1 | 2026, Philippinen,
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Tanz als Quelle von Stärke und Identität

Philippinen, Indigene, Tanz

Die Tanzgruppe Parangal aus San Francisco sieht sich als Brücke zwischen dem philippinischen Kulturerbe und der Diaspora. © Arnel de Leon

Philippinen: Indigene Kulturträger:innen geben über den Tanz ihr Wissen weiter und stärken so das Selbstbewusstsein ihrer Gemeinschaften.

„Wenn ich tanze, erzähle ich die Geschichte unserer Gemeinschaft“, sagt Nilda Mangilay. „Meine Schritte vermitteln meine Haltung und wer ich bin.“ Mangilay ist Mitglied der Subanen, einer indigenen Gruppe aus der Gemeinde Lapuyan in der Provinz Zamboanga del Sur im Süden der Philippinen. Die Vorfahren ihrer Großmutter väterlicherseits seien Anführer:innen gewesen, erzählt sie. Jene ihres Großvaters Heiler:innen, Balyan genannt. Als älteste Tochter erbte sie von ihrem Vater die Position als Anführerin. Darüber hinaus trägt sie den Titel „Cultural Master“, den ihr die Nationale Kommission für Kultur und Kunst (National Commission for Culture and the Arts, NCCA), verlieh. Sie unterrichtet Gesang, Tanz und Musik der Subanen, sowie Stickkunst, wie sie auf ihrer Kleidung zu sehen ist.

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Nilda Mangilay unterrichtet Gesang, Tanz und Musik der Subanen. © Rene Boy Tumimpong, alle Rechte vorbehalten

„Unsere traditionelle Kleidung ist sehr wichtig für uns. Wir müssen sie bewahren, denn mit ihr tragen wir auch unsere Kultur“, sagt Mangilay. Sie trägt ein rotes Kopftuch, Thorong genannt, und eine rote Bluse, Dlahu Dlibon. Die Kleidung der Subanen, die heutzutage nur zu bestimmten Anlässen getragen wird, kennt viele Farben. Jede hat eine Bedeutung: „Rot steht für Mut. Damit ist nicht nur der Kampf gemeint, sondern der Mut, jede Herausforderung im Leben zu meistern.“ Mangilay würde die Tänze der Subanen nie ohne traditionelle Kleidung durchführen und mit ihr keine anderen Tänze, sagt sie.

Mit den Wellen tanzen

Nursida Diamson Jaluddin trägt ein hellbraunes Kopftuch und eine gelbe Bluse. Die Farben gelb, grün und weiß stehen für die Sama-Dilaut. Jaluddin lebt in der Gemeinde Bongao auf Tawi-Tawi, der südlichsten Provinz der Philippinen. Das Leben der Sama und Sama-Dilaut ist eng mit dem Meer verbunden, was sich auch im Igal-Tanz zeigt. „Die Bewegungen sind an die Wellen und den Wind angelehnt. Wenn ich tanze, fliege ich wie ein Vogel, dorthin wo der Wind mich trägt.“ Igal sei für Jaluddin mehr als ein Tanz, betont sie. „Es ist mein Herzschlag, meine Seele, meine Quelle der Stärke und Identität.“ Die Bewegungen des Tanzes sind frei und fließend, ohne Anfang und ohne Ende. Es gibt kein Zählen und kein Muster. „Das macht die Schönheit von Igal aus.“

Nursida Diamson Jaluddin und Nilda Mangilay sind culture bearers, Kulturträger:innen. Sie geben ihr Wissen in ihren Gemeinschaften weiter, wollen ihre Traditionen aber auch außerhalb davon bekannt machen. „Wir zeigen der Welt, dass es uns gibt und dass wir das Recht haben unsere Kultur zu fördern und zu schützen“, sagt Nilda Mangilay. Beide arbeiten mit der philippinischen Volks- und Musikgruppe Parangal und dem künstlerischen Leiter Eric Solano in San Francisco zusammen. Das gemeinsame Gespräch fand online und über drei Zeitzonen statt.

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Nursida Diamson Jaluddin beschreibt den Igal-Tanz als Ausdruck ihrer Seele, ihres Herzschlags und ihrer Geschichte. © Mussah Productions, alle Rechte vorbehalten

Parangal wurde gegründet, um das philippinische Kulturerbe zu würdigen und versteht sich als Brücke zwischen den Mitgliedern der philippinischen Diaspora und ihren Wurzeln. Die Mitglieder forschen, führen Workshops durch und traten auf verschiedenen Tanzfestivals in den USA, Europa und in Japan auf „Wir verstehen uns als Medium und die Kulturträger:innen stehen im Vordergrund“, sagt Eric Solano. „Wir wollen vermitteln, dass indigene Gemeinschaften der Reichtum der Philippinen und jedes anderen Landes sind.“ Ihm gehe es auch darum, Bewusstsein für die Anliegen der indigenen Bevölkerung zu schaffen, sowie Gleichberechtigung und soziale Gerechtigkeit zu fordern.

Lernen und verlernen

Die Künstler:innen holen für die Tänze, die sie in ihren Auftritten zeigen, das Wissen der Ältesten in den Gemeinschaften ein. „Wir lernen, wie wir sie präsentieren sollen, damit die Identität der Communities nicht verloren geht.“ Wichtig sei dabei auch zu ver-lernen, sagt Solano. „Viele von uns kennen die philippinische Volkstänze. Jetzt sind wir mehr darauf bedacht, ob die Älteren mit der Art, wie wir sie zeigen, einverstanden sind. Sie leiten uns an. Die Kultur gehört ihnen, wir leihen sie uns mit ihrer Erlaubnis.“

Die Erlaubnis einzuholen sei sehr wichtig, stimmt Nilda Mangilay zu. „Das bedeutet, dass du uns respektierst.“ Auf Einladung von Eric Solano reiste Mangilay im Jahr 2018 selbst nach San Francisco, um Studierenden und Mitgliedern der Diaspora ihre Traditionen und Tänze zu erklären. Auch in Japan war sie bereits. „Ich bin dankbar für solche Erfahrungen. Ich sah, dass alle ergriffen waren von unseren Bewegungen und Stimmen. Wir können auf unsere Kultur stolz sein.“ „Wir zeigen der ganzen Welt, wer die Sama und Sama-Dialaut sind“, ergänzt Nursida Diamson Jaluddin und lacht. „Ich bin glücklich, wenn ich meinen schönen Tanz teilen kann. So kann ich mein Erbe, die Seele meiner Vorfahren, die Wichtigkeit und Schönheit der Sama und Sama-Dilaut ausdrücken.“

Nicht immer gingen die beiden so selbstbewusst mit ihrer Kultur um. Anfangs war Nilda Mangilay außerhalb ihrer Gemeinschaft unsicher: „Aber ich sagte mir, ich habe keinen Grund mich zu schämen, denn Tanz ist ein Teil meines Lebens. Ich erzähle damit unsere Geschichte, meine eigene, die meiner Eltern und Großeltern.“

Mit dem Herzen tanzen

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Mit Saliringan-Blättern wird für eine gute Ernte getanzt. © Rene Boy Tumimpong, alle Rechte vorbehalten

Jaluddin verdankt dem Tanzen, dass sie ihr Studium an der Mindanao State University in Tawi-Tawi beenden konnte. Mehrmals hatte sie ihre Bildungslaufbahn unterbrechen müssen, weil sich ihre alleinerziehende Mutter das Schulgeld nicht leisten konnte. Statt zur Schule zu gehen arbeitete Jaluddin immer wieder auf der Algenfarm oder sammelte Holz, um es zu verkaufen. An der Universität wurde sie Mitglied einer Tanzgruppe und bekam dadurch ein Stipendium. Mittlerweile habe sich der Zugang zu Bildung für die Sama-Dilaut verbessert. Immer mehr erhalten Stipendien, erklärt Jaluddin, die vor allem junge Menschen ermutigen möchte ihre Kultur zu zeigen und zu schützen. Sie unterrichtet rund dreißig Schüler:innen, die zwischen sieben und zwölf Jahre alt sind. Die neue Generation müsse trotz digitaler Innovationen und Social Media die Authentizität von Igal bewahren, betont sie. Was sie ihren Schüler:innen noch vermitteln will: „Tanze mit deinem Herzen, nicht für das Publikum.“

Nilda Mangilay unterrichtet an den Schools of Living Tradition, Bildungszentren der NCCA, in denen indigene Kunst und Traditionen gelehrt werden. Was sie ihren Schüler:innen vermittelt: immer respektvoll zu sein und die eigene Sprache nicht zu vergessen. „Nicht alle Subanen-Kinder kennen ihre Muttersprache“, bedauert sie. „Wenn ich Gesang unterrichte, muss ich den Text auf Tagalog, Visayan oder Englisch übersetzen, damit die Kinder ihn verstehen.“ Das Wissen und die Praktiken ihrer Gemeinschaft erwarb Mangilay, indem sie die Älteren beobachtete und zuhörte: „Ich lernte mit meinen Ohren, meinem Verstand und meinem Herzen.“ Heute gehört sie selbst zu den Ältesten. Kein Konflikt und kein Problem werden gelöst, ohne, dass ihr Rat eingeholt wird.

Was Eric Solano durch seine Zusammenarbeit mit den culture bearers gelernt hat: „Dass unsere Kultur unendlich reich ist. Es braucht mehr als ein Leben, um über die Diversität in den Philippinen zu lernen.“ Er möchte auch andere Künstler:innen und Organisationen in der Diaspora dazu inspirieren sich mit indigenen Älteren zu vernetzen und selbst zu erfahren, wie sie die Gemeinschaften stärken und unterstützen können. „Auf diese Weise fördern wir auch unsere eigene philippinische Identität.“

 

  • Artikel

Marina Wetzlmaier ist Journalistin für Print und Radio mit den Schwerpunkten soziale Bewegungen, Menschenrechte, Migration und Philippinen. Zuletzt erschienen: Die Linke auf den Philippinen. Eine Einführung. Wien: Mandelbaum Verlag (2020). Webseite: wetzlmaier.wordpress.com

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