2 | 2019, Vietnam,
Autor*in: und

Es tut sich etwas in Hanoi: Erste Schritte gegen die Müllflut

Wandgemälde am Zero Waste Laden Hanoi © Julia Behrens

Wandgemälde am Zero Waste Laden Hanoi © Julia Behrens

Vietnam ist unter den fünf Ländern, durch die am meisten Plastikmüll in die Ozeane gelangt. Weder Anwohner*innen noch Besucher*innen von Hanoi können die Überreste von Plastikverpackungen am Straßenrand übersehen. In den letzten Jahren entwickelten sich Initiativen auf verschiedenen Ebenen mit dem Ziel, Plastikmüll zu reduzieren.

 

Ein Wandgemälde mitten in Hanoi erzählt vom zentralen Problem unserer Zeit. Der Panzer einer Schildkröte ist mit Wald bewachsen. Sie leidet, weil sie von einem Menschen bedroht wird. Der Mensch ist aus Beton, auf seiner Schulter wachsen Hochhäuser und er hat sich einer Figur zugewandt, die mit Umhang und Totenschädel in einem Boot sitzt. Mensch und Schildkröte stehen kurz vor ihrem eigenen, selbstverursachten Tod, so die Aussage des Wandgemäldes. Es sei denn, der Mensch schafft es noch, sich wieder der Schildkröte und damit der Natur zuzuwenden. Cao Vĩnh Thịnh, die Besitzerin des ersten Zero Waste-Ladens in Hanoi und Umweltaktivistin, erklärt die Symbolik des murals, das gerade auf der Außenmauer ihres kleinen Ladens entsteht und klar machen soll, worum es ihr geht. Den ersten Zero Waste-Laden Hanois gibt es seit April 2019. Er soll sowohl der Umwelt-affinen community in Hanoi eine Möglichkeit bieten, plastikfrei einzukaufen, als auch der Nachbarschaft sagen: Schaut mal her, wir haben ein Problem!

Plastik – Ausdruck von Bequemlichkeit

Das Problem in Vietnam ist nicht zu übersehen. Kommt man nach Hanoi, sieht man am Straßenrand den Müll und riecht den Rauch der Feuer, in denen Anwohner*innen ihren Müll verbrennen – auf offener Straße und ohne Filter. Dabei sind besonders die Plastiktüten und -flaschen auffällig, die aus dem Stadtbild nicht mehr wegzudenken sind. Lokale Märkte und Händler*innen greifen vor allem auf Plastiktüten zurück, da sie billig und praktisch sind. So antworten sowohl Verkäuferinnen als auch Kund*innen auf dem Markt „Tiện mà“ („Ist halt bequem.“), wenn man sie nach den Plastiktüten fragt. Sie sind bequem. Man kann sie ans Moped hängen, braucht nicht daran zu denken, eigene Tüten mitzubringen und sie halten jedem Wetter in Hanoi stand. Außerdem sind sie im Einkauf so günstig, dass sie für die Händler*innen finanziell kaum ins Gewicht fallen.

Milktea im Café in Hanoi © Julia Behrens

Milktea im Café in Hanoi © Julia Behrens

Zwar hat Vietnam mit 45 kg pro Jahr/pro Kopf einen geringeren Plastikverbrauch als andere südostasiatische Länder. Dennoch ist Vietnam unter den fünf Ländern, durch die laut einer Studie, die von den Vereinten Nationen beauftragt wurde, am meisten Plastikmüll in die Ozeane gelangt. Dies hat mehrere Gründe. Zum einen hat Vietnam eine sehr lange Küstenlinie. Zum anderen ist das Recyclingsystem nicht ausgebaut. In städtischen Gebieten gibt es zwar eine staatliche Müllabfuhr, allerdings ohne systematische Mülltrennung. Alles wird zusammen entsorgt. Ausnahmen sind private Müllsammler*innen, die wieder verwendbare Stoffe wie Aluminium und Papier sammeln und diese an Firmen weiterkaufen. Die recyceln die Stoffe für die eigene Produktion. Auf dem Land entfällt die staatliche Müllentsorgung – jeweils abhängig von den zuständigen Behörden – teilweise komplett. Die Bevölkerung verbrennt dann meist den anfallenden Müll, ebenfalls ohne Trennung. Nach Berechnungen des Da Nang Centre for Consultancy on Sustainable Development produziert Vietnam pro Tag 19.000 Kubikmeter Plastikabfall. Außerdem ist das Land auch Empfänger von Müllexporten, unter anderem aus Deutschland. Die Zeitung Vietnam News berichtete im April 2019 unter Verweis auf die Vietnam Plastic Association (VPA), dass Recycling-Firmen in Vietnam pro Jahr 91.400 t Plastikmüll aus der ganzen Welt importieren. Sie nutzen den in Europa säuberlich getrennten Müll, um ihn weiter zu recyceln und daraus neue Plastikprodukte herzustellen. Den größten Anteil der Plastikproduktion macht Verpackungsmaterial aus, gefolgt von Konsumgütern wie Möbel und der Bau- und Elektronikindustrie (Angaben von der VPA). Der lokale Abfall wird hingegen von den Recycling-Firmen kaum genutzt. Da es keine systematische Mülltrennung in Vietnam gibt, sind die Kosten der Extraktion von recyclebarem Plastik aus Müllhalden für die Industrie offenbar zu hoch.

Geht man in die neuen Supermärkte oder Caféketten bekommt man den Eindruck, es kann nur schlimmer werden. Die vietnamesischen „Highlands Cafe“ bieten beispielsweise auch für den Verzehr im Café nur Plastikbecher an. Möchte man einen Kaffee zum Mitnehmen, wird der Plastikbecher bei Bedarf noch in eine Plastiktüte gepackt. Bei den alten Caféläden dagegen gibt es weiterhin Gläser, eine Option zum Mitnehmen gibt es oft gar nicht. Beim Besuch im Supermarkt fällt auf, dass Produkte wie Nüsse, Reis und Gemüse in Plastik verpackt sind und an der Kasse nochmals in Plastiktüten geraten. Auf dem traditionellen Markt gibt es zwar unbegrenzt Plastiktüten, doch sind Spinat und Sesam wenigstens nicht schon davor bereits einzeln in Plastik verpackt. Diese Entwicklung hin zu neuen, als modern und fortschrittlich angesehenen Supermärkten und Caféketten, verstärkt das Plastikmüllproblem also noch. Laut Schätzungen der VPA (Stand: April 2019) werden in den nächsten vier Jahren insgesamt 10 Millionen Tonnen Plastik benötigt, um die Produktionsnachfrage der lokalen Wirtschaft zu decken

Hanois erster Zero Waste-Laden

Doch es gibt Initiativen auf verschiedenen Ebenen, die dem Plastikmüll den Kampf angesagt haben. Dazu gehört der Zero Waste Laden von Cao Vĩnh Thịnh. In dem kleinen Geschäft gibt es Nüsse, Bohnen, Erbsen, Mehl zum selbst abfüllen. Außerdem werden Kleidung aus 100% Baumwolle, Kochutensilien aus Holz und Stoffnetze zum Einkaufen angeboten. Der Laden befindet sich im Erdgeschoss ihres Elternhauses in einer kleinen Seitengasse mitten in einer Wohngegend, in der viele alteingesessene Hanoier Familien wohnen. Vor allem Menschen aus der Umweltbewegung kämen hier einkaufen, aber der Laden werde auch in der unmittelbaren Nachbarschaft immer beliebter, so Thịnh. Nachbarinnen, die am Anfang noch empört darüber waren, keine Transportmöglichkeit für ihren Einkauf zu haben, kämen mittlerweile selbstverständlich mit ihren eigenen Behältern in den Laden.

Schild am Zero Waste Laden Hanoi © Julia Behrens

Schild am Zero Waste Laden Hanoi © Julia Behrens

Thịnh berichtet, dass sie schon länger selbst in der Umweltbewegung aktiv sei. Sie war beispielsweise Co-Organisatorin von Protesten, die sich gegen die Anordnung der Stadtverwaltung in Hanoi im Jahr 2015 richteten. Diese hatte zuvor angeordnet 6700 Bäume fällen zu lassen. Thinh war auf der Straße und forderte Aufklärung, als die Firma Formosa ihre Giftabwässer ins Meer leitete und daraufhin 70 Tonnen tote Fische in Zentralvietnam angespült wurden. Sie ist Co-Gründerin der Organisation Green Trees und begleitet momentan die Bewegung Save Tam Đảo. Diese Bewegung setzt sich für den Erhalt des Urwaldes im Hanoier Naherholungsgebiet Tam Đảo ein. Momentan ist die Abholzung des Waldes geplant, um Fläche für den Neubau Casinos und Ressorts zu gewinnen. Dies könnte zu Bodenerosion im Gebiet führen, zudem wäre der Wasserhaushalt für Pflanzen, Tiere und Menschen in der Umgebung gefährdet.

Nun ist Thịnh auch Ladenbesitzerin. Der Laden sei ein persönliches Projekt, erklärt sie. Ihr selbst hätten Möglichkeiten gefehlt plastikfrei einzukaufen, deswegen beschloss sie, das Problem selber in die Hand zu nehmen. Die Möglichkeit des plastikfreien Einkaufens sei eine ganz praktische Verbesserung, doch löse es nicht das Problem. Die Gesetzgebung sei in Vietnam zu lasch und wenn es ein Gesetz gibt, sei niemand da, der die Umsetzung kontrolliere. Deswegen ist es ihr wichtig, neben dem Laden weiter mit Parlamentarier*innen zu sprechen und ihnen Forschungsergebnisse zu Umweltschäden zukommen zu lassen. Thịnh erzählt, dass vor allem junge Vietnames*innen sich den ökologischen Problematiken von Klimawandel bis Plastikmüll sehr wohl bewusst seien. Das Problem sei nur, dass viele zwischen dem Druck aus Schule, Universität und Elternhaus kaum Zeit hätten, aktiv zu werden. Deswegen baut sie Gruppen auf, in denen Student*innen Aufgaben übernehmen können. Wie zum Beispiel das Malen des Wandbilds an der Fassade des Zero Waste-Ladens.

Rückkehr zum Bananenblatt

Große Unternehmen beginnen ebenso das Problem des Plastikmülls zu erkennen und denken um. So machte zum Beispiel die Supermarktkette Big C Anfang April 2019 Schlagzeilen, da sie Plastikverpackungen für Gemüse aus ihren Filialen in Hanoi gegen Bananenblätter ersetzten. Bereits zuvor führte Big C Tüten aus Stärke statt Plastik ein und die Rückmeldungen waren nach Angaben der Firma so positiv, dass sie sich entschieden, den nächsten Schritt zu gehen. Ein Sprecher der Unternehmensgruppe CentralGroup sagte, dass sie die Bevölkerung unterstützen möchten, umweltfreundlicher zu konsumieren und den Kund*innen eine Wahl zu geben, wie sie leben möchten. Die Bananenblätter seien aber noch in einer Testphase in ausgewählten Märkten, erklärte CentralGroup in einer Pressemitteilung. Nach dem Probelauf würde entschieden werden, ob die Bananenblattverpackung weiter genutzt werden oder nicht.

Gemüse in Bananenblättern verpackt © Central Group

Gemüse in Bananenblättern verpackt © Central Group

Auch auf der politischen Ebene werden erste Initiativen gestartet. Die Stadt Đà Nẵng hat sich zum Ziel gesetzt, bis 2025 eine Zero Waste City zu sein. Es soll sowohl der Verbrauch von Verpackung eingedämmt als auch das Recyclingsystem verbessert werden. Dafür stehen pro Jahr 1,54 Prozent des kommunalen Budgets zur Verfügung, das entspricht ca. 7,8 Milliarden Vietnam Đồng (ca. 300.000 Euro). Auf nationaler Ebene wird nach offiziellen Angaben der Vietnam Environment Administration (der vietnamesischen Umweltverwaltung) ein Gesetz diskutiert, das den Import von Plastikmüll verringern soll. Das zuständige Ministerium schlägt vor, Importplastik nur noch für hochwertige Produkte zuzulassen und einige Arten von giftigem Plastik ganz zu verbieten. Das ist ein Anfang, doch ist fraglich, ob diese Schritte weit genug gehen.

Sonntagmorgen: Aufräumen!

Der Plastikmüll, der bereits seinen Weg in die Umwelt gefunden hat, wird unterdessen nicht vollständig ignoriert. In den letzten Jahren gründeten sich zahlreiche selbst organisierte Gruppen von Freiwilligen, die ihre Sonntage nutzen, um aufzuräumen. Die Green Sunday-Bewegung wurde ursprünglich 2004 durch die Vietnamesische Jugendunion initiiert. Mit der Botschaft: ‘In nur 30 Minuten pro Woche können alle unseren Lebensraum grüner und sauberer machen’ sollte das Bewusstsein für Umweltschutz gestärkt werden. Diese staatlich geförderte Kampagne wuchs und bildete je nach Provinz unterschiedliche Aktivitäten aus. An vielen Orten war Müllentsorgung und das Sammeln von Plastikmüll Bestandteil eines jeden Sonntags, neben dem Pflanzen von Bäumen oder der Aufforstung von Mangroven. Seither sind die clean up events am Sonntag nicht mehr nur in staatlicher Hand. Zahlreiche Initiativen und Nicht-Regierungs-Organisationen haben das Modell übernommen.

Ausstellung zum Earth Day 2019 am Hoan Kiem See Hanoi © Julia Behrens

Ausstellung zum Earth Day 2019 am Hoan Kiem See Hanoi © Julia Behrens

Aus einer dieser Sonntage ist zum Beispiel das soziale Unternehmen Keep Hanoi Clean (KHC) hervorgegangen. Es wurde 2016 von James Joseph Kandell gegründet, einem Migranten aus den USA. Heute werden die Events zwar weiter von der so genannten expat-community und der Wirtschaft unterstützt. Den Hauptanteil der Arbeit leisten aber junge Vietnames*innen zwischen 18 und 40 Jahren. Für Diane Lee, Kommunikationsberaterin bei KHC, ist das ein positives Zeichen, da die junge Generation die größte Bevölkerungsgruppe in Vietnam darstellt. Durch sie sei vor allem das Bewusstsein für Plastikmüll in den urbanen Zentren gestiegen. Auf dem Land sind aber alte Verhaltensmuster aus der Zeit vor Plastik noch stark präsent. Lee sagt: „Traditionell würde ein*e Kund*in Essen von einer*m Verkäufer*in im Bananenblatt kaufen, das konnte ohne Schaden an der Umwelt einfach weggeworfen werden. Jetzt schmeißen sie Plastikverpackung weg. Dasselbe Verhalten, aber durch das andere Verpackungsmaterial hat es umweltschädliche Folgen“. Deswegen sei Bildung ein Schlüssel zur Beseitigung des Plastikproblems in Vietnam. Dass Supermarktketten nun teilweise zu Bananenblättern zurückkehren sei „nett zu sehen“, aber es sei noch ein langer Weg, bis das Problem nachhaltig beseitigt sei.

Müllberge reduzieren geht nur mit breiten Allianzen

Thịnh begrüßt die Aufräumaktionen von Keep Hanoi Clean, doch auch sie merkt an, dass noch viel zu tun bleibe. Es brauche ein grundlegendes Umdenken, wie Menschen und das System in dem wir lebten, mit der Umwelt im Zusammenhang stehen und interagieren. Dabei dürften auch die unterschiedlichen Bedürfnisse der Menschen nicht vergessen werden. Außerdem müsse vorhandene Expertise mit eingebunden werden. So hätten Bäuer*innen im ländlichen Raum andere Probleme als die Städter*innen. Ethnische Minderheiten verfügten über Wissen zur Herstellung von plastikfreien Verpackungsalternativen aus Blättern verschiedener Pflanzen. Die arme Stadtbevölkerung sei außerdem teilweise auf Einnahmen aus Recycling angewiesen. Frauen sind als Müllersammlerinnen unterwegs, um Papier, Aluminium, Plastik und andere Stoffe mühsam zusammenzusammeln und es dann an Recyclingfabriken verkaufen zu können. Mit dem Einkommen ernähren sie teilweise ihre Familien. Diese sozialen Zusammenhänge dürfen bei der Lösung des Plastikproblems nicht vergessen werden. Thịnh und ihr Netzwerk sind deshalb gerade dabei, eine App zu entwickeln, die es den Frauen erleichtern soll Recyclingmaterial zu lokalisieren und abzuholen. Auch der Anreiz, Plastik nicht in die Landschaft zu werfen, soll durch die App geschaffen werden.

Es tut sich etwas in Hanoi. Trotzdem ist der Müllberg so groß, dass die einzelnen Initiativen nicht alleine gegen ihn ankommen können. Es braucht Forschungen zu Alternativen für Plastik, besonders im industriellen Sektor. Außerdem müsste der Staat in Recyclingsysteme investieren und die Gesetzgebung könnte bestimmte Plastikprodukte, wie Einwegtüten, verbieten. Bilden sich also Allianzen über mehrere Ebenen weiter aus und sind diverse Akteure mit an Bord, aus Gesellschaft, Wirtschaft und Politik, ließe sich das Problem vielleicht lösen. Thịnh ist sich nicht sicher, ob es diese Allianzen geben wird. Aber man muss es, so sagt sie, wenigstens versuchen, damit habe man sich am Ende wenigstens selbst nichts vorzuwerfen.

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Die Autor:innen

  • Julia Behrens ist Post-Doc-Fellow an der Universität Bielefeld. Sie forscht zu Umwelt und Gesellschaft, zur Zeit vor allem zu Machtstrukturen in Vietnam.

  • Quỳnh Anh Nguyễn ist Spezialistin für Capacity Building im Bereich Katastrophen- und Risikomanagement sowie für Klimawandeladaption in Vietnam. Sie setzt sich für Umweltschutz, gegen den Klimawandel und für umweltfreundliche Produktalternativen ein.

Creative Commons Lizenzvertrag
Dieser Text erscheint unter einer Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz


2 | 2019, Vietnam,
Autor*in: und

Es tut sich etwas in Hanoi: Erste Schritte gegen die Müllflut

Kambodscha: Während in manchen Teilen der Hauptstadt täglich der Haushaltsmüll abgeholt wird, wird die Entsorgung in anderen völlig vernachlässigt, so der Bericht ‚Urban Governance: Waste Management in Phnom Penh‘ der NGO Sahmakum Teang Tnaut (STT). Die Organisation arbeitet zu städtischer Armut und zeigt durch ihre Recherchen urbane Ungleichheiten, insbesondere im Bereich Wohnrechte und Infrastruktur, auf. Die südostasien hat Soeung Saran, den Geschäftsführer von STT, zu den Ergebnissen des Berichts interviewt.

Was hat eure im Januar 2019 veröffentlichte Studie herausgefunden?

In der Studie ‚Urban Governance‘ stellten wir fest, dass 99 (35,7%) der 277 städtischen Gemeinden mit hoher Armut in Phnom Penh keine Abfallentsorgung von Haushaltsmüll [1] erhalten. Wohlhabende Gemeinden, auch in der direkten Nachbarschaft, werden dagegen regelmäßig von der Müllabfuhr angefahren.

Woran liegt das?

Es liegt aus unserer Sicht an kleinen und engen Straßen in einigen Stadtgegenden sowie wahrscheinlich am fehlenden politischen Willen, der bei den verantwortlichen Stadtbehörden und beim zuständigen Entsorgungsunternehmen für Hausmüll liegt.

Was sind die Probleme in der lokalen Verwaltung Phnom Penhs?

Es ist nicht transparent, wie die Abfallwirtschaft koordiniert wird. Hinzu kommt, dass die Stadtverwaltung nicht ihrer Rechenschaftspflicht nachkommt und dass sie nicht oder schlecht auf Beschwerden und Anfragen von Seiten der Bürger*innen, engagierter Gruppen oder Organisationen reagiert.

Wo genau funktioniert die Abfallwirtschaft in Kambodschas Hauptstadt nicht?

Betrachtet man vor allem die Gebiete Phnom Penhs mit hohem Armutsanteil, und nicht nur die Innenstadt, wohlhabende Gegenden und touristische Zentren, zeigt sich, dass die Abfallwirtschaft dort nicht funktioniert. Dies betrifft dann besonders die Gegenden, wo marginalisierte sowie mittellose Bevölkerungsgruppen leben.

Melden das die betroffenen Haushalte nicht bei den Behörden?

Die Betroffenen, zumeist einkommensschwache Familien, haben wenig Möglichkeiten das zu melden. Zum einen liegt das an Unkenntnis, zum anderen an fehlenden Kapazitäten sowie politischer Einflussnahme, ihr Recht auf Inklusion in das städtische Abfallsystem durchzusetzen.

Was können diese Gruppen tun?

Hier gibt es zunächst das Problem, dass eine schlechte Kommunikation und ein schlechter Austausch zwischen der Stadt, dem zuständigen Entsorgungsunternehmen CINTRI und den Bürger*innen bestehen. Dann haben viele Bewohner*innen Phnom Penhs ein geringes Wissen über Müllentstehung und -entsorgung sowie das Abfallsystem. Und vornehmlich die armen Haushalte wissen wenig oder nichts von ihrem Recht auf Teilhabe, sie kennen keine Beschwerdemechanismen oder Stellen, an die sie sich wenden können. Nur wenige sind in der Lage, Erkundigungen dazu einzuholen und nur manche sind in Netzwerke eingebunden, die sie dabei unterstützen könnten.

Was haben euch die betroffenen Menschen aus Phnom Penh berichtet?

Interviewte Bewohner*innen in den betroffenen Stadtteilen fühlten sich von der lokalen Verwaltung nicht ernst genommen. Sie erzählten uns, dass eingereichte Beschwerden von den lokalen Behörden ignoriert wurden. Viele fühlen sich diskriminiert. „Die Behörden kümmern sich nicht um uns. Es ist ihnen egal, was mit dieser Gemeinschaft passiert“, sagte uns ein Einwohner einer städtischen Gemeinde mit hohem Armutsanteil bei der Datenerhebung.

Kannst du ein weiteres Beispiel aus eurer Studie schildern?

In der Gemeinde Samaki Roeung Roeurng wird Müll zweimal pro Woche am Rande der Gemeinde abgeholt. Sie liegt am Boeung Trabek-Abwasserkanal, der als ‚schwarzer Kanal’ mit seinem pechschwarzen, müllgetränkten, und stinkendem Wasser stadtbekannt ist. Selten nimmt dort der Müllwagen alles mit. Innerhalb der Gemeinde wird gar kein Abfall abgeholt. Trotzdem muss jeder Haushalt 1 US-Dollar pro Monat für die Müllentsorgung aufbringen, die über die Elektrizitätsrechnung bezahlt wird.

Fast 300 Menschen leben dort in Häusern auf und am Wasser. Die Umgebung ist voller Müll, der Kanal schwemmt die Abfälle von Stadtbewohner*innen flussaufwärts heran. Bei Regen fließt er über und der Müll wird über den Stadtteil verteilt. Trotz des Gestanks suchen einige Gemeindemitglieder, meist Kinder, wieder verwertbare Materialien in der dunklen Brühe, die sie anschließend an die durch die Stadt ziehenden Müllsammler*innen verkaufen, oder selbst in irgendeiner Art und Weise verwenden.

Was haben die Stadtbehörden zu den Problemen gesagt?

Die Behörden nennen häufig das Problem der Infrastruktur: Sie behaupten, nicht alle Gemeinden anfahren zu können. Wie gesagt, das liegt an der schlechten Anbindung der Straßen an die täglich abgefahrenen Routen der Müllabfuhr und an den engen Gassen. Als Maßnahme wurden bereits Handziehwagen an CINTRI-Arbeiter verteilt, die jetzt häufiger in kleinen Gassen gesichtet werden können. Aber das Entsorgungsunternehmen CINTRI scheint seine Wagen nicht bedarfsabhängig zuzuordnen, wenn man die Wägen pro Kopf auf die Bevölkerung und die Ziehwägen, die arme Gemeinden tatsächlich abfahren, miteinander vergleicht.

Und was sagt der Entsorger CINTRI selbst dazu?

Die städtische Müllabfuhr beteuert, dass sie arme städtische Gemeinschaften unterstützen möchte, es aber hierfür oft an technischem Wissen oder Unterstützung durch die Behörden fehle.

Wer ist alles für den Haushaltsmüll in Phnom Penh zuständig?

Für die offizielle Müllsammlung ist seit 2002 alleinig das Entsorgungsunternehmen CINTRI zuständig. Hier mangelt es aber an Transparenz. Der Vertrag zwischen der Firma und der Stadt ist nicht öffentlich zugänglich, fällt aber in die Kategorie eines Langzeitvertrags, der der Firma über zehn Jahre den alleinigen Auftrag der Müllentsorgung in der Stadt zuspricht. Es gibt derzeit kaum öffentliche Daten zur Problematik, wenn sich auch immer mehr lokale NGOs und Bildungsinstitutionen für veränderte Handlungsweisen mit Abfall einsetzen. Recycelbarer Müll wird dagegen von informellen Müllsammler*innen gesammelt und weiterverkauft.

Ein weiteres Problem besteht darin, dass CINTRI als städtisches Abfallunternehmen eine Monopol-Stellung einnimmt, weswegen Preise und Abholzeiten und -routen in keinerlei Konkurrenz stehen. Kurzum, es gibt niemanden, der mit CINTRI um den Auftrag zur Entsorgung der kommunalen Abfälle der Stadt konkurriert bzw. konkurrieren kann.

Eure Studie geht auch auf CINTRI selbst ein und bemängelt den Arbeitsschutz dort. Was habt ihr festgestellt?

Wir haben einen unzureichenden Arbeitsschutz der etwa 2.300 Angestellten des Unternehmens festgestellt. Fast 1.700 Personen werden im Außendienst eingesetzt, also beispielsweise am Müllwagen. CINTRI kommt dabei seinen gesetzlichen Verpflichtungen einer sicheren Arbeitsumgebung nicht nach: 14 Arbeiter starben in den letzten vier Jahren im Dienst. Es gab weitere 380 Unfälle in den letzten drei Jahren, davon 285 Unfälle von Arbeitern bei ihrer Arbeit am Müllwagen.

Ein sicheres Arbeitsumfeld, wie es das kambodschanische Arbeitsgesetz vorschreibt, sieht anders aus. Trotz dieser Todesfälle wird den Arbeitern auf den Müllwagen keine Schutzkleidung zur Verfügung gestellt und keine ergänzenden Sicherheitsmaßnahmen eingeführt.

Habt ihr CINTRI zu diesen Mängeln befragt?

Das Unternehmen selbst hat erklärt, dass es Warnkleidung, Masken und Arbeitsstiefel bereitstellte, aber die Arbeiter diese nicht tragen, und der Verkehr in Phnom Penh die Hauptgefahrenquelle der Arbeiter sei. Von uns befragte Arbeiter verneinten bzw. sagten aus, dass die Übergabe der Kleidung lange her sei. Aber nun gibt es erste Erfolge: Nach Erscheinen unserer Studie über die Situation der Abfallwirtschaft in Phnom Penh mit einer Auflistung von Sicherheitsmängeln, wurden viele CINTRI-Arbeiter mit sichtbarer Arbeitskleidung ausgestattet, die es ihnen erlaubt auch bei Nacht gesehen zu werden.

Was kann aus eurer Sicht getan werden, damit die Abfallwirtschaft verbessert wird?

Die Stadtregierung könnte einiges verbessern. Zum einen wäre es von Vorteil, wenn die Stadtbehörden ihre Entscheidungsprozesse transparenter machen, regelmäßige Rechenschaftsberichte ablegen, den Vertrag zwischen CINTRI und der Stadt und relevante Daten über die Haushalte bzw. Gemeinde offen legen würden.

Anderseits kann die Kommunikation mit der Stadtbevölkerung zu diesem Thema besser werden, indem Menschen über die Abfallsituation in der Stadt informiert werden und Gemeinden in die Abfallwirtschaft miteinbezogen werden, z.B. in öffentlichen Workshops oder bei Gemeindeversammlungen. Weitere Bildungsprogramme, die von der Lokalregierung finanziert werden könnten, könnten über Risiken des Mülls für Mensch und Umwelt berichten. Im Dialog mit der Bevölkerung können dann Lösungen für schwer zugängliche Gemeinden oder Straßen gefunden werden.

Abfallsammelstellen sollten innerhalb der Gemeinden eingerichtet werden, damit die Bewohner*innen ihre Abfälle dort sammeln können. Und die Mülllabfuhr sollte regelmäßig alle Orte anfahren.

Zuletzt muss natürlich von Seiten des Entsorgungsunternehmens CINTRI auch dafür gesorgt werden, dass die Arbeiter einen besseren Arbeitsschutz haben, vor allem für diejenigen, die nachts am und auf dem Müllwagen arbeiten.

Interview und Übersetzung aus dem Englischen von: Raphael Göpel

 

[1] Wiederverwertbarer Müll wird hingegen insbesondere von Müllsammler*innen entweder direkt bei den Haushalten abgeholt, bzw. aufgekauft, oder auf den Straßen Phnom Penhs eingesammelt. Einen Einblick in die ‚andere Seite‘ des Müllmanagements in Phnom Penh bietet der ebenfalls in dieser Ausgabe erschienene Artikel von Kathrin Eitel.

Die Autor:innen

  • Julia Behrens ist Post-Doc-Fellow an der Universität Bielefeld. Sie forscht zu Umwelt und Gesellschaft, zur Zeit vor allem zu Machtstrukturen in Vietnam.

  • Quỳnh Anh Nguyễn ist Spezialistin für Capacity Building im Bereich Katastrophen- und Risikomanagement sowie für Klimawandeladaption in Vietnam. Sie setzt sich für Umweltschutz, gegen den Klimawandel und für umweltfreundliche Produktalternativen ein.

Creative Commons Lizenzvertrag
Dieser Text erscheint unter einer Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz


2 | 2019, Vietnam,
Autor*in: und

Es tut sich etwas in Hanoi: Erste Schritte gegen die Müllflut

Philippinen: Zwar erließ die Regierung vor fast 20 Jahren ein umfassendes Abfallwirtschaftsgesetz, doch die Umsetzung verläuft lokal sehr verschieden. Informelle Müllsammler*innen besorgen den Großteil der Müllentsorgung. Immerhin gibt es inzwischen in über 20 Städten Plastikverbote.

Noel, 47 Jahre alt, stapelt mehrere TV-Gehäuse, weitere größere Plastikteile und einen Sack mit kleinen Plastikstücken auf sein Tricycle (Motorrad mit fest installiertem Beiwagen). Mit dem vollbeladenen Tricycle fährt er zu einem größeren Junkshop (einer Annahmestelle für Wertstoffe, die gesammelt und weiterverkauft werden). Noels Haus ist selbst ein kleiner Junkshop, voll mit Plastikflaschen verschiedener Sorten, Kunststoffdeckeln, Glasflaschen, Pappen, verschiedenen Metall- und Plastikresten, Glühbirnen und alten Elektrogeräten. Der Müll anderer Leute ist für Noel und seine Familie ein Wertstoff, der ihren Lebensunterhalt sichert. Er lebt mit seinen drei Kindern und einem Enkelkind im Junkshop und dem angrenzenden Wohnraum. Nebenan wohnen seine Mutter Violette und sein Vater. Die ganze Familie hilft beim Sortieren der Wertstoffe, die sich in den Räumen bis unter die Decke türmen.

Noels Junkshop ist die Anlaufstelle für die Müllsammler*innen seines Viertels. Sie bringen meistens Plastikflaschen und Hartplastikstücke, welche er ihnen abkauft, um sie anschließend zum doppelten Preis weiter zu verkaufen. Große Elektrogeräte sammelt er selbst ein, schraubt sie auseinander und sortiert die Einzelteile nach Wertstoffen. Zweimal pro Tag fährt er zu drei größeren Junkshops und verkauft seine gesammelten Materialien, je nachdem wer aktuell die besten Preise für seine Wertstoffe bietet.

Leben in Payatas

Noel und seine Familie leben in Payatas, einem Barangay (Stadtteil) Quezon Citys. Payatas ist bekannt und berüchtigt für seine Müllhalde, die sich über 50 Hektar erstreckt, seit den 1980er Jahren wuchs und 2017 endgültig schloss. Der Müll der Hauptstadt Manila wurde täglich unsortiert nach Payatas gekarrt. Die Müllhalde war die Existenzgrundlage von rund 5.000 Filipin@s ohne wirtschaftliche Perspektive auf dem regulären Arbeitsmarkt. Stattdessen arbeiteten sie als Müllsammler*innen, Zwischenhändler*innen, in Junkshops, oder ähnlichen Bereichen. Ein tragischer Erdrutsch im Juli 2000 begrub nahezu 300 Menschen unter dem Müll. Die städtische Regierung beschloss, eine Lösung für die wachsenden Müllberge zu finden und sprach Arbeitsverbote für Jugendliche unter 14 Jahren aus. Auch die Steigung der Deponie durfte 40% nicht überschreiten. Die Deponie wurde 2004 in eine ‚kontrollierte Deponie’ und 2011 in eine ‚Sanitärdeponie’ umgewandelt und 2017 geschlossen. Seitdem wird der Müll des Großraums Manila in die angrenzenden Provinzen transportiert.

Noel und seine Mutter Violette arbeiteten bis zur Schließung der Deponie dort als Zwischenhändler und Müllsammlerin. Violette und ihr Mann waren 1994 aus dem Norden Luzons mit ihren vier Kindern nach Payatas gekommen, da sie nach langer Arbeitslosigkeit eine neue Perspektive suchten. Noel und seine Eltern begannen als Müllsammler*innen zu arbeiten, die drei jüngeren Kinder gingen damals noch zur Schule. Noels Mutter Violette sammelte täglich bis zu elf Stunden Müll, da sie nach Erfolgsrate bezahlt wurde – im Schnitt verdiente sie 225 Pesos pro Tag (etwa 4,29 €). Ihr Mann litt zunehmend unter Rückenproblemen, so dass sie früh zur Hauptverdienerin für ihre Familie wurde. Violette war mit 40 anderen Müllsammler*innen vertraglich bei einem Zwischenhändler (zwischen Müllsammler*innen und Junkshop) angestellt. Alle Zwischenhändler waren Männer. Violette sammelte verschiedenste Wertstoffe, je nachdem, was sie finden konnte. Die besten Funde waren Kleidung und Schmuck. Allerdings variierte die Art des Mülls während der Jahre stark. Noel gelang der Aufstieg vom Müllsammler zum Zwischenhändler, er hatte fünf angestellte Müllsammler*innen und verdiente monatlich 30.000 Pesos (etwa 515 €).

Preistabelle für den An- und Weiterverkauf von Wertstoffen in Junkshops in Metro Manila

 

Recyclebares Material Junkshop an Müllsammler*innen: Preis/kg Zwischenhändler*in bzw. Recyclingunternehmen an Junkshop: Preis/kg
Aluminium 40-45 Pesos 80 Pesos
Stahl 8-10 Pesos 20 Pesos
Kupfer 230 Pesos* 460 Pesos*
Messing 120* Pesos 240* Pesos
Blech 4-5 Pesos 8-10 Pesos
Wellblech 4-5 Pesos 8-10 Pesos
Pappe 3-4 Pesos 6-8 Pesos
Konservendosen 4 Pesos 8 Pesos
Hartplastik 3 Pesos 6 Pesos
Hartplastik (z.B. Plastikstuhl) 10 Pesos 20 Pesos
Zeitungspapier 6 Pesos 12 Pesos
Getränkedosen 35 Pesos 70 Pesos
PET (gesäubert und farblich sortiert) 11 Pesos 22 Pesos
Plastikdeckel 19 Pesos 38 Pesos
Altpapier mit Plastik 1,5-2,5 Pesos 3-5 Pesos
weißes Papier 9 Pesos 18 Pesos

*niedrigster Preis pro Kilo, ändert sich je nach Materialkurs

Daten-Quelle: Eigene Recherche der Autorin

Mit der Schließung des Müllbergs hat sich Violette zur Ruhe gesetzt. Drei ihrer Kinder haben Arbeit im Großraum Manila gefunden und Noels Junkshop ernährt die Familie, er verdient monatlich 20.000 Pesos (etwa 343 €). Der einstige ‚Jobmagnet’ Payatas hat sich gewandelt. Viele ehemalige Arbeiter*innen arbeiten nun in Junkshops oder als Müllsammler*innen, die von Tür zu Tür gehen. Andere verdingen sich im Straßenbau oder als Fahrer*innen. Der einstige Müllberg ist mittlerweile oberflächlich von der Natur zurückerobert und grün, der beißende Geruch von damals verschwunden. Gerüchte sagen, die Regierung habe das Land an einen asiatischen Konzern verpachtet, der eine Waste-to-Energy Verbrennungsanlage bauen möchte – derzeit ist das Gelände eingezäunt und die Sicherheitskräfte zu keiner Aussage bereit.

Landesweite Müllverordnungen

Der Erdrutsch in Payatas im Juli 2000 beschleunigte die Verabschiedung des Republic Act 9003 (RA 9003), dem Ecological Solid Waste Management Act (siehe Artikel zu Zero Waste Communities in den Philippinen in dieser Ausgabe) zum Jahresbeginn 2001. Das RA 9003 regelte landesweit erstmals die Abfallwirtschaft, indem die Sammlung (Mülltrennung), Behandlung (Beförderung und Lagerung) und umweltgerechte Entsorgung des Mülls bis in die kleinste Regierungseinheit (Local Government Unit – LGU), dem Barangay vorgeschrieben wird. Verstöße, wie die illegale Abfallentsorgung, offene Abfallverbrennung und andere Delikte werden mit Bußgeldern geahndet. Allerdings ist die RA 9003 seit 18 Jahren die einzige effektive Maßnahme der Legislative zur Abfallreglementierung. Wie der Müll in Barangays entsorgt wird, hängt landesweit von der Durchsetzung der LGUs und der Barangay-Mitarbeiter*innen ab. Mancherorts bieten die LGUs Trainings zum Abfallumgang für Bürger*innen und in Schulen an.

Müll in Metro Manila

In urbaneren Regionen wird die Entsorgung des Haushaltsmülls von Abfallunternehmen organisiert, welche mehrmals in der Woche mit einem offenen LKW oder Müllauto den Abfall einsammeln. In Metro Manila gibt es Stadtgebiete, die ihren Haushaltsmüll in biologischen, nicht-biologischen Müll und Restmüll trennen, andere stellen ihren Müll unsortiert vor die Häuser. Manche Barangays Metro Manilas verteilen Bußgelder bei nicht korrekter Sortierung. In anderen wird trotz Mülltrennungsverordnung auch unsortierter Müll abgeholt.

Viele Haushalte sammeln PET-Flaschen, Glas (z.T. Pfandflaschen), Papier, Batterien und Elektromüll gesondert, um sie Müllsammler*innen direkt zu geben. Die Müllsammler*innen Metro Manilas wandern mit selbst gebauten Handkarren durch die Straßen und sammeln ein, was sie finden können. Manche Junkshops verleihen Handkarren an Müllsammler*innen, wenn diese ausschließlich für sie Wertstoffe sammeln. Ein Betreiber eines Junkshops in Quezon City berichtet, dass die Müllsammler*innen in Quezon City fest zugeteilte Sammelgebiete besitzen, um sich nicht in die Quere zu kommen. An den Hauptstraßen ist das Sammeln verboten, da es in der Vergangenheit oft zu Unfällen kam.

Im Jahr 2010 wurden in Quezon City 15.600 Tonnen Müll vom formellen Sektor und 141.800 Tonnen Müll vom informellen Sektor gesammelt. Die Müllsammler*innen des informellen Sektors sammelten die Wertstoffe des Mülls zu 37% auf Straßen, zu 26% auf Müllhalden und zu 37% für Junkshops, denen sie als Müllsammler*innen angehören (EIN LEBEN VON UND MIT MÜLL, Plastikatlas 2019, S. 40-41).

Müllsammler*innen, die mit ihren Familien im Touristen-Hotspot und alten Stadtkern Manilas rund um die Stadtteile Ermita, Malate, Intramuros oder Quiapo leben, verlassen ihren Standort selten, damit sie ihren Platz nicht verlieren. Viele von ihnen wohnen auf dem Handkarren am Straßenrand, verdienen zusätzlich mit einem kleinen Kioskverkauf und versuchen mit dem Müll anderer zu überleben.

Große Junkshops wie Noel’s lagern die verschiedenen Wertstoffe getrennt. Die einzelnen Wertstoffe werden jeweils von LKWs (entweder eigener LKW des Junkshops oder des Recyclingunternehmens) abgeholt und zu Recyclingbetrieben außerhalb Metro Manilas in die Provinzen Bulacan, Laguna oder Batangas transportiert. Anschließend werden die Wertstoffe weiter segregiert, zum Teil außer Landes verschifft oder wie PET-Flaschen direkt zu Flocken geschreddert und an Unternehmen verkauft, die diese weiterverarbeiten.

Müll im ländlichen Raum

Im Dorf Macalamcam zwischen Rosario und Tiaong in der Provinz Batangas wohnen nahezu 1000 Bürger*innen, die ihren Lebensunterhalt entweder in der Landwirtschaft und in Kleinstbetrieben dort oder in den umliegenden Orten verdienen. Seit Jahren lernen die Schüler*innen zwar die Mülltrennung in der Schule, die jedoch bis heute ein großes Problem in Macalamcam und den Dörfern der Region darstellt.

Denn während der Haushaltsmüll in den kleineren Städten der Region von Unternehmen der Abfallwirtschaft abgeholt wird, gilt dies nicht für Macalamcam, da der Ort zu klein ist, als dass der Abfall hier wirtschaftlich entsorgt werden könnte. Die Barangay- Leitung initiierte 2013 ein Waste Managment-Programm inklusive einer Materialverwertungsanlage (material recovery facility – MRF), doch diese ist überfüllt. So kümmern sich die Dorfbewohner*innen wie eh und je selbst um ihren Müll. Einige kompostieren biologische Abfälle oder streuen diese direkt an die Pflanzen als Dünger. Manche Familien sammeln PET-Flaschen, Karton, Glas, Metall und Blech für den wöchentlich kommenden Müllsammler, der durch Macalamcam läuft. Junkshops fahren unregelmäßig mit Pickups durch das Dorf auf der Suche nach defekten Elektrogeräten. Der restliche Haushaltsmüll wird in den Gärten vergraben oder verbrannt. In der Natur rund um das Dorf wachsen so illegale Müllkippen, deren Benutzung strafbar ist.

Mit dem Programm ‚Save our Rivers’ machen die Barangay-Leitung und die lokale Kirche auf die nicht funktionierende MRF, die systematische Müllsammlung der Haushalte und die Verseuchung des nahe liegenden Flusses aufmerksam. Über den Fluss gelangen der Müll aus Lipa City und die Abwässer von Viehzucht- und Landwirtschaftsbetriebe nach Macalamcam. Dort fürchten die Bewohner*innen die Verseuchung ihres Dorfes über das Flusswasser und den Erdboden. Sie wandten sich deshalb an das zuständige Umweltamt. Bisher ohne Erfolg.

Macalamcam ist ein typisches Beispiel für die Problematik der Müllentsorgung in den ländlichen Regionen der Philippinen. Die RA 9003 mag im urbanen Raum mit großen Mülldeponien zwar funktionieren, doch im ländlichen Raum können die vorgeschriebenen Maßnahmen wegen der fehlenden Entsorgungssysteme und Kontrollinstanzen nicht eingehalten werden, entsprechend wird die Müllentsorgung damit auf private Maßnahmen reduziert.

Plastikverbote in über 20 Städten

Plastik als Verpackungsmaterial ist in den Philippinen seit über 30 Jahren populär. Vorher wurden Getränke überwiegend in Pfandflaschen in Geschäften und kleinen Straßenkiosken (SariSari-Stores) verkauft. Fisch und andere Lebensmittel wurden in Bananenblätter, Zeitungspapier und Papiertüten eingewickelt auf dem Markt verkauft. Seit Anfang der 1990er Jahre wird maßgeblich Wasser in PET-Flaschen (Softdrinks können sowohl in Pfandflaschen, PET-Flaschen oder Dosen gekauft werden), Softdrinks in SariSari-Stores in Plastiktüten mit Strohhalm, Lebensmittel an Markt- und Straßenständen in Plastiktüten verpackt und Kleinstportionen Waschpulver, Zahnpasta, Kakao, Kaffee, Creamer, Shampoo usw. in Plastiksachets verkauft (siehe hierzu das Interview mit Manfred Santen in dieser Ausgabe). Entsprechend wachsen die Müllberge des schwer recycle- und abbaubaren Materials.

Die Stadt Los Baños, 60 km südlich von Manila am Laguna Bay gelegen, führte 2008 als erste Stadt der Philippinen mit Erfolg ein Plastikverbot ein. Das städtische Verbot von Plastiktüten und Styropor als Verpackung für Lebensmittel und andere Produkte reduzierte den Müll der Stadt erheblich. 2014 folgte ein Verbot der Benutzung von Einwegplastik, Plastikbannern und Plastikplanen. Letztere dürfen nur mit Genehmigung der Stadt verwendet werden. Selbst die großen Fastfoodketten wie Starbucks, KFC, Jollibee und andere halten sich in Los Baños an das Einwegplastikverbot. Landesweit ist deren Plastik- und Styropornutzung auf freiwilliger Basis zwar zurückgegangen, allerdings noch nicht ausreichend. Mittlerweile haben sich über 20 Städte einem teilweisen Plastikverbot angeschlossen, darunter sind Los Baños, Quezon City, Makati, Pasig, Muntinlupa, Las Piñas, Pasay, Cebu City, Bacolod City, San Fernando, Baguio City, Pilar (Siargao Islands), San Carlos, mehrere Gemeinden und Städte der Provinz Pangasinan sowie die Tourismus Inseln Boracay, El Nido, Siquijor. Senatorin Loren Legarda reichte 2011 den Gesetzentwurf Total Plastic Bag Ban Act of 2011 (Senate Bill 2759) ein, der bisher jedoch nicht verabschiedet wurde. Der Gesetzentwurf sieht ein vollständiges Verbot von nicht biologisch abbaubaren Plastiktüten im ganzen Land vor (Aiming for plastic-free PH).

Die Philippinen sind nach China und Indonesien der weltweit drittgrößte Plastikmüllverschmutzer der Ozeane (siehe Jambeck et al. (2015): Plastic waste inputs from land into the ocean. In: Science, Vol. 347, Ausgabe 6223, 13. Februar 2015). Aufgrund von großen Stürmen und unzureichender Müllentsorgungsmöglichkeiten gelangt Müll in die Flüsse und Ozeane, vom Sickerwasser der Deponien ganz abgesehen. Verschiedene Mülldeponien nahe der Manila Bay wurden errichtet und geschlossen. Eine davon liegt auf dem Baseco Compound und gehört zum Stadtteil Tondo in Manila und ist seit Jahrzehnten geschlossen – mittlerweile wurde ein ganzes Stadtviertel darauf gebaut. Der Smoky Mountain, eine der größten Mülldeponien Metro Manilas im Stadtteil Tondo war von 1969 bis 2007 in Betrieb. Im Mai 2019 ordnete das Umweltministerium die finale Schließung der offenen Mülldeponie in Limay, Bataan an, nachdem diese zwar schon 2015 geschlossen, aber illegal weiter genutzt wurde.

Für die philippinische Regierung scheint das Müllproblem des Inselstaates Nebensache zu sein. Präsident Rodrigo Duterte stritt zwar öffentlichkeitswirksam mit der kanadischen Regierung, da eine kanadische Firma 69 Schiffscontainer Müll, der irrtümlich als recyclebar gekennzeichnet war, 2013 in die Philippinen schickte (die Container wurden Ende Mai 2019 wieder nach Kanada geschickt). Doch eine effiziente und nachhaltige Gesetzgebung zur Abfallwirtschaft und dem Umgang mit Müll und eine und konsequente Implementierung sieht anders aus. Auch wenn die Einsammlung und Trennung des Mülls durch Junkshops und die Müllabfuhr mancherorts gut durchgeführt wird, fehlen landesweit Recyclingunternehmen mit spezialisierten Maschinen. Auch eine regelmäßige Müllabfuhr im ländlichen Raum würde das Müllentsorgungsproblem verringern. Jedoch müssten effektive Verpackungs- und Plastikreglementierungen eingeführt werden, um die Müllmenge des Landes zu verringern und in punkto Müllvermeidung auch die Hersteller in die Pflicht zu nehmen.

Für Junkshop-Besitzer wie Noel würde wohl auch dann noch genügend Müll zum An- und Verkauf übrig bleiben.

Die Autor:innen

  • Julia Behrens ist Post-Doc-Fellow an der Universität Bielefeld. Sie forscht zu Umwelt und Gesellschaft, zur Zeit vor allem zu Machtstrukturen in Vietnam.

  • Quỳnh Anh Nguyễn ist Spezialistin für Capacity Building im Bereich Katastrophen- und Risikomanagement sowie für Klimawandeladaption in Vietnam. Sie setzt sich für Umweltschutz, gegen den Klimawandel und für umweltfreundliche Produktalternativen ein.

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