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Editorial südostasien 1/2020:
„What do we want? Climate justice!“

Editorial Südostasien Klimawandel

Überschwemmung im Norden der indonesischen Hauptstadt Jakarta © Syarifah Aini Dalimunthe

In Südostasien finden sich sowohl Hauptverursacher von klimaschädlichen Emissionen als auch Hauptbetroffene von den Folgen des Klimawandels. Im Climate Change Performance Index, herausgegeben von Germanwatch, NewClimate Institute und Climate Action Network (CAN), der die Bemühungen zur Eindämmung des Klimawandels der Staaten auflistet, die zusammen 90% der Treibhausgasemissionen verursachen, rangieren Indonesien und Thailand bei low, Malaysia sogar bei very low. Die Ursache: Ein Wachstums- und Entwicklungsparadigma auf der Basis fossiler Brennstoffe, wodurch ein steigender Energieverbrauch zu immer höheren Emissionen führt, während vergleichsweise wenige Ressourcen in den Ausbau erneuerbarer Energien investiert werden. Vor allem Malaysia wird von den Autor*innen der Studie kritisiert: Das Land habe keinerlei Verbesserungen im Bereich erneuerbare Energien vorgenommen, die erforderlich wären, um auf einen deutlichen unter-2-Grad-Celsius-Kurs zu kommen, heißt es in der Studie.

Zugleich ist Südostasien mit langen Küstenlinien und bevölkerungsreichen Städten in niedrigen Lagen bereits jetzt stark von den Folgen des Klimawandels betroffen. Waldbrände, Überschwemmungen, Dürreperioden und Ernteausfälle nehmen zu. Die Artenvielfalt schwindet. All das wirkt sich dramatisch auf die Lebensbedingungen der Menschen und auf landwirtschaftliche Erträge aus.

Zwar zählen die Philippinen und Vietnam zu den Mitgliedern des Climate Vulnerable Forum (CVF), einer Partnerschaft von 48 Ländern des Globalen Südens, die zur Verankerung der 1,5-Grad-Celsius-Schwelle im Pariser Abkommen und zur Beauftragung der IPCC-Sonderberichte aufgerufen hat. Doch nach wie vor zeigen südostasiatische Staaten wenig Einsicht und nehmen nur bedingt Einfluss in den internationalen Klimaverhandlungen, wie Denise Margaret Matias und Danica Marie Supnet in ihrem Artikel kritisieren.

Wer hat die Deutungshoheit über Ursachen und Folgen des Klimawandels, der zu einem bedeutenden Teil auf das westlich-kapitalistische Wachstumsparadigma zurückgeht? Welche Rechte haben Länder des globalen Südens, etwa in Südostasien, an klimaschädlichen technischen Entwicklungen teilzuhaben, die Länder im Westen selbstverständlich für sich in Anspruch genommen haben? Wer hat die entsprechenden Mittel für Forschung und Publikation? Wer setzt die Agenda?

Zwar wirke sich der Klimawandel finanziell in wirtschaftsstarken Ländern drastischer aus. Todesfälle und existenzielle Bedrohungen durch Extremwetter jedoch seien in einkommensschwachen Ländern weitaus wahrscheinlicher, schreibt Christina Grein in ihrem Beitrag zu Myanmar. Gleichzeitig fehlen sowohl auf staatlicher als auch auf individueller Ebene häufig die nötigen Ressourcen, um Folgeschäden des Klimawandels zu kompensieren und sich nach Extremwetterereignissen zu erholen. An Klimabudgets und technischer Unterstützung für die Länder des Globalen Südens fehlt es – trotz aller Appelle – nach wie vor.

Machtverhältnisse drücken sich auch in Sprache aus. Wer spricht mit wem und in welcher Form über den Klimawandel? Ist die Rede von Klimawandel oder Klimakrise oder Klimagerechtigkeit? Wird bei der Ursachenforschung zur Veranschaulichung von Emissionen der Ausstoß von Ländern in absoluten Werten oder pro Kopf ihrer Bevölkerung verglichen und welche Bilder werden damit erzeugt? 2015 befand sich Indonesien beispielsweise in absoluten Zahlen auf Platz 8 der Länder mit den höchsten Treibhausgasemissionen. Betrachten wir hingegen die Pro-Kopf-Emissionen, lag das Land auf Rang 106 (Emissions Database for Global Atmospheric Research).“

Julia Behrens fordert in ihrem Artikel eine Dekolonisierung des Klimaregimes. Am Beispiel von Vietnam beschreibt sie die Zwangslage eines Landes, das weniger als ein Prozent zu den globalen Emissionen beiträgt, von den Folgen, wie Überschwemmungen und Dürre-Katastrophen, jedoch schon jetzt stark betroffen ist. Aus der Binnenperspektive wiederum sind es, wie andernorts in Südostasien auch, die Ärmsten, die der Klimawandel am stärksten trifft. Doch noch immer wird die Debatte über die Klimakrise weitestgehend an ihnen vorbei geführt, wie auch Syarifah Aini Dalimunthe am Beispiel Indonesien zeigt. Sie fordert einen Paradigmenwechsel in der Kommunikation. Informationskampagnen der Regierung zu Ursachen des Klimawandels, seinen Folgen und nötigen Anpassungsmaßnahmen würden bislang in Eliten-Sprache geführt und erreichten vor allem die städtische Bevölkerung. Ein Austausch zwischen (Dorf)-Gemeinschaften über die gemeinsamen Herausforderungen und eine diesbezügliche Zusammenarbeit finde so gut wie nicht statt.

Die Zerstörung von Regenwäldern und Torfmooren – beides äußerst wichtige CO2-Speicher – ist der Grund, warum Indonesien unter den größten Treibhausgasemittenten weltweit rangiert. Helena Varkkey erläutert im Interview mit Janis Wicke, welche verheerenden Kettenreaktionen durch das Trockenlegen von Torfmooren zur Nutzung für Plantagen ausgelöst werden.

In Südostasien, wie in vielen anderen Teilen der Welt, ist es die herrschende Wachstumsdoktrin, in Form von industrialisierter Landwirtschaft, Bergbau und Infrastruktur-Megaprojekten, die die Klimakrise verursacht hat und sie weiter verschärft. In Indonesien kursiert – trotz ehrgeiziger Klimaziele – gerade ein Gesetzentwurf, der Investitionen erleichtern und Umweltauflagen verringern soll. Hans Nicholas Jong beschreibt, welch fatale Auswirkungen dieses Gesetz hätte und wie es Bemühungen um Naturschutz und soziale Gerechtigkeit weit zurückwerfen würde.

Der rote Teppich für Investoren auf Kosten der Umwelt wird auch in Richtung europäischer Unternehmen ausgerollt. Deshalb muss die Betrachtung von Klimagerechtigkeit sowohl in Bezug auf neokoloniale Strukturen im Gefüge Globaler Norden/Globaler Süden betrachtet werden. Zugleich braucht es aber auch die kritische Debatte über Verursacher und Leidtragende in den jeweiligen Ländern, über die Widersacher*innen einer engagierten Klimapolitik und über die Entwicklungsparadigmen, die diese Widersacher*innen vertreten und die weltweit für die Klimakrise verantwortlich sind. Es braucht auch Geschichten des Widerstands, sei es in Form von Protest und/oder gelebten klimafreundlichen Alternativen.

Vor allem braucht es den Austausch zwischen politischen Bewegungen sowie transnationale Solidarität, wenn wir es wirklich ernst meinen mit dem „Wir wollen Klimagerechtigkeit!“

In diesem Sinne wünschen wir unseren Leser*innen eine erkenntnisreiche Lektüre! Den ersten Artikeln dieser Ausgabe werden in den kommenden Wochen hier auf www.suedostasien.net zahlreiche weitere Beiträge zum Thema „Klimawandel: Ursachen, Folgen, Gegenbewegung“ folgen.

Auch in der kommenden Ausgabe werden uns Fragen der Gerechtigkeit beschäftigen, diesmal beim Zugang zu Wasser und Nahrung. Wir freuen uns über Artikelangebote. Hier geht´s zum call for papers.

Das Redaktionsteam

 
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Die Autor:innen

  • Anke Timmann ist Südostasienwissenschaftlerin mit Spezialisierung auf Laos und Thailand. Sie arbeitet und forscht seit vielen Jahren zu kulturellen, sozialen und bildungswissenschaftlichen Themen in Deutschland und Laos und bereitet Ausreisende der Entwicklungszusammenarbeit auf ihren Aufenthalt in Laos vor.

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Editorial südostasien 1/2020:
„What do we want? Climate justice!“

Wie kann ein herrschaftskritischer und solidarischer Dialog zwischen Akteur: innen in Südostasien und Deutschland gestaltet werden? Wie kann eine Plattform gebaut und gestärkt werden, die sozialen Bewegungen eine Stimme gibt, die die Staatsgewalt lieber zum Schweigen bringen möchte? Wie kann transnationale Solidaritätsarbeit angesichts ungleicher Machtverhältnisse zwischen dem globalen Norden und Süden gelebt werden? Wie können dafür Impulse für das Handeln in Deutschland/Europa gesetzt werden?

Antworten auf diese Fragen zu finden, ist seit 40 Jahren gelebte Praxis der südostasien. Das zeigt sich in den Inhalten. Die Beiträge der südostasien gaben einerseits einem bereits existierenden politischen, sozialen und Umwelt-Aktivismus publizistischen Raum, oft gaben sie jedoch auch einen Anstoß, aktiv zu werden und sich zu engagieren.

2025 würdigt die südostasien ihr 40jähriges Bestehen mit einer Doppelausgabe. Wir blicken auf vier Dekaden des Wandels in der Region und auf die Veränderungen der Beziehungen zwischen Europa und Südostasien. Wir ziehen Bilanz bei gesellschaftlich relevanten Themen und politischen Handlungsfeldern. Zur näheren Betrachtung kommen dabei:

  • Menschenrechte (Freiheitsrechte/Sozialrechte/Kollektivrechte)
  • Emanzipationsbestrebungen (zum Beispiel feministische Bewegungen/LGBTIQ/Indigene)
  • Möglichkeiten zur demokratischen Teilhabe und ihre Einschränkungen
  • Handlungsräume für zivilgesellschaftliches Engagement
  • Beziehungen zwischen Deutschland/Europa und Südostasien (Wirtschaft/Politik/Kultur/Umwelt)
  • Globale Herausforderungen und Konflikte, die die Region erfassen/beeinflussen wie Klimawandel und/oder strategische Positionierungen der Großmächte
  • Erfahrungen der südostasiatischen Diaspora in Deutschland

Auch unsere Redaktion verändert(e) sich immer wieder. Bestand sie anfangs aus einem kleinen Kreis südostasiatischer Aktivist:innen im Exil und deutschen Menschenrechtsbewegten, war sie später stark geprägt von überwiegend deutschen/weißen Wissenschaftler:innen. Mittlerweile umfasst sie einen großen gewachsenen Kreis von Menschen mit verschiedensten biographischen Hintergründen und Bildungswegen. War anfangs der Blick fast ausschließlich auf das Geschehen in Südostasien gerichtet, finden nun Perspektiven der südostasiatischen Diaspora in Deutschland zunehmend Raum.

Nicht nur der Redaktionskreis ist mit den Jahren ständig gewachsen, sondern auch der Kreis der Autor:innen. Die südostasien stützt sich auf einen Kreis von mehreren Hundert ehrenamtlichen Autor:innen, viele von ihnen in den Ländern Südostasiens beheimatet und dort in sozialen Bewegungen engagiert.

Die südostasien ist damit in der deutschsprachigen Medienlandschaft einmalig. Sie bildet einen Publikations- und Erfahrungsraum, der auch auf einer immensen Übersetzungsleistung unserer ehrenamtlichen Redaktionsmitglieder beruht. Koloniale Kontinuitäten zu erkennen, zu benennen und emanzipatorische Ansätze sichtbar zu machen und zu fördern, das ist ein Lernweg, den wir alle gemeinsam gehen – und auf dem wir unsere Leser:innen mitnehmen.

Die Redaktion dieser Ausgabe stellt sich und ihre Motivation vor:

Nina Dederichs ist studierte Kultur- und Sozialanthropologin mit einem Schwerpunkt in Gender Studies. Seit einigen Jahren beschäftigt sie sich intensiv mit postkolonialen und intersektionalen Perspektiven auf Machtasymmetrien. Zuletzt forschte sie auf den Philippinen zur (Un)Sicherheit und (Un)Sichtbarkeit von Sexarbeit. Seit 2024 engagiert sie sich bei der südostasien. Als junges Mitglied setzt sie sich aus einer kritischen queer-feministischen Position dafür ein, blinde Flecken in der „südostasien“ sichtbar zu machen und Veränderungen in Richtung eines safer spaces anzustoßen.

Anett Keller ist freie Journalistin mit Länderschwerpunkt Indonesien und Engagement in und für Graswurzelbewegungen. 2007 schrieb sie das erste Mal für die südostasien, viele weitere Artikel und Übersetzungen folgten. Seit 2011 ist sie im Redaktionskreis aktiv, den sie seit 2018 koordiniert. Sie mag an der südostasien, dass diese alles auf einmal ist: Spiegel der Vergangenheit, Aushandlungsort der Gegenwart und Zukunftslabor. Im Redaktionsalltag mit Menschen aus drei Generationen und zahlreichen Ländern/Regionen hat sie reichlich Gelegenheit, zwischen verschiedenen Positionen zu vermitteln, dabei auch die eigenen zu hinterfragen und dazuzulernen – und ist dankbar dafür.

Mirjam Overhoff ist Geschäftsführerin des „philippinenbüro e.V.“ in Köln und ist seit 2005 mit den Philippinen verbunden. Die studierte Sozialwissenschaftlerin arbeitet seit 2013 intensiv zum Thema Arbeitsmigration und Migrationssoziologie. Weitere Schwerpunktthemen ihrer Arbeit sind Politik, Menschenrechte, Stadtentwicklung, Indigene, Klimawandel und der Umgang mit Müll in den Philippinen. Seit 2018 ist sie Mitherausgeberin des Online-Magazins südostasien, sie ist Teil der Redaktion, schreibt Artikel und arbeitet regelmäßig in Kernredaktionen der südostasien mit – die gemeinsame Arbeit mit den vielen engagierten Redaktionsmitgliedern macht ihr viel Freude.

Hendra Pasuhuk ist Journalist und Trainer für interkulturelle Kommunikation mit Schwerpunktthemen Politik und Wirtschaft. Schon in den 1990er Jahren schrieb er für die „Südostasien-Informationen“, den Vorläufer der südostasien. Hendra sagt anlässlich des Jubiläums: „40 Jahre südostasien ist das Ergebnis harter Arbeit von vielen ehrenamtlichen Mitarbeitenden. 40 Jahre sind ein Meilenstein – aber auch ein Ansporn für die Zukunft.“ Neben dem Blick zurück will Hendra auch nach vorne schauen und die südostasien für die nächste Generation relevant und spannend gestalten.

Jörg Schwieger ist evangelischer Theologe und Germanist. Seit nahezu 50 Jahren steht er in Verbindung mit Südostasien – unter anderem auch durch seine berufliche Tätigkeit für den kirchlichen Entwicklungsdienst. Er ist ehrenamtlich zu Asien, in der personellen Entwicklungszusammenarbeit und lokal zu Integration und kultureller Teilhabe engagiert. Ein besonderes Anliegen ist ihm, vielfältige Stimmen aus der Region zu Wort kommen zu lassen.

Dass diese Jubiläumsausgabe am Fastnachtstag startet, bietet doppelt Anlass zum Feiern, bedeutet aber keinesfalls, dass am Aschermittwoch alles vorbei ist. Im Gegenteil: den vier ersten Artikeln werden noch etwa vierzig weitere folgen. Und ihr könnt sie mitschreiben! Bis Ende März nehmen wir dafür noch Vorschläge an, für mehr Infos schaut in den call for papers.

Die Autor:innen

  • Anke Timmann ist Südostasienwissenschaftlerin mit Spezialisierung auf Laos und Thailand. Sie arbeitet und forscht seit vielen Jahren zu kulturellen, sozialen und bildungswissenschaftlichen Themen in Deutschland und Laos und bereitet Ausreisende der Entwicklungszusammenarbeit auf ihren Aufenthalt in Laos vor.

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