Channel NewsAsia, 47 Minuten, 2020

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1 | 2018, Indonesien, Rezensionen,
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Kenntnisreiche Einführung in die indonesische Gegenwartskunst

Vietnam/USA: Entschlossene Vietcong Kämpfer, ein US-Kriegsfilm und die Mühen der ‚boat people’ im neuen Land: Alles, was wir über Vietnam zu kennen glauben, stößt im Roman „Der Sympathisant“ aufeinander. Doch die Geschichte ist mehr als die Summe ihrer Einzelteile. Es werden Klischees umgekrempelt und niemand ist so, wie er scheint.

Der Zeitpunkt der Veröffentlichung der Originalausgabe von Viet Thanh Nguyens Debütroman Der Sympathisant im Jahr 2015, nur Wochen vor dem 40-jährigen Jubiläum des Falls von Saigon, war perfekt gewählt. Das amerikanische Publikum erlebte eine Phase der Selbstreflexion, die die amerikanische Rolle im Vietnamkrieg und seine Auswirkungen auf ‚die amerikanische Psyche’ wieder in den Fokus nahm.

In diesen Diskursraum trat Nguyen mit einem – zumindest für den Mainstream – grundlegend anderen Blick, dem des südvietnamesischen Soldaten. Obwohl sein Roman nicht der erste war, der das tat, erreichte er mit Abstand die breiteste Öffentlichkeit und kann dadurch auch als das synthetisierende Werk der vietnamesisch-amerikanischen Literatur gesehen werden.

Der Mann mit zwei Gesichtern

Die namenlose Hauptfigur, die gleichzeitig der Erzähler ist, schreibt ihre Lebensgeschichte zunächst als Geständnis während der eigenen Haftzeit auf – gerichtet an den mysteriösen Kommandanten eines Umerziehungslagers. „Ich bin ein Spion, ein Schläfer, ein Maulwurf, ein Mann mit zwei Gesichtern“ – mit diesem Satz beginnt der Roman und die Thematik der Dualität und der Zugehörigkeit durchdringt fortan die ganze Geschichte. Der Sohn eines französischen Priesters und einer Vietnamesin ist immer der ‚Bastard’, der von seinem Vater nicht anerkannt und wegen seines europäischen Aussehens zur Zielscheibe der Grausamkeiten der vietnamesischen Gleichaltrigen wird.

Vielleicht landet er auch deshalb im Beruf des Spions, sogar dem des Doppelspions. Als ‚Maulwurf’ des Vietcong nistet er sich im Kreis eines südvietnamesischen Polizei-Generals, im Buch nur „der General“ genannt, ein und geht sogar mit ihm ins kalifornische Exil. Dort infiltriert er die vietnamesische Community und berichtet nicht nur dem Vietcong sondern auch der CIA von den revanchistischen Plänen, die dort entstehen. Schließlich landet er selbst in einem „Umerziehungslager“ und muss dort sein Leben als Rechenschaftsbericht und mit Selbstkritik aufschreiben.

Verschiedene Generationen, verschiedene vietnamesische Erfahrungen

Mit analytischer Präzision stellt Nguyen eine Vielfalt vietnamesischer Erfahrungen dar: Die ältere Generation der militärischen Elite fühlt sich in der Masse der unsichtbaren Einwanderer erniedrigt. Sie mühen sich an demütigenden Jobs ab und treffen sich zu nostalgisch getränkten Kulturabenden, wo sie von einer triumphalen Rückkehr ins Heimatland und der Wiederherstellung der früheren Ordnung träumen. Die jüngere Generation, oftmals schon im amerikanischen Bildungssystem sozialisiert, findet die ideologische und sexuelle Freiheit sowie die Kultur der neuen Heimat viel anziehender.

Das Paradebeispiel dafür ist die Tochter des Generals, Lana. Sie glaubt an “Gewaltlosigkeit, Weltfrieden und Yoga, an das revolutionäre Potenzial von Disco sowie an die Vereinten Nationen von Nachtclubs“ und auf ihrer Playlist finden sich Khanh Ly und Billie Holiday problemlos nebeneinander. Oder auch Sonny, der aufstrebende Journalist, der liberale sowie sozialistische Neigungen hat, ohne sich gezwungen zu fühlen, zwischen den gegnerischen Seiten zu wählen. Auch unser Protagonist liebt an den USA den unvergänglichen Optimismus und modernistische Romane, die später bei seinem Bewacher, dem Kommandanten, starke Missbilligung hervorrufen.

Vietnamesen im amerikanischen Traum

Allerdings ist das Leben in den USA auch kein Zuckerschlecken. Nguyen äußert scharfe Kritik an der vereinfachenden und bevormundenden Behandlung von Vietnamesen in den Massenmedien sowie in der akademischen Welt. So berichtet unser Erzähler, wie er einst auf den Philippinen als Berater an einem Kriegsfilm mitwirkte, der deutlich von Francis Ford Coppolas Apocalypse Now inspiriert ist. Nur wegen seiner Überzeugungskraft werden die vietnamesischen Statisten besser bezahlt und dürfen im Film überhaupt Vietnamesisch sprechen. Die Hauptrollen werden auch weiterhin von anderen asiatischen Schauspieler*innen gespielt.

Auch an der Universität ist das Umfeld nur an der Oberfläche fortschrittlicher; hinter mit Orientteppichen bedeckten Wänden und Weichrauchschwaden steckt dieselbe Herablassung. In einem Vorstellungsgespräch wird der Protagonist gebeten, seine orientalischen sowie abendländischen Eigenschaften aufzuschreiben. Später erzählt seine Kollegin, die japanisch-amerikanische Miss Mori, dass sie ständig von ihrem Chef kritisiert wird, weil sie kein Japanisch spricht und “ihre Kultur” nicht erhalten hat.

Der Roman widersetzt sich irgendeiner Einordnung: Trivialliteratur trifft auf philosophische Überlegungen, derber Humor vermischt sich mit surrealistischen, traumhaften Episoden, um letztendlich mit einer schockierenden Sequenz als Psychothriller zu enden. Obgleich man mühelos nach typischen Schwächen eines Debütromanes suchen könnte, werden diese Schwächen von den unbestrittenen Stärken übertroffen. In Bezug auf die Darstellung vietnamesischer Identitäten in der Mainstream-Literatur ist dies ein gewaltig wichtiges Buch.

Rezension zu: Viet Thanh Nguyen. Der Sympathisant. Karl Blessing Verlag, 2017, 528 Seiten

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1 | 2018, Indonesien, Rezensionen,
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Kenntnisreiche Einführung in die indonesische Gegenwartskunst

Indonesien: Der Palmölboom passiert nicht nur einfach, er wird gemacht. Das Zusammenspiel von Staat und Kapitalinteressen analysiert das Buch „Der Palmölboom in Indonesien“. Seine These: Ausgerechnet die Dezentralisierung nach dem Rücktritt Suhartos hat die Verbreitung von Palmöl begünstigt

Wer sich mit Essen und Südostasien auseinandersetzt, kommt am Thema Palmöl nicht vorbei. Durch die Politisierung dieses Öls weiß jetzt fast jede*r, dass es in unzähligen Lebensmitteln verarbeitet ist und zum Beispiel für die Produktion von Fertiggerichten wie Eis, Pizza oder Kuchen eine dominante Stellung eingenommen hat. Trotz der großen Aufmerksamkeit, die Palmöl aufgrund der damit assoziierten Zerstörung der Regenwälder in Indonesien genießt, gibt es nur wenige deutschsprachige Bücher, die sich genauer mit dieser Industrie auseinandersetzen. Der Palmölboom in Indonesien von Alina Brad füllt daher eine Lücke.

Der Untertitel des Buchs beschreibt zutreffend seinen Fokus: die politische Ökonomie einer umkämpften Ressource. Brad analysiert den Palmölboom im Kontext der historischen und politisch-ökonomischen Entwicklung Indonesiens: als Folge sowohl der langen Herrschaft Suhartos als auch der Dezentralisierung nach seinem Rücktritt 1998. Damit stellt sie den Entwicklungsdiskurs des Mainstreams in Frage, der den Boom als Ergebnis der biologischen Eigenschaften der Ölpalme (‚ertragreich’) und einer globalen Nachfrage (‚bestimmt das Angebot’) erzählt. In diesem Buch wird deutlich: der Palmölboom ist ein politisches Projekt, das machtpolitisch eng mit Militär, Kapital und Staat in Indonesien zusammenhängt.

Machtstrukturen bestimmen den Umgang mit der Natur

Die Autorin kommt aus der regulationstheoretischen Schule von Uli Brand, Christoph Görg und Marcus Wissen, die mit der Theorie der „gesellschaftlichen Naturverhältnisse“ arbeiten. Diese geht von einem dialektischen Vermittlungszusammenhang zwischen Gesellschaft und Natur aus, der maßgeblich von gesellschaftlichen und ökonomischen Machtstrukturen bestimmt wird. Staatliche Regulation findet als Ergebnis von Auseinandersetzungen zwischen gesellschaftlichen Kräfteverhältnissen statt, die sich in verschiedenen Institutionen verdichten.

Aus dieser Perspektive zeigt Brad die Entstehung der Palmölindustrie in der Zeit der Neuen Ordnung [Suharto-Diktatur 1965 – 1998]. Große Konglomerate, die unter Suharto mächtig geworden sind, dominieren den Palmölsektor bis heute. Hinzu kommen große malaysische Unternehmen wie Wilmar, sowie eine rege Beteiligung ausländischer Banken und internationaler Finanzinstitutionen wie der Weltbank. Mit der Schaffung eines globalen Marktes für Agrotreibstoffe entstand eine regelrechte Goldgräberstimmung, die die Expansion vorantrieb. So führte der Rücktritt Suhartos 1998 nicht zum Ende sondern zur Intensivierung des ‚extraktivistischen Entwicklungsmodels’.

Verflechtungen von Staat und Kapital

Der Boom findet nicht einfach statt, sondern er wird gemacht. An verschiedenen Stellen im Buch wird deutlich, dass die Kräfteverhältnisse im Staatsapparat zugunsten des Kapitals ausfallen. Ob bei der gezielten Zurückdrängung des traditionell verwendeten Kokosöls (vgl. Artikel Die Kokospalme – eine aussterbende Art? auf suedostasien.net) oder beim staatlich subventionierten Ausbau der Agrotreibstoffindustrie – Palmöl wird als Entwicklungsmodell gefördert. Besonderes Augenmerk legt das Buch aber auf diese Verflechtungen zwischen Staat und Kapitalinteressen bei der Gestaltung der territorialen Expansion der Industrie. Brad verwendet hier den Begriff der „Territorialisierung“ und meint damit die räumlichen Strategien, die von staatlichen Institutionen entwickelt werden, um Naturressourcen und Menschen zu kontrollieren und zu regulieren. Wenn also mehr Plantagen angelegt werden, dann ist das nicht nur eine Vergrößerung von Fläche, sondern diese Plantagen werden mit Hilfe von Eigentums- und Zugangsrechten, Landgesetzen, Raumplanungen und Umweltverordnungen durchgesetzt.

Die palmölverknüpfte Territorialisierung hat dabei zwei Momente, die in Zusammenspiel zu einer spezifischen, räumlichen Ausprägung der „Verdichtung von Kräfteverhältnissen“ führen. Zum einen kontrolliert der Staat seit der holländischen Kolonialzeit zentral die Land- und vor allem Waldressourcen. Auch heute noch hat der Staat das Sagen über 70% des Grund und Bodens in Indonesien. Zum anderen kam es im Zuge von reformasi [politische ‚Öffnung’ nach Ende der Diktaturzeit] zu einer Dezentralisierung der Lizenzvergabe an die bupati, die Vorsteher der jeweiligen Regierungsbezirke, was diese nutzten, um lukrative Deals mit Palmölunternehmen einzugehen. Eine Stärke des Buches ist die genaue Analyse der landrelevanten Gesetze sowie der Widersprüche zwischen verschiedenen Verwaltungsinstitutionen und -einheiten.

Fallbeispiel: Batin Sembilan in Jambi

Als Fallbeispiel für diese Territorialisierung dient die ethnische Gruppe der Batin Sembilan in Jambi auf Sumatra. Während der Suharto-Zeit hat ein Plantagenunternehmen des Militärs das traditionelle Land [Adat-Land] dieser indigenen Gruppe für die Palmölproduktion enteignet. Zwar konnten die Batin Sembilan nach 1998 die Rückgabe ihres Territoriums fordern. Doch mit der Liberalisierung des Sektors übernahm der transnationale Konzern Wilmar die Plantage und nutzte seinen Einfluss auf die lokale Regierung auf der Landkreis-Ebene, um die Gruppe zu spalten. Der Konflikt eskalierte, als die paramilitärische BRIMOB eingesetzt wurde, um Bauern aus dem Gebiet zu vertreiben. Danach verkaufte Wilmar die Plantage erneut, um sein Image beim Roundtable on Sustainable Palm Oil (RSPO) des WWF nicht zu gefährden. Die Landnahme wird nun von anderen – nicht zertifizierten – Firmen weiterbetrieben.

Eine gute Einführung auf wissenschaftlichem Niveau

Zusammen mit dem Buch Umkämpfte Natur: Politische Ökologie der Palmöl- und Agrarstreibstoffproduktion in Südostasien von Melanie Pichler ist Der Palmölboom in Indonesien eine der besten deutschsprachigen Einführungen zum Thema Palmöl. Das Buch ist das Ergebnis einer Doktorarbeit, die auf Forschung in Indonesien, vor allem in Jambi, beruht. Das Niveau ist entsprechend hoch. Wer eine anspruchsvolle und sozialkritische Analyse bekommen möchte, ist hier genau richtig. Dazu kommt, dass das Buch als open source- Veröffentlichung zum Herunterladen bereitsteht, auch kapitelweise.

Wer sich für eine theoretische Diskussion von Natur und Raum interessiert, dem sei Kapitel 2 besonders empfohlen. Wer die geschichtliche und rechtliche Entwicklung der Landgesetzgebung nachlesen möchte, kann Kapitel 3 dazu nehmen. Sonst kann man aber auch direkt das Kapitel zur Politischen Ökologie des indonesischen Palmölbooms herunterladen, das die Verflechtung zwischen Zentralisierung und Dezentralisierung bei der Territorialisierung der Palmölproduktion analysiert.

Rezension zu: Alina Brad. Der Palmölboom in Indonesien. transcript Verlag, 2019, 206 Seiten.

Zum Weiterlesen:

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1 | 2018, Indonesien, Rezensionen,
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Kenntnisreiche Einführung in die indonesische Gegenwartskunst

Südostasien: Vielen Menschen fehlt es noch immer am sicheren Zugang zu Lebensmitteln – ganz besonders Frauen und Kindern. Das Buch „Ensuring a Square Meal“ beleuchtet, welche Rolle Frauen für eine ausreichende Ernährung ihrer Familien spielen können – innerhalb sowie auch außerhalb der Familie.

Kürzlich wurde der Welternährungsbericht 2020 der Vereinten Nationen veröffentlicht. Eine der Hauptbotschaften ist: Die Zahl unterernährter Menschen steigt weiter an, vor allem in Asien. Die Gründe dafür sind vielfältig: Konflikte, extreme Klimasituationen, Wirtschaftskrisen. Durch die COVID-19-Pandemie, so der Bericht, drohe die Zahl der Hungernden weiter anzusteigen.

Lebensmittelkrisen gab es bereits in den Jahren 2008/2009 und 2012 – ausgelöst durch steigende Preise. Schon diese Krisen verschärften die Disparität zwischen Regionen in Südostasien, die vom schnellen wirtschaftlichen Wachstum der frühen 2000er Jahre profitierten, und jenen, auf die sich diese positiven Impulse nicht übertrugen. Obwohl einige Regierungen Mechanismen für Ernährungssicherung und nachhaltige Landwirtschaft etabliert haben, so bleibt doch die Gefahr von stark ansteigenden Preisen in einer unsicheren globalen Wirtschaftslage bestehen – auch darauf verweist der aktuelle Welternährungsbericht.

Frauen in den Fokus rücken

Aufgrund dieser Erkenntnis veranstaltete das Institute of Southeast Asian Studies (ISEAS) in Singapur bereits 2011 eine Konferenz, die sich mit der Rolle von Frauen für eine sichere Ernährung beschäftigte. Das Kompendium Ensuring a Square Meal: Women and Food Security in Southeast Asia ist eine Sammlung der Beiträge dieser Konferenz. Herausgegeben wurde das Buch von Theresa W. Devasahayam, die zu dieser Zeit in der Geschlechterforschung des ISEAS arbeitete und die Ungleichheit von Frauen im öffentlichen und privaten Raum untersuchte.

Im einleitenden Kapitel beschreibt die Herausgeberin, warum es notwendig ist, Ernährungssicherung in Südostasien aus Perspektive der Geschlechterforschung zu betrachten und richtet damit den Fokus auf ein bisher kaum erforschtes Gebiet. Dabei identifiziert Devasahayam ein wichtiges Paradox: Zusammen mit Kindern sind Frauen am meisten gefährdet, nicht genügend Nahrung zu erhalten. Gleichzeitig tragen sie aber signifikant zur Ernährung ihrer Familien sowie zur wirtschaftlichen und landwirtschaftlichen Entwicklung bei.

Überfälliger Perspektivenwechsel

In Südostasien leisten Frauen ungefähr 50 Prozent der landwirtschaftlichen Arbeit, wobei Devasahayam mit einer höheren Dunkelziffer rechnet, da die Arbeit von Frauen häufig als ‚Zuarbeit’ angesehen und deswegen nicht statistisch erfasst werde. Die Arbeit der Frauen sei zudem nicht nur bedeutend für die Produktion von Lebensmitteln sondern auch für deren Handel. Ihr Einkommen ermächtige Frauen dazu, Entscheidungen auf Haushaltsebene zu treffen, wie zum Beispiel zu Bildungsinvestitionen für die Kinder oder auch um lokale Wirtschaftsnetzwerke wie zum Beispiel Handelskooperativen zu fördern. Fallstudien zeigen außerdem, dass Frauen ihr Einkommen eher zum Wohlergehen der gesamten Familie einsetzen als Männer.

Warum haben Frauen trotzdem keinen sicheren Zugang Lebensmitteln? Als Gründe führt Devasahayam die allgemeine Lebensmittelknappheit an, den Mangel an Kaufkraft und die Zugangsbeschränkungen zu fruchtbarem Land. Diese Ressourcenprobleme haben auch Männer in Entwicklungsländern, für Frauen kommen jedoch strukturelle, politische, kulturelle und soziale Faktoren erschwerend hinzu. Beispielsweise seien häufig nur Männer die Zielgruppe von technischen Weiterbildungen und Wissenstransfer in der landwirtschaftlichen Entwicklung.

Die Beiträge des Buches arbeiten diese erschwerenden Faktoren heraus und verdeutlichen sie anhand von Fallbeispielen und wissenschaftlicher Literatur. Die Autor*innen stellen grundlegende Fragen zur Chancengleichheit auf Landbesitz, zu den Zugangskriterien zu landwirtschaftlichen Ressourcen und Services, zur Möglichkeit der wirtschaftlichen Organisation und Teilnahme an Programmen, zur Evaluierung von Gesetzgebungen und eben zu der Rolle, die Frauen in der Ernährungssicherung auf allen Ebenen spielen. Diese Leitfragen werden nicht nur im Hinblick auf die strukturelle Dichotomie zwischen Männern und Frauen analysiert sondern auch im Kontext der Sphären privat und öffentlich sowie der Annahme, dass es Überlappungen beider gibt.

Frauen ermächtigen und Ernährung sichern – Fallbeispiele

Das zweite Kapitel gibt einen Überblick über Definitionen, Annahmen und Bereiche, die die Ernährungssicherung beeinflussen. Die weiteren Artikel widmen sich überwiegend konkreten Beispielen aus Indonesien, Vietnam, Malaysia und den Philippen. Dabei werden verschiedene Lebensrealitäten betrachtet, wie zum Beispiel der Einfluss von Palmölplantagen auf Landrechte in Indonesien oder der Fakt, dass sich in Vietnam Maßnahmen zur Ernährungssicherung durch Reisanbau häufig ausschließlich an Männer richten, obwohl Männer und Frauen die Entscheidungen zur Produktion von Reis gemeinsam treffen.

Eine weitere Studie aus Vietnam zeigt, dass es dem Wohlergehen der Familie und ganz besonders der Ernährung der Kinder dient, wenn die Frauen gestärkt werden. Erforderlich sei dafür, dass Frauen die Möglichkeit haben, außerhalb des eigenen Haushalts zu arbeiten, um etwas dazuzuverdienen.

Ein anderes Beispiel aus Indonesien beschäftigt sich mit Frauen, die in Singapur arbeiten und dadurch indirekten Einfluss auf die landwirtschaftliche Entwicklung haben. Zwar betrachten die Frauen selbst die landwirtschaftliche Arbeit als wenig lukrativ und arbeiten deshalb für ein festes Einkommen im Ausland. Durch das Geld, das sie aber nach Hause schicken, tragen sie jedoch maßgeblich zur Ernährungssicherung und den landwirtschaftlichen Aktivitäten ihrer Familien bei.

Wissenschaftlich fundiert, doch leider nicht aktuell

Die Beiträge in den zehn Kapiteln dokumentieren wissenschaftlich fundiert den aktiven und großen Anteil, den Frauen an der Sicherung der Ernährung für ihre Familie und ganzer Dörfer haben. Gleichzeitig arbeiten die Beiträge auch heraus, an welchen Stellen Frauen strukturell benachteiligt werden, was wiederum dazu führt, dass ihnen die Werkzeuge fehlen, Lebensmittel zu produzieren, zu handeln und sich zu vernetzen.

Erwähnt sollte auch werden, dass die Beiträge des Buches vor inzwischen neun Jahren entstanden sind. Auch wenn der überwiegende Teil der Erkenntnisse vermutlich weiterhin relevant ist, wäre es wünschenswert, in dem Buch auch aktuellere Entwicklungen und Lebensrealitäten zu finden.

Trotzdem kann das Buch als deutlicher Appell an Entscheidungsträger*innen in Regierungen oder Projekten der Entwicklungszusammenarbeit gelesen werden, Frauen zu fördern und es ihnen zu ermöglichen, die Versorgung mit Lebensmitteln für ihre Familien sicherzustellen. Das würde einiges zur Armutsreduzierung beitragen.

Trotz der sozialwissenschaftlichen Natur des Buches ist es anschaulich und gut lesbar geschrieben. Das macht es nicht nur für Wissenschaftler*innen und Praktiker*innen im entwicklungspolitischen und politikgestaltenden Bereich zu einer spannenden und erkenntnisreichen Lektüre. Gleichzeitig zeigen die Ausführungen wieder einmal, wie signifikant und dennoch unterbeleuchtet die Rolle von Frauen in allen Entwicklungsbereichen eines Landes oder einer Region ist – und wie diese gleichzeitig durch die patriarchale Dichotomie unterminiert wird.

Rezension zu: Theresa W Devasahayam (Hg). Ensuring a Square Meal: Women and Food Security in Southeast Asia. World Scientific, 2018, 264 Seiten.

Dieser Artikel erschien zunächst in der südostasien Ausgabe 3|2020 – #SOAToo. Sexualisierte Gewalt und feministische Gegenwehr in Südostasien und ist Teil der südostasien – Sonderausgabe Buchmesse

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1 | 2018, Indonesien, Rezensionen,
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Kenntnisreiche Einführung in die indonesische Gegenwartskunst

Südostasien: Landgrabbing ist eine besonders dunkle Seite der Globalisierung. Konzerne aus dem Norden eignen sich immer mehr Ackerland in Ländern des Südens an. Der Film „Landraub“ zeigt die Folgen für die lokale Bevölkerung auf. Dabei kritisiert er nicht nur den Ressourcenverbrauch des Westens, sondern auch sein Entwicklungsmodell.

Ein dicht bewachsener tropischer Wald, sattes Grün und die harmonische Akustik der Stimmen von Vögeln und Insekten. Mit dieser Szene eröffnet der Film Landraub. Doch plötzlich endet die Idylle abrupt und wird ersetzt durch Bilder eines Bulldozers, der bedingungslos ein hölzernes Haus nach dem nächsten niederreißt. Einige Menschen betrachten das Treiben aus dem Hintergrund, eine Frau läuft schreiend auf ein brennendes Haus zu.

Diese Szene aus der kambodschanischen Provinz Kampong Speu steht exemplarisch für die weltweite Praxis vieler Konzerne und Agrarinvestor*innen, sich schnell möglichst viel Land anzueignen, koste es was es wolle. Landraub widmet sich den Problemen, vor denen viele Kleingrundbesitzer*innen stehen, wenn es darum geht, ihr Land zu verteidigen. Die Episoden aus Kambodscha, Sierra Leone und weiteren Ländern zeigen: Für die lokalen Bauern und Bäuerinnen ist es meist aussichtslos, ihre kleinen Stückchen Land gegen die Wirtschaftsgrößen zu verteidigen – gegen das Zusammenspiel von schwachen Regierungsstrukturen, korrupten Administrationen und dem Entwicklungsmodell westlicher Prägung.

Produzent Kurt Langbein widmete sich bereits Themen wie Medizin, Ernährung und sozialer Ungerechtigkeit. Mit Landraub spannt er einen globalen Bogen, stellt Missstände detailliert dar und löst emotionale Betroffenheit bei seinem Publikum aus – mit dem Anspruch, dass diese die eigene Lebensweise kritisch hinterfragen. Dabei lässt Langbein mehrere Seiten zu Wort kommen, sowohl Investor*innen der Konzerne und Banken als auch Politiker*innen oder Aktivist*innen, die das Landgrabbing anprangern – so wie der buddhistische Mönch Luon Sovath.

Den Vertriebenen eine Stimme geben

Mit seiner Digitalkamera dokumentiert Luon Sovath Fälle von Landraub in Kambodscha, führt Interviews mit Betroffenen und organisiert Demonstrationen. Zudem bringt seine Gemeinde Menschen, die von ihrem Land vertrieben wurden, vorübergehend in der Pagode unter. Luon Sovath will ihnen eine Stimme geben. Denn: Lokale Medien berichten viel zu wenig über sie, findet er. Kein Wunder, stehen in Kambodscha viele Medienhäuser unter starker Beobachtung der Regierung.

Im Film dokumentiert der Mönch, wie für eine neue Fabrik des Zuckerkonzerns Phnom Penh Sugar rund 1000 Familien ihre Existenzgrundlage entzogen wird. Sie wurden mit Gewalt von dem Stück Land vertrieben, das über Generationen in ihrem Familienbesitz war. Eine Frau, die mit ihren Kindern und Enkelkindern vom Reisanbau lebte, spricht aus, was viele über den Eigentümer der Fabrik denken: „Der Zucker ist süß, aber sein Herz ist bitter.“

Dass der Industriekomplex zum Firmenkonglomerat des Ex-Senators und heutigen Regierungsberaters Ly Yong Phat gehört, zeigt einmal mehr, wie eng industrielle und politische Interessen im Königreich verflochten sind. Eine Entschädigung ist in den meisten Fällen nicht vorgesehen und wird von Betroffenen aus Angst vor staatlichen Repressionen häufig auch nicht eingefordert. „Alle reden immer vom Gesetz. Aber das Recht des Stärkeren ist kein Gesetz“, mit diesem Satz fasst Luon Sovath die staatliche Willkür treffend zusammen.

Profitabel auch für europäische Unternehmen

Natürlich sind solche Vorgänge keineswegs innerkambodschanische Angelegenheiten – auch das macht die Dokumentation deutlich. So war es zum Beispiel das EU-Abkommen Everything But Arms, das der Zuckerproduktion in Kambodscha den entscheidenden Schub gab. Weil auch diverse europäische Konzerne an Firmen beteiligt sind, die Landraub praktizieren, ist das Interesse, diese Zustände zu ändern, entsprechend gering. Ganz im Gegenteil: EU-Programme fördern häufig die Unternehmen mit den größten Anbauflächen.

Die westliche Grundsatzhaltung, nach der Lebensmittel großflächig und durch intensiven Düngereinsatz angebaut werden müssen, wird auch in Indonesien gepredigt und aktiv umgesetzt. Beim täglichen Gelöbnis, einer Art ‚Morgenappell’, schwören die Mitarbeiter*innen der Hindoli-Plantage, sich stetig zu verbessern und sich für Fehlverhalten (zum Beispiel das Essen am Arbeitsplatz) zu schämen. Für John Hartmann, Leiter der Palmölplantage, die zum US-Konzern Cargill gehört, besteht in dieser Mantra-artigen Wiederholung der Unternehmensgrundsätze ein wesentlicher Erfolgsfaktor. Die tägliche Disziplin sei es, die eine kontinuierliche Verbesserung der Nahrungsmittel mit sich bringe. Diese Form der Indoktrination, in Kombination mit Bildern von den schier unendlichen Anbauflächen von Cargill in Indonesien, hinterlässt beim Zuschauer ein mulmiges Gefühl.

Der Zugang zu Anbauflächen spielt auch bei Wirtschaftsgipfeln zum Thema Agrarinvestitionen eine Rolle – im Film durch die Konferenz Agriculture Investment Summit in London repräsentiert. Dort beraten Vertreter*innen von Konzernen, Investmentbanken, Versicherungen und Hedgefonds über die kommenden Trends der Nahrungsmittelindustrie und Landankauf in Regionen des globalen Südens. Die Menschen, denen das Land dort gehört und die von Subsistenzwirtschaft leben, sind dabei nicht vertreten.

Kleinbäuerliche Betriebe schützen

Den Gegenentwurf zur ressourcenintensiven Agroindustrie, in der Menschenrechte immer wieder verletzt werden, legt im Film der Agrarexperte Hailu Ayara dar. Er arbeitet mit kleinbäuerlichen Betrieben in Äthiopien zusammen und zeigt auf, wie eine solche Landwirtschaft effizient und fruchtbar gestaltet werden kann. Mit Hilfe neuer Pflanztechniken oder dem Verwenden von Kompost lassen sich auch mit einfachen Mitteln Ertragssteigerungen erzielen. Die Argumentation, dass eine steigende Weltbevölkerung nur mit industrieller Landwirtschaft ausreichend ernährt werden könne, erscheint durch Beispiele wie diese vollkommen obsolet.

Es sind diese starken Charaktere, die dem Film seine implizit auffordernde, handlungsorientierte Haltung verleihen. Er beschreibt eine Welt, in der Agrarkonzerne frisches Gemüse verkaufen, das mit Charterflugzeugen in ferne Luxushotels geflogen wird. Gleichzeitig müssen die Menschen, die das Gemüse auf ihrem ehemals eigenen Land anbauen, um ihr Überleben bangen. Landraub kann als Appell verstanden werden, genau diese Zustände von Ungerechtigkeit, Hunger und Vertreibung zu hinterfragen und sich aktiv dagegen zu stellen. Ob mit der täglichen Kaufentscheidung oder einer langfristigen Aufklärungskampagne: Es liegt an uns, ob das Hab und Gut von Menschen weltweit sicher ist – oder eben nicht.

Rezension zu: Landraub. Regie: Kurt Langbein. 2015, 91 min.

Filmtrailer zur Dokumentation „Landraub“:

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1 | 2018, Indonesien, Rezensionen,
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Kenntnisreiche Einführung in die indonesische Gegenwartskunst

Mit der Online-Medienplattform thaiconsent veröffentlichte Wiphaphan Wongsawang #MeToo Geschichten in Thailand, noch bevor es #MeToo gab. Eine neue Generation von Feminist*innen behauptet sich auch gegen die Dominanz männlicher Aktivisten in der Demokratiebewegung.

Wiphaphan, vielen Dank, dass Du dir Zeit für uns genommen hast. Kannst du uns etwas über thaiconsent erzählen?

thaiconsent ist eine Online-Medienplattform, die auf kreative Weise über Sex spricht. Wir konzentrieren uns also nicht nur auf Belästigung oder Nötigung, sondern sprechen auch auf eine sinnvolle, kritische Weise über Sex. In der thailändischen Gesellschaft spricht man meistens nur auf eine performative oder pornografische Weise über Sex, deshalb wollten wir anfangen, anders darüber zu sprechen. Seit Beginn des Projekts haben wir 49.000 Anhänger*innen gewonnen, wir haben 400 Geschichten veröffentlicht, und 90 Personen haben auf verschiedene Weise an dem Projekt mitgearbeitet. Menschen können ihre Geschichte in ein Google-Forum schreiben und etwas dazu malen, und wir veröffentlichen sie anonym.

Zuerst verwendete ich die Begriffe fairer und unfairer Sex, weil Einwilligung (consent) in Thailand als Begriff nicht sehr bekannt war. Ich habe mit thaiconsent begonnen, weil es mir und auch sieben meiner Freundinnen an der gleichen Fakultät an der Universität passiert ist. Als ich 22 Jahre alt war, wurde mir klar, dass dies ein strukturelles Problem ist und dass wir etwas dagegen unternehmen müssen.

Menschen sind oft unsicher, ob es sich um eine Vergewaltigung handelt, wenn es keine Penetration gibt, und verstehen oft nicht, warum sie sich so verhalten, warum sie es nicht zurückweisen oder schreien. Auch sind viele Betroffene nach der Tat verunsichert und trauen sich nicht, Unterstützung zu suchen. Deshalb haben wir begonnen, die Geschichten zu sammeln, um zu zeigen, dass es sich nicht um ein individuelles Problem handelt, sondern dass es recht häufig vorkommt.

Wir begannen mit einem Blog im Jahr 2015. Aber er war ziemlich konventionell und fand nicht viel Aufmerksamkeit. Dann fragte mich eine Freundin, ob ich das Projekt weiterführen wolle, und als wir unseren Abschluss gemacht hatten, richteten wir 2017 eine Facebook-Seite ein und begannen, Geschichten zu sammeln. Wir arbeiteten mit vielen Künstler*innen zusammen, machten eine Ausstellung, wurden von UN Women eingeladen, erhielten einige Mittel aus dem Fonds für junge Feministinnen FRIDA und verkauften auch Handwerk, um uns zu finanzieren. Wir planen nun, uns als NGO registrieren zu lassen. Im Moment sind wir auf Facebook, auf Twitter und auf Instagram aktiv, und für nächstes Jahr haben wir vor, einen Youtube-Account zu starten.

Wie würdest Du die von Frauen auf der Website geteilten Erfahrungen verallgemeinern?

Es gibt verschiedene Arten von Geschichten. Die eine ist, dass es junge Mädchen waren, die nichts über Sex wussten und ausgenutzt wurden. Sie merken erst später, was ihnen angetan wurde. Das ist die erste Art. Der zweite Typ ist, dass sie in einer Beziehung sind und er/sie unsicher ist, ob sie dies tun wollen oder nicht. Der Partner zwingt oder drängt sie, es zu tun. Die dritte Erfahrung – die sehr selten ist – ist, dass sie von jemandem missbraucht werden, den sie nicht kennen. Viele Geschichten handeln von Beziehungen zu einem Partner, einem Freund oder einem Kollegen. Verallgemeinernd kann man also sagen, dass ein großer Teil der Übergriffe in der verschwommenen Grenze zwischen Ja und Nein stattfindet.

Wie hängt sexuelle Gewalt gegen Frauen mit Macht und Hierarchie in der thailändischen Gesellschaft zusammen?

In Thailand haben wir ein Problem mit ’arai go dai’ – ‚alles geht’. Menschen können nicht direkt Ablehnung ausdrücken und versuchen, freundlich zu der anderen Person zu sein, auch zu dem Vergewaltiger. Besonders wenn es jemand ist, den sie kennen – sie wollen die Beziehung retten. Anstatt Gerechtigkeit für den Einzelnen herzustellen, versucht die thailändische Gesellschaft, die Beziehungen so zu erhalten, wie sie sind. Die Vergewaltiger wissen, dass die Opfer nichts sagen werden, weil sie auf die Beziehungen zu anderen Menschen angewiesen sind. Eine kollektive Gesellschaft schafft viele Möglichkeiten für Vergewaltigungen.

Wir leben in einer Kultur, die Gewalt gegen Machtlose akzeptiert. Die Menschen gewöhnen sich daran, das zu sehen und helfen Menschen in Schwierigkeiten nicht. Das hängt mit dem Militär und der militaristischen Gesellschaft zusammen. Es beginnt in der Schule, wo man nicht trainiert wird, Nein zu sagen. Frau ist einem patriarchalischen System unterworfen, das einen lehrt, sich selbst die Schuld zu geben, wenn man sich nicht an die gesellschaftlichen Normen hält. Deine Gefühle sind nicht gültig, wenn sie nicht von der Gesellschaft für dich bestätigt werden. Vergewaltigung steht in direktem Zusammenhang mit Macht. Es geht nicht nur um sexuelle Begierde, sondern sie vergewaltigen, um das Opfer zu beherrschen, sie fühlen sich dadurch großartig.

Eine patriarchalische und hierarchische Gesellschaft strukturiert die Kommunikation. Das kann man in Seifenopern sehen, in denen Vergewaltigung ein häufiges Thema ist, aber wo sie als eine Möglichkeit für einen Mann dargestellt wird, die Meinung einer Frau zu ändern, als etwas, das in einer Machtgesellschaft akzeptabel ist.

Du hast thaiconsentals Studentin initiiert. Glaubst du, dass es ein spezifisches Problem mit Missbrauch und sexueller Belästigung an Universitäten gibt?

Ja. Es beginnt mit Schikanieren und mit den hierarchischen Beziehungen unter den Studierenden. Es ist nicht wie in der westlichen Welt, wo Studierende als gleichwertig betrachtet werden. In Thailand gibt es eine Hierarchie, die von dem Jahrgang abhängt, in dem man sich befindet. Die älteren Studenten gelten als Phi (ein Ausdruck des Respekts für jemanden, der in der sozialen Rangordnung höher steht). Außerdem gibt es eine weit verbreitete Vergewaltigungskultur bei Studentenpartys. Dies wird von den Universitätsbehörden geduldet, und es gibt keinen klaren Beschwerdemechanismus.

Zum Beispiel wurde eine Freundin von mir von einem Kommilitonen beim Baden gefilmt. Als sie sich bei ihrem Professor beschwerte, sagte die Universität ihr, dass sie keine Verantwortung übernehme, da dies außerhalb des Campus geschehen sei, und dass sie die Zukunft des Studenten nicht gefährden dürfe, da er kurz vor seinem Abschluss stehe. Es ist also auch eine Frage der Verantwortlichkeit. Die Behörden wollen keine Verantwortung übernehmen und verschließen die Augen vor Missbrauch.

Gibt es eine neue feministische Bewegung in Thailand? Welches sind die Themen und Debatten?

Ja, auf jeden Fall. Wir haben auch in der alten Generation Feministinnen, aber sie wurden nicht anerkannt. Damals wurde die Aktivistenbewegung von Männern geführt. Wenn man damals seine Meinung veröffentlichen wollte, musste man einen guten Draht zum Verleger oder Redakteur oder zu jemandem aus der Nachrichtenbranche haben. Diese wurde von Männern geführt. Es war also für Frauen schwierig, in diesem Bereich aufzutreten. Aber jetzt, dank des Internets, können wir posten, was wir wollen, wir können twittern, was wir wollen.

Jetzt haben wir die Bewegung namens #femtweet – eine Kombination aus weiblich und tweet. Sie setzt sich aus jungen Frauen zusammen, die ihre Erfahrungen und ihre Wut auf die patriarchalische Kultur twittern. Sie werden von Antifeministinnen auf der linken und rechten Seite bedroht. Diese beschweren sich darüber, wie wir kommunizieren und fragen, warum wir nicht höflich twittern können. Aber unsere jungen Frauen sind wütend. Ich kann sie so sehr verstehen.

Wenn man als Mädchen in Thailand geboren wird, hat man von klein auf so viele Einschränkungen. Man darf nicht alleine ausgehen, man steht unter großem Druck und hat keine Kontrolle darüber, wie frau sich kleidet, wie frau denkt. Und oft wird ihre Meinung von Ihrer Familie nicht geschätzt. So viele Frauen denken, dass hier etwas nicht stimmt. Und wenn sie sich gefunden haben, merken sie, dass sie nicht allein sind. Es ist nicht nur ihre Familie, die schlecht ist, sondern warum sind all diese Familien so? Sie sagen also ihre Meinung.

Bei den letzten Protesten hatten wir junge Frauen, die mit Lippenstift #femtweet auf ihre Hemden schrieben, um zu zeigen, dass Feminist*innen nicht nur im Internet sind, sondern auch auf der Straße protestieren. Das liegt daran, dass sie sich viel Kritik ausgesetzt sahen, dass Feministinnen nur Frauen sind, die im Internet sprechen, was immer sie wollen, und dass dies für die Bewegung nicht nützlich ist.

Kannst Du uns mehr über die Frage des Feminismus innerhalb der pro-demokratischen Bewegung erzählen?

Früher hat man die weiblichen und transsexuellen Aktivisten in den pro-demokratischen Bewegungen völlig ignoriert. Seit der Generation von Somsak Jeamteerasakul kennen viele Menschen Somsak Jeam, aber sie kennen nicht Junya Yimprasert, die die Lasershow in der Villa des Königs in Deutschland installiert hat. Beide haben eine radikale Tat vollbracht, aber viel weniger Menschen erkennen Junya an. Jetzt, in dieser Generation, werden sich viele Menschen an Rangsiman Rome als mutigen Aktivisten erinnern, aber keiner von ihnen wird sich an Chonthicha Kate Jangrew erinnern, keiner wird sich an Aum Neko erinnern, obwohl sie zur selben Zeit und am selben Ort aktiv waren.

Jetzt wird es besser. Wenn ich sehe, dass die Proteste eher im Hongkong-Stil oder im Flashmob-Stil organisiert sind, d.h. nicht aus dem Netzwerk der Aktivisten, sondern von Einzelpersonen kommen, können wir sehen, dass es mehr Raum für nicht-männliche Aktivisten gibt. Allerdings erhalten sie von den Medien nicht viel Anerkennung. Ich glaube, wir haben ein Problem mit den Medien, sie messen den nicht-männlichen Aktivisten keine Bedeutung bei. Auch wenn viele Frauen auf der Bühne Reden halten, vor allem bei den aktuellen Protesten, konzentrieren sich die Medien immer auf dieselben männlichen Aktivisten. Feminist*innen setzen sich nun also mit den Medien auseinander. Denn wenn wir kämpfen oder ein Thema ansprechen und von den Medien ignoriert werden, dann ist das ein echtes Problem.

Feminist*innen werden immer von der extremen Rechten angegriffen, das ist klar. Aber in Thailand werden wir auch von der linken und der liberalen Seite angegriffen. Die extreme Rechte greift direkt an, mit Worten wie Schlampe oder Hure. Aber die Linke benutzt Humor, um die Feministinnen zu verspotten. Einige auf der linken Seite argumentieren, der Feminismus schränke ihre Meinungsfreiheit ein. Was, jetzt darf ich nicht einmal mehr einen Witz über Frauen machen? Sie haben das Gefühl, von der feministischen Bewegung zensiert zu werden. Und viele lehnen den Feminismus auch deshalb ab, weil sie der Meinung sind, dass wir in Thailand bereits eine Gleichstellung der Geschlechter haben. In der pro-demokratischen Bewegung fehlt es den Menschen an Bildung in Fragen der Ungleichheit und sie sind zu eng auf das Thema Meinungsfreiheit fokussiert. Sie sind geschlechtsblind. So viele Aktivist*innen fühlen sich unsicher, wenn sie mit männlichen Aktivisten zusammenarbeiten. Zum Beispiel ist eine befreundete Aktivistin von mir im Netzwerk der pro-demokratischen Aktivis*tinnen aktiv, aber immer wenn es ein Treffen oder eine Aktivität gibt, sind es die Frauen, die das Essen vorbereiten, den Abwasch erledigen usw. Es gibt also innerhalb der pro-demokratischen Bewegung ein mangelndes Bewusstsein für die Gleichstellung der Geschlechter. Und das wollen wir nicht mehr akzeptieren.

Ist die feministische Bewegung ein wichtiger Teil der neuen Proteste, die jetzt gegen das Militärregime entstehen?

Ja, viele der Protestierenden sind Frauen. In der Vergangenheit hat niemand die Rolle der Frauen in den Protesten anerkannt. Männliche Aktivisten würden sagen: „Wenn ich Euch im Kampf für Frauenrechte helfe, helft ihr mir, für die Demokratie zu kämpfen? Aber wir antworteten mit den Worten: „Warum glaubst du, dass wir nicht für die Demokratie kämpfen? Du hast uns einfach nicht wahrgenommen“. Unsere Rolle ist also bereits wichtig. Aber die Frage ist, ob Frauen und LGBT-Aktivist*innen für ihren Beitrag anerkannt werden. Und werden sie ihren Platz innerhalb der Bewegung beanspruchen? Ich denke, dass sich eine wichtige Veränderung vollzieht, da die pro-demokratische Bewegung von vielen Menschen ‚von unten’ geführt wird. Nicht nur von einigen wenigen männlichen Aktivistenführern, sondern von den wirklichen Menschen, die aus Menschen mit Unterschieden bestehen, nicht nur von einem Helden.

Interview und Übersetzung aus dem Englischen von: Oliver Pye

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Kenntnisreiche Einführung in die indonesische Gegenwartskunst

Die kambodschanische Psychotherapeutin Sotheary YIM spricht in diesem Interview über die von den Khmer Rouge in großem Ausmaß ausgeübten Zwangsverheiratungen und ihre Auswirkungen bis in die heutige Zeit.

Du hast als Psychotherapeutin mit Überlebenden von Gewalt und Trauma der Roten Khmer gearbeitet. Welche Formen von geschlechtsspezifischer Gewalt haben die Roten Khmer ausgeübt?

Mir ist es bei diesem Thema wichtig, die Aufmerksamkeit auf Gewalt zu lenken, die auch schon vorher stattfand. Denn es ist nicht so, dass unter den Khmer Rouge plötzlich in diesem Land aus heiterem Himmel Gewalt gegen Frauen ausgeübt wurde. Kambodscha ist eine patriarchalische Gesellschaft. Viele Menschen sehen das so, aber uns wird etwas Anderes beigebracht. Hier heißt es immer, unsere Gesellschaft schätze die Frauen – weil viele Wörter mit dem Wort ,Mutter‘ beginnen. Aber für mich persönlich ist das Blödsinn, denn für mich ist das nur ein Vorwand, um die Frauen zu beruhigen, um den Sturm, das Aufbegehren zu beruhigen – es ist manipulativ.

Es gab viele Formen von geschlechtsspezifischer Gewalt, unter anderem Vergewaltigung, Gruppenvergewaltigung, sexuelle Verstümmelung und auch so genannten ‚Sexhandel’, also sexuelle Ausbeutung. Wie in jeder Gesellschaft ist es nicht leicht, diese Themen zu behandeln, weil sie oft tabuisiert sind. Aber es ist uns gelungen, dazu zu arbeiten, zunächst mit dem Cambodian Defenders Project (CDP) und später mit Kdei Karuna (KdK). Unser trauma-sensibler Projekt-Ansatz ermutigte die Frauen und Männer, die vergewaltigt worden waren, mit uns zu sprechen. Noch immer gibt es nicht viele, die über das reden, was sie erlebt haben. Zudem wurden viele nach den sexuellen Misshandlungen getötet. Diejenigen, die mit uns sprachen, waren oft Betroffene, auf die – zusammen mit anderen – geschossen worden war und/oder die mit Tötungsabsicht gefoltert und in Massengräber gelegt wurden – aber sie überlebten.

Ich möchte mich hier auf die Zwangsheirat konzentrieren, eine weit verbreitete Praxis, die von den Roten Khmer angeordnet wurde und Hunderttausende Frauen und Männer betraf. Sie fand in großem Ausmaß vor allem zwischen 1976 und 1979 statt, als die Bevölkerungszahlen infolge des Hungerns und Tötens immer weiter zurückgingen. Es war das erklärte Ziel von Pol Pot, dem Führer der Roten Khmer, die Bevölkerung in Kambodscha innerhalb von 15 Jahren von acht auf 20 Millionen zu erhöhen.

Die Zwangsheirat und die damit verbundenen Zwangsschwangerschaften und Vergewaltigungen gelten inzwischen als Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Ehemalige Führungskader der Roten Khmer wurden dafür 2018 vor dem Khmer-Rouge-Tribunal (ECCC) verurteilt.

Wurden diese Ehen beiden – Frauen und Männern – aufgezwungen?

Hier sehe ich eine Verbindung zur Geschlechterdiskriminierung. Als ich mit den Überlebenden sprach, erfuhr ich, dass Männer manchmal zumindest vorher gefragt oder informiert wurden. Aber ich habe nie von Frauen gehört, die mir sagten, dass sie wüssten, wen sie heiraten würden.

Die Eheschließungen fanden meist in den Nächten statt, nachdem die Arbeit erledigt war. Sie wurden in den Sitzungssälen der jeweiligen Kooperative organisiert, und oft wurden 20 bis 30 oder auch 70 bis 100 Ehen auf einmal arrangiert, je nach Ort und Leitung der Kooperative. Die Frauen und Männer mussten sich in getrennten Reihen aufstellen, 2 Namen wurden wie A und B aufgerufen, um voreinander zu stehen, sich an der Hand zu halten und das Ehe-Gelübde abzulegen. Es gab keine Möglichkeit, nein zu sagen. Einige Paare, und besonders die Frauen, waren so verängstigt, dass sie sich nicht einmal in die Augen sehen konnten. Oft wurden hübsche und junge Frauen mit viel älteren oder behinderten Männern verheiratet. Die behinderten Männer waren oft Kriegsveteranen, die Heirat wurde als ,Belohnung‘ für ihre Verdienste angesehen.

Nach den Eheschließungen wurden die Paare dann ausspioniert, um zu sehen, ob die Ehe vollzogen wurde. So wurden die Frauen entweder durch ihre Männer zum Geschlechtsverkehr gezwungen, oder beide wurden dazu genötigt, es ‚für das Land’ zu tun.

Wurde der Geschlechtsakt bis zur zweiten oder dritten Nacht nicht vollzogen, wurden die Männer weggebracht oder getötet. Einige Männer mussten die Frauen auch vor den Augen der Soldaten vergewaltigen. Die Folge der Zwangsheirat war eine erzwungene Schwangerschaft, was ebenfalls ein Verbrechen ist.

Was geschah nach dem Ende der Ära der Roten Khmer mit diesen verheirateten Paaren – blieben sie zusammen?

Ich glaube nicht, dass es dazu genauere Zahlen gibt. Die Zwangsehen fanden landesweit statt und fast jeder wusste davon oder hatte es sogar selbst erlebt. Aber bis wir mit den NGOs das Thema in die Öffentlichkeit gebracht haben, herrschte oft das Missverständnis vor, dass es sich um eine Art arrangierter Ehe handelte. Die Zwangsheirat unter den Khmer Rouge wurde daher oftmals nicht als Verbrechen eingestuft. Zudem ging es hier um sexuelle Gewalt. Wenn man mit Menschen redet, die unter den Roten Khmer gelebt haben, sprechen sie über die Zwangsevakuierungen, die Zwangsarbeit und andere Dinge, aber sexuelle Gewalt ist nicht etwas, über das gesprochen wird.

Es gibt Ehepaare, die sich nach dem Ende des Khmer-Rouge-Regimes getrennt haben, andere leben bis heute noch zusammen. Einige, die ihre Beziehung immer noch schätzen, haben später versucht, eine traditionelle Eheschließung nachzuholen. Hier geht es um die öffentliche Anerkennung des Paares und vor allem der Frauen. Denn ohne traditionell verheiratet zu sein, werden Frauen hier sozial oft nicht geachtet und respektiert.

Bei den Paaren, die noch zusammenleben und keine glückliche Ehe führen, sind viel Gewalt und Spannungen zu beobachten. Oft herrscht ein aggressiver Ton vor und sie sagen im Streit zum Beispiel: „Ich war gezwungen, dich wegen der Roten Khmer zu heiraten“. So lebt das Paar mit den Folgen der Verbrechen und darunter haben auch die Kinder zu leiden. Die Kinder werden von der Gesellschaft auch oft stigmatisiert.

In wie fern werden sie diskriminiert? Was geschieht mit den Kindern?

Sie werden als die Kinder einer unverheirateten Frau angesehen und sind deshalb in der Gemeinde nicht willkommen. Früher haben die Eltern ihre Kinder sogar versteckt. Heute ist es schon besser. Aber immer noch werden die Nachkommen eines geschiedenen Paares oder eine/r Alleinerziehenden nicht gefragt, ob sie z.B. als Brautjungfer an einer traditionellen Hochzeit teilnehmen wollen, weil das Unglück bringen soll. Die jüngere Generation ist also immer noch betroffen.

Wie siehst du als Psychologin die langfristigen Auswirkungen der sexuellen und geschlechtsspezifischen Gewalt, die während der Ära der Roten Khmer begangen wurde?

All die Traumata, all die Gewalt, die in der Vergangenheit geschehen und nicht verarbeitet wurden, hinterlassen Spuren im Gehirn. Der Versuch der Bewältigung geschieht oft unbewusst und häufig ändern sich dadurch das Verhalten und damit auch das Leben der Betroffenen.

Eine der sehr gravierenden Auswirkungen ist, dass die Generation meiner Eltern, die den Krieg direkt erlebt hat, Probleme damit hat, sich selbst und andere zu lieben und Liebe auszudrücken. Ihre Kinder hören nicht oft „ich liebe dich“ oder „wir lieben euch“. So nehmen sie es häufig so wahr, als hätten ihre Eltern sie nie geliebt oder seien stolz auf sie.

Einige haben uns berichtet: „Meine Eltern gehen gewalttätig miteinander und mit mir um. Sie schlagen mich, sie sind aggressiv zu mir.“ Das ist eine Art Übertragung des Traumas der Eltern auf die Kinder. Die Menschen hier denken, dass Gewalt normal ist, dass es normal ist, ihren Kindern gegenüber gewalttätig zu sein, weil sie ihre Kinder damit erziehen. Ich glaube, sie denken, dass es normal ist, weil es oft passiert – aber es ist definitiv keine normale Handlung, den Kindern gegenüber gewalttätig zu sein.

Was ich auch als eine Folge der erlebten Gewalt unter den Khmer Rouge ansehe ist, dass unsere Eltern uns sagen: „Seid nicht zu aktiv, denn es wird euch wehtun, die Politik wird euch wehtun. Bleibt in der Menge oder folgt der Menge, fallt nicht auf, sonst werdet ihr zur Zielscheibe.“ So erziehen uns unsere Eltern und übertragen ihre Ängste – wie können wir uns so entwickeln? Sobald wir wachsen, sobald wir uns hervorheben, sagen sie, das sei zu viel. Das passiert Frauen sehr oft, ich habe es selbst oft gehört.

Denkst du, dass Veränderungen möglich sind?

Die arrangierte Ehe ist in unserer Gesellschaft immer noch sehr akzeptiert, und der Übergang zur Zwangsheirat ist fließend. Und wenn es zu Vergewaltigungen kommt, wird dies immer noch den Frauen angelastet, auch von den führenden Politikern. Dies zeigt sich auch in einem sehr umstrittenen neuen Gesetzesentwurf nachdem Frauen zukünftig Strafe zahlen müssten, wenn sie sich nicht ,angemessen‘ kleiden.

Aber ja, ich sehe, dass Veränderungen möglich sind. Ich bin darauf vorbereitet, allerdings weiß ich auch wie viel Kraft es kostet. Ich gehöre zur ersten Generation von Frauen, die aufgestanden ist und über Gewalt an Frauen gesprochen hat.

Jetzt stellen die jungen Frauen und Männer immer mehr Fragen. Aber der Wandel hätte viel früher stattfinden können – seit mehr als 30 Jahren wird in Kambodscha die ,Gleichstellung der Geschlechter‘ gefördert. Dies ist nach wie vor die Agenda unseres Ministeriums für Geschlechterfragen und der NGOs. Ich bin der Meinung, dass es nicht funktioniert, nur zu informieren und die Botschaft zu vermitteln. Kreativität ist wichtig – deshalb setze ich auf den Dialog.

In meiner jüngsten Arbeit verbinde ich die sexuelle Gewalt und Vergewaltigung, die unter den Roten Khmer stattfand, mit der Gewalt, die heute gegen Frauen ausgeübt wird. Deshalb organisieren wir Dialoge zwischen Überlebenden des Roten Khmer Regimes und Studierenden. Es geht darum, was man aus der Geschichte, aus den Erfahrungen der Betroffenen lernen kann. Schüler*innen und Studierende glauben immer noch, dass Frauen vergewaltigt werden, weil sie ihren Körper nicht bedecken, oder weil Männer Drogen nehmen oder betrunken sind. Es wird immer nach einer Entschuldigung für eine Vergewaltigung gesucht.

In einem unserer Dialoge, die wir organisiert haben, gab es eine weibliche Überlebende von Vergewaltigung und sexuellem Missbrauch während des Regimes der Roten Khmer. Und sie stand auf und sagte: „Nein, das ist nicht wahr. Ich war sehr dünn, hässlich, sehr schmutzig, trug Arbeitskleidung – es ist nicht wahr, dass Frauen vergewaltigt wurden, weil sie ihren Körper nicht bedeckten.“ Dieser Moment hat mich sehr beeindruckt.

Video zu den „Women’s hearing with the young generation“, die 2013 von CDP in Anwesenheit von Studierenden durchgeführt wurden:

Wir müssen hier in Kambodscha noch viel mehr tun. Wir müssen alle einbeziehen, Männer und Frauen müssen zusammenarbeiten, und wir müssen mehr erreichen mit unserer Arbeit und unserem Engagement. Ich konzentriere mich jetzt sehr auf die maßgebliche Rolle, die Elternschaft, Erziehung und Bildung spielen, das ist wirklich wichtig. Jungen und Mädchen müssen die gleichen Chancen auf Bildung haben. Und sie müssen die Chance bekommen, frei zu leben. Es wird zwar länger dauern, aber ich denke, so kann sich der Wandel vollziehen.

Interview und Übersetzung aus dem Englischen von: Karin Griese

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1 | 2018, Indonesien, Rezensionen,
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Kenntnisreiche Einführung in die indonesische Gegenwartskunst

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In Vietnam ist sexuelle Gewalt ein Tabuthema. Belastbare Daten gibt es daher kaum. Die Psychologin Khuat Thu Hong forscht seit Jahrzehnten zu den Ursachen von sexuellem Missbrauch. Im Interview spricht sie über die gesellschaftliche Perspektive, den Einfluss der Geschichte und Feminismus in Vietnam.

Dr. Hong, können Sie uns einen kurzen Überblick zu sexueller Gewalt in Vietnam geben?

Es ist heikel, in Vietnam über Sex, geschweige denn über sexuelle Gewalt zu sprechen. Für Vietnames*innen ist dieses Thema sensibel und privat. Die Menschen neigen dazu, zu schweigen und auszuweichen, wenn sie zu ihrem Sexualleben oder zu sexualitätsbezogenen Konflikten befragt werden.

Dennoch wird in letzter Zeit vermehrt über sexuelle Gewalt berichtet. So ergab eine Studie aus dem Jahr 2015, dass 87% der Frauen und Mädchen an öffentlichen Orten sexuellen Belästigungen ausgesetzt waren. Laut einer nationalen Studie über Gewalt gegen Frauen aus dem Jahr 2019 erlebt eine von acht Frauen in ihrem Leben sexuelle Gewalt durch einen aktuellen oder ehemaligen Ehemann. 9 Prozent der Frauen haben ab einem Alter von 15 Jahren sexuelle Gewalt durch jemand anderen als ihren Partner erlebt. 4,4 Prozent der Frauen berichteten, dass sie als Kind sexuellen Missbrauch erlebt haben.

Meiner Meinung nach sind diese Zahlen weit von der Realität entfernt und nur die Spitze des Eisbergs. Die Opfer sprechen selten über die Vorfälle oder suchen Hilfe. Die Stigmatisierung und Verurteilung durch die Gesellschaft sind für sie das größte Hindernis, ihre Meinung zu äußern oder Hilfe zu suchen.

Gibt es weitere Gründe, wieso Frauen die Fälle nicht melden?

Die Vietnames*innen sind sich der verschiedenen Arten sexueller Gewalt nicht voll bewusst. Viele Menschen begreifen nicht, dass sie Opfer sexuellen Missbrauchs geworden sind. Es ist Konsens, dass eine Vergewaltigung sexualisierte Gewalt ist. Aber erzwungener Sex in der Ehe, die erzwungene Nutzung von Verhütungsmitteln und sexuelle Belästigung, werden nicht unbedingt als Akt der Gewalt eingeordnet.

Das hängt damit zusammen, dass die Menschen glauben, dass es die Pflicht der Frau ist, das sexuelle Verlangen ihres Mannes zu befriedigen. Wann immer er es wünscht. Oder dass die Anwendung einer Verhütungsmethode zur Vermeidung einer ungewollten Schwangerschaft in der Verantwortung der Frau liegt. Sexuelle Belästigung wird oft als unvermeidlich angesehen, weil Männer ihren ‚natürlichen’ sexuellen Drang nicht kontrollieren können. Und weil Frauen dazu geboren sind, von Männern gehänselt zu werden.

Wie viele Frauen sind von sexueller Gewalt betroffen und wer ist besonders gefährdet?

Laut der nationalen Studie über Gewalt gegen Frauen aus dem Jahr 2019 erlebt jede dritte Frau in Vietnam in ihrem Leben physische und/oder sexuelle Gewalt. Fast jede zehnte Frau erlebte diese Gewalt innerhalb der letzten 12 Monate. In ländlichen Gebieten tritt Gewalt häufiger auf als in den Städten. Besonders betroffen sind junge Frauen im Alter zwischen 25-34 Jahren.

Auch Frauen mit Behinderung haben ein höheres Risiko Opfer von sexueller Gewalt zu werden als Frauen ohne Behinderung. Wie erwähnt erlebt – nach den Ergebnissen der nationalen Studie aus dem Jahr 2019 – eine von acht Frauen sexuelle Gewalt. Bei Frauen mit Behinderung ist es eine von fünf Frauen, die sexuelle Gewalt durch den Ehemann oder Partner erlebt hat. Die gleiche Studie ergab, dass Gewalt gegen Frauen im zentralen Hochland und im Delta des Roten Flusses im Vergleich zu anderen Regionen des Landes häufiger vorkommt. Es gibt einige Hinweise auf sexuelle Gewalt gegen Männer und Mitglieder der LGBT-Gemeinschaft. Aber meist sind es Frauen, die von Gewalt betroffen sind.

In einer Studie der vietnamesischen Regierung aus dem Jahr 2010 wird erwähnt, dass 42% der Frauen in der südöstlichen Region Vietnams unter häuslicher Gewalt, einschließlich sexuellem Missbrauch, leiden. Bei der ethnischen Gruppe der Hmong liegt diese Zahl nur bei 8%. Wie ordnen sie diese Differenz ein?

Unser Verständnis der ethnischen Gruppen ist in dieser Frage bisher recht begrenzt. Bei den Hmong werden Frauen nach der Heirat als ‚Eigentum’ der Familien der Ehemänner gesehen. Sie haben in den Familien nur begrenzt Macht. Zwangsverheiratung ist in ihrer Gemeinschaft immer noch weit verbreitet. Sobald Mädchen 13 oder 14 Jahren alt sind, drängen die Eltern sie zur Heirat. Deshalb denke ich, dass die Zahl von 8% nicht die Realität widerspiegelt.

Gibt es Unterschiede zwischen Nord- und Südvietnam?

Die Ungleichheit zwischen den Geschlechtern ist in den nördlichen Provinzen stärker ausgeprägt als im Süden. Nordvietnam – mit der Grenze zu China – ist stark von konfuzianischen Werten beeinflusst. Der Konfuzianismus wurde im 10. Jahrhundert als offizielle Ideologie des feudalistischen Staates Vietnam übernommen. Das hat Spuren hinterlassen, die bis in die Gegenwart reichen. Der Neokonfuzianismus, der unter der Song-Dynastie blühte und sich bis nach Vietnam ausbreitete, schränkte Frauen stark ein. Dieser Lehre zufolge ist die Keuschheit einer Frau wertvoller als ihr Leben. Sie soll eher sterben, als ‚unrein’ weiterzuleben. Südvietnam ist stärker von der südostasiatischen Kultur beeinflusst. Die konfuzianische Ideologie spielt keine so starke Rolle wie im Norden und Frauen sehen sich weniger strengen Regeln gegenüber. Es ist beispielsweise im Süden nicht mehr notwendig, Söhne zu haben, um die Ahnen zu verehren. Diese Aufgabe dürfen jetzt auch Frauen übernehmen.

Werfen wir einen Blick auf die französische Kolonialzeit und den Widerstand gegen die USA. Es gab Gerüchte, dass es zu sexuellen Übergriffen kam. Gibt es dazu Untersuchungen?

Konflikte, die mit dem Thema Geschlecht zusammenhängen, sind bisher kein Thema in der vietnamesischen Geschichtsschreibung. Es gibt nur wenige historische Dokumente, anhand derer sich diese Fragen beantworten lassen.

Allgemein lässt sich sagen, dass es in allen Kriegen und Konflikten zu sexueller Gewalt kommt. Sexuelle Gewalt wird systematisch als Kriegswaffe eingesetzt. Ich glaube aber nicht, dass dies bei den Kriegen gegen Frankreich und Amerika im 20. Jahrhundert der Fall war. Obwohl es Hinweise auf sexuelle Gewalt gegeben hat.

In mehreren Dokumenten zum Grenzkonflikt (mit China, Anm. d. Red.) von 1979 wurde mehr oder weniger deutlich, dass das Thema sexuelle Gewalt gegen Frauen schwerwiegend war. Es bedarf jedoch noch weiterer Forschung, um dazu belastbare Aussagen treffen zu können. Das Thema ist so heikel, dass es von Wissenschaftlerinnen und Forschern leider selten behandelt wird. Ich versuche seit Jahren, einen Zugang zu dem Thema zu finden. Aber es fehlt an Quellen.

Welche anderen soziokulturellen Faktoren gibt es, die bedingen, dass Frauen in Vietnam mit sexualisierter Gewalt konfrontiert sind?

Die Familie ist in der vietnamesischen Gesellschaft das höchste Gut. Wir werden erzogen, unsere Familie zu pflegen und sie um jeden Preis zu verteidigen. Diese Sichtweise bindet aber – wenn sie im Extrem gelebt wird – die Frauen eng an sexistische Vorurteile. Frauen, die nicht heiraten, haben gesellschaftlich keinen Wert. Frauen, die keine Kinder bekommen können, werden als ‚fehlerhaft’ angesehen. Frauen müssen für ihre Familie und ihr zu Hause Opfer bringen. Denn ohne Familie ist eine Frau ein Niemand.

In der Denke des vietnamesischen Volkes, steht für eine Frau die Familie über allem. Auch wenn die Familie für sie die Quelle von körperlichem und psychischem Leiden ist. Eine tugendhafte Frau lässt ihr Kind niemals ohne dessen Vater aufwachsen. Selbst wenn dieser Mann sie täglich schlägt. Das sind die Gründe, warum viele Frauen sich entscheiden, die Gewalt jahrelang schweigend zu ertragen.

Wie ist die Situation für Frauen vor der Ehe?

Von Frauen wird implizit erwartet, dass sie vor der Ehe unschuldig, rein und ‚intakt’ sind. Auch wenn Sex vor der Ehe kein Tabu mehr ist, werden Frauen, die vor der Ehe Sex haben, als ‚befleckt’ angesehen. Sowohl sexueller Missbrauch als auch Sex vor der Ehe sind mit Scham verbunden. Wenn vietnamesische Mädchen einen Freund haben, bevor sie verheiratet sind, ist das für sie mit der Sorge verbunden, dass er sie verlässt und sie keinen neuen Partner finden.

Wie wäre die gängige Reaktion einer Frau, der bewusst wird, dass sie Opfer sexueller Gewalt geworden ist? Gibt es Frauen, die dagegen protestieren?

Es ist wahrscheinlich, dass Betroffene wegen der sozialen Stigmatisierung und der Angst, ihren Ruf und den der Familie zu beschädigen, schweigen. Hinzu kommt die Angst, nach einer Scheidung oder Trennung in eine noch schlimmere Situation zu geraten. Die gleiche Reaktion zeigen Eltern, deren Kinder sexuellem Missbrauch ausgesetzt waren.

Nur sehr wenige Menschen wagen es, zu protestieren. In der Regel haben sie sich damit abgefunden, alles zu verlieren. Denn die Opfer sexueller Gewalt wissen, dass sie nicht mit Unterstützung rechnen können. Stattdessen werden sie von der Gesellschaft verurteilt. Die Frauen können den Vorwurf erheben, ihr Mann sei gewalttätig, spielsüchtig oder alkoholabhängig. Aber den eigenen Ehemann wegen sexuellem Missbrauch anzeigen? Die Scham bei diesem Thema ist riesig.

Wie reagiert die vietnamesische Regierung auf das Problem der sexuellen Gewalt?

Die Regierung ist sich dem Problem bewusst. In mehreren Gesetzen und Verordnungen wird das Thema sexuelle Gewalt aufgegriffen. Beispielsweise im Gesetz zur Verhütung häuslicher Gewalt, im Arbeitsgesetz und im Strafgesetz. 2019 hat der Richterrat des Obersten Volksgerichts in der Resolution Nummer 6 detaillierte Definitionen zu verschiedenen Arten sexueller Gewalt festgehalten. Einschließlich Vergewaltigung und sexueller Belästigung. Früher wurde der Begriff Vergewaltigung sehr eng definiert, nämlich als Penis-Vaginal-Penetration. Heute fällt darunter z. B. auch ungewollter Oralverkehr. Das neue Arbeitsgesetz von 2019 enthält mehrere Bestimmungen zur sexuellen Belästigung am Arbeitsplatz.

Meiner Meinung nach reicht das aber noch nicht aus. Die Durchsetzung von Gesetzen ist eine andere Geschichte als ihr Erlass. Außerdem sind die Verantwortlichen in der Regierung ebenso Teil der vietnamesischen Gesellschaft und mit soziokulturellen Vorurteilen belastet. Fälle von sexuellem Missbrauch behandeln sie entsprechend.

Ein Beispiel: Es gibt eine Geschichte über einen Ehemann, der den Verdacht hegte, dass seine Frau ihn betrogen hatte. Als Bestrafung wickelte er seiner Frau eine Decke um die Hüfte, begoss diese mit Benzin und zündete sie an. Als die Familie das bei der Polizei zur Anzeige brachte, kommentierte der Polizist, er würde dasselbe tun, sollte seine Frau ihn betrügen.

Wie schlagkräftig sind die feministischen Bewegungen in Vietnam?

Ich kann sagen, dass es bis jetzt in Vietnam keine feministischen Bewegungen gegeben hat und gibt. Die Vietnamesische Frauenunion (VWU) ist nicht aus der Frauenbewegung hervorgegangen, sondern wurde von der Kommunistischen Partei Vietnams (KPV) gegründet, um deren politischen Zielen zu dienen. Die VWU gibt vor, sich aktiv für Frauen und den Schutz ihrer Rechte einzusetzen. Ihr eigentlicher Zweck besteht aber darin, Frauen politisch für die KPV zu mobilisieren.

Die #Metoo Bewegung ist in Vietnam nicht stark verbreitet und wird nicht von der Politik unterstützt. Männer wie Harvey Weinstein gibt es in Vietnam unzählige. Aber ihre politische Macht schützt sie. Vor Gericht landen sie nicht.

Es gibt feministische Gruppen, die sich gegen geschlechtsspezifische Gewalt und im Besonderen sexuelle Gewalt, einsetzen. Sie versuchen, die Öffentlichkeit zu mobilisieren, um den Druck auf die Regierung aktiver zu werden, zu erhöhen. Aber insgesamt ist die feministische Bewegung noch schwach. Sie muss gefördert werden, damit sie wachsen und mehr Frauen erreichen und mobilisieren kann. Nur wenn Frauen in der Lage sind, für sich selbst einzutreten und politische Schlagkraft zu entwickeln, sich zusammenzuschließen, können Fortschritte erzielt werden.

Ich glaube, dass es einen langsamen, aber stetigen Wandel gibt. Jetzt, da Frauen finanziell unabhängiger sind, werden sie sich ihrer Rechte bewusst und beginnen, aktiv nach Gleichberechtigung zu streben. Immer mehr lokale NGOs und Aktivist*innengruppen schließen sich zusammen, um die Probleme anzugehen. Ich bin zuversichtlich, was die positiven Veränderungen in der nahen Zukunft betrifft.

Übersetzung aus dem Englischen von: Eva Kunkel

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Kambodscha: Vartey Ganiva macht in ihren Songs auf Gewalt gegen Frauen und die Situation von Sexarbeiter*innen aufmerksam. Die Aktivistin Un Samphors leitet die Organisation ‚Moms Against Poverty’. Beide Frauen machen Themen öffentlich, die sonst selten gehört werden.

Als die #metoo-Bewegung 2017 ins Rollen kam, fand sie zunächst in den USA statt und verbreitete sich dann global weiter. Hatte die Entwicklung auch Auswirkungen auf Kambodscha?

Vartey Ganiva: Um ehrlich zu sein, habe ich das erste Mal davon gehört, als mich ein Journalist nach #metoo fragte. Ich habe es dann gegoogelt und ein Gefühl dafür bekommen, worum es bei #metoo geht und was Frauen einfordern.

Un Samphors: Die Bewegung war nicht sehr bekannt. Obwohl wir natürlich auch von den Strukturen betroffen sind, die die Bewegung verändern will. Die meisten Frauen hier haben vor einigen Jahren begonnen, sich über Gendergerechtigkeit zu informieren und versuchen, die Denkmuster, mit denen sie aufgewachsen sind, zu hinterfragen.

Kambodscha hat in den vergangenen Jahrzehnten schwierige Zeiten durchlebt. Was wisst ihr über die Erfahrungen von Frauen in diesen Konflikten?

VG: Meine Mutter und meine Großmutter haben erst vor kurzem begonnen, über diese Zeit zu sprechen. Ich glaube, die Menschen neigen dazu, mehr zu reden, je älter sie werden. Viele Frauen besaßen nach den Roten Khmer keinerlei Bildung. Wenn Eltern entscheiden mussten, welches ihrer Kinder zur Schule gehen durfte, fiel die Wahl immer auf den Jungen.

Als Folge daraus war der Frauenanteil innerhalb der Regierung sehr gering. Auch meine Mutter durfte nicht studieren. Meine Großmutter sagte immer, dass es ihre einzige Tochter sei, weshalb sie sich große Sorgen um sie mache. Sobald die Frauen verheiratet waren, stand immer der Mann im Mittelpunkt, als Ernährer der Familie.

Darüber hinaus hatten viele Familien Angst vor Vergewaltigung und Missbrauch während der Zeit der vietnamesischen Besetzung. Deshalb wurde den Mädchen nicht erlaubt, das Haus allein zu verlassen. Dadurch, dass nicht klar war, wer das Land regiert, wäre niemand dafür verantwortlich gewesen, wenn etwas passiert wäre.

US: Diese Geschichten zu hören, macht mich wirklich traurig und wütend. Männer hatten immer das Recht, zu tun was sie wollten. Sie konnten ihre Frauen schlagen, sie konnten ihre Affären mit zu sich nach Hause nehmen und kein Mensch hätte sich beschwert. Die Menschen hatten immer nur Angst, wenn es um die Sicherheit der Frauen ging.

In traditionellen kambodschanischen Vorstellungen von Familienbildern werden Frauen oft nur als die Personen angesehen, die für die Hausarbeit verantwortlich sind. Wenn Frauen mit einem Mann ausgegangen wären, hätten die Nachbar*innen sich gefragt, ob sie sich verkaufen. Es wäre ihnen schlicht nicht erlaubt worden, sich ihren Freund oder Ehemann selbst auszusuchen.

VG: Selbst ich durfte, als ich 15 Jahre alt war, nicht allein ausgehen. Vielen Frauen wird gesagt, dass sie keinen Ehemann finden, wenn sie sich nicht an die Regeln halten.

Das hängt auch mit dem Glauben an die Jungfräulichkeit zusammen: Wenn eine Frau keine Jungfrau mehr ist, wird sie als nutzlos betrachtet.

Aber heutzutage gibt es eine Menge Veränderungen in Kambodscha. Frauen sind stark genug, für sich selbst einzustehen und streben danach, zukünftig in vielen Bereichen Führungsrollen einzunehmen. Den Eindruck hatten wir auch bei den Podiumsdiskussionen, die wir geführt haben.

In welchen Kontexten ist Gewalt gegen Frauen heute Teil des Alltags? Welche Machtstrukturen gehen dieser Gewalt voraus?

VG: Kambodschanische Männer neigen oft dazu, ihre Privilegien als selbstverständlich anzusehen. Ein Beispiel dazu von unserem Vortrag in Battambang: Ein Mann dort meldete sich und fragte uns, ob es überhaupt nötig sei, dieses Thema zu behandeln. Es war offensichtlich, dass er sich unwohl damit fühlte, dass nur Frauen auf dem Podium saßen. Er verstand die Diskussion als einen Angriff gegen alle Männer und als einen Versuch, die Männer in Kambodscha zu unterdrücken.

Aber das ist es nicht, was wir wollen. Wir fordern einfach Gleichberechtigung, damit Frauen nicht von ihren Ehemännern, Brüdern oder Vätern abhängig sind. Wir wollen, dass auch Männer Frauen unterstützen, damit diese für sich selbst entscheiden können. Ich muss sagen, dass ich in Kambodscha viele Fortschritte sehe, was das angeht. Auch für Männer gibt es mehr Bildungsangebote zu Gendergerechtigkeit und viele von ihnen unterstützen Frauen. Und auf der anderen Seite zögern Frauen nun weniger, kritische Fragen zu stellen und die Ziele, die sie sich gesetzt haben, zu erreichen.

US: Gendergerechtigkeit kann so viel schneller und besser erreicht werden, wenn sowohl Männer als auch Frauen an diesen Themen arbeiten. Wir wissen, dass Frauen gute Führungspersönlichkeiten sein können, das sehen wir schon von klein auf. Heutzutage ist der Anteil von Frauen an Universitäten in Kambodscha höher als der von Männern.

Männer neigen dazu, Bildungschancen weniger wahrzunehmen, weil sie gewohnt sind, Machtpositionen innerhalb der Gesellschaft zu besitzen. Frauen fordern einfach die gleiche Stellung innerhalb unserer Gesellschaft ein. Das ist das Einzige, was wir versuchen zu erklären.

Ihr wollt, dass Menschen über Fragen nachdenken, die Umwelt, Armut oder andere soziale Probleme betreffen. Kann Musik dabei ein besonderes Mittel sein, diese Anliegen zum Ausdruck zu bringen?

VG: Die Art von Musik, die ich mache, unterscheidet sich von vielen anderen Künstler*innen in Kambodscha. Ich möchte die sozialen Entwicklungen in meinem Land widerspiegeln und die Probleme ansprechen, die ich sehe. Wenn meine Videos im Fernsehen gespielt werden, kann ich damit viele Menschen erreichen. Darüber hinaus teile ich viele meiner Gedanken über soziale Medien mit anderen Menschen.

Musikvideo ,Chob Cher‘ (Stopp den Schmerz) von Vartey Ganiva:

Wovon handelt dein letztes Musikvideo, das im Februar veröffentlicht wurde?

VG: Einer der Schwerpunkte meines neuesten Songs, ,Chob Cher‘ (Stopp den Schmerz), ist Sexualaufklärung und insbesondere Aufklärung über Sexarbeiter*innen in Kambodscha. Ich habe versucht, diese Themen mit einigen Szenen im Video abzubilden. Oft wurde ich gefragt: Wofür steht bitte dieser Büffel in deinem Video? Warum interessierst du dich für Sexarbeit? Vor allem Teenager konnten den Kontext anfangs nicht verstehen.

US: Die Botschaft, die wir vermitteln wollten, richtet sich vor allem an junge Frauen: Habt keine Angst, seid mutig, geht hinaus und setzt eure Träume in die Tat um! Es ist an der Zeit, euer Potenzial zu nutzen und optimistisch in die Zukunft zu schauen.

VG: Natürlich habe ich gutes und schlechtes Feedback für den Song bekommen. Das Argument einiger Menschen war, dass es so viele andere Berufe gibt, dass es keinen Grund gebe, Sexarbeiter*in zu werden. Aber viele bedenken dabei nicht, dass dieser Job leicht zugänglich ist und schnell Geld einbringt. Andere Jobs bringen vielleicht nicht genug Geld, um die Familie zu unterstützen. Daher bleibt vielen Frauen oft nichts Anderes übrig, als ihren Körper zu verkaufen.

US: Viele Menschen in Kambodscha blicken auf Sexarbeiter*innen herab. Selbst wenn sie ihre Arbeit wechseln wollen, gibt es wenig andere Berufe, in denen sie akzeptiert würden. Viele von ihnen leiden aufgrund der Situation unter psychischen Problemen.

Diese Umstände verschlimmern sich durch die Covid-19 Krise gerade. Einige der Frauen, die vorher in KTVs (Karaoke Bars) oder Restaurants gearbeitet haben, haben ihren Arbeitsplatz verloren und wurden so in die Sexarbeit gezwungen. Sie haben einiges an Geld verdient, das sie nach Hause zu ihren Familien schicken konnten. Diese waren froh darüber, Unterstützung zu erhalten. Aber wenn die Familien erfahren, womit die Frauen ihr Geld verdienen, werden viele von ihnen verstoßen. Dabei kann Sexarbeit eine Basis dafür sein, Geld anzusparen und anschließend eine andere Arbeit zu wählen.

VG: Während unserer Veranstaltung in Battambang fragte ein Mann, warum Frauen einen Job mit einem so schlechten Ruf wählen würden. Eine Frau antwortete: „Nun, an wen verkaufen Frauen denn diese Dienstleistung? Wenn Männer diese Dienste nicht mehr in Anspruch nehmen würden, wäre diese Art von Einkommen gar keine Option für uns.“

Dazu passt auch das Victim-Blaming in Kambodscha gegenüber Frauen, die vergewaltigt werden. Oft wird Frauen vorgeworfen, zu kurze Röcke zu tragen, anstatt von Männern zu verlangen, sich zu beherrschen. Das ist kein Problem der Frauen, sondern ein Problem der männlichen Bevölkerung. Über lange Zeit wurden diese Denktraditionen einfach nicht in Frage gestellt. Deshalb wollte ich in meinem Video einen Fokus darauf legen, um Sexarbeiter*innen zu repräsentieren.

Was für Reaktionen gab es von den Menschen, die zu euren Veranstaltungen in Battambang und Phnom Penh gekommen sind?

VG: Wir waren sehr beeindruckt von dem Feedback, das wir von den Menschen erhalten haben. Überraschenderweise beteiligten sich viele Mönche an der Diskussion. Ich dachte vorher immer, dass diese Themen für Menschen, die in den Pagoden dienen, eine Art Tabu darstellen.

US: Ich war froh zu sehen, wie die Gespräche die Frauen motiviert haben. Sie wirkten nicht nervös oder schüchtern und stellten viele Fragen oder teilten ihre Ansichten über geschlechtsspezifische Ungleichgewichte. Da nicht viele Frauen in Kambodscha in der Lage sind, sich Gehör zu verschaffen, ermutigten uns viele Teilnehmerinnen dazu, ihre Position zu vertreten und mit unserer Arbeit fortzufahren. Sie unterstützen uns sehr und geben uns ein gutes Gefühl bei dem, was wir tun.

Habt ihr Angst davor, durch die Regierung in eurer Arbeit eingeschränkt zu werden?

VG: Eins meiner Lieder, ,Evil Husband‘, durfte tatsächlich nicht im nationalen Fernsehen gespielt werden. Um die Erlaubnis zu bekommen, es zu senden, hätte ich den Titel ändern müssen. Das kam für mich zu keinem Zeitpunkt in Frage. Bei ,Chob Cher‘ sah ich mich keinerlei Einschränkungen durch die Behörden ausgesetzt. Das mag auch daran liegen, dass das Thema Liebe, welches der Song aufgreift, nicht allzu viel mit Politik zu tun hat.

US: Das Verbot von ,Evil Husband‘ ist wirklich sehr ironisch. Das Video enthält eine aufmunternde Botschaft, denn am Ende des Liedes verändert sich der Ehemann zum Besseren. Aber das war für die Behörden scheinbar nicht genug, um den Song zu senden.

VG: Ich werde immer versuchen, meine Texte mit der Situation in Kambodscha und dem politischen Status quo zu verbinden. Mein Hauptanliegen dabei ist es, junge Menschen dafür zu begeistern, Veränderungen für eine bessere Zukunft zu fordern.

Interview und Übersetzung aus dem Englischen von: Simon Kaack

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1 | 2018, Indonesien, Rezensionen,
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Kenntnisreiche Einführung in die indonesische Gegenwartskunst

In Indonesien ist sexualisierte Gewalt allgegenwärtig. Dennoch werden Gesetze zum Schutz der Überlebenden immer wieder verschoben. Ein Interview mit der Wissenschaftlerin Sabina Puspita über den Umgang mit sexualisierter Gewalt und neue Initiativen dagegen.

Während der Proteste in Jakarta zum Internationalen Frauentag 2020, kam es zu sexuellen Übergriffen gegen Demonstrant*innen. Was ist passiert? Und wie bewerten sie den Umgang mit den Vorfällen seitens der Organisator*innen?

Der Internationale Frauentag 2020 in Jakarta wurde von sehr diversen Vereinen organisiert, die bisher keine Aktionen gemeinsam veranstalteten. Hauptorganisator*innen waren die Gruppierung Women’s March Jakarta – nach dem US-amerikanischen Vorbild des Women’s March on Washington –, die Allianz der indonesischen Frauenbewegung gegen Gewalt (GERAK Perempuan) und einer der größten Dachverbände der Arbeiter*innengewerkschaften (Konfederasi Kongres Aliansi Serikat Buruh Indonesia KASBI), derzeit angeführt von Gewerkschafterin Nining Elitos.

Die Zusammenarbeit zwischen den divergierenden Frauenorganisationen und den Gewerkschaften ergab sich, weil am 8. März 2020 gleich gegen zwei Gesetzesentwürfe protestiert werden sollte, das Familienresilienzgesetz und das so genannte Omnibus Gesetz. Letzteres wurde als Arbeitnehmer*innengesetz deklariert. In Wirklichkeit handelt es sich hierbei jedoch um ein Gesetz, das sich auf die Seite von Arbeitgeber*innen und insbesondere Investor*innen stellt [vgl. Artikel zum Omnibus-Gesetz auf suedostasien.net]. Die Kritik am Familienresilienzgesetz beruht darauf, dass das Gesetz einen großen Rückschritt für Frauenrechte in Indonesien darstellt. Frauen würden dadurch domestiziert und ihre Arbeit teilweise kriminalisiert werden.

Einer der wichtigsten Erfolge der Demonstration war für mich, dass ich zum ersten Mal einen Protestwagen gesehen habe, an dem die Gewerkschaftsflagge und die LGBT-Flagge gemeinsam befestigt waren. Dies ist kein alltägliches Bild in Indonesien.

Auf der Demonstration kam es zu Belästigungen von Frauen* durch Männer – vermeintlich Gewerkschafter -, die gemeinsam mit uns demonstrierten. In den Medien wurde diese Tatsache als Scherz dargestellt. Was für eine Ironie, dass am Internationalen Frauentag Frauen* nicht von Zuschauern belästigt werden, sondern von Mitdemonstrierenden.

Trotz der Vorfälle bezeichne ich die Organisator*innen als eine der widerstandsfähigsten ‚Movers‘ und ‚Shakers‘ der modernen politischen Geschichte Indonesiens, weil sie sofort auf die Vorfälle reagiert haben. Sie haben sofort Hotlines eingerichtet und an die Personen appelliert, sich zu melden, wenn sie belästigt wurden. Seitdem versuchen sie, mit allen Mitteln, die Betroffenen zu unterstützen. Des Weiteren sind sie dabei, zu kalkulieren, wie hoch die Anzahl an Belästigungen war und welche Formen von Belästigung stattfanden.

Auch Nining Elitos hat zu den Vorfällen Stellung bezogen und sich bei den Betroffenen entschuldigt. Sie kündigte an, dass innerhalb der Gewerkschaften Bildungsmaßnahmen für mehr feministische Ideale eingeführt werden müssen. Sie sind die widerstandsfähigsten ‚Movers‘ und ‚Shakers‘, weil sie sich, anders als andere indonesische Akteur*innen, konstruktiv mit den Problemen von sexualisierter Gewalt in den eigenen Reihen auseinandersetzen und den Betroffenen nicht die Schuld zuschieben.

Schon 2018 gab es ein verstärktes mediales Interesse an der Aufarbeitung von sexuellen Belästigungsfällen, angetrieben durch den sogenannten ‚Agni’ Fall. Agni ist das Pseudonym einer Studentin, die während ihres von der Universität organisierten Gemeinschaftsdienstes von ihrem Kommilitonen sexuell missbraucht wurde. Warum konnte Ihrer Meinung nach gerade der Agni-Fall so viel öffentliche Aufmerksamkeit auf sich ziehen?

Die Medien spielen dabei sicherlich eine Rolle, jedoch war auch die Frauenbewegung hierbei ausschlaggebend. Agni ging zu einer sehr starken Frauenorganisation namens Rifka Annisa, einem Krisenzentrum in Yogyakarta für Frauen, die Gewalt erfahren haben. Rifka Annisa war empört über die zahlreichen sexuellen Übergriffe an indonesischen Universitäten und konsultierte engagierte aktivistische Journalist*innen, um eine weit umfassendere Berichterstattung über sexuelle Gewalt an Universitäten zu ermöglichen. Unter dem Hashtag #namabaikkampus sammelte ein journalistisches Konsortium aus den Zeitungen Tirto, Jakarta Post und Vice Fälle von sexueller Gewalt an indonesischen Universitäten. Dies war sicherlich auch von den Erfahrungen aus der #metoo Bewegung oder ähnlichen Bewegungen gegen Campusvergewaltigungen an US-amerikanischen Universitäten geprägt.

Dass der Fall von Agni eine solch besondere Stellung erreicht hat, liegt unter anderem auch daran, dass sich dies an der Gadjah Mada Universität (UGM) in Yogyakarta ereignete, jener Universität, an der auch Präsident Joko Widodo und eine Reihe anderer Minister studiert haben. Es ist also nicht lediglich eine der größten Universitäten Indonesiens, sondern in diesem Moment der Geschichte ebenfalls die Universität der mächtigen Menschen. Erschütternd an diesem Fall ist außerdem der schreckliche Umgang mit dem Vorfall vonseiten der UGM. Man würde meinen, dass die Top-Universität in Indonesien wissen sollte, wie sie mit Fällen von sexualisierter Gewalt umzugehen hat.

Es ist sehr schwer für mich zu akzeptieren, wie solche Gewalt zugelassen werden kann. Ich verstehe auch die Unfähigkeit der meisten Menschen in Indonesien nicht, insbesondere die der Universitätsverwaltung, die Situation nicht zu kontextualisieren und stattdessen starr auf Regeln zu achten. Selbst wenn Regeln gebrochen werden, müssen wir das, was tatsächlich passiert ist, in Kontext mit den bestehenden Regeln setzen und jene Regeln notfalls beiseite legen. Universitätsadministrator*innen scheinen jedoch nur in seltenen Fällen, beispielsweise bei Plagiatsfragen, in Fragen der Integrität von Wissenschaftler*innen oder in Fragen der akademischen Freiheit nachlässig mit Regeln umzugehen.

Welche Möglichkeiten sehen Sie dann für Überlebende von sexualisierter Gewalt speziell auf Universitäten bezogen?

Derzeit gibt es keine institutionalisierten Mechanismen zum Umgang mit sexueller Belästigung. Die UGM hat erst nach dem Agni-Fall damit begonnen, sich diesem Thema zu widmen. Empfehlungen wurden geschrieben, institutionell durchgesetzt wurde jedoch noch nichts. Gemeinsam mit dem Ministerium für Bildung und Kultur arbeite ich daran, Vereinbarungen zu erstellen, um den Umgang von Universitäten zu verbessern.

Bisher wenden sich Überlebende jedoch zunächst an Freunde für Unterstützung. Das Problem dabei ist, dass diesen häufig nicht bewusst ist, dass Vertraulichkeit der Schlüssel zur Wiederherstellung des psychischen Zustands ihrer Freunde ist. Und so verbreiten sie manchmal die Vorfälle in sozialen Medien. Andere, wie im Agni-Fall, wenden sich an die Studierendenzeitung und/oder an Frauenrechtsorganisationen, wie Lembaga Bantuan Hukum APIK (LBH APIK), einem Rechtsbeistand für Frauen mit sexueller Gewalterfahrung oder an die Nationale Frauen Kommission (Komnas Perempuan), die sie dann an regionale NGOs weiterleiten.

Ein weiterer Fall, der vor kurzem große mediale Aufmerksamkeit erreichte, ist der Fall von Ibrahim Malik, einem sehr angesehenen ehemaligen Studenten der Islamischen Universität Indonesien (UII), der mit vielen Preisen und Stipendien ausgezeichnet wurde und derzeit in Australien studiert. Nun wendeten sich 30 Studentinnen der UII an den Rechtsbeistand der LBH APIK in Yogyakarta, nachdem die Universitätsverwaltung keine Maßnahmen ergriffen hatte, und berichteten von den sexuellen Übergriffen, die sie durch ihn erlitten hatten. Nach breitem öffentlichem Druck, unter anderem durch den #NamaBaikKampus erkannte die UII ihm seine universitären Auszeichnungen ab. Vermutlich will er nun jedoch eine Verleumdungsklage einreichen. Seine Chancen hierbei stehen nicht schlecht, denn er ist ein muslimischer Geistlicher, der viele renommierte Preise gewonnen hat. Gleichzeitig hat Indonesien kein nationales Gesetz, das Menschen vor sexueller Belästigung schützt.

Es kann – wie oben genannte Fälle zeigen – argumentiert werden, dass Gewalt an Frauen in hohem Maße mit Machtstrukturen verbunden ist. Inwiefern würden Sie sagen, beeinflussen die institutionellen Strukturen an Universitäten in Indonesien das Leben von Frauen auf dem Campus?

Meine Hypothese ist: Die Struktur wird durch das Heiratsgesetz von 1974 aufrechterhalten. Das Gesetz ist bis heute nicht revidiert worden und ich habe das Gefühl, dass sich das Land nicht fortbewegen kann, solange wir an diesem Gesetz festhalten. Nach diesem Gesetz sollten Frauen nur Hausfrauen sein. Das darauf basierende Familienkartensystem ist unter heutiger Betrachtung ebenfalls absurd. Das System beinhaltet die soziale und physische Restriktion der Bewegungsfreiheit von Frauen. Durch das Kartensystem werden Männer zu Hausherren gemacht.

In Indonesien haben wir jedoch auch viele abwesende Ehemänner und Väter. Doch auch wenn diese abwesend sind, werden Frauen nicht zum Haushaltsvorstand erklärt, außer sie sind geschieden oder verwitwet. Alleinstehende oder geschiedene Frauen werden jedoch in Indonesien noch stark stigmatisiert, insbesondere in ländlichen Regionen. Das Kartensystem führt daher bis heute dazu, dass Frauen keine Hauseigentümerinnen werden können und keine administrativen Tätigkeiten ohne die Unterschrift eines Mannes durchführen können.

Zusätzlich zu den veralteten Gesetzen kommt ein juristisches Vakuum hinzu. Beispielsweise gibt es lediglich ein Gesetz zu Kindesmissbrauch und ein Gesetz zu Vergewaltigungen. Die Spannbreite dazwischen – also sexuelle Belästigung – ist nach dem indonesischen Recht nicht abgedeckt. Gleichzeitig ist die Definition von Vergewaltigung so eng und spezifisch, dass lediglich die Penetration der Vagina durch einen Penis als Vergewaltigung eingestuft wird. Damit wird außer Acht gelassen, dass die Vagina mit ganz anderen Dingen penetriert werden kann, wodurch rechtsfreie Räume für sexualisierte Gewalt existieren. Die Höchststrafe für Vergewaltiger liegt mit maximal 12 Jahren Gefängnis außerdem weit unter dem Strafmaximum von Hochverrat (20 Jahre).

Die veralteten Gesetze und das Rechtsvakuum erschaffen daher ein Bild, in dem Frauen weniger wert sind als Männer und legitimieren dadurch gewaltvolles Verhalten. Es ist also nicht lediglich das Hochschulsystem, es greift viel tiefer.

Sie sprechen vom Ziel der Gleichberechtigung. Welchen Ausblick haben Sie für die nächsten 5-10 Jahre? Was wird sich Ihrer Meinung nach im Hinblick auf sexualisierte Gewalt an Universitäten und in der Gesellschaft verändern?

Ich bin optimistisch, dass junge Menschen sich des Themas stärker bewusstwerden, nach Rechenschaft streben und dadurch auch andere Generationen beeinflussen. Bewusstsein allein reicht jedoch nicht. Es muss auch eine gesetzliche Veränderung herbeigerufen werden, damit Fälle von sexueller Belästigung auch tatsächlich bearbeitet und gelöst werden.

Solange wir ein Gesetz über Vergewaltigung haben, dass Vergewaltigern ein geringeres Strafmaß zusichert als Menschen, die Hochverrat begehen, wird es keine großartigen Aussichten für eine umfassende Verfolgung von sexuellen Belästigungen an Universitäten geben. Ein Grund, weshalb Menschen an Universitäten sexuelle Belästigung begehen, ist: Sie wissen, dass sie damit durchkommen können. Um diesem Zustand etwas entgegen zu setzen, braucht es jedoch eine große Anzahl von Politiker*innen, wie dem Bildungsminister Nadiem Makariem, die sich tatsächlich für eine Gesetzesänderung einsetzen. Ich denke jedoch nicht, dass dies in den nächsten fünf Jahren geschehen wird.

Autorinnenhinweis: Wenige Tage nach dem Interview mit Sabina Puspita entschied das nationale Parlament, die Beratungen über das Vorantreiben des Gesetzes gegen sexuelle Belästigung und sexualisierte Gewalt (RUU P-KS) zurückzuziehen.

Interview und Übersetzung aus dem Englischen von: Lina Knorr

 

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1 | 2018, Indonesien, Rezensionen,
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Kenntnisreiche Einführung in die indonesische Gegenwartskunst

Myanmar: Der Schutz vor häuslicher und sexualisierter Gewalt und die Beteiligung von Frauen an sozialen und politischen Veränderungsprozessen stehen im Fokus der Arbeit des Frauenrechtsnetzwerks ‚Women’s League of Burma’ (WLB). Ein Gespräch mit der Vorsitzenden Lway Poe Ngeal über Herausforderungen und Entwicklungen

Welche Erfahrungen haben dazu geführt, dass du dich für Frauenrechte einsetzt?

Ich gehöre zu den Ta’ang, einer ethnischen Gruppe aus Nord-Burma. Seit ich denken kann, gibt es in meinem Dorf Kämpfe zwischen Rebellengruppen und dem burmesischen Militär. Meine Familie und alle Dorfbewohner*innen wurden vertrieben, das Militär brannte unsere Reisfelder nieder und beschlagnahmte unser Eigentum.

In meinem Dorf gab es keine weiterführende Schule. Mädchen konnten nur zur Grundschule gehen. Die Jungen wurden auf weiterführende Schulen geschickt, aber die Mädchen mussten auf den Reis- und Teefeldern arbeiten gehen. Die Eltern hielten es für zu gefährlich, wenn ihre Töchter weite Wege zurücklegen müssen. Außerdem würden sie sowieso heiraten und von ihren Ehemännern versorgt. Ich habe mich schon immer gefragt, warum das so ist und fand es ungerecht. Ich selbst hatte Glück. Als erstes Mädchen in unserem Dorf konnte ich die Oberschule besuchen. Nach meinem Abschluss habe ich die Kinder im Dorf unterrichtet.

Dann bekam ich die Chance, bei der Ta’ang Women Organization (TWO), die die Bildung junger Frauen fördert, Workshops über Menschenrechte zu besuchen. Das hat mich motiviert und ich wollte herauszufinden, warum Frauen sich in unserem Land nicht aktiv an der gesellschaftlichen und politischen Entwicklung beteiligen können. TWO schickte mich 2004/2005 nach Thailand, wo ich an Kursen über Menschen- und Frauenrechte, Demokratie und Föderalismus teilnahm und Englisch und die Arbeit mit dem Computer lernte. In Thailand traf ich zum ersten Mal Menschen anderer ethnischer Gruppen aus Burma. Wegen der staatlichen Propaganda hatte ich vorher nie etwas über die ethnische Vielfalt in unserem Land gehört. In dieser Zeit wurde mir auch erst bewusst, dass Frauen im ganzen Land unter sexueller und häuslicher Gewalt leiden. Vorher hatte ich angenommen, dass das nur in meinem Dorf passiert. Danach war mir klar, dass ich mich für Frauen, Geschlechtergerechtigkeit und für ein Ende der Gewalt gegen Frauen einsetzen wollte.

Wie verlief dein beruflicher Einstieg in die Frauenrechtsarbeit?

Ich arbeite seit zehn Jahren für TWO. Zunächst war ich Trainerin für Frauen- und Menschenrechte und Demokratie. Ich habe auch Menschenrechtsverletzungen des burmesischen Militärs dokumentiert. Das war eine sehr gefährliche Arbeit, die wir heimlich durchführen mussten. Die Ergebnisse haben wir veröffentlicht und für Advocacy für den Schutz vor Menschenrechtsverletzungen durch das Militär genutzt. Später habe ich dann die Leitung von TWO übernommen. Heute vertrete ich TWO in der WLB, einem Dachverband von 13 ethnischen Frauenorganisationen, und bin eine der drei Vorsitzenden.

Welche Zielsetzungen hat die WLB?

Wir setzen uns für eine föderale demokratische Union und für soziale Gerechtigkeit in Burma ein. Unser Ziel ist es, besondere die Beteiligung von Frauen an öffentlichen Entscheidungsprozessen zu stärken. Außerdem wollen wir eine feministische Bewegung im Land schaffen.

Wie ist die Situation von Frauen in den ethnischen Staaten?

Die Diskriminierung von Frauen im ganzen Land ist gewaltig und systemisch verankert. Häusliche und sexuelle Gewalt ist allgegenwärtig. Zwar können Vergewaltigungen vor ein Gericht gebracht werden, aber es gibt keine wirkliche Gerechtigkeit.

Frauen in den abgelegenen Gebieten der ethnischen Staaten leiden oft mehrfach, sowohl unter der Ungleichbehandlung in Traditionen und Bräuchen als auch unter sozialer und rechtlicher Benachteiligung und sexueller Gewalt. Besonders schlimm ist die Situation in den Gebieten, in denen ethnische bewaffnete Gruppen für föderale Strukturen oder gar Autonomie gegen das burmesische Militär kämpfen. Die zahlreichen Vergewaltigungen und anderen sexuellen Straftaten durch das staatliche Militär können nicht vor ein Zivilgericht gebracht werden. Das ist die größte Herausforderung, vor der wir zurzeit stehen.

Wie reagieren Familie und Freunde, wenn eine Frau sexuell belästigt, missbraucht oder vergewaltigt wurde?

Die meisten Überlebenden von sexueller Gewalt, Vergewaltigung und Menschenhandel können nicht mehr in ihre Dörfer zurückkehren. Die Gemeinschaft akzeptiert sie nicht mehr. Sie werden verspottet und selbst die Familie und Verwandten lästern über sie. Die meisten Männer schauen auf diese Frauen herab und denken: „Aha, sie wurde vergewaltigt; dann können wir das auch mit ihr machen.“ Viele der Frauen bekommen psychische Probleme. Um ihren Lebensunterhalt verdienen zu können, ziehen die meisten schließlich weg.

Wie stehen die religiösen Führer*innen zu geschlechtsspezifischer Gewalt?

Buddhistische Institutionen diskriminieren Frauen, unabhängig davon, wo praktiziert wird. Das sieht man am ungleichen Umgang mit Mönchen und Nonnen. Jeder, der eine Mönchsrobe trägt, wird von der Gemeinde verehrt. Nonnen wird aber nicht der gleiche Respekt entgegengebracht. In meiner Arbeit habe ich mit vielen Überlebenden zu tun, die von Mönchen vergewaltigt wurden. Aber die Menschen in den Gemeinden halten weiter daran fest, sie zu verehren.

Wie werden Frauen- und Geschlechterfragen auf politischer und rechtlicher Ebene behandelt?

Seit Jahrzehnten leiden Frauen, die über 50 Prozent der Gesamtbevölkerung ausmachen, unter systemischer Gewalt. Auf der politischen Entscheidungsebene sind sie nicht angemessen vertreten. Nur 13 Prozent der Unions-Abgeordneten sind Frauen. Ohne eine parlamentarische Repräsentation sind Frauen in der Hand von Männern und können nicht über ihre Interessen entscheiden.

Einen rechtlichen Schutz für Frauen gibt es nicht. Sexuelle Gewalt, sogar die Vergewaltigung von Kindern, nimmt zu. Die meisten Frauenrechtsaktivist*innen setzen sich für ein Gesetz zur Prävention und zum Schutz von Frauen vor Gewalt ein. Ein entsprechender Entwurf wird seit über sieben Jahren diskutiert. Der erste Entwurf, der gemeinsam mit der Zivilgesellschaft erarbeitete wurde, schloss alle sexuellen Straftaten im ganzen Land ein. Aber nach der Überarbeitung durch Rechtsberater der Regierung, können Militärangehörige für Vergewaltigungen und andere sexuelle Straftaten nicht belangt werden. Das würde bedeuten, dass Frauen aus den ethnischen Staaten und besonders aus den umkämpften Gebieten immer noch keinen rechtlichen Schutz hätten.

Zudem erkennt der Gesetzesentwurf nur eine Vergewaltigung als Straftat an, aber keine anderen sexuellen Übergriffe. Und die Beweislast liegt beim Opfer. Das halten wir nicht für richtig. Deshalb wollen wir nicht, dass das Gesetz in der vorliegenden Form verabschiedet wird. Die Frauenorganisationen, die das Gesetz vorgeschlagen haben, versuchen, es nun zu verhindern.

Welche Rolle spielt Aung San Suu Kyi als Staatsrätin für die Gleichstellung von Frauen?

Aung San Suu Kyi ist keine Feministin. Sie spricht nie über die Gleichstellung der Geschlechter, die Beteiligung von Frauen an politischen Entscheidungsprozessen und ihren Schutz. Sie scheint keine Perspektive für unser Land zu haben, die Geschlechter-Fragen berücksichtigt. Sie sagte einmal, wenn Frauen die entsprechende Qualifikation hätten, könnten sie auch Führungskräfte werden und politische Ämter übernehmen. Die NLD [National League for Democracy, die Partei Aung San Suu Kyi’s, d.Red.] hat diese Haltung in ihre Politik integriert und fördert die Beteiligung von Frauen nicht aktiv.

Als Frauenorganisation setzen wir uns für eine Frauenquote von mindestens 30 Prozent auf den politischen Entscheidungsebenen ein. Die meisten Männer machen Witze über die Quote, auch Aung San Suu Kyi. Ihr fehlt der Wille, die Gleichstellung der Geschlechter zu fördern. Sie hat keinen Plan, das Leiden von Frauen, auch in den ethnischen Staaten, zu beenden.

Aber es geht nicht nur um Frauen. Im jetzigen Parlament gibt es auch keine Vertretung von Muslim*innen, der LGBT-Community oder von Menschen mit Behinderung. Ohne ihre Einbeziehung kann man das Land nicht zu Versöhnung und Gerechtigkeit führen.

Wie könnte sich die Enttäuschung von Frauen über Aung San Suu Kyi auf die Parlamentswahlen im November 2020 auswirken?

Viele Menschen aus den ethnischen Staaten, nicht nur Frauen, sind verärgert. Wir haben viel Hoffnung in Aung San Suu Kyi gesetzt. Als sie unter Hausarrest stand, haben wir uns für sie eingesetzt und mit der internationalen Gemeinschaft für ihre Freilassung gearbeitet. Nicht nur ethnische Frauen, auch Burmaninnen denken so. Wir haben auch gehofft, dass die NLD Geschlechterfragen und die Gleichstellung der ethnischen Gruppen in den Regierungsgremien thematisiert.

Andererseits gibt es viele Menschen in Burma die immer noch auf Aung San Suu Kyi setzen.

Treten Frauenaktivist*innen trotz ihrer unterschiedlichen ethnischen Herkunft gemeinsam auf?

Wir arbeiten in einem losen Netzwerk zusammen. Wir treffen uns monatlich mit anderen Organisationen in Rangun und arbeiten zum Beispiel an dem erwähnten Gesetzesentwurf. Die WLB beteiligt sich aber nicht an direkten Gesprächen mit der Regierung, sondern wir bringen uns durch unsere Bündnisse ein.

Wir haben auch eine Allianz zur UN-Konvention zur Beseitigung jeder Form von Diskriminierung der Frau gegründet und fordern die Regierung auf, sie umzusetzen. Wir machen gemeinsame Advocacy für Frauenrechte beim Unionsparlament in Nay Pyi Taw, aber auch in den Staaten und Regionen von Burma. Die meisten Abgeordneten sind Männer. Wir mussten feststellen, dass die meisten die UN-Frauenrechtskonvention nicht kannten, ebenso andere UN-Resolutionen, die Burma unterzeichnet hat. Unsere Arbeit besteht in erster Linie in Sensibilisierung und Empowerment.

Dann konzentriert Ihr Euch gerade mehr auf Männer in öffentlichen Ämtern?

Ja, in letzter Zeit haben wir darüber nachgedacht, uns mehr auf die Bewusstseinsbildung von Männern zu konzentrieren, da sie nicht viel über Frauenfragen und die Rechte von Frauen wissen und sie nicht berücksichtigen. Dadurch hoffen wir, dass sie unsere Forderungen akzeptieren.

Welche Fortschritte siehst Du in Eurer Arbeit?

In der Vergangenheit hatten die Menschen noch nie von der Frauenrechtskonvention gehört, wussten nichts über die Auswirkungen von Geschlechterfragen oder über Demokratie und Föderalismus. Heute spricht man über diese Themen.

Außerdem können Frauenorganisationen endlich Fragen der Gleichstellung ansprechen und den rechtlichen Schutz von Frauen diskutieren. Informationen in den sozialen Medien wirken sich ebenfalls positiv aus. Immer mehr Frauen wagen es, sich an Organisationen zu wenden, um Vergewaltigungen, sexuelle und häusliche Gewalt zu melden. In der Vergangenheit trauten sich Frauen nicht, offen darüber zu sprechen. Es war eine verbreitete Haltung, die Familie zu schützen. Niemand hätte sich über einen gewalttätigen Ehemann beschwert.

Das ist heute anders. Weil Organisationen wie die WLB das Bewusstsein der Gemeinden geweckt hat, sind immer mehr Menschen bereit, Vorfälle zu melden. So können wir Fälle von Gewalt gegen Frauen für unsere Berichte dokumentieren. Das sind positive Entwicklungen.

Auf nationaler Ebene haben wir noch nicht erreicht, dass Frauen in den Friedensprozess und in politische Entscheidungen einbezogen werden. Aber es ist eine Errungenschaft, dass wir zumindest mit den Abgeordneten sprechen können.

Wir müssen Schritt für Schritt vorangehen. Im Moment kämpfen wir noch immer für ein Gesetz zum Schutz von Frauen vor Gewalt. 2013 hat die Regierung den Nationalen Strategieplan zur Förderung der Frauen verabschiedet, der bis 2022 umgesetzt werden soll. Bis jetzt gibt es nicht einmal eine Durchführungsstelle. Wir wissen noch nicht, ob die Regierung den Plan verlängern wird, aber es ist dennoch eine Chance, sie zur Umsetzung zu drängen, selbst wenn Frauen aus den Konfliktgebieten ausgeschlossen sind.

Eine Verbesserung sehe ich auch in der Kooperation der Zivilgesellschaft mit dem öffentlichen Dienst, besonders der Polizei und Justiz. Früher waren sie lediglich eine Säule im Regierungssystem, das die Zivilbevölkerung unterdrückte. Heute können wir mit ihnen sprechen und ihnen Wissen über Menschen- und Frauenrechte vermitteln, so dass ihre Arbeit den Menschen mehr zu Gute kommt. Allerdings ist es noch immer schwierig, Richter zu erreichen, da sie vielen Einschränkungen durch die Regierung unterliegen.

Welche Rolle spielen internationale Frauenrechts- und Feminismusbewegungen für die Unterstützung von Frauenrechtsaktivist*innen in Myanmar?

Die WLB war die erste zivilgesellschaftliche Organisation, die Schattenberichte für die UN- Frauenrechtskonvention und die universelle periodische Überprüfung an die Vereinten Nationen übermittelte. Wir arbeiten auch mit verschiedenen internationalen Organisationen und der Menschenrechtskommission der ASEAN-Staaten zusammen. Unsere Verbindung zu europäischen und globalen Frauenrechtsbewegungen ist aber immer noch schwach. Wir sollten einen weltweiten Austausch feministischer Bewegungen schaffen, beispielsweise ein jährliches Frauenforum für Austausch und Advocacy. Lokal und regional stehen wir vor unterschiedlichen Herausforderungen. Deshalb wäre es wichtig, voneinander zu lernen.

Interview und Übersetzung aus dem Englischen von: Judith Kunze

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Kenntnisreiche Einführung in die indonesische Gegenwartskunst

Kambodscha: Genderbasierte Gewalt zieht sich durch Familien, Traditionen und Generationen. Engagierte Bewegungen sorgen für Veränderung. Doch alte Rollenbilder sind gesellschaftlich und kulturell stark verankert. Ein Interview mit der Friedensaktivistin Suyheang Kry.

Welche Formen und welches Ausmaß hat genderbasierte Gewalt in Kambodscha?

Wenn es in Kambodscha um genderbasierte Gewalt geht, redet man zumeist über Gewalt gegen Frauen. Es gibt daneben Gewalt gegen andere Gender wie LGBTIQ. Wichtig ist zudem Intersektionalität, also die Verschränkung verschiedener Formen von Diskriminierung. Eine nationale Umfrage von 2015 stellte fest, dass jede fünfte Frau im Laufe ihres Lebens sexuelle und physische Gewalt durch ihren Partner erlebte. Jede dritte kambodschanische Frau erleidet emotionale Gewalt.

In einer länderübergreifenden UN-Studie (2013) gaben 33% der befragten kambodschanischen Männer zu, dass sie körperliche und sexuelle Gewalt gegenüber ihrer Partnerin ausübten. 20% vergewaltigte ihre Partnerinnen. Solche Daten sind wirklich alarmierend.

Außerdem finde ich es wichtig, nicht nur über sichtbare Gewalt zu sprechen, sondern auch über die nicht sichtbare, wie die soziale Stigmatisierung von Frauen. Die Ursachen von genderbasierter Gewalt liegen im Machtungleichgewicht und der Genderungleichheit. Sie wird durch negative Gendernormen, Stereotypen sowie traditionellen Praktiken und Bräuche aufrechterhalten.

Wie zeigen sich diese Normen und Werte im Alltag konkret?

Diese tief verwurzelte Ungleichheit zeigt sich in einem Sprichwort der Khmer: „Männer sind Gold, Frauen sind Stoff“. Es offenbart den niedrigeren sozialen Wert, der Frauen zugeschrieben wird.

Ein anderes Beispiel ist der Chbap Srey, eine Art traditioneller Khmer-Verhaltenskodex für Frauen in Form eines Gedichtes. Darin befinden sich die grundlegenden kulturellen Normen, die zur Verletzung der Rechte von Frauen in Kambodscha beitragen. Obwohl es sich nicht mehr [nach umfassender gesellschaftlicher Kritik, Anm. d. Red.] in den Lehrplänen der Schulen findet, ist sein Einfluss immer noch groß. Der Chbap Srey beschreibt, wie sich Frauen zu Hause oder im öffentlichen Raum verhalten sollen. Dabei wird die Rolle der Frauen als minderwertig dargestellt und unter dem Mann eingeordnet. Solche traditionellen und negativen Normen sowie Stereotype von Frauen sind allgegenwärtig in der ganzen Gesellschaft und reichen bis in die Politik und sogar ins Justizsystem.

Diese Umstände machen es für Überlebende von Gewalt noch schwieriger, Hilfe zu finden. Laut der Studie hat fast die Hälfte der Frauen, die Opfer von Gewalt wurden, dies nicht angezeigt. Einige davon fanden, dass Gewalt normal sei, während andere sich fürchten oder schämen. Hinzu kommt laut einem Bericht des Frauenministeriums (2010), das mehr als ein Drittel der lokalen Behörden glaubt, dass Gewalt gegenüber Frauen gerechtfertigt ist. Nur 24% der von physischer und sexueller Gewalt betroffenen Frauen suchte Hilfe.

Du sagst, Intersektionalität sei wichtig. Was heißt das genau?

LGBTIQ, Sexarbeiter*innen, Hausangestellte, Arbeiter*innen in Bekleidungsfabriken, Migrant*innen vom Land, Minderheiten und Indigene, um nur einige Gruppen zu nennen, sind generell verletzlicher, genderbasierte Gewalt trifft sie stärker.

Frauen mit Behinderung erfahren eher Gewalt in ihrem Haushalt. Die Wahrscheinlichkeit, dass sie in eine Notlage kommen, emotionale Gewalt erleben oder von Haushaltmitgliedern kontrolliert werden, ist höher. LGBTIQ-Frauen erleiden mehr häusliche Gewalt, wobei die Gemeinschaft bei ihnen oft darüber hinwegsieht. Frauen und Mädchen der Khmer Krom und der ethnischen vietnamesischen Minderheit haben oft mit einer anti-vietnamesischen Haltung und auch strukturellen Herausforderungen zu kämpfen. Dazu zählen ihr rechtlicher Status sowie der Zugang zu Rechten und sozialen Diensten. Andere Minderheiten wie die muslimischen Cham und die 24 indigenen Gruppen sind mit sozialer Stigmatisierung und Diskriminierung konfrontiert. Arbeitsmigrant*innen vom Land kommen oft nach Phnom Penh, da es dort Beschäftigungsmöglichkeiten gibt. Sie erhalten aber nur Jobs, die einen niedrigen sozialen Status haben. Intersektionelle Marginalisierung erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass sie genderbasierte Gewalt erleben.

Bei genderbasierter Gewalt, gibt es da Unterschiede zwischen dem ländlichen und urbanen Raum?

Ja. Etwa 80% der Bevölkerung lebt auf dem Land. Dort gib es weniger Infrastruktur, Gesundheitseinrichtungen und verfügbare Dienste als in den Städten. Darüber hinaus ist es schwieriger, an aktuelle Informationen zu kommen, da es an Zugang zu Technologie oder dem Internet fehlt. Ein damit verbundenes Problem ist Armut, die auf dem Land größer ist. Weiter sind die dort häufiger vorkommenden, von Frauen geführten Haushalte aufgrund der sozialen Normen sowie der begrenzten wirtschaftlichen Möglichkeiten verletzlicher.

In ländlichen Gebieten neigen Mädchen dazu, früher zu heiraten und es gibt höhere Schulabbruchquoten. Letzteres aus mehreren Gründen, aber es ist meist verknüpft mit Armut. An Orten mit nahe gelegenen Fabriken brechen mehr Mädchen die Schule ab, weil ein Job ‚vor der Haustüre liegt’. Andere Gründe sind weite Schulwege, Ablehnung im Elternhaus gegenüber dem Schulbesuch oder ein Mangel an Informationen über die Bedeutung von Bildung.

Unabhängig von solchen Unterschieden findet sich genderbasierte Gewalt überall: In reichen und armen Familien, in allen Klassen, Kulturen, sie existiert in der Stadt und auf dem Land.

Ist Kinderheirat in Kambodscha weit verbreitet?

Darüber haben wir landesweit leider nicht ausreichende Daten. Aber es gibt sie. Und wir wissen, dass sie eher in ländlichen Gebieten stattfindet. Laut dem Cambodia Demographic and Health Survey 2014 haben 1,9% der Frauen im Alter von 20-24 Jahren mit 15 geheiratet, und 19% bevor sie 18 Jahre alt waren.

Was sind die Folgen genderbasierter Gewalt für die Betroffenen und die Gesellschaft?

Gewalt gegen Frauen und Mädchen wirkt sich nicht nur auf ihre Leben aus, sondern auf die Familien, die Gemeinschaften, die Nation und auf die ganze Welt, einfach, weil Frauen die ‚Hälfte des Himmels tragen‘ und gleichberechtigt sind. Abgesehen von den physischen und psychischen Verletzungen und auch Todesfällen stellt genderbasierte Gewalt für das Land und die Welt eine enorme wirtschaftliche Belastung dar, die Kosten belaufen sich auf fast 2% des globalen Bruttoinlandsprodukts.

Die Folgen der Gewalt sind besonders verheerend für die Familien. Kinder werden Zeugen der Gewalt und wachsen mit ihr auf. Sie lernen die Muster, handeln irgendwann selbst so und geben es an die nächste Generation weiter. Das wird zu einem nicht enden wollenden Kreislauf der Gewalt. Manchmal führt sie sogar zum Tod.

Wo können betroffene Frauen* und LGBTIQ Hilfe finden? Gibt es staatliche Anlaufstellen?

Ja, es gibt zuständige Anlaufstellen, aber nur begrenzt. Bei häuslicher Gewalt wenden sich Betroffene normalerweise zunächst an ihre Familie, Freund*innen und Verwandte. Manchmal wenn es ‚ernst’ wird, gehen sie direkt zu den lokalen Behörden. Zu den verfügbaren staatlichen Diensten gehören z.B. Community-Gesundheitszentren, Polizeistationen und kommunale Streitbeilegungsausschüsse.

Besorgniserregend ist das Fehlen staatlich geführter Frauenhäuser. Eine nationale Hotline für Hilfe suchende Frauen ist noch nicht richtig eingerichtet. In jeder Provinz gibt es jedoch zumindest eine persönliche Kontaktstelle innerhalb des Department of Women’s Affairs, die Frauen ebenfalls unterstützt.

Gibt es psychologische Hilfsangebote für betroffene Frauen* und Mädchen*?

Selten. Nach dem Bürgerkrieg gab es nur wenige Psycholog*innen. Der Bereich entwickelt sich erst seit zwei Jahrzehnten. Nur einige Organisationen bieten dies an und psychiatrische Einrichtungen sowie Krankenhäuser sind rar und nur in größeren Städten zu finden.

Das Frauenministerium arbeitet mit den wichtigsten Interessenvertreter*innen zusammen, um eine Umsetzung des Mindeststandards für die Beratung von Gewaltüberlebenden zu entwickeln und zu stärken. Aber das deckt noch nicht das gesamte Land ab.

Welche Rolle spielt die Jugend Kambodschas bei der Friedensförderung und der Bekämpfung genderbasierter Gewalt?

Die Jugend ist der Schlüssel. Die mit Gewalt zusammenhängenden Normen, Werte und Verhaltensweisen sind über Generationen weitergegeben worden. Wir müssen all diese negativen Stereotypen verlernen. Das ist eine große Herausforderung.

Die Jugend vertritt die kommende Generation und trägt ein starkes Potenzial in sich. Sie kann kulturelle Normen, negative geschlechtsspezifische Einstellungen sowie Stereotypen über „die Andere/den Anderen“ und damit verbundene gewalttätige Verhaltensweisen verändern.

Kambodscha ist ein sehr junges Land. Über 70% der Bevölkerung wurde nach dem Khmer-Rouge-Regime geboren. Die Jugend kann Veränderung bewirken und Gendergerechtigkeit ermöglichen. Aber die Jugend kann sie auch verhindern. Als treibende Kraft für Veränderungen, mit Energie, Leidenschaft, Neugierde und Fähigkeiten, können junge Menschen einen entscheidenden Einfluss auf Gleichaltrige und ihre Familie ausüben.

Bei WPM arbeitet ihr viel mit der Jugend. Wie bezieht ihr dort Jungen* und junge Männer* in eure Projekte ein?

Bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen versuchen wir, kreativ heranzugehen und konzentrieren uns auf interaktive Übungen, oft im Freien. Wir bieten ihnen Wissen an, aber keine Theorien. Gewöhnlich bringen wir in Workshops eine große Gruppe zusammen, darunter Khmer, Indigene und Minderheiten, und LGBTIQ.

Übungen wie Forumtheater oder der Privilege Walk sind regelmäßig Augenöffner für junge Männer. Manche Teilnehmer sind erschüttert, wenn sie sich ihrer Privilegien bewusst werden und wie es ist, eine Frau zu sein. Danach ändern sie ihre Denkweise, Einstellungen und letztlich ihr Verhalten. So beginnt Wandel.

Bei erwachsenen Männern gehen wir anders vor. Mit ihnen machen wir eine Art Männerdialog, bei dem wir über ihr Leben sprechen. Darüber, wie sie in bestimmen Situation handelten oder warum sie dies und jenes tun. So helfen wir ihnen, Geschlechterrollen und Stereotypen zu reflektieren und zu hinterfragen. Bei dem Prozess braucht man aber einen langen Atem.

Wie ermächtigt ihr junge Frauen* und Mädchen*?

Zurzeit arbeiten wir vor allem mit grassroots women leaders [d.h. Frauen, die in dörflichen Gemeinden führende Positionen innehaben, d. Red.] und mit Frauen* aus marginalisierten Gruppen. Wir glauben, dass Frauen bereits eine Stimme haben. Sie brauchen Chancen, Fähigkeiten und Räume. Wir schaffen ihnen diesen Raum und unterstützen sie auf ihrem Weg dabei, ihre Stimme zu erheben, sich austauschen, sich gegenseitig zu unterstützen und auf ihre Weise zu führen.

Hat sich in Kambodscha in den letzten Jahren etwas verändert?

Genderarbeit begann Anfang der 1990er Jahre. Damals wurde der Begriff noch gar nicht benutzt. In den 2000er Jahren änderte sich das allmählich, als Gender in nationalen Strategieplänen und Gesetzen verwendet wurde.

Das Gesetz zur Verhinderung häuslicher Gewalt und zum Schutz von Opfern wurde 2005 verabschiedet, und in der Folge wurden beispielsweise Richtlinien wie Neary Ratanak (5-Jahresplan für die Gendergleichberechtigung und Empowerment von Frauen in Kambodscha), der Nationale Aktionsplan zur Verhinderung von Gewalt gegen Frauen, eine nationale Genderpolitik entwickelt.

Im Vergleich zum letzten Jahrzehnt haben wir heute mehr Frauen mit höherer Bildung. Frauen haben Stellen inne, in denen sie selbst etwas bewirken können. Eine Entwicklung ist sichtbar, aber es muss noch viel mehr getan werden.

Video: Weaving Women’s Leadership for Change, Women Peace Makers:

Welche weiteren Entwicklungen sollte es in den nächsten Jahren geben?

Die wirksame Umsetzung von Gesetzen, Richtlinien und nationalen Aktionsplänen ist noch verbesserungsfähig. Ein weiteres Problem ist der Mangel an weiblichen Führungskräften. Es sollte Mechanismen und Maßnahmen geben, um hier Veränderungen zu bewirken. Die Strafverfolgung sollte gestärkt werden. Soziale Dienste, einschließlich Rechtshilfe, Streitbeilegung, Frauenhäuser und Beratung, sollten kostenlos für Überlebende von genderbasierter Gewalt sein. Und zwar in einer gendersensiblen und -gerechten Weise.

Was ist entscheidend, um diese Ziele zu erreichen?

Information ist Macht. Der Zugang zu Informationen und zu Bildung wird die Möglichkeiten der nächsten Generationen Kambodschas bestimmen. Eine Zukunft mit besser ausgebildeten Frauen wird dieses Land zum Besseren verändern. Es gibt noch viele Herausforderungen und Widerstände, aber wir glauben, ein gerechteres Kambodscha für alle Gender, Minderheiten und Ethnien schaffen zu können.

Interview und Übersetzung aus dem Englischen: Raphael Göpel

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1 | 2018, Indonesien, Rezensionen,
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Kenntnisreiche Einführung in die indonesische Gegenwartskunst

Malaysia/Singapur: Der Roman „Das Gewicht der Zeit“ erinnert an die Staatsgründung Malaysias und Singapurs und an ideologisch begründete Gewaltexzesse, deren Schatten bis in die Gegenwart reichen.

Der Roman beginnt mit einer Bombenexplosion in Singapur. Bei dem Anschlag im Jahr 1965 stirbt die Schwester von Jason, einer der sechs Protagonisten. Ausgehend von der Explosion erzählt Tiang eine Familiengeschichte von den 1950er Jahren bis in die Gegenwart. Zentral für die Geschichte sind die zwölf Jahre des so genannten Ausnahmezustands ab 1948, besser bekannt als Malayan Emergency. Die kommunistische Partei und ihr militärischer Flügel kämpfen für die Unabhängigkeit von Großbritannien. Viele Fragen stehen zu dieser Zeit im Raum: Was für ein Land soll es werden? Wo soll es politisch stehen? Wer soll herrschen? Wer wird beteiligt?

Postkoloniale Staatswerdung und kommunistischer Untergrund

Jeremy Tiang holt in seinem Debütroman Das Gewicht der Zeit weit aus und beleuchtet ein Stück südostasiatischer Geschichte, das sonst wenig Beachtung erfährt. Tiang gliedert seine Geschichte in sechs Kapitel und stellt pro Kapitel eine Figur ins Zentrum. Da ist zum Beispiel Jason, der zwar chinesischer Abstammung, doch in Singapur mit Englisch aufgewachsen ist. Ein etwas dröger Typ, unpolitisch und beruflich recht erfolgreich. Er begegnet der jungen Siew Li, sie heiraten. Verwurzelt in der chinesischen Tradition und zudem politisch aktiv, stellt Siew Li einen Gegenpol zu Jason dar. Dieser wird besonders deutlich, wenn sie sich mit ihren Mitstreiter*innen leidenschaftlich für linke Ideale einsetzt. Um ihrer Inhaftierung zu entgehen, muss sie über Nacht aus der Stadt fliehen und ihre Kinder und ihren Ehemann zurücklassen. Dann schließt sie sich dem militärischen Flügel der Kommunist*innen an.

Dort begegnet sie Nam Teck. Er wuchs in einem Dorf in Malaya auf, dessen Bevölkerung dorthin zwangsumgesiedelt wurde. Ein Schicksal, das Tausende ethnische Chines*innen in den New Villages der 1950er-Jahre teilten. Seine Eltern stammen ursprünglich aus Batang Kali, wo 1948 in zündelnder antikommunistischer Atmosphäre britische Soldaten ein Massaker an Kautschukplantagenarbeitern verübt hatten.

Aufarbeitung und Anti-Kommunismus

Zu diesen Kriegsverbrechen recherchiert in den 1970er-Jahren die Journalistin Revathi. Sie wohnt in London, wurde aber in British Malaya geboren, wohin ihr Großvater aus Sri Lanka einst gekommen war. Während der Recherche kreuzt sich ihr Weg mit dem von Weggefährt*innen der anderen Figuren.

Die 1980er-Jahre behandelt Jeremy Tiang anhand von Stella, einer Nichte der Kommunistin Siew Li. Stella, eine sozial engagierte Frau, wird verdächtigt, Marxistin zu sein, und von der Inneren Sicherheit in Singapur verhaftet. Dieses Kapitel hebt sich von den anderen ab und ist erzählerisch einer der Höhepunkte des Romans. In einem Gefängnis im Nirgendwo wird sie verhört und gefoltert. Der Lesende weiß um ihre Unschuld und spürt ihre wachsende Ohnmacht durch die zermürbenden, immer gleichen Verhörfragen, die einer stumpfen und teils absurden Logik folgen. Erschöpft und machtlos unterschreibt sie nach monatelangen Verhören ein Geständnis.

Im letzten Kapitel schlägt Tiang einen Bogen zum Anfang: Nun ist es Jasons Sohn, um den es geht. Er lebt in London, ist dort mit Revathi befreundet und kehrt schließlich nach Singapur zurück. Die meisten Protagonist*innen sind gezeichnet von der Vergangenheit, von schicksalhaften Entscheidungen anderer oder ihrer selbst, sie sind gebrochene Personen oder schwelgen wehmütig in Vergangenem. Das gibt dem Buch eine gewisse Schwere. Doch diese wandelt sich am Ende, wenn die Erzählstränge zusammenfinden, in Versöhnlichkeit.

Autoritäre Strukturen, Hochglanz und Sozialkritik

Die Erzählung ist verknüpft mit mehreren historischen Ereignissen: dem Ausnahmezustand, dem Massaker von Batang Kali und dem Bombenanschlag auf das MacDonald House während der Auseinandersetzung mit Indonesien nach der Gründung Malaysias, der so genannten Konfrontasi. Im Verlauf des Romans entsteht außerdem der Staat Singapur. Tiang beschreibt ihn auf der einen Seite als sauber, hoch technisiert und kulturell vielfältig und auf der anderen auch als autoritär, die eigene Bevölkerung kontrollierend und auf Machterhalt ausgerichtet.

Zudem streift Tiang auch Themen, die in Singapur immer noch aktuell sind: die prekäre Situation der ausländischen Haushaltshilfen, der abwertende Umgang mit Homosexualität, die fehlende freie und unabhängige Presse. Und immer wieder geht es in Dialogen um die so genannten asiatischen Werte, um das Wohl der Gemeinschaft, das höher als das Recht des Einzelnen steht. Tiang lässt die Rivalität zwischen Singapur und Malaysia dosiert durchschimmern, sei es in Ansichten zu Politik oder zu Garküchen, und übt selbst sachte Kritik an Singapurs ‚Gründervater’ Lee Kuan Yew, ohne ihn aber beim Namen zu nennen.

Eine große Erzählung in historischer Kulisse

Tiangs Schreibstil ist sachlich, aber von großer Kraft. Er behält eine gewisse Distanz zu seinen Figuren und macht sich ihre Motive nicht zu Eigen. Trotzdem sind sie nicht unnahbar. Mit der Zeit und durch ihre Handlungen wirken einige von ihnen doch sehr sympathisch. Tiang beschreibt sie und ihre Motivationen dicht und nachvollziehbar. Seine Erzählung bettet er zudem in eine nuancierte Beschreibung der Orte, Landschaften und Gerüche ein.

Nach dem Roman Nachttiger wird innerhalb eines Jahres ein zweites Buch über die malaiische Halbinsel der deutschsprachigen Leserschaft zugänglich gemacht. Während Nachttiger eher mystisch erzählt ist, ist Das Gewicht der Zeit politisch, kritisch und spannend. Jeremy Tiang verbindet Historie und Erzählung auf brillante Weise. Wie die Wege der Figuren über Jahrzehnte verknüpft und am Ende zusammengeführt werden, das ist große Kunst. Ein wahrlich gewichtiger Roman, auch weil er die eher unbekannte Geschichte und die inneren Kämpfe Malaysias und Singapurs beleuchtet. Denn darin liegen auch die Wurzeln politischer und gesellschaftlicher Herausforderungen der Gegenwart.

Rezension zu: Jeremy Tiang. Das Gewicht der Zeit. Verlag: Residenz Verlag. 2020. 304 Seiten.

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1 | 2018, Indonesien, Rezensionen,
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Kenntnisreiche Einführung in die indonesische Gegenwartskunst

Vietnam: Vergewaltigung war für Frauen im Vietnamkrieg allgegenwärtig. Gina Marie Weaver geht in ihrem Buch ‚Ideologies of Forgetting. Rape in the Vietnam War‘ der Frage nach, warum sexualisierte Kriegsgewalt systematisch verschwiegen wird.

Vergewaltigung war im Vietnamkrieg so weit verbreitet, dass es in den Worten eines Soldaten Standard Operating Procedure – völlig normal – war. Vor allem in Südvietnam wurden Frauen und Mädchen sehr oft Opfer von Vergewaltigungen. Dies lag daran, dass der Krieg hier systematisch gegen die Zivilbevölkerung geführt worden ist. In den so genannten Search and Destroy– Einsätzen sollten amerikanische GIs in den Dörfern Kämpfer*innen des Vietcong aufstöbern – der Erfolg wurde mit dem berüchtigten body count gezählt. Je mehr Leichen – oft wurden die Ohren als Beweismittel abgeschnitten und mitgenommen – desto besser. Und weil die GIs nicht erkennen konnten, ob jemand ein*e Widerstandskämpfer*in war oder nicht, haben sie auch viele Zivilist*innen ermordet.

Sexualisierte Gewalt fand in diesem Kontext statt, entweder als ‚opportunistische Vergewaltigung’ (Soldaten taten es, weil sie dafür nicht belangt wurden) oder zur systematischen Terrorisierung der Bevölkerung. In ihrem Buch Ideologies of Forgetting. Rape in the Vietnam War unterscheidet Gina Marie Weaver zwischen der Vergewaltigung, der sexualisierten Folterung von Gefangenen und der Mordvergewaltigung. Bei der Folterung ging es darum, Informationen über die Verstecke und Personen des Vietcong herauszubekommen. Frauen waren hier viel häufiger Opfer sexualisierter Gewaltfantasien als Männer. Bei den Mordvergewaltigungen wurden Frauen und Mädchen, die man bei ‚Säuberungsaktionen’ umbrachte, vorher massenvergewaltigt.

Heldentum und Aufopferung

Weaver diskutiert zuerst die Zeugnisse von Frauen, die im Vietnamkrieg vergewaltigt wurden. In ihrem Buch Then the Americans Came zum Beispiel hat Martha Hess die mündlichen Erzählungen von Frauen aus Interviews zusammengefasst, die die Alltäglichkeit sexualisierter Gewalt bezeugen. Auch in den Berichten zu Kriegstribunalen und Ähnlichem wird Gewalt gegen Frauen thematisiert. Sexualisierte Gewalt kommt außerdem in einigen der bedeutendsten literarischen Werke über den Krieg vor. Bao Ninhs The Sorrow of War (1991) wird um die Massenvergewaltigung der Kämpferin Hoa strukturiert. Duong Thu Hongs Novel without a Name (1995) beginnt mit einer Szene, die die verwesenden Opfer einer Massenvergewaltigung beschreibt. Le Ly Hayslips When Heaven and Earth Changed Places ist die biographische Aufarbeitung einer Vietcong-Kämpferin, die als vermeintliche Verräterin zuerst von Vietcong-Kollegen vergewaltigt wird, und dann eine ganze Reihe von Gewalterfahrungen seitens amerikanischer Soldaten überlebt und als Survivor irgendwann in die USA flüchtet.

Trotzdem sei die sexualisierte Gewalt des ‚Amerikanischen Krieges’ in Vietnam nicht wirklich aufgearbeitet worden, so Weaver. Dafür nennt sie mehrere Gründe. Erstens führe Traumatisierung dazu, dass viele Opfer nicht darüber sprechen wollten oder könnten. Zweitens widerspreche die Aufarbeitung des Leidens dem Bild der vietnamesischen Regierung, die den Krieg als heldenhaften, heroischen Sieg darstellen wolle. Vergewaltigung werde so als Aufopferung für die nationale Sache verstanden, Frauen sollen als Heldinnen vorkommen. 1.5 Millionen Frauen haben in der nordvietnamesischen Armee gekämpft, 70-80 Prozent der freiwilligen ‚Stoßtrupps’ die am Ho Chi Minh-Pfad eingesetzt wurden, waren junge Frauen. Drittens betreibe die Regierung heute eine Normalisierung der wirtschaftlichen und politischen Beziehungen zu den USA. Eine Aufarbeitung der sexualisierten Gewalt durch die Amerikaner oder gar die Verurteilung der Täter oder eine Wiedergutmachung stünde diesem Ziel im Wege.

Erste Aufarbeitung in den USA

Im Kapitel Naming Themselves geht Weaver auf die Selbstzeugnisse von amerikanischen Soldaten ein. Es waren vor allem die Antikriegsbewegung, die Frauenbewegung in den USA und die Vietnam Veterans Against the War (VVAW), die eine kritische Auseinandersetzung mit den Gräueltaten der US-Armee mitsamt der sexualisierten Kriegsgewalt schon während des Krieges vorangebracht hätten. Die Gräueltaten des Massakers von My Lai sind aufgrund von Aussagen kritischer Soldaten ans Licht gekommen: Bei dem Massaker wurden mindestens 20 Frauen und Kinder vergewaltigt, bevor man sie ermordet hat. Die Meldung eines anderen während des Krieges bekannt gewordenen Vorfalls, bei dem eine Patrouille ein junges Mädchen entführt hat, um sie zu vergewaltigen und dann zu ermorden, führte zu der Verurteilung der beteiligten Soldaten. Ihre Strafen wurden nachträglich erheblich abgemildert.

Über dieses wichtige Whistleblowing hinaus haben die aktivistischen Soldaten das Verhältnis zwischen Rassismus, Klassengesellschaft und toxischer Männlichkeit hergestellt und in Frage gestellt. Diese Analyse ist eine der stärksten des Buches. Soldaten reflektierten in der berühmten Winter Soldier Investigation von 1971 ihre Opferrolle und Mittäterschaft im Krieg und entwickelten dafür einen intersektionalen Ansatz.

Die US-Kriegsmaschinerie hatte schon im Zweiten Weltkrieg und im Koreakrieg rassistische Stereotypen über Japaner und Asiaten verwendet und setzte diese im Vietnamkrieg fort, um den Gegner zu entmenschlichen und so besser töten zu können. Die Verrohung in der Ausbildung der Soldaten, in der Frauen als zu erniedrigende Objekte porträtiert wurden, bereitete die Soldaten darauf vor, die Frauen des Feindes zu verachten. Sie griff dabei aber auch auf ein vor allem in der Arbeiterklasse verankertes Genderverständnis zurück, bei dem der Mann hart, stark und vor allem nicht verweichlicht und weiblich sein durfte. Auf dieser Grundlage stellten sie nicht nur den Krieg sondern auch den Kapitalismus in Frage.

Hollywoods Revisionismus

Genau diese kritische Haltung sei für die militärische Schlagkraft des US-Imperialismus zum Problem geworden. Laut Weaver dienten Hollywoods Vietnamfilme vor allem dazu, die Täterschaft der amerikanischen Soldaten zu leugnen. Dies laufe hauptsächlich über die Darstellung der Soldaten als Opfer, Opfer der traumatischen Erfahrungen im Krieg aber auch Opfer der ‚Weicheier’ zu Hause, also der Aktivisten der Antikriegsbewegung und vor allem der Feministinnen. Der Vietnamkrieg wird als ‚amerikanische Erfahrung’ dargestellt. Die Menschen in Vietnam und insbesondere die vielen Opfer von sexueller Gewalt werden ausgeklammert: Rambo als tragischer Held war kein Vergewaltiger.

In anderen Hollywoodfilmen sei Vergewaltigung ein wichtiges Element, das die männlichen Tötungsfantasien gegen den Feind pornographisch und mit rassistischen Untertönen untermauere. Klassische Frauenrollen seien die geldgierigen und abgekochten Prostituierten auf der einen und die fanatischen ‚Sniperfrauen’ auf der anderen Seite. Beide dienten als Projektion für eine toxische Männlichkeit, die eine grausame amerikanische Intervention nachträglich rechtfertigen sollte.

Kein Buch hat mich in letzter Zeit so aufgewühlt wie dieses. Es zeigt, wie wichtig die Einbeziehung der Erfahrung der sexualisierten Gewalt für die Analyse des Vietnamkrieges ist. Gleichzeitig bleibt es vor allem eine amerikanische Erzählung. Weitere Forschungen in Vietnam selbst wären jetzt wichtig, um die Perspektive weiter zu dekolonialisieren.

Rezension zu: Gina Marie Weaver. Ideologies of Forgetting. Rape in the Vietnam War. SUNY Press. 2010. 198 Seiten.

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1 | 2018, Indonesien, Rezensionen,
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Kenntnisreiche Einführung in die indonesische Gegenwartskunst

Indonesien – Mit dem Buch „Pemenang Kehidupan/Winners of Life“ setzen der Fotograf Adrian Mulya und die Autorin Lilik HS den Frauen ein Denkmal, die während der Suharto-Diktatur als Kommunistinnen verfolgt wurden.

Ärztin wollte sie werden. Als Studentin der Medizin engagierte sich die 1941 geborene Sri Muhayati (Titelfoto) in den frühen 60er Jahren in der linken Studentenorganisation Concentrasi Gerakan Mahasiswa Indonesia (CGMI), die ‚an der Basis’ arbeitete. Gemeinsam mit anderen Studierenden sorgte sie für gesundheitliche Aufklärung in Dörfern, baute Brücken und Sanitäranlagen und bekämpfte die grassierende Rattenplage. Sri Muhayatis Vater war führender Kader der Kommunistischen Partei Indonesiens (PKI) und Mitglied des Provinzparlamentes von Yogyakarta (Java).

Errichtung der antikommunistischen ‚Entwicklungsdiktatur’

Indonesien, das ressourcenreichste Land Südostasiens, war in Kolonialzeit wie im Kalten Krieg ein Spielball von Hegemonialinteressen. Der ‚Dominotheorie’ folgend, unterstützten die US-Regierung und deren Verbündete, darunter auch die Bundesregierung, nach Kräften antikommunistische Kräfte im Land.

Beim Putsch von 1965 siegte das antikommunistische Lager. General Suharto löste Präsident Sukarno als Staatschef ab und errichtete eine prowestliche Entwicklungsdiktatur, die er Orde Baru (Neue Ordnung) nannte.

Eines der furchtbarsten Verbrechen des 20. Jahrhunderts

All jene, die als Widersacher dieser Neuen Ordnung galten, vor allem linke Politiker*innen und Aktivist*innen, wurden brutal verfolgt. Die antikommunistischen Massaker der Jahre 1965 – 1968 zählen zu den furchtbarsten Verbrechen des 20. Jahrhunderts. Schätzungen zu den Zahlen der Ermordeten reichen von 500.000 bis zu drei Millionen Menschen.

Weitere Hunderttausende wurden verhaftet, verhört, gefoltert. Unter ihnen waren zahlreiche Frauen, die sich entweder bei der PKI oder linken Massenorganisationen wie Gerwani engagiert hatten (vgl. Artikel Feminismus als Klassenfrage von Ita Fatia Nadia auf suedostasien.net).

Die Verfolgten bekommen ein Gesicht und eine Stimme

Der Fotograf Adrian Mulya und die Autorin Lilik HS porträtieren in dem 2016 auf Indonesisch und Englisch erschienenen Bildband Pemenang Kehidupan/Winners of Life 22 dieser Frauen, darunter die ehemalige Studentenaktivistin Sri Muhayati. 1965 wurde sie verhaftet. Fünf Jahre musste sie hinter Gittern verbringen. Ihre Mutter starb im Gefängnis. Ihr Vater – verschleppt von Militärs – tauchte nie wieder auf. Nach ihrer Haftentlassung war an den Traum, Ärztin zu werden, nicht mehr zu denken. Sie ersetzte ihren vier jüngeren Geschwistern Mutter und Vater. Jahrzehntelang suchte sie nach Informationen über den Verbleib des verschwundenen Vaters und fand seine Überreste schließlich in einem der wenigen Massengräber, die Anfang der 2000er Jahre, kurz nach dem Rücktritt Suhartos, geöffnet wurden. Sie sei erleichtert, dass sie den Vater endlich mit einem anständigen Begräbnis habe ehren können, sagt Sri Muhayati. Sie verspüre keine Rachegefühle, so die alte Frau. „Rache macht deine Seele kaputt.“

Als Sri Suprapti verhaftet wurde, hatte sie bereits drei Kinder. Die 1928 geborene Javanerin war keine Aktivistin. Die Tochter eines Dorfvorstehers war ihrem Mann Isnanto nach Medan, der Hauptstadt Nordsumatras, gefolgt. Isnanto war aktiv in der großen und einflussreichen Gewerkschaft der Plantagenarbeiter (Sarbupri). Als im Oktober 1965 ihr Haus angezündet wurde, flüchtete Sri Suprapti zunächst mit den beiden jüngeren Kindern, wurde jedoch bald gefasst.

Im Gefängnis traf sie ihren Mann und den ältesten Sohn wieder. Abwechselnd wurden Vater, Mutter und Sohn mit Stromschlägen gefoltert. Über das, was Soldaten später mit ihr machten, in einem Raum im Obergeschoss des Gefängnisses, den sie erst Stunden später verlassen durfte, konnte Sri Suprapti lange nicht sprechen. „Ich will mich daran nicht erinnern.“ sagt sie.

Sri wird 1975 aus der Haft entlassen. Sie schlägt sich durch mit verschiedenen Jobs vom Zwiebeln schälen bis zum Ventilator reparieren. Sie engagiert sich in ihrer Kirchengemeinde. Und als nach dem Ende der Suharto-Diktatur die Überlebenden erstmals ihre Stimme erheben konnten, spricht sie als Zeitzeugin über das, was ihr angetan wurde.

Ni Made Murjiwati wurde 1942 auf der Insel Bali geboren. Anfang der 60er Jahre war sie Mitglied der Volksjugend (Pemuda Rakyat), der Jugendorganisation der PKI. Als solche kam sie 1963 Präsident Sukarno sehr nah, der auf Bali den chinesischen und den tschechoslowakischen Präsidenten empfing. Sie überreichte Sukarno – in einer Überraschungsaktion, die sie einigen Mut kostete – das Gemälde eines balinesischen Malers.

Als Sukarno 1965 von Suharto von der politischen Bühne gedrängt wurde, war Ni Made Murjiwati gerade mit einer Delegation der Volksjugend in China. Die Reise sollte zehn Tage dauern, es wurden Jahre daraus. Die Regierung entzog ihr den Pass, wie zahlreichen weiteren ihrer Landsleute, die auf diese Weise ins Exil getrieben wurden. Ni Made zieht schließlich nach Deutschland. Erst 1996 kehrt sie zum ersten Mal wieder nach Indonesien zurück.

Versuch einer alternativen Geschichtsschreibung

Der Fotograf Adrian Mulya gehört zur Generation von Indonesier*innen, deren Bild der Geschichte von Suhartos Propagandamaschine geprägt war. 1984 wurde eines der Hauptwerke dieser Propagandamaschine veröffentlicht, der vierstündige Film Pengkhianatan G30/PKI (Verrat der Bewegung 30. September/PKI), der die angebliche Verrohtheit und Brutalität von Kommunisten und im speziellen von Kommunistinnen in drastischen Bildern zeigte. Auch in zahlreichen Monumenten und Museen wurde die Suharto-Geschichtsschreibung verewigt. Bis heute werden diese Orte von Schulklassen besucht – Alternativen im öffentlichen Raum gibt es kaum.

Was ihr Land brauche, sei eine „Demilitarisierung der Geschichte“ fordert die indonesische Historikerin I Gusti Agung Ayu Ratih. Teil dieser Demilitarisierung müsse die Aufhebung des Stigmas sein, das Jahrzehnte auf den verfolgten Frauen gelastet habe. An dessen Stelle solle die historische Realität ihres Kampfes vermittelt werden, „der Teil unserer Geschichte ist, der uns Achtung einflößen kann und von dem wir viel lernen können“.

Genau dies vermittelt der beeindruckende Bildband Winners of Life. Er setzt der Entmenschlichung, die den Massakern von 1965 vorausging und mit der die Überlebenden jahrzehntelang stigmatisiert wurden, einen Raum entgegen, in dem die porträtierten Frauen als Menschen mit ihrer Lebensgeschichte gezeigt und gewürdigt werden.

Achtung vor der Lebensleistung der Frauen

Die Fotos zu diesem Bildband entstanden von 2007 bis 2015. Für den Fotografen war es eine sehr persönliche Reise, während der sich sein Geschichtsbild stark veränderte. Es war eine Zeit, die geprägt war von wachsenden Freundschaften zu den Frauen, die seine Großmütter sein könnten. Eine Zeit, in der eine große Achtung vor den Lebensleistungen der porträtierten Frauen entstand. „In ihrer Jugend waren sie voller Leidenschaft bereit, zum Fortschritt ihres Landes, vor allem der Frauen, beizutragen. Warum wurden sie verfolgt?“, fragt Adrian Mulya in seinem Vorwort.

Bis heute gibt es in Indonesien keine Strafverfolgung für die Täter. Bis heute gibt es keine staatliche Anerkennung des Leids, das den Opfern und ihren Familien zugefügt wurde. Die Porträts der weiblichen Überlebenden indes sprechen für sich. Gerade schauen sie in die Kamera, würdevoll und ungebrochen. Diese Frauen abzulichten, so der Fotograf Adrian Mulya, sei für ihn, als würde er das Leben selbst fotografieren.

Rezension zu: Adrian Mulya. Pemenang Kehidupan/Winners of Life. Kepustakaan Populer Gramedia. 2016.

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1 | 2018, Indonesien, Rezensionen,
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Kenntnisreiche Einführung in die indonesische Gegenwartskunst

Vietnam/Deutschland: Das Buch ‚Ist Zuhause da, wo die Sternfrüchte süß sind?’ sammelt nicht nur wissenschaftliche Erkenntnisse über die vietnamesische Diaspora sondern lässt junge Viet-Deutsche aus ihrem Leben berichten. Gerade diese Passagen machen das Buch besonders lesenswert.

Die Integration von Migranten ist eines der wichtigsten politischen Themen in Deutschland. Googelt man die Schlagworte Integration von Migranten findet man fast 90 Millionen Treffer. Gesprochen wird aber vor allem ÜBER Migrantinnen und Migranten – weniger MIT ihnen. Deshalb ist es verdienstvoll, dass das soziale Unternehmen VLab Berlin und die Rosa-Luxemburg Stiftung in dem Sammelband Ist Zuhause da, wo die Sternfrüchte süß sind? – Viet-deutsche Lebensrealitäten im Wandel auch das Gespräch mit Menschen aus dieser Gruppe suchten. Im Mittelpunkt stehen Fragen zu Identität und Herkunft sowie zu Bildung, Kultur, Rassismus und zum Generationenkonflikt.

Das Narrativ vom Bildungswillen der Vietnamesen

Im ersten Kapitel befasst sich der Pädagoge Nguyen Minh Hoang mit grundlegenden Aspekten des interkulturellen Zusammenspiels. Bezogen auf Vietnam führt er, um Begriffe wie ‚Deutsch-Vietnamesen’ zu vermeiden, den Begriff ‚vietnamesische Diaspora’ ein, der im vorliegenden Band durchgängig verwendet wird. Anknüpfend an eine vielfach in den Medien verbreitete Erzählung über den vermeintlichen Bildungswillen der Vietnamesen befasst er sich ausführlich mit dieser These (vgl. dazu auch Interview mit Minh Thu Tran auf suedostasien.net). Hier finden sich neue Aspekte, die über den bloßen Hinweis auf Traditionen des Konfuzianismus hinausgehen. Er behauptet zum Beispiel, dass der Druck vietnamesischer Eltern auf ihre Kinder aus dem Wunsch resultiere, über den schulischen Erfolg der Kinder Anerkennung für sich selbst zu erlangen.

Mit der Frage, wie neu ankommende Eltern ihre Kinder erziehen können beziehungsweise sollen, setzt sich in einem weiteren Kapitel ein deutsch-vietnamesisches Team von vier Autor*innen auseinander. Im Rahmen des Sonderforschungsbereiches Affective Societies der Freien Universität Berlin erforschten sie, wie vietnamesische Eltern in Berlin die Erziehungshilfe und ihre einzelnen Angebote erleben und welche Einstellungen und Emotionen sie diesen entgegenbringen. Bei dem Forschungsprojekt ging es nicht darum, zu erkunden, welche Erziehungsziele oder -ideale vietnamesische Eltern haben, sondern darum, wie das im Jugendschutzgesetz normierte Erziehungsideal des Mittelstands den in Deutschland lebenden vietnamesischen Eltern beigebracht wird. Dass dies auf Vorbehalte und Ängste stößt, wird in dem Beitrag anschaulich dargelegt. Überraschend ist dies allerdings nicht, da es sicherlich kein Spezifikum der vietnamesischen Diaspora ist.

Ebenfalls mit wissenschaftlichen Methoden nähert sich Max Müller, ebenfalls Mitarbeiter der Forschungsgruppe Affective Societies in Berlin, dem Leben im vietnamesischen Berlin an. In seinem Beitrag über deutsch-vietnamesische Freundschaft befasst er sich mit der ‚Doppelfunktion als weißer Freund und Forscher’. Sein Fazit ist, dass er trotz persönlicher Freundschaften doch oftmals im Schema Wir und Sie verhaftet bleibe.

Vertreter*innen der Diaspora erzählen

Die wissenschaftlichen Beiträge werden ergänzt durch Aussagen von Menschen aus der vietnamesischen Diaspora. Diese Gesprächsmitschnitte, in denen sich Personen untereinander über ihre Erfahrungen unterhalten, waren für mich am interessantesten. Dazu gehören im Kapitel Über Grenzen Thuy Trang Nguyen, Thi Minh, Huyen Nguyen, Minh Duc Pham und Dieu Hao Do sowie die vier Geschwister Anh-Thu, Anh-Thy, Quang-Minh und Thuy Vi, die im Kapitel Wenn Eltern und Kinder keine Muttersprache teilen über ihre Vorbehalte reden, Vietnamesisch zu sprechen. Thuy Vi: „Ich war so sehr damit beschäftigt, mich zu integrieren und Deutsch zu fühlen, dass ich alles, was mit der vietnamesischen Kultur in Verbindung gebracht werden konnte, total abgelehnt habe und es als rückständig empfand, wenn man sich in der vietnamesischen Community bewegt.“ Hier begegnet man Passagen, die – wie diese Aussage – überraschen.

Das Kapitel Mein Name bedeutet Frieden erzählt Nhu Mi, Tochter eines Vertragsarbeiters, der 1987 in die DDR kam, aus dem Leben der Familie und wie sie nach dem Fall der Mauer erlebten, dass „die neu gewonnene Freiheit“ nicht für „die so genannten Schwarzköpfe“ galt. „Nur der Nachweis einer angemessenen Verwertung, d.h. eines Arbeitsverhältnisses, legitimiert(e) unser Dasein.“ Die Angst zu versagen, prägt die Kindheit des Mädchens. Sie erlebt extrem rassistische Anfeindungen – nicht nur von Klassenkamerad*innen sondern auch von Lehrkräften. Aber sie schafft es aufs Gymnasium und an die Hochschule und hat beruflichen Erfolg.

Weiße Mehrheitsgesellschaft mit Vorurteilen

Wie ein roter Faden zieht sich ein Gegensatz durch das Buch: „In einer weißen Mehrheitsgesellschaft stehen die People of Color permanent vor der Herausforderung, Grenzen zu hinterfragen und zu überschreiten.“ Die ‚weiße Mehrheitsgesellschaft’ jedoch bleibt auf ganz verschiedene Art in einer vorurteilsbehafteten Denkweise stecken. Dies geschieht nicht nur im rechten sondern auch im linken Lager. So erzählt eine Schülerin, wie eine Lehrerin als Kind zu ihr sagte: „Ihr Vietnamesen seid so stark, ihr habt die USA besiegt mit nur Bambusstöcken“. Das Mädchen hat den Krieg aber weder erlebt noch identifiziert sie sich mit ihm. Sie findet den gut gemeinten Hinweis alles andere als hilfreich.

Die unmittelbaren Aussagen der Personen der Diaspora machen die Stärke des Buches aus. Die wissenschaftlich orientierten Beiträge wirken manchmal steril und wie eine Bestätigung des schlechten Gewissens einer weißen akademisch geprägten Mittelstandsschicht, die im Westen der Bundesrepublik sozialisiert wurde.

Sowohl die persönlichen Aussagen als auch die sozialwissenschaftlichen Aspekte beziehen sich auf den Zeitraum nach 1990. Kapitel über die vietnamesische Diaspora in Tschechien und über die Neue Migration aus Vietnam nach Deutschland ergänzen den Sammelband.

Doch: Sowohl in der DDR als auch in der BRD gab es ein ‚Zuvor’. Genau diese Zeit vermisse ich in diesem Sammelband Viet-deutsche Lebensrealitäten im Wandel. Genauso fehlen zumindest einige historische Erklärungen, ohne die Bemerkungen über den Kommunismus in (Süd)Vietnam, die ‚Bruderhilfe’ der DDR oder die Probleme nach dem Anschluss der DDR an den Westen leider nicht zu verstehen sind.

Rezension zu: VLab Berlin (Hg.). Ist Zuhause da, wo die Sternfrüchte süß sind? Viet-deutsche Lebensrealitäten im Wandel. regiospectra Verlag. 2020. 136 Seiten

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1 | 2018, Indonesien, Rezensionen,
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Kenntnisreiche Einführung in die indonesische Gegenwartskunst

Vietnam/Deutschland: Weil ihr die Repräsentation von vietnamesischen und vietdeutschen Menschen in der deutschen Öffentlichkeit und den Medien bisher gefehlt hat, nimmt Minh Thu Tran dies selbst in die Hand. Im Interview erzählt sie von Vorbildern, isoliertem Aufwachsen und alltäglichem Rassismus.

Wie würdest du vietdeutsche Diasporagemeinschaften in Deutschland beschreiben?

Sehr, sehr divers. Die vietnamesische Diaspora in Deutschland setzt sich aus verschiedenen Gruppen zusammen. Da wären die Boat People [Schätzungsweise 1,3 Millionen Menschen flohen nach Ende des Vietnam-Krieges 1975 vor allem aus Südvietnam. Da sie zumeist über das offene Meer flüchteten, wurden sie als Boat People bekannt, d.R.], die Vertragsarbeiter*innen [Die DDR und Vietnam schlossen 1980 ein Abkommen zur Übernahme von Vertragsarbeiter*innen, von denen viele auch nach Ende der DDR in Deutschland geblieben sind, d.R.] und die zweite Generation, die eigentlich wenig zu tun hat mit den Konflikten ihrer Eltern. Diese Konflikte zwischen Nord und Süd spielen noch eine Rolle für bestimmte, auch nicht alle, älteren Gruppen, aber für uns Junge fast gar nicht mehr. Der Bezug zum Heimatland und der Bezug zu Deutschland ändert sich immer wieder, je nach dem, zu welcher Gruppe man gehört. Die jüngere Migration aus Vietnam nach Deutschland, das sind oft Menschen aus Zentralvietnam – viele aus den ärmeren Provinzen des Landes. Sie kommen her, um Arbeit zu suchen, zum Beispiel in Nagelstudios und Restaurants. Außerdem kommen einige Studierende aus Vietnam, die an deutschen Universitäten studieren wollen.

In eurem Podcast habt ihr erzählt, dass ihr beide in Kleinstädten groß geworden seid und deswegen weniger Kontakt mit vietdeutschen Communities hattet. Wo liegen die Unterschiede zwischen Diasporagemeinschaften auf dem Land und in der Stadt?

In der Stadt wächst man weniger isoliert auf. Dort gibt es oft eine Community, in der du dich spiegeln kannst. Menschen, die ähnliche Erfahrungen machen wie man selbst. Auf dem Land bist du relativ alleine als Vietdeutsche*r.

Vanessa hat anfangs versucht, alles Vietnamesische von sich weg zu stoßen und zum Beispiel ihren Namen von ihrem Geburtsnamen Hồng Vân in Vanessa geändert. Diese Entwicklung ist Zeichen eines Wunsches nach Assimilation, den ich bei vielen Kindern und Jugendlichen, die isoliert von vietnamesischen Communities aufwachsen, beobachten kann.

Wie bist du heute in vietnamesische Diaspora-Communities eingebunden?

Ich habe mir im Studium aktiv diese Communities gesucht und meine eigene Community mit dem Rice-and-Shine-Podcast selbst geschaffen. Wenn man isoliert aufwächst, orientiert man sich an den Medien oder Sachen, die einen umgeben. Ich habe mir oft den Asian-American YouTube-Content angeguckt, Vanessa hat sich im Studium mit Vietnam beschäftigt und ist für ein halbes Jahr nach Vietnam gezogen. Jede*r sucht sich seinen/ihren Weg. Als wir uns kennen lernten, hatten wir eine unfassbare Spiegelfläche, weil wir sehr ähnlich aufwuchsen. Unsere Studienfächer Politikwissenschaften und Ethnologie sind themen-mäßig ähnlich. Auf dieser Basis haben wir mit dem Podcast angefangen, uns eine Community aufzubauen. Von Vietdeutschen bekommen wir fast täglich Feedback zu diesem Projekt. Da kommen Emails mit seitenlangen Lebensgeschichten von Leuten, die sich in unserem Podcast wieder finden oder andere Erfahrungen gemacht haben. Der Austauschbedarf ist groß.

Wie würdest du das Verhältnis zu Bekannten, Freund*innen und Verwandten in Vietnam selbst beschreiben?

Persönlich habe ich sehr intensiven Kontakt zu meiner Familie in Vietnam. Es gibt auch Familien mit schwierigeren Beziehungen untereinander, da sie so weit voneinander getrennt leben. Neid, Unverständnis und gewisse Erwartungen spielen eine Rolle. Die Situation ist von Familie zu Familie unterschiedlich und davon abhängig, ob die Familien aus der Stadt oder vom Land kommen, aber auch von persönlichen und politischen Hintergründen. Der Austausch zwischen dem Heimatland und der Diaspora ist sehr stark vorhanden.

Wie gestaltet sich die Vernetzung zu vietnamesischen Diasporagemeinschaften in anderen Ländern?

Viele vietnamesische Familien leben verstreut, vor allem die Boat-People-Familien: Da sind welche in Deutschland, in Frankreich, in Großbritannien oder in Amerika. Auf dieser Basis passiert der Austausch. Medialer Content aus Amerika gibt uns hier eine Orientierungsmöglichkeit, in welche Richtung sich die Community entwickeln kann, auch wenn sich nicht alles eins-zu-eins auf Deutschland übertragen lässt. Die machen dort schon sehr viel Community-Arbeit und das schon sehr lange.

Sind Vietdeutsche mittlerweile hierzulande besser repräsentiert, als es noch vor ein paar Jahrzehnten der Fall war?

Ja, ein bisschen mehr kommt schon. Wir schaffen uns unsere eigenen Möglichkeiten, es gibt Podcastmacher*innen, Theatermacher*innen und Schauspieler*innen, die eigene Stücke schreiben, aber noch sind sie nicht im Mainstream angekommen. Vor etwa 20 Jahren war die Moderatorin Minh-Khai Phan-Thi oft bei VIVA zu sehen; sie war ein vietnamesisches Gesicht, das ich im Fernsehen sah und dachte: „Wow die sieht aus wie ich.“ Ich denke, die vietnamesische Community war in den 1990er Jahren vor allem noch darauf erpicht, möglichst nicht aufzufallen, auch weil es viele rassistische Übergriffe gab.

Heute agiert vor allem die zweite Generation anders, nach dem Motto „Nein, wir sind hier, wir können laut sein, wir können sichtbar sein, wir sollen sichtbar sein“. Dafür steht unser Podcast, aber dafür stehen auch beispielsweise viele junge vietdeutsche TikToker*innen, mit einer zum Teil sehr großen Reichweite. Ein Beispiel wären die Geschwister Bao Chii und Henry, oder Saint Linh und ihr Bruder Son. Die haben eine unfassbar große Anzahl an Follower*innen auf TikTok und sagen einfach ganz selbstverständlich „Ja, wir sind vietdeutsch, wir machen auch Asian Content, wir sind Asian, wir machen das“. Das ist sehr erfrischend und unterhaltsam, das finde ich ganz schön.

Ihr habt in eurem Podcast über deutsche Ersatzverwandte gesprochen, die euer Leben begleitet haben, was hat es damit auf sich?

Nach der Wende, als für die Vertragsarbeiter*innen jegliche alltäglichen und staatlichen Strukturen zusammengebrochen sind und es keine Unterstützung gab, haben oft deutsche Menschen aus der Nachbarschaft eine Unterstützer*innenrolle eingenommen. Für viele sind diese auch zum Familienersatz geworden. Wir waren sonntäglich bei ihnen zu Kaffee und Kuchen, sie haben uns vom Kindergarten abgeholt, wir haben sie Oma/Opa oder Tante/Onkel genannt und in den Ferien waren wir oft zum Spielen dort. Dieses Phänomen ist tatsächlich sehr häufig vorgekommen. Zu meinen Ersatzverwandten habe ich auch heute immer noch Kontakt. Fast jedes Mal wenn ich zu Hause bin, versuche ich einmal vorbeizugucken, Hallo zu sagen und etwas mit ihnen zu essen.

In unserer letzten Folge haben wir über bikulturelles Aufwachsen in einer deutschen und einer vietnamesischen Familie gesprochen. Das Problem von Rassismus innerhalb dieser Familien gehört oft zum Alltag und ist eine Dynamik, die wir auch durch unsere Ersatzverwandten erfuhren: Sie fanden uns nett und haben uns geliebt und geholfen, dennoch fiel auch der ein oder andere Spruch.

Wie groß ist die Rolle, die Rassismus im Alltag von Vietdeutschen spielt?

Rassismus ist nicht messbar, er ist auf jeden Fall immer präsent. Wir haben in einem Interview mit Philipp Rösler gesprochen, der eindeutig rassistisch beschimpft wurde. Er hat gesagt „Das ist Politik, es passiert halt einfach“ und so gehen auch viele Vietdeutsche damit um. Jede*r muss selbst seinen Weg finden, mit Rassismus umzugehen. Aber vor allem die junge Generation ist unfassbar outspoken und spricht viel über Rassismus. Wir Vietdeutschen sind eine sogenannte Vorzeigeminderheit: Natürlich, wenn es Gewalt gegen Ausländer*innen gibt, sind wir auch mittendrin, dann zünden sie auch unsere Häuser an.

Aber wir erleben im Vergleich weniger Rassismus und rassistische Gewalttaten als zum Beispiel muslimisch gelesene Menschen oder auch Schwarze Menschen. Wir haben nicht das Problem, aufgrund unseres Namens keinen Job zu bekommen. Der Stereotyp des/der strebsamen und leistungsstarken Asiat*in existiert immer noch in der Gesellschaft und aus einer unterprivilegierten Position heraus haben viele Vietdeutsche diesem Stereotyp auch oft zugestimmt. Die asiatische oder die vietnamesische Community sollte sich hier hinterfragen. Das sind natürlich ganz normale Dynamiken, die ich nachvollziehen kann, aber man muss denen nicht in die Hände spielen.

Hast du im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie neue rassistische Erfahrungen gemacht?

Ich habe schon eine Maske getragen, als noch wenige eine trugen und wurde auf der Straße beschimpft mit „Schon wieder so eine, die das Virus hier rüber geschleppt hat.“ Ein Video ging um, in dem asiatische Jugendliche mit „Ihr Corona-Schlampen“ beschimpft wurden. Es gab auch gewalttätige Übergriffe – eine chinesische Frau in München wurde von ihrem Nachbarn mit Desinfektionsmittel attackiert und er drohte, sie umzubringen. Die rassistischen Übergriffe gab es vor allem im März und April 2020. Ich habe das Gefühl, das passiert jetzt nicht mehr so häufig, aber ein gewisser Unterton im Sinne von ‚das ist das China-Virus’, ‚diese Asiaten’, etc. ist weiter vorhanden.

Was würdest du dir als vietdeutsche Zukunftsperspektive wünschen?

Ich würde mir einfach wünschen, dass wir ein bisschen mutiger sind, laut zu sein und unsere Geschichten erzählen! Einfach das zu sagen, was wir wollen und nicht das was unsere Gesellschaft oder unsere Eltern von uns erwarten.

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1 | 2018, Indonesien, Rezensionen,
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Kenntnisreiche Einführung in die indonesische Gegenwartskunst

Philippinen: Junge Filipin@s gehen gemeinsam auf Wurzelreise und erkunden ihre Identität innerhalb der Diaspora und der philippinischen Heimat. Das Buchprojekt „Gemeinsam verschieden“ fasst ihre Erfahrungen zusammen

Das Sentro (Sentro ng Kultura at Wika ng Austria at Pilipinas), ein Zentrum für österreichische und philippinische Kultur und Sprache, das 2010 in Wien als eine gemeinnützige und nichtstaatliche Organisation gegründet wurde, arbeitet an verschiedenen Projekten. Dazu gehören Tagalog Sprachkurse, kulturelle Präsentationen, Vorträge über die Philippinen und die philippinische Gemeinschaft in Österreich sowie Sommercamps mit dem Ziel, die Bedeutung beider Kulturen für Kinder und Jugendliche hervorzuheben.

Aktuell hinzugekommen ist nun auch ein Buchprojekt. Dabei geht es um den Versuch, die eigene Identität zu definieren. Das Projekt zielt darauf ab, die Herausforderungen zu verstehen, denen sich junge philippinischen Österreicher*innen, philippinische Deutsche und Kinder aus bi-kulturellen Familien in einer Diaspora gegenübersehen. Arlene Castañeda, Ralph Chan und Joshua Makalintal sind Mitglieder des Teams, das die Herausgabe des Buches leitet und koordiniert. Sie geben im folgenden Interview nähere Auskunft über das Vorhaben.

Worum geht es in dem Buchprojekt inhaltlich?

Ralph Chan (RC): Personen mit Migrationshintergrund wie Austro-Filipinos und -Filipinas haben meist damit zu kämpfen, ihre eigene Identität bzw. ihr eigenes Ich zu entdecken. Es entstehen häufig Fragen wie: Wer bin ich, wo gehöre ich hin und was bin ich – ein Filipino oder eine Filipina oder doch ein Österreicher oder eine Österreicherin? Wann bin ich Europäerin und wann bin ich Asiate? Meine persönliche Ansicht ist, dass Identität wie ein Puzzle ist, das aus seltsam geformten, ineinander greifenden Mosaikteilen besteht, die zusammengesetzt gehören. In anderen Worten bedeutet dies: Um die eigene Identität verstehen zu können, muss jede*r die einzelnen Teile des Puzzles zusammensetzen, um das gesamte Bild zu sehen. Und das ist auch eines der Ziele unseres Sammelbandes mit dem Arbeitstitel Common diversities: Young Filipin@s in Austria and Europe/Gemeinsam verschieden. Junge Filipin@s in Österreich und Europa. Mit dieser Anthologie versuchen wir herauszufinden, wie die zweite und dritte Generation der österreichisch-philippinischen Gemeinschaft ihr tägliches Leben durch soziale, kulturelle, politische und wirtschaftliche Einflüsse erleben und wahrnehmen. Diese Veröffentlichung ist auch für den Herausgeber Sentro ein Meilenstein, da sie das 10-jährige Bestehen von Sentro markiert.

Welche Themen sollen insbesondere behandelt werden?

RC: Das Buch besteht aus drei Hauptkapiteln und mehreren Unterkapiteln, die in englischer, deutscher oder philippinischer Sprache verfasst werden, nämlich (1) Menschen & Gesellschaft, (2) Politik & Wirtschaft und (3) Kultur, die die Leser*innen als roter Faden durch das Buch führen sollen. Die Frage der Identität spielt in allen Kapiteln eine wichtige Rolle, da die Zielgruppen für dieses Buch die heutigen Jugendlichen und auch ihre Eltern sind. Die Kapitel sind sehr vielfältig: Es beginnt bei der Frage, warum es nur wenige österreichisch-philippinische Wissenschaftler*innen oder Expert*innen in Österreich gibt und geht weiter zum Thema, wie das Matriarchat die philippinische Gesellschaft wirklich beeinflusst. Weiter wird behandelt, wie politischer Aktivismus tatsächlich gelebt oder wie das philippinische Essen als food heritage in der österreichischen Küche neu interpretiert wird. Weitere Themen, die auch besprochen werden, sind zum Beispiel, wie wichtig ist es, dass Mütter ihren Kindern Tagalog beibringen oder wie relevant Pamahiins (Tagalog für Aberglaube) bis heute sind.

Joshua Makalintal (JM): Ein Beispielthema ist die Diasporapolitik. Unser Kapitel (Autoren Joshua Makalintal und Christopher Chanco) behandelt die Beziehung zwischen der philippinischen Diaspora und dem populistischen Autoritarismus auf den Philippinen. Wir analysieren, warum der derzeitige Präsident Rodrigo Duterte unter den Auslandsfilipinos und Auslandsfilipinas in Nordamerika, Europa und dem Nahen Osten große Unterstützung bekommt. Im Kapitel wird über den Diaspora-Nationalismus gesprochen, welcher eine Identitätspolitik ist, die im Kampf gegen soziale und wirtschaftliche Ungerechtigkeit in den westlichen Demokratien mobilisiert wird. Diese Identitätspolitik kann sich auch in Richtung einer reaktionären Politik im Heimatland entwickeln. Zum Schluss kommen einige persönliche Reflexionen über die Erfahrungen der Autoren als first generation immigrants, die in Kanada und Österreich leben.

Wer sind weitere Autor*innen, die zum Buchprojekt beitragen?

RC: Die Autor*innenschaft setzt sich aus verschiedenen philippinischen, österreichischen und deutschen Akademiker*innen und Interessent*innen zusammen. Die Autor*innen kommen aus den Philippinen, Österreich oder Deutschland, manche leben aber auch in anderen Ländern wie Kanada. Das Buchprojekt wird inhaltlich wie auch organisatorisch von acht Wissenschaftler*innen und Expert*innen unterstützt, die weltweit an den verschiedensten Forschungsinstitutionen tätig sind wie der Universität Wien (Österreich), der Humboldt-Universität Berlin (Deutschland), der Universität Canberra (Australien), der Universität Ateneo de Manila und der Universität Santo Tomas (Philippinen). Sie helfen uns dabei, das Buchprojekt als wichtige Pionierarbeit der Diaspora Filipinos und Filipinas zu positionieren.

An wen wendet sich das Buch als Leser*innenschaft?

RC: An alle Interessierten der österreichisch-philippinischen Diaspora. Der Verein Sentro ng Kultura at Wika ng Austria at Pilipinas beschäftigt sich schon lange mit Integrationsfragen. Junge Austro-Filipin@s der zweiten und dritten Generation berichten, wie die in der Diaspora lebenden Jugendlichen oder jungen Erwachsenen ihre Realität wahrnehmen und über ihr Leben nachdenken. Es werden Momentaufnahmen dargestellt und persönliche Geschichten erzählt. Der Sammelband bietet keine wissenschaftliche Publikation, sondern eine persönliche Reflexion basierend auf wissenschaftlichen Fakten, die aber aus den Augen der Autor*innen erzählt werden.

Warum hat Sentro dieses Projekt in Angriff genommen?

Arlene Castañeda (AC): Ich habe drei Kinder, die mittlerweile junge Erwachsene sind und ihren eigenen Weg gehen. Meine Kinder sind mit philippinischen und österreichischen Werten groß geworden. Es ist mir sehr wichtig, in der Familie Respekt und Toleranz für alle ungeachtet von Herkunft und Glauben zu leben und diese Werte vor allem an Kinder und Jugendliche zu übermitteln. Aber gerade in dieser Zeit erleben unsere Kinder die Gefährdung dieser Werte. Mit diesem Buch verbunden ist mein persönliches Anliegen, dass die Jugendlichen ihre Herkunft und ihre Geschichten selbst erzählen. Ich bin überzeugt, dass sie am besten ihre eigene Collage aus Überzeugungen, Träumen, Erfahrungen und Einsichten malen können. Ich möchte, dass andere Kinder und Jugendliche aus verschiedenen Kulturen über Erfahrungen Bescheid wissen, um ein besseres Verständnis füreinander zu schaffen.

Welche Erwartungen und Ziele verbindet Sentro mit dem Buchprojekt?

AC: Ich erwarte, dass die Jugendlichen ihre eigene Herkunft und Geschichte reflektieren. Dieses Buch soll eine (kulturelle) Momentaufnahme für sie selbst und die Kinder anderer Kulturen sein und der Versuch, die eigene Identität zu definieren. Es geht um den Wunsch, anderen zu vermitteln: „Ich bin allein dafür verantwortlich, die Bestandteile meiner Identität zu bestimmen, und ich nehme jede Herausforderung an, ob äußerlich oder innerlich, um diese Identität zu formen und mit Stolz zu leben.“

Das Hauptanliegen von Sentro ist die Vermittlung der philippinischen Kultur an Kinder und Jugendliche und wir sind überzeugt, dass dieses Buchprojekt dies unterstützt. Zusätzlich hat dieses Buchprojekt eine neue Dynamik unter jungen Menschen und den Akademiker*innen und Wissenschaftler*innen erzeugt.

JM: Das Buchprojekt ist eine Anthologie, die die Erfahrungen und Gedanken der philippinischen Diaspora in Österreich und der deutschsprachigen philippinischen Community darstellt. Ein Teil des Buches konzentriert sich beispielsweise auf die Politik, wobei die gesellschaftlichen Konflikte und Diskurse rund um die aktuelle Situation auf den Philippinen in den Mittelpunkt gestellt werden. Die aktuellen Entwicklungen haben zu Spannungen unter den Filipinos und Filipinas sowohl im Land selbst als auch im Ausland geführt. Die Rolle der Diaspora ist daher besonders wichtig, da sie paradoxerweise eine der Schlüsselkräfte hinter dem Aufstieg von Duterte, als auch ein wichtiger Akteur des Dissenses ist. Dieses Buch, insbesondere das Kapitel von mir und Chanco, soll die Leser*innen über dieses wichtige Thema aufklären.

Wann und wie soll das Buch erscheinen?

RC: Das Buch wird im Herbst 2021 erscheinen. Weitere Informationen zum Buch gibt es beim Sentro. Spannende Infos zur europäisch-philippinischen Diaspora finden sich im e-Magazin Roots and Wings.

Dieser Artikel erschien zunächst in der südostasien Ausgabe 4|2020 – Diaspora – Community beyond borders und ist Teil der südostasien – Sonderausgabe Buchmesse

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1 | 2018, Indonesien, Rezensionen,
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Kenntnisreiche Einführung in die indonesische Gegenwartskunst

Vietnam: Die Kurzgeschichten in „Mein Vietnam“ sollen das Land ‚unverfälscht’ darstellen und dem deutschen Publikum junge Autor*innen vorstellen. Ein lobenswertes Projekt. Doch sind die Geschichten weder unverfälscht noch eine gute Einführung in vietnamesische Literatur.

Vor drei Jahren rief das Goethe-Institut vietnamesische Autor*innen dazu auf, Kurzgeschichten einzuschicken, die ein ‚unverfälschtes Bild’ ihrer Heimat zeichnen. Aus 150 Texten wählte eine Jury zehn Beiträge aus. Nun sind sie in dem Band Mein Vietnam erschienenen.

Die fünf Autoren und fünf Autorinnen untersuchen in ihren Geschichten sehr wohl ihr Verhältnis zu Vietnam, allerdings nähern sie sich dem Begriff von Heimat meist durch abgenutzte Konzepte wie der mütterlichen Liebe oder der nostalgischen Sehnsucht nach einer unerreichbaren Vergangenheit. Trotz des relativ jungen Alters der meisten Autor*innen (oder vielleicht gerade deswegen) bringen sie die Vorstellung zum Ausdruck, dass früher alles besser war, und mit der lang erwünschten Modernisierung des Landes etwas unwiederbringlich verloren ging.

In den Geschichten Mutters Dampfgarer von Vu Thi Cam Dao und Der Gast von Vu Tung Lam kehren ausgewanderte Vietnamesen in ihre Heimat zurück, nur um zu ihrer Enttäuschung herauszufinden, dass ‚ihr Vietnam’ nur in ihren Erinnerungen weiterlebt. In einer anderen Geschichte ist die Heimat tatsächlich komplett verschwunden: In Den Weg hinaufgehen von Ninh Nguyen ist die Protagonistin Loan gezwungen, in eine neue Siedlung zu ziehen, nachdem ihr Dorf wegen eines neuen Staudamms komplett überflutet wurde.

Früher war alles besser – wirklich?

Anderseits ist die Vergangenheit grausam und trostlos, nämlich dort, wo unter dem Deckmantel der Tradition barbarische Bräuche herrschen. In den Geschichten Brauchtum von Dang Thu Ha und Der Stellvertreter von Nguyen Thu Hien verüben unidentifizierte Angehörige ethnischer Minderheiten unsägliche Gewalt und fungieren so als Vertreter kultureller Rückständigkeit. Lebendig begrabene Babys, Mord und Vergewaltigung sind an der Tagesordnung. Nachdem man diese Szenen gelesen hat – sie kommen im Fiebertraum eines Missionars aus dem 16. Jahrhundert vor – , stellt sich die Frage, ob das Ziel dieser Geschichte wirklich die Darstellung eines unverfälschten Bildes ist. Oder ob es nicht eher um die Unterwürfigkeit gegenüber der unerbittlichen Regierungspropaganda geht, die die Unterjochung von ethnischen Minderheiten mit deren angeblichem ‚Aufholbedarf’ rechtfertigt.

Die Folgen der Modernisierung

Moralische Degradierung beschränkt sich nicht auf abgelegene Berg-Regionen. Die rasante Modernisierung seit dem Beginn der Doi Moi-Reformen 1986 eröffnete neuen Raum für die Ausbreitung von so genannten sozialen Missständen (te nan xa hoi). Ein besonders treffendes Beispiel dafür ist die Geschichte Konzession des Journalisten Tran Minh Tam. Das im Titel der Geschichte erwähnte Entwicklungsprojekt eröffnet neue wirtschaftliche Möglichkeiten, verschärft aber auch die sozialen Unterschiede zwischen Insidern und Outsidern und wird zum Magneten unzähliger Laster. Drogen, Glücksspiel und Prostitution verbreiten sich im Gebiet der Konzession hemmungslos. In einer erschütternden, an Nguyen Huy Thieps Der pensionierte General erinnernden Szene, betreten wir einen Friedhof für abgetriebene Föten und erfahren, dass diese laut lokaler Gerüchte manchmal in Ha Nam-Brühe für die Einwohner*innen verarbeitet werden.

Die Geschichte Sein Leben wird bald ganz anders sein von Le Thi Huang Giang beginnt mit einem anderen grotesken Bild; mit einer in einem Schrank versteckten Leiche. Dort bewahrt der Protagonist seinen toten Vater auf. Im Gegensatz zur traditionellen Eltern-Kind-Beziehung, die stark vom Respekt für ältere Menschen gekennzeichnet ist, wälzt der Sohn seine Verantwortung ab und lebt monatelang mit der Leiche im Haus – um weiterhin die Rente des Vaters zu beziehen und Arbeit zu vermeiden.

Der Blick auf strukturelle Ursachen für menschliches Leid fehlt

Das Problematische an den Geschichten ist nicht, dass die gezeigten Beobachtungen illegitim wären, sondern dass die Autor*innen selten versuchen, unter die Oberfläche zu blicken. Vergehen werden als Folgen individueller Mängel behandelt und strukturelle Missstände werden wenig oder kaum thematisiert. Am deutlichsten wird das in der Darstellung ethnischer Minderheiten: Deren Armut, die mangelnde Ausbildung und die rückständigen Bräuche werden allesamt sichtbar gemacht, die Rolle des kinh-vietnamesischen Staates dabei aber nicht.

Auch in der wohl beachtlichsten Geschichte des Bands, Den Weg hinaufgehen, wird die Protagonistin Loan, die wegen des neuen Staudamms ihr Dorf verlassen muss, selbst für ihr Unglück verantwortlich gemacht und nicht etwa die unzureichenden Entschädigungen oder die vom Staat geförderte Vertreibung. Natürlich müssen die Werke nicht zwingend politische oder gesellschaftliche Themen aufarbeiten, aber sie sollten zumindest spannende Geschichten mit möglichst innovativen und vielfältigen Methoden erzählen. Außer in Den Weg hinaufgehen und Sein Leben wird bald ganz anders sein finden sich in den Geschichten nur wenige Versuche der Reflexion oder Neuerung.

Vietnam, Mutterland

Stattdessen gibt es in den Geschichten zahlreiche Repräsentationen des moralisch Guten – natürlich im starken Kontrast zu den Untugenden. Das Gute kristallisiert sich in der Figur der Mutter. Leibliche Mütter, Adoptivmütter, verschwundene Mütter und zurückgelassene Mütter finden sich im Mittelpunkt fast aller Geschichten. Diese Frauen tragen ausnahmslos eine schwere Bürde und versuchen trotz tragischer Schicksalsschläge die Familie zusammenzuhalten und eine bessere Zukunft für ihre Kindern zu schaffen. In Mutters Dampfgarer gelingt es der Mutter, immer wieder aufzustehen und neu zu starten. Andere, wie zum Beispiel Frau Sechs in Ein kleines Haus am Fluss von Nguyen Le Kim Yen oder auch Loan in Den Weg hinaufgehen, haben nicht das gleiche Glück. Sie verlieren ihre Lieben und können deren Verlust nicht verarbeiten.

Die kleinere, gewöhnlichere Tragödie der Elternschaft ist die unvermeidliche Separation von den erwachsenen Kindern: Tante Ba My in Mutter vom Land von Le Duc Quang und Frau Sechs in Ein kleines Haus am Fluss warten vergeblich auf die Rückkehr der erwachsenen Kinder. Glaubt man den Autor*innen der Erzählungen in Mein Vietnam, dann bedeutet vietnamesische Frau und Mutter zu sein, ein ständiges, unaufhörliches Leiden. Die Männer sind meistens tot oder abwesend, und falls sie zufällig doch da sind, wäre es eigentlich besser, wenn sie es nicht wären. Eine Ausnahme ist der Opa aus Der alte Englisch sprechende Herr war mein Großvater von An Dai Trang, der für den Erzähler positiver Einfluss und Inspiration ist.

Ich esse, also bin ich

Neben der Figur der Mutter ist eine andere offensichtliche Verbindung zur Heimat das Essen. Tante Ba My nimmt einen Kredit auf, um örtliche Spezialitäten zubereiten zu können und sie ihrem Sohn zu geben, der in der Großstadt lebt. Frau Sechs drückt ihre mütterliche Fürsorge für ihren ausländischen Gast durch bescheidene und doch leckere Gerichte aus. Der Klebreis in Mutters Dampfgarer wird sogar zur Touristenattraktion einer Hanoi-Führung. Der Wert des Essens – genau wie der des Herkunftslandes – wird aus der Entfernung noch höher gestellt. Heimkehrende Vietnamesen versuchen ihre Erinnerungen in einer dampfenden Schüssel Pho wieder zu finden.

Die Bedeutung des Essens für die Gesellschaft wird sehr schön verdeutlicht, doch in Verbindung mit der Darstellung von Müttern und mit dem Konzept Heimat ist es etwas klischeehaft umgesetzt und wirkt nach einer Weile auch repetitiv. Das ist weniger eine Kritik an den Autor*innen sondern liegt eher in der Verantwortung des Herausgebers. Worauf dieser mehr Einfluss hätte ausüben können, sind die oft langwierigen und überflüssigen Fußnoten, die den Rhythmus der Geschichten oft unterbrechen. Auch die Übersetzungen zeugen wenig von der potenziellen Schönheit der Originale oder der individuellen Schreibstile der Autor*innen. Alles in allem ist dieses Buch ein lobenswerter Versuch, der aber keine der versprochenen Bestrebungen wirklich erfüllt. Vietnam oder die vietnamesische Literatur nach diesem Sammelband zu beurteilen, wäre ein Fehler.

Rezension zu: Goethe-Institut Vietnam (Hg.). Mein Vietnam. Erzählungen. Mitteldeutscher Verlag. 2020. 220 Seiten

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1 | 2018, Indonesien, Rezensionen,
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Kenntnisreiche Einführung in die indonesische Gegenwartskunst

Philippinen/Deutschland: Die Fotografien unserer Autorin geben biografische Einblicke in das Leben einer German Filipina Mestiza (deutsch-philippinischen Herkunft). Sie sind zugleich eine Auseinandersetzung mit mehreren Identitäten.

„Sie sprechen aber gut deutsch.“, sagte ein Beamter neulich zu mir. „Danke, Sie auch“, erwiderte ich. „Wo kommen Sie her?“, fragte er dann. „Aus Lebach“, antwortete ich. „Nein, ich meine wo kommen Sie eigentlich her?“ Meistens sage ich, dass ich aus dem Saarland oder dem Supermarkt komme. Aber da er es wohl sehr ernst meinte, antwortete ich schließlich: „Meine Mutter kommt aus den Philippinen.“ Darauf antwortete er: „Ah, Migrationshintergrund.“

Obwohl mir diese Frage schon häufiger gestellt wurde, war ich überrascht, dass die Faszination des vermeintlich Anderen immer noch so präsent ist, zumal dies für die Beantragung meines Passes nicht relevant sein sollte. Ich bin hier geboren, in den Kindergarten und zur Schule gegangen, studierte, lebe und arbeite hier. Dennoch wird mir häufiger als meinen ‚weißen’ Freund*innen diese Frage gestellt. Manchmal ist es gar nicht so leicht zu unterscheiden: Ist es subtiler Rassismus oder eigentlich nur aufrichtiges Interesse?

Othering

Wenn mir zum Beispiel gesagt wird, wie exotisch ich aussähe, wenn ich gefragt werde, wo ich denn so gut Deutsch gelernt hätte oder wo ich herkomme, dann werde immer ich zur ‚Anderen’ gemacht. Die postkoloniale Theorie erklärt diese Zuschreibungen mit dem Konzept des Othering: Man definiert sich als Gruppe, indem man sich von anderen Gruppen abgrenzt. Die anderen Menschen dienen zur Beschreibung von all dem, was man selbst nicht ist. Ein wichtiger Aspekt der Identität ist die Abgrenzung. Nur wie verhält sich das, wenn ein Mensch mehrere Identitäten hat?

In den Philippinen erfahre ich eher eine umgekehrte Diskriminierung. Aufgrund meiner kleinen Nase und meiner vergleichbar helleren Haut werde ich bevorzugt behandelt. Als ich in der siebten Klasse war, verbrachte ich mit meinen Geschwistern die Sommerferien bei meiner Großmutter. Wir bekamen Schuluniformen und durften dann über sechs Wochen die lokale Schule besuchen, drei ‚weiße’ Kinder in den 1990er Jahren in einem philippinischen Dorf namens Bansalan. Jede*r in der Schule kannte unsere Namen, wir waren ständig von einer Schar Schüler*innen umgeben, wurden zu jeder Festlichkeit eingeladen und durften immer im Mittelpunkt stehen. Wir wurden wie Stars behandelt. Manchmal frage ich mich, wie sich wohl mein Selbstbewusstsein entwickelt hätte, wären wir dort hingezogen. In meinen ganz persönlichen Erfahrungen spiegeln sich auch die Machtverhältnisse und Geschichte der Länder wider. Deutschland repräsentiert eine größere Wirtschaftsmacht als die Philippinen, die durch ihre eigene koloniale Geschichte eine besondere Gasthöflichkeit entwickelt hatten.

Familiäre Vergangenheit und Gegenwart

Ich finde es interessant, meine Herkunft selbst zu erforschen. Die biografischen Einblicke sagen auch etwas darüber aus, wie Kultur weitergegeben wird. Und ich frage mich, ob eine deutsche, weiße, heterosexuelle und bürgerliche Person ebenso viel über ihre Vergangenheit weiß. Einige Bilder meiner deutschen Ahnen stammen aus den 1930er Jahren und ich vermute, meinen Großvater mit anderen Soldaten auf den Bildern zu sehen. Durch das Anschauen der Bilder wurde mir erst bewusst, welche Geschichte und kulturelle Bedeutung es hatte, dass wir einen altdeutschen Schäferhund hielten. Das Hakenkreuz und der Hitlergruß sind auch auf einigen Bildern zu sehen. Waren sie Anhänger*innen oder haben sie sich den Umständen gefügt? Die genaue Geschichte kann mir keiner mehr erzählen. Da sich der philippinische Präsident Rodrigo Duterte selbst auch schon mit Adolf Hitler verglichen hat, frage ich mich, wie es sich nun mit meinen Verwandten in den Philippinen verhält.

Die erhobene Faust der Duterte Anhänger, der Kampf gegen vermeintliche Drogenabhängige und der ausgedehnte Straßenbau in Davao wirken für viele Filipin@s überzeugend. Politik ist in den Philippinen ein sehr emotionales Thema. Die Blindheit und Gutgläubigkeit gegenüber Duterte hat fast schon Ausmaße wie beim philippinischen Sektenführer und Politiker Apollo Carreon Quiboloy angenommen, welcher sich als der „ernannte Sohn Gottes“ und der „Besitzer des Universums“ bezeichnet und damit sehr erfolgreich ist. Only in the Philippines? Erstaunlich wie viele Parallelen es doch gibt. Wenn ich die Fotos meiner Vorfahren ansehe, gibt es durchaus auch interkulturelle Ähnlichkeiten zu den Duterte-Anhänger*innen, zum Beispiel im Ausdruck und der Körperhaltung. Zumal die deutsche Geschichte des dritten Reichs auch erst rund 80 Jahre her ist und deren Nachwirkungen bis heute spürbar sind.

Da ich in Deutschland aufgewachsen bin, fühle ich mich auch kulturell eher im deutschen Alltag zuhause. Gleichzeitig fühle ich mich mit den Philippinen sehr verbunden und habe über meine mütterliche Erziehung hinaus selbst viel über die Geschichte, Kultur und Politik der Philippinen geforscht und gelernt. Vielleicht weiß ich über das Land im ‚fernen Osten’ sogar mehr als über das Saarland. Das Erlernen der Sprache Bisaya allein hat mir sehr viel Einsicht in die Denkweise und die Kultur meiner Mutter gebracht. Doch ich selbst habe die kulturellen Werte der Philippinen nur indirekt erlebt, da ich nicht dort aufgewachsen bin.

Als zweite Generation oder Second Generation scheint es mir ein wenig befremdlich, etwas ‚zu sein’, zu dem ich selbst nur einen bestimmten Zugang habe. Obwohl die Welt durch die globale Vernetzung in einem regen Austausch steht, was was aktuell durch die Corona-Pandemie verdeutlicht wird, ist es erstaunlich wie langsam sich Weltbilder und Verhaltensweisen gegenüber fernen Ländern in der Gesellschaft anpassen. Menschen aus ähnlichen wirtschaftlichen Verhältnissen haben über die Ländergrenzen hinweg vielleicht mehr gemeinsam als Menschen aus unterschiedlichen Milieus im gleichen Land. Wenn ich mein Augenmerk weniger auf die Abgrenzung und mehr auf die Bereicherung lege, ist die bi-kulturelle Herkunft eine große Schatzkiste an Erfahrungen und Erkenntnissen.

Multilokalität

Der Hashtag #metwo macht darauf Aufmerksam, dass Menschen mehr als eine Identität haben können. Vielleicht ist es viel interessanter, nach Gemeinsamkeiten zu suchen, statt über Othering Unterschiede hervorzuheben. In der heutigen Welt ist es nicht schwer, an verschiedenen Orten zuhause zu sein oder von verschiedenen Orten zu kommen. Die Schriftstellerin Taiye Selasie sagt, multinational sei ein Begriff für Unternehmen. Menschen erfahren eher eine ‚multi-lokale’ Zugehörigkeit. In diesem Sinne ist die Frage nach der nationalen Herkunft weniger aussagekräftig als die Frage: Wo fühlst du dich zuhause? Mit welchen Orten fühlst du dich verbunden? Ich bin Bürgerin mehrerer Orte, ich fühle mich in Berlin, Hannover, Köln, Saarbrücken und in Davao zuhause.

Es gibt einige Gewohnheiten, die ich bewusst und unbewusst aus der philippinischen Kultur mitgenommen habe. Das sind beispielsweise die Dankesschuld, utang na loob, die Wahrnehmung der subtilen Körpersprache wie ein Zustimmen mittels dem Heben der Augenbrauen oder das Abmessen vom Reis-Wasser-Verhältnis beim Kochen mittels des kleinen Fingers. Ich mag auch das Wetter, die Früchte und die täglichen Reisgerichte, aber die durchdringende Korruption widerstrebt mir. Ebenso mag ich die vier Jahreszeiten, sortierte Mülleimer, soziale Absicherung, die Freiheit zur Meinungsäußerung und meinen privaten Raum.

Die Musikerin Dota Kehr drückt es in ihrem Song Grenzen so aus: „Wieso schützt man die Grenzen der Staaten so gut und die Grenzen der Menschen so schlecht? Sie müssen nicht zwischen den Ländern verlaufen, sondern zwischen den Menschen. Nicht aus Stacheldraht sollen sie sein, sondern aus Respekt. Es gibt Grenzen. Nennt mich naiv, es ist mir egal, aber ich finde es reicht, ich suche das Land in dem jeder dem Anderen in Staatsunangehörigkeit gleicht. Ich melde mich ab, ich will einen Pass, wo Erdenbewohnerin drin steht.“

In diesem Sinne ist die Frage nach der nationalen Herkunft weniger aussagekräftig als die Frage: Wo fühlst du dich zuhause? Mit welchen Orten fühlst du dich verbunden?

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1 | 2018, Indonesien, Rezensionen,
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Kenntnisreiche Einführung in die indonesische Gegenwartskunst

Deutschland/Thailand/Philippinen: Die feministische Frauen-Beratungsstelle Ban Ying (= Haus der Frauen) setzt sich in Berlin gegen Ausbeutung und Menschenhandel ein.

Ban Ying kommt aus dem Thailändischen und bedeutet Haus der Frauen. Der Verein Ban Ying wurde 1989 von Sozialarbeiter*innen und Mitarbeiter*innen von Berliner Gesundheitsämtern gegründet. Grund war die zunehmende Zahl an thailändischen Frauen, die dort in die Gesundheitsberatung kamen und von sexueller Ausbeutung betroffen waren. Damals gab es keinen Ort, wo sie vor Verfolgung durch Zuhälter*innen und Schlepper*innen sicher waren. Vor allem Frauen aus Thailand und den Philippinen waren anfangs die Zielgruppe des Vereins. Inzwischen berät Ban Ying Menschen aus wesentlich mehr Ländern.

Mit einer anonymen Zufluchtswohnung sowie einer Beratungs- und Koordinationsstelle setzt sich Ban Ying mit Beratung, Unterbringung, Netzwerk- und Öffentlichkeitsarbeit gegen Menschenhandel und für Migrant*innen ein, die von Ausbeutung, Gewalt und/oder Menschenhandel betroffen sind. Der Verein berät alle, die sich als Frau identifizieren.

Eine Zielgruppe von Ban Ying sind von Menschenhandel betroffene Frauen. Gibt es Menschenhandel überhaupt in Deutschland?

Ja, es gibt Menschenhandel in Deutschland, in anderen EU-Ländern, auf dem Weg nach Europa und im Herkunftsland. Es gibt immer mehr eine Schnittmenge von Geflüchteten, Asylsuchenden und Betroffenen von Menschenhandel in Deutschland und in anderen EU-Ländern. Unsere Zielgruppen sind speziell die Betroffenen von Menschenhandel zum Zweck der sexuellen und Arbeitsausbeutung.

Bei der Gründung von Ban Ying lag der Fokus auf der Unterstützung von thailändischen Frauen. Ist Südostasien heute noch euer Arbeitsschwerpunkt?

Ban Ying wurde vor über 30 Jahren als Organisation für thailändische Frauen gegründet, die als Sexarbeiter*innen ausgebeutete wurden oder von Heiratshandel betroffen waren; später auch Hausangestellte. Die zehn ersten Jahre lag der Fokus auf Südostasien und besonders auf Thailand und den Philippinen. Nach der Wende kamen ausgebeutete Frauen aus Osteuropa dazu, in den letzten Jahren mehr und mehr Frauen aus afrikanischen Ländern und dem Nahen Osten. Ein großer Teil unser Klient*innen kommt heute immer noch aus Thailand und den Philippinen. Das zeigt sich auch durch unseren beiden Sprach- und Kulturmittler*innen, die Thai und Philippinisch sprechen.

Was sind die primären Zielgruppen von Ban Ying?

Unser Fokus liegt auf Frauen, die von Menschenhandel im Bereich Sexarbeit betroffen sind, oder die als Hausangestellte oder in andere Arbeitsbereiche wie die Gastronomie oder im Pflegebereich ausgebeutet werden. Wir sind eine Frauenorganisation. Die Arbeitsbereiche sind sehr gegendert. Wenn wir mit Männer die Ausbeutung erfahren, arbeiten würden, hätten wir vermutlich mit anderen Arbeitsbereichen zu tun, wie beispielsweise Bau, Schlachthöfe oder Gastronomie.

Welche Strukturen und Motive stecken hinter Menschenhandel?

Menschenhandel mit dem Ziel der sexuellen und/oder Arbeitsausbeutung geschieht oft im Kontext von Migration. Es gibt unterschiedliche Gründe warum Menschen migrieren. Zum einen sind es wirtschaftliche Gründe, aber auch politische wie Verfolgung. Es gibt einen politischen Rahmen, der Menschenhandel begünstigt. Verschärfte Migrationspolitik trägt dazu bei, dass es Menschenhandel gibt.

Wie kann Menschenhandel bekämpft werden?

Es ist problematisch, dass bei der Bekämpfung von Menschenhandel der Fokus nur auf Täter*innen, deren Bestrafung und Ermittlung, liegt. Es ist natürlich sehr wichtig, dass Täter*innen strafrechtlich verfolgt werden. Sichere Migration nach Europa und bessere Aufenthaltsperspektiven in Europa wären jedoch wirksamer und nachhaltiger, um Menschenhandel zu bekämpfen.

Ban Ying eine politische Organisation. Was sind eure konkreten Forderungen an die Politik?

Aktuell können Betroffene von Menschenhandel einen temporären Aufenthaltstitel bekommen, wenn sie bereit sind in einem Verfahren gegen die Täter*innen auszusagen. Dass der Aufenthaltstitel von der Kooperationsbereitschaft mit den Strafverfolgungsbehörden abhängig ist, ist aus verschiedenen Gründen problematisch.

Zum einen ist das Aufenthaltsrecht auf die Ermittlungen und das eventuell sich anschließende Verfahren begrenzt. Danach gibt es keine Garantie auf einen langfristigen Aufenthalt. Sie können nach einem Verfahren in ihr Heimatland zurückgeschickt werden. Das trägt dazu bei, dass viele Betroffene sich nicht bei der Polizei melden, nicht aussagen wollen oder können. Für die Betroffenen ist es sehr riskant, auszusagen, weil sie sich dadurch auch in die Gefahr begeben, ich ihrem Heimatland der Rache der Täter*innen und deren Netzwerken auszusetzen. Es geht aber auch anders: In Italien ist es möglich einen legalen Aufenthaltstitel zu erhalten, auch wenn Betroffene sich dagegen entscheiden in einem Verfahren auszusagen. Aufenthalt und die Unterstützung für Betroffene sind dort also entkoppelt von der Bereitschaft auszusagen. Wir fordern, dass Betroffene von Menschenhandel unabhängig davon, ob sie aussagen können oder wollen, einen Aufenthalt und Unterstützung in Deutschland bekommen.

Falls der Aufenthaltsstatus weiterhin an die Aussage vor Gericht gekoppelt bleibt, fordern wir zumindest, dass Betroffene, die aussagen, eine langfristige Bleibeperspektive bekommen. Es gibt schon jetzt die Möglichkeit, nach einem Verfahren aus humanitären Gründen einen Aufenthalt zu beantragen. Aber das funktioniert nicht immer.

Außerdem haben Betroffene von Menschenhandel eigentlich ein Recht auf eine Bedenk- und Stabilisierungszeit, um zu überlegen, ob sie überhaupt aussagen wollen oder können. Wir fordern, dass diese Bedenk- und Stabilisierungszeit besser umgesetzt wird.

Euer Ansatz ist die feministische Anti-Menschenhandelsarbeit. Was heißt das?

Wir sind auf der Seite der Betroffenen, wie auch immer sie sich entscheiden. Wir wollen keine herablassende und paternalistische Haltung in der Beratung, indem wir eine Person davon überzeugen, einen bestimmten Weg zu nehmen. In manchen Situationen müssen wir die Entscheidung der Frau akzeptieren. Wir nehmen ihre Entscheidung ernst und versuchen, sie nicht von etwas zu überzeugen.

Menschenhandel betrifft vor allem Frauen und Mädchen. Feministische Anti-Menschenhandelsarbeit bedeutet deshalb auch, dass wir Menschenhandel als Ergebnis von ungerechten und patriarchalischen Strukturen betrachten und bekämpfen in dem wir zusätzlich zu Beratung auch Öffentlichkeits- und Advocacy-Arbeit betreiben.

Kannst du das an konkreten Beispielen erklären?

Es gibt in Deutschland aber auch weltweit Hausangestellte, die unter schlimmen Bedingungen in Diplomatenhaushalten arbeiten. Hausangestellte von Diplomat*innen haben aufgrund der Immunität ihrer Arbeitgeber*innen kein Zugang zum Recht.

Trotzdem gab Situationen in denen Arbeitgeber*innen – wenn sie erfahren, dass ihre Mitarbeiter*innen bei uns in der Beratung sind – sich unter Druck fühlen und neue, fairere Arbeitsbedingungen anbieten. Diese neuen Bedingungen sind zwar besser, aber weiterhin ausbeuterisch. Es gibt Hausangestellte, die sich in dieser Situation trotzdem dafür entscheiden, dort weiter zu arbeiten. Das respektieren wir.

Ein weiteres Beispiel ist Ban Yings Einstellung gegenüber Sexarbeit. Es gibt Klient*innen die nie in der Sexindustrie arbeiten wollten und in Deutschland ausgebeutet wurden. Wir haben aber auch Klient*innen, die in ihren Heimatland Sexarbeiter*innen waren, hier in der Sexindustrie ausgebeutet wurden, gegen ihre Täter*innen in einen Prozess aussagen und weiterhin als selbständige Sexarbeiter*innen tätig sind. Viele Organisationen, die im Bereich Anti-Menschenhandel tätig sind, sind grundsätzlich gegen Sexarbeit. Bei Ban Ying setzen wir uns gegen sexuelle Ausbeutung, aber nicht gegen Sexarbeit ein. Es ist anti-feministisch, zu versuchen die Frauen zu überzeugen, nicht mehr als Sexarbeiter*innen tätig zu sein. Wir respektieren die Entscheidungen unserer Klient*innen und unterstützen sie.

Neben Menschenhandel habt ihr noch weitere Beratungsfelder. Worum geht es da konkret?

Eine weitere Zielgruppe sind Frauen, die nicht von Menschenhandel aber von anderen Formen von Gewalt betroffen sind. Zum Beispiel Frauen die häusliche Gewalt erfahren und deren Aufenthalt von der Ehe zu ihrem deutschen Mann abhängig ist. Wenn es Kinder in der Beziehung gibt, ist das Sorgerecht ein häufiges Thema. Frauen stehen nach der Trennung oft finanziell schlechter als ihre Ex-Männer da und können sich im Sorgerechtsstreit durch die Sprachbarriere nicht gut verteidigen. Wir beobachten, dass Frauen gegenüber ihren deutschen (Ex-)Männern sehr oft das Sorgerecht verlieren.

Gibt es Beispiele in euerer Arbeit, wie sich Migrant*innen zusammenfinden und unterstützen?

Es gibt ein breites Diasporaspektrum in unserer Arbeit. So gibt es Communities die besser vernetzt sind als andere. Die philippinische Community ist zum Beispiel sehr gut vernetzt. Es gibt auch Einzelkämpfer*innen, aber der Großteil unserer Klient*innen kommt durch ‚Mund-zu-Mund-Propaganda’ über ihre Communities zu uns.

Unsere Sprach- und Kulturmittler*innen für Thai und Philippinisch organisieren normalerweise regelmäßige Veranstaltungen mit den Frauen. Zum Teil, um die Frauen über ihre Rechte zu informieren, aber auch zu gemeinsamen Freizeitveranstaltungen, wie zusammen kochen, Museumsbesuche oder Boot fahren auf der Spree. Dadurch entwickelt sich auch eine Community innerhalb unseres Netzwerks. Sie machen das eigentlich einmal im Monat, aber wegen Corona pausiert derzeit das Angebot.

Welchen Einfluss hat die Corona-Pandemie noch auf eure Arbeit?

Unsere Arbeit wird sehr von der Pandemie erschwert. Wir machen weiterhin Beratungen vor Ort unter Sicherheitsauflagen. Die vor-Ort Beratung mussten wir aber stark beschränken. Wir machen jetzt mehr Online- und Telefon-Beratung. Das ist komplizierter und verlangsamt unsere Arbeit, weil es sehr viele Barrieren gibt. Sprachbarrieren sind größer und auch die Zusammenarbeit mit Behörden ist schwerer geworden. Alles verlangsamt sich.

Und welchen Einfluss hat die Pandemie auf die Migrant*innen, die ihr beratet?

Viele unserer Klient*innen, insbesondere Sexarbeiter*innen, konnten sehr lange nicht arbeiten. Das hat ihre Situation noch prekärer gemacht als vor der Pandemie.

Bei den diplomatischen Hausangestellten haben wir eine sehr besorgniserregende Beobachtung gemacht. Dieses Jahr sind sehr viel weniger Hausangestellte zu uns gekommen. Wir glauben nicht, dass ihre Arbeitsbedingungen sich verbessert haben, sondern dass die Hausangestellten noch isolierter sind und uns weniger erreichen können.

Portraitserie ME IN THE MIDST OF CHANGING TIMES AND SOCIETIES von Krisanta Caguioa-Mönnich 2019 © Krisanta Caguioa-Mönnich mit Zitaten der portraitierten Frauen:

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1 | 2018, Indonesien, Rezensionen,
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Kenntnisreiche Einführung in die indonesische Gegenwartskunst

Indonesien/Thailand/Hongkong/Deutschland: Cassie Sukmana und Kwok-Fai Cheung haben sich in Köln mit dem Restaurant Daur Lang ihren Traum erfüllt, einen Mix aus Tradition und Nachhaltigkeit. Im Interview berichten sie über ihr Leben in der Diaspora – und natürlich über ihre Kochkünste.

Was hat euch beide in die Gastronomie geführt?

Cassie (C): Wir haben vorher lange in Berlin gelebt, wo wir uns auch kennen gelernt haben. In Köln wohnen wir jetzt seit fünf Jahren. Ich habe bereits zehn Jahre in der Gastronomie gearbeitet, mein Mann sogar noch länger. Es war schon immer mein Traum, ein eigenes Restaurant zu haben. Das haben wir nun zusammen umgesetzt.

Welche Einflüsse prägen die Küche, die ihr anbietet?

C: Wir haben unsere Vorstellungen in einem neuen Konzept verwirklicht. Dazu haben wir uns am Stil eines Asian Bistro orientiert, in dem wir eine Küche anbieten, die wir als ‚Hausmannskost’ bezeichnen würden. Also Gerichte, die sich in Deutschland sonst schwer finden lassen. Überwiegend servieren wir indonesische Speisen, da ich aus Indonesien komme und das dortige Essen sehr vermisst habe. Deswegen wollte ich für die Menschen das kochen, was ich selbst gern esse. Gerichte, die in Indonesien auf der Straße verkauft werden. Aber wir bedienen uns auch an Einflüssen aus der chinesischen und thailändischen Küche. Da mein Mann zur Hälfte Thailänder und zur Hälfte Hongkonger ist, überlasse ich das ihm.

Kwok-Fai (K-F): Wir wollten kein typisches 08/15-Restaurant mit Gerichten, die überall zu bekommen sind. Wir möchten den Menschen richtiges Heimatessen anbieten. Wichtig war uns auch ein wechselndes Menü, um für Abwechslung zu sorgen. Ansonsten wäre es schnell langweilig geworden.

War es für euch schwer, das Restaurant bekannt zu machen?

K-F: Ganz ehrlich: Restaurants wachsen wie Unkraut. An jeder Ecke entsteht etwas Neues, das macht es nicht einfacher. Ich würde nicht unbedingt als erstes ein Restaurant eröffnen, wenn ich neu nach Deutschland kommen würde. Aber durch unseren alternativen Ansatz sind wir in kurzer Zeit schon recht bekannt geworden und haben uns vor allem in der Südstadt von Köln einen Namen gemacht. Wir haben viele Stammkund*innen und kriegen oft Lob für das, was wir machen. Mich freut es sehr, dass die Menschen uns schon als Teil ihres Viertels betrachten.

Worauf habt ihr, neben der Menükarte, noch geachtet?

C: Uns war es wichtig, ein nachhaltiges Restaurant zu betreiben. Deswegen bieten wir, neben unserer Speisekarte, auch regionale Lebensmittel und wiederverwertete Dekorationsartikel in unserem Laden an. Diese werden beispielsweise aus Holz oder alter Pappe gefertigt und somit wiederverwertet. Zudem haben wir alle Möbel in unserem Laden gebraucht gekauft. Der Gedanke dahinter war, dass es bereits so viel Müll auf unserem Planeten gibt, dass wir nicht noch mehr davon produzieren, sondern vielmehr den vorhandenen dazu nutzen möchten, etwas Neues herzustellen.

Was bedeutet es euch, asiatische Gerichte anzubieten?

C: Wir kennen asiatische Gerichte durch unsere Familien und haben von deutscher Küche wenig Ahnung. Aber wir müssen auch kreativ sein, da wir vegetarische Gerichte anbieten. Fleisch kann man bei uns nur extra dazu bestellen. Typisch indonesische Gerichte wie Rendang [Rindfleisch mit speziellen Gewürzen in Kokosmilch, d.R.], sind schon schwer vegetarisch zu gestalten. Das Gericht wird in Indonesien mit Rindfleisch gekocht, bei uns mit Tofu. Allein für die Soße brauchen wir vier Stunden, deshalb bereiten wir es nur einmal im Monat zu. Viele unserer Gäste kannten das Gericht nicht, waren aber begeistert, nachdem sie es probiert hatten.

Wir bieten überwiegend vegetarisches und veganes Essen an, da übermäßiger Fleischkonsum einfach nicht nachhaltig ist. Unsere Karte spiegelt dabei genau das wider, was wir auch selbst zu Hause essen. Wir essen zwar Fleisch, aber sehr selten und ausgewählt. Deshalb möchten wir das Narrativ umkehren, dass vegetarisches Essen eine Besonderheit sei und Fleisch die Norm darstelle.

Was verbindet ihr mit indonesischem Essen?

C: Indonesisches Essen steht für mich für Heimat. Ich kann, wenn ich esse, gedanklich zu meiner Familie reisen und viele Erinnerungen in mir wecken. Aber auch bei den meisten Kund*innen, die zu uns kommen und beispielsweise schon auf Bali waren, weckt unser Essen Erinnerungen. Viele freuen sich und schwelgen in Nostalgie an ihre schöne Zeit in Indonesien.

Hast Du Kontakt zu anderen Indonesier*innen in Deutschland?

C: Wir sind kein Teil einer größeren Gruppe, aber haben einige indonesische Freund*innen in Köln. Hier gibt es nicht so viele Indonesier*innen wie zum Beispiel in Berlin. Als ich nach Deutschland kam, wohnte ich in Berlin, um International Business zu studieren. Internationale Studierende mussten vor der Uni ein Studienkolleg besuchen. Dabei handelt es sich um ein Schuljahr, in dem Kenntnisse in Deutsch, Englisch, Mathe oder auch Wirtschaft aufgefrischt werden. Dort haben sich viele Indonesier*innen kennengelernt, aber auch Menschen anderer Nationalitäten.

Später bin ich nach Köln umgezogen und habe dort mein Studium beendet. Mein Bruder hat dort gewohnt, so konnte ich ihm näher sein. Mittlerweile ist er wieder nach Indonesien gezogen. In Köln konnten wir uns sehr schnell einleben. Es geht uns gut hier, was auch ein Grund war, das Daur Lang zu eröffnen. Wenn alles nach Plan läuft, bleiben wir auch die nächsten Jahre hier.

Was bedeuten Restaurants für die indonesische Diaspora in Deutschland?

C: In Deutschland gibt es mehrere indonesische Restaurants. Vor allem in Berlin, aber auch in anderen Städten. In Köln sind es momentan noch drei weitere. Das älteste davon gibt es schon seit 35 Jahren. Das wurde schon von der Großmutter des jetzigen Inhabers geführt. Einige Indonesier*innen haben direkt, nachdem sie nach Deutschland kamen, indonesische Läden oder Restaurants eröffnet. In Hamburg gibt es auch ein Restaurant und sogar einen indonesischen Lebensmittelladen, den größten in Deutschland.

Wie ist Dein Verhältnis zu Deinen Verwandten in Indonesien?

C: Ich fliege circa einmal alle zwei Jahre nach Indonesien. Meine ganze Familie wohnt dort, deshalb wohne ich quasi alleine hier. Ich vermisse sie alle sehr. Aber der technische Fortschritt macht es auf jeden Fall einfacher, den Kontakt zu halten. Messenger Dienste haben es sehr viel leichter und günstiger gemacht, zu telefonieren. So ist es definitiv erträglicher. Aber sobald die Pandemiesituation es zulässt, würde ich gerne wieder nach Indonesien reisen.

K-F: Bei mir ist es, dadurch dass ich in Berlin aufgewachsen bin, etwas einfacher. Meine Eltern und der engste Familienkreis lebt noch dort. Meine Großeltern, Onkel und Tanten jedoch leben in Thailand und in Hongkong. Daher kann ich nachvollziehen, wie weit für Cassie die Distanz zu ihrer Familie ist.

Habt ihr das Gefühl, das Menschen aus Südostasien mittlerweile besser repräsentiert in Deutschland sind?

C: Die Repräsentation nimmt auf jeden Fall zu, wir fühlen uns mehr willkommen. Ich kann es natürlich nur bedingt vergleichen, da ich erst seit fünf Jahren in Köln lebe. Hier sind wir glücklicher als in Berlin, denn die Leute sind netter und aufgeschlossener. Mein Mann kann das allerdings besser einschätzen, da er in Deutschland aufgewachsen ist. Am Anfang der Corona-Zeit haben die Anfeindungen gegen uns deutlich zugenommen.

K-F: Da kamen teilweise richtig rassistische Sprüche. Das war schon sehr fies, nett gesagt. Mittlerweile schalte ich allerdings einfach auf stumm und höre solchen Sprüchen nicht mehr zu. Viel passiert auch durch fehlende Bildung und Falschinformationen. Da wird gerne ein Bild aus Boulevardmedien übernommen, dass das Virus von Asiat*innen stamme. Aber mal im Ernst: Es gab genug andere Krankheiten mit vielen Toten. Zum Beispiel die Influenza-Grippe. Nur stammte diese eben aus Europa, nicht aus Asien. Deswegen sorgte das nicht für eine vergleichbare Diskriminierung.

Habt ihr auch früher schon derart viele Diskriminierungserfahrungen gemacht?

K-F: Damals vor 25 Jahren, als Asiate in Berlin aufzuwachsen, war hart. Niemand hat Dich wahrgenommen. Ich hatte teilweise das Gefühl, ein Nichts zu sein. Aber mittlerweile hat sich einiges geändert. Jüngere Asiat*innen haben zum Glück nicht mehr die gleichen Probleme, wie ich damals. In der Großstadt gibt es so etwas heutzutage nur noch selten.

C: Ich glaube auch, dass sich das mediale Bild von Asien gewandelt hat. Heutzutage wird deutlich weniger rassistisch über Asiat*innen gesprochen, als es früher noch der Fall war.

Welche Herausforderungen bringt die Corona-Pandemie für das Restaurant mit sich?

C: Das Daur Lang haben wir seit circa einem Jahr. Leider haben wir kurz vor dem Beginn der Corona-Pandemie eröffnet, das war ein denkbar schlechter Zeitpunkt für uns. Und jetzt, ein Jahr später, befinden wir uns immer noch in der Pandemie. Es gibt wirklich leichteres, aber da müssen wir durch. Wir bieten weiterhin unsere Gerichte zum Abholen an und erhalten dafür auch viel Zuspruch. Wir hoffen natürlich, dass es wieder Richtung Normalzustand geht.

K-F: Ich bin mit unserem Restaurant an sich auf jeden Fall zufrieden. Mit dem was wir schon erreicht haben – Mit der aktuellen Situation natürlich weniger. Aber das geht wahrscheinlich Allen so. Viele Leute sprechen uns Mut zu und sagen uns, dass wir durchhalten sollen. Dafür lohnt es sich definitiv, weiterzumachen.

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1 | 2018, Indonesien, Rezensionen,
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Kenntnisreiche Einführung in die indonesische Gegenwartskunst

Philippinen: „In the Country“ von Mia Alvar führt die Protagonist*innen von Manila nach Bahrain und New York. Anhand ihrer Schicksale erzählt Alvar, wie Arbeitsmigration und Auswanderung nicht nur das Leben von zahlreichen Filipin@s prägen sondern die gesamte philippinische Gesellschaft.

Während Sally in Bahrain die beeinträchtigte Tochter von Mrs. Mansour betreut, putzt ihre Freundin Minnie das Haus der reichen Dame. Esmeralda macht seit fast zwanzig Jahren in New Yorker Haushalten und Büros sauber. Andoy arbeitet als Chauffeur in Saudi Arabien, während die Krankenschwester Milagros gar nicht daran denkt, die Philippinen zu verlassen. Sie alle kennen einander nicht und dennoch kreisen ihre Geschichten um dasselbe Thema: Auswanderung und Arbeit im Ausland – sei es als Notwendigkeit, um Geld für die Familie zu verdienen, als Erfüllung eines persönlichen Traums oder als Option, die immer wieder die eigenen Gedanken kreuzt.

In den neun Kurzgeschichten von In the Country schlüpft Mia Alvar in verschiedene Figuren und kann so ganz unterschiedliche Erzählperspektiven einnehmen. Damit gibt sie die Vielschichtigkeit der philippinischen Communities im Ausland wieder, zeigt deren Beweggründe, Sorgen und Lebenswelten. Keine Person ist wie die andere, keine Geschichte wiederholt sich. Zwar sind die Protagonist*innen fiktive Figuren. Doch ihre Schicksale lassen sich durchaus im realen Leben finden. Die Autorin kann selbst von einer Migrationsgeschichte erzählen: in Manila geboren, ist sie in Bahrain und New York City aufgewachsen, wo sie heute noch lebt.

Zwischen zwei Welten

Welche philippinische Familie kennt sie nicht, die balikbayans, die Rückkehrer, mit ihren Geschichten und Geschenken aus einer anderen Welt? Balikbayans wie Steve in der Geschichte The Kontrabida, der in New York als Apotheker arbeitet und in Manila seine alternde Mutter und den sterbenden Vater besucht. Schmerzvoll sieht er seiner Mutter dabei zu, wie sie den Vater umsorgt, trotz aller Erniedrigungen, die dieser ihr getan hat. Fast schüchtern bewegt sich Steve im Haus seiner Kindheit. Im Hof, in dem er einst spielte, steht nun ein Sari-Sari-Store, jener typisch philippinische Gemischtwarenladen. Es waren seine Rücküberweisungen, die den Eltern das Geschäft ermöglicht haben. Nun sieht er dabei zu, wie seine Mutter abwechselnd die Kundschaft, den Vater und auch noch ihn bedient. Seinen Verwandten und Freunden erzählt er, was sie hören möchten: Dass er das philippinische Essen vermisse, die Leute und das Land. In seinem Inneren ist er jedoch ein Fremder, der sich in New York mittlerweile mehr Zuhause fühlt als in Manila.

Gespaltene Community

Bahrain hingegen wird für die Protagonist*innen nie zu einem dauerhaften Zuhause. Das Land ist lediglich ein Zwischenstopp auf der Reise in ein weiteres Land, etwa in die USA, oder ein temporärer Arbeitsaufenthalt, der von der ständigen Sehnsucht nach den Philippinen geprägt ist. In der Geschichte Shadow Families haben sich mehrere Familien zusammengetan, um einmal in der Woche die philippinische Lebensweise in den Wüstenstaat zu holen – in Form einer Party mit Essen und Karaoke. Es gibt Glücksspiel und Bier für die Männer und tschismis, Klatsch und Tratsch, für die Frauen. Geselligkeit als Mittel gegen das Heimweh. Aber auch in dieser Parallelwelt sind nicht alle gleich. Die philippinischen Migrant*innen unterscheiden sich in ihrer sozialen Herkunft, ihrem Gehalt, ihrem Aufenthaltsstatus und dem Arbeitsverhältnis. In fast peinlich berührter Weise sind ihnen diese Unterschiede bewusst. Auf der einen Seite sind da jene, die zusammen mit ihren Familien kamen und nun in großen Häusern leben, und auf der anderen die, die alleine kamen und tagsüber in reichen Haushalten fremde Kinder hüten und nachts eine Wohnung oder ein Zimmer mit anderen Haushaltsgehilfen teilen.

Kommunikation über 5000 Meilen hinweg

Andoy, Protagonist in A Contract Overseas, ist der Meinung, dass Auswanderung nun, da er Vater sei, die beste Option sei. Das verkündet er seiner Schwester, aus deren Perspektive die Geschichte erzählt ist. Sie bleibt auf den Philippinen zurück, während er nach Saudi Arabien geht, wo er unter anderem die College-Gebühren für seine Schwester verdienen möchte. Sie solle ein richtiges Studentenleben führen können, meint er. In ihren Briefen an ihn lässt sie aus Rücksicht vieles unausgesprochen: „I must have wanted him to feel, 5000 miles away, that he was working hard toward a good cause.“ In regelmäßigen Abständen kommen Andoys Arbeitskollegen zu ihr, jene carabaos, die stellvertretend für andere Geld und Geschenke an die Angehörigen verteilen. Die Gesundheit und Freude dieser Boten signalisiert den Familien, dass es ihren eigenen Brüdern, Vätern und Söhnen ebenfalls gut gehe. Doch nicht immer gelingt es, die Sorgen und Ängste zu zerstreuen.

Geschichten und Geschichte

In einigen Erzählungen des Buches verbinden sich persönliche Geschichten mit historischen und politischen Begebenheiten. So lässt Esmeralda im Schatten der Ereignisse um den 9. September 2001 ihre Ankunft in New York und ihre Stationen in der Stadt Revue passieren. Die Titelgeschichte In the Country führt zurück in die Zeit der Marcos-Diktatur. Die Krankenschwester Milagros, eher unpolitisch und an den Unruhen der beginnenden 1970er wenig interessiert, organisiert einen Streik des Krankenhauspersonals. Ihre Geschichte wird bis zur People Power Revolution im Februar 1986 und somit bis zum Sturz Marcos weitererzählt.

Die Lektüre des Buches In the Country ist kurzweilig und berührend. Die Schicksale und Gefühlswelten der Protagonist*innen geben kleine Ausschnitte vom Bild einer Gesellschaft wieder, die von Auswanderung und Arbeitsmigration geprägt ist. Zusammen ergeben sie ein Puzzle, das sich um viele weitere Geschichten aus dem fiktiven oder realen Leben erweitern lassen könnte.

Rezension zu: Mia Alvar. In the Country. Stories. Alfred A. Knopf. 2015. 368 Seiten

Dieser Artikel erschien zunächst in der südostasien Ausgabe 4|2020 – Diaspora – Community beyond borders und ist Teil der südostasien – Sonderausgabe Buchmesse

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1 | 2018, Indonesien, Rezensionen,
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Kenntnisreiche Einführung in die indonesische Gegenwartskunst

Deutschland/Philippinen: Maite Hontiveros-Dittke erzählt von der gespaltenen Diaspora seit Rodrigo Duterte in den Philippinen an der Macht ist – aber auch von der verbindenden Kraft des Essens.

In der Übergangszeit 1986, nach dem friedlichen Sturz des philippinischen Diktators Ferdinand Marcos durch die Peoples Power Revolution, nutzten viele Filipin@s ihre neue Freiheit, um das Ausland zu erkunden. Diese Umbruchsphase war besonders für die damalige jüngere philippinische Generation wegweisend. Die politische Zukunft der Philippinen war ungewiss und vielen fehlte die Perspektive auf dem heimischen Arbeitsmarkt.

So ging es auch der studierten Ernährungswissenschaftlerin Maite Hontiveros-Dittke, die in jener Zeit den deutschen Familienfreund und Honorarkonsul aus Düsseldorf Karl-Heinz Stockheim fragte, ob sie bei ihm arbeiten könne. So kam sie mit einem dreijährigen Praktikumsvisum zu Stockheims Unternehmen. Maite arbeitete in jeder Abteilung und sammelte viele Erfahrungen. Sie lernte fleißig in Abendkursen Deutsch. Ihr Arbeitgeber erwartete, dass sie sich integriere und nicht ‚nur’ mit philippinischen Freund*innen der Diaspora Zeit verbringe. Maite lernte 1988 ihren Freund kennen und flog nach dem Ende des Praktikums 1989 zurück in die Philippinen.

Zurück in Manila und mit gesammelter Arbeitserfahrung standen ihr alle beruflichen Türen offen. Doch der Auslandsaufenthalt hatte Maite verändert. Sie genoss die Rückkehr in ihre Heimat, aber ihre eigene Kultur war ihr fremd, wirkte bigott auf sie. Sie hatte Schwierigkeiten, wieder Fuß zu fassen. Nach kurzer Fernbeziehung beschlossen ihr Freund und sie, zu heiraten. 1990 kam Maite zurück nach Deutschland – und musste sich erneut anpassen. Immer wieder arbeitete Maite neben ihrem eigentlichen Beruf als Urlaubsvertretung im philippinischen Konsulat. Dabei lernte sie die philippinische Diaspora kennen und wurde selbst ein Teil davon.

Wie würdest du philippinische Diasporagemeinschaften in Deutschland beschreiben?

Die philippinische Diaspora ist sehr regional organisiert, nach Inseln (Regionen) und Sprachgruppen, wobei die einzelnen Dialekte der philippinischen Sprache sehr verschieden und vielfältig sind. Auch gibt es Unterschiede anhand der verschiedenen Regionen in Deutschland, beispielsweise die Diaspora aus Hamburg, Köln oder München. Aber auch innerhalb der deutschen Regionen teilen sich die Filipin@s oft nach Heimatregionen auf. Die Sprache Tagalog fungiert als Bindeglied innerhalb der Diaspora, mein Tagalog hat sich in Deutschland deutlich verbessert, da wir Zuhause nur Ilonggo und Englisch sprachen.

Der Grund der Migration und der soziale Hintergrund der*des Filipin@*s spiegelt sich auch in der Zusammensetzung der Diaspora. Die ersten Pflegekräfte kamen in den 1970er Jahren, wobei auch andere Berufsgruppen nach Deutschland migrierten. Mail-order Brides aus einfachen Verhältnissen kamen ebenfalls nach Deutschland. Zur späteren Familienzusammenführung wurden Verwandte zum Arbeiten oder zum Heiraten nach Deutschland geholt. Seit 2012 kommen die EU Bluecard Holders mit einem Arbeitsvisum für den Schengenraum, die für große Unternehmen arbeiten. Diese Filipin@s wohnen entsprechend an ihrem Arbeitsort und nicht dort, wo philippinische Verwandte oder Freunde wohnen.

Wie hat sich die philippinische Diaspora über die Jahre verändert?

In der Zeit von Cory Aquino bis Rodrigo Duterte hat sich die Diaspora massiv verändert. Lange hielten alle Filipin@s in der Diaspora zusammen. Seit dem Amtsantritt von Präsident Duterte im Juni 2016 ist die philippinische Diaspora politisch gespalten in Duterte Anhänger*innen und Ablehner*innen. Diese Spaltung vollzog sich über Nacht und ohne Übergang; in den Philippinen selbst, aber auch in der weltweiten philippinischen Diaspora.

Einen Lichtblick in Deutschland setzten die letzten beiden philippinischen Botschafterinnen mit ihrer inklusiven Diasporaarbeit. Mit Hilfe von Kultur versuchen sie, die Diaspora über die politischen Gräben hinweg zusammenzuhalten. Bei den philippinischen Botschaften in Deutschland und den Niederlanden und dem Konsulat in Frankfurt unterstütze ich die philippinische Diaspora, indem ich mich bei Projekten inhaltlich oder durch Kochen einbringe.

Du lebst seit etwa 35 Jahren in Deutschland. Wie hat sich dein Engagement in der Diaspora verändert?

Ich bin Individualistin, gehörte nie fest zu einer Diasporaorganisation und habe versucht, unabhängig zu bleiben. Viele Diasporaorganisationen haben sich in Diehard Duterte Supporter (DDS)-Gruppen verwandelt, davon grenze ich mich ab.

Seither engagiere ich mich persönlich mit eigenen Projekten und sammle für die philippinische Stiftung NVC (Negrense Volunteers for Change) Spenden. NVC hat mit innovativen Ernährungsprogrammen für Kleinkinder in Negros begonnen, Unterernährung zu bekämpfen. Ich verkaufe Brötchen oder Polvorón (philippinische Süßigkeit) auf Spendenbasis und möchte gleichzeitig ein Bewusstsein bei meinen Kund*innen für die Programme von NVC schaffen. Mittlerweile ist NVC in den ganzen Philippinen aktiv und hilft dort, wo sie am dringendsten gebraucht wird: Beispielsweise bei dem Ausbruch des Taal Vulkans im Januar 2020 oder jetzt, während der Coronapandemie.

Spielt Rassismus eine Rolle im Alltag der philippinischen Diaspora in Deutschland? Welche Erfahrungen haben du oder dein Umfeld gemacht?

In der Diaspora habe ich keine direkten rassistischen Vorfälle mitbekommen. Rassismus innerhalb deutsch-philippinischer Ehen kommt vor, wenn ältere deutsche Männer sehr junge Filipinas heiraten – oft werden diese Frauen als Putzhilfen und Sexobjekte missbraucht. Wenn die Filipinas Kinder bekommen und diese aufwachsen, ist es für die Kinder oft schwierig, ihre eigene Identität zu finden. Manche schämen sich für ihre Eltern.

Die Anzahl an Heiratsmigrationen ist nicht mehr so gravierend, wie in den letzten Jahrzehnten. Stattdessen kommen mehr Filipin@s mit der BlueCard nach Deutschland, was natürlich einen Braindrain für die Philippinen zur Folge hat.

Wie hast du dich selbst seit dem Bruch in der Diaspora verändert?

Persönlich bin ich enttäuscht von der philippinischen Diaspora, dass Politik sich so auswirken kann. Angesichts der steigenden Mordzahlen in Präsident Dutertes so genanntem Drogenkrieg schrieb ich Papst Franziskus einen Brief und fragte ihn, wieso er in einem sehr katholischen Land, wie den Philippinen, ein derartiges Morden stillschweigend zulasse? Die Antwort war ein Standardbrief von einem Sekretär aus Deutschland. Bei einem Event mit dem ehemaligen philippinischen Erzbischof Luis Tagle in Berlin wurde er nach seiner Meinung zum ‚Drogenkrieg’ gefragt und er antwortete, dass er so viel reise und deshalb nicht Stellung dazu nehmen könne.

Ich war sehr enttäuscht von dieser Haltung, zumal er in seiner Position nicht stillschweigend diese Situation hinnehmen darf. Ich bin enttäuscht von der katholischen Kirche in den Philippinen und weltweit, es gibt nur wenige, die Dutertes Machenschaften offen kritisieren. Diese Bigotterie in den Philippinen macht mich sehr traurig, ich wünsche mir mehr Aufklärung und Hinterfragung der Religion.

Wie würdest du dein Verhältnis zu Bekannten, Freund*innen und Verwandten in den Philippinen beschreiben? Hat es Veränderungen oder Entwicklungen in diesen Verhältnissen gegeben?

Zu meiner Familie und meinen Freund*innen in den Philippinen habe ich ein enges Verhältnis. Neu in Deutschland, musste meine Familie mir gegenüber toleranter werden, da ich mich sehr verändert habe. Sieben meiner Geschwister leben/lebten (ein verstorbener Bruder) in Manila, ein Bruder lebt mit seiner Familie in den USA. Durch die sozialen Medien sind die Beziehungen enger geworden, spätestens seit dem Lockdown hat das virtuelle Kontakthalten mehr Bedeutung bekommen. Mit den Jahren und dem zunehmenden Alter wurden die Verbindungen tiefer und verständnisvoller.
Regulär versuche ich jedes Jahr für zwei bis vier Wochen in die Philippinen zu reisen. In den frühen Jahren ist meine Familie immer mitgekommen, aber mit der Schulpflicht konnten sie nicht mehr im Februar mitfliegen. Meine beiden Kinder sind nach dem Abitur für mehrere Monate in die Philippinen gereist, um Praktika zu machen, sie haben Erfahrungen gesammelt aber auch meine Kultur besser kennen gelernt. Diese Zeit war für beide sehr wichtig. Sie stammen aus einer multikulturellen Familie und hatten erstmals die Möglichkeit, ihre Wurzeln und Identität zu verstehen.

Welche Rolle spielt philippinisches Essen für die Diaspora und für dich?

Die Größte!!! Ein Treffen von Filipin@s ohne Essen ist undenkbar. Das gemeinsame Essen verbindet und bringt ein Heimatgefühl in die Diaspora. Bei Treffen bringt jede*r etwas zu Essen mit und trägt somit zum großen Buffett bei. Auch wenn es nur ein Keks ist, es ist wichtig, dass alle etwas mitbringen.

Essen war schon immer etwas Besonderes für mich. Ich bin mit acht Geschwistern mitten in Manila aufgewachsen, bei uns war immer Besuch und so gab es immer etwas zu essen, von morgens bis spät in die Nacht. Meine Mutter hat ständig Essen koordiniert, delegiert und gekocht. Essen hat und hatte in unserer Familie einen hohen Stellenwert. Meine Mutter hat mir das Backen beigebracht, deshalb war ich für die Backwaren zuständig.

Seit 30 Jahren arbeite ich nun als Köchin. Als ich nach Deutschland kam, habe ich selten philippinisch in meinem Beruf gekocht. Die Inhaberin von Mama Sita’s [philippinisches Lebensmittel-Unternehmen, das vor allem Würzpasten und Wok-Saucen herstellt, d.R.] lernte ich über das Konsulat kennen. Sie hat mich ermuntert, ihre philippinischen Produkte zu vermarkten und professionell philippinisch zu kochen. So bin ich 2013 in das asiatische Lebensmittelgeschäft eingestiegen und habe bis zuletzt viel für asiatische Lebensmittelhersteller*innen gearbeitet.

Wie hat sich dein Leben durch die Corona-Pandemie verändert?

Seit der Pandemie sind alle Projekte ausgefallen, Veranstaltungen, Messen, usw. Deshalb habe ich mir ab März 2020 eine persönliche Auszeit genommen und mich um meine Familie gekümmert. Doch irgendwann habe ich realisiert, dass ich meine Projekte nicht fortführen konnte und mir die Arbeit fehlte. Mit Onlinekochkursen und dem Kochen für Privatpersonen bin ich wieder eingestiegen, doch beides war sehr aufwendig, außerdem fehlte mir die Regelmäßigkeit der Arbeit.
Ein ehemaliger Projektpartner bot mir an, eine seiner Küchen zu nutzen, die Lockdown- bedingt geschlossen war. So ist mein Lieferservice im Raum Düsseldorf entstanden. Seit langem möchte ich die philippinische Küche bekannter machen, deshalb biete ich nun wöchentlich jeden Donnerstagabend ein philippinisches und ein asiatisches Menü an.

Wer zählt zu deinen Kund*innen beim Lieferservice Maite‘s Asiancuisine?

Ich bin sehr überrascht, wie schnell mein Lieferservice gewachsen ist. Vor Weihnachten habe ich wöchentlich rund 50 Essen ausgeliefert. Meine Kund*innen sind International, viele englischsprachige und philippinische Kund*innen, von denen viele regelmäßig bestellen. Die Filipin@s unterstützen meine Projekte besonders, beispielsweise die Polvorón-Christmas-Boxen [Polvorón = philippinische Süßigkeit]. Mit Beginn des Lieferservice habe ich mir überlegt, pro verkauftem Gericht 0,50€ an NVC (Negrense Volunteers for Change, siehe Teil I des Interviews) zu spenden. Ich freue mich über den Erfolg und darüber, dass ich NVC unterstützen kann. Der Lieferservice läuft gut und macht unheimlich viel Spaß – ist aber bisher eine Zwischenlösung.

Welche Zukunftsperspektive wünschst du dir für die philippinische Diaspora, für dich und deine Familie?

Der Diaspora wünsche ich mehr Zusammenhalt und Zwischenmenschlichkeit in jeder Hinsicht, ohne regionale und politische Vereinzelung und Hass gegeneinander. Der zweiten bis vierten Generation der philippinischen Diaspora wünsche ich, dass sie multikulturell und ohne Feindseligkeiten gegeneinander aufwachsen und leben.

Meiner Familie soll es weiterhin gut gehen und auch unser Zusammenhalt soll weiter bestehen. Nach der Pandemie hoffe ich, dass ich all meine Projekte wieder aufnehmen kann sowie dass die Zusammenarbeit mit der Botschaft und mit philippinischen Kulturinstitutionen wieder anläuft. Gern möchte ich wieder Veranstaltungen bekochen und den Lieferservice weiter betreiben – wer weiß, was sich daraus noch einmal ergibt. Ich finde immer neue Ideen und Energien dafür. Die Pandemie hat für mich in punkto Erholung und Reflexion viele positive Aspekte mit sich gebracht.

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Kenntnisreiche Einführung in die indonesische Gegenwartskunst

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Das Fotoessay von Simon A. Peth mit Fotos von Srikhoon Jiangkratok und Simon A. Peth ist ein Auszug aus der Onlineausstellung „Work Men on the Move“

Dieses Fotoessay zeigt Bilder eines thailändischen Rückkehrers, der in den 1990er Jahren als Vorabeiter auf einer Baustelle in Singapur gearbeitet hat. Es gibt einen einzigartigen Einblick in das Alltagsleben von Arbeitsmigranten in Singapur und macht deutlich, dass sich die „foreign workers“ trotz der ihnen auferlegten strengen Regeln durchaus auch ihren Freiraum erkämpfen und aneignen.

Boomtown, Smart City und neuralgischer Knotenpunkt der globalisierten Welt. Weniger Nation, als vielmehr ein staatliches Supraunternehmen. Ein komprimierter Raum in dem man die großen Themen der Globalisierung wie Digitalisierung und wirtschaftliche Transformation wie in einem Brennglas beobachtet kann. Das ist das heutige Singapur. Vor gerade mal 53 Jahren wurde Singapur ein unabhängiger Staat und versuchte, die britische Kolonialzeit, die japanische Besatzung und politischen Differenzen mit dem ‚großen Bruder’ Malaysia zurückzulassen. Und doch hat Singapur auf subtile Art und Weise selbst eine Form der Unterdrückung geschaffen: Die weit reichende und permanente Kontrolle seiner Bürger, Arbeiter und all jener, die von außen nach Singapur kommen.

Dies wird beim Blick auf die Arbeiterbewegung in Singapur deutlich. Die gibt es nämlich nicht. Das heißt, es gibt sie schon, doch hinter diesem Schlagwort verbirgt sich lediglich eine politische Agenda, die unter dem Slogan Our Unusual Labour Movement dem asiatischen Tiger einen sozial-liberalen Anstrich verleihen soll. Doch welche Freiheiten haben die Arbeiter*innen in Singapur wirklich, sich selbstbestimmt zu organisieren und sich für ihre Lebens- und Arbeitsbedingungen einzusetzen? Und wie sieht das im Besonderen bei den Arbeitsmigrant*innen aus, die mit 1,4 Millionen Menschen nicht weniger als 40% aller Arbeitskräfte in Singapur stellen?

Gewerkschaften als Kontrollinstanz

Auf den ersten Blick scheint es verwunderlich, dass es in Singapur keine richtige Arbeiterbewegung gibt, denn Singapurs Gründungsvater Lee Kuan Yew, der in London studiert hatte, war vor seiner politischen Karriere als Anwalt für die Arbeiterbewegung tätig. Auch die von ihm mitbegründete People’s Action Party (PAP) und heutige Regierungspartei verdankt ihren Erfolg nicht zuletzt der Arbeiterbewegung in den Anfangsjahren der Unabhängigkeit Singapurs. Doch der zweite Blick macht deutlich, dass Lee Kuan Yew in der Arbeiterbewegung und in Gewerkschaften weniger eine Opposition zur Arbeitgeberschaft sah, als vielmehr ein Werkzeug zur Kontrolle und zur wirtschaftlichen Entwicklung. Dieses Verständnis zog sich durch bis in das heutige Singapur mit seinem tripartite mediation framework, in dem der Dachverband der Gewerkschaften (NTUC) zusammen mit der SNEF (Singapore National Employers Federation) und dem Ministry of Manpower (MOM) gemeinsam für die nationale Maxime der Produktions- und Wachstumssteigerung an einem Strang ziehen. Alternative Verbände und Gewerkschaften wurden in der Vergangenheit systematisch verboten und so ist die „Arbeiterbewegung“ in Singapur heutzutage gleichbedeutend mit der NTUC (National Trades Union Congress). Während letztere in der öffentlichen Wahrnehmung vielmehr als Garant für niedrige Lebensmittelpreise in Supermärkten wahrgenommen wird zeigt ein Blick auf die Organisationsstruktur, dass es sich dabei vielmehr um den verlängerten Arm der Regierungspartei PAP handelt.

Die NTUC wurde 1961 durch die PAP gebildet und ist ein Dachverband von derzeit 58 Gewerkschaften und 62 Arbeiterverbänden, deren Präsident stets durch einen Funktionär der PAP besetzt wird. Das sich die NTUC politisch kaum für die Belange der Arbeitnehmer*innen einsetzt, wurde 2012 in einem einschlägigen Interview mit dem damaligen Generalsekretär der NTUC und späteren Arbeitsminister Lim Swee Say deutlich, der in Hinblick auf den Mindestlohn sagte: „this is something we don’t embrace.“ Auch heute noch ist aus den Reihen der NTUC zu hören, dass es vielmehr darum gehe, die Arbeitsmoral und Einstellung der Arbeiter zu verändern, als deren Arbeits- und Lebensbedingungen. So schlussfolgert Garry Rodan vom Asia Research Center an der australischen Murdoch Universität, dass das „Versagen der NTUC, eine unabhängige und aktive Rolle in der Bestimmung und Durchsetzung der Rechte seiner Mitglieder einzunehmen, die Arbeiter*innen ohne angemessene Vertretung zurücklässt.“

Migrant*innen ohne Vertretung

Dies gilt in noch viel stärkerem Maße für die so genannten foreign workers, die, abgesehen von kleineren NGOs, keine Lobby und kaum zivilgesellschaftliche Interessensvertreter*nnen in Singapur haben. Als im November 2012 eine Gruppe chinesischer Busfahrer gegen zu niedrige Löhne und schlechte Unterbringung protestierten, stellte sich die NTUC hinter die Regierung und bezeichnete diesen Streik als illegal. Zuvor hatte es 25 Jahre lang keine Streiks oder Protestaktionen gegeben. Gut ein Jahr später kam es nach einem Autounfall, bei dem ein indischer Arbeiter getötet wurde, zu gewaltsamen Ausschreitungen, den so genannten Little India Riots, bei denen hunderte Arbeitsmigranten gegen die schlechte Behandlung in Singapur protestierten. Das Thema wurde zu einem innenpolitischen Thema. Die Regierung reagierte mit noch strikteren Regeln für die foreign workers, wie etwa dem Verbot von Alkoholkonsum insbesondere an den Orten, wo sich die Arbeitsmigrant*innen in ihrer geringen Freizeit treffen. Heute zählt Singapur zu den Ländern mit einem der strengsten Migrationssysteme, einem System, das durch drakonische Strafen – von Prügelstrafe bis zur Todesstrafe – und einer permanenten Kontrolle geprägt ist. Kritiker sprechen von einem modernen Apartheidsystem.

Was bedeutet dies für das Alltagsleben der Arbeitsmigrant*innen? Wie lebt es sich unter solchen Bedingungen? Dieses Fotoessay beleuchtet diese Frage mit einem besonderen Blick auf das Alltagsleben thailändischer Arbeitsmigrant*innen in Singapur. Aus Thailand kommen in erster Linie Männer, die auf den zahlreichen Baustellen oder als Hafenarbeiter arbeiten. Frauen sind als Arbeitskraft in diesen Sektoren offiziell nicht erwünscht. Der Alltag der Arbeiter ist durch ein striktes Migrationsmanagement und eine strukturelle Segregation bestimmt und es gibt kaum einen Spielraum für Aushandlungsprozesse. Werden diese Menschen so zum Inputfaktor der Globalisierung degradiert? Schwarz-weiß lässt sich diese Frage nicht beantworten.

Dieser Artikel erschien erstmals in Ausgabe 1/2019 der südostasien

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1 | 2018, Indonesien, Rezensionen,
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Kenntnisreiche Einführung in die indonesische Gegenwartskunst

In Kambodscha gab es bis Anfang 2021 keinen größeren Ausbruch der Corona-Pandemie. Doch Informationen über Schutzmaßnahmen erreichen die Menschen auf dem Land kaum. Umso wichtiger sind traditionelle Riten, die vor Krankheit bringenden Geistern schützen sollen.

Das Corona-Virus hat Kambodscha im März 2020 erreicht. Seitdem ist die Zahl der bestätigten Covid-19 Fälle konstant niedrig geblieben. Die strengen Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie (Schulschließungen, Einschränkung des in- und ausländischen Reiseverkehrs) wurden nach dem Besuch des später positiv getesteten ungarischen Außenministers Péter Szijjártó in Kambodscha sogar von der WHO gelobt. Die niedrigen Werte sind vermutlich auch auf die geringen Zahlen von Covid-19 – Tests zurückzuführen. Aber einen weit reichenden Ausbruch mit vielen Toten hat Kambodscha bisher nicht erlebt (keine bestätigten Corona-Todesfälle, Stand 14.01.2021).

Doch der Informationsfluss über Covid-19 ist insbesondere im ländlichen Kambodscha spärlich und die Unsicherheit unter den Menschen groß. Wie gefährlich die Krankheit ist und welche Präventionsmaßnahmen wirksam sind – darüber wurde dort eher über private als über staatliche Kanäle spekuliert. In vielen Regionen greifen Kambodschaner*innen daher auf eine Präventionsmethode zurück, die Ting Mong genannt wird: der Schutz vor Krankheiten durch anthropomorphische, selbst gebastelte Puppen, die vor dem Haus platziert werden. Ausländische Medien griffen den Ritus auf und berichteten, dass die Kambodschaner*innen Covid-19 mit „Vogelscheuchen“ zu vertreiben versuchten, weil sie es nicht besser wüssten. Diese exotisierenden Beiträge möchte ich um eine verstehende, ethnologische Perspektive bereichern und berichtigen.

Abschreckende und anlockende Funktion der Ting Mong

Ting Mong werden zu verschiedenen Anlässen benutzt, vor allem bei drohenden Krankheiten. Beim ersten Aufstellen wird ein kleines privates Segensritual durchgeführt, um sie vor dem Kontakt mit bösartigen Geistern zu schützen. Da Krankheiten oft spirituell begründet werden, sind Ting Mong vor allem auf die Abschreckung und die Täuschung von Geistern ausgerichtet. Die Puppen können somit aus religiöser Perspektive zwei Funktionen erfüllen: Zum einen stellen die meist bewaffneten und abschreckenden Ting Mong eine Bewachung des Anwesens (Haus, Stall, Feld) gegen missgünstige Geister dar. Sie dienen aber auch als Platzhalterinnen für Menschen, die Geister anlocken und täuschen, um die Menschen selbst zu verschonen. Bei Befragungen werden oft beide Möglichkeiten genannt und nur selten werden die Ausrichtungen so deutlich getrennt, wie beispielsweise bei bewaffneten Ting Mong (abschreckend) und bei denen mit Beuteln roter Flüssigkeit, die Blut saugende Geister (beisach chonh chok chheam) täuschen (anlockend).

Beispiele hierfür sind mir während meiner 13-monatigen Feldforschung zu Geistern und Geistmedien in Kambodscha begegnet. Die Fotos zeigen Puppen, die von den Bewohner*innen eines Dorfes in der Nähe von Battambang nach dem Ausbruch besonders schwerer Magen-Darm Krankheiten mit Todesopfern aufgestellt wurden. Solche Fotos, die nun auch im Internet vielfach unter dem Stichwort Ting Mong zu finden sind, erinnern an eine verspielte Version von Vogelscheuchen, die in Europa kaum noch zu finden sind. Es entsteht der Eindruck, dass sich die Kambodschaner*innen einer veralteten Technik bedienen, um ein Virus zu bekämpfen, während in anderen Ländern hoch bezahlte Forscher*innen in Laboren nach medizinischen Lösungen suchen. Ich plädiere jedoch dafür, Ting Mong als eigenes Konzept zu verstehen und sich für andere Erklärungsmöglichkeiten zu öffnen.

Denn Ting Mong werden nicht mit einer besonderen Effektivität oder Wirksamkeit erklärt, die das Benutzen der Puppen einwandfrei verständlich macht. Die angenommene Wirksamkeit der Ting Mong lässt sich, wie auch andere Geister-Praktiken, auf die Formel ‚solange es nicht schadet, nutzt es vielleicht’ bringen – ähnlich wie hierzulande viele Menschen die Wirkung von homöopathischen Arzneimitteln erklären.

Doch dieses ‚vielleicht’ ist nach dem neuen Werk des Religionsethnologen Andrew Johnson (2020) ein mächtiges Konzept, dessen Unsicherheit Erklärungsmöglichkeiten eröffnet. Die Ting Mong können dazu beitragen, die unsichere Lage der Menschen zu erklären und zu verbessern. Die Wirkung dieses Potentials überbrückt die Zeit des passiven Abwartens und initiiert eine Verbindung zu spirituellen Mächten. So wird eine kulturelle Verbindung zur Natur (der Krankheit) geschaffen, die Handlungs- und Interpretationsspielräume schafft.

Spiritueller Umgang mit Unwissen und Unsicherheit

Ein weiteres Potential spiritueller Macht, das mit dem Initiationsritus der Ting Mong eröffnet wird, schafft einen Zugang zu vertrauter, kosmischer Ordnung inmitten des weltlichen Chaos. Neben den Ting Mong werden auch die Eigentümer und Verwalter des Landes, die Ortsgeister Neak Ta, in weniger Aufsehen erregenden und alltäglichen Ritualen zum Schutz gegen Krankheiten mobilisiert.

Diese Ansammlung von menschlichen und nicht-menschlichen Akteuren, wie der Anthropologe Bruno Latour (2002) es ausdrücken würde, schafft einen Interpretationsrahmen zu den Ursachen und zur Prävention, Behandlung und Vertreibung von Krankheit. Dem Unwissen über Wirkung und Maßnahmen zum medizinischen Stand der Vorbeugung wird so eine alternative, spirituelle Lesart entgegengesetzt, die einen lokalen Umgang mit Unwissen und Unsicherheit widerspiegelt. Durch die Prämisse des ‚vielleicht’ hegt dieser Glaubensansatz keinen Wahrheitsanspruch, sondern bietet ein potentielles Erklärungsmodell zur derzeitigen Situation, ohne andere auszuschließen (anders als die hitzig diskutierten Verschwörungstheorien, die derzeit in Deutschland kursieren).

Wer die kambodschanische Gesellschaft verstehen will, sollte grundsätzlich die spirituelle und religiöse Perspektive berücksichtigen. Das gilt auch in Bereichen, die vermeintlich säkulär gedacht werden, wie der Medizin, der Verarbeitung der humanitären Krise zwischen 1968-1998 oder politischen Prozessen.

Spiritualität soll Medizin nicht ersetzen

Bei meinem Besuch 2012 in dem Dorf nahe Battambang wurde mir gesagt, dass sich die Krankheit nach dem Aufstellen von Ting Mong weniger schnell ausgebreitet habe. Daran wird noch ein weiterer Effekt des Phänomens sichtbar: Wer durch ein Dorf mit vielen Ting Mong fährt, reduziert instinktiv den Kontakt zu den Ansässigen. Die Dorfbewohner*innen betonten, dass das Aufstellen der Ting Mong aber nicht der einzige Grund für die Verbesserung gewesen sei; die Kranken hatten auch Medikamente genommen.

Ähnlich argumentiert auch eine Frau in einem Interview mit der Nachrichtenagentur Reuters. Sie glaube an die Kraft der Ting Mong, hoffe aber auf eine baldige Impfung gegen Covid-19. Schade nur, dass das Video die Untertitelung erhielt „These Cambodian villagers believe they have found a way of avoiding coronavirus, without using masks or following social distancing”. Denn in einem Land mit fast 80% Landbevölkerung auf engem Raum und einem alltäglichen Gebrauch von Masken (schon vor Covid-19) sind Ting Mong keine Absage an medizinische Empfehlungen. Vielmehr sind sie eine kambodschanische Methode zur aktiven und kreativen Gestaltung des Wartens auf bessere Zeiten.

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Kenntnisreiche Einführung in die indonesische Gegenwartskunst

Laos: Der Tourismus, einer der wichtigsten Wirtschaftssektoren der laotischen Volksrepublik, ist von der Pandemie hart getroffen. Wir sprachen mit dem Ökotourismusunternehmer Inthy Deuansavanh über die Reisebranche in der Krise – und wie sie danach aussehen könnte.

Wie geht es Ihnen und ihrer Familie in diesen Zeiten?

Es geht immer besser. Wir hatten ja Glück in Laos, da die Zahl der Corona-Fälle nicht sehr hoch war. Zu Beginn, im ersten Lockdown im März 2020, war es sehr hart für uns alle. Doch danach war es uns zumindest möglich, in Laos herumzureisen und innerhalb des Landes überall hin zu gehen. Insgesamt bisher also alles ziemlich normal. Der einzige Unterschied ist, dass wir nicht ins Ausland reisen können. Meine Tochter ist für ihr Studium in Melbourne. Das ist schwierig, weil ich sie nicht besuchen kann und sie kann auch nicht hierher kommen. Linienflüge sind eingestellt, Touristenvisa werden keine ausgestellt.

Sie sind ein zentraler Akteur in der laotischen Reisebranche. Welche Auswirkungen hat die Coronapandemie auf den laotischen Tourismus?

Da sieht es sehr, sehr schlecht aus, weil so ziemlich jeder in der Tourismusindustrie auf ausländische Touristen ausgerichtet ist. Die Zahl einheimischer Touristen ist äußerst gering und die meisten Produkte, die wir entwickeln, sind für ausländische Reisende. Vor allem für viele Anbieter in der UNESCO-Welterbe-Stadt Luang Prabang – dem Aushängeschild des Laos-Tourismus – ist es extrem schwer, da man sich dort auf sogenannte ‚high-end‘-Touristen aus dem Ausland konzentriert. Dennoch haben wir auch ein bisschen Glück, weil die Zahl der einheimischen Reisenden ebenfalls zugenommen hat. Einige von denen, die sonst ins Ausland reisen, entdecken nun ihr eigenes Land.

Am meisten leiden aber sicher die Reiseagenturen. Für sie ist es sehr schwer sich anzupassen, da einheimische Touristen keine Reiseagenturen nutzen. Die buchen ihre Hotels selbst und gehen alleine zu den Attraktionen. Auch viele Guides haben es schwer. Tourguides sind ja stets Freiberufler und somit in der Krise auf sich und ihr soziales Netz angewiesen. Einige liefern jetzt Essen aus, andere arbeiten auf dem Bau oder in der Landwirtschaft. Auch einige Hotels haben es sehr, sehr schwer. Es hängt vom Ort ab, aber sehr teure Hotels in Luang Prabang haben große Schwierigkeiten, denn selbst wenn die ihre Preise um die Hälfte reduzieren bekommen sie keine einheimischen Kunden.

Ihr Unternehmen bietet auch gemeindebasierten Tourismus in Minderheitendörfern in Naturschutzreservaten an. Damit soll sowohl diesen Gemeinden geholfen als auch der Naturschutz mitfinanziert werden. Was sind die Auswirkungen von Corona dort?

Dasselbe Problem. Wenn es keine Touristen gibt, dann gibt es auch kein Einkommen. Das heißt, einige der Bewohner gehen wieder in den Wald, um Wildtiere zu jagen. Abholzung ist derzeit eher schwierig, da die Regierung ziemlich stark kontrolliert, was natürlich gut ist. Aber die Lokalbevölkerung muss etwas finden, von dem sie leben kann. Also zurück zur illegalen Wildtierjagd, das passiert tatsächlich derzeit.

Welche staatliche Unterstützung bekommt der Tourismussektor in der Pandemie?

Nur wenig. Die Handelskammer hat bereits alles, was wir an Hilfe von der Regierung benötigen, gemeldet, wie Steuererleichterungen, Einstellung von Mietzahlungen und Konzessionsabgaben, Reduktion der Strompreise für Hotels und so weiter. Es wäre gut, wenn es Steuererleichterungen während dieser Pandemie gäbe. Elektrizität wird ja genug im Land hergestellt, muss also nicht importiert werden. Die Kosten dafür müssten für den Tourismussektor gesenkt werden, vor allem für Hotels. Und natürlich wäre es wichtig, dem Privatsektor zu helfen, das Personal zu bezahlen. Unserer Kernbelegschaft zahlen wir im Moment mindestens 20%. Und zwar bis zu den Filialleitern in den Provinzen. Und das, obwohl niemand arbeitet. Manche Unternehmen können das natürlich nicht. Aber im Tourismus sind die Angestellten, ist das Team besonders wichtig. Denn wenn ein Hotel oder eine Reiseagentur keine Belegschaft hat und von Null anfängt, wenn Corona vorbei ist, dann wird es für die sehr schwierig.

Es gibt zwar einen Kredit für kleine und mittlere Unternehmen mit sehr niedrigen Zinsen, aber es ist sehr schwer den zu bekommen. Es soll bald ein Projekt von UNICEF geben, da gab es ein paar Meetings in den vergangenen Wochen. Es geht wohl auch um finanzielle Unterstützung, aber wir warten noch. Es ist eine sehr harte Zeit für alle, auch für politische Entscheidungsträger, da es nun einmal kein Einkommen gibt. Aber es ist wichtig, den Unternehmen zu helfen, da vieles an denen hängt. Wenn nach Corona die Geschäfte im Sterben liegen, dann wird alles nur noch schlimmer. Bisher ist aber leider noch nicht allzu viel passiert.

Ein kleiner Lichtblick für die Reisebranche ist die Kampagne Lao Thiao Lao – Laoten besuchen Laos. Wie läuft diese Kampagne?

Wir müssen uns natürlich anpassen und einige von uns schaffen es, sich auf einheimische Touristen einzustellen. Hotels in Luang Prabang oder auch meine Unternehmen richten jetzt ihre Angebote auf einheimische Touristen aus. Und das heißt in erster Linie natürlich, die Preise zu senken – und zwar im Durchschnitt um 50 Prozent. Bei Lao Thiao Lao ist es das erste Mal so, dass der Privatsektor über die Handelskammer die Sache selbst in die Hand nimmt. Denn wir wissen ja, dass es oft etwas länger dauern kann, wenn man auf die Regierung wartet, weil es da so viele Abläufe, Budgetfragen und so weiter gibt. Diesmal baten wir die Regierung, schnell handeln zu dürfen.

Werbevideo der Lao Thiao Lao-Kampagne:

Lao Thiao Lao dient in erster Linie zu Kommunikationszwecken; es ist vorrangig eine Facebook-Plattform mit allen Informationen zu Attraktionen, Reiseagenturen und Hotels, die Sonderangebote haben. Wir haben diese Seite mit Unterstützung des luxemburgischen Projekts Skills for Tourism und einer professionellen Online-Werbeagentur aufgebaut und auch beworben, damit die Leute darüber informiert sind. Und die Seite ist ein ziemlicher Erfolg, weil nun einige von denen, die sonst im Ausland reisen, notgedrungen nach Möglichkeiten im Inland suchen. Die Seite nimmt schnell Fahrt auf: jeden Tag gibt es mindestens zwei neue Posts mit Angeboten und wir haben bereits fast 30.000 Follower, alles sehr dynamisch.

Welche Menschen nutzen diese Möglichkeiten und was ist das Neue an dieser Art des einheimischen Tourismus?

Es sind in erster Linie Menschen aus den vier größten Städten: Pakse, Savannakhet, Luang Prabang und natürlich Vientiane. Aber es sind auch Leute aus Oudomxay, Saravan oder Sekong dabei.

Neu ist zum Beispiel, dass diese Reisenden sehr ähnlichen Aktivitäten nachgehen wie ausländische Touristen und auch in Hotels übernachten. Vielen Hotels in Luang Prabang geht es im Moment relativ gut, da sie hohe Rabatte anbieten. Im Hotel Avani zum Beispiel zahlte man vor Corona fast 300 US-Dollar pro Nacht; jetzt können Einheimische für 70 Dollar dort übernachten. Jetzt ist die beste Zeit für Laoten, Laos in dieser Form zu bereisen. So billig war es nie. Die Pauschalangebote der Hotels beinhalten den Flug und sind sehr attraktiv. Luang Prabang war für Laoten sonst meist zu teuer – das Hotel, das Essen – also sind sie lieber nach Thailand, Vietnam oder Malaysia gereist. Natürlich gibt es einige, die sich über den Preis keine Gedanken machen müssen, aber das ist nur ein Bruchteil.

Jetzt gibt es also eine recht große Zahl an Reisenden, die zwar auch klassische Ziele besuchen, wie zum Beispiel die Khone Papheng-Wasserfälle oder Wat Phou im Süden; sie fangen aber auch an, Abenteuer- oder Outdoor-Angebote zu nutzen. Unser neues Projekt auf dem Berg Phu Pha Marn in Khammuan ist zum Beispiel sehr beliebt bei Einheimischen; es ist derzeit unser erfolgreichstes Angebot.

Neu ist also, dass Laoten anfangen, auf ihren Reisen im Inland Dinge zu machen, die sonst in erster Linie eher Reisenden aus dem Westen vorbehalten waren.

Genau. Und Facebook ist hier natürlich auch ein wichtiger Faktor, denn die Leute posten ihre Erlebnisse und sorgen so dafür, dass andere dasselbe auch erleben wollen. Aber natürlich kann der einheimische Tourismus nicht das Geschäft insgesamt ersetzen. Er hilft, den Betrieb am Laufen zu halten und das Personal wenigstens zum Teil zu halten. Doch auch diese Kampagne deckt für viele sicher nicht die Kosten. Selbst mein Unternehmen wird leiden, wenn Corona länger dauert als erwartet. Wir alle hoffen, dass es bald wieder besser wird. Es ist auch klar, dass es noch einige Zeit dauern wird, bis sich die Branche wieder erholt hat.

Wie wird es nach der Pandemie weitergehen?

Es wird sich etwas ändern, aber nicht von Grund auf. Wir planen bereits, den Markt regionaler auszurichten. Denn Reisende von weiter her, aus Europa oder so, das wird noch eine ganze Zeit dauern, bis die wieder ihren Weg nach Laos finden. Aber die Nachfrage ist da. Wenn nicht bei westlichen Touristen, dann in Thailand, China oder Vietnam.

In den vergangenen zwei, drei Jahren haben wir dort nicht wirklich Marketing betrieben. Heute versuche ich, unseren Freunden in den Reiseagenturen zu sagen, dass wir uns nicht darauf konzentrieren sollten, woher die Touristen kommen, sondern eher auf bestimmte Arten von Touristen. Die Thai-Touristen, die Unternehmen wie meines anspricht, suchen Natur- Erfahrungen. Und das ist eine recht große Gruppe. Und ich bin sicher, das ist dasselbe in China. Wir ziehen nicht diejenigen Touristen an, die Pattaya oder so etwas wollen. Wir suchen einen spezielleren Typ Touristen, wie die neue Generation, die jungen Chinesen, die Englisch sprechen und umweltbewusst sind.

Und die es sich leisten können, mehr Geld für ein höherwertiges Angebot zu zahlen.

Genau. Es gibt hier viele neue Angebote im Naturtourismus, auch weil es die Politik der Regierung ist, ‚grünen Tourismus‘ zu unterstützen. Ich berate derzeit drei Unternehmen, die solche Angebote entwickeln. Das ist ein gutes Zeichen, aber es hängt natürlich alles davon ab, ob sie wirklich ernsthaft in ein gutes Produkt investieren.

Und da sind wir bei einer Sache, die wir bisher noch gar nicht angesprochen haben. Die neue Autobahn von Vientiane nach Vang Vieng – dem Tourismus-Hot Spot auf dem Weg nach Luang Prabang – wurde gerade erst eröffnet: 55 Minuten von Vientiane nach Vang Vieng – statt wie früher vier Stunden! Damit wird sich vieles ändern. Unser Hotel in Vang Vieng war vom Tag der Eröffnung des Highways bis heute voll belegt. Das sind wirklich große Auswirkungen. Und wir wissen, das ist erst der Anfang, weil viele den neuen Highway ausprobieren wollen. Für Vang Vieng ist die große Herausforderung, wie die Behörden mit dem Andrang umgehen werden.

Dasselbe gilt für die Schnellzugstrecke aus China, die Ende dieses Jahres fertig werden soll. Auch hier ist viel Potenzial: ich habe gehört, dass jedes Jahr 200 bis 300 Millionen einheimische Touristen Yunnan besuchen – und das ist dann nur fünf Stunden von Vientiane entfernt. Das ist sehr wichtig und wir sprechen gerade sehr viel mit der Regierung, um uns darauf vorzubereiten und sicherzugehen, dass Laos davon Vorteile hat.

Wie denken Sie über die Auswirkungen dieser Infrastrukturprojekte auf die Umwelt?

Ich denke, dass die Regierung hier sehr wichtig ist, da sie die Sache kontrolliert. Natürlich wird es Auswirkungen auf die Umwelt geben. Aber wenn wir mit der Autobahn gut umgehen, wird sie mehr Vorteile als Nachteile haben. Dasselbe gilt für die Zugstrecke. Wir können nicht einfach darauf warten, dass die Chinesen kommen und dann hier tun, was immer ihnen gefällt. Ich denke, es ist sehr wichtig, dass wir darüber diskutieren und dass der private Sektor und die Regierung zusammenarbeiten um zu sehen, wie wir am besten davon profitieren können.

Und wir müssen jetzt beginnen. Eigentlich wäre es schon vor drei Jahren an der Zeit gewesen, jetzt haben wir nicht einmal mehr ein Jahr. Gerade im Tourismus ist es wichtig, dass wir unser Land selbst China gegenüber bewerben. So können wir mit den richtigen Leuten dort kommunizieren; also denen, die unsere Natur und das authentische Laos erleben und genießen wollen. Wenn wir das nicht tun, dann gibt es sehr aggressive Geschäftemacher, die Laos sonst als billige Massenware vermarkten werden. Die Vorteile für unser Land werden dann sehr, sehr gering sein.

Interview und Übersetzung aus dem Englischen von: Michael Kleinod

 

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Kenntnisreiche Einführung in die indonesische Gegenwartskunst

Philippinen: Die Corona-Pandemie wird auf den Philippinen hauptsächlich mit Einschüchterung und Waffengewalt ‚bekämpft’. Die Arte-Reportage „Dutertes Methoden im Schatten des Virus“ gibt einen Überblick.

„I will not hesitate to order my soldiers to shoot you” – Das ist der erste Satz, mit dem Rodrigo Duterte, seit 2016 Präsident der Philippinen, in der Reportage auftritt. Dieser eine Satz fasst gut zusammen, worauf die philippinische Regierung bei der Bekämpfung der Corona-Pandemie ihren Fokus richtet. Statt einer solidarischen Strategie, die sich an den Lebensrealitäten von Millionen Menschen im Inselstaat orientiert, werden militärische Gewalt und polizeiliche Patrouillen in einem der längsten Lockdowns der Welt durchgeführt. Diese sollen die Einhaltung der nächtlichen Ausgangssperre überprüfen, bei der Personen unter 21 und über 60 Jahren nicht das Haus verlassen dürfen. Während der Sperrstunde ist es nur Menschen, die einer Lohnarbeit nachgehen, gestattet, sich draußen aufzuhalten. Dass diese Regelungen für viele Menschen schlichtweg nicht einzuhalten sind, ist dabei Nebensache.

Grundsätzlich hat das Wohl der Bevölkerung keine Priorität – die Pandemie forderte bislang über 7.000 Menschenleben, das Gesundheitssystem kam an seine Grenzen. Die Maßnahmen brachten vor allem einen Einbruch der Wirtschaft mit sich, Millionen von Menschen wurden arbeitslos und gleichzeitig werden Kritiker*innen und politische Gegner*innen verstärkt verfolgt, eingeschüchtert und ermordet.

Menschen an der Belastungsgrenze

Das medizinische Personal, das wie in anderen Ländern an der Belastungsgrenze arbeitet (vgl. Artikel Pflegekräfte in der Corona-Pandemie auf suedostasien.net), sieht sich dabei mit Schmähkampagnen und Drohungen konfrontiert. Dank für medizinisches Personal sei unnötig, so die Argumentation, da dieses für ihre Arbeit schließlich bezahlt würde und also ihren Job machte. Diese Aussagen zeigen den Diskurs, bei dem sich die Kritik der Lohnarbeitenden häufig nur gegeneinander richtet und selten ‚nach oben’ zielt – gegen die besitzende Klasse und die Regierung, die diese Klasse schützt.

Die Reportage folgt außerdem einem Priester, der in Caloocan, einem Stadtteil Manilas, bei Sterbefällen Trost spendet. Denn nicht nur Corona-Tote hat das Land zu beklagen. Auch Menschen, die in Krankenhäusern aufgrund der fehlenden Kapazitäten abgewiesen werden, sterben.

„Bald wird dies die Pandemie des Hungers sein“

Darüber hinaus verteilt der engagierte Priester Essenspakete an Menschen, die auf der Straße leben. Die Zahl der hungernden und obdachlosen Menschen steigt stetig. Die Pandemie hat die Armut extrem verschärft, etwa 27 Millionen Menschen sind auf den Philippinen mittlerweile arbeitslos. Zusätzlich steige die Zahl der psychischen Erkrankungen und Suizidversuche aufgrund der scheinbar ausweglosen Situation, der fehlenden Unterstützung durch die Regierung und der steten Angst vor dem Virus, so der Priester.

Aber auch Widerstand regt sich. Um dies zu zeigen, begleitet die Reportage Mitglieder der selbstorganisierten Gruppe Piston. In ihr haben sich Fahrer*innen der typischen philippinischen Kleinbusse, der genannten Jeepneys, organisiert.

Da die Regierung wegen der Corona-Pandemie die Jeepneys mit ihren bis zu 14 Sitzplätzen verboten hat, haben tausende Jeepney-Fahrer*innen auf unbestimmte Zeit ihren Job verloren. Seit sechs Monaten harren sie nun aus, ohne Einnahmen, ohne finanzielle Unterstützung durch die Regierung und ohne Rücklagen, die sie bei ihrem ohnehin geringen Einkommen nicht haben können. In der Reportage kommen einige von ihnen zu Wort. Um zu überleben, bitten sie Freund*innen um Lebensmittel, betteln an den nur noch von Privatautos befahrenen Straßen, schlafen und leben in ihren ungenutzten Jeepneys. Auch an diesem Verbot sieht man einmal mehr, dass die Regelungen zur Pandemie Menschen unterschiedlich hart treffen. Wer sich ein Privatauto leisten kann, ist weiterhin mobil, wer öffentliche Transportmittel bedient oder nutzt, hat es mit existenziellen Problemen zu tun – und wird damit allein gelassen.

„Duterte ist ein faschistischer Diktator“

Daher organisieren sich die Jeepney-Fahrer*innen in der Gruppe Piston. Sie mobilisieren und demonstrieren gegen die Maßnahmen der Regierung, fordern Gerechtigkeit und die Absetzung Dutertes. „Duterte tuta diktador pasista“, „Duterte ist ein faschistischer Diktator“, steht auf einem der Protestschilder, die sie hochhalten. Aber Widerstand wird in den Philippinen nicht gern gesehen – statt Hilfsleistungen zu erhalten wurden sechs Demonstrierende aufgrund angeblicher Missachtung der Abstandsregeln festgenommen und berichten in der Reportage nach ihrer Freilassung, dass sie während der sechstägigen Haft gefoltert worden seien. Darüber hinaus seien sie in der Haft mit weiteren Insassen zusammengepfercht gewesen – Abstandsregeln und Infektionsschutz habe es in den Gefängnissen nicht gegeben.

Dieser Umgang mit kritischen Stimmen ist nicht neu: 185 Aktivist*innen wurden bereits während der Amtszeit Dutertes ermordet. Diese Morde kommen zu den tausenden Toten hinzu, die der sogenannte Krieg gegen die Drogen bisher verursacht hat. Auch hier gilt, dass Gesundheitsfragen mit Einschüchterung, Gewalt und Mord beantwortet werden. Was momentan selten erwähnt wird, ist die Tatsache, dass diese Morde weiterhin passieren, auch wenn die Pandemie derzeit alle Aufmerksamkeit auf sich zieht.

Die Pandemie bietet der Regierung zudem die Gelegenheit, Massenveranstaltungen wie zum Beispiel die Demonstration von Piston zu verbieten – unter dem Vorwand des Infektionsschutzes. Dabei sind diese Protestaktionen wichtiger denn je. Auch Generalsekretärin der Menschenrechtsorganisation Karapatan, Christina Palabay, kommt in der Reportage zu Wort. Sie berichtet von Einschüchterungsversuchen und Drohungen von Seiten des Militärs und der Polizei. Eine ihrer Freundinnen, die Aktivistin Zara Alvarez, wurde im August 2020 erschossen, nachdem sie zahlreiche Morddrohungen aufgrund ihrer politischen Tätigkeiten erhalten hatte.

Die ARTE-Reportage bietet einen guten ersten Überblick über die derzeitige Situation in den Philippinen und kann vor allem für Menschen, die sich noch nicht intensiv mit dem Inselstaat auseinandergesetzt haben, eine hilfreiche Orientierung bieten. Verschiedene Akteur*innen berichten aus unterschiedlichen Perspektiven über die Pandemie. Das Gesamtbild der Situation in den Philippinen ist erschreckend. Zugleich ist es eine Zuspitzung der langjährigen autoritären und faschistischen Politik Dutertes und seiner Verbündeten. Die Corona-Pandemie ermöglicht es ihnen, unter dem Vorwand des Infektionsschutzes die Rechte der Bevölkerung weiter zu beschneiden, sie in Kriminalität zu zwingen, ihnen die Lebensgrundlage zu entziehen und linke Aktivist*innen zu verfolgen und zu ermorden. Während die Reichen weiterhin Partys feiern und in Privatautos durch Manila fahren, werden die Armen gegängelt, ihrer Perspektiven und Lebensgrundlagen beraubt. Solange das kapitalistische und faschistische System in den Philippinen aufrechterhalten wird, wird auch das Virus einen Schaden anrichten, der dem Schaden, den die herrschende Klasse und die philippinische Regierung verursacht, in nichts nachstehen wird.

Rezension zu: Dutertes Methoden im Schatten des Virus, ARTE-Reportage, 24 Minuten, 2020

Dieser Artikel erschien zunächst in der südostasien Ausgabe 1|2021 – Corona – Ein Jahr später, und immer noch mittendrin und ist Teil der südostasien – Sonderausgabe Buchmesse

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Kenntnisreiche Einführung in die indonesische Gegenwartskunst

Kambodscha: Die weltweite Rezession führt zu einer geringeren Nachfrage im Textilsektor. Arbeiter*innen in Textilfabriken verschulden sich, um die Kosten für Wohnraum, Essen und Gesundheit zu decken.

Die Bekleidungsindustrie spielt eine zentrale Rolle innerhalb der sozioökonomischen Entwicklungsstrategie Kambodschas. Der Bekleidungs- und Schuhsektor macht fast 80 Prozent aller kambodschanischen Exporte aus. Damit ist der Sektor zentral für Kambodschas auf 26 Milliarden US-Dollar Bruttoinlandsprodukt bezifferte Wirtschaft. Die Bekleidungsindustrie ist einer der Hauptarbeitgeberinnen für junge Frauen aus dem ländlichen Raum, die aufgrund der mangelnden wirtschaftlichen Diversifizierung nur begrenzte Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben.

Im Jahr 2020, vor der Covid-19-Pandemie, waren rund 800.000 Menschen in der Bekleidungs- und Schuhindustrie beschäftigt. Hunderttausende Familien sind von den Geldüberweisungen der Arbeiter*innen abhängig. Auch Lohnarbeiter*innen im Dienstleistungssektor hängen von Fabrikarbeiter*innen in und um die Industriegebiete herum ab, darunter Lebensmittelverkäufer*innen, Bekleidungsverkäufer*innen, Transportunternehmen und viele andere.

Das Jahr 2020 war in diesem Kontext ein turbulentes Jahr für Kambodscha. Ein Land, dessen Wirtschaft so stark von einem einzigen für Krisen anfälligen Sektor abhängig ist, trägt zwangsläufig eine große Last.

Der Preisdruck steigt, während die globale Nachfrage sinkt

Bisher hat Kambodscha es geschafft, einen Ausbruch der Pandemie, der auch zu weit verbreiteten Schließungen von Arbeitsstätten geführt hätte, zu vermeiden. Bis zum 15. Dezember 2020 wurden 362 Infektionsfälle bestätigt und keine Todesfälle in Folge einer Covid-19 Infektion gemeldet. Auch wenn beide Zahlen möglicherweise zu niedrig angesetzt sind, wie es weltweit der Fall ist, wäre es für die kambodschanischen Behörden unmöglich, einen größeren Ausbruch zu verbergen. Insgesamt waren Fabrikschließungen aufgrund von Infektionsausbrüchen keine Ursache für verlangsamte Produktion in Kambodscha.

Innerhalb der Lieferkettendynamik entsteht im asiatischen Raum Überkapazität in der Produktion als Hauptfolge der aktuell zurückgegangenen Nachfrage. Dadurch konkurrieren Lieferanten nun noch stärker um begrenzte Bestellungen, wodurch die bestellenden Unternehmen die Preise weiter nach unten treiben können.

Die Reaktionen von Käufer-Unternehmen und Lieferanten auf diese beispiellose Situation waren unterschiedlich und sind noch nicht ausreichend erforscht. Viele Marken und Einzelhändler nutzten aber offenbar die zunehmende Verzweiflung ihrer Lieferanten nach Bestellungen als Hebel in Verhandlungen aus. So fordern sie Preisnachlässe, die wesentlich höher sind als die jährlichen Reduzierungen, die sie normalerweise anstreben. Mehr als die Hälfte der Firmen sind laut einer Studie gezwungen, Preise für Bestellungen zu akzeptieren, die unter den Produktionskosten liegen – eine branchenübliche Praxis, die während der Pandemie zugenommen hat.

Verlust von Arbeitsplätzen und Arbeitnehmer*innenrechten

Der Verband der Bekleidungshersteller in Kambodscha (Garment Manufacturers Association of Cambodia) berichtete, dass die Exporte bis Oktober 2020 gegenüber dem Vorjahr (2020-2019) um 9 Prozent zurückgegangen seien. Die Auswirkungen auf die Beschäftigung werden anhand der erfassten Zahlen des Nationalen Sozialversicherungsfonds (National Social Security Fund) sichtbar. Demnach haben zwischen 35.000 und 40.000 Arbeitnehmer*innen gemeldet, ihren Arbeitsplatz verloren zu haben, ohne Berücksichtigung von Arbeitszeitverkürzungen. Angesichts der offiziell entlassenen 65.000 Arbeitnehmer*innen bedeutet das anhand der zugrunde liegenden Zahlen, dass etwa 20.000 Arbeiter*innen anderweitig Arbeit gefunden und sich erneut beim Nationalen Sozialversicherungsfonds registriert haben.

Insgesamt halten die Bekleidungshersteller dem Sturm stand. Sie stehen unter starkem Druck und unterliegen eindeutig unfairen Vertragsbedingungen mit Käufern, den sie an ihre Arbeiter*innen weitergeben. So halten sie Aufträge und Produktion aufrecht. Die Auswirkungen auf die Arbeitnehmer*innen in Kambodscha bleiben jedoch dramatisch, weil ihre Arbeitsbedingungen prekär bleiben. Arbeiter*innen in Kambodscha sind, wie Textilarbeiter*innen auf der ganzen Welt, einem starken Wettbewerb um Arbeitsplätze während der Wirtschaftskrise ausgesetzt. Das führt zu erhöhtem Druck, Jobs zu finden oder zu behalten. Dabei bleiben viele in städtischen Gebieten, um erneut Arbeit in Fabriken aufzunehmen oder um auf Baustellen zu arbeiten. Arbeitnehmer*innen müssen sich mit existentiellen Fragen auseinandersetzen, wie die ständige Suche nach einem Einkommen, das grundlegende Lebenshaltungskosten abdeckt, und das Überstehen von häufigen Phasen der Nichtbeschäftigung.

Aspekte wie die Einhaltung von Arbeitsgesetzen oder Verhaltenskodizes, werden dadurch zweitrangig. Leicht werden Gewerkschaften zerschlagen, was in Kambodscha und anderen produzierenden Ländern ohnehin häufig vorkommt. Solche Fälle von Zerschlagungen konnten zunehmen, weil Arbeitnehmer*innen beispielsweise zeitweise von der Arbeit suspendiert werden oder Gewerkschafter*innen vom Management gezielt versetzt werden.

Die International Labour Organisation (ILO) stellt fest, dass geringere Gewinnspannen und instabile Produktionsanforderungen infolge der Pandemie die Zahl an Eilaufträgen und den Druck auf die Herstellerfirmen erhöhen. Dadurch verschärfen sich auch die verbalen Angriffe auf Arbeitnehmer*innen in den Fabriken. Über die Fabrik hinaus würden, so die ILO, Themen wie Gewalt und Belästigung sowie die Gleichstellung der Geschlechter in naher Zukunft wahrscheinlich weniger Beachtung finden. Die Regierungen hat es bislang versäumt, die gesetzlich verankerten Anforderungen an Kinderbetreuung durchzusetzen sowie erschwingliche, professionelle und zugängliche Pflegedienste für alle Arbeitnehmer*innen zu unterstützen. Die Auswirkungen der Pandemie auf Familien und Arbeitnehmer*innen haben dieses Versäumnis in den Mittelpunkt gerückt.

Erste Studie zu den Folgen für Arbeitnehmer*innen und Ihre Familien

Umfassende Studien zu den Erfahrungen der Arbeitnehmer*innen in Kambodscha wurden noch nicht durchgeführt. Berichte von CARE International und der Better Work Initiative der ILO liefern erste Erkenntnisse. So soll die kambodschanische Regierung zwar mit Arbeitgeber*innen zusammengearbeitet haben, um beurlaubten Arbeitnehmer*innen einen Bonus von 70 US-Dollar zu gewähren. Jedoch nur 41 Prozent der befragten Arbeitnehmer*innen hatten im Mai 2020 diesen Bonus tatsächlich erhalten. Es wird auch berichtet, dass beurlaubte oder entlassene Arbeitnehmer*innen einen Einkommensrückgang von 70 Prozent verzeichneten. In der Folge lebt die Hälfte der entlassenen Arbeitnehmer*innen unterhalb der internationalen Armutsgrenze von 1,90 US-Dollar pro Tag. 88 Prozent der noch beschäftigten Arbeitnehmer*innen gaben an, aufgrund von Covid-19 einen durchschnittlichen Einkommensrückgang von 42 Prozent erfahren zu haben.

Eine weitere Umfrage unter 375 Arbeitnehmer*innen im Mai und Juni 2020 ergab, dass 49 Prozent von ihnen aufgrund von Produktionsstörungen, z.B. durch einen generellen Nachfragerückgang nach Textilien, fehlende Produktions-Inputs aus China oder durch Lockdown-bedingte Schließungen, einen Einkommensrückgang verzeichneten. 41 Prozent gaben an, weniger Stunden zu arbeiten. In Bezug auf die Kinderbetreuung hatten 36 Prozent der befragten Arbeiterinnen während der Pandemie eine höhere Arbeitsbelastung als die Männer. 13 Prozent der Befragten nannten einen Anstieg der unbezahlten Betreuungsarbeit als eines der drei Hauptprobleme der Krise. Die wirtschaftlichen Auswirkungen auf die Familien von Arbeitnehmer*innen durch ausbleibende Geldüberweisungen in ihre Dörfer müssen noch untersucht werden.

Erschreckende Ergebnisse ergeben sich aus der Worker Rights Consortium-Studie zu Hunger in der Bekleidungslieferkette. Die Studie stützt sich auf Umfragedaten von 396 Arbeitnehmern in neun Ländern, einschließlich Kambodscha. 88 Prozent der befragten Arbeitnehmer*innen gaben an, dass ein geringeres Einkommen zu einer Verringerung der täglich konsumierten Lebensmittelmenge geführt habe. 67 Prozent der Arbeitnehmer*innen gaben an, dass sie oder Mitglieder ihres Haushalts gezwungen waren, während der Pandemie auf Mahlzeiten zu verzichten und/oder die Qualität der Mahlzeiten zu verringern. 75 Prozent der befragten Arbeitnehmer*innen haben seit Beginn der Pandemie Geld geliehen oder Schulden gemacht, um Lebensmittel zu kaufen.

Arbeiter*innen tragen schwerwiegende und langfristige Folgen der Krise

Obwohl mit Beginn der Impfungen in Europa und Nordamerika Hoffnung auf eine Eindämmung der Pandemie besteht, wird die weltweite Wirtschaftskrise kurzfristig zu einer geringeren Nachfrage führen. Die kommenden ein bis zwei Jahre werden von einem intensivierten Konkurrenzkampf von Händlern, Lieferanten und Herstellern geprägt werden. Eine Palette unlauterer Praktiken könnte entlang der Lieferkette um sich greifen.

Für einige Arbeitnehmer*innen wird es längere Zeiträume geben, in denen sie Schulden anhäufen werden, um Grundbedürfnisse, wie Wohnraum, Essen und Gesundheitsversorgung zu erfüllen. Da das soziale Sicherungssystem in Kambodscha nicht sehr gut funktioniert, sind ein bis zwei sehr besorgniserregende und schwierige Jahre zu erwarten.

Der Artikel basiert auf dem Bericht Cambodia’s Garment Sector in Transformation. External Shocks, Political Space and Supplier Consolidation von Dennis Arnold (2021).

Übersetzung aus dem Englischen von: Tamara Bülow

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1 | 2018, Indonesien, Rezensionen,
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Kenntnisreiche Einführung in die indonesische Gegenwartskunst

Indonesien: Die traditionelle Kräutermedizin Jamu erlebt in Zeiten von Covid-19 eine Renaissance. Dies bietet Chancen für Gesundheitswesen und Wirtschaft. Doch es ändert nichts daran, dass die Pandemie die ohnehin schon Marginalisierten am härtesten trifft.

Januar 2021: Während Europa mit der zweiten Welle der Covid-19-Pandemie kämpft, befindet sich Indonesien nun erstmals seit Beginn der Pandemie im März 2020 in einer Phase, in der die gemeldeten Fallzahlen deutlich sinken. Das Land erlebte zuvor seit März 2020 stetig steigende Infektionsraten mit mehr als 10.000 bestätigten Fällen pro Tag. Die Testkapazitäten wurden in diesem Zusammenhang immer weiter ausgeweitet, so dass im Dezember täglich 245.000 Personen getestet werden konnten. Dies führte jedoch gleichzeitig dazu, dass die gemeldeten Infektionszahlen mit Zunahme der Testungen stiegen. Die Infektionssituation im Land blieb weiterhin unübersichtlich.

Wie in vielen anderen Ländern auch, wurde indonesischen Politiker*innen vorgeworfen, den Ernst der Lage nicht früh genug erkannt zu haben. Noch im März 2020 sagte der damalige Gesundheitsminister Terawan Agus Putranto, er sei von der Aufregung um die Ausbreitung von Covid-19 überrascht, da aus seiner Sicht „die Grippe gefährlicher ist als das Coronavirus“. Inzwischen haben einige Politiker*innen zugegeben, die Öffentlichkeit falsch informiert zu haben. Tim Lindsey und Tim Mann, Wissenschaftler der australischen University of Melbourne, brachten auf den Punkt, was viele Beobachter*innen bereits befürchtet hatten: dass die Regierung die Gesundheitsbedrohung zu lange geleugnet hat und ein klar strukturierter Ansatz zum Umgang mit ihr immer noch fehlt.

Krise des Gesundheitswesens

Seit langem wächst die Kritik an Indonesiens öffentlichem Gesundheitswesen. Unter anderem werden die Nähe zwischen Pharmaindustrie und Ärzt*innen und die damit verbundenen „ungesunden Praktiken“ von Unternehmensbereicherung mit staatlicher Rückendeckung kritisiert. Auch der bestehende strukturelle und personelle Mangel im öffentlichen Gesundheitswesen wird durch die Covid-19-Pandemie eklatant verschärft. Die neuesten Daten der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zeigen, dass Indonesiens Verhältnis von Ärzt*innen bei 3,8 pro 10.000 Menschen liegt. Damit liegt Indonesien deutlich unter den Zahlen für Malaysia (15 Ärzt*innen pro 10.000 Einwohner) sowie Thailand und Vietnam (acht Ärzt*innen pro 10.000 Einwohner).

Außerdem häufen sich Fragen zu Pharmamonopolen und Kartellpraktiken im medizinischen Sektor sowie Fälle von Behandlungsfehlern und Betrug zu Lasten der Patient*innen. Hinter dieser Stimmung verbirgt sich ein latentes Misstrauen nicht nur gegenüber der Pharmaindustrie, dem Berufsstand der Ärzt*innen und den strukturellen Bedingungen von Krankenhäusern, sondern auch gegenüber den nationalen Eliten im Allgemeinen und den Bediensteten der Gesundheitsbehörden im Besonderen.

Die jüngste Geschichte liefert einige gute Gründe, warum medizinische Fachkräfte, Patient*innen und Beobachter*innen des indonesischen Gesundheitssystems derzeit skeptisch sind: Bereits während der Krise der H5N1-Pandemie 2006, auch als Vogelgrippe bekannt, beanspruchte Indonesien eine „virale Souveränität“ und weigerte sich, mit der WHO zusammenzuarbeiten. Auch in der Covid-19-Pandemie gehen Politiker in Indonesien auf Sonderwegen. Aus verschiedenen Richtungen wurden die Notfallstrategien der indonesischen Regierung und das nationale Gesundheitssystem grundlegend kritisiert.

Vor diesem Hintergrund wollen wir die grundlegend pluralistische Struktur des indonesischen Gesundheitssystems beleuchten. Denn der Kontext des medizinischen Pluralismus in Indonesien ist entscheidend für ein Verständnis der Entwicklungen.

Sind Jamu Heilkräuter ausreichend?

Während der Anfangsphase der Pandemie behaupteten einige indonesische Entscheidungsträger*innen öffentlich, dass Covid-19-Infektionen ohne weitere Behandlung ausheilen könnten, solange der Körper einer Person über ausreichend Abwehrkräfte verfügt. Auf dieser Grundlage ermunterten sie die Bevölkerung, mit Hilfe von traditionellen Mischungen aus Jamu-Heilkräutern ihre körpereigene Immunabwehr zu stärken.

Um die Rolle von Jamu während der derzeitigen Pandemie einzuordnen, ist es notwendig zu wissen, dass die Nutzung von Kräutermedizin seit Jahrtausenden ein fester Bestandteil des Gesundheitshandelns in Indonesien ist (vgl. dazu den Artikel Jamu – mehr als ’nur‘ traditionelle Medizin auf suedostasien.net). Die traditionelle Kräutermedizin Jamu ist heutzutage ein wichtiger Wirtschaftszweig, in dem große internationale Unternehmen wie Air Mancur, Djamu Djago oder Nyonya Meneer eine Vielzahl von Jamu-Arzneimitteln herstellen, die als Pulver, Tabletten oder Kapseln verkauft werden. Straßenhändler*innen konkurrieren mit großen Drogerien um den Verkauf von Jamu. Die indonesische Regierung wirbt für Jamu als Heilmittel gegen Covid-19 und unterstützt so eine wichtige „wirtschaftliche Säule für die Nation“, die 2019 21,5 Billionen Indonesische Rupiah (1,38 Milliarden US-Dollar) einbrachte; ein Plus von 13,1 Prozent gegenüber 19 Billionen Indonesische Rupiah (1,35 Milliarden US-Dollar) im Jahr 2018.

Bereits Mitte März 2020 berichtete die in Singapur ansässige Zeitung The Straits Times, dass der indonesische Präsident Joko Widodo (Jokowi) seit der Ausbreitung des Virus dreimal täglich eine Mischung aus rotem Ingwer, Zitronengras und Kurkuma trinke und diese mit seiner Familie und Kolleg*innen teilen würde. Er sei überzeugt, „dass ein Kräuterkonzentrat vor einer Ansteckung mit dem Coronavirus schützen kann“. Diese Aussage führte in Folge zu einem massiven Anstieg der Verkaufszahlen und damit verbunden einem rasanten Preisanstieg der Marktpreise für roten Ingwer, Zitronengras und Kurkuma.

Ebenso wie Jokowi haben auch andere Politiker*innen und Personen des öffentlichen Lebens auf den Nutzen der traditionellen Medizin in der Covid-19 Krise hingewiesen, wie beispielsweise das Bezirksgesundheitsamt von Situbondo in Ostjava oder der Regent von West-Aceh, Ramli Mansur.

Medizinischer Pluralismus in Indonesien

Die WHO hat eine Liste von Empfehlungen für den Umgang mit der aktuellen Pandemie herausgegeben, die unter anderem das Händewaschen, die allgemeine Einhaltung von Hygienerichtlinien sowie das Abstand wahren empfiehlt. Hierzu stehen die Empfehlungen indonesischer Politiker*innen, sich insbesondere durch die Nutzung pflanzlicher Heilkräuter zu stärken, in klarem Kontrast. Ebenso wie auch die generelle Einschätzung, dass Covid-19 lediglich ein harmloses Virus wäre.

Ende März 2020 bildete sich eine Koalition aus zivilgesellschaftlichen Organisationen wie Amnesty International Indonesien, Transparency International Indonesien, das Jakarta Legal Aid Institute und anderen. Sie forderten das Repräsentantenhaus auf, während der Covid-19-Pandemie seine Kontrollfunktion wahrzunehmen, um sicherzustellen, dass die Politik der Regierung auf dem richtigen Weg sei.

Der Druck zeigte Wirkung. Akhmad Saikhu, Leiter der Forschungs- und Entwicklungsabteilung für pflanzliche und traditionelle Medizin des Ministeriums, betonte, dass pflanzliche Heilmittel und Jamu in der Lage seien, die Symptome von Infektionskrankheiten zu lindern, jedoch seien sie nicht grundlegend in der Lage, Infektionen abzuwenden.

Spätestens an dieser Stelle wurde deutlich, dass Gesundheitshandeln kein eindimensionaler Prozess ist, sondern komplexe äußere Einflüsse, Dynamiken und medizinische Traditionen darin eine Rolle spielen. Die Herausforderungen der Covid-19-Pandemie können somit aus verschiedenen medizinischen Perspektiven betrachtet werden, die sich nicht notwendigerweise gegenseitig ausschließen. Während die WHO grundlegend aus einem biomedizinischen Verständnis die Beurteilung der aktuellen Pandemie vornimmt, handelten einige indonesische Politiker*innen ebenso wie viele Bürger*innen aus einem traditionell javanischen Medizinverständnis heraus. Anstatt die Aufrufe von Jokowi und anderen indonesischen Funktionsträgern sowie das damit verknüpfte humorale Körperverständnis, das auf den Körpersäften und den damit verbundenen vier Elementen beruht, rundweg abzulehnen, könnte ein Blick in den medizinischen Pluralismus Indonesiens und die damit verbundenen informellen Kooperationen im Gesundheitssystem sehr lehrreich sein.

Traditionelle Medizin und die Pandemie

Indonesien besteht aus einer ethnisch vielfältigen Gesellschaft, die sich auch in einem pluralistischen Medizinsystem widerspiegelt. Große Teile der Gesellschaft vertrauen auf die Verwendung traditioneller Medizin oder auf eine Kombination aus traditionellen und biomedizinischen Behandlungen. Erst kürzlich hat eine Studie gezeigt, dass insbesondere urbane Haushalte mit hohem Bildungsniveau dazu neigen auf traditionelle anstatt auf biomedizinische Gesundheitsdienste zurückzugreifen. Dementsprechend präsentiert sich in den städtischen Räumen Indonesiens eine beeindruckende Vielfalt an medizinischen Traditionen, so dass ein breiter informeller Markt eine große Bandbreite an medizinischen Produkten und Dienstleistungen darbietet.

Bereits im März 2020, direkt mit Einsetzen der Covid-19 Krise, entwickelte sich demzufolge ein neuer Markt mit ‚Corona-Jamu-Produkten’. Um das körpereigene Immunsystem zu stärken wurden Kräutermischungen aus Kurkuma, Ingwer und weiteren Wurzeln/Kräutern empfohlen. Auch Kräutermischungen wie Wedang Uwuh – eine Kräuterspezialität in der Region Yogyakarta – wurden speziell beworben, da diese traditionell zur Vorbeugung von Erkältungen, zur Erwärmung des Körpers und zur Stärkung des Immunsystems Verwendung findet. In dieser traditionellen Mischung werden Secang (Sappanholz) , Zimt, Ingwer, Nelken, Muskatnussblätter, Zitronengraswurzeln und Kardamom verwendet. Auf Grundlage der Corona-Pandemie konnten einige der Jamu-Hersteller einen Umsatzanstieg von bis zu 50 Prozent verzeichnen. Die Jakarta Post prognostizierte vor diesem Hintergrund, dass die Gewohnheit, Jamu zu trinken, zur neuen Normalität gehören wird, und bezeichnete Jamu als „den neuen Espresso“.

Der wachsende Markt für Jamu

Einen wissenschaftlichen Beweis zur Wirksamkeit von verschiedenen Jamu-Produkten gegen Covid-19-Infektionen ist noch lange nicht zu erwarten. Einige Wissenschaftler*innen argumentieren jedoch, dass die etabliertere Traditionelle Chinesische Medizin (TCM) das körpereigene Immunsystem in einer Weise stärkt, die virale Pathogenitätsfaktoren reduziert. So sind verschiedene TCM-Heilkräutermischungen zur Vorbeugung und Symptombehandlung bei schweren Verläufen von Covid-19 in China offiziell anerkannt und empfohlen. Die Pflanzenbestandteile der in Indonesien propagierten Corona-Jamu-Mischungen sind entsprechende Variationen dieser TCM-Mischungen.

Während die öffentlichen Debatten um die Nutzung kräutermedizinischer Produkte im Zusammenhang mit Covid-19 weitergehen ist eine Tatsache allerdings jetzt schon klar: Die aktuelle Krise von Covid-19 bietet eine große Chance für die Jamu-Industrie. Der Leiter der Indonesian National Agency of Drug and Food Control (Badan Pengawas Obat dan Makanan, BPOM) erklärte dementsprechend, dass von Januar bis Juli 2020 neue Genehmigungen für 178 traditionelle medizinische Heilmittel, drei Phytopharmaka und 149 lokale Gesundheitszusätze mit Eigenschaften zur Stärkung des Immunsystems erteilt wurden. Darüber hinaus unterstützt BPOM die Forschung an acht pflanzlichen Produkten zur Bekämpfung der Symptome von Covid-19. Die Jakarta Post prognostizierte auf dieser Grundlage bereits „eine strahlende, post-pandemische Zukunft für indonesische Jamu“. Und so überrascht es auch nicht, dass Sido Muncul, einer der großen indonesischen Jamu-Hersteller, bekannt gibt, dass sich „eine Chance inmitten der Covid-19 Pandemie“ ergibt und das Unternehmen demnach die Möglichkeit hat, in den saudi-arabischen Markt zu expandieren.

Die Pandemie ist eine Wirtschaftsfrage

Gegenüber diesen wirtschaftlichen Chancen für die lokale Jamu-Industrie steht jedoch gleichzeitig die Tatsache, dass die Covid-19 Pandemie die ärmsten Bevölkerungsschichten besonders schwer trifft. Der UNESCO-Bericht über die Auswirkungen von Covid-19 in Indonesien hebt deutlich hervor, dass schutzbedürftige und marginalisierte Gruppen, zum Beispiel Arme, Frauen und Behinderte, in besonderem Maße unter den Herausforderungen der Pandemie und den damit verbundenen Maßnahmen leiden.

Der Oberste Gerichtshof hat zwar die geplanten Erhöhungen der Prämien für das Nationale Krankenversicherungssystem (BPJS Kesehatan) aufgehoben. Gleichzeitig ist das indonesische Gesundheitssystem so mangelhaft aufgestellt, dass selbst indonesische Politiker*innen die Bevölkerung aufrufen, Geld für Jamu auszugeben, um mit der Covid-19 Krise fertig zu werden.

Vor dem Hintergrund dieser aktuellen Pandemie und der sich abzeichnenden Praktiken der Gesundheitsversorgung wird wieder einmal klar: die Krise um Covid-19 in Indonesien, ebenso wie in anderen Teilen der Welt, ist letztendlich eine Frage des ökonomischen Hintergrunds, für jede und jeden Einzelnen, aber auch auf der internationalen Bühne. Dies wird durch die derzeitigen Kämpfe um die Verteilung der Covid-19-Impfstoffe ungeschminkt vor Augen geführt. In Indonesien sind bisher weniger als 2 Prozent der Bevölkerung mit der – für alle indonesischen Bürger*innen verpflichtenden – Covid-19 Impfung geimpft. Würde die Regierung diese Rate von derzeit ca. 60.000 täglichen Impfdosen beibehalten, dann wird Indonesien rein rechnerisch mehr als 10 Jahre benötigen, um die Bevölkerung zu impfen. Diese Schätzung berücksichtigt noch keine strukturellen und geografischen Herausforderungen, wie beispielsweise lückenlose Kühlketten für Impfstoffe oder auch den Umgang mit dem zunehmenden Impfwiderstand in der Bevölkerung. An dieser Stelle könnte auch wiederum die Einbindung der unterschiedlichsten medizinischen Akteure des pluralistischen Gesundheitssystems hilfreich sein, um der Goliath-Aufgabe Covid-19 mit gemeinsamer Anstrengung zu begegnen.

Dieser Artikel basiert auf einem im September 2020 bei Focaal Blog erschienenen Beitrag, der für die südostasien aktualisiert und ergänzt wurde.

Übersetzung aus dem Englischen von: Dominik Hofzumahaus

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1 | 2018, Indonesien, Rezensionen,
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Kenntnisreiche Einführung in die indonesische Gegenwartskunst

Europa/Asien: In „Was Covid-19 mit der ökologischen Krise, dem Raubbau an der Natur und dem Agrobusiness zu tun hat“ beleuchtet der Evolutionsbiologe Rob Wallace eine entscheidende Dimension der aktuellen Virusdiskussion: die kapitalistische Ausbeutung der Natur.

„Seuchen gehören zur Geschichte der Menschheit und sie haben ihre Spuren hinterlassen.“ Diese Aussage aus einem aktuellen Werbespot für WDR5 würde der Evolutionsbiologe Rob Wallace sicher kritisch kommentieren und ergänzen. Legt der genannte Satz doch nahe, Seuchen und Pandemien stellten naturgegebene und unbeeinflussbare Ereignisse in der Evolution der Menschheit dar. Seuchen begleiten die Menschheit, seit sie sesshaft geworden ist. Doch zumindest, was die Pandemien seit Beginn des industriellen Zeitalters angehe, seien diese „Menschen gemacht“, argumentiert Wallace in Was Covid-19 mit der ökologischen Krise, dem Raubbau an der Natur und dem Agrobusiness zu tun hat. Sie seien zwangsläufige Folgen der kapitalistischen ‚In-Wertsetzung‘ und ungebremsten Ausbeutung natürlicher Ressourcen und der damit verbundenen Produktionsweisen.

Ein unbequemer Denker

Rob Wallace ist Evolutionsbiologe und spezialisiert auf Virologie. Er hat im Laufe seiner wissenschaftlichen Karriere unter anderem für die UN und die US-Gesundheitsbehörden gearbeitet. Der vorliegende Band vereint neun seiner Aufsätze aus den Jahren 2007 bis 2020 mit durchaus diversem Fokus und sehr unterschiedlicher Länge und Gedankentiefe. Allen gemein ist aber die grundsätzliche Kritik am neoliberalen Kapitalismus und der dahinter stehenden Akteure. Anders als es der Titel vermuten lässt, reichen sie weit über das derzeitige Pandemiegeschehen hinaus. Gemeinsam gelesen, stellen sie aus einem epidemiologischen Blickwinkel eine grundsätzliche Reflexion und Kritik unserer derzeitig vorherrschenden neoliberalen oder staatskapitalistischen Lebensweise und ihrer Folgen dar.

In einem Beitrag warnte Wallace bereits 2009: „Das Establishment scheint bereit zu sein, einen Großteil der weltweiten Produktivität aufs Spiel zu setzen, die katastrophal einbrechen wird, wenn zum Beispiel in Südchina eine tödliche Pandemie ausbricht – von Millionen Menschenleben einmal abgesehen.“ Von der biologischen Epidemiologie ausgehend haben Wallace im Laufe seines Schaffens immer mehr die sozialen und ökonomischen Komponenten von Epidemien interessiert. Er wollte eine ‚politische Virologie’ schaffen. Dazu hat er sich insbesondere mit der kapitalistischen Umformung und Aneignung von Natur durch die globale Agrar- und Lebensmittelindustrie befasst und diese scharf kritisiert.

Offensichtlich ist er dabei auf wenig offene Ohren gestoßen. Mittlerweile scheint er sich aus der Rolle des warnenden Forschers zurückgezogen und einem eher lösungsorientierten Ansatz zugewandt zu haben: Heute leitet er das Agroecology and Rural Economics Research Corps, eine Initiative, die ökologische landwirtschaftliche Methoden erforscht und umsetzt.

Seuchen als Teil des globalen Kapitalismus

Seit Ausbruch der Covid 19-Pandemie hat es nicht an Hinweisen darauf gefehlt, dass Klimawandel und Artensterben wesentlich für die Entstehung und Ausbreitung solcher Seuchen mit verantwortlich seien und sie geradezu förderten. Rob Wallace als politisch linkem Naturwissenschaftler und Theoretiker gelingt es aber, tiefer zu den Ursachen solcher verheerenden Ereignisse vorzudringen. Konsequent macht er dafür eine Politik und eine Wirtschaftsweise verantwortlich, die allein auf Gewinnmaximierung und billige Produktion orientiert seien. Gesundheitssysteme, in denen Gesundheit als profitable Ware gesehen werde, würden für die Profiteure ‚gesund’, für die Allgemeinheit ‚krank gespart’.

Internationalen Institutionen fehle das notwendige Geld – und oft der Wille –, eine sinnvolle Seuchenvorsorge zu ergreifen, so Wallace. Wirtschaftsunternehmen trieben durch die skrupellose Ausbeutung der ‚Ressource Welt’ Häufigkeit und Schwere epidemischer Ausbrüche immer weiter voran. Wallace fügt damit der gängigen Kritik neoliberaler Wirtschaft und Politik eine weitere gesellschaftliche Dimension hinzu, die direkte Rückwirkung weltweit hat und deren Kosten die Allgemeinheit trägt – wie wir an Covid 19 schmerzlich erfahren.

Neoliberaler Kapitalismus und der Globale Süden

Viele der von Wallace dargestellten Beispiele beziehen sich auf Afrika (Ebola und MERS) oder China (SARS, Vogel- und Schweine-Grippe), lassen sich aber sehr leicht auf die Gegebenheiten in Südostasien übertragen. Interessanterweise sah auch ein 2012 vom deutschen Robert-Koch-Institut durchgespieltes Seuchenausbruch-Szenario den Ursprung der Pandemie in Südostasien.

Insbesondere im zweiten Artikel des Bandes Wie entstand die Vogelgrippe finden sich explizit viele Hinweise auf Südostasien, vor allem auf Thailand. Wie überall in der Welt führt die alleinige Orientierung (der Wirtschafts- und Polit-Eliten) an den ‚Four Cheaps‘ (billige Nahrungsmittel, Arbeitskräfte, Energie und Rohmaterialien) bei gleichzeitiger Gewinnmaximierung auch in Südostasien zu Raubbau an der Natur, zu Monokultisierung und Massentierhaltung. So wie Wallace dies für Südchina beschreibt, führen auch in den aufstrebenden Ländern Südostasiens die Orientierung am westlichen Kapitalismus und seinem Lebensstil zu rapider Verstädterung, Proletarisierung der ländlichen Bevölkerung und schließlich zur Schaffung einer länder- und produktübergreifend vernetzten Agrarindustrie, die sich gleichzeitig den Begehrlichkeiten globaler Großkonzerne öffnet.

Ländliche Selbst- oder Regionalversorgungsstrukturen gehen verloren und weichen Monokulturen von Palmöl oder Mais sowie Massentierhaltung zum Beispiel von Geflügel oder Schweinen. Dies geht einher mit dem Anwachsen von Megastädten mit ihren slumartigen Auswüchsen sowie Desakotas [aus dem Indonesischen von desa = Dorf, kota = Stadt, d.R.], jenen Gebieten im Umland von Großstädten, wo sich urbane und landwirtschaftliche Nutzungs- und Siedlungsformen mischen, und dem damit einhergehenden zunehmenden menschlichen Vordringen in die verbliebenen artenreichen Naturlandschaften.

Cash Crops – Agrar- und Seuchenproduktion für den Weltmarkt

All dies beschreibt der Autor als ideale Brutstätten für neue Viren und deren Übersprung von Tieren auf Menschen, den Zoonosen: Wo Wildtiere sich wegen des Verlusts ihres Lebensraums mit Mengen von Nutztieren mischen, wo genetisch immer ähnlichere Zuchttiere unter den katastrophalen Bedingungen der Massentierhaltung immungeschwächt leben und wo diese Tiere ständig den Ort über weiter Entfernungen wechseln, da ‚jubeln‘ gleichsam Bakterien und Viren. Das massenhafte Vorhandensein geschwächter Wirtstiere, zu denen später auch Gelegenheitsarbeiter zählen, ermöglicht nicht nur eine rapide Ausbreitung, auch über weite Entfernungen hinweg, sondern ist der ideale Entstehungsort für immer neue, angepasstere Mutationen, auch solcher, die schließlich die Mensch-/Tier-Schranke überwinden. Weltweite Mobilität, Megastädte und ein zugrunde gespartes Gesundheitssystem sind die weiteren Zutaten für eine ‚Menschen gemachte’ und von Menschen verbreitete Pandemie.

Nicht zuletzt durch die ‚entwicklungspolitischen‘ Interventionen von WTO, IWF und Weltbank gleichen sich die Produktionsweisen in Südostasien immer mehr denen an, die Wallace für Südchina beschreibt und die ihren Ursprung in den westlichen Industriestaaten haben. Selbst in den entlegenen Bergregionen Nordthailands oder Vietnams wird der ländlichen Bevölkerung, die oft ohne Landbesitzrechte und häufig Mitglieder ethnischer Minderheiten sind, die Produktion für den Weltmarkt beinahe aufgezwungen. In- und ausländische Agrar- und Lebensmittelkonzerne mit einer vertikal durch die gesamte Vermarktungskette aufgestellten ‚Produktpalette‘ verkaufen den Bauern nur einmal einsetzbare Hybrid-Samen oder -Küken, die nur mit den ebenfalls mitverkauften Dünge-, Pflanzenschutz- oder tiermedizinischen Mitteln gedeihen und versprechen den Rückkauf der ‚Ernte‘ – allerdings zu nicht kalkulierbaren Preisen. Mais dient zum Beispiel nur als Futtermittel in der Massentierhaltung zur Befriedigung der wachsenden Fleischnachfrage der Mittel- und Oberschicht. Dafür wird eigener Reisanbau oder kleinteilige Hoftierhaltung aufgegeben und wertvoller subtropischer Wald vernichtet. Es bleiben flächendeckend Monokulturen und erodierende Landschaften.

Auch Konzerne aus Südostasien beuten die Natur aus

Ein gutes Beispiel hierfür ist der thailändische Konzern CP (Charoen Pokhand), der inzwischen der viertgrößte Hersteller von Hühnerfleisch mit Standorten in China, Malaysia, Indonesien, Vietnam und Indien ist. Von Saatgut, Dünger, Pestiziden über den Rück- und Weiterverkauf der Futtermittel an Tochterfirmen im Geflügelmastbereich bis hin zu Fastfood-Ketten in Südostasien bedient er inzwischen die gesamte Gewinnschiene. Greenpeace Southeast Asia hat dies 2018 in dem Report From Maize to Meat beschrieben und angeprangert (Daniel Hayward: From Maize to Meat: Placing maize production in Thailand within a global poultry value chain. May 2018. Greenpeace, Southeast Asia, Thailand). Ähnliche Praktiken und vergleichbare Konzerne lassen sich in ganz Südostasien ausmachen. Monokulturen für Nutzpflanzen von Mais bis Palmöl und Massentierhaltung sind inzwischen überall verbreitet, oft Hand in Hand mit Landgrabbing, Abholzung. Dazu kommt Landdvernichtung durch Schürfrechte für Rohstoffgewinnung. Die Folgen für die Seuchenentstehung und -ausbreitung beschreibt Wallace ausführlich in seinen Aufsätzen.

Dabei beuten nicht nur die wirtschaftlich ‚weiter‘ entwickelten Schwellenländer Südostasiens durch solche Praktiken die noch ärmeren aus. Denn neben den bekannten westlichen Konzernen wie zum Beispiel Monsanto, Bayer, Unilever, Nestle sind inzwischen auch etliche Konzerne aus Südostasien weltweit an der postkolonialen Wertabschöpfung von Natur beteiligt. So sind etwa das malaysische Palmölunternehmen Sime Darby oder das indonesische Golden Veroleum an Landgrabbing in Afrika massiv beteiligt. Noch perfider und ganz aktuell ist, dass der zurzeit als Covid-19-Impfstoff-Hoffnungsträger gehandelte Konzern Johnson & Johnson gleichzeitig aktiv an der Regenwaldzerstörung durch Palmölanbau beteiligt ist – und Mitfinanzier von Studien zur Seuchenbekämpfung. Besser lässt sich kaum an allen Enden der Wertschöpfungskette verdienen.

Der Ausweg – eine andere Landwirtschaft

Entsprechend seiner jetzigen Tätigkeit sieht Rob Wallace den einzigen Ausweg aus einer immer schnelleren Folge von Epidemien in einer anderen Landwirtschaft und letztlich in der Aufgabe kapitalistischer Weltaneignung. Kleinteilige, regionale Nahrungsmittelproduktion ohne übermäßigen Chemieeinsatz, kurze Transportwege, geringerer Fleischkonsum und qualitativ hochwertigere Nahrung – Forderungen, die auch die weltweite biologische Landwirtschaftsbewegung erhebt. Nur eine solche Produktionsweise, verbunden mit genetischer Vielfalt der Arten erhalte das Wechselspiel und das notwendige Gleichgewicht zwischen Mikroorganismen und Säugetieren, zu denen auch der Mensch zählt.

Die Artikel von Rob Wallace – und das ausgezeichnete Vorwort von Martin Becker, der die Artikel mit hilfreichen Kommentaren und Erläuterungen versehen hat – öffnen die Augen für eine ganz andere, grundlegende Dimension des brandaktuellen Seuchenthemas und weisen darüber hinaus auf die grundlegende Krise des Kapitalismus hin. Die Frage, ob tatsächlich wir Menschen die Welt ‚beherrschen’ oder ob Bakterien und Viren dies tun, lässt Wallace offen.

Rezension zu: Rob Wallace. Was Covid-19 mit der ökologischen Krise, dem Raubbau an der Natur und dem Agrobusiness zu tun hat. 2020. PapyRossa Verlag. 207 Seiten.

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1 | 2018, Indonesien, Rezensionen,
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Kenntnisreiche Einführung in die indonesische Gegenwartskunst

Philippinen: Die Duterte Regierung führt unter dem Deckmantel der Pandemie ihre autoritäre Politik fort. Während unter den Maßnahmen insbesondere die arme Bevölkerung leidet, schwinden die zivilen Handlungsräume zur Gegenwehr zunehmend.

Man hätte meinen können, es sei ein sehr schlechter Aprilscherz, so absurd war es, was der philippinische Präsident Rodrigo Duterte zu Beginn der Corona-Pandemie auf den Philippinen von sich gab. Leider war seine Aussage (mal wieder) kein Scherz. Anfang April 2020 appellierte er zur Ausführung des Lockdowns an seine Exekutive:

Fast ein Jahr später gab es einen ähnlichen Appell in einer Rede vom 5. März 2021 an die philippinische Polizei (PNP) und das philippinische Militär (AFP). Duterte sagte, sie sollten „Menschenrechte ignorieren“ und wenn AFP und PNP auf Kommunisten stießen, sollten sie diese töten und sicherstellen, dass sie wirklich tot seien. Am darauf folgenden Wochenende gab es einen Crackdown bei dem neun linke Aktivist*innen ermordet und sechs weitere festgenommen wurden. Ein Zusammenhang zwischen der Rhetorik des philippinischen Präsidenten und den Handlungen des Militärs sowie der Polizei liegt auf der Hand.

Rede von Präsident Rodrigo Duterte an Polizei und Soldaten:

In einer Rede am 5. März 2021 forderte Präsident Rodrigo Duterte Polizei und Soldaten auf, kommunistische Rebellen bei Begegnungen zu „töten“ und „fertigzumachen“. Zwei Tage später, am Sonntag, den 7. März, gingen die staatlichen Streitkräfte mit einer tödlichen Razzia in Calabarzon gegen Aktivist*innen vor.

Unmenschlichkeit zeigt sich während der Corona-Pandemie umso mehr

Dutertes Rhetorik und welche Brutalität diese befeuert, kennen wir bereits aus dem Anti-Drogenkrieg. So gab er all diejenigen, die sich gegen eine Festnahme wehrten, zum Abschuss frei. Das war nur kurze Zeit nach dem Mord an dem 17-jährigen Kian Loyd de los Santos, dessen Tod eine Protestwelle auf den Philippinen gegen den Anti-Drogenkrieg hervorrief. Zehntausende Menschen wurden in dem sogenannten Krieg gegen die Drogen ermordet, wie ein Report des UN-Menschenrechtsausschusses 2020 feststellte. Menschenrechtsgruppen wie Amnesty International gaben bald nach der Präsidentschaftswahl an, dass dieser Krieg sich nicht gegen Drogen richtet, sondern tatsächlich ein Krieg gegen die Armen sei. In diesem Krieg werden weder Drogen noch Armut ausgelöscht, sondern arme und/oder drogenabhängige Menschen getötet. Dass die philippinische Regierung weder Menschenwürde noch Menschenrechte der Bevölkerung achtet, wurde mitten in der Pandemie wieder bestätigt.

Das Anti-Terrorgesetz als neue Waffe der Machthabenden

Schon zu Beginn des Lockdowns wurden unzählige Menschen festgenommen und sogar in Hundekäfige gesteckt. Menschen, die aus Hunger auf die Straße gingen, um für Lebensmittel zu streiten, wurden festgenommen. Dabei protestierten sie einfach gegen die ausgebliebene staatliche Hilfe.

Mit der Unterschrift von Duterte trat mitten in dieser Pandemie am 20. Juli 2020 dann auch noch das Anti-Terror-Gesetz (ATG) in Kraft. Laut diesem Gesetz können Menschen und Gruppen ohne Anklage für bis zu 24 Tage festgehalten werden. Es stellte sich damit auch als eine juristische Waffe der philippinischen Machthabenden gegen den Protest aus der Zivilbevölkerung heraus. Wie bereits vor dem Inkrafttreten des Gesetzes ist auch hier das so genannte Red-tagging ein großes Problem: Politisch engagierte Menschen können als kommunistische Rebellen bezichtigt und dann im schlimmsten Fall sogar getötet werden.

CNN berichtet über die Verbreitung von community pantries während der Pandemie:

Der Gefahr des Red-taggings sahen sich jüngst auch community pantries ausgesetzt. Diese lassen sich mit den deutschen ‚Tafeln’ gleichsetzen und werden von örtlichen Kommunen oder Nachbarschaftsinitiativen philippinenweit selbst organisiert. Für die philippinische Regierung ein Dorn im Auge. So wurden Tafeln von Polizei und Militär als „kommunistische Rekrutierungszentren“ bezeichnet. Einige der Initiativen sahen sich schließlich aus Angst gezwungen, zu schließen.

Klima der Angst

Rodrigo Duterte war nie bekannt für vorsichtige Worte und ganz sicher nicht für seine Mitmenschlichkeit. Die sich wiederholenden harten Maßnahmen verbreiten ein Klima der Angst in der philippinischen Bevölkerung und beschneiden die Zivilcourage innerhalb dieser. Natürlich verkennt er dabei die Lebensrealität vieler seiner Bürger*innen. Die meisten leben von Tag zu Tag sprichwörtlich von der Hand in den Mund. Das Leben vieler Filipin@s spielt sich dabei geschäftig auf der Straße ab. Um die weltweite Pandemie einzudämmen, gab es auch auf den Philippinen eine flächendeckende Ausgangssperre. Ich habe dann persönlich von Menschen gehört, die des Lebens müde werden. Sie fragen sich, wie sie überleben sollen. Denn: Wenn sie zuhause bleiben und nicht rausgehen, sterben sie vor Hunger. Wenn sie raus gehen, sterben sie entweder durch das Coronavirus oder durch die brutale Hand der philippinischen Regierung.

Ein Klima der Angst legt sich wie ein Schleier über die philippinische Gesellschaft und schnürt diese in ihren Freiheiten und Selbstbestimmung ein. Viele Menschen gingen trotzdem oder gerade deswegen protestieren.

Eine große Stärke der philippinischen Zivilgesellschaft liegt darin, sich gegenseitig zu unterstützen. Diese Selbsthilfe kann unter dem ATG dann aber als Terrorismus ausgelegt werden, wenn sie wie so oft als linker Aktivismus bezeichnet wird. Seitdem das Gesetz in Kraft ist, ist der Handlungsspielraum für die Bevölkerung also extrem eingegrenzt. Mittlerweile wurden 37 Petitionen gegen das ATG eingereicht. Ob das Gesetz verfassungswidrig ist, verhandelt nun das philippinische Verfassungsgericht. Eine Entscheidung steht aktuell [April 2021, d.R.] noch aus.

Brutal ‚von oben’, solidarisch ‚von unten’

Im April 2020 schrieb mir ein Bekannter eine verzweifelte Nachricht auf Facebook. Er und seine Familie haben seit zwei Wochen kein Essen mehr erhalten. Sie seien Tagelöhner.

Auch eine Soforthilfe von umgerechnet etwa 150 Euro, die von der Regierung versprochen wurde, kam bei vielen Menschen gar nicht erst an. Sie können sich nicht für die Hilfe registrieren, da die Ämter für den persönlichen Betrieb geschlossen sind. Andere können sich gar nicht erst legal draußen bewegen, da sie sich nicht ausweisen können. Daneben erschweren zusätzlich bürokratischen Hürden die Hilfeleistungen.

Durch eine katastrophale soziale Infrastruktur auf staatlicher Ebene, ist die Bevölkerung regelmäßig zur Selbsthilfe gezwungen und zeigt sich hierbei auch effektiver als die philippinische Regierung. So brutal wie die Regierung ‚von oben’ herab handelt, so sozial und solidarisch geht es ‚ganz unten’ zu. Diese Resilienz darf jedoch nicht romantisiert werden, denn schließlich muss die Zivilbevölkerung stark sein, um sich bei so einer Politik am Leben zu halten. Schon nach dem Supertaifun Haiyan (lokaler Name: Yolanda) Ende 2013 ließ gegenseitige, solidarische Katastrophenhilfe nicht lange auf sich warten. Staatliche Hilfsmaßnahmen dagegen kamen so langsam, dass es bereits Plünderungen aufgrund von Hunger gab. Zudem herrschte auch die Angst, dass Soforthilfe über offizielle Wege von der Regierung oder anderen Offiziellen abgegriffen und diejenigen nie erreichen würde, die es wirklich brauchten.

Wer in der Pandemie (auf)atmen darf

Katastrophen stellen unsere Gesellschaften weltweit auf den Prüfstand: Die Schwächen des kapitalistischen Systems und der politischen Verantwortlichen sind sichtbarer denn je in globalen Krisenzeiten. „Eines Tages wird es wieder ruhiger werden, aber wir wissen nicht wer bis dahin überleben und diesen Tag miterleben wird“, schreibt die indische Autorin Arundhati Roy über die Pandemie-Situation in Indien. “Den Reichen fällt das Atmen leichter“ fügt sie hinzu.

Auch auf den Philippinen kann in der Corona-Pandemie noch lange nicht aufgeatmet werden. Zusätzlich zu der Bedrohung durch die Pandemie schnürt der strikte verlängerte Arm der Regierung die Kehle der Bevölkerung vor Angst zu. Jeglicher ziviler Handlungsspielraum wird so fast unmöglich gemacht.

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1 | 2018, Indonesien, Rezensionen,
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Kenntnisreiche Einführung in die indonesische Gegenwartskunst

China/Südostasien: In seinem Buch „In the Dragon’s Shadow“ zeichnet der Journalist Sebastian Strangio ein düsteres Bild der Beziehungen zwischen der Volksrepublik China und Südostasien. Detailreich, aber auch hierarchisch und zuweilen exotisierend beschreibt er soziale, politische und wirtschaftliche Entwicklungen seit den 2000er Jahren.

Ausgehend von seiner Berichterstattung für Nikkei Asian Review, Al Jazeera, Yale Global Online und New York Times unternimmt Sebastian Strangio den Versuch, die Komplexität der Beziehungen Chinas mit seinen südostasiatischen Nachbarstaaten zu fassen. Sein Buch In the Dragon’s Shadow richtet sich vor allem an die China-interessierte Öffentlichkeit in Europa und Nordamerika und liest sich wie eine ‚Verfolgungsjagd’ des chinesischen Einflusses durch die Länder Südostasiens.

Die Kapitel befassen sich mit Vietnam, Kambodscha, Laos, Thailand, Myanmar, Singapur, Malaysia, Indonesien und den Philippinen. Es geht um die Beziehungen zur Volksrepublik, um chinesische Investitionsprojekte, die Wahrnehmung Chinas in den einzelnen Ländern und die chinesischen Communities. Sein gesamtes Buch stellt Strangio in den Kontext der Rivalität zwischen den Vereinigten Staaten von Amerika und China in Südostasien. Die zwei kleinsten Länder Südostasiens, Brunei und Timor-Leste, fehlen allerdings im Buch.

Von China nach Südostasien

In allen Kapiteln ist die zeitliche und räumliche Spannweite enorm. Strangio führt die Leser*innen unter anderem vom französisch besetzten Saigon des Jahres 1866 den Mekong hinauf, an die chinesisch-vietnamesische Grenze im Jahr 1979, in die chinesisch-laotische Grenzstadt Boten im Jahr 2016, nach Malakka unter portugiesischer Kolonialherrschaft im Jahr 1521, in die Planstadt Forest City in Malaysia 2014, auf die Straßen Jakartas von 1998 und auf die philippinische Insel Palawan im Jahr 2019.

Hinzu kommen Orte, die symbolisch für den Aufstieg Chinas in der Welt stehen, wie der Hafen von Hambantota in Sri Lanka, der drei Mal genannt wird. Nach außen verändern solche Infrastrukturprojekte Chinas geopolitische Position, in diesem Fall insbesondere gegenüber Indien, und nach innen wirken sie in die Partnerländer hinein und schaffen wirtschaftliche Abhängigkeiten. Doch entgegen der Darstellung von Expert*innen wie Deborah Brautigam, die zeigt, dass der Verkaufsdruck für die sri-lankische Regierung nicht durch die Kredite für den Hafen sondern durch ausstehende Zahlungen am internationalen Anleihemarkt entstanden ist, ordnet Strangio ihn als Symbol von Chinas so genannter Schuldendiplomatie ein.

Strangio schafft es, einen differenzierten Blick auf die Einwohner*innen mit chinesischen Wurzeln in Südostasien zu eröffnen. Überzeugend stellt er heraus, wie die Innenpolitik zu ethnischen Gruppen in den jeweiligen Ländern und die China-Politik nach außen zusammenhängen und wie chinesische Communities mit ihren Beziehungen zu China als Sündenböcke für innenpolitische Fehler herhalten mussten. Eine Gemeinsamkeit südostasiatischer Länder sieht Strangio in der Verbesserung der diplomatischen Beziehungen zur Volksrepublik, sobald Peking seine Unterstützung für lokale kommunistische Bewegungen einstellt. Strangios Einblicke in die Beziehungen der südostasiatischen Länder mit der Volksrepublik legen zudem mehrfach offen, wie variabel der chinesische Grundsatz der ‚Nichteinmischung’ ist.

Vom Zentrum in die Peripherie

In the Dragon’s Shadow ist hierarchisch und sino-zentrisch aufgebaut: Strangio geht von Südostasien als einem Spielball der Großmächte USA und China aus und arbeitet sich von Peking als dem Machtzentrum durch die Länder Südostasiens in der Reihenfolge näher bis entfernter von Peking. Der Erzählfluss und die Kapitelfolge folgen dem Mekong stromabwärts. Die Rangordnung der Länder wird teilweise unnötig durch Strangios Bildsprache von der Übernahme von Infrastrukturen durch China untermauert. Zum Beispiel, wenn er beschreibt, wie militärische Infrastrukturen wie die Marinebasis in Subic Bay auf der philippinischen Insel Luzón oder das Flugfeld im kambodschanischen Kampong Chhnang die beheimatete Großmacht wechselt.

Zur hierarchischen Perspektive des Buches auf Südostasien gehört auch, dass große und gut sichtbare chinesische Investitionsprojekte im Mittelpunkt stehen: Staudämme, Immobilienkomplexe und Eisenbahnstrecken. Dies spiegelt einen wichtigen Teil der chinesischen Exportkompetenz wider, verzehrt jedoch das Bild des gesamten chinesischen Engagements, zu dem auch Investitionen im Pharmasektor Indonesiens, in die Agroindustrie Thailands oder in die Ölförderung in Brunei gehören.

Seine Gesprächspartner sind vor allem Männer aus sozio-ökonomisch privilegierten Schichten, darunter ein Prinz, ein ehemaliger Botschafter sowie ein Premierminister. Die meisten Interviews, aus denen Strangio zitiert, fanden in den Hauptstädten Südostasiens statt. Strangio gibt Männern mit zwielichtigen Einkommensverhältnissen viel Raum wie zum Beispiel dem Casinobesitzer Zhao Wei und dem Drogenbaron Lo Hsing Han im Goldenen Dreieck oder dem Warlord Sai Leun in der Grenzstadt Myanmars Mong La.

Seine Auswahl von Personen und Biographien wirft die Frage auf, warum er nicht mehr der „ungefähr 66 Millionen Menschen“, die vom Mekong abhängig sind, sprechen lässt. Oder mehr Aktivist*innen der „starken Zivilgesellschaft“ auf den Philippinen? Immerhin kommen zentrale Figuren wie der vietnamesische Dissident Nguyen Quang A und die Umweltaktivisten Dai Qing aus China, Niwat Roykaew aus Thailand und Steven Naw Awng aus Myanmar zu Wort.

Von Nationalstaaten zur Bandbreite der Akteur*innen

Das Buch reiht sich in eine Vielzahl von Veröffentlichungen ein, die mit einem ‚Drachen’ als China-Metapher spielen. Zusammen mit dem ‚Schatten’ des Drachens trägt das Buch zu einer Angst schürenden Vereinfachung und Exotisierung Chinas bei. Gerade in der Verwendung der Schattenmetapher für China liegt eine Schwäche des Buches.

Die Volksrepublik tritt in den Ländern Südostasiens nicht als Monolith auf, der vom Zentrum in die Peripherie einfällt. Die suggerierte Einheit Chinas fällt besonders auf, da Strangio ansonsten historisch fundiert schreibt und auf südostasiatischer Seite, zum Beispiel im Fall von Myanmar, anschaulich die verschiedenen Akteur*innen in der Interaktion mit China herausarbeitet. So widerspricht Strangio sich selbst, wenn er einerseits häufig ein einheitliches China als Entscheidungsträger dahinstellt und sich andererseits den Ländern Südostasiens differenziert nähert, unter der Grundannahme wie „improvisiert, widersprüchlich, und chaotisch“ die Belt and Road Initiative (BRI) im Kern doch sei.

Viele Wirkungsmechanismen bleiben so verborgen, zum Beispiel wie chinesische Akteur*innen mit WeChat Pay in südostasiatischen Ländern bezahlen und so chinesisches Geld von deren Volkswirtschaften isoliert bleibt und direkt wieder nach China abfließt. Strangios sprachliche Stärke wiederum liegt in zahlreichen Vignetten, also sehr dichten anschaulichen Situationsbeschreibungen, die jedoch manchmal orientalisierend wirken.

Strangio schließt mit der Feststellung, dass die Volksrepublik China vornehmlich ökonomische Interessen in Südostasien hat. Politisch soll nicht der Autoritarismus als Regierungsform, sondern sollen chinesische Regierungspositionen in den Ländern etabliert werden. Der Erfolg Chinas wird davon abhängen, inwieweit die Regierung in Peking ihre Partnerländer in Südostasien und deren lokalen Kontext sowie die eigene Beziehung zu ihnen mit Blick auf die Konsequenzen für Südostasien wahrnimmt und bewertet. Gleichzeitig haben die Länder Südostasiens gelernt, chinesische Initiativen wie die BRI für sich zu nutzen, jedoch nicht multilateral durch die ASEAN sondern bilateral im direkten Dialog mit China.

Rezension zu: Sebastian Strangio. In the Dragon’s Shadow: Southeast Asia in the Chinese Century. Yale University Press. 2020. 360 Seiten

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1 | 2018, Indonesien, Rezensionen,
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Kenntnisreiche Einführung in die indonesische Gegenwartskunst

Philippinen/USA: Seit mehr als 120 Jahren sind die Philippinen unverbrüchlicher Garant der machtvollen Präsenz der USA in Südostasien und Stützpfeiler ihrer weltweiten Macht. US-Militärhilfen helfen der Duterte-Regierung, Andersdenkende zum Schweigen zu bringen

2021 ist es 500 Jahre her, seit das spanische Reich seine Flagge auf unseren Inseln gepflanzt hat. Benannt nach dem spanischen König Philipp II. wurden wir für die nächsten 377 Jahre spanische Kolonie. Die Niederlande und auch Großbritannien wollten Spanien verdrängen und die Philippinen in ihre eigenen Reiche übernehmen. Großbritannien hätte es fast geschafft, indem es den ummauerten Stadtkern von Manila – Intramuros – eroberte, allerdings nur für vier Jahre. Dann kamen die Vereinigten Staaten, die unseren revolutionären Vorfahren anboten, uns vom spanischen Joch zu befreien, nur um anschließend das Land zu verraten, indem sie es zu ihrer eigenen Kolonie machten und es ihrem aufstrebenden Imperium anschlossen. Während des Zweiten Weltkriegs besetzte die japanische kaiserliche Armee das Land drei Jahre lang. Die Philippinen, reich an natürlichen Ressourcen, waren oft Objekt von Großmächten, die gegenseitig um die regionale Vormachtstellung stritten, um von der strategischen Lage in Südostasien zu profitieren.

Auch heute noch sind die Philippinen ein ‚Zankapfel’ der Großmächte, da sie das Südchinesische Meer und den Pazifik strategisch voneinander trennen. Die Vereinigten Staaten führen heute einen neuen ‚Kalten Krieg’ gegen China, das als aufstrebende Weltmacht die US-Hegemonie im asiatischen Raum herausfordert. Bei der Rivalität zwischen den USA und China in der Region geht es um die Kontrolle der Seehandelsrouten für lebenswichtige Energieressourcen und Rohstoffe, um Fischgründe, um Offshore-Bodenschätze sowie potenzielle Öl- und Gasressourcen, um kapitalistische Entwicklung und Wachstum voranzutreiben.

Außenpolitischer Kurswechsel von Präsident Duterte?

Trotz des scheinbaren Entgegenkommens und der Freundlichkeit des philippinischen Präsidenten Rodrigo Duterte gegenüber China bleibt das Bündnis des Landes mit den Vereinigten Staaten nach wie vor solide und befindet sich sogar im Aufschwung. Manila und Peking mögen eine „umfassende strategische Partnerschaft“ behaupten, aber diese kann nicht mit der starken und widerstandsfähigen Bindung mithalten, die die Philippinen mit ihrem ehemaligen Kolonialherrn, den Vereinigten Staaten, pflegen und fortsetzen.

Dutertes frühe Empörung angesichts der Kritik an Menschenrechtsverletzungen seitens der USA und seine Drohung, die Beziehungen zu kappen, waren nur Prahlerei. Während China mit Wirtschaftshilfe und verstärkten Investitionen auf den Philippinen sowie mit seiner ‚Impfstoffdiplomatie’ lockt, ist US-Amerikas Fußabdruck im Land fest verankert. Die Militärhilfe ist gestiegen und gemeinsame Manöver-Übungen haben zugenommen. Mindestens 60 pensionierte Militär- und Polizeigeneräle wurden mit der Leitung wichtiger Kabinettspositionen und traditionell ziviler Behörden beauftragt. Dabei legen sie Wert auf enge Beziehungen zum Pentagon.

Laut einer Umfrage von Pulse Asia Research aus dem ersten Quartal 2021 ist China nach wie vor das Land unter den sechs größten Handelspartnern der Philippinen, dem die meisten Filipin@s misstrauen. Chinas derzeit feindseliges und aggressives Verhalten in der philippinischen Sonderwirtschaftszone führt dazu, dass sowohl die philippinische Bevölkerung als auch die Regierung die engere Sicherheitsumarmung durch die Vereinigten Staaten begrüßen. Philippinische Verteidigungsbeamte stellen sicher, dass die Achse des Präsidenten mit US-Amerika sich keinen Zentimeter verschiebt. Die USA betrachten Dutertes ‚Balztanz’ mit China als bloße Verirrung – erträglich, solange die eigenen geopolitischen Interessen nicht beeinträchtigt werden. Denn im Gegensatz zu den bedrängten Putsch-Generälen in Myanmar, deren Überleben von Xi Jinping abhängt, sind die USA immer noch die Lebensader von Duterte.

Während die gemeinsamen philippinisch-US-amerikanischen Manöver-Übungen 2017 abnahmen, stieg ihre Zahl im Jahr 2018 auf 261 und auf 281 im Jahr 2019. Die gleiche Zahl war auch für 2020 vorgesehen, aber durch die Covid-19-Pandemie nicht realisierbar. In den Philippinen finden unter dem Namen Balikatan (Schulter an Schulter) die größten Militärübungen mit den USA im südostasiatischen Raum statt – zur „Förderung der Interoperabilitätsoperationen“ beider Staaten im westlichen Pazifik.

Kein Abrücken von der Pro-USA Haltung

45 Jahre Kolonialherrschaft durch die Vereinigten Staaten und 75 Jahre diplomatische Beziehungen zwischen den USA und den Philippinen seit 1946 haben zu vier Millionen US-Bürger*innen philippinischer Abstammung in den USA geführt. Gleichzeitig gibt es mindestens 350.000 US-Bürger*innen mit Wohnsitz in den Philippinen. Filipin@s bilden zudem die größte asiatische Einwander*innengruppe innerhalb der US-Streitkräfte, die weltweit operieren.

Unter der Dominanz der US-amerikanischen Handelskammer in den Philippinen (ACCP) haben auch die übrigen ausländischen Handelskammern und die lokale Geschäftswelt diese traditionell harmonischen Beziehungen zwischen den Philippinen und den Vereinigten Staaten unterstützt. Gegenüber Änderungen dieses Status quo war die ACCP feindlich gesinnt, was lange Zeit ein Hindernis für eine unabhängige Außenpolitik darstellte.

Militär und Polizei als wesentliche Stützen der USA

Die für die USA wahrscheinlich zuverlässigsten Institutionen in den Philippinen sind Militär und Polizei. Gegründet 1903 von der US-Armee, um das Bemühen philippinischer Freiheitskämpfer*innen um Unabhängigkeit zu zerschlagen, wurden die philippinischen Militär- und Polizeikräfte als Zusatz zur US-Armee eingerichtet. Trotz der Gewährung der nominalen philippinischen Unabhängigkeit im Jahr 1946 werden das philippinische Militär und die philippinische Polizei weiterhin von den Vereinigten Staaten ausgebildet, indoktriniert und bewaffnet. Die besten philippinischen Militäroffiziere erhalten Plätze an der US-Militärakademie in West Point, der US-Marineakademie in Annapolis und anderen spezialisierten Trainingsprogrammen des US-Militärs. Ein ständiges Team von US-Militärberatern in den Philippinen, die Joint US Military Advisory Group (JUSMAG), gibt den lokalen Sicherheitskräften weiterhin Anweisungen und berät sie. Aufgrund seiner Indoktrination und Abhängigkeit von US-Waffen hat das philippinische Militär die US-Angriffskriege in Korea, Vietnam, Irak und Afghanistan konsequent unterstützt.

Um die Streitkräfte der Philippinen (AFP) als alliierte Armee in der Region zu modernisieren, leistet Washington weiterhin erhebliche militärische Hilfe (siehe Tabelle). Damit sind die Philippinen in den letzten vier Jahren unter Duterte der größte Empfänger in Südostasien, mit zunehmenden Mengen an Waffen und Ausrüstung.

Die USA haben fortwährend Kampfflugzeuge, Schiffe, gepanzerte Fahrzeuge, Kleinwaffen und andere militärische Ausrüstung geliefert. Ergänzt wird dies durch Ausbildung und Schulungen zur Terrorismusbekämpfung, spezieller Logistik und Unterstützung bei der Rechtsdurchsetzung im Rahmen der Kampagne gegen illegale Drogen. Diese militärische und polizeiliche Ausrüstung und Ausbildung unterstützt Dutertes Anti-Drogenkrieg, der bislang fast 30.000 Filipin@s das Leben kostete.

Strategisches Kalkül

Die zunehmende Militarisierung und Bombenanschläge, die von US-Drohnen und US-Beratern unterstützt werden, haben zur Vertreibung von rund 450.000 Zivilist*innen geführt, insbesondere in Mindanao, der zweitgrößten Insel der Philippinen. Laut dem Watson Institute for International Relations der Brown University sind die Philippinen eines der 85 Länder, in denen US-Streitkräfte in Übersee aktiv operieren, Schulungen und Unterstützung bei der Terrorismusbekämpfung, gemeinsame Militärübungen und den Bau von US-Militäreinrichtungen anbieten. Diese anhaltende US-Militärpräsenz in den Philippinen ist entscheidend für die QUAD-Strategie, kurz für Quadrilateral Security Dialogue, einem gemeinsam abgestimmten Vorgehen der USA, Japans, Indiens und Australiens, um China durch ein NATO-ähnliches Militärbündnis in Asien einzukreisen und einzudämmen.

Auf Basis des philippinischen Antiterrorgesetzes von 2020 begehen philippinische Soldat*innen und ihre Paramilitärs Gräueltaten gegen unbewaffnete indigene Gemeinschaften, die sich den Eingriffen von Holzeinschlag- und Bergbau-Konglomeraten widersetzen. Auch werden Arbeiter*innen- und Bauernführer*innen, Kritiker*innen und Anwält*innen in sozialen Medien öffentlich als „Terroristen“ bezichtigt, bevor sie getötet werden.

Hegemonie der USA und ihre gesellschaftlichen Auswirkungen

Die USA sind nach wie vor die wichtigste Waffenquelle der Philippinen. Die US-Militärhilfe dient jedoch nicht dazu, die Philippinen gegen die chinesischen Eingriffe zu verteidigen und ihnen zur Rückgewinnung der Hoheit über Inseln im West-philippinischen Meer zu verhelfen. Vielmehr kommt die ausländische Militärhilfe gegen die Verwundbaren und Ausgegrenzten, gegen Journalist*innen, Gewerkschaftsführer*innen, Anwält*innen, Priester, Menschenrechtsverteidiger*innen, indigene Gemeinschaften und andere friedliche Andersdenkende zum Einsatz. Der Ansatz Shoot to Kill – hoch aggressive Operationen der Militärpolizei – war sowohl in den Kampagnen gegen illegale Drogen als auch gegen Aufstände das Modell unter Duterte. Im Fall der Anti-Terror- und Aufstandsbekämpfungskampagne werden unbewaffnete Aktivist*innen der Zivilgesellschaft tatsächlich als „Terroristen“ dämonisiert und angegriffen und dann von Todesschwadronen ermordet – geleitet und bewaffnet von staatlichen Sicherheitskräften. Dieser Ansatz ist jedoch nicht neu. Die militärischen Mittel werden eingesetzt, um die sozioökonomischen Probleme, Meinungsverschiedenheiten und Aufstände des Landes anzugehen. Daher hat die US-Militärhilfe lediglich den bereits bestehenden militaristischen Ansatz gegen Kritiker*innen und Andersdenkende in den Philippinen ‚bewaffnet’.

In Anbetracht der Schließung der großen US-Militärbasen 1992 sichern die USA ihre militärische Hegemonie in den Philippinen weiterhin durch diskussionswürdige Verträge und Vereinbarungen wie den Vertrag über gegenseitige Verteidigung von 1951 (MDT), das Visiting Forces Agreement (VFA) von 1999 und das Enhanced Defense Cooperation Agreement (EDCA) von 2014. Die Philippinen gelten seit langem als wichtiger Standort für die langfristige Sicherheit der USA in Asien. Die US-Streitkräfte benötigen die Philippinen zum Auftanken und zur logistischen Unterstützung ihrer Operationen im Persischen Golf oder im westlichen Pazifik. Dadurch, dass die ‚Festung Amerika’ in den Philippinen fest verankert ist, könnten die USA Aktionen in der Luft und zu Wasser im umkämpften Südchinesischen Meer starten und weiterhin Militäreinsätze im asiatisch-pazifischen Raum und im Nahen Osten unterhalten.

Die sozialen Bewegungen in den Philippinen und in der Region fordern jedoch diese militarisierte Geopolitik heraus, die immer noch von den Vereinigten Staaten unter dem Slogan der „Sicherheit der Menschen“ dominiert wird. Darüber hinaus sind transnationale Organisationen der Zivilgesellschaft in der Region entstanden und zu einer starken Stimme geworden, die sich auf soziale und wirtschaftliche Gerechtigkeit und die Achtung der bürgerlichen und politischen Rechte der Menschen als Grundlage für einen echten und nachhaltigen Frieden konzentrieren.

Übersetzung aus dem Englischen von: Jörg Schwieger

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1 | 2018, Indonesien, Rezensionen,
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Kenntnisreiche Einführung in die indonesische Gegenwartskunst

Südostasien/Südkorea: Südkorea ist in Sachen Medienproduktion und -verbreitung zu einem regionalen ‚Drehkreuz’ geworden, das auch Südostasien versorgt. Neben der kulturellen Macht, die durch die so genannte Korean Wave entstand, hat sich eine Industrie entwickelt, die Milliarden umsetzt. Wie dieser Einfluss zustande kam und wie er sich in medialen Inhalten niederschlägt, erzählt Peichi Chung im Interview.

Was hat es mit der Korean Wave auf sich?

Die Korean Wave begann Ende der 1990er Jahre, zu einer Zeit, als die japanische Kultur in ganz Asien sehr beliebt war. Sie erfreute sich vieler Fernsehzuschauer*innen und Comic-Leser*innen. Als einige Fernsehsender in verschiedenen asiatischen Ländern begannen, Programme aus Korea zu kaufen, war dies der Startpunkt der Korean Wave. In der Folge wurden koreanische Medienproduktionen durch YouTube oder Social-Media-Plattformen zu einem phänomenalen Erfolg. Zuerst in Ostasien, später auch in Südostasien. Menschen in Südostasien schauen gern koreanische Fernsehdramen, koreanisches Kino, hören populäre Musik und spielen koreanische Spiele.

Was hat zum Aufstieg der Korean Wave beigetragen?

Sicherlich hat die südkoreanische Regierung Anstrengungen unternommen, um dies zu fördern. Sie versucht, auf dieser Welle mitzureiten, indem sie beliebte Darsteller*innen zu Veranstaltungen in ihren Botschaften in ganz Südostasien einlädt. Es wird versucht Einfluss durch die Verknüpfung der Korean Wave mit anderen kulturellen Aktivitäten, wie traditionellen Tänzen oder der koreanischen Küche, zu nehmen. Es ist eine Kombination aus der medialen Dynamik in Südkorea selbst und den Konsument*innen in Südostasien, die vor allem im Internet bedient wird.

Wie wird dadurch ‚Soft Power’ ausgeübt?

Die Absicht war immer kommerziell, lokale Märkte sollten erreicht werden, um Macht auszuüben. Und Kultur scheint im Vergleich zu politischen Anliegen ein gangbarer Weg zu sein. Die Zahl der Tourist*innen aus Südostasien nach Südkorea steigt stetig. Viele Menschen buchen Touren, um Drehorte zu besuchen oder kaufen Kosmetikprodukte, die von südkoreanischen Filmstars beworben werden. Die koreanische Regierung hat ein Büro namens Korea Creative Content Agency, das regelmäßig Weißbücher zur Förderung koreanischer kultureller Inhalte veröffentlicht. Die koreanische Regierung versucht so, alle verschiedenen Kulturelemente in die Korean Wave mit einzubinden. Zudem ist Südkorea immer bemüht, Soft Power mit der Förderung des eigenen IT-Sektors zu verbinden.

Welche Rolle hat die Digitalisierung bei dieser Entwicklung gespielt?

Seit den späten 1990er Jahren bis in die gesamten 2000er Jahre hinein hat sich das Internet in Asien sehr schnell entwickelt. Die Philippinen und Indonesien zum Beispiel besitzen einige der größten Facebook-Nutzungszahlen weltweit und diese oft jungen Menschen nutzen moderne Technologie sehr aktiv, um kulturelle Inhalte zu konsumieren. Dieser Trend hat die Verbreitung von koreanischen Medieninhalten deutlich verstärkt.

Wie haben koreanische Medienproduktionen die Digitalisierung genutzt?

Für die südkoreanische Boyband BTS beispielsweise haben südkoreanische Unternehmen sehr gute Online-Werbestrategien entwickelt. Diese nutzten spezifische Hashtags für Zielgruppen auf der ganzen Welt. Dabei wurde sogar ein eigener Begriff für BTS-Fans geschaffen, die BTS-Army. Dies bezieht sich auf die Langversion des Bandnamens, Bangtan Sonyeondan. Bangtan bedeutet „kugelsicher“. Nun verstehen sich die Fans von BTS aufgrund der speziellen Namensgebung als Teil der eigentlichen Band. Sogar in Nordkorea gibt es BTS-Fans. Da die Menschen dort offiziell keinerlei südkoreanische Medien konsumieren dürfen, beziehen sie ihre Inhalte über den Schwarzmarkt.

Welche weiteren Akteur*innen versuchen, eine kulturpolitische Rolle zu spielen?

Regionale Kulturpolitik ist im südostasiatischen Kontext sehr interessant, weil es keinen ganzheitlichen Ansatz gibt. Einige der Regierungen sind dabei, sich auf demokratische Strukturen zuzubewegen, viele sind autoritär und spiegeln dies auch in kultureller Hinsicht wider. Jede Regierung innerhalb der ASEAN will ihre eigene Kulturpolitik durchsetzen, gemeinsame Lösungen gibt es nur auf wirtschaftlicher Ebene. Manchmal gibt es Überschneidungen, wie in Malaysia und Indonesien, wegen der gemeinsamen Sprache und des religiösen Hintergrunds.

Diese Uneinigkeit bietet eine gewisse Offenheit für Produktionen, die von außerhalb Südostasiens kommen. Neben Inhalten aus den USA oder anderen westlichen Ländern, genießen die Konsument*innen Kultur, die von asiatischen Produzent*innen stammt. Die Korean Wave macht sich dies zunutze und versucht, die Kulturpolitik im jeweiligen Land zu beeinflussen.

Wie reagieren regionale Produktionen auf diese Anforderungen?

Oftmals inspirieren koreanische, populäre Produktionen lokale Produzent*innen, andere Formate zu adaptieren. Entweder kopieren sie Inhalte direkt oder sie kooperieren bei Produktionen. Singapur beispielsweise besitzt eine sehr dominante chinesischsprachige Bevölkerung. Daher wird dort oft mit Fernsehhäusern aus Hongkong zusammengearbeitet, um Inhalte für diese Zielgruppe zu kreieren. Auch in wirtschaftlicher Hinsicht tut sich eine Nische auf. Viel ausländisches Kapital, unter anderem aus Japan und Südkorea, den USA oder europäischen Firmen, kommt nach Südostasien und nimmt Einfluss auf lokale Produktionen. Dies geschieht auch durch Outsourcing. Angesichts des Mangels an Technik, zum Beispiel in Malaysia oder Thailand, werden ausländische Firmen beauftragt, Inhalte für die lokale Bevölkerung zu produzieren. Manchmal erhalten diese dafür sogar Steuererleichterungen.

Wie werden Inhalte von Medienproduktionen regional angepasst?

Die Medienkompetenz für westliche Inhalte ist sehr hoch, es werden kaum Anpassungen vorgenommen. Das erklärt, warum zum Beispiel westliche Videospiele in Südostasien eine so große Popularität besitzen. Sei es League of Legends oder Blizzard-Produktionen wie Overwatch oder Counter Strike Online, die Spielenden können sich sehr gut damit identifizieren. Hinzu kommt, dass viele lokale Spieleentwickler*innen sehr schnell von größeren Unternehmen gelernt haben.

Aber illegale Verbreitung stellt eine Barriere in Südostasien dar, Piraterie ist ein ernstes Problem. Deshalb arbeiten westliche Unternehmen manchmal mit lokalen Anbieter*innen zusammen, die wissen, wie man Inhalte über bezahlpflichtige Kanäle in Umlauf bringt.

Gibt es Beispiele für lokale Überschneidungen in Produktionen?

Es gibt unter anderem eine indonesische Firma, die Grafiken für größere Unternehmen entwickelt und ihre Fähigkeiten geschickt nutzt, um lokale Geschichten zu produzieren. Die Gamer*innen in Indonesien haben immer noch Spaß an eigenen Geschichten und einige Firmen beherrschen es, diese Marktnische zu nutzen.

Gleichzeitig experimentieren erfolgreiche südkoreanische Filmfirmen damit, koreanische Geschichten in lokale Produktionen einzubauen. Sie wählen koreanische Filme aus, die in Südostasien bereits erfolgreich waren, übernehmen deren Geschichten und engagieren dann lokale Regisseur*innen sowie Schauspieler*innen. Ein Beispiel für dieses Vorgehen ist der Film Sweet 20, der auf den südkoreanischen Film Miss Granny zurückgeht und in mindestens vier neuen Versionen für Indonesien, die Philippinen, Thailand und Vietnam umgesetzt wurde.

Wie wird E-Sports in der Region angenommen?

Internet-Cafés sind sehr beliebt. Dort ist es meist sehr ruhig, weil alle am Bildschirm kleben und sich auf das Spielen konzentrieren. Viele Cafés arbeiten mit lokalen Spiele- Vertrieben zusammen, um Wettbewerbe zu organisieren und so junge Leute anzusprechen.

Dadurch, dass junge Menschen in einer E-Sports-Umgebung aufwachsen, entwickeln sie eine andere Mentalität als vorherige Generationen. Es ist schwierig, die Auswirkungen von Spielen zu messen, aber ich würde behaupten, dass Gamer*innen mehr Gleichberechtigung fordern. Durch die Werte und Fähigkeiten, die sie beim Spielen erlernen, identifizieren sie sich mit Wettbewerb und Solidarität, auch wenn es Widerstände gibt. Das lässt sich auch an den Protesten in Myanmar beobachten. Social Media und digitale Fähigkeiten haben den Demonstrierenden sehr geholfen. Interessanterweise gibt es bisher kaum Bemühungen seitens der Regierungen, E-Sports einzuschränken.

Welche Rolle spielen politische Aussagen in Medienproduktion?

Es ist interessant zu sehen, wie die Popkultur unbeabsichtigten politischen Einfluss hat. Die politische Protestkultur von heute in Südostasien ist enorm von Filmen wie Die Tribute von Panem beeinflusst, wie ein Blick nach Hongkong, Thailand oder Myanmar zeigt. Es ist interessant zu sehen, wie Graswurzel-Bewegungen, wie die Milk Tea Alliance, von User*innen aus verschiedenen Ländern gebildet wurden.

Können diese regionalen kulturellen Phänomene ein Gegengewicht zum Einfluss der globalen Großmächte bilden?

Der kulturelle Einfluss eröffnet die Möglichkeit der Partizipation. Allerdings ist kaum zu erwarten, dass dies ein Gegengewicht zu Supermächten wie den USA oder China bilden kann. Die Menschen, zum Beispiel in Myanmar, haben eine große Auswahl an Medien und nutzen diese, um Zugang zu mehr Informationen zu erhalten. Aber am Ende ist die Macht der Waffen schwer mit Worten zu bekämpfen.

Gibt es lokale Stimmen, die sich gegen ausländischen Medieneinfluss positionieren?

Es gibt wenige Bemühungen von südostasiatischen Regierungen, ausländische Medienproduktionen zu verbieten. Südostasien ist ein Markt, der für westliche Medieninhalte offen ist. Inhalte, die im Widerspruch zu lokalen religiösen Praktiken oder militärischer Macht stehen, können allerdings Kontroversen auslösen. Ein Beispiel dafür ist die Regierung Vietnams, die aufgrund von innenpolitischen Konflikten die Verbreitung eines Videospiels einstellte. Dieses Verbot wurde aber sehr bald wieder aufgehoben.

Als vor einigen Jahren das THAAD (Terminal High Altitude Area Defense), ein Aufbau des amerikanischen militärischen Abwehrsystems in Südkorea, umgesetzt werden sollte, äußerte China Besorgnis. Als Konsequenz daraus wurden koreanische Inhalte verboten. Dies löste weitere Proteste im Nordosten Chinas aus, die den Abriss eines berühmten koreanischen Klamottengeschäfts forderten. Wenn wir uns an BTS erinnern, änderte auch dies die Art ihrer Marketingstrategie. Koreanische Unternehmen sehen China als Markt. Aber aufgrund dieser politischen Unstimmigkeiten stellten sie sich eher auf englischsprachiges Publikum ein und wurden dadurch noch erfolgreicher, als sie es in China waren.

Interview und Übersetzung aus dem Englischen von: Simon Kaack

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1 | 2018, Indonesien, Rezensionen,
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Kenntnisreiche Einführung in die indonesische Gegenwartskunst

Südostasien/Europa: Je mehr sich das weltwirtschaftliche und -politische Gravitationszentrum und damit die hegemonialen Konkurrenzen nach Asien verschieben, desto stärker engagiert sich auch Europa im Indo-Pazifik – auf die Gefahr hin, in die Konflikte hineingezogen zu werden.

„Wenn sie ins Südchinesische Meer kommen, können wir auch im Mittelmeer aufkreuzen“. Die Drohung in der regierungsnahen chinesischen Zeitung Global Times Anfang März 2021 ist die Antwort auf die Entsendung einer Armada von Kriegsschiffen mehrerer europäischer Länder nach Asien. Darunter ist auch die Fregatte Bayern der Bundesmarine, die Mitte 2021 in See stechen und mehrere Monate im Indischen Ozean und im Westpazifik kreuzen soll. Wo Deutschlands „Werte und Interessen betroffen sind“, solle „ein Zeichen“ gesetzt werden, so das Verteidigungsministerium unter Verweis auf die 2020 beschlossenen Indo-Pazifik-Leitlinien.

Revierkämpfe im Südchinesischen Meer

Das Operationsgebiet ist eine der brisantesten Krisenregionen der Welt. Wie erst kürzlich wieder in philippinischen Hoheitsgewässern des Südchinesischen Meeres kommt es immer häufiger zu Konflikten zwischen chinesischen Fischtrawlern, manche wohl auch bemannt mit Paramilitärs, und der Küstenwache der Anrainerstaaten Vietnam, Philippinen, Malaysia, Indonesien und Japan und in der Folge zu diplomatischem ‚Schlagabtausch’. Die mächtige Pazifik-Flotte der USA ist schon seit längerem im Einsatz für die „Freiheit der Meere“ und liefert sich Revierkämpfe mit der chinesischen Marine, so wie Anfang April 2021.

Einen Anstoß für die Spannungen, die in den vergangenen Jahren hochgeschaukelt wurden, hat die chinesische Regierung geliefert. 2009 legte sie eine Landkarte mit der Nine dash line vor, eine recht freihändige Demarkationslinie, mit der sie territoriale Ansprüche auf 90 Prozent des Südchinesischen Meers erhebt – übrigens genauso wie Taiwan. Seither schafft sie durch den Ausbau von Felsriffen und Sandbänken zu Militärposten Fakten. Die Entscheidung des Internationalen Schiedsgerichts in Den Haag im Sommer 2016, nach der die chinesische Position gegen Seerecht verstößt, wies Peking brüsk zurück. Dieses Auftreten wurde zu einem wichtigen Beleg für den Vorwurf, China verfolge eine aggressive, militärische ‚Expansion’ und missachte internationales Recht.

Die Sprache der Macht

Durch die Region verlaufen aber auch die wichtigsten Handelsrouten zwischen Asien und Europa, rund 40 Prozent des Außenhandels der EU, unter anderem mit ihrem inzwischen zweitwichtigsten Handelspartner China. Zudem erwarten Beobachter für die asiatischen Länder die stärkste Erholung nach der Corona-Pandemie. Insbesondere von China wird erhofft, dass es abermals zum Zugpferd aus der Wirtschaftskrise wird.

Im September vergangenen Jahres hat die Bundesregierung Leitlinien zum Indo-Pazifik beschlossen, um diesen Spagat zwischen wirtschaftlichen Interessen und politischen Konflikten zu vermitteln. Zum einen will sie „gestaltend“ zu „Frieden und Sicherheit“ beitragen, zum anderen zu „offenen Seewegen und Märkten“ und „freiem Handel“. Europa müsse „die Sprache der Macht lernen“, wie Ex-Verteidigungsministerin und jetzige EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen bereits im Sommer 2019 forderte. Beobachter bezweifeln allerdings, dass trotz der territorialen Ansprüche die Freiheit der Schifffahrt durch China gegenwärtig tatsächlich bedroht ist – als mächtigste Handelsnation hat sie selbst das größte Interesse daran.

Verstärkt Flagge zeigen auch andere europäische Mächte, sowohl wirtschaftlich als auch geopolitisch. Anknüpfend an seine koloniale Vergangenheit möchte sich Frankreich wieder als indo- pazifische Macht profilieren. Auch Post-Brexit- Großbritannien möchte bei der Aushandlung hegemonialer Positionen in Asien dabei sein, was Beobachter als Illusion einer Rückkehr zum Britischen Empire bespötteln. Die Assoziation mit kolonialer Kanonenpolitik liegt nahe.

Wettrüsten und Militärbasen in der Region

Inzwischen ist die Konfrontation im Südchinesischen Meer einer der Schauplätze des von den USA und inzwischen auch von der EU ausgerufenen ‚Systemkonflikts’ geworden, ähnlich wie die Corona-Pandemie, die Einvernahme von Hongkong oder die Digitalisierung. Seit der Finanzkrise 2008, aus der die USA und Europa geschwächt, China gestärkt hervorgingen, reagiert die US-Regierung auf Chinas geopolitisches Selbstbewusstsein mit einer Eindämmungsstrategie, die unter Außenministerin Hillary Clinton schönfärberisch als „Hinwendung nach Asien“ („Pivot to Asia“) bezeichnet wurde und auch von Präsident Joe Biden weiter verfolgt wird. Hier reihen sich jetzt die europäischen Regierungen ein. Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer verglich Pekings Ansprüche im Mai vergangenen Jahres bereits mit dem Vorgehen Russlands in der Ukraine: „Einige Ereignisse im Indo-Pazifik sollten wir genauso bewerten“, wird sie vom Handelsblatt zitiert.

Die von der US-Kriegsmarine angeführte Mission Freedom of Navigation Operation (FONOP), die die angeblich durch China bedrohte „Freiheit der Seewege“ zu verteidigen vorgibt, hat inzwischen aus dem regionalen einen internationalen Konflikt gemacht. Die Befürchtungen wachsen, dass er auch in militärische Konfrontation umschlagen könnte. Denn damit geht eine beschleunigte Aufrüstung der USA und ihrer Verbündeten wie Taiwan und Japan einher, die von Peking mit ebenfalls steigenden Militärausgaben beantwortet wird. Im Unterschied zu China haben die USA und die einstigen Kolonialmächte Frankreich und Großbritannien bereits ein dichtes Netz von Militärbasen in der Region und sind China militärisch nach wie vor haushoch überlegen.

ASEAN zwischen den Stühlen

Gleichzeitig wird versucht, China zu isolieren. Unter anderem bauen die USA, Japan, Australien und Indien mit dem Quadrilateral Security Dialogue (Quad) eine gemeinsame indo-pazifische Front auf, der sich auch Frankreichs Präsident Macron anschließen möchte. Verkauft wird diese militärisch-politische Blockbildung als Modell für den inzwischen von den USA wiederentdeckten Geist des Multilateralismus und für die Verteidigung von Demokratie, internationalem Recht, von Sicherheit und Wohlstand.

Damit geraten die von Europa als Partner umworbenen Nachbarländer Chinas wie Thailand, die Philippinen, Vietnam, Indonesien und die südostasiatische Regionalorganisation ASEAN zwischen die kämpfenden Elefanten. Ihre wirtschaftliche Zukunft hängt von guter Nachbarschaft mit China ab. Sie gehören zu den wichtigsten Nutznießern der Belt and Road Initiative, den so genannten Neuen Seidenstraßen, der Verlagerung arbeitsintensiver Industrien und Chinas wachsender Nachfrage nach Agrarprodukten und Bergbaurohstoffen wie Nickel und Bauxit, die wiederum für die Modernisierung von Chinas Industrie wichtig sind. Im November 2020 ist es mit dem von ASEAN konzipierten regionalen Wirtschaftsabkommen RCEP gerade gelungen, China in eine breite regionale Wirtschaftsarchitektur einzubinden, an der auch die anderen Schwergewichte Japan und Südkorea, militärisch enge Verbündete der USA, beteiligt sind.

Dialog oder Kalter Krieg?

Anstelle zunehmender militärisch-politischer Konfrontation, die von Regierungen von Industrieländern und Ländern außerhalb Südostasiens geschürt wird, ist die ASEAN daher eher bemüht, die Kontroversen mit der Regierung in Peking zu verhandeln. Eine wachsende Blockbildung und Eskalation, verbunden mit Wettrüsten und Handelskrieg, Provokationen und Sanktionen, gefährden ihre diplomatische Rolle in Südostasien und im westlichen Pazifik. Sie bietet ein Dialogforum zu sicherheitspolitischen Themen, an dem auch die beiden Hauptkontrahenten China und die USA, beteiligt sind, und damit eine Option für eine friedliche Beilegung anstatt eines neuen Kalten Kriegs.

Auch für Deutschland und Europa ist die demonstrative Bündnistreue in fernen indo-pazifischen Gewässern nicht unproblematisch. Die Aussage von Xin Hua, Direktor am Center for European Union Studies in Shanghai, spiegelt jedenfalls nicht nur eine Hoffnung, sondern auch eine Drohung: „Die EU wird durch ihre Aktivitäten im Indo-Pazifik nicht ihre wirtschaftlichen Beziehungen mit China gefährden“, erklärte er Mitte März 2021. Peking exerziert gerade mit einem Handelskrieg gegen Australien durch, welche Daumenschrauben es hat, wenn es sich an den Pranger gestellt oder politisch in die Enge gedrängt fühlt.

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1 | 2018, Indonesien, Rezensionen,
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Kenntnisreiche Einführung in die indonesische Gegenwartskunst

Laos: Der Abbau von Ressourcen führt oft zu massiver Umweltzerstörung und zur Vertreibung von Menschen. Im Interview beschreibt Miles Kenney-Lazar die Hintergründe von Landkonzessionen und wer von diesem Entwicklungsmodell profitiert.

Über eine Million Hektar Land, fünf Prozent des laotischen Staatsterritoriums, wurden in den vergangenen Jahren Investor*innen zur Nutzung zugesprochen. Bei der Vergabe von Konzessionen durch die laotische Regierung werden die Bedürfnisse der lokalen Bevölkerung nur selten umfänglich berücksichtigt. Das führt zu massenhaften Enteignungen und daraus resultierender Armut. Das folgende Interview legt den Fokus auf die historischen Hintergründe des Landgrabbings und seine Auswirkungen auf die Menschen in Laos.

Wann begannen die ersten Projekte, bei denen Landgrabbing stattfand?

Landgrabbing wurde durch 30 Jahre Indochina-Kriege erheblich behindert. Erst nach 1975 war großflächige Ressourcenausbeutung möglich. 1986 führte die laotische Regierung einen neuen liberalen Wirtschaftsmechanismus ein – der Startschuss für eine ressourcenbasierte Wirtschaft.

Die Landkonzessionen entstanden nicht als Reaktion auf die Liberalisierung an sich, sondern auf eine Rechtsreform. Laos hatte bis 1991 keine Verfassung und wurde im Wesentlichen durch Dekrete der Regierung regiert. Die erste Konzession wurde 1997 erteilt. Weitere Änderungen im Jahr 2003 schufen schließlich die Voraussetzungen für einen klareren Rechtsprozess, durch den Land vergeben werden konnte. Infolgedessen kam es in den frühen 2000er Jahren zu einem Anstieg der vergebenen Konzessionen, was sich über Datenbanken verfolgen lässt.

Gibt es Voraussetzungen, die Landgrabbing in Laos begünstigen?

Die Hauptrouten für den Rohstoffabbau sind heute noch die Straßen, die von der Kolonialmacht Frankreich gebaut wurden. Gleichzeitig werden durch diese Projekte neue Straßen geschaffen, was einer der Gründe ist, warum die laotische Regierung Landinvestitionen und -konzessionen anstrebt. In einigen Gebieten ist es einfacher, von einem Dorf zum anderen zu gelangen, indem man den Plantagenstraßen folgt, als öffentliche Straßen zu benutzen.

War Laos auch Gegenstand von Strukturanpassungsprogrammen?

Nicht in der Form, wie andere südostasiatische Länder sie erlebten. Die Regierungspolitik wurde aus der Krise heraus geboren; zu einer Zeit, als die Hilfe der Sowjetunion versiegte und die Wirtschaft in einem besonders schlechten Zustand war. Viele westliche Beobachter*innen betrachten diese Liberalisierung, ohne zu bemerken, wie die laotische Regierung dies verkauft. Sie stellt es als einen Weg dar, Märkte zu steuern, um so die Ziele des Sozialismus zu erreichen. Unabhängig von der Tatsache, ob dies möglich ist, halte ich es für wichtig, sich daran zu erinnern.

Welche Rolle spielen Akteure wie die Asiatische Entwicklungsbank (ADB)?

Die ADB ist ein wichtiger Akteur in Laos, obwohl ihre Rolle bei Landkonzessionen etwas umstritten ist. Sie haben Projekte für Eukalyptusplantagen gefördert, die zunächst auf Kleinproduzent*innen abzielten. Die ADB unterstützte vor allem das Bild von Rohstoffabbau als primäre Einkommensquelle für Laos, was auch das Landkonzessionsmodell förderte. Sowohl die ADB als auch die Weltbank haben die Liberalisierung in Laos unterstützt und ebenso die Idee, die Greater Mekong Subregion (GMS) als Wirtschafts- und Transportkorridor zu nutzen.

Wie sieht Landgrabbing in Laos in der Praxis aus?

Die Konzessionen, über die wir sprechen, betreffen so genanntes Staatsland. Das ist zum Teil ein Erbe der sozialistischen Revolution, aber auch Folge des Rechtssystems, in dem die Regierung als Verwaltungsbehörde für Ländereien gilt. Jedes Territorium, das nicht offiziell von einer anderen Einheit genutzt oder besessen wird, kann als Staatsland beansprucht werden. Jedes ausländische Unternehmen ist berechtigt, eine staatliche Konzession zu beantragen.

Wie werden Landkonzessionen vergeben?

Die Verantwortung für Landkonzessionen liegt beim Ministerium für natürliche Ressourcen und Umwelt. Es genehmigt, wie viel Land vergeben wird und wo sich dies befindet. Dazu gehören auch lokale Erhebungen über land- und forstwirtschaftliche Flächen und die Berücksichtigung von Schutzwäldern. In der Realität jedoch werden diese Entscheidungen oft zentral gefällt. Die Länge der Konzessionen ist unterschiedlich. Bei Plantagen sind es in der Regel 35-40 Jahre, während sie beim Bergbau und der Wasserkraft etwas länger sind.

Welche Unternehmen betreiben Landgrabbing in Laos?

Was Kautschuk betrifft, so gibt es viele vietnamesische Unternehmen, die vor allem im Süden von Laos agieren. Viele von ihnen arbeiten unter dem staatlichen Konsortium der Vietnam Rubber Group. Frühere Projekte wurden hauptsächlich von der HAGL Corporation durchgeführt, deren Aktivitäten in einem bekannten Global Witness Report beleuchtet wurden.

Im nördlichen Laos sind es mehrheitlich chinesische Unternehmen, die Kautschuk abbauen. Sie besitzen eher Konzessionen mit geringem Umfang. Viele kleinere Unternehmen haben zudem den Preisverfall des Kautschuks seit 2011 nicht überlebt. Nur ein staatliches Unternehmen, Yunnan Rubber, ist übrig geblieben. Es hält einige Konzessionen und hat den Handel mit Latex nach China im Grunde monopolisiert. Ein weiterer großer Player ist Thai Hua Rubber, zu dem Projekte in Thailand, Laos und Indonesien gehören.

Welche anderen Rohstoffe werden noch ausgebeutet?

Ein ertragreicher Rohstoff für Konzessionen ist Eukalyptus. Mittlerweile wird das Geschäft größtenteils von chinesischen Unternehmen, wie Sun Paper, betrieben. Die ersten Investitionen stammen von einem japanischen Papierunternehmen, Oji Paper, und einem indischen Unternehmen, das Eukalyptus für Textilien nutzen wollte, der Aditya Birla Group. Oji Paper hat all seine Plantagen an eine australische Firma verkauft und die Aditya Birla Group hatte eine Menge Probleme mit ihren riesigen Konzessionswünschen. Manchmal wurde ihnen Land zugewiesen, das nicht geeignet war, weil es überschwemmt oder sehr fragmentiert und schwer zu bewirtschaften war. Dies verdeutlicht die Unfähigkeit dieser Unternehmen, eng mit dem Staat zu kooperieren und dessen Kapazitäten für sich zu nutzen.

Gibt es Unterschiede zwischen der Praxis von chinesischen und vietnamesischen Unternehmen?

Es gibt eine sehr enge politische Verbindung zwischen Laos und Vietnam, die Verbündete während der Revolution waren und ‚sozialistische Bruderstaaten’ blieben. Die Ressourcenausbeutung in Laos spiegelt diese gemeinsame Geschichte wider. Es gibt sogar die Idee einer Schuld, die Laos gegenüber Vietnam begleichen muss, weil Vietnam Unterstützung während der Indochinakriege leistete. Auch die Staatsparteien sind eng miteinander verbunden.

Wie äußert sich dieses Verhältnis in der Praxis?

Es ist zum Beispiel üblich, dass laotische Verwaltungsbeamt*innen, sobald sie einen bestimmten Rang erreicht haben, zum Studium der politischen Theorie nach Hanoi geschickt werden. Lange Zeit entsandte Vietnam auch Truppen und Militärberater nach Laos. Viele vietnamesische Firmen haben Tonnenweise Holz aus Laos importiert. Aufgrund ihres historischen Erbes ist es für sie leichter als für andere, Konzessionen in Laos zu erhalten.

Vietnamesische Firmen verstehen es sehr gut, enge Verbindungen zu Regierungsinstitutionen, auch auf Dorfebene, aufzubauen. HAGL beispielsweise leistet viel ‚Hilfe’ für die lokalen Gemeinden, durch den Bau von Krankenhäusern, Flughäfen, Sportstätten und anderer Infrastruktur. Dies, verbunden mit Bestechung und Korruption, hilft ihnen dabei, ihre Projekte voranzutreiben und dabei auch Menschen von ihrem Land zu vertreiben.

Wie versuchen chinesische Unternehmen, ihr Geschäft zu betreiben?

Es ist oft die Rede von chinesischer Dominanz in Laos, was missverständlich sein kann. China leistet viel ‚Wirtschaftshilfe’ und erhält dafür einige Vorteile, aber besitzt nicht annähernd so tiefe Verbindungen zu Laos wie Vietnam. Chinesische Unternehmen erwarten von den lokalen Behörden häufig, dass diese, sobald sie die Konzession erhalten haben, das Land für sie organisieren. Zu dieser Erwartung gehört auch, Menschen von ihrem Land zu vertreiben, ohne die lokalen Strukturen zu berücksichtigen. Oft nutzen Dorfbewohner*innen das verkaufte Land einfach weiter, solange darauf nichts gebaut wird.

Anstelle von Plantagen nimmt China in anderen Bereichen Einfluss in Laos, zum Beispiel bei der Wasserkraft oder dem Bau einer Eisenbahnlinie. Diese Infrastrukturprojekte sind für die laotische Regierung von hohem strategischem Wert. Sie ist sehr gut darin, Gelder anzunehmen und diese für ihre eigenen Zwecke zu nutzen.

Wie stehen die Laot*innen zu diesem Entwicklungsmodell?

Die Menschen, die von den Projekten profitieren, und die Menschen, denen sie schaden, sind oft nicht dieselben. Natürlich werden wirtschaftliche Möglichkeiten geschaffen, seien es Arbeitsplätze oder indirekte Geldflüsse durch Investitionen. Obwohl ein großer Teil der im Land erzeugten Wasserkraft ins Ausland verkauft wird, haben diese Projekte das Stromnetz verbessert und bringen der Regierung Einnahmen. Vieles wird nicht richtig verwaltet, aber ein großer Teil des Geldes fließt auch in den Bau von Straßen und Stromleitungen zurück, was von den Menschen geschätzt wird.

Aber es herrscht auch große Unzufriedenheit, zum Beispiel mit Abholzungen. 2016 hat ein Gesetz gegen illegalen Holzeinschlag die Situation deutlich verändert, aber es besteht immer noch Frustration über Korruption und Landraub. Die meisten Menschen aus der Mittelschicht machen sich vor allem Sorgen über Baugebiete in ihrer Nähe, vorwiegend in Vientiane. Die Umwandlung von Feuchtgebieten außerhalb der Stadt in eine riesige chinesische Baufläche sorgte für Unmut. Dennoch werden viele dieser Projekte weitergeführt, manchmal mit kleinen Änderungen, um auf Bedenken zu reagieren.

Wie ist die Situation auf dem Land?

Die ersten Konzessionen waren noch leicht umzusetzen, weil die Menschen sie als Chance für Entwicklung betrachteten. Aber im Laufe der Zeit sind viele aufgrund der Auswirkungen, wie fehlender Entschädigung oder mangelhafter Infrastruktur, zunehmend frustriert. Eine Mehrheit sieht die Konzessionen für Plantagen nicht als Entwicklung an.

Gibt es Möglichkeiten, von den Projekten zu profitieren?

Es gibt weniger Arbeitsplätze als versprochen. Die Firmen stellen nur wenige Laot*innen ein und wenn doch, werden sie oft schlecht bezahlt. Grundlegende Rechte wie eine feste Anzahl von Arbeitstagen, Pausen oder Urlaubstage für private Festlichkeiten sind oft nicht vorgesehen.

Die Versprechen von neuen Stromleitungen, Straßen und Regionalbüros, bleiben meist unerfüllt. In Bezug auf Wasserkraftprojekte sind die Menschen oft sehr unzufrieden mit den Dörfern, in die sie umgesiedelt werden. Neue Häuser werden zwar zur Verfügung gestellt, nicht aber Ackerland, was die Menschen zum Lebensmittelanbau benötigen.

Wie drückt sich diese Unzufriedenheit aus?

Die Menschen sind im Umgang mit der Regierung immer mutiger geworden, aber man kann in Laos nicht einfach eine Demonstration organisieren. Es ist nach wie vor ein Einparteienregime, in dem die Medien stark kontrolliert werden. Es gibt Menschen, die nach der Revolution in Umerziehungslager geschickt wurden.

Bei der Regierung können Beschwerden eingereicht werden. Zudem gibt es Massenorganisationen, wie die Lao Women’s Union oder die Lao Youth Union. Widerstand wird oft durch Menschen in der Regierung und der Partei selbst praktiziert.

Interview und Übersetzung aus dem Englischen von: Simon Kaack

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Kenntnisreiche Einführung in die indonesische Gegenwartskunst

Kambodscha: In „Cambodia. From Pol Pot to Hun Sen and Beyond“ zeigt der Journalist Sebastian Strangio, wie die Regierung Hun Sens Wege gefunden hat, das Spiel der Demokratie für ihre eigenen Zwecke zu spielen – und lässt auch ein ‚Danach’ erahnen.

Je nach politischer Wetterlage vermuten manche Beobachter*innen, der kambodschanische Premier Hun Sen sei kurz vor dem Ende seiner nunmehr 35-jährigen Amtszeit. Einer anderen Lesart zufolge hat er – trotz internationalen Drucks angesichts zahlreicher Menschenrechtsverletzungen – alle Stränge fest in der Hand. Für gewöhnlich hängt die jeweils vorherrschende Einschätzung nicht nur von der ideologischen Grundausrichtung der (zumeist internationalen) Beobachter*innen ab, sondern auch von teils rapiden Auf’s und Ab’s zwischen der regierenden Kambodschanischen Volkspartei und der Opposition.

Bei Cambodia. From Pol Pot to Hun Sen and Beyond handelt es sich um eine Neuauflage des Buches Hun Sen’s Cambodia, das der Journalist Sebastian Strangio 2012 verfasste. Damals wirkte Premier Hun Sen sattelfest im Amt. Dann geschah allerdings, womit fast niemand gerechnet hatte: Die Regierungspartei Hun Sens verlor beim Urnengang 2013 – trotz mannigfaltiger Wahlunregelmäßigkeiten – fast ihre Mehrheit an die neu gegründete Partei CNRP. Ein Schock nicht nur für die Machtelite Hun Sens. Auch viele Beobachter*innen fühlten sich genötigt, ihre bisherigen Interpretationsmuster zu überdenken.

Nicht mehr nur ‚Hun Sens Kambodscha’

Für die Neuauflage änderte Strangio also den Titel. Nun scheint Kambodscha nicht mehr in ganz so fester Hand, nicht mehr ‚Hun Sens Kambodscha’. Und es gibt einen zaghaften Ausblick auf ein Kambodscha ‚nach Hun Sen’. Letztlich ist die Änderung des Buchtitels indes nur kosmetisch, denn viel – und das sagt wiederum einiges über die letzten sieben Jahre – hat Strangio im Buch nicht verändert. Das allerdings ist weitestgehend gut so. Denn wer Strangio liest, erfährt vor allem etwas über die eigentümliche Doppelgesichtigkeit der kambodschanischen Politik.

Diese Doppelgesichtigkeit erklärt die teils rasant wechselnden Interpretationen der Herrschaft Hun Sens. Sie nimmt ihren Anfang in der UN-Friedensmission UNTAC von 1992 bis 1993. Damals begann im Anschluss an einen Bürgerkrieg (1970-75), eine kommunistische Gewaltherrschaft (1975-1979) und an einen Stellvertreterkrieg der Großmächte USA, China, Sowjetunion und Vietnam (1979-1989) der Traum der internationalen Gemeinschaft von einem modellhaften Aufbau einer Nachkriegsdemokratie aus der Asche der Systemkonflikte. Man wähnte sich im Jahr Null eines liberalen Friedens. Alles schien möglich, sogar die Kontrolle über einen Staat wie Kambodscha zu übernehmen und ihn zu einer Demokratie mit einer Verfassung nach internationalem Vorbild umzubauen. Es sind auch die Nachwehen dieses geplatzten Traums, die Strangio in seinem Buch nachzeichnet.

Die zwei Arenen kambodschanischer Politik

Die Schwierigkeit für Beobachter*innen liegt darin, dass es seit UNTAC in Kambodscha zwei politische Arenen gibt. Zum einen den patrimonialen Herrschaftsapparat der Hun Sen-Elite, der von der vietnamesischen Besatzungsmacht in den 1980ern eingesetzt worden war und durch die Friedensmission noch gestärkt wurde. Denn letztlich brauchte es zur Verwaltung des Landes eben genau das: eine Verwaltung – und das war der bereits etablierte Machtapparat Hun Sens.

Zum anderen gibt es eine von der internationalen Gemeinschaft tief in die politische Landschaft Kambodschas verankerte aber für die eigentliche Machtpolitik wenig bedeutsame Arena der demokratischen Institutionen und der Zivilgesellschaft. Theoretisch verfügt Kambodscha seit UNTAC über demokratische Institutionen und theoretisch wird seither regelmäßig gewählt. Theoretisch gibt es eine weit reichende Verfassung, theoretisch eine florierende Zivilgesellschaft – mit einem der weltweit höchsten Pro-Kopf-Aufkommen von Nichtregierungsorganisationen. Praktisch wiederum wurde die alte politische Elite, die unter UNTAC aus dem Exil kam, seitdem in machtlose Positionen verdrängt, und zwar in die politische Arena demokratischer Institutionen und Organisationen in der Zivilgesellschaft, die für den Herrschaftsapparat bedeutungslos sind.

Lerneffekte der kambodschanischen Regierung und der Kampf der Eliten

In seinem Buch zeigt Strangio, wie die Regierung über die Jahre lernte, mit dem internationalen Druck und dem ständigen Beobachtet werden umzugehen. Sie kündigt bedeutungslose Reformen an, schiebt sie auf und lässt sie gerne auch wieder verschwinden. Sie öffnet demokratische Institutionen und schließt sie wieder. Sie bildet ‚leere’ Institutionen (etwa zur Korruptionsbekämpfung) aus oder richtet bei akutem Druck kurzweilige Kommissionen ein. Sie macht Zugeständnisse und Pläne, die, sobald der Aufmerksamkeits-, Personal- und Projektzyklus der internationalen Gemeinschaft einmal durchlaufen ist, wieder zurückgenommen werden.

Das Hauptaugenmerk von Strangio liegt darauf, wie die Regierung Hun Sens Wege gefunden hat, das Spiel der Demokratie für internationale Geber zur Absicherung von Investitionsmitteln und Entwicklungshilfen zu spielen und wie man gleichzeitig diesen institutionellen Apparat von der eigentlichen patrimonialen Machtpolitik fernhält. Denn diese läuft weiterhin über die Vergabe von Schutz, Gütern und Konzessionen an Parteitreue. Strangio nennt dieses Machtsystem „Hunsenomics“. Es fußt auf der Kontrolle von Staatsressourcen, Militär und Polizei und operiert abseits der demokratischen Arena. Die demokratische Bühne wird nur relevant, wenn der internationale Druck zwischenzeitlich steigt.

Für Hun Sen sind Demokratie und all die mit UNTAC entstandenen zivilgesellschaftlichen Institutionen ein Sammelbecken alter Eliten aus der Zeit vor den Roten Khmer. Wer Strangio liest, versteht, warum Hun Sen und seine Machtelite die Zivilgesellschaft, die politische Opposition und die internationalen Akteure als einen zusammengehörigen Machtblock ansehen, dem es lediglich um seinen Sturz gehe. Mehrfach finden sich im Buch eindeutige Äußerungen Hun Sens in diese Richtung. Die Lektüre macht auch klar, dass Hun Sen damit nicht völlig Unrecht hat. Solange Menschenrechte von allen Seiten als Instrument der Machtpolitik eingesetzt oder als solches wahrgenommen werden, wird ein Vorankommen schwierig sein – das spürt man allenthalben, wenn Strangio in seinen Berichten Machtpolitik und Einzelschicksale aufeinandertreffen lässt.

Kambodscha im Wandel

Aktuell hängt vieles von den Auswirkungen der Corona-Epidemie auf die fragile, primär auf Tourismus und Textilindustrie fußende Wirtschaft Kambodschas sowie einer neuen Großmacht ab: China. Chinas wachsender Einfluss wird von Strangio weitestgehend ausgeblendet, findet sich aber in seinem Buch In the Dragon’s Shadow: Southeast Asia in the Chinese Century [das wir ebenfalls in dieser Ausgabe rezensieren], in dem er ganz Südostasien in den Blick nimmt. Während im Buch über ‚Hun Sens Kambodscha’ immer wieder deutlich wird, welchen Spielraum die Regierung Hun Sens gegenüber internationalen Akteuren nutzt, steht das Land in Strangios China-Buch plötzlich als Spielball ‚im Schatten’ einer monolithisch wirkenden Großmacht.

Zugleich zeigen die Konflikte der letzten Jahre, dass ein gesellschaftlicher Wandel voranschreitet, ein Wandel weg vom Kampf der alten Eliten als Überbleibsel des Systemkonfliktes hin zu einer neuen politischen Generation. Hier schwelt ein neuer Konflikt der Regierung mit technokratischen und kapitalistischen Eliten. Darüber liest man leider weniger in Strangios Buch, wahrscheinlich weil er zu sehr versucht, den aktuellen Wandel in den Mustern der alten Politik einzufangen. Jedoch deuten sich Stück für Stück Konflikte mit den kapitalistischen Eliten und mit einer vom Politikstil der Partei frustrierten Mittelschicht an, die sich nicht allein mit der alten Politikerriege des Landes erklären lassen. Der neue Konflikt zwischen der Gefolgschaft um Hun Sen und Akteuren wie dem Oligarchen Kith Meng ähnelt in seinen Grundzügen jenem zwischen dem thailändischen Königshaus und Figuren wie Thailands Ex-Premier Thaksin Shinawatra. Wann der Wandel allerdings im politischen Feld der Macht Fuß fasst, lässt sich nicht vorhersagen, denn letztlich bleibt Kambodschas Innenpolitik in hohem Maße von externen Faktoren abhängig.

Das Buch behandelt zahlreiche Themen: von den Roten Khmer, über die Politik des Landes und die Einzelschicksale der Opfer von Menschenrechtsverletzungen im Stil journalistischer Reportagen. Seine Stärke liegt im Lebendigwerden der politischen Geschichte über die Erzählung biografischer Zusammenhänge und das Aufeinandertreffen politischer Soziokulturen. Es ist sicherlich die genaueste, am spannendsten geschriebene und bestinformierte Geschichte Kambodschas nach den Roten Khmer und unverzichtbar, wenn man sich mit dem Kambodscha der letzten vierzig Jahre beschäftigen möchte. Nur das ‚beyond’ einer heute alternden politischen Kultur, das fehlt dann doch.

Rezension zu: Sebastian Strangio. Cambodia. From Pol Pot to Hun Sen and Beyond.Yale University Press. 2020. 334 Seiten.

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