3 | 2020, Interviews, Vietnam,
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Offizielle Zahlen sind nur die Spitze des Eisbergs

Vietnam sexuelle Gewalt

Eine von acht Frauen in Vietnam erlebt sexuelle Gewalt. Dass diese Zahlen der Realität entsprechen, bezweifeln unsere Autorinnen. © Pham Van Khanh

In Vietnam ist sexuelle Gewalt ein Tabuthema. Belastbare Daten gibt es daher kaum. Die Psychologin Khuat Thu Hong forscht seit Jahrzehnten zu den Ursachen von sexuellem Missbrauch. Im Interview spricht sie über die gesellschaftliche Perspektive, den Einfluss der Geschichte und Feminismus in Vietnam.

Unsere Interviewpartnerin:

Porträt von Dr. Khuat Thu Hong © privat

Dr. Khuat Thu Hong ist Direktorin des Institute for Social Development Studies (ISDS) und Vorsitzende des Gender-based Prevention and Response Network in Vietnam (GBVNet). Gegenwärtig leitet sie ein Team nationaler Expert*innen, zur Ausarbeitung einer nationalen Strategie für die Gleichstellung der Geschlechter. Frau Hong studierte Psychologie und promovierte später zu Familiensoziologie. Sie forscht zu Geschlecht, Jugendlichen, reproduktiver Gesundheit und sexueller Gewalt.

Dr. Hong, können Sie uns einen kurzen Überblick zu sexueller Gewalt in Vietnam geben?

Es ist heikel, in Vietnam über Sex, geschweige denn über sexuelle Gewalt zu sprechen. Für Vietnames*innen ist dieses Thema sensibel und privat. Die Menschen neigen dazu, zu schweigen und auszuweichen, wenn sie zu ihrem Sexualleben oder zu sexualitätsbezogenen Konflikten befragt werden.

Dennoch wird in letzter Zeit vermehrt über sexuelle Gewalt berichtet. So ergab eine Studie aus dem Jahr 2015, dass 87% der Frauen und Mädchen an öffentlichen Orten sexuellen Belästigungen ausgesetzt waren. Laut einer nationalen Studie über Gewalt gegen Frauen aus dem Jahr 2019 erlebt eine von acht Frauen in ihrem Leben sexuelle Gewalt durch einen aktuellen oder ehemaligen Ehemann. 9 Prozent der Frauen haben ab einem Alter von 15 Jahren sexuelle Gewalt durch jemand anderen als ihren Partner erlebt. 4,4 Prozent der Frauen berichteten, dass sie als Kind sexuellen Missbrauch erlebt haben.

Meiner Meinung nach sind diese Zahlen weit von der Realität entfernt und nur die Spitze des Eisbergs. Die Opfer sprechen selten über die Vorfälle oder suchen Hilfe. Die Stigmatisierung und Verurteilung durch die Gesellschaft sind für sie das größte Hindernis, ihre Meinung zu äußern oder Hilfe zu suchen.

Gibt es weitere Gründe, wieso Frauen die Fälle nicht melden?

Die Vietnames*innen sind sich der verschiedenen Arten sexueller Gewalt nicht voll bewusst. Viele Menschen begreifen nicht, dass sie Opfer sexuellen Missbrauchs geworden sind. Es ist Konsens, dass eine Vergewaltigung sexualisierte Gewalt ist. Aber erzwungener Sex in der Ehe, die erzwungene Nutzung von Verhütungsmitteln und sexuelle Belästigung, werden nicht unbedingt als Akt der Gewalt eingeordnet.

Vietnam sexuelle Gewalt

Sexuelle Gewalt ist in Vietnam ein Tabuthema. Frauen wie auch Männer halten es hinter verschlossenen Türen. © Pham Van Khan

Das hängt damit zusammen, dass die Menschen glauben, dass es die Pflicht der Frau ist, das sexuelle Verlangen ihres Mannes zu befriedigen. Wann immer er es wünscht. Oder dass die Anwendung einer Verhütungsmethode zur Vermeidung einer ungewollten Schwangerschaft in der Verantwortung der Frau liegt. Sexuelle Belästigung wird oft als unvermeidlich angesehen, weil Männer ihren ‚natürlichen’ sexuellen Drang nicht kontrollieren können. Und weil Frauen dazu geboren sind, von Männern gehänselt zu werden.

Wie viele Frauen sind von sexueller Gewalt betroffen und wer ist besonders gefährdet?

Laut der nationalen Studie über Gewalt gegen Frauen aus dem Jahr 2019 erlebt jede dritte Frau in Vietnam in ihrem Leben physische und/oder sexuelle Gewalt. Fast jede zehnte Frau erlebte diese Gewalt innerhalb der letzten 12 Monate. In ländlichen Gebieten tritt Gewalt häufiger auf als in den Städten. Besonders betroffen sind junge Frauen im Alter zwischen 25-34 Jahren.

Auch Frauen mit Behinderung haben ein höheres Risiko Opfer von sexueller Gewalt zu werden als Frauen ohne Behinderung. Wie erwähnt erlebt – nach den Ergebnissen der nationalen Studie aus dem Jahr 2019 – eine von acht Frauen sexuelle Gewalt. Bei Frauen mit Behinderung ist es eine von fünf Frauen, die sexuelle Gewalt durch den Ehemann oder Partner erlebt hat. Die gleiche Studie ergab, dass Gewalt gegen Frauen im zentralen Hochland und im Delta des Roten Flusses im Vergleich zu anderen Regionen des Landes häufiger vorkommt. Es gibt einige Hinweise auf sexuelle Gewalt gegen Männer und Mitglieder der LGBT-Gemeinschaft. Aber meist sind es Frauen, die von Gewalt betroffen sind.

In einer Studie der vietnamesischen Regierung aus dem Jahr 2010 wird erwähnt, dass 42% der Frauen in der südöstlichen Region Vietnams unter häuslicher Gewalt, einschließlich sexuellem Missbrauch, leiden. Bei der ethnischen Gruppe der Hmong liegt diese Zahl nur bei 8%. Wie ordnen sie diese Differenz ein?

Unser Verständnis der ethnischen Gruppen ist in dieser Frage bisher recht begrenzt. Bei den Hmong werden Frauen nach der Heirat als ‚Eigentum’ der Familien der Ehemänner gesehen. Sie haben in den Familien nur begrenzt Macht. Zwangsverheiratung ist in ihrer Gemeinschaft immer noch weit verbreitet. Sobald Mädchen 13 oder 14 Jahren alt sind, drängen die Eltern sie zur Heirat. Deshalb denke ich, dass die Zahl von 8% nicht die Realität widerspiegelt.

Gibt es Unterschiede zwischen Nord- und Südvietnam?

Die Ungleichheit zwischen den Geschlechtern ist in den nördlichen Provinzen stärker ausgeprägt als im Süden. Nordvietnam – mit der Grenze zu China – ist stark von konfuzianischen Werten beeinflusst. Der Konfuzianismus wurde im 10. Jahrhundert als offizielle Ideologie des feudalistischen Staates Vietnam übernommen. Das hat Spuren hinterlassen, die bis in die Gegenwart reichen. Der Neokonfuzianismus, der unter der Song-Dynastie blühte und sich bis nach Vietnam ausbreitete, schränkte Frauen stark ein. Dieser Lehre zufolge ist die Keuschheit einer Frau wertvoller als ihr Leben. Sie soll eher sterben, als ‚unrein’ weiterzuleben. Südvietnam ist stärker von der südostasiatischen Kultur beeinflusst. Die konfuzianische Ideologie spielt keine so starke Rolle wie im Norden und Frauen sehen sich weniger strengen Regeln gegenüber. Es ist beispielsweise im Süden nicht mehr notwendig, Söhne zu haben, um die Ahnen zu verehren. Diese Aufgabe dürfen jetzt auch Frauen übernehmen.

Werfen wir einen Blick auf die französische Kolonialzeit und den Widerstand gegen die USA. Es gab Gerüchte, dass es zu sexuellen Übergriffen kam. Gibt es dazu Untersuchungen?

Konflikte, die mit dem Thema Geschlecht zusammenhängen, sind bisher kein Thema in der vietnamesischen Geschichtsschreibung. Es gibt nur wenige historische Dokumente, anhand derer sich diese Fragen beantworten lassen.

Allgemein lässt sich sagen, dass es in allen Kriegen und Konflikten zu sexueller Gewalt kommt. Sexuelle Gewalt wird systematisch als Kriegswaffe eingesetzt. Ich glaube aber nicht, dass dies bei den Kriegen gegen Frankreich und Amerika im 20. Jahrhundert der Fall war. Obwohl es Hinweise auf sexuelle Gewalt gegeben hat.

In mehreren Dokumenten zum Grenzkonflikt (mit China, Anm. d. Red.) von 1979 wurde mehr oder weniger deutlich, dass das Thema sexuelle Gewalt gegen Frauen schwerwiegend war. Es bedarf jedoch noch weiterer Forschung, um dazu belastbare Aussagen treffen zu können. Das Thema ist so heikel, dass es von Wissenschaftlerinnen und Forschern leider selten behandelt wird. Ich versuche seit Jahren, einen Zugang zu dem Thema zu finden. Aber es fehlt an Quellen.

Welche anderen soziokulturellen Faktoren gibt es, die bedingen, dass Frauen in Vietnam mit sexualisierter Gewalt konfrontiert sind?

Die Familie ist in der vietnamesischen Gesellschaft das höchste Gut. Wir werden erzogen, unsere Familie zu pflegen und sie um jeden Preis zu verteidigen. Diese Sichtweise bindet aber – wenn sie im Extrem gelebt wird – die Frauen eng an sexistische Vorurteile. Frauen, die nicht heiraten, haben gesellschaftlich keinen Wert. Frauen, die keine Kinder bekommen können, werden als ‚fehlerhaft’ angesehen. Frauen müssen für ihre Familie und ihr zu Hause Opfer bringen. Denn ohne Familie ist eine Frau ein Niemand.

Vietnam sexuelle Gewalt

Für eine Frau soll die Familie über allem stehen, erklären unsere Autorinnen die Sicht der vietnamesischen Gesellschaft © Van Khanh

In der Denke des vietnamesischen Volkes, steht für eine Frau die Familie über allem. Auch wenn die Familie für sie die Quelle von körperlichem und psychischem Leiden ist. Eine tugendhafte Frau lässt ihr Kind niemals ohne dessen Vater aufwachsen. Selbst wenn dieser Mann sie täglich schlägt. Das sind die Gründe, warum viele Frauen sich entscheiden, die Gewalt jahrelang schweigend zu ertragen.

Wie ist die Situation für Frauen vor der Ehe?

Von Frauen wird implizit erwartet, dass sie vor der Ehe unschuldig, rein und ‚intakt’ sind. Auch wenn Sex vor der Ehe kein Tabu mehr ist, werden Frauen, die vor der Ehe Sex haben, als ‚befleckt’ angesehen. Sowohl sexueller Missbrauch als auch Sex vor der Ehe sind mit Scham verbunden. Wenn vietnamesische Mädchen einen Freund haben, bevor sie verheiratet sind, ist das für sie mit der Sorge verbunden, dass er sie verlässt und sie keinen neuen Partner finden.

Wie wäre die gängige Reaktion einer Frau, der bewusst wird, dass sie Opfer sexueller Gewalt geworden ist? Gibt es Frauen, die dagegen protestieren?

Es ist wahrscheinlich, dass Betroffene wegen der sozialen Stigmatisierung und der Angst, ihren Ruf und den der Familie zu beschädigen, schweigen. Hinzu kommt die Angst, nach einer Scheidung oder Trennung in eine noch schlimmere Situation zu geraten. Die gleiche Reaktion zeigen Eltern, deren Kinder sexuellem Missbrauch ausgesetzt waren.

Nur sehr wenige Menschen wagen es, zu protestieren. In der Regel haben sie sich damit abgefunden, alles zu verlieren. Denn die Opfer sexueller Gewalt wissen, dass sie nicht mit Unterstützung rechnen können. Stattdessen werden sie von der Gesellschaft verurteilt. Die Frauen können den Vorwurf erheben, ihr Mann sei gewalttätig, spielsüchtig oder alkoholabhängig. Aber den eigenen Ehemann wegen sexuellem Missbrauch anzeigen? Die Scham bei diesem Thema ist riesig.

Wie reagiert die vietnamesische Regierung auf das Problem der sexuellen Gewalt?

Die Regierung ist sich dem Problem bewusst. In mehreren Gesetzen und Verordnungen wird das Thema sexuelle Gewalt aufgegriffen. Beispielsweise im Gesetz zur Verhütung häuslicher Gewalt, im Arbeitsgesetz und im Strafgesetz. 2019 hat der Richterrat des Obersten Volksgerichts in der Resolution Nummer 6 detaillierte Definitionen zu verschiedenen Arten sexueller Gewalt festgehalten. Einschließlich Vergewaltigung und sexueller Belästigung. Früher wurde der Begriff Vergewaltigung sehr eng definiert, nämlich als Penis-Vaginal-Penetration. Heute fällt darunter z. B. auch ungewollter Oralverkehr. Das neue Arbeitsgesetz von 2019 enthält mehrere Bestimmungen zur sexuellen Belästigung am Arbeitsplatz.

Vietnam sexuelle Gewalt

Die feministische Bewegung in Vietnam steckt noch in den Kinderschuhen. Unsere Autor*innen glauben an einen langsamen, aber stetigen Wandel. © Pham Van Khanh

Meiner Meinung nach reicht das aber noch nicht aus. Die Durchsetzung von Gesetzen ist eine andere Geschichte als ihr Erlass. Außerdem sind die Verantwortlichen in der Regierung ebenso Teil der vietnamesischen Gesellschaft und mit soziokulturellen Vorurteilen belastet. Fälle von sexuellem Missbrauch behandeln sie entsprechend.

Ein Beispiel: Es gibt eine Geschichte über einen Ehemann, der den Verdacht hegte, dass seine Frau ihn betrogen hatte. Als Bestrafung wickelte er seiner Frau eine Decke um die Hüfte, begoss diese mit Benzin und zündete sie an. Als die Familie das bei der Polizei zur Anzeige brachte, kommentierte der Polizist, er würde dasselbe tun, sollte seine Frau ihn betrügen.

Wie schlagkräftig sind die feministischen Bewegungen in Vietnam?

Ich kann sagen, dass es bis jetzt in Vietnam keine feministischen Bewegungen gegeben hat und gibt. Die Vietnamesische Frauenunion (VWU) ist nicht aus der Frauenbewegung hervorgegangen, sondern wurde von der Kommunistischen Partei Vietnams (KPV) gegründet, um deren politischen Zielen zu dienen. Die VWU gibt vor, sich aktiv für Frauen und den Schutz ihrer Rechte einzusetzen. Ihr eigentlicher Zweck besteht aber darin, Frauen politisch für die KPV zu mobilisieren.

Die #Metoo Bewegung ist in Vietnam nicht stark verbreitet und wird nicht von der Politik unterstützt. Männer wie Harvey Weinstein gibt es in Vietnam unzählige. Aber ihre politische Macht schützt sie. Vor Gericht landen sie nicht.

Es gibt feministische Gruppen, die sich gegen geschlechtsspezifische Gewalt und im Besonderen sexuelle Gewalt, einsetzen. Sie versuchen, die Öffentlichkeit zu mobilisieren, um den Druck auf die Regierung aktiver zu werden, zu erhöhen. Aber insgesamt ist die feministische Bewegung noch schwach. Sie muss gefördert werden, damit sie wachsen und mehr Frauen erreichen und mobilisieren kann. Nur wenn Frauen in der Lage sind, für sich selbst einzutreten und politische Schlagkraft zu entwickeln, sich zusammenzuschließen, können Fortschritte erzielt werden.

Ich glaube, dass es einen langsamen, aber stetigen Wandel gibt. Jetzt, da Frauen finanziell unabhängiger sind, werden sie sich ihrer Rechte bewusst und beginnen, aktiv nach Gleichberechtigung zu streben. Immer mehr lokale NGOs und Aktivist*innengruppen schließen sich zusammen, um die Probleme anzugehen. Ich bin zuversichtlich, was die positiven Veränderungen in der nahen Zukunft betrifft.

Übersetzung aus dem Englischen von: Eva Kunkel

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Der Autor

Nguyen Van Huan ist Projektmanager des Büros der Rosa Luxemburg Stiftung Südostasien in Hanoi. Er arbeitet seit über 10 Jahren an Projekten zur Unterstützung der Gemeindeentwicklung in Vietnam und Kambodscha.

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Die Autorin

Pham Van Khanh ist Projektassistentin im Büro der Rosa Luxemburg Stiftung Südostasien in Hanoi.

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Dieser Text erscheint unter einer Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz


3 | 2020, Interviews, Vietnam,
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Offizielle Zahlen sind nur die Spitze des Eisbergs

Myanmar: Der Schutz vor häuslicher und sexualisierter Gewalt und die Beteiligung von Frauen an sozialen und politischen Veränderungsprozessen stehen im Fokus der Arbeit des Frauenrechtsnetzwerks ‚Women’s League of Burma’ (WLB). Ein Gespräch mit der Vorsitzenden Lway Poe Ngeal über Herausforderungen und Entwicklungen

Welche Erfahrungen haben dazu geführt, dass du dich für Frauenrechte einsetzt?

Ich gehöre zu den Ta’ang, einer ethnischen Gruppe aus Nord-Burma. Seit ich denken kann, gibt es in meinem Dorf Kämpfe zwischen Rebellengruppen und dem burmesischen Militär. Meine Familie und alle Dorfbewohner*innen wurden vertrieben, das Militär brannte unsere Reisfelder nieder und beschlagnahmte unser Eigentum.

In meinem Dorf gab es keine weiterführende Schule. Mädchen konnten nur zur Grundschule gehen. Die Jungen wurden auf weiterführende Schulen geschickt, aber die Mädchen mussten auf den Reis- und Teefeldern arbeiten gehen. Die Eltern hielten es für zu gefährlich, wenn ihre Töchter weite Wege zurücklegen müssen. Außerdem würden sie sowieso heiraten und von ihren Ehemännern versorgt. Ich habe mich schon immer gefragt, warum das so ist und fand es ungerecht. Ich selbst hatte Glück. Als erstes Mädchen in unserem Dorf konnte ich die Oberschule besuchen. Nach meinem Abschluss habe ich die Kinder im Dorf unterrichtet.

Dann bekam ich die Chance, bei der Ta’ang Women Organization (TWO), die die Bildung junger Frauen fördert, Workshops über Menschenrechte zu besuchen. Das hat mich motiviert und ich wollte herauszufinden, warum Frauen sich in unserem Land nicht aktiv an der gesellschaftlichen und politischen Entwicklung beteiligen können. TWO schickte mich 2004/2005 nach Thailand, wo ich an Kursen über Menschen- und Frauenrechte, Demokratie und Föderalismus teilnahm und Englisch und die Arbeit mit dem Computer lernte. In Thailand traf ich zum ersten Mal Menschen anderer ethnischer Gruppen aus Burma. Wegen der staatlichen Propaganda hatte ich vorher nie etwas über die ethnische Vielfalt in unserem Land gehört. In dieser Zeit wurde mir auch erst bewusst, dass Frauen im ganzen Land unter sexueller und häuslicher Gewalt leiden. Vorher hatte ich angenommen, dass das nur in meinem Dorf passiert. Danach war mir klar, dass ich mich für Frauen, Geschlechtergerechtigkeit und für ein Ende der Gewalt gegen Frauen einsetzen wollte.

Wie verlief dein beruflicher Einstieg in die Frauenrechtsarbeit?

Ich arbeite seit zehn Jahren für TWO. Zunächst war ich Trainerin für Frauen- und Menschenrechte und Demokratie. Ich habe auch Menschenrechtsverletzungen des burmesischen Militärs dokumentiert. Das war eine sehr gefährliche Arbeit, die wir heimlich durchführen mussten. Die Ergebnisse haben wir veröffentlicht und für Advocacy für den Schutz vor Menschenrechtsverletzungen durch das Militär genutzt. Später habe ich dann die Leitung von TWO übernommen. Heute vertrete ich TWO in der WLB, einem Dachverband von 13 ethnischen Frauenorganisationen, und bin eine der drei Vorsitzenden.

Welche Zielsetzungen hat die WLB?

Wir setzen uns für eine föderale demokratische Union und für soziale Gerechtigkeit in Burma ein. Unser Ziel ist es, besondere die Beteiligung von Frauen an öffentlichen Entscheidungsprozessen zu stärken. Außerdem wollen wir eine feministische Bewegung im Land schaffen.

Wie ist die Situation von Frauen in den ethnischen Staaten?

Die Diskriminierung von Frauen im ganzen Land ist gewaltig und systemisch verankert. Häusliche und sexuelle Gewalt ist allgegenwärtig. Zwar können Vergewaltigungen vor ein Gericht gebracht werden, aber es gibt keine wirkliche Gerechtigkeit.

Frauen in den abgelegenen Gebieten der ethnischen Staaten leiden oft mehrfach, sowohl unter der Ungleichbehandlung in Traditionen und Bräuchen als auch unter sozialer und rechtlicher Benachteiligung und sexueller Gewalt. Besonders schlimm ist die Situation in den Gebieten, in denen ethnische bewaffnete Gruppen für föderale Strukturen oder gar Autonomie gegen das burmesische Militär kämpfen. Die zahlreichen Vergewaltigungen und anderen sexuellen Straftaten durch das staatliche Militär können nicht vor ein Zivilgericht gebracht werden. Das ist die größte Herausforderung, vor der wir zurzeit stehen.

Wie reagieren Familie und Freunde, wenn eine Frau sexuell belästigt, missbraucht oder vergewaltigt wurde?

Die meisten Überlebenden von sexueller Gewalt, Vergewaltigung und Menschenhandel können nicht mehr in ihre Dörfer zurückkehren. Die Gemeinschaft akzeptiert sie nicht mehr. Sie werden verspottet und selbst die Familie und Verwandten lästern über sie. Die meisten Männer schauen auf diese Frauen herab und denken: „Aha, sie wurde vergewaltigt; dann können wir das auch mit ihr machen.“ Viele der Frauen bekommen psychische Probleme. Um ihren Lebensunterhalt verdienen zu können, ziehen die meisten schließlich weg.

Wie stehen die religiösen Führer*innen zu geschlechtsspezifischer Gewalt?

Buddhistische Institutionen diskriminieren Frauen, unabhängig davon, wo praktiziert wird. Das sieht man am ungleichen Umgang mit Mönchen und Nonnen. Jeder, der eine Mönchsrobe trägt, wird von der Gemeinde verehrt. Nonnen wird aber nicht der gleiche Respekt entgegengebracht. In meiner Arbeit habe ich mit vielen Überlebenden zu tun, die von Mönchen vergewaltigt wurden. Aber die Menschen in den Gemeinden halten weiter daran fest, sie zu verehren.

Wie werden Frauen- und Geschlechterfragen auf politischer und rechtlicher Ebene behandelt?

Seit Jahrzehnten leiden Frauen, die über 50 Prozent der Gesamtbevölkerung ausmachen, unter systemischer Gewalt. Auf der politischen Entscheidungsebene sind sie nicht angemessen vertreten. Nur 13 Prozent der Unions-Abgeordneten sind Frauen. Ohne eine parlamentarische Repräsentation sind Frauen in der Hand von Männern und können nicht über ihre Interessen entscheiden.

Einen rechtlichen Schutz für Frauen gibt es nicht. Sexuelle Gewalt, sogar die Vergewaltigung von Kindern, nimmt zu. Die meisten Frauenrechtsaktivist*innen setzen sich für ein Gesetz zur Prävention und zum Schutz von Frauen vor Gewalt ein. Ein entsprechender Entwurf wird seit über sieben Jahren diskutiert. Der erste Entwurf, der gemeinsam mit der Zivilgesellschaft erarbeitete wurde, schloss alle sexuellen Straftaten im ganzen Land ein. Aber nach der Überarbeitung durch Rechtsberater der Regierung, können Militärangehörige für Vergewaltigungen und andere sexuelle Straftaten nicht belangt werden. Das würde bedeuten, dass Frauen aus den ethnischen Staaten und besonders aus den umkämpften Gebieten immer noch keinen rechtlichen Schutz hätten.

Zudem erkennt der Gesetzesentwurf nur eine Vergewaltigung als Straftat an, aber keine anderen sexuellen Übergriffe. Und die Beweislast liegt beim Opfer. Das halten wir nicht für richtig. Deshalb wollen wir nicht, dass das Gesetz in der vorliegenden Form verabschiedet wird. Die Frauenorganisationen, die das Gesetz vorgeschlagen haben, versuchen, es nun zu verhindern.

Welche Rolle spielt Aung San Suu Kyi als Staatsrätin für die Gleichstellung von Frauen?

Aung San Suu Kyi ist keine Feministin. Sie spricht nie über die Gleichstellung der Geschlechter, die Beteiligung von Frauen an politischen Entscheidungsprozessen und ihren Schutz. Sie scheint keine Perspektive für unser Land zu haben, die Geschlechter-Fragen berücksichtigt. Sie sagte einmal, wenn Frauen die entsprechende Qualifikation hätten, könnten sie auch Führungskräfte werden und politische Ämter übernehmen. Die NLD [National League for Democracy, die Partei Aung San Suu Kyi’s, d.Red.] hat diese Haltung in ihre Politik integriert und fördert die Beteiligung von Frauen nicht aktiv.

Als Frauenorganisation setzen wir uns für eine Frauenquote von mindestens 30 Prozent auf den politischen Entscheidungsebenen ein. Die meisten Männer machen Witze über die Quote, auch Aung San Suu Kyi. Ihr fehlt der Wille, die Gleichstellung der Geschlechter zu fördern. Sie hat keinen Plan, das Leiden von Frauen, auch in den ethnischen Staaten, zu beenden.

Aber es geht nicht nur um Frauen. Im jetzigen Parlament gibt es auch keine Vertretung von Muslim*innen, der LGBT-Community oder von Menschen mit Behinderung. Ohne ihre Einbeziehung kann man das Land nicht zu Versöhnung und Gerechtigkeit führen.

Wie könnte sich die Enttäuschung von Frauen über Aung San Suu Kyi auf die Parlamentswahlen im November 2020 auswirken?

Viele Menschen aus den ethnischen Staaten, nicht nur Frauen, sind verärgert. Wir haben viel Hoffnung in Aung San Suu Kyi gesetzt. Als sie unter Hausarrest stand, haben wir uns für sie eingesetzt und mit der internationalen Gemeinschaft für ihre Freilassung gearbeitet. Nicht nur ethnische Frauen, auch Burmaninnen denken so. Wir haben auch gehofft, dass die NLD Geschlechterfragen und die Gleichstellung der ethnischen Gruppen in den Regierungsgremien thematisiert.

Andererseits gibt es viele Menschen in Burma die immer noch auf Aung San Suu Kyi setzen.

Treten Frauenaktivist*innen trotz ihrer unterschiedlichen ethnischen Herkunft gemeinsam auf?

Wir arbeiten in einem losen Netzwerk zusammen. Wir treffen uns monatlich mit anderen Organisationen in Rangun und arbeiten zum Beispiel an dem erwähnten Gesetzesentwurf. Die WLB beteiligt sich aber nicht an direkten Gesprächen mit der Regierung, sondern wir bringen uns durch unsere Bündnisse ein.

Wir haben auch eine Allianz zur UN-Konvention zur Beseitigung jeder Form von Diskriminierung der Frau gegründet und fordern die Regierung auf, sie umzusetzen. Wir machen gemeinsame Advocacy für Frauenrechte beim Unionsparlament in Nay Pyi Taw, aber auch in den Staaten und Regionen von Burma. Die meisten Abgeordneten sind Männer. Wir mussten feststellen, dass die meisten die UN-Frauenrechtskonvention nicht kannten, ebenso andere UN-Resolutionen, die Burma unterzeichnet hat. Unsere Arbeit besteht in erster Linie in Sensibilisierung und Empowerment.

Dann konzentriert Ihr Euch gerade mehr auf Männer in öffentlichen Ämtern?

Ja, in letzter Zeit haben wir darüber nachgedacht, uns mehr auf die Bewusstseinsbildung von Männern zu konzentrieren, da sie nicht viel über Frauenfragen und die Rechte von Frauen wissen und sie nicht berücksichtigen. Dadurch hoffen wir, dass sie unsere Forderungen akzeptieren.

Welche Fortschritte siehst Du in Eurer Arbeit?

In der Vergangenheit hatten die Menschen noch nie von der Frauenrechtskonvention gehört, wussten nichts über die Auswirkungen von Geschlechterfragen oder über Demokratie und Föderalismus. Heute spricht man über diese Themen.

Außerdem können Frauenorganisationen endlich Fragen der Gleichstellung ansprechen und den rechtlichen Schutz von Frauen diskutieren. Informationen in den sozialen Medien wirken sich ebenfalls positiv aus. Immer mehr Frauen wagen es, sich an Organisationen zu wenden, um Vergewaltigungen, sexuelle und häusliche Gewalt zu melden. In der Vergangenheit trauten sich Frauen nicht, offen darüber zu sprechen. Es war eine verbreitete Haltung, die Familie zu schützen. Niemand hätte sich über einen gewalttätigen Ehemann beschwert.

Das ist heute anders. Weil Organisationen wie die WLB das Bewusstsein der Gemeinden geweckt hat, sind immer mehr Menschen bereit, Vorfälle zu melden. So können wir Fälle von Gewalt gegen Frauen für unsere Berichte dokumentieren. Das sind positive Entwicklungen.

Auf nationaler Ebene haben wir noch nicht erreicht, dass Frauen in den Friedensprozess und in politische Entscheidungen einbezogen werden. Aber es ist eine Errungenschaft, dass wir zumindest mit den Abgeordneten sprechen können.

Wir müssen Schritt für Schritt vorangehen. Im Moment kämpfen wir noch immer für ein Gesetz zum Schutz von Frauen vor Gewalt. 2013 hat die Regierung den Nationalen Strategieplan zur Förderung der Frauen verabschiedet, der bis 2022 umgesetzt werden soll. Bis jetzt gibt es nicht einmal eine Durchführungsstelle. Wir wissen noch nicht, ob die Regierung den Plan verlängern wird, aber es ist dennoch eine Chance, sie zur Umsetzung zu drängen, selbst wenn Frauen aus den Konfliktgebieten ausgeschlossen sind.

Eine Verbesserung sehe ich auch in der Kooperation der Zivilgesellschaft mit dem öffentlichen Dienst, besonders der Polizei und Justiz. Früher waren sie lediglich eine Säule im Regierungssystem, das die Zivilbevölkerung unterdrückte. Heute können wir mit ihnen sprechen und ihnen Wissen über Menschen- und Frauenrechte vermitteln, so dass ihre Arbeit den Menschen mehr zu Gute kommt. Allerdings ist es noch immer schwierig, Richter zu erreichen, da sie vielen Einschränkungen durch die Regierung unterliegen.

Welche Rolle spielen internationale Frauenrechts- und Feminismusbewegungen für die Unterstützung von Frauenrechtsaktivist*innen in Myanmar?

Die WLB war die erste zivilgesellschaftliche Organisation, die Schattenberichte für die UN- Frauenrechtskonvention und die universelle periodische Überprüfung an die Vereinten Nationen übermittelte. Wir arbeiten auch mit verschiedenen internationalen Organisationen und der Menschenrechtskommission der ASEAN-Staaten zusammen. Unsere Verbindung zu europäischen und globalen Frauenrechtsbewegungen ist aber immer noch schwach. Wir sollten einen weltweiten Austausch feministischer Bewegungen schaffen, beispielsweise ein jährliches Frauenforum für Austausch und Advocacy. Lokal und regional stehen wir vor unterschiedlichen Herausforderungen. Deshalb wäre es wichtig, voneinander zu lernen.

Interview und Übersetzung aus dem Englischen von: Judith Kunze

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3 | 2020, Interviews, Vietnam,
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Offizielle Zahlen sind nur die Spitze des Eisbergs

Philippinen: Bae Becky Barrios wuchs mit dem Glauben auf, dass Frauen keine Führungspersönlichkeit sein können. Heute ist sie eine Manobo-Anführerin in Agusan del Sur, einer der ärmsten Provinzen der Philippinen.

Sobald ein Hahn kräht, ist Bae Becky auf den Beinen und beginnt ihren normalen, geschäftigen Tag. Sie macht das Bett und ein paar Minuten später hört man das Klappern von Töpfen, in denen Bae Becky für ihren Mann, ihre drei erwachsenen Kinder und ein Enkelkind Reis kocht. Nachdem Bae Becky andere Hausarbeiten erledigt hat, geht sie hastig zur Bio-Reisfarm ihrer Familie, um zwei Stunden lang Unkraut zu jäten. Sobald die Sonne zu stark wird, geht sie nach Hause und bereitet sich darauf vor, in das ein paar Kilometer entfernte Büro zu gehen.

Seit 1997 leitet Bae Becky die Organisation Panaghiusa Alang sa Kaugalingnan ug Kalingkawasan Inc. (PASAKK), was auf Deutsch ‚Einheit für Selbstbestimmung und Befreiung‘ bedeutet. Ihr Weg, eine indigene Führungskraft zu werden, begann als Jugendleiterin der Manobo während ihrer Schulzeit, als sie Eltern und Jugendgruppen Religionsunterricht gab. Sie erwarb ein Diplom in Landwirtschaft, bekam es jedoch aufgrund der plötzlichen Schließung ihrer Schule nicht ausgehändigt. Davon unbeeindruckt wurde sie Lehrerin in abgelegenen Gebieten und Schulen von Agusan del Sur, die von Missionaren der Society of the Divine Word (SVD – Steyler Missionare) geleitet wurden. Sie traf ihren Ehemann, ebenfalls ein SVD-Freiwilliger, und ließ sich in Bunawan nieder.

Aufgrund der Änderung der Prioritäten verließ die SVD Agusan del Sur. Bae Becky und drei weitere Freiwillige wollten ihren Dienst fortsetzen und planten die Gründung von PASAKK. Ohne Büro und mit nur begrenztem Budget und Personal übernahm Bae Becky mehrere Funktionen und konnte PASAKK schließlich registrieren und 1992 den Betrieb aufnehmen. Derzeit leitet PASAKK eine indigene Schule, die nachhaltige Landwirtschaft betreibt und sich auf den Lebensunterhalt von Frauen konzentriert, führt ein Programm für sexuell missbrauchte Frauen und Kinder sowie ein Programm zur Konflikttransformation durch, alles im Bestreben nach ihrer Selbstbestimmung als indigenes Volk.

Geldwirtschaft und modernes Staatswesen stärken patriarchale Stukturen

Indigene Frauen auf den Philippinen sind mehreren, sich gegenseitig verstärkenden, Formen der Diskriminierung ausgesetzt (United Nations Human Rights Council 2015. Report of the Special Rapporteur on the Rights of Indigenous Peoples, Victoria Tauli Corpuz). Marginalisierung indigener Völker manifestiert sich in mangelnder Repräsentation, mangelndem Zugang zu Dienstleistungen, größerer Armut und weit verbreiteter Vertreibung aus ihren angestammten Gebieten. Trotz fortschrittlicher Gesetze zum Schutz der kulturellen, politischen und territorialen Rechte indigener Völker sind indigene Völker in Mindanao wie auch sonst in den Philippinen häufig Opfer von Menschenrechtsverletzungen und bewaffneten Konflikten.

Zusätzlich erfahren indigene Frauen Diskriminierung aufgrund ihres Geschlechts – sowohl von nicht-Indigenen als auch innerhalb ihrer indigenen Gemeinde (Tauli-Corpuz, V. 2018. Indigenous Women’s Rights are Human Rights. Cultural Survival Quarterly Magazine). In vielen indigenen Gemeinschaften weltweit kam es zu einer Verlagerung hin zu patriarchalen Machtstrukturen oder einer Verfestigung dieser Strukturen mit dem Übergang zu einer auf Bargeld basierten Wirtschaft und der Einführung des modernen Staatswesens (United Nations Permanent Forum on Indigenous Issues. 2010. Gender and Indigenous Peoples: Overview). Diese Marginalisierung indigener Frauen überschneidet sich mit anderen verwandten Formen der Ausgrenzung aufgrund von Armut oder mangelnder Bildung (Camaya & Tamayo. 2018. Indigenous Peoples and Gender Roles: The Changing Traditional Roles of Women of the Kalanguya Tribe in Capintalan, Carranglan in the Philippines. Open Journal of Social Sciences, 6, 80-94).

Als indigene Frau, die aus einer der ärmsten Provinzen der Philippinen stammt und keinen Hochschulabschluss hat, wundert sich Bae Becky manchmal, warum in bestimmten Situationen auf sie herabgeblickt wird: „Liegt es daran, dass ich keine Hochschulausbildung habe? Dass ich eine Indigene bin? Dass ich aus armen Verhältnissen komme?”

Traditionelle Erzählungen von Manobo-Anführerinnen

In der Manobo Gemeinschaft von Agusan del Sur hatten indigene Frauen traditionell wichtige politische und spirituelle Rollen. Weibliche traditionelle Heilerinnen, in der Manobo Kultur Baylans genannt, übten eine Reihe wesentlicher Funktionen in der Gemeinschaft aus, darunter die Unterstützung bei der Geburt von Kindern. Die jüngste staatliche Politik hat jedoch traditionelle Geburtsmethoden als unhygienisch eingestuft und traditionelle Geburtshelferinnen verboten – ein Begriff, der die bedeutsame Rolle einer Baylan verschleiert. Bae Becky erläutert, dass diese Politik die Glaubwürdigkeit der Baylans in der Gemeinschaft untergraben und zur Abnahme ihrer Zahl sowie zum Rückgang der indigenen Heilkultur beigetragen hat.

In den Philippinen herrscht die Auffassung, dass die vorkoloniale Rolle der Frau auf die einer Baylan beschränkt war, während die politische Führung von Männern ausgeübt wurde, die traditionell als Datu bezeichnet werden. Obwohl es in der Manobo-Tradition in der Tat keine oral tradierte Geschichten über weibliche Datus gibt, erinnert sich Bae Becky daran, dass die Frauen von Datus in Abwesenheit ihrer Männer Führungsrollen übernahmen. Der Datu ging oft für mehrere Tage fort, um sich um Probleme in abgelegenen Gebieten des indigenen Hoheitsgebiets zu kümmern. Während dieser Zeit waren seine Ehefrauen dafür verantwortlich, die Gemeinschaft zu führen, einschließlich der Verwaltung des Landes, der Pflege der Bedürfnisse der Gemeinschaft und der Lösung von Konflikten. Aus diesem Grund konnten Männer – um die Gemeinschaft zu führen – mehrere Ehefrauen haben. „Frauen konnten damals Frieden und Ordnung aufrechterhalten“, sagt Bae Becky.

Heutzutage können Manobo-Männer nur eine Ehefrau haben, aber indigene Anführerinnen, so genannte Baes, übernehmen weiterhin Führungsfunktionen. Ihre Rolle und Autorität in der Gemeinschaft wird jedoch durch diskriminierende staatliche Maßnahmen untergraben. Trotz der nationalen Gesetzgebung, die es Männern wie Frauen erlaubt, Vertreter*innen der Indigenen bei der lokalen Regierung zu sein, erlauben die lokalen Richtlinien in Bunawan und den umliegenden Gemeinden nur Männern, diese Position zu erfüllen. Tatsächlich wurde einer Bae in einer angrenzenden Gemeinde trotz der Unterstützung männlicher Führer in der Gemeinde verboten, sich um die Position zu bewerben. Bae Becky beklagt, dass „diese diskriminierende Politik Männer in Führungspositionen begünstigt und zum Verlust des Narrativs weiblicher Führungskräfte beiträgt“.

Die innere Führungspersönlichkeit entdecken

Tatsächlich kannte Bae Becky selbst keine weiblichen Führungskräfte, als sie aufwuchs. Als indigene Frau hätte sie nie gedacht, dass sie eine Anführerin werden würde. Mit Hilfe ihrer Umgebung und der damit verbundenen Möglichkeiten emanzipierte sie sich und begann, ihre Gemeinschaft zu beeinflussen. Bae Becky glaubt, dass ernsthafte Arbeit der Frauenförderung mit Frauen beginnen und auf die Männer ausgedehnt werden sollte, die sie und den Rest der Gemeinschaft umgeben.

Als Teenager musste Bae Becky es sich selbst erlauben, sich weiter zu entwickeln. Sie begann als Jugendleiterin, lernte und gab das Gelernte an Jugendliche aus benachbarten Gemeinden weiter. Ihr Verständnis für die Welt erweiterte sich, als sie freiwillige Lehrerin in entlegenen indigenen Gemeinschaften wurde. Sie erfuhr, dass es eine ständige Kluft zwischen den Regierungsdiensten und den Bedürfnissen der indigenen Gemeinschaften gab.

Nachdem Bae Becky PASAKK gegründet und ihre Führungsfähigkeit unter Beweis gestellt hatte, wurde sie nach dem Tod des ersten Generalsekretärs von PASAKK im Jahr 1997 die Nachfolgerin. Angesichts ihres Vorteils, die Arbeit genau zu kennen, akzeptierte Bae Becky die Nominierung: „Wenn nicht ich, wer sonst wird der indigenen Gemeinschaft helfen?“

Als sie weitere Führungsrollen übernahm, musste auch die Familie von Bae Becky sich anpassen. Obwohl ihr Ehemann ihre frühere unterstützende Rolle bei der Gründung von PASAKK zuließ, verwunderte ihn ihre Nachfolge in die oberste Führungsposition. In der Vergangenheit musste Bae Becky sicherstellen, dass ihre Reisen mindestens eine Woche vorab mit ihrem Ehemann besprochen wurden. Mit der Zeit kehrte sie jedoch von Reisen zurück, nur um ihren Mann gleich mit einer Liste bereits geplanter Reisen zu begrüßen. Im Dialog wurden sich Bae Becky und ihr Ehemann einig, dass sie kurz vor einer neuen Reise mit bereits gepacktem Gepäck um seine Erlaubnis bitten kann. Um die Zeit außerhalb der Familie zu kompensieren, muss Bae Becky jedoch in der Zeit, die sie nicht bei PASAKK verbringt, bei ihm auf dem Bauernhof oder zu Hause sein.

Selbstzweifel überwinden

Es dauerte einige Zeit, bis Bae Becky und die unterrepräsentierten weiblichen Führungskräfte Akzeptanz in ihrer Gemeinschaft fanden, die als Führungskräfte konsequent Männer bevorzugt hatte. Der Nachteil der überwiegenden Wahl von Männern wurde später erkannt, als Männer aufgrund ihrer traditionellen Rolle als Familienversorger an Versammlungen und allen anderen Zusammenkünften gehindert wurden. Insbesondere konnten sie sich nicht auf Führungsrollen während der Vorbereitung der Felder und zur Pflanz-Saison oder während der Pflege der Farmen und der Erntezeit konzentrieren. Trotzdem neigte die Gemeinde zur generellen Bevorzugung von Maskulinität.

Diese Neigung wurde auch von den Frauen geteilt, denen anscheinend der Mut fehlte, diese Rollen zu übernehmen. Wenn Frauen für eine Führungsposition nominiert wurden, lehnten sie sie ab und argumentierten, dass die Hausarbeit und die Betreuung von Kindern bereits ausfüllend sind. Frauen sagten häufig: „Ich kann mich noch nicht entscheiden. Ich muss meinen Mann konsultieren.“ Frauen suchten zuerst die Meinung und die Zustimmung ihrer Männer, die oftmals die bestehenden Belastungen der Frauen zu Hause betonen, was dazu führte, dass potentiell wichtige Engagements in der Gemeinschaft abgelehnt wurden. Bae Becky glaubt, dass selbst wenn das Umfeld Frauen helfen kann, der Mut zum Führen aber damit beginnen muss, ihre Selbstzweifel zu überwinden.

Frauenförderung als Gemeinschaftsanliegen

Obgleich eine einzige Frau ausreichen könnte, um zu beweisen, was Frauen können, glaubt Bae Becky, dass es eine größere Menge braucht. Am Beispiel von Bae Becky wusste die Gemeinschaft zu schätzen, dass auch Frauen führen können. 2020 erreichte die Vertretung von Frauen im Ältestenrat von PASAKK ihren höchsten Stand. Sechs der zwölf Sitze im Ältestenrat von PASAKK, einschließlich Bae Beckys Position, sind von Frauen besetzt. Zuvor lag dies bei drei oder weniger. Auf die Frage, ob dies eine geplante Regelung sei, sagt Bae Becky: „Nein, es war die Wahl der Gemeinschaft.“

Bae Becky ist jedoch der Ansicht, dass die Beteiligung von Frauen nicht nur auf der Anzahl basieren sollte. Dies würde zu einer rein symbolischen Repräsentation führen, nur damit die Gleichstellung der Geschlechter im wörtlichsten und oberflächlichsten Sinne angegangen wird. Innerhalb von PASAKK, erklärt Bae Becky, pflegten sie die Vielfalt der Ideen, den Inhalt des Arguments und das Wohl der Gemeinschaft. Männer sind in einer solchen Atmosphäre herausgefordert: Sie können sich nicht länger auf ihren Positionen ausruhen. Frauen müssen gleichermaßen kritisch und selbstbewusst sein. Entscheidungen werden auf der Grundlage des Wohlergehens der Gemeinschaft getroffen, unabhängig davon, wer die Idee eingebracht hat, so dass Frauen die Möglichkeit haben, sich gleichberechtigt mit Männern auszutauschen.

Im Verlauf des Führens erkannte Bae Becky, dass ihre Stimme wichtig ist. Obgleich sie von Menschen in Uniform und mit höherem Bildungsabschluss von der Regierung und anderen NGOs gewöhnlich eingeschüchtert worden war, stellte sie fest, dass ihre Präsenz auf der Legitimität der Probleme der indigenen Gemeinschaft beruht: Sie ist eine lebende Zeugin und voll ausgestattet, um marginalisierte Teile der Bevölkerung zu vertreten. Bae Becky erkannte, dass sie wichtig ist, ebenso wie die anderen fähigen Frauen aus ihrer Gemeinschaft.

Die Geschichte von Bae Becky ist eine von vielen, die es wert sind, erzählt zu werden. Sie wünscht sich, dass die Stärkung von Frauen zu einer Kultur in anderen Gemeinschaften und Institutionen rund um PASAKK und darüber hinaus wird. Um den Weg für die Stärkung anderer indigener Frauen zu ebnen, bemüht sich Bae Becky, die traditionellen Führungsrollen der Manobo-Frauen zu dokumentieren und in Erinnerung zu rufen. Damit übt sie nicht nur ihre eigene Führung aus, sondern befähigt auch andere Frauen, ihrem Beispiel zu folgen.

Übersetzung aus dem Englischen von: Jörg Schwieger.

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3 | 2020, Interviews, Vietnam,
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Offizielle Zahlen sind nur die Spitze des Eisbergs

Kambodscha: Das Theaterprojekt „I am a daughter“ bricht Rollenbilder von Frauen in der kambodschanischen Gesellschaft auf. Unsere Autorin unterstützt die Initiative. Auch sie musste darum kämpfen, ein selbst bestimmtes Leben führen zu dürfen.

Es gibt ein altes Khmer-Sprichwort: „Srey chlad ot pidey“. Das bedeutet: „Eine kluge Frau bekommt keinen Mann“. Ich habe gelernt, diesen Spruch zu ignorieren. Ich bin eine gebildete Frau. Und ich möchte keinen Mann heiraten, der mich für dumm hält. Fast jedes fünfte Mädchen in Kambodscha heiratet vor ihrem 18. Geburtstag. Viele kambodschanische Eltern arrangieren immer noch Hochzeiten gegen Brautgabe, weil man Mädchen die künftige Rolle der Mutter und Hausfrau zuweist. Der Ausbildung von Frauen kommt damit weitaus geringere Wichtigkeit zu; der Mann soll besser ausgebildet sein, weil er nach traditionellem Verständnis für das Einkommen der Familie zuständig ist.

Nur 15 Prozent der Frauen haben einen Realschulabschluss

Über die Hälfte der Bevölkerung Kambodschas lebt an oder unter der Armutsgrenze. Ich hatte Glück und wuchs in einer Mittelstandsfamilie in der Hauptstadt Phnom Penh auf. Schon als Teenager erzählte ich meiner Mutter, dass ich Journalistin werden möchte. Sie sagte das sei ein schrecklicher Beruf. Redakteur*innen seien oft arm, manche würden gar wegen ihrer Arbeit getötet. Ich fragte sie, was ich stattdessen tun solle. Meine Mutter antwortete nur, ich solle an meine Identität als Frau denken. Später bat sie mich das Haus zu putzen und Abendessen zu kochen.

Ich nehme es ihr nicht übel. Wegen des Völkermordes unter dem Regiment der Roten Khmer vor über 40 Jahren konnte sie nicht einmal die Grundschule abschließen. Der 30-jährige Bürgerkrieg endete erst 1998. Bis 2019 verfügten nur 15 Prozent der erwachsenen Frauen in Kambodscha über einen Sekundarabschluss [entspricht dem deutschen Realschulabschluss]. Bei den erwachsenen Männern waren es 28,1 Prozent. Das geht aus Daten des United Nations Development Program (UNDP) hervor.

Diskriminierung in der Arbeitswelt

Mit den ersten freien Wahlen im Jahr 1993 veränderten sich Kambodschas Gesellschaft und Wirtschaft. Als ein Kind der ‚Babyboom-Generation’ der Nachkriegszeit, habe ich diese Phase miterlebt. Die meisten kambodschanischen Jugendlichen werden aber von ihren Eltern so erzogen, wie deren Eltern es zuvor getan hatten. Von den Frauen wird erwartet, den gesellschaftlichen Normen zu folgen. Ihre Aufgabe liegt darin, sich um die Kinder und ältere Menschen zu kümmern. Die Potentiale und Fähigkeiten von Frauen werden nicht gesehen oder klein geredet. Der Gedanke, dass wir Frauen nie gut genug sein werden, um mit Männern zu konkurrieren, verunsichert uns. Mein Leben hat sich erst verbessert, nachdem ich in Dänemark und England meinen Master im Fach Finanzjournalismus abgeschlossen hatte. Ich begann danach als Reporterin bei der Zeitung The Phnom Penh Post zu arbeiten.

Trotz einiger Verbesserungen, sind Männer und Frauen in der Arbeitswelt nicht gleichgestellt. Frauen sind ständig mit Diskriminierung und fehlender sozialer Absicherung konfrontiert. Kambodscha steht vor der Aufgabe, mehr Jobs zu schaffen, prekäre Beschäftigung zu reduzieren und dafür zu sorgen, dass Arbeit unter menschenwürdigen Bedingungen stattfindet. Es braucht Gesetze, die Arbeitsbedingungen und die soziale Absicherung verbessern, damit ein Arbeitsmarkt entstehen kann, in dem Männer und Frauen gleichermaßen gefördert und bezahlt werden.

80 Prozent der Bevölkerung sind jünger als 30 Jahre

Seit 2018 arbeite ich mit kambodschanischen Schüler*innen im Rahmen des Gemeinschaftstheaters und Multimediaprojekts I am a Daughter, einer Initiative des Kulturzentrum Meta House) in Phnom Penh und seinem Dachverband, der Kambodschanisch-Deutschen Kulturvereinigung (KDKG). In den letzten sechs Jahren hat das Meta House insgesamt drei verschiedene Schultheaterprojekte, in Zusammenarbeit mit lokalen Bühnenautor*innen und der NGO für darstellende Künste, Khmer Art Action, durchgeführt.

Landesweit haben bisher über 80.000 kambodschanische Gymnasiast*innen an den Theateraufführungen teilgenommen. In kambodschanischer Sprache behandeln die Stücke Themen wie den laufenden Versöhnungsprozess nach dem Völkermord, den Alkoholismus unter Minderjährigen und die Stärkung der Rolle von Mädchen. Entscheidend für den Erfolg des Projektes ist die Unterstützung des kambodschanischen Ministeriums für Bildung und Sport, welches die Aktivitäten von NGOs in Schulen und Universitäten sehr genau beobachtet. In westlichen Ländern gehört Schultheater zum Standard. Dagegen ist dieses Projekt für Kambodscha ein Novum, denn neben dem Schulunterricht gibt es normalerweise so gut wie keine Aktivitäten um die Schüler*innen zu fördern.

„Über 80 Prozent der Bevölkerung Kambodschas sind jünger als 30 Jahre alt. Deshalb müssen wir uns auf die Erziehung der jungen Generation konzentrieren, um die Entwicklung des Landes voranzutreiben. Das Theater schafft einen sicheren Raum für Schüler*innen und Studierende. Sie können dort offen über drängende soziale Fragen diskutieren. Das Ergebnis sind bessere kognitive Fähigkeiten und ein höheres Maß an Selbstvertrauen. Kinder und junge Erwachsene lernen, ihre eigenen Probleme auf unterhaltsame Weise zu lösen“, erklärt die Programmmanagerin und Filmemacherin des Meta House, Sao Sopheak, selbst Mutter von zwei Kindern.

Männer müssen bei der Gleichstellung eine aktive Rolle einnehmen

Das Stück I am a Daughter schrieb Kim Dyna, eine ehemalige TV-Nachrichtenmoderatorin. Es zeigt Situationen, in denen Frauen versuchen die für sich besten Lösungen zu finden. Die Schauspieler*innen schlüpfen in dem Stück in verschiedene Rollen – die der Großmutter, Enkelin, Ehefrau und des Ehemannes, die manchmal die Geschlechterrollen tauschen. I am a Daughter zeigt den Weg einer Frau zur Universität und ihre Suche nach einem Partner, der sie unterstützt und bereit ist, auf die Heirat bis nach ihrem Abschluss zu warten.

„Unser männliches Publikum scheint sehr motiviert, die Frauenrechte im modernen Kambodscha zu unterstützen. Sie müssen jedoch auch eine aktivere Rolle bei der Verwirklichung der Gleichstellung spielen“, erzählt die Moderatorin des Theaterstückes, Vouchleng, über die Reaktionen bei den Aufführungen. Sie hat bislang über 100 Darbietungen in zehn kambodschanischen Provinzen moderiert.

Theaterstück thematisiert häusliche Gewalt und Frauenrechte

„Ein großer Teil der Geschichte stammt aus meiner eigenen Erfahrung“, sagt Kim Dyna. „Meine Familie wollte auch, dass ich einen reichen Mann heirate. Ich sagte `Nein`, als ich erfuhr, dass er nicht wollte, dass ich studiere oder arbeite.“ Dyna erklärt weiter: „Die Theaterstücke binden die Zuhörenden ein. So entstehen ein gemeinsames Wissen, eine gemeinsame Erfahrung und die Möglichkeit, Wahrnehmungen und Einstellungen zu verändern.“

Das Theaterstück porträtiert Figuren, die mit Themen wie Frauenrechten, Ablehnung aus der Familie und häuslicher Gewalt konfrontiert sind. Teile basieren auf Interviews, die Dyna mit Gymnasiastinnen aus Phnom Penh und dem ländlichen Raum Kambodschas geführt hat. „In der Stadt haben Frauen mehr Zugang zu Informationen“, sagt Dyna. „Sie sind sich ihrer Rechte bewusster und streben nach Gleichberechtigung. Frauen auf dem Land fehlt es oft an Bildung und sie haben nur begrenzten Zugang zum Internet oder zu sozialen Medien. Entscheidungen lassen sie oft ihre Familien für sich treffen.“, fasst sie ihre Erkenntnisse zusammen.

Zu jeder Aufführung gehören Frage-und-Antwort-Runden mit weiblichen Vorbildern. Die Frauen erzählen den jungen Schüler*innen aus ihrem Leben und davon, was sie erreicht haben. Auf der Webseite des Theaterprojekts werden Diskussionsrunden, Live-Streams, Workshops, Kunstausstellungen, Filmproduktionen und Blogeinträge online gestellt. Hier können sich junge Frauen über Unterstützungsmöglichkeiten informieren und werden ermutigt, ihre eigenen Wege zu gehen, finanziell unabhängig zu leben und sich eigenständig für einen Beruf zu entscheiden.

Kambodschanische Frauen verlassen sich nicht mehr auf die Ehe

I am a daughter lehrt die Bedeutung von Unabhängigkeit und Selbstbestimmung. Junge Frauen sollten sich entfalten können, bevor sie eine Ehe eingehen und Kinder bekommen. Die alte Norm, nach der sich Frauen allein auf die Ehe verlassen sollen, ist überholt. Moderne kambodschanische Frauen folgen dem nicht mehr. Jene, die selbst bestimmte Frauen fürchten, fürchten sie aus eigener Unsicherheit. Sie verlachen dich und gehen davon aus, dass du scheitern wirst. Aber jene, die Freiheit zu schätzen wissen, werden dich ermutigen und unterstützen. Und sich vielleicht von dir inspirieren lassen.

Übersetzung aus dem Englischen von: Simon Kaack

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3 | 2020, Interviews, Vietnam,
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Offizielle Zahlen sind nur die Spitze des Eisbergs

Thailand: Eine Ausstellung von 2017 erzählt die Geschichte von Frauen aus Bangkok, die sexualisierte Gewalt überlebt haben. Ihre Aussagen zeigen, dass der Nationale Frauen und Entwicklungsplan nur auf dem Papier existiert.

Ich versuche hier eine kritische Reflexion über die „#MeToo“-Bewegung im thailändischen Kontext, in dem ich drei verschiedene Prozesse in Beziehung setze. Erstens bin ich persönlich von dem Prozess inspiriert, bei dem ich mich mit einer Gruppe von (vergewaltigten und) misshandelten Frauen, Ehefrauen und Müttern, die in einem Frauenhaus am Stadtrand von Bangkok lebten, auseinandergesetzt und von ihnen gelernt hatte. Die aus dieser Arbeit entstandene Ausstellung, die als selbst gemachtes Archiv konzipiert wurde, beziehe ich zweitens auf den seit 1982 vom thailändischen Staat erstellten Nationalen Frauen und Entwicklungsplan. Dieser Plan ist eine ganz andere Art des Archivs, nämlich eine, die marginalisierte Stimmen im Prozess der Wissenskonstruktion zum Thema Gewalt gegen Frauen ausklammert. Drittens versuche ich, aus dieser Gegenüberstellung politische Schlussfolgerungen zu ziehen für die sich abzeichnende globale Agenda zu Gewalt gegen Frauen, die durch die UN-Ziele für nachhaltige Entwicklung 2030, Nr. 5.1, initiiert wurde und die sich ehrgeizig das Ziel der „Beendigung aller Formen der Diskriminierung aller Frauen und Mädchen überall“ gesetzt hat.

Das Erzählen von ‚#MeToo‘-Geschichten im thailändischen Kontext

Die Ausstellung der Frauen aus dem Frauenhaus ist durch ein Zusammentreffen mit einer NGO-Mitarbeitern (von der Social Equality Promotion Foundation) und einer MA-Studentin, Manee Khunpakdee entstanden. Für den Internationalen Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen (25. November) organisierten sie 2017 die sehr kreative Ausstellung Stimmen und Ansichten der Überlebenden: Erzählen durch meine Archive. Die (experimentelle) Ausstellung wurde zusammen mit einer Vielzahl von Aktivitäten, unter anderem eine Podiumsdiskussion, ein Theaterstück und eine Musikshow, präsentiert.

Da jedoch das Konzept und die Praxis (oder sogar der Begriff) von ‚Archiven’ für diese Frauengruppe recht neu war, kam die Idee, ihre Präsentation auf ihre persönlichen Archive zu konzentrieren. Als Gruppe von Überlebenden erinnerte sich jede von ihnen an die intimen Gegenstände, die mit der erlebten Gewalt zu tun hatten, und identifizierte sie. Zu diesen Gegenständen gehörten zum Beispiel eine Busfahrkarte, die eine Überlebende während der Vergewaltigung noch in der Hand hielt, ein Kessel mit heißem Wasser, ein zerrissenes Tuch, ein Pyjama, der nach einem Angriff ihres Partners mit Blut befleckt war, sowie ein Schlagring. Alle wurden mit Bildunterschriften im Stil einer kritischen und alternativen Ausstellung ausgestellt. Zwei Beispiele seien hier vorgestellt:

Die obigen Geschichten kommen uns vertraut vor. Viele Ehemänner schlagen ihre Frauen brutal zusammen. Und Vergewaltiger lauern Frauen des Öfteren auf, indem sie ihnen im Bus folgen, während sie sich auf dem Weg zu ihrem Zuhause befinden, sei es in Mumbai, Nairobi, Jakarta oder sogar in Toronto und New York City (obwohl die meisten Vergewaltigungen von Personen begangen werden, die die Frau kennt). Es ist jedoch das erste Mal, dass ich solche Geschichten lese, in denen die Frauenarchive zusammen mit einer Busfahrkarte oder einem Schlagring in Form einer Ausstellung, die auf die Beendigung von Gewalt gegen Frauen abzielt, zu sehen sind. Hier findet eine Verwandlung von einem ‚Archiv-als-Quelle’ zu ‚Archiv-als-Subjekt’ statt.

Gewalt gegen Frauen im Frauen- und Entwicklungsplan der thailändischen Regierung

Wann und wie ist das Wissen über Gewalt gegen Frauen in Thailands Nationalen Frauen- und Entwicklungsplan hineingeschrieben worden? Frauenrelevante Themen wurden erst 1972, im 3. Nationalen Wirtschaftsplan, mit dem Schwerpunkt auf Familienplanung sowie auf der Hygiene von Müttern und Kindern behandelt. Es dauerte weitere zehn Jahre, bis der [erste] Fünfjahresplan für Frauen und Entwicklung (1982-1987) (im Rahmen des 5. Nationalen Wirtschaftsplans) auf den Weg gebracht wurde. Frauen werden hier vor allem als Input für das Wirtschaftswachstum betrachtet.

Gewalt gegen Frauen wird in keinem Abschnitt des Ersten Frauen- und Entwicklungsplans (1982) thematisiert. Es dauerte noch weitere 20 Jahre, bis das Thema im 9. Nationalen Wirtschafts- und Entwicklungsplan (2002-2006) unter dem Titel Förderung der Gleichstellung und des sozialen Schutzes behandelt wurde. Hier heißt es:

Gegenwärtig befinden wir uns im Rahmen des 12. Nationalen Wirtschafts- und Entwicklungsplans, der einen Abschnitt mit dem Titel Strategie für Frauen und Entwicklung (2017-2021) beinhaltet. Hier wird gefordert: „… einen Ansatz zum Schutz, zur Lösung und zur Hilfe der Betroffenen während des ganzen Prozesses … ein Prozess, der die Einschaltung eines Teams von berufsübergreifenden Experten erfordert“ (2560: 8).

Vom Opfer zum ermächtigten Subjekt

Siebzehn Jahre sind vergangen, in denen die Zahlen über Todesfälle und Überlebende häuslicher und sexualisierter Gewalt in die Höhe geschossen sind. Warum also haben die vielen Pläne, die von der Regierung formuliert wurden, diese Gewalt nicht eingedämmt?

Der Versuch, eine Neuausrichtung und Refokussierung der nationalen Pläne zu fordern, erfolgte während einer Versammlung der oben besprochenen Gruppe von Frauen im Jahr 2018. Sie verfasste eine Petition an die Regierung in ihrer eigenen Handschrift, in der sie Lösungen für Gewalt gegen Frauen forderten, die direkt auf die BEDÜRFNISSE der Überlebenden reagieren, anstatt Millionen für Werbeunternehmen auszugeben, die eine oberflächliche Medienkampagne veranstalteten.

Sie verlangten unter anderem:

  • Sobald Frauen, die häusliche Gewalt erlebt haben, ihre Beschwerden bei einer beliebigen Stelle (d.h. bei der Polizei) einreichen, sollte diese unverzüglich Maßnahmen ergreifen. Die Fälle sollten nicht als bloßer ‚Konflikt zwischen Mann und Frau’ abgetan werden […].
  • Im Krankenhaus sollten Frauen eine kostenlose DNA-Inspektion erhalten, entweder im Falle einer Vergewaltigung, eines sexuellen Übergriffs oder wenn Männer sich weigern, Verantwortung zu übernehmen […].
  • Öffentliche Mittel sollten für die Überlebenden [als finanzielle Unterstützung] entweder zwischen oder nach dem Heilungsprozess, dem Kampf vor Gericht und der Berufsausbildung zum Aufbau einer eigenen Karriere bereitgestellt werden.

Die Lektüre der Petitionen der Überlebenden erinnert mich an das, was von Gayatri Spivak (zitiert aus: Blunt, A. and Jane Wills. (2000): Dissident Geographies: An Introduction to Radical Ideas and Practice. Prentice Hall/Pearson Education, S. 16) diskutiert wurde, dass „… Praktiken des Sprechens und Schreibens nicht unschuldig sind, sondern Teil des Prozesses der ‚Weltbildung‘ oder der diskursiven Abgrenzung bestimmter Teile der Welt von anderen sind. Wissen ist eine Form der Macht und, daraus folgend, der Gewalt; es … verleiht dem Verarbeiter von Wissen Autorität“. In dieser Hinsicht bezieht sich Spivaks Einsicht nicht nur auf das ungleiche Verhältnis zwischen der ersten und der dritten Welt, sondern auch innerhalb der dritten Welt selbst.

Während auf der einen Seite ein vorherrschender Diskurs über Gewalt gegen Frauen in den Regierungsplänen, wie sie von den feministischen Bürokraten geschrieben wurden, festgehalten wird, gibt es auf der anderen Seite eine Bewegung einer Gruppe von Überlebenden (auf der Suche nach ihren eigenen Archiven), die ihren eigenen Vorschlag schreiben und die Behörden auffordern, das Problem an der richtigen Stelle zu lösen, um die Gewalt gegen sie (und andere Frauen) zu beenden. Es besteht kein Zweifel, dass dies eine monumentale und historische Herausforderung durch die ‚fehlenden Stimmen’ im Prozess der Wissenskonstruktion über Gewalt gegen Frauen in der thailändischen Frauenbewegung ist.

Übersetzung aus dem Englischen von: Oliver Pye

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3 | 2020, Interviews, Vietnam,
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Offizielle Zahlen sind nur die Spitze des Eisbergs

Myanmar/Asien/Europa/USA: Rohingya-Frauen übernehmen in der Diaspora häufig eine aktive Rolle im transnationalen Aktivismus. Für ihren Artikel interviewten unsere Autoren Rohingya-Aktivistinnen auf der ganzen Welt.

Jahrzehntelange Militärregierung, ethnische Konflikte und staatlich geförderte Gewalt haben einen massiven Exodus der Rohingya-Gemeinde aus dem Bundesstaat Rakhine in Myanmar ausgelöst. Heute befindet sich die Mehrheit der fast drei Millionen Rohingya im Exil.

Als Folge hat humanitäres Engagement für geflüchtete Rohingya stark zugenommen. Dies führt zu einem stärkeren Engagement bei humanitären Akteur*innen und zivilgesellschaftlichen Organisationen der Rohingya selbst; insbesondere in Ländern, in denen sie eine beträchtliche Diaspora bilden. Das hat für viele Frauen eine Gelegenheit geschaffen, aus ihrer traditionellen Rolle auszubrechen und aktiv an der Mobilisierung der Rohingya-Diaspora mitzuwirken.

Humanitäre Hilfe bietet Chancen

Frauen der Rohingya-Diaspora sind, anders als im öffentlichen Diskurs oft dargestellt, aktive Akteur*innen, die in der Lage sind, aus traditionellen Rollen auszubrechen und gleichzeitig die Sache von Millionen vertriebener Rohingya voranzubringen. Wie verschaffen sie ihrer Stimme in den Ländern, in denen sie leben, Gehör und welche lokalen Faktoren begünstigen oder behindern diesen Prozess?

Wir haben dazu mit geflüchteten Rohingya-Aktivistinnen aus der ganzen Welt gesprochen. Wir wollten herausfinden, wie die Zwangsvertreibung und das Leben im Exil sie zu ihrer Rolle gebracht haben. Dabei wurde uns klar, dass der Konflikt in Myanmar und die daraus resultierende Vertreibung einen bedeutsamen Wandel in den traditionellen Geschlechterrollen der Rohingya ausgelöst und vielen Frauen die Möglichkeit gegeben hat, wichtige und sichtbare Akteur*innen der Zivilgesellschaft im Ausland zu sein. Dabei ist der intersektionale Rahmen zu berücksichtigen, da Race, Geschlecht, Alter, sozioökonomischer Status und die Situation im Gastland wichtige, sich überschneidende soziale Faktoren sind, die die Frauen in ihrem Aktivismus beeinflussen.

Geflüchteten-Lager als politische Räume

„Wir wollen, dass humanitäre Einsätze unseren spezifischen Bedürfnissen entsprechen und von unseren Stimmen geprägt werden“ sagt eine Rohingya-Aktivistin aus dem Geflüchtetenlager Kutupalong in Bangladesch.

Frauen engagieren sich überwiegend in der Selbstverwaltung von Geflüchteten und humanitären Hilfslieferungen. Sie übernehmen aber auch andere Aufgaben wie Journalismus, Online-Aktivismus, Menschenrechts-Aktivismus sowie pädagogisches und unternehmerisches Wirken.

Aufgrund der anhaltenden Vertreibungen der Rohingya sind die Geflüchteten-Lager in Thailand und Bangladesch ein Lebensraum, der über die zeitliche Begrenzung und den Notfallcharakter der Verwaltung hinausgeht. Daher sind Geflüchteten-Lager politische Räume, in denen ständig um das Recht gekämpft wird, das Leben in den Lagern zu gestalten und zu beeinflussen, wie sie verwaltet werden.

Einbringen in soziale Bewegungen am neuen Wohnort

In anderen Ländern, insbesondere in Malaysia, den USA und Kanada, weicht das Engagement von Frauen in den Gemeinden sehr von diesem Bild ab. Eine Rohingya-Journalistin aus Malaysia sagt:

Mehrere der interviewten Frauen sind Teil einer größeren Bewegung, deren Aktivismus sich nicht nur auf Themen beschränkt, die ausschließlich Rohingya-Gemeinschaft betreffen, sondern die Not von Minderheiten, anderen Geflüchteten und gefährdeten Bevölkerungsgruppen in ihren neuen Wohnorten vertritt. Einige der Aktivist*innen beteiligten sich auch an sozialen Bewegungen wie Fridays For Future in Schweden oder Black Lives Matter in den USA.

Bewahrung der Rohingya-Identität durch Online-Aktivismus

„Unser Ziel ist es, der globalen Rohingya-Gemeinschaft eine Plattform zu bieten, auf der sie sich selbst, über die aktuellen Mediennarrative hinausgehend, darstellen können“ sagt eine Digitaltrainerin aus Schottland.

Die zunehmenden Verbindungen zwischen den Diaspora-Mitgliedern bei zugleich großen räumlichen Distanzen zwischen ihnen, führten zu wachsendem Online-Aktivismus der Rohingya-Gemeinschaften. In den letzten Jahren haben mehrere Online-Kampagnen dazu beigetragen, Beziehungen zwischen den vertriebenen Rohingya-Gemeinschaften in verschiedenen Teilen der Welt wiederzubeleben, ihre Kultur neu zu gestalten und eine Plattform für den politischen Diskurs zu bieten.

Seit 2017 gibt es eine starke Zunahme von Rohingya-YouTube-Kanälen, Webseiten, Blogs und Fernsehkanälen. Eine beträchtliche Anzahl von Frauen ist Teil dieses Engagements. Es geht dabei nicht nur um die Behauptung einer kollektiven Identität, sondern auch um die Schaffung eines sozialen Bewusstseins. Zugleich wird dadurch die Sprache der Rohingya in gesprochener, aber auch geschriebener Form bewahrt. Eine junge Rohingya-Aktivistin, die als UNHCR-Freiwillige in Malaysia gearbeitet hat, sieht den Aktivismus in den sozialen Medien so:

Situation von Frauen in den Vordergrund rücken

Ein zentrales Ergebnis der aktiven Beteiligung von Frauen in der Diaspora ist, dass geschlechtsspezifischen Herausforderungen, denen die meisten Frauen ausgesetzt sind, Priorität eingeräumt wird. Oft fehlt es jedoch an konkreten Handlungen, die diese geschlechtsspezifische Dimension berücksichtigen. Aktivist*innen wollen sicherstellen, dass humanitäre Interventionen und die aufnehmenden Länder die besonderen Bedürfnisse von vertriebenen Frauen und Mädchen angemessen berücksichtigen. Mehrere Frauen leiten Organisationen, die sich für das Empowerment von Frauen und die durchgängige Berücksichtigung der Geschlechterperspektive in Fluchtprogrammen einsetzen. Auch wenn viele Menschen ihr ‚weibliches Engagement‘ in Frage stellen, wird im Diaspora-Aktivismus oft übersehen, dass häufig hierarchische Systeme fortbestehen, die Geschlechtergleichstellung ignorieren.

Kampf gegen Stereotype und festgefahrene Strukturen

Politische Partizipation und zivilgesellschaftliches Engagement von Rohingya-Frauen sind nie leicht, wie die Leiterin eines Rohingya-Frauenverbandes in Malaysia feststellt:

Es gab und gebe immer noch Stereotype darüber, was Frauen in der Gemeinschaft tun können und was nicht. Aber hier gelte es, selbstbewusst zu sein und nicht nachzugeben, so eine Befragte aus den USA. Die soziale und politische Teilhabe von Frauen wird dabei in erster Linie durch rechtliche und praktische Zwänge behindert. Die doppelte Verantwortung vieler Frauen in Familie und Aktivismus bringt sie oft in eine Situation, die viele als unlösbar bezeichnen. Weitere Faktoren sind mangelndes Wissen und Vertrauen, Sprachbarrieren, unzureichende Finanzierungsmöglichkeiten oder Mobilitätseinschränkungen.

Mobilisierung und transnationale Netzwerke

Für viele Frauen fühlen sich die Veränderungen, die sich im Diaspora-Aktivismus vollziehen, dennoch wie eine Zeitenwende an. Eine Befragte aus Bangladesch drückt dies so aus:

Als Konsequenz sind Rohingya-Frauen trotz erheblicher Fortschritte im Vergleich zu Männern nach wie vor unterrepräsentiert. Die Interviews zeigen, dass die Motivation der Frauen, sich zu mobilisieren und Netzwerke aufzubauen, vor allem von einem starken Gefühl des Transnationalismus abhängt. Ihre Handlungen werden dabei wesentlich von der Regierungspolitik Myanmars gegenüber den ethnischen Minderheiten der Rohingya geprägt. Darüber hinaus übt die Geflüchtetenpolitik der Regierung von Bangladesch und internationaler Organisationen Einfluss auf die Frauen aus.

Umfeld und soziales Kapital entscheidend für Diaspora Aktivität

Was erleichtert es einer transnationalen Diaspora, sich zu etablieren? Multikulturalismus ermöglicht es Diasporagruppen potenziell, ihre sozialen Bedürfnisse zu artikulieren und auf globale Probleme aufmerksam zu machen. Multikulturelle Städte bieten der Diaspora dringend benötigte sozioökonomische und politische Plattformen, die den Aufbau von Gemeinschaften und Netzwerken ermöglichen. Damit die Diaspora in der Lage ist, ihre Netzwerke zu erweitern und sich zu mobilisieren, muss die Politik der Zielländer sie mit einbeziehen. Nicht-restriktive Einwanderungsgesetze und die Akzeptanz anderer Kulturen sowie ein Arbeits- und Sozialumfeld ohne Diskriminierung sind dafür wesentliche Faktoren. Ein solches Umfeld ermöglicht es der Diaspora, Teil einer pluralistischen Gesellschaft zu sein, innerhalb derer sie sich engagieren und integrieren können. In den USA und in Europa beispielsweise engagieren sich Rohingya-Aktivist*innen für eine Vielfalt sozialer Fragen, im Falle Bangladeschs ist dies in hohem Maße geschlechtsspezifisch und begrenzt.

Ohne soziales Kapital und ein gewisses Maß an Bildung können diese Chancen nicht verwirklicht werden. Fast alle Befragten sind multilingual und sprechen sehr gut Englisch. Außerdem verfügt die Mehrheit der Befragten über einen hohen Bildungsgrad (höheren Sekundarschul- bis Universitätsabschluss). Geschlecht, Bildung und sozioökonomischer Status sind wichtige soziale Schnittmengen, die die Fähigkeit zur Teilnahme an zivilgesellschaftlichen Organisationen beeinflussen und in unterschiedlich privilegierte oder benachteiligte Positionen bringt.

Der technologische Fortschritt, insbesondere bei sozialen Medien, hat die Fähigkeit der Diasporagemeinden, ein Netzwerk aufzubauen, stark beeinflusst. Zudem hat die Internationalisierung vielen Frauen geholfen, nach vorne zu treten und die Debatte zu beeinflussen. In Myanmar hatten sie dazu oft keine Möglichkeit; es wurde ihnen nicht erlaubt, im öffentlichen Raum aktiv zu sein. Dies stellt eine neue Freiheit für viele Frauen dar und zeigt einmal mehr, wie wichtig der Zusammenhang zwischen sozialen Rechten und dem Zugang zur Zivilgesellschaft ist.

Übersetzung aus dem Englischen von: Simon Kaack

 

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