2 | 2026, Singapur,
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Zwischen Vergangenheit und Zukunft: Das Plastik-Paradoxon Singapurs

Singapur, Plastik, Verbrauch

,Dabao`-Food (Essen zum Mitnehmen) in Plastikbehältern verpackt für ein Picknick. © Trishinia Daos

Singapur: Trishinia Daos lebt und arbeitet in Singapur. Sie berichtet von ihren Erfahrungen und dem Umgang mit Plastik im Alltag.

Der britische Kolonialismus und der Aufstieg zur Wirtschaftsmetropole prägen den Alltag Singapurs: Das einst abgelegene Fischerdorf ist heute eines der wohlhabendsten Länder und eine der teuersten Städte weltweit. Die Erzählungen und Perspektiven der indigenen und einheimischen Bevölkerung sind weitestgehend in Vergessenheit geraten. Wenn ich meine Erfahrungen in Deutschland und in Singapur vergleiche, frage ich mich, wie tief Plastik in der singapurischen Kultur verankert ist – und wie es ohne den kolonialen Einfluss wäre. Traditionelle Verpackungsmaterialen wie Bananenblätter sind nahezu vollständig verschwunden. Würden diese heute eine größere Rolle spielen, hätten die Brit:innen nicht in den 1960er erstmals chemischen Kunststoff zur Weiterverarbeitung nach Singapur importiert?

Nach Angaben der National Environmental Agency Singapurs (NEA dt.: Nationale Umweltagentur) wird die einzige Mülldeponie Singapurs Semakau voraussichtlich bis zum Jahr 2035 vollständig gefüllt sein. Die Umweltagentur entstand im Jahr 2002 als Reaktion auf die zunehmend schlechte Luftqualität, Vermüllung und weiterer Umweltprobleme der Stadt. Trotzdem spricht sich die NEA gegen ein vollständiges Verbot von Einwegkunststoffen aus. In manchen Produkten, wie beispielsweise Medizintechnik, ist das Material schlicht notwendig. Immerhin hat die NEA den Gebrauch von Einwegartikeln als Verpackungsmaterial eingeschränkt, beispielsweise für Speisen. Auch haben die meisten Hawker Center (halboffene Markthalle mit Imbissen) Wasserspender aufgestellt, um den Verbrauch von Wasser in Flaschen zu reduzieren.

Keramikhandel in Temasek

Economic Noodles (dt.: Nudelgericht zu günstigem Preis) verpackt in einer Styroporbox mit einer Tragetasche. © Trishinia Daos

Im Gegensatz zu seinen südostasiatischen Nachbarländern ist Singapur nicht das Ziel von Müllexporten aus dem Globalen Norden. Dieser türmt sich in Ländern wie Vietnam, Indonesien und Malaysia auf offenen Deponien auf, verteilt sich mit Wind und Regen über das Land und landet in Gewässern. Auch die ehemalige Kolonialmacht Großbritannien exportiert ihren Müll, insbesondere Plastik- und Papierabfälle. Dagegen können sich wirtschaftlich starke Länder Asiens wie Singapur und die Volksrepublik China wehren. Beide Länder verhindern mit strengen Gesetzen, dass ausländischer Müll auf ihren Deponien landet. Das allerdings schützt die Region nicht vor den weltweiten Abfallströmen, es lenkt sie lediglich um.

Doch die historische Rolle Großbritanniens beeinflusst bis heute den Umgang mit Plastik in Singapur. Einiges deutet darauf hin, dass die Kolonialzeit der Verwendung von Kunststoff in Singapur den Weg bereitete. So zeigen archäologische Funde aus Temasek, dem vorkolonialen Singapur, dass die Menschen im 14. Jahrhundert dort intensiv mit Keramik aus China handelten. Wissenschaftler:innen beschreiben Keramikfunde in einem Schiffswrack in den Gewässern vor dem heutigen Singapur als von überragender Qualität. Zielhafen des Schiffes sei Temasek gewesen. Die Funde bestätigen laut den Expert:innen, dass die Zeit geprägt gewesen sei von einer bedeutenden Entwicklung der Porzellanproduktion. Hinweise auf die Verwendung von kunststoffähnlichen Materialien in der vorkolonialen Zeit in Temasek gibt es hingegen nicht.

Kunststoff als Teil der heutigen Kultur

Die Kunststoffproduktion in kleinem Maßstab beginnt in Singapur nach dem Zweiten Weltkrieg. Im Jahr 1946 eröffnet der Singapurer Yeow Meng Cheow eine der ersten bekannten Fabriken für Produkte aus Kunststoff. Er verwendet einen aus England importierten Kunststoff. Diesen Kunststoff, Acrylglas, hatten europäische Wissenschaftler in den 1920er Jahren entwickelt.

Nach Angaben des National Heritage Board von Singapur (dt.: Amt für nationales Kulturerbe Singapurs) startet die industrielle Produktion von Kunststoff ab 1969. Die Regierung stuft Kunststoff als Pionierindustrie ein. Kunststofffabriken breiteten sich damals weltweit rasch aus, Konsum- und Wegwerfgesellschaften entstehen. Kunststoff ist dafür das ideale Material und es ist leicht zugänglich: In Singapur genauso wie in anderen Industrienationen.

Singapur, Plastik, Verbrauch

Chicken Rice (dt.: Hühnchenreis) mit verschiedenen Beilagen, die man zu Hause genießen kann. © Trishinia Daos

Plastik gehört zum Alltag der Singapurer:innen dazu wie die Kopitiams (dt.: Cafés: Kopi ist Malaiisch und bedeutet Kaffee, tiam ist Hokkien und bedeutet Laden) und Hawker-Center. In Kopitiams essen die Menschen bequem, vielfältig, schnell und zu vergleichsweise günstigen Preisen. Das spricht Menschen aus allen Gesellschaftsschichten an. Und so entscheiden sich im hektischen Lebensrhythmus in Singapur viele Menschen für die ,Dabao´-Esskultur: Sie lassen Essen einpacken und nehmen es mit.

Die Schattenseite: Jeden Tag verpacken die Verkäufer:innen nahezu alle Speisen und Getränke in Kunststoffbehältern. So müssen sie sich nicht um schmutziges Geschirr kümmern, Kund:innen können die Kunststoffprodukte nach dem Essen einfach entsorgen. Für den Transport landen Plastikbehälter obendrein in einer weiteren Plastiktüte. Wenn der Unabhängigkeitstag näher rückt, sind auf manchen Plastiktüten sogar Merlion-Motive (das Wahrzeichen Singapurs) abgebildet.

Die Gesellschaft kennt die Probleme – und scheut konsequente Lösungen

Meistens werden Plastiktüten als Müll- oder Abfallbeutel wiederverwendet. Manchmal dienen sie auch zur Aufbewahrung. Sie werden gesammelt, ordentlich gefaltet oder zu einem Knoten gebunden, um Platz zu sparen. Lustigerweise ist es in Südostasien üblich, die gesammelten Tragetaschen in einer Plastiktüte zu verstauen. Allerdings trägt diese Wiederverwendung kaum dazu bei, den übermäßigen Plastikverbrauch in Singapur einzudämmen.

Singapur, Plastik, Verbrauch

Getränke in Singapur in Plastikbechern serviert. © Trishinia Daos

Hier eine persönliche Anekdote: Als Familientradition aßen wir sonntags meist Gerichte aus dem Hawker-Center. Ich erinnere mich, dass die Verkäufer:innen die Garnelennudeln, die wir kauften, ebenfalls in hitzebeständige Plastiktüten füllten. Ich hatte Mühe, die Tüten wieder zu öffnen. Schließlich musste ich die Plastiktüten aufschneiden, wodurch sie nicht mehr wiederverwendbar waren.

Auf Nachfrage verweisen Verbraucher:innen oft darauf, dass es unpraktisch und umständlich sei, wiederverwendbare Behälter und Besteck in Kopitiams oder Supermärkte mitzubringen. Auch die Verkäufer:innen scheuen die Veränderung: Einmal brachte ich eine wiederverwendbare Dose zu meinem Stammverkäufer am Imbissstand, nur um dann enttäuscht mit einem Einweg-Plastikbehälter wieder zu gehen. Auf meine Nachfrage hin antwortete er, dass er aus Gründen der Lebensmittelhygiene und fairen Preisgestaltung im Verhältnis zur Portionsgröße meine mitgebrachte Dose nicht befüllen könne.

In der Schule vermittelten und die Lehrer:innen Wissen zu den Auswirkungen von Plastikverschmutzung auf die Umwelt. Ich erinnere mich, dass man uns in der Grundschule beibrachte, wie man Tetra Packs recycelt, wie man sie zusammenfaltet und in den dafür vorgesehenen Behälter in der Schulkantine entsorgt. Alle paar Jahre nahm ich an freiwilligen Strandreinigungsaktionen teil, oft im Rahmen von Schulprogrammen. Bei den Schulversammlungen in meiner Grundschule stand immer wieder das Thema Plastik auf dem Plan. Die Lehrer:innen betonten die Bedeutung der ,3R`: reduce (dt.: reduzieren), reuse (dt.: wiederverwenden), recycle (dt.: recyceln).

Diese Initiativen sensibilisieren die Bevölkerung für den Umweltschutz. Sie stehen aber im Kontrast zu den Gewohnheiten der Menschen in Singapur. So verbrauchen die Singapurer:innen immer noch viel Plastik, obwohl der Stadtstaat bekannt ist für sein konsequentes Abfallmanagement. Das liegt auch daran, dass Orte wie die Kopitiams oder Hawker-Centers fester kultureller Bestandteil Singapurs und seiner Nachbarländer in Südostasien sind. Wenn dort weniger Verpackungsmüll entstehen soll, müsste das politische Entscheidungsträger:innen durchsetzen. Sie müssten den Menschen Alternativen anbieten, die gleichzeitig die Umwelt schützen und die Stadtkultur bewahren.

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Singapur, Plastik, Verbrauch

Für diese Tüten einer großem Teeladen-Kette wird ein Aufpreis von 10 Singapur-Cent (ca. 0,7 Euro-Cent) erhoben. © Trishinia Daos

Einiges ändert sich bereits: Seit dem Jahr 2023 müssen Supermärkte mindestens fünf Singapur-Cent (ungefähr drei bis vier Euro-Cent) für eine Einwegtragetasche berechnen. Das hat dazu beigetragen, dass Kund:innen ihre eigenen wiederverwendbaren Taschen mitbringen, um sich die Zusatzgebühr zu sparen. Auch neu eröffnete Hawker-Centers ergreifen Maßnahmen um den Einsatz von Einwegverpackungen zu verringern. So etwa im Bukit Canberra Hawker-Center: Die Imbissstände dort verwenden ausschließlich biologisch abbaubare Verpackungen anstelle von Plastikverpackungen. Die Kund:innen müssen dafür jedoch einen Aufpreis von durchschnittlich 50 Singapur-Cent (ungefähr 35 Euro-Cent) zahlen. Einige Verbraucher:innen unterstützen solche Maßnahmen. Andere sind der Meinung, es handele sich lediglich um Greenwashing (dt.: Grünwäsche, beschreibt eine unternehmerische Praxis, die vordergründig Umwelt- oder Klimaschutz zum Ziel hat, aber kaum Wirkung zeigt).

In einer hypothetischen Welt ohne kolonialen Einfluss und ohne den britischen Import von Acrylglas wäre Plastik in Singapur vielleicht nicht so weit verbreitet. Traditionelle Verpackungsmaterialien wie Bananenblätter würden in den Hawker-Center möglicherweise häufiger als Verpackungsmaterial zum Einsatz kommen. Doch unabhängig von der Vergangenheit spielt Bildung eine wichtige Rolle. Wenn den Menschen das Ausmaß der Umweltverschmutzung durch Plastik deutlicher vor Augen stünde, wären sie vielleicht motivierter, ihre Gewohnheiten zu ändern.

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  • Trishinia Daos wurde auf den Philippinen geboren und hat mehrere Jahre in Singapur gelebt. Derzeit studiert sie Anglistik in Regensburg. Ihre Interessen liegen vor allem in den Bereichen Intersektionalität, Mythologie und nachhaltige Mode.

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