1 | 2020, Indonesien,
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Auf Sumpf gebaut

Indonesien Überschwemmungen Stadtplanung

Überschwemmungen in Jakarta im Jahr 2018 © Arya Manggala/World Meteorological Organization/Flickr CC BY-NC-ND 2.0

Indonesien: Jakartas Überschwemmungen sind das Ergebnis einer verfehlten Stadtplanung. Seit der Kolonialzeit folgt diese dem kapitalistischen Paradigma des schnellen Profits. Die neuen Umzugspläne der Regierung haben das gleiche Ziel.

Als dieser Artikel im April 2020 geschrieben wurde hatte die Mortalitätsrate von Covid-19 (Corona) in Indonesien acht bis neun Prozent erreicht. Damit zählt Indonesien zu den tödlichsten Ländern für Menschen, die mit dem Corona-Virus infiziert sind. Das Epizentrum dieses Zustands liegt in der Haupstadt, Jakarta. Im März 2020 verzeichnete Jakarta über 4.000 Beerdigungen, beinahe 80 Prozent mehr als in “normalen Monaten” und so viele wie noch nie in den letzten zehn Jahren.

Die Covid-19-Pandemie ist für die Bewohner Jakartas der zweite schwere Schlag in diesem Jahr. Im Januar und Februar war es in Jakarta und seinen Satellitenstädten Bogor, Depok, Tangerang und Bekasi (sog. Jabodetabek-Region, d.R.) zu schweren Überschwemmungen gekommen, die 70 Todesopfer forderten und 187.000 Menschen obdachlos machten. Die Schäden wurden auf eine Billion Rupiah geschätzt (Quelle: Bank Indonesia).

Neben Überschwemmungen ist das beinahe 500 Jahre alte Jakarta dauerhaft von drei weiteren Gefahren bedroht: Luftverschmutzung, Absinken der Böden (land subsidance) und das Ansteigen des Meeresspiegels.

Jakarta – die zubetonierte Stadt

Die Überschwemmungen von 2020 gingen als schwerste seit 2007 in die Statistiken ein. Damals hatten 70 Prozent der Hauptstadt unter Wasser gestanden. Als Ursache gaben Meteorologen die stärksten Regenfälle seit den ersten Aufzeichnungen vor 154 Jahren an. Um das Ausmaß zu verdeutlichen: Das Wasservolumen, das in Jakarta als Regen zu Boden ging, entsprach 180 Millionen Kubikmetern. Damit könnte man 72.000 Olympia-Schwimmbecken füllen.

Dass diese Regenmengen zu einer Katastrophe führen, liegt daran, dass 80 Prozent der Stadtfläche zubetoniert sind. Fünf weitere Prozent nehmen asphaltierte Straßen ein. Offene Grünflächen, wo Regenwasser versickern kann, betragen gerade einmal 9,8 Prozent der Stadtfläche. Dabei sollte in einer Stadt wie Jakarta mit mehr als zehn Millionen Einwohnern [Jabodetabek über 30 Mio., d.R.] mindestens 30 Prozent unbebaute Flächen geben, damit Wasser versickern kann und keine Überschwemmungen entstehen. Mit den bestehenden Bedingungen sind die Flüssen und Kanäle der Stadt (drei Prozent der Fläche) extremen Belastungen ausgesetzt. Die Folge sind seit jeher Überschwemmungen.

Indonesien Überschwemmungen Stadtplanung

Kein Ort, wo Wasser versickern kann – Jakartas dichtbebaute Innenstadt © Stenly Lam/Flickr/CC BY 2.0

Das verfehlte Paradigma der Stadtplanung reicht in die Kolonialzeit zurück. Eigentlich war das Gebiet, auf dem die Hauptstadt erreichtet wurde, ein von dreizehn Flüssen durchzogenes Sumpfgebiet. Die Prioritäten des globalen Kapitalismus sorgen seit der holländischen Kolonialzeit, d.h. seit der Ausbeutung durch die Vereinigte Ostindische Kompanie (VOC) dafür, dass Jakarta bebaut wird, als existiere es auf Festland.

Stadtplanung folgt kapitalistischer Profitlogik

Während der Überschwemmungen im Januar 2020 machten wir eine Video-Serie zum Thema ‘Wasserstadt Jakarta’. Die Bilder sollten auch eine Art Schocktherapie sein. Es ging uns darum, einen Diskurs anzustoßen darüber, dass die Flutnothilfe die eine Sache ist, dass es aber auch darum gehen muss, dass Stadtplanung generell entsprechend geographischer Gegebenheiten erfolgen sollte. Wir filmten Menschen, die sich an die Bedigungen eines Lebens am Fluss angepasst hatten, zum Beispiel Mittelschicht-Vertreter*innen, die jetzt in Stelzenhäusern leben. Aber wir stellten auch ärmere Stadtviertel in den Mittelpunkt unserer Filme, wo die Menschen sich einer Vertreibung durch die Stadtregierung widersetzt hatten und jetzt ihre Hütten nicht mehr direkt am Ufer errichten, um den natürlichen Schutz durch ein von Bäumen und Büschen bewachsenes Flussufer zu erhalten.

Mit der Video-Serie wollten wir aussagen: “Ihr könnt nicht einfach aus Venedig eine ‘trockene’ Stadt auf Festland machen, ohne dass dies sehr weitreichende und sehr teure Konsequenzen für diese Art von Megaprojekt hat.” Und wer jetzt an die ‘Erfolgsstory’ Amsterdam denkt, sollte nicht vergessen, dass die Mittel zum Aufbau vom Amsterdams Infrastruktur zu einem nicht geringen Teil aus der kolonialen Ausbeutung Indonesiens (damals noch Ostindien genannt) durch die Niederlande stammten.

Stadtviertel tragen ‘Sumpf’ in ihrem Namen

Viele Viertel in Jakarta tragen heute noch ‘Sumpf’ im Namen, was auf Indonesisch ‘rawa’ heisst. Rawa Belong (Sumpfiger Teich), Rawa Buaya (Krokodilssumpf), Rawa Mangun (Bebauter Sumpf), Rawa Sari (Blütensumpf), Rawa Bebek (Entensumpf) sind nur einige Beispiele. Diese überlieferten Namen sind der anthropologische Beweis dafür, dass es ein kollektives Gedächtnis für die geografischen Gegebenheiten Jakartas als einem von Wasser geprägten Gebiet gibt. Jahrhundertelang versuchten die Holländer, die Überschwemmungen von Jakarta zu beherrschen. Immer wieder scheiterten sie.

Indonesien Überschwemmungen Stadtplanung

Die Überschwemmungen vom Jahresbeginn 2020 gingen als schwerste seit 2007 in die Statistiken ein. © Watchdoc

Vom Architektonischen bis zum Sozialen wurde der Stadt die Möglichkeit genommen, Wasser aufzunehmen. Das Wasser wurde zu einer Bedrohung stilisiert, anstatt es als natürliche Gegebenheit anzunehmen und zu einem Teil des städtischen Lebensstils zu machen. Das begann, als im damaligen Batavia Flüsse begradigt und Kanäle angelegt wurden, so dass die natürlichen ‘Parkplätze’ für Wasser verloren gingen. Damit einher ging eine beschleunigte Sedimentation. Trotz dieses massiv vorangetriebenen ‘Infrasrukturmanagements’, kam es in den Jahren 1895 und 1899 zu großen Überschwemmungen. Am 19. Februar 1909 erschien die Zeitung De Locomotief wegen der erneut aufgetretenen großen Flut mit dem Titel: “Batavia Onder Water” (Batavia unter Wasser).

Batavia wurde in den Händen des neuen Staates Indonesien zu Jakarta. Die rasant wachsende Bevölkerung traf erneut auf ein Paradigma der Stadtplanung, das die natürlichen Gegebenheiten von Sumpf und Flüssen ignorierte. Die Kommerzialisierung von Land, die ‘Real-Estate-Industrie’ und eine Genehmigungsbürokratie, die auf Patronen-Klienten-Beziehungen und entsprechenden beiderseitigen finanziellen Vorteilen beruht, verschärfen das Problem bis heute. Ökologische Faktoren wie der Erhalt von natürlichen Flussläufen oder soziale Faktoren wie die Anpassung an geographische Gegebenheiten, gelten in diesem herrschenden Paradigma als nicht relevant.

Flüsse als Hinterhof und Müllhalde der Anwohner

Betrachtet man die Häuser an den Flussläufen, sieht man ebenfalls, wie weit sich Jakarta von seinen natürlichen Gegebenheiten als Wasser-Gebiet entfernt hat. Wurden früher die Häuser in Richtung der Flüsse ausgerichtet (die auch Transportwege waren), stehen sie heute mit ihrer Rückseite zu den Flüssen. Die Flüsse wurden zum ‘Hinterhof’, zum Abfluss und zur Müllhalde der Haushalte.

Zugleich treibt die Stadt den Bau von Dämmen und Deichen voran und vermindert damit erneut den natürlichen Raum, wo Wasser versickern könnte. Da Deiche auf beiden Flussseiten Platz brauchen, werden die Bewohner armer Viertel an den Flüssrändern mit der Begründung vertrieben, dass ihr Siedeln am Ufer zu Überschwemmungen führt. Dabei haben diese Dämme in der Geschichte Jakartas die Stadt noch nie vor Überschwemmung bewahrt. Sie sind lediglich ‘schöner anzusehen’ in den Augen jener Stadtplaner*innen, die es ‘gerade und symmetrisch’ mögen. Im Jahr 2015 gab es 113 Fälle von Vertreibungen von Siedlungen, 2016 sogar 139. Einige dieser Fälle, die im Namen der ‘Flut-Prävention’ geschahen, haben wir im Film Jakarta Unfair dokumentiert.

Bis heute werden Viertel wie Bukit Duri, wo die Menschen vertrieben wurden, um Deiche zu errichten, vom Wasser überflutet. Die Bewältigung der Überschwemmungen belastet das kommunale Budget nun sogar noch mehr, weil das Wasser aus den überfluteten Vierteln in den Fluss zurück gepumpt werden muss. Mit dem Konzept des ‘Einmauerns’ der Flüsse (anstelle zum Beispiel der Planung von Vierteln mit Pfahlbauten) muss Jakarta inzwischen 478 permanente und 122 mobile Wasserpumpen betreiben.

Teufelskreis aus Energieverbrauch und Ausstoß von Kohlendioxid

Damit schließt sich ein Teufelskreis aus dem Verbrauch von Energie und dem Ausstoß von CO₂. Denn 62 Prozent des indonesischen Energieverbrauches stammen aus der Verbrennung von Steinkohle, weitere 25 Prozent werden auf der Basis von Erdöl und Erdgas generiert.

Während die ärmsten Bewohner der Stadt von den Ufern der Flüsse vertrieben werden, wird die Besetzung des städtischen Raums durch die Interessen des Kapitals in Form der Real-Estate-Industrie geduldet und gesetzlich geschützt. Diese ‘internen’ Faktoren sind das Vorspiel zu dem, was wir nun erleben, wo die ‘externe’ Variable namens Klimawandel hinzukommt. Dessen Folgen treffen auf Jakarta wie Feuer auf trockenes Stroh.

Von 1981 bis 2020 nahm die Zahl der Regentage in Indonesien um 1,1 Tage pro Dekade zu. Im Jahr 2016 verzeichnete die Behörde für Meteorologie, Klimatologie und Geophysik (BMKG) eine Jahresdurchschnittstemperatur, die um 1,2 Grad höher lag als der Durchschnitts-Wert der vergangenen 25 Jahre.

Die hohen Temperaturen (bis 2035 wird mit einer durchschnittlichen Erhöhung von 2 Grad gerechnet) wirken sich auf die Luftfeuchtigkeit aus. Sie bedeuten häufigere und stärkere Regenfälle, die das Risiko von Überschwmmungen erhöhen. Doch es gibt noch weitere Faktoren, die Jakarta zu einem der Orte in Südostasien machen, die von den Folgen des Klimawandels am meisten bedroht sind.

Indonesien Überschwemmungen Stadtplanung

Ein Bewohner Jakartas sucht nach einer Überschwemmung im Schlamm nach seinen Habseligkeiten © Watchdoc

Absenkung des Bodens und steigender Meeresspiegel

Aus Richtung der oberen Flußläufe und in der Stadtmitte ist Jakarta ohnehin von Überschwemmung bedroht. Dazu kommt, da wo die Flüsse münden, der ansteigende Meeresspiegel. Doch bevor wir erneut den Klimawandel als ‘Feuer’ verurteilen, sollten wir uns die Bedingungen des ‘trockenen Strohs’ anschauen.

Selbst wenn man den steigenden Meeresspiegel, verursacht durch die Gletscherschmelze in der Antarktis, die jährlich mit rund 300 Milliarden Tonnen voranschreitet, außer Acht lässt, dringt wegen der absinkenden Böden bereits Meerwasser in die Bucht von Jakarta ein. In einigen Gebieten im Norden von Jakarta wurden Dämme errichtet, wie zum Beispiel in Muara Baru, wo ein sechs Kilometer langer Damm das Land schützen soll, das bereits einen Meter unter dem Meeresspiegel liegt.

An manchen Orten liegt die Geschwindigkeit des Absinkens der Böden bei 22-25 Zentimeter im Jahr. Sicher, das geschieht auch in anderen Städten. In Tokio zum Beispiel sank der Boden zwischen 1900 und 1970 um insgesamt 4,5 Meter. Doch das Tempo, in dem Jakarta ‚sinkt’, sucht seinesgleichen. Innerhalb von zehn Jahren sank der Boden in einigen Stadtteilen um bis zu 2,5 Meter. Das World Economic Forum bezeichnete Jakarta als eine der am schnellsten sinkenden Städte der Welt.

Dieses Absinken des Bodens hat vier hauptsächliche Gründe: Die Entnahme des Grundwassers, die Verdichtung der Bodenstruktur, Druck/Bodenbelastung sowie tektonische Faktoren. Am meisten Einfluss hat die Entnahme von Grundwasser für Trinkwasser, sanitäre Anlagen und Bewässerung. Von den rund zehn Millionen Einwohnern, die pro Jahr ungefähr 846 Millionen Kubikmeter Wasser verbrauchen, sind nur 40 Prozent an die städtische Wasserversorgung angeschlossen. Die Mehrheit der Einwohner Jakartas – eingeschlossen Büros und Unternehmen des formellen und des informellen Sektors – nutzen Grundwasser, das sie aus dem Boden pumpen. Die Verringerung des Wassers im Aquifer (der Grundwasser enthaltenden Gesteinsschichten) führt zum Absinken der Böden. Dieser Prozess wird durch die starke Bebauung Jakartas, durch die ein enormer Druck auf den Böden lastet, zusätzlich verschärft. Außerdem verdichten sich die Bodensedimente durch die oben genannten Faktoren von lockeren zu festeren Schichten.

Die ersten Opfer der sinkenden Stadt sind die vier bis fünf Millionen Menschen, die in den nördlichen Teilen Jakartas nahe der Küste leben. Manche von ihnen, wie die Bewohner von Kapuk, Muara Baru und Muara Angke leiden schon jetzt beinahe täglich unter Überschwemmungen durch in Landgebiete eindringendes Meerwasser (banjir rob). Diese Gebiete sind in der Regel von Menschen mittleren bis niedrigen Einkommens bewohnt. Die Überschwemmungen fügen den strukturellen Ursachen von Armut also noch neue, zusätzliche Belastungen hinzu, unter denen die Betroffenen leiden.

Jakartas Regierung will in einem gigantischen Landgewinnungsprojekt künstliche Inseln entstehen lassen © Watchdoc

Ansteigender Meeresspiegel lässt Inseln versinken

Der steigende Meeresspiegel verstärkt das Absinken der Böden. Dies lässt sich eindrucksvoll am Beispiel der so genannten ‚1000 Inseln’ (Kepulauan Seribu) in der Bucht von Jakarta betrachten. Das Gebiet, das tatsächlich aus 180 Inseln besteht, erfährt massiven Landverlust. Von der Insel Onrust zum Beispiel, die einst 40 Hektar umfasste, ragt nur noch die Hälfte dieser Fläche aus dem Wasser.

Im Durchschnitt steigt der Meeresspiegel an Jakartas Küsten um sechs Milimeter im Jahr. Die Regierung möchte deshalb einen 30 Kilometer langen Damm entlang der Küste errichten. An den Flußläufen sollen weitere Dämme mit einer Gesamtlänge von 30 Kilometern gebaut werden. Doch damit nicht genug. Die Regierung treibt in einem fragwürdigen gigantischen Küstenentwicklungsprojekt die Landgewinnung von 5.100 Hektar Fläche im Norden von Jakarta und den Bau eines ‚Riesen-Damms’ voran. Im Rahmen dieses Projekts sind bereits drei künstliche Inseln entstanden, die kommerziellen Interessen von Grundstücks-und Immobilienunternehmen dienen. Ein Teil der Bautätigkeit wurde gestoppt, weil sich die politischen Verhältnisse in Jakarta nach den Gouverneurs-Wahlen von 2017 geändert hatten.

2016 produzierten wir einen Dokumentarfilm mit dem Titel Die Verlockungen der falschen Inseln (Rayuan Pulau Palsu). Die Regierung beteuerte, das Megaprojekt der Landreklamation stehe in Verbindung und die Giant Sea Wall, für die entlang von Jakartas Küste Straßen vom Damm zu den Inseln gebaut würden, sei eine ‚Riesenanstrengung’, damit Jakarta nicht versinke. Eine solche Argumentation beleidigt die Intelligenz der Öffentlichkeit. Denn Landgewinnung und Bebauung dieses Landes verschärften die Probleme dort, wo die Flächen schon jetzt am sensibelsten sind. Zugleich bedeutet das Projekt Giant Sea Wall eine gigantische Energieverschwendung. Denn den Flüssen, aus denen jetzt schon das Wasser mit Pumpen abgepumpt wird, wird ihr natürlicher Ablauf zum Meer genommen.

Damit die Öffentlichkeit ihr das Megaprojekt ‚abkauft’, argumentierte die Regierung, das die Giant Sea Wall auch als Trinkwasserreservoir diene. Dabei schafft sie es nicht mal, die Stadt mittels eines Leitungssystems mit Wasser aus dem Oberlauf der Flüsse, wo es noch relativ sauber ist, ausreichend zu versorgen. Wie sollte das dann wohl am Unterlauf mit seiner viel stärkeren Verschmutzung und Verzweigung aussehen?

Die Einwohner*innen Jakartas …

… protestieren gegen das Landgewinnungsprojekt © Watchdoc

Luftverschmutzung

In Südostasien gelten Jakarta und Hanoi als Städte mit der höchsten Luftverschmutzung. Die jährliche Feinstaubbelastung (PM2,5) Jakartas beträgt das Vierfache dessen, was die Weltgesundheitsorganisation als gesundheitsgefährdenden Grenzwert bezeichnet. Greenpeace Indonesia nennt dafür zwei Hauptursachen: Verkehrsabgase und Kohlekraftwerke.

Jakarta investiert nicht ausreichend in öffentlichen Nahverkehr. Im Gegenteil: Unsere Hauptstadt ist Spitzenreiter in der Privatisierung des Transportsektors. 4,4 Millionen Autos und 30 Millionen Mopeds fahren durch die Stadt. Dazu kommen die ‚Durchreisenden’ aus dem Großraum Jakarta (Jabodetabek). Täglich verkehren 3,5 Millionen Pendler zwischen Jakarta und ihrem Wohnort. Nicht einmal die Hälfte von ihnen nutzt öffentliche Verkehrsmittel.

Kohleverstromung ist die zweite Hauptursache für Jakartas Smog. In einem Radius von 100 Kilometern finden sich um Jakarta herum 22 Kohlekraftwerke. Damit ist Jakarta die von den meisten Kohlekraftwerken umgebene Stadt der Welt. Der Anteil von Kohleverbrennung an der Luftverschmutzung beträgt in Jakarta 33 bis 38 Prozent. Betrachtet man die Grenzwerte für Luftverschmutzung, gelten 22 Tage pro Monat in Jakarta als ungesund. Im August 2019 wurde Jakarta sogar als Stadt mit der schmutzigsten Luft weltweit ‚gekürt’.

Schon vor der Corona-Pandemie hatte das Umweltministerium bekannt gegeben, dass 57 Prozent der Einwohner Jakartas durch die Luftverschmutzung bedingte Gesundheitsschäden erleiden. Die entsprechenden Kosten, die die Bürger*innen für medizinische Behandlungen aufbringen müssen, wird auf 38,5 Billionen Rupiah geschätzt.

Über die Folgen der Umweltverschmutzung durch Kohlekraftwerke haben wir die Bevölkerung auch in unserem Dokumentarfilm Sexy Killers aufgeklärt (siehe Rezension des Films auf suedostasien.net). 30 Millionen Menschen haben diesen Film auf youtube gesehen. Doch weiterhin wird an den schmutzigen Energiequellen festgehalten, weil sie den Interessen von Indonesiens Oligarchen dienen.

Betrachtet man nun die Prognosen für die Klimawandelfolgen, die uns erwarten – Treibhauseffekt, Schmelzen der Polkappen, extreme Wetterereignisse – kann man sich ausmalen, dass Jakarta über kurz oder lang auf eine Katastrophe zusteuert.

Was tut die Regierung?

Die Regierung plant, Jakarta zu verlassen und ihren Amtssitz nach Kalimantan zu verlegen. Das ambitionierte Projekt, das bis 2030 vollzogen sein soll, bedeutet: Die Regierung lässt die alten Probleme hinter sich und schafft woanders neue Probleme der gleichen Art. Denn an den Ursachen, an der Ignoranz gegenüber nachhaltigen und umweltfreundlichen Entwicklungsperspektiven, ändert sie nichts. Die natürlichen Bedürfnisse der Menschen unterliegen einmal mehr der Herrschaft des Geldes.

Wenn dann in Kalimantan der Wald endgültig zerstört ist, wenn die Flüsse begradigt und eingedeicht sind und das Grundwasser erschöpft, beginnt möglicherweise das gleiche Spiel wieder von vorn. Inzwischen ist bekannt, dass eine Verbindung zwischen unserem Umgang mit der Umwelt und dem Auftreten von zoonotischen Infektionen [die von Tieren auf Menschen und umgekehrt übertragen werden können] besteht. Trotzdem setzen wir die Zerstörung unserer Umwelt und die Ausrottung von Wildtieren fort. Wir müssen schon verdammt viel Glück haben, wenn wir damit nicht schon bald nächste Pandemie verursachen.

Übersetzung aus dem Indonesischen von: Anett Keller.

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Dieser Text erscheint unter einer Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz


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Auf Sumpf gebaut

Indonesien: Kalimantan gilt wegen seiner Regenwälder als eine der ‚Lungen der Welt’. Doch massive Ressourcenausbeutung resultiert in Überschwemmungen, Luft- und Wasser-Verschmutzung. Sie bewirkt aber auch eine tief greifende soziale Transformation in den indigenen Gemeinden.

Seit dem 13. Welt-Klimagipfel im Dezember 2007 auf Bali hat sich die Fördermenge an Steinkohle in Indonesien von 188,66 Millionen Tonnen auf ca. 610 Millionen Tonnen verdreifacht. Ausrichtungsland des Klimagipfels zu sein und selbst Hunderte von Delegierten zu entsenden, hat das Entwicklungsmodell in Indonesien also nicht unbedingt verändert. Trotz des Versprechens, die Treibhausgasemissionen bis 2020 auf 26% zu senken, ist Indonesien nach Australien heute der zweitgrößte Exporteur von thermischer Kohle. Fast 80% der Kohle aus Indonesien werden nach Indien, China, Südkorea, Vietnam, Thailand und auf die Philippinen exportiert. Der Rest wird für Kohlekraftwerke im Inland verwendet mit einer Prognose, dass der Bedarf dafür in Zukunft weiter steigen wird.

Wie wirkt sich diese Situation in Kalimantan (indonesischer Teil der Insel Borneo) aus, dessen Wald als eine der ‚Lungen der Erde’ bezeichnet wird und die gleichzeitig eines der Hauptgebiete für die Ausbeutung von Kohle ist? Die Provinzen Ost- und Süd-Kalimantan steuerten 2017 bereits 82,2% der 461,2 Millionen Tonnen Kohleproduktion Indonesiens bei. Im selben Jahr begann auch der Anstieg der Kohleförderung in Zentral-Kalimantan. Im Jahr 2017 förderte Zentral-Kalimantan 17,3 Millionen Tonnen, ein Anstieg um mehr als das Zweifache im Vergleich zu drei Jahren zuvor (zu Kohleförderung in Kalimantan und den Folgen vergleiche auch die Rezension des Dokumentarfilms Sexy Killers auf suedostasien.net). Kalimantan bietet nicht nur Kohlenreserven, die großen Flüsse stellen dort auch die billigsten Transportwege für die Kohle von den Bergbaustandorten dar.

Die Zerstörung der Flussökosysteme bringt sozio-ökologische Kosten auf Kalimantan mit sich, die von Indonesien und der Welt, die weiterhin Kohle verbrennen, berücksichtigt werden müssten. Die sozialen und ökologischen Veränderungen in der Umgebung der Flüsse in Zentral-Kalimantan zeugen davon, wie die Bevölkerung und die Natur die Auswirkungen der Kohleförderung tragen und gleichzeitig mit den Auswirkungen des Klimawandels umgehen müssen.

Leben am und mit dem Fluss

Wer am Ufer eines Flusses lebt, kann diesen als ein sehr sensibles Ökosystem wahrnehmen. Er ist wie ein Kuchenteig, der sich erst ausdehnt und dann wieder zusammenfällt, sobald sich die Temperatur um ihn verändert. Innerhalb weniger Stunden kann sein Pegel um einige Meter steigen oder sinken. Die Aktivitäten der indigenen Bevölkerung der Dayak sind größtenteils abhängig von den Flüssen in der Region. So auch bei den Dayak Murung, einer Gemeinde an den Ufern der Flüsse Laung und Maruwei in der Region Murung Raya. Wenn das Wasser der Flüsse ansteigt, dann bedeutet das, dass die Frauen und Männer nicht mehr auf die Plantagen gehen können, um Kautschuk zu gewinnen. Ihr Land wird überflutet und sie können die Kautschukbäume nicht mehr erreichen. “Die Kautschukernte wird ausgesetzt, wenn das Flusswasser steigt“, sagt Rosa, eine der Murung- Frauen, die jeden Morgen zwischen 6 und 10 Uhr auf die Plantage geht.

Wenn der Flusspegel ansteigt und die Strömung stärker wird, trägt die Strömung große Holzstücke mit sich. Das ist sehr gefährlich für die Frauen, die kleine Boote ohne Motor benutzen, um über den Fluss zur Kautschukplantage zu gelangen. Der Wasseranstieg hindert die Frauen aber nicht nur daran, Kautschuk abzuzapfen. Die Bewohner*innen der Dörfer stromabwärts des Flusses Laung müssen ihre Habseligkeiten, insbesondere ihre elektronischen Geräte, in den ersten Stock bringen und wohnen auch dort, bis das Wasser wieder sinkt. Die Dörfer, die weit unten flussabwärts liegen, leiden besonders darunter. Insbesondere die Dörfer Maruwei II, Batubua I und Batubua II sind von schweren Überschwemmungen betroffen, weil ihre Häuser unmittelbar von Wasser umgeben sind, sobald der Flusspegel des Laung ansteigt. “Das Wasser geht bei uns gerade mal bis zu den Stufen des Hauses, wenn es bei ihnen schon bis ins Haus reicht“, sagt Ata während sie auf das Dorf gegenüber zeigt, das durch eine Eisenbrücke mit ihrem Dorf verbunden ist. Die Menschen bleiben bei Überschwemmungen zu Hause oder bewegen sich mit kleinen Booten fort.

Überschwemmungen werden nicht nur vom Regen und dem Zustand der Wälder stromaufwärts beeinflusst, sondern auch durch den Wasserstand des großen Flusses in seiner Mündung. Der Wasserstand des Laung steigt weiter an, wenn die Mündung des Barito – des längsten Flusses in Kalimantan – ebenfalls einen hohen Wasserstand erreicht, weil dadurch das Wasser des Laung zurückgestaut wird. Der ökologische Zustand dieses Flusses und seiner Nebenflüsse bestimmt schon lange die sozialen Formationen in dieser Region.

Trübes Wasser und Überschwemmungen

Die Murung Dayak werden auch als ‚Menschen des Murung’ bezeichnet, weil sie entlang des Murung und teilweise am Ufer des Barito leben. Die Identität der Menschen ist eng verknüpft mit den Namen der Flüsse, hier leben ‚die Kapuas’, ‚die Murung’ und ‚die Laung’. Das Ökosystem der Flüsse formt auch die Dörfer in der Gegend des Laung und des Maruwei. Dörfer, die entlang eines Flusses entstehen, übernehmen oft dessen Namen. So zum Beispiel das Dorf Lakutan, weil es am Ufer des Lakutan liegt, das Dorf Pelaci, weil es am Flussufer des Pelaci liegt.

Zurzeit gibt es aber große Veränderungen der ökologischen Bedingungen der Flüsse, die durch steigende Wasserpegel immer näher an die Dörfer ‚rücken’. Auch in der Trockenzeit kommt es inzwischen zu plötzlichen Regenfällen – Überschwemmungen sind die Folge. „In der Vergangenheit kam das nicht so häufig vor und das Wasser war auch nicht so trüb wie jetzt“, erinnert sich Ata, die in Maruwei geboren wurde. Atas macht für die Trübheit des Wassers die Aktivitäten von Kohlegruben an den Nebenflüssen des Laung verantwortlich.

Seit zwei Jahrzehnten ist eine Kohlemine in der Umgebung des Laung und des Maruwei in Betrieb. Eine weitere kam vor einigen Jahren hinzu. Drei weitere sollen folgen. Kohlefirmen sind an den Feldern und Plantagen der Bewohner*innen interessiert , welche nach der Meinung der Firmen einen hohen Kohleanteil bergen. Im Bezirk Murung Raya bestehen Bergbaukonzessionen für 48% des Gebiets. Diese Bergbaukonzessionen überschneiden sich mit einer Konzession für Holzunternehmen, die seit den 1970er Jahren die Wälder in der Region schlagen.

Verflechtung von Politik und Wirtschaft

Traditionell sind diese Gebiete das Land der indigenen Völker. Die indigene Gemeinde Murung gab es schon lange vor Gründung der Republik Indonesien. Dennoch erteilte vor einem halben Jahrhundert die Regierung der Neuen Ordnung (Regierungszeit von Suharto 1966 – 1998) eine Konzession für die Waldnutzung, die es ermöglichte, Urwaldbäume zu fällen und zu verkaufen. Einige der Holzunternehmer*innen hatten enge Beziehungen zur Suharto-Familie.

In der Folge wurden jahrhundertealte Bäume im großen Stil gerodet und über die Flüsse Laung und Maruwei abtransportiert. In ihrem Artikel mit dem Titel Natural Resources and Capitalist Frontiers (2003) beschrieb Anna Tsing die Region um die Flüsse Laung und Maruwai als „Ressourcengrenze“ (ressource frontier). Gemeint ist eine Region, die aufgrund externer Rohstoffnachfrage physische und soziale Veränderungen durchlaufen hat. Früher nach Holz, heutzutage nach Kohle. Die Straßen zu den Flüssen, die einst von den Holzfirmen angelegt wurden, werden heute sowohl von der Bevölkerung als auch von Bergbauunternehmen genutzt.

Straßen, die ursprünglich von nur zwei Lastwagen befahren werden konnten, wurden auf das Doppelte bis Dreifache verbreitert. Täglich transportieren Lastwagen mit einer Kapazität von 38 Tonnen Kohle aus den riesigen Tagebaulöchern am Flussufer. Das Gebiet entlang der Straßen, welche die Dörfer miteinander verbinden, ist durch das erhöhte Verkehrsaufkommen nun gefährlicher. Oft werden Haustiere von Lastwagen überfahren, vor allem Hunde und Hühner. Auf der 60 km langen Straße sterben jeden Monat fünf bis sechs Hunde. Früher wurde diese Straße als „Holzstraße“ bezeichnet, heute wird sie als Kohlestraße bezeichnet.

Anfangs durften die Bewohner*innen die neuen, breiteren Straßen nicht nutzen, obwohl sich viele durch die Kompensationszahlungen Motorräder leisten können. Sie reagierten mit Protesten und Straßensperrungen, damit das Unternehmen ihnen den Zugang zur Straße ermöglicht. Mit Barrieren machen sie auch auf die überfahrenen Hunde aufmerksam, die ökonomisch einen Verlust darstellten, weil sie den Menschen bei der Jagd helfen. Die Anwohner*innen veranstalteten verschiedene Aktionen, um das Augenmerk auf das Problem zu lenken. Dies führte schließlich dazu, dass im lokalen Recht Sanktionen für Kohle– oder Holzunternehmen festgeschrieben wurden, wenn ihre Lastwagen Hunde oder Hühner überfuhren.

Seit die Straße auch von öffentlichen Verkehrsmitteln befahren wird, bevorzugen die Menschen die Asphaltstraße als Transportweg. Transportmittel für den Fluss, wie kleine Boote werden nur noch für bestimmte Zwecke verwendet, etwa zum Überqueren eines Flusses, um zu einer Plantage oder einem Feld zu gelangen oder zum Transport von Früchten. Seit zehn Jahren sind zunehmend Motorräder auf den Dorfstraßen zu sehen, welche die Bewohner*innen sich aus Kompensationszahlungen für Plantagen und Felder, aber auch aus Gehältern beim Kohlebergbau leisten können. Die Kaufkraft der Menschen wächst und ebenso die Nachfrage nach Konsumgütern. Waren, die – anders als früher – nicht von den Dorfbewohner*innen selbst hergestellt werden können, wie zum Beispiel in Plastik verpackte Fertignahrung.

Obwohl sich die Kohlemine in der unmittelbaren Nachbarschaft befindet, wird der Strombedarf der Dorfbewohner*innen teils durch Solarenergie gedeckt, teils durch Stromgeneratoren, die mit Diesel und Benzin betrieben werden. Zudem steigt der Bedarf an fossilen Brennstoffen für Motorräder und Autos.

Bergbau und sozialer Wandel

Neue Transport- und Kommunikationsmöglichkeiten beschleunigen die Bewegung von Menschen und Gütern in die Dörfer entlang der Flüsse Laung und Maruwei. Fernsehen und Handy machen sie mit Produkten vertraut, die vorher nur in Städten erhältlich waren: teure Renn-Motorräder, die nur auf glatten Asphaltstraßen fahren können, nicht auf felsigen, hügeligen und oft nur geschotterten Dorfstraßen. Diese Situation spaltet die lokale Gesellschaft in Klassen: zwischen Frauen und Männern, zwischen Jungen und Alten und zwischen denen, die auf den Feldern und in den Plantagen arbeiten, und denen, die in Kohleminen arbeiten.

Die Arbeitsmöglichkeiten im Kohlebergbau für lokale Anwohner*innen, die über keinen Studienabschluss verfügen, beschränken sich oft auf körperliche Arbeit. Zunächst werden sie als Helfer*innen zum Tragen von Ausrüstung und Versorgungsmaterialien in den Wald, bei der Entnahme von Gesteinsproben oder beim Bedienen von schweren Maschinen eingesetzt. Die Produktionsweise im Bergbau und die Geschlechterverteilung in der Gesellschaft machen Beschäftigungsmöglichkeiten im Bergbau meist nur für Männer attraktiv. Es gibt nur wenige Möglichkeiten der Lohnarbeit für Frauen, außer in der Verwaltung, Buchhaltung, in der Wäscherei oder im Catering. Dazu müssen die Anwohner*innen von Maruwei auch noch mit den umliegenden Dörfern konkurrieren, was die Arbeitsmöglichkeiten weiter erschwert.

Altersbegrenzung und Vertragslaufzeiten der Jobs in den Kohlefirmen begrenzt. Wer älter als 45 Jahre ist, bekommt keine Arbeit mehr. Ein Großteil der lokalen Arbeitskräfte erhält zudem nur Kurzzeit-Verträge, die mit einer Probezeit von drei Monaten beginnen. Die Verträge werden dann auf sechs Monate verlängert und können auf ein oder zwei Jahre ausgedehnt werden. Ist der Auftrag des Unternehmens erledigt, folgen Massenentlassungen.

Land ohne Bauern und Bauern ohne Land

Dennoch sind diese Jobs unter jungen Menschen sehr beliebt. Der Lohn liegt über dem regionalen Mindestlohn der Provinz Zentral-Kalimantan. Zudem ist der Preis für Kautschuk, die ehemalige Haupteinnahmequelle, im letzten Jahrzehnt dramatisch gesunken, wodurch die Einnahmen aus Kautschukplantagen um 70% zurückgingen. Eltern setzen daher ihre Kinder unter Druck, fleißig in der Schule zu sein, damit sie ihren Abschluss machen und in einem Bergbauunternehmen arbeiten können. Einige der Jungen im Grundschulalter, die ich befragte, sagten sie möchten Fahrer beim Bergbauunternehmen werden, während die Mädchen wie ihre älteren Verwandten in der Wäscherei oder der Kantine arbeiten möchten.

Diese Situation hat große Auswirkungen auf die Arbeitsteilung in den Dörfern in der Umgebung, weil die Männer lieber im Bergbau arbeiten als auf den Plantagen oder Feldern. Traditionell teilen sich jedoch Männer und Frauen die Arbeit auf den Feldern: Die Männer bereiten das Feld vor, während die Frauen Proviant und Opfergaben für das Pflanzritual herrichten. Die Männer graben die Löcher vor, in welche dann die Frauen die Reispflanzen setzen. Die Frauen stutzen das Gras zwischen den Reisfeldern, während die Männer Früchte von den Plantagen unweit der Felder ernten. Die Männer jagen, die Frauen häuten und reinigen das gejagte Wild.

Doch seit ihre Männer im Bergbau arbeiten, entschieden sich viele Frauen dazu, nicht mehr die Felder zu bestellen oder Kautschuk abzubauen. Wollen sie die Felder bestellen, sind die Ausgaben für die Bestellung des Feldes höher als die daraus resultierenden Einnahmen, da sie nun Arbeiter*innen auf ihren Feldern bezahlen müssen.

Der Kohlebergbau verlangt nicht nur nach immer mehr männlichen Arbeitskräften, sondern auch nach immer mehr Land. Heute werden die Felder und Plantagen rund um den Nangok – ein Nebenfluss des Laung – bereits für 20 bis 35 Millionen Rupiah pro Hektar an Kohlebergbauunternehmen verkauft. Traditionell wurden Felder und Plantagen von Generation zu Generation weitergegeben. Demnächst müssen Dorfbewohner*innen, wenn sie noch Landwirtschaft betreiben und Kautschuk anbauen oder Obst ernten wollen, weiterziehen.

Dazu kommt das Verbot der Regierung, Brandrodung zu betreiben, aus Angst vor Waldbränden, die jedes Jahr in Zentral-Kalimantan ausbrechen. Einige Bewohner*innen hatten gar mit der Polizei zu tun und wurden verurteilt. Sie wurden vor der Wahl gestellt, drei Monate ins Gefängnis zu gehen oder eine Geldstrafe zu zahlen.

Verlust der eigenen Wurzeln

Die Bestellung der Felder ist mehr als nur eine Arbeitstätigkeit, sie hat auch eine spirituelle Ebene. Auf den Feldern werden in Tradition und Glauben der Dayak seit jeher die Beziehungen des Menschen zur Natur und ihren nicht-menschlichen Wesen gestärkt. Der landwirtschaftliche Prozess bestimmt auch den jährlichen Lebenszyklus, welcher mit der ‚Kommunikation mit der Erde’ beginnt, um herauszufinden ob das zu rodende Land fruchtbar genug ist. Die Menschen bitten Holz, Steine, Berge und andere Wesenheiten um Erlaubnis und behandeln Reissamen als Seelen, die verreisen, wenn die Felder bepflanzt werden, und zurückkommen, wenn die Felder geerntet werden. Wenn der Reis reif ist, danken die Menschen mit einem Ritual den Vögeln, die den Reis vor Krankheit beschützt haben. Die Felder sind auch ein Ort, wo verschiedene Reissorten gepflegt und aufbewahrt werden. Hier wird die Beziehung zwischen Menschen und Natur durch Symbole und Rituale gestärkt. Das Feld ist für die Dayak Murung ein Ort, wo sie ihre ursprüngliche Religion, Kaharingan, bewahren können.

Kaharingan und die Felder sind untrennbar mit dem Fluss verbunden, der die Identität der Dayak Murung prägt. Die Felder und Plantagen entstanden entlang des Flusses. In der Tradition des Kahaharingan ist der Fluss auch der erste Ort, an dem Neugeborene gereinigt werden. Bevor sie im Fluss gewaschen und den Wächter*innen des Flusses vorgestellt wurden, dürfen Neugeborene das Haus nicht verlassen. Auch für die Geister von Verstorbenen ist der Fluss wichtig: Für sie ist er der Weg ins Sangiang, ins Nirwana.

Doch die Flusslandschaft verändert sich drastisch. Vor etwa 20 Jahren fing das Flusswasser an, trüb zu werden und konnte nicht mehr als Trinkwasserquelle verwendet werden. „Wir wagen es nicht mehr das Flusswasser zu trinken. Beim Baden kommt es vor, dass der ganze Körper davon juckt“ sagt Ata. Seit Generationen hat sich ihre Familie auf den Fluss als Wasserquelle für alle Lebensbedürfnisse verlassen. Im Jahr 2004 organisierten die Frauen daher einen Protest und forderten die Kohle-Konzerne auf, sauberes Wasser bereitzustellen. Dafür blockierten Dutzende Frauen eine der Zufuhrstraßen und bauten dort Zelte auf, aber ohne Erfolg. Seit das Wasser des Laung nicht mehr trinkbar ist, müssen die Bewohner*innen Wasser aus einem anderen Flussarm schöpfen, was Zeit und Ressourcen in Anspruch nimmt. Ata muss jeden Monat 100.000 Rupiah (ca. 6 Euro) für den Transport von sauberem Wasser ausgeben. Das Wasser kommt von der Dirung-Hara-Quelle, die nur mit einem Boot erreichen werden kann.

Die Rituale, die mit der Natur in Verbindung stehen, sind nicht nur in Bedrängnis gekommen, weil immer mehr Felder in Kohlegruben verwandelt werden. Auch die Ankunft einer neuen Religion verändert alte Glaubensvorstellungen und Traditionen. Mit der Ankunft des Islam über Handelswege und des Christentums während der Kolonialzeit ließen Dorfbewohner*innen ihre alte Religion hinter sich und konvertierten zu einer der neuen Religionen. Diese betrachten die Rituale, die an die Kraft der Natur glauben, als rückständig. Die Rituale beim Einpflanzen des Reises wurden schließlich aufgegeben. Darüber hinaus betrachten Anhänger*innen der neuen Religion die ursprüngliche Religion als veraltet, da sie unpraktisch ist und hohe Ausgaben für die Hauptrituale erfordert.

Die oben dargestellte Beziehung der Bevölkerung zur Natur, dem Staat und den Unternehmen rund um den Laung- Fluss zeigt die Komplexität des Problems der lokal verursachten sozial-ökologischen Notlage sowie der sie verschärfenden Klimakrise. Soziale Veränderungen in den Dörfern und um die Flüsse werden durch staatliche Maßnahmen und Verschiebungen auf den globalen Rohstoffmärkten beeinflusst. Es ist wichtig, diese Komplexität zu durchdringen, um zu verstehen, wie historische und sozial-ökologische Aspekte mit dem Klimawandel zusammenhängen.

Am Ende müssen wir demütig anerkennen, dass es zunehmend unmöglich erscheint, den Klimawandel aufzuhalten und gleichzeitig die Rohstoffinvestitionen zu beschleunigen. Vor allem jetzt, wo die indonesische Regierung in einem „Omnibus-Gesetz“- (vgl. Artikel dazu den Artikel Profit geht vor Umweltschutz auf suedostasien.net) Investitionen erleichtern will, in der Hoffnung, dass dadurch neue Arbeitsplätze geschaffen werden. Damit wird die Komplexität der Probleme verschleiert und wir sind erneut gefangen im „business as usual“.

Übersetzung aus dem Indonesischen von: Mandana Uriep

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1 | 2020, Indonesien,
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Auf Sumpf gebaut

Südostasien/China: Staudämme in China stören den natürlichen Wasserfluss des Mekong und riskieren damit die Lebensgrundlage von Millionen Menschen. Die chinesische Regierung scheint bislang nicht bereit, durch Zusammenarbeit zu einer Verbesserung der Situation beizutragen.

Während Teile Thailands, Kambodschas, Laos und Südvietnams im vergangenen Jahr eine verheerende Dürre erlebten, hielt China reichlich Wasser am oberen Mekong von den flussabwärts gelegenen Gemeinden zurück, was die Ernten und Fischbestände vernichtete und eine der größten Wasserstraßen der Welt in die Knie zwang. So war der Flusspegel bis zu fünf Meter tiefer als er unter natürlichen Bedingungen hätte sein sollen, während in den flussaufwärts gelegenen Gebieten Chinas von April bis November überdurchschnittliche Niederschlagsmengen verzeichnet wurden.

Im Juli erreichte der Fluss in Nordthailand seinen niedrigsten Wasserstand seit einem Jahrhundert während im November der kambodschanische Tonle Sap-See, der dem Land in einem normalen Jahr bis zu 500.000 Tonnen Fisch liefert, einer Krise ausgesetzt war, da sein einzigartiger jährlicher Überschwemmungszyklus unterbrochen wurde.

Langzeitstudie zeigt Zusammenhänge zwischen Dürre und Dämmen

Seit Jahrtausenden nährt der natürliche Überschwemmungszyklus des Mekong fruchtbare Fischerei- und Landwirtschaftsgebiete und schafft letztendlich das Mekong-Delta, die wichtigste Agrarregion Vietnams, in der 20 Millionen Menschen leben. Staudämme am Lancang, wie der Fluss in China genannt wird, und neue, in Bau befindliche Staudämme am Mekong und seinen Nebenflüssen in Laos haben diesen Kreislauf vollständig unterbrochen, während der jährliche Monsun aufgrund des Klimawandels unregelmäßig geworden ist.

So lauten die Ergebnisse eines Berichts von Eyes on Earth, einem Forschungsunternehmen mit Sitz in Asheville, North Carolina. Seine Autoren Alan Basist und Claude Williams analysierten von 1992 bis 2019 Satellitenbilder des Lancang und tägliche Daten von einem Messgerät am Mekong in Nordthailand, um die Auswirkungen der vorgelagerten Staudämme in China auf den Wasserfluss zu messen.

Die chinesische Regierung hat die Schlussfolgerungen des Berichts kategorisch zurückgewiesen, während sie sagte, der Lancang befinde sich in einer eigenen Dürre.

Die Forscher schreiben, dass sie „die Wassermenge, die natürlicherweise fließen würde, im Vergleich zur Messung am Chiang Saen-Messgerät [in Thailand] berechnet haben“. Für die fraglichen 28 Jahre stellten sie fest, dass in Chiang Saen eine kumulative Flusshöhe von 126,4 Metern (414,8 Fuß) fehlte.

Die Auswirkungen des chinesischen Systems von Kaskadendämmen am Mekong, der 60 Millionen Menschen in Laos, Thailand, Kambodscha und Vietnam versorgt, sind seit 2012 besonders ausgeprägt. In diesem Jahr wurde der Nuozhadu-Damm fertiggestellt und weitere sechs Dämme wurden auf chinesischem Territorium seither gebaut, so dass sich die Gesamtzahl auf elf erhöht hat.

Als China diese Dämme in Betrieb nahm, startete es ein Wassermanagementsystem, mit dem es während der Regenzeit Wasser in Stauseen speichert und dann während der Trockenzeit Wasser abgibt, um seine Wasserkraftturbinen anzutreiben.

Im Allgemeinen hat dieses System funktioniert. Obwohl der Wasserfluss nicht dem entspricht, der ohne die vorhandenen Dämme natürlich gegeben wäre, sind die Fischgründe und landwirtschaftlichen Flächen des unteren Mekong-Beckens relativ gesund geblieben und haben das Leben der Landwirte, Fischer und ihrer Familien in der Region aufrecht erhalten.

Wie oben erwähnt, waren die Auswirkungen dieses Managementsystems im vergangenen Jahr jedoch besonders ausgeprägt.

Störung eines komplexen ökologischen Fluss-Systems

Im selben Jahr waren die Menschen in Nordthailand überrascht, dass das normalerweise dunkelbraune Wasser des Mekong blau wurde, da stromaufwärts gelegene Dämme immer mehr Sedimente zurückhielten. Brian Eyler, Programmdirektor für Südostasien am Stimson Center in Washington DC und Autor des Buches Last Days of the Mighty Mekong aus dem Jahr 2019, äußerte in einer E-Mail, dass dies für stromabwärts gelegene Gemeinden verheerend war. „Während der traditionellen Monsunzeit 2019, in der aufgrund eines El Niño-Wettermusters keine Monsun-Regenfälle erzeugt wurden“, so Eyler, „wirkte sich Chinas beispiellose Wassereinschränkung unbestreitbar auf Thailands nordöstliche Bewässerungsprojekte, den Tonle Sap-See und das Mekong-Delta aus und verringerte die Lebensgrundlagen von dutzenden Millionen Menschen, die dort leben.“

„Das komplexe System ökologischer Prozesse des Mekong funktioniert am besten, wenn der Fluss in der Monsunzeit anschwillt und die Trockenzeit den Fluss auf extreme Tiefststände senkt“, fügte er hinzu. „Überschwemmungen werden nicht als Gefahren angesehen, vielmehr werden sie von den meisten entlang der Flussufer begrüßt. Wenn Chinas Einschränkungen während der Monsunzeit Überschwemmungen beschneiden und das Niveau des Flusses während der Trockenzeit erhöhen, kann die Kraft des Mekong aufgehoben werden.“

Im Februar kündigte China an, mehr Wasser aus seinen Dämmen freizusetzen, angeblich um seinen Nachbarn am unteren Flusslauf zu helfen. Gleichzeitig erklärte China, es leide an einer Dürre entlang des Lancang, obwohl die oben genannten Satellitendaten etwas anderes zeigten.

Nach Einschätzung der Wissenschaftler Alan Basist und Claude Williams hatte diese Maßnahme nur eine begrenzte Wirkung: „Die Ergebnisse zeigen, dass die Einschränkung des Wasserflusses durch die Dämme zwar Ende 2019 und Anfang 2020 sicherlich abnahm, der Abfluss aus dem oberen Becken jedoch immer noch nicht den natürlichen Wasserfluss in dieser Zeit abbilde.“

Vietnamesische Medien berichteten, dass die Freisetzung zu gering war, um überhaupt das Mekong-Delta zu erreichen, das einer eigenen historischen Dürre ausgesetzt ist, zusammen mit einem Rekord-Salzeinbruch, der teilweise auf einen Mangel an stromabwärts fließenden Sedimenten aufgrund der Dämme zurückzuführen ist.

Anrainerstaaten sollten stärker zusammenarbeiten

Marc Goichot, Leiter für Süßwasser im asiatisch-pazifischen Raum beim WWF, ist der Ansicht, dass der Aspekt der Rechenschaftspflicht für dieses Problem leicht gelöst werden kann. „Wer falsch oder wer richtig liegt, lässt sich klären. Wenn China Recht hat und nichts falsch macht, dann stellt es Daten zur Verfügung“, so Goichot. „Wenn wir keine Daten bekommen, dann ist die Sache strittig.“

Die Mekong River Commission (MRC), eine zwischenstaatliche Organisation, die mit den Regierungen von Vietnam, Kambodscha, Laos und Thailand zusammenarbeitet, überwacht den Wasser- und Sedimentfluss des Mekong, verfügt jedoch über keine Überwachungsstationen in China. Laut Goichot hat sich China lediglich bereit erklärt, der MRC, der es als beobachtendes Mitglied angehört, nur teilweise Daten zu den Wasserständen und keine Daten zu den Sedimenten mitzuteilen.

„China mag anderer Meinung sein, aber der Weg in die Zukunft besteht darin, Informationen auszutauschen.“, so Goichot. Wenn wir Echtzeitdaten oberhalb und unterhalb der Dämme hätten und Daten über den Betrieb der Dämme austauschen würden, wie wir es in vielen anderen Teilen der Welt tun, wüssten wir, was los ist.“

Der englische Originalartikel erschien in MONGABAY, News & Inspiration from Nature’s Frontline, 30. April 2020 und wurde für die südostasien redaktionell bearbeitet.

Übersetzung aus dem Englischen von: Jörg Schwieger.

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