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Möglichst billig – aber bitte mit Gütesiegel!

Weit gereist: ASC-zertifizierte Garnelen aus Vietnam in einem deutschen Supermarkt © Anett Keller

Weit gereist: ASC-zertifizierte Garnelen aus Vietnam in einem deutschen Supermarkt © Anett Keller

Gütesiegel und Biozertifikate sollen das Gewissen von Verbraucher*innen beruhigen. Eine besondere Rolle spielt hierbei der Panda. Das süße Bärchen ist das Logo des World Wide Fund For Nature (WWF), bekannt als Interessenvertreter für die Umwelt. Der WWF ist aber auch ein Wirtschaftsunternehmen. Zu seinen Produkten gehören Gütesiegel, um Holz, Fisch und Lebensmittel zu zertifizieren. Eines der bekanntesten ist das ASC Label, zum Beispiel für Pangasius und Garnelen aus Vietnam.

 

Anlass für die Entstehung des ASC-Labels war 2009 eine heftige Diskussion über Pangasius aus Vietnam. Nachdem der Süßwasserfisch in Deutschland immer mehr Konsument*innen gefunden hatte, nutzten Fischer*innen im Mekong-Delta die Chance und züchteten Pangasius. Die Erfolgsgeschichte drohte Vietnam jedoch auf die Füße zu fallen. Der WWF fuhr im November 2010 nach Vietnam, um die Aufzucht des Pangasius zu untersuchen. Anschließend wurde der Fisch auf die ‚rote Liste’ mit Lebensmitteln, die nicht gekauft werden sollten, gesetzt. Die Gründe für die massive Kritik lagen in den katastrophalen Bedingungen, unter denen der Fisch in Vietnam gezüchtet wird. Der Besatz ist extrem hoch, daher wird massiv Antibiotika eingesetzt. Da der Pangasius ein Allesfresser ist, wird er mit nahezu allem gefüttert, was den Fisch rasch fett werden lässt.

Die Probleme um die Aufzucht des Pangasius waren (und sind) in Vietnam längst bekannt. Bereits 2010 hatten sich Vietnams Pangasiuszüchter*innen deshalb in Ho-Chi-Minh-Stadt zusammengesetzt, um über ‚verantwortungsvolle’ Fischzucht zu diskutieren. Die Gespräche fanden im Rahmen des „Pangasius Aquaculture Dialogue“ statt – einem Netzwerk aus über 600 Fischzüchter*innen, Fisch verarbeitende Fabriken, europäischen Lebensmittelkonzernen sowie Wissenschaftler*innen und Naturschützer*innen. Initiator war der WWF. Im Herbst 2010 verabschiedete das Gremium dann einen Standard für die Pangasius-Zucht aus dem schließlich das ASC-Label hervorging. Vergeben wird dieses Zertifikat heute durch den Aquaculture Stewardship Council (ASC) einem so genannten Nonprofit-Unternehmen aus WWF und der niederländischen „Nachhaltigen Handelsinitiative“ (IDH).

Eine Fischfarm auf dem Mekong © Stefan Kühner

Seither ist viel passiert. Der WWF hat erreicht, dass sich Vietnams Regierung und Fischindustrie verpflichteten, die gesamte Produktion ab 2015 auf umweltverträgliche Methoden umzurüsten. Ohne dieses Label haben sie in den deutschen Supermärkten keine Chance. Beim Pangasius haben nach Angaben von Philipp Kanstinger, einem ASC-Experten beim WWF, ca. 17 Prozent der Zuchtbetriebe das ASC-Label. Weitere 15-20 Prozent haben andere Zertifikate. Kanstinger schildert die positiven Entwicklungen im August 2018 in einem Interview mit dem Autor. „Der Medikamentenverbrauch ist gesunken, wie wir durch regelmäßige Überprüfung der Dokumentationen der Züchter sowie Stichproben beim Import feststellen konnten.“ Das ASC- und andere Siegel haben den Marktzugang nach Deutschland und in andere Regionen der Welt geöffnet. Der Export von Pangasius und Shrimps wurde so zu einer der Lebensgrundlagen im Mekong-Delta und einem erheblichen Wirtschaftsfaktor für Vietnam.

Die deutsche „Supermarkt-Mafia“

Die großen Supermarktkonzerne haben das ASC-Label seit jeher begrüßt und vorangetrieben, versprechen der beliebte Pangasius und neuerdings Garnelen aus Vietnam doch große Gewinne. Die Preise werden von den Einkäufern dieser weltweit agierenden Unternehmen diktiert. „Sie schreiben die Produktions-, Preis- und Lieferbedingungen vor und werden so zum ‘Gatekeeper‘ im Lebensmittelhandel,“ so eine Studie von OXFAM vom Juni 2018. Dort heißt es weiter: „In der EU wird der Einzelhandel zunehmend dominiert von einer immer kleiner werdenden Anzahl von Supermarktketten. In Deutschland teilen sich vier große Ketten 85 Prozent des Lebensmitteleinzelhandels. Die Zulieferer, die oft abhängig von einigen wenigen Supermärkten sind, geben den Preisdruck an ihre Arbeiterinnen und Arbeiter weiter. Akkordarbeit, längere Arbeitszeiten, schlechtere Arbeitsbedingungen und eine unsichere Arbeitssituation sind die Folge. In der Produktion der Lebensmittel kommt es zu gravierenden Menschen- und Arbeitsrechtsverstößen, vielerorts können die Menschen, die unsere Lebensmittel herstellen, von ihren Einkommen kaum leben.“ Eine ebenfalls von OXFAM publizierte Studie weist nach, dass deutsche Supermärkte 36,5 Protzent des Verbraucherpreises von Garnelen aus Vietnam erhalten. Produzent*innen werden hingegen mit 1,5 Prozent abgespeist.

Schaut man sich die ASC etwas genauer an, kommt man ins Staunen. Man muss dazu nur die Homepage besuchen. Sie wird vom WWF und der IDH gemeinsam betreiben und zeigt eine Liste der Unterstützer des ASC-Labels. Dort findet man rund 25 der größten Lebensmittelkonzerne aus der Branche Fisch und Meeresfrüchte wie Bofrost, Costa, Edeka, Frosta, Lidl, Metro Group oder Real. Welche finanziellen Berührungspunkte zwischen WWF, dem ASC und den Partner-Firmen bestehen, ist schwer zu durchschauen. Auf vielen Packungen von Edeka prangt z. B. der Panda und animiert zum Kauf und zum Spenden an den WWF. Dessen Einnahmen aus Geschäften mit seinen Kooperationspartner*innen betrugen im vergangenen Jahr rund 13,4 Mio. Euro (Vorjahr 12,2 Mio. Euro). Das sind rund 17 Prozent der Gesamteinnahmen. „Die strategische Partnerschaft mit dem genossenschaftlich geprägten Einkaufsverbund EDEKA spielt hier eine herausragende Rolle.“ heißt es im Jahresbericht 2016/17 des WWF.

Ein Pangasiuszüchter in Vietnam © Stefan Kühner

Dass und inwieweit der WWF an Einnahmen aus den Zertifizierungsverfahren für von ihm initiierte Umweltlabels beteiligt ist, ist nicht unmittelbar zu erkennen. „Das Zertifizierungsverfahren für die Fischer ist unabhängig und transparent und wird von zugelassenen, unabhängigen Prüfungsfirmen durchgeführt“, so der WWF. Wer diesen ‚unabhängigen Zertifizierern‘ aber erlaubt, diesen Job zu machen ist ebenfalls nicht transparent. Eine Zertifizierung ist aufwändig, sie dauert ca. vier Monate und ist dann drei Jahre gültig. Jährlich findet eine Überprüfung statt. Für das ASC-Label bezahlen müssen die Fischzüchter*innen – geschätzt zwischen 5.000 und 20.000 Euro. Ein hohes Eintrittsgeld für den Zugang in die europäischen Supermärkte.

Die Fischer und Züchter am Mekong

Die Pangasius- und Garnelen-Züchter*innen im Mekong-Delta stehen am Anfang der Lieferkette. Bei ihnen bleibt von dem Riesengeschäft mit zertifizierten Garnelen und Pangasius trotzdem am wenigsten hängen.

Der Kampf um ein menschenwürdiges Dasein ist in den letzten Jahren härter denn je geworden. Es ist nicht nur der Kampf um die landwirtschaftlichen Güter. Es ist heute auch ein Kampf gegen die Auswirkungen des Klimawandels und gegen die Bedingungen des Weltmarktes. Derzeit sind die Preise für Garnelen auf dem Weltmarkt im Keller und zwar so tief, dass der vietnamesische Verband der Seafood-Exporteure und -Produzenten im Mai 2018 dazu aufrief, die Produktion von Garnelen zu drosseln. Statt auf eine weitere Erhöhung der Mengen zu setzen, ruft der Verband seine Mitglieder auf, besser auf die Qualität zu achten und sich nach dem ASC-Label zu zertifizieren. Um Zertifikate zu erhalten, sollen sich die landwirtschaftlichen Haushalte in Genossenschaften zusammenschließen. Immer mehr Betriebe und Genossenschaften tun dies auch. „30 Kooperativen in den Provinzen Soc Trang, Bac Lieu und Ca Mau haben die Zertifizierung des Aquaculture Stewardship Council (ASC) beantragt“ meldet die vietnamesische Nachrichtenagentur VOV im Juni 2017.

Der Rat zur ASC Zertifizierung kann dazu beitragen, feste und sichere Lieferketten zu den Supermarktketten aufzubauen. Gegen den Verfall der Weltmarktpreise hilft das Label allerdings gar nichts – vor allem wenn die Produktionskosten durch das Label ansteigen. Egal, um welches Lebensmittel es sich handelt, unter einer rein gewinnorientierten Lebensmittelindustrie wird kein Gütesiegel wirklich dazu beitragen, dass einerseits die Erzeuger*innen genug Geld zum Leben haben und andererseits die Verbraucher*innen saubere Lebensmittel bekommen. Ändern müsste sich in allen Bereichen der globalen Lieferkette etwas: Verbraucher*innen müssten bereit sein, mehr Geld für gute Lebensmittel auszugeben. Die Handelsketten müssen wiederum den Erzeuger*innen mehr bezahlen. Dies würde ihnen tatsächlich eine Chance eröffnen, die Bedingungen der Zertifikate auch dauerhaft einhalten.

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Vietnam: Reiseprospekte über das Mekongdelta schwärmen von saftig grünen Reisfeldern, Bäuerinnen mit runden Spitzhüten, Mangrovenwäldern und schwimmenden Märkten. Die Idylle trügt. Denn der steigende Meeresspiegel frisst Meter um Meter Land dieser fruchtbaren Landschaft.

„Die Küstenerosion in der südlichsten Provinz Vietnams beeinträchtigt Tausende von Menschen. Die Behörden ergreifen Maßnahmen zur Anpassung an den Klimawandel, bevor die Schäden irreversible Ausmaße erreichen“, schrieb die Journalistin Van Chau am 1. Dezember 2019 in der Online-Zeitung Viet Nam News. Betroffene äußerten sich in dem Artikel wie folgt: „Vor einigen Jahren befand sich das Meer etwa 100 bis 200 Meter von meinem Haus in Dat Mui entfernt. Jetzt ist das Meerwasser nur 10 bis 15 Meter entfernt und bereits in meinen Brunnen eingedrungen“, berichtet Tran Van Ut, ein Landwirt in der südlichsten Provinz Cà Mau. Das hat für ihn vielfältige Folgen. „Ich kann doch zum Duschen kein Süßwasser kaufen, erstens weil nicht genug zur Verfügung steht, und selbst wenn ich Geld habe, ist es zu teuer. Wenn ich schmutzig von der Arbeit zurückkomme, springe ich einfach in mein Garnelenzuchtbecken.“

Offizielle Zahlen der Behörden bestätigen dieses individuelle Bild im großen Rahmen. Seit 2005 erfährt das Mekongdelta eine jährliche Erosion von etwa 300 Hektar. Zwischen 2010 und 2015 sank die Region auf dem größten Teil ihrer Fläche zwischen fünf und zehn Zentimeter. Ein Anstieg des Meeresspiegels um 30 cm könnte nach Angaben der OECD den Verlust von fast 200.000 Hektar Reisanbau bedeuten.

Menschen auf der Flucht

„In den letzten Jahren hat das Salzwasser begonnen, vom Ozean aus weit ins Landesinnere des Deltas vorzudringen, und zwar in einem solchen Ausmaß, dass die Landwirt*innen von ‚Salzzeit‘ sprechen. Einige sind vom Reisanbau auf die Zucht von Garnelen umgestiegen, die im nun brackigen Wasser zurechtkommen“, heißt es in der erwähnten OECD-Studie. Viele Familien sehen bereits heute keine Chance mehr für ihre Zukunft im Delta. Die Folgen des Klimawandels verursachen die Vertreibung von Menschen, die seit Generationen am Mekongdelta leben. Von rund 18 Millionen haben in den vergangenen Jahren schon 1,7 Millionen dem Delta den Rücken gekehrt. Eine Studie von Oanh Le Thi Kim und Truong Le Minh von der Van Lang Universität in Ho Chi Minh Stadt legt nahe, dass bei 14,5 Prozent der Migrant*innen der Klimawandel der dominierende Faktor war, das Mekongdelta zu verlassen. Wenn diese Zahl zutrifft, zwingt der Klimawandel jedes Jahr 24.000 Menschen dazu, die Region zu verlassen, um den schwierigen Bedingungen und der damit verbundenen Armut zu entkommen.

Vietnam versucht, mit viel Geld gegen die ökologischen Probleme vorzugehen. Mangrovenwälder werden wieder aufgeforstet. Stabile Uferböschungen sollen den Landfraß stoppen und neue Dämme, Schleusen und Sperrtore das Brackwasser von den Reisfeldern fernhalten.

Wasserversorgung ist langfristig bedroht

Nicht nur für die Einzelnen, sondern auch für die Behörden im Mekongdelta ähnelt der Kampf gegen die Probleme des Klimawandels dem Bemühen von Sisyphos. Lokale Gemeinschaften pumpen zum Beispiel in gemeinsamen Aktionen Grundwasser für Bewässerung, Aquakultur und Trinkwasser. Dies beschleunigt aber das Eindringen des Meerwassers und damit die Versalzung der Böden. Das Pumpen führt nämlich zu zusätzlichen Landabsenkungen und erschöpft die unterirdischen Wasservorräte. Dies bedroht die Wasserversorgung langfristig.

Die Dorfgemeinschaften und einzelne Bäuerinnen und Bauern steigen, unterstützt durch die Behörden, auf andere Produkte um. Zusätzlich zum Reis züchten sie Garnelen. Dies funktioniert bislang recht gut. Der Bedarf an Garnelen auf dem Weltmarkt ist groß und die Bäuerinnen und Bauern erzielen bei der Garnelenzucht den doppelten Ertrag im Vergleich zu Reis (vgl. Artikel „Möglichst billig, aber bitte mit Gütesiegel“ auf suedostasien.net). Allerdings ist dieser Erfolg schon wieder gefährdet, weil viele Menschen Ähnliches versuchen und auch andere Regionen in Südostasien auf diesen Zug aufspringen.

Behörden und Wissenschaftler*innen aus Europa und Vietnam schlagen vor, den Reisanbau klimaresistenter auszurichten, was der Jahrhunderte alten Tradition der Eigenversorgung entspräche. Weitere Empfehlungen sind auf Obst und Blumen oder auf Viehzucht umzusteigen, zum Beispiel Kaninchen und Bienen, anstatt Reis anzubauen. Für die viele Bäuerinnen und Bauern mit niedrigem Ausbildungsniveau bietet das keine langfristige Perspektive. Bleiben also nur noch Konzepte zur Industrialisierung, wie sie vor allem von internationalen Investor*innen vorgeschlagen werden. „Der Aufbau von Windkraftanlagen boomt“, schreibt Viet Nam News. Ob damit Millionen von Bäuerinnen und Bauern eine alternative Lebensgrundlage finden, ist mehr als fraglich.

Menschengemachte Probleme

Das rasante Wirtschaftswachstum am Mekong, in Vietnam selbst und insbesondere beim großen Nachbarn China verschärft die Probleme im Delta. Zu nennen ist hier die große Zahl von Staudämmen am Oberlauf des Mekong in China und in Laos. Sie verknappen das Wasser in den unteren Flussregionen und die fruchtbaren Sedimente, die das Mekongdelta im Laufe der Jahrtausende erst geschaffen haben. Mit dem Strom wollen die Erbauer*innen der Staudämme Geld verdienen. Denn Strom wird dringend gebraucht für die Industrialisierung und für angenehmere Lebensbedingungen der Menschen. Vor allem Laos baut auf die Einnahmen aus dem Export von Strom, da es ansonsten kaum Möglichkeiten sieht, Mittel für die Verbesserungen der Infrastruktur und Lebensbedingungen zu erwirtschaften. Profiteure sind allerdings vor allem internationale Finanzierungs- und Baukonzerne, die die Staudammprojekte planen, bauen und betreiben (vgl. Artikel „Riesendesaster statt Modellprojekt“ auf suedostasien.net).

Für Staudämme und andere gewaltige Infrastrukturprojekte wie Straßen, Brücken und Hochhäuser werden Unmengen an Beton und damit Sand benötigt. Dieser ist knapp, was dazu führt, dass der illegale Sandabbau in den Deltas der großen Flüsse, also auch im Mekongdelta, zunimmt. Ein vom Bundesministerium für Bildung und Forschung finanziertes Projekt „Catch-Mekong“ an der Leibnitz Universität Hannover kommt zu dem Schluss, „dass der Nachschub von Sedimenten aus dem Mittel- und Oberlauf des Mekong bereits heute zu gering ist, um die Sandentnahmen im Delta auszugleichen. Vor dem Hintergrund der intensiveren Nutzung der Wasserkraft am Mekong und mit dem Bau von mehr als einem Dutzend neuer Stauanlagen verschärft sich die Problematik der Stabilität des Mekong im Unterlauf und im Delta infolge eines zusätzlichen Rückhalts von Sedimenten im Mittel- und Oberlauf.“

Vietnam unterstützt Pariser Klimaabkommen

Schon 2016 hat die Regierung einen Plan zur Implementierung der Klimaschutzabkommen von Paris vorgelegt. Es fehlt auch nicht an ehrgeizigen Plänen zur Verbannung der Millionen die Luft verpestenden Mopeds aus Hanoi, Ho Chi Minh Stadt oder Da Nang. Gegenüber dem rasanten Wirtschaftswachstum bleiben die Pläne weitgehend wirkungslos. Hanoi bleibt laut Greenpeace eine der Städte mit der schlechtesten Luft in Südostasien. Auch bei diesem Problem sucht Vietnam Unterstützung aus Deutschland. Im November 2019 organisierte das vietnamesische Ministerium für Natürliche Ressourcen und Umwelt (MONRE) mit Unterstützung der Hanns-Seidel-Stiftung (HSF) einen Konsultationsworkshop zur Bewertung der Umsetzung der Nationalen Umweltschutzstrategie bis 2020 und zur Skizzierung der Strategie im Zeitraum 2021-2030. Die Regierung fördert außerdem Projekte „Jugend für den Umweltschutz“ gemeinsam mit der EU. Eine Bewegung vergleichbar mit ‚Fridays for Future‘ steht in Vietnam noch in den Anfängen (vgl. Artikel „Das Klimaregime muss dekolonisiert werden“ auf suedostasien.net).

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Südostasien/China: Staudämme in China stören den natürlichen Wasserfluss des Mekong und riskieren damit die Lebensgrundlage von Millionen Menschen. Die chinesische Regierung scheint bislang nicht bereit, durch Zusammenarbeit zu einer Verbesserung der Situation beizutragen.

Während Teile Thailands, Kambodschas, Laos und Südvietnams im vergangenen Jahr eine verheerende Dürre erlebten, hielt China reichlich Wasser am oberen Mekong von den flussabwärts gelegenen Gemeinden zurück, was die Ernten und Fischbestände vernichtete und eine der größten Wasserstraßen der Welt in die Knie zwang. So war der Flusspegel bis zu fünf Meter tiefer als er unter natürlichen Bedingungen hätte sein sollen, während in den flussaufwärts gelegenen Gebieten Chinas von April bis November überdurchschnittliche Niederschlagsmengen verzeichnet wurden.

Im Juli erreichte der Fluss in Nordthailand seinen niedrigsten Wasserstand seit einem Jahrhundert während im November der kambodschanische Tonle Sap-See, der dem Land in einem normalen Jahr bis zu 500.000 Tonnen Fisch liefert, einer Krise ausgesetzt war, da sein einzigartiger jährlicher Überschwemmungszyklus unterbrochen wurde.

Langzeitstudie zeigt Zusammenhänge zwischen Dürre und Dämmen

Seit Jahrtausenden nährt der natürliche Überschwemmungszyklus des Mekong fruchtbare Fischerei- und Landwirtschaftsgebiete und schafft letztendlich das Mekong-Delta, die wichtigste Agrarregion Vietnams, in der 20 Millionen Menschen leben. Staudämme am Lancang, wie der Fluss in China genannt wird, und neue, in Bau befindliche Staudämme am Mekong und seinen Nebenflüssen in Laos haben diesen Kreislauf vollständig unterbrochen, während der jährliche Monsun aufgrund des Klimawandels unregelmäßig geworden ist.

So lauten die Ergebnisse eines Berichts von Eyes on Earth, einem Forschungsunternehmen mit Sitz in Asheville, North Carolina. Seine Autoren Alan Basist und Claude Williams analysierten von 1992 bis 2019 Satellitenbilder des Lancang und tägliche Daten von einem Messgerät am Mekong in Nordthailand, um die Auswirkungen der vorgelagerten Staudämme in China auf den Wasserfluss zu messen.

Die chinesische Regierung hat die Schlussfolgerungen des Berichts kategorisch zurückgewiesen, während sie sagte, der Lancang befinde sich in einer eigenen Dürre.

Die Forscher schreiben, dass sie „die Wassermenge, die natürlicherweise fließen würde, im Vergleich zur Messung am Chiang Saen-Messgerät [in Thailand] berechnet haben“. Für die fraglichen 28 Jahre stellten sie fest, dass in Chiang Saen eine kumulative Flusshöhe von 126,4 Metern (414,8 Fuß) fehlte.

Die Auswirkungen des chinesischen Systems von Kaskadendämmen am Mekong, der 60 Millionen Menschen in Laos, Thailand, Kambodscha und Vietnam versorgt, sind seit 2012 besonders ausgeprägt. In diesem Jahr wurde der Nuozhadu-Damm fertiggestellt und weitere sechs Dämme wurden auf chinesischem Territorium seither gebaut, so dass sich die Gesamtzahl auf elf erhöht hat.

Als China diese Dämme in Betrieb nahm, startete es ein Wassermanagementsystem, mit dem es während der Regenzeit Wasser in Stauseen speichert und dann während der Trockenzeit Wasser abgibt, um seine Wasserkraftturbinen anzutreiben.

Im Allgemeinen hat dieses System funktioniert. Obwohl der Wasserfluss nicht dem entspricht, der ohne die vorhandenen Dämme natürlich gegeben wäre, sind die Fischgründe und landwirtschaftlichen Flächen des unteren Mekong-Beckens relativ gesund geblieben und haben das Leben der Landwirte, Fischer und ihrer Familien in der Region aufrecht erhalten.

Wie oben erwähnt, waren die Auswirkungen dieses Managementsystems im vergangenen Jahr jedoch besonders ausgeprägt.

Störung eines komplexen ökologischen Fluss-Systems

Im selben Jahr waren die Menschen in Nordthailand überrascht, dass das normalerweise dunkelbraune Wasser des Mekong blau wurde, da stromaufwärts gelegene Dämme immer mehr Sedimente zurückhielten. Brian Eyler, Programmdirektor für Südostasien am Stimson Center in Washington DC und Autor des Buches Last Days of the Mighty Mekong aus dem Jahr 2019, äußerte in einer E-Mail, dass dies für stromabwärts gelegene Gemeinden verheerend war. „Während der traditionellen Monsunzeit 2019, in der aufgrund eines El Niño-Wettermusters keine Monsun-Regenfälle erzeugt wurden“, so Eyler, „wirkte sich Chinas beispiellose Wassereinschränkung unbestreitbar auf Thailands nordöstliche Bewässerungsprojekte, den Tonle Sap-See und das Mekong-Delta aus und verringerte die Lebensgrundlagen von dutzenden Millionen Menschen, die dort leben.“

„Das komplexe System ökologischer Prozesse des Mekong funktioniert am besten, wenn der Fluss in der Monsunzeit anschwillt und die Trockenzeit den Fluss auf extreme Tiefststände senkt“, fügte er hinzu. „Überschwemmungen werden nicht als Gefahren angesehen, vielmehr werden sie von den meisten entlang der Flussufer begrüßt. Wenn Chinas Einschränkungen während der Monsunzeit Überschwemmungen beschneiden und das Niveau des Flusses während der Trockenzeit erhöhen, kann die Kraft des Mekong aufgehoben werden.“

Im Februar kündigte China an, mehr Wasser aus seinen Dämmen freizusetzen, angeblich um seinen Nachbarn am unteren Flusslauf zu helfen. Gleichzeitig erklärte China, es leide an einer Dürre entlang des Lancang, obwohl die oben genannten Satellitendaten etwas anderes zeigten.

Nach Einschätzung der Wissenschaftler Alan Basist und Claude Williams hatte diese Maßnahme nur eine begrenzte Wirkung: „Die Ergebnisse zeigen, dass die Einschränkung des Wasserflusses durch die Dämme zwar Ende 2019 und Anfang 2020 sicherlich abnahm, der Abfluss aus dem oberen Becken jedoch immer noch nicht den natürlichen Wasserfluss in dieser Zeit abbilde.“

Vietnamesische Medien berichteten, dass die Freisetzung zu gering war, um überhaupt das Mekong-Delta zu erreichen, das einer eigenen historischen Dürre ausgesetzt ist, zusammen mit einem Rekord-Salzeinbruch, der teilweise auf einen Mangel an stromabwärts fließenden Sedimenten aufgrund der Dämme zurückzuführen ist.

Anrainerstaaten sollten stärker zusammenarbeiten

Marc Goichot, Leiter für Süßwasser im asiatisch-pazifischen Raum beim WWF, ist der Ansicht, dass der Aspekt der Rechenschaftspflicht für dieses Problem leicht gelöst werden kann. „Wer falsch oder wer richtig liegt, lässt sich klären. Wenn China Recht hat und nichts falsch macht, dann stellt es Daten zur Verfügung“, so Goichot. „Wenn wir keine Daten bekommen, dann ist die Sache strittig.“

Die Mekong River Commission (MRC), eine zwischenstaatliche Organisation, die mit den Regierungen von Vietnam, Kambodscha, Laos und Thailand zusammenarbeitet, überwacht den Wasser- und Sedimentfluss des Mekong, verfügt jedoch über keine Überwachungsstationen in China. Laut Goichot hat sich China lediglich bereit erklärt, der MRC, der es als beobachtendes Mitglied angehört, nur teilweise Daten zu den Wasserständen und keine Daten zu den Sedimenten mitzuteilen.

„China mag anderer Meinung sein, aber der Weg in die Zukunft besteht darin, Informationen auszutauschen.“, so Goichot. Wenn wir Echtzeitdaten oberhalb und unterhalb der Dämme hätten und Daten über den Betrieb der Dämme austauschen würden, wie wir es in vielen anderen Teilen der Welt tun, wüssten wir, was los ist.“

Der englische Originalartikel erschien in MONGABAY, News & Inspiration from Nature’s Frontline, 30. April 2020 und wurde für die südostasien redaktionell bearbeitet.

Übersetzung aus dem Englischen von: Jörg Schwieger.

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Kambodscha: Der Mekong ist eine Lebensader. Der ungleiche Zugang zu sauberem Wasser wurde während der COVID-19 Pandemie erneut deutlich. Ein Interview mit der Wissenschaftlerin Chanvoitey Horn zum Thema Wasser(un)sicherheit.

Wie steht es derzeit um Wassersicherheit im Mekong-Delta?

Das Mekong-Delta ist durch den Klimawandel, den Betrieb von Staudämmen in den flussaufwärts gelegenen Ländern und durch den vietnamesischen Staudamm im 3S-Becken (Sesan-, Sre Pok- und Sekong-Fluss) gefährdet. In Kambodscha gibt es kein richtiges Wasserkontrollsystem, so dass die Ableitung großer Wassermengen aus den flussaufwärts gelegenen Staudämmen in Kambodscha zu schweren Überschwemmungen führen kann.

Dürre kommt immer wieder vor. In der Provinz Takeo (an der Grenze zu Vietnam) sind jedes Jahr ca. 54.000 ha Reisanbaufläche betroffen, da in Vietnam Wassertore geöffnet werden, die mehr Wasser flussabwärts führen. So kommt es in Kambodscha zu Wasserknappheit für die Landwirtschaft. Das Ackerland ist auch vom Eindringen von Salzwasser betroffen. Wenn der Wasserstand im Bassac-Fluss [der größte Mündungsarm des Mekong, Anm. d. Red.] niedrig ist, fließt das aufsteigende Meerwasser zurück.

Welche Rolle spielt der Mekong im Alltag der Menschen in Kambodscha?

Der Mekong ist für alle Facetten der kambodschanischen Gesellschaft lebenswichtig. In Phnom Penh fließen der Mekong, der Bassac und der Tonle Sap zusammen.

Der Mekong dient als Binnenschifffahrtsweg, über den internationale Transporte von und zur Hauptstadt abgewickelt werden. Außerdem verdienen einige Menschen ihren Lebensunterhalt durch Flusstourismus, bei dem Kreuzfahrten auf dem Mekong Fluss verkehren und durch die Fischereigemeinden führen. Zudem gibt es Fischereidörfer entlang des Flussufers, die auf Geheiß der Stadtverwaltung von Phnom Penh umgesiedelt werden. Bis Juni 2021 wurden rund 1.600 von 1.700 schwimmenden Häusern und anderen Strukturen entlang und auf dem Fluss abgerissen.

Gibt es Unterschiede zwischen städtischen und ländlichen Gebieten?

Während der Regenzeit kann der steigende Wasserstand zu Überschwemmungen in der Stadt führen. In den Provinzen bringt der Mekong fruchtbaren Schlamm für die Felder und den Wildfischfang. Die Landbevölkerung ist stark vom Fluss abhängig, um Nahrung, Trinkwasser und ihren Lebensunterhalt zu sichern. Viele erwirtschaften ihr Einkommen durch Wildfischfang oder Aquakultur. Ebenso trägt der Fluss zu 84 Prozent zur kambodschanischen Reisproduktion bei.

Warum ist die Wassersicherheit in Kambodscha gefährdet?

Der Klimawandel verstärkt die Schwere von extremen Wetterereignissen wie Dürre und Sturzfluten. Es gibt Studien, die die Auswirkungen des Klimawandels modellieren, von der Mekong River Commission [eine zwischenstaatliche Organisation, die mit den Regierungen von Kambodscha, Laos, Thailand und Vietnam zusammenarbeitet, um die gemeinsamen Wasserressourcen und die nachhaltige Entwicklung des Mekong gemeinsam zu verwalten, Anm.d.Red.] und anderen unabhängigen Forschenden. Eines ist klar: Die Kosten türmen sich auf.

Zu den menschlichen Aktivitäten gehören unter anderem der Bau von Staudämmen, Sandabbau oder die Abholzung von Wäldern. Staudämme für Wasserkraftwerke führen zu Wasserknappheit und beeinträchtigen die Wasserqualität. Die Dürre 2019, die große Teile der von Armut betroffenen Provinzen Kambodschas austrocknete, war eine Folge des Klimawandels und der Staudammentwicklung. Der unkontrollierte Sandabbau aus Flussbetten beeinträchtigt die Grundwasserspeicherung. Die Abholzung von Wäldern kann Abflüsse erhöhen und gleichzeitig die Grundwasserneubildung verringern.

Laos, Kambodscha, Thailand und Vietnam haben bereits Staudämme zur Stromerzeugung entlang des Mekong gebaut und planen weitere. Welchen Einfluss haben diese Infrastrukturprojekte auf die Wassersicherheit in Kambodscha?

Überschwemmung und Dürre sind Formen von Wasserunsicherheit. Der Staudammbau würde den jährlichen Überschwemmungszyklus des Tonle Sap Sees verändern, überschwemmten Wald als Lebensraum für Fische verkleinern und die Vegetation im See verringern.

Der Überschwemmungszyklus ist zunehmend unregelmäßig geworden, was sich auf landwirtschaftliche Produktion und Fischerei und damit auf die Lebensgrundlage der Menschen auswirkt. Dieses macht Bäuer*innen und Fischer*innen zu schaffen. So waren bei der Sturzflut 2020 in Kambodscha über 200.000 Menschen betroffen. Häuser und landwirtschaftliche Felder wurden zerstört.

Auch Dammbrüche sind ein Problem. Einige Dammkonstruktionen sind nicht ausreichend standardisiert. Der Dammbruch 2018 in Laos war eine Katastrophe für Laos und Kambodscha. Tausende von Kambodschaner*innen wurden damals vertrieben. Außerdem stellte die laotische Regierung 2019 fest, dass zehn kleinere Dämme, die gebaut wurden, nicht dem gängigen Standard entsprechen.

Die Kosten für die Zukunft sind beängstigend. Der derzeitige Ausbau der Wasserkraft wird die Intensität der Dürre, die Verringerung des Sedimentflusses und die Veränderung der Fischwanderung verstärken.

Wie führen die regelmäßig auftretenden Überschwemmungen zu wirtschaftlichen Einbußen, Sachschäden, Krankheiten und Armut?

Überschwemmungen in Städten führen zu direkten und indirekten finanziellen Verlusten, indem sie Eigentum, Unternehmen und die öffentliche Infrastruktur beschädigen und die Produktivität verringern.

Die städtische arme Bevölkerung, die in informellen Siedlungen lebt, steht aufgrund von niedriger Wohnqualität, unsicheren Grundbesitzverhältnissen und schlecht bezahlten Jobs vor enormen Herausforderungen. Städtische Überschwemmungen verschmutzen das Wasser vor allem in Slums. Das mit Bakterien verseuchte Flutwasser kann bis zu acht Monate im Jahr stehen bleiben. Das kann die Zunahme von Dengue-Fieber, Hautkrankheiten und vielen anderen Krankheiten verursachen. Die Menschen müssen Arztbesuche aus eigener Tasche bezahlen, was sie wiederum in die Armut treibt.

Die Überschwemmungen in der Stadt im vergangenen Jahr haben gezeigt, wie destabilisierend diese Ereignisse auch für die Mittelschicht sein können. Wenn die Urbanisierung in überschwemmungsgefährdeten Gebieten fortschreitet oder sogar zunimmt, werden die Menschen neuen Risiken ausgesetzt. Die Bevölkerung wird in Zukunft einen hohen Preis für Überschwemmungen zahlen.

Welche Rolle spielt Covid-19 beim Zugang zu Wasser?

Als der Impfstoff noch nicht verfügbar war, bestand die wichtigste Maßnahme gegen Covid-19 darin, sich häufig die Hände mit sauberem Wasser zu waschen. Die arme Stadtbevölkerung, die in Bezirken 20 km vom Stadtkern Phnom Penhs entfernt lebt, hat keinen Zugang zu sauberem Wasser. Auch 77 Prozent der Bevölkerung in den ländlichen Gebieten Kambodschas haben keinen Zugang zu sauberem Wasser. Desinfektionsmittel sind unerschwinglich.

COVID-19 legt also die tiefsitzende Ungleichheit im Zugang zu Wasser in Kambodscha offen. Diejenigen, die im Zentrum von Phnom Penh leben, haben privilegierte Zugänge zu sauberem Wasser und Desinfektionsmitteln, während diese für die Armen in der Stadt und auf dem Land fast unerreichbar sind.

Warum ist Wasser-Governance wichtig für den Mekong?

Wasser-Governance ist aus vielen Gründen wichtig. Erstens verbessert es den Informationsaustausch zwischen den Anrainerstaaten. Zweitens könnten die Länder eine gemeinsame Planung, Bewirtschaftung oder Investition als Ausgangspunkt haben, um die Vorteile von nachhaltiger Entwicklung zu teilen. Drittens fördert es Gerechtigkeit und Effizienz der Wasserverteilung zwischen Ländern. Der Weg zu einem robusten Wasser-Governance-System und Mechanismen zur Beilegung von Streitigkeiten sind eine riesige Herausforderung.

Eine gute Nachricht ist, dass die Mekong River Commission kürzlich eine neue 10-Jahres-Entwicklungsstrategie und einen 5-Jahres-Strategieplan veröffentlicht hat, um einige Herausforderungen anzugehen und den Zustand des Flussbeckens zu verbessern.

Wie wird China im Mekong-Delta wahrgenommen?

Es gibt unterschiedliche Ansichten darüber, welche Rolle China im Mekong spielt. Kritiker*innen Chinas argumentieren, dass die Hilfe und Unterstützung der Lancang-Mekong-Kooperation [ein 2016 gegründetes multilaterales Forum für die Zusammenarbeit zwischen den Anrainerstaaten des Lancang/Mekong. Lancang heißt der chinesische Teil des Mekong; Anm. d. Red.] ein außenpolitisches Instrument ist. China hat die Macht, den Wasserhahn auf- oder zuzudrehen, wodurch die flussabwärts gelegenen Länder gezwungen werden könnten, Pekings Außenpolitik zu folgen. Die gesamte Speicherkapazität von Chinas Megastaudämmen beträgt 47 Milliarden Kubikmeter, was etwa 10 Prozent des gesamten jährlichen Durchflussvolumens des Mekong ausmacht; in der Trockenzeit stammen jedoch etwa 40 Prozent des Wassers im Mekong aus Chinas Abfluss.

Es gibt andere Standpunkte, die argumentieren, dass China bereit ist, sich mit anderen Anrainerstaaten auseinanderzusetzen. Dies erleichtere die Zusammenarbeit und die Diskussion zum Management der Wasserressourcen und nachhaltiger Entwicklung. China hat wenig Interesse, verbindliche Regeln zu entwickeln. Andere Anrainerstaaten haben das auch nicht. Alle Staaten bauen ihre eigenen Wasserkraftdämme. Mindestens 42 Staudämme im 3S-Einzugsgebiet werden aktuell mit wenig regionaler Koordination gebaut.

Ich persönliche denke, dass mehr Engagement von China ein gutes Zeichen ist. Die Länder könnten sich mehr in die Diskussionen einbringen. Es gibt Projekte, an denen sie gemeinsam arbeiten könnten. Um eine nachhaltige Zukunft für den Mekong aufzubauen, sollte kein Land außen vor gelassen werden.

Interview und Übersetzung aus dem Englischen von: Anna Grimminger

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Vietnam: Ngan Nguyen, 1979 in Vietnam geboren, erzählt von ihrer Verbindung zum Mekong, den gravierenden Veränderungen durch Staudämme im oberen Flusslauf und vom Klimawandel.

Der Mekong durchquert fast das gesamte Festland Südostasiens und wird oft als ‚Lebensader Südostasiens‚ bezeichnet. Er entspringt im Hochland Tibets und schlängelt sich durch China, Myanmar, Laos, Thailand und Kambodscha, bevor er schließlich im Mekong Delta in Vietnam mündet.

China hat eine beträchtliche Anzahl von Staudämmen und Wasserkraftwerken errichtet, die es dem Land ermöglichen, die Kontrolle über enorme Wasserreserven von bis zu 47 Milliarden Kubikmeter Wasser auszuüben. Die Folgen für die unteren Anrainerstaaten sind gravierend. Drastisch sind auch die Folgen des Klimawandels.

südostasien: Wie hast du es erlebt, am Mekong aufzuwachsen?

Ngan Nguyen: Ich komme aus der Provinz Đong Tháp und mein Haus befand sich neben einem kleinen Fluss. Es war ein Arm des Flusses Tien, der wiederum ein Arm vom Mekong ist. Der Ort, an dem ich aufgewachsen bin, gehört zum Mekong-Delta. Als Kind bin ich sehr oft in dem kleinen Fluss geschwommen, er war wie ein Spielplatz für meine Freunde und mich. Ich habe es geliebt, darin zu spielen. Der Fluss war immer ein Teil von meinem zu Hause.

Wir hatten dem Fluss sehr viel zu verdanken, zum Beispiel Fisch zum Essen und Wasser für die Felder. Der Fluss hat nicht nur uns, sondern mit seinen regelmäßigen Überschwemmungen und dem fruchtbaren Schlamm auch die umliegende Natur ernährt. Er war auch unser Transportweg, da wir nicht viele Straßen hatten. Mit unseren Booten konnten wir ihn als Wasserstraße nutzen.

Zeigt sich diese enge Verbundenheit auch kulturell?

Der Mekong ist unser Leben, das war schon immer so. Der Mekong heißt auch Cửu Long auf Vietnamesisch und das bedeutet übersetzt „neun Drachen“. So heißt er, weil er mit neun Armen ins Meer fließt und jeder Arm des Mekong-Deltas ist ein Drache. Für uns in Vietnam ist der Drache ein heiliges Tier und kann mit einem Gott oder König verglichen werden.

Heute haben wir leider nur noch sieben Drachen, denn ein Arm ist ausgetrocknet und einer mit Salzwasser aus dem Meer geflutet. Das ist sehr traurig für uns. Es gibt ein schönes Lied, das mich sehr berührt, da es von der Schönheit unseres Mekong Deltas handelt. Ich mache mir wirklich viele Gedanken, was die Zukunft für uns bringen wird.

Du hast das Gleichnis mit dem Drachen erwähnt und dessen kulturelle Bedeutung. An welche Rituale und Feste, die mit dem Fluss verbunden sind, erinnerst du dich?

Es gibt viele Feste im Mekong Delta. Ein sehr berühmtes ist das Oóc Om Bóc Fest, welches als Wasser- oder Mondgebetsfest übersetzt werden kann, mit Musik, Tanzen und Essen. Man feiert das Fest, um dem Wassergott und dem Erdgott für einen reichen Fischfang und eine reiche Reisernte zu danken. Wir verehren den Wasser- und den Erdgott. Als Kind hat man mir gesagt, ich dürfe keinen Schmutz in den Fluss bringen, weil dort ein Gott wohne. Und immer, wenn ich zu frech sei, bekäme ich eine Strafe von dem Gott aus dem Fluss. Mit diesem Glauben bin ich groß geworden und als Kind habe ich das nicht angezweifelt. Vielleicht kann man so verstehen, was der Mekong mir bedeutet.

Wie leben die Menschen heute am und mit dem Fluss?

Heute, 30 Jahre später, leiden wir unter Wasserknappheit und die einst häufigen Überschwemmungen sind zur Seltenheit geworden. Wir können auf unserem kleinen Fluss nicht mehr mit dem Boot fahren, weil er zu schmal und der Wasserstand zu niedrig ist. Durch die Staudämme und den Klimawandel fehlt nicht nur das Wasser, sondern auch der Schlamm, der Sand und die Steinchen, ohne die das Flussufer immer weiter abreißt und sich das Flussbecken vergrößert. Dadurch haben viele Leute ihre Häuser verloren. Die ganzen kleinen Steine, die das Flussufer halten, und auch die Nährstoffe des Wassers werden von den vielen Staudämmen im oberen Flusslauf aufgehalten.

Die Überschwemmungen waren zwar unbequem, aber sie brachten sehr viele Nährstoffe für die Pflanzen. Jetzt haben wir weniger Felder als früher, aber noch genug, um Obst, Gemüse und Reis anzubauen. Heute braucht man aber industrielles Düngemittel, weil es zu wenig ’natürliche‘ Nährstoffe im Wasser gibt. Fisch und andere Nahrung, die aus dem Fluss kommt, haben wir kaum noch. Städte, die neben dem Meer liegen, können wegen des Wassermangels kaum noch Lebensmittel produzieren und müssen zur Versorgung auf Ware aus dem Binnenland zurückgreifen.

Herrscht durch den Wegfall der Nahrung Armut?

Nein, noch gibt es keine Armut, dank der Industrialisierung. Wir können zwar weniger Produkte aus der Natur gewinnen, da die Felder und Pflanzen fehlen, aber viele Menschen haben Arbeit in den Kleidungs- und Elektronikfabriken im Umland gefunden. Da die Fabriken Besitzern aus anderen Ländern gehören, sind wir von ihnen abhängig. Das finde ich nicht nachhaltig und bereitet mir Sorgen. Sie legen die Verträge so fest, dass wir ausgenutzt werden, indem wir zu wenig Geld für die Arbeit bekommen. Es hat sich viel verändert. Wir leben in unserem kleinen Dorf sehr eng mit der Natur zusammen, das geht dadurch auch verloren, da immer mehr Leute aus unserem Dorf und aus der Natur raus müssen, um in den Fabriken zu arbeiten.

Die Hälfte aller Lebensmittel Vietnams wird im Mekong-Delta produziert. 90 Prozent des Reises wird von dort aus ins Landesinnere und in andere Länder exportiert. Wenn das im ganzen Mekong-Delta aber so weitergeht, wie an unserem kleinen Fluss, dann wird durch den Klimawandel und den Einfluss der Staudämme die Armut kommen.

Unternimmt die Regierung etwas gegen den sinkenden Wasserspiegel und den Rückgang der Produktion von ‚eigenen‘ Lebensmitteln?

Die Regierung macht hier und da etwas, aber das sind alles nur kurzfristige Lösungen. Sie plant die Landwirtschaft anders als vorher, wählt zum Beispiel andere Reissorten, die weniger Wasser brauchen und plant die Trockenzeiten aktiv mit ein. Wir bekommen Empfehlungen, die wir umsetzen können, wann welcher Reis am besten gepflanzt werden sollte. Außerdem werden an den Flüssen des Mekong, die nah am Meer liegen und mittlerweile vom salzigen Meerwasser geflutet sind, Garnelen gezüchtet. Diese brauchen im Gegensatz zu den Reisfeldern kein Süßwasser.

Die Regierung baut auch neue Kanäle oder vertieft Seen, die schon existieren, damit mehr Wasser aus den Flüssen gesammelt werden kann. Aber eigentlich sind das alles nur kurzfristige Lösungen und das führt wieder zu neuen Problemen. Gerade zu diesem Thema gibt es viele Forschungen von anderen Ländern, aber umgesetzt wird davon nichts. Die Vorstellung, dass das Mekong-Delta austrocknen könnte, bereitet mir große Sorgen. Ich hoffe inständig, dass Lösungen gefunden werden, um diese Entwicklung aufzuhalten. Wir in Vietnam und in den anderen Ländern am Mekong brauchen einen Umschwung auf politischer Ebene, etwas Großes, das uns hilft.

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Vietnam: Menschliche Nutzung und der Klimawandel haben drastische Auswirkungen auf das Mekong-Delta. Nachhaltigkeit und Anpassung an den Klimawandel sind überfällig

Das Mekong-Delta im Süden Vietnams ist ein flaches Schwemmland mit einer Fläche von 40.5 Quadratkilometern und einer Bevölkerung von 21 Millionen Menschen. Die Geländehöhe liegt meist bei nur einem halben Meter über dem Meeresspiegel.

Das Mekong-Delta ist geprägt durch die mächtigen Mündungsarme des Mekong und ein dichtes Netzwerk künstlich angelegter Oberflächengewässer – Kanäle unterschiedlicher Dimensionen. Regenzeit mit Wasserüberschuss wechselt mit Trockenzeit ohne Niederschläge. Dabei stellt die jährliche Trockenzeit eine besonders große Herausforderung für die Region dar.

Mosaike aus Teichen

An den Wasserläufen und in den Straßen im Mekong-Delta sind Wohnhäuser, Läden, kleine Betriebe, Werkstätten aufgereiht. Dazwischen liegen großflächige Reisfelder mit bis zu drei Ernten pro Jahr, Obstplantagen und bereichsweise flächendeckende Mosaike aus Teichen für die Fisch- und Garnelenzucht. Zentrum des Mekong-Deltas ist die Stadt Can Tho mit 1,3 Millionen Einwohnern.

Das Mekong-Delta ist ein Übergangsbereich zwischen Süßwasser und Salzwasser mit dementsprechend unterschiedlichen Landnutzungen. Es gibt Restbestände von Mangrovenwäldern an der Südspitze und in einigen Küstenbereichen kleinere Naturschutzgebiete mit Baum-Vegetation. Die süßwassergeprägten landwirtschaftlichen Gebiete sind – vor allem in der Trockenzeit – abhängig von Süßwasserzufuhr aus den Mekong-Armen [in der Abbildung aus dem Hậu-Fluss]. Salzwassergeprägte Gebiete werden vom Meer durch die Tide gespeist. Beide Bereiche werden durch Wehre und Schifffahrts-Schleusen möglichst voneinander getrennt gehalten.

Ständige Koordination ist nötig

Die Dynamik des Oberflächenwassers im Mekong-Delta beruht auf dem Zusammenspiel natürlicher Faktoren wie dem Abfluss in den Mekong-Armen, der Tide im Meer, dem Wechsel von Regenzeit und Trockenzeit – sowie menschlichen Eingriffen. Diese reichen von Wehren und Schleusen über die Wasserentnahme- und Ableitung aus dem Mekong in das Meer, bis hin zu einigen Wasserbauwerken. Ein Beispiel ist das 2019 neu in Betrieb genommene Wehr- und Schleusenbauwerk Cái Lớn – Cái Bé.

Eine Besonderheit ist der inselartige Bereich (Lower U Minhh) mit überwiegend Reisanbau und einem Naturschutzgebiet. Es gibt keinen Süßwasserzufluss aus dem Mekong. Er wird allein von Regenwasser gespeist, in Trockenperioden ergänzt durch Grundwasser.

Das komplexe System Mekong-Delta muss permanent koordiniert werden, damit es den unterschiedlichen Ansprüchen wie Süßwasserbedarf, Salzwasser-Zu- und Abflüsse, Trennung der Süßwasser- und Salzwasserbereiche, Erhaltung und Verbesserung der Oberflächenwasserqualität, Hochwasserschutz und Reaktion auf Extremereignisse genügt.

Zudem besteht die Aufgabe, durch internationale Zusammenarbeit zum Beispiel im Rahmen der Mekong River Kommission (MCR), vor allem in der Trockenzeit Mindestabflüsse des Mekong sicherzustellen, um eindringendes Salzwasser möglichst zurückzudrängen. Dieser Herausforderung kann in sehr trockenen Jahren nicht ausreichend entsprochen werden.

Übernutzung des Grundwassers

Die Komplexität und Dynamik des Systems Mekong-Delta ist zugleich Ursache seiner Empfindlichkeit. Interne und externe Faktoren führen vor allem in der Trockenzeit zu wachsenden Problemen. In den salzwassergeprägten Gebieten besteht ein permanenter Mangel an Süßwasser für die Trinkwasser- und Brauchwassernutzung. Daher wird verstärkt auf Grundwasser zurückgegriffen. Aber die verfügbare Süßwassermenge ist wegen geringer oder fehlender Grundwasserneubildung begrenzt.

Seit Langem findet eine Übernutzung des Grundwassers statt. Sie verursacht großflächige Bodenabsenkungen mit bis zu 2,5 Zentimetern pro Jahr. An vielen Brücken und Häusern sind diese Absenkungen erkennbar. Die Anschlüsse der Bauwerke an das umgebende Bodenniveau passen vielfach nicht mehr und müssen wiederholt nachgebessert werden. Die Bodenabsenkungen führen auch zu einer erhöhten Hochwasseranfälligkeit.

Bedrohte Wasserqualität

In den süßwassergeprägten Gebieten kommt es in Trockenperioden zu einem Mangel an Süßwasser für die Landwirtschaft und die Trinkwasserversorgung. Wenn der Mekong in Trockenperioden weniger Wasser führt, kann Salzwasser vom Meer in die Mekong-Arme eindringen, sodass bereichsweise nicht genügend Wasser für die Bewässerung und für Trinkwasser vorhanden ist.

Daneben bestehen gravierende Probleme mit der Wasserqualität durch zahlreiche Kontaminationspotenziale, zum Beispiel Mülldeponien, Tankstellen, Lagerplätze für landwirtschaftliche Chemikalien, Abwassereinleitungen in den Mekong und industrielle und gewerbliche Einleitungen in die Oberflächengewässer. Hinzu kommt die Landwirtschaft mit Düngemitteln und Pestiziden, sowie das belastete Abwasser der Fisch- und Garnelenzucht (Futtermittelreste, Medikamente). Es gibt generell zu wenig Abwasseraufbereitungsanlagen.

In vielen Gebieten gibt es in der Trockenzeit kaum Wasseraustausch in den Gewässern. Sie stagnieren und reichern sich mit den eingeleiteten Schadstoffen an. In der Regenzeit fließt das kontaminierte Wasser dann aber in die ufernahen Meeresbereiche und kann dort zu Problemen für die Flora und Fauna führen.

Die internen Probleme des Mekong-Deltas werden durch externe Einwirkungen weiter verschärft. Hierzu zählt die Wasserwirtschaft im Oberstrom (Laos, Kambodscha, China). Dortige Eingriffe in den Wasserhaushalt – zum Beispiel Talsperren – können zu verringerten Abflüssen in die Mekong Arme führen, wodurch die Häufigkeit und die Reichweite des Eindringens von Salzwasser zunimmt.

Die Auswirkungen verringerter Abflüsse im Mekong werden verstärkt durch den erwarteten klimabedingten Meerwasseranstieg. Es muss mit zukünftig weiter zunehmenden Schwierigkeiten bei der Bewässerung der landwirtschaftlichen Flächen gerechnet werden.

Akteure und Lösungsansätze

Viele vietnamesische staatliche Institutionen befassen sich mit der Wasser- und Landnutzung im Mekong-Delta: die Ministerien für Landwirtschaft, Umwelt, Bau, Planung sowie nachgeordnete Behörden und Forschungsinstitute und nicht zuletzt die 13 Provinzen im Mekong-Delta. Zudem sind zahlreiche internationale Institutionen aktiv. Überschneidungen und Defizite bei der Koordination sind erkennbar. Immerhin ermöglicht das seit 2017 geltende Planungsgesetz erstmals in Vietnam eine überprovinzielle Regionalplanung.

Der neu entwickelte Regionalplan (MDIRP 2022) befasst sich mit den zahlreichen Aspekten. Dabei ist die zukunftsfähige und umweltgerechte Planung der Nutzung Grundvoraussetzung für die Weiterentwicklung des Mekong-Deltas. Der MDIRP bietet Gelegenheit, die Problemfelder provinzübergreifend zu identifizieren, Untersuchungen gezielt durchzuführen und Maßnahmen zu koordinieren.

Zu den Hauptaufgaben gehören die ausreichende Versorgung mit Süßwasser sowohl in den salzwassergeprägten Gebieten mit Garnelenzucht als auch in den süßwassergeprägten landwirtschaftlichen Gebieten und ein wirksamer Gewässerschutz vor Verunreinigungen.

Für die salzwassergeprägten Gebiete mit Garnelenzucht werden verschiedene Konzepte diskutiert:

  • Süßwassertransfer vom Mekong (Hậu-Fluss) mithilfe von Pipelines, was bautechnisch und energetisch aufwendig ist.
  • Süßwassertransfer aus den landwirtschaftlich genutzten Gebieten, was aufgrund der Wasserverfügbarkeit und Verunreinigungen der Oberflächengewässer ebenfalls problematisch ist.
  • Grundwasseranreicherung durch Infiltration von Regenwasser: Hierfür bieten sich salzhaltige Grundwasserbereiche an, in denen das Salzwasser durch das infiltrierte Süßwasser verdrängt und dann wiedergefördert werden kann. Untersuchungen müssen zeigen, mit welchem Aufwand eine solche Untergrundspeicherung machbar ist.
  • Reduzierung der Grundwasserförderung: Süßwasser aus Grundwasser muss in erster Linie der Trinkwasserversorgung vorbehalten sein, Vermeidung von Rohrleitungsverlusten bei der Wasserversorgung, keine Nutzung für Brauchwasserzwecke.
  • Sammlung und Speicherung von Regenwasser in der Regenzeit in haushaltseigenen Tanks und größeren Reservoiren, was bereits ansatzweise, aber nicht ausreichend praktiziert wird. Problematisch ist die geringe Flächenverfügbarkeit für Reservoire. (der größte Flächenanteil wird für die Garnelenzucht verwendet), wirksamer Verdunstungsschutz und die Reinerhaltung des gespeicherten Regenwassers.

Für die süßwassergeprägten landwirtschaftlichen Gebiete werden folgende Konzepte diskutiert oder bereits praktiziert:

  • Bei erhöhten Salzgehalten temporäre Unterbrechung der Wasserentnahmen aus den Mekong-Armen: Hierfür gibt es bereits geeignete Einlassbauwerke, weitere sind geplant. Aber je häufiger und weiterreichend Salzwasser in die Mekong-Arme eindringt, desto länger dauern Unterbrechungszeiten und desto gravierender wird der Süßwassermangel.
  • Sicherstellung von Mindestabflüssen im Mekong: Wichtig wären wirksame internationale Vereinbarungen und Maßnahmen zum Wassermanagement am Oberstrom und zur Sicherstellung von Mindestabflüssen in der Trockenzeit.

Darüber hinaus wird es wichtig sein, für eine Verringerung und Vermeidung von Schadstoffeinträgen und Schadstoffanreicherungen in den Oberflächengewässern zu sorgen, mit Hilfe von:

  • Systematischer Erfassung und Bewertung der Kontaminationspotenziale sowie Maßnahmen gegen Schadstoffimmissionen: zum Beispiel Verbesserung der Abfallablagerungen, chemieärmere und ökologischere Bewirtschaftung der Reisfelder und der Garnelenzuchten.
  • Verbesserung der Abwasserreinigung für industrielle, gewerbliche und häusliche Abwässer: Dabei geht es um die Erfassung und Bearbeitung von Hot Spots ebenso wie die Verbesserung der vielen häuslichen Einleitungen in die Oberflächengewässer (zum Beispiel septic tanks verbunden mit Sammelsystemen).
  • Unterhaltung der Oberflächengewässer: Zur Vermeidung von Stagnationen und Schadstoffanreicherung in den Gewässern kann die Intensivierung der Gewässerpflege durch Baggerung von Ablagerungen beitragen.

Nachhaltige Planung als Perspektive

Das Mekong-Delta hat eine herausragende ökonomische Bedeutung für Vietnam. Zugleich ist es besonders empfindlich gegenüber externen und internen Einwirkungen. Das erfordert ein koordiniertes Vorgehen, das sich nicht an kurzfristigen Höchsterträgen, sondern an einer langfristigen, nachhaltigen Nutzbarkeit und mehr Naturnähe orientiert.

Die betrachtete Wasser- und Landnutzung bedarf eines systematischen, provinzübergreifenden Untersuchungs- und Maßnahmen-Programms mit sinnvollen Prioritäten. Die Nutzung von Regenwasser, die Reduzierung der Grundwasserförderung, die Gewässerreinhaltung und die Sicherstellung von Mindestabflüssen im Mekong sollten dabei Vorrang haben.

Unterstützend würde dabei die Verbesserung der Planungs-Kommunikation wirken. Informationen zu Problemen, Defiziten und Potenzialen, zu Zielen, Maßnahmen und erreichten Verbesserungen sollten für die öffentliche Diskussion einfacher zugänglich sein.

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Kambodscha: Klimawandel und Wasserkraftwerke bedrohen nicht nur die Flora und Fauna des Mekong, sondern auch die Lebensgrundlage von Millionen Menschen

Der Mekong, Lebensader für Millionen Menschen in Südostasien, befindet sich in einer ökologischen Krise. Unberechenbare Wasserfluten, sinkende Fischbestände und das Verschwinden der legendären Irrawaddy-Delfine bedrohen Lebensgrundlagen und Traditionen der Bevölkerung entlang des Flusses.

Der mächtige Strom bahnt sich seinen Weg durch Kambodschas nördliche Provinz Stung Treng an der Grenze zu Laos. Seine tiefen Wasserbecken beherbergen eine einzigartige Wasserfauna, darunter den riesigen Stachelrochen. Die lokale Bevölkerung lebt seit langem vom Reichtum des Flusses. Die Menschen werfen ihre Netze in den schlammigen Gewässern aus, um Nahrung und Einkommen zu erhalten.

Der 58-Jährige Phoy Vanna, Mitglied der Ökotourismus-Gemeinde Preah Rumkel, ist Augenzeuge der Krise des Mekong. Er weist auf die schwankenden Wasserstände hin, die durch den Bau von Staudämmen und den Klimawandel verursacht werden. „Diese Veränderungen vernichten die Überschwemmungswälder, die für das Ökosystem des Flusses von entscheidender Bedeutung sind“, erklärt er.

Trotz dieser Herausforderungen bleibt Vanna von der natürlichen Schönheit des Mekong begeistert. „Wasserfälle, Inseln, eine vielfältige Tierwelt – das waren schon immer unsere Schätze“, sagt er. Das Verschwinden der berühmten Irrawaddy-Delphine, die viele Touristen anzogen, sei ein enormer Verlust. „Die Staudämme und der Klimawandel haben sie vertrieben, damit fällt auch ein großer Teil unserer Einkünfte aus dem Tourismus weg“, beklagt er. In Preah Rumkel ist der Tourismus mit dem Verschwinden der Delfine um 70 Prozent zurückgegangen.

Staudämme bedrohen das gesamte Ökosystem

Mit Fischerei seinen Lebensunterhalt zu sichern, wird ebenfalls schwieriger. WDie Fischbestände schwinden wegen der Staudämme, durch illegalen Fischfang und die gestörten Wasserverhältnisse.“ Die Folgen sind gravierend. „Familien, die seit Generationen hier gefischt haben, kommen nicht mehr über die Runden“, sagt Vanna. Einige Dorfbewohner haben keine andere Wahl, als ihr Land zu verlassen und anderswo Arbeit zu suchen.

Die Zahlen der nationalen Fischereiverwaltung untermauern das. Sie verzeichnen einen Rückgang um 13,7 Prozent von 2019 bis 2020 und ein weiteres Minus von 7,3 Prozent im Jahr 2021. Phoy Vanna sieht diesen Rückgang in direkter Verbindung mit den flussaufwärts gelegenen Dämmen. „Die Staudämme bedrohen Fische, Delfine und das gesamte Ökosystem“, betont er. „Wir haben Abhilfe gefordert, aber sie haben die Felsen gesprengt und Umweltschäden verursacht, die der Tierwelt und den Menschen gleichermaßen schaden.“

Vanna weist auch auf die Untätigkeit der Regierung hin. „Die Behörden ignorieren die Einwände und setzen das Recht nicht durch“, sagt er. „Sie vernachlässigen ihre Pflicht und die Menschen leiden darunter.“

Gespräche mit Dorfbewohnern bestätigen Vannas Aussagen. Delfine gibt es in Anlong Chheu Teal seit 2022 nicht mehr. „Es wird immer schlimmer“, klagt ein Dorfbewohner. „Der Tourismus geht zurück, Ernten fallen aus und das Wasser fließt spärlich. Es ist schwer, sich den Lebensunterhalt zu verdienen.“

Das Don Sahong Hydropower Project

Seit 2020 gibt es flussaufwärts den Don Sahong-Staudamm im Süden von Laos, keine zwei Kilometer von der kambodschanischen Grenze entfernt. Wissenschaftler sehen das Gebiet als wichtige Passage für Fische im gesamten unteren Mekong-Becken.

Der Damm ist ein Gemeinschaftsprojekt der malaysischen Mega First Corporation Berhad und der Regierung von Laos. Im Jahr 2006 wurden Machbarkeitsstudien durchgeführt, 2015 erfolgte eine Vereinbarung über den Bau und Betrieb der Anlage, 2020 begann der Betrieb des Wasserkraftwerks.

Das Don Sahong Hydropower Project erzeugt 260 Megawatt Strom in einem der verzweigten Arme des Mekong im Siphandone-Gebiet im Süden von Laos. Das Projekt nutzt 15 Prozent des gesamten Mekong-Flusswassers.

Earthrights International, eine Non-Profit-Organisation für Menschenrechte und Umweltschutz, sieht im Don Sahong-Damm eine ernsthafte Bedrohung für die kommerzielle Fischerei wie auch für den Fischfang zum Eigenbedarf der Bevölkerung im unteren Mekong-Becken.

Dabei gibt es am Mekong bereits Beispiele, aus denen sich lernen ließe. Das kambodschanische Forschungs- und Entwicklungsinstitut für Binnenfischerei (IFReDI) hat in einer Studie aus dem Jahr 2012 eine Verringerung der Fischereierträge durch den Bau des Stung Treng-Staudamms aufgezeigt. Dieser Damm reduziere die Erträge an Fischen und anderen Wassertieren bis 2030 voraussichtlich um sechs bis 24 Prozent bzw. um 34.000 bis 145.000 Tonnen.

Überschwemmungen zerstören Landwirtschaft

Horm, eine 40-jährige Mutter von vier Kindern aus Koh Chheuteal Thom, hebt die lebenswichtige Rolle des Mekong für ihr Dorf hervor: „Der Fluss ist alles“. Sie weist auf die jüngsten ökologischen Veränderungen hin, mit schwankenden Wasserständen, zunehmender Hitze, überschwemmter Vegetation und Rückgang der Fischpopulationen und der Delfin- Sichtungen.

Horm sieht diese Veränderungen in direktem Zusammenhang mit dem Bau des Don Sahong-Damms. „In der Nähe des Flussufers Gemüse anzubauen ist nicht mehr möglich“, klagt sie. „Manchmal lassen sie Wasser ab und verursachen Überschwemmungen. Ich muss dann Samen kaufen und neu pflanzen, das ist ein großes Problem.“

Dem Umweltverträglichkeitsbericht der Staudamm-Investoren zufolge hat das Don Sahong Hydropower Project nur minimale Auswirkungen flussabwärts in Kambodscha und im Mekong-Delta. Das Projekt würde die Ökologie und die Ökonomie des vom Mekong gespeisten Tonle Sap und die Menge des eindringenden Salzwassers in das Flussdelta nicht beeinträchtigen, heißt es dort.

Kein Lebewesen wird verschont

Eam Sam Un, Forschungsleiter für Biodiversität beim World Wildlife Fund (WWF), beobachtet die weitreichenden Auswirkungen des Klimawandels. Dazu gehören der globale Temperaturanstieg, veränderte Wettermuster und schwankende Wasserverhältnisse des Mekong. Er stellt fest, dass sich diese Veränderungen direkt auf die Fortpflanzung, Verbreitung und Ernährungsgewohnheiten der Fische auswirken.

„Wir haben dramatische Veränderungen beim Wasserstand und der Strömung des Mekong festgestellt“, berichtet Sam Un. „Das hat zu flacheren Stellen im Fluss, höheren Temperaturen des Wassers und einer allgemeinen Beeinträchtigung von Fischen, Delfinen und anderen Arten, die vom Fluss abhängen, geführt.“

Die Großregion Mekong ist in hohem Maße vom Fluss abhängig. Er ist auch eine Fundgrube für die biologische Vielfalt, denn in nur zehn Jahren wurden über tausend neue Arten entdeckt. Der Strom beherbergt eine Vielzahl außergewöhnlicher und seltener Lebewesen, darunter der gigantische Mekong-Wels, riesige Süßwasserrochen, gewaltige Cantor-Schildkröten und Irrawaddy-Flussdelfine.

Schädliche Auswirkungen der Dämme sind bekannt

In einem Online-Webinar des Center of Khmer Studies wurden im Jahr 2022 die schädlichen Auswirkungen der stromaufwärts gelegenen Wasserkraftdämme in China und Laos erläutert. Diese Staudämme stören die natürlichen Zyklen des Mekong, verändern die wichtigen Trockenperioden der Überflutungswälder und beeinträchtigen viele Tier- und Pflanzenarten.

Ke Van Sai, 73, Dorfvorsteher von Koh Chheuteal Thom, beklagt den Verlust von Fischen und Delfinen in der Region von Preah Rumkel. Der ökologische Niedergang habe zu einem drastischen Rückgang des Fremdenverkehrs und zu wirtschaftlicher Not geführt, sodass etwa 40 Prozent der Dorfbewohner gezwungen seien, auf der Suche nach Arbeit fortzuziehen.

Van Sai vermutet geheime Absprachen zwischen illegalen Fischern und lokalen Amtsträgern. Er erklärt: „Die Leute fischen illegal, weil sie Beziehungen zu den Behörden haben. Wenn jemand diese umstrittene Verbindung kappt, würde niemand mehr wagen, das zu tun. Ich mache niemandem einen Vorwurf, aber es ist wahr.“

Yan Suntak, 69, Dorfvorsteher von Preah Rumkel, ist traurig über den Rückgang der Delfine in Anlong Chheu Teal. Er beobachtet auch das Absterben großer Bäume im Überschwemmungsgebiet aufgrund der unregelmäßigen Schwankungen des Mekong. Wechselnde Wasserstände verhindern das Wurzelwachstum und führen zum Absterben der Bäume.

Wer ist verantwortlich?

Ian Baird, Professor für Geografie an der Universität von Wisconsin-Madison in den USA, erklärt, was sich in den vergangenen Jahrzehnten durch Staudämme in China verändert hat. Sie speicherten während der Regenzeit das Wasser und ließen es in der Trockenzeit wieder ab. Dadurch komme es dazu, dass der Mekong in der Trockenzeit mehr Wasser führe. Das Mehr an Wasser schädige die Ökologie des Mekong in Kambodscha und verursache die saisonale Überflutung von Wäldern zwischen der laotisch-kambodschanischen Grenze und Stung Treng im Nordosten Kambodschas. „Das wirkt sich negativ auf viele Wasserlebewesen und auch auf die Lebensgrundlagen der Menschen vor Ort aus.“

Nach Angaben von Baird gibt es flussaufwärts am Mekong in Südchina 13 Staudämme, von denen zwei über sehr große Stauseen verfügen, die das Wasser während der Regenzeit speichern und in der Trockenzeit wieder abgeben können. So sei es nicht in erster Linie der Don Sahong-Damm, der die Flüsse und Überschwemmungsgebiete beeinträchtige. „Der Don Sahong-Damm hat ein relativ kleines Reservoir und ist nicht in der Lage, Wasser in der Regenzeit zu speichern und in der Trockenzeit wieder abzugeben. Er kann tageweise Wasserschwankungen verursachen, aber er kann nicht die saisonalen Wasserstände verändern“, sagt Baird.

Baird ist insbesondere besorgt über die Wasserstände in der Trockenzeit. „Der beste Weg, die ökologischen Auswirkungen zu mildern, wäre es, das Wasser in einer Weise abzulassen, die dem natürlichen Abfluss entspricht“, meint er.

Rückgang der Wälder

Pun Chanthyda aus der Gemeinde Preah Rumkel beobachtet einen kontinuierlichen Rückgang der Wälder und eine erhebliche Verringerung der Fischbestände. Sie führt dies auf die vermehrte Wasserflut und die ausgedehnten Überschwemmungen zurück, die das Wurzelwachstum der Bäume beeinträchtigen. „Der Wald wird überflutet, weil die Wassermengen größer sind als früher. Außerdem stehen die Bäume schon fünf Jahre lang in der Nässe. Das Flusswasser geht nicht zurück, deshalb können die Bäume keine Wurzeln schlagen“, sagt sie.

Eam Sam Un vom WWF berichtet, dass es laut einer Untersuchung im Jahr 2020 eine Population von 89 Irrawaddy-Delfinen gab. Er stellt einen Schwund bei der Zahl der Delfine und auch bei ihrem Verbreitungsgebiet fest. Sie seien eine symbolträchtige Spezies und zugleich auch ein Indikator für den Zustand des Ökosystems.

Phoy Vanna betrachtet die toten Delfinskelette, die im Tourismusbüro von Preah Rumkel ausgestellt sind. „Das ist alles, was den Touristen und unseren Kindern bleibt, die vielleicht davon träumen, einen lebenden Delfin zu sehen“, sagt Vanna.

Übersetzung aus dem Englischen von: Norbert Schnorbach

Der Artikel erschien am 26. April 2023 im englischen Original bei CamboJa News und wurde für die südostasien redaktionell bearbeitet.

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