2 | 2020, Malaysia,
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Ein Projekt zur Selbstversorgung: Chalin Food Forest

Wasserspinat-Ernte © Eric Hunt, Creative Commons Attribution-Share Alike 4.0 International

Malaysia: Permakultur ist eine Anbau- und Lebensweise, die sich nach dem Kreislauf der Natur richtet. Unsere Autorin erzählt von ihrem Selbstversuch sich mit Gemüseanbau auf dem eigenen Hof der konventionellen Lebensmittelproduktion zu entziehen.

Chalin Food Forest ist ein acht Hektar großes Gelände in Jelebu, Negeri Sembilan, etwa anderthalb Autostunden von Malaysias Hauptstadt Kuala Lumpur entfernt. Der Aufbau des Gehöfts begann im Jahr 2015. Ziel war es für die daran Beteiligten, die familiär eng miteinander verbunden sind, ein autarkes Gehöft zu schaffen. Die Idee dazu entstand aus unserem Drang heraus, uns von der völligen Abhängigkeit des komplexen Netzes aus Nahrungsmitteln, Wasser und Energie, das insbesondere in Großstädten besteht, zu befreien. Wir wollten von einem akzeptierenden zu einem aktiven Entscheidungsmodus für die Grundbedürfnisse unseres Alltags übergehen.

Permakultur
Permakultur ist ein Konzept, das darauf zielt, dauerhaft funktionierende, nachhaltige und naturnahen Kreisläufe zu schaffen. Lebensräume werden dabei als Systeme verstanden, die in der Permakultur so aufeinander abgestimmt sind, dass Menschen, Tiere, und Pflanzen zeitlich unbegrenzt existieren können und gleichzeitig die Bedürfnisse aller befriedigen. Als Systemtheorie wurde Permakultur in den 1970ern zunächst auf Landwirtschaft in Australien angewendet. Als Gründerväter gelten Bill Mollison und David Holmgren, die bei ihrer Konzeption auf bestehende nachhaltige, traditionelle Anbaumethoden in unterschiedlichen Kulturen zurückgriffen. Das Potenzial des Permakultur-Konzeptes wurde 1981 mit der Verleihung des Right Livelihood Award, des so genannten Alternativen Nobelpreises an Bill Mollison gewürdigt. In ganz Südostasien gibt es heutzutage Permakultur-Bewegungen.

Abkehr von einem ungesunden System

Bevor wir Chalin Food Forest gründeten, waren wir als vierköpfige Familie in der Stadt auf Supermärkte und Lebensmittelgeschäfte angewiesen, um uns mit Nahrungsmitteln zu versorgen. Wir wurden aufgerüttelt, als wir uns über die verschiedenen Chemikalien informierten, die für den Anbau von Pflanzen verwendet wurden, und über die unmenschlichen Praktiken, die in modernen Geflügel- und Milchviehbetrieben angewendet werden. Mit dem Wissen um die schädlichen Auswirkungen der gegenwärtigen konventionellen Ernährungspraktiken – sowohl für uns als Individuen als auch für die Erde und all ihre Bewohner – haben wir uns entschieden eine bessere und gesündere Alternative leben zu wollen.

Wir hatten zu diesem Zeitpunkt keine Kenntnisse und Erfahrungen in der Lebensmittelproduktion. Daher wandten wir uns zunächst gekauften Bio-Lebensmitteln zu, die in Malaysia teuer und nicht leicht zu finden sind. Wir haben daraufhin mit urbanem Gärtnern in unserem Betonhaus begonnen, haben Blattgemüse und Buntbarsche (Tilapia) in unserem Teich gezogen, verschiedene Methoden der Kompostierung ausprobiert und festgestellt, dass wir viel mehr tun können, wenn wir Land haben, auf dem wir arbeiten können. Malaysia ist mit viel Land gesegnet, das je nach finanzieller Situation erschwinglich ist. Wir machten uns also auf die Suche nach einem Grundstück, um unser Ziel des eigenen Anbaus von Nahrungsmitteln in die Praxis umzusetzen und wurden fündig. Unseren Hof nannten wir Chalin Food Forest.

Malaysia Selbstversorgung Permakultur

Die Hauptanbaufläche wurde mit Materialien aus dem Farmgelände gebaut. © Adibah Abd Wahab

Sorge für die Erde, Sorge für die Menschen, Sorge für die Zukunft

Wir wurden von einem engen Freund in die so genannte Permakultur – oder permanente Landwirtschaft – eingeführt. Nachdem wir das Konzept sowohl theoretisch als auch praktisch gelernt hatten, entschieden wir uns, es als Grundlage für unsere Landgestaltung zu verwenden. Für alles was wir auf der Farm konstruieren, anbauen und aufziehen, haben wir viele Beobachtungen sowie Versuche und Irrtümer gemacht. Frei nach der Devise von Masanabu Fukuoka, einem Mitbegründer der Permakultur: Die Natur aufmerksam beobachten, statt gedankenlos zu arbeiten. Wir haben viele Beispiele aus ähnlichen Regionen auf der ganzen Welt studiert und einige davon umgesetzt. Zum Beispiel haben wir einige Arten aus dem subtropischen Australien ausgewählt, um sie auf der Farm zu pflanzen. Diese Arten sind ziemlich gut gewachsen. Andererseits hielten die mobilen Zäune für unsere Hühner nur zwei Monate. Die Wildschweine, die unsere Farm besuchten, rannten sie direkt nieder.

Wenn wir begreifen, wie man mit der Natur und nicht gegen sie arbeitet, erkennen wir ein kluges und langlebiges Konzept, das Geld, Energie und Zeit spart und dennoch Überfluss produziert. Viele Leute argumentierten, dass dieser Ansatz zeitaufwändig ist und zu spät und – wenn überhaupt – nur wenig Gewinn bringt. Ich würde zustimmen. Aber darum ging es uns nicht. Die Permakultur konzentriert sich auf drei ethische Regeln: Sorge für die Erde, Sorge für die Menschen und Sorge für die Zukunft. Es wird niemals einen echten Gewinner im Streit zwischen Qualität und Quantität geben, da diese auf unterschiedlichen Ebenen liegen. Darüber hinaus sind die versteckten Kosten der gegenwärtigen landwirtschaftlichen Produktionsweise zu hoch, um sie zu ignorieren und nicht stattdessen nach besseren Praktiken zum Wohle aller Lebewesen zu streben.

Wie produzieren wir nahrhafte Lebensmittel?

Wir haben uns auf drei Hauptfaktoren konzentriert, die uns dabei helfen, auf dem Land zu produzieren. Diese Faktoren sind Wasser, Boden und Artenauswahl. Wasser ist die Basis für alle Lebensformen. Wir bemühen uns, Wasserquellen für unsere Farm zu identifizieren, damit wir besonders während der Dürreperiode genug zur Verfügung haben. Unser Standort hat den niedrigsten durchschnittlichen Jahresniederschlag im Land. Unsere Hauptquelle ist Quellwasser von einem nahen gelegenen Hügel, zwei Kilometer von der Farm entfernt.

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Ein kleiner Bach fließt durch den Chalin Food Forest. © Adibah Abd Wahab

Das Quellwasser wird zu einem Lagertank geleitet und durch die Schwerkraft auf der Farm verteilt. Wir sammeln auch Regenwasser über unsere Dächer und lagern es für Notfälle in einem 30.000 Liter Tank. Wir haben mehrere Teiche für Fische angelegt, die nährstoffreiches Wasser liefern. Deshalb eignet sich dieses Wasser hervorragend für unsere Baumschule und die Bewässerung von Gemüse und Bäumen.

Die Permakultur legt Wert auf eine kontinuierliche Bodenanreicherung mit verschiedenen Methoden. Der Boden wird als das Medium verstanden, das die biologische Grundlage bildet und die letztendlich zum Gedeihen der Pflanzen beiträgt. Deshalb ist es unerlässlich, dass wir das Bodenbiom – das Ökosystem im Erdreich – um jeden Preis schützen.

Wir vermeiden die Verwendung schädlicher Chemikalien und reichern den Boden an, indem wir unseren eigenen hausgemachten Kompost hinzufügen. Diese spezielle Kompostierung erfordert drei Hauptkomponenten – Grasschnitt und Blätter von der Farm, und Kuh- oder Ziegenmist von nahe gelegenen Höfen. Wir helfen damit auch den Kuh- und Ziegenfarmern, die Abfälle von ihren Höfen zu beseitigen, die sonst nur in nahe gelegene Bäche abfließen. Wir minimieren zudem Bodenstörungen, indem wir auf schwere Maschinen verzichten, um den Boden luftdurchlässig zu halten. Wenn wir das Bodenleben gedeihen lassen, profitieren die Pflanzen auf natürlichem Weg von einer besseren Nährstoffaufnahme, was zu einem gesünderen, nährstoffreichen Ertrag führt. Wir verzichten auf Pestizide und Insektizide. Dafür werden wir beschenkt mit einer Vielzahl von bestäubenden und räuberischen Insekten wie zum Beispiel Gottesanbeterin, Wespen, Marienkäfer, Spinnen, aber auch Vögeln.

Anbau von heimischen Arten

Obwohl es wünschenswert ist, alles anzupflanzen, was im Supermarkt gekauft werden kann, werden diese Waren oft von weither eingeflogen. Darüber hinaus handelt es sich in den meisten Fällen um Gemüse, das in einem anderen Klima als in Malaysias Tropen angebaut wird. Infolgedessen wird viel Energie aufgewendet, um die Pflanzen vor starker Sonne oder starkem Regen und häufigem Schädlingsbefall zu schützen.

Wie wir in unserem Klima und in unserer Umgebung beobachtet haben, hat der lokale Salat – in der malaiischen Sprache Ulam genannt – kaum Probleme mit Wetter, Boden und Umwelt beim Wachsen und Gedeihen. Er ist weniger anfällig für Schädlingsbefall und enthält viel mehr Nährstoffe als importierte einjährige Pflanzen.

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Gemüse aus eigener Ernte. © Adibah Abd Wahab

Wenn wir all diese Vorteile berücksichtigen, ist es effizienter, ähnliche Arten zu pflanzen, die mit minimalem Aufwand des Menschen gedeihen und Ertrag bringen, anstatt sich die Mühe zu machen, Gemüse nach Marktstandard zu produzieren. Gleichwohl haben wir auch mit dem Anbau verschiedener lokaler Gemüsesorten experimentiert und aufgezeichnet, welche in unserem Boden am besten gedeihen.

Tierfutter aus eigener Produktion

Chalin Food Forest sorgt für saubere und nahrhafte Nährstoffe für die Tiere und Pflanzen und baut beispielsweise Napiergras – auch Elefantengras genannt – für die Ziegen an. Dies ist eine der ersten Pflanzen, die wir nach unseren großen Erdarbeiten auf dem Land gepflanzt haben. Mit ihren weichen Stielen vermehrt, pflanzten wir es entlang des kleinen Baches durch unser Grundstück fließt und es ist seitdem gewachsen. So gut wir können versuchen wir, unser eigenes Futter für Hühner und Enten zu produzieren, indem wir Bananen, Papayas und lokale Zuckeräpfel pflanzen, die in der Umgebung leicht zu ziehen sind.

Wir füllen ein Fass mit übrig gebliebenen Früchten an jedem unserer Hühnergehege, in denen schwarze Soldatenfliegen nisten können. Diese Fliegen produzieren proteinreiche Larven und werden zur Delikatesse für unsere Hühner, sobald sie nach Erreichen der Reife aus dem Fass kommen. Obwohl der Kompost, den wir herstellen, hauptsächlich für unseren Kulturgarten und die Obstbäume bestimmt ist, dient er auch als Quelle von Insekten und Mikroorganismen, für die sich immer die Hühner und Enten interessieren!

Da wir auf dem Hof noch keine stetige Versorgung mit Früchten eingerichtet haben, wird der größte Teil des Geflügelfutters durch Fermentation von Kokosraspeln hergestellt, die auf großen Märkten in der Stadt zur Gewinnung von Kokosmilch ausgepresst wurden. Normalerweise bekommen wir zwei oder drei Säcke mit Kokosraspeln bei einem Wochenendbesuch auf dem Markt. Die zerkleinerten Kokosnüsse werden zuerst mit einer Mikroben-Lösung gemischt, bevor sie in ein Fass gepackt und dicht verschlossen werden, damit die Fermentierung stattfinden kann. Nach zwei bis drei Tagen ist die Fermentierung abgeschlossen und die Kokosraspel können an unsere Tiere verfüttert werden.

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Hühner und Enten auf der Nahrungssuche auf dem Komposthaufen. © Adibah Abd Wahab

Wir haben auch eine Wurmfarm, auf der wir Wurmsaft für unseren Garten und die Baumschulpflanzen sammeln. Die Blumenerde unserer Baumschule wird aus dem Sand unseres Baches, hausgemachtem Kompost und dem Kot aus dem Wurmbehälter hergestellt. Sie ist sehr fein und voller Nährstoffe und nützlicher Mikroorganismen. Auf dem Hof gibt es mehrere Areale, auf denen sich die Tiere frei bewegen können, damit sie ihre natürlichen Bedürfnisse in der Natur leben können. Wenn sie sich frei bewegen, können die Hühner und Enten an Unkraut und anderen fruchtbaren Sträuchern und Insekten knabbern. Die Nachahmung der Komplexität des mächtigen Waldes, Begleitpflanzung, die Diversifizierung der Pflanzen und das Vorhandensein dynamischer Akkumulatorpflanzen sind einige der vielen Praktiken auf dem Gelände, um den Bedarf an Pflanzen zu decken und das natürliche Abwehrsystem der Pflanze zu stärken.

Künftige Herausforderungen

Obwohl der Hof derzeit im Minimalbetrieb operiert, konnte Chalin Food Forest uns zu Zeiten seiner Produktionsspitze mit Fleisch, Eiern, Obst und Gemüse versorgen. Darüber hinaus konnten wir Gemüse und Bananen vermarkten und Einführungs- und Fortgeschrittenen-Programme zur Selbstversorgung durchzuführen. Im Moment leben wir wieder in der Stadt, da wir noch kein festes Einkommen haben, um unsere Familie und den Bauernhof zu finanzieren. Obwohl es uns schwer fällt, sehen wir darin eine Gelegenheit, über die Praktiken auf dem Hof und seinen Erhalt in der Zukunft nachzudenken.

Zum Beispiel überlegen wir, dass wir vielleicht genauso gut Kaninchen züchten könnten, wenn wir weiterhin Futter für die Hühner beschaffen müssen, da diese Pflanzenfresser sind und sich kräftig vermehren. Während unseres Aufenthalts in der Stadt hoffen wir, unser Netzwerk zu erweitern, um die Vermarktung unserer Produkte in Zukunft zu vereinfachen. Wir versuchen auch, so viel Kapital wie möglich für weitere Ergänzungen des Gehöfts zu sammeln. Chalin Food Forest ist eine großartige Abenteuer- und Lernerfahrung für uns alle und wir können es kaum erwarten, wieder voll auf der Farm zu sein.

Aus dem Englischen übersetzt von: Jörg Schwieger

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Ein Projekt zur Selbstversorgung: Chalin Food Forest

Indonesien: Der Palmölboom passiert nicht nur einfach, er wird gemacht. Das Zusammenspiel von Staat und Kapitalinteressen analysiert das Buch „Der Palmölboom in Indonesien“. Seine These: Ausgerechnet die Dezentralisierung nach dem Rücktritt Suhartos hat die Verbreitung von Palmöl begünstigt

Wer sich mit Essen und Südostasien auseinandersetzt, kommt am Thema Palmöl nicht vorbei. Durch die Politisierung dieses Öls weiß jetzt fast jede*r, dass es in unzähligen Lebensmitteln verarbeitet ist und zum Beispiel für die Produktion von Fertiggerichten wie Eis, Pizza oder Kuchen eine dominante Stellung eingenommen hat. Trotz der großen Aufmerksamkeit, die Palmöl aufgrund der damit assoziierten Zerstörung der Regenwälder in Indonesien genießt, gibt es nur wenige deutschsprachige Bücher, die sich genauer mit dieser Industrie auseinandersetzen. Der Palmölboom in Indonesien von Alina Brad füllt daher eine Lücke.

Der Untertitel des Buchs beschreibt zutreffend seinen Fokus: die politische Ökonomie einer umkämpften Ressource. Brad analysiert den Palmölboom im Kontext der historischen und politisch-ökonomischen Entwicklung Indonesiens: als Folge sowohl der langen Herrschaft Suhartos als auch der Dezentralisierung nach seinem Rücktritt 1998. Damit stellt sie den Entwicklungsdiskurs des Mainstreams in Frage, der den Boom als Ergebnis der biologischen Eigenschaften der Ölpalme (‚ertragreich’) und einer globalen Nachfrage (‚bestimmt das Angebot’) erzählt. In diesem Buch wird deutlich: der Palmölboom ist ein politisches Projekt, das machtpolitisch eng mit Militär, Kapital und Staat in Indonesien zusammenhängt.

Machtstrukturen bestimmen den Umgang mit der Natur

Die Autorin kommt aus der regulationstheoretischen Schule von Uli Brand, Christoph Görg und Marcus Wissen, die mit der Theorie der „gesellschaftlichen Naturverhältnisse“ arbeiten. Diese geht von einem dialektischen Vermittlungszusammenhang zwischen Gesellschaft und Natur aus, der maßgeblich von gesellschaftlichen und ökonomischen Machtstrukturen bestimmt wird. Staatliche Regulation findet als Ergebnis von Auseinandersetzungen zwischen gesellschaftlichen Kräfteverhältnissen statt, die sich in verschiedenen Institutionen verdichten.

Aus dieser Perspektive zeigt Brad die Entstehung der Palmölindustrie in der Zeit der Neuen Ordnung [Suharto-Diktatur 1965 – 1998]. Große Konglomerate, die unter Suharto mächtig geworden sind, dominieren den Palmölsektor bis heute. Hinzu kommen große malaysische Unternehmen wie Wilmar, sowie eine rege Beteiligung ausländischer Banken und internationaler Finanzinstitutionen wie der Weltbank. Mit der Schaffung eines globalen Marktes für Agrotreibstoffe entstand eine regelrechte Goldgräberstimmung, die die Expansion vorantrieb. So führte der Rücktritt Suhartos 1998 nicht zum Ende sondern zur Intensivierung des ‚extraktivistischen Entwicklungsmodels’.

Verflechtungen von Staat und Kapital

Der Boom findet nicht einfach statt, sondern er wird gemacht. An verschiedenen Stellen im Buch wird deutlich, dass die Kräfteverhältnisse im Staatsapparat zugunsten des Kapitals ausfallen. Ob bei der gezielten Zurückdrängung des traditionell verwendeten Kokosöls (vgl. Artikel Die Kokospalme – eine aussterbende Art? auf suedostasien.net) oder beim staatlich subventionierten Ausbau der Agrotreibstoffindustrie – Palmöl wird als Entwicklungsmodell gefördert. Besonderes Augenmerk legt das Buch aber auf diese Verflechtungen zwischen Staat und Kapitalinteressen bei der Gestaltung der territorialen Expansion der Industrie. Brad verwendet hier den Begriff der „Territorialisierung“ und meint damit die räumlichen Strategien, die von staatlichen Institutionen entwickelt werden, um Naturressourcen und Menschen zu kontrollieren und zu regulieren. Wenn also mehr Plantagen angelegt werden, dann ist das nicht nur eine Vergrößerung von Fläche, sondern diese Plantagen werden mit Hilfe von Eigentums- und Zugangsrechten, Landgesetzen, Raumplanungen und Umweltverordnungen durchgesetzt.

Die palmölverknüpfte Territorialisierung hat dabei zwei Momente, die in Zusammenspiel zu einer spezifischen, räumlichen Ausprägung der „Verdichtung von Kräfteverhältnissen“ führen. Zum einen kontrolliert der Staat seit der holländischen Kolonialzeit zentral die Land- und vor allem Waldressourcen. Auch heute noch hat der Staat das Sagen über 70% des Grund und Bodens in Indonesien. Zum anderen kam es im Zuge von reformasi [politische ‚Öffnung’ nach Ende der Diktaturzeit] zu einer Dezentralisierung der Lizenzvergabe an die bupati, die Vorsteher der jeweiligen Regierungsbezirke, was diese nutzten, um lukrative Deals mit Palmölunternehmen einzugehen. Eine Stärke des Buches ist die genaue Analyse der landrelevanten Gesetze sowie der Widersprüche zwischen verschiedenen Verwaltungsinstitutionen und -einheiten.

Fallbeispiel: Batin Sembilan in Jambi

Als Fallbeispiel für diese Territorialisierung dient die ethnische Gruppe der Batin Sembilan in Jambi auf Sumatra. Während der Suharto-Zeit hat ein Plantagenunternehmen des Militärs das traditionelle Land [Adat-Land] dieser indigenen Gruppe für die Palmölproduktion enteignet. Zwar konnten die Batin Sembilan nach 1998 die Rückgabe ihres Territoriums fordern. Doch mit der Liberalisierung des Sektors übernahm der transnationale Konzern Wilmar die Plantage und nutzte seinen Einfluss auf die lokale Regierung auf der Landkreis-Ebene, um die Gruppe zu spalten. Der Konflikt eskalierte, als die paramilitärische BRIMOB eingesetzt wurde, um Bauern aus dem Gebiet zu vertreiben. Danach verkaufte Wilmar die Plantage erneut, um sein Image beim Roundtable on Sustainable Palm Oil (RSPO) des WWF nicht zu gefährden. Die Landnahme wird nun von anderen – nicht zertifizierten – Firmen weiterbetrieben.

Eine gute Einführung auf wissenschaftlichem Niveau

Zusammen mit dem Buch Umkämpfte Natur: Politische Ökologie der Palmöl- und Agrarstreibstoffproduktion in Südostasien von Melanie Pichler ist Der Palmölboom in Indonesien eine der besten deutschsprachigen Einführungen zum Thema Palmöl. Das Buch ist das Ergebnis einer Doktorarbeit, die auf Forschung in Indonesien, vor allem in Jambi, beruht. Das Niveau ist entsprechend hoch. Wer eine anspruchsvolle und sozialkritische Analyse bekommen möchte, ist hier genau richtig. Dazu kommt, dass das Buch als open source- Veröffentlichung zum Herunterladen bereitsteht, auch kapitelweise.

Wer sich für eine theoretische Diskussion von Natur und Raum interessiert, dem sei Kapitel 2 besonders empfohlen. Wer die geschichtliche und rechtliche Entwicklung der Landgesetzgebung nachlesen möchte, kann Kapitel 3 dazu nehmen. Sonst kann man aber auch direkt das Kapitel zur Politischen Ökologie des indonesischen Palmölbooms herunterladen, das die Verflechtung zwischen Zentralisierung und Dezentralisierung bei der Territorialisierung der Palmölproduktion analysiert.

Rezension zu: Alina Brad. Der Palmölboom in Indonesien. transcript Verlag, 2019, 206 Seiten.

Zum Weiterlesen:

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Ein Projekt zur Selbstversorgung: Chalin Food Forest

Südostasien: Vielen Menschen fehlt es noch immer am sicheren Zugang zu Lebensmitteln – ganz besonders Frauen und Kindern. Das Buch „Ensuring a Square Meal“ beleuchtet, welche Rolle Frauen für eine ausreichende Ernährung ihrer Familien spielen können – innerhalb sowie auch außerhalb der Familie.

Kürzlich wurde der Welternährungsbericht 2020 der Vereinten Nationen veröffentlicht. Eine der Hauptbotschaften ist: Die Zahl unterernährter Menschen steigt weiter an, vor allem in Asien. Die Gründe dafür sind vielfältig: Konflikte, extreme Klimasituationen, Wirtschaftskrisen. Durch die COVID-19-Pandemie, so der Bericht, drohe die Zahl der Hungernden weiter anzusteigen.

Lebensmittelkrisen gab es bereits in den Jahren 2008/2009 und 2012 – ausgelöst durch steigende Preise. Schon diese Krisen verschärften die Disparität zwischen Regionen in Südostasien, die vom schnellen wirtschaftlichen Wachstum der frühen 2000er Jahre profitierten, und jenen, auf die sich diese positiven Impulse nicht übertrugen. Obwohl einige Regierungen Mechanismen für Ernährungssicherung und nachhaltige Landwirtschaft etabliert haben, so bleibt doch die Gefahr von stark ansteigenden Preisen in einer unsicheren globalen Wirtschaftslage bestehen – auch darauf verweist der aktuelle Welternährungsbericht.

Frauen in den Fokus rücken

Aufgrund dieser Erkenntnis veranstaltete das Institute of Southeast Asian Studies (ISEAS) in Singapur bereits 2011 eine Konferenz, die sich mit der Rolle von Frauen für eine sichere Ernährung beschäftigte. Das Kompendium Ensuring a Square Meal: Women and Food Security in Southeast Asia ist eine Sammlung der Beiträge dieser Konferenz. Herausgegeben wurde das Buch von Theresa W. Devasahayam, die zu dieser Zeit in der Geschlechterforschung des ISEAS arbeitete und die Ungleichheit von Frauen im öffentlichen und privaten Raum untersuchte.

Im einleitenden Kapitel beschreibt die Herausgeberin, warum es notwendig ist, Ernährungssicherung in Südostasien aus Perspektive der Geschlechterforschung zu betrachten und richtet damit den Fokus auf ein bisher kaum erforschtes Gebiet. Dabei identifiziert Devasahayam ein wichtiges Paradox: Zusammen mit Kindern sind Frauen am meisten gefährdet, nicht genügend Nahrung zu erhalten. Gleichzeitig tragen sie aber signifikant zur Ernährung ihrer Familien sowie zur wirtschaftlichen und landwirtschaftlichen Entwicklung bei.

Überfälliger Perspektivenwechsel

In Südostasien leisten Frauen ungefähr 50 Prozent der landwirtschaftlichen Arbeit, wobei Devasahayam mit einer höheren Dunkelziffer rechnet, da die Arbeit von Frauen häufig als ‚Zuarbeit’ angesehen und deswegen nicht statistisch erfasst werde. Die Arbeit der Frauen sei zudem nicht nur bedeutend für die Produktion von Lebensmitteln sondern auch für deren Handel. Ihr Einkommen ermächtige Frauen dazu, Entscheidungen auf Haushaltsebene zu treffen, wie zum Beispiel zu Bildungsinvestitionen für die Kinder oder auch um lokale Wirtschaftsnetzwerke wie zum Beispiel Handelskooperativen zu fördern. Fallstudien zeigen außerdem, dass Frauen ihr Einkommen eher zum Wohlergehen der gesamten Familie einsetzen als Männer.

Warum haben Frauen trotzdem keinen sicheren Zugang Lebensmitteln? Als Gründe führt Devasahayam die allgemeine Lebensmittelknappheit an, den Mangel an Kaufkraft und die Zugangsbeschränkungen zu fruchtbarem Land. Diese Ressourcenprobleme haben auch Männer in Entwicklungsländern, für Frauen kommen jedoch strukturelle, politische, kulturelle und soziale Faktoren erschwerend hinzu. Beispielsweise seien häufig nur Männer die Zielgruppe von technischen Weiterbildungen und Wissenstransfer in der landwirtschaftlichen Entwicklung.

Die Beiträge des Buches arbeiten diese erschwerenden Faktoren heraus und verdeutlichen sie anhand von Fallbeispielen und wissenschaftlicher Literatur. Die Autor*innen stellen grundlegende Fragen zur Chancengleichheit auf Landbesitz, zu den Zugangskriterien zu landwirtschaftlichen Ressourcen und Services, zur Möglichkeit der wirtschaftlichen Organisation und Teilnahme an Programmen, zur Evaluierung von Gesetzgebungen und eben zu der Rolle, die Frauen in der Ernährungssicherung auf allen Ebenen spielen. Diese Leitfragen werden nicht nur im Hinblick auf die strukturelle Dichotomie zwischen Männern und Frauen analysiert sondern auch im Kontext der Sphären privat und öffentlich sowie der Annahme, dass es Überlappungen beider gibt.

Frauen ermächtigen und Ernährung sichern – Fallbeispiele

Das zweite Kapitel gibt einen Überblick über Definitionen, Annahmen und Bereiche, die die Ernährungssicherung beeinflussen. Die weiteren Artikel widmen sich überwiegend konkreten Beispielen aus Indonesien, Vietnam, Malaysia und den Philippen. Dabei werden verschiedene Lebensrealitäten betrachtet, wie zum Beispiel der Einfluss von Palmölplantagen auf Landrechte in Indonesien oder der Fakt, dass sich in Vietnam Maßnahmen zur Ernährungssicherung durch Reisanbau häufig ausschließlich an Männer richten, obwohl Männer und Frauen die Entscheidungen zur Produktion von Reis gemeinsam treffen.

Eine weitere Studie aus Vietnam zeigt, dass es dem Wohlergehen der Familie und ganz besonders der Ernährung der Kinder dient, wenn die Frauen gestärkt werden. Erforderlich sei dafür, dass Frauen die Möglichkeit haben, außerhalb des eigenen Haushalts zu arbeiten, um etwas dazuzuverdienen.

Ein anderes Beispiel aus Indonesien beschäftigt sich mit Frauen, die in Singapur arbeiten und dadurch indirekten Einfluss auf die landwirtschaftliche Entwicklung haben. Zwar betrachten die Frauen selbst die landwirtschaftliche Arbeit als wenig lukrativ und arbeiten deshalb für ein festes Einkommen im Ausland. Durch das Geld, das sie aber nach Hause schicken, tragen sie jedoch maßgeblich zur Ernährungssicherung und den landwirtschaftlichen Aktivitäten ihrer Familien bei.

Wissenschaftlich fundiert, doch leider nicht aktuell

Die Beiträge in den zehn Kapiteln dokumentieren wissenschaftlich fundiert den aktiven und großen Anteil, den Frauen an der Sicherung der Ernährung für ihre Familie und ganzer Dörfer haben. Gleichzeitig arbeiten die Beiträge auch heraus, an welchen Stellen Frauen strukturell benachteiligt werden, was wiederum dazu führt, dass ihnen die Werkzeuge fehlen, Lebensmittel zu produzieren, zu handeln und sich zu vernetzen.

Erwähnt sollte auch werden, dass die Beiträge des Buches vor inzwischen neun Jahren entstanden sind. Auch wenn der überwiegende Teil der Erkenntnisse vermutlich weiterhin relevant ist, wäre es wünschenswert, in dem Buch auch aktuellere Entwicklungen und Lebensrealitäten zu finden.

Trotzdem kann das Buch als deutlicher Appell an Entscheidungsträger*innen in Regierungen oder Projekten der Entwicklungszusammenarbeit gelesen werden, Frauen zu fördern und es ihnen zu ermöglichen, die Versorgung mit Lebensmitteln für ihre Familien sicherzustellen. Das würde einiges zur Armutsreduzierung beitragen.

Trotz der sozialwissenschaftlichen Natur des Buches ist es anschaulich und gut lesbar geschrieben. Das macht es nicht nur für Wissenschaftler*innen und Praktiker*innen im entwicklungspolitischen und politikgestaltenden Bereich zu einer spannenden und erkenntnisreichen Lektüre. Gleichzeitig zeigen die Ausführungen wieder einmal, wie signifikant und dennoch unterbeleuchtet die Rolle von Frauen in allen Entwicklungsbereichen eines Landes oder einer Region ist – und wie diese gleichzeitig durch die patriarchale Dichotomie unterminiert wird.

Rezension zu: Theresa W Devasahayam (Hg). Ensuring a Square Meal: Women and Food Security in Southeast Asia. World Scientific, 2018, 264 Seiten.

Dieser Artikel erschien zunächst in der südostasien Ausgabe 3|2020 – #SOAToo. Sexualisierte Gewalt und feministische Gegenwehr in Südostasien und ist Teil der südostasien – Sonderausgabe Buchmesse

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2 | 2020, Malaysia,
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Ein Projekt zur Selbstversorgung: Chalin Food Forest

Myanmar: Insekten als Nahrungsmittel haben in Myanmar Tradition. Bisher werden sie vor allem in der Natur gesammelt. Die steigende Nachfrage lässt die natürliche Insektenpopulation schrumpfen. Insektenzucht wäre eine nachhaltige Möglichkeit, den Insektenkonsum zu decken.

Insekten sind schmackhaft, nahrhaft und inzwischen auch in Europa in aller Munde. Sie sind kein arme Leute Essen, wie manch einer vermuten mag, sondern beliebt quer durch alle sozialen Schichten. Wer Insekten isst, wie sie gefangen und zubereitet werden und warum Insekten in Myanmar populär sind und weiterhin an Beliebtheit gewinnen, wird hier nachgegangen.

Spätestens seit 2018 die Novel Food Verordnung der Europäischen Union in Kraft trat und Insekten somit offiziell auch in Europa zu den (neuartigen) Lebensmitteln zählen, sind viele Europäer*innen neugierig mal eine Portion Grillen-Pasta oder Insektenmüsli zu probieren, um mitreden zu können oder auf einer Party die Gäste mit kleinen Insekten-Snacks herauszufordern. In weiten Teilen Südostasiens hingegen lehnt man sich da entspannt zurück, denn dort gibt es eine lange Tradition des Speiseinsektenkonsums als selbstverständlichen Teil der Nahrungskultur.

Insekten aus der Natur

Im ländlichen Raum Myanmars werden Insekten in der Natur gesammelt und als Teil einer normalen Mahlzeit oder auch als Snack zubereitet und gegessen. Die Frage, ob bei jungen Leuten Insekten eher als rückständig eingestuft würden und vorrangig in der älteren Generation beliebt seien, wurde von den Interviewpartnern*innen in Kengtung, im Osten Myanmars an der Grenze zu Thailand, verneint. Vielmehrberichteten sie, dass Kinder und Jugendlichen niemals eine Insektenmahlzeit verschmähen würden und dass Insekten oft zum Lieblingsessen zählen.

Die beste Saison für Insekten ist die Regenzeit, wenn es heiß und feucht ist. Je nach Jahreszeit kommen Riesengrillen, Bambusbohrerlarven oder Wasserkäfer auf den Tisch. Die Kleinbäuer*innen wissen genau, welche Insekten sie zu welcher Zeit des Jahres finden können. Aber auch im urbanen Raum lässt sich mit Essinsekten gutes Geld machen. Somit findet man auf Märkten zur Saison bergeweise Riesengrillen, die entweder direkt mit Salz und Öl in der Pfanne angebraten oder für die Zubereitung zu Hause gekauft werden. Außerdem gibt es auf den Märkten Hornissen/Wespenlarven (meist gemischt), Zikaden, Wasserkäfer, verschiedene kleine Grillenarten, Larven von roten Palmrüsselkäfern, Seidenraupenpuppen und andere Delikatessen zu kaufen.

Es ist auch kein ungewöhnliches Bild, sondern eher Teil des aufflammenden Trends in den Bars junge Menschen eine Portion Riesengrillen zu ihrem Bier essen zu sehen. Diese hochwertigen Proteinquellen sind aber keineswegs erschwinglicher als Fleisch oder Fisch, sondern eher hochpreisig. Auch im einen oder anderen vor allem chinesischen Restaurant, werden Insekten angeboten. Sie werden meist mit Salz und Öl, zum Teil auch mit anderen Gewürzen, angebraten und heiß serviert.

Verarbeitete Produkte gibt es bisher keine. Die Konsument*innen, die Insekten essen, erklärten, dass das ganze Insekt den sensorischen Reiz ausmache und es ohne knusprigen Körper im Mund nur das halbe kulinarische Vergnügen sei. Bisher stammen fast alle Insekten aus der Natur und werden mit verschiedenen Techniken gesammelt. Sie werden von Pflanzen abgesammelt. In Bambusstämme werden ca. fünf cm große Löcher gehackt, um die Larven der Bambusbohrer zu erreichen oder große Lichtfallen werden mit Wasserbecken aufgestellt, um Riesengrillen anzulocken. Produzierte Insekten sind fast ausschließlich aus Thailand oder China importiert. Aber inzwischen gibt es auch zwei Hände voll Pioniere, die meist kleine Grillenarten züchten und Eier aus Thailand beziehen.

“Ich esse keine Insekten, ich esse nur Riesengrillen” – wer sind die Insektenkonsument*innen?

“Ich esse keine Insekten, ich esse nur Riesengrillen” war ein häufig gehörter Satz während der Grundlagenforschungsreise eines Insektenprojektes in Zentralmyanmar. Er verweist auf die Tatsache, dass die prominenteste ethnische Gruppe im Land, die Bamar (69 Prozent der Bevölkerung), traditionell nur wenig Insekten isst und vor allem dem aktuellen Riesengrillen-Trend folgt. Diese Grillenart ist ungefähr daumengroß und nur in freier Wildbahn zu finden, da sie sich nicht für die Produktion eignet. Sie erfreut sich höchster Beliebtheit im gesamten Land und man könnte meinen, dass sie dabei ist, sich den Status des nationalen Ess-Insektes zu erwerben.

Die größte Vielfalt an konsumierten Essinsekten gibt es in den bergigeren Regionen des Landes und den Grenzregionen zu Thailand und China. An der Küste hingegen – wo es Proteinquellen aus dem Meer im Überfluss gibt – werden weniger Insekten gegessen. Aber auch dort finden sich Riesengrillen oder Larven des roten Palmrüsselkäfers auf den Märkten.

Das Essinsekt erweist sich auf den ersten Blick als verbindendes Nahrungsmittel zwischen verschiedenen sozialen Schichten. Wer allerdings keinen Zugang zu gesammelten Insekten aus der Natur hat, braucht das nötige Kleingeld. Eine Portion geröstete Riesengrillen (50 Stück) am Straßenstand kostet umgerechnet 4,40 Euro, eine Portion Seidenraupen (50-70 Stück) mit Knoblauch und Kräutern angemacht kostet im Onlinehandel umgerechnet 2,90 Euro.

Zum einen spielt die ethnische Herkunft eine Rolle für das Insektenschlemmen. Als Beispiel dafür ist in der Grenzregion die ethnische Gruppe der Pa-O besonders bekannt für ihre Liebe zu Essinsekten. Zum anderen entscheidet auch die Religionszugehörigkeit darüber, ob Insekten auf die Teller kommen oder nicht. Unter Muslimen und Hindus gelten Insekten als unreine Nahrungsmittel und werden meist abgelehnt. Die Anhänger*innen des buddhistischen Glaubens hingegen lehnen nur die Massentötung von Tieren inklusive Insekten ab, da sie als schlecht für das Karma gilt. Somit ist es nicht überall einfach, die Insektenproduktion als nachhaltige Alternative zum Sammeln anzupreisen.

Wertschöpfungsketten und Insektenmärkte

Viele der befragten Händler*innen, die im Insektensektor arbeiten, sind Frauen, die vorher Gemüse oder andere landwirtschaftliche Produkte vermarktet haben oder diese weiterhin parallel vermarkten. Insekten sind zwar die sehr viel lukrativere Einkommensquelle, aber je nach Art nur ein saisonales Produkt. Auf dem Markt der Hauptstadt des Shan Staates, Taunggyi, dem der Ruf des Essinsektenstaates Myanmars vorauseilt, gibt es auch als konserviert angepriesene Insekten. Diese sind meist einfach gebraten und in Plastikgläser verpackt worden. Die Haltbarkeit und Nahrungsmittelsicherheit sind bei diesem Verfahren allerdings fragwürdig.

Die Wertschöpfungsketten im Insektensektor sind teilweise kurz und auf die lokalen Märkte beschränkt, für einige Insekten verlaufen sie aber auch quer durchs Land oder über Ländergrenzen hinweg. Insbesondere für Riesengrillen existieren Groß- und Zwischenhandel. Aber auch die chinesischen Händler*innen in Rangun beziehen Seidenraupen aus China, die Händler*innen in der Grenzregion zu Thailand Ware aus der Grenzstadt Tachileik oder naheliegenden Städten in Thailand.

Die Händler*innen sind meistens Familienunternehmen, in denen jedes Familienmitglied seine Rolle hat. Ein Großhändler aus Mandalay verbringt oft den Oktober und November in Shwegu, im Kachinstaat und in Katha in der Sagaing-Region, von wo er seine Riesengrillen in großen Mengen bezieht. Dort friert er die Vorräte bei Verwandten in großen Gefriertruhen ein und lässt sich diese immer in Kühlboxen auf Eis nach Mandalay liefern, so dass die Konsument*innen sie für frisch gesammelt halten. Während er und sein Sohn vor Ort dafür sorgen, dass ausreichend Grillen gefangen und eingefroren werden, betreibt seine Frau das Business in Mandalay und versorgt die kleinen Händlerinnen täglich mit Grillen für ihre Straßenstände.

Der Druck auf Insektenpopulationen steigt durch urbanen Konsum

Die Händler*innen und Insektensammler*innen beklagten, dass die Verfügbarkeit der Insekten zurückginge und sie immer weiter reisen müssten, um in der Wildnis an ausreichend Insekten zu kommen. So berichtete einer der wichtigsten Großhändler von Riesengrillen aus Mandalay, dass er vor zehn Jahren in der Gegend um Mandalay und aus dem 1,5 Stunden entfernten Pyin Oo Lwin ausreichend Insekten fangen konnte. Inzwischen müsse er aber 7-8 Stunden in den Norden von Myanmar reisen, um überhaupt Insekten zu finden und der steigenden Nachfrage gerecht zu werden. Die Insektenpopulationen stehen unter Druck und schrumpfen durch den steigenden urbanen Konsum und fehlende Kontrollen des Sammelns. Insbesondere die Weibchen vieler Insektenarten, die Eier im Bauch tragen, erzielen höhere Preise und gelten als besonders schmackhaft. Diese Praktiken aber dezimieren die Insektenpopulationen noch mehr.

Fehlende politische Unterstützung

Die Produktion von essbaren Insekten eine interessante und nachhaltige Möglichkeit, den Insektenkonsum der Bevölkerung zu decken. Bisher aber fehlt vielen burmesischen Kleinbäuer*innen oder Kleinunternehmer*innen die Vorstellung davon, dass Insekten sich produzieren lassen, und gleichzeitig eilt den Insekten aus der Natur der Ruf voraus, von höherer Qualität zu sein.

Während in Thailand die Regierung durch den Aufbau von Trainingszentren und Trainingsreihen mit Produzent*innen und Konsument*innen Wissen über Essinsekten näher gebracht hat oder junge Unternehmer*innen sich über YouTube und andere soziale Medien das nötige Wissen zugelegt haben, hängen interessierte burmesische Kleinbäuer*innen und Unternehmer*innen noch in der Warteschleife. “Uns fehlt das Wissen und Kapital, um Insekten zu produzieren” äußerte ein interessierter Bauer aus Knegtung während einer Diskussionsrunde. Die Sorge, dass es keinen Markt gäbe, gibt es hingegen nicht.

Bisher gibt es kaum Unterstützung von Regierung oder Beratungsdiensten, da auch hier das Potenzial von Insekten in der Ernährung und als Einkommensquelle eher unbekannt ist. Das ProciNut-Projekt des deutschen Landwirtschaftsministeriums am Zentrum für Entwicklungsforschung versucht, die Idee und Vorzüge sowie Techniken der Produktion lokaler und typischer Insekten zu verbreiten und auf Policy-Ebene Bewusstseinsbildung zu betreiben. Auch im Bereich Verarbeitung gibt es viel ungenutztes Potenzial. In der burmesischen Küche ist es üblich, als Würze Garnelenpulver auf fast jedes Essen zu streuen. Dies könnte auch durch Grillenmehl oder andere Insektenmehle ergänzt werden.

Eine Plastikbox und Gemüseabfälle – so einfach ist die Insektenproduktion

Die Insektenproduktion kann relativ simpel sein. Für einige Insektenarten genügen Plastikboxen, Gemüseabfälle und etwas proteinreiche Nahrung für die Elterngeneration sowie ein Medium für die Eiablage. Wer aber die beliebte und schmackhafte Riesengrille produzieren möchte, muss auf Fortschritte in der Forschung warten. Momentan ist ihr Lebenszyklus zu lang und die natürlichen Lebensbedingungen sind schwer nachzubilden, um eine wirtschaftliche Produktion zu erzielen.

Die Feldforschung, auf der dieser Artikel basiert, wurde vom deutschen Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) auf der Grundlage des Beschlusses des Parlaments der Bundesrepublik Deutschland finanziell unterstützt.

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2 | 2020, Malaysia,
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Ein Projekt zur Selbstversorgung: Chalin Food Forest

Timor-Leste – Traditionelle einheimische Lebensmittel sind in Timor-Leste in Vergessenheit geraten. Dabei ist traditionelle Nahrung gesund, ökologisch und Teil der Identität, und kann zur Ernährungssicherheit beitragen.

Osttimor, oder Timor-Leste, ist ein abgelegenes Land in Südostasien. Auf eine fast 500 Jahre dauernde Kolonisation durch Portugal folgten 24 Jahre brutaler militärischer Besetzung durch Indonesien. Nicht zuletzt dank der weltweiten solidarischen Unterstützung wurde Timor-Leste am 20. Mai 2002 eine unabhängige Nation. Doch die junge Nation war schwer gezeichnet: rund 180.000 Menschen waren an den Folgen des Krieges gestorben und etwa 80 Prozent der Infrastruktur des Landes wurden beim Rückzug Indonesiens 1999 zerstört.

Mit einheimischen und natürlichen Nahrungsmitteln konnten sich viele Menschen während der indonesischen Besatzungszeit ernähren. Die Mitglieder der Guerilla Falintil und die vielen Osttimores*innen, die diese in den Bergen unterstützten, litten Hungern und Unterernährung. Die lokalen Nahrungsmittel halfen ihnen dabei zu überleben, auch wenn das Wissen über die Zubereitung teilweise verloren gegangen war und die falsche Zubereitung auch für einige mit Vergiftungen einhergingen.

Essen heute

Der Botschafter der Europäischen Union in Timor-Leste, Andrew Jacobs, erklärte, dass „viele Kinder nicht das nahrhafte Essen und die Gesundheitsfürsorge erhalten, die sie brauchen“. Dies schadet nicht nur den Kindern selbst, sondern hat auch negative Auswirkungen auf die Gesellschaft“ (Antonio Sampaio 2020, Timorese government starts research on food and nutrition in the country, Antonio Sampaio (Lusa), 3 June, retrieved 18 June 2020).

Unter den ASEAN-Staaten (Verband Südostasiatischer Nationen Anm. d. Red.) haben Kinder in Timor-Leste unter fünf Jahren das höchste Risiko für Unterernährung. Laut Generaldirektion des Staates sind 46 Prozent der Kinder unter fünf Jahren fehlentwickelt (Stunting), 24 Prozent der Kinder sind stark untergewichtig (Wasting). Die Häufigkeit von Übergewicht beträgt 6 Prozent [1].

Dies ist darauf zurückzuführen, dass ihre Ernährung nicht über genug Nährstoffe verfügt. Ebenso ist Ernährungsunsicherheit ein Faktor, der die Gesundheit von Kindern und vieler erwachsener Menschen in Timor beeinträchtigt.

Im indigenen Australien, in Tonga und anderen Pazifikinseln sorgen einheimische und lokale Nahrungsmittel für eine gesunde Ernährung. Auch Timor-Leste sollte im Kampf gegen die hohe Unterernährung auf einheimische Lebensmittel als Nahrung zurückgreifen. Leider hat die Globalisierung negative Auswirkungen auf die Ernährung im Land. „Viele Menschen neigen heute dazu, die lokalen Nahrungsmitteln links liegen zu lassen. Sie kommen nicht mehr auf den Teller und sind somit den Kindern fremd“, erklärt meine Avo (Großmutter) Joana Guterres.

Avo Joana Guterres stammt aus Venilale bei Baucau. Sie ist alleinerziehende Mutter von drei Kindern. Im Kreise einiger Nichten und Neffen war es faszinierend ihre Geschichten über unsere Nahrungsmittel und über das, was sie in Kriegszeiten gegessen haben, zu hören.

Essen während des Kriegs

Sie erklärte: „Es gab vier lebenswichtige Nahrungsmittel, die mich und meine Familie während des Krieges gerettet haben. Es sind gesunde, essbare Wildpflanzen. Wir hatten kein Geld, um Lebensmittel zu kaufen. Ich war dankbar, sie zu haben, um so meine Kinder und mich ernähren zu können.“

Mit traurigem Gesichtsausdruck erzählt sie von ihren Erfahrungen während des Krieges: „Während des Widerstandskampfes [Besatzung durch Indonesien 1975-1999, Anm. d. Red.] haben viele Menschen, darunter Ältere, Jugendliche und Kinder, nicht überlebt, weil sie nicht genug zu essen hatten. Wir aber aßen Maek (Knolle), Lehe (Bohnenart), Kali’i, Uhi (Süßkartoffeln), Koto-moruk (wilde, giftige Bohne) und einige andere Lebensmittel, um uns zu retten.

Maek, Uhi, Kali’i, Koto-moruk, Fehuk (Art von Kartoffel), Aifarina (Kassava) sind wilde Pflanzen. Viele Menschen wussten nicht, dass man sie essen kann. Auch einige osttimoresische Kämpfer begannen damit sie zu essen, weil es im Wald nicht genug Nahrung für sie gab. Sie erkannten, dass diese Pflanzen essbar waren und als Überlebensnahrung verwendet werden konnten. Sie betonte auch, dass, wenn Lebensmittel von Affen und anderen Tieren gegessen werden, es bedeutet, dass diese Lebensmittel für uns auch genießbar sind. Hungrig, wie wir waren, sahen wir wie diese Tiere sich davon ernähren. So haben wir die Pflanzen auch probiert.

Zum Beispiel Maek!

Maek war eine dieser Pflanzen, die die Menschen aßen, um zu überleben. Während des Krieges aßen Avo Joana und ihre Familie ausschließlich Maek und einige andere der „unbekannten Nahrungsmittel“, wie zum Beispiel Lehe und Kali’i.

Maek heißt in der Mediki-Sprache Bau. Es gibt zwei Arten von Maek: die essbare und die wilde Maek. Die essbare Maek wird saisonal im Garten angebaut. Sie hat einen helleren Stiel mit weißen und grünen Schattierungen. Die verzehrbare Knolle wird gesammelt und gegessen. Gekocht hat sie einen Geschmack ähnlich dem von Yamswurzeln. Die wilde Maek wächst überall im Wald, außer in sehr feuchten Gebieten. Sie hat einen anderen Stängel als die essbare, und sie kann Juckreiz im Mund verursachen, wenn sie nicht richtig gekocht wird. Maek wird in der Trockenzeit gepflanzt; im August oder September, nachdem der Reis geerntet wurde. Zu reifen beginnt sie, wenn im November die Wolkenbrüche einsetzen. Die Maek wird gekocht und geröstet und von den Bäuer*innen als Frühstücksnahrung verwendet“.

So sagt Avo Joana: „Maek hat immer eine wichtige Rolle bei unserer Zeremonie zur Reisernte gespielt. Es wurde zusammen mit Kali’i, Lehe und Uhi gekocht und den Teilnehmenden serviert. In Tetum [der lokalen Nationalsprache von Timor-Leste, Anm. d. Red.] wird die Zeremonie „Serimonia de Sama Hare“ genannt. Heute kommen nur noch wenige Menschen zur Zeremonie, leider wird sie zu einem verlorenen Brauch“.

Nicht nur Avo Joana Guterres weiß von der Bedeutung unserer lokalen Nahrung zu berichten. Der Guerilla-Kommandeur Santinho Mali-Lait ernannte
Mandioca é o pão do Maubere“ zum Brot der osttimoresischen Nationalist*innen [„Maubere“ steht für die einfache, ländliche Bevölkerung, Anm. d. Red.]. Dies spiegelt wider, wie die Guerillas und Widerstandsnetze mit indigener Nahrung überlebten. Und das muss wiederbelebt werden. Nur einige wenige dieser Nahrungsmittel werden noch immer gegessen, andere sind vergessen und durch importierte Nahrungsmittel ersetzt worden. Leider sind viele Osttimores*innen in dem Glauben aufgewachsen, dass nur arme Menschen Wildpflanzen essen.

Wiederbelebung der osttimoresischen Küche

Inzwischen erfahren die lokale Küche und Wildpflanzen eine Aufwertung durch eine noch kleine Bewegung im städtischen Zentrum von Dili. Einige wenige Cafés und Restaurants servieren in der Hauptstadt Gerichte, die auf lokalen Zutaten basieren und mit Wildpflanzen gekocht werden. Das Agora Food Studio und Restaurant bietet Schulungen an und begleitet junge Menschen beim Kochen und Servieren von nachhaltigem und gesundem timoresischem Essen. Das Restaurant Dilicious Timor, das dem jungen timoresischen Chefkoch Cesar Gaio gehört, bietet köstliches Essen von Timor-Leste an, zubereitet mit lokalen Zutaten. Damit trägt es zur Stärkung der einheimischen Landwirtschaft bei.

Junge, innovative Menschen, darunter junge Köch*innen, führen die neue Ernährungsbewegung an. Mit ihr hat die Wiederbelebung der osttimoresischen Küche begonnen. Statt in Dosen und Plastik verpackte Fertiggerichte zu essen, plädieren sie dafür, sich „bio“ zu ernähren und „das zu essen, was man anbaut“.

Adi Carvalho arbeitet in einem von Cardno durchgeführten und von USAID finanzierten Landwirtschaftsprojekt. Neben seiner Arbeit betreibt der junge Bauer auch seinen eigenen Gemüsegarten. Er postet regelmäßig auf Facebook die von ihm angebauten Lebensmittel. Den lokalen Bäuer*innen zeigt er, wie sich die heimischen Zutaten auf innovative Weise für Mahlzeiten, Snacks, Säfte und Desserts verarbeiten lassen. Dieser junge Landwirt liebt es, Menschen zum Verzehr von biologisch angebauter Nahrung zu ermutigen und stellt attraktive Mahlzeiten ins Internet, um die Menschen für seine neuen Rezepte zu begeistern. Ursprünglich wollte er nur seinen Freunden auf der Social-Media-Plattform mitteilen, was er in seinem Garten alles anbaut. Doch immer mehr Leute teilten seine Beiträge; das hat ihn inspiriert, noch mehr und regelmäßiger zu posten. Auf dem Foto präsentiert er seinen leckeren und gesunden Kuchen und Donuts aus Kürbis.

Kampf gegen die Unterernährung

Das Problem der Mangelernährung in Timor-Leste wird von vielen lokalen und internationalen NGOs, von der Regierung, insbesondere dem Gesundheitsministerium, aber auch von den lokalen Gemeinschaften selbst angegangen. Was sie essen und wie sie nahrhafte Mahlzeiten zubereiten können, um ihre Kinder gut zu ernähren, wird als ein wichtiges Thema angesehen. Wenn Kinder nicht mit ausreichend Nährstoffen versorgt werden, so hat das gravierende Folgen. Gemeinsam mit der Regierung führen NGOs und Ernährungsprogramme, die in den lokalen Gemeinschaften angesiedelt sind, durch. Die Programme, die auf lokale Nahrungsmittel setzten, sind die vielversprechendsten. All diese Beiträge haben bedeutende Veränderungen in den Gemeinden bewirkt. Jedes Jahr sinkt die Rate der Unterernährung um 1 bis 2 Prozent. Einige der Programme haben Ernährungslücken geschlossen und einige Gemeinden haben bereits die Ernährungsgewohnheiten ihrer Kinder verbessert.

Asosiasaun Halibur Inovador (AHI), Vereinigung von Innovator*innen, ist ein von der Regierung finanziertes Programm, das mit Gemeinden in ländlichen Gebieten zusammenarbeitet. Mit lokalen Nahrungsmitteln soll die Mangelernährung in Haushalten bekämpft werden. Dazu schulen die jungen Innovativen Gemeinden und wenden sich auch direkt an die Kinder mit der Botschaft: wertschätzt unsere einheimische Lebensmittel. Das Wissen um lokale Zutaten und Wildpflanzen ist in der Gesellschaft fast verloren gegangen.

„Vergesst nicht die alten Sorten, denn sie sind eure Wurzeln und eure Identität“

Es ist von entscheidender Bedeutung, die einheimische Sorten wiederzubeleben und ihre Geschichten für die jüngere Generation zu dokumentiert. Sie sind die wertvollen Lebensmittel unserer Vorfahren. Viele Menschen in Timor-Leste haben sich von ihnen abgewandt. Es fehlt ihnen an Informationen über den Nährwert dieser Nahrungsmittel. Stattdessen griffen sie zu billigen importierten Lebensmittel. Das hat zu einer ungesunden Ernährung geführt. Gesundes Essen zu fördern ist das Hauptziel von Ernährungsprogrammen.

Aus der einstigen Notnahrung im Krieg und zu Hungerzeiten werden heute innovative Gerichte zubereitet. Zwar gelten wilde Bohnen und Knollen als Nahrung in Notzeiten, doch in der traditionellen Ernährung der Timores*innen waren sie einst weit verbreitet.

Video: Erzählungen über Lebensmittel, die Timor-Leste definieren:

Anstatt importierte Lebensmittel von geringem Nährwert zu essen, ist es besser, aus der Vergangenheit zu lernen und den Kindern beizubringen, wie sie sich gesund ernähren können. Eine neue Ernährungsbewegung ist für unsere Nation zukunftsweisend.

Als Mitglied der jüngeren Generation fühle ich mich für die Bewahrung von traditioneller Nahrung verantwortlich. Wir sollten sie regelmäßig als Mahlzeit auf den Tisch bringen, sie Kindern und Gästen, die in unser Land kommen, servieren. Und nicht nur das: Lasst uns die Geschichten unserer Nahrungsmittel dokumentieren und sie für die nächsten Generationen lebendig halten.

Übersetzung aus dem Englischen von: Monika Schlicher

[1] General Directorate of State (GDS), Ministry of Health and ICF 2018, ‘Timor-Leste demographic and health survey 2016’ , Dili, Timor-Leste, and Rockville, Maryland, USA: GDS and ICF, S. 214

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2 | 2020, Malaysia,
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Ein Projekt zur Selbstversorgung: Chalin Food Forest

Thailand: Seit den 1990er Jahren verbreiten sich Convenience Stores in rasantem Tempo und verändern das Konsumverhalten in dem Land. Was bei den Einen für einen modernen praktischen Lifestyle steht, ist für die Anderen ein weiterer Schritt in die Prekarisierung.

Nachdem sie ihren Korb geleert hat, nimmt die Frau in Angestelltenuniform eine tragbare Registrierkasse heraus, um eine Quittung für ihren Kunden auszustellen. Sobald die späte Essenslieferung erledigt ist, kehrt die uniformierte Frau an ihren Arbeitsplatz zurück.

Die Frau in Uniform arbeitet nicht für ein Restaurant oder einen Lieferservice, sondern für einen Convenience-Store im Herzen der Stadt Bangkok. Nach Eingang einer Bestellung über die App des Geschäfts holt das Personal die ausgewählten Gerichte, wärmt sie in der Mikrowelle auf, verpackt sie und liefert sie in ein Haus, das etwa 200 Meter von ihrem Geschäft entfernt liegt.

Das Versprechen vom einfachen Leben

„Das ist sehr bequem. Ich brauche keinen Fuß aus meinem Haus zu setzen“, sagt eine Kundin, Mitte 70, die hinter der Tür ihres zentral gelegenen Hauses steht und anonym bleiben möchte. Im Umkreis von 100 m befinden sich mindestens ein Lebensmittelgeschäft, zwei Cafés und zwei weitere 7-Eleven-Verkaufsstellen.

Die Frau gehört zu den Millionen, die den jüngsten urbanen Lebensstil genießen. Abgesehen von den Essensläden am Straßenrand, die über die ganze Stadt verstreut sind, können die Städter*innen einfach zu Fuß zu einem Convenience-Store gehen, der an jeder Ecke auftaucht, um ein zum Verzehr fertiges Essen und Getränk zu bekommen.

Wer in Bangkok und anderen thailändischen Städten einen Convenience-Store betritt, findet als Kund*in fast alles, was man sich vorstellen kann. Von Fertiggerichten bis zu frisch gebrühten Getränken oder von Snacks bis zu frischen Zutaten zum Kochen, von Körperpflegeprodukten bis zu Basismedikamenten. Viele Convenience-Stores bieten auch eine Essecke an. Auch Dienstleistungen wie Kreditkarten- oder Rechnungsbezahlung, Postdienste oder Fotokopien sind in vielen Filialen zu finden.

Das Leben ist scheinbar viel einfacher geworden: Fast alle oben genannten Artikel können mit wenigen Klicks über das Smartphone an die Haustür geliefert werden. Diese Art bequemen Lebensstils ist nach dem Lockdown aufgrund der Corona-Pandemie üblicher geworden, da die Thailänder*innen dazu ermutigt wurden, von zu Hause aus zu arbeiten und nur für notwendige Strecken herauszugehen. Immer mehr Menschen haben sich zunehmend auf Essenslieferungen verlassen, und zwar durch Lieferserviceunternehmen, Restaurants und Convenience-Stores.

Convenience Stores so weit das Auge reicht

Die Convenience-Store-Kultur ist für Thailand nichts Neues. 7-Eleven war die erste Convenience-Store-Kette, die 1990 in dem Land ankam. Die Kette startete langsam und feierte 1998 ihre tausendste Filiale. Als sich die Menschen an einen neuen Lebensstil zu gewöhnen begannen, wuchs die Kette drastisch und hatte 2002 die zweitausendste Filiale und 2009 dann die fünftausendste. Im Jahr 2017 wurde die Zahl der Filialen verdoppelt. Derzeit verfügt die Kette landesweit über 10.268 Filialen, von denen sich 4.556 in Bangkok und in Randgebieten befinden. Das Unternehmen rühmt sich, dass täglich rund 11,8 Millionen Kund*innen seine Filialen besuchen.

Laut Stock Exchange of Thailand (SET) ist der Nettogewinn von CP All Plc, dem Betreiber von 7-Eleven, von 16,67 Milliarden Baht (ca. 416,7 Millionen Euro) im Jahr 2016 auf 19,9 Milliarden Baht (ca. 517,5 Millionen Euro) im Jahr 2017, 20,92 Milliarden Baht (ca. 544 Millionen Euro) im Jahr 2018 und 22,34 Milliarden Baht (ca. 670 Millionen Euro) im vergangenen Jahr gestiegen. Der Nettogewinn des ersten Quartals 2020 erreichte bereits 5,6 Milliarden Baht (ca. 153 Millionen Euro).

Eine weitere Marke, Family Mart, hat landesweit 1.040 Verkaufsstellen. Bis Mitte 2009 gab es landesweit 123 Filialen von Lawson 108 Convenience-Stores, die an Gebäude, Bahnhöfe und Tankstellen angeschlossen sind. Die Marke erwartete zu expandieren und bis Ende letzten Jahres 150 Filialen zu erreichen.

Während Lawson 108 für seinen verzehrfertigen Oden (japanischer Fischkucheneintopf) und andere japanische Lebensmittel bekannt ist, ist Family Mart für seinen frisch gebrühten Kaffee und Tee und 7-Eleven für seine große Auswahl an praktischen Artikeln des täglichen Bedarfs von Lebensmitteln bis hin zu Snacks und anderen Dienstleistungen bekannt.

Vor allem allein stehende Menschen nutzen das Angebot

Betrachtet man das Wachstum der Convenience-Stores in Thailand, so ist das Rund-um-die-Uhr-Geschäft, das veraltete Mom-and-Pop-Shops (Tante-Emma-Läden) ersetzt hat, zweifellos zu einem unverzichtbaren Lebensstil geworden.

„Wenn es ein 7-Eleven-Schild gibt, weiß ich, dass ich nicht verhungern werde“, sagt eine 39-jährige Büroangestellte, die es vorzog, nur Tai genannt zu werden. Als hingebungsvolle Kundin kauft Tai normalerweise alles, von Fertiggerichten bis zu Snacks und von Desserts bis zu Kochzutaten in einer Verkaufsstelle im Erdgeschoss ihrer Wohnung.

„Wenn mir nicht einfällt, was ich essen soll, gehe ich einfach in den Laden. Sie sind sehr kreativ, wenn es um Präsentation, Abwechslung und Portionierung geht“, sagt Tai, deren Mahlzeiten oft von der vielfältigen Präsentation der Convenience-Stores inspiriert sind, die für städtische Menschen, die oft allein leben, konzipiert sind.

Tai wählt manchmal ein Set mit gegrilltem Schweinefleisch und Klebreis in Vakuumverpackung zum Frühstück, eine Packung Mango-Scheiben mit Dip oder eine gegrillte Banane als Snack am Nachmittag. Alle oben genannten Produkte könnte man leicht auf der Straße finden, aber viele von ihnen werden in einer größeren Portion verkauft oder sind noch nicht fertig zum Verzehr. Die Produkte und Erzeugnisse in diesen Convenience-Stores sind gut verpackt, hygienischer und für eine Portion gemacht.

Dank der kleinen Portion, die für eine Person bestimmt ist, kann der Preis pro Einheit von Produkten in einem Convenience-Store höher sein. Aber die auf der Straße angebotenen Produkte werden oft in einer großen Portion angeboten, die ein oder zwei Personen nicht verzehren können. Eines der beliebtesten Produkte im Convenience-Store ist die Banane. Auf dem traditionellen Markt muss man eine Hand voll Bananen kaufen, die man kaum verzehren kann. Aber in Convenience Stores kann man einfach eine Banane für den täglichen Verzehr mitnehmen, ohne zu Hause einen ganzen Haufen lagern zu müssen.

„Alles ist für eine Person bestimmt, das ist perfekt für eine Single wie mich“, sagt Tai, die bereit ist, mehr zu bezahlen, damit sie am Ende nicht für den Teil bezahlt, den sie nicht aufessen kann.

Entfremdung von Nahrungsmitteln

Wie Millionen von Stadtbewohner*innen in Bangkok verbringt Tai viele Stunden bis spät abends bei der Arbeit. Aber sie hat mehr Glück als andere, die am Stadtrand wohnen und täglich zwei bis vier Stunden zwischen Wohnung und Arbeitsplatz pendeln müssen. Lange Arbeitszeiten im Büro und im Verkehr führen dazu, dass die Einwohner*innen Bangkoks nicht kochen können und meist auf Fertiggerichte angewiesen sind, die je nach Budget und Vorliebe entweder von einer/m Straßenverkäufer*in oder einem Convenience Store kommen.

In der Vergangenheit kauften die Menschen auf Märkten frische Waren ein. Sie lernten die Jahreszeiten der Lebensmittel kennen, wenn sie sorgfältig Gemüse von den Haufen auswählten. Sie kauften frischen Fisch, der nicht als Filet verpackt war, oder Teile von Schweinen oder Rindern, die nicht gewürfelt oder in Scheiben geschnitten waren.

Tai gehört zur jüngeren Generation, die in der Stadt aufwächst und am liebsten in einem klimatisierten Markt einkauft, wo die rohen Zutaten zum Kochen für ein oder zwei Personen abgepackt werden – Gemüse wird sauber verpackt, Fleisch fein geschnitten oder Fisch filetiert. Wie die Mehrheit der Stadtbewohner*innen kennt sie die Jahreszeiten der Produkte nicht oder weiß nicht, wie sich Dürre oder Überschwemmung auf die Produkte und andere Lebensmittel auswirken würde. Abgesehen von ihrer Lieblingsfrucht, der Durian, die um den April herum erhältlich ist, gibt Tai zu, dass die Jahreszeiten der Produkte oder der Meeresfrüchte außerhalb ihres Wissens liegen.

Nanthawat Rawangnam, ein anderer Stammgast, hat einen ähnlichen Lebensstil. Der 24-Jährige, der seit seiner College-Zeit fast jeden Tag Lebensmittel, Snacks und Desserts im 7-Eleven Convenience-Store kauft, sagt: „Ich mag es nicht, in einer langen Schlange und in der heißen Sonne auf das Mittagessen zu warten. Ich bin sicher, dass [die verpackten Tiefkühlprodukte] hygienischer sind als die aus dem [frisch gekochten] Straßenverkaufswagen“.

Menschen mit niedrigem Einkommen sind die Verlierer

Es braucht jedoch mehr als nur die Hitze Bangkoks, die unzureichende Hygiene der Garküchen und die zweckentfremdete Nutzung des öffentlichen Raums durch die Street-Food-Verkäufer*innen. Das Verbot von Street Food ist ein weiterer Faktor, der dem Convenience Store zum Wachstum verholfen hat. Seit 2015 hat die Stadtverwaltung von Bangkok (BMA – Bangkok City Hall) 508 Verkaufsstellen für Street Food in der gesamten Hauptstadt verboten. Mit Unterstützung des National Council of Peace and Order (NCPO) – der 2014 an die Macht gekommenen Regierung der Putschisten – begann die BMA 2015 mit dem Verbot von Street Food, um den öffentlichen Raum von ‚illegalen Straßenverkäufen’ zurückzuerobern und um ein ‚ordentlicheres und saubereres’ Erscheinungsbild zu erreichen. Als Grund für das Verbot wurde später die Verbesserung der Lebensmittelhygiene angegeben.

Von außen betrachtet schien die Maßnahme der Öffentlichkeit zu nützen. Tatsächlich aber schadete sie den Menschen vor Ort, vor allem Menschen mit niedrigem und mittlerem Einkommen, die sich ein Essen in Kaufhäusern oder Restaurants nicht leisten können. Die Behörden hätten Vorschriften einführen können, um die Nutzung des öffentlichen Raums zu begrenzen und die Lebensmittelhygiene bei Straßenverkäufer*innen zu verbessern. Es war jedoch weniger kompliziert, ein generelles Verbot von allem Street Food durchzusetzen und nur zwei Orte – Chinatown und die Khaosan Road – in den Touristengebieten übrig zu lassen, was den Einheimischen tatsächlich sehr geschadet hat.

Es ist unbestreitbar, dass sich nach dem generellen Verbot von Street Food eine große Zahl von Städter*innen Convenience-Stores zuwendete, mit ihren Angeboten von Fertiggerichten, vom Mittag- oder Abendessen in der Mikrowelle über Desserts und Gebäck bis hin zu frisch gebrühtem Kaffee.

Thee M. arbeitete früher in der Gegend von Ploenchit, einem der Geschäftsbezirke der Stadt. Der Büroangestellte, Mitte 40, erzählt davon, wie einfach es war, Frühstück oder einen Nachmittagssnack von einem/r der Straßenverkäufer*innen vor seinem Bürogebäude zu bekommen.Doch da es im Herzen der Stadt schwieriger geworden ist, auf der Straße etwas zu essen zu finden, werden Leute wie Thee wegen des sich ändernden urbanen Lebensstils bald ihre Vorliebe aufgeben müssen. „Das pauschale Verbot hat mir keine andere Wahl gelassen, als Essen in einem dieser Convenience-Stores zu kaufen“, sagt Thee.

Übersetzung aus dem Englischen von: Dominik Hofzumahaus

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2 | 2020, Malaysia,
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Ein Projekt zur Selbstversorgung: Chalin Food Forest

Kambodscha: Im Grenzgebiet Prek Chrey brechen während der Corona-Pandemie die üblichen Einkommensquellen weg. Die Bewohner*innen ländlicher Gebiete stärken ihre Ernährungssicherheit, indem sie ökologischen Landbau wieder entdecken.

Die Corona-Pandemie hat sich auf verschiedene Aspekte menschlicher Sicherheit ausgewirkt. In Kambodscha, das vor allem in seinen ländlichen Gebieten immer noch als Entwicklungsland gilt, waren diese Auswirkungen erheblich. Viele Menschen verloren ihre Einkommensquellen. Ein Blick auf ein Fallbeispiel in der Gemeinde Prek Chrey im Süden der Provinz Kandal zeigt, wie ländliche Gemeinden in Kambodscha um ihre Ernährungssicherheit kämpfen.

Die Lage im Grenzgebiet Prek Chrey

Die Gemeinde Prek Chrey liegt im Süden der kambodschanischen Provinz Kandal neben der Flussgrenze zu Vietnam. Das Besondere an diesem Gebiet ist, dass es sowohl von ethnischen Khmer (Kambodschaner*innen) als auch von ethnischen Vietnames*innen bewohnt wird. Ethnische Vietnames*innen leben seit Generationen auf der kambodschanischen Seite der Grenze. Sowohl die Khmer als auch die ethnischen vietnamesischen Gemeinschaften sind weitgehend von der grenzüberschreitenden Verbindung mit Vietnam abhängig. Viele von ihnen haben ihre Arbeit auf der anderen Seite des Flusses, viele lokale Unternehmen sind auf den Import und Export von Waren angewiesen und die meisten Einheimischen kaufen ihre täglichen Lebensmittel auf dem Markt auf der vietnamesischen Seite.

Im März 2020 wurde die Grenze zwischen Kambodscha und Vietnam aufgrund der Bedrohung durch COVID-19 geschlossen, so dass die Dorfbewohner*innen nicht mehr zwischen den beiden Ländern pendeln konnten. Darüber hinaus wurden viele Unternehmen vorübergehend geschlossen, was zu wachsender Arbeitslosigkeit führte und somit die Wirtschafts- und Ernährungssicherheit in der Region bedrohte.

Ernährungssicherheit beginnt auf der Graswurzelebene

Khmer Community Development (KCD) ist eine kambodschanische Graswurzel-Nichtregierungsorganisation (NRO), die seit 2006 in der Gemeinde Prek Chrey tätig ist. Zu ihren Arbeitsbereichen gehören die Förderung von Kinderrechten (insbesondere das Recht auf Bildung), Friedenskonsolidierung zwischen Khmer und ethnischen Vietnames*innen in der Region sowie Gemeindeentwicklung und Ernährung. Als unmittelbare Reaktion auf die eskalierende Corona-Krise hat KCD beschlossen, seine Aktivitäten auf zwei Handlungsfelder zu konzentrieren: auf das Bewusstsein für Viren und Hygiene, um die Ausbreitung von Krankheiten in der Gemeinde zu verhindern, und auf die Stärkung des Bio-Gartenprojekts, das seit Jahren Teil der Aktivitäten der Organisation ist.

Um die Ernährungssicherheit in Prek Chrey zu gewährleisten und die Gemeinde widerstandsfähiger zu machen, hat KCD begonnen, Bio-Gemüsesaatgut an die Dorfbewohner*innen zu verteilen. Damit können die Dorfbewohner*innen Hausgärten anlegen beziehungsweise vorhandene Gärten verbessern, um die Produktion von eigenen Nahrungsmitteln zu sichern und zusätzliches Einkommen zu erzielen. Laut Rachany Mom, Projektleiter bei KCD, hat KCD seit Beginn der Pandemie Bio-Saatgut an mehr als 1.500 Haushalte in neun Dörfern der Gemeinde verteilt.

Hausgärten bewähren sich während der Pandemie

Da Personalbewegungen in den ersten Monaten der Corona-Krise in Kambodscha sehr begrenzt waren, hat KCD beschlossen, sich bei der Umsetzung der Hausgartenaktivitäten voll und ganz auf Außendienstmitarbeiter*innen zu verlassen. Die Außendienstmitarbeiter*innen der Organisation, die in der Gemeinde Prek Chrey wohnen, erhielten den Auftrag, an ihren Häusern Biogärten anzulegen, die als Vorbilder dienen und den Begünstigten Beratung und technische Unterstützung bieten sollen.

Ran Ren, KCD-Feldkoordinator für Projekte zur Ernährung und Gemeindeentwicklung, betont die Bedeutung dieser Praxis. „Früher hatte ich nicht viel Zeit, um in meinem Hausgarten zu arbeiten, aber ich habe versucht, mein Bestes zu geben. Während der Corona-Krise begann ich, ihm mehr Aufmerksamkeit zu schenken und versuchte, die Gartenarbeit zu fördern, indem ich nicht nur Samen gab, sondern auch ein Vorbild war. Jetzt kommen Leute aus dem Dorf zu mir nach Hause, weil ich die Samen von KCD habe. Wenn sie kommen, gebe ich ihnen nicht nur Samen, sondern zeige ihnen auch den Garten und erkläre ihnen, wie man Gemüse anbaut. Ich bin auch froh, einen Garten zu haben, weil er beim täglichen Ernährungsbedarf meiner Familie hilft.“

Diese Praxis hat sich als effektiv erwiesen. Jikhiet, Rans Nachbarin aus dem Dorf Prek Chrey, sagt, dass Ran sie, nachdem er ihr die Samen gegeben hatte, ermutigt habe, einen Hausgarten in ihrem Hinterhof anzulegen. Inzwischen habe sie damit gute Ergebnisse erzielt. Sie sagt, dass sie jetzt den täglichen Bedarf ihrer Familie mit Gemüse decken könne und sehr froh sei, dass die Lebensmittel `bio` seien. Da Jikhiet im Ruhestand ist und viel Freizeit hat, findet sie in der Gartenarbeit auch ein neues Hobby. Jikhiet wird von ihrer Nachbarin Nachbarn Phan unterstützt, die aufgrund von COVID-19 ihren Job im Casino an der Grenze verloren und ebenfalls einen Hausgarten angelegt hat. Jetzt kann sie bereits Bio-Gemüse für ihre Familie genießen. Darüber hinaus erwähnen beide Frauen, dass sie einen Teil des von ihnen angebauten Gemüses verkaufen könnten, was zum Einkommen ihrer Familien beitrage.

„Es hilft mir sehr, weil ich kein Geld ausgeben muss, um Gemüse zu kaufen. Ich kaufe nur ein bisschen Fleisch. Und manchmal verkaufe ich mein Gemüse und benutze dieses Geld, um Fleisch zu kaufen “, sagt Phan. Beide sind bestrebt, auch dann weiter im Garten zu arbeiten, wenn sich die Situation in Bezug auf das Virus verbessert. Phan erklärt, dass sie vor der Pandemie in der Küche des Casinos gearbeitet habe und ihre Kunden immer Bio-Lebensmittel bevorzugt hätten. Daher hofft sie, in Zukunft Gemüse aus ihrem Garten an das Restaurant des Casinos verkaufen zu können, um ein zusätzliches Einkommen zu erzielen.

Wiederentdeckung des ökologischen Landbaus

KCD fördert seit vielen Jahren den ökologischen Gartenbau als Teil seiner Projektaktivitäten, aber gerade jetzt, in wirtschaftlich schwierigen Zeiten, haben die Menschen seinen Wert wiederentdeckt. „Ich sehe, dass dies eine gute Gelegenheit ist, die Gartenaktivitäten in der Gemeinde auszuweiten und den ökologischen Landbau zu fördern“, sagt Ran. „Früher war es schwierig, Menschen zum Hausgärtnern zu ermutigen, jetzt sind sie bestrebt, dies zu tun. Die Corona-Krise war der Grund, warum die Menschen damit begonnen haben.“ Er sei besonders besorgt über viele Landwirt*innen, die immer noch chemische Pestizide und Düngemittel verwenden, und wolle in seiner Gemeinde natürliche Düngemittel wie Kompost fördern. Er sei diesbezüglich sehr optimistisch und erwähnt, dass die Menschen während der Corona-Krise mehr über die Gesundheit nachgedacht hätten, Kompost und andere natürliche Düngemittel verwendeten, ihre Fähigkeiten im ökologischen Gartenbau verbesserten und ihre Erfahrungen mit anderen teilten.

Die Menschen verließen sich nicht nur auf die Hilfe von KCD, sondern sie ergriffen auch selbst Maßnahmen, sagt Horrong Kimmoy, KCD Koordinatorin für Kinderrechte, als sie die kleine Fischfarm ihres Onkels zeigt. Seit der Grenzschließung hättenen die Menschen begonnen, nach neuen Wegen zu suchen, um ihren täglichen Ernährungsbedarf zu decken. Dies habe dazu geführt, dass sie sich mehr auf die natürliche Wirtschaft verlassen und nach neuen Wegen der Lebensmittelproduktion suchen. Ran unterstützt das und sagt, dass die Hühnerproduktion in der Gemeinde jetzt auch gestiegen sei. Die Menschen in der Gemeinde seien jetzt mehr daran interessiert, etwas über die Fisch- und Hühnerzucht zu lernen, und die neue Aufgabe der NRO bestünde nun darin, diesen Wissensbedarf zu decken.

Die Mitarbeiter*innen von KCD betonen, dass die Gartenarbeit zu Hause weitgehend der Gemeinde zugute gekommen sei. Die Vertriebskampagne für Saatgut habe jedoch nicht immer ihr Ziel erreicht. Einige Dörfer in der Gemeinde liegen in der Nähe des Flusses und werden daher während der Regenzeit, die sich langsam Kambodscha nähert, überflutet. Hong Siv, Fußballtrainer der Khmer- und vietnamesischen Fußballmannschaften von KCD, bemerkt traurig, dass einige Menschen, insbesondere diejenigen, die in den Dörfern leben, die während der Regenzeit überflutet werden, beschlossen hätten, die Samen für die nächste Landwirtschaftssaison aufzubewahren, da sie sich nicht sicher waren genug Zeit zu haben, um ihr Gemüse zu ernten. Rachany erwähnt, dass rund 74 Prozent der Menschen, die Samen von KCD erhalten haben, diese verwendet hätten. Der Rest habe beschlossen, auf das nächste Jahr zu warten. Ran erwähnt auch, dass Hausgärten hauptsächlich von Menschen angelegt worden seien, die an Orten leben, die während des Monsuns nicht überflutet werden.

Neben anderen Herausforderungen bestand auch das Problem der sozialen Distanzierung: So konnte zum Beispiel kein Workshop über natürliche Landwirtschaft organisiert werden. Statt dessen mussten die KCD-Mitarbeiter*innen die Beratung einzeln von Haus zu Haus durchführen, was zeit- und arbeitsaufwendig war. Einige Menschen, vor allem diejenigen, die zuvor nicht viel über die Organisation und ihre Aktivitäten wussten, hatten ebenfalls Vertrauensprobleme: als ihnen kostenlos Saatgutpakete angeboten wurden. Zunächst glaubten sie, dass die KCD-Mitarbeiter*innen versuchten, ihnen diese zu verkaufen.

Lernen aus der Krise

Die Corona-Pandemie ist zu einer Herausforderung für die Gemeinde Prek Chrey geworden. Die Krise hat zur Unterbrechung grenzüberschreitender Verbindungen geführt, die zahlreichen Khmer- und vietnamesischen Familien als Einkommensquelle dienten, und zur Schließung vieler Unternehmen, was zu einer erhöhten Arbeitslosigkeit geführt hat. Daher waren die Ernährung und die wirtschaftliche Sicherheit in der Gemeinde weitgehend bedroht.

Gleichzeitig hat die Krise das Resilienz-Potential der Gemeinschaft in Bezug auf Ernährungssicherheit aufgezeigt. Es dauerte nur kurze Zeit, bis die Dorfbewohner*innen ihre Prioritäten überdachten und Maßnahmen ergriffen, um ihre tägliche Lebensmittelversorgung sicherzustellen. Insbesondere die Wiederentdeckung des Werts von Hausgärten und ökologischem Landbau hat sich als wirksames Mittel zur Stärkung der Widerstandsfähigkeit der Bevölkerung erwiesen.

Übersetzung aus dem Englischen von: Jörg Schwieger

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2 | 2020, Malaysia,
Autor*in:

Ein Projekt zur Selbstversorgung: Chalin Food Forest

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