2 | 2019, Interviews, Malaysia,
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„Die Konzerne müssen Einwegplastik reduzieren“

Plastikmüll vor einer Palmölplantage © Greenpeace Malaysia

Plastikmüll aus Europa vor einer Palmölplantage © Greenpeace Malaysia

Malaysia: Heng Kiah Chun hat für Greenpeace Malaysia die Untersuchungen zu den Auswirkungen der groß angelegten Plastikmüllimporte aus dem Globalen Norden geleitet. Im Interview spricht er über die Folgen für Mensch und Umwelt und den Widerstand von betroffenen Communities. Das Interview wurde in Kuala Lumpur geführt, nach einer Exkursion zu illegalen Plastikdeponien im Hafengebiet von Klang, wo der Autor unter den Müllbergen auch Plastikverpackungen aus deutschen Supermärkten fand.

Laut dem Greenpeace Bericht „The Recycling Myth“ hat sich der globale Handel mit Kunststoffabfällen aus den Ländern des globalen Nordens nach Südostasien verlagert, seit China im letzten Jahr den Import von Plastikmüll verboten hat. Im Jahr 2018 hat Deutschland 100 000 Tonnen Kunststoffabfälle nach Malaysia verschifft. Was passiert mit dem Plastikmüll, nachdem er die malaysischen Häfen erreicht hat?

Die Greenpeace-Aktivisten Farhan Nasa, Heng Kiah Chun und Tan Wei Kiat (v. links) © Greenpeace Malaysia

Die Greenpeace-Aktivisten Farhan Nasa, Heng Kiah Chun und Tan Wei Kiat (v. links) © Greenpeace Malaysia

Während unserer Untersuchungen erhielten wir immer wieder Beschwerden von Anwohner*innen und lokalen Communities. Sie fanden eine Menge Plastikmüll aus anderen Ländern im Umfeld der Dörfer und Siedlungen, in denen sie wohnen. Am Anfang dachten wir, es sei nur eine kleine Müllhalde mit malaysischem Müll. Nachdem wir das überprüft hatten, waren wir schockiert. All dieser Plastikmüll stammte aus entwickelten Ländern und kam über die Häfen nach Malaysia. Nicht nur zehn Kilo oder 100 Kilo – Millionen Tonnen Plastikmüll, die nach Malaysia verschifft werden. Wir haben festgestellt, dass der größte Teil davon aus den USA, Großbritannien, Deutschland, Japan und anderen Industrieländern stammt. Nach Angaben der Behörden importieren Unternehmen all diese Kunststoffabfälle, weil sie angeblich recycelbar sind. Aber in unseren Untersuchungen haben wir festgestellt, dass nicht alle Kunststoffabfälle recycelt werden können. So werden beispielsweise Einwegplastik und der kommunale Abfall einfach unter freiem Himmel verbrannt oder in verlassenen Gebäuden und Palmölplantagen entsorgt. Deshalb beklagen sich die Menschen in Jenjarom und Klang darüber, dass vor einigen Monaten jede Nacht Plastikmüll verbrannt wurde.

Welche Auswirkung hat das Ganze auf Menschen und Umwelt in diesen Regionen?

„Die Luftverschmutzung macht viele Menschen krank. Sie bekommen Atembeschwerden. Deshalb protestierten sie und forderten die Regierung auf, nicht zuzulassen, dass all diese Plastikabfälle ins Land gelangen.“

Die Menschen beklagen sich darüber, dass sie öfter krank werden. Menschen, die Asthma haben, berichteten, dass ihr Asthma sich verschlechtert hat.Das größte Problem für die Menschen ist die Luftverschmutzung. Der Plastikmüll wurde schon seit Anfang letzten Jahres heimlich in diesen Gebieten abgeladen, aber nicht viele Leute nahmen das als großes Problem wahr. Das Problem wurde schlimmer, als unverantwortliche Leute begonnen haben, den Müll einfach anzuzünden. Das Verbrennen des Plastiks verursacht Luft-, Wasser- und Bodenverschmutzung. Die Luftverschmutzung macht viele Menschen krank. Sie bekommen Atembeschwerden. Deshalb protestierten sie und forderten die Regierung auf, nicht zuzulassen, dass all diese Plastikabfälle ins Land gelangen.

Plastikmüll wird zum Teil direkt vor Palmölplantagen verbrannt © Greenpeace Malaysia

Plastikmüll wird zum Teil einfach am Straßenrand verbrannt © Greenpeace Malaysia

Welche Schritte haben die betroffenen Anwohner*innen gegen diese Verschmutzung ihres Lebensraums unternommen und welche Strategien des Widerstands haben sie entwickelt?

Als die betroffenen Communities mit ihrer Kampagne begannen, gingen sie in der Regel zu den illegalen Deponien, um Fotos und Videos zu machen. Danach beschwerten sie sich bei den lokalen Behörden. Aber oft stehen sie vor der Herausforderung, dass die Regierung nur langsam reagiert und die verantwortlichen Beamten sagen, dass die Fotos und Videos nicht authentisch sind oder vor langer Zeit aufgenommen wurden. Wenn wir sie unterstützen, bieten wir Schulungen und regelmäßige Treffen an und statten sie mit der App Timestamp aus, damit die Kamera die GPS-Position, Datum und Uhrzeit in die Bilder und Videos integriert. Dieses Instrument ist sehr wirkungsvoll und die Bilder und Videos wurden zu einem starken Beweis, mit dem wir die Regierung davon überzeugen konnten, sofort Maßnahmen zu ergreifen. Durch den Prozess entwickelt sich ein starkes Gemeinschaftsgefühl in den Communities und sie führen die Beschwerden gemeinsam. Deshalb hat die Regierung auch einige positive Maßnahmen ergriffen. Ende März führte die malaysische Regierung Razzien in mehr als 100 illegalen Plastik-Recycling-Fabriken durch. Das ist ein positives Ergebnis. Aber wir wollen auch darauf aufmerksam machen, dass es sich hier um ein globales Problem handelt. Das ‚Hochnehmen’ der illegalen Fabriken ist ein guter Schritt, aber es ist auch wichtig, die Probleme von der Ursache, von der Wurzel her anzugehen. Denn wenn die Regierung die illegalen Recycling-Fabriken schließt, verlagern die Unternehmen ihre Aktivitäten in andere Gebiete. Nicht nur Selangor, nicht nur Jenjarom und Klang. Sie ziehen weiter in andere Regionen.

Welche Art von Unternehmen betreiben das Recycling-Business?

Wir stehen auch in Kontakt mit der legalen Plastik-Recycling-Industrie. Diese Leute sagen, sie arbeiten mit Plastik, das recycelt werden kann, beispielsweise sauberem Plastik aus Industrieabfällen. Aber es gibt eben auch Plastik, das nicht recycelt werden kann, zum Beispiel Einweg-Kunststoffe und der Müll aus privaten Haushalten. Dieser Plastikmüll ist dreckig und die Recycling-Industrie sagt, dass sie damit kein Geld verdienen kann. Sie können nur Geld verdienen, wenn sie den sauberen Industrieabfall verarbeiten. Um Plastik zu recyceln, muss es gewaschen und geschmolzen werden, und wenn dieser Prozess – auch in den legalen Fabriken – nicht richtig durchgeführt wird, verursacht er Umweltverschmutzungen.

Greenpeace-Aktivisten dokumentieren die Verbrennung von Plastikmüll © Janis Wicke

Greenpeace-Aktivisten dokumentieren die Verbrennung von Plastikmüll © Janis Wicke

Nachdem China die Einfuhr von Kunststoffabfällen verboten hat, sind einige der festland-chinesischen Recycling-Firmen nach Malaysia umgezogen und haben hier ihre Geschäfte aufgebaut. Gleichzeitig haben sie auch ihre eigenen Praktiken mitgebracht. Das heißt sie verarbeiten nur einen Teil des Plastiks während der Anteil, der nicht recycelt werden kann, einfach verbrannt wird. Das ist alles andere als nachhaltig.

Warum denkst du das festland-chinesische Recycling-Unternehmer gerade Malaysia ausgewählt haben, um umzusiedeln? Warum steht Malaysia derart im Fokus des Handels mit Plastikmüll?

China war lange die Müllhalde der Welt. China hat früher den ganzen Plastikmüll aufgenommen. Aber nachdem die chinesische Regierung das Verbot angekündigt hat, verlagern chinesische Unternehmen ihr Geschäft nach Südostasien. Es gibt einige Faktoren, warum ihnen Südostasien günstig erscheint: Erstens sind die Umweltauflagen im Vergleich zu Ländern mit hohem Einkommen nicht so streng. Zweitens gibt es auch kulturelle Gründe: Ich bin zum Beispiel malaysischer Chinese. Von der Sprache und dem kulturellen Hintergrund her können die festland-chinesischen Recycling-Unternehmer leicht mit den lokalen malaysisch-chinesischen Communities und Geschäftsleuten sprechen. Auch darin sehen sie einen Vorteil, wenn es darum geht, ihr Unternehmen nach Malaysia zu verlagern.

Abgebrannter Plastikmüll in der Port Klang Area, Malaysia © Janis Wicke

Abgebrannter Plastikmüll in der Port Klang Area, Malaysia © Janis Wicke

Warum ist es so profitabel, diese Recyclingunternehmen zu betreiben, wenn der gekaufte Plastikmüll einfach in der Umwelt abgeladen und verbrannt wird?

Aus dem recycelten Plastik werden Pellets hergestellt und für einen besseren Preis weiterverkauft. Aber nicht der ganze Plastikmüll kann recycelt werden. Wenn der ganze Müll recycelt werden könnte, würde niemand ihn einfach verbrennen. Das heißt, einige illegale Unternehmer kaufen gemischten Plastikmüll. 30 bis 40 Prozent sind recycelbar, der Rest wird einfach irgendwo abgeladen und verbrannt. Die illegalen Unternehmer machen dabei trotzdem Gewinne, weil sie keinen Umweltstandards folgen.

Wohin werden die Pellets und das recycelte Material verkauft und welche Produkte können daraus hergestellt werden?

Soweit ich weiß, wird das recycelte Material wieder nach China verschifft und zu neuen Plastikprodukten weiterverarbeitet.

Wer arbeitet eigentlich in den Recycling-Fabriken und wie sind dort die Arbeitsbedingungen.

So wie ich das verstanden habe, gibt es Kriterien der Regierung die einen Mindestlohn garantieren und die Ausbeutung von Arbeiter*innen verhindern sollen. Aber es gibt viele Fälle, in denen die Regierung illegale Fabriken hochgenommen hat und dort viele illegale Arbeitsmigrant*innen vorfand. Dort waren die Arbeitsbedingungen sehr schlecht. Aber Greenpeace befasst sich in erster Linie mit den Auswirkungen auf die Umwelt. Arbeitsbedingungen sind ein Problem, auf das wir bis jetzt noch keinen Fokus legen konnten.

Spielt heimischer/malaysischer Plastikmüll auch eine Rolle im illegalen Recycling-Business und dem Verbrennen von Müll?

Die größten Probleme verursacht der importierte Müll. Denn als China vor einigen Jahren noch die meisten Plastikabfälle aus dem Norden angenommen hat, gab es in Malaysia kein so großes Müllproblem. Also ich meine es gab schon immer Probleme damit, dass Leute ihren Müll irgendwo abladen, aber das ist kein Vergleich zu der Situation, die wir jetzt haben. Unsere Studie zeigt, dass mehr als 19 Länder ihren Müll nach Malaysia verschiffen. Das Ausmaß ist einfach riesig.

Zwischen den Überresten von verbranntem Plastikmüll finden sich auch deutsche Verpackungen © Janis Wicke

Zwischen den Überresten von verbranntem Plastikmüll finden sich auch deutsche Verpackungen © Janis Wicke

Wie hat die malaysische Regierung bisher auf das Problem reagiert? Ich habe gehört, dass darüber diskutiert wird, Plastikmüll-Importe ganz zu verbieten?

Nachdem wir diesen Bericht veröffentlicht hatten, haben wir eine Pressekonferenz einberufen, und zahlreiche Vertreter internationaler Medien kamen nach Malaysia, um daran teilzunehmen. Die malaysische Regierung kündigte in diesem Kontext an, dass sie den Import von Plastikmüll nicht verbieten wird, weil das Recycling-Business Einkommen generiert, und zum Wirtschaftswachstum beitragen kann. Sie kündigten aber an, strengere Regeln einzuführen, was bedeutet, dass sie all diese Einweg- und kommunalen Kunststoffabfälle nicht mehr ins Land lassen und nur noch sauberen, recycelbaren Plastikmüll importieren wollen. Aber in unserer Untersuchung haben wir festgestellt, dass in einigen der nach Malaysia verschifften Container das saubere Plastik mit dem schmutzigen Plastikmüll gemixt worden ist. Das ist immer noch ein Problem. Sogar die Regierung hat das zugegeben. Sie können nicht alle Container überprüfen. Denn wenn der Zoll einen Container öffnet, sieht er vorne den sauberen industriellen Plastikmüll, aber tatsächlich ist der schmutzige Plastikmüll dahinter versteckt.

Wie wichtig ist das Recycling-Business für die malaysische Wirtschaft? Denn, wie du schon erwähnt hast, ist das ja immer ein Argument der Recycling-Unternehmer und auch der Regierung.

Wir möchten betonen, dass wir nicht generell gegen Entwicklung sind, aber wir unterstützen Konzepte für eine nachhaltige Entwicklung und eine Kreislaufwirtschaft. So lange Entwicklung nicht mit Umweltverschmutzung und der Belastung der lokalen Communities einhergeht, haben wir kein Problem damit. Unsere größte Sorge ist die schwache Durchsetzung der Gesetze durch die Behörden, was dazu führt, dass noch mehr Menschen Opfer der Plastikimporte werden. Es sind die Menschen vor Ort, die die Konsequenzen tragen müssen. Die malaysische Regierung sagt, die Plastikmüllimporte generieren Einkommen für unser Land. Aber das ist keine nachhaltige Entwicklung. Denn wir müssen das Problem von der Quelle, von der Wurzel her lösen. Deshalb fordern wir von der Regierung nicht einfach nur, die Einfuhr von ausländischem Plastikmüll zu stoppen. Das würde vielleicht die Probleme in Malaysia lösen. Aber wenn die Regierung die Plastikmüllimporte nach Malaysia einfach verbieten würde, dann würden die exportierenden Länder sich nach Alternativen umsehen. Sie würden ihren Müll dann beispielsweise nach Indonesien, Thailand oder Vietnam verschiffen. Um das Problem von der Wurzel her zu lösen, müssen wir an der Quelle ansetzen, und das sind die großen Konzerne, vor allem die Produzenten schnelllebiger Konsumgüter. Die Konzerne müssen den Verkauf von Einwegplastik klar reduzieren und in bessere Alternativen investieren. Gleichzeitig tragen auch wir als Konsumenten durch unseren zu hohen Verbrauch von Einwegplastik zur derzeitigen Situation bei. Diese Probleme zu lösen ist unsere Hauptaufgabe und es ist wichtig, dass mehr Regierungen und Konzerne daran arbeiten, und zwar so bald wie möglich.

Ein Berg aus Plastikmüll © Greenpeace Malaysia

Ein Berg aus importiertem Plastikmüll © Greenpeace Malaysia

Welche Unternehmen produzieren und verkaufen das meiste Einwegplastik in Malaysia?

Ich würde sagen, nicht nur in Malaysia, sondern global, die bekanntesten Marken. Nestle, Unilever, Kellogg’s – die spielen eine wichtige Rolle. Die haben auch die Ressourcen, um in bessere Alternativen zu investieren. Stell dir vor, eines Tages führen all diese großen Konsumgütermarken bessere Verpackungssysteme ein. Das würde sich auf deren Lieferkette in der ganzen Welt auswirken. Und wenn du das ganze Einwegplastik überprüfst, siehst du, dass es überwiegend von den bekannten globalen Marken stammt und die maximieren ihren Profit in diesem Prozess. Deswegen sollten sie ihre Ressourcen bereitstellen und in bessere Alternativen investieren. Wir glauben, dass sich die gegenwärtige Situation mit technologischen Innovationen verbessern lässt.

Was empfiehlst du der europäischen Zivilgesellschaft, aber auch der Politik? Was können wir in Europa tun, um die Situation zu verbessern?

Das ist global betrachtet ein kaputtes System: Global werden tatsächlich nur neun Prozent des Plastikmülls recycelt, zwölf Prozent werden in Anlagen verbrannt und der Rest, 79 Prozent landen einfach in der Umwelt, zum Beispiel auf Deponien oder im Meer. Nicht jede Form des Plastikmülls kann recycelt werden. Der zweite Punkt ist: Malaysia und andere Länder sollten nicht als globale Müllhalde benutzt werden und alle Länder sollten mit ihrem eigenen Müll haushalten. Malaysia ist ein kleines Land. Malaysia hat sein eigenes, heimisches Müllproblem. Deswegen hat Malaysia keine Kapazitäten mit all dem Plastikmüll aus dem Ausland fertig zu werden. Das ist ein globales Problem, nicht nur ein malaysisches, indonesisches, amerikanisches oder deutsches Problem. Es ist ein globales Problem und wir können das nur gemeinsam lösen.

„Malaysia und andere Länder sollten nicht als globale Müllhalde benutzt werden und alle Länder sollten mit ihrem eigenen Müll haushalten.“

Aus einer globalen Perspektive würde ich sagen: Es ist gut zu recyceln. Aber für uns ist Recycling alleine keine Lösung. Recycling sollte die letzte Option sein. Wir müssen die ‚drei R‘ umsetzen: Reduce, Reuse, Recycle. Wenn wir ein Produkt herstellen, sollten wir zuerst über die Reduktion der Plastikanteile nachdenken. Wenn wir nicht reduzieren können, sollten wir es wiederbenutzen. Wenn Reduzieren und Mehrfachnutzung nicht möglich sind, dann sollte Recycling die letzte Option sein. Manche Leute denken sie können mehr und mehr Einwegplastik benutzen, weil es schon irgendjemand recyceln wird. Aber in Wirklichkeit – das ist jetzt der Skandal – recycelt es niemand. Um dieses Problem zu lösen, rufen wir Regierungen und Konzerne auf, klare Richtlinien zur Reduzierung von Einwegplastik zu verabschieden.

„Manche Leute denken sie können mehr und mehr Einwegplastik benutzen, weil es schon irgendjemand recyceln wird. Aber in Wirklichkeit – das ist jetzt der Skandal – recycelt es niemand.“

Gibt es in Malaysia Initiativen der Regierung oder auch von Unternehmen, Einwegplastik zu reduzieren?

Vor kurzem hat das Ministerium für Wissenschaft, Technologie, Umwelt und Klimawandel einen nationalen Aktionsplan für die Reduktion von Einwegplastik vorgestellt. Von diesem Jahr ausgehend bis 2030 gibt es eine Übergangsphase für die Reduktion von Einwegplastik.
Plastik hat viele Vorteile und ist sehr bequem für uns alle. Aber gleichzeitig verursacht es globale Probleme von desaströsem Ausmaß. Wir produzieren zu viel davon und wir schmeißen zu viel davon weg. Deswegen müssen wir unseren Lebensstil verändern und uns aus der Abhängigkeit von Plastik lösen. Und das ist möglich, ohne dass unsere Lebensqualität darunter leidet.

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2 | 2019, Interviews, Malaysia,
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„Die Konzerne müssen Einwegplastik reduzieren“

Südostasien: Was tun mit Plastikabfall, der nicht recycelt oder entsorgt werden kann? Ganz einfach: woanders hinschicken. Bis vor kurzem wurde der Großteil schlecht verwertbarer Kunststoffe nach China verschifft. Seit dort die Richtlinien verschärft wurden, wandert der Müll des Globalen Nordens verstärkt nach Südostasien.

 

Bis Januar 2018 war China das Hauptziel für Kunststoffabfälle. Die Exportländer, vorwiegend G7-Staaten, entsorgten dort ihren Müll. Seit 1988 ging rund die Hälfte des Plastikmülls der ganzen Welt nach China. Dort wurde er geschmolzen und zu Pellets für die Wiederverwertung verarbeitet.

Das änderte sich grundlegend, als China ankündigte, dass es nur noch Plastikmüllballen mit weniger als 0,5 Prozent Verunreinigung durch nicht recycelbare Materialien akzeptieren wird – eine weit höhere Hürde als der vorherige Wert von 1,5 Prozent. Es ist fast unmöglich, die neuen Auflagen zu erfüllen, wenn man bedenkt, dass Kunststoffe in den Recyclinganlagen der USA bei ihrer Anlieferung einen Verunreinigungsgrad von 15 bis 25 Prozent haben können. Die neue Vorschrift bedeutete deshalb faktisch ein Einführverbot für die überwiegende Mehrheit der Exporte von Kunststoffmüll.

Drastische Verschiebung der Plastikmüllströme nach Südostasien

China hatte gute Gründe, seine Tore für Abfälle aus dem Ausland zu schließen. Die exportierenden Länder recycelten die marktfähigeren Kunststoffe wie PET und HDPE häufig im Inland und lieferten nur die Reststoffe von geringerer Qualität nach China. Solche Abfälle enthalten tendenziell eine Vielzahl von Materialien, chemischen Zusätzen und Farbstoffen, die das Recycling nahezu unmöglich machen. Nicht recycelbare Kunststoffabfälle wurden in China in Müllverbrennungsanlagen, auf Mülldeponien oder wilden Müllkippen entsorgt und verschmutzten auf diese Weise die Umwelt. Das Ausmaß dieser ökologischen und sozialen Folgen veranlasste China, die Müllimporte strikter zu regulieren.

Die Folge war eine drastische Verschiebung der Plastikmüllströme in andere Länder. Die Exportländer begannen, immer mehr Kunststoff nach Südostasien zu verschiffen, vor allem nach Thailand, Vietnam, Malaysia und Indonesien. In Thailand stieg die Einfuhr in den ersten vier Monaten des Jahres 2018 im Vergleich zum gleichen Zeitraum im Jahr zuvor fast um das 70-fache, in Malaysia um das Sechsfache. Im gleichen Zeitraum sanken die Importe in China um 90 Prozent. Die schiere Menge an Müllimporten überforderte die Häfen und führte dazu, dass illegale Recyclinggeschäfte und Abfalltransporte stark zunahmen.

Im Mai 2018 musste eines der größten vietnamesischen Schiffterminals die Annahme von Abfall vorübergehend einstellen, nachdem sich dort über 8000 Container voll Plastik- und Papiermüll angesammelt hatten. In Malaysia wurden fast 40 illegale Recyclingfabriken errichtet, die giftiges Abwasser in die Gewässer leiten und die Luft mit Schadstoffen aus der Verbrennung von Plastik verschmutzen (vgl. dazu auch Interview mit Greenpeace Malaysia in dieser Ausgabe. In Thailand beschlagnahmten die Behörden allein bei einer einzigen Razzia 58 Tonnen illegal importierter Kunststoffe.

Kollabierender globaler Recyclingmarkt

Wegen der schwerwiegenden Folgen für die Umwelt und die menschliche Gesundheit haben viele Einfuhrländer weitere Importe eingeschränkt oder ganz verboten. Im Juni 2018 kündigte Thailand an, die Einfuhr von Plastikmüll zu untersagen. Vietnam setzte den Import von Ende Juni bis Oktober desselben Jahres aus. Malaysia hat ein neues Genehmigungsverfahren eingeführt und Indonesien die Einfuhr nicht recycelbarer Abfälle reduziert. Angesichts der Unmengen an Altkunststoffen und des kollabierenden globalen Recyclingmarktes mussten die Exportländer reagieren.

Und was geschieht? Sie verlegen sich darauf, verwertbare Reststoffe auf Mülldeponien zu entsorgen oder sie zu verbrennen. In Großbritannien und Nordirland werden tausende Tonnen gemischter Kunststoffe zu Verbrennungsanlagen transportiert, die ursprünglich als Recyclinggut gesammelt worden waren. In den USA sind in Florida, Pennsylvania und Connecticut ganze Städte dazu übergegangen, ihre recycelbaren Reststoffe zu verbrennen, und im ganzen Land entsorgen Gemeinden und Städte Wertstoffe auf Deponien. In Australien fordert die Umweltministerin mehr Mittel für den Bau von „Waste-to-Energy-Anlagen“, in denen bei der Müllverbrennung große Mengen an Treibhausgasen emittiert werden.

Müllverbrennung schadet der Umwelt wie den Menschen. Denn dabei werden Kohlenmonoxid, Stickstoffoxid, Feinstaub, Dioxine, Furane und andere Schadstoffe freigesetzt. Diese Chemikalien wurden bereits mit Krebs, Atemwegserkrankungen, Nervenkrankheiten und Geburtsdefekten in Verbindung gebracht. Zudem kann die beim Verbrennen entstehende konzentrierte Asche Böden und Gewässer belasten: Sie muss daher fachgerecht entsorgt werden. Da immer mehr Plastikmüll verbrannt wird, kann das für die Gemeinden in der Nachbarschaft solcher Anlagen zu einer großen Gefahr werden.

Die Verbote und Beschränkungen in Asien und die zunehmende Vermüllung mit Plastik haben manche Länder veranlasst, Reformen vorzuschlagen. Norwegen hat eine Ergänzung des Basler Übereinkommens angeregt, das den Handel mit gefährlichen Abfällen regelt. Damit würde der Transport von Kunststoffabfällen strenger kontrolliert. Wenn beim Handel mit Kunststoffabfällen mehr Verantwortlichkeiten und Rechenschaftspflichten gelten würden, könnte das die schlimmsten Auswirkungen verhindern. Doch während die Welt darum ringt, die Plastikmüllberge in den Griff zu bekommen, plant die Industrie, die Kunststoffproduktion im kommenden Jahrzehnt um 40 Prozent zu steigern. Die wachsenden Kosten des Plastikmülls zwingen die Regierungen zu handeln. Städte und Länder führen Verbote, Gebühren und andere Beschränkungen für Einwegverpackungen ein. Gleichzeitig versuchen sie, die Konzerne zu zwingen, ihre Geschäftspraktiken zu ändern. Die Welt beginnt zu verstehen, dass der Plastikvermüllung nicht allein mit Recycling beizukommen ist.

Der Artikel stammt aus dem im Juni 2019 veröffentlichten Plastikatlas der Heinrich Böll Stiftung in Zusammenarbeit mit dem Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) und wurde für diese Ausgabe der südostasien redaktionell bearbeitet.

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2 | 2019, Interviews, Malaysia,
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„Die Konzerne müssen Einwegplastik reduzieren“

Südostasien/Europa: Greenpeace Philippines und Greenpeace International sind Teil der ‚Break Free From Plastic’ Bewegung. Gemeinsam wurde in den Philippinen im März 2019 das Projekt ‚Ship The Plastic Monster Back’ durchgeführt. Das Ziel ist, auf die weltweite Umweltverschmutzung durch Plastik aufmerksam zu machen. Der europäische Teil der Kampagne richtete sich mit der Aktion ‚Ship it back’ an die Unternehmen, die einen Großteil des Plastikmülls produzieren – wie Unilever oder Nestlé. Im Interview berichtet Manfred Santen, Chemieexperte bei Greenpeace Deutschland und Koordinator der Kampagne in Deutschland, von ‚Plastikmonstern’ und deren Auswirkungen.

Unsere Ozeane und viele Orte an Land scheinen in Plastik zu ersticken. Seit den 1950er Jahren begann die Massenproduktion des vermeintlich ‚praktischen’, aber kaum abbaubaren Materials. Wie viel Prozent des global produzierten Plastiks werden recycelt?

Global gesehen werden weniger als 10% des Plastikmülls recycelt, rund 12% werden verbrannt und deutlich über 70% landen auf wilden oder schlecht kontrollierten Deponien. In Deutschland wird ein Großteil des Plastikmülls in Verbrennungsanlagen verbrannt – eine relativ bequeme Art, das Zeug loszuwerden. Trotzdem wird Plastikmüll nach Südostasien, beispielsweise nach Malaysia, Indonesien oder Thailand exportiert. Die deutsche Recycling-Quote liegt bei etwa 25%. 50 – 60% des Plastikmülls werden verbrannt, entweder in Müllverbrennungsanlagen oder als Brennstoff für die Zementindustrie. Der restliche Plastikmüll verschwindet im Export oder auf heimischen Deponien.

Zunehmend werden gesetzliche Rahmenbedingungen zur Eindämmung des so genannten Single Use Plastic oder Einwegkunststoffprodukten – Wattestäbchen, Einweggeschirr, Strohhalme, Plastiktüten – geschaffen. Ist die politische Konzentration auf Single Use Plastic ausreichend?

Global gesehen nein. Aber auch wir (Greenpeace) konzentrieren uns in unserer ‚Ship it back’-Kampagne auf die Vermeidung von Single Use Plastic. Wir beziehen uns in der Kampagne konkret auf Single Use Plastic von Nestlé, Protector & Gamble (P&G), Unilever und anderen. Wir sehen in der Reduzierung von Single Use Plastic den dringendsten Handlungsbedarf, der kein Abwarten mehr duldet!

Entsprechend ist die Herangehensweise von Europäischer Union und Umweltministerin Svenja Schulze ein Anfang, der dringend ausgebaut werden müsste. Frau Schulzes Fünf-Punkte-Plan zur Plastikreduktion ist gut gemeint, allerdings nicht weit reichend. Sie möchte Unternehmen und Konsument*innen auf freiwilliger Basis zur Reduktion von Plastik bewegen. Im 5. Punkt ihres Planes sollen 50 Millionen Euro in diesem Jahr bereitgestellt werden, um Technologie zur Säuberung der Meere weltweit einzusetzen – diese Bemühungen sind gut gemeint, hindern die Großkonzerne aber nicht an der weiteren Plastikproduktion!

Der Verbrauch von Plastikverpackungen in deutschen Supermärkten ist enorm. Was sollte sich dort ändern?

Die Plastikeinkaufstüten sind das beste Beispiel. Der Tütengebrauch in Supermärkten und im Einzelhandel ist deutlich gesunken. Doch an Obstständen im Supermarkt, auf dem Markt oder bei Obst- und Gemüseläden werden nach wie vor die dünnen Plastiktüten verwendet. Zwar haben die deutschen Supermarktriesen Edeka, Rewe und andere eine Absichtserklärung zur Reduzierung unterzeichnet, aber es existieren weiterhin keine behördlichen Regulierungen. Täglich werden Unmengen von Tüten verbraucht und das muss möglichst bald ein Ende haben! Gerade die dünnen Tüten landen oft über Umwege im Meer, sie sind für Schildkröten und andere Meerestiere fatal!

Einzelne Produkte von Bonbons bis zum gewaschenen Salat sind in Plastik einzeln und bequem verpackt, aber auch diese produzieren viel Müll! Hier hat Deutschland wahnsinnigen Nachholbedarf!

Was muss passieren, damit auch Plastikverpackungen stärker thematisiert werden?

Im europäischen Maßstab werden Plastikverpackungen jetzt verstärkt thematisiert. Greenpeace England hat eine sehr erfolgreiche Supermarkt-Kampagne durchgeführt. In Frankreich, Spanien und der Türkei arbeiten die Greenpeace-Büros intensiv zu Verpackungen. Aber auch andere deutsche Akteure, wie beispielsweise die Deutsche Umwelthilfe arbeiten zur Reduzierung von Verpackungen.

Ich bin verhalten optimistisch, dass Plastikverpackungen in den Supermärkten langfristig abnehmen. Die Supermarktbetreiber*innen haben gelernt zuzuhören, haben zum Teil gute Ideen und setzen diese nach vielen Gesprächen und gesellschaftlichen Druck auch um. Aber wir müssen immer am Ball bleiben – das ist die eigentliche Herausforderung.

Du warst kürzlich in Malaysia, welche Erfahrungen konntest du zum Thema Plastikmüll und Single Use Plastic mit Politikern und der Bevölkerung vor Ort machen?

Meine malaysischen Greenpeace-Kolleg*innen haben 2018 den Report The Recycling Myth (siehe Interview mit Greenpeace Malaysia in dieser Ausgabe) veröffentlicht, weshalb ich schon vorab einen Eindruck der Situation hatte. Trotzdem war ich überrascht, wie viel deutscher Abfall auf den Mülldeponien lag. Wir sind auf einen hohen Müllberg geklettert, auf dem der ganze Müll unsortiert lag. Im weiteren Gelände fanden wir 50 verschnürte Ballen Haushaltsmüll ausschließlich mit deutschen Etiketten. Der Weg des deutschen Haushaltsmülls beginnt mit der Vorsortierung und Reinigung, bevor er zu Ballen gepresst nach Malaysia verschifft wird. Dabei sind es überwiegend chinesische Unternehmen, die den deutschen Müll in Malaysia (aufgrund des chinesischen Müllimport-Stopps) nach verwertbaren Materialien sortieren. Das Material wird zerkleinert, eingeschmolzen und in Pelletform nach China verkauft. Aber über die Hälfte unverwertbarer Materialien häufen sich auf malaysischen Müllkippen an. Ich habe zum Beispiel Capri-Sonne-Verpackungen gesehen, die wegen des dreilagigen Materials und des eingesteckten Strohhalms nicht weiterverwertet werden.

Wie viele Tonnen an deutschem Müll gehen nach Südostasien seit China den Müllimport-Stopp Anfang 2018 verhängt hat?

Exportierter deutscher Müll wird offiziell als Rohstoff deklariert, da er nach Wertstoffen vorsortiert wird – der Rohstoff Plastik darf exportiert werden. 2018 wurden rund 100.000 Tonnen Plastikmüll nach Malaysia verschifft, im Vergleich zum Vorjahr hat sich der Wert verdoppelt. Auch nach Indonesien, Thailand und Vietnam wird deutscher Müll exportiert (siehe auch Artikel von Claire Arkin in dieser Ausgabe). Gemessen am deutschen Gesamtvolumen des jährlich anfallenden Plastikmülls ist der exportierte Müll gering – doch trotzdem wundere ich mich. Für ein Land wie Malaysia sind die Müllimporte gigantisch. Wir haben auf dem Müllberg Journalist*innen aus Großbritannien, USA, Australien und Neuseeland getroffen. Unser Umgang mit Plastikmüll, den wir nach Malaysia schicken, ist skandalös. Denn dort wird er gereinigt, sortiert, abgelagert – und vergessen.

Greenpeace ist mit der ‚Ship it back’-Kampagne im März 2019 mit dem Greenpeace-Schiff Rainbow Warrior III durch die Philippinen gesegelt. Wie ist es zu der Kampagne in Europa und den Philippinen gekommen?

2017 haben wir gemeinsam mit der Umweltorganisation Break free from Plastic – Philippines ein großes Küstenreinigungs-Projekt mit integrierter Markenauflistung auf der Freedom Island vor Manila durchgeführt. Wir haben 54.000 Plastiktütchen nach Marken aufgelistet und anschließend eine Rangliste erstellt: Nestlé, Unilever und P&G lagen auf den ersten Plätzen, aber auch weitere europäische, US-amerikanische und auch philippinische Marken waren vertreten. In der Manila Bay ist das globale Plastikproblem extrem sichtbar. Plastikmüll wächst besonders an Orten ohne geregelte Müllentsorgung visuell an.

Lokale Abfallsysteme können die Mengen an Plastikmüll in Sachet-Tütchen (Einzelportionsverpackungen) nicht auffangen, auch die großen Sachet-Produzenten wissen davon. Wir entnahmen auch Boden- und Wasserproben aus der Manila Bay und haben den reinsten Chemikaliencocktail vorgefunden. Gemeinsam mit Break free from Plastic, den Nichtregierungsorganisationen wie Global Alliance for Incinerator Alternatives (GAIA) oder der Mother Earth Foundation wollten wir aktiv werden. Wir waren uns einig, wir müssen den großen Plastikmüllproduzenten ihren Müll zurückbringen – ship it back!

Welche Aktionen habt ihr während der sechswöchigen Kampagne durchgeführt und geplant?

In Europa haben wir symbolisch das Monster, was die Firmen einst kreierten, auf dem deutschen Greenpeace-Schiff Beluga II den Rhein hochgefahren. Den Startpunkt an der Mündung zum Meer haben wir bewusst in Rotterdam, an der Unilever-Zentrale, gewählt. Die niederländischen Greenpeace-Gruppen haben einen großen Rave mit hunderten Leuten organisiert und das Plastikmonster in Szene gesetzt. In Köln wurde drei Tage über die Kampagne mit Musik und Vorträgen informiert. In Basel fand ein kleines Festival zum Thema Plastik statt. Der Genfer See war unser Ziel, da in der Schweiz die Firmenzentrale von Nestlé liegt. In Vevey ist das Monster vor den Toren der Nestlé-Zentrale aus dem See aufgetaucht. Und auch an der Fassade haben Greenpeace-Kletterer ein Banner mit der Forderung ‚Stop Single Use Plastic‘ entfaltet. Die Firmenleitung hat inzwischen eingeräumt, dass Recycling allein nicht die Lösung des Problems sein wird. Aber außer den Lippenbekenntnissen, in Zukunft die Ware mit weniger Plastik zu verpacken, ist aus der Nestlé-Zentrale keine haltbare Aussage gekommen.

In den Philippinen haben wir uns auf Aktionen mit der Rainbow Warrior in der Manila Bay und auf die Tour von Manila bis nach Cebu City konzentriert. Die Manila Bay symbolisiert die Plastikverschmutzung der Philippinen. Dort werden mehrmals am Tag riesige Schiffe mit Plastikmüll gefüllt und von einer Seite zur anderen Seite der Bucht gefahren, wo die Mülldeponie liegt. Wenn starke Winde über die Bucht hinwegfegen, fliegt der Müll direkt ins Meer. Wir haben in einer Aktion ein riesiges Banner mit der Aufschrift „Stop Single-Use Plastic!“ an das Müllschiff gehängt. In der Manila Bay war auch ein Tauchgang geplant, aber wegen der Verschmutzung stellte dies für die Taucher*innen eine zu große Gefährdung dar. Und für den Tauchroboter war die Brühe zu trüb. Nicht weit von Manila liegt die Isla-Verde-Passage, eine Meerenge zwischen den Inseln Luzon und Mindoro, eines der artenreichsten Unterwassergebiete weltweit. Unser Team hat die Schönheit dieser Unterwasserwelt erkundet und die Plastikverschmutzung unter Wasser dokumentiert. Wir haben die große Artenvielfalt und Korallenriffe bestaunt und waren gleichzeitig frustriert, da unter Wasser kleine bunte Tütchen von Nescafé, Maggie und Konsorten auf dem Meeresboden lagen und schwammen. Für die Natur und auch für den Tourismus ist die Müllverschmutzung im Meer fatal – der Müll bleibt und verschwindet nicht.

Welche Resonanz hat Greenpeace in der philippinischen Zivilgesellschaft auf die Kampagne erhalten?

In den sozialen Medien haben wir eine große Resonanz auf die Kampagne erhalten. Mich hat ein Artikel in einer philippinischen Tageszeitung auf der dritten Seite beeindruckt, der die Rainbow Warrior und unseren Kampagneninhalt detailliert und ungeschönt beschrieb. Viele Medienvertreter*innen kamen zu uns an Bord der Rainbow Warrior, führten Interviews und berichteten über unsere Arbeit. Die philippinischen Kolleg*innen machen tolle Arbeit, sind gut vernetzt und werden von der Politik und Zivilgesellschaft ernst genommen. Niemand kann sich im Moloch Manila vor dem Thema Müll verstecken! Viele Menschen leben neben zum Teil ‚wilden Müllbergen’ und verdreckten Flüssen, es stinkt und stört.

Konntet ihr mit eurer Kampagne auch die lokale Bevölkerung für die Probleme des Plastikmülls sensibilisieren?

Auf allen Stationen haben wir die Schiffe für Besucher*innen geöffnet. In Manila und Cebu City sind viele Interessierte auf die Rainbow Warrior III gekommen, genau wie in Köln auf die Beluga II. Insgesamt haben mehrere tausend Personen die Schiffe besichtigt und sich informiert. Cebu City schien mir dabei eine besondere Stadt, die umwelttechnisch in Bewegung ist.

In Gesprächen mit Akteur*innen aus Cebu City habe ich einen ähnlichen Eindruck gewonnen, allerdings ist die junge Umweltszene zwar sehr aktiv aber kaum organisiert. Welche Eindrücke hast du von der Umweltbewegung in Manila erhalten?

Die Umweltszene Manilas, die zu Plastikmüll arbeitet, ist organisierter, untereinander vernetzt und arbeitet aktiv mit Müllsammler*innen zusammen. Die Müllsammler*innen leben oft seit Generationen vom Müll, sind untereinander organisiert und springen ein, wenn das öffentliche Müllmanagement versagt. Einige Müllsammler*innen haben uns 2017 bei dem Brand Audit sehr geholfen den Müll zu sortieren und die Plastikstoffe aufgrund ihrer Expertise zu kategorisieren. Ganz tolle Leute! (zur Lebensrealität von Müllsammlerinnen vgl. auch Artikel „Müllbanken in Indonesien“ und „Müllsammlerinnen und ihr Umgang mit Plastik in den Straßen Phnom Penhs“)

Wie wird Greenpeace nach dem Abschluss der ‚Ship it back’-Kampagne weiter am Plastikthema arbeiten?

Die Kampagne wurde global geplant, entsprechend werden wir das Augenmerk auf andere Länder mit ähnlichen Plastikproblemen, wie Indonesien, Malaysia oder Thailand, richten. Im September werden wir beim International Coastal Clean-Up Day weltweit aktiv sein. In den Philippinen greifen wir dann noch mal das Thema Break free from Plastic auf. Wir werden international vernetzt weiter zu Plastikmüll arbeiten.

Wie könnte ein langfristiger Bewusstseinswandel bei den Plastikproduzenten erreicht werden?

Während unserer Kampagne hat Unilever leider nicht reagiert. Nestlé reagierte schon in der Vergangenheit häufiger mit Pressemitteilungen, indem sie bekräftigten, sich der Plastikproblematik anzunehmen. Wir müssen die Verursacher*innen direkter adressieren, ihnen das Plastikproblem verdeutlichen und sie in die Pflicht nehmen. Wir müssen in den Dialog treten und über effektive und plastikreduzierte Verteilsysteme in einzelnen Ländern sprechen.

Nescafé wird weltweit getrunken, allerdings müssen die Portionen nicht einzeln in Tütchen verpackt und mit Zucker und Milchpulver angereichert sein. 3-in-1 Portionierungen müssen überdacht und diskutiert werden. Nestlé hat zumindest alternative Verteilsysteme öffentlich ausgesprochen. Unser Job ist es, beharrlich zu bleiben und auf effektive und vernünftige Lösungen zu drängen – ‚so wie jetzt kann es nicht bleiben, das habt ihr selber zugegeben!’

Besonders in Südostasien werden Waren in gering dosierten Sachets verpackt und in kleinen Lädchen verkauft. Die leeren Sachets landen nach dem Gebrauch auf der Müllkippe, in der Natur oder werden direkt vor Ort verbrannt. Wie kann die Sachet-Problematik konstruktiv angegangen werden?

Eine unserer philippinischen Kolleginnen war erstaunt, dass es keine Sachets in den Niederlanden oder Deutschland gibt. Sie empfand die Situation als zynisch, da Nestlé und Unilever in den Philippinen argumentieren „Wir bringen den Filipin@s das, was sie brauchen. Da die Filipin@s wenig Geld haben und überwiegend Tagelöhner sind, kriegen sie Tagesrationen unserer Produkte.“ Monatlich summiert kosten die Tagesrationen deutlich mehr als größere Verpackungen. Das Zynische an dieser Situation ist: du brauchst Geld, um zu sparen!

Auch in Ländern wie Bulgarien werden Tagesrationen an Lebens- und Gebrauchsmitteln in Sachets verkauft. Um weltweit gegen die Müllproblematik vorzugehen, müssen wir die doppelten Standards in der Verpackungsherstellung der Großkonzerne thematisieren und alternative Lösungen suchen. In den Philippinen gibt es viele Initiativen und Gemeinden, die Müll komplett vermeiden und ohne Sachets auskommen – ich bin optimistisch.

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