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Editorial südostasien 2/2019:
In aller Munde: Plastik in Südostasien

Der Kerobokan Strand in Bali zur Regenzeit: eine Flut an (Plastik-) Müll © ROLE Foundation

Strand bei Kerobokan im Südwesten der Insel Bali © ROLE Foundation

Kürzlich fand ein Forschungsteam am tiefsten Punkt des Meeres – im Mariannengraben in fast 11.000 Metern Tiefe – Plastikverpackungen. Die Folgen der Unmengen Plastikmüll, die Menschen in den letzten Jahrzehnten in der Natur zurückließen, sind zunehmend auch medial präsent. Plastik lässt sich nicht natürlich abbauen, sondern zerfällt lediglich in Kleinstteile, so genanntes Mikro- oder Nanoplastik, das durch den natürlichen Kreislauf zirkuliert. Plastik sorgt für Artensterben in den Meeren. Nanoplastik wandert in Sedimente und in die Atmosphäre. Plastik ist nach neuesten Studien im wahrsten Sinn des Wortes in aller Munde. Seine mikroskopisch kleinen Überreste wandern in unseren Lebensmitteln zu uns zurück.

Die wachsende Menge eines Problems, für das wir noch keine Lösung haben, das aber munter weiter produziert und konsumiert wird, ist Grund genug, sich ernsthaft mit der Thematik auseinanderzusetzen. Derzeit werden jährlich rund 400 Millionen Tonnen Plastik produziert. Nicht einmal zehn Prozent des Plastikmülls wird recycelt. Der Großteil – rund 80 Prozent – landet auf Deponien, in Flüssen, Meeren oder an der nächsten Straßenecke. Rund 12 Prozent des Mülls wird schlichtweg verbrannt. Die Deutschen sind Europameister im Plastikverbrauch: 220 Kilo Verpackungsmüll pro Kopf waren es im Jahr 2016.

Dabei mutete Plastik zunächst so viel versprechend an! Seit Anfang des 20. Jahrhunderts der vollsynthetische Kunststoff erfunden wurde, hat Plastik seinen weltweiten Siegeszug angetreten. Es ist zu billig und zu bequem, um davon zu lassen. 1950 wurden pro Jahr rund 2 Tonnen Plastik hergestellt, 50 Jahre später rund 200 Millionen Tonnen, inzwischen beinahe 400 Millionen Tonnen. Es wächst die Erkenntnis, dass dies nicht folgenlos für Mensch und Umwelt bleibt. Doch die aktive Übernahme von Verantwortung für den Müll durch Hersteller von Plastik hält leider mit dem Produktionstempo in keinster Weise Schritt.

Gerade Länder des globalen Nordens, wie die USA oder Deutschland, exportieren ihren Plastikmüll ins Ausland. Seit der langjährige Abnehmer China im Januar 2018 Müllimporte verboten hat, werden unsere Plastikabfälle vermehrt nach Südostasien exportiert. So wurden 2017 145.000 Tonnen Plastikabfall von Deutschland nach Thailand und 100.00 Tonnen nach Malaysia transportiert. Mit insgesamt etwa 686.000 Tonnen dorthin verschifften Plastikabfällen löste Malaysia China im Jahr 2018 als Haupt-Importland ab. Gleichzeitig ist Plastiknutzung auf dem Binnenmarkt der südostasiatischen Staaten schon sehr hoch, während es dort kaum Pfand-Systeme und öffentliche Müllentsorgung gibt. Den höchsten Pro-Kopf-Verbrauch hat im Übrigen auch in Südostasien das reichste Land der Region: Brunei. Das Fehlen einer effektiven Entsorgungsstruktur, ein wachsendes Importvolumen von Plastikmüll aus dem Globalen Norden und die maritime Lage Südostasiens, führen dazu, dass enorme Mengen Plastikmüll den Weg in die angrenzenden Meere und Flüsse finden. Laut einer Studie der Ocean Cleanup Foundation befinden sich von den 20 Flüssen, die weltweit das meiste Plastik ins Meer transportieren, sieben in Südostasien.

Verschmutzte Plastikteile sind schwer zu recyceln. Bislang entledigten sich die Industrieländer dieses Problems mit den genannten Müllexporten, die rein privatwirtschaftlich funktionierten. Mit der im Mai 2019 geschlossenen Zusatzvereinbarung zum Basler Abkommen „über die Kontrolle der grenzüberschreitenden Verbringung gefährlicher Abfälle und ihrer Entsorgung“, dem 186 Staaten angehören, soll dies nun stärkerer staatlicher Kontrolle unterliegen. Hoffnungen auf verstärkte Müllvermeidung ruhen auch auf dem Ende 2018 beschlossenen EU-Verbot für Einwegplastik ab 2021.

Dabei agieren Plastik-produzierende Unternehmen selten umweltpolitisch im Sinne des Allgemeinwohls. Ein Umstand, der zuweilen von green-washing-Aktivitäten der Unternehmen verdeckt wird. CocaCola, Pepsi, Unilever, Nestlé sind globale Player, die es sich leisten können ihr Image mit Kampagnen und Fördertöpfen für Recycling- und Upcycling-Initiativen aufzubessern. In Förderprogramme für Nachhaltigkeit, Natur und Müllvermeidung zu investieren, das ist das neue vermeintliche ‚Grün’. Dabei investierten nicht nur ökonomische, sondern auch (stadt-)politische Akteure im Rahmen von internationalen Vereinbarungen und Abkommen, bspw. den Sustainable Development Goals, in Green City-Strategien und Programme.

In dieser Ausgabe der südostasien widmen wir uns verschiedenen Perspektiven und Praktiken im Umgang mit Plastik. Es geht um Wahrnehmungen und Handlungsansätze in den Ländern, in denen unser Abfall hauptsächlich landet. Aus lokaler und alltagsbezogener Perspektive wird von lokalen Initiativen die Rede sein, wie bei dem Beispiel der Trash Heros von Flores, Indonesien (Kristian Gäckle), der Waste Banks in Java, Indonesien (Lena Keller-Bischoff/Nuzuli Ziadatun Ni’mah), plastikfreier Initiativen in Vietnam (Johanna Kramm/Heide Kerber), Refill-Initiativen (Alieth Bontuyan) und Zero-Waste-Städten (Sonia Mendoza, Mother Earth Foundation) in den Philippinen.

Julia Behrens und Quỳnh Anh Nguyễn berichten, wie mit Plastik in Hanoi umgegangen wird und Mirjam Overhoff beleuchtet Säuberungen der Manila Bay, und die vorhandenen Müllzyklen in den Philippinen. Aus Kambodscha berichtet Kathrin Eitel von Müllsammler*innen, die zum großen Teil die Infrastruktur des Abfallmanagements in Phnom Penh darstellen. Svenja Hübinger analysiert das neue Verbot von Einwegplastik auf der indonesischen Urlaubsinsel Bali. Diese und weitere Artikel finden Sie in den kommenden Wochen auf suedostasien.net.

Die vielfältigen Beiträge zeigen, dass es zahlreiche Initiativen und Bewegungen in Südostasien gibt, die sich mit der Frage von Plastik und Plastikmüll auseinandersetzen und lokal aktiv werden. Sie zeigen aber auch, dass diese oft nur durch die Hilfe von Fördermaßnahmen und politischer Regulierung langfristig Bestand haben können. Dabei müssen völkerrechtlich bindende Verträge entstehen, wie es im Rahmen des Basler Abkommens geplant ist. Jedoch ist hier wichtig, dass alle Nationen an einem Strang ziehen, was sichin in Hinblick auf unterschiedliche außenpolitische Interessen schwierig gestaltet. Auch auf nationaler Ebene müssen bessere Abfallregulierungen ausgearbeitet und ein Ausbau der Müllinfrastruktur vorgenommen werden. Letztendlich sollten aber in erster Linie die Produzent*innen von Plastik in die Verantwortung genommen werden. Ohne eine nachhaltige und umweltverträgliche Regulierung, an die sich alle Unternehmen zu halten haben, wird sich die Plastikflut nicht eindämmen lassen. Das Problem ist zu groß und zu folgenschwer, um es in jahrzehntelangem Verantwortungs-Ping-Pong zwischen Politik, Industrie und Verbraucher*innen auf die lange Bank zu schieben. Unsere nächste Ausgabe (3/2019) hat das Thema: „Asia First! Autoritarismen und das Ringen um Demokratie“. Hier geht’s zum call for paper (Deutsch PDF / Englisch PDF). Unsere übernächtste Ausgabe (4/2019) beschäftigt sich mit „Musik als Instrument politischer Bewegungen“. Hier geht’s zum call for paper (Deutsch PDF / Englisch PDF).

Wir danken allen an dieser Ausgabe Beteiligten sehr herzlich und wünschen eine erkenntnisreiche Lektüre!

Das Redaktionsteam

 
zur Ausgabe

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Die Autor:innen

  • Tamara Bülow ist passionierte Politikwissenschaftlerin mit Regionalfokus Südostasien und Nepal. Sie engagiert sich für nachhaltigen Handel, kulturellen und gesellschaftlichen Austausch und ist Redaktionsmitglied der südostasien.

  • Anna Fünfgeld ist Politikwissenschaftlerin, Geographin und Ethnologin. Ihre Doktorarbeit am GIGA German Institute for Global and Area Studies und an der Universität Freiburg beschäftigt sich mit Energie- und Klimapolitik in Indonesien und Brasilien.

  • Anett Keller hat in Leipzig und Yogyakarta Journalistik, Politikwissenschaft und Indonesisch studiert. Sie hat mehrere Jahre in Indonesien gelebt und von dort als freie Korrespondentin berichtet. Derzeit arbeitet sie als freie Autorin, Moderatorin und Übersetzerin und koordiniert (auf Teilzeitbasis) die Redaktionsarbeit der südostasien.

  • Mirjam Overhoff ist Sozialwissenschaftlerin und Geschäftsführerin des philippinenbüro e.V. in Köln. Seit 2013 arbeitet sie intensiv zum Thema Migration und Diaspora rund um die Philippinen. Weitere Schwerpunktthemen ihrer Arbeit sind Politik, Stadtentwicklung, Klima und der Umgang mit Müll in den Philippinen.

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Editorial südostasien 2/2019:
In aller Munde: Plastik in Südostasien

Indonesien: Recycling soll Ressourcen und somit auch das Klima schützen. Doch statt des für die indonesischen Papierfabriken benötigten Altpapiers beinhalteten importierte Container bis zu 70 Prozent Plastik. Das landet direkt in der Umwelt oder wird verbrannt – sogar in Tofufabriken.

Deutschland ist bekannt für seinen hohen Papierverbrauch: Im Schnitt verbrauchen die Deutschen 250 kg Papier pro Jahr. Als größter Papierproduzent in Europa verbraucht Deutschland viel Frischfaser. Das Holz dazu stammt von Bäumen aus Skandinavien, Indonesien und Brasilien. Wird statt Frischfaser Altpapier eingesetzt, können Energie und Wasser eingespart werden. Somit bleiben die Bäume als Kohlenstoffspeicher und Sauerstofflieferanten erhalten und das bereits produzierte Papier findet seinen Weg zurück in die Recyclingkette. Soweit die Theorie.

Deutschland gilt als Recyclingmeister. Doch unser Müll gilt auch dann als recycelt, wenn er tatsächlich exportiert wird. Was im Importland mit dem Müll passiert, wird von deutscher Seite nicht kontrolliert.

Mit dem Müllimportstopp Chinas Anfang 2018 änderten sich die Wege des Altpapierstroms. China wollte nicht länger die schlechte Qualität des importierten Altpapiers hinnehmen und führte eine 1-Prozent-Fehlwurfquote ein. Diese kann von kaum einem Exportland erfüllt werden. Indien folgte dem chinesischen Vorbild. Infolgedessen wichen die Exporteur*innen auf andere (asiatische) Länder aus, darunter auch Indonesien (mehr zum Thema Plastik und Plastikmüll auf suedostasien.net).

Im Interview erzählt der indonesische Fotograf und Umweltaktivist Fully Syafi von den Auswirkungen des illegalen Plastikmülls im Altpapierimport.

Wie sind Sie auf das Thema Müllimporte aufmerksam geworden?

Als ich anfing für Ecological Observation and Wetland Conversation (ECOTON) zu arbeiten, informierte ich mich verstärkt über das Thema der Müllimporte nach Indonesien. ECOTON ist eine NGO, die sich mit der Erhaltung von Flüssen befasst, vor allem dem Brantas, dem längsten Fluss in Ost-Java. Als ich mich mit dem Problem von Plastikmüll im Altpapier auseinandersetzte, öffnete mir das die Augen dafür, wie komplex dieses Thema ist. Meiner Meinung nach ist es hochproblematisch, dass Indonesien seinen eigenen Müll noch nicht verarbeiten kann und zusätzlich mit Müll aus dem Ausland belastet wird.

Wie läuft der legale Altpapierimport ab?

In Ost-Java gibt es sehr viele Papierfabriken. Es gibt ungefähr 22 Fabriken, die im Zusammenhang mit den illegalen Plastikmülleinfuhren stehen. Es gibt auch Papierabfälle aus dem Ausland, aus Deutschland, den USA, Japan, aus verschiedenen Ländern. Am Ende aber kommt der Plastikmüll hierher. Dieser ist nicht legal, weil eigentlich ja nur Papier importiert wird. Also, nur der Altpapierimport ist legal. Aber das Altpapier enthält bis zu 70 Prozent illegalen Plastikmüll.

Wie hoch ist das Bewusstsein der Bevölkerung über diesen illegalen Handel innerhalb des legalen Altpapierhandels? Sind sich die Leute in Ost-Java, also in und um Surabaya, dessen bewusst?

Eigentlich wissen sie darüber Bescheid, aber die Importfirmen des Altpapiermülls können sich den Müll ja nicht aussuchen. Sie nehmen das an, was ankommt. Die Papierfabriken benutzen dann das Altpapier, der Plastikabfall wird verkauft und den Anwohner*innen, die in der Umgebung der Fabrik leben, zur Verfügung gestellt. Diese verkaufen den Plastikabfall dann weiter.

Wer klärt die Bevölkerung über diese Geschäfte und die Auswirkungen auf?

Es gibt keine Aufklärung. Zumindest nicht an den Orten, an denen ich die Berichterstattung für ECOTON gemacht habe

Kann man Ihrer Meinung nach gegen diese Geschäfte vorgehen?

Ja, das ist sehr gut möglich. Die Lösung liegt bei der Regierung, da dies ein regulatorisches Problem ist. Hier geht es um Einfuhrvorschriften für Plastik. Aber auch in den Exportländern, wie zum Beispiel Deutschland, sollten entsprechende Vorschriften umgesetzt werden, sodass die anfallende Müllmenge im eigenen Land bewältigt werden kann.

Wenn wir über das Geschäftliche reden: Das importierte Papier und auch das Plastik wird in den lokalen Papier- und Plastikfabriken benötigt. Die Bedarfe der Fabriken können nicht durch die lokal erzeugten Müllmengen erfüllt werden. Es gibt Vorschriften, die das regeln. Aber es wird illegal, wenn zusätzlich falsch deklarierter Plastikmüll und medizinischer Abfall eingeführt werden. Was da eingeführt wird, ist zum Teil giftiger Müll.

Welche Auswirkungen hat der Altpapierimport mit diesen „Zusatzbestandteilen“ auf die Umwelt?

Ich glaube, das Papier hat keine Auswirkungen auf die Umwelt, denn genau das wird von den Papierfabriken gebraucht. Auswirkungen hat der Kunststoff. Nicht alle Kunststoffe, die hier aus dem Ausland ankommen, haben einen Verkaufswert. Es können also nicht alle weiterverkauft werden. Die negativen Auswirkungen entstehen dadurch, dass dieser Müll dann einfach in der Umgebung abgeladen wird. Wenn er dort lange liegt, werden die Gewässer und der Boden verschmutzt. Letztens betrifft es auch das Grundwasser. Der wertlose Plastikmüll wird aber auch von Tofu-Fabriken gekauft und als Brennmaterial für die Tofuherstellung verwendet.

Das ist doch aber sehr giftig.

Ja, in Deutschland weiß man sicher, dass das Verbrennen von Plastik Giftstoffe freisetzt. Wenn der Kunststoff verbrannt wird, tritt schwarzer, dioxinhaltiger Rauch aus. Die New York Times berichtete, dass die Organisation Ecological Observation and Wetlands Conservation ECOTON Eier aus der Region einer Tofufabrik testen ließ. Die Eier aus dem Dorf Tropodo (an der Ostküste Javas) enthalten einen der höchsten Dioxinwerte, die jemals in Asien gemessen wurden. Trotzdem wird weiterhin Plastik als Brennstoff verwendet, weil es günstiger als Holz ist.

Ist das Verbrennen von Plastik in Indonesien legal?

Es ist nicht verboten, es gibt keine Gesetze oder Vorschriften dazu. Das ist wie eine schlechte Angewohnheit der Indonesier*innen – der Müll wurde schon immer verbrannt.

Gibt es in diesen Orten niemanden, der*die Fabriken daran hindern kann, Plastik zu verbrennen?

Der Dorfvorsteher könnte das. Der Dorfvorsteher gibt eine Empfehlung ab, spricht aber kein Verbot aus. Doch die Empfehlungen sind nicht verpflichtend. Es gibt auch keine Strafen.

Gibt es eine Bewegung gegen den Plastikmüll?

Es gibt Widerstand, aber keine große Bewegung gegen den Müllschmuggel. Es gibt Programme an Schulen und viele Kampagnen wie den autofreien Tag oder Kampagnen gegen den Gebrauch von Plastik.

Was muss sich ändern?

Regierung, Einwohner*innen und NGOs müssen gemeinsam denken und zusammenarbeiten, um dieses Problem zu lösen. Dabei muss für Arbeit für die Anwohner*innen gesorgt werden, die aktuell auf den Verkauf von Plastikmüll angewiesen sind. Es müssen Regelungen gemeinsam mit der Regierung beschlossen werden, damit niemand benachteiligt wird.

Zum Weiterlesen:

Die Autor:innen

  • Tamara Bülow ist passionierte Politikwissenschaftlerin mit Regionalfokus Südostasien und Nepal. Sie engagiert sich für nachhaltigen Handel, kulturellen und gesellschaftlichen Austausch und ist Redaktionsmitglied der südostasien.

  • Anna Fünfgeld ist Politikwissenschaftlerin, Geographin und Ethnologin. Ihre Doktorarbeit am GIGA German Institute for Global and Area Studies und an der Universität Freiburg beschäftigt sich mit Energie- und Klimapolitik in Indonesien und Brasilien.

  • Anett Keller hat in Leipzig und Yogyakarta Journalistik, Politikwissenschaft und Indonesisch studiert. Sie hat mehrere Jahre in Indonesien gelebt und von dort als freie Korrespondentin berichtet. Derzeit arbeitet sie als freie Autorin, Moderatorin und Übersetzerin und koordiniert (auf Teilzeitbasis) die Redaktionsarbeit der südostasien.

  • Mirjam Overhoff ist Sozialwissenschaftlerin und Geschäftsführerin des philippinenbüro e.V. in Köln. Seit 2013 arbeitet sie intensiv zum Thema Migration und Diaspora rund um die Philippinen. Weitere Schwerpunktthemen ihrer Arbeit sind Politik, Stadtentwicklung, Klima und der Umgang mit Müll in den Philippinen.

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Editorial südostasien 2/2019:
In aller Munde: Plastik in Südostasien

Kambodscha: Umweltaktivistin Sarah Rhodes spricht im Interview über ihre Vision eines plastikfreien Kambodscha und wie Politik und zivilgesellschaftliche Gruppen gemeinsam dieses Ziel verfolgen.

südostasien: Was hat Sie motiviert, sich für ein plastikfreies Südostasien einzusetzen?

Sarah Rhodes: In Südostasien liegt der Plastikmüll an den Straßenrändern. Diese Sichtbarkeit macht es einfacher, sich gegen die immense Verschmutzung einzusetzen. Zudem beeindruckte mich die Kampagne Plastic Free July, die 2011 in Westaustralien initiiert wurde. Bis dahin lebte ich sehr umweltbewusst, aber mir wurde klar, dass noch so viel mehr getan werden müsste. Das Verbrennen von (Plastik-)Müll sowie die Verwendung von Einwegplastik sind in Südostasien weit verbreitet und stellen eine Gefahr für Klima und Gesundheit dar. Mit der Arbeit von Plastic Free Southeast Asia (Plastikfreies Südostasien) gehen wir auf beide Probleme ein.

Der Grund, warum ich Plastic Free Southeast Asia „Plastic Free“ genannt habe und nicht „Let’s have a great Carbon Neutral Existence Southeast Asia“ (Lasst uns ein großes kohlenstoffneutrales Südostasien haben) ist, dass ich, als ich 2014 nach Siem Reap in Kambodscha gezogen bin, einige Gespräche über den Klimawandel führte. Dabei wurde klar, dass der Klimawandel allgegenwärtig und zugleich ‚unglaublich‘ ist. Nicht nur in Südostasien, sondern weltweit ist der Klimawandel ein so großes Thema. Für die Menschen ist es schwierig zu sehen, wie sie etwas bewirken und verändern können. Wenn wir den Klimawandel auf eine Komponente herunter brechen, bringt das die Menschen eher dazu, über die Umwelt nachzudenken.

Wie können Gemeinschaften und zivilgesellschaftliche Gruppen dabei gestärkt werden?

Das Engagement in den Communities hat den Menschen geholfen zu erkennen, dass sie nicht machtlos sind und dass sie etwas tun können. Es ist schön zu sehen, dass es jetzt viele kambodschanische Akteur*innen gibt, die sich auf lokaler Ebene gegen Müllverschmutzung und für ein Klimabewusstsein engagieren. Die Zero Waste-Diskussion und die Beteiligung der Menschen wachsen stetig und ändern. Damit ändern sich die Bewusstseinsbildung und das Empowerment von Communities.

Können Sie uns einen kurzen Überblick über die Klimabewegung in Kambodscha geben? Wer sind die Hauptakteur*innen?

In den letzten Jahren wurde der Cambodia Climate Change Summit (CCCS) vom kambodschanischen Umweltministerium ausgerichtet. Erstaunlicherweise wurden verschiedensten Akteur*innen miteinbezogen, es fanden viele Gespräche in den unterschiedlichsten Bereichen statt. Viele große internationale Unternehmen, die in Kambodscha tätig sind und auch die Regierung nahmen an den CCCS-Gesprächen teil, ebenso wie die vielen internationalen Nichtregierungsorganisationen (zum Beispiel World Wildlife Fund, WWF) und ihre lokalen Arbeitsgruppen. Darüber hinaus gibt es Einzelpersonen, die sich in der kambodschanischen Klimabewegung engagieren und Teil des Dialogs sind, ihn in die Tat umsetzen und sich gegenseitig helfen, weiter voranzukommen.

Die Tatsache, dass der Cambodia Climate Change Summit von 2014 bis 2021 stattfand, ist für mich ein großer Erfolg. Es ist ein wirklich ein großer Schritt: Von der Sensibilisierung dafür, dass die Verbrennung von Kunststoffen nicht nur eine Auswirkung auf unsere Gesundheit hat, sondern auch auf die lokale Umwelt bis hin zu der Möglichkeit, in so kurzer Zeit viele wichtige Gespräche zu führen. Das ist erstaunlich.

Wie arbeiten zivilgesellschaftliche Gruppen mit der Regierung und anderen Akteur*innen zusammen, um Klimaschutz und ökologische Nachhaltigkeit praktisch umzusetzen?

Die politische Struktur in Südostasien unterscheidet sich deutlich von der in einigen westlichen Ländern. Auch wenn es lokale, bundesstaatliche/regionale und nationale Regierungsebenen gibt, so verfügen zivilgesellschaftliche Bewegungen nicht über den politischen und finanziellen Handlungsspielraum, den sie benötigen. Ohne diesen Handlungsspielraum sind die zivilgesellschaftlichen Klimabewegungen in ihren Möglichkeiten zu größeren Aktionen eingeschränkt.

Sie würden also sagen, dass eine der größten Herausforderungen die Finanzen und Budgets sind, um wirklich etwas zu bewegen?

Aus Gesprächen, die ich mit einigen wichtigen Ansprechpartner*innen in der kambodschanischen Regierung geführt habe, geht hervor, dass es im Klimaschutzbereich Fördermöglichkeiten gibt. Das ist sehr viel versprechend. Diese Gelder müssen beantragt werden, was oft eine Schwierigkeit an sich darstellt. Es ist großartig, dass es sie gibt, aber werden sie auch in die richtigen Projekte und an die richtigen Stellen fließen? Aber es geht nicht nur um Finanzen und Budgets. Es geht auch um den Willen, Veränderungen beim Klimaschutz umzusetzen. Das ist wahrscheinlich wichtiger als die Finanzen, zumindest am Anfang.

Sehen Sie weitere kulturelle, soziale oder politische Hindernisse oder Hürden für zivilgesellschaftliche Bewegungen in Kambodscha?

Es gibt immer Hindernisse in verschiedenen Systemen und Konstellationen. Regionen wie Kambodscha sind in ungleicher Weise vom Klimawandel betroffen. Ich musste auf meiner Reise lernen, dass, wenn man die Menschen belehrt, heraus fordert oder negativ provoziert, man selten sein Ziel erreicht. Also muss man verstehen, wo die Menschen herkommen, alle potenziellen Urteile beiseite legen und mit den Leuten zusammen zu arbeiten. Mit Empowerment von Engagierten lernen wir gemeinsam, welche Schritte wir unternehmen können, um Probleme zu lösen. Wir lernen, wie wir es auf eine positive, proaktive, ergebnisorientierte Art und Weise angehen können. Es braucht ein wenig Zeit, aber mit gutem Beispiel voranzugehen ist für die Herbeiführung von Veränderungen am wirksamsten.

Was können Einzelpersonen und Gemeinschaften noch tun, um die Bemühungen der Zivilgesellschaft in Kambodscha zu unterstützen?

Zuallererst können sie sich engagieren. Es gibt eine ganze Reihe wirklich fantastischer Facebook-Gruppen (Facebook ist das wichtigste Kommunikationsmedium in Kambodscha), in denen man sich austauschen und herausfinden kann, was gerade passiert: sei es abfallfrei zu leben oder zu lernen, wie man Dinge baut, wie man seine eigenen Dinge zu Hause repariert oder Kleidung tauscht. All diese Dinge tragen weltweit dazu bei, unseren individuellen Fußabdruck zu verkleinern. Es gibt auch einige lokale Influencer, die fantastische Informationen verbreiten, wie Think Plastic oder zerowkh. Sie konzentrieren sich ebenfalls auf Plastik und präsentieren es auf Khmer – in der eigenen Muttersprache ist es einfacher, solche Veränderungen anzugehen.

Zum Thema Reisen empfehle ich den neuen Film The Last Tourist, es geht um Overtourismus, um bewusstes Handeln und darum, unseren ökologischen Fußabdruck auf Reisen zu reduzieren.

Inwieweit sind zivilgesellschaftlichen Bewegungen in Kambodscha mit anderen globalen Bewegungen vernetzt und nehmen sie an globalen Netzwerken oder globalen Aktionen wie Kampagnen oder Protesten teil?

Proteste: nein. Kampagnen: ja. Ich habe bereits erwähnt, dass der WWF Teil des Klimadiskurses ist und seit vielen Jahren die Earth Hour-Kampagnen durchführt, vor allem in Phnom Penh, der Hauptstadt Kambodschas. Es gibt auch den World Cleanup Day, an dem 2018 über 300.000 Menschen teilgenommen haben. Es gibt also globale Kampagnen, die für eine gewisse Sichtbarkeit sorgen und viele Menschen anziehen. Menschen müssen sich ihres Konsums bewusst werden, sei es Plastik, Strom oder andere Güter. Wenn man sich dessen bewusst geworden ist, kann man nach Möglichkeiten suchen, Konsum zu reduzieren und sich an Kampagnen zu beteiligen.

Welchen Beitrag haben die zivilgesellschaftlichen Bewegungen in Kambodscha zur globalen Bewegung gegen den Klimawandel geleistet?

Ich glaube, dass wir immer mehr unternehmerische Innovationen und Neugründungen aus dem gemeinnützigen Sektor sehen werden. Ich würde mir wünschen, dass all diese Start- ups und neuen Unternehmen, Kampagnen und Programme auch ein nachhaltiges Geschäftsmodell verfolgen und nicht unbedingt eine Wohltätigkeitsorganisation oder eine gemeinnützige Einrichtung sind, nur weil sie im Umweltbereich tätig sind. Ich würde gerne mit diesen Start-ups zusammenarbeiten und Erfahrungen und Ideen austauschen.

Die Autor:innen

  • Tamara Bülow ist passionierte Politikwissenschaftlerin mit Regionalfokus Südostasien und Nepal. Sie engagiert sich für nachhaltigen Handel, kulturellen und gesellschaftlichen Austausch und ist Redaktionsmitglied der südostasien.

  • Anna Fünfgeld ist Politikwissenschaftlerin, Geographin und Ethnologin. Ihre Doktorarbeit am GIGA German Institute for Global and Area Studies und an der Universität Freiburg beschäftigt sich mit Energie- und Klimapolitik in Indonesien und Brasilien.

  • Anett Keller hat in Leipzig und Yogyakarta Journalistik, Politikwissenschaft und Indonesisch studiert. Sie hat mehrere Jahre in Indonesien gelebt und von dort als freie Korrespondentin berichtet. Derzeit arbeitet sie als freie Autorin, Moderatorin und Übersetzerin und koordiniert (auf Teilzeitbasis) die Redaktionsarbeit der südostasien.

  • Mirjam Overhoff ist Sozialwissenschaftlerin und Geschäftsführerin des philippinenbüro e.V. in Köln. Seit 2013 arbeitet sie intensiv zum Thema Migration und Diaspora rund um die Philippinen. Weitere Schwerpunktthemen ihrer Arbeit sind Politik, Stadtentwicklung, Klima und der Umgang mit Müll in den Philippinen.

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Editorial südostasien 2/2019:
In aller Munde: Plastik in Südostasien

Indonesien: Die Fotos von Dara Adila aus Aceh, dem nördlichsten Teil der Insel Sumatra, zeigen Wasser – und viel Müll darin. Bäche, Flüsse und das Meer sind voll davon.

 

 

 

 

 

 

 

 

Übersetzung aus dem Indonesischen von: Anett Keller

Die Autor:innen

  • Tamara Bülow ist passionierte Politikwissenschaftlerin mit Regionalfokus Südostasien und Nepal. Sie engagiert sich für nachhaltigen Handel, kulturellen und gesellschaftlichen Austausch und ist Redaktionsmitglied der südostasien.

  • Anna Fünfgeld ist Politikwissenschaftlerin, Geographin und Ethnologin. Ihre Doktorarbeit am GIGA German Institute for Global and Area Studies und an der Universität Freiburg beschäftigt sich mit Energie- und Klimapolitik in Indonesien und Brasilien.

  • Anett Keller hat in Leipzig und Yogyakarta Journalistik, Politikwissenschaft und Indonesisch studiert. Sie hat mehrere Jahre in Indonesien gelebt und von dort als freie Korrespondentin berichtet. Derzeit arbeitet sie als freie Autorin, Moderatorin und Übersetzerin und koordiniert (auf Teilzeitbasis) die Redaktionsarbeit der südostasien.

  • Mirjam Overhoff ist Sozialwissenschaftlerin und Geschäftsführerin des philippinenbüro e.V. in Köln. Seit 2013 arbeitet sie intensiv zum Thema Migration und Diaspora rund um die Philippinen. Weitere Schwerpunktthemen ihrer Arbeit sind Politik, Stadtentwicklung, Klima und der Umgang mit Müll in den Philippinen.

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Editorial südostasien 2/2019:
In aller Munde: Plastik in Südostasien

Indonesien: Umwelt-Aktivistin Daru Setyorini berichtet über die Verschmutzung des Brantas-Flusses und ihren Sieg vor Gericht.

Dies ist Teil I des Interviews, hier geht’s zu Teil II

ECOTON (Ecological Observation and Wetlands Conservation Foundation) ist eine der führenden Umweltorganisationen Indonesiens mit Sitz in Gresik, Ost-Java. ECOTON wurde im Jahr 2013 mit dem Kalpataru-Preis geehrt, Indonesiens höchster Umweltauszeichnung. ECOTON verbindet wissenschaftliche Forschung, Aufklärung der Bevölkerung und juristische Interessenvertretung, um die Verschmutzung der Flüsse Indonesiens durch Plastik zu bekämpfen. In Zusammenarbeit mit lokalen Gemeinschaften schafft ECOTON Bewusstsein für den Schutz und die Pflege von Flussökosystemen.

südostasien: Wie entstand der ECOTON-Einsatz gegen die Verschmutzungen im Brantas-Fluss?

Daru Setyorini: ECOTON gründete sich während meiner Studienzeit. Damals studierte ich Biologie an der Airlangga-Universität. Mein Kommilitone (und heutiger Ehemann) Prigi Arisandi brachte einige Student:innen außerhalb der Uni zusammen. Wir reichten einen Forschungsantrag zur Mangroven-Biodiversität entlang der Ostküste von Surabaya (Kenjeran) ein. Damals war das Mangrovengebiet durch Wohnsiedlungen bedroht (zum Beispiel Ciputra und andere große Wohnbauprojekte). Heute ist das Gebiet bekannt für Mangroven-Tourismus. So fing alles an. Im Jahr 2000 meldeten wir ECOTON als Nichtregierungsorganisation (NGO) an und sind bis heute aktiv.

Auch das Thema Plastikmüll in Flüssen beschäftigt euch stark…

Aufgrund der großen Kontroverse um importierten Müll nahm meine Tochter Nina als Zwölfjährige an einer Demonstration teil. ECOTON organisierte eine Protestaktion vor dem US-Konsulat in Surabaya. Wir fragten: „Kinder, wollt ihr einen Brief an den US-Präsidenten schreiben und ihn bitten, keinen Müll mehr nach Indonesien zu schicken?“ Nina und ihre Freund:innen schrieben einen Brief, der viral ging, und wurden interviewt. Doch wir hatten das Gefühl, dass der Brief nicht viel brachte, so organisierten wir weitere Protestaktionen. Wir demonstrierten vor dem Grahadi-Gebäude, dem Sitz des Gouverneurs. Darüber berichteten nicht nur die indonesischen Medien, sondern auch Al Jazeera. So trat meine Tochter Nina erstmals als junge Aktivistin auf, die für die Umwelt kämpft. Die Deutsche Welle interviewte sie für die Dokumentation „Girls for Future“.

Im Jahr 2018 habt ihr eine Klage gegen die Regierung eingereicht. Wie kam es dazu?

Die Klage von 2018 war nicht unsere erste. Bereits im Jahr 2006 reichten wir Klage gegen den Gouverneur von Ost-Java ein. Es ging dabei um das Massensterben von Fischen im Surabaya-Fluss, verursacht durch industrielle Verschmutzung. Nach indonesischem Recht haben Umweltorganisationen die Befugnis, im Namen geschädigter Umweltgebiete zu klagen. Dieses Recht nutzten wir. Obwohl die Verschmutzung unter Gouverneur Imam Utomo stattfand, reichten wir die Klage gegen seinen Nachfolger ein, Gouverneur Soekarwo. Es kam zu einer Schlichtung, die die Umweltgebiete entschädigen und besser schützen sollte. Um das Jahr 2010 verbesserte sich die Einhaltung der Vorschriften durch die Industrie spürbar. Juristischer Druck, wenn er auf politischen Willen trifft, kann tatsächlich etwas bewirken.

Hat sich die Lage am Brantas zwischen den Jahren 2007 und 2018 tatsächlich verbessert?

Bis zum Jahr 2018 überholte das industrielle Wachstum die Einhaltung der Umweltvorschriften. Industriebetriebe weiteten die Produktion aus und erhöhten die Kapazitäten. Ihre Kläranlagen modernisierten sie aber nicht. Deshalb kehrte die Verschmutzung zurück. Wir reichten zwei Klagen parallel ein. Die erste Klage betraf Windelabfälle, die den Brantas von der Quelle bis zum Meer verschmutzten – eine direkte Folge der schlechten Abfallwirtschaft Indonesiens. Nur für 23 Prozent der Bevölkerung gibt es angemessene Abfallentsorgungsdienste. Wir haben diesen Fall verloren und legten aufgrund begrenzter Ressourcen keine Berufung ein.

Die zweite Klage fokussierte das Massensterben von Fischen, das ab dem Jahr 2013 erneut in großem Ausmaß auftrat. Wir verklagten das Ministerium für öffentliche Arbeiten und Wohnungsbau, das Ministerium für Umwelt und Forstwirtschaft sowie den Gouverneur von Ost-Java. Diesmal allerdings ohne Schlichtung wie im Jahr 2007. Die Regierung bestritt die Vorwürfe und behauptete, die Wasserqualität entspreche den Standards und einige Flussabschnitte seien in Ordnung. Doch die Beweislage war eindeutig. Die Beklagten verloren in erster Instanz, in der Berufung sowie in der letzten Instanz. ECOTON gewann. Das letzte Urteil des Obersten Gerichtshofs aus dem Jahr 2024 ist rechtskräftig und bindend, wurde jedoch nicht umgesetzt. Wir kontaktierten Regierungsvertreter:innen und baten sie zu handeln. Wir erhielten aber keine ernsthafte Antwort. Der Kampf um die Durchsetzung des Urteils dauert noch an.

Was sind die konkreten Forderungen von ECOTON, um die Regierung zum Handeln zu bewegen?

Wir fordern, dass die Regierung sich öffentlich für die nicht ordnungsgemäße Verwaltung des Brantas entschuldigt. Ein Schnellreaktionsteam sollte eingerichtet werden, damit bei erneutem Fischsterben die Regierung sofort eingreift. Jede Einleitungsstelle für Industrieabwässer entlang des Brantas sollte mit Videokameras und automatischen Überwachungsgeräten ausgestattet werden. Einige große Industriebetriebe sind zur Echtzeit-Überwachung verpflichtet, doch die Durchsetzung ist lückenhaft. Kleinere Betriebe sind sogar gänzlich davon ausgenommen.

Entlang des gesamten Flusslaufs sollten in jeder Stadt kommunale Flussüberwachungsgruppen eingerichtet werden. Diese sollten staatlich finanziert und im regionalen Etat festgeschrieben sein. Ohne diese Verpflichtung wird sich nichts ändern. Die derzeitige Überwachung ist sporadisch, eine einmalige Aufklärungsveranstaltung ist nicht ausreichend.

Was hat Ihnen die Durchhaltekraft gegeben, so lange zu kämpfen? 

Wenn man bei dieser Regierung nicht ordentlich Druck macht, kommt nichts in Gang. Was mich antreibt: Wir brauchen Wasser, das sicher, sauber und stets verfügbar ist – auch für unsere Kinder. Der Brantas ist die wichtigste Wasserquelle für Millionen Menschen in der ganzen Region. Wenn der Fluss stark verschmutzt ist, ist auch das Brunnenwasser verschmutzt. Die Fischbestände sind kontaminiert. Die Landwirtschaft ist betroffen. Alles hängt zusammen.

Eine saubere und gesunde Umwelt ist unser Grundrecht – und das Recht auf Information, Mitbestimmung und Gerechtigkeit. Unser Ziel ist es, das Bewusstsein der Regierung dafür zu stärken, damit sie dem öffentlichen Interesse dient.

ECOTON forscht seit Jahren zu Plastikverschmutzung, mit besorgniserregenden Ergebnissen! Was verändern die Forschungsergebnisse in der Politik der Regierung und für die Gemeinden rund um den Brantas?

Veränderung ist möglich, wenn wir Aufklärung und die notwendige Infrastruktur schaffen. Seit dem Jahr 2017 machen wir auf die Gefahren von Mikroplastik aufmerksam. Die Forschungsergebnisse werden von Jahr zu Jahr alarmierender. Wir haben Wasser aus Flaschen und Flusswasser untersucht, Fischmägen, menschliches Sperma und das Fruchtwasser schwangerer Frauen analysiert – überall fanden wir Mikroplastik. Deshalb können wir nur unsere Ernährung anpassen, zum Beispiel durch den Verzehr ballaststoffreicher Lebensmittel, die uns helfen, Mikroplastik aus dem Körper auszuscheiden. Wir sensibilisieren indonesienweit zum Thema Plastik. Dazu haben wir mit Schulen zusammengearbeitet und Kinder über die Gefahren von Plastik aufgeklärt. Viele Schulen haben Plastikverbote in Kantinen und bei Veranstaltungen eingeführt.

Und noch ein Beispiel: Unser Programm Dropo (Dropping Popok, Popok = Windel) hat in den Gemeinden entlang des Brantas spezielle Behälter für Windelabfälle aufgestellt – damit die Menschen eine Infrastruktur zur ordnungsgemäßen Abfallentsorgung nutzen können.

Übersetzung aus dem Englischen von: Miriam Stadler und Mirjam Overhoff

Die Autor:innen

  • Tamara Bülow ist passionierte Politikwissenschaftlerin mit Regionalfokus Südostasien und Nepal. Sie engagiert sich für nachhaltigen Handel, kulturellen und gesellschaftlichen Austausch und ist Redaktionsmitglied der südostasien.

  • Anna Fünfgeld ist Politikwissenschaftlerin, Geographin und Ethnologin. Ihre Doktorarbeit am GIGA German Institute for Global and Area Studies und an der Universität Freiburg beschäftigt sich mit Energie- und Klimapolitik in Indonesien und Brasilien.

  • Anett Keller hat in Leipzig und Yogyakarta Journalistik, Politikwissenschaft und Indonesisch studiert. Sie hat mehrere Jahre in Indonesien gelebt und von dort als freie Korrespondentin berichtet. Derzeit arbeitet sie als freie Autorin, Moderatorin und Übersetzerin und koordiniert (auf Teilzeitbasis) die Redaktionsarbeit der südostasien.

  • Mirjam Overhoff ist Sozialwissenschaftlerin und Geschäftsführerin des philippinenbüro e.V. in Köln. Seit 2013 arbeitet sie intensiv zum Thema Migration und Diaspora rund um die Philippinen. Weitere Schwerpunktthemen ihrer Arbeit sind Politik, Stadtentwicklung, Klima und der Umgang mit Müll in den Philippinen.

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Editorial südostasien 2/2019:
In aller Munde: Plastik in Südostasien

Kambodscha: Sowohl der formelle als auch der informelle Sektor sind mit der Müllentsorgung überlastet. Müll landet deshalb beinahe überall.

In ganz Südostasien haben Wirtschaftswachstum, zunehmender Tourismus und steigender Konsum zu einer enormen Menge Plastikmüll geführt. Auch Kambodscha hat mit diesem Problem zu kämpfen. Schätzungen des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen (UNDP) zufolge fielen in Kambodscha im Jahr 2022 rund 546.000 Tonnen Plastikmüll an, was einem Durchschnitt von 33 Kilogramm pro Person und Jahr entspricht – und damit deutlich über dem Pro-Kopf-Aufkommen an Plastikmüll als in Ländern mit mittlerem bis niedrigem Einkommen (8 bis 20 Kilogramm) im selben Jahr liegt.

Plastik gehört in Kambodscha zum Alltag. Von Lebensmitteln auf dem Markt über Essensbestellungen bis hin zu Bekleidung – die meisten Artikel werden in Plastik verpackt oder serviert. Allein in Phnom Penh werden dadurch täglich rund zehn Millionen Plastiktüten verbraucht.

In ländlichen Gebieten gibt es keine organisierte Müllentsorgung. Daher wird Plastikmüll verbrannt oder vergraben, oder er wird in Gewässern oder auf Grünflächen – oft am Straßenrand – ‚entsorgt‘. Städtische Zentren verfügen zwar über öffentliche Abfallentsorgungssysteme, aber diese können den Bedarf bei weitem nicht abdecken.

Mehr Plastikimporte als Verarbeitungskapazitäten

Laut Huot Hay, Vize-Gouverneur von Phnom Penh, fallen allein in Phnom Penh täglich etwa 4.200 Tonnen fester Abfall an, von denen 20 Prozent aus Kunststoff bestehen. Die Recyclingquote in Kambodscha liegt derzeit aber bei unter zwei Prozent, weil die lokalen Recyclingkapazitäten nach wie vor begrenzt sind. Allein die Menge an importiertem Kunststoff übersteigt die inländischen Verarbeitungskapazitäten.

Sowohl der formelle als auch der informelle Sektor sind mit der Müllentsorgung überlastet. Es gibt sowohl von der kambodschanischen Regierung als auch von Privatorganisationen immer wieder Initiativen, das Problem anzugehen. Doch meist sind sie von geringem Erfolg geprägt. Vor allem Privatinitiativen sind räumlich sehr beschränkt und in ihrer Wirkung überschaubar.

Die Bilder dieser Fotoserie wurden vom Autor auf Reisen durch das Land aufgenommen und sollen dokumentieren, welche Ausmaße die Verschmutzung genommen hat.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Einige dieser Bilder sind ab dem 15. August im Rahmen der Ausstellung „Together: Zero Plastic“ im Meta House in Phnom Penh zu sehen

Die Autor:innen

  • Tamara Bülow ist passionierte Politikwissenschaftlerin mit Regionalfokus Südostasien und Nepal. Sie engagiert sich für nachhaltigen Handel, kulturellen und gesellschaftlichen Austausch und ist Redaktionsmitglied der südostasien.

  • Anna Fünfgeld ist Politikwissenschaftlerin, Geographin und Ethnologin. Ihre Doktorarbeit am GIGA German Institute for Global and Area Studies und an der Universität Freiburg beschäftigt sich mit Energie- und Klimapolitik in Indonesien und Brasilien.

  • Anett Keller hat in Leipzig und Yogyakarta Journalistik, Politikwissenschaft und Indonesisch studiert. Sie hat mehrere Jahre in Indonesien gelebt und von dort als freie Korrespondentin berichtet. Derzeit arbeitet sie als freie Autorin, Moderatorin und Übersetzerin und koordiniert (auf Teilzeitbasis) die Redaktionsarbeit der südostasien.

  • Mirjam Overhoff ist Sozialwissenschaftlerin und Geschäftsführerin des philippinenbüro e.V. in Köln. Seit 2013 arbeitet sie intensiv zum Thema Migration und Diaspora rund um die Philippinen. Weitere Schwerpunktthemen ihrer Arbeit sind Politik, Stadtentwicklung, Klima und der Umgang mit Müll in den Philippinen.

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Editorial südostasien 2/2019:
In aller Munde: Plastik in Südostasien

Philippinen: Eine Fotostory über Wegwerfgesellschaft und Müllkrise

Die Philippinen gelten als eines der Epizentren der globalen Plastikkrise. Jedes Jahr fallen auf dem Archipel mehr als 2,7 Millionen Tonnen Plastikmüll an. Die Auswirkungen sind in den Städten ebenso sichtbar wie entlang der Küsten des Landes. Als Inselstaat mit mehr als 7.000 Inseln sind Flüsse, Küsten und Meere zentrale Lebensräume. Die Gewässer sind zugleich besonders anfällig für die Folgen der Plastikverschmutzung. Schätzungen zufolge gelangen davon etwa 20 Prozent in Flüsse und Meere.

Plastik ist aus dem philippinischen Alltag allerdings kaum wegzudenken. Besonders verbreitet sind sogenannte Sachets – kleine Einwegverpackungen für Shampoo, Kaffee, Gewürze oder Waschmittel. Händler bieten die Sachets in sogenannten Sari-Sari-Stores an. Das sind kleine Läden und Kioske. Die Sachets ermöglichen Menschen mit geringem Einkommen den Kauf kleiner Produktmengen, erzeugen jedoch enorme Müllmengen. Nach Angaben der Weltbank werden auf den Philippinen täglich rund 163 Millionen Sachets verbraucht.

Die Fotografien dieser Serie sind im Jahr 2026 entstanden, auf Reisen in Mindanao. Sie zeigen keine außergewöhnlichen Orte, sondern alltägliche Bilder: Straßenränder, Flussufer, Küsten und Wohngebiete. Die Bilder dokumentieren, wie tief Plastikmüll inzwischen in den Alltag eingeschrieben ist – und wie eng die Müllkrise mit Fragen von Infrastruktur, Konsum, Armut und globaler Verantwortung verbunden ist.

Müllberge überfordern die Städte

Während die Wirtschaft wächst und der Konsum zunimmt, geraten die Abfallsysteme vielerorts an ihre Grenzen. Größere Städte verfügen zwar über Müllabfuhrsysteme, diese sind allerdings oft überlastet. In vielen Städten gehören Plastikbeutel, Einwegbecher und Verpackungen daher längst zum Straßenbild. Das betrifft etwa die Metropolregion Metro Manila, aber auch Cagayan de Oro auf der Insel Mindanao, die Stadt Cebu City auf der gleichnamigen Insel oder Baguio auf der Insel Luzón.

Besonders sichtbar wird das Problem in Metro Manila. Der Pasig-Fluss (häufig Pasig River genannt), der durch die Metropolregion in die Manila-Bucht (häufig Manila Bay genannt) fließt, zählt seit Jahren zu den weltweit bedeutendsten Einfuhrwegen für Plastikmüll ins Meer. Eine Studie schätzt den jährlichen Plastikeintrag des Flusses auf knapp 39.000 Tonnen. Konkret bedeutet das zum Beispiel: An einer Pumpstation des Flusses in Metro Manila müssen täglich rund zwei Tonnen Abfall aus dem Wasser entfernt werden. Zeitweise war die Pumpstation trotzdem mit Müll verstopft. Während der Regenzeit verschlimmern Überschwemmungen die Situation zusätzlich. Die Wassermassen spülen große Mengen an Müll aus den Straßen, Kanälen und informellen sowie formellen Deponien in Flüsse und schließlich ins Meer.

In ländlichen Regionen fehlt die öffentliche Abfallbewirtschaftung

Außerhalb der städtischen Zentren spielt der informelle Recyclingsektor eine zentrale Rolle bei der Abfallbewirtschaftung. In ländlichen Regionen und informellen Siedlungen fehlt eine regelmäßige Abfallsammlung häufig ganz. Betroffene behelfen sich notdürftig, indem sie den Müll verbrennen, vergraben oder in Flüssen, Kanälen und an Straßenrändern entsorgen. Tausende Müllsammler:innen, Schrotthändler und sogenannte Junk Shops sammeln und sortieren verwertbare Materialien. Doch insbesondere mehrschichtige Verpackungen und Sachets besitzen kaum Marktwert und werden deshalb selten recycelt. Nach Angaben der Weltbank wurden 2019 lediglich rund 28 Prozent der wichtigsten Kunststoffarten recycelt.

Welche Maßnahmen gibt es?

Die philippinische Regierung hat das Problem in den vergangenen Jahren erkannt. Sie hat landesweit verschiedene Maßnahmen zur Bekämpfung der Plastikverschmutzung beschlossen, darunter Regelungen zur erweiterten Herstellerverantwortung (Extended Producer Responsibility). Auch zahlreiche Gemeinden, Umweltorganisationen und Bürgerinitiativen engagieren sich gegen die Vermüllung. So haben Betroffene beispielsweise schon einige Recyclinginitiativen erfolgreich gestartet. Dennoch bleibt die Herausforderung enorm. Das Wachstum von Konsum und Verpackungsmüll übersteigt vielerorts weiterhin die Kapazitäten der bestehenden Entsorgungs- und Recyclingsysteme.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Autor:innen

  • Tamara Bülow ist passionierte Politikwissenschaftlerin mit Regionalfokus Südostasien und Nepal. Sie engagiert sich für nachhaltigen Handel, kulturellen und gesellschaftlichen Austausch und ist Redaktionsmitglied der südostasien.

  • Anna Fünfgeld ist Politikwissenschaftlerin, Geographin und Ethnologin. Ihre Doktorarbeit am GIGA German Institute for Global and Area Studies und an der Universität Freiburg beschäftigt sich mit Energie- und Klimapolitik in Indonesien und Brasilien.

  • Anett Keller hat in Leipzig und Yogyakarta Journalistik, Politikwissenschaft und Indonesisch studiert. Sie hat mehrere Jahre in Indonesien gelebt und von dort als freie Korrespondentin berichtet. Derzeit arbeitet sie als freie Autorin, Moderatorin und Übersetzerin und koordiniert (auf Teilzeitbasis) die Redaktionsarbeit der südostasien.

  • Mirjam Overhoff ist Sozialwissenschaftlerin und Geschäftsführerin des philippinenbüro e.V. in Köln. Seit 2013 arbeitet sie intensiv zum Thema Migration und Diaspora rund um die Philippinen. Weitere Schwerpunktthemen ihrer Arbeit sind Politik, Stadtentwicklung, Klima und der Umgang mit Müll in den Philippinen.

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Editorial südostasien 2/2019:
In aller Munde: Plastik in Südostasien

Südostasien/Europa: 2019 machte Greenpeace mit Aktionen weltweit auf die Plastikverschmutzung aufmerksam. Doch die Plastikkrise hält an.

In Manila, in Rotterdam, in Köln und in Basel positionierten Aktivist:innen der Nichtregierungsorganisation (NGO) Greenpeace im März 2019 bunte Plastikmonster. Das Ziel: Auf die weltweite Verschmutzung durch Plastik aufmerksam machen, und zwar auch dort, wo die Profiteur:innen der Plastikkrise sitzen.

Der europäische Teil der internationalen Greenpeace-Kampagne richtete sich deshalb mit der Aktion „Ship it back“ (dt.: Schiff es zurück) an jene Unternehmen, die einen Großteil des Plastikmülls produzieren – beispielsweise Unilever oder Nestlé. In den Philippinen beteiligte sich Greenpeace Philippines mit dem Projekt „Ship The Plastic Monster Back“ (dt.: Schiff das Plastikmonster zurück) an der Aktion. Mit dem Greenpeace-Schiff Rainbow Warrior III segelten Aktivist:innen durch die Gewässer des Archipels.

Plastikkrise: 2019 und heute

Gut sechs Jahre nach der Greenpeace-Kampagne von 2019 ist die Frage weiter aktuell, wer die Verantwortung für die Plastikkrise trägt. Zahlen und Berichte zeigen: Der Müll ist trotz strengerer Gesetzgebung und Absichtserklärungen von Unternehmen, Einwegplastik zu reduzieren, nicht weniger geworden. Dazu kommt: Wohlhabende Industrienationen bürden Ländern des Globalen Südens ihre eigene Müllproblematik durch Müllexporte auf.

Ab dem 21. November 2026 wird sich auf der politischen Ebene etwas ändern: Die EU-Verpackungsverordnung (PPWR) tritt in Kraft. Damit gelten strengere Regeln für die Recyclefähigkeit von Plastikmaterialien sowie für deren Ein- und Ausfuhr. Die Verordnung gilt zunächst bis zum 21. Mai 2029. Was sie bewirken kann, bleibt abzuwarten. In der südostasien blicken wir anlässlich der neuen EU-Verordnung auf die Aktionen aus dem Jahr 2019 zurück.

Im Interview mit der südostasien berichtete Manfred Santen im Jahr 2019 von den Auslösern, die zur Idee der ‚Plastikmonster ’ führten. Santen ist Chemieexperte bei Greenpeace Deutschland und als Koordinator der Kampagne in Deutschland an der Aktion beteiligt. Es reiste aber selbst auch in die Philippinen und nach Malaysia. Vor Ort unterstütze er Kolleg:innen bei Aktionen gegen die Plastikverschmutzung.

Die Verantwortung der Unternehmen

Bereits im Jahr 2017, also zwei Jahre vor der Müllmonster-Aktion, organisierte Greenpeace Deutschland gemeinsam mit der Umweltorganisation Break free from Plastic – Philippines ein Küstenreinigungs-Projekt auf der Freedom Island vor Manila. Die Aktivist:innen fanden bestätigt, was ohnehin schwer zu übersehen ist: „In der Manila Bay (dt.: Manila-Bucht) ist das globale Plastikproblem extrem sichtbar. Plastikmüll türmt sich besonders an Orten ohne geregelte Müllentsorgung regelrecht auf“, sagte Santen. Die Umweltschützer:innen dokumentierten, welche Markenverpackungen ihnen am häufigsten begegneten: „Wir haben 54.000 Plastiktütchen nach Marken aufgelistet und eine Rangliste erstellt: Die multinationalen Konzerne Nestlé, Unilever und Procter & Gamble (kurz: P&G) lagen auf den ersten Plätzen“, sagte Santen. Weitere europäische, US-amerikanische und philippinische Marken seien zudem vertreten gewesen.

Die Folgen der Plastikverschmutzung sind verheerend für Mensch und Natur. Insbesondere nicht-recycelbares Plastik belastet die Ökosysteme, denn Plastik verrottet nicht: Laut Expert:innen sind Mikroorganismen nicht in der Lage, Kunststoffe vollständig zu zersetzen, es ist biologisch nicht abbaubar. Die Folge: Mikroplastikpartikel werden kontinuierlich kleiner, verschwinden aber nicht. Lagert das Material auf Deponien, wird es von Wind und Regen im Laufe der Zeit weitergetragen. Expert:innen beobachten, dass sich Kunststoffteile und -partikel weltweit anreichern, etwa an Stränden, in Meeresstrudeln und in Böden. „Wir haben Boden- und Wasserproben aus der Manila Bay entnommen und den reinsten Chemikaliencocktail vorgefunden“, sagte auch Santen.

Zu den Einwegkunststoffprodukten gehören zahlreiche Produkte des Alltags, wie kleine Verpackungsgrößen (Sachets), Wattestäbchen, Einweggeschirr, Strohhalme und Plastiktüten. Verbraucher:innen, die diese Produkte kaufen, haben oft keine andere Alternative. Die Verantwortung sehen Umweltschützer:innen daher bei den produzierenden Unternehmen. „Wir sehen in der Reduzierung von Einwegplastik den dringendsten Handlungsbedarf, der kein Abwarten mehr duldet“, betonte Santen. „Gemeinsam mit Break free from Plastic anderen NGOs wie Global Alliance for Incinerator Alternatives (GAIA) oder der Mother Earth Foundation wollten wir aktiv werden“, sagte Santen. Also: „Den großen Plastikmüllproduzent:innen ihren Müll zurückbringen – ship it back“.

Aktionen in den Philippinen und in Europa

In Europa schickten die Umweltschützer:innen ein aus Plastik gebautes Monster auf dem deutschen Greenpeace-Schiff Beluga II den Rhein hoch. „Den Startpunkt an der Mündung zum Meer haben wir bewusst in Rotterdam an der Unilever-Zentrale gewählt“, sagte Santen. Die niederländischen Greenpeace-Gruppen organisierten einen Rave mit hunderten Leuten und setzten das Plastikmonster mehrere Tage in Szene. In Köln informierte Greenpeace Deutschland drei Tage mit Musik und Vorträgen über die Kampagne – und natürlich fuhr auch hier das Plastikmonster den Rhein hoch. In Basel fand ein Festival zum Thema Plastik statt. „Vevey am Genfer See war unser Ziel, da dort die Firmenzentrale von Nestlé liegt“, sagt Santen. Die Firmenleitung räumte schließlich ein, dass Recycling allein nicht die Lösung des Problems sein kann. „Aber außer den Absichtserklärungen, in Zukunft die Ware mit weniger Plastik zu verpacken, ist aus der Nestlé-Zentrale keine haltbare Aussage gekommen“, sagte Santen.

„In den Philippinen haben wir uns auf Aktionen mit der Rainbow Warrior III in der Manila Bay und auf die Tour von Manila bis nach Cebu City konzentriert“, sagt Santen. Die Manila Bay veranschauliche, wie gravierend die Folgen der Plastikverschmutzung in den Philippinen sind. Quer durch die Manila Bay fahren mehrmals am Tag riesige Schiffe mit Plastikmüll von einer zur anderen Seite der Bucht, wo die Mülldeponie liegt. Wenn starke Winde über die Bucht hinwegfegen, fliege der Müll direkt ins Meer.

Nicht weit von Manila liegt die Isla-Verde-Passage, eine Meerenge zwischen den Inseln Luzon und Mindoro. Es ist eines der artenreichsten Unterwassergebiete weltweit. „Unser Team hat die Schönheit dieser Unterwasserwelt erkundet und die Plastikverschmutzung unter Wasser dokumentiert“, sagt Santen. „Wir haben die große Artenvielfalt und Korallenriffe bestaunt. Aber wir waren auch frustriert, da unter Wasser kleine bunte Tütchen von Nescafé, Maggie und anderen auf dem Meeresboden lagen und schwammen“, berichtet Santen weiter. Für die Natur und auch für den Tourismus sei die Müllverschmutzung im Meer fatal, denn der Müll bleibe und verschwinde nicht.

Recyclen ist gut, Plastik reduzieren besser

Die Plastikverschmutzung ist ein weltweites Problem. „Global gesehen werden weniger als 10 Prozent des Plastikmülls recycelt“, sagte Experte Santen. Rund 12 Prozent würden verbrannt und deutlich über 70 Prozent landeten auf wilden oder schlecht kontrollierten Deponien, führte der Experte im Interview 2019 aus. Für die Bundesrepublik sahen die Zahlen ähnlich aus: „In Deutschland wird ein Großteil des Plastikmülls in Verbrennungsanlagen verbrannt“, sagte Santen. Die deutsche Recycling-Quote liege bei etwa 25 Prozent. Gut die Hälfte des Plastikmülls werde verbrannt. Das restliche Viertel des Plastikmüll verschwinde auf heimischen Deponien – oder im Export: „Plastikmüll wird nach Südostasien, beispielsweise nach Malaysia, Indonesien oder Thailand exportiert“, sagte Santen.

Laut der NGO Naturschutzbund Deutschland (Nabu e.V.) exportierte Deutschland im Jahr 2025 insgesamt rund 813.000 Tonnen Plastikabfälle. Damit sind über zehn Prozent des insgesamt in Deutschland erzeugten Kunststoffmülls im Ausland gelandet. Knapp 200.000 Tonnen davon gingen nach Malaysia, Indonesien und Vietnam. Offiziell soll der Müll dort recycelt werden – und so fließt das exportierte Plastik statistisch sogar in die deutsche Recyclingquote ein. Doch in den Zielländern sind die Recyclingkapazitäten für den zusätzlichen Müll nicht vorhanden und die Kontrollen nicht streng genug. Die Folge: Der Müll verschmutzt die Umwelt vor Ort.

Exportschlager Plastikmüll am Beispiel Malaysia

Greenpeace hat im Jahr 2018 den Report ,The Recycling Myth´ veröffentlicht (siehe Interview mit Greenpeace Malaysia in dieser Ausgabe). Greenpeace-Experte Santen war in Malaysia vor Ort und kannte den Bericht. „Trotzdem war ich überrascht, wie viel deutscher Abfall auf den Mülldeponien lag“, berichtete Santen. Er sei auf einen hohen, unsortierten Müllberg geklettert. „Wir fanden 50 verschnürte Ballen Haushaltsmüll ausschließlich mit deutschen Etiketten“, sagte Santen.

Greenpeace-Experte Santen beschreibt den Export-Prozess für Malaysia im Interview 2019 : Der deutschen Haushaltsmüll werde zu Ballen gepresst und Richtung Asien verschifft. Da China seit dem Jahr 2018 Müllimporte in die Volksrepublik größtenteils unterbunden hat, gelangt noch mehr deutscher Müll in südostasiatische Länder wie Malaysia, Indonesien und Vietnam. Dort verarbeiten Unternehmen verwertbare Materialien und verkaufen sie weiter. Was nicht verwertbar ist, bleibt und häuft sich auf Müllkippen vor Ort an. Beispielsweise Verpackungen, in denen recycelbare und nicht-recycelbare Kunststoffe verbunden sind: „Ich habe Verpackungen europäischer Unternehmen gesehen, die wegen des dreilagigen Materials und eingesteckter Strohhalme nicht weiterverwertet waren“, sagte Santen.

Das Unternehmen, dessen Verpackungen Santen 2017 in Malaysia fand, arbeitet laut eigener Webseite daran, dass bis zum Jahr 2030 im Einklang mit der EU-Direktive „nahezu alle Verpackungen vollständig recycelbar sind“ . Gleichzeitig erweitert das Unternehmen seine Produktpalette und baut neue Produktionsstandorte. Umwelt-Aktivist:innen dürften ein anderes Verständnis von unternehmerischer Umweltverantwortung haben.

Die Autor:innen

  • Tamara Bülow ist passionierte Politikwissenschaftlerin mit Regionalfokus Südostasien und Nepal. Sie engagiert sich für nachhaltigen Handel, kulturellen und gesellschaftlichen Austausch und ist Redaktionsmitglied der südostasien.

  • Anna Fünfgeld ist Politikwissenschaftlerin, Geographin und Ethnologin. Ihre Doktorarbeit am GIGA German Institute for Global and Area Studies und an der Universität Freiburg beschäftigt sich mit Energie- und Klimapolitik in Indonesien und Brasilien.

  • Anett Keller hat in Leipzig und Yogyakarta Journalistik, Politikwissenschaft und Indonesisch studiert. Sie hat mehrere Jahre in Indonesien gelebt und von dort als freie Korrespondentin berichtet. Derzeit arbeitet sie als freie Autorin, Moderatorin und Übersetzerin und koordiniert (auf Teilzeitbasis) die Redaktionsarbeit der südostasien.

  • Mirjam Overhoff ist Sozialwissenschaftlerin und Geschäftsführerin des philippinenbüro e.V. in Köln. Seit 2013 arbeitet sie intensiv zum Thema Migration und Diaspora rund um die Philippinen. Weitere Schwerpunktthemen ihrer Arbeit sind Politik, Stadtentwicklung, Klima und der Umgang mit Müll in den Philippinen.

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Editorial südostasien 2/2019:
In aller Munde: Plastik in Südostasien

Menschen und Umwelt leiden, wenige profitieren: Die Doku „The Story of Plastic” beleuchtet die Ursachen der globalen Plastikmüllkrise

„Today will be a better day for a lot of people, simply because of a material we call plastic”, sagt eine Werbestimme aus dem Off (dt.: Heute wird für viele Menschen ein besser Tag sein, einfach wegen eines Materials, das wir Plastik nennen). Auf dem Bildschirm sieht man währenddessen Personen, die in Plastikmüllbergen graben. Die ersten Sequenzen des preisgekrönten Films „The Story of Plastic“ (dt.: Die Geschichte des Plastik) der US-amerikanischen Dokumentarfilmerin Deia Schlosberg von 2019 erzielen Wirkung. Sie zeigen eindrücklich den Wandel des einst vermeintlichen Wundermaterials hin zu einem Umweltproblem nie dagewesenen Ausmaßes. Der Schnitt wechselt von nostalgisch wirkenden Werbeclips, die die Fortschrittlichkeit von Plastik loben, hin zu Szenen starker Umweltverschmutzung. Damit gibt Schlosberg bereits einen Hinweis auf die Kernaussage ihrer Dokumentation: Plastik ist kein isoliertes Abfallproblem einzelner Personengruppen oder Orte. Vielmehr ist die Plastikmüllkrise das Ergebnis weltweiter politischer und wirtschaftlicher Entscheidungen und Entwicklungen.

Globale Zusammenhänge der Plastikproduktion

Schlosberg begleitet unterschiedliche Akteur:innen entlang der globalen Wertschöpfungskette von Kunststoff. Zu Wort kommen Umweltorganisationen, Bürgerinitiativen und direkt Betroffene – etwa Anwohner:innen, deren Straßen in direkter Nähe zu einer Müllverbrennungsanlage liegen. Die Dokumentation begleitet ihre Protagonist:innen zu Fracking-Anlagen in den USA sowie zu Müllhalden und Recyclinganlagen in Indien und Ländern Südostasiens (Fracking: Methode zur Förderung von Erdgas und Erdöl aus tiefen Gesteinsschichten. Fracking ist mit erheblichen Umweltrisiken und Umweltzerstörung verbunden). So vermittelt der Film ein vollständiges Bild der globalen Plastikwertschöpfungskette und ihrer Folgen. „Die Plastikkrise beginnt nicht erst, wenn das Plastik ins Meer gelangt“, sagt etwa Carroll Muffet, Geschäftsführer der Stiftung für internationales Umweltrecht (Foundation for International Law for the Environmental) im Film. „Sie beginnt bereits, wenn das Öl und das Gas die Bohrlochquelle verlassen: Und sie bleibt auf jedem Schritt dieses Weges ein Problem“, sagt Muffet.

Plastikmüll: nur ein Problem schlechter Entsorgung?

Plastikhersteller haben sich lange aus der Verantwortung gezogen, wenn es um die langfristigen Umweltfolgen ihrer Produkte ging. Die Unternehmen verbreiteten die Idee, Plastikmüll und Umweltverschmutzung seien die Folge schlechten Abfallmanagements. Der Film zeigt ein anderes Bild: Dokumentarfilmerin Schlosberg zeichnet nach, dass die weltweite Plastikkrise eng verbunden ist mit einem Wirtschaftssystem, dass auf stetiges Wachstum setzt. Unternehmen sollen immer mehr Kunststoff produzieren. Denn: Die meisten Kunststoffe bestehen aus fossilen Rohstoffen wie Erdöl und Erdgas. Somit haben mächtige Industrien, wie Öl- und Gasfirmen, ein grundlegendes Interesse an einer hohen Plastikproduktion und -nachfrage. Zunehmende Umweltverschmutzung und Müllberge sind die Folge, für die weder die Produzenten noch die Rohstofflieferanten Verantwortung übernehmen.

Die angebliche Wunderwaffe: Recycling

Weltweit kämpfen Länder mit den Ausmaßen der Plastikmüll-Krise. Recycling gilt als Lösung für das Müllproblem. Praktisch, denn falls das zutrifft, könnten Unternehmen weiter Plastik produzieren und Verbraucher:innen weiter Plastik konsumieren. Stark vereinfacht würde es bedeuten: Wer den Müll korrekt trennt, löst das Problem. Schuld an der Müllkrise haben in dieser Logik diejenigen Verbraucher:innen oder Ländern, bei denen alles in einem Müllsack oder gar auf der Straße landet.

Schlosberg deckt hingegen auf, dass es nicht ausreicht, das Plastikproblem mit Recycling zu bekämpfen. Nicht nur ist Recycling mit enormen Kosten verbunden, und die tragen meist nicht die Hersteller. Das größere Problem ist: Ein Großteil des Plastiks kann gar nicht recycelt werden. Tiza Mafira, eine Aktivistin aus Indonesien, sagt:

„Viele der Einwegkunststoffe, die unseren Planeten verschmutzen, werden nur ein einziges Mal verwendet und bleiben dann für immer bestehen. Sie bestehen aus einem Material, das praktisch ewig hält. (…) Was mich am meisten frustriert ist, dass die Industrie die Vorstellung verbreitet, dies alles sei lediglich eine Folge schlechten Abfallmanagements. Nach dem Motto: Der Müll ist nur deshalb da, weil die Regierungen nicht genug Geld in eine ordnungsgemäße Abfallwirtschaft investieren. Doch damit lenken sie von der eigentlichen Wahrheit ab. Die Wahrheit ist, dass es keine Möglichkeit gibt, diese Abfallmengen wirklich zu bewältigen. Dieses System ist gar nicht darauf ausgelegt, bewältigt zu werden.“

Vom Recycling zum Reduzieren

„The Story of Plastic“ zeigt so, dass die Müllkrise auch eine Krise struktureller Ungleichheit ist: Auf der einen Seite die Unternehmen, die von der steigende Produktion profitieren. Auf der anderen Seite die Gemeinschaften überall auf der Welt, die mit den Folgen der Vermüllung leben müssen. Wer die Plastikkrise lösen will, muss deshalb auch Fragen der Umweltgerechtigkeit im Blick behalten. Die Dokumentation hilft dabei, indem sie zeigt, wie eng ökologische Probleme mit wirtschaftlichen und politischen Interessen verflochten sind.

Der Film fordert: Politische Debatten müssen dazu führen, dass Unternehmen weniger Plastik, insbesondere weniger Einwegplastik produzieren. Umweltrechts-Experte Muffet sagt direkt an die Zuschauer:innen gewandt in die Kamera: „(…) setzen Sie sich dafür ein, die Subventionen für fossile Brennstoffe abzuschaffen. Machen Sie die Unternehmen für die Auswirkungen ihrer Produkte über den gesamten Lebenszyklus hinweg verantwortlich.“

Das Statement des Films ist klar: Die Ursache des Problems liegt nicht in den Müllbergen am Straßenrand. Verantwortlich sind Entscheidungsträger:innen in Wirtschaft und Politik, deren Prioritäten die Plastikkrise verstärken. Sie müssten selbst Verantwortung übernehmen oder die Profiteur:innen zur Verantwortung ziehen. Denn nur gemeinsam können Manager:innen, Politiker:innen, Verbraucher:innen, Aktivist:innen, Expert:innen und direkt Betroffenen die Plastikkrise bewältigen.

„The Story of Plastic“ ist ein politisches Statement

Die Stärke des Films liegt in seiner konsequent globalen Perspektive. Schlosberg legt den Fokus nicht auf das Offensichtliche – die Umweltverschmutzung durch Plastikmüll. Stattdessen zeigt sie dem Publikum die Ursachen der Plastikverschmutzung und die Entwicklung hin zu einer veritablen Plastikmüllkrise. Der Film behandelt mehr als nur Müll. Er zeigt die Folgen eines weltweiten Wirtschaftssystems, von dem wenige Mächtige profitieren, während viele unter den Folgen leiden.

Kritisch anzumerken ist der einseitige Schwerpunkt des Films, denn es geht vor allem um Einwegplastik. Es finden kaum Stimmen aus der Plastikindustrie Gehör, was argumentativ einseitig wirken könnte. Schlosberg verzichtet auf Marketing-, Lobby- und Branchenverbände aus der Plastikindustrie. Es geht ihr nicht darum, unterschiedliche Sichtweisen in ausgewogenem Verhältnis zu erfassen. Der Vorteil: Auf diese Weise gelingt ihr eine Darstellung, die inhaltlich stark verdichtet und in die Tiefe geht. Sie legt den Fokus auf das Problem und lässt keine Relativierung zu. Dem Publikum gibt sie so die Chance, tief in die Materie einzutauchen und das Ausmaß der Plastikverschmutzung zu verstehen. Ihr Film ist deshalb durchaus auch als politisches Statement zu verstehen.

Die Dokumentation ist mit Untertiteln in bis zu 30 Sprachen einem internationalem Publikum zugänglich. Besonders für Menschen, die sich mit Themen der nachhaltigen Entwicklung und mit globalen Zusammenhängen von Umweltverschmutzungen beschäftigen wollen, bietet die Dokumentation interessante Denkanstöße.

Rezension zu: The Story of Plastic. Regie: Deia Schlosberg. 2019. 95 min. Pale Blue Dot Media

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  • Anett Keller hat in Leipzig und Yogyakarta Journalistik, Politikwissenschaft und Indonesisch studiert. Sie hat mehrere Jahre in Indonesien gelebt und von dort als freie Korrespondentin berichtet. Derzeit arbeitet sie als freie Autorin, Moderatorin und Übersetzerin und koordiniert (auf Teilzeitbasis) die Redaktionsarbeit der südostasien.

  • Mirjam Overhoff ist Sozialwissenschaftlerin und Geschäftsführerin des philippinenbüro e.V. in Köln. Seit 2013 arbeitet sie intensiv zum Thema Migration und Diaspora rund um die Philippinen. Weitere Schwerpunktthemen ihrer Arbeit sind Politik, Stadtentwicklung, Klima und der Umgang mit Müll in den Philippinen.

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Editorial südostasien 2/2019:
In aller Munde: Plastik in Südostasien

Philippinen: In Zamboanguita sammeln Umweltschützer:innen Plastikmüll am Strand. Das ist nur die sichtbare Spur eines globalen Müllproblems.

Die Philippinen zählen zu den Ländern, in denen besonders viel Plastikmüll ins Meer gelangt, vor allem Verpackungsmüll. Einwegverpackungen wie Sachets, Tüten und Folien sind in den Philippinen üblich. Sie haben kaum Recyclingwert und sind schwer zu sammeln. Große Plastikmüllmengen treffen hier auf fehlende kommunale Infrastruktur, ein lückenhaftes Entsorgungssystem und die besonderen geografischen Herausforderungen des Archipels.

Für das Sammeln, Sortieren, den Transport und die Weiterverarbeitung des Abfalls entstehen auf Inseln längere Wege, höhere Kosten und mehr logistische Hürden. Wo aber keine verlässlichen Systeme bestehen, bleibt Müll liegen. Starkregen und Taifune spülen ihn von Straßen, Böschungen und Ufern über Kanäle und Flüsse ins Meer. Das Problem dabei: Wir Menschen können die Meere nicht einfach wieder reinigen. Ist Plastik erst im Meer, sinkt ein Großteil ab, zerfällt, treibt in allen Meeresschichten, verfängt sich in Algen oder Organismen und landet am Meeresboden. Meeresschutz beginnt daher nicht am Strand, sondern muss verhindern, dass Müll überhaupt erst ins Wasser gelangt.

Wenn die Müllabfuhr nicht bis zur Küste kommt

Zamboanguita im Süden der philippinischen Insel Negros gehört zu den eher einkommensschwächeren Gemeinden des Landes. Das zeigt sich in der Müllinfrastruktur: Es gibt zwar eine kommunale Müllabfuhr im Ortszentrum. In abgelegenen Siedlungen oder an den Küstenabschnitten ist die Situation jedoch deutlich uneinheitlicher. Dort erreicht die Abfallentsorgung nicht alle Haushalte zuverlässig. Siedlungen direkt am Meer oder ländlich gelegene Häuser liegen oft außerhalb der regulären Sammelrouten.

Wenn Müll nicht abgeholt wird, geraten die Menschen in eine schwierige Lage. Sie müssen ihn lagern, selbst wegbringen, irgendwo ablegen oder verbrennen. Letzteres ist gesetzlich verboten, mangels Alternativen aber oft der einzige Ausweg. Hier bräuchte es pragmatische Zwischenlösungen: Feste Sammelpunkte, klare Abholtage oder Vereinbarungen mit den Verwaltungen der jeweiligen Barangays (dt.: Stadtviertel), Müll zu bestimmten Zeiten an Straßen zu bringen.

Das Dilemma: Der Müll wird Teil des Ökosystems

Im Spülsaum, also den Ablagerungen, die das Meer bei höchstem Wasserstand anspült, wird das Problem sichtbar: Zwischen Seegras, Blättern, Kokosnüssen und organischem Material liegen Plastikverpackungen, Zigarettenfilter, Sachets, Flaschen, Deckel, Netze und kleine Kunststoffteile. Der Müll ist untrennbar mit dem verwoben, was das Meer an Land trägt. Besonders häufig liegen dort Materialien, die kaum recycelbar sind. Weitere Beispiele sind Netze, Angelschnüre sowie die Sohlen alter Flipflops. Der Müll stammt aus Haushalten, Siedlungen, Flüssen und der Fischerei. Strömungen spülen ihn auch über weite Distanzen an.

Wie viel und welcher Müll den Strand erreicht, hängt stark von Wetter, Saison und Strömungen ab. Nach Unwettern landet deutlich mehr Treibgut an den Stränden, meist mit Plastik durchsetzt. Während eines starken Südmonsuns etwa brachte die Strömung zahlreiche Flaschen aus Indonesien an die Strände der Südspitze von Negros. Der sichtbare Müll ist nur ein kleiner Teil des Problems. Denn: Plastikdeckel schwimmen, offene PET-Flaschen sinken. Zu jedem Deckel, der am Strand liegt, gehört eine Flasche, die längst am Meeresboden liegt. Mit der Zeit verbindet sich der Müll mit dem natürlichen Ökosystem. Muscheln, Algen oder andere Meeres-Organismen besiedeln Flaschen, Verpackungen und Kunststoffteile. Kleine Tiere nutzen Deckel oder Plastikteile als Unterschlupf. Das Dilemma: Wer den Müll später entfernt, greift daher ungewollt in kleinste Lebensräume ein.

Die Arbeit von Pro Ocean: Mehr als Sammeln

Die NGO (Nichtregierungsorganisation) Pro Ocean (siehe Infokasten) hat in den Philippinen bereits über 400 Tonnen Müll gesammelt. Jeden Morgen starten Sammler:innen zu verschiedenen Stränden. Je nach Route und Sammelgebiet sind bis zu drei Cleanups (Sammelaktionen) pro Tag und Team möglich. Am Strand trennen die Teams den Müll in zwei Säcke für wiederverwertbare Materialien und für nicht wiederverwertbare Abfälle. Am Fahrzeug sortieren sie nach, wiegen und dokumentieren.

Diese Arbeit bedeutet mehr als das Einsammeln von Müll. Die Mitarbeiter:innen von Pro Ocean sind geschult und am Strand täglich sichtbar. Sie begegnen Kindern, Familien, Fischer:innen und Menschen, die direkt an der Küste leben, und kommen ins Gespräch. Oft übernehmen sie eine Rolle, die an Bantay Dagat erinnert: Freiwillige, die sich zum Schutz der Meeresumwelt engagieren. Die Mitarbeiter:innen von Pro Ocean sehen Veränderungen an den Stränden, kennen lokale Hotspots und entwickeln ein genaues Gespür dafür, wo Müll entsteht, wo er anlandet und wo Handlungsbedarf besteht.

Nicht alles ist recycelbar

Pro Ocean sammelt alles, was der Umwelt schadet und nicht an den Strand gehört. Die gesammelten und sortierten Wertstoffe bringen die Teams zu einem lokalen Recycling-Partner, der sie bündelt, verdichtet und in bestehende Verwertungsketten eingespeist. Für Wertstoffe wie PET-Flaschen, Aluminium oder Glas gibt es ebenfalls Sammelstellen. Für viele Materialien fehlt aber ein funktionierender Markt. Nasses, salziges, sandiges oder bewachsenes Plastik lässt sich kaum recyceln. Das gilt vor allem für Sachets sowie verschmutzte Folien und Kunststoffteile.

Nicht verwertbare Abfälle landen auf Deponien, da es für diese derzeit auf der Insel keine Weiterverwertung gibt. Grundsätzlich ist nicht jeder Müll recycelbar. Auch in Ländern wie Deutschland gelingt Recycling nur unter dem Einsatz von viel Geld, Technologie, Infrastruktur und Regulierung. In den ländlichen Regionen des philippinischen Archipels sind die Hürden noch deutlich höher. Dennoch sucht Pro Ocean nach Lösungen, um mehr Materialien in Kreisläufe zurückzuführen: Ab dem Jahr 2027 arbeitet Pro Ocean mit dem Fraunhofer-Institut für Verfahrenstechnik an einem Pilotprojekt. Das Ziel: Auch schwer zu recycelnde Materialien verarbeiten und möglichst lokal wieder in den Kreislauf bringen zu können.

Globale Marken, lokale Kosten

Der Globale Norden trägt Verantwortung für die Plastikmüllkrise in Ländern wie den Philippinen. Lange Zeit spielte direkter Müllexport eine große Rolle. Doch viele der gesammelten Verpackungen stammen heute von Marken großer Konsumgüterunternehmen. Diese Unternehmen bringen Produkte in kleinen Verkaufsgrößen wie den Sachets auf den Markt. Diese sind für viele Menschen erschwinglicher, die täglich und in kleinen Mengen einkaufen müssen. Die Ursachen sind unterschiedlich: Armut, Gelegenheitsjobs und nicht bezahlbare größere Packungen.

Unternehmen lagern die Verantwortung für die Entsorgung dabei schlicht aus. Sie wissen, dass es in vielen Regionen weder die Struktur, Kapazität oder Logistik gibt, um die Verpackungen zu recyceln. Der unternehmerische Gewinn entsteht beim Verkauf des Produkts, aber die Entsorgungskosten und Folgeschäden landen bei Kommunen, lokalen Gemeinschaften, Müllsammler:innen, privaten Organisationen und bei der Umwelt. Sachets und Flaschen sind nicht das Müllproblem einzelner Menschen, sondern die Folgekosten der Geschäftsmodelle internationaler Großkonzerne.

Das Müllproblem ist größer als individuelles Konsumverhalten. Unternehmen müssen stärker Produktverantwortung übernehmen, etwa im Rahmen von EPR-Systemen (EPR: Extended Producer Responsibility, dt.: Erweiterte Herstellerverantwortung). Ehrliche Entsorgungsfinanzierung auf Seiten der Unternehmen, weniger nicht oder schwer recycelbare Einwegverpackungen und bessere politische Rahmenbedingungen gehören dazu. Verpackungskosten dürfen nicht dort hängen bleiben, wo Menschen die geringsten Möglichkeiten haben, sie zu tragen.

Die Autor:innen

  • Tamara Bülow ist passionierte Politikwissenschaftlerin mit Regionalfokus Südostasien und Nepal. Sie engagiert sich für nachhaltigen Handel, kulturellen und gesellschaftlichen Austausch und ist Redaktionsmitglied der südostasien.

  • Anna Fünfgeld ist Politikwissenschaftlerin, Geographin und Ethnologin. Ihre Doktorarbeit am GIGA German Institute for Global and Area Studies und an der Universität Freiburg beschäftigt sich mit Energie- und Klimapolitik in Indonesien und Brasilien.

  • Anett Keller hat in Leipzig und Yogyakarta Journalistik, Politikwissenschaft und Indonesisch studiert. Sie hat mehrere Jahre in Indonesien gelebt und von dort als freie Korrespondentin berichtet. Derzeit arbeitet sie als freie Autorin, Moderatorin und Übersetzerin und koordiniert (auf Teilzeitbasis) die Redaktionsarbeit der südostasien.

  • Mirjam Overhoff ist Sozialwissenschaftlerin und Geschäftsführerin des philippinenbüro e.V. in Köln. Seit 2013 arbeitet sie intensiv zum Thema Migration und Diaspora rund um die Philippinen. Weitere Schwerpunktthemen ihrer Arbeit sind Politik, Stadtentwicklung, Klima und der Umgang mit Müll in den Philippinen.

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Dieser Text erscheint unter einer Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz. 


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Editorial südostasien 2/2019:
In aller Munde: Plastik in Südostasien

Südostasien: Malaysia, Indonesien und Vietnam sind die Endstationen globaler Plastikströme. Woher der Müll kommt und wer das Problem lösen kann.

Plastik liegt an Stränden, verstopft Flüsse, schwimmt im Meer und zerfällt zu Mikroplastik. In Südostasien transportieren Flüsse große Mengen Plastik in Richtung Meer: der Mekong, der durch mehrere Länder fließt, der Pasig in den Philippinen oder der Citarum in Indonesien. Extremwetterereignisse wie Überschwemmungen und Taifune verteilen den Müll zusätzlich. Schnell entsteht der Eindruck, die Plastikkrise sei vor allem ein lokales Problem: verursacht durch fehlende Entsorgung, mangelndes Umweltbewusstsein oder Korruption.

Doch das greift zu kurz. Die Plastikkrise in Südostasien beginnt nicht erst dort, wo Müll sichtbar ist. Sie beginnt bei den Geschäftsmodellen internationaler Großkonzerne: Diese profitieren von globalen Produktionsketten, billigen Einwegverpackungen, weltweitem Konsum ihrer Güter und exportierten Abfällen. Politische Regeln ermöglichen das, denn die Verursacher müssen kaum Verantwortung für die Folgen übernehmen. Das Problem: Plastikmüll kennt keine Grenzen – politische Verantwortung hingegen schon. Wohlhabende Staaten und globale Unternehmen profitieren, während die ökologischen und sozialen Kosten andernorts sichtbar werden. So ist die Plastikkrise auch Ausdruck globaler Ungleichheit.

Zu viel Plastik – weltweit

Plastik ist eines der sichtbarsten Symbole einer globalisierten Konsumwirtschaft. Das Material ist leicht, billig, vielseitig und massenhaft verfügbar. Genau darin liegt sein wirtschaftlicher Erfolg. Aber es ist auch langlebig, teilweise sehr schwer zu recyceln und damit ökologisch problematisch. Viele Verpackungen werden nur einmal genutzt, bleiben aber über Jahrzehnte oder Jahrhunderte in der Umwelt.

Nach Angaben des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (UNEP) gelangen jährlich 19 bis 23 Millionen Tonnen Plastikmüll in Flüsse, Seen und Meere. Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) schätzt, dass im Jahr 2019 weltweit nur rund neun Prozent des Plastikmülls recycelt wurden. Diese Zahlen zeigen: Es gibt zu viel Plastik. Die Plastikkrise ist damit auch ein Problem zu hoher Produktion, zu kurzer Nutzungsdauer und unzureichender politischer Steuerung.

Die Logik: Möglichst viel Umsatz, möglichst geringe Kosten

Lange Zeit importierten Länder des Globalen Nordens einen erheblichen Teil ihres Plastikmülls nach China. Die Volksrepublik importierte so seit 1992 rund 45 Prozent des weltweit gehandelten Plastikmülls. Das zeigt eine wissenschaftliche Studie zum chinesischen Importstopp. Dieser erfolgte im Jahr 2018: China schränkte die Einfuhr vieler Abfallarten stark ein. Daraufhin verlagerte sich das Müllproblem. Südostasien wurde zur Zielregion der Müllströme aus wohlhabenderen Staaten.

Diese Verlagerung folgt einer ökonomischen Logik: Unternehmen lassen ihren Müll dort entsorgen, wo es für sie am billigsten ist – in Ländern mit niedrigeren Löhnen, schwächeren Kontrollen oder überlasteter Entsorgungsinfrastruktur. Die Verursacher des Plastikmülls entziehen sich so ihrer Verantwortung. Sie machen den Müll zum Problem derjenigen, bei denen er landet.

Globale Unternehmen, lokale Folgen

Besonders problematisch ist die Rolle großer Konsumgüterkonzerne. Viele von ihnen haben ihren Hauptsitz in Europa oder Nordamerika, verkaufen ihre Produkte aber weltweit. In Südostasien treffen globale Markenstrategien auf lokale Märkte. Kleine Verpackungseinheiten, auch Sachets genannt, spielen eine große Rolle. Nur in Sachets sind Produkte wie Shampoo, Kaffee, Waschmittel oder Snacks für viele Menschen erschwinglich. Gleichzeitig sind sie besonders schwer zu recyceln.

Hier zeigt sich ein sozialer Zielkonflikt. Kleine Verpackungen ermöglichen erst den Zugang zu den Produkten. Allerdings entstehen so große Mengen Plastikmüll, die vor Ort kaum zu recyceln sind. Unternehmen profitieren von Reichweite und Absatz. Lokale Systeme sind häufig mit den Abfallmengen überfordert. Freiwillige Nachhaltigkeitsprogramme von Unternehmen lösen dieses Dilemma nicht auf. Notwendig sind verbindliche Regeln, so dass Unternehmen für den gesamten Lebenszyklus ihrer Produkte verantwortlich sind. Das betrifft die Wahl des Produkt- und Verpackungsmaterials, Verpflichtungen zur Rücknahme von Müll und finanzielle Verantwortung für die Entsorgung ihrer Produkte.

Der Begriff waste colonialism, also Müllkolonialismus, beschreibt die ungleiche Verteilung von Abfall sowie Umweltlasten weltweit. Gemeint ist, dass koloniale und postkoloniale Muster fortwirken: Akteur:innen aus dem Globalen Norden nutzen Ressourcen, Arbeitskraft und Umweltkapazitäten des Globalen Südens aus. Wertschöpfung und Konsumgewinne entstehen anderswo.

Recycling als trügerisches Versprechen

In europäischen Ländern vermittelt Mülltrennung das Gefühl, das Müllproblem sei weitgehend unter Kontrolle. Die gelbe Tonne, der Recyclinghof oder das Pfandsystem erzeugen den Eindruck eines funktionierenden Kreislaufs. Doch Recycling ist kein neutraler oder geschlossener Prozess. Oft funktioniert es schlicht nicht.

Die Gründe sind vielfältig. Ein Teil des Materials ist verschmutzt, schlecht sortierbar oder besteht aus Verbundstoffen. Das sind mehrere Materialien, die nahezu untrennbar in einer Verpackung verbunden sind. Das führt dazu, dass auch die eigentlich recycelbaren Materialanteile nicht recycelt werden können. Ein anderer Teil ist wirtschaftlich kaum attraktiv, weil neues Plastik oft billiger ist als recyceltes Material. Ein Teil landet als Müllexport in Ländern des Globalen Südens.

Damit entsteht eine Lücke zwischen dem Versprechen der Kreislaufwirtschaft und der Realität globaler Müllmärkte. Diese Lücke ist politisch relevant. Denn sie erlaubt es wohlhabenden Ländern, ihre eigene Plastikkrise zu ignorieren. Was als sauber getrennte Verpackung beginnt, endet andernorts als schlecht kontrollierter Abfall.

Verantwortung endet nicht an Grenzen

Politische Entscheidungsträger:innen diskutieren Plastik häufig über individuelles Verhalten: weniger Tüten, wiederverwendbare Flaschen, bewusster Konsum. Diese Ansätze sind nicht falsch. Aber sie reichen nicht aus. Wer Verantwortung allein auf Verbraucher:innen verlagert, übersieht die Akteur:innen mit der größten Steuerungsmacht: Unternehmen, Regierungen und internationale Institutionen.

Multinationale Konzerne legen fest, welche Verpackungen in Umlauf kommen. Sie entscheiden über Material, Design, Haltbarkeit, Reparierbarkeit und Wiederverwendbarkeit. Staaten setzen die Rahmenbedingungen, innerhalb derer Unternehmen Plastik produzieren, verkaufen, exportieren oder entsorgen. Internationale Abkommen bestimmen, welche Abfälle Länder wohin exportieren dürfen und welche Kontrollen gelten.

Eine gerechte Plastikpolitik muss deshalb ansetzen, bevor das Plastik auf dem Markt ist: etwa bei der Produktion und beim Verpackungsdesign. Entscheidend ist verbindliche Produzentenverantwortung und die Frage, warum Einwegplastik in vielen Lieferketten überhaupt so dominant geworden ist.

Unsichtbare Arbeit im Müllsystem

In Südostasien tragen viele Menschen zur Bewältigung der Plastikkrise bei, die in politischen Debatten kaum sichtbar sind. Informelle Abfallsammler:innen sortieren, sammeln und verkaufen verwertbare Materialien. Sie leisten damit einen wichtigen Beitrag zur Ressourcenschonung, arbeiten aber häufig unter prekären Bedingungen. Ihre Arbeit ist körperlich belastend, schlecht bezahlt und sozial wenig anerkannt.

Gerade diese informelle Arbeit hält Teile des Recyclingsystems überhaupt funktionsfähig. Ohne sie würden noch mehr Wertstoffe auf Deponien, in Flüssen oder in der Umwelt landen. Trotzdem werden informelle Sammler:innen in vielen politischen Programmen eher als Problem behandelt.

Eine sozial gerechte Plastikpolitik müsste ihre Rolle ernst nehmen. Das bedeutet: bessere Arbeitsbedingungen, Schutzrechte, faire Bezahlung und Beteiligung an politischen Entscheidungen. Wer Kreislaufwirtschaft fordert, darf diejenigen nicht übersehen, die den Kreislauf im Alltag ermöglichen.

Lokale Initiativen sind wichtig – aber nicht genug

Neben informeller Arbeit gibt es in Südostasien zahlreiche zivilgesellschaftliche Initiativen, lokale Umweltgruppen und gemeindebasierte Projekte. Sie organisieren Sammelaktionen, Bildungsarbeit, Wiederverwendungssysteme oder lokale Recyclingstrukturen. Solche Initiativen zeigen, dass Lösungen nicht nur von Regierungen oder Unternehmen kommen.

Gleichzeitig dürfen sie nicht als Ersatz für strukturelle Verantwortung missverstanden werden. Lokale Projekte können Bewusstsein schaffen, Druck aufbauen und konkrete Verbesserungen ermöglichen. Aber sie können nicht kompensieren, dass Unternehmen weltweit immer mehr Plastik produzieren. Die Plastikkrise lässt sich nicht allein am Ende der Kette lösen. Entscheidungsträger:innen in Politik und Wirtschaft müssen sie bereits am Anfang der Kette begrenzen.

Die Autor:innen

  • Tamara Bülow ist passionierte Politikwissenschaftlerin mit Regionalfokus Südostasien und Nepal. Sie engagiert sich für nachhaltigen Handel, kulturellen und gesellschaftlichen Austausch und ist Redaktionsmitglied der südostasien.

  • Anna Fünfgeld ist Politikwissenschaftlerin, Geographin und Ethnologin. Ihre Doktorarbeit am GIGA German Institute for Global and Area Studies und an der Universität Freiburg beschäftigt sich mit Energie- und Klimapolitik in Indonesien und Brasilien.

  • Anett Keller hat in Leipzig und Yogyakarta Journalistik, Politikwissenschaft und Indonesisch studiert. Sie hat mehrere Jahre in Indonesien gelebt und von dort als freie Korrespondentin berichtet. Derzeit arbeitet sie als freie Autorin, Moderatorin und Übersetzerin und koordiniert (auf Teilzeitbasis) die Redaktionsarbeit der südostasien.

  • Mirjam Overhoff ist Sozialwissenschaftlerin und Geschäftsführerin des philippinenbüro e.V. in Köln. Seit 2013 arbeitet sie intensiv zum Thema Migration und Diaspora rund um die Philippinen. Weitere Schwerpunktthemen ihrer Arbeit sind Politik, Stadtentwicklung, Klima und der Umgang mit Müll in den Philippinen.

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Editorial südostasien 2/2019:
In aller Munde: Plastik in Südostasien

Philippinen: Sachets gehören zum philippinischen Alltag. Doch die kleinen Plastikverpackungen befeuern die Müllkrise.

Die Philippinen stehen vor einer großen Plastikkrise. Die Ursache ist der enorme Konsum von Einwegkunststoffen. Ein Großteil des anfallenden Plastikmülls gelangt nicht in reguläre Deponien. Er landet stattdessen auf offenen Müllhalden. Das belastet die Umwelt und naheliegende Siedlungen. Die Folgen dieses schlechten Abfallmanagements zeigen sich in schwerwiegenden Katastrophen: Erst im Mai 2026 ereignete sich erneut ein Erdrutsch auf einer Mülldeponie in Davao City. Nach Angaben der Behörden waren anhaltende Regenfälle der Auslöser.

Laut Greenpeace Philippines ist der Vorfall bereits die vierte Mülldeponiekatastrophe in diesem Jahr. Zuvor waren Deponien in den Städten Cebu und Rizal eingestürzt. In Navotas, einer Stadt im Großraum Metro Manila, wütete ein wochenlanger Brand auf einer bereits geschlossenen Mülldeponie. Erdrutsche und Brände auf Mülldeponien sind der Beleg: Ein grundlegender Systemwandel muss her. Die Kunststoffproduktion muss weniger werden.

Philippinen: Plastik als Klimarisiko

Auf den Philippinen erschweren die geographischen Gegebenheiten die Situation weiter. Das Land ist ein Archipel mit mehr als 7.600 Inseln und einer weitläufigen Küstenlinie. Abfälle, die sich unkontrolliert verbreiten, gelangen hier schnell in die Ozeane. Entsprechend zählen die Philippinen zu den weltweit größten Verursachern von Plastikverschmutzung in den Meeren. Der Inselstaat belegt den dritten Platz im internationalen Vergleich.

Die Philippinen sind in hohem Maße extremen Wetterereignissen ausgesetzt, deren Frequenz, Intensität und Unvorhersehbarkeit durch die Klimakrise zunehmen. Die Probleme von Plastikverschmutzung und Klimarisiken sind eng miteinander verknüpft. Das zeigte sich etwa im Juli 2024 während des Taifuns Carina, der international als Gaemi bekannt ist. Mit Müll verstopfte Wasserwege und Entwässerungssysteme verschlimmerten die Überschwemmungen. Expert:innen zufolge steigt das Hochwasserrisiko in vielen betroffenen Gebieten so weiter an.

Sachets verschärfen das Plastikproblem

In den Philippinen hängt im Alltag vieles an den Sachets: Das sind kleine Einwegverpackungen für Produkte wie Shampoo, Zahnpasta, Kaffee, Waschpulver und Sojasauce. Insbesondere einkommensschwache Haushalte nutzen sie im Alltag. Sachets prägen den Konsum mittlerweile so stark, dass Expert:innen die Philippinen im Jahr 2021 sogar als Sachet-Wirtschaft bezeichneten.

Wie präsent diese kleinen Verpackungen im Alltag sind, wurde mir im Jahr 2023 bewusst. Bei einem Besuch bei meiner Familie in Rizal bemerkte ich, dass mein Shampoo leer war. Meine Cousine bot daraufhin wie selbstverständlich an, wir könnten zum Tindahan unserer Nachbarin gehen. Die kleinen Nachbarschaftsläden, auch Sari-Sari Stores genannt, sind vergleichbar mit einem Kiosk. Sie haben je nach Besitzer:in oft bis spät in die Nacht geöffnet. Für wenige Pesos kaufte sie dort ein Sachet einer internationalen Kosmetik-Marke – in einer Menge, die genau für eine Dusche reichte.

Die kleine Verpackung in der Hand, ließ mich der Gedanke nicht mehr los, wie viele Sachets nötig wären, um den Inhalt einer Shampooflasche zu ersetzen. Noch mehr beschäftigte mich, was danach mit diesem Sachet passiert. Eine Antwort bekam ich auf dem Heimweg. Nur wenige Meter vom Laden entfernt lag eine identische Verpackung am Straßenrand: Von der Sonne ausgebleicht, zerrissen und bereits halb in die Erde eingearbeitet. Außerdem zog immer wieder der beißende Geruch von verbranntem Plastik durch die Nachbarschaft. Da die Abfallentsorgung mit den wachsenden Müllmengen nicht hinterherkam, verbrannten Bewohner:innen den gesamten Müll – auch Plastik – vor der eigenen Haustür. In den Rauchschwaden spielten meine jüngsten Cousinen Fangen.

Der Aufstieg der Sachets: günstig, zugänglich, komfortabel

Keine Studie hätte mir die Plastikkrise so eindrücklich vor Augen führen können wie diese Begegnungen. Was blieb, waren nicht nur Frust und Wut, sondern offene Fragen: Warum sind Sachets in den Philippinen beliebt und weit verbreitet? Seit wann produzieren und verkaufen Unternehmen ihre Produkte überhaupt in kleinen Einwegverpackungen? Was gab es davor? Und vor allem: Gibt es heute plastikfreie Alternativen? Falls ja, wo sind sie zu finden?

Das heutige Sachet-System der Philippinen ist kein Zufall. Es entstand, weil gewinnorientierte Marketingstrategien auf bestehende Konsumgewohnheiten trafen. Wer diese Erfolgsgeschichte verstehen will, muss zwei Aspekte in den Blick nehmen: die wirtschaftliche Logik und Attraktivität von Sachets. Und: die kulturellen sowie sozialen Konsumpraktiken, die ihre Verbreitung beschleunigen.

Sachets sind kleine, mehrschichtige Einwegverpackungen. Sie bestehen meist aus einer Kombination von Kunststoff, Papier, Aluminium- oder Laminatfolien. Sie dienen der portionsweisen Verpackung von Lebensmitteln, Getränken, Medikamente sowie Kosmetik- und Hygieneartikeln. Je nach Inhalt unterscheiden sich Form, Größe und Materialzusammensetzung. In Tindahans hängen sie oft in langen Streifen, auch Multipacks genannt, an Regalen oder von der Decke. Der Preis ist gering: Kund:innen kaufen sie einzeln für wenige Pesos.

Der Ursprung der heutigen Sachet-Wirtschaft liegt in Indien. In den 1980er Jahren begann der Unternehmer C.K. Rajkumar Shampoo in kleinen Einwegportionen zu verkaufen. Die Idee war simpel: Menschen mit geringem Einkommen sollten sich Markenprodukte leisten können. In den folgenden Jahrzehnten griffen immer mehr multinationale Konzerne dieses Modell auf. Unternehmen wie Nestlé oder Unilever begannen damit, ihre Produkte buchstäblich zu miniaturisieren. Sachets wurden als erschwingliche Alternative für ärmere Haushalte vermarktet. Besonders in Ländern mit hoher Armut und starker Einkommensungleichheit, wie etwa den Philippinen, fand dieses Konzept einen fruchtbaren Nährboden.

Sachets im Alltag

Für viele Filipinos ist dieses Modell passgenau auf ihre wirtschaftliche Realität zugeschnitten. Wer seinen Lohn täglich verdient, kauft oft auch nur das, was er für den einen Tag benötigt. Ein Shampoo-Sachet für wenige Pesos ist zugänglicher als eine ganze Flasche. Darin liegt jedoch das Paradoxon der Sachet-Wirtschaft: Langfristig und auf den gesamten Verbrauch gerechnet zahlen Verbraucher:innen mehr. Die kleinen Mengen sind relativ betrachtet nämlich deutlich teurer. Sachets lösen das Problem wirtschaftlicher Unsicherheit also nicht. Im Gegenteil: Indem viele Haushalte täglich überteuerte Kleinstmengen kaufen, nimmt die wirtschaftliche Not zu.

Im philippinischen Kontext haben tief verwurzelte Konsumpraktiken zum Erfolg des Sachet-Geschäftsmodells beigetragen: Die kleinen, meist familiengeführten Nachbarschaftsläden, Tindahans oder Sari-Sari-Stores, und die Tingi-Kultur, also der Einkauf in kleinen Mengen, die gerade nötig und bezahlbar sind. Sari-Sari stammt aus dem Tagalog und bedeutet so viel wie Vielfalt. Gemeint ist das Sortiment an Produkten des täglichen Bedarfs. Reis, Salz, Waschmittel und Snacks: Fast alles ist dort erhältlich. Die Geschäfte sind an nahezu jeder Ecke zu finden. Sie bilden damit eines der dichtesten Vertriebsnetze des Landes.

Ihre Ursprünge reichen bis in vorkoloniale Handelsstrukturen zurück. Menschen tauschten Waren innerhalb ihrer Siedlungen. Während der spanischen Kolonialzeit (1565-1898) entwickelten sich daraus kleine Einzelhandelsgeschäfte, die Tiendas (dt.: Geschäfte). Sie versorgten die lokale Bevölkerung mit grundlegenden Gütern und waren häufig direkt an Wohnhäuser angeschlossen. Das ist auch heute noch so. Der begrenzte Lagerplatz begünstigt den Verkauf kleiner Produktportionen. Genau diese bestehende Infrastruktur machten sich Konzerne wie Nestlé später zunutze.

Meine 78-jährige Oma erinnert sich noch an die Zeit, als sie Güter wie Reis bedarfsgerecht abgefüllt und verpackt in wiederverwendbaren oder biologisch abbaubaren Materialien in den Läden erhielt. Konsum in kleinen Mengen gab es damals schon. Er war aber nicht an Plastikverpackungen gebunden. Erst die Kommerzialisierung durch große Konzerne verwandelte die philippinische Tingi-Kultur in ein modernes Wegwerfmodell.

Die Autor:innen

  • Tamara Bülow ist passionierte Politikwissenschaftlerin mit Regionalfokus Südostasien und Nepal. Sie engagiert sich für nachhaltigen Handel, kulturellen und gesellschaftlichen Austausch und ist Redaktionsmitglied der südostasien.

  • Anna Fünfgeld ist Politikwissenschaftlerin, Geographin und Ethnologin. Ihre Doktorarbeit am GIGA German Institute for Global and Area Studies und an der Universität Freiburg beschäftigt sich mit Energie- und Klimapolitik in Indonesien und Brasilien.

  • Anett Keller hat in Leipzig und Yogyakarta Journalistik, Politikwissenschaft und Indonesisch studiert. Sie hat mehrere Jahre in Indonesien gelebt und von dort als freie Korrespondentin berichtet. Derzeit arbeitet sie als freie Autorin, Moderatorin und Übersetzerin und koordiniert (auf Teilzeitbasis) die Redaktionsarbeit der südostasien.

  • Mirjam Overhoff ist Sozialwissenschaftlerin und Geschäftsführerin des philippinenbüro e.V. in Köln. Seit 2013 arbeitet sie intensiv zum Thema Migration und Diaspora rund um die Philippinen. Weitere Schwerpunktthemen ihrer Arbeit sind Politik, Stadtentwicklung, Klima und der Umgang mit Müll in den Philippinen.

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Editorial südostasien 2/2019:
In aller Munde: Plastik in Südostasien

Südostasien: Der Kampf gegen Abfallkolonialismus und die Forderung nach weniger Plastik im Globalen Süden.

Dieses Positionspapier von Greenpeace Southeast Asia (kurz: GPSEA, dt.: Greenpeace Südostasien) greift das Thema des Recycling-Mythos aus der Perspektive des Globalen Südens auf. Es deckt außerdem den Abfallkolonialismus auf: Länder des Globalen Nordens produzieren systematisch zu viel Plastik und sind dafür keine Rechenschaft schuldig. Diese Krise steht im Zusammenhang mit der Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen, insbesondere von der petrochemischen Industrie, sowie dem Mythos, dass Recycling die Lösung für die Plastikmüllkrise ist. Eine nachhaltige Lösung benötigt gerechte Maßnahmen: weniger Kunststoffproduktion und der Übergang zu Wiederverwendungs- und Nachfüllsystemen.

Was wir fordern und wie wir vorgehen

Wir fordern eine Reduzierung der Kunststoffproduktion von 75 Prozent bis zum Jahr 2040. Außerdem fordern wir den Globalen Norden auf, die Straffreiheit von Unternehmen zu beenden und einen gerechten Wandel zu gewährleisten. Die Strategie der Kunststoffkampagne von Greenpeace Southeast Asia beruht auf einem evidenzbasierten Ansatz. Dieser umfasst Marken-Audits durch Forschungsergebnisse von Bürger:innen (Citizen Science) sowie wissenschaftliche Mikroplastikforschung und fordert die Rechenschaftspflicht von Regierungen und Unternehmen ein. Wir nutzen Gegen-Narrative, Storytelling und Graswurzelorganisationen, um Mythen der Unternehmen zu hinterfragen. Wir entwickeln politische und rechtliche Strategien, um in nationalen, regionalen und multilateralen Foren eine strengere Kunststoffpolitik und -regulierung zu fordern.

Abfallkolonialismus: Wie der Globale Norden die Plastiklast verlagert

Das vorherrschende Narrativ des Globalen Nordens stellt die Plastikverschmutzung als ein lokales Versagen der Abfallwirtschaft des Globalen Südens dar. Das ist falsch. Wir blicken auf das Thema aus der Perspektive des Globalen Südens. Dabei müssen wir systematischen Abfallkolonialismus feststellen: Eine Krise, die der Globale Norden durch Überproduktion auslöst. Die Abfälle landen aufgrund ihrer grenzüberschreitende Entsorgung indes im Globalen Süden. Die Krise spitzt sich zu und das hat gleich mehrere Ursachen: Die anhaltende Nachfrage, den Ausbau petrochemischer Infrastrukturen sowie die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen, die die weltweite Kunststoffproduktion in die Höhe treiben. Expert:innen schätzen, dass die weltweite Kunststoffproduktion in den nächsten zwei Jahrzehnten um weitere 70 Prozent ansteigen wird. Die Schätzung basiert auf rund 435 Millionen Tonnen produzierten Kunststoffs im Jahr 2020.

Ein gravierender Mangel an Rechenschaftspflicht ermöglicht es den Unternehmen des Globalen Nordens, fragile Märkte mit Einwegplastik zu überschwemmen. Diese überwältigende Menge an nicht recycelbaren Verpackungen und Einwegplastik überfordert die lokale Abfallinfrastruktur und schädigt die umliegenden Ökosysteme erheblich. Einheimische Gemeinschaften sind dadurch den toxischen Umweltbelastungen sowie den wirtschaftlichen und klimabedingten Belastungen des Abfalls ausgesetzt. Für eine nachhaltige Lösung dieser Krise ist es notwendig, globaler Lieferketten zu unterbrechen. Das funktioniert durch koordinierte Arbeit von Basisinitiativen, politischen Druck sowie lokale Kampagnen.

Die Plastikkrise und Schwachstellen der Lieferketten

Unternehmen aus dem Bereich der Konsumgüter (Fast-Moving Consumer Goods, kurz: FMCG, dt.: schnelllebige Konsumgüter) haben ihre Präsenz in Südostasien ausgebaut. In sechs ASEAN-Staaten hat das jährliche Aufkommen an Kunststoffabfällen 31 Millionen Tonnen erreicht. Vorrangig sind Sachets und andere Einwegverpackungsformate. Diese sind beim Einkauf günstig. Ihre Entsorgung verursacht aber hohe Kosten für Gemeinden und lokale Behörden.

In den Philippinen führt diese Marketingstrategie zu einem geschätzten Verbrauch von 164 Millionen Sachets pro Tag. Die Abfallinfrastrukturen sind nicht in der Lage, diese Massen zu bewältigen. So fallen allein auf den Philippinen jährlich 22 Millionen Tonnen Abfall an. Davon bestehen zwölf bis 24 Prozent aus nicht biologisch abbaubarem Kunststoff.

Im Großraum Jakarta in Indonesien kaufen laut einer Studie 98 Prozent der Einwohner:innen Produkte in Einwegverpackungen oder Sachets. Expert:innen schätzen die sozialen Kosten aus den nicht entsorgten Abfall auf jährlich 1,19 bis 1,78 Billionen Indonesische Rupiah (59.000 Euro bis 88.000 Euro). Außerdem hängt der Müll mit Belastungen für Atemwege und das Herz-Kreislauf-System zusammen.

Das systematische Versagen zeigte sich auch in tödlichen Deponieeinstürzen. Anfang des Jahres 2026 starben über 40 Menschen bei Erdrutschen auf Deponien in den philippinischen Städten Cebu City (Deponie Binilaw segregation facility) sowie in Rodriguez in der Provinz Rizal. Auch in Indonesien starben Menschen beim teilweisen Einsturz einer der größten Deponien des Landes, Bantar Gebang.

Anhaltende Deponiebrände in Malaysia, Thailand, Indonesien und den Philippinen setzten hochgiftige Feinstaubpartikel und krebserregende, schwer abbaubare organische Schadstoffe, darunter auch Dioxine, frei. Diese gefährden die Gesundheit von Einsatzkräften und reichern sich auch in regionalen Nahrungsketten an.

Maßnahmen wie Aufräumaktionen, Recycling und Abfallwirtschaft sind nicht geeignet eine Krise abzumildern, die ungebremste Produktionsmengen vorantreiben. Akteur:innen der Industrie fördern scheinbare technologische Lösungen, wie die Energiegewinnung aus Abfall, chemisches Recycling und als biologisch abbaubar gekennzeichnete Kunststoffe. Das Ziel: Bisherige Geschäftsmodelle aufrechterhalten, öffentliche Investitionen von einer tatsächlichen Reduzierung sowie von skalierbaren, vorgelagerten Wiederverwertungssystemen ablenken.

Der Weg zu echten Lösungen

Fokus und Investitionen sollten auf die Ausweitung nachhaltiger Lösungen gerichtet sein, wie beispielsweise die Initiative Kuha Sa Tingi (dt. in etwa: im Einzelhandel gekauft) in Quezon City auf den Philippinen. Tausende Sari-Sari Stores, kleine Geschäfte mit Artikeln des täglichen Bedarfs, bieten im Rahmen der Initiative anstelle von Einwegverpackungen Alternativen zum Wiederverwenden und Nachfüllen an.

Abfall müsste aus dem Wirtschaftskreislauf verbannt werden, um eine echte Lösung herbeizuführen. Dazu müssten Politiker:innen einen Übergang von Einwegverpackungen zu lokalen, kreislauforientierten Wiederverwendungs- und Nachfüllverpackungen vorantreiben. Um die globale Erwärmung unter der 1,5-Grad-Schwelle zu halten, ist eine rechtsverbindliche Reduzierung der Produktion von Kunststoff um 75 Prozent bis zum Jahr 2040 erforderlich. Dieses Ziel ist mathematisch unverhandelbar, da allein die Produktion von Plastik – also die Umwandlung von fossilen Rohstoffen in Plastik – 90 Prozent der CO2-Emissionen über die gesamte Lebensdauer von Kunststoff ausmacht.

Die erweiterte Herstellerverantwortung soll Unternehmen für die Umweltauswirkungen ihrer Produkte auch nach deren Entsorgung zur Verantwortung ziehen, anstatt diese Last den Verbraucher:innen oder dem Staat aufzubürden. Modelle der Wiederverwendung und Wiederbefüllung stechen als Lösung zur Reduzierung des Plastikverbrauchs hervor. Sie verhindern Abfall bereits an der Quelle, anstatt ihn erst im Nachhinein zu bewältigen.

Greenpeace empfiehlt dazu einen koordinierten ASEAN-Handlungsrahmen. Dieser sollte verbindliche sektorale Rücknahme- und Nachfüllziele festlegen, Sicherheitsrichtlinien standardisieren und grenzüberschreitende Richtlinien zum Handel mit Abfällen koordinieren. Einen solchen Handlungsrahmen sollten beteiligte Länder auf nationaler Ebene umsetzen. Zudem soll er die Zusammenarbeit zwischen den ASEAN-Ländern stärken und den Übergang von einer Wegwerfwirtschaft zu einer Wiederverwendungswirtschaft in ganz Südostasien fördern. Die Länder sollten eine Arbeitsgruppe der Hochrangingen Umweltbeamt:innen der ASEAN (ASOEN) etablieren, um das Thema Plastikverschmutzung und Handel mit Abfällen zu stärken.

Handlungsempfehlungen für eine globale Plastikwende

Greenpeace Southeast Asia strebt eine abfallfreie, klimaresistente Zukunft an, in der regionale wirtschaftliche Sicherheit und öffentliche Gesundheit unabhängig von den globalen Märkten für fossile Brennstoffe bestehen. Der Wechsel zu einer Kreislaufwirtschaft bietet wirtschaftliche Vorteile gegenüber der Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen in der Kunststoffproduktion. Dieser Wandel unterstützt zugleich ökologische und klimapolitische Ziele.

Der Globale Norden muss sofort Verantwortung übernehmen, indem er:

  • den „Abfallkolonialismus“ abbaut: Systematische Überproduktion beenden und Rechtsrahmen durchsetzen, die Unternehmen für den gesamten Lebenszyklus ihrer Verpackungen im Globalen Süden haftbar machen.
  • durchsetzbare Produktionskürzungen erlässt: Verbindliche nationale und internationale Rahmenbedingungen gesetzlich verankern, um die Produktion von Primärkunststoffen bis zum Jahr 2040 um 75 Prozent zu reduzieren.
  • den gerechten Übergang finanziert: Finanzmittel der Abfallentsorgung am Ende des Kreislaufs umschichten, um schuldenfreie finanzielle und technische Wiedergutmachungsmaßnahmen zu ermöglichen. Das finanziert direkt lokale Infrastrukturen für die Wiederverwendung und das Nachfüllen im vorgelagerten Bereich sowie den gerechten Übergang für betroffene Gruppen wie Abfallsammler:innen, Kleinunternehmen und weitere Betroffene.

Übersetzung aus dem Englischen von: Anica Peters und Mirjam Overhoff

Die Autor:innen

  • Tamara Bülow ist passionierte Politikwissenschaftlerin mit Regionalfokus Südostasien und Nepal. Sie engagiert sich für nachhaltigen Handel, kulturellen und gesellschaftlichen Austausch und ist Redaktionsmitglied der südostasien.

  • Anna Fünfgeld ist Politikwissenschaftlerin, Geographin und Ethnologin. Ihre Doktorarbeit am GIGA German Institute for Global and Area Studies und an der Universität Freiburg beschäftigt sich mit Energie- und Klimapolitik in Indonesien und Brasilien.

  • Anett Keller hat in Leipzig und Yogyakarta Journalistik, Politikwissenschaft und Indonesisch studiert. Sie hat mehrere Jahre in Indonesien gelebt und von dort als freie Korrespondentin berichtet. Derzeit arbeitet sie als freie Autorin, Moderatorin und Übersetzerin und koordiniert (auf Teilzeitbasis) die Redaktionsarbeit der südostasien.

  • Mirjam Overhoff ist Sozialwissenschaftlerin und Geschäftsführerin des philippinenbüro e.V. in Köln. Seit 2013 arbeitet sie intensiv zum Thema Migration und Diaspora rund um die Philippinen. Weitere Schwerpunktthemen ihrer Arbeit sind Politik, Stadtentwicklung, Klima und der Umgang mit Müll in den Philippinen.

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Editorial südostasien 2/2019:
In aller Munde: Plastik in Südostasien

Weltweit: Was bedeutet das Zeitalter der Menschheit aus Sicht der geologischen Tiefenzeit? Eine Spurensuche am Beispiel der Plastikflasche.

Erst seit gut 70 Jahren stellen Menschen Plastik her. Heute produzieren wir jedoch eine übermäßige Menge an Kunststoffen. Das zur Kunststoffproduktion notwendige Erdöl ist nicht erneuerbar ist und wird irgendwann zur Neige gehen. Das ist ein bekanntes Problem. Weniger bekannt ist, dass wir die zukünftige Erde mit unseren Kunststoffprodukten für sehr lange Zeit belasten werden: Plastik hat eine sehr lange Lebensdauer. Das heute produzierte Plastik wird deshalb nicht nur die Welt für unsere Enkelkinder prägen, sondern auch die ferne Zukunft.

Kunststoff besteht aus Polymeren, also langkettigen Kohlenwasserstoffmolekülen. Die Bezeichnungen für Kunststoffe beginnen daher meist mit „Poly“: Polyethylen, Polyvinylchlorid, Polypropylen, Polystyrol, Polyamid. Diese Polymere werden hauptsächlich aus Naphtha (Rohbenzin) hergestellt, das wiederum aus Rohöl gewonnen wird.

Das heute geförderte Erdöl entstand in einem langen geologischen Prozess aus den Überresten von Organismen. Siebzig Prozent aller heute vorhandenen Ölvorkommen bildeten sich im Erdzeitalter Mesozoikum, also vor 252 bis 66 Millionen Jahren. Wie Erdgas und Kohle handelt es sich daher um einen fossilen Brennstoff.

Märkte: Händler:innen nutzen Plastikbehälter oder -tüten, um Waren zu stapeln, zu transportieren und schön zu präsentieren. Kund:innen tragen ihre Einkäufe oft in Plastiktüten nach Hause. © Christoph Antweiler, alle Rechte vorbehalten

Vergangenheit und Zukunft – die Menschheitsgeschichte geologisch betrachtet

Unter geologischer Tiefenzeit versteht man eine für Menschen kaum vorstellbar Zeitspanne von Millionen oder gar Milliarden von Jahren, in dem sich langsame evolutionäre Prozesse ereignen. Betrachtet man diese langen Zeiträume aus geologischer Perspektive, wird deutlich, wie plötzlich die von Menschen verursachten erdgeschichtlichen Veränderungen stattfinden. Brisant daran: Das Anthropozän, also das Erdzeitalter des Menschen gilt Expert:innen zufolge inzwischen als ein neues geologisches Zeitalter und nicht nur als neue historische Epoche der Menschheitsgeschichte.

Vom Menschen geschaffene Produkte werden sich später in geologischen Schichten widerspiegeln. Das ist grundlegend neu. Es folgt aus den – aus geologischer Sicht – abrupten und weltweit verbreiteten Auswirkungen des menschlichen Lebens auf die Geosphäre. Das Anthropozän erstreckt sich somit räumlich wie zeitlich auf einer weitaus umfassenderen Ebene, als historische Epochenbegriffe wie „Moderne“, „Postmoderne“ und die durch Öl geprägte „Petromoderne“ vermuten lassen.

Aus dieser langfristigen Perspektive können wir erkennen, dass sich unser heutiges Handeln sehr dauerhaft auf die Zukunft der Erde auswirken wird. Im Gegensatz zu aktuellen Nachhaltigkeitskonzepten werden die Folgen unseres heutigen Lebens und unserer wirtschaftlichen Aktivitäten nicht nur die nächsten Generationen betreffen, sondern auch die ferne Zukunft der Menschheit und des Lebens im Allgemeinen. Kurz gesagt: Wir Menschen schreiben heute Erdgeschichte, indem wir dafür sorgen, dass sich unsere Gegenwart bis weit in die Zukunft nachweisen lässt.

Heutzutage bestehen die meisten Verpackungen aus Plastik. Tabletten sind ohne Plastik nicht mehr denkbar. Süßigkeiten in Blisterverpackungen sollen uns Appetit machen. © Christoph Antweiler, alle Rechte vorbehalten

Wir leben von, in und mit Plastik

Plastik ist nützlich. Es ist praktisch und besitzt viele verschiedene Eigenschaften: Das Material kann temperaturbeständig, wasserabweisend, flexibel, weich oder hart sein. Im Vergleich zu Holz oder Metall ist Plastik leicht. Zudem lassen sich viele Kunststoffe einfach und kostengünstig herstellen.

Das menschliche Leben, ja sogar die Kultur, ist heute ohne Plastik schwer vorstellbar. Weltweit wird es am häufigsten für Behälter, Verpackungen und Transportmittel verwendet. Auch die Bau- und Elektronikindustrie setzt Kunststoffe auf vielfältige Weise ein. Neue Formen der Landwirtschaft, wären ohne die kleinen Plastikschläuche für die Nährstoffzufuhr undenkbar. Ein Beispiel sind Aquaponik-Systeme, Kreislaufsysteme für die Aufzucht von Wassertieren, auf Hochhäusern. Und ein Blick in eine Intensivstation zeigt, dass viele Menschen ohne Plastik nicht mehr lange leben würden: Ein großer Teil moderner medizinischer Geräte besteht aus Kunststoff. Selbst Medikamente enthalten häufig Erdöl.

Transport und Lagerung: Plastik ist leicht und stabil. Es schützt Lebensmittel vor Feuchtigkeit, Luft und Keimen, wodurch sie länger haltbar sind. © Christoph Antweiler, alle Rechte vorbehalten

Plastik als Rettung und Gefahr – der schädliche Nutzen von Kunststoffen

Die industrielle Phase der ,Großen Beschleunigung´ markiert nach Ansicht vieler Forscher ab dem Jahr 1950 den Anfang des Anthropozäns. Sie ist gekennzeichnet durch einen gewaltigen Bevölkerungsanstieg, erhöhten Wasserverbrauch, den zunehmenden Bau von Staudämmen sowie einen enormen Anstieg der Produktion von Aluminium, Beton, Papier, Düngemitteln und nicht zuletzt von Plastik.

Die weltweit produzierte Gesamtmasse an Plastik übersteigt heute bereits das Gesamtgewicht aller Land- und Wassertiere: gut acht Gigatonnen gegenüber vier Gigatonnen. Die Hälfte dieser Plastikmasse wurde seit dem Jahr 2000 hergestellt. Pro Jahr produzieren wir mittlerweile etwa so viel Plastik wie das gesamte Lebendgewicht der Menschheit beträgt. Somit dominiert Plastik die „Technosphäre“, also die Gesamtheit der materiellen Kultur in der Geosphäre.

Heute lassen sich Plastikpartikel sogar in den Tiefseegräben der Ozeane nachweisen. Sie werden dort in Zukunft wahrscheinlich geologische Schichten bilden. Kleinste Partikel einer Plastikflasche, die heute in die Nordsee oder den Pazifik gelangen, könnten auch in 500 Jahren noch dort sein. Plastik verschwindet nicht. Die Kunststoffe, die seit den 1950er-Jahren produziert werden, werden die Erdoberfläche noch bis in die ferne Zukunft prägen und haben schädliche Auswirkungen auf Menschen und andere Lebewesen. Bereits heute dokumentieren Geolog:innen Plastiglomere: Eine neue Gesteinsart, die durch unkontrollierte Feuer an Stränden aus Steinen, Metall und Kunststoff entsteht. So wie der Fracht-Container für die Globalisierung steht, steht die Plastikflasche für das Anthropozän.

Keine Baustelle ohne Plastik. In tropischen Ländern in Monsun-Asien (Südasien, Südostasien und Ostasien) schützen Plastikplanen vor Sonne, Regen oder starkem Wind. © Christoph Antweiler, alle Rechte vorbehalten

Asien als Kontinent des Plastiks

Bilder aus Asien dokumentieren die Vor- und Nachteile von Plastik. Die hier gezeigten Fotos wurden auf längeren Reisen in den Jahren 2023 bis 2025 aufgenommen. Die Aufnahmen stammen aus Südasien, insbesondere aus Indien, sowie aus Südostasien, vor allem aus Indonesien, Thailand und Kambodscha. Ein Großteil der aktuellen Modernisierung findet in einigen asiatischen Ländern statt, sie werden immer moderner, und zwar in rasantem Tempo. Dies gilt vor allem für die Städte. Immer mehr Menschen steigen in die Mittelschicht auf, und die Haushalte verbrauchen zunehmend mehr Produkte.

Ursprünglich haben die westlichen Industrieländern Kunststoffe entwickelt und hergestellt. Mittlerweile stammt der Großteil der weltweiten Plastikproduktion jedoch aus Asien. China ist der weltweit größte Spielzeughersteller. Zahlreiche weitere Plastikprodukte aus Asien, vor allem aus China, Indien und Pakistan, landen auch in europäischen Supermärkten. Entgegen anderweitiger Beteuerungen fördert die europäische Industrie den Kunststoffkonsum auf vielfältige Weise.

Abfallsammlung und -trennung sowie Kunststoffrecycling: Plastik wird für Behälter zur Abfallsammlung und -trennung verwendet. Viele Verbraucher:innen in Asien zögern bislang, ihren Abfall zu trennen. In einigen Regionen Asiens werden Plastiktüten recycelt. Plastiktüten werden zunehmend verboten. © Christoph Antweiler, alle Rechte vorbehalten

Mikroplastik ist überall – auch in jedem von uns

Plastikflaschen sind im Meer leicht erkennbar. Im Pazifischen Ozean gibt es einen riesigen Plastikstrudel, der sogar vom Weltraum aus sichtbar sein soll. Im Gegensatz dazu sind Plastikpartikel im Boden und in den Ozeanen für den Menschen aufgrund ihrer Verteilung kaum zu erkennen. Als unsichtbarer Begleiter findet sich Mikroplastik inzwischen in Gewässern und in den Körpern vieler Lebewesen und auch in jedem einzelnen von uns.

Übersetzung aus dem Englischen: Mirjam Overhoff

Dieser Artikel erschien zunächst in englischer Sprache The Anthropocene in a plastic bottle am 10.04.2025 auf der Onlineplattform „Wert der Vergangenheit“ des Leibniz-Forschungsverbundes.

Die Autor:innen

  • Tamara Bülow ist passionierte Politikwissenschaftlerin mit Regionalfokus Südostasien und Nepal. Sie engagiert sich für nachhaltigen Handel, kulturellen und gesellschaftlichen Austausch und ist Redaktionsmitglied der südostasien.

  • Anna Fünfgeld ist Politikwissenschaftlerin, Geographin und Ethnologin. Ihre Doktorarbeit am GIGA German Institute for Global and Area Studies und an der Universität Freiburg beschäftigt sich mit Energie- und Klimapolitik in Indonesien und Brasilien.

  • Anett Keller hat in Leipzig und Yogyakarta Journalistik, Politikwissenschaft und Indonesisch studiert. Sie hat mehrere Jahre in Indonesien gelebt und von dort als freie Korrespondentin berichtet. Derzeit arbeitet sie als freie Autorin, Moderatorin und Übersetzerin und koordiniert (auf Teilzeitbasis) die Redaktionsarbeit der südostasien.

  • Mirjam Overhoff ist Sozialwissenschaftlerin und Geschäftsführerin des philippinenbüro e.V. in Köln. Seit 2013 arbeitet sie intensiv zum Thema Migration und Diaspora rund um die Philippinen. Weitere Schwerpunktthemen ihrer Arbeit sind Politik, Stadtentwicklung, Klima und der Umgang mit Müll in den Philippinen.

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