2 | 2020, Indonesien,
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Agro-Nationalismus in Zeiten der Pandemie (Teil I)

Indonesien Agro-Nationalismus COVID-19

Reisernte in Indonesien © Curt Carnemark / World Bank lizensiert unter CC BY-NC-ND 2.0

Indonesien: Ist Ernährungssicherheit ohne den Sicherheitsapparat möglich? Die wachsende Rolle des Militärs im Agrarsektor und der damit einhergehende Einfluss bis auf Dorfebene geben Anlass zu fragen, wer wirklich von den Maßnahmen der Regierung zur Bewältigung der Nahrungsmittelkrise profitiert.

Die Gefahr einer Nahrungsmittelkrise aufgrund der COVID-19-Pandemie hat bei der indonesischen Regierung, der Zivilgesellschaft und den Medien große Aufmerksamkeit erregt. Ein Teil der Reaktionen ist Besorgnis erregend. Ein kürzlich in der Zeitung Koran Tempo erschienener Artikel trägt zum Beispiel den Titel „Die Gefahr einer Hungersnot mitten in der Pandemie“. In dem Artikel wird berichtet, dass die Regierung das (durch die voraussichtliche Dürre im späteren Verlauf des Jahres hervorgerufene) Risiko einer Hungersnot mindert, indem sie die landwirtschaftliche Produktion aufrechterhält und überschüssige Nahrungsmittel in Gebiete mit Mangel umverteilt. Beide Punkte stehen im Zusammenhang mit der Sorge der Regierung um die Verfügbarkeit von Nahrungsmitteln und weniger mit den dringlicheren Herausforderungen um Ernährungssicherheit: wie Menschen Zugang zu Nahrungsmitteln und Nährwertqualität erhalten. Der Fokus der Regierung auf der Verfügbarkeit von Nahrungsmitteln ist auch Ursprung des indonesischen Agro-Nationalismus.

Der Bedeutungsgewinn des Ag(g)ro-Nationalismus

Indonesiens Agro-Nationalismus hat in den vergangenen zehn Jahren an Bedeutung gewonnen. Im Mittelpunkt der agro-nationalistischen Agenda der Regierung steht das Ziel, die Produktion einheimischer Nahrungsmittel zur nationalen Selbstversorgung zu erreichen. Dies hat dazu geführt, dass die Regierung Land für die landwirtschaftliche Produktion bewahrt und erschlossen, eine Anti-Lebensmittelimport-Agenda gefördert, die Zentralisierung des Agrarsektors reguliert und die agrarische Identität Indonesiens in Politik und Propaganda betont hat. Zur Unterstützung dieser Maßnahmen hat die Regierung den Agrarsektor mit immer höheren Subventionen unterstützt.

Bauer beim Düngen eines Feldes in Pangkep, Südsulawesi, Indonesien © Tri Saputro/CIFOR lizenziert unter CC BY-NC-ND 2.0

Agro-Nationalismus ist auch „ag(g)ro“ wegen seiner aggressiven Züge. Politiker*innen und prominente Kommentator*innen werfen der „Mafia“ vor, den indonesischen Agrarsektor durch kriminelle Machenschaften zu untergraben. Die Regierung sieht auch, dass Indonesien mehr landwirtschaftliche Entwicklung benötigt, um langfristige Produktionsdefizite zu beheben und im internationalen Agrarhandel besser konkurrieren zu können.

Um solche Probleme zu überwinden, hat Präsident Jokowi es der Armee und anderen Institutionen ermöglicht, sich stärker im Agrarsektor zu engagieren. Diese Akteure sollen die Verfügbarkeit von Nahrungsmitteln für die Nation sichern und den Agrarsektor entwickeln. Allerdings ist die Frage der Verfügbarkeit der am wenigsten wichtige Aspekt im Hinblick auf Ernährungssicherheit, auf den Indonesien sich konzentrieren sollte, insbesondere während der Pandemie.

Nahrungsmittelversorgung für die Ärmsten ist gefährdet

Vor einem Vierteljahrhundert listete die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) Indonesien als eines von 80 Ländern, die von Nahrungsmittelknappheit betroffen sind. Heute ist dies jedoch nicht mehr der Fall. Nach Schätzungen der FAO gehörte Indonesien im Jahr 2018 zu den weltweit führenden Produktionsländern für zahlreiche Grundnahrungsmittel. Im selben Jahr lag Indonesien nach Angaben der Weltbank auf Rang 18 der größten Nahrungsmittelimporteure der Welt gemessen am Wert. Heutzutage verfügt Indonesien über ein reichhaltiges Nahrungsmittelangebot, unabhängig davon, ob es im eigenen Land produziert oder aus dem Ausland importiert wurde. Wie jahrzehntelange Forschung gezeigt hat, ist das Hauptproblem der Ernährungssicherheit vielmehr, wie die armen Bevölkerungsschichten Zugang zu gesunden Nahrungsmitteln erhalten.

Postkarte „Die Armee betritt das Dorf“ aus der Zeit der ‚Neuen Ordnung‘ unter Präsident Suharto © Colum Graham

Indonesiens Entscheidungsträger*innen und Beamt*innen haben die Frage weitgehend vernachlässigt, wie die Pandemie den Zugang der Armen zu Nahrung beeinflussen und die bestehenden Probleme der Ernährungssicherheit verschärfen wird. Die gut gemeinte Sorge um die Ernährungssicherheit der Menschen verschleiert wohl die Tatsache, dass Politiker*innen und Beamt*innen, die happige Summen für ihre Ämter bezahlt haben, Entscheidungen für den Agrarsektor treffen. Wir untersuchen nur sehr wenig, wer wirklich von den jüngsten Maßnahmen der Regierung im Hinblick auf die Ernährungssicherheit Indonesiens profitiert. Dieser Mangel an Fokus erklärt sich vielleicht daraus, wer tatsächlich begünstigt wird.

Agro-Nationalismus und die Sicherheitsinstitutionen

Die Sicherheitsinstitutionen Indonesiens profitieren vom Agro-Nationalismus. In der Demokratie-Ära engagiert sich die Armee im Agrarsektor, seit 2011 eine Weisung von Präsident Susilo Bambang Yudhyono erging, auf Bedrohungen des Klimawandels zu reagieren, die die Ernährungssicherheit gefährden. Während der späten Yudhoyono-Präsidentschaft begann die Armee, sich stärker an Aktivitäten zu beteiligen, die vom Landwirtschaftsministerium im Rahmen einer breiter angelegten Entwicklungskampagne namens „Armee betritt das Dorf“ organisiert wurden. Dies erinnert an ein ähnliches Programm aus der Suharto Ära. Seither hat die Armee eine immer bedeutendere Rolle im Landwirtschaftssektor übernommen.

Im Jahr 2014 setzte Präsident Jokowi [Joko Widodo] als Ziel, innerhalb von drei Jahren nationale Ernährungsautarkie zu erreichen. Er forderte die beteiligten Regierungsinstitutionen auf, sich auf die Armee zu stützen, um dieses Ziel zu erreichen. Die Armee hat ihre Rolle im Agrarsektor ohne klare gesetzliche Grundlage ausgeweitet und gibt vor, dass sie die landwirtschaftliche Produktion der Bäuer*innen unterstützt und den Bedürftigen beisteht. In den letzten fünf Jahren haben das Landwirtschaftsministerium und die Nationale Logistikbehörde (Bulog), die für die Lebensmittelbeschaffung, den Transport und die Lagerung der Regierung verantwortlich ist), viele Kooperationsvereinbarungen und Absichtserklärungen mit der Armee unterzeichnet, um die nationale Ernährungssicherheit zu gewährleisten. Diese Vereinbarungen haben den Soldat*innen zahlreiche Fotogelegenheiten geboten, um sich mit Bäuer*innen in den Schlamm zu stellen.

Indonesien Agro-Nationalismus COVID-19

Ein Bäuerin aus dem Dorf Bojong in der Nähe von Yogyakarta, säubert frisch gedroschenen Reis © Asian Development Bank/ Indonesien.Sumiyah CC BY-NC-ND 2.0

Militärs kontrollieren – und kassieren

Abgesehen von Propaganda haben solche Abkommen der Armee ein stärkeres Engagement mit den Eliten in den Dorfgemeinschaften ermöglicht. So hat die Armee zusammen mit der Polizei etwa die Aufgabe, die Lieferketten zu kontrollieren. Dies betrifft insbesondere subventionierten chemischen Dünger, der an Dorfkioske geliefert wird, die von relativ wohlhabenden Dorfbewohner*innen betrieben werden, um die Verteilung zum staatlich regulierten Preis zu gewährleisten.

Diese Kontrollen ermöglichen es den niederrangigen Militärangehörigen, von den Dorfbewohner*innen, die im Zentrum der lokalen Versorgungsketten stehen, Geld zu kassieren, um Lagerbestandslisten zu genehmigen, Anfragen der Regierung nach Infrastruktur- und Maschinenunterstützung zu bewilligen, ihnen Schutz zu bieten und natürlich um Verstöße gegen die Vorschriften nicht zu melden. Die erweiterte Rolle der Armee im Agrarsektor hat auch dazu geführt, dass niederrangige Militärs auf Dorfebene (Babinsa) Daten anfordern und landwirtschaftliche Beratung anbieten anstelle von Beratern aus den lokalen Landwirtschaftsbehörden, die seit 2009 immer mehr ausgegrenzt werden.

Das Landwirtschaftsministerium selbst hat eine stärker auf das Militär ausgerichtete Haltung in seinem Bereich eingenommen. Seit Oktober 2019 leitet Syahrul Yasin Limpo das Landwirtschaftsministerium. Der ehemalige Gouverneur von Südsulawesi ist seit langem von der Armee fasziniert und hat eine Vorliebe für Fliegeruniformen und Tarnkleidung. Mit der Übernahme dieses Amtes hat Limpo die bestehenden landwirtschaftlichen Unterstützungsbüros der Unterdistrikte, von wo aus die landwirtschaftlichen Berater*innen arbeiten, in Strategische Landwirtschaftliche Technische Kommandoeinheiten oder KOSTRATANI umbenannt und ihre Rolle „optimiert“. Die Abkürzung KOSTRATANI ähnelt KOSTRAD, dem strategischen Reservekommando der indonesischen Armee. Die beiden Begriffe werden sogar manchmal auf der Website des Landwirtschaftsministeriums verwechselt.

Die Rolle dieser Unterstützungsbüros ist weiterhin die des Monitorings und der Erhebung von Agrarstatistiken, der Durchführung von Schulungen und der Bereitstellung von Dienstleistungen auf der Ebene der Unterdistrikte, um „die Verfügbarkeit von Nahrungsmitteln zur Deckung des Bedarfs von 267 Millionen Indonesier*innen zu gewährleisten“. Das optimierte KOSTRATANI soll „Echtzeit“-Berichte über die lokalen landwirtschaftlichen Bedingungen an die landwirtschaftlichen Unterstützungsbüros auf Provinzebene und landesweit weiterleiten.

Auf nationaler Ebene soll ein „Agricultural War Room“, der im Februar 2020 eingerichtet wurde, diese Berichte von der lokalen Ebene zusammenstellen, um die Entscheidungsfindung von Minister Limpo zu unterstützen. Bei der Einweihung des „Agricultural War Room“ behauptete Limpo sogar, dass seine Überwachungsbefugnisse denen des Pentagons ähnlich seien. Aber die Prahlerei des Ministeriums hört nicht bei der Echtzeit-Überwachung auf. Das Landwirtschaftsministerium behauptet auch, kürzlich ein auf Eukalyptus basierendes Heilmittel gegen COVID-19 entdeckt zu haben! Wenn wir der Propaganda des Ministeriums Glauben schenken würden, gäbe es in der Tat nichts, was es nicht tun könnte.

Video zum „Agriculture War Room” des Landwirtschaftsministeriums (Indonesisch):

Fehlendes Zollsystem für Agrarimporte führt zu Korruption

Das Landwirtschaftsministerium scheint unfähig, sein bestechungsanfälliges Empfehlungssystem für Agrareinfuhren durch ein Zollsystem zu ersetzen. Die Einführung eines Zollsystems anstelle eines Quotensystems würde möglicherweise die Gelegenheiten für Korruption verringern. Private Importeure, die Waren ins Land bringen, müssten nicht länger Angestellte des Landwirtschaftsministeriums für Empfehlungsschreiben bestechen. Eine solche ordnungspolitische Reform wird seit langem von hochrangigen Politikern wie Rizal Ramli gefordert, aber von der Regierung Jokowi nicht umgesetzt. Stattdessen ist das Quotensystem in den letzten fünf Jahren wegen des Agro-Nationalismus für Beamt*innen, die auf Nebeneinkünfte aus sind, noch wertvoller geworden.

Die Förderung einer protektionistischen Agenda für die nationale Lebensmittelautarkie durch die Regierung führt zu Gelegenheiten für höhere Beträge, um Importempfehlungsschreiben des Ministeriums zu erhalten, sowie zu regulatorischen Besonderheiten, die Möglichkeiten für Bestechungsgelder schaffen. Während führende Regierungsmitglieder Gruppen von Beamt*innen innerhalb des Landwirtschaftsministeriums, des Handelsministeriums und von Bulog vage beschuldigt haben, Teil einer korrupten „Lebensmittelmafia“ zu sein, gibt es nie konkrete Anschuldigungen darüber, wer Mitglieder dieser Lebensmittelmafia sind. Nur durch Fälle der Kommission zur Beseitigung von Korruption, wie dem berühmten Rindfleischskandal der Partei für Gerechtigkeit und Wohlstand (PKS) im Jahr 2013, sowie in neueren Bestechungsfällen in Bezug auf Knoblauch und Düngemittel, an denen Politiker*innen der Indonesischen Demokratischen Partei des Kampfes (PDIP) und der Golkar-Partei beteiligt waren, kommen Einzelheiten darüber ans Licht, wie die Korruption im Agrarsektor funktioniert.

Indonesien Agro-Nationalismus COVID-19

Die Schlagzeile lautet: „Das Militär entlädt den Dünger einer großen Mafia“. Quelle: Jawa Pos, 7. März 2015.

Die fingierte Lebensmittelmafia

Politiker*innen stellen häufig unspezifische Behauptungen auf. Sie beschuldigen Agrarhändler*innen und kleine Zwischenhändler*innen in Dörfern, Teil der Lebensmittelmafia zu sein. Diese undifferenzierten Anschuldigungen können dazu dienen, potenziell jede*n, der auf den Agrarmärkten tätig ist, als Teil der „Mafia“ zu stigmatisieren. Eine solche Stigmatisierung schafft eine Grundlage dafür, dass die Regierung gegen bestimmte Händler*innen vorgeht, die sie als problematisch erachtet, um die Verfügbarkeit von Nahrungsmitteln für die Nation besser zu gewährleisten.

Nur selten verbinden Medienberichte tatsächliche Akte der Nötigung – ein zentrales Merkmal von Mafiaorganisationen – in landwirtschaftlichen Wertschöpfungsketten mit der so genannten Mafia. Stattdessen wird der Begriff Mafia von Politiker*innen und in den Massenmedien häufiger verwendet, um Gruppen zu bezeichnen, die Profit machen.

Der englische Originalartikel erschien am 4. Juni 2020 auf new mandala – dem online Magazin der Australian National University zu Südostasien – unter dem Titel Indonesia’s agro nationalism in the pandemic und wurde für die südostasien redaktionell bearbeitet und auf zwei Teile geteilt (hier geht’s zu Teil II).

Übersetzung aus dem Englischen: Anna Grimminger

Zum Weiterlesen:

Indonesien Palmöl

Wie Staat und Kapital die Palmöl-Expansion voran treiben

Indonesien – Der Palmölboom passiert nicht nur einfach, er wird gemacht. Das Zusammenspiel von Staat und Kapitalinteressen analysiert das Buch „Der Palmölboom in Indonesien“. Dessen These: Die Dezentralisierung nach dem Rücktritt Suhartos hat die Verbreitung von Palmöl begünstigt.

Indonesien Agroforstwirtschaft Mamar

Agroforstwirtschaft: (K)eine Lösung für die Zukunft?

Indonesien – Agroforstwirtschaft wird in Westtimor durch Landnutzungsänderungen und der Land-Stadt-Migration junger Menschen zunehmend bedroht. Die Ernährungssicherheit der Agroforstgemeinden gerät dadurch in Gefahr.

Rezension Sexy Killers

Von Politikern, die Kohle machen

Indonesien – Der Dokumentarfilm „Sexy Killers“ thematisiert die massiven Eingriffe in die Natur durch Steinkohleabbau und die verheerenden Folgen für Mensch und Umwelt. Zugleich zeigt der Film, wie eng die Verzahnung von Politik und Unternehmen beim wertvollen Rohstoff Kohle ist.

Einjährige Sengon-Bäume in Indonesien © Christof Krackhardt

Wiederaufforstung von Nutzhölzern in Indonesien

Indonesien – Das Ziel von Fairventures ist die Wiederaufforstung indonesischer Regenwälder. Unternehmensgründer Johannes Schwegler erklärt, welche Herausforderungen es gibt und wie die Projekte die Familien vor Ort in Zentral-Kalimantan unterstützen.

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Agro-Nationalismus in Zeiten der Pandemie (Teil I)

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2 | 2020, Indonesien,
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Agro-Nationalismus in Zeiten der Pandemie (Teil I)

Philippinen/Deutschland: Zahlreiche philippinische Pflegekräfte arbeiten in Deutschland. Wie erleben sie die Corona-Pandemie? Wie halten sie Kontakt zu ihren Familien? Wir haben mit sechs philippinischen Krankenpfleger*innen gesprochen, die in der COVID-19-Versorgung in deutschen Krankenhäusern tätig sind.

Am 20. März 2020 gab die Hessische Krankenhausgesellschaft bekannt, dass ein Rekrutierungsflug für Intensivpflege-Personal aus den Philippinen nach Deutschland stattfinden wird. Mit einer Sondergenehmigung konnten 75 philippinische Krankenpfleger*innen einreisen, um COVID-19-Patient*innen in Hessen zu versorgen. Trotz verstärkter Quarantäne in den Philippinen, der geschlossenen deutschen Grenze und einer europaweiten Einreisebeschränkung wurde eine rasche Einreise genehmigt.

Zugleich wurde in den Philippinen gefordert, den Einsatz von Pflegekräften im Ausland während der aktuellen Not des öffentlichen Gesundheitssystems einzustellen. Zur Zeit der Ankündigung des Rekrutierungsfluges stiegen die Corona-Fälle in den Philippinen rapide an. Im April 2020 wurde ein Deployment-Ban für die Ausreise von Gesundheitspersonal verhängt.

Die Anwerbung war nicht überraschend. Deutschland hatte sich an die Philippinen gewandt, um seinen Pflegekräftemangel, unter anderem durch das Triple-Win Projekt (siehe Kasten) zu beheben. Für die philippinischen Regierung markiert die Unterzeichnung des Abkommens mit Deutschland 2013 das Erschließen eines neuen Markts für pflegerische Tätigkeiten.

Philippinischer Migrationszyklus und seine kolonialen Wurzeln

Wissenschaftler*innen, internationale Organisationen und Regierungsbehörden haben unterschiedliche Ansichten zur fast 50-jährigen staatlich geförderten Praxis der grenzüberschreitenden Migration philippinischer Arbeitskräfte. Viele bezeichnen den Mechanismus als ‚Nachahmung’ der arbeitsexportierenden Praxis der Länder des globalen Südens. Laut Soziolog*innen wie Anna Romina Guevarra und Robyn Rodriguez betreibt der philippinische Staat einen Arbeitsvermittlungsmechanismus, der in seine Kolonialgeschichte eingebettet ist. Für sie ist das koloniale Arbeitssystem der USA die ‚Blaupause’ für die Schaffung einer Arbeitsexportwirtschaft zur Bevölkerungsverwaltung. Durch die Einrichtung einer öffentlichen Krankenpflege in den Philippinen, wurde eine geeignete (nach US-Standards ausgebildeten Krankenpfleger*innen), billige, geschlechtsspezifische und nach ‚Race’ sortierte Arbeiterschaft geschaffen, die die Bedürfnisse des globalen Markts befriedigt.

Der Export philippinischer Pflegekräfte hat Folgen im philippinischen Gesundheitssystem. Krankenpfleger*innen sind mit Patient*innen überlastet, während es zugleich paradoxerweise Hunderttausende arbeitsloser Pflegekräfte in den Philippinen gibt. In philippinischen Krankenhäusern sind nicht viele Stellen offen. Die Gehälter liegen zudem unter dem Existenz sichernden Familieneinkommen.

Tägliche Konfrontation mit dem Corona-Virus

Die Corona-Pandemie schafft neue Unsicherheiten. Krankenpfleger*innen sind für die Grundversorgung der Patient*innen verantwortlich. Sie reichen Essen, waschen Kranke und helfen ihnen, sich zu bewegen. So besteht viel körperlicher Kontakt zwischen Krankenpfleger*in und Patient*in. Gegenwärtig machen Pflegekräfte täglich körperliche Erfahrungen mit der Intensität des Coronavirus. Viele treten ihre Arbeit mit Sorge an.

Sie fragen sich: Was, wenn ich infiziert werde? Was, wenn ich das Virus unwissentlich weitergebe? Ist es ein Segen, während einer Pandemie Krankenschwester zu sein? Was, wenn ich sterbe? Aber vielleicht ist es besser zu sterben und das getan zu haben, was zu tun war? Diese Fragen hielten eine der befragten Krankenpfleger*innen fünf Nächte lang wach.

Arbeiten unter extremen Bedingungen und erhöhter Prekarität

Krankenpfleger*innen wissen: das Ansteckungsrisiko von COVID-19 ist hoch. Die Krankheit ist neu und die Krankenhausmitarbeiter*innen haben nur begrenzte Informationen über das Virus. Sie treffen die erforderlichen Vorsichtsmaßnahmen, die von ihrem Krankenhaus-Management vorgeschrieben werden. Das Tragen einer persönlichen Schutzausrüstung (PSA) auf COVID-19 Stationen ist für medizinisches Personal verpflichtend. Das erhöhte Infektionsrisiko ist ein ständiger Begleiter. So muss jedes Detail beim Tragen der Schutzausrüstungen beachtet werden. Die Arbeit ist emotional wie körperlich anstrengend, da das Tragen der PSA während der Arbeit den Körper aufwärmt.

Krankenpfleger*innen erhalten Unterstützung vom Krankenhaus, in dem sie arbeiten. Zum Beispiel werden großzügig Essen und Essensgutscheine bereitgestellt. Eine Gefahrenzulage gibt es jedoch nicht. Das Krankenhaus bietet Videoanweisungen zum richtigen Tragen der PSA an. Die tägliche Bereitstellung von Masken, Desinfektion, Ausrüstung und der Zugang zu regelmäßigen Tests sind vorhanden. Diese Grundvoraussetzungen helfen den Pfleger*innen, weniger Angst zu haben, während sie sich um die Patient*innen kümmern.

Ein weiterer Aspekt der Prekarität hängt damit zusammen, dass die philippinischen Pfleger*innen Migrant*innen sind. Komplexe Pflegeverhältnisse verbinden die Einzelpersonen und Familien zwischen verschiedenen Gesellschaften. Durch die weltweite Ausbreitung des Coronavirus werden die Gefahren der Fürsorge aus der Ferne noch größer. Was bedeutet es, sich zu kümmern, wenn Familienmitglieder, die über nationale Grenzen hinweg getrennt leben, alle dem Virus ausgesetzt sind?

Es besteht die Gefahr, weit weg von zu Hause und den Angehörigen zu sterben. Eine befragte Pflegekraft sagte: „Ich unterstütze meine Familie finanziell zu Hause (in den Philippinen). Was ist, wenn ich hier (in Deutschland) sterbe?“ Und was bedeutet es umgekehrt, weit weg von zu Hause zu sein, wenn geliebte Menschen sterben?

Mit dem Virus infiziert

Als Krankenpfleger John [1] von seinem positiven Testergebnis erfuhr, geriet er nicht in Panik, aber er hatte viele Fragen: Was soll ich tun? Zu Hause bleiben, mich ins Krankenhaus einweisen lassen? Soll ich (aus meiner Wohnung) ausziehen? Was ist, wenn ich Symptome entwickle? In der zweiten Quarantänewoche entwickelte er Symptome: Kopfschmerzen, Müdigkeit, Muskelschmerzen und den schlimmsten Husten seines Lebens. Er konnte nicht aufstehen, hatte keine Kraft zu kochen, geschweige denn, ein Bad zu nehmen. „Es war die Hölle“, sagt er, „ich erwartete das Schlimmste.“ „Ich behielt meinen Glauben. Ich war buchstäblich allein. Ich steckte in meinem Zimmer fest und konnte nicht raus. Ich konnte meine Freunde nicht sehen, während meine Familie tausend Meilen entfernt ist. Der Kontakt über soziale Medien hat mir sehr geholfen“, erinnert sich John. Verwandte und Freunde waren besorgt und schrieben ihm jeden Tag. Drei Wochen lang war er auf seine Freunde angewiesen, die sich kümmerten, die einkauften und Medikamente besorgten. Es war eine sehr emotionale Erfahrung für ihn, die er mittlerweile auch über soziale Medien teilt, um sein Netzwerk zu inspirieren. Er nutzt seine Geschichte, um den Menschen in seiner Heimatstadt zu sagen, dass sie ruhig bleiben, aber vorsichtig sein sollen.

Transnationale Sorge

Krankenpfleger Xavier [1] sagte seiner Mutter in Manila nicht, dass er sich freiwillig in Deutschland als Covid-19-Pflegekraft gemeldet hatte. Er wusste, dass seine Mutter besorgt und wütend wäre. Also sagte er es ihr erst nach einer Woche Arbeit, als er sicher war, dass der doppelte Schutzanzug, das Visier, die Gesichtsmaske und die Handschuhe ausreichen würden, um ihn zu schützen. Als Xavier schließlich seiner Mutter von seiner derzeitigen Arbeitssituation erzählte, konnte sie vor Sorge nicht schlafen. Als er ihr Bilder von sich mit PSA schickte, verglich sie diese mit Bildern im Fernsehen, wo Mitarbeiter des Gesundheitswesens vollständig abgedeckt waren. Sie war noch besorgter. Er musste den Standard in Deutschland erklären, dem er vertraut, und versicherte ihr, dass er sich auf seiner Station sicher fühle. Die Mutter musste es am Ende akzeptieren.

Auch Raffy [1] meldete sich freiwillig zur Arbeit auf der COVID-19-Station. Er glaubt, dass sein Beitrag zur öffentlichen Gesundheit sich auf seine Identität und sein Zugehörigkeitsgefühl auswirkt; zumindest in dem Krankenhaus, indem er arbeitet. Raffy fühlt sich als Mensch stärker, da er die Krise durchgemacht hat. Er fühlt sich auch als Experte für den Umgang mit Verdachtsfällen, da ihn seine Kolleg*innen inzwischen bei Tupfertests um Rat bitten. Vor Corona war er ‚nur’ ein Neuling. Die Pandemie habe ihm die Möglichkeit gegeben, ein wichtiger Bestandteil des Gesundheitssektors zu sein und seine persönliche und berufliche Bestimmung als Pflegekraft zu verwirklichen, so Raffy. Die Arbeit in der Pandemie gäbe ihm ein Gefühl von Stolz, nicht nur als Pflegekraft, sondern auch als philippinischer Migrant, der seiner Gastgesellschaft diene.

Perspektiven während COVID-19

Die COVID-19-Pandemie hat die Gemeinschaft der Migrant*innen vor neue Herausforderungen gestellt, insbesondere die ausländischen Pflegekräfte, die direkt für die Gesundheitsversorgung und Behandlung der betroffenen Patient*innen verantwortlich sind. Während sie ihr Leben riskieren, werden sie emotional durch die Situation ihrer Familien in den Philippinen belastet. Dort griff die Pandemie dramatisch um sich und sorgte für einen Spitzenwert der Fälle in Asien.

Zugleich vertrauen die interviewten philippinischen Pflegekräfte in ihre Arbeitsstätten und in die deutsche Regierung. Im Vergleich zu verunsicherten Pflegekräften in einigen europäischen, amerikanischen und philippinischen Krankenhäusern glauben die sechs befragten Pflegekräfte in Deutschland, dass sie gut geschützt und von der Gastregierung unterstützt würden. Als Pflegekräfte glauben sie auch, dass es gute Praktiken und Beispiele gibt, die sie der Pflegegemeinschaft im Ausland mitteilen könnten.

Es sind die Pflegekräfte, die kontinuierlich gegen das Virus kämpfen. Dafür benötigen sie die volle Unterstützung durch staatliche Institutionen. Sie benötigen Schutz, um eine funktionierende Gesundheitsversorgung zu gewährleisten – auch in der Welt nach der Pandemie.

Übersetzung aus dem Englischen von: Jörg Schwieger

[1] Name(n) von der Redaktion geändert

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2 | 2020, Indonesien,
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Agro-Nationalismus in Zeiten der Pandemie (Teil I)

Als die südostasien-Redaktion im Mai 2020 gemeinsam über die Themen für die kommenden Ausgaben entschied, geschah dies mitten in der ‚ersten Welle der Pandemie’. Inzwischen wissen wir, dass wir dieses Kapitel ein Jahr später immer noch nicht schließen können. In Europa und Südostasien breitet sich der Erreger in unterschiedlichem Ausmaß und mit neuen Mutationen weiter aus.

In dieser südostasien-Ausgabe beleuchten wir die aktuelleren und vielschichtigen Erfahrungen von Menschen in Südostasien mit der Pandemie. Unsere Autor*innen berichten aus der Region und geben Aufschluss über die Auswirkungen der Pandemie auf Zivilgesellschaft, Politik, Wirtschaft und Umwelt. Die Artikel decken auch tiefer gehende Strukturen der Ungerechtigkeiten und Missstände auf, die durch die Pandemie erneut hervorgetreten sind.

Die Ausgabe ergänzt somit auch die Sammlung zivilgesellschaftlicher Länderperspektiven in Bezug auf COVID-19, die die Stiftung Asienhaus und das philippinenbüro zusammengetragen haben, sowie die im Herbst 2020 erschienene Broschüre Corona in Asien – Menschenrechtsverletzungen und soziale Ungleichheit im Schatten der Pandemie-Bekämpfung.

‚The new normal‘ – Umgang mit Unsicherheit und Unabwägbarkeit

Wie gehen Menschen – in ihrem täglichen Wirken und gegenüber ihren Mitmenschen – mit dieser allumfassenden neuen Realität um? Wie auch anderorts auf der Welt schürt und offenbart COVID-19 in Singapur Vorbehalte gegenüber als nicht ansässig gelesenen Menschen, wie Yasmine Wong in ihrem Artikel untersucht. Dagegen finden viele Menschen für sich und ihre Nahestehenden kreative und vielschichtige Formen der Bewältigung. Dies erörtern Kristina Großmann und Nicole Weydmann anhand der Rolle der traditionellen Medizin jamu für Indonesier*innen. In Kambodscha finden Menschen Hoffnung und innere Stärke durch das Aufstellen von Ting Mong, eine Art Schutzpatron*innen für Häuser. Die Wirkung dieser Figuren entfaltet sich dabei oft parallel zum Warten auf Impfung und/oder andere Wirkstoffe gegen die Krankheit, wie Paul Christensen erklärt.

Effektiv, aber nicht unproblematisch

Ein Blick über den Tellerrand, insbesondere nach Südostasien, ist sinnvoll und kann uns bereichern. Im Gegensatz zu Deutschland, das nur halbherzig auf die Pandemie reagierte und inzwischen über zwei Millionen Infektionen und über 60.000 Tote zu beklagen hat, haben die meisten Länder Südostasiens frühzeitig und entschlossen gehandelt. Wie Julia Holz analysiert, konnte Vietnam mit einem kurzen aber umfassenden Lockdown und einer systematischen Track&Trace Strategie die Zahl der Infektionen auf knapp 2.000 und die Zahl der Toten auf 35 begrenzen. Thailand hat schon im März 2020 den Flugverkehr eingestellt und danach eine Quarantäne für alle Einreisenden vorgeschrieben. Das Land hat heute nur einen Zehntel der Infektionszahlen von Deutschland pro Hunderttausend Einwohner und nur 79 Tote. Schlussfolgerungen aus dem bisherigen Erfolg der Pandemiebekämpfung in der Region werden von Oliver Pye und Tanja Matheis diskutiert.

Problematisch ist aber, dass die meisten Regierungen die Pandemie nutzen, um ihre autoritäre Kontrolle über die Gesellschaft auszuweiten. Der jüngste Militärputsch in Myanmar sollte in diesem Kontext analysiert werden, wie auch die zunehmende Gewalt des Duterte-Regimes in den Philippinen. Auch Singapurs Strategie war mit geschlossenen Grenzen, strikter Quarantänepflicht, rigorosem Lockdown und Contact-Tracing sehr erfolgreich. Allerdings untergruben Datenschutzlücken das Vertrauen der singapurischen Bevölkerung in die Maßnahmen, wie Julia Holz in ihrem zweiten Artikel erörtert. Das Militärregime in Thailand versuchte, Covid-19 zu nutzen, um die Opposition zu unterdrücken. Dr. Supat Hasuwannakit erklärt, wie die Zivilgesellschaft auf die Herausforderungen der Pandemie reagierte und es trotzdem zur Entstehung einer neuen Demokratiebewegung kommen konnte.

Wirtschaftlicher Einbruch und soziale Folgen

Die Pandemie und ihre Folgen treffen vor allem diejenigen, die ohnehin bereits in einer schwierigen Situation waren. Ganze Wirtschaftssektoren, wie die Tourismusbranche, sind zusammengebrochen. Internationale Unternehmen brachen Verträge in Lieferketten und Regierungen schlossen Grenzen. Folglich sahen sich Arbeitnehmer*innen, vor allem in Abwesenheit von zielgerichteten Hilfsmaßnahmen, mit Arbeitsplatzverlust, Einkommensausfällen und Reisebeschränkungen konfrontiert. Auf der Seite der Unternehmer berichtet Inthy Deuansavanh im Gespräch mit Michael Kleinod von den Schwierigkeiten in der laotischen Tourismus-Branche. In mehreren Beiträgen kristallisiert sich ein zentrales Thema heraus: in Ermangelung eines sozialen Sicherungsnetzes ist die Orientierung hin zu Subsistenzwirtschaft und familiären Netzwerken ein altbewährtes Mittel der Absicherung in diesen unsicheren Zeiten.

Das Besondere an dieser Ausgabe ist, dass ihre Autor*innen Facetten eines Zustands auffangen, der weiter andauert und uns alle, wenn auch in unterschiedlichen Ausmaßen, mehr oder weniger direkt betrifft. So ändert sich der Verlauf der Pandemie immer noch ständig, genauso wie die Reaktionen von Menschen, Regierungen, und Organisationen. Die Ausgabe trägt wesentlich dazu bei, die vielen Facetten einer weltumspannenden akuten Pandemie zu dokumentieren und (be-)greifbarer zu machen.

Wir wünschen interessante Erkenntnisse beim Lesen unserer Ausgabe 1/2021, und hoffen, dass das neue Jahr hoffnungsvolle Perspektiven hervorbringt.

Das Redaktionsteam

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2 | 2020, Indonesien,
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Agro-Nationalismus in Zeiten der Pandemie (Teil I)

Laos: Die Pandemie hat Auswirkungen auf alle Laot*innen, doch sie betrifft den Alltag verschiedener Personengruppen auf unterschiedliche Weise. Dieser Beitrag lässt Hotelmanager, Arbeitsmigrantinnen und Bauern selbst zu Wort kommen.

Bereits seit Mitte Dezember 2019 machte Covid-19 die Runde in laotischen Medien und sozialen Netzwerken. Anfang Februar 2020 beschlossen der stellvertretende Premierminister und der Finanzminister die Einrichtung eines Sekretariats zur Prävention und Bekämpfung von Covid-19. Auf dieser Basis wurde Ende März 2020 ein nationaler Lockdown verhängt, der später schrittweise wieder aufgehoben wurde. Zugleich richtete die Regierung eine Informationswebsite ein. Laut dieser Seite gab es am 27. Januar 2021 (zum Zeitpunkt der Entstehung dieses Beitrags) nur 45 Fälle von Ansteckungen, über 40 Genesene, keinen Todesfall.

Trotz dieser niedrigen Zahlen hat die Pandemie Auswirkungen im gesamten Land. Doch sie betrifft den Alltag verschiedener Personengruppen auf ganz unterschiedliche Weise. In diesem Beitrag kommen in kurzen Ausschnitten Vertreter*innen verschiedener gesellschaftlicher Gruppen aus der Hauptstadt Vientiane sowie der gleichnamigen Provinz zu Wort: Hotelmanager in Vang Vieng, in Thailand arbeitende Arbeitsmigrantinnen und Landwirte aus dem ländlichen wie städtischen Umfeld. Sie berichten von ihrem Umgang mit der Pandemie. Die Gespräche wurden Ende Januar 2021 geführt.

Sichtweisen auf die Pandemie

Obwohl Covid-19 alle trifft, so trifft es doch alle unterschiedlich. Wie die folgenden Interviewausschnitte zeigen, sind die Auswirkungen der Pandemie komplex. Zwar verlaufen sie entlang sozio-ökonomischer Strukturen, dennoch scheint eine simple Einteilung in ‚Gewinner’ und ‚Verlierer’ nur schwer möglich.

Hotelmanager

Zu den Gruppen mit höherem Einkommen – zumal im Verhältnis zu den anderen Gruppen in diesem Beitrag – zählen Hotelmanager. Der Manager eines Hotels im Touristen-Hotspot Vang Vieng berichtet: „Wir, die Hotelvereinigung von Vang Vieng, sind sehr beunruhigt über die Auswirkungen von Covid-19. Normalerweise ist zwischen Ende Dezember und Anfang Januar die ‚Goldene Saison‘ für die Hotels im Land.“

Und der Manager eines anderen, sehr populären Hotels im Ort erklärt: „In unserem Hotel sind die Räume leer und der Pool ist still und verstaubt. In der Hotelvereinigung in Vang Vieng machen sich alle gegenseitig Mut, denn viele Mitglieder haben Schulden bei der Bank und sind deshalb sehr besorgt. Mein Hotel ist eines der beliebtesten in Vang Vieng, wir haben normalerweise zwanzig dauerhaft Angestellte. Vor Covid-19 hatten wir Tausende Buchungen, damit konnte ich sie bezahlen. Doch während Covid-19 sank die Zahl der Buchungen so stark, dass ich die Entscheidung treffen musste, Menschen zu entlassen. Und zwar zwei Drittel der Belegschaft, ohne jegliche Unterstützung. Die sind natürlich sehr unglücklich über meine Entscheidung. Doch selbstverständlich werden sie nach Covid-19 wieder eingestellt.“

Den derzeitigen Arbeitsalltag beschreibt der Manager so: “Normalerweise muss ich Anzug und Krawatte tragen, aber gerade bin ich Manager und Reinigungskraft in einem. Mir geht es momentan nicht viel besser als den anderen Angestellten. Gewöhnlich verdiene ich mehr Geld als Regierungspersonal oder die Angestellten in unserem Hotel, aber auch mein Einkommen hängt vom Einkommen des Hotels ab. Derzeit erhalte ich nur ein Viertel meines vorherigen Einkommens. Ich arbeite hier seit zehn Jahren und dachte bisher nie, dass diese Arbeit unsicher sein könnte. Doch jetzt müssen der Besitzer und ich Angestellte entlassen, um das Überleben des Hotels zu sichern. Ich habe da noch Glück, dass ich mit einer Frau aus Vang Vieng verheiratet bin und wir daher etwas Land hier haben, auf dem wir Geflügel halten und Gemüse für uns selbst anbauen können. Für unsere Angestellten, die kein Land haben, sieht es da schwieriger aus.”

Arbeitsmigrantinnen

Weitaus schlechter als der Manager haben es die Arbeitsmigrantinnen, die in Thailand arbeiten und nun aufgrund der Pandemie zurückgekehrt sind. Eine von ihnen sagte: “Wir sind aus Thailand zurückgekehrt, da es in den Textilfabriken, in denen wir sonst arbeiten, keine Arbeit mehr gibt. Wir arbeiten dort schon seit fünf Jahren. Nach unserer Quarantäne in einem Militärcamp östlich der Hauptstadt Vientiane gingen wir zurück aufs Dorf zu unseren Familien. Aber bei unserer Ankunft zu Hause hatten viele Menschen Angst, da Anfang März 2020 die meisten Ansteckungsfälle aus dem Ausland kamen. So mussten wir für weitere vierzehn Tage in unseren Häusern bleiben, bevor uns die Bewohner*innen wieder akzeptiert haben und wir von ihnen aufgenommen wurden.“

Eine andere Textilarbeiterin ergänzt: „Nun sind wir zurück bei unseren Familien, aber ohne Job. Wir arbeiten in Thailand ja in Fabriken, in denen es keine wirkliche Ausbildung gibt. So kommen wir hierher zurück, aufs Land, ohne besondere Fähigkeiten. Und so wissen wir nicht, wie wir uns über Wasser halten sollen. Wir helfen zwar unseren Eltern beim Hühnerhalten und beim Gemüseanbau. Aber unsere Familie hängt normalerweise von unseren Rücküberweisungen ab, die zum Beispiel unseren Geschwistern die Realschule finanzieren. Aber Hühner und Gemüse können eben kein finanzielles Einkommen ersetzen.”

Gemüsebauern

Für einen Gemüsebauern aus der Stadt stellt sich der Alltag unter Covid-19 wie folgt dar: “Ich bin aus Hadxaifong direkt am Mekong. Dort baue ich auf einem Hektar verschiedene Gemüsesorten an, von Frühlingszwiebeln und Salat über Gurken bis hin zu Auberginen und Chili. Der Beginn der Pandemie war für mich eine ‚goldene Zeit’, weil ich die gesamte Ernte an lokale Händler verkaufen konnte, die sie auch gleich direkt bei mir und anderen im Dorf abholten, da die Leute Nahrung zu Hause horteten. Doch nach dem Lockdown wurde es schwierig für uns, unsere Produkte zu verkaufen aufgrund der geringen Nachfrage. Ich denke, es gibt dafür drei Gründe: Erstens die geringeren Einkünfte bei unseren Kunden, und dass viele sich nicht wie sonst trauen, auf den Markt zu gehen. Es gibt auch keine Feste wie Hochzeiten, Neujahr oder das Raketenfestival, die große Mengen an Gemüse benötigen würden. Zweitens können die Menschen in Vientiane auch selber Gemüse anbauen, wenn sie von zu Hause arbeiten. Drittens leben in Vientiane viele, die aus dem ganzen Land zum Studieren oder Arbeiten gekommen sind. Wenn alles hier dicht macht, gehen viele von denen zurück in ihre Heimat. Das alles hat Auswirkungen auf mich als Gemüsebauer.“

Die Erfahrung eines ländlichen Gemüsebauers sieht ganz anders aus: “Meine Familie baut Gemüse zum Verkauf auf Märkten in der Hauptstadt und im Umland an, vor allem Kohl, Chinakohl und Zwiebeln. Normalerweise läuft der Verkauf über Mittelsmänner. Doch obwohl Händler reisen dürfen, finden sie keine Zeit mehr, Gemüse in die Stadt zu bringen. Weil viele Menschen aus Vientiane zurück in mein Dorf gekommen sind, werden wir Bauern dank der großen Nachfrage unseren gesamten Ertrag in unseren Dörfern los. Manchmal kommen Käufer direkt zu mir und ernten ihre Ware selbst. Was wir aber nicht tun dürfen, ist, die Preise zu erhöhen, da alle hier für ihren eigenen Konsum kaufen, nicht um Profit zu machen.“

Folgen der Pandemie

Diese Äußerungen verschiedener Personengruppen geben nicht nur Einblick in die alltäglichen Erfahrungen mit der Pandemie. Es zeigt sich auch, dass die Auswirkungen zwar entlang sozialer Unterschiede verlaufen, es aber dennoch schwierig ist, eindeutige Gewinner oder Verlierer dieser Krise auszumachen. Dennoch sind von den hier vorgestellten Personengruppen die Arbeitsmigrantinnen sicherlich am stärksten betroffen. Ihre Einkommen sind wichtig für das Vorankommen von Familienmitgliedern in Sachen Bildung – DEM Schlüssel zu sozialem Aufstieg und besseren Aussichten in der modernen laotischen Gesellschaft. Nun, da die Fabriken in Thailand geschlossen und sie zur Familie zurückgekehrt sind, fehlen ihnen aufgrund ihrer eigenen mangelnden Ausbildung die Mittel, um die Familie mit mehr zu unterstützen als ‚bloß’ durch Mithilfe in der Subsistenzwirtschaft.

Auch wenn er selbst seinen Job behalten konnte, musste der Hotelmanager mit der Kündigung seiner Mitarbeiter eine schwere und ihn belastende Entscheidung treffen. Auch sein Gehalt ist erheblich geschrumpft und bleibt abhängig vom Überleben des Unternehmens, welches wiederum über Kredite finanziert ist, deren Rückzahlung nun infrage zu stehen droht.

Bei den städtischen und ländlichen Gemüsebauern zeigte sich eine interessante Umkehr der Verhältnisse mit der pandemiebedingten Abwanderung zugezogener Vientianer in ihre Heimatdörfer. Bemerkenswert ist, dass bei allen Befragten das Thema der Subsistenzwirtschaft aufkommt – als eine altbewährte Strategie der Absicherung in unsicheren Zeiten. Was in diesem Zusammenhang die eindeutige Einteilung in Gewinner und Verlierer ebenfalls verkompliziert, ist das Zusammenrücken der Familien und die gegenseitige Hilfe innerhalb der erweiterten Verwandtschaft im Rahmen solch hergebrachter Absicherungsstrategien.

Die Interviews wurden vom Autor auf Lao geführt und ins Englische übersetzt.

Übersetzung aus dem Englischen von: Michael Kleinod.

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2 | 2020, Indonesien,
Autor*in:

Agro-Nationalismus in Zeiten der Pandemie (Teil I)

Thailand: Eine systematische Test- und Kontaktverfolgungsstrategie, ein flächendeckendes Gesundheitssystem sowie der Einsatz vieler Freiwilliger halfen, die Zahl der Covid-19 Infektionen und der daraus resultierenden Todesfälle gering zu halten.

Thailand hat im Vergleich zu anderen Ländern relativ geringe Covid-19 Infektionszahlen. Bis Dezember 2020 gab es lediglich 4.000 Fälle – Deutschland hatte zum gleichen Zeitpunkt und mit einer ähnlichen Bevölkerungsgröße schon über eine Million. Es gab bisher nur 85 Todesfälle – verglichen mit fast 72.000 in Deutschland.

Schon am 12. Januar 2020 bestätigte Thailand den ersten gemeldeten Fall – eine 61 Jahre alte Chinesin, die von Wuhan nach Bangkok gereist war. Obwohl es zwischen Ende März und Anfang April 2020 kritische Phasen gab, ist die Infektionsrate danach deutlich zurückgegangen. Bis Dezember 2020 gab es kaum neue Fälle. Dieser kurze Artikel versucht zu erklären, warum die Infektionszahlen des Landes so niedrig waren. Wie ich hier argumentiere, gab es mindestens drei entscheidende Faktoren: 1) die Sensibilisierung der Öffentlichkeit durch Prominente; 2) die Kompetenz der Epidemiolog*innen; und 3) die Fähigkeiten der öffentlichen Gesundheitsbeamt*innen und das Netzwerk der Dorfgesundheitshelfer*innen.

Promis schlagen Alarm

Am 13. März 2020 postete der thailändische Schauspieler Matthew Deane auf seiner Instagram-Seite ein Video, in dem er bestätigt, den Coronavirus bekommen zu haben und darum bittet, dass alle, die zu ihm Kontakt hatten, ihre Symptome beobachten sollten. Dieser Post hatte innerhalb eines Tages mehr als siebenhunderttausend Aufrufe. Die meisten Kommentare würdigten, dass er soziale Verantwortung zeigte. Allerdings gab es auch Menschen, die anderer Meinung waren. Einer von ihnen war Dr. Opart Karnkawinpong, Generaldirektor der Abteilung für medizinische Wissenschaften. Er warnte die Leute davor, diese Art von Informationen online zu posten, da sie Panik schüren könnten. Wenn die Informationen falsch seien, könne derjenige, der sie gepostet habe, gegen den Computer Crime Act verstoßen haben.

Doch der Post von Matthew zeigte Wirkung. Er war nämlich der Stadionsprecher bei einem Boxkampf im Lumphini Park am 6. März gewesen. Einen Tag, nachdem Matthew seinen Clip gepostet hatte, häuften sich die Coronafälle von Menschen, die ebenfalls im Boxstadion gewesen sind. Diejenigen, die mit Matthew auf dieser Veranstaltung arbeiteten oder sich mit ihm trafen und später feststellten, dass sie ebenfalls mit dem Virus infiziert waren, begannen, sich öffentlich in den sozialen Medien zu melden, so wie es Matthew zuvor getan hatte. Am 20. März schätzte die thailändische Regierung, dass es nicht weniger als 500 gemeldete Fälle geben könnte, die sich bei dieser Lumphini-Boxveranstaltung mit dem Virus infiziert hatten.

Auffallend ist, dass die wenigen Wochen nachdem Matthew seinen Clip gepostet hatte, zwischen Ende März und Anfang April, die Zeit war, in der Thailand die höchsten Zahlen der neu gemeldeten Fälle hatte. Man kann also davon ausgehen, dass Matthew mit seiner Warnung dazu beigetragen hat, einen der ersten großen Cluster zu entdecken. Dies führte zur ersten, landesweiten Kontaktverfolgung, da viele der Zuschauer des Boxkampfes aus den Provinzen stammten.

Systematische Track&Trace-Auswertung durch geschulte Epidemiolog*innen

In Thailand wird eine systematische Strategie von verfolgen und testen (Track&Trace) angewendet. Bei jedem neuen Fall wird ein Zeitdiagramm erstellt, das die Aktivitäten und den Verbleib des Infizierten innerhalb der letzten zwei Wochen zurückverfolgt. Dieses Werkzeug half der Regierung, die Risikogruppen zu bestimmen, so dass sie das medizinische Personal rechtzeitig zur Untersuchung der Situation schicken konnte.

Die klare und präzise Zeitleiste der gemeldeten Fälle gehörte zu den Aufgaben, die von den thailändischen Epidemiolog*innen gekonnt übernommen wurden. Letztere bestehen aus zwei Gruppen: 1) den Feldepidemiolog*innen 2) dem Überwachungs- und Schnellreaktionsteam (Rapid Response Team). In Thailand sind derzeit 300-400 Epidemiolog*innen im ganzen Land im Einsatz. Die meisten von ihnen haben das Field Epidemiology Training Program der WHO absolviert. Das Rapid Response Team ist als Bindeglied zwischen dem Gesundheitsministerium und den lokalen Behörden gedacht. Das Rapid Response Team besteht also aus medizinischem Personal der lokalen Krankenhäuser und Mitarbeitern der lokalen Regierungen. Mittlerweile gibt es etwa 1.000 Rapid Response Teams. Sie alle arbeiten unter der Leitung der Internationalen Gesundheitsvorschriften (IHR).

Beide Gruppen arbeiten engagiert an den proaktiven Teststationen in den Provinzen und auch an der Rückverfolgung der infizierten Fälle. Seit dem Beginn der Pandemie bis zum 31. Oktober 2020 hat Thailand mehr als 7.615.356 ankommende und abreisende Reisende getestet und zurückverfolgt. Dabei konnten sie 15.864 Menschen aus Risikogruppen zurückverfolgen und etliche infizierte Personen finden und isolieren. Man kann also sagen, dass dies eine hervorragende Leistung der thailändischen Epidemiolog*innen war.

Ende Februar 2020 befand sich Südkorea mitten in einer Pandemie-Krise, von der viele glaubten, dass sie von der Shincheonji-Kirche in Daegu ausging. Es gab mehr als 5.000 gemeldete Fälle, die mit dieser Kirche in Verbindung gebracht wurden. Infolgedessen begannen thailändische Wanderarbeiter in Südkorea, nach Hause zu reisen. Sobald sie angekommen waren, wurden sie auf eine Infektion untersucht. Diejenigen, die keine Symptome zeigten, durften in ihre Heimat reisen, unter der Bedingung, dass sie 14 Tage lang in den Quarantänezentren in ihren Provinzen, oder in einigen Fällen zu Hause, bleiben mussten. Diese Maßnahme galt auch für alle Thailänder, die nach der Verhängung der Abriegelungsmaßnahme in ihre Heimatstadt zurückreisen wollten, zum Beispiel im Fall von Bangkok, das die Abriegelungsanordnung am 17. März erlassen hatte.

Zentrale Rolle von Gesundheitsbeamt*innen und Freiwilligen

Ein weiterer wichtiger Mechanismus bei der Überwachung und Schutz der Gemeinden vor der Pandemie waren die öffentlichen Gesundheitsbeamt*innen, allgemein „Gemeindearzt“ (หมออนามัย) genannt, und die Freiwilligen der Dorfgesundheit.

In diesen kritischen Zeiten waren die örtlichen Gesundheitsbeamten und die freiwilligen Gesundheitshelfer*innen in den Dörfern absolut zentral für die Bewältigung der Situation. Diese haben sowohl geografisch als auch kulturell eine enge Verbindung zu der lokalen Bevölkerung. In Thailand gibt es über 10.000 Distriktkrankenhäuser, und jedes Krankenhaus hat vier bis zehn Mitarbeiter*innen, einschließlich der Gesundheitsbeauftragten. Was die freiwilligen Gesundheitshelfer*innen in den Dörfern betrifft, so gibt es im Moment ungefähr eine Million von ihnen. Diese Freiwilligen sind Menschen, die vor Ort geboren sind oder dort arbeiten. Viele von ihnen sind daher mit den Einheimischen verwandt.

Der letztgenannte Aspekt ist wesentlich. Als die Regierung die Anordnung erließ, die Symptome der gerade heimkehrenden Arbeiter*innen genau zu beobachten, begannen viele Einheimische, Angst und Vorurteile gegen diese Menschen zu entwickeln. In dieser Phase waren persönliche Beziehungen von entscheidender Bedeutung. Wenn es an Vertrauen fehlte, war es fast unmöglich, die tatsächlichen Daten und Informationen von den Heimkehrern zu bekommen. Neben der Vermittlung von Richtlinien für die Selbstversorgung der Risikogruppe bringen die Gesundheitsbeamt*innen und die Freiwilligen denjenigen, die allein lebten, während der gesamten Quarantänezeit täglich Mahlzeiten und Wasser. Durch diese enge und vertrauensvolle Betreuung der Betroffenen haben die örtlichen Gesundheitsbeamt*innen und die freiwilligen Helfer*innen im Dorf maßgeblich dazu beigetraten, die Infektionszahlen in Thailand niedrig zu halten.

Seit Mitte November 2020 wurden in Thailand jedoch wieder täglich dreistellige Zahlen an neuen Fällen gemeldet. Eine neue Welle hat das Land erfasst, die die Infektionszahl auf insgesamt über 26.000 steigen ließ. Dies ist zwar nur ein Prozent der in Deutschland gemeldeten Fälle. Sie stellen aber eine neue Herausforderung für das thailändische Gesundheitssystem und seine vielen freiwilligen Gesundheitshelfer*innen dar.

Übersetzung aus dem Thailändischen von: Nantawat Chatuthai.

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2 | 2020, Indonesien,
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Agro-Nationalismus in Zeiten der Pandemie (Teil I)

Europa/Asien: In „Was Covid-19 mit der ökologischen Krise, dem Raubbau an der Natur und dem Agrobusiness zu tun hat“ beleuchtet der Evolutionsbiologe Rob Wallace eine entscheidende Dimension der aktuellen Virusdiskussion: die kapitalistische Ausbeutung der Natur.

„Seuchen gehören zur Geschichte der Menschheit und sie haben ihre Spuren hinterlassen.“ Diese Aussage aus einem aktuellen Werbespot für WDR5 würde der Evolutionsbiologe Rob Wallace sicher kritisch kommentieren und ergänzen. Legt der genannte Satz doch nahe, Seuchen und Pandemien stellten naturgegebene und unbeeinflussbare Ereignisse in der Evolution der Menschheit dar. Seuchen begleiten die Menschheit, seit sie sesshaft geworden ist. Doch zumindest, was die Pandemien seit Beginn des industriellen Zeitalters angehe, seien diese „Menschen gemacht“, argumentiert Wallace in Was Covid-19 mit der ökologischen Krise, dem Raubbau an der Natur und dem Agrobusiness zu tun hat. Sie seien zwangsläufige Folgen der kapitalistischen ‚In-Wertsetzung‘ und ungebremsten Ausbeutung natürlicher Ressourcen und der damit verbundenen Produktionsweisen.

Ein unbequemer Denker

Rob Wallace ist Evolutionsbiologe und spezialisiert auf Virologie. Er hat im Laufe seiner wissenschaftlichen Karriere unter anderem für die UN und die US-Gesundheitsbehörden gearbeitet. Der vorliegende Band vereint neun seiner Aufsätze aus den Jahren 2007 bis 2020 mit durchaus diversem Fokus und sehr unterschiedlicher Länge und Gedankentiefe. Allen gemein ist aber die grundsätzliche Kritik am neoliberalen Kapitalismus und der dahinter stehenden Akteure. Anders als es der Titel vermuten lässt, reichen sie weit über das derzeitige Pandemiegeschehen hinaus. Gemeinsam gelesen, stellen sie aus einem epidemiologischen Blickwinkel eine grundsätzliche Reflexion und Kritik unserer derzeitig vorherrschenden neoliberalen oder staatskapitalistischen Lebensweise und ihrer Folgen dar.

In einem Beitrag warnte Wallace bereits 2009: „Das Establishment scheint bereit zu sein, einen Großteil der weltweiten Produktivität aufs Spiel zu setzen, die katastrophal einbrechen wird, wenn zum Beispiel in Südchina eine tödliche Pandemie ausbricht – von Millionen Menschenleben einmal abgesehen.“ Von der biologischen Epidemiologie ausgehend haben Wallace im Laufe seines Schaffens immer mehr die sozialen und ökonomischen Komponenten von Epidemien interessiert. Er wollte eine ‚politische Virologie’ schaffen. Dazu hat er sich insbesondere mit der kapitalistischen Umformung und Aneignung von Natur durch die globale Agrar- und Lebensmittelindustrie befasst und diese scharf kritisiert.

Offensichtlich ist er dabei auf wenig offene Ohren gestoßen. Mittlerweile scheint er sich aus der Rolle des warnenden Forschers zurückgezogen und einem eher lösungsorientierten Ansatz zugewandt zu haben: Heute leitet er das Agroecology and Rural Economics Research Corps, eine Initiative, die ökologische landwirtschaftliche Methoden erforscht und umsetzt.

Seuchen als Teil des globalen Kapitalismus

Seit Ausbruch der Covid 19-Pandemie hat es nicht an Hinweisen darauf gefehlt, dass Klimawandel und Artensterben wesentlich für die Entstehung und Ausbreitung solcher Seuchen mit verantwortlich seien und sie geradezu förderten. Rob Wallace als politisch linkem Naturwissenschaftler und Theoretiker gelingt es aber, tiefer zu den Ursachen solcher verheerenden Ereignisse vorzudringen. Konsequent macht er dafür eine Politik und eine Wirtschaftsweise verantwortlich, die allein auf Gewinnmaximierung und billige Produktion orientiert seien. Gesundheitssysteme, in denen Gesundheit als profitable Ware gesehen werde, würden für die Profiteure ‚gesund’, für die Allgemeinheit ‚krank gespart’.

Internationalen Institutionen fehle das notwendige Geld – und oft der Wille –, eine sinnvolle Seuchenvorsorge zu ergreifen, so Wallace. Wirtschaftsunternehmen trieben durch die skrupellose Ausbeutung der ‚Ressource Welt’ Häufigkeit und Schwere epidemischer Ausbrüche immer weiter voran. Wallace fügt damit der gängigen Kritik neoliberaler Wirtschaft und Politik eine weitere gesellschaftliche Dimension hinzu, die direkte Rückwirkung weltweit hat und deren Kosten die Allgemeinheit trägt – wie wir an Covid 19 schmerzlich erfahren.

Neoliberaler Kapitalismus und der Globale Süden

Viele der von Wallace dargestellten Beispiele beziehen sich auf Afrika (Ebola und MERS) oder China (SARS, Vogel- und Schweine-Grippe), lassen sich aber sehr leicht auf die Gegebenheiten in Südostasien übertragen. Interessanterweise sah auch ein 2012 vom deutschen Robert-Koch-Institut durchgespieltes Seuchenausbruch-Szenario den Ursprung der Pandemie in Südostasien.

Insbesondere im zweiten Artikel des Bandes Wie entstand die Vogelgrippe finden sich explizit viele Hinweise auf Südostasien, vor allem auf Thailand. Wie überall in der Welt führt die alleinige Orientierung (der Wirtschafts- und Polit-Eliten) an den ‚Four Cheaps‘ (billige Nahrungsmittel, Arbeitskräfte, Energie und Rohmaterialien) bei gleichzeitiger Gewinnmaximierung auch in Südostasien zu Raubbau an der Natur, zu Monokultisierung und Massentierhaltung. So wie Wallace dies für Südchina beschreibt, führen auch in den aufstrebenden Ländern Südostasiens die Orientierung am westlichen Kapitalismus und seinem Lebensstil zu rapider Verstädterung, Proletarisierung der ländlichen Bevölkerung und schließlich zur Schaffung einer länder- und produktübergreifend vernetzten Agrarindustrie, die sich gleichzeitig den Begehrlichkeiten globaler Großkonzerne öffnet.

Ländliche Selbst- oder Regionalversorgungsstrukturen gehen verloren und weichen Monokulturen von Palmöl oder Mais sowie Massentierhaltung zum Beispiel von Geflügel oder Schweinen. Dies geht einher mit dem Anwachsen von Megastädten mit ihren slumartigen Auswüchsen sowie Desakotas [aus dem Indonesischen von desa = Dorf, kota = Stadt, d.R.], jenen Gebieten im Umland von Großstädten, wo sich urbane und landwirtschaftliche Nutzungs- und Siedlungsformen mischen, und dem damit einhergehenden zunehmenden menschlichen Vordringen in die verbliebenen artenreichen Naturlandschaften.

Cash Crops – Agrar- und Seuchenproduktion für den Weltmarkt

All dies beschreibt der Autor als ideale Brutstätten für neue Viren und deren Übersprung von Tieren auf Menschen, den Zoonosen: Wo Wildtiere sich wegen des Verlusts ihres Lebensraums mit Mengen von Nutztieren mischen, wo genetisch immer ähnlichere Zuchttiere unter den katastrophalen Bedingungen der Massentierhaltung immungeschwächt leben und wo diese Tiere ständig den Ort über weiter Entfernungen wechseln, da ‚jubeln‘ gleichsam Bakterien und Viren. Das massenhafte Vorhandensein geschwächter Wirtstiere, zu denen später auch Gelegenheitsarbeiter zählen, ermöglicht nicht nur eine rapide Ausbreitung, auch über weite Entfernungen hinweg, sondern ist der ideale Entstehungsort für immer neue, angepasstere Mutationen, auch solcher, die schließlich die Mensch-/Tier-Schranke überwinden. Weltweite Mobilität, Megastädte und ein zugrunde gespartes Gesundheitssystem sind die weiteren Zutaten für eine ‚Menschen gemachte’ und von Menschen verbreitete Pandemie.

Nicht zuletzt durch die ‚entwicklungspolitischen‘ Interventionen von WTO, IWF und Weltbank gleichen sich die Produktionsweisen in Südostasien immer mehr denen an, die Wallace für Südchina beschreibt und die ihren Ursprung in den westlichen Industriestaaten haben. Selbst in den entlegenen Bergregionen Nordthailands oder Vietnams wird der ländlichen Bevölkerung, die oft ohne Landbesitzrechte und häufig Mitglieder ethnischer Minderheiten sind, die Produktion für den Weltmarkt beinahe aufgezwungen. In- und ausländische Agrar- und Lebensmittelkonzerne mit einer vertikal durch die gesamte Vermarktungskette aufgestellten ‚Produktpalette‘ verkaufen den Bauern nur einmal einsetzbare Hybrid-Samen oder -Küken, die nur mit den ebenfalls mitverkauften Dünge-, Pflanzenschutz- oder tiermedizinischen Mitteln gedeihen und versprechen den Rückkauf der ‚Ernte‘ – allerdings zu nicht kalkulierbaren Preisen. Mais dient zum Beispiel nur als Futtermittel in der Massentierhaltung zur Befriedigung der wachsenden Fleischnachfrage der Mittel- und Oberschicht. Dafür wird eigener Reisanbau oder kleinteilige Hoftierhaltung aufgegeben und wertvoller subtropischer Wald vernichtet. Es bleiben flächendeckend Monokulturen und erodierende Landschaften.

Auch Konzerne aus Südostasien beuten die Natur aus

Ein gutes Beispiel hierfür ist der thailändische Konzern CP (Charoen Pokhand), der inzwischen der viertgrößte Hersteller von Hühnerfleisch mit Standorten in China, Malaysia, Indonesien, Vietnam und Indien ist. Von Saatgut, Dünger, Pestiziden über den Rück- und Weiterverkauf der Futtermittel an Tochterfirmen im Geflügelmastbereich bis hin zu Fastfood-Ketten in Südostasien bedient er inzwischen die gesamte Gewinnschiene. Greenpeace Southeast Asia hat dies 2018 in dem Report From Maize to Meat beschrieben und angeprangert (Daniel Hayward: From Maize to Meat: Placing maize production in Thailand within a global poultry value chain. May 2018. Greenpeace, Southeast Asia, Thailand). Ähnliche Praktiken und vergleichbare Konzerne lassen sich in ganz Südostasien ausmachen. Monokulturen für Nutzpflanzen von Mais bis Palmöl und Massentierhaltung sind inzwischen überall verbreitet, oft Hand in Hand mit Landgrabbing, Abholzung. Dazu kommt Landdvernichtung durch Schürfrechte für Rohstoffgewinnung. Die Folgen für die Seuchenentstehung und -ausbreitung beschreibt Wallace ausführlich in seinen Aufsätzen.

Dabei beuten nicht nur die wirtschaftlich ‚weiter‘ entwickelten Schwellenländer Südostasiens durch solche Praktiken die noch ärmeren aus. Denn neben den bekannten westlichen Konzernen wie zum Beispiel Monsanto, Bayer, Unilever, Nestle sind inzwischen auch etliche Konzerne aus Südostasien weltweit an der postkolonialen Wertabschöpfung von Natur beteiligt. So sind etwa das malaysische Palmölunternehmen Sime Darby oder das indonesische Golden Veroleum an Landgrabbing in Afrika massiv beteiligt. Noch perfider und ganz aktuell ist, dass der zurzeit als Covid-19-Impfstoff-Hoffnungsträger gehandelte Konzern Johnson & Johnson gleichzeitig aktiv an der Regenwaldzerstörung durch Palmölanbau beteiligt ist – und Mitfinanzier von Studien zur Seuchenbekämpfung. Besser lässt sich kaum an allen Enden der Wertschöpfungskette verdienen.

Der Ausweg – eine andere Landwirtschaft

Entsprechend seiner jetzigen Tätigkeit sieht Rob Wallace den einzigen Ausweg aus einer immer schnelleren Folge von Epidemien in einer anderen Landwirtschaft und letztlich in der Aufgabe kapitalistischer Weltaneignung. Kleinteilige, regionale Nahrungsmittelproduktion ohne übermäßigen Chemieeinsatz, kurze Transportwege, geringerer Fleischkonsum und qualitativ hochwertigere Nahrung – Forderungen, die auch die weltweite biologische Landwirtschaftsbewegung erhebt. Nur eine solche Produktionsweise, verbunden mit genetischer Vielfalt der Arten erhalte das Wechselspiel und das notwendige Gleichgewicht zwischen Mikroorganismen und Säugetieren, zu denen auch der Mensch zählt.

Die Artikel von Rob Wallace – und das ausgezeichnete Vorwort von Martin Becker, der die Artikel mit hilfreichen Kommentaren und Erläuterungen versehen hat – öffnen die Augen für eine ganz andere, grundlegende Dimension des brandaktuellen Seuchenthemas und weisen darüber hinaus auf die grundlegende Krise des Kapitalismus hin. Die Frage, ob tatsächlich wir Menschen die Welt ‚beherrschen’ oder ob Bakterien und Viren dies tun, lässt Wallace offen.

Rezension zu: Rob Wallace. Was Covid-19 mit der ökologischen Krise, dem Raubbau an der Natur und dem Agrobusiness zu tun hat. 2020. PapyRossa Verlag. 207 Seiten.

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2 | 2020, Indonesien,
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Agro-Nationalismus in Zeiten der Pandemie (Teil I)

Europa/Südostasien – Auf der Suche nach Strategien zur Verringerung der Covid-19-Ansteckungszahlen wird oft Neuseeland als Erfolgsmodel genannt. Was könnten wir aus den in Südostasien gemachten Erfahrungen lernen?

Wir können viele Lehren aus Südostasien ziehen, sowohl im positiven als auch im negativen Sinne. Die Länder der Region haben sehr unterschiedlich auf die Pandemie reagiert. Singapur, Thailand, Kambodscha und vor allem Vietnam haben die Ausweitung des Virus so gut wie aufgehalten. Anders sieht es bei Indonesien, Malaysia und den Philippinen aus.

Auch wenn die Zahlen auf Grund verschiedener Faktoren nicht immer eins-zu-eins übertragbar sind (so wird in Deutschland mehr als in Indonesien oder den Philippinen, aber weniger als in Singapur getestet), fällt auf, dass wir es nicht mit Gratwanderungen, sondern mit Größenordnungen zu tun haben (siehe Tabelle 1). Deutschland hat drei Mal so viele Infizierte und vier Mal so viele Tote wie die Philippinen, das Land, das in Südostasien am schlimmsten getroffen ist. Die Todesfälle in Vietnam und Singapur liegen bei 30. Eine Erklärung für diese Diskrepanz ist, dass die Länder Südostasiens, auch auf Grund der früheren Erfahrung mit SARS, recht zügig reagiert und zum Beispiel den Flugverkehr eingestellt haben. Auch das Tragen von Masken war im Vergleich zu Deutschland schnell selbstverständlich. Insgesamt haben die Länder schneller mit rigoroseren ‚Lockdowns’ reagiert.

Tabelle 1: Fallzahlen und Positivrate, geordnet nach Infektionen pro Millionen Einwohner*innen, Stand: 23.04.2021

Land Infektionen pro Millionen Einwohner Infektionen gesamt Infektionen in den letzten 24h Positivrate in Prozent Anzahl der Toten
Weltweit 18.884 147.292.930 664.608 3.138.627
Deutschland 39.148 3.276.871 23.710 12,40 [18.04.2021] 82.280
Malaysia 12.683 395.718 2.776 3,80 [23.04.2021] 1.477
Singapur 10.879 61.051 45 0,10 [19.04.2021] 30
Philippinen 9.594 1.006.428 8.905 19,00 [23.04.2021] 17.031
Indonesien 6.146 1.647.138 5.944 11,80 [23.04.2021] 45.116
Myanmar 2.674 142.722 10 2,10 [20.02.2021] 3.207
Timor-Leste 1.298 1.739 82 [keine Daten] 4
Thailand 829 57.508 2.048 3,50 [23.04.2021] 178
Kambodscha 659 10.555 580 [Keine Daten] 82
Brunei 520 223 0 [Keine Daten] 3
Laos 64 436 113 [Keine Daten] 0
Vietnam 30 2.846 3 0,10 [15.10.2020] 35

Quellen: CSIS, Johns Hopkins University und Gesundheitsministerien Südostasiens; Positivrate: Anteil an COVID-19 Tests, die positiv ausfallen. Testdaten von Hasell, J., Mathieu, E., Beltekian, D. et al. A cross-country database of COVID-19 testing. Sci Data 7, 345 (2020)

Aber, wie wir sehen werden, ist ‚Lockdown‘ nicht gleichzusetzen mit effektiver Pandemiebekämpfung. Auch gilt nicht, ‚je härter desto besser‘. Vielmehr – und das ist in Tabelle 3 genauer differenziert – sind in Südostasien verschiedene Kombinationen von Eindämmungsmaßnahmen und gesundheitspolitischen Strategien festzustellen.

Pandemiebekämpfung durch ‚Containment‘: Vietnam zeigt, wie es gemacht wird

Dass eine zügig und konsequent umgesetzte Strategie mit einer Kombination aus Maßnahmen höchst erfolgreich sein kann, zeigt das Beispiel von Vietnam. Nach heutigem Stand [April 2021] verzeichnete Vietnam niemals mehr als 110 neue Infektionen pro Tag, bei einer Einwohner*innenzahl von 97,3 Millionen. Die Grenzschließung zu China erfolgte bereits am 1. Februar 2020. Es folgten Maßnahmen zur effektiven Rückverfolgung von Kontakten, zum Beispiel mit einer ab März 2020 landesweit eingesetzten Tracing-App. Dabei scheint besonders die Kombination aus konsequentem Aufspüren von Infizierten, gezielter Isolation und Abriegelung von ganzen Distrikten ausschlaggebend für den Erfolg gewesen zu sein.

Als sich das Virus Ende Januar 2021 an fünf Orten im Norden Vietnams erneut stark ausbreitete, sagten viele Ortschaften ihre Feierlichkeiten zum Lunar New Year (Tet) ab. Zudem überprüften zusätzliche Checkpoints die Reiserouten und Herkunft der Menschen, die für das Fest zu Verwandten in andere Städte und Ortschaften einreisen wollten. Anfang Februar verstärkten vietnamesische Fluglinien und Flughäfen ihre Vorsichtsmaßnahmen noch entschiedener. Dabei war das Land zu diesem Zeitpunkt schon für längere Zeit praktisch hermetisch abgeriegelt gewesen. Selbst für vietnamesische Staatsbürger*innen war es lange Zeit schwierig, in ihr Heimatland zu reisen. Heute sehen Expert*innen die strikten Reisebeschränkungen gemeinsam mit der Quarantäne-Regelung und Kontaktverfolgung als ausschlaggebend für den Erfolg Vietnams. Denn die erneut aufflammenden Fälle Anfang Februar ebbten innerhalb eines Monats wieder ab.

Ähnlich wie Vietnam ergriffen Thailand und Kambodscha früh strikte Maßnahmen, insbesondere Einreisebeschränkungen und das Screening von Einreisenden. In Thailand wurden internationale und nationale Flüge ausgesetzt. Neben der Schließung vieler Einrichtungen erfolgte eine unverzügliche Isolierung von infizierten Menschen und deren Kontaktverfolgung. Nachdem die lokale Übertragung Ende April 2020 unter Kontrolle war, wurden die Gesundheitsmaßnahmen strukturiert gelockert. Bis Dezember 2020 blieb es in Thailand bei wenigen Fällen pro Tag. Kambodscha blieb sogar bis Mitte Februar 2021 weitgehend unberührt, kämpft allerdings seit Anfang März 2021 mit einem Anstieg an Infektionen.

Autoritär ist nicht gleich erfolgreich

Häufig wird der Erfolg der genannten Länder auch den autoritären Strukturen zugeschrieben. Eine solche Schlussfolgerung greift zu kurz. Das Beispiel der Philippinen ist bezeichnend. Die ergriffenen Maßnahmen können oberflächlich als ‚harter Lockdown’ bewertet werden, wurden aber nicht mit einer koordinierten Test-and-Trace-Strategie kombiniert. Stattdessen wurde eine Taskforce eingerichtet, deren Ziel es ist, Menschen aufzuspüren und zu drangsalieren, die gegen die Regeln verstoßen. Die Ausgangssperre gilt sogar für Kinder. Außerdem sorgte sie weitläufig für kritische Liefer- und Versorgungsengpässe. Es herrscht ein Regime der Angst, bei dem zwischen März und September 2020 mehr als 100.000 Menschen wegen fadenscheiniger Verstöße gegen Pandemie-Maßnahmen verhaftet wurden.

Im Vergleich zu anderen südostasiatischen Ländern sind die Zahlen in den Philippinen dennoch hoch, mit einer aktuell hohen Positivrate (Tabelle 1). Auch das Beispiel Myanmars zeigt, wie ein Fokus auf willkürliche Bestrafung und Internierung (selbst bei kleinen Verstößen gegen die Maßnahmen) eine Pandemie nicht aufhalten kann. Der Putsch und die vielen Morde an protestierenden Menschen zeigen auch, dass Repression etwas anderes ist als eine koordinierte Pandemiebekämpfung.

Indonesien – das Kapital nutzt die Pandemie

Indonesien zeigt sehr gut, dass ‚Lockdown‘ alleine keine Strategie gegen den Virus ist. Die Regierung hat dort im April 2020 mit sogenannten „großräumigen sozialen Einschränkungen“ (Pembatasan Sosial Berskala Besar, PSBB) scheinbar ‚durchgegriffen‘. Die Maßnahmen zielten wie in Deutschland auf den Privatbereich ab. Auch die Produktion wurde teilweise, aber nicht systematisch unterbrochen. Etliche Bereiche wurden als ‚essentiell‘ definiert, andere durften mit halber Belegschaft weiterbetrieben werden.

Tabelle 2: Ausgewählte Regierungsmaßnahmen zur Pandemiebekämpfung, Kategorisierung gemäß CSIS und OxCGRT

Fokus der Maßnahmen Beispiele für Maßnahmen Erläuterung
Eindämmung und Schließungen („containment and closure policies“) Nach außen

  • Grenzschließungen
  • Einschränkungen bei der Einreise
Einschränkungen bei der Einreise können z.B. durch Testpflichten oder Quarantäne-Zwang entstehen. Einschränkungen sind meist strenger für Nicht-Staatsbürger*innen.
Nach innen:

  • Einschränkungen der Bewegungsfreiheit
  • Schließungen von Bildungseinrichtungen
  • Schließungen von Arbeitsstätten
  • Verbot von Menschenansammlungen
‚Lockdown‘ bezeichnet eine Kombination von Maßnahmen, die ein Herunterfahren des öffentlichen Lebens mit sich bringen. Die Ausgestaltung eines Lockdowns variiert stark im internationalen Vergleich und auf subnationaler Ebene. Um die Ausbreitung in Regionen mit hohen Fallzahlen einzudämmen, setzen Regierungen geographisch begrenzte Lockdowns um.
Maßnahmen des Gesundheitssystems
(„health system policies“)
  • Teststrategie
  • Kontaktverfolgung
  • Quarantäne
  • Impfpolitik
Neben der Behandlung der mit COVID-19 Erkrankten liegt der Fokus hier vor allem auf Maßnahmen zur Rückverfolgung, zum Testen, zur Isolation von Infizierten und zur Verteilung von Impfstoffen.
Wirtschaftliche Maßnahmen („economic policies“)
  • Einkommenshilfen für Haushalte und Einzelpersonen
  • Notfall-Kredite
  • Rettungspakete für Unternehmen
Der Fokus der Kategorie liegt hier auf Maßnahmen, die Haushalte und Unternehmen direkt betreffen. Finanz- und Steuerpolitik als Antwort auf die Pandemie geht über diesen Artikel hinaus.

Quellen: Center for Strategic and International Studies CSIS, Oxford Covid-19 Government Response Tracker OxCGRT 2021

Vor allem aber sind die Lockdown-Maßnahmen nicht mit einer systematischen Nachverfolgung und Quarantäne-Strategie verknüpft worden (Tabelle 2 zeigt eine Aufschlüsselung möglicher Maßnahmen). Statt, wie in Vietnam, jeden Fall konsequent nachzuverfolgen, wurde auf allgemeine Einschränkungen gesetzt. Die Chance, die Ausbreitung der Pandemie von Java auf die anderen Inseln zu unterbinden, wurde vertan. Erst ein Monat nach den ersten Fällen wurde die Einreise nach Indonesien unterbunden. Die Verbreitung des Virus wurde deshalb nur verlangsamt, nicht aber eingedämmt oder gestoppt.

Die Zeichen häufen sich, dass aus einer ‚Flatten-the-Curve‘ Strategie eine Herdenimmunität werden könnte – d.h. die unkontrollierte Ausbreitung des Virus. Dafür sprechen die hohe Positivrate, die zum Teil über 20 Prozent lag und die geringe Anzahl von Tests, die auf eine sehr schnelle Ausbreitung hindeuten. Deutlich wird dies auch in der zunehmenden Fokussierung auf Impfstoffe, um die Herdenimmunität schneller zu erreichen.

Weil der Druck für eine Lockerung wächst, die Infektionszahlen aber steigen, kommt es – ähnlich wie in Deutschland – zu einem Dauerlockdown im Jo-Jo-Verfahren. Die sozialen Folgen sind verheerend. In manchen Sektoren, wie im Tourismusbereich, haben bis zu 80 Prozent ihre Arbeit verloren oder sind seit einem Jahr ‚beurlaubt‘. Durch die dauerhaften Einschränkungen der Bewegungsfreiheit ist der informelle Sektor schwer betroffen. Die Millionen von Arbeiter*innen, die nicht von daheim aus arbeiten können, müssen trotzdem in die Fabriken – Palmöl wird selbstverständlich weiter exportiert – und stecken sich dort weiter an. Die Schließung der Schulen stellt auf Dauer eine enorme Belastung dar, die einmal mehr vor allem von Frauen getragen wird.

Im Schatten der Pandemie geht das Kapital in die Offensive. Große Hilfspakete werden für die Großunternehmen geschnürt, während die Unterstützung für den informellen Sektor oder für die Arbeitslosen unzureichend ist. Auf Druck der Wirtschaft wurde im Oktober das Omnibusgesetz im Parlament durchgepeitscht – der größte Angriff auf Arbeits- und Umweltstandards seit dem Sturz Suhartos 1998. Das bedeutet, dass Arbeiter*innen in der Pandemie nicht mehr, sondern weniger Schutz und soziale Absicherung bekommen. Im Jahr 2020 ruhte die Abholzung der Regenwälder nicht – fast eine Million Hektar wurden von Plantagen- und Bergbauunternehmen gerodet. Damit werden die Ursachen von neuen Zoonosen verschärft.

Solidarisch aus der Krise?

Während in Vietnam und Thailand die erfolgreiche Eindämmung auch auf Grund einer aktiven Unterstützung der Zivilgesellschaft zu erklären ist, sind in anderen Ländern solidarische Ansätze von unten entstanden, um das Überleben der Armen und Ausgegrenzten in der Pandemie sicherzustellen. Diese sind umso wichtiger, weil das Vorgehen gegen die Pandemie in der Region eher repressiv als solidarisch ist.

Dies sieht man vor allem daran, wie in der Krise mit Arbeitsmigrant*innen umgegangen wird. Durch ihre prekäre Lage sind diese von der Wirtschaftskrise am schwersten betroffen. Zudem stranden sie durch Grenzschließungen im Niemandsland: es wird schwierig und teuer, nach Hause zurückzukehren. Gleichzeitig erhalten sie im ‚Gastland‘ keine Unterstützung, weil sie keine Staatsbürger*innen und/oder offiziell nicht registriert sind.

Die unsolidarische Covid-19-Politik ist besonders in den beiden reichsten Ländern der Region, Malaysia und Singapur, auffällig. Singapur hat die Pandemie nach einer ersten Welle seit September 2020 sehr gut im Griff, was auf einer konsequenten Strategie mit Tests, Nachverfolgung und Quarantäne zurückzuführen ist. Allerdings wird die Tracing-App auch von der Polizei zur Überwachung der Bevölkerung verwendet. In den engen Wohnbaracken der Arbeitsmigrant*innen war aber eine Selbstisolierung kaum möglich, so dass sich der Virus hier, ähnlich wie in der deutschen Fleischindustrie, ausbreiten konnte. Anstatt die schlechten Arbeits- und Wohnbedingungen der vielen und wichtigen Arbeitsmigrant*innen zu thematisieren, wurden sie von vielen die Menschen, und mit rassistischen Argumenten, zu Sündenböcken gemacht.

Malaysia kombiniert hingegen eine wirtschaftsfreundliche Lockdown-Politik mit einer staatlich orchestrierten Kampagne gegen Migrant*innen. Schätzungsweise arbeiten um die vier Millionen Arbeiter*innen aus Bangladesch, Indien, Nepal, Indonesien und den Philippinen ohne legalen Status im Land. Als ‚illegal‘ tituliert, werden diese nun für die Verbreitung des Virus verantwortlich gemacht. Sie werden von der Polizei in Razzien festgenommen und in Deportationslager gesperrt, wo der Virus sich ungehindert ausweiten kann.

Was Deutschland von Südostasien lernen könnte

Insgesamt waren einige Länder Südostasiens besser vorbereitet und haben schneller und konsequenter auf die Pandemie reagiert. Viele Maßnahmen, die dort zum Einsatz kamen, wurden in Deutschland nicht genutzt. So bilden die Flughäfen ‚Flaschenhälse‘, in denen eine konsequente Test-and-Trace-Strategie mit bereits vorhandenen Strukturen leicht umgesetzt hätte werden können.

Tabelle 3: Strategien zur Bekämpfung der Pandemie mit unterschiedlichen Zielen

Länderstrategien Erklärung Einteilung der Länder
Ziel ‚Herdenimmunität‘ Die Bewegung der Menschen wird kaum oder gar nicht eingeschränkt. Es wird bewusst darauf gesetzt, dass Menschen sich anstecken und durch eine Infektion Immunität entwickeln. Die Ausbreitung des Virus ist unkontrolliert. Zunehmend Indonesien und Philippinen.
Herdenimmunität war hier nicht von Beginn an die Strategie. Es läuft aufgrund des Kontrollverlusts aber darauf hinaus.
Ziel ‚Ausrottung‘ – #ZeroCovid Durch zügige und konsequente Maßnahmen wird die lokale Ausrottung des Virus angestrebt. Dabei wird eine Einschränkung der Bewegungsfreiheit mit weiträumigen Schließungen und/oder Abriegelungen sowie einer konsequenten Test-and-Trace-Strategie kombiniert. Auch der wirtschaftliche Bereich wird heruntergefahren. Vietnam, Kambodscha, Thailand, Singapur
Ziel ‚Einhegung‘ – ‚Kurve flach halten‘ Es werden Maßnahmen gegen die Ausbreitung der Pandemie ergriffen, allerdings nicht konsequent und meist zeitlich verzögert. Der Schwerpunkt liegt eher darauf, große Teile der Wirtschaft am Laufen zu halten. Ein Anstieg der Neuinfektionen wird bis zu einem gewissen Punkt in Kauf genommen. Indonesien, Philippinen, Malaysia
Die Bewertung erfolgt aufgrund der Tatsache, dass die Wirtschaft weitgehend weiter lief und zu harten Maßnahmen keine koordinierte Test-and-Trace-Strategie angewendet wurde.

Quelle: eigene Konzeption der Autor*innen

Südostasien zeigt aber auch, dass ‚harte Lockdowns‘ nicht die Lösung sind. In Indonesien und den Philippinen gerät die Pandemie zunehmend außer Kontrolle. Vielmehr brauchen wir ‚kluge Lockdowns‘, die auch die Wirtschaft mit einschließen, und die mit einer konsequenten Teststrategie, Kontaktverfolgung und Quarantäne-Regelung verknüpft werden. Wie in Vietnam zu sehen ist, bleiben dann auch die schlimmsten sozialen und psychischen Folgen eines Dauer-Lockdowns aus.

Die Länder, die in Südostasien erfolgreich waren, haben die Bevölkerung und die Zivilgesellschaft miteinbezogen. Die Handlungsbereitschaft für die Gemeinschaft war dann groß, wenn die Strategie sinnvoll und erfolgreich war. In Deutschland hingegen sinkt die Bereitschaft, Maßnahmen mit zu tragen, je länger der Lockdown dauert. Dies liegt auch daran, dass Menschen und Institutionen zu wenig aktiv einbezogen werden, und dass die Verantwortung, die zusätzliche Arbeit (wie Schule) und die sozialen Folgen individualisiert in den Privatbereich verlagert werden. Südostasien zeigt, dass die Pandemie nur gemeinsam und mit einer konsequenten Gesamtstrategie besiegt werden kann.

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2 | 2020, Indonesien,
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Agro-Nationalismus in Zeiten der Pandemie (Teil I)

Philippinen: Die Duterte Regierung führt unter dem Deckmantel der Pandemie ihre autoritäre Politik fort. Während unter den Maßnahmen insbesondere die arme Bevölkerung leidet, schwinden die zivilen Handlungsräume zur Gegenwehr zunehmend.

Man hätte meinen können, es sei ein sehr schlechter Aprilscherz, so absurd war es, was der philippinische Präsident Rodrigo Duterte zu Beginn der Corona-Pandemie auf den Philippinen von sich gab. Leider war seine Aussage (mal wieder) kein Scherz. Anfang April 2020 appellierte er zur Ausführung des Lockdowns an seine Exekutive:

Fast ein Jahr später gab es einen ähnlichen Appell in einer Rede vom 5. März 2021 an die philippinische Polizei (PNP) und das philippinische Militär (AFP). Duterte sagte, sie sollten „Menschenrechte ignorieren“ und wenn AFP und PNP auf Kommunisten stießen, sollten sie diese töten und sicherstellen, dass sie wirklich tot seien. Am darauf folgenden Wochenende gab es einen Crackdown bei dem neun linke Aktivist*innen ermordet und sechs weitere festgenommen wurden. Ein Zusammenhang zwischen der Rhetorik des philippinischen Präsidenten und den Handlungen des Militärs sowie der Polizei liegt auf der Hand.

Rede von Präsident Rodrigo Duterte an Polizei und Soldaten:

In einer Rede am 5. März 2021 forderte Präsident Rodrigo Duterte Polizei und Soldaten auf, kommunistische Rebellen bei Begegnungen zu „töten“ und „fertigzumachen“. Zwei Tage später, am Sonntag, den 7. März, gingen die staatlichen Streitkräfte mit einer tödlichen Razzia in Calabarzon gegen Aktivist*innen vor.

Unmenschlichkeit zeigt sich während der Corona-Pandemie umso mehr

Dutertes Rhetorik und welche Brutalität diese befeuert, kennen wir bereits aus dem Anti-Drogenkrieg. So gab er all diejenigen, die sich gegen eine Festnahme wehrten, zum Abschuss frei. Das war nur kurze Zeit nach dem Mord an dem 17-jährigen Kian Loyd de los Santos, dessen Tod eine Protestwelle auf den Philippinen gegen den Anti-Drogenkrieg hervorrief. Zehntausende Menschen wurden in dem sogenannten Krieg gegen die Drogen ermordet, wie ein Report des UN-Menschenrechtsausschusses 2020 feststellte. Menschenrechtsgruppen wie Amnesty International gaben bald nach der Präsidentschaftswahl an, dass dieser Krieg sich nicht gegen Drogen richtet, sondern tatsächlich ein Krieg gegen die Armen sei. In diesem Krieg werden weder Drogen noch Armut ausgelöscht, sondern arme und/oder drogenabhängige Menschen getötet. Dass die philippinische Regierung weder Menschenwürde noch Menschenrechte der Bevölkerung achtet, wurde mitten in der Pandemie wieder bestätigt.

Das Anti-Terrorgesetz als neue Waffe der Machthabenden

Schon zu Beginn des Lockdowns wurden unzählige Menschen festgenommen und sogar in Hundekäfige gesteckt. Menschen, die aus Hunger auf die Straße gingen, um für Lebensmittel zu streiten, wurden festgenommen. Dabei protestierten sie einfach gegen die ausgebliebene staatliche Hilfe.

Mit der Unterschrift von Duterte trat mitten in dieser Pandemie am 20. Juli 2020 dann auch noch das Anti-Terror-Gesetz (ATG) in Kraft. Laut diesem Gesetz können Menschen und Gruppen ohne Anklage für bis zu 24 Tage festgehalten werden. Es stellte sich damit auch als eine juristische Waffe der philippinischen Machthabenden gegen den Protest aus der Zivilbevölkerung heraus. Wie bereits vor dem Inkrafttreten des Gesetzes ist auch hier das so genannte Red-tagging ein großes Problem: Politisch engagierte Menschen können als kommunistische Rebellen bezichtigt und dann im schlimmsten Fall sogar getötet werden.

CNN berichtet über die Verbreitung von community pantries während der Pandemie:

Der Gefahr des Red-taggings sahen sich jüngst auch community pantries ausgesetzt. Diese lassen sich mit den deutschen ‚Tafeln’ gleichsetzen und werden von örtlichen Kommunen oder Nachbarschaftsinitiativen philippinenweit selbst organisiert. Für die philippinische Regierung ein Dorn im Auge. So wurden Tafeln von Polizei und Militär als „kommunistische Rekrutierungszentren“ bezeichnet. Einige der Initiativen sahen sich schließlich aus Angst gezwungen, zu schließen.

Klima der Angst

Rodrigo Duterte war nie bekannt für vorsichtige Worte und ganz sicher nicht für seine Mitmenschlichkeit. Die sich wiederholenden harten Maßnahmen verbreiten ein Klima der Angst in der philippinischen Bevölkerung und beschneiden die Zivilcourage innerhalb dieser. Natürlich verkennt er dabei die Lebensrealität vieler seiner Bürger*innen. Die meisten leben von Tag zu Tag sprichwörtlich von der Hand in den Mund. Das Leben vieler Filipin@s spielt sich dabei geschäftig auf der Straße ab. Um die weltweite Pandemie einzudämmen, gab es auch auf den Philippinen eine flächendeckende Ausgangssperre. Ich habe dann persönlich von Menschen gehört, die des Lebens müde werden. Sie fragen sich, wie sie überleben sollen. Denn: Wenn sie zuhause bleiben und nicht rausgehen, sterben sie vor Hunger. Wenn sie raus gehen, sterben sie entweder durch das Coronavirus oder durch die brutale Hand der philippinischen Regierung.

Ein Klima der Angst legt sich wie ein Schleier über die philippinische Gesellschaft und schnürt diese in ihren Freiheiten und Selbstbestimmung ein. Viele Menschen gingen trotzdem oder gerade deswegen protestieren.

Eine große Stärke der philippinischen Zivilgesellschaft liegt darin, sich gegenseitig zu unterstützen. Diese Selbsthilfe kann unter dem ATG dann aber als Terrorismus ausgelegt werden, wenn sie wie so oft als linker Aktivismus bezeichnet wird. Seitdem das Gesetz in Kraft ist, ist der Handlungsspielraum für die Bevölkerung also extrem eingegrenzt. Mittlerweile wurden 37 Petitionen gegen das ATG eingereicht. Ob das Gesetz verfassungswidrig ist, verhandelt nun das philippinische Verfassungsgericht. Eine Entscheidung steht aktuell [April 2021, d.R.] noch aus.

Brutal ‚von oben’, solidarisch ‚von unten’

Im April 2020 schrieb mir ein Bekannter eine verzweifelte Nachricht auf Facebook. Er und seine Familie haben seit zwei Wochen kein Essen mehr erhalten. Sie seien Tagelöhner.

Auch eine Soforthilfe von umgerechnet etwa 150 Euro, die von der Regierung versprochen wurde, kam bei vielen Menschen gar nicht erst an. Sie können sich nicht für die Hilfe registrieren, da die Ämter für den persönlichen Betrieb geschlossen sind. Andere können sich gar nicht erst legal draußen bewegen, da sie sich nicht ausweisen können. Daneben erschweren zusätzlich bürokratischen Hürden die Hilfeleistungen.

Durch eine katastrophale soziale Infrastruktur auf staatlicher Ebene, ist die Bevölkerung regelmäßig zur Selbsthilfe gezwungen und zeigt sich hierbei auch effektiver als die philippinische Regierung. So brutal wie die Regierung ‚von oben’ herab handelt, so sozial und solidarisch geht es ‚ganz unten’ zu. Diese Resilienz darf jedoch nicht romantisiert werden, denn schließlich muss die Zivilbevölkerung stark sein, um sich bei so einer Politik am Leben zu halten. Schon nach dem Supertaifun Haiyan (lokaler Name: Yolanda) Ende 2013 ließ gegenseitige, solidarische Katastrophenhilfe nicht lange auf sich warten. Staatliche Hilfsmaßnahmen dagegen kamen so langsam, dass es bereits Plünderungen aufgrund von Hunger gab. Zudem herrschte auch die Angst, dass Soforthilfe über offizielle Wege von der Regierung oder anderen Offiziellen abgegriffen und diejenigen nie erreichen würde, die es wirklich brauchten.

Wer in der Pandemie (auf)atmen darf

Katastrophen stellen unsere Gesellschaften weltweit auf den Prüfstand: Die Schwächen des kapitalistischen Systems und der politischen Verantwortlichen sind sichtbarer denn je in globalen Krisenzeiten. „Eines Tages wird es wieder ruhiger werden, aber wir wissen nicht wer bis dahin überleben und diesen Tag miterleben wird“, schreibt die indische Autorin Arundhati Roy über die Pandemie-Situation in Indien. “Den Reichen fällt das Atmen leichter“ fügt sie hinzu.

Auch auf den Philippinen kann in der Corona-Pandemie noch lange nicht aufgeatmet werden. Zusätzlich zu der Bedrohung durch die Pandemie schnürt der strikte verlängerte Arm der Regierung die Kehle der Bevölkerung vor Angst zu. Jeglicher ziviler Handlungsspielraum wird so fast unmöglich gemacht.

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2 | 2020, Indonesien,
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Agro-Nationalismus in Zeiten der Pandemie (Teil I)

Indonesien: Kulturschaffende mussten in der Corona-Zeit auf den direkten Kontakt zu ihrem Publikum verzichten – und damit auch auf Einnahmequellen. Eigenwerbung über soziale Medien ist ein neuer Trend dieser Zeit.

Um den langweiligen Alltag im Corona-Lockdown zu überwinden, postete Firman Setyo Anam, ein Student aus Yogyakarta (Zentraljava) ein kurzes Video von sich auf TikTok, wie er tanzt. Zugleich ermutigte er andere, ihn nachzuahmen. Wegen der kurzen und leichten Choreographien bekam er viele Likes und merkte bald, dass es TikTok-Nutzer*innen am besten gefiel, wenn er moderne Bewegungen mit javanischen Tanzfiguren kombinierte und mit Koplo-Musik unterlegte. Er begann dann, sich auf dieses neue Tanzgenre zu spezialisieren, das er Ambyar-Tanz nannte (ambyar ist javanisch für „zerbrochen“, „zerschmettert“ oder „zerschlagen“, auch einfach als „chaotisch“ verstanden). Ein geschickter Zug war, dass Firman seine Freunde einlud, mit ihm zusammen seine Ambyar-Choreografie für sein TikTok-Konto, @frfirman01, zu tanzen.

Seit seinem ersten Beitrag bei TikTok am 13. Mai 2020 ist die Zahl seiner Follower auf 1,2 Millionen gestiegen, von denen er bereits 24,7 Millionen Likes bekam. Seine Beliebtheit unter Jugendlichen hat zu Auftritten und Interviews in vielen beliebten Fernsehsendungen geführt. Berühmte Künstler*innen – insbesondere der Koplo-Szene – haben ihn und seine Freunde eingeladen, zusammenzuarbeiten. So werden Firman und seine Tanzfreunde zu Werbeträgern für diese Künstler*innen, indem er ihre Lieder aufführt oder ihnen das Tanzen mit seiner Ambyar-Choreographie beibringt. Im September 2020 gründete er die Tanzgruppe Ambyar People und erstellte zwei Monate später einen Instagram-Account für seine Gruppe. Um Menschen über Youtube zu erreichen, betrat er im Februar 2021 die Videoplattform. Seine Followers auf den beiden Plattformen sind zwar nicht so viele wie auf TikTok, aber innerhalb kürzester Zeit hat er zehntausende Follower und Likes bekommen.

Firman wird in Indonesien Celegram (indonesisch: Selegram) genannt, was die Abkürzung für Celebrities of Instagram ist. Im Gegensatz zu Künstlern, die offline kommerziellen Erfolg haben, sind die Celegrams Menschen, die über Social-Media-Kanäle berühmt werden – insbesondere auf Instagram, das am häufigsten genutzte soziale Medium in Indonesien. Der Begriff Celegram gilt auch für Prominente, die auf anderen Kanälen Aufsehen erregen, wie YouTuber, Vlogger, TikToker oder Facebooker, die durch diese sozialen Medien populär geworden sind. Während die sozialen Medien zweifellos die größte Rolle bei der Karriereentwicklung der Celegrams spielen, verdankt die neuen Generation der Social-Media-Prominenz ihren Blitzerfolg der sogenannten Kepo-Kultur, die besonders bei indonesischen Jugendlichen sehr populär ist.

Kepo-Kultur als Treibstoff des „Kunst-Business“

Das Wort Kepo gehört zur informellen indonesischen Sprache. Laut Ivan Lanin (2012), einem bekannten Enthusiasten der indonesischen Sprache, stammt Kepo, wie es in den Sozialen Medien Indonesiens verwendet wird, nicht von dem englischen Akronym KEPO, das eine Abkürzung für Knowing Every Particular Object ist. Stattdessen wird es aus dem chinesischen Dialekt Hokkien übernommen: Kay poh oder Kaypo ist ein Adjektiv, das „zu viel Neugier auf das Leben anderer Menschen“ bedeutet. Indonesisches Kepo ist nun Teil eines schnell wachsenden indonesischen Vokabulars im Big Indonesian Dictionary und wird seit der Ankunft der Sozialen Medien in Indonesien Mitte 2000 in der Jugendkultur verwendet, hauptsächlich von Familien der Mittel- und oberen Mittelschicht, die in Städten leben.

Diejenigen, die kepo sind, werden Kepoers genannt. Ihre Haltung merkt man an ihren zu privaten, oft kontrollierenden Fragen. Während Menschen aus verschiedenen Gründen sehr neugierig sein können, entwickelt sich die Kepo-Haltung häufig innerhalb einer Gruppe enger Freunde, um die Freundschaft zu stärken, oder – in der Vergangenheit – als eine Form von sozialer Kontrolle.

Jugendliche von heute bewerten die Kepo-Gewohnheit über kulturelle und mediale Grenzen hinweg jedoch positiver. Die jungen Kepoers sind sehr neugierig und auch oft kritisch gegenüber Celegrams, seien es Sänger*innen, Schauspieler*innen, Tänzer*innen oder hochrangige Politiker*innen. Sie sind begierig darauf, das tägliche Leben und die Aktivitäten ihrer ‚gefolgten‘ Prominenten zu sehen und freundliche oder auch mal schroffe Kommentare dazu abzugeben. Die Celegrams sind die ‚Zielscheibe‘ der Kepoers.

Soziale Medien als Werbeplattform für Celegrams

Sehr interessant ist die Änderung des Wortes kepo von einem Adjektiv (passiv) zu einem Verb (aktiv) durch die Celegrams. Sie fordern ihre Followers mit dem Satz „kepo-in aku donk“ (Deutsch: Bitte mach kepo zu mir). Das Verb kepo-in bedeutet etwa „intensives Erkundigen nach weiteren Informationen“. So laden die Celegrams die Öffentlichkeit ein, ihre Aktivitäten oder Ihre Kunstwerke in ihren Instagram-Konten anzusehen und zu überprüfen. So hat sich die Kepo-Kultur zu proaktiven Aktionen und einer verbalen Haltung bei den Kepoers entwickelt.

Ähnlich wie Firman, gewinnen weitere Celegrams wie zum Beispiel Babe Cabita, Awkarin, Dr. Tirta, Nikita Mirzani Millionen von Follower durch die Inhalte, die sie in ihren Instagram-Konten erstellen. Firman, der Celegram-Tänzer, wird inzwischen von Fernsehsendern in Live-Talkshows eingeladen, da sein Stil so viele Zuschauer anzieht, dass die Leute ihn auch offline ‚treffen‘ möchten. Eine sehr wichtige Tendenz, die viele, nicht nur junge, sondern auch erwachsene Kepoers anzieht, sind Instagram-Konten von Einzelpersonen, die in der Öffentlichkeit privat bleiben. Andere Instagram-Accounts wie Lambe Turah, Mak Nyinyir, Rumpi No Secret produzieren Nachrichten rund um Prominente, laden Prominente ein, über ihre Aktivitäten und andere private Angelegenheiten zu sprechen. In solchen Konten übertragen sogar Moderatoren von TV-Sendungen ihre Interviews aus den Häusern der Prominenten.

Online-Kunstausstellungen und -Bühnenauftritte mit Sozialmedien

Während der Pandemie, in der die Menschen die meiste Zeit zu Hause verbracht haben, ist die Nutzung sozialer Medien sprunghaft angestiegen. So nutzen auch viele Künstler*innen ihre Sozialen-Medien-Konten, um online Auftritte und Ausstellungen, oft auch Diskussionen und Seminare, zu organisieren. Das zieht junge Menschen an, die aus geografischen Gründen und aufgrund zu hoher Reisekosten sonst nicht zum Veranstaltungsort hätten kommen können.

Eine Künstlergruppe in Jakarta organisierte zum Beispiel eine Online-Diskussion über die Werke des verstorbenen Dichters, Sapardi Joko Damono, die fast 1.000 Zuschauer anzog. Die meisten davon waren Jugendliche, die dem Dichter auf Instagram folgten, als er noch lebte. Nach seinem Tod wird auf seinem Instagram-Account kontinuierlich weiter über seine Gedichte diskutiert. Einige Künstler, etwa Arman Maulana und Cakra Khan (Sänger), Dian Sastrowardoyo (Schauspielerin) oder der berühmte Maler Eko Nugroho, haben YouTube und Instagram für Live-Streaming von ihren Auftritten und Ausstellungen genutzt.

Für viele kleinere Veranstaltungen hat der Soziale-Medien-Boom einen regelrechten Auftrieb gegeben und so mancher Künstler war durch die Pandemie gezwungen, seine Online-Selbstvermarktung zu verbessern. Für größere Veranstaltungen war der Lockdown eher schwierig, da sie vom Publikum leben. Die größte Kunstausstellung Indonesiens, die jährliche ARTJOG in Yogyakarta, fand 2020 gezwungenermaßen ebenfalls online statt – und warb damit, dass man anders als in den Vorjahren diesmal nicht Schlange stehen müsse. Ironischerweise war die ARTJOG aber zuvor so populär geworden, weil sich so viele junge Menschen vor den oft spektakulären Kunstwerken fotografiert und diese Selfies anschließend bei Instagram gepostet haben. Da dies bei einem Online-Besuch nicht möglich war, fiel in jenem Jahr das Interesse jenes Publikums, das sich gern über Soziale Medien definiert. Es gab dann später noch eine Teilöffnung der Ausstellung.

So sind die Sozialen Medien heute einerseits eine Bühne für indonesische Künstler geworden, um ihre Fans zu treffen, ihre Werke zu präsentieren und zu verkaufen, nachdem sie während der Pandemie nicht offline auftreten konnten. Sie bieten viele Möglichkeiten für indonesische Künstler, weiterhin ihren Lebensunterhalt zu verdienen, sind aber nicht immer ein adäquater Ersatz für Präsenz-Veranstaltungen.

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2 | 2020, Indonesien,
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Agro-Nationalismus in Zeiten der Pandemie (Teil I)

Laos: Pandemie und globale Inflation haben vielen Menschen schwer zugesetzt. Die Grundlage für demokratische Strukturen besteht in der Schaffung von ansatzweise gleichen Lebensverhältnissen.

Westliche Kommentator*innen stehen dem politischen Regime in Laos eher kritisch gegenüber und äußern ihre Besorgnis über Regierungsführung und Menschenrechte. Freedom House stellt in seinem Bericht 2023 über Laos fest, dass die Laotische Revolutionäre Volkspartei (LPRP) „alle Aspekte der Politik beherrscht und die bürgerlichen Freiheiten stark einschränkt“. Außerdem hält sie die Wahlen zur Nationalversammlung für „nicht frei und fair“ und schlägt vor, sie von internationalen Beobachtern überwachen zu lassen.

Ein-Parteien-Dominanz

Laos ist ein kommunistischer Einparteienstaat, der von der LPRP regiert wird. Das 71-köpfige Zentralkomitee unter der Leitung des 13-köpfigen Politbüros ist für alle wichtigen Entscheidungen zuständig. Auf dem 11. Parteitag im Januar 2021 wurde der damalige Premierminister Thongloun Sisoulith von 768 Delegierten zum Generalsekretär der LPRP für eine fünfjährige Amtszeit gewählt. Auch die Mitglieder des Zentralkomitees und die zehn stellvertretenden Mitglieder wurden für ihre fünfjährige Amtszeit neu gewählt.

Nach dem Parteitag finden alle fünf Jahre Wahlen zur Nationalversammlung statt. Die LPRP stellt die Kandidat*innen für diese Wahl auf, deren Mitglieder den Präsidenten und den Premierminister wählen. Bei den Wahlen im Februar 2021 erhielt die LPRP 158 der 164 Sitze, die restlichen sechs gingen an Unabhängige. Anschließend wählte die neunte Nationalversammlung in ihrer konstituierenden Sitzung den Generalsekretär der LPRP, Thongloun, zum Präsidenten und Phankham Viphavanh zum Premierminister der Demokratischen Volksrepublik Laos [Phankham wurde im Dezember 2022 von Sonexay Siphandone abgelöst, d.R.].

Laos befindet sich zwar nach wie vor in einer wirtschaftlichen Misere. Doch hat das Land die wirtschaftlichen Härten nach der Pandemie unter dem derzeitigen politischen Regime und der derzeitigen Führung überstanden. Das wirtschaftliche Umfeld nähert sich allmählich der Normalität von vor der Pandemie an. Herausfordernd bleiben die hohe Auslandsverschuldung und die zweistellige Inflation. Unter diesen Umständen stellt sich die Frage, welcher Ansatz – Gradualismus [Veränderung durch viele Zwischenschritte anstelle einer sprunghaften Handlung, d. R.] oder zielstrebiges Verfechten eines bestimmten Konzepts von ‚Demokratie‘ – gewählt werden sollte, um ein demokratisches Regierungssystem zu fördern und gleichzeitig das Wohlergehen der Menschen im Rahmen der sozialen Stabilität zu erhalten.

Unterschiedliche Konzeptualisierung demokratischer Ansätze

Generell sollte der Gradualismus auf der Grundlage der lokalen Gegebenheiten ein vielversprechenderer Ansatz für die Einführung der Demokratie sein, indem die sozioökonomische Entwicklung als Voraussetzung vorangetrieben wird. Darüber hinaus sollten wir uns darüber im Klaren sein, dass Demokratie in Südostasien und anderswo aufgrund der kulturellen, sozialen und historischen Unterschiede der Regionen und Länder auf unterschiedliche Weise konzeptualisiert werden kann. Die Souveränität des Volkes ist sicherlich von Bedeutung, kann aber eine Vielzahl von institutionellen Arrangements erfordern. Sie kann nur durch solide Schritte in Richtung eines Ziels wie „das größte Glück der größten Zahl“ gewährleistet werden, ein Leitprinzip, das von Jeremy Bentham, einem britischen Utilitarismus [Beurteilung von Handlungen nach Nutzenmaximierung für eine größtmögliche Anzahl an Betroffenen, nicht nach Motiven, d. R.] – Philosophen des 19. Jahrhunderts, geprägt wurde.

Aus einer anderen Perspektive sollten die politischen Entscheidungsträger den Schwerpunkt auf die „menschliche Sicherheit“ legen, die von den Vereinten Nationen in der Resolution 66/290 der Generalversammlung von 2012 als „Ansatz zur Unterstützung der Mitgliedstaaten bei der Identifizierung und Bewältigung weit verbreiteter und bereichsübergreifender Herausforderungen für das Überleben, die Lebensgrundlage und die Würde ihrer Bevölkerung“ befürwortet wurde. Die Resolution fordert „menschenzentrierte, umfassende, kontextspezifische und präventionsorientierte Antworten, die den Schutz und die Selbstbestimmung aller Menschen stärken.“ Das Konzept der menschlichen Sicherheit kann bedeuten, dass eine Einmischung von außen nur dann legitim ist, wenn sie die einzige Option ist, um das Überleben, den Lebensunterhalt und die Würde der Menschen zu sichern. Es gibt verschiedene Auslegungen dieses Konzepts, aber im Kontext von Laos geht es vor allem um das Überleben der Menschen, ihren Lebensunterhalt und ihr Recht darauf, ein menschenwürdiges Leben zu führen.

Auf regionaler Ebene teilen die zehn Mitgliedsstaaten des Verbands Südostasiatischer Nationen (ASEAN) die Grundprinzipien, die im Vertrag über Freundschaft und Zusammenarbeit in Südostasien (TAC) von 1976 verankert wurden. Einige dieser Grundsätze, wie die gegenseitige Achtung der Unabhängigkeit, Souveränität, Gleichheit, territorialen Integrität und nationalen Identität aller Nationen, das Recht jedes Staates, seine nationale Existenz frei von äußerer Einmischung, Umsturz oder Zwang zu führen, und die Nichteinmischung in die inneren Angelegenheiten eines jeden anderen Staates“, können sich mit dem Einwand gegen ein „fremdes Demokratie“-Konzept ohne den lokalen Kontext decken.

In Bezug auf die Menschenrechte bestätigten die Minister auf der Klausurtagung der ASEAN-Außenminister unter dem Vorsitz des stellvertretenden Premierministers und Außenministers von Laos, Saleumxay Kommasith, am 29. Januar 2024 die Verpflichtung zur regelmäßigen Einberufung des ASEAN-Menschenrechtsdialogs. Zuvor nahm der ASEAN-Gipfel im September 2023 die Erklärung der Staats- und Regierungschefs zum ASEAN-Menschenrechtsdialog an, in der sich zu „konstruktiven Diskussionen, Beratungen und der Ausübung von gegenseitigem Respekt und Verständnis im Hinblick auf die Verbesserung der Zusammenarbeit zwischen den ASEAN-Mitgliedstaaten bei der Stärkung der Kapazitäten zur Bewältigung aktueller und neuer Menschenrechtsprobleme“ verpflichtet wurde.

Wirtschaftliche Herausforderungen

Solange die grundlegenden Menschenrechte nicht in erheblichem Maße verletzt werden, wird die breite Mehrheit der Bevölkerung wahrscheinlich lieber von der sozioökonomischen Entwicklung profitieren, als sich einem ‚importierten‘ Demokratie-Konzept unterzuordnen, das nicht ihr eigenes ist. Für eine fremde Wertetheorie zu verhungern, ist keine bevorzugte Option.

Viele Menschen in Laos stehen vor verschiedenen Herausforderungen, um ihren Lebensunterhalt zu sichern. Die einkommensschwache städtische Bevölkerung ohne Fremdwährungsguthaben hat am meisten unter der Inflation gelitten, die im Februar 2023 einen Höchststand von 41,3 Prozent gegenüber dem Vorjahr erreichte, insbesondere bei Lebensmitteln und Gütern des täglichen Bedarfs. Umgekehrt haben sich Haushalte mit höherem Einkommen möglicherweise gegen eine zweistellige Inflation abgesichert, indem sie auf Fremdwährungsanlagen und ‚Matratzengeld‘ setzten. Nach den Statistiken der Zentralbank erreichte der Verbraucherpreisindex im Dezember 2023 einen Wert von 208, verglichen mit 120 im Dezember 2021.

Das Preisniveau stieg in diesen beiden Jahren um 73 Prozent. Im Gegensatz dazu stieg der Gesamtbetrag der ausstehenden Bankeinlagen in Landeswährung nur um 33 Prozent von 52,8 Billionen Kip auf 70,0 Billionen Kip [etwa 310 Millionen EUR, d.R.], während der Betrag der Bankeinlagen in Fremdwährung im selben Zweijahreszeitraum um das 2,3-fache in Landeswährung von 75,4 Billionen Kip [etwa 330 Millionen EUR], auf 173,8 Billionen Kip [etwa 760 Millionen EUR], anstieg. Der Kontrast zwischen den Besitzenden und Nicht- Besitzenden hat möglicherweise zu einer starken Unzufriedenheit in der letzteren Gruppe geführt, was ungünstige politische Auswirkungen haben könnte.

Auch die sozialen Medien, die durch die allgegenwärtige Informationstechnologie unterstützt werden, haben einen zunehmenden Einfluss auf die Regierungsführung, sowohl in negativer als auch in positiver Hinsicht. Besorgniserregend sind die Risiken der Verbreitung von Desinformation und Propaganda durch die Regierenden und Regierten. Positiv ist, dass die politischen Führer die sozialen Medien nutzen können, um ihre Botschaften wirksam zu verbreiten und die öffentliche Meinung zu verstehen, indem sie auf die Stimmen der Menschen hören.

Freedom House berichtet, dass „die schlechten wirtschaftlichen Umstände zu etwas offenerem Dissens als in der Vergangenheit geführt haben, wobei viele Laot*innen ihre Wut auf die Regierung in den sozialen Medien zum Ausdruck brachten“, und zwar inmitten der wirtschaftlichen Widrigkeiten nach der Covid-19-Pandemie.

Politische Dynastien

Ende 2022 tauchten in den sozialen Medien Gerüchte über den Rücktritt des damaligen Premierministers Phankham Viphavanh auf. Er reichte schließlich ein Rücktrittsschreiben ein, woraufhin die Nationalversammlung im Dezember 2022 Sonexay Siphandone zum neuen Premierminister wählte. Die Wahl von Sonexay Siphandone wurde von vielen erwartet, da sein Vater, Khamtay Siphandone, innerhalb der Partei eine Symbolfigur, und die Einflusswahrung seines Clans auf die Politik entsprechend wichtig war. Dennoch spiegelt sein Amtsantritt eine beschleunigte Verjüngung der Führung wider, die auf dem Konsens des inneren Kreises der Partei beruht. Von Sonexay wird erwartet, dass er die aufstrebenden Technokrat*innen der Partei in entscheidende Kabinettspositionen führt, da er in seiner Rolle als Führungspersönlichkeit der nächsten Generation von der Parteiführung beauftragt wurde.

Da Sonexay über die zunehmenden Stimmen des Unmuts in den sozialen Medien informiert ist, gibt es gute Gründe für ihn, die wachsende öffentliche Unzufriedenheit zu mindern, indem er sozialen Schutzmaßnahmen für die Schwächsten Priorität einräumt. Obwohl die laotische Wirtschaft trotz der Pandemie nicht zusammengebrochen ist, muss die Regierung Haushaltsmittel mobilisieren, um den Menschen ein menschenwürdiges Leben und soziale Stabilität zu ermöglichen. Die Steuereinnahmen liegen jedoch nach wie vor unter dem Niveau vor der Pandemie und schränken den fiskalischen Spielraum ein, selbst wenn die Ausgaben gekürzt würden.

Die Aufgabe der politischen Führung sollte darin bestehen, politischen Maßnahmen Vorrang einzuräumen, die das Wohlergehen der Menschen und die soziale Stabilität berücksichtigen. Sie sollte mittel- und langfristig eine wirklich demokratische und modernisierte Regierungsführung mit einer natürlichen Affinität zum kulturellen, sozialen und historischen Kontext in Laos zu schaffen.

Übersetzung aus dem Englischen von: Simon Kaack

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