1 | 2019, Philippinen, Rezensionen, Sonderausgabe Buchmesse,
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Digitale Drecksarbeit

Ausschnitt Filmszene "The Cleaners" © Gebrüder Beetz Filmproduktion

Ausschnitt Filmszene „The Cleaners“ © Gebrüder Beetz Filmproduktion

Philippinen: Der Dokumentarfilm „The Cleaners“ schaut hinter die Kulissen von Facebook, Google und Co. In ihrem Auftrag sichten Menschen massenhaft Bilder und Videos mit verstörender Gewalt, Pornografie etc. um die sozialen Netzwerke „sauber“ zu halten. Sie tun dies für einen Billiglohn und ohne psychologische Betreuung.

Es gehört schon lange zu den Grundprinzipien des globalen Kapitalismus, gefährliche und dreckige Arbeit dorthin zu verlagern, wo Arbeitskräfte billig und willig und die juristischen Mindeststandards für die Beschäftigung niedrig, nicht vorhanden oder leicht zu umgehen sind. Ein solcher Ort sind für Konzerne wie Facebook, Google und Co. die Philippinen.

Die Arbeit, die die großen Player aus dem Silicon Valley insbesondere nach Manila auslagern, eignet sich hervorragend dafür, zumal kaum mehr vonnöten ist außer einem Bildschirmarbeitsplatz samt Internetanbindung und fleißigem Personal, das die westlichen Werte- und Moralvorstellungen teilt. Beides bieten und liefern die Philippinen: eine gute digitale Infrastruktur in den Zentren des Inselstaates, eine Bevölkerung, die digital affin ist und deren Löwenanteil überdies einem innigen katholischen Glauben anhängt.

Ausschnitt Filmszene "The Cleaners" © Gebrüder Beetz Filmproduktion

Ausschnitt Filmszene „The Cleaners“ © Gebrüder Beetz Filmproduktion

Diese fleißigen Filipin@s dürfen für einen Hungerlohn in dunklen Arbeitshallen der IT-Konzerne die digitale Drecksarbeit verrichten, für die Algorithmen der Digitalkonzerne offenbar noch nicht taugen. Sie haben Millionen von Bildern und Videos zu sichten und Medien mit verstörender Gewalt, Pornografie etc., damit der gemeine User der sozialen Netzwerke ein ungetrübtes Nutzungserlebnis genießt.

Deshalb arbeitet eine ganze Armee von Billiglohnarbeiter*innen daran, all jene Inhalte zu sichten und gegebenenfalls zu zensieren, die ihnen von den Algorithmen oder den Usern der sozialen Netzwerke vorgelegt oder gemeldet werden. Die „Cleaners“, wie die Content-Moderator*innen im Gewand „neuzeitlichen Reinigungspersonals“ auch genannt werden, haben die miserable Aufgabe, Bilder und Videos mit zu viel Haut, Geschlechtsorganen aber auch Darstellungen von Gewalt nach den Vorgaben der Silicon-Valley-Riesen Google, Facebook, Twitter et al. zu begutachten und gegebenenfalls zu löschen.

Wer mehr als drei Mal im Monat die Überprüfung von Videos abbricht oder nicht das Mindestmaß an Bildern begutachtet, wird rausgeworfen und gegen eine andere Arbeitskraft ausgetauscht.

Der Workflow ist simpel: Sobald ein Bild oder Video auf dem Bildschirm des digitalen Prekariats erscheint, hat dieses die Wahl zwischen „delete“ oder „ignore“. Dabei werden die Moderator*innen so überwacht, dass es ihnen nicht möglich ist, mitten in einem Video die Sichtung abzubrechen. Wird ein Video nicht komplett angesehen, ergeht automatisch Meldung an den Vorgesetzten. Wer mehr als drei Mal im Monat die Überprüfung von Videos abbricht oder nicht das Mindestmaß an Bildern begutachtet, wird rausgeworfen und gegen eine andere Arbeitskraft ausgetauscht.

Die großen Konzerne Google und Facebook sind dabei fein raus, da kein*e Content-Moderator*in in Manila offiziell und direkt bei ihnen beschäftigt ist. Die Filipin@s, die für wenig Geld rund um die Uhr die dunkelsten Seiten des Netzes durchforsten und überwachen, sind bei Subunternehmen angestellt – dementsprechend immun sind die großen IT-Konzerne gegen Kritik aufgrund menschenfeindlicher Arbeitsbedingungen.

Ausschnitt Filmszene "The Cleaners" © Gebrüder Beetz Filmproduktion

Ausschnitt Filmszene „The Cleaners“ © Gebrüder Beetz Filmproduktion

Die Filipin@s, die stundenlang vor dem Monitor sitzen, um das Internet „sauber“ zu halten, bekommen keine psychologische Betreuung und keine der Tätigkeit angemessene Bezahlung, obwohl das, was sie auf Fotos und in Videoclips zu sehen bekommen, das normale menschliche Vorstellungsvermögen übersteigt: Pornografie, Sadismus, brutale Gewalt und irre geleitete Fanatiker*innen.

Mit einem Klick landet das meiste im Müll. Doch aus den Köpfen der Arbeiter*innen ist es nicht mehr zu löschen. Und auch nicht aus ihren Seelen. Viele klagen über körperliche Beschwerden, Schlaflosigkeit und Unruhe. Sie entwickeln psychische Krankheiten wie Depressionen und fühlen sich allein gelassen, zumal sie sich in einer Verschwiegenheitserklärung verpflichten, mit niemandem über ihre Arbeit zu reden.

Der Regisseur Moritz Riesewieck hat zu diesem Thema über ein Jahr in Manila recherchiert – und etwa die Contentmoderatorin „Maggy“ getroffen, die stolz darauf ist, wie schnell sie arbeitet, aber unter einem neurotischen Waschzwang leidet. „Schmutzig wird man nicht vom Bildermüll“, sagt Moritz Riesewieck, „er hinterlässt aber Spuren bei denen, die das Netz putzen.“

 

Der (für die südostasien redaktionell bearbeitete) Beitrag entstammt folgender Neuerscheinung:

Rainer Werning / Jörg Schwieger (Hg.), Handbuch Philippinen. Gesellschaft-Politik-Wirtschaft-Kultur. 6., aktualisierte und erweiterte Auflage, Berlin, Verlag regiospectra, Feburar 2019. ISBN 978-3-94477-2906-7

Zum Weiterlesen:

  • Riesewieck, Moritz (2017): Digitale Drecksarbeit. Wie uns Facebook und Co. von dem Bösen erlösen. München: dtv.
  • „The Cleaners“ D, BRA 2018; Drehbuch: Hans Block, Moritz Riesewieck; Regie: Hans Block, Moritz Riesewieck; Produktion: Gebrueder Beetz Filmproduktion, Grifa Filmes, WDR, NDR, RBB u.a.; Verleih: farbfilm verleih GmbH; Länge: 88 Minuten; Start: 17. Mai 2018, http://www.gebrueder-beetz.de/produktionen/the-cleaners

 

Filmtrailer „The Cleaners“:

Dieser Artikel erschien zunächst in den südostasien Ausgaben 1|2019 – Arbeiter*innenbewegung(en) neu entdecken und 2|2022 – Südostasien 4.0 Die digitale Transformation und ihre Folgen und ist Teil der südostasien – Sonderausgabe Buchmesse

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Digitale Drecksarbeit

Philippinen: Regisseur Mikhail Red schickt seine Protagonisten durch die philippinische Provinz und schlägt Brücken zu hochbrisanten, gesellschaftlichen Vorgängen im Land. Landrechtskonflikte, staatliche Korruption, Polizeigewalt oder Geschlechter(un)gerechtigkeit schwingen stets im Hintergrund mit.

Wer kennt sie nicht, diese lebensverändernden Momente? In einem Augenblick scheint noch alles wie gewohnt. Die vertraute Umgebung und der Alltag wiegen uns in vermeintlicher Sicherheit vor Veränderung. Doch plötzlich schlägt das Leben Parolen und alles steht Kopf. Eine falsche Entscheidung: und eine Kettenreaktion nimmt ihren Lauf.

Maya streift in der abendlichen Dämmerung durch die verlassene Zuckerrohrplantage streift. Ihr Gewehr fest an sich gedrückt. Wohin sie geht, weiß sie selbst nicht genau. Aber eines ist klar: Hier kann sie nicht bleiben. Sie fühlt sich völlig leer. Über ihrem Kopf kreisen Adler. Wer hätte gedacht, dass sich ihr Leben so schnell ändern würde. Was ist nur passiert?

Toter Adler und verschwundene Bauern

Dieser Frage geht der fesselnde philippinische Mystery-Thriller „Birdshot“ auf den Grund. Alles beginnt an einem harmlosen Morgen, an dem Diego seiner 14jährigen Tochter Maya das Jagen beibringen möchte. Gemeinsam leben sie in einer abgeschiedenen Hütte inmitten einer Zuckerrohrplantage, die Diego zusammen mit seiner Tochter betreibt. Als Maya die umliegende Gegend erkundet, landet sie in einem privaten Naturschutzreservat und erschießt einen vom Aussterben bedrohten Adler. Als sie die Beute stolz ihrem Vater präsentiert, merkt Maya sofort, dass sie etwas Schlimmes getan haben muss.

Das Verschwinden des Adlers wird schnell bemerkt. Am nächsten Morgen wird das Polizistenduo Domingo und Mendoza auf den Fall angesetzt. Bei den Ermittlungen stößt der Nachwuchspolizist Domingo auf das mysteriöse Verschwinden eines Busses, in dem eine Gruppe von Farmern auf dem Weg in die Hauptstadt Manila war. Doch auf der Suche nach der Wahrheit wird Domingo klar, dass sich etwas Größeres dahinter zu verbergen scheint. Was steckt hinter diesem Verschwinden? Kann Diego seine Tochter beschützen? Wo sind die verschwundenen Farmer? Wird die Wahrheit ans Licht kommen?

Abgründe und Lichtblicke

In einer Mischung aus Krimi und Coming of Age-Film begleitet „Birdshot“ die Protagonisten auf ihrer Reise und schlägt dabei immer wieder Brücken zu gesellschaftspolitischen Themen. Dabei nimmt sich das junge philippinische Filmtalent Mikhail Red die Zeit, den Protagonisten emotionale Tiefe zu geben. Neben einer mitreißenden Geschichte, brachialer Bildgewalt und einem bewussten Spiel mit Licht, Kamera und Musik gelingt „Birdshot“ ein Balanceakt zwischen menschlichen Abgründen und Lichtblicken, Brutalität und Sanftheit, Schönheit und Komplexität der Philippinen.

So bildet der Film die Vielfalt der Natur in der philippinischen Provinz ab und kontrastiert zugleich ruhige Momente an plätschernden Flüssen oder bei leise rasselnden Blättern im Wald mit düster und bedrohlich wirkenden Schauplätzen der polizeilichen Ermittlungsarbeit. Die unterschiedlichen Handlungsstränge werden langsam aufgebaut und verwickeln die Hauptcharaktere nach und nach in etwas, das größer ist als sie selbst.

Gleichzeitig nutzt Mikhael Red Handlung und Schauplätze, um die Zuschauer mit hoch brisanten und aktuellen gesellschaftlichen Vorgängen zu konfrontieren. Obwohl die Landrechtsreform nicht ausdrücklich thematisiert wird, schwingen Fragen um Landrechtskonflikte, damit verbundene staatliche Korruption und Polizeigewalt im Hintergrund immer mit und verdichten die Handlung. Gleichzeitig wird weiteren aktuellen Fragen Raum gegeben wie der nach traditionellen und modernen Werten, der Selbstermächtigung von Frauen und der Geschlechtergleichstellung.

Der Film ist eine Empfehlung für alle, die nicht zu leicht besaitet sind, Lust auf eine emotionale und tiefgründige Geschichte haben und bereits Wissen zu gesellschaftspolitischen Fragen der Philippinen mitbringen. Insbesondere Krimifans werden bei „Birdshot“ auf ihre Kosten kommen.

Neugierig geworden? Erste Eindrücke verschafft der offizielle Trailer:

Rezension zu: Mikhail Red, Birdshot, Philippinen 2016, 116 min

Der Film feierte seine die offizielle Kinopremiere in Deutschland im Rahmen der aktuellen Filmreihe des Asienhauses.

Weitere Informationen zu den Filmreihen im Asienhaus finden Sie auf unser Übersichtsseite.

Dieser Artikel erschien zunächst in der südostasien Ausgabe 4|2019 – Musik als Mittel politischer Bewegung und ist Teil der südostasien – Sonderausgabe Buchmesse

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Digitale Drecksarbeit

Das „Handbuch Philippinen“ versammelt vielseitige Einblicke in die Geschichte und Gegenwart des Inselstaats. Es spürt dabei besonders den Herausforderungen der Zivilgesellschaft nach. Eine komplett überarbeitete Neuauflage ist jetzt erschienen.

Mit der sechsten Auflage des „Handbuch Philippinen. Gesellschaft-Politik-Wirtschaft-Kultur“ halte ich meine erste Ausgabe in den Händen. Für mich persönlich trägt es im Kontext privater und beruflicher Erfahrungen zu einem tieferen Verständnis der Seele des südostasiatischen Archipels in all seiner Vielfalt, Schönheit und Zerrissenheit bei. Reiseerfahrungen bekommen einen neuen Anstrich; familiäre Beziehungsmuster erweiterte Handlungsspielräume. Möglichkeiten des persönlichen Engagements werden klarer, Kenntnislücken schließen sich.

Wer sich bereits mit den Philippinen auseinandergesetzt hat, wird im vorliegenden Handbuch bekannten Themen und Inhalten begegnen, wenngleich man diesen besonderen Grad an Tiefe, Genauigkeit und Empathie in anderer Literatur vermissen wird. Es benötigt ein sehr feines Gespür und viel praktische Erfahrung im Umgang mit Kultur und Menschen, um die Facetten philippinischer Sozialisierung derart einfühlsam zu beschreiben, wie es hier gelingt. So widmet sich beispielsweise das Kapitel „Kinder, Kindheit und Erwachsenwerden“ unter anderem dem Thema Kindererziehung und Kinderrechte (z. B. im Kontext von Kinderarbeit) und deren Bedeutung für Familie und Gesellschaft und.

Philippinen von A bis Z

Somit ist das Handbuch für alle geeignet, die sich einen tieferen Einblick in das Wesen von Land, Geschichte, Menschen, Wirtschaft, Kultur, Religion oder insbesondere Politik verschaffen möchten. Es bietet einen hervorragenden Überblick zu aktuellen und zentralen gesellschaftspolitischen Themen und liefert darüber hinaus wertvolle Hintergrundinformationen (u. a. aus der philippinischen Presse oder den Medien), Literaturverweise sowie Links für weiterführende Recherchen. Aus historischer Perspektive spannt es einen weiten Bogen von der neueren Geschichte bis hin zum Wandel zu einer modernen Gesellschaft, die politisch immer noch an postkolonialen Symptomen krankt.

Themen wie Film oder Literatur runden das Handbuch an vielen Stellen ab und eröffnen eine ganzheitliche Sicht auf Land und Leute. Die Inhalte sind oft mit Beispielen aus dem Lebensalltag unterfüttert (z. B. Streiks vor dem Hintergrund prekärer Arbeitsbedingungen, siehe Kapitel „Die Gewerkschafts- und Arbeiter*innen-Bewegung“) und schaffen ein praxisbezogenes, lebendiges Bild der philippinischen Gesellschaft. Insgesamt handelt es sich um eine sehr abwechslungsreiche Lektüre, die aufgrund der authentischen Erfahrungshintergründe der Autorenschaft nicht zuletzt durch die Verwendung und Erläuterung zahlreicher Begriffe philippinischer Sprachen überzeugt. Mit einer guten Mischung aus sachlichen Beiträgen, Erlebnisberichten oder übersetzten Originalquellen richtet sich das Handbuch an eine breite Leserschaft.

Auseinandersetzung mit den politischen Dynastien

Das Handbuch geht ausführlich auf die Entwicklung politischer Dynastien ein, thematisiert die Konsolidierung der extrem ungleichen Besitz- und Machtverhältnisse und rückt in diesem Zusammenhang die strukturellen sozialen Probleme in den Vordergrund. Die ernüchternden Folgen von Interessenskonflikten zwischen Bevölkerung und einem willkürlich agierenden Staat werden unverblümt analysiert und offen gelegt: Im Kapitel „Mindanao: ressourcen- und konfliktreich“ geht es z. B. um die zahlreichen Ursachen und Folgen diverser, seit langer Zeit schwelender Konflikte im Süden des Landes.

Wenngleich die politischen Analysen in diesem Handbuch aus einer westlichen Sichtweise einwandfrei nachvollziehbar sind, wäre nach meinem Verständnis eine etwas ausgewogenere Darstellung wünschenswert gewesen. Dort wo politische Dynastien mit Diktaturen und all ihren Schrecken in Verbindung gebracht werden, gelangte ich in Gesprächen mit Filipin@s oft an einen neuralgischen Punkt. Wenn man sich mit ihnen auf Augenhöhe über damalige oder gegenwärtige Politik in ihrem Land unterhalten möchte, so ist das Verständnis der individual-psychologischen Perspektive genauso wichtig wie das der systemischen. Der qualitative Ansatz könnte im Handbuch an dieser Stelle etwas umfassender sein. In diesem Kontext stände etwa die Frage, welche persönlichen Beweggründe die Filipin@s dazu veranlasst haben, z. B. seinerzeit Despoten wie Marcos über Jahrzehnte im Amt zu stützen bzw. „gut“ zu heißen. Diese Frage wird im Handbuch leider nicht behandelt.

Wie vielfältig, lebendig aber auch brüchig die philippinische Zivilgesellschaft an vielen Stellen ist, wird im Buch insgesamt sehr deutlich, auch, wo sie noch mehr solidarische Unterstützung gebrauchen könnte. Dort, wo Unterstützung von einem korrupten Staatsapparat oftmals verwehrt bleibt, erkennt man nichtsdestotrotz Hoffnungsschimmer, die Mut machen, auch als Außenstehender genauer hinzuschauen und sich zu engagieren!

Ein wahrer Wissensschatz

Unterm Strich bleibt zu sagen: Eine derart umfassende und zugleich kompakte deutschsprachige Publikation über die Philippinen habe ich bisher nicht gefunden. Das Handbuch ist informativ, präzise und aktuell, ein wahrer Wissensschatz! Es reichert bestehendes Wissen an, verknüpft lose Enden und sorgt dort für Fragen und Erkenntnisse, wo man mit einem westlich geprägten Mindset gedanklich oft zum Stillstand kommt. Es sollte in keiner Philippinen-Bibliothek fehlen! Zum Schluss möchte ich gerne eine ehrenamtliche Mitarbeiterin von IPON, dem in Hamburg ansässigen International Peace Observers Network, zitieren. Auf meine Frage, ob sie das Handbuch kenne, gab sie mir mit einem erstaunten Blick zur Antwort: „Das ist unsere Bibel!“

Rezension zu: Rainer Werning/Jörg Schwieger (Hrsg.): Handbuch Philippinen – Gesellschaft, Politik, Wirtschaft, Kultur. 6., akt. & erw. Auflage, Berlin 2019: regiospectra Verlag, 500 S., 24,90 Euro

Am 14. März werden die beiden Herausgeber, Rainer Werning und Jörg Schwieger, sowie die Ko-Autorin Mary Lou U. Hardillo das Handbuch Philippinen im Kontext der aktuellen politischen Entwicklung vorstellen und daraus passagenweise lesen.

Dieser Artikel erschien zunächst in der südostasien Ausgabe 1|2020 – „What do we want? Climate justice“ und ist Teil der südostasien – Sonderausgabe Buchmesse

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Digitale Drecksarbeit

Philippinen: Seit über 50 Jahren kämpft der militärische Flügel der kommunistischen Partei, die Neue Volksarmee, gegen die extreme Ungleichheit im Land. Im Interviewband „Ein Leben im Widerstand“ blickt Gründer und Anführer José María Sison in die Vergangenheit der Bewegung – und auch in deren Zukunft.

Der kommunistisch geführte Volkskrieg auf den Philippinen geht in sein 51. Jahr und ist damit die weltweit am längsten andauernde bewaffnete Revolution gegen US-Imperialismus, Feudalsystem und den korrupten, reaktionären Staat. Von ihren Gegnern wie dem Militär und den gegen die Linke gerichteten Schlägern wird sie als todgeweiht und terroristisch bezeichnet.

Über die charakteristischen Schikanen hinaus werden die Untergrundlinke und ihre Massenbasis weiterhin vom Staat gejagt, der derzeit von der Herrschaftsclique Rodrigo Dutertes angeführt wird und 125.000 Soldaten und Tausende von Polizeikräften gegen sie ins Feld führt. Sieben Präsidenten, von Marcos in den 1960er Jahren bis Duterte heute, haben groß angelegte und von den USA unterstützte Einkesselungs- und Unterdrückungskampagnen gegen die Sozialrevolutionäre durchgeführt, wobei jeder militärische Stabschef damit prahlte, dass die maoistische Neue Volksarmee (NPA) vernichtet werden würde.

Vor einem Jahr gab Verteidigungschef Delfin Lorenzana zu, dass die kommunistische Rebellion nicht besiegt werden kann. Dennoch kündigte er das erneut aufgelegte Enhanced Comprehensive Local Integration Program (E-CLIP) an, in dessen Rahmen auf lokaler Ebene Friedensgespräche mit der NPA aufgenommen werden sollen – mit dem Ziel, das ländliche Rückgrat der bewaffneten Linken in den letzten drei Jahren der Amtszeit von Duterte [bis Mitte 2022] zu zerschlagen.

Der Staat als Akteur der herrschenden Klasse

Was die herrschende Elite nicht versteht: Der Hauptgrund, warum die revolutionäre Bewegung noch nicht besiegt ist, ist ihre Ausdauer und Widerstandsfähigkeit. Letztere ist tief in der ländlichen Massenbasis, der geheimen revolutionären Regierung sowie in der lebendigen Massenbewegung in den Städten verwurzelt.

In 71 der 81 Provinzen des Landes bestehen Guerillazonen. Nach wie vor wird die Bewegung durch die systemischen und strukturellen sozialen, wirtschaftlichen und politischen Ungleichheiten der Gesellschaft befeuert. Diese werden vom reaktionären Staat geschützt, um die Hegemonie der einheimischen herrschenden Klasse zu sichern.

Der Staat täuscht sich in der Annahme, dass nur ein barbarisches militärisches Vorgehen den Aufstand beenden kann, während er die Aufständischen mit Friedensverhandlungen an der Nase herumführt, um sie in die Kapitulation zu locken und ihre Führer zu ermorden. Der Staat, der als Akteur der herrschenden Klasse handelt, wird sich nicht mit den Ursachen des Krieges befassen. Denn das würde bedeuten, sich zusammen mit dem Ausbeutungssystem sein eigenes Grab zu schaufeln.

Negative Auswirkungen auf die philippinische Revolution

Die Interviews des deutschen Politikwissenschaftlers und Aktivisten Dr. Rainer Werning mit dem Gründungsvorsitzenden der Kommunistischen Partei der Philippinen (CPP) Prof. José María Sison im Band Ein Leben im Widerstand: Gespräche über Imperialismus, Sozialismus und Befreiung vermitteln einen tiefen Einblick in den andauernden revolutionären Krieg und den Optimismus, der ihn begleitet.

So antwortet Sison auf die Frage, warum der Volkskrieg auf dem Weg zu einer strategischen Pattsituation und einer strategischen Offensive immer noch „auf der Stufe der strategischen Defensive“ festgefahren ist:

Auch internationale Faktoren müssen berücksichtigt werden, so Sison, wie zum Beispiel „der revisionistische Verrat am Sozialismus und die vollständige Restauration des Kapitalismus“, die sich negativ auf die philippinische Revolution ausgewirkt haben.

An dieser Stelle unterstreicht Sison, was er bereits in vielen Parteidokumenten und in Büchern geschrieben hat: „Die revolutionären Kräfte müssen an Stärke gewinnen und mit der richtigen Linie voranschreiten, müssen vermeiden, größere und kleinere Fehler zu begehen und Fehler zeitnah durch Kritik und Selbstkritik und gegebenenfalls Berichtigungskampagnen korrigieren, je nach Schwere der Fehler.“

Der marxistische Blick Sisons

Diejenigen, die Sisons frühe und aktuelle Werke gelesen und studiert haben, werden in diesem Buch bekannte Themen, Fragestellungen und Analysen erkennen. Die Bedeutung des neuen Bandes liegt jedoch darin, den Leser zu neuen Perspektiven und Einsichten über nationale und internationale Themen zu führen, die durch den marxistischen Blick Sisons bereichert werden und im Interviewformat zum Nachdenken anregen. Mit Blick auf die „Aussichten auf ein weltweites sozialistisches Wiederaufleben“ sagt er in Kapitel 9:

Neue Anziehungskraft des Sozialismus

Sisons Synthese überzeugt auch heute angesichts der kumulativen Auswirkungen der kapitalistischen Krisen und der erneuten Anziehungskraft des Sozialismus. Die Edelman Trust Barometer-Umfrage 2020 unter 40.000 Befragten in 28 Ländern ergab, dass fast 60 Prozent der Befragten den Kapitalismus für schädlich halten. Eine ähnliche Umfrage ergab kürzlich, dass 40 Prozent der Amerikaner es vorziehen würden, in einem sozialistischen Land zu leben. Die Zustimmungsquote der Frauen liegt sogar bei 60 Prozent.

Weitere Interviews im Buch zeigen Ausschnitte aus Sisons Leben. So war Sison zum Beispiel mit neun Jahren Messdiener und träumte davon, Bischof zu werden. Was ihn am meisten beeindruckte, war die Erinnerung an seinen Großonkel Isabelo de los Reyes, der ein Sympathisant der philippinischen Revolution war, ein Senator, Gründer der modernen Arbeiterbewegung des Landes und Antiimperialist.

Sison als Autor und Poet

Ein Leben im Widerstand ist das neueste von rund 30 Büchern, die Sison seit den 1960er Jahren veröffentlicht hat. Seine Werke einschließlich seiner Gedichte sind eine Erzählung des 60jährigen nationalen demokratischen Kampfes, der Geburt und des Wiederauflebens des Volkskrieges, der revolutionären Anwendung der Theorien von Marx, Lenin und Mao Zedong auf den Philippinen und der sozialistischen Perspektive – ein mühsames und heroisches Unterfangen, bei dem er die Hauptfigur war.

Die revolutionäre Bewegung hat die politische Landschaft verändert, hat Millionen von Menschen, insbesondere Bauern, Arbeiter, Jugendliche und andere demokratische und fortschrittliche Kräfte, dazu inspiriert, Freiheit und Demokratie einzufordern und hat die herrschende Elite und ihre ausländischen Herren aufgeschreckt.

Vielleicht ist es als Zusammenfassung des Buches angebracht, einen Ausschnitt von Sisons Gedicht Der lange Freiheitskampf von 2018 zu zitieren:

Eine ausführlichere Version dieser Rezension wurde Anfang März 2020 im Rahmen der Buchvorstellung der englischen Ausgabe Reflections on Revolution and Prospects in Manila vorgetragen.

Übersetzung aus dem Englischen von: Jörg Schwieger

Rezension zu: José María Sison, Rainer Werning: Ein Leben im Widerstand: Gespräche über Imperialismus, Sozialismus und Befreiung. Verlag Neuer Weg, Essen, 2019, 272 S.

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Südostasien: Das „Routledge Handbook of Climate Justice“ ist eine reichhaltige Wissenssammlung. Es macht deutlich, dass Klimagerechtigkeit nicht an Landesgrenzen aufhören darf und auch nicht an gesellschaftlichen Grenzen. Um eine breite Leserschaft zu erreichen, ist das Buch aber leider zu teuer.

Ein Buch mit über 500 Seiten kann vieles. Es kann Briefe beschweren und den eigenen Kopf. Es kann Insekten erschlagen, genauso wie die Leser*innen. Es kann das Bücherregal bereichern und das eigene Wissen. Dem Handbuch zur Klimagerechtigkeit des Routledge -Verlags gelingt vor allem letzteres: Es bereichert das Wissen. Das Buch führt in den Diskurs der Klimagerechtigkeit ein und erklärt vielschichtig, wie die Klimakrise mit lokalen und globalen Fragen sozialer Gerechtigkeit verknüpft ist.

Nach einer Einführung in die bislang relativ kurze Geschichte des Diskurses sowie der Grundlagen der theoretischen Debatten setzen die Herausgebenden thematische Schwerpunkte, wie zum Beispiel Finanzen & Unternehmen, urbane Räume und Gender. Schon anhand der Schwerpunkte wird deutlich, dass Klimagerechtigkeit nicht nur über Landesgrenzen sondern auch über gesellschaftliche Grenzen hinweg gedacht wird. Sie ist ein Ansatz für alle, der genug Spielraum lässt, die grundlegenden Ideen auf den eigenen Lebens- und Arbeitskontext anzupassen.

Klimagerechtigkeit in Südostasien

Das Buch bietet Fallbeispiele aus fast allen Regionen der Welt. Zu Südostasien gibt es drei Beiträge. Anna Fünfgeld diskutiert die Gerechtigkeit im indonesischen Energiesektor. Sie stellt grundlegende Fragen zu politisch-ökonomischen Systemen, die hinter fehlender Gerechtigkeit in der Energieversorgung stecken und erklärt an Beispielen, wie ländliche Gemeinschaften in Indonesien sowohl bei der Energieerzeugung als auch beim Zugang zu Energie benachteiligt werden.

Roa Petra Crease, Meg Parsons und Karen Toni Fisher besprechen in ihrem Beitrag, wie die Geschlechter- und Klimagerechtigkeit sich in Projekten zur Anpassung an den Klimawandel auf den Philippinen überschneiden. Es geht zum Beispiel um Projekte von internationalen Hilfsorganisationen und der philippinischen Regierung in der Stadt San Fernando. Dort kämpfen marginalisierte Gruppen mit Wetterextremen, die sich durch die Klimakrise verstärken. Frauen sind davon besonders stark betroffen, da sie unter Mangelernährung leiden.

Die Autorinnen kritisieren, dass die vermeintlichen Lösungsansätze zur Anpassung an den Klimawandel gerade diese Frauen noch weiter gefährden. In den Projekten werden Frauen ausschließlich als Versorgerinnen und als verletzlich gesehen. Das sei gefährlich, so die Autor*innen, weil auf diese Weise die Rolle von Frauen als Wissensquelle, zum Beispiel in der Landwirtschaft, übersehen wird. Außerdem werden vorhandene Machtstrukturen verstärkt, indem mit ihnen gearbeitet und auf sie aufgebaut wird.

Frauen aktiv beteiligen

In einem anderen Beitrag analysieren So-Young Lee und Eric Zusman aus einer Geschlechterperspektive einige Maßnahmen zur Abschwächung der Folgen des Klimawandels und der partizipativen Klimapolitik in Südostasien. Auch sie beklagen, dass Frauen in der Problemanalyse einer Krisensituation und in der darauf aufbauenden Projektplanung oft als Opfer dargestellt werden. Außerdem werde bei der Implementierung von Maßnahmen übersehen, welchen aktiven Beitrag sie leisten, und wie vielfältig ihre Rollen in einer Gemeinschaft sein können. Fallstudien aus Laos, Kambodscha und Vietnam machen deutlich, wie eine Einbindung von Frauen in diese Projekte erfolgreich sein kann.

In Kambodscha werden Frauen zum Beispiel in die Herstellung und den Verkauf von nachhaltigen Kochern eingebunden, sowie auch in deren Integrierung in die nationale Strategie zur nachhaltigen Energiegewinnung. Sie sind nicht als Zielgruppe sondern aktiv am gesamtem Prozess beteiligt. In einem Pilotprojekt in Vietnam, das Biogasanlagen baut, werden Frauen dazu ausgebildet, sowohl die erste Anlage zu betreiben, als auch neue Mitarbeiter*innen für zukünftige Anlagen zu schulen. Im Rahmen dessen wurde der lokale Aktionsplan zu Umweltschutz und Klimawandel mit explizitem Einbezug von weiblichen Expertinnen überarbeitet.

Vielfalt an Autor*innen

Die Auswahl der Autor*innen für das Handbuch wurde mit Bedacht getroffen. Zwar sind diejenigen, die an anglophonen Universitäten des globalen Nordens arbeiten, immer noch überrepräsentiert, doch es wird ein Bemühen deutlich, Menschen mit möglichst verschiedenen Hintergründen eine Stimme zu geben – sei es Geschlecht, Herkunft oder beruflicher Status. Es sind sogar einige Beiträge von Studierenden zu lesen. Zudem gibt es Autor*innen, die nicht im akademischen Bereich arbeiten, sondern in Netzwerken oder Organisationen im Bereich Klimagerechtigkeit aktiv sind. Dadurch gelingt es dem Sammelband, nicht nur den akademischen Diskurs zu zeigen, sondern auch ein Verständnis für gelebte Klimagerechtigkeit zu vermitteln.

Eine Frage des Zugangs

Das Buch schließt mit einem Kapitel zu „Emerging Areas“. Hierbei geht es unter anderem in einem Beitrag von Sonja Klinsky um die Öffnung von Wissenschaft. Sie berichtet von ihren eigenen Erfahrungen, Forschungsmethoden neu zu denken, um eigene Vorurteile nicht von vornherein in Thesen und Forschungsfragen zu reproduzieren. Sie plädiert dafür, mehr Kooperationen einzugehen und den Menschen, die Zielgruppe von Studien sind, mehr Mitspracherecht und Raum zur eigenen Repräsentation zu geben.

Solidarische Kooperationen über Grenzen hinweg und auf Augenhöhe, das mache Klimagerechtigkeit aus, so Klinsky. Die Herausgeber haben sich bemüht, diesen Gedanken auch in der Konzeption des Sammelbandes umzusetzen – vollständig gelungen ist es ihnen allerdings nicht. Dies betrifft die Auswahl von Autor*innen aber letztendlich auch den Zugang zum Buch. Denn es ‚versteckt sich’ hinter einer Bezahlschranke von satten 123 englischen Pfund (~ 140 Euro) für die E-Book-Version bzw. 152 Pfund (~ 170 Euro) für das gedruckte Werk.

Rezension zu: Tahseen Jafry (Hg.): Routledge Handbook of Climate Justice. Routledge, 542 S., 2018.

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Südostasien: Vielen Menschen fehlt es noch immer am sicheren Zugang zu Lebensmitteln – ganz besonders Frauen und Kindern. Das Buch „Ensuring a Square Meal“ beleuchtet, welche Rolle Frauen für eine ausreichende Ernährung ihrer Familien spielen können – innerhalb sowie auch außerhalb der Familie.

Kürzlich wurde der Welternährungsbericht 2020 der Vereinten Nationen veröffentlicht. Eine der Hauptbotschaften ist: Die Zahl unterernährter Menschen steigt weiter an, vor allem in Asien. Die Gründe dafür sind vielfältig: Konflikte, extreme Klimasituationen, Wirtschaftskrisen. Durch die COVID-19-Pandemie, so der Bericht, drohe die Zahl der Hungernden weiter anzusteigen.

Lebensmittelkrisen gab es bereits in den Jahren 2008/2009 und 2012 – ausgelöst durch steigende Preise. Schon diese Krisen verschärften die Disparität zwischen Regionen in Südostasien, die vom schnellen wirtschaftlichen Wachstum der frühen 2000er Jahre profitierten, und jenen, auf die sich diese positiven Impulse nicht übertrugen. Obwohl einige Regierungen Mechanismen für Ernährungssicherung und nachhaltige Landwirtschaft etabliert haben, so bleibt doch die Gefahr von stark ansteigenden Preisen in einer unsicheren globalen Wirtschaftslage bestehen – auch darauf verweist der aktuelle Welternährungsbericht.

Frauen in den Fokus rücken

Aufgrund dieser Erkenntnis veranstaltete das Institute of Southeast Asian Studies (ISEAS) in Singapur bereits 2011 eine Konferenz, die sich mit der Rolle von Frauen für eine sichere Ernährung beschäftigte. Das Kompendium Ensuring a Square Meal: Women and Food Security in Southeast Asia ist eine Sammlung der Beiträge dieser Konferenz. Herausgegeben wurde das Buch von Theresa W. Devasahayam, die zu dieser Zeit in der Geschlechterforschung des ISEAS arbeitete und die Ungleichheit von Frauen im öffentlichen und privaten Raum untersuchte.

Im einleitenden Kapitel beschreibt die Herausgeberin, warum es notwendig ist, Ernährungssicherung in Südostasien aus Perspektive der Geschlechterforschung zu betrachten und richtet damit den Fokus auf ein bisher kaum erforschtes Gebiet. Dabei identifiziert Devasahayam ein wichtiges Paradox: Zusammen mit Kindern sind Frauen am meisten gefährdet, nicht genügend Nahrung zu erhalten. Gleichzeitig tragen sie aber signifikant zur Ernährung ihrer Familien sowie zur wirtschaftlichen und landwirtschaftlichen Entwicklung bei.

Überfälliger Perspektivenwechsel

In Südostasien leisten Frauen ungefähr 50 Prozent der landwirtschaftlichen Arbeit, wobei Devasahayam mit einer höheren Dunkelziffer rechnet, da die Arbeit von Frauen häufig als ‚Zuarbeit’ angesehen und deswegen nicht statistisch erfasst werde. Die Arbeit der Frauen sei zudem nicht nur bedeutend für die Produktion von Lebensmitteln sondern auch für deren Handel. Ihr Einkommen ermächtige Frauen dazu, Entscheidungen auf Haushaltsebene zu treffen, wie zum Beispiel zu Bildungsinvestitionen für die Kinder oder auch um lokale Wirtschaftsnetzwerke wie zum Beispiel Handelskooperativen zu fördern. Fallstudien zeigen außerdem, dass Frauen ihr Einkommen eher zum Wohlergehen der gesamten Familie einsetzen als Männer.

Warum haben Frauen trotzdem keinen sicheren Zugang Lebensmitteln? Als Gründe führt Devasahayam die allgemeine Lebensmittelknappheit an, den Mangel an Kaufkraft und die Zugangsbeschränkungen zu fruchtbarem Land. Diese Ressourcenprobleme haben auch Männer in Entwicklungsländern, für Frauen kommen jedoch strukturelle, politische, kulturelle und soziale Faktoren erschwerend hinzu. Beispielsweise seien häufig nur Männer die Zielgruppe von technischen Weiterbildungen und Wissenstransfer in der landwirtschaftlichen Entwicklung.

Die Beiträge des Buches arbeiten diese erschwerenden Faktoren heraus und verdeutlichen sie anhand von Fallbeispielen und wissenschaftlicher Literatur. Die Autor*innen stellen grundlegende Fragen zur Chancengleichheit auf Landbesitz, zu den Zugangskriterien zu landwirtschaftlichen Ressourcen und Services, zur Möglichkeit der wirtschaftlichen Organisation und Teilnahme an Programmen, zur Evaluierung von Gesetzgebungen und eben zu der Rolle, die Frauen in der Ernährungssicherung auf allen Ebenen spielen. Diese Leitfragen werden nicht nur im Hinblick auf die strukturelle Dichotomie zwischen Männern und Frauen analysiert sondern auch im Kontext der Sphären privat und öffentlich sowie der Annahme, dass es Überlappungen beider gibt.

Frauen ermächtigen und Ernährung sichern – Fallbeispiele

Das zweite Kapitel gibt einen Überblick über Definitionen, Annahmen und Bereiche, die die Ernährungssicherung beeinflussen. Die weiteren Artikel widmen sich überwiegend konkreten Beispielen aus Indonesien, Vietnam, Malaysia und den Philippen. Dabei werden verschiedene Lebensrealitäten betrachtet, wie zum Beispiel der Einfluss von Palmölplantagen auf Landrechte in Indonesien oder der Fakt, dass sich in Vietnam Maßnahmen zur Ernährungssicherung durch Reisanbau häufig ausschließlich an Männer richten, obwohl Männer und Frauen die Entscheidungen zur Produktion von Reis gemeinsam treffen.

Eine weitere Studie aus Vietnam zeigt, dass es dem Wohlergehen der Familie und ganz besonders der Ernährung der Kinder dient, wenn die Frauen gestärkt werden. Erforderlich sei dafür, dass Frauen die Möglichkeit haben, außerhalb des eigenen Haushalts zu arbeiten, um etwas dazuzuverdienen.

Ein anderes Beispiel aus Indonesien beschäftigt sich mit Frauen, die in Singapur arbeiten und dadurch indirekten Einfluss auf die landwirtschaftliche Entwicklung haben. Zwar betrachten die Frauen selbst die landwirtschaftliche Arbeit als wenig lukrativ und arbeiten deshalb für ein festes Einkommen im Ausland. Durch das Geld, das sie aber nach Hause schicken, tragen sie jedoch maßgeblich zur Ernährungssicherung und den landwirtschaftlichen Aktivitäten ihrer Familien bei.

Wissenschaftlich fundiert, doch leider nicht aktuell

Die Beiträge in den zehn Kapiteln dokumentieren wissenschaftlich fundiert den aktiven und großen Anteil, den Frauen an der Sicherung der Ernährung für ihre Familie und ganzer Dörfer haben. Gleichzeitig arbeiten die Beiträge auch heraus, an welchen Stellen Frauen strukturell benachteiligt werden, was wiederum dazu führt, dass ihnen die Werkzeuge fehlen, Lebensmittel zu produzieren, zu handeln und sich zu vernetzen.

Erwähnt sollte auch werden, dass die Beiträge des Buches vor inzwischen neun Jahren entstanden sind. Auch wenn der überwiegende Teil der Erkenntnisse vermutlich weiterhin relevant ist, wäre es wünschenswert, in dem Buch auch aktuellere Entwicklungen und Lebensrealitäten zu finden.

Trotzdem kann das Buch als deutlicher Appell an Entscheidungsträger*innen in Regierungen oder Projekten der Entwicklungszusammenarbeit gelesen werden, Frauen zu fördern und es ihnen zu ermöglichen, die Versorgung mit Lebensmitteln für ihre Familien sicherzustellen. Das würde einiges zur Armutsreduzierung beitragen.

Trotz der sozialwissenschaftlichen Natur des Buches ist es anschaulich und gut lesbar geschrieben. Das macht es nicht nur für Wissenschaftler*innen und Praktiker*innen im entwicklungspolitischen und politikgestaltenden Bereich zu einer spannenden und erkenntnisreichen Lektüre. Gleichzeitig zeigen die Ausführungen wieder einmal, wie signifikant und dennoch unterbeleuchtet die Rolle von Frauen in allen Entwicklungsbereichen eines Landes oder einer Region ist – und wie diese gleichzeitig durch die patriarchale Dichotomie unterminiert wird.

Rezension zu: Theresa W Devasahayam (Hg). Ensuring a Square Meal: Women and Food Security in Southeast Asia. World Scientific, 2018, 264 Seiten.

Dieser Artikel erschien zunächst in der südostasien Ausgabe 3|2020 – #SOAToo. Sexualisierte Gewalt und feministische Gegenwehr in Südostasien und ist Teil der südostasien – Sonderausgabe Buchmesse

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1 | 2019, Philippinen, Rezensionen, Sonderausgabe Buchmesse,
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Digitale Drecksarbeit

Philippinen: Junge Filipin@s gehen gemeinsam auf Wurzelreise und erkunden ihre Identität innerhalb der Diaspora und der philippinischen Heimat. Das Buchprojekt „Gemeinsam verschieden“ fasst ihre Erfahrungen zusammen

Das Sentro (Sentro ng Kultura at Wika ng Austria at Pilipinas), ein Zentrum für österreichische und philippinische Kultur und Sprache, das 2010 in Wien als eine gemeinnützige und nichtstaatliche Organisation gegründet wurde, arbeitet an verschiedenen Projekten. Dazu gehören Tagalog Sprachkurse, kulturelle Präsentationen, Vorträge über die Philippinen und die philippinische Gemeinschaft in Österreich sowie Sommercamps mit dem Ziel, die Bedeutung beider Kulturen für Kinder und Jugendliche hervorzuheben.

Aktuell hinzugekommen ist nun auch ein Buchprojekt. Dabei geht es um den Versuch, die eigene Identität zu definieren. Das Projekt zielt darauf ab, die Herausforderungen zu verstehen, denen sich junge philippinischen Österreicher*innen, philippinische Deutsche und Kinder aus bi-kulturellen Familien in einer Diaspora gegenübersehen. Arlene Castañeda, Ralph Chan und Joshua Makalintal sind Mitglieder des Teams, das die Herausgabe des Buches leitet und koordiniert. Sie geben im folgenden Interview nähere Auskunft über das Vorhaben.

Worum geht es in dem Buchprojekt inhaltlich?

Ralph Chan (RC): Personen mit Migrationshintergrund wie Austro-Filipinos und -Filipinas haben meist damit zu kämpfen, ihre eigene Identität bzw. ihr eigenes Ich zu entdecken. Es entstehen häufig Fragen wie: Wer bin ich, wo gehöre ich hin und was bin ich – ein Filipino oder eine Filipina oder doch ein Österreicher oder eine Österreicherin? Wann bin ich Europäerin und wann bin ich Asiate? Meine persönliche Ansicht ist, dass Identität wie ein Puzzle ist, das aus seltsam geformten, ineinander greifenden Mosaikteilen besteht, die zusammengesetzt gehören. In anderen Worten bedeutet dies: Um die eigene Identität verstehen zu können, muss jede*r die einzelnen Teile des Puzzles zusammensetzen, um das gesamte Bild zu sehen. Und das ist auch eines der Ziele unseres Sammelbandes mit dem Arbeitstitel Common diversities: Young Filipin@s in Austria and Europe/Gemeinsam verschieden. Junge Filipin@s in Österreich und Europa. Mit dieser Anthologie versuchen wir herauszufinden, wie die zweite und dritte Generation der österreichisch-philippinischen Gemeinschaft ihr tägliches Leben durch soziale, kulturelle, politische und wirtschaftliche Einflüsse erleben und wahrnehmen. Diese Veröffentlichung ist auch für den Herausgeber Sentro ein Meilenstein, da sie das 10-jährige Bestehen von Sentro markiert.

Welche Themen sollen insbesondere behandelt werden?

RC: Das Buch besteht aus drei Hauptkapiteln und mehreren Unterkapiteln, die in englischer, deutscher oder philippinischer Sprache verfasst werden, nämlich (1) Menschen & Gesellschaft, (2) Politik & Wirtschaft und (3) Kultur, die die Leser*innen als roter Faden durch das Buch führen sollen. Die Frage der Identität spielt in allen Kapiteln eine wichtige Rolle, da die Zielgruppen für dieses Buch die heutigen Jugendlichen und auch ihre Eltern sind. Die Kapitel sind sehr vielfältig: Es beginnt bei der Frage, warum es nur wenige österreichisch-philippinische Wissenschaftler*innen oder Expert*innen in Österreich gibt und geht weiter zum Thema, wie das Matriarchat die philippinische Gesellschaft wirklich beeinflusst. Weiter wird behandelt, wie politischer Aktivismus tatsächlich gelebt oder wie das philippinische Essen als food heritage in der österreichischen Küche neu interpretiert wird. Weitere Themen, die auch besprochen werden, sind zum Beispiel, wie wichtig ist es, dass Mütter ihren Kindern Tagalog beibringen oder wie relevant Pamahiins (Tagalog für Aberglaube) bis heute sind.

Joshua Makalintal (JM): Ein Beispielthema ist die Diasporapolitik. Unser Kapitel (Autoren Joshua Makalintal und Christopher Chanco) behandelt die Beziehung zwischen der philippinischen Diaspora und dem populistischen Autoritarismus auf den Philippinen. Wir analysieren, warum der derzeitige Präsident Rodrigo Duterte unter den Auslandsfilipinos und Auslandsfilipinas in Nordamerika, Europa und dem Nahen Osten große Unterstützung bekommt. Im Kapitel wird über den Diaspora-Nationalismus gesprochen, welcher eine Identitätspolitik ist, die im Kampf gegen soziale und wirtschaftliche Ungerechtigkeit in den westlichen Demokratien mobilisiert wird. Diese Identitätspolitik kann sich auch in Richtung einer reaktionären Politik im Heimatland entwickeln. Zum Schluss kommen einige persönliche Reflexionen über die Erfahrungen der Autoren als first generation immigrants, die in Kanada und Österreich leben.

Wer sind weitere Autor*innen, die zum Buchprojekt beitragen?

RC: Die Autor*innenschaft setzt sich aus verschiedenen philippinischen, österreichischen und deutschen Akademiker*innen und Interessent*innen zusammen. Die Autor*innen kommen aus den Philippinen, Österreich oder Deutschland, manche leben aber auch in anderen Ländern wie Kanada. Das Buchprojekt wird inhaltlich wie auch organisatorisch von acht Wissenschaftler*innen und Expert*innen unterstützt, die weltweit an den verschiedensten Forschungsinstitutionen tätig sind wie der Universität Wien (Österreich), der Humboldt-Universität Berlin (Deutschland), der Universität Canberra (Australien), der Universität Ateneo de Manila und der Universität Santo Tomas (Philippinen). Sie helfen uns dabei, das Buchprojekt als wichtige Pionierarbeit der Diaspora Filipinos und Filipinas zu positionieren.

An wen wendet sich das Buch als Leser*innenschaft?

RC: An alle Interessierten der österreichisch-philippinischen Diaspora. Der Verein Sentro ng Kultura at Wika ng Austria at Pilipinas beschäftigt sich schon lange mit Integrationsfragen. Junge Austro-Filipin@s der zweiten und dritten Generation berichten, wie die in der Diaspora lebenden Jugendlichen oder jungen Erwachsenen ihre Realität wahrnehmen und über ihr Leben nachdenken. Es werden Momentaufnahmen dargestellt und persönliche Geschichten erzählt. Der Sammelband bietet keine wissenschaftliche Publikation, sondern eine persönliche Reflexion basierend auf wissenschaftlichen Fakten, die aber aus den Augen der Autor*innen erzählt werden.

Warum hat Sentro dieses Projekt in Angriff genommen?

Arlene Castañeda (AC): Ich habe drei Kinder, die mittlerweile junge Erwachsene sind und ihren eigenen Weg gehen. Meine Kinder sind mit philippinischen und österreichischen Werten groß geworden. Es ist mir sehr wichtig, in der Familie Respekt und Toleranz für alle ungeachtet von Herkunft und Glauben zu leben und diese Werte vor allem an Kinder und Jugendliche zu übermitteln. Aber gerade in dieser Zeit erleben unsere Kinder die Gefährdung dieser Werte. Mit diesem Buch verbunden ist mein persönliches Anliegen, dass die Jugendlichen ihre Herkunft und ihre Geschichten selbst erzählen. Ich bin überzeugt, dass sie am besten ihre eigene Collage aus Überzeugungen, Träumen, Erfahrungen und Einsichten malen können. Ich möchte, dass andere Kinder und Jugendliche aus verschiedenen Kulturen über Erfahrungen Bescheid wissen, um ein besseres Verständnis füreinander zu schaffen.

Welche Erwartungen und Ziele verbindet Sentro mit dem Buchprojekt?

AC: Ich erwarte, dass die Jugendlichen ihre eigene Herkunft und Geschichte reflektieren. Dieses Buch soll eine (kulturelle) Momentaufnahme für sie selbst und die Kinder anderer Kulturen sein und der Versuch, die eigene Identität zu definieren. Es geht um den Wunsch, anderen zu vermitteln: „Ich bin allein dafür verantwortlich, die Bestandteile meiner Identität zu bestimmen, und ich nehme jede Herausforderung an, ob äußerlich oder innerlich, um diese Identität zu formen und mit Stolz zu leben.“

Das Hauptanliegen von Sentro ist die Vermittlung der philippinischen Kultur an Kinder und Jugendliche und wir sind überzeugt, dass dieses Buchprojekt dies unterstützt. Zusätzlich hat dieses Buchprojekt eine neue Dynamik unter jungen Menschen und den Akademiker*innen und Wissenschaftler*innen erzeugt.

JM: Das Buchprojekt ist eine Anthologie, die die Erfahrungen und Gedanken der philippinischen Diaspora in Österreich und der deutschsprachigen philippinischen Community darstellt. Ein Teil des Buches konzentriert sich beispielsweise auf die Politik, wobei die gesellschaftlichen Konflikte und Diskurse rund um die aktuelle Situation auf den Philippinen in den Mittelpunkt gestellt werden. Die aktuellen Entwicklungen haben zu Spannungen unter den Filipinos und Filipinas sowohl im Land selbst als auch im Ausland geführt. Die Rolle der Diaspora ist daher besonders wichtig, da sie paradoxerweise eine der Schlüsselkräfte hinter dem Aufstieg von Duterte, als auch ein wichtiger Akteur des Dissenses ist. Dieses Buch, insbesondere das Kapitel von mir und Chanco, soll die Leser*innen über dieses wichtige Thema aufklären.

Wann und wie soll das Buch erscheinen?

RC: Das Buch wird im Herbst 2021 erscheinen. Weitere Informationen zum Buch gibt es beim Sentro. Spannende Infos zur europäisch-philippinischen Diaspora finden sich im e-Magazin Roots and Wings.

Dieser Artikel erschien zunächst in der südostasien Ausgabe 4|2020 – Diaspora – Community beyond borders und ist Teil der südostasien – Sonderausgabe Buchmesse

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1 | 2019, Philippinen, Rezensionen, Sonderausgabe Buchmesse,
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Digitale Drecksarbeit

Philippinen: „In the Country“ von Mia Alvar führt die Protagonist*innen von Manila nach Bahrain und New York. Anhand ihrer Schicksale erzählt Alvar, wie Arbeitsmigration und Auswanderung nicht nur das Leben von zahlreichen Filipin@s prägen sondern die gesamte philippinische Gesellschaft.

Während Sally in Bahrain die beeinträchtigte Tochter von Mrs. Mansour betreut, putzt ihre Freundin Minnie das Haus der reichen Dame. Esmeralda macht seit fast zwanzig Jahren in New Yorker Haushalten und Büros sauber. Andoy arbeitet als Chauffeur in Saudi Arabien, während die Krankenschwester Milagros gar nicht daran denkt, die Philippinen zu verlassen. Sie alle kennen einander nicht und dennoch kreisen ihre Geschichten um dasselbe Thema: Auswanderung und Arbeit im Ausland – sei es als Notwendigkeit, um Geld für die Familie zu verdienen, als Erfüllung eines persönlichen Traums oder als Option, die immer wieder die eigenen Gedanken kreuzt.

In den neun Kurzgeschichten von In the Country schlüpft Mia Alvar in verschiedene Figuren und kann so ganz unterschiedliche Erzählperspektiven einnehmen. Damit gibt sie die Vielschichtigkeit der philippinischen Communities im Ausland wieder, zeigt deren Beweggründe, Sorgen und Lebenswelten. Keine Person ist wie die andere, keine Geschichte wiederholt sich. Zwar sind die Protagonist*innen fiktive Figuren. Doch ihre Schicksale lassen sich durchaus im realen Leben finden. Die Autorin kann selbst von einer Migrationsgeschichte erzählen: in Manila geboren, ist sie in Bahrain und New York City aufgewachsen, wo sie heute noch lebt.

Zwischen zwei Welten

Welche philippinische Familie kennt sie nicht, die balikbayans, die Rückkehrer, mit ihren Geschichten und Geschenken aus einer anderen Welt? Balikbayans wie Steve in der Geschichte The Kontrabida, der in New York als Apotheker arbeitet und in Manila seine alternde Mutter und den sterbenden Vater besucht. Schmerzvoll sieht er seiner Mutter dabei zu, wie sie den Vater umsorgt, trotz aller Erniedrigungen, die dieser ihr getan hat. Fast schüchtern bewegt sich Steve im Haus seiner Kindheit. Im Hof, in dem er einst spielte, steht nun ein Sari-Sari-Store, jener typisch philippinische Gemischtwarenladen. Es waren seine Rücküberweisungen, die den Eltern das Geschäft ermöglicht haben. Nun sieht er dabei zu, wie seine Mutter abwechselnd die Kundschaft, den Vater und auch noch ihn bedient. Seinen Verwandten und Freunden erzählt er, was sie hören möchten: Dass er das philippinische Essen vermisse, die Leute und das Land. In seinem Inneren ist er jedoch ein Fremder, der sich in New York mittlerweile mehr Zuhause fühlt als in Manila.

Gespaltene Community

Bahrain hingegen wird für die Protagonist*innen nie zu einem dauerhaften Zuhause. Das Land ist lediglich ein Zwischenstopp auf der Reise in ein weiteres Land, etwa in die USA, oder ein temporärer Arbeitsaufenthalt, der von der ständigen Sehnsucht nach den Philippinen geprägt ist. In der Geschichte Shadow Families haben sich mehrere Familien zusammengetan, um einmal in der Woche die philippinische Lebensweise in den Wüstenstaat zu holen – in Form einer Party mit Essen und Karaoke. Es gibt Glücksspiel und Bier für die Männer und tschismis, Klatsch und Tratsch, für die Frauen. Geselligkeit als Mittel gegen das Heimweh. Aber auch in dieser Parallelwelt sind nicht alle gleich. Die philippinischen Migrant*innen unterscheiden sich in ihrer sozialen Herkunft, ihrem Gehalt, ihrem Aufenthaltsstatus und dem Arbeitsverhältnis. In fast peinlich berührter Weise sind ihnen diese Unterschiede bewusst. Auf der einen Seite sind da jene, die zusammen mit ihren Familien kamen und nun in großen Häusern leben, und auf der anderen die, die alleine kamen und tagsüber in reichen Haushalten fremde Kinder hüten und nachts eine Wohnung oder ein Zimmer mit anderen Haushaltsgehilfen teilen.

Kommunikation über 5000 Meilen hinweg

Andoy, Protagonist in A Contract Overseas, ist der Meinung, dass Auswanderung nun, da er Vater sei, die beste Option sei. Das verkündet er seiner Schwester, aus deren Perspektive die Geschichte erzählt ist. Sie bleibt auf den Philippinen zurück, während er nach Saudi Arabien geht, wo er unter anderem die College-Gebühren für seine Schwester verdienen möchte. Sie solle ein richtiges Studentenleben führen können, meint er. In ihren Briefen an ihn lässt sie aus Rücksicht vieles unausgesprochen: „I must have wanted him to feel, 5000 miles away, that he was working hard toward a good cause.“ In regelmäßigen Abständen kommen Andoys Arbeitskollegen zu ihr, jene carabaos, die stellvertretend für andere Geld und Geschenke an die Angehörigen verteilen. Die Gesundheit und Freude dieser Boten signalisiert den Familien, dass es ihren eigenen Brüdern, Vätern und Söhnen ebenfalls gut gehe. Doch nicht immer gelingt es, die Sorgen und Ängste zu zerstreuen.

Geschichten und Geschichte

In einigen Erzählungen des Buches verbinden sich persönliche Geschichten mit historischen und politischen Begebenheiten. So lässt Esmeralda im Schatten der Ereignisse um den 9. September 2001 ihre Ankunft in New York und ihre Stationen in der Stadt Revue passieren. Die Titelgeschichte In the Country führt zurück in die Zeit der Marcos-Diktatur. Die Krankenschwester Milagros, eher unpolitisch und an den Unruhen der beginnenden 1970er wenig interessiert, organisiert einen Streik des Krankenhauspersonals. Ihre Geschichte wird bis zur People Power Revolution im Februar 1986 und somit bis zum Sturz Marcos weitererzählt.

Die Lektüre des Buches In the Country ist kurzweilig und berührend. Die Schicksale und Gefühlswelten der Protagonist*innen geben kleine Ausschnitte vom Bild einer Gesellschaft wieder, die von Auswanderung und Arbeitsmigration geprägt ist. Zusammen ergeben sie ein Puzzle, das sich um viele weitere Geschichten aus dem fiktiven oder realen Leben erweitern lassen könnte.

Rezension zu: Mia Alvar. In the Country. Stories. Alfred A. Knopf. 2015. 368 Seiten

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1 | 2019, Philippinen, Rezensionen, Sonderausgabe Buchmesse,
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Digitale Drecksarbeit

Philippinen: Die Corona-Pandemie wird auf den Philippinen hauptsächlich mit Einschüchterung und Waffengewalt ‚bekämpft’. Die Arte-Reportage „Dutertes Methoden im Schatten des Virus“ gibt einen Überblick.

„I will not hesitate to order my soldiers to shoot you” – Das ist der erste Satz, mit dem Rodrigo Duterte, seit 2016 Präsident der Philippinen, in der Reportage auftritt. Dieser eine Satz fasst gut zusammen, worauf die philippinische Regierung bei der Bekämpfung der Corona-Pandemie ihren Fokus richtet. Statt einer solidarischen Strategie, die sich an den Lebensrealitäten von Millionen Menschen im Inselstaat orientiert, werden militärische Gewalt und polizeiliche Patrouillen in einem der längsten Lockdowns der Welt durchgeführt. Diese sollen die Einhaltung der nächtlichen Ausgangssperre überprüfen, bei der Personen unter 21 und über 60 Jahren nicht das Haus verlassen dürfen. Während der Sperrstunde ist es nur Menschen, die einer Lohnarbeit nachgehen, gestattet, sich draußen aufzuhalten. Dass diese Regelungen für viele Menschen schlichtweg nicht einzuhalten sind, ist dabei Nebensache.

Grundsätzlich hat das Wohl der Bevölkerung keine Priorität – die Pandemie forderte bislang über 7.000 Menschenleben, das Gesundheitssystem kam an seine Grenzen. Die Maßnahmen brachten vor allem einen Einbruch der Wirtschaft mit sich, Millionen von Menschen wurden arbeitslos und gleichzeitig werden Kritiker*innen und politische Gegner*innen verstärkt verfolgt, eingeschüchtert und ermordet.

Menschen an der Belastungsgrenze

Das medizinische Personal, das wie in anderen Ländern an der Belastungsgrenze arbeitet (vgl. Artikel Pflegekräfte in der Corona-Pandemie auf suedostasien.net), sieht sich dabei mit Schmähkampagnen und Drohungen konfrontiert. Dank für medizinisches Personal sei unnötig, so die Argumentation, da dieses für ihre Arbeit schließlich bezahlt würde und also ihren Job machte. Diese Aussagen zeigen den Diskurs, bei dem sich die Kritik der Lohnarbeitenden häufig nur gegeneinander richtet und selten ‚nach oben’ zielt – gegen die besitzende Klasse und die Regierung, die diese Klasse schützt.

Die Reportage folgt außerdem einem Priester, der in Caloocan, einem Stadtteil Manilas, bei Sterbefällen Trost spendet. Denn nicht nur Corona-Tote hat das Land zu beklagen. Auch Menschen, die in Krankenhäusern aufgrund der fehlenden Kapazitäten abgewiesen werden, sterben.

„Bald wird dies die Pandemie des Hungers sein“

Darüber hinaus verteilt der engagierte Priester Essenspakete an Menschen, die auf der Straße leben. Die Zahl der hungernden und obdachlosen Menschen steigt stetig. Die Pandemie hat die Armut extrem verschärft, etwa 27 Millionen Menschen sind auf den Philippinen mittlerweile arbeitslos. Zusätzlich steige die Zahl der psychischen Erkrankungen und Suizidversuche aufgrund der scheinbar ausweglosen Situation, der fehlenden Unterstützung durch die Regierung und der steten Angst vor dem Virus, so der Priester.

Aber auch Widerstand regt sich. Um dies zu zeigen, begleitet die Reportage Mitglieder der selbstorganisierten Gruppe Piston. In ihr haben sich Fahrer*innen der typischen philippinischen Kleinbusse, der genannten Jeepneys, organisiert.

Da die Regierung wegen der Corona-Pandemie die Jeepneys mit ihren bis zu 14 Sitzplätzen verboten hat, haben tausende Jeepney-Fahrer*innen auf unbestimmte Zeit ihren Job verloren. Seit sechs Monaten harren sie nun aus, ohne Einnahmen, ohne finanzielle Unterstützung durch die Regierung und ohne Rücklagen, die sie bei ihrem ohnehin geringen Einkommen nicht haben können. In der Reportage kommen einige von ihnen zu Wort. Um zu überleben, bitten sie Freund*innen um Lebensmittel, betteln an den nur noch von Privatautos befahrenen Straßen, schlafen und leben in ihren ungenutzten Jeepneys. Auch an diesem Verbot sieht man einmal mehr, dass die Regelungen zur Pandemie Menschen unterschiedlich hart treffen. Wer sich ein Privatauto leisten kann, ist weiterhin mobil, wer öffentliche Transportmittel bedient oder nutzt, hat es mit existenziellen Problemen zu tun – und wird damit allein gelassen.

„Duterte ist ein faschistischer Diktator“

Daher organisieren sich die Jeepney-Fahrer*innen in der Gruppe Piston. Sie mobilisieren und demonstrieren gegen die Maßnahmen der Regierung, fordern Gerechtigkeit und die Absetzung Dutertes. „Duterte tuta diktador pasista“, „Duterte ist ein faschistischer Diktator“, steht auf einem der Protestschilder, die sie hochhalten. Aber Widerstand wird in den Philippinen nicht gern gesehen – statt Hilfsleistungen zu erhalten wurden sechs Demonstrierende aufgrund angeblicher Missachtung der Abstandsregeln festgenommen und berichten in der Reportage nach ihrer Freilassung, dass sie während der sechstägigen Haft gefoltert worden seien. Darüber hinaus seien sie in der Haft mit weiteren Insassen zusammengepfercht gewesen – Abstandsregeln und Infektionsschutz habe es in den Gefängnissen nicht gegeben.

Dieser Umgang mit kritischen Stimmen ist nicht neu: 185 Aktivist*innen wurden bereits während der Amtszeit Dutertes ermordet. Diese Morde kommen zu den tausenden Toten hinzu, die der sogenannte Krieg gegen die Drogen bisher verursacht hat. Auch hier gilt, dass Gesundheitsfragen mit Einschüchterung, Gewalt und Mord beantwortet werden. Was momentan selten erwähnt wird, ist die Tatsache, dass diese Morde weiterhin passieren, auch wenn die Pandemie derzeit alle Aufmerksamkeit auf sich zieht.

Die Pandemie bietet der Regierung zudem die Gelegenheit, Massenveranstaltungen wie zum Beispiel die Demonstration von Piston zu verbieten – unter dem Vorwand des Infektionsschutzes. Dabei sind diese Protestaktionen wichtiger denn je. Auch Generalsekretärin der Menschenrechtsorganisation Karapatan, Christina Palabay, kommt in der Reportage zu Wort. Sie berichtet von Einschüchterungsversuchen und Drohungen von Seiten des Militärs und der Polizei. Eine ihrer Freundinnen, die Aktivistin Zara Alvarez, wurde im August 2020 erschossen, nachdem sie zahlreiche Morddrohungen aufgrund ihrer politischen Tätigkeiten erhalten hatte.

Die ARTE-Reportage bietet einen guten ersten Überblick über die derzeitige Situation in den Philippinen und kann vor allem für Menschen, die sich noch nicht intensiv mit dem Inselstaat auseinandergesetzt haben, eine hilfreiche Orientierung bieten. Verschiedene Akteur*innen berichten aus unterschiedlichen Perspektiven über die Pandemie. Das Gesamtbild der Situation in den Philippinen ist erschreckend. Zugleich ist es eine Zuspitzung der langjährigen autoritären und faschistischen Politik Dutertes und seiner Verbündeten. Die Corona-Pandemie ermöglicht es ihnen, unter dem Vorwand des Infektionsschutzes die Rechte der Bevölkerung weiter zu beschneiden, sie in Kriminalität zu zwingen, ihnen die Lebensgrundlage zu entziehen und linke Aktivist*innen zu verfolgen und zu ermorden. Während die Reichen weiterhin Partys feiern und in Privatautos durch Manila fahren, werden die Armen gegängelt, ihrer Perspektiven und Lebensgrundlagen beraubt. Solange das kapitalistische und faschistische System in den Philippinen aufrechterhalten wird, wird auch das Virus einen Schaden anrichten, der dem Schaden, den die herrschende Klasse und die philippinische Regierung verursacht, in nichts nachstehen wird.

Rezension zu: Dutertes Methoden im Schatten des Virus, ARTE-Reportage, 24 Minuten, 2020

Dieser Artikel erschien zunächst in der südostasien Ausgabe 1|2021 – Corona – Ein Jahr später, und immer noch mittendrin und ist Teil der südostasien – Sonderausgabe Buchmesse

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1 | 2019, Philippinen, Rezensionen, Sonderausgabe Buchmesse,
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Digitale Drecksarbeit

USA/Deutschland/Philippinen: Der Film „Quezon’s Game“ behandelt historische Aspekte, die bisher noch wenig bekannt sind: die amerikanische Besatzung der Philippinen, die Präsidentschaft von Manuel Quezon und die Aufnahme jüdischer Flüchtlinge während des Nazi-Regimes.

Quezon’s Game thematisiert das Leben und die Präsidentschaft von Manuel L. Quezon, gespielt von Raymond Bagatsing. Der Anwalt und Politiker Quezon war ab 1935 Staatspräsident der Regierung des Commonwealth der Philippinen, so die Bezeichnung des Landes in der Zeit der Teilautonomie von 1935 bis zur Unabhängigkeit 1946. Allerdings floh Quezon 1941 vor den japanischen Besatzern in die USA und führte die Exilregierung dort weiter.

Amerikanische Besatzer und die Rettung von jüdischen Flüchtlingen

Im Mittelpunkt des Filmes stehen die amerikanische Kolonialzeit sowie Quezons Plan, Menschen jüdischen Glaubens, die vor dem deutschen Nazi-Regime fliehen müssen, in den Philippinen aufzunehmen. Dabei geht der Film auf historisch interessante Aspekte ein: Es wird gezeigt, wie Manuel L. Quezon mit seinem Militärberater Dwight Eisenhower, der später der 34. Präsident der Vereinigten Staaten wurde, und anderen wichtigen Personen den Rettungsplan entwarf und den Flüchtlingen auf den Philippinen Schutz gab.

Der Film macht deutlich, wie schwierig diese Aufgabe war, da die Philippinen zu diesem Zeitpunkt unter der Kontrolle der Vereinigten Staaten standen und alle Fragen der philippinischen Außenpolitik vollständig in den Händen des US-Außenministeriums lagen. Das Commonwealth der Philippinen hatte seine eigene Verfassung und verwaltete sich selbst. Die Außenpolitik und militärische Angelegenheiten fielen aber in die Zuständigkeit der Vereinigten Staaten. Auch Angelegenheiten der Einwanderung, des Außenhandels und Währungssystems mussten vom US-Präsidenten genehmigt werden. Alles, was Quezon machte oder entschied, musste zuerst von der amerikanischen Regierung bestätigt werden. Der Film zeigt diese Abhängigkeit sehr gut.

Neben Quezon spielt Dwight Eisenhower im Film eine signifikante Rolle. Eisenhower, damals Major unter dem Kommando von Douglas MacArthur, diente vier Jahre lang auf den Philippinen als Militärberater der philippinischen Regierung. MacArthur, General der Armee der Vereinigten Staaten sowie Feldmarschall der philippinischen Armee, unterstützte Eisenhower sowie Major James Ord. Sie wurden von Präsident Franklin D. Roosevelt angeheuert, um die US-Regierung zu einer Erhöhung der Visaquote des Landes zu bewegen. Das gestaltete sich jedoch schwierig, da Antisemiten in der Roosevelt-Regierung aus vorgeschobenen Gründen der nationalen Sicherheit Visa- Anträge blockierten. Letztlich wurde Quezons Plan, 10.000 Jüdinnen und Juden zu retten, durch die japanische Invasion der Philippinen zunichte gemacht, nur rund ein Zehntel konnte zuvor aufgenommen werden.

Obwohl die Zahl der in den Philippinen aufgenommenen Flüchtlinge im weltweiten Vergleich eher bescheiden war, war die kleine jüdische Gemeinde von Manila von den 1.200 Geflüchteten überwältigt. Denjenigen, die sich in Manila niederließen, wurde bei der Arbeits- und Wohnungssuche geholfen. Der Rettungsplan wurde aber nicht nur positiv aufgefasst. Zum Beispiel wird Emilio Aguinaldo [1899 bis 1901 Präsident der Ersten Philippinischen Republik] nachgesagt, antisemitische Überzeugungen gehabt zu haben und gegen Quezons Rettungsplan gewesen zu sein.

Quezon – ein Held ohne Makel?

Quezon hat in der kritischen Zeit des Commonwealth der Philippinen, das als Vorbereitung für die philippinische Unabhängigkeit eingerichtet wurde, die Zukunft des Landes stark geprägt: von der Proklamation der Landessprache über die Agrarreform bis hin zur Frage der Unabhängigkeit. Die Rettung der geflüchteten Jüdinnen und Juden war eines seiner großen Verdienste.

Der Film zeigt Quezon als einen noblen politischen Akteur, der Visa für die jüdischen Flüchtlinge aus Washington beschaffte. Charakterisiert wird er als ein Scotch trinkender, Poker spielender Staatsmann mit Filmstar-Charisma, der von der Bevölkerung angehimmelt wird. Außerdem thematisiert der Film auch Quezons Tuberkuloseerkrankung, an der er 1944 im amerikanischen Exil verstarb – ohne die Philippinen jemals unabhängig erlebt zu haben.

Quezon’s Game hebt verständlicherweise seine politischen Errungenschaften hervor. Seine Politik darf aber nicht unreflektiert bleiben. Denn makellos war sie nicht – was der Film aber leider nicht thematisiert. Beispielsweise führte Quezon im Wahlkampf Schmutzkampagnen gegen seine Kontrahenten wie Emilio Aguinaldo, der von 1899 bis 1901 Präsident der Ersten Philippinischen Republik war und sich 1935 noch einmal zur Wahl für das Präsidentenamt gestellt hatte.

Ungenauer historischer Kontext

Problematisch ist auch die Rolle von Dwight Eisenhower in Quezon’s Game. Im Film hat er eine gewichtige und unterstützende Funktion. Die Meinungen dazu sind aber verschieden: Zwar war Eisenhower auf den Philippinen und auch eng mit Quezon befreundet. Es ist jedoch ein Mythos, dass er bei der Befreiung der Jüdinnen und Juden so stark involviert war.

Überhaupt zeigt der Film ein viel zu schönes und einseitiges Bild vom Manila der damaligen Zeit. Der Film spielt nur in einem gepflegten Teil der Stadt, wo die gehobene Klasse lebte. Andere Gegenden sind nicht zu sehen. Das hätte aber dabei geholfen, ein besseres Bild der Stadt auch im Hinblick auf die historische Kontextualität zu erhalten. Denn die jüdischen Flüchtlinge sind nicht, wie im Film, in den guten Gegenden der Stadt untergekommen sondern in den eher ärmlichen.

Trotz dieser Kritik ist Quezon’s Game sehenswert. Der Film ist einerseits interessant wegen der historischen Aufarbeitung, wegen des Inhalts und der schauspielerischen Leistung, anderseits auch wegen der genannten Kritikpunkte, die man durchaus diskutieren kann. Hinzu kommt, dass das Thema des Films sehr aktuell ist. Angesichts der globalen politischen Berichterstattung stellt sich auch heute die Frage: Gibt es Politiker*innen, die den Mut haben, Menschen, die in Not sind, eine Bleibe zu geben?

Rezension zu: Quezon’s Game. Regie: Matthew Rosen. ABS-CBN Film Production, Kinitek Productions. 125 min. 2018

Dieser Artikel erschien zunächst in der südostasien Ausgabe 3|2021 – Kolonialismus in Südostasien – Das Aushandeln von Erinnerungen und ist Teil der südostasien – Sonderausgabe Buchmesse

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Digitale Drecksarbeit

Südostasien: In drei Comics arbeiten Autor*innen ihre persönliche und kollektive Vergangenheit auf und setzen auf die Kraft der visuellen Sprache. Ihre Bilder sind mehr als reine Illustrationen des Textes. Sie stellen dar, was sich schwer in Worte fassen lässt.

Comics wurden lange nicht als seriöse Literatur, sondern als ein Unterabschnitt der literarischen Produktion gesehen, der sich vor allem an Jugendliche und ewige Teenager richtet. Diese Wahrnehmung hat sich in den letzten Jahren geändert und die Geschichten der Comics sowie ihrer Autor*innen sind diverser geworden. Außerdem zeigen sich Comics mit der faszinierenden Kombination von Bildern und Text als wirkungsvolles Medium für die Analyse von Zugehörigkeit, die Untersuchung von Geschichte und die Aufarbeitung von Traumata.

Die Autor*innen der drei hier rezensierten Comics verwenden diese wirkungsvolle Kombination, um überwältigende historische Veränderungen aufzuarbeiten und darzustellen. Das ist eine relativ neue Entwicklung. Es verwundert also nicht, dass die Impulse dazu von außen kommen: Die drei Autor*innen sind Kinder ausgewanderter Eltern. Sie gehören zu einer Generation, die im Ausland aufgewachsen ist. Zwar unterscheiden sie sich in Bezug auf Blickwinkel, Distanz zum Thema und stilistische Entscheidungen. Der künstlerische Schaffensprozess gilt aber bei allen Dreien als eine Art Therapie, um die persönliche und kollektive Vergangenheit zu bewältigen.

Revolution und Popkultur

Duran Duran, Imelda Marcos and Me von der philippinisch-kanadischen Autorin Lorina Mapa ist eine Erinnerung an ihre Kindheit in den 1980er Jahren in Manila. Die Zeichnungen erinnern an den Stil von Persepolis von Marjane Satrapi. Die schwarz-weißen Zeichnungen stellen das Alltagsleben einer philippinischen Großfamilie aus der oberen Mittelschicht dar. Im Fokus stehen die politischen Ereignisse, die zum Sturz von Ferdinand Marcos führten: das Attentat auf Benigno Aquino Jr., die vorgezogenen Wahlen von 1986 und die darauf folgenden Massenproteste gegen die manipulierten Ergebnisse. Das Ausmaß dieser Demonstrationen und deren Erfolg hat die Autorin auch in den Bildern hervorgehoben. Wenn sie von der ‚Gelben Revolution‘ erzählt, dann ist es das einzige Mal, dass sie andere Farben als die Schwarz-, Weiß- und Grautöne benutzt, die das ganze Buch bestimmen.

Ähnlich dem oben erwähnten Persepolis ist das Buch mehr als eine Chronik seiner Zeit. Es ist auch eine Coming of Age-Geschichte mit viel Unbeholfenheit, fragwürdigen ‚Frisur-Wahlen‘ und ‚celebrity crushes‘. Amerikanische Pop-Kultur ist ein entscheidender Einfluss. Lorina Mapa fügt dem Buch sogar eine Playlist mit Liedern aus den 1980er Jahren bei, von Bands wie The Smiths, Depeche Mode oder eben Duran Duran. Die Familie Mapa durchläuft einen radikalen politischen Wandel vom ‚konstitutionellen Autoritarismus’ von Marcos zur demokratischen fünften Republik der Philippinen. Der Verlust, der zum Auslöser des Schreibens wird, liegt jedoch auf der persönlichen Ebene. Es ist der Tod von Mapas Vater, der die Erinnerung wachruft und die Erzählung einrahmt.

Das Persönliche ist politisch

In Year of the Rabbit (im Original L´année du Lièvre) geht die Tragödie weit über das Persönliche hinaus. Der französisch-kambodschanische Grafiker und Illustrator Tian Veasna verarbeitet darin seine Familiengeschichte, die eng mit der Schreckensherrschaft der Roten Khmer verbunden ist. Oder anders herum: Er erzählt von dieser Zeit anhand der persönlichen Erfahrungen seiner Familie. Er selbst wurde in den ersten Tagen der Machtübernahme der Roten Khmer geboren. Zwar kommt er in der Geschichte vor, die Perspektive ist aber nicht seine, sondern die des allwissenden Erzählers. Anders als beim episodischen Ansatz von Lorina Mapa folgt die Erzählung hier einer relativ traditionellen Chronologie: der Fluchtversuch aus Phnom Penh, die Gefangennahme, das Leben im Arbeitslager und am Ende die Befreiung und die Ausreise nach Thailand.

Eine interessante Ergänzung sind die einzelnen Tafeln, die am Beginn der Kapitel weitere Hintergrundinformationen zum politischen Wandel und zur Alltagsrealität geben. Sie sind eine kreative Mischung aus Karten, revolutionärer Propaganda oder Skizzen des Lagerlebens und verbinden das Persönliche mit dem Allgemeinen. Sie verankern die Geschichte in der historischen Realität. Für die Tafeln verwendet Tian Veasna eine markante grau-grüne Färbung. Diese passt reibungslos zur Farbpalette des Buches und geht künstlerisch über die rein narrative Wiedergabe hinaus. Veasna verzichtet gelegentlich auf Wörter und lässt allein die Bilder das andauernde Grauen und Entsetzen vermitteln. Hier bildet die Tragödie den Rahmen der Erzählung: Das Buch beginnt mit einer Zeichnung des Stammbaums, und endet auch mit ihr. Dann aber mit einer kleinen Veränderung. Einige Porträts sind jetzt einfach grau: greifbare Verluste durch das schreckliche Regime.

Übermittlung des Unglücks

In The Best We Could Do der vietnamesisch-amerikanischen Thi Bui ist der Katalysator des Rückblickes keine Tragödie sondern ein Wunder. Es ist das Wunder der Geburt ihres ersten Kindes. Angesichts der eigenen Mutterschaft untersucht die Autorin ihre Beziehung zu ihrer Mutter und zu ihrer Familiengeschichte. Obwohl der amerikanische Krieg eine entscheidende Rolle spielt, werden die traumatischen Erfahrungen der Vergangenheit hier nicht von einem konkreten, Leben verändernden Ereignis hervorgebracht, sondern eher von einer Reihe von individuellen Erlebnissen, die die Familienmitglieder generationsübergreifend weiterverfolgen.

Thi Bui stellt die erheblich unterschiedlichen Herkunftsgeschichten ihrer Eltern getrennt dar. Die Mutter wuchs in einer wohlhabenden Familie in Südvietnam auf, der Vater in einem armen nordvietnamesischen Dorf. Begegnet sind sie sich bei der Lehramtsausbildung an einer renommierten Schule in Saigon. Thi Bui wurde kurz vor dem Fall von Saigon geboren – an einem historischen Wendepunkt wie auch Tian Veasna. Der letzte Teil der Geschichte folgt der Biografie vieler Boatpeople: die Flucht, eine riskante Reise, das Transitlager und das Ankommen in einem neuen Land. Die orangenen und braunen Farbtöne der Bilder von Thi Bui erschaffen ein charakteristisches Aussehen, das wärmer und nostalgischer ist als das von Duran Duran, Imelda Marcos and Me und Year of the Rabbit.

Wenn Worte nicht mehr ausreichen

Die Bezeichnung von Comics als seriöse Literatur wird inzwischen weniger kontrovers diskutiert. In Singapur gewann 2016 The Art of Charlie Chan Hock Chye, die fingierte Biographie eines imaginären Comic-Autors, den Literatur-Preis von Singapur. 2018 war mit Sabrina von Nick Drnaso zum ersten Mal ein Comic für den Man Booker Prize nominiert, eine der renommiertesten Auszeichnungen der englischsprachigen Literaturszene. Zur Frage ob Comics als bildende Kunst angesehen werden könnten, antwortet Scott McCloud, Autor von zahlreichen Büchern über das Thema, mit einem überwältigenden Ja. Die Komplexität ihrer Erzählungstechniken, die Tiefe ihres Symbolismus sowie der pure Ideenreichtum ihrer visuellen Sprache machten ihre Bilder zu mehr als reinen Illustrationen eines Textes, so McCloud. Die zwei seien gleichgestellt und das Ergebnis erreiche mehr als die Summe ihrer Teile.

In den drei besprochenen Comics spielen visuelle Elemente eine gewaltige Rolle im Heraufbeschwören der Vergangenheit. Die Bilder stellen dar, was sich schwer in Worte fassen lässt: die hoffnungsvolle Naivität der Kindheit, die klinische Brutalität eines menschenverachtenden Regimes oder die stille Resignation angesichts eines mühsamen Lebens. Sie tun es lediglich durch eine sorgfältig ausgewählte Farbpalette, durch die besondere Anordnung von Tafeln und das Verlassen des Textes. Denn um das verinnerlichte Trauma freizusetzen, brauchen wir mehr als Wörter.

Rezension zu:

  • Lorina Mapa. Duran Duran, Imelda Marcos, and me. Conundrum Press. 2017. 140 pages.
  • Tian Veasna. Year of the Rabbit. Drawn & Quarterly. 2020. 330 pages. (Übersetzung des französischen Originals: L´année du Lièvre. Gallimard Bande. 2011)
  • Thi Bui. The Best We Could Do: An Illustrated Memoir. ‎Abrams & Chronicle Books. 2017. 336 pages.

Dieser Artikel erschien zunächst in der südostasien Ausgabe 1|2022 – It´s the collective, stupid! – Zeitgenössische Kunst in Südostasien und ist Teil der südostasien – Sonderausgabe Buchmesse

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1 | 2019, Philippinen, Rezensionen, Sonderausgabe Buchmesse,
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Digitale Drecksarbeit

Südostasien: Klimawandelfolgen zeigen sich am eindrücklichsten in Aufnahmen aus betroffenen Regionen und Interviews mit den dort lebenden Menschen. Die südostasien kuratiert eine bewegende Filmauswahl.

Wer könnte lokale Geschichten über die Klimakrise besser erzählen als die Menschen, die in den betroffenen Regionen leben und sich täglich damit auseinandersetzen müssen? Cinemata gibt mit knapp 5.000 frei zugänglichen Filmen und Dokumentationen sozialen und vielfach unbeachteten Themen aus der Asien-Pazifik-Region eine Plattform. Darunter finden sich auch zahlreiche Videos zu Umwelt- und Klimathemen. Die Redaktion der südostasien hat eine Auswahl von Kurzfilmen aus der Region zusammengestellt.

Indigene Frauen schützen Wälder

Um die negativen Auswirkungen des Klimawandels abzumildern, ist es unumgänglich, Wälder zu erhalten. Dessen sind sich auch die indigenen Kuy in Kambodscha bewusst, für die der Wald seit Jahrhunderten Lebensraum und -grundlage darstellt.

Kambodscha hat eine der höchsten Abholzungsraten der Welt. Waren in den 1970er-Jahren noch 70 Prozent des Landes mit Regenwald bedeckt, sind es heute gerade noch drei Prozent. Vor allem für die ländliche, insbesondere die indigene Bevölkerung, stellt dies eine Katastrophe dar.

Der Film Forest Conservation: A Message from Indigenous Women, produziert vom Asia Indigenous Peoples Pact, zeigt die Lebensrealität der Kuy, die geprägt ist vom Kampf gegen die illegale Abholzung des Waldes. Die Kuy-Frauen übernehmen beim Schutz des Waldes die Führung. „If we lose our forest, we will die“, sagt eine im Film nicht namentlich genannte Vertreterin der Kuy . Allzu oft wird übersehen, welchen Beitrag indigene Gemeinschaften zum Schutz der Umwelt leisten, und damit die Grundlagen für den Erhalt ihres und letztlich auch unseres Lebensraums schaffen.

(Tanja Gref)

(Cambodia: Forest Conservation: A Message from Indigenous Women, 2014, Asia Indigenous Peoples Pact, Kambodscha, 16 Minuten)

Kampf gegen Bergbau

Der australische Konzern OceanaGold ist einer der größten Gold- und Kupferproduzenten der Welt. Er betreibt die Mine Didipio, die sich auf einer Fläche von 270 Quadratkilometern über die steilen, bewaldeten Hänge der Provinz Nueva Vizcaya auf der philippinischen Insel Luzon erstreckt – die Heimat der indigenen Twali-Ifugao, die sich gegen die Mine wehren.

Die Folgen des Bergbaus sind gravierend: Explosionen haben Dörfer erschüttert, die Luft verschmutzt und das Grundwasser verseucht. Als 2019 die Genehmigung von OceanaGold auslief und das Unternehmen dennoch den Betrieb fortsetzte, errichteten indigene Aktivist*innen eine Barrikade, um Lieferungen an die Mine zu stoppen.

Die von 2014 bis 2019 gedrehte eindrucksvolle Dokumentation des philippinischen Filmemachers Noni Abao zeigt, wie Menschen gegeneinander ausgespielt werden und wie die soziale Kluft in der Region vergrößert wird. Die einheimische Kultur droht ausgelöscht zu werden: „They will grab our land, honor and culture, resources and property, including our rights“ singt einer der im Film nicht namentlich genannten Aktivisten.

Nach dem Ende der Dreharbeiten wurden Dutzende der Aktivist*innen, die die Straßenblockade organisiert hatten, nach Zusammenstößen mit der Polizei und Vertreter*innen des Konzerns festgenommen.

(Tanja Gref)

(Dagami Daytoy (This is our Land), 2019 (hochgeladen auf Cinemata 2020), Nonilon Sidney Abao/Taripnong Cagayan Valley, Philippinen, 15 Minuten)

Profit vor Mensch und Biodiversität

In Stille gehüllte Aufnahmen von weit reichenden grünen Regenwäldern und dann Ölpalmenplantagen, die sich wie Narben durch sie hindurch ziehen. Menschen mit schwermütigen Gesichtern schauen in die Kamera. Dies ist der Auftakt des Kurzfilms The Secret Deal to Destroy Paradise, welcher im waldreichen Gebiet Boven Digoel in Westpapua, Indonesien, gedreht wurde. Er ist Teil der Serie Indonesia for Sale der gemeinnützigen Organisation The Gecko Project in Zusammenarbeit mit den Medien Tempo, Malaysiakini und Mongabay.

Im Zentrum stehen die undurchsichtigen Geschäfte von Unternehmen, die der indonesischen Entwaldung zugrunde liegen. Diese verschärfen Landkonflikte mit den lokalen Bevölkerungen. Der Film porträtiert die aussichtslos erscheinende Lage der indigenen Auyu. Die mit dem Landraub einhergehende Zerstörung ihrer Wälder, aber auch der plötzliche Zustrom an Geld haben tiefe Risse zwischen den ehemals friedlichen Dorfbewohner*innen geschaffen und bedrohen nun ihre Lebensweise und Zukunft.

(Kathrin Sommerfeld)

(The Secret Deal to Destroy Paradise, 2019, The Gecko Project, Indonesien/Westpapua, 16 Minuten)

Land unter

Der vom Menschen verursachte Klimawandel trifft Küstenzonen besonders hart. Der Kurzfilm Another Exodus des Filmemachers Le Nguyen, widmet sich den Konsequenzen des stetig ansteigenden Meeresspiegels in der vietnamesischen Provinz Nam Dinh. In den Bildern stechen vor allem die Aufnahmen von durch den Wasseranstieg zerfallenen Kirchen hervor. In der kurzen Spielzeit von elf Minuten kommen Bewohner*innen eines Fischerdorfes zu Wort.

Sie erzählen von den Problemen, die das vom Meer immer weiter eindringende Wasser mit sich bringt und von ihrer unausweichlichen Migration landeinwärts. Ihr Verhängnis, aber auch die Annahme der Dinge, beschreibt der katholische Fischer Nguyen Van Lang mit dem Satz: „Alle 50 bis 60 Jahre muss es einen Exodus geben“. Der ruhige, in angenehmer Einfachheit erzählte Film bietet den Betroffenen Raum, die Realität ihres Lebens im Sinne einer Momentaufnahme zu präsentieren.

(Kathrin Sommerfeld)

(Another Exodus, 2021, Le Nguyen, Vietnam, 12 Minuten)

Palmöl: Einer von vielen Landkonflikten

Der Kurzfilm Melikin erzählt die Geschichte des gleichnamigen Dorfs in Sarawak, Malaysia. Es ist eine Geschichte über Landraub und Umweltzerstörung. Seit vielen hunderten Jahren leben die indigenen Iban an diesem Ort. Sie betreiben nachhaltige Landwirtschaft und leben von Fischerei und Imkerei.

Doch im Jahr 2010 erscheinen plötzlich zwei Unternehmen auf der Bildfläche. Mit Hilfe von Korruption und systematischem Landraub soll das Land, das auch auf Grundlage der Verfassung der indigenen Bevölkerung gehört, zu Ölpalmenplantagen umgewandelt werden. Melikin zeigt den verzweifelten Kampf der lokalen Bevölkerung um ihr Land und ihr Leben. Er zeigt jedoch auch die Kraft, die entsteht, wenn sich Menschen zusammentun und gemeinsam für ihre Rechte kämpfen.

Der Film wurde von Pesticide Action Network Asia and the Pacific (PANAP) produziert, einem Netzwerk, das sich für die Beseitigung von Schäden an Mensch und Umwelt durch den Einsatz von Pestiziden und für die Förderung der ökologischen Landwirtschaft einsetzt.

(Valerie Heim)

(Melikin, 2013, Pesticide Action Network Asia and the Pacific, Malaysia, 14 Minuten)

Zerstörerischer Zement

Der Kurzfilm Mother Earth (Ibu Bumi) begleitet den 20 Jahre alten Bagus, der am Kendeng-Gebirge auf der indonesischen Insel Java lebt. Hier befindet sich eine Zementfabrik, für die im großen Stil Kalkstein abgebaut wird. Der invasive Abbau hat weit reichende Folgen für Mensch und Umwelt und hat großen Widerstand von Seiten der lokalen Bevölkerung hervorgerufen.

Auch Bagus, der mit seiner Familie von der Landwirtschaft lebt, möchte seinen Teil zum Widerstand beitragen. Gemeinsam mit seiner Punkrockband Kendeng Squad thematisiert er die Folgen, die die Zementproduktion auf das Leben vor Ort hat. Die Band greift die natürlichen Klänge der Natur sowie die Geräuschkulisse der Zementfabrik im nahen Umfeld auf. Mit seiner Musik möchte Bagus mehr junge Menschen erreichen und sie für den Widerstand gegen die Umweltzerstörung mobilisieren.

Eindrucksvolle Bilder und ruhige Momentaufnahmen machen die Dramatik der Situation für die Menschen am Kendeng-Gebirge deutlich spürbar. Der Film von Sedap Films ist in Zusammenarbeit mit verschiedenen lokalen NGOs und Gruppierungen entstanden.

(Valerie Heim)

(Mother Earth (Ibu Bumi), 2021, Sedap Films, Indonesien, 23 Minuten)

Künstliche Inseln für wen?

Vor der Südküste Penangs in Malaysia sollen drei künstliche Inseln entstehen. Das klingt gut für Investoren und die wohlhabende Stadtbevölkerung, schlecht hingegen für die Umwelt und die lokalen Fischereigemeinschaften. Die Aufschüttungen würden das artenreiche Meeresgebiet massiv schädigen und die Lebensgrundlagen der Fischer zerstören. Sie wehren sich vehement gegen das Vorhaben: Eine Bewegung (Penang Tolak Tambak) entsteht, die von Bevölkerung und NGOs unterstützt ihren Protest bis ins Parlament nach Kuala Lumpur trägt.

Die sachlich und ruhig erzählte Dokumentation fokussiert sich auf die Perspektive der Lokalbevölkerung und stellt hierbei den Fischer Zakaria Ismail in den Mittelpunkt. Stand Juni 2023: Das Megaprojekt soll weiterhin umgesetzt werden, auf Intervention von Premier Anwar Ibrahim aber mittlerweile um die Hälfte der Fläche reduziert.

(Raphael Göpel)

(Doa Seorang Nelayan (A Fisherman’s Prayer), 2021, Freedom Film Network, Malaysia, 15 Minuten)

Torfmoore: Gefährdete Kohlenstoffspeicher

Moore speichern gigantische Mengen an Kohlenstoff, daher sind sie besonders bedeutend für das Klima. Doch werden sie entwässert und brennen, werden sie zum Klimaproblem. Indonesien ist reich an Torfmooren, zum Beispiel im Nordwesten Sumatras, wo es eine große Biodiversität gibt.

Im Gebiet der Tripa-Torfmoore leben die Menschen von Fisch und Waldprodukten wie Harz und Rattan. Doch Palmölfirmen dringen in die Region ein, Wald wird gerodet und abgebrannt. Durch die Zerstörung ihrer Lebensräume verschwinden Tiere, Wasserquellen verschmutzen, Dürren und Überschwemmungen nehmen zu. Mehrere Dörfer fordern deshalb den Schutz des Torfmoorwaldes.

Der nicht immer geradlinig erzählte Film konzentriert sich auf die Stimmen der betroffenen Menschen. Er zeigt einerseits die Übermacht von Bürokratie und Behörden, anderseits den beharrlichen Widerstand der Menschen vor Ort. Parallel erklärt der Umweltaktivist TM. Zulfikar (YEL) in Ausschnitten die Bedeutung von Mooren. Der Fall Tripa steht exemplarisch für zahlreiche Fälle der Zerstörung von Moorgebieten, in Indonesien und anderswo auf der Welt.

(Raphael Göpel)

(Hilangnya Rawa Tripa (The Loss of the Tripa Swamp), 2022, Aceh Documentary, Indonesien, 15 Minuten)

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