3 | 2020, Interviews, Kambodscha,
Autor*in:

„Habt keine Angst, eure Träume zu verwirklichen!“

Kambodscha Frauen

Vartey Ganiva im Video ihres aktuellen Songs ‚Chob Cher‘ © Yab Moung Records

Kambodscha: Vartey Ganiva macht in ihren Songs auf Gewalt gegen Frauen und die Situation von Sexarbeiter*innen aufmerksam. Die Aktivistin Un Samphors leitet die Organisation ‚Moms Against Poverty’. Beide Frauen machen Themen öffentlich, die sonst selten gehört werden.

Unsere Interviewpartnerinnen:

Kambodscha Frauen

Visal Sorn, Un Samphors und Vartey Ganiva als Rednerinnen der Podiumsdiskussion: Frauen Gehör verschaffen © Vartey Ganiva

Vartey Ganiva ist eine kambodschanische Sängerin und Songwriterin. Ihre Musik behandelt verschiedene soziale Themen, wie z.B. Armut, Umweltschutz oder sexualisierte Gewalt.

Un Samphors ist die Landesdirektorin von Moms Against Poverty (MAP). Im Rahmen ihrer Arbeit legt sie einen Schwerpunkt auf die Stärkung der Rolle von Frauen und Bildung zu Gendergerechtigkeit.

Beide arbeiten seit mehreren Jahren zusammen und organisierten Anfang 2020 gemeinsam mit dem forumZFD Podiumsdiskussionen zu den Themen Gender, Stereotypen und Women Empowerment in Battambang und Phnom Penh.

Als die #metoo-Bewegung 2017 ins Rollen kam, fand sie zunächst in den USA statt und verbreitete sich dann global weiter. Hatte die Entwicklung auch Auswirkungen auf Kambodscha?

Vartey Ganiva: Um ehrlich zu sein, habe ich das erste Mal davon gehört, als mich ein Journalist nach #metoo fragte. Ich habe es dann gegoogelt und ein Gefühl dafür bekommen, worum es bei #metoo geht und was Frauen einfordern.

Un Samphors: Die Bewegung war nicht sehr bekannt. Obwohl wir natürlich auch von den Strukturen betroffen sind, die die Bewegung verändern will. Die meisten Frauen hier haben vor einigen Jahren begonnen, sich über Gendergerechtigkeit zu informieren und versuchen, die Denkmuster, mit denen sie aufgewachsen sind, zu hinterfragen.

Kambodscha hat in den vergangenen Jahrzehnten schwierige Zeiten durchlebt. Was wisst ihr über die Erfahrungen von Frauen in diesen Konflikten?

VG: Meine Mutter und meine Großmutter haben erst vor kurzem begonnen, über diese Zeit zu sprechen. Ich glaube, die Menschen neigen dazu, mehr zu reden, je älter sie werden. Viele Frauen besaßen nach den Roten Khmer keinerlei Bildung. Wenn Eltern entscheiden mussten, welches ihrer Kinder zur Schule gehen durfte, fiel die Wahl immer auf den Jungen.

Als Folge daraus war der Frauenanteil innerhalb der Regierung sehr gering. Auch meine Mutter durfte nicht studieren. Meine Großmutter sagte immer, dass es ihre einzige Tochter sei, weshalb sie sich große Sorgen um sie mache. Sobald die Frauen verheiratet waren, stand immer der Mann im Mittelpunkt, als Ernährer der Familie.

Darüber hinaus hatten viele Familien Angst vor Vergewaltigung und Missbrauch während der Zeit der vietnamesischen Besetzung. Deshalb wurde den Mädchen nicht erlaubt, das Haus allein zu verlassen. Dadurch, dass nicht klar war, wer das Land regiert, wäre niemand dafür verantwortlich gewesen, wenn etwas passiert wäre.

US: Diese Geschichten zu hören, macht mich wirklich traurig und wütend. Männer hatten immer das Recht, zu tun was sie wollten. Sie konnten ihre Frauen schlagen, sie konnten ihre Affären mit zu sich nach Hause nehmen und kein Mensch hätte sich beschwert. Die Menschen hatten immer nur Angst, wenn es um die Sicherheit der Frauen ging.

In traditionellen kambodschanischen Vorstellungen von Familienbildern werden Frauen oft nur als die Personen angesehen, die für die Hausarbeit verantwortlich sind. Wenn Frauen mit einem Mann ausgegangen wären, hätten die Nachbar*innen sich gefragt, ob sie sich verkaufen. Es wäre ihnen schlicht nicht erlaubt worden, sich ihren Freund oder Ehemann selbst auszusuchen.

Studierende bei einer Podiumsveranstaltung zum Thema Gendergerechtigkeit in Battambang © Vartey Ganiva

VG: Selbst ich durfte, als ich 15 Jahre alt war, nicht allein ausgehen. Vielen Frauen wird gesagt, dass sie keinen Ehemann finden, wenn sie sich nicht an die Regeln halten.

Das hängt auch mit dem Glauben an die Jungfräulichkeit zusammen: Wenn eine Frau keine Jungfrau mehr ist, wird sie als nutzlos betrachtet.

Aber heutzutage gibt es eine Menge Veränderungen in Kambodscha. Frauen sind stark genug, für sich selbst einzustehen und streben danach, zukünftig in vielen Bereichen Führungsrollen einzunehmen. Den Eindruck hatten wir auch bei den Podiumsdiskussionen, die wir geführt haben.

In welchen Kontexten ist Gewalt gegen Frauen heute Teil des Alltags? Welche Machtstrukturen gehen dieser Gewalt voraus?

VG: Kambodschanische Männer neigen oft dazu, ihre Privilegien als selbstverständlich anzusehen. Ein Beispiel dazu von unserem Vortrag in Battambang: Ein Mann dort meldete sich und fragte uns, ob es überhaupt nötig sei, dieses Thema zu behandeln. Es war offensichtlich, dass er sich unwohl damit fühlte, dass nur Frauen auf dem Podium saßen. Er verstand die Diskussion als einen Angriff gegen alle Männer und als einen Versuch, die Männer in Kambodscha zu unterdrücken.

Aber das ist es nicht, was wir wollen. Wir fordern einfach Gleichberechtigung, damit Frauen nicht von ihren Ehemännern, Brüdern oder Vätern abhängig sind. Wir wollen, dass auch Männer Frauen unterstützen, damit diese für sich selbst entscheiden können. Ich muss sagen, dass ich in Kambodscha viele Fortschritte sehe, was das angeht. Auch für Männer gibt es mehr Bildungsangebote zu Gendergerechtigkeit und viele von ihnen unterstützen Frauen. Und auf der anderen Seite zögern Frauen nun weniger, kritische Fragen zu stellen und die Ziele, die sie sich gesetzt haben, zu erreichen.

US: Gendergerechtigkeit kann so viel schneller und besser erreicht werden, wenn sowohl Männer als auch Frauen an diesen Themen arbeiten. Wir wissen, dass Frauen gute Führungspersönlichkeiten sein können, das sehen wir schon von klein auf. Heutzutage ist der Anteil von Frauen an Universitäten in Kambodscha höher als der von Männern.

Männer neigen dazu, Bildungschancen weniger wahrzunehmen, weil sie gewohnt sind, Machtpositionen innerhalb der Gesellschaft zu besitzen. Frauen fordern einfach die gleiche Stellung innerhalb unserer Gesellschaft ein. Das ist das Einzige, was wir versuchen zu erklären.

Ihr wollt, dass Menschen über Fragen nachdenken, die Umwelt, Armut oder andere soziale Probleme betreffen. Kann Musik dabei ein besonderes Mittel sein, diese Anliegen zum Ausdruck zu bringen?

VG: Die Art von Musik, die ich mache, unterscheidet sich von vielen anderen Künstler*innen in Kambodscha. Ich möchte die sozialen Entwicklungen in meinem Land widerspiegeln und die Probleme ansprechen, die ich sehe. Wenn meine Videos im Fernsehen gespielt werden, kann ich damit viele Menschen erreichen. Darüber hinaus teile ich viele meiner Gedanken über soziale Medien mit anderen Menschen.

Musikvideo ,Chob Cher‘ (Stopp den Schmerz) von Vartey Ganiva:

Wovon handelt dein letztes Musikvideo, das im Februar veröffentlicht wurde?

VG: Einer der Schwerpunkte meines neuesten Songs, ,Chob Cher‘ (Stopp den Schmerz), ist Sexualaufklärung und insbesondere Aufklärung über Sexarbeiter*innen in Kambodscha. Ich habe versucht, diese Themen mit einigen Szenen im Video abzubilden. Oft wurde ich gefragt: Wofür steht bitte dieser Büffel in deinem Video? Warum interessierst du dich für Sexarbeit? Vor allem Teenager konnten den Kontext anfangs nicht verstehen.

US: Die Botschaft, die wir vermitteln wollten, richtet sich vor allem an junge Frauen: Habt keine Angst, seid mutig, geht hinaus und setzt eure Träume in die Tat um! Es ist an der Zeit, euer Potenzial zu nutzen und optimistisch in die Zukunft zu schauen.

VG: Natürlich habe ich gutes und schlechtes Feedback für den Song bekommen. Das Argument einiger Menschen war, dass es so viele andere Berufe gibt, dass es keinen Grund gebe, Sexarbeiter*in zu werden. Aber viele bedenken dabei nicht, dass dieser Job leicht zugänglich ist und schnell Geld einbringt. Andere Jobs bringen vielleicht nicht genug Geld, um die Familie zu unterstützen. Daher bleibt vielen Frauen oft nichts Anderes übrig, als ihren Körper zu verkaufen.

Kambodscha Frauen

Rotlichtszene aus ,Chob Cher‘: „Viele blicken auf Sexarbeit herab“ © Yab Moung Records

US: Viele Menschen in Kambodscha blicken auf Sexarbeiter*innen herab. Selbst wenn sie ihre Arbeit wechseln wollen, gibt es wenig andere Berufe, in denen sie akzeptiert würden. Viele von ihnen leiden aufgrund der Situation unter psychischen Problemen.

Diese Umstände verschlimmern sich durch die Covid-19 Krise gerade. Einige der Frauen, die vorher in KTVs (Karaoke Bars) oder Restaurants gearbeitet haben, haben ihren Arbeitsplatz verloren und wurden so in die Sexarbeit gezwungen. Sie haben einiges an Geld verdient, das sie nach Hause zu ihren Familien schicken konnten. Diese waren froh darüber, Unterstützung zu erhalten. Aber wenn die Familien erfahren, womit die Frauen ihr Geld verdienen, werden viele von ihnen verstoßen. Dabei kann Sexarbeit eine Basis dafür sein, Geld anzusparen und anschließend eine andere Arbeit zu wählen.

VG: Während unserer Veranstaltung in Battambang fragte ein Mann, warum Frauen einen Job mit einem so schlechten Ruf wählen würden. Eine Frau antwortete: „Nun, an wen verkaufen Frauen denn diese Dienstleistung? Wenn Männer diese Dienste nicht mehr in Anspruch nehmen würden, wäre diese Art von Einkommen gar keine Option für uns.“

Dazu passt auch das Victim-Blaming in Kambodscha gegenüber Frauen, die vergewaltigt werden. Oft wird Frauen vorgeworfen, zu kurze Röcke zu tragen, anstatt von Männern zu verlangen, sich zu beherrschen. Das ist kein Problem der Frauen, sondern ein Problem der männlichen Bevölkerung. Über lange Zeit wurden diese Denktraditionen einfach nicht in Frage gestellt. Deshalb wollte ich in meinem Video einen Fokus darauf legen, um Sexarbeiter*innen zu repräsentieren.

Was für Reaktionen gab es von den Menschen, die zu euren Veranstaltungen in Battambang und Phnom Penh gekommen sind?

VG: Wir waren sehr beeindruckt von dem Feedback, das wir von den Menschen erhalten haben. Überraschenderweise beteiligten sich viele Mönche an der Diskussion. Ich dachte vorher immer, dass diese Themen für Menschen, die in den Pagoden dienen, eine Art Tabu darstellen.

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Teilnehmer*innen der Veranstaltung: Gendergerechtigkeit durch Bildungsarbeit © Vartey Ganiva

US: Ich war froh zu sehen, wie die Gespräche die Frauen motiviert haben. Sie wirkten nicht nervös oder schüchtern und stellten viele Fragen oder teilten ihre Ansichten über geschlechtsspezifische Ungleichgewichte. Da nicht viele Frauen in Kambodscha in der Lage sind, sich Gehör zu verschaffen, ermutigten uns viele Teilnehmerinnen dazu, ihre Position zu vertreten und mit unserer Arbeit fortzufahren. Sie unterstützen uns sehr und geben uns ein gutes Gefühl bei dem, was wir tun.

Habt ihr Angst davor, durch die Regierung in eurer Arbeit eingeschränkt zu werden?

VG: Eins meiner Lieder, ,Evil Husband‘, durfte tatsächlich nicht im nationalen Fernsehen gespielt werden. Um die Erlaubnis zu bekommen, es zu senden, hätte ich den Titel ändern müssen. Das kam für mich zu keinem Zeitpunkt in Frage. Bei ,Chob Cher‘ sah ich mich keinerlei Einschränkungen durch die Behörden ausgesetzt. Das mag auch daran liegen, dass das Thema Liebe, welches der Song aufgreift, nicht allzu viel mit Politik zu tun hat.

US: Das Verbot von ,Evil Husband‘ ist wirklich sehr ironisch. Das Video enthält eine aufmunternde Botschaft, denn am Ende des Liedes verändert sich der Ehemann zum Besseren. Aber das war für die Behörden scheinbar nicht genug, um den Song zu senden.

VG: Ich werde immer versuchen, meine Texte mit der Situation in Kambodscha und dem politischen Status quo zu verbinden. Mein Hauptanliegen dabei ist es, junge Menschen dafür zu begeistern, Veränderungen für eine bessere Zukunft zu fordern.

Interview und Übersetzung aus dem Englischen von: Simon Kaack

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3 | 2020, Interviews, Kambodscha,
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„Habt keine Angst, eure Träume zu verwirklichen!“

In Indonesien ist sexualisierte Gewalt allgegenwärtig. Dennoch werden Gesetze zum Schutz der Überlebenden immer wieder verschoben. Ein Interview mit der Wissenschaftlerin Sabina Puspita über den Umgang mit sexualisierter Gewalt und neue Initiativen dagegen.

Während der Proteste in Jakarta zum Internationalen Frauentag 2020, kam es zu sexuellen Übergriffen gegen Demonstrant*innen. Was ist passiert? Und wie bewerten sie den Umgang mit den Vorfällen seitens der Organisator*innen?

Der Internationale Frauentag 2020 in Jakarta wurde von sehr diversen Vereinen organisiert, die bisher keine Aktionen gemeinsam veranstalteten. Hauptorganisator*innen waren die Gruppierung Women’s March Jakarta – nach dem US-amerikanischen Vorbild des Women’s March on Washington –, die Allianz der indonesischen Frauenbewegung gegen Gewalt (GERAK Perempuan) und einer der größten Dachverbände der Arbeiter*innengewerkschaften (Konfederasi Kongres Aliansi Serikat Buruh Indonesia KASBI), derzeit angeführt von Gewerkschafterin Nining Elitos.

Die Zusammenarbeit zwischen den divergierenden Frauenorganisationen und den Gewerkschaften ergab sich, weil am 8. März 2020 gleich gegen zwei Gesetzesentwürfe protestiert werden sollte, das Familienresilienzgesetz und das so genannte Omnibus Gesetz. Letzteres wurde als Arbeitnehmer*innengesetz deklariert. In Wirklichkeit handelt es sich hierbei jedoch um ein Gesetz, das sich auf die Seite von Arbeitgeber*innen und insbesondere Investor*innen stellt [vgl. Artikel zum Omnibus-Gesetz auf suedostasien.net]. Die Kritik am Familienresilienzgesetz beruht darauf, dass das Gesetz einen großen Rückschritt für Frauenrechte in Indonesien darstellt. Frauen würden dadurch domestiziert und ihre Arbeit teilweise kriminalisiert werden.

Einer der wichtigsten Erfolge der Demonstration war für mich, dass ich zum ersten Mal einen Protestwagen gesehen habe, an dem die Gewerkschaftsflagge und die LGBT-Flagge gemeinsam befestigt waren. Dies ist kein alltägliches Bild in Indonesien.

Auf der Demonstration kam es zu Belästigungen von Frauen* durch Männer – vermeintlich Gewerkschafter -, die gemeinsam mit uns demonstrierten. In den Medien wurde diese Tatsache als Scherz dargestellt. Was für eine Ironie, dass am Internationalen Frauentag Frauen* nicht von Zuschauern belästigt werden, sondern von Mitdemonstrierenden.

Trotz der Vorfälle bezeichne ich die Organisator*innen als eine der widerstandsfähigsten ‚Movers‘ und ‚Shakers‘ der modernen politischen Geschichte Indonesiens, weil sie sofort auf die Vorfälle reagiert haben. Sie haben sofort Hotlines eingerichtet und an die Personen appelliert, sich zu melden, wenn sie belästigt wurden. Seitdem versuchen sie, mit allen Mitteln, die Betroffenen zu unterstützen. Des Weiteren sind sie dabei, zu kalkulieren, wie hoch die Anzahl an Belästigungen war und welche Formen von Belästigung stattfanden.

Auch Nining Elitos hat zu den Vorfällen Stellung bezogen und sich bei den Betroffenen entschuldigt. Sie kündigte an, dass innerhalb der Gewerkschaften Bildungsmaßnahmen für mehr feministische Ideale eingeführt werden müssen. Sie sind die widerstandsfähigsten ‚Movers‘ und ‚Shakers‘, weil sie sich, anders als andere indonesische Akteur*innen, konstruktiv mit den Problemen von sexualisierter Gewalt in den eigenen Reihen auseinandersetzen und den Betroffenen nicht die Schuld zuschieben.

Schon 2018 gab es ein verstärktes mediales Interesse an der Aufarbeitung von sexuellen Belästigungsfällen, angetrieben durch den sogenannten ‚Agni’ Fall. Agni ist das Pseudonym einer Studentin, die während ihres von der Universität organisierten Gemeinschaftsdienstes von ihrem Kommilitonen sexuell missbraucht wurde. Warum konnte Ihrer Meinung nach gerade der Agni-Fall so viel öffentliche Aufmerksamkeit auf sich ziehen?

Die Medien spielen dabei sicherlich eine Rolle, jedoch war auch die Frauenbewegung hierbei ausschlaggebend. Agni ging zu einer sehr starken Frauenorganisation namens Rifka Annisa, einem Krisenzentrum in Yogyakarta für Frauen, die Gewalt erfahren haben. Rifka Annisa war empört über die zahlreichen sexuellen Übergriffe an indonesischen Universitäten und konsultierte engagierte aktivistische Journalist*innen, um eine weit umfassendere Berichterstattung über sexuelle Gewalt an Universitäten zu ermöglichen. Unter dem Hashtag #namabaikkampus sammelte ein journalistisches Konsortium aus den Zeitungen Tirto, Jakarta Post und Vice Fälle von sexueller Gewalt an indonesischen Universitäten. Dies war sicherlich auch von den Erfahrungen aus der #metoo Bewegung oder ähnlichen Bewegungen gegen Campusvergewaltigungen an US-amerikanischen Universitäten geprägt.

Dass der Fall von Agni eine solch besondere Stellung erreicht hat, liegt unter anderem auch daran, dass sich dies an der Gadjah Mada Universität (UGM) in Yogyakarta ereignete, jener Universität, an der auch Präsident Joko Widodo und eine Reihe anderer Minister studiert haben. Es ist also nicht lediglich eine der größten Universitäten Indonesiens, sondern in diesem Moment der Geschichte ebenfalls die Universität der mächtigen Menschen. Erschütternd an diesem Fall ist außerdem der schreckliche Umgang mit dem Vorfall vonseiten der UGM. Man würde meinen, dass die Top-Universität in Indonesien wissen sollte, wie sie mit Fällen von sexualisierter Gewalt umzugehen hat.

Es ist sehr schwer für mich zu akzeptieren, wie solche Gewalt zugelassen werden kann. Ich verstehe auch die Unfähigkeit der meisten Menschen in Indonesien nicht, insbesondere die der Universitätsverwaltung, die Situation nicht zu kontextualisieren und stattdessen starr auf Regeln zu achten. Selbst wenn Regeln gebrochen werden, müssen wir das, was tatsächlich passiert ist, in Kontext mit den bestehenden Regeln setzen und jene Regeln notfalls beiseite legen. Universitätsadministrator*innen scheinen jedoch nur in seltenen Fällen, beispielsweise bei Plagiatsfragen, in Fragen der Integrität von Wissenschaftler*innen oder in Fragen der akademischen Freiheit nachlässig mit Regeln umzugehen.

Welche Möglichkeiten sehen Sie dann für Überlebende von sexualisierter Gewalt speziell auf Universitäten bezogen?

Derzeit gibt es keine institutionalisierten Mechanismen zum Umgang mit sexueller Belästigung. Die UGM hat erst nach dem Agni-Fall damit begonnen, sich diesem Thema zu widmen. Empfehlungen wurden geschrieben, institutionell durchgesetzt wurde jedoch noch nichts. Gemeinsam mit dem Ministerium für Bildung und Kultur arbeite ich daran, Vereinbarungen zu erstellen, um den Umgang von Universitäten zu verbessern.

Bisher wenden sich Überlebende jedoch zunächst an Freunde für Unterstützung. Das Problem dabei ist, dass diesen häufig nicht bewusst ist, dass Vertraulichkeit der Schlüssel zur Wiederherstellung des psychischen Zustands ihrer Freunde ist. Und so verbreiten sie manchmal die Vorfälle in sozialen Medien. Andere, wie im Agni-Fall, wenden sich an die Studierendenzeitung und/oder an Frauenrechtsorganisationen, wie Lembaga Bantuan Hukum APIK (LBH APIK), einem Rechtsbeistand für Frauen mit sexueller Gewalterfahrung oder an die Nationale Frauen Kommission (Komnas Perempuan), die sie dann an regionale NGOs weiterleiten.

Ein weiterer Fall, der vor kurzem große mediale Aufmerksamkeit erreichte, ist der Fall von Ibrahim Malik, einem sehr angesehenen ehemaligen Studenten der Islamischen Universität Indonesien (UII), der mit vielen Preisen und Stipendien ausgezeichnet wurde und derzeit in Australien studiert. Nun wendeten sich 30 Studentinnen der UII an den Rechtsbeistand der LBH APIK in Yogyakarta, nachdem die Universitätsverwaltung keine Maßnahmen ergriffen hatte, und berichteten von den sexuellen Übergriffen, die sie durch ihn erlitten hatten. Nach breitem öffentlichem Druck, unter anderem durch den #NamaBaikKampus erkannte die UII ihm seine universitären Auszeichnungen ab. Vermutlich will er nun jedoch eine Verleumdungsklage einreichen. Seine Chancen hierbei stehen nicht schlecht, denn er ist ein muslimischer Geistlicher, der viele renommierte Preise gewonnen hat. Gleichzeitig hat Indonesien kein nationales Gesetz, das Menschen vor sexueller Belästigung schützt.

Es kann – wie oben genannte Fälle zeigen – argumentiert werden, dass Gewalt an Frauen in hohem Maße mit Machtstrukturen verbunden ist. Inwiefern würden Sie sagen, beeinflussen die institutionellen Strukturen an Universitäten in Indonesien das Leben von Frauen auf dem Campus?

Meine Hypothese ist: Die Struktur wird durch das Heiratsgesetz von 1974 aufrechterhalten. Das Gesetz ist bis heute nicht revidiert worden und ich habe das Gefühl, dass sich das Land nicht fortbewegen kann, solange wir an diesem Gesetz festhalten. Nach diesem Gesetz sollten Frauen nur Hausfrauen sein. Das darauf basierende Familienkartensystem ist unter heutiger Betrachtung ebenfalls absurd. Das System beinhaltet die soziale und physische Restriktion der Bewegungsfreiheit von Frauen. Durch das Kartensystem werden Männer zu Hausherren gemacht.

In Indonesien haben wir jedoch auch viele abwesende Ehemänner und Väter. Doch auch wenn diese abwesend sind, werden Frauen nicht zum Haushaltsvorstand erklärt, außer sie sind geschieden oder verwitwet. Alleinstehende oder geschiedene Frauen werden jedoch in Indonesien noch stark stigmatisiert, insbesondere in ländlichen Regionen. Das Kartensystem führt daher bis heute dazu, dass Frauen keine Hauseigentümerinnen werden können und keine administrativen Tätigkeiten ohne die Unterschrift eines Mannes durchführen können.

Zusätzlich zu den veralteten Gesetzen kommt ein juristisches Vakuum hinzu. Beispielsweise gibt es lediglich ein Gesetz zu Kindesmissbrauch und ein Gesetz zu Vergewaltigungen. Die Spannbreite dazwischen – also sexuelle Belästigung – ist nach dem indonesischen Recht nicht abgedeckt. Gleichzeitig ist die Definition von Vergewaltigung so eng und spezifisch, dass lediglich die Penetration der Vagina durch einen Penis als Vergewaltigung eingestuft wird. Damit wird außer Acht gelassen, dass die Vagina mit ganz anderen Dingen penetriert werden kann, wodurch rechtsfreie Räume für sexualisierte Gewalt existieren. Die Höchststrafe für Vergewaltiger liegt mit maximal 12 Jahren Gefängnis außerdem weit unter dem Strafmaximum von Hochverrat (20 Jahre).

Die veralteten Gesetze und das Rechtsvakuum erschaffen daher ein Bild, in dem Frauen weniger wert sind als Männer und legitimieren dadurch gewaltvolles Verhalten. Es ist also nicht lediglich das Hochschulsystem, es greift viel tiefer.

Sie sprechen vom Ziel der Gleichberechtigung. Welchen Ausblick haben Sie für die nächsten 5-10 Jahre? Was wird sich Ihrer Meinung nach im Hinblick auf sexualisierte Gewalt an Universitäten und in der Gesellschaft verändern?

Ich bin optimistisch, dass junge Menschen sich des Themas stärker bewusstwerden, nach Rechenschaft streben und dadurch auch andere Generationen beeinflussen. Bewusstsein allein reicht jedoch nicht. Es muss auch eine gesetzliche Veränderung herbeigerufen werden, damit Fälle von sexueller Belästigung auch tatsächlich bearbeitet und gelöst werden.

Solange wir ein Gesetz über Vergewaltigung haben, dass Vergewaltigern ein geringeres Strafmaß zusichert als Menschen, die Hochverrat begehen, wird es keine großartigen Aussichten für eine umfassende Verfolgung von sexuellen Belästigungen an Universitäten geben. Ein Grund, weshalb Menschen an Universitäten sexuelle Belästigung begehen, ist: Sie wissen, dass sie damit durchkommen können. Um diesem Zustand etwas entgegen zu setzen, braucht es jedoch eine große Anzahl von Politiker*innen, wie dem Bildungsminister Nadiem Makariem, die sich tatsächlich für eine Gesetzesänderung einsetzen. Ich denke jedoch nicht, dass dies in den nächsten fünf Jahren geschehen wird.

Autorinnenhinweis: Wenige Tage nach dem Interview mit Sabina Puspita entschied das nationale Parlament, die Beratungen über das Vorantreiben des Gesetzes gegen sexuelle Belästigung und sexualisierte Gewalt (RUU P-KS) zurückzuziehen.

Interview und Übersetzung aus dem Englischen von: Lina Knorr

 

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3 | 2020, Interviews, Kambodscha,
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„Habt keine Angst, eure Träume zu verwirklichen!“

In Indonesiens östlichsten Provinzen Papua und West Papua sind Frauen massiver Gewalt durch Militärs und Polizisten ausgesetzt. Außerdem ist häusliche Gewalt äußerst weit verbreitet.

‚Mein Herz ist blau‘ ist die Umschreibung einer Papua-Frau für die Angst, die sie spürt seit Soldaten des indonesischen Militärs ihr Dorf niedergebrannt haben und ihre Familie verhaftet wurde. Sie musste miterleben wie ihren Eltern grausame Gewalt angetan wurde. Sie war damals zehn Jahre alt. 40 Jahre später ist sie immer noch traumatisiert (I am Here. Voices of Papuan Women in the Face of Unrelenting Violence; Galuh Wandita et al.: AJAR, 2019:24).

In Indonesiens östlichsten Provinzen Papua und West Papua – fortan zusammen als Westpapua sowie Tanah Papua (Papua-Land) bezeichnet – herrscht seit der indonesischen Übernahme dieses Teils der Insel Neuguinea ein Konflikt zwischen der Zentralregierung in Jakarta und der indigenen Bevölkerung. Seit nahezu 60 Jahren kämpft diese um ihre Unabhängigkeit. Das Streben nach Selbstbestimmung wird politisch sowie mit Polizei- und Militärgewalt massiv unterdrückt. Dabei erleben Frauen vielfältige Formen von Gewalt.

Werden Angehörige und Freunde als der Widerstandsbewegung zugehörig verdächtigt, werden Frauen bei den von Staatsorganen vollzogenen Befragungen eingeschüchtert, gefoltert, sexuell missbraucht und vergewaltigt. Bei Militäroperationen in ländlichen Gebieten werden ihre Häuser und Gärten zerstört. Es bleibt ihnen oft nichts anderes übrig, als mit ihren Kindern in abgelegene Gebiete zu fliehen, wo sie Hunger und Krankheiten ausgeliefert sind. Zuletzt ist dies Ende 2018 im Bezirk Nguda geschehen, wo bis heute Hunderte von Menschen im Regenwald ausharren, aus Angst vor Übergriffen des Militärs.

Trauma und Scham

Frauen und Mädchen erleben auch viel Gewalt in ihren Beziehungen und Familien. Die häusliche Gewalt ist ebenso erschreckend wie die staatliche Gewalt im Zusammenhang mit Widerstand und Diskriminierung. In Jayapura, der Hauptstadt der Provinz Papua, gaben in einer Umfrage 60 Prozent der befragten Männer an, in ihrem Leben emotionale, physische oder sexuelle Gewalt gegen ihre Partnerin angewendet zu haben (Partners 4 Prevention / UN-Agencies, Factsheet Papua Indonesia, 2017). Su, eine der betroffenen Frauen, berichtet: „Mein Ehemann kommt oft nicht nach Hause. Ich werde oft von ihm geschlagen und bekomme kein Geld für den Haushalt und um nach den Kindern zu schauen“ (Enough Is Enough! 2009-2010:41).

Frauen und Mädchen, die Gewalt erleben, haben wenige Zufluchtsorte und kaum Unterstützung. Häusliche Gewalt wird als Familienangelegenheit betrachtet. Den Misshandelten ist es oft nicht möglich, gegen ihre Peiniger auf dem Rechtsweg vorzugehen, weil ihnen dazu meist offizielle Dokumente wie Ausweis oder Heiratsurkunde fehlen und/oder weil Abhängigkeiten bestehen. Selten werden angezeigte Fälle durch die Behörden verfolgt. Noch seltener kommt es zu geordneten Verfahren und Verurteilungen; dabei gehen viele Täter dann straffrei aus.

Die Betroffenen haben folglich häufig kein Vertrauen in Staatsorgane wie Polizei und Justiz. Aus Scham und Angst sprechen viele Opfer nicht über die an ihnen ausgeübte Gewalt. Die meisten Fälle bleiben im Dunkeln. Lediglich Kirchen, Frauengruppen und einige NGOs bieten Hilfe an für traumatisierten Frauen und Mädchen, was jedoch bei weitem nicht ausreicht, um die Folgen zu mildern und die Lage zu ändern.

I am Here, eine Publikation der Menschenrechtsorganisation Asian Justice and Human Rights (AJAR), erzählt von 249 befragten Frauen, wovon 65 staatliche und 37 häusliche Gewalt erlebt haben. Enough Is Enough!, eine Publikation des International Center for Transitional Justice berichtet von 243 befragten Frauen, die zu 57 Prozent staatliche und zu 40 Prozent häusliche Gewalt erfahren haben. Flächendeckende verlässliche Schätzungen gibt es bislang allerdings nicht.

Militärpräsenz und Unterdrückung

Durch die große Präsenz indonesischen Militärs und der Polizei sind die Indigenen Westpapuas quasi routinemäßig Gewalt und Unterdrückung ausgesetzt. Sie fühlen sich bedroht, diskriminiert, bevormundet, in ihren Träumen und Möglichkeiten beschnitten [vgl. dazu auch „West-Papua ist nicht sicher“ auf suedostasien.net]. Hinzu kommt, dass sie sich durch die starke Zuwanderung von Bevölkerung aus anderen Teilen Indonesiens inzwischen als ‚Minderheit im eigenen Land‘ empfinden. Während der Suharto-Zeit (1966 – 1998) gab es eine staatlich gelenkte Umsiedlung von Muslim*innen aus Java in dieses christlich geprägte Gebiet. Offiziell endete diese Praxis 2015, doch sie setzt sich bis heute als spontane Transmigration fort.

Dies verändert die Demographie nachhaltig. Laut Zensus von 2010 lebten in Westpapua 3,6 Millionen Menschen, davon waren 48 Prozent Indigene und alle anderen zugewandert. (ICP 2017-2019:173). Indigene Familien verlieren dadurch Land und die Frauen ihre Wirtschafts- und Lebensgrundlage.

Marginalisierung und Tradition

Die Mehrzahl der indigenen Bevölkerung lebt von Subsistenzwirtschaft in ländlichen Gebieten. Es ist Aufgabe der Frauen, die Gärten zu bepflanzen und zu ernten. Sie sorgen so für den Lebensunterhalt ihrer Familien und verkaufen lediglich ihre Überschüsse auf lokalen Märkten, um Geld für Extrakosten (Schule, Kleidung, Transport) zu verdienen. Die Marktstände, wo sie Obst und Gemüse anbieten, sind häufig am Straßenrand. Ihre Einkünfte sind äußerst gering (bis zu einem halben Euro/Tag).

Obwohl die Frauen das Land bearbeiten, besitzen sie es nicht. Wenn Land verteilt, verpachtet oder verkauft wird, dürfen sie nicht mitentscheiden. Heiraten Frauen, ziehen sie in das Dorf ihres Mannes und bewirtschaften dessen Land. Kommt es zur Trennung, verlieren sie damit ihre eigene Lebensgrundlage. Die ethnische und kulturelle Vielfalt führt zwar zu vielen Variationen, die jedoch überwiegend Nachteile und Unsicherheiten für die Frauen mit sich bringen.

Die bis heute verbreitete Praxis eines Brautpreises verkompliziert dies noch. Dienten Eheschließung und Brautpreis einst dazu, Netzwerke gegenseitiger Hilfe zu errichten, so erscheint der Brautpreis heute eher als Kaufpreis, der dem Mann Macht über ‚seine‘ Frau verleiht. Dies und auch Polygamie findet sich trotz Christianisierung noch in abgelegenen Hochlanddörfern. Dort sind Mädchen oft von Bildung ausgeschlossen, so dass sie sowohl Analphabetinnen sind als auch des Indonesischen nicht mächtig. Wenn sie nur ihre Lokalsprache sprechen, erschwert dies den Zugang zu Gesundheitsleistungen und Hilfe durch staatliche, indonesische Stellen.

Christliche und indonesisch-islamische Einflüsse haben die indigenen Traditionen nach und nach verfremdet. Während in vorkolonialen Zeiten Männer und Frauen sich in getrennten Arbeits- und Lebenswelten organisierten, die eine gewisse Sicherheit und Stabilität zwischen den Geschlechtern mit sich brachten, ist diese traditionelle Balance heute gestört. Bei den Männern fallen viele frühere Aktivitäten weg: Stammesfehden, Austauschrituale, Polygamie sind rückläufig. Vielen Männern fällt es nicht leicht, sich mit ihren neuen ‚modernen‘ Rollen anzufreunden.

Hinzu kommt, dass die jahrzehntelange Diskriminierung durch Indonesien mit den althergebrachten tribalen Männlichkeitsidealen kollidiert, die den Mann als kämpferisch und siegreich stilisieren. Was von den Männern stattdessen erlebt wird, ist wirtschaftliche Benachteiligung und politische Unterdrückung. Das führt quasi zwangsläufig zu Verunsicherung und Frustration, die sich oft in Gewalt gegen Frauen ‚Bahn bricht’. Geldnot, Drogen und Alkohol verschärfen dies.

Recht auf dem Papier und Realität

Die Republik Indonesien garantiert laut Verfassung von 1945 die soziale, politische und ökonomische Gleichstellung zwischen den Geschlechtern. Daneben sichert seit 2001 auch die Sonderautonomie für Papua und West Papua die Gleichberechtigung der Geschlechter. Nach Artikel 47 des Autonomiegesetzes ist die Regierung gehalten, die Rechte von Frauen zu fördern und zu schützen und alles zu unternehmen, um sie Männern gleichzustellen.

Tatsächlich jedoch werden Gewaltverbrechen an Frauen oft nicht geahndet. Eine Vielzahl von Faktoren trägt dazu bei, dass viele Gerichte in Westpapua willkürlich handeln. Auch existiert parallel zum öffentlichen Recht das adat – Gewohnheitsrecht, das vor allem im ländlichen Raum dazu dient, Streitigkeiten auf Gemeindeebene zu regeln. Beide Rechtsgrundlagen stimmen wenig überein. Im Gewohnheitsrecht werden die Entscheidungen ausschließlich von Männern getroffen.

In ländlichen Regionen spielt öffentliches Recht eine geringe Rolle. Viele Frauen akzeptieren Gewaltverbrechen, weil sie Gewalt als Mittel der Konfliktlösung von Kindheit an erlebt haben und kein Vertrauen zu Polizei und Behörden haben. Zu häufig wird berichtet, dass die Polizei Anzeigen einfach ignoriert und selbst übergriffig ist. Durch Beamte ausgeübte Gewalttaten werden in den wenigsten Fällen verfolgt und abgeurteilt. Doch auch das Gewohnheitsrecht bietet Frauen kaum Schutz. In den Dörfern werden Beschwerden direkt auf Dorfebene verhandelt, wo nicht Juristen sondern Dorf-Älteste das Sagen haben und wo die ungeschriebenen Regeln des Dorfs als Maßstab dienen. Dort geht es mehr darum, Konflikte zu schlichten statt Rechtsbrüche zu ahnden. Die gesetzlichen Zusicherungen auf Gleichstellung nützen dort wenig.

Widerstand und Engagement

Verschiedene NGOs und kirchliche Organisationen geben den betroffenen Frauen eine Stimme und kämpfen mit ihnen gegen Gewalt und ihre Auswirkungen.

Seit vielen Jahren führt zum Beispiel das Frauenzentrum für Bildung und Entwicklung P3W (Pusat Pembinaan dan Pengembangan Wanita), eine Einrichtung der Evangelischen Kirche GKI mit Ablegern in mehreren Orten, Programme durch, die Frauen aus den Dörfern befähigen sollen, sich selbst aktiv gegen Gewalt zu stellen und auch Einfluss in den lokalen Gremien zu suchen, um die Verhältnisse zu verbessern.

Die Projektleiterin, Meilany, sagte dazu: „Diese Frauen hatten bislang nie eine Chance, selbst zur Schule zu gehen. Sie arbeiten hart, um ihren Kindern den Schulbesuch zu ermöglichen. Bei uns erwerben sie praktische Fähigkeiten und sie lernen lesen und schreiben, so dass sie ihre Familien informieren und ihren Kindern Unterricht geben können. Das Wissen wird in den Dörfern weitergegeben.“ (Interview mit der Autorin im Oktober 2019).

Frauen werden so nach Art eines Schneeball-Effekts in die Lage versetzt, ihre Kenntnisse zu erweitern, ihre Rechte kennen zu lernen und zugleich in ihren Dörfern aktiv zu werden, wenn es zum Beispiel um Gesundheit oder den Bau eines Brunnens geht.

Dieses Engagement ist nicht losgelöst vom Ringen um Selbstbestimmung und Beendigung von Diskriminierung. Auch soziale Medien werden dafür genutzt, wie zum Beispiel die Facebook-Seite Suara Perempuan Papua (Stimmen der Frauen Papuas), wo sich auch ein Anschluss an feministische und global aktuelle Themen findet.

Mit Ausbreitung des Internets stehen heute neue Kommunikationswege offen, die das abgelegene Tanah Papua und auch den Widerstand der indigenen Bevölkerung zunehmend global vernetzen und spontane Demonstrationen gegen Diskriminierung auslösen können.

Dennoch hat sich seit Veröffentlichung des Berichts Enough is Enough! im Jahre 2010 für die indigenen Frauen im Alltag bislang wenig geändert. Die Frauen haben weiterhin kaum eine Chance, gehört zu werden und Gerechtigkeit zu erfahren. In den Dörfern Westpapuas gibt es keinen sicheren Ort für Frauen und Mädchen. Sie sind dort weitgehend ausgeschlossen von Hilfsprogrammen, vom staatlichen Gesundheitswesen, von Bildung und von Märkten. Und in den Städten, insbesondere an den Universitäten, geraten sie rasch in die schwelenden politischen und gesellschaftlichen Konflikte hinein, beziehen Stellung und setzen sich so dem Zugriff des indonesischen Obrigkeitsstaats aus.

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3 | 2020, Interviews, Kambodscha,
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„Habt keine Angst, eure Träume zu verwirklichen!“

Kambodscha: Genderbasierte Gewalt zieht sich durch Familien, Traditionen und Generationen. Engagierte Bewegungen sorgen für Veränderung. Doch alte Rollenbilder sind gesellschaftlich und kulturell stark verankert. Ein Interview mit der Friedensaktivistin Suyheang Kry.

Welche Formen und welches Ausmaß hat genderbasierte Gewalt in Kambodscha?

Wenn es in Kambodscha um genderbasierte Gewalt geht, redet man zumeist über Gewalt gegen Frauen. Es gibt daneben Gewalt gegen andere Gender wie LGBTIQ. Wichtig ist zudem Intersektionalität, also die Verschränkung verschiedener Formen von Diskriminierung. Eine nationale Umfrage von 2015 stellte fest, dass jede fünfte Frau im Laufe ihres Lebens sexuelle und physische Gewalt durch ihren Partner erlebte. Jede dritte kambodschanische Frau erleidet emotionale Gewalt.

In einer länderübergreifenden UN-Studie (2013) gaben 33% der befragten kambodschanischen Männer zu, dass sie körperliche und sexuelle Gewalt gegenüber ihrer Partnerin ausübten. 20% vergewaltigte ihre Partnerinnen. Solche Daten sind wirklich alarmierend.

Außerdem finde ich es wichtig, nicht nur über sichtbare Gewalt zu sprechen, sondern auch über die nicht sichtbare, wie die soziale Stigmatisierung von Frauen. Die Ursachen von genderbasierter Gewalt liegen im Machtungleichgewicht und der Genderungleichheit. Sie wird durch negative Gendernormen, Stereotypen sowie traditionellen Praktiken und Bräuche aufrechterhalten.

Wie zeigen sich diese Normen und Werte im Alltag konkret?

Diese tief verwurzelte Ungleichheit zeigt sich in einem Sprichwort der Khmer: „Männer sind Gold, Frauen sind Stoff“. Es offenbart den niedrigeren sozialen Wert, der Frauen zugeschrieben wird.

Ein anderes Beispiel ist der Chbap Srey, eine Art traditioneller Khmer-Verhaltenskodex für Frauen in Form eines Gedichtes. Darin befinden sich die grundlegenden kulturellen Normen, die zur Verletzung der Rechte von Frauen in Kambodscha beitragen. Obwohl es sich nicht mehr [nach umfassender gesellschaftlicher Kritik, Anm. d. Red.] in den Lehrplänen der Schulen findet, ist sein Einfluss immer noch groß. Der Chbap Srey beschreibt, wie sich Frauen zu Hause oder im öffentlichen Raum verhalten sollen. Dabei wird die Rolle der Frauen als minderwertig dargestellt und unter dem Mann eingeordnet. Solche traditionellen und negativen Normen sowie Stereotype von Frauen sind allgegenwärtig in der ganzen Gesellschaft und reichen bis in die Politik und sogar ins Justizsystem.

Diese Umstände machen es für Überlebende von Gewalt noch schwieriger, Hilfe zu finden. Laut der Studie hat fast die Hälfte der Frauen, die Opfer von Gewalt wurden, dies nicht angezeigt. Einige davon fanden, dass Gewalt normal sei, während andere sich fürchten oder schämen. Hinzu kommt laut einem Bericht des Frauenministeriums (2010), das mehr als ein Drittel der lokalen Behörden glaubt, dass Gewalt gegenüber Frauen gerechtfertigt ist. Nur 24% der von physischer und sexueller Gewalt betroffenen Frauen suchte Hilfe.

Du sagst, Intersektionalität sei wichtig. Was heißt das genau?

LGBTIQ, Sexarbeiter*innen, Hausangestellte, Arbeiter*innen in Bekleidungsfabriken, Migrant*innen vom Land, Minderheiten und Indigene, um nur einige Gruppen zu nennen, sind generell verletzlicher, genderbasierte Gewalt trifft sie stärker.

Frauen mit Behinderung erfahren eher Gewalt in ihrem Haushalt. Die Wahrscheinlichkeit, dass sie in eine Notlage kommen, emotionale Gewalt erleben oder von Haushaltmitgliedern kontrolliert werden, ist höher. LGBTIQ-Frauen erleiden mehr häusliche Gewalt, wobei die Gemeinschaft bei ihnen oft darüber hinwegsieht. Frauen und Mädchen der Khmer Krom und der ethnischen vietnamesischen Minderheit haben oft mit einer anti-vietnamesischen Haltung und auch strukturellen Herausforderungen zu kämpfen. Dazu zählen ihr rechtlicher Status sowie der Zugang zu Rechten und sozialen Diensten. Andere Minderheiten wie die muslimischen Cham und die 24 indigenen Gruppen sind mit sozialer Stigmatisierung und Diskriminierung konfrontiert. Arbeitsmigrant*innen vom Land kommen oft nach Phnom Penh, da es dort Beschäftigungsmöglichkeiten gibt. Sie erhalten aber nur Jobs, die einen niedrigen sozialen Status haben. Intersektionelle Marginalisierung erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass sie genderbasierte Gewalt erleben.

Bei genderbasierter Gewalt, gibt es da Unterschiede zwischen dem ländlichen und urbanen Raum?

Ja. Etwa 80% der Bevölkerung lebt auf dem Land. Dort gib es weniger Infrastruktur, Gesundheitseinrichtungen und verfügbare Dienste als in den Städten. Darüber hinaus ist es schwieriger, an aktuelle Informationen zu kommen, da es an Zugang zu Technologie oder dem Internet fehlt. Ein damit verbundenes Problem ist Armut, die auf dem Land größer ist. Weiter sind die dort häufiger vorkommenden, von Frauen geführten Haushalte aufgrund der sozialen Normen sowie der begrenzten wirtschaftlichen Möglichkeiten verletzlicher.

In ländlichen Gebieten neigen Mädchen dazu, früher zu heiraten und es gibt höhere Schulabbruchquoten. Letzteres aus mehreren Gründen, aber es ist meist verknüpft mit Armut. An Orten mit nahe gelegenen Fabriken brechen mehr Mädchen die Schule ab, weil ein Job ‚vor der Haustüre liegt’. Andere Gründe sind weite Schulwege, Ablehnung im Elternhaus gegenüber dem Schulbesuch oder ein Mangel an Informationen über die Bedeutung von Bildung.

Unabhängig von solchen Unterschieden findet sich genderbasierte Gewalt überall: In reichen und armen Familien, in allen Klassen, Kulturen, sie existiert in der Stadt und auf dem Land.

Ist Kinderheirat in Kambodscha weit verbreitet?

Darüber haben wir landesweit leider nicht ausreichende Daten. Aber es gibt sie. Und wir wissen, dass sie eher in ländlichen Gebieten stattfindet. Laut dem Cambodia Demographic and Health Survey 2014 haben 1,9% der Frauen im Alter von 20-24 Jahren mit 15 geheiratet, und 19% bevor sie 18 Jahre alt waren.

Was sind die Folgen genderbasierter Gewalt für die Betroffenen und die Gesellschaft?

Gewalt gegen Frauen und Mädchen wirkt sich nicht nur auf ihre Leben aus, sondern auf die Familien, die Gemeinschaften, die Nation und auf die ganze Welt, einfach, weil Frauen die ‚Hälfte des Himmels tragen‘ und gleichberechtigt sind. Abgesehen von den physischen und psychischen Verletzungen und auch Todesfällen stellt genderbasierte Gewalt für das Land und die Welt eine enorme wirtschaftliche Belastung dar, die Kosten belaufen sich auf fast 2% des globalen Bruttoinlandsprodukts.

Die Folgen der Gewalt sind besonders verheerend für die Familien. Kinder werden Zeugen der Gewalt und wachsen mit ihr auf. Sie lernen die Muster, handeln irgendwann selbst so und geben es an die nächste Generation weiter. Das wird zu einem nicht enden wollenden Kreislauf der Gewalt. Manchmal führt sie sogar zum Tod.

Wo können betroffene Frauen* und LGBTIQ Hilfe finden? Gibt es staatliche Anlaufstellen?

Ja, es gibt zuständige Anlaufstellen, aber nur begrenzt. Bei häuslicher Gewalt wenden sich Betroffene normalerweise zunächst an ihre Familie, Freund*innen und Verwandte. Manchmal wenn es ‚ernst’ wird, gehen sie direkt zu den lokalen Behörden. Zu den verfügbaren staatlichen Diensten gehören z.B. Community-Gesundheitszentren, Polizeistationen und kommunale Streitbeilegungsausschüsse.

Besorgniserregend ist das Fehlen staatlich geführter Frauenhäuser. Eine nationale Hotline für Hilfe suchende Frauen ist noch nicht richtig eingerichtet. In jeder Provinz gibt es jedoch zumindest eine persönliche Kontaktstelle innerhalb des Department of Women’s Affairs, die Frauen ebenfalls unterstützt.

Gibt es psychologische Hilfsangebote für betroffene Frauen* und Mädchen*?

Selten. Nach dem Bürgerkrieg gab es nur wenige Psycholog*innen. Der Bereich entwickelt sich erst seit zwei Jahrzehnten. Nur einige Organisationen bieten dies an und psychiatrische Einrichtungen sowie Krankenhäuser sind rar und nur in größeren Städten zu finden.

Das Frauenministerium arbeitet mit den wichtigsten Interessenvertreter*innen zusammen, um eine Umsetzung des Mindeststandards für die Beratung von Gewaltüberlebenden zu entwickeln und zu stärken. Aber das deckt noch nicht das gesamte Land ab.

Welche Rolle spielt die Jugend Kambodschas bei der Friedensförderung und der Bekämpfung genderbasierter Gewalt?

Die Jugend ist der Schlüssel. Die mit Gewalt zusammenhängenden Normen, Werte und Verhaltensweisen sind über Generationen weitergegeben worden. Wir müssen all diese negativen Stereotypen verlernen. Das ist eine große Herausforderung.

Die Jugend vertritt die kommende Generation und trägt ein starkes Potenzial in sich. Sie kann kulturelle Normen, negative geschlechtsspezifische Einstellungen sowie Stereotypen über „die Andere/den Anderen“ und damit verbundene gewalttätige Verhaltensweisen verändern.

Kambodscha ist ein sehr junges Land. Über 70% der Bevölkerung wurde nach dem Khmer-Rouge-Regime geboren. Die Jugend kann Veränderung bewirken und Gendergerechtigkeit ermöglichen. Aber die Jugend kann sie auch verhindern. Als treibende Kraft für Veränderungen, mit Energie, Leidenschaft, Neugierde und Fähigkeiten, können junge Menschen einen entscheidenden Einfluss auf Gleichaltrige und ihre Familie ausüben.

Bei WPM arbeitet ihr viel mit der Jugend. Wie bezieht ihr dort Jungen* und junge Männer* in eure Projekte ein?

Bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen versuchen wir, kreativ heranzugehen und konzentrieren uns auf interaktive Übungen, oft im Freien. Wir bieten ihnen Wissen an, aber keine Theorien. Gewöhnlich bringen wir in Workshops eine große Gruppe zusammen, darunter Khmer, Indigene und Minderheiten, und LGBTIQ.

Übungen wie Forumtheater oder der Privilege Walk sind regelmäßig Augenöffner für junge Männer. Manche Teilnehmer sind erschüttert, wenn sie sich ihrer Privilegien bewusst werden und wie es ist, eine Frau zu sein. Danach ändern sie ihre Denkweise, Einstellungen und letztlich ihr Verhalten. So beginnt Wandel.

Bei erwachsenen Männern gehen wir anders vor. Mit ihnen machen wir eine Art Männerdialog, bei dem wir über ihr Leben sprechen. Darüber, wie sie in bestimmen Situation handelten oder warum sie dies und jenes tun. So helfen wir ihnen, Geschlechterrollen und Stereotypen zu reflektieren und zu hinterfragen. Bei dem Prozess braucht man aber einen langen Atem.

Wie ermächtigt ihr junge Frauen* und Mädchen*?

Zurzeit arbeiten wir vor allem mit grassroots women leaders [d.h. Frauen, die in dörflichen Gemeinden führende Positionen innehaben, d. Red.] und mit Frauen* aus marginalisierten Gruppen. Wir glauben, dass Frauen bereits eine Stimme haben. Sie brauchen Chancen, Fähigkeiten und Räume. Wir schaffen ihnen diesen Raum und unterstützen sie auf ihrem Weg dabei, ihre Stimme zu erheben, sich austauschen, sich gegenseitig zu unterstützen und auf ihre Weise zu führen.

Hat sich in Kambodscha in den letzten Jahren etwas verändert?

Genderarbeit begann Anfang der 1990er Jahre. Damals wurde der Begriff noch gar nicht benutzt. In den 2000er Jahren änderte sich das allmählich, als Gender in nationalen Strategieplänen und Gesetzen verwendet wurde.

Das Gesetz zur Verhinderung häuslicher Gewalt und zum Schutz von Opfern wurde 2005 verabschiedet, und in der Folge wurden beispielsweise Richtlinien wie Neary Ratanak (5-Jahresplan für die Gendergleichberechtigung und Empowerment von Frauen in Kambodscha), der Nationale Aktionsplan zur Verhinderung von Gewalt gegen Frauen, eine nationale Genderpolitik entwickelt.

Im Vergleich zum letzten Jahrzehnt haben wir heute mehr Frauen mit höherer Bildung. Frauen haben Stellen inne, in denen sie selbst etwas bewirken können. Eine Entwicklung ist sichtbar, aber es muss noch viel mehr getan werden.

Video: Weaving Women’s Leadership for Change, Women Peace Makers:

Welche weiteren Entwicklungen sollte es in den nächsten Jahren geben?

Die wirksame Umsetzung von Gesetzen, Richtlinien und nationalen Aktionsplänen ist noch verbesserungsfähig. Ein weiteres Problem ist der Mangel an weiblichen Führungskräften. Es sollte Mechanismen und Maßnahmen geben, um hier Veränderungen zu bewirken. Die Strafverfolgung sollte gestärkt werden. Soziale Dienste, einschließlich Rechtshilfe, Streitbeilegung, Frauenhäuser und Beratung, sollten kostenlos für Überlebende von genderbasierter Gewalt sein. Und zwar in einer gendersensiblen und -gerechten Weise.

Was ist entscheidend, um diese Ziele zu erreichen?

Information ist Macht. Der Zugang zu Informationen und zu Bildung wird die Möglichkeiten der nächsten Generationen Kambodschas bestimmen. Eine Zukunft mit besser ausgebildeten Frauen wird dieses Land zum Besseren verändern. Es gibt noch viele Herausforderungen und Widerstände, aber wir glauben, ein gerechteres Kambodscha für alle Gender, Minderheiten und Ethnien schaffen zu können.

Interview und Übersetzung aus dem Englischen: Raphael Göpel

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3 | 2020, Interviews, Kambodscha,
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„Habt keine Angst, eure Träume zu verwirklichen!“

Philippinen: Bae Becky Barrios wuchs mit dem Glauben auf, dass Frauen keine Führungspersönlichkeit sein können. Heute ist sie eine Manobo-Anführerin in Agusan del Sur, einer der ärmsten Provinzen der Philippinen.

Sobald ein Hahn kräht, ist Bae Becky auf den Beinen und beginnt ihren normalen, geschäftigen Tag. Sie macht das Bett und ein paar Minuten später hört man das Klappern von Töpfen, in denen Bae Becky für ihren Mann, ihre drei erwachsenen Kinder und ein Enkelkind Reis kocht. Nachdem Bae Becky andere Hausarbeiten erledigt hat, geht sie hastig zur Bio-Reisfarm ihrer Familie, um zwei Stunden lang Unkraut zu jäten. Sobald die Sonne zu stark wird, geht sie nach Hause und bereitet sich darauf vor, in das ein paar Kilometer entfernte Büro zu gehen.

Seit 1997 leitet Bae Becky die Organisation Panaghiusa Alang sa Kaugalingnan ug Kalingkawasan Inc. (PASAKK), was auf Deutsch ‚Einheit für Selbstbestimmung und Befreiung‘ bedeutet. Ihr Weg, eine indigene Führungskraft zu werden, begann als Jugendleiterin der Manobo während ihrer Schulzeit, als sie Eltern und Jugendgruppen Religionsunterricht gab. Sie erwarb ein Diplom in Landwirtschaft, bekam es jedoch aufgrund der plötzlichen Schließung ihrer Schule nicht ausgehändigt. Davon unbeeindruckt wurde sie Lehrerin in abgelegenen Gebieten und Schulen von Agusan del Sur, die von Missionaren der Society of the Divine Word (SVD – Steyler Missionare) geleitet wurden. Sie traf ihren Ehemann, ebenfalls ein SVD-Freiwilliger, und ließ sich in Bunawan nieder.

Aufgrund der Änderung der Prioritäten verließ die SVD Agusan del Sur. Bae Becky und drei weitere Freiwillige wollten ihren Dienst fortsetzen und planten die Gründung von PASAKK. Ohne Büro und mit nur begrenztem Budget und Personal übernahm Bae Becky mehrere Funktionen und konnte PASAKK schließlich registrieren und 1992 den Betrieb aufnehmen. Derzeit leitet PASAKK eine indigene Schule, die nachhaltige Landwirtschaft betreibt und sich auf den Lebensunterhalt von Frauen konzentriert, führt ein Programm für sexuell missbrauchte Frauen und Kinder sowie ein Programm zur Konflikttransformation durch, alles im Bestreben nach ihrer Selbstbestimmung als indigenes Volk.

Geldwirtschaft und modernes Staatswesen stärken patriarchale Stukturen

Indigene Frauen auf den Philippinen sind mehreren, sich gegenseitig verstärkenden, Formen der Diskriminierung ausgesetzt (United Nations Human Rights Council 2015. Report of the Special Rapporteur on the Rights of Indigenous Peoples, Victoria Tauli Corpuz). Marginalisierung indigener Völker manifestiert sich in mangelnder Repräsentation, mangelndem Zugang zu Dienstleistungen, größerer Armut und weit verbreiteter Vertreibung aus ihren angestammten Gebieten. Trotz fortschrittlicher Gesetze zum Schutz der kulturellen, politischen und territorialen Rechte indigener Völker sind indigene Völker in Mindanao wie auch sonst in den Philippinen häufig Opfer von Menschenrechtsverletzungen und bewaffneten Konflikten.

Zusätzlich erfahren indigene Frauen Diskriminierung aufgrund ihres Geschlechts – sowohl von nicht-Indigenen als auch innerhalb ihrer indigenen Gemeinde (Tauli-Corpuz, V. 2018. Indigenous Women’s Rights are Human Rights. Cultural Survival Quarterly Magazine). In vielen indigenen Gemeinschaften weltweit kam es zu einer Verlagerung hin zu patriarchalen Machtstrukturen oder einer Verfestigung dieser Strukturen mit dem Übergang zu einer auf Bargeld basierten Wirtschaft und der Einführung des modernen Staatswesens (United Nations Permanent Forum on Indigenous Issues. 2010. Gender and Indigenous Peoples: Overview). Diese Marginalisierung indigener Frauen überschneidet sich mit anderen verwandten Formen der Ausgrenzung aufgrund von Armut oder mangelnder Bildung (Camaya & Tamayo. 2018. Indigenous Peoples and Gender Roles: The Changing Traditional Roles of Women of the Kalanguya Tribe in Capintalan, Carranglan in the Philippines. Open Journal of Social Sciences, 6, 80-94).

Als indigene Frau, die aus einer der ärmsten Provinzen der Philippinen stammt und keinen Hochschulabschluss hat, wundert sich Bae Becky manchmal, warum in bestimmten Situationen auf sie herabgeblickt wird: „Liegt es daran, dass ich keine Hochschulausbildung habe? Dass ich eine Indigene bin? Dass ich aus armen Verhältnissen komme?”

Traditionelle Erzählungen von Manobo-Anführerinnen

In der Manobo Gemeinschaft von Agusan del Sur hatten indigene Frauen traditionell wichtige politische und spirituelle Rollen. Weibliche traditionelle Heilerinnen, in der Manobo Kultur Baylans genannt, übten eine Reihe wesentlicher Funktionen in der Gemeinschaft aus, darunter die Unterstützung bei der Geburt von Kindern. Die jüngste staatliche Politik hat jedoch traditionelle Geburtsmethoden als unhygienisch eingestuft und traditionelle Geburtshelferinnen verboten – ein Begriff, der die bedeutsame Rolle einer Baylan verschleiert. Bae Becky erläutert, dass diese Politik die Glaubwürdigkeit der Baylans in der Gemeinschaft untergraben und zur Abnahme ihrer Zahl sowie zum Rückgang der indigenen Heilkultur beigetragen hat.

In den Philippinen herrscht die Auffassung, dass die vorkoloniale Rolle der Frau auf die einer Baylan beschränkt war, während die politische Führung von Männern ausgeübt wurde, die traditionell als Datu bezeichnet werden. Obwohl es in der Manobo-Tradition in der Tat keine oral tradierte Geschichten über weibliche Datus gibt, erinnert sich Bae Becky daran, dass die Frauen von Datus in Abwesenheit ihrer Männer Führungsrollen übernahmen. Der Datu ging oft für mehrere Tage fort, um sich um Probleme in abgelegenen Gebieten des indigenen Hoheitsgebiets zu kümmern. Während dieser Zeit waren seine Ehefrauen dafür verantwortlich, die Gemeinschaft zu führen, einschließlich der Verwaltung des Landes, der Pflege der Bedürfnisse der Gemeinschaft und der Lösung von Konflikten. Aus diesem Grund konnten Männer – um die Gemeinschaft zu führen – mehrere Ehefrauen haben. „Frauen konnten damals Frieden und Ordnung aufrechterhalten“, sagt Bae Becky.

Heutzutage können Manobo-Männer nur eine Ehefrau haben, aber indigene Anführerinnen, so genannte Baes, übernehmen weiterhin Führungsfunktionen. Ihre Rolle und Autorität in der Gemeinschaft wird jedoch durch diskriminierende staatliche Maßnahmen untergraben. Trotz der nationalen Gesetzgebung, die es Männern wie Frauen erlaubt, Vertreter*innen der Indigenen bei der lokalen Regierung zu sein, erlauben die lokalen Richtlinien in Bunawan und den umliegenden Gemeinden nur Männern, diese Position zu erfüllen. Tatsächlich wurde einer Bae in einer angrenzenden Gemeinde trotz der Unterstützung männlicher Führer in der Gemeinde verboten, sich um die Position zu bewerben. Bae Becky beklagt, dass „diese diskriminierende Politik Männer in Führungspositionen begünstigt und zum Verlust des Narrativs weiblicher Führungskräfte beiträgt“.

Die innere Führungspersönlichkeit entdecken

Tatsächlich kannte Bae Becky selbst keine weiblichen Führungskräfte, als sie aufwuchs. Als indigene Frau hätte sie nie gedacht, dass sie eine Anführerin werden würde. Mit Hilfe ihrer Umgebung und der damit verbundenen Möglichkeiten emanzipierte sie sich und begann, ihre Gemeinschaft zu beeinflussen. Bae Becky glaubt, dass ernsthafte Arbeit der Frauenförderung mit Frauen beginnen und auf die Männer ausgedehnt werden sollte, die sie und den Rest der Gemeinschaft umgeben.

Als Teenager musste Bae Becky es sich selbst erlauben, sich weiter zu entwickeln. Sie begann als Jugendleiterin, lernte und gab das Gelernte an Jugendliche aus benachbarten Gemeinden weiter. Ihr Verständnis für die Welt erweiterte sich, als sie freiwillige Lehrerin in entlegenen indigenen Gemeinschaften wurde. Sie erfuhr, dass es eine ständige Kluft zwischen den Regierungsdiensten und den Bedürfnissen der indigenen Gemeinschaften gab.

Nachdem Bae Becky PASAKK gegründet und ihre Führungsfähigkeit unter Beweis gestellt hatte, wurde sie nach dem Tod des ersten Generalsekretärs von PASAKK im Jahr 1997 die Nachfolgerin. Angesichts ihres Vorteils, die Arbeit genau zu kennen, akzeptierte Bae Becky die Nominierung: „Wenn nicht ich, wer sonst wird der indigenen Gemeinschaft helfen?“

Als sie weitere Führungsrollen übernahm, musste auch die Familie von Bae Becky sich anpassen. Obwohl ihr Ehemann ihre frühere unterstützende Rolle bei der Gründung von PASAKK zuließ, verwunderte ihn ihre Nachfolge in die oberste Führungsposition. In der Vergangenheit musste Bae Becky sicherstellen, dass ihre Reisen mindestens eine Woche vorab mit ihrem Ehemann besprochen wurden. Mit der Zeit kehrte sie jedoch von Reisen zurück, nur um ihren Mann gleich mit einer Liste bereits geplanter Reisen zu begrüßen. Im Dialog wurden sich Bae Becky und ihr Ehemann einig, dass sie kurz vor einer neuen Reise mit bereits gepacktem Gepäck um seine Erlaubnis bitten kann. Um die Zeit außerhalb der Familie zu kompensieren, muss Bae Becky jedoch in der Zeit, die sie nicht bei PASAKK verbringt, bei ihm auf dem Bauernhof oder zu Hause sein.

Selbstzweifel überwinden

Es dauerte einige Zeit, bis Bae Becky und die unterrepräsentierten weiblichen Führungskräfte Akzeptanz in ihrer Gemeinschaft fanden, die als Führungskräfte konsequent Männer bevorzugt hatte. Der Nachteil der überwiegenden Wahl von Männern wurde später erkannt, als Männer aufgrund ihrer traditionellen Rolle als Familienversorger an Versammlungen und allen anderen Zusammenkünften gehindert wurden. Insbesondere konnten sie sich nicht auf Führungsrollen während der Vorbereitung der Felder und zur Pflanz-Saison oder während der Pflege der Farmen und der Erntezeit konzentrieren. Trotzdem neigte die Gemeinde zur generellen Bevorzugung von Maskulinität.

Diese Neigung wurde auch von den Frauen geteilt, denen anscheinend der Mut fehlte, diese Rollen zu übernehmen. Wenn Frauen für eine Führungsposition nominiert wurden, lehnten sie sie ab und argumentierten, dass die Hausarbeit und die Betreuung von Kindern bereits ausfüllend sind. Frauen sagten häufig: „Ich kann mich noch nicht entscheiden. Ich muss meinen Mann konsultieren.“ Frauen suchten zuerst die Meinung und die Zustimmung ihrer Männer, die oftmals die bestehenden Belastungen der Frauen zu Hause betonen, was dazu führte, dass potentiell wichtige Engagements in der Gemeinschaft abgelehnt wurden. Bae Becky glaubt, dass selbst wenn das Umfeld Frauen helfen kann, der Mut zum Führen aber damit beginnen muss, ihre Selbstzweifel zu überwinden.

Frauenförderung als Gemeinschaftsanliegen

Obgleich eine einzige Frau ausreichen könnte, um zu beweisen, was Frauen können, glaubt Bae Becky, dass es eine größere Menge braucht. Am Beispiel von Bae Becky wusste die Gemeinschaft zu schätzen, dass auch Frauen führen können. 2020 erreichte die Vertretung von Frauen im Ältestenrat von PASAKK ihren höchsten Stand. Sechs der zwölf Sitze im Ältestenrat von PASAKK, einschließlich Bae Beckys Position, sind von Frauen besetzt. Zuvor lag dies bei drei oder weniger. Auf die Frage, ob dies eine geplante Regelung sei, sagt Bae Becky: „Nein, es war die Wahl der Gemeinschaft.“

Bae Becky ist jedoch der Ansicht, dass die Beteiligung von Frauen nicht nur auf der Anzahl basieren sollte. Dies würde zu einer rein symbolischen Repräsentation führen, nur damit die Gleichstellung der Geschlechter im wörtlichsten und oberflächlichsten Sinne angegangen wird. Innerhalb von PASAKK, erklärt Bae Becky, pflegten sie die Vielfalt der Ideen, den Inhalt des Arguments und das Wohl der Gemeinschaft. Männer sind in einer solchen Atmosphäre herausgefordert: Sie können sich nicht länger auf ihren Positionen ausruhen. Frauen müssen gleichermaßen kritisch und selbstbewusst sein. Entscheidungen werden auf der Grundlage des Wohlergehens der Gemeinschaft getroffen, unabhängig davon, wer die Idee eingebracht hat, so dass Frauen die Möglichkeit haben, sich gleichberechtigt mit Männern auszutauschen.

Im Verlauf des Führens erkannte Bae Becky, dass ihre Stimme wichtig ist. Obgleich sie von Menschen in Uniform und mit höherem Bildungsabschluss von der Regierung und anderen NGOs gewöhnlich eingeschüchtert worden war, stellte sie fest, dass ihre Präsenz auf der Legitimität der Probleme der indigenen Gemeinschaft beruht: Sie ist eine lebende Zeugin und voll ausgestattet, um marginalisierte Teile der Bevölkerung zu vertreten. Bae Becky erkannte, dass sie wichtig ist, ebenso wie die anderen fähigen Frauen aus ihrer Gemeinschaft.

Die Geschichte von Bae Becky ist eine von vielen, die es wert sind, erzählt zu werden. Sie wünscht sich, dass die Stärkung von Frauen zu einer Kultur in anderen Gemeinschaften und Institutionen rund um PASAKK und darüber hinaus wird. Um den Weg für die Stärkung anderer indigener Frauen zu ebnen, bemüht sich Bae Becky, die traditionellen Führungsrollen der Manobo-Frauen zu dokumentieren und in Erinnerung zu rufen. Damit übt sie nicht nur ihre eigene Führung aus, sondern befähigt auch andere Frauen, ihrem Beispiel zu folgen.

Übersetzung aus dem Englischen von: Jörg Schwieger.

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3 | 2020, Interviews, Kambodscha,
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„Habt keine Angst, eure Träume zu verwirklichen!“

Timor-Leste – Während der Besatzungszeit (1975 – 1999) wurden Frauen vom indonesischen Militär inhaftiert, vergewaltigt oder gezwungen, Soldaten „zu heiraten“. Betroffene von sexualisierter Gewalt und deren Kinder erfahren in der Gesellschaft damals wie heute Ausgrenzung. Armut bestimmt ihr Leben.

Mit breiter gesellschaftlicher Unterstützung hatte Osttimors Wahrheitskommission(Commissão de Acolhimento, Verdade e Reconciliação de Timor-Leste, CAVR) im Januar 2002 ihre Arbeit aufgenommen. Sie untersuchte die während der indonesischen Besatzungszeit (1975 – 1999) verübten Menschenrechtsverletzungen, gab den Opfern eine Stimme und führte auf Gemeindeebene Versöhnungsprozesse durch. Mit dem Abschlussbericht „Chega!“ (port. „Genug!“) sprach sie Empfehlungen aus, die zu Gerechtigkeit und Anerkennung beitragen sollten.

Frauen erhielten dort erstmalig den Raum, aus der Anonymität herauszutreten und die erlittenen Gräueltaten in die gesellschaftliche Wahrnehmung zu bringen. Dieser Schritt erforderte sehr viel Mut. Die bisher erlebten Schmähungen, Ausgrenzungen und Erniedrigungen in ihren Dörfern ließen sie befürchten, diese nun auch auf breiter Ebene zu erfahren. Von einigen wenigen Ausnahmen abgesehen, wiesen Familien den Frauen die Verantwortung und Schuld für das erfahrene Unrecht zu; sie hätten, so der Vorwurf, Schande über die Familie gebracht. Mit einer öffentlichen Aussage brüskierten die Frauen auch ihre Sippe.

Der Film Beatriz von der lokalen Organisation Asosiasaun Chega! Ba ita (ACbit) dokumentiert eindrücklich die Situation dieser Frauen. Er beginnt mit Beatriz Mirandas bewegender Geschichte, die sie bei der Anhörung der Wahrheitskommission zu Gewalt gegen Frauen 2003 in die Öffentlichkeit trug.

Filmdokumentation Beatriz, von ACbit, 18 Min, Timor-Leste 2018:

Beatriz Miranda ist eine Überlebende wie hunderte andere Frauen auch. Sie lebte 1983 im Ort Kraras, in dem die männliche Bevölkerung massakriert wurde. Ihr Ehemann gilt seitdem als verschwunden. Es gab keine offizielle Untersuchung zum Massaker von Kraras und zur genauen Zahl der Opfer. Es ist eines der berüchtigtsten Verbrechen der indonesischen Besatzung. Als „Dorf der Witwen“ erlangte der Ort traurige Berühmtheit.

In dieser Situation war Beatriz Miranda über einen Zeitraum von zehn Jahren gezwungen, mit drei verschiedenen indonesischen Soldaten zusammenzuleben. Aus diesen Verbindungen hat sie zwei Kinder, mit denen die Soldaten sie nach Ende ihrer Dienstzeit zurückließen. Den Anfang machte ein Soldat der Eliteeinheit Kopassus. Nachdem sie von ihm zusammengeschlagen worden war, rief ihr Schwager nach dem Dorfchef und den Nachbarn. In Anwesenheit des Elitesoldaten sagte ihr die Dorfversammlung, darunter ihre Schwiegereltern, sie möge ihn akzeptieren. Niemand würde über sie spotten. Alle wüssten, dass sie dazu gezwungen worden sei. Sie sagten, so Beatriz Miranda bei ihrer Aussage vor der Kommission: „Wenn du dich widersetzt, werden wir alle sterben. Es ist besser, du verkaufst deine Seele, um unseren Hals zu retten.“

Alleingelassen

Als sie gezwungen war, mit den nächsten Soldaten zu leben, sagte sie sich: „Also gut, ich teile mich selbst in zwei Hälften. Die untere Hälfte gebe ich ihm, aber die obere Hälfte, die gehört meinem Land, dem Land Osttimor.“ Obwohl die Familie und das Dorf ihr Verständnis zusicherten, wurde schon bald sehr schlecht über sie gesprochen. Sie beschimpften sie als „Armeeweib“ und verdächtigten sie auch als Spionin. Wütend stellte sie sich den Diffamierungen entgegen. Anschließend wagte zwar niemand mehr, sie direkt zu beschimpfen, doch die Ausgrenzung von ihr und ihren Kindern blieb bestehen.

Beatriz Miranda steht beispielhaft für das Schicksal vieler Frauen, die sexualisierte Gewalt und deren Folgen erleben mussten. Neben den physischen Verletzungen und psychischen Leiden, mit denen die Frauen gänzlich allein gelassen wurden, sahen sie sich oftmals zusätzlichen Belastungen ausgesetzt. Ihre Ehemänner wendeten sich von ihnen ab, insbesondere, wenn die Frauen als Ergebnis dieser sexualisierten Gewalt Kinder gebaren. Familien wiesen sie zurück. Viele der Opfer waren gezwungen, weiterhin als ‚Sexsklavin‘ zu dienen, um für sich und ihre Kinder sorgen zu können. Versuchte Abtreibungen kosteten viele Frauen das Leben.

Die Gesellschaft versagt

Ihre machtlose, untergeordnete Rolle in der Gesellschaft Osttimors ließ die Frauen in einen Kreislauf anhaltender Verletzung geraten. Ihnen wurde nicht nur von indonesischen Soldaten Gewalt angetan, sondern auch von osttimoresischen Männern. Dazu gehören Milizen und Mitglieder im Sicherheitsapparat der Indonesier ebenso wie Kämpfer der Forças Armadas de Libertação Nacional de Timor-Leste (FALINTIL), der militärischen Front des Widerstands, und Parteiangehörige von FRETILIN (Frente Revolucionária de Timor-Leste Independente) und UDT (União Democrática Timorense) während ihrer bewaffneten Auseinandersetzung 1975.

Frauen wurden von ihrer eigenen Gesellschaft und vielerorts auch von der örtlichen Kirche ausgegrenzt, die dabei versagten, den Frauen beizustehen. Schlimmer noch, die Gewalttaten wurden tabuisiert. Der Bericht der Wahrheitskommission gab im Kapitel zu „sexueller Gewalt“ auf über 100 Seiten Zeugnis des erlebten Grauens. Die Kommission formulierte Empfehlungen an Regierung, zivilgesellschaftliche und religiöse Organisationen, wie man den Bedürfnissen der Opfer gerecht und Gewalt gegen Frauen in der Gesellschaft gestoppt werden könnte.

Die Regierung wendet sich ab

Hugo Fernandez, der damalige Leiter der Abteilung für Wahrheitsfindung bei CAVR, sah 2004 eine sehr große Herausforderung in der Umsetzung der Empfehlungen durch die Regierung voraus (Schlicher, 2005, S. 82). Werden die Empfehlungen nicht oder nur ungenügend umgesetzt, kommt dies einer Bagatellisierung der Verbrechen gleich.

„Auf der politischen Ebene hat sich niemand die Mühe gemacht, den Bericht zu lesen und von den Empfehlungen sind nur ca. fünf Prozent umgesetzt“, prangert Hugo Fernandez heute an. Inzwischen leitet er das 2017 eingerichtete Centro Nacional Chega! (CNC), die Nachfolgeinstitution der Wahrheitskommission. „Solidarität mit den Opfern ist eine unserer Aufgaben beim CNC, und es liegt noch ein langer Weg vor uns. Während die Veteran*innen als Held*innen gefeiert werden, bleibt die vergewaltigte Frau, die drei Kinder von drei verschiedenen indonesischen Soldaten hat, ausgegrenzt.“ Und die Strafverfolgung für die Verbrechen während der Besatzungszeit ist längst eingestellt. Weiterhin ist Gewalt gegen Frauen, gesellschaftlich fast selbstverständlich akzeptiert, ein Problem von hoher Relevanz.

Solidarisch unterstützen sich die Frauen und fordern Anerkennung

2017, während der Produktion des Films, lebt Beatriz Miranda mit ihren Kindern weiterhin in ihrem Dorf. Die Erwartung von damals, dass sich mit ihrer Aussage vor der Wahrheitskommission ihre bedrückende Lebenssituation verändert, hat sich längst zerschlagen. Sie ist arm und das Leben als Witwe bleibt schwer. Ihre Tochter wurde vom Vater ihres Kindes mit der Begründung sitzen gelassen: „Ich werde dich nicht heiraten, denn dein Vater ist ein indonesischer Soldat.“ Beatriz sagt dazu im Film: „Ich bin ein Opfer, meine Tochter ist ebenso ein Opfer geworden. Wir brauchen die Unterstützung der Regierung für die Ausbildung der Kinder.“

Doch sie ist aktiv geblieben. 2015 hat sie die Selbsthilfegruppe Freundschaft unter Witwen gegründet. „Wir müssen nach vorne blicken“, erklärt sie den Mitgliedern, „und das, was in der Vergangenheit war, soll unser Leben nicht mehr bestimmen. Wir müssen den Herausforderungen von heute ohne Angst begegnen.“

Das ‚Unsagbare’ aussprechen

Die Frauen unterstützen sich gegenseitig beim Erwerb ihres Lebensunterhalts. Durch das Aussprechen des ‚Unsagbaren’ bewältigen sie Scham und Schuldgefühle und gewinnen wieder an Selbstrespekt. Den Widrigkeiten, mit denen die Gesellschaft ihnen begegnet, stellen sie sich entgegen: Indem sie sich nicht darauf konzentrieren was sie abwertet, sondern auf das, was sie glücklich macht. Dieses Glück geben sie an ihre Kinder weiter. Doch nicht alle Kinder erfahren dieses Glück: Viele Kinder aus den erzwungenen Verbindungen wurden von ihren verzweifelten Müttern aufgegeben.

Beistand erhalten die Gruppen der Witwen durch die lokale Organisation ACbit. Sie unterstützt die Frauen mit Programmen zu Trauma-Heilung. Die 2012 gegründete Organisation setzt sich für die Umsetzung der Empfehlungen der Wahrheitskommissionen ein.

Der Film Beatriz ist der Türöffner

„Der Film Beatriz ist eine Inspiration für uns alle“, berichtet uns Manuela Leong Pereira, Direktorin von ACbit, „und er hat eine sehr starke Wirkung.“ ACbit setzt den Film in der Arbeit mit Gemeinden und Frauen im ganzen Land ein. „Anfänglich sind die Frauen immer sehr zurückhaltend und voller Scham. Der Film ist dann der Türöffner, der sie ermutigt, zu erzählen. Die Frauen staunen vor allem, dass diese schrecklichen Dinge erzählbar sind, erzählt werden dürfen und Beatriz ihre Geschichte schon 2004 öffentlich gemacht hat. Sie sind überrascht und berührt, wie viele von ihnen – ob die Nachbarin im Dorf oder die Frau im entfernten Distrikt – diese Gewalt erfahren mussten.“

Die Geschichten werden erstmals als erfahrenes Unrecht anerkannt und bewegen nun auch die Gemeindemitglieder. Die Frauen erhalten Respekt. „Anfangs“, so Manuela Leong Pereira, „waren Männer empört, dass wir der Frauen wegen zu ihnen in die entferntesten Ecken des Landes kamen und diese und ihre ‚alten‘ Geschichten ins Zentrum der Aufmerksamkeit stellten. Heute kommen die Männer auf uns zu und entschuldigen sich sogar dafür, dass sie früher nicht mit uns sprechen wollten.“ ACbit wird von dem Zuspruch zu ihrem Programm geradezu überrannt.

Auch wird der Film in der Lobbyarbeit gegenüber der Regierung bei Veranstaltungen genutzt. „Einige, vor allem jüngere Mitglieder in der Regierung haben durch diesen Film erstmals die Situation der Frauen, die damals Opfer geworden sind, erfasst. Anderen rufen wir sie wieder in Erinnerung.“

Frauen gewinnen an Respekt

Durch den Film Beatriz wurden viele Menschen erreicht. Die Thematik ist ins Bewusstsein gerückt. Doch noch immer haben viele der Frauen keine staatliche Hilfe erhalten, weiterhin sind sie schutzbedürftig. Zwar gibt es im Ministerium für Soziale Solidarität ein Hilfsprogramm, aber es erreicht die Menschen nicht, vor allem die nicht, die auf dem Land leben. Beatriz und die Frauen in ihrer Gruppe sprechen immer wieder im Ministerium vor, bleiben aber ungehört und ohne Unterstützung.

Bis heute arbeitet Beatriz mit den Witwen und betroffenen Frauen. Sie haben aus eigener Kraft Erfolge mit ihrer Arbeit, sie sind mutiger geworden und haben in der Gemeinde an Respekt gewonnen. Die Erfolge dürfen aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass sie nach wie vor mit großen Herausforderungen konfrontiert werden und Probleme allein auf sich gestellt bewältigen müssen. Einmal mehr ist zu sehen, wie stark und notwendig die Arbeit von Frauen für Frauen ist.

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3 | 2020, Interviews, Kambodscha,
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„Habt keine Angst, eure Träume zu verwirklichen!“

Vietnam: Vergewaltigung war für Frauen im Vietnamkrieg allgegenwärtig. Gina Marie Weaver geht in ihrem Buch ‚Ideologies of Forgetting. Rape in the Vietnam War‘ der Frage nach, warum sexualisierte Kriegsgewalt systematisch verschwiegen wird.

Vergewaltigung war im Vietnamkrieg so weit verbreitet, dass es in den Worten eines Soldaten Standard Operating Procedure – völlig normal – war. Vor allem in Südvietnam wurden Frauen und Mädchen sehr oft Opfer von Vergewaltigungen. Dies lag daran, dass der Krieg hier systematisch gegen die Zivilbevölkerung geführt worden ist. In den so genannten Search and Destroy– Einsätzen sollten amerikanische GIs in den Dörfern Kämpfer*innen des Vietcong aufstöbern – der Erfolg wurde mit dem berüchtigten body count gezählt. Je mehr Leichen – oft wurden die Ohren als Beweismittel abgeschnitten und mitgenommen – desto besser. Und weil die GIs nicht erkennen konnten, ob jemand ein*e Widerstandskämpfer*in war oder nicht, haben sie auch viele Zivilist*innen ermordet.

Sexualisierte Gewalt fand in diesem Kontext statt, entweder als ‚opportunistische Vergewaltigung’ (Soldaten taten es, weil sie dafür nicht belangt wurden) oder zur systematischen Terrorisierung der Bevölkerung. In ihrem Buch Ideologies of Forgetting. Rape in the Vietnam War unterscheidet Gina Marie Weaver zwischen der Vergewaltigung, der sexualisierten Folterung von Gefangenen und der Mordvergewaltigung. Bei der Folterung ging es darum, Informationen über die Verstecke und Personen des Vietcong herauszubekommen. Frauen waren hier viel häufiger Opfer sexualisierter Gewaltfantasien als Männer. Bei den Mordvergewaltigungen wurden Frauen und Mädchen, die man bei ‚Säuberungsaktionen’ umbrachte, vorher massenvergewaltigt.

Heldentum und Aufopferung

Weaver diskutiert zuerst die Zeugnisse von Frauen, die im Vietnamkrieg vergewaltigt wurden. In ihrem Buch Then the Americans Came zum Beispiel hat Martha Hess die mündlichen Erzählungen von Frauen aus Interviews zusammengefasst, die die Alltäglichkeit sexualisierter Gewalt bezeugen. Auch in den Berichten zu Kriegstribunalen und Ähnlichem wird Gewalt gegen Frauen thematisiert. Sexualisierte Gewalt kommt außerdem in einigen der bedeutendsten literarischen Werke über den Krieg vor. Bao Ninhs The Sorrow of War (1991) wird um die Massenvergewaltigung der Kämpferin Hoa strukturiert. Duong Thu Hongs Novel without a Name (1995) beginnt mit einer Szene, die die verwesenden Opfer einer Massenvergewaltigung beschreibt. Le Ly Hayslips When Heaven and Earth Changed Places ist die biographische Aufarbeitung einer Vietcong-Kämpferin, die als vermeintliche Verräterin zuerst von Vietcong-Kollegen vergewaltigt wird, und dann eine ganze Reihe von Gewalterfahrungen seitens amerikanischer Soldaten überlebt und als Survivor irgendwann in die USA flüchtet.

Trotzdem sei die sexualisierte Gewalt des ‚Amerikanischen Krieges’ in Vietnam nicht wirklich aufgearbeitet worden, so Weaver. Dafür nennt sie mehrere Gründe. Erstens führe Traumatisierung dazu, dass viele Opfer nicht darüber sprechen wollten oder könnten. Zweitens widerspreche die Aufarbeitung des Leidens dem Bild der vietnamesischen Regierung, die den Krieg als heldenhaften, heroischen Sieg darstellen wolle. Vergewaltigung werde so als Aufopferung für die nationale Sache verstanden, Frauen sollen als Heldinnen vorkommen. 1.5 Millionen Frauen haben in der nordvietnamesischen Armee gekämpft, 70-80 Prozent der freiwilligen ‚Stoßtrupps’ die am Ho Chi Minh-Pfad eingesetzt wurden, waren junge Frauen. Drittens betreibe die Regierung heute eine Normalisierung der wirtschaftlichen und politischen Beziehungen zu den USA. Eine Aufarbeitung der sexualisierten Gewalt durch die Amerikaner oder gar die Verurteilung der Täter oder eine Wiedergutmachung stünde diesem Ziel im Wege.

Erste Aufarbeitung in den USA

Im Kapitel Naming Themselves geht Weaver auf die Selbstzeugnisse von amerikanischen Soldaten ein. Es waren vor allem die Antikriegsbewegung, die Frauenbewegung in den USA und die Vietnam Veterans Against the War (VVAW), die eine kritische Auseinandersetzung mit den Gräueltaten der US-Armee mitsamt der sexualisierten Kriegsgewalt schon während des Krieges vorangebracht hätten. Die Gräueltaten des Massakers von My Lai sind aufgrund von Aussagen kritischer Soldaten ans Licht gekommen: Bei dem Massaker wurden mindestens 20 Frauen und Kinder vergewaltigt, bevor man sie ermordet hat. Die Meldung eines anderen während des Krieges bekannt gewordenen Vorfalls, bei dem eine Patrouille ein junges Mädchen entführt hat, um sie zu vergewaltigen und dann zu ermorden, führte zu der Verurteilung der beteiligten Soldaten. Ihre Strafen wurden nachträglich erheblich abgemildert.

Über dieses wichtige Whistleblowing hinaus haben die aktivistischen Soldaten das Verhältnis zwischen Rassismus, Klassengesellschaft und toxischer Männlichkeit hergestellt und in Frage gestellt. Diese Analyse ist eine der stärksten des Buches. Soldaten reflektierten in der berühmten Winter Soldier Investigation von 1971 ihre Opferrolle und Mittäterschaft im Krieg und entwickelten dafür einen intersektionalen Ansatz.

Die US-Kriegsmaschinerie hatte schon im Zweiten Weltkrieg und im Koreakrieg rassistische Stereotypen über Japaner und Asiaten verwendet und setzte diese im Vietnamkrieg fort, um den Gegner zu entmenschlichen und so besser töten zu können. Die Verrohung in der Ausbildung der Soldaten, in der Frauen als zu erniedrigende Objekte porträtiert wurden, bereitete die Soldaten darauf vor, die Frauen des Feindes zu verachten. Sie griff dabei aber auch auf ein vor allem in der Arbeiterklasse verankertes Genderverständnis zurück, bei dem der Mann hart, stark und vor allem nicht verweichlicht und weiblich sein durfte. Auf dieser Grundlage stellten sie nicht nur den Krieg sondern auch den Kapitalismus in Frage.

Hollywoods Revisionismus

Genau diese kritische Haltung sei für die militärische Schlagkraft des US-Imperialismus zum Problem geworden. Laut Weaver dienten Hollywoods Vietnamfilme vor allem dazu, die Täterschaft der amerikanischen Soldaten zu leugnen. Dies laufe hauptsächlich über die Darstellung der Soldaten als Opfer, Opfer der traumatischen Erfahrungen im Krieg aber auch Opfer der ‚Weicheier’ zu Hause, also der Aktivisten der Antikriegsbewegung und vor allem der Feministinnen. Der Vietnamkrieg wird als ‚amerikanische Erfahrung’ dargestellt. Die Menschen in Vietnam und insbesondere die vielen Opfer von sexueller Gewalt werden ausgeklammert: Rambo als tragischer Held war kein Vergewaltiger.

In anderen Hollywoodfilmen sei Vergewaltigung ein wichtiges Element, das die männlichen Tötungsfantasien gegen den Feind pornographisch und mit rassistischen Untertönen untermauere. Klassische Frauenrollen seien die geldgierigen und abgekochten Prostituierten auf der einen und die fanatischen ‚Sniperfrauen’ auf der anderen Seite. Beide dienten als Projektion für eine toxische Männlichkeit, die eine grausame amerikanische Intervention nachträglich rechtfertigen sollte.

Kein Buch hat mich in letzter Zeit so aufgewühlt wie dieses. Es zeigt, wie wichtig die Einbeziehung der Erfahrung der sexualisierten Gewalt für die Analyse des Vietnamkrieges ist. Gleichzeitig bleibt es vor allem eine amerikanische Erzählung. Weitere Forschungen in Vietnam selbst wären jetzt wichtig, um die Perspektive weiter zu dekolonialisieren.

Rezension zu: Gina Marie Weaver. Ideologies of Forgetting. Rape in the Vietnam War. SUNY Press. 2010. 198 Seiten.

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3 | 2020, Interviews, Kambodscha,
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„Habt keine Angst, eure Träume zu verwirklichen!“

Kambodscha: Das Theaterprojekt „I am a daughter“ bricht Rollenbilder von Frauen in der kambodschanischen Gesellschaft auf. Unsere Autorin unterstützt die Initiative. Auch sie musste darum kämpfen, ein selbst bestimmtes Leben führen zu dürfen.

Es gibt ein altes Khmer-Sprichwort: „Srey chlad ot pidey“. Das bedeutet: „Eine kluge Frau bekommt keinen Mann“. Ich habe gelernt, diesen Spruch zu ignorieren. Ich bin eine gebildete Frau. Und ich möchte keinen Mann heiraten, der mich für dumm hält. Fast jedes fünfte Mädchen in Kambodscha heiratet vor ihrem 18. Geburtstag. Viele kambodschanische Eltern arrangieren immer noch Hochzeiten gegen Brautgabe, weil man Mädchen die künftige Rolle der Mutter und Hausfrau zuweist. Der Ausbildung von Frauen kommt damit weitaus geringere Wichtigkeit zu; der Mann soll besser ausgebildet sein, weil er nach traditionellem Verständnis für das Einkommen der Familie zuständig ist.

Nur 15 Prozent der Frauen haben einen Realschulabschluss

Über die Hälfte der Bevölkerung Kambodschas lebt an oder unter der Armutsgrenze. Ich hatte Glück und wuchs in einer Mittelstandsfamilie in der Hauptstadt Phnom Penh auf. Schon als Teenager erzählte ich meiner Mutter, dass ich Journalistin werden möchte. Sie sagte das sei ein schrecklicher Beruf. Redakteur*innen seien oft arm, manche würden gar wegen ihrer Arbeit getötet. Ich fragte sie, was ich stattdessen tun solle. Meine Mutter antwortete nur, ich solle an meine Identität als Frau denken. Später bat sie mich das Haus zu putzen und Abendessen zu kochen.

Ich nehme es ihr nicht übel. Wegen des Völkermordes unter dem Regiment der Roten Khmer vor über 40 Jahren konnte sie nicht einmal die Grundschule abschließen. Der 30-jährige Bürgerkrieg endete erst 1998. Bis 2019 verfügten nur 15 Prozent der erwachsenen Frauen in Kambodscha über einen Sekundarabschluss [entspricht dem deutschen Realschulabschluss]. Bei den erwachsenen Männern waren es 28,1 Prozent. Das geht aus Daten des United Nations Development Program (UNDP) hervor.

Diskriminierung in der Arbeitswelt

Mit den ersten freien Wahlen im Jahr 1993 veränderten sich Kambodschas Gesellschaft und Wirtschaft. Als ein Kind der ‚Babyboom-Generation’ der Nachkriegszeit, habe ich diese Phase miterlebt. Die meisten kambodschanischen Jugendlichen werden aber von ihren Eltern so erzogen, wie deren Eltern es zuvor getan hatten. Von den Frauen wird erwartet, den gesellschaftlichen Normen zu folgen. Ihre Aufgabe liegt darin, sich um die Kinder und ältere Menschen zu kümmern. Die Potentiale und Fähigkeiten von Frauen werden nicht gesehen oder klein geredet. Der Gedanke, dass wir Frauen nie gut genug sein werden, um mit Männern zu konkurrieren, verunsichert uns. Mein Leben hat sich erst verbessert, nachdem ich in Dänemark und England meinen Master im Fach Finanzjournalismus abgeschlossen hatte. Ich begann danach als Reporterin bei der Zeitung The Phnom Penh Post zu arbeiten.

Trotz einiger Verbesserungen, sind Männer und Frauen in der Arbeitswelt nicht gleichgestellt. Frauen sind ständig mit Diskriminierung und fehlender sozialer Absicherung konfrontiert. Kambodscha steht vor der Aufgabe, mehr Jobs zu schaffen, prekäre Beschäftigung zu reduzieren und dafür zu sorgen, dass Arbeit unter menschenwürdigen Bedingungen stattfindet. Es braucht Gesetze, die Arbeitsbedingungen und die soziale Absicherung verbessern, damit ein Arbeitsmarkt entstehen kann, in dem Männer und Frauen gleichermaßen gefördert und bezahlt werden.

80 Prozent der Bevölkerung sind jünger als 30 Jahre

Seit 2018 arbeite ich mit kambodschanischen Schüler*innen im Rahmen des Gemeinschaftstheaters und Multimediaprojekts I am a Daughter, einer Initiative des Kulturzentrum Meta House) in Phnom Penh und seinem Dachverband, der Kambodschanisch-Deutschen Kulturvereinigung (KDKG). In den letzten sechs Jahren hat das Meta House insgesamt drei verschiedene Schultheaterprojekte, in Zusammenarbeit mit lokalen Bühnenautor*innen und der NGO für darstellende Künste, Khmer Art Action, durchgeführt.

Landesweit haben bisher über 80.000 kambodschanische Gymnasiast*innen an den Theateraufführungen teilgenommen. In kambodschanischer Sprache behandeln die Stücke Themen wie den laufenden Versöhnungsprozess nach dem Völkermord, den Alkoholismus unter Minderjährigen und die Stärkung der Rolle von Mädchen. Entscheidend für den Erfolg des Projektes ist die Unterstützung des kambodschanischen Ministeriums für Bildung und Sport, welches die Aktivitäten von NGOs in Schulen und Universitäten sehr genau beobachtet. In westlichen Ländern gehört Schultheater zum Standard. Dagegen ist dieses Projekt für Kambodscha ein Novum, denn neben dem Schulunterricht gibt es normalerweise so gut wie keine Aktivitäten um die Schüler*innen zu fördern.

„Über 80 Prozent der Bevölkerung Kambodschas sind jünger als 30 Jahre alt. Deshalb müssen wir uns auf die Erziehung der jungen Generation konzentrieren, um die Entwicklung des Landes voranzutreiben. Das Theater schafft einen sicheren Raum für Schüler*innen und Studierende. Sie können dort offen über drängende soziale Fragen diskutieren. Das Ergebnis sind bessere kognitive Fähigkeiten und ein höheres Maß an Selbstvertrauen. Kinder und junge Erwachsene lernen, ihre eigenen Probleme auf unterhaltsame Weise zu lösen“, erklärt die Programmmanagerin und Filmemacherin des Meta House, Sao Sopheak, selbst Mutter von zwei Kindern.

Männer müssen bei der Gleichstellung eine aktive Rolle einnehmen

Das Stück I am a Daughter schrieb Kim Dyna, eine ehemalige TV-Nachrichtenmoderatorin. Es zeigt Situationen, in denen Frauen versuchen die für sich besten Lösungen zu finden. Die Schauspieler*innen schlüpfen in dem Stück in verschiedene Rollen – die der Großmutter, Enkelin, Ehefrau und des Ehemannes, die manchmal die Geschlechterrollen tauschen. I am a Daughter zeigt den Weg einer Frau zur Universität und ihre Suche nach einem Partner, der sie unterstützt und bereit ist, auf die Heirat bis nach ihrem Abschluss zu warten.

„Unser männliches Publikum scheint sehr motiviert, die Frauenrechte im modernen Kambodscha zu unterstützen. Sie müssen jedoch auch eine aktivere Rolle bei der Verwirklichung der Gleichstellung spielen“, erzählt die Moderatorin des Theaterstückes, Vouchleng, über die Reaktionen bei den Aufführungen. Sie hat bislang über 100 Darbietungen in zehn kambodschanischen Provinzen moderiert.

Theaterstück thematisiert häusliche Gewalt und Frauenrechte

„Ein großer Teil der Geschichte stammt aus meiner eigenen Erfahrung“, sagt Kim Dyna. „Meine Familie wollte auch, dass ich einen reichen Mann heirate. Ich sagte `Nein`, als ich erfuhr, dass er nicht wollte, dass ich studiere oder arbeite.“ Dyna erklärt weiter: „Die Theaterstücke binden die Zuhörenden ein. So entstehen ein gemeinsames Wissen, eine gemeinsame Erfahrung und die Möglichkeit, Wahrnehmungen und Einstellungen zu verändern.“

Das Theaterstück porträtiert Figuren, die mit Themen wie Frauenrechten, Ablehnung aus der Familie und häuslicher Gewalt konfrontiert sind. Teile basieren auf Interviews, die Dyna mit Gymnasiastinnen aus Phnom Penh und dem ländlichen Raum Kambodschas geführt hat. „In der Stadt haben Frauen mehr Zugang zu Informationen“, sagt Dyna. „Sie sind sich ihrer Rechte bewusster und streben nach Gleichberechtigung. Frauen auf dem Land fehlt es oft an Bildung und sie haben nur begrenzten Zugang zum Internet oder zu sozialen Medien. Entscheidungen lassen sie oft ihre Familien für sich treffen.“, fasst sie ihre Erkenntnisse zusammen.

Zu jeder Aufführung gehören Frage-und-Antwort-Runden mit weiblichen Vorbildern. Die Frauen erzählen den jungen Schüler*innen aus ihrem Leben und davon, was sie erreicht haben. Auf der Webseite des Theaterprojekts werden Diskussionsrunden, Live-Streams, Workshops, Kunstausstellungen, Filmproduktionen und Blogeinträge online gestellt. Hier können sich junge Frauen über Unterstützungsmöglichkeiten informieren und werden ermutigt, ihre eigenen Wege zu gehen, finanziell unabhängig zu leben und sich eigenständig für einen Beruf zu entscheiden.

Kambodschanische Frauen verlassen sich nicht mehr auf die Ehe

I am a daughter lehrt die Bedeutung von Unabhängigkeit und Selbstbestimmung. Junge Frauen sollten sich entfalten können, bevor sie eine Ehe eingehen und Kinder bekommen. Die alte Norm, nach der sich Frauen allein auf die Ehe verlassen sollen, ist überholt. Moderne kambodschanische Frauen folgen dem nicht mehr. Jene, die selbst bestimmte Frauen fürchten, fürchten sie aus eigener Unsicherheit. Sie verlachen dich und gehen davon aus, dass du scheitern wirst. Aber jene, die Freiheit zu schätzen wissen, werden dich ermutigen und unterstützen. Und sich vielleicht von dir inspirieren lassen.

Übersetzung aus dem Englischen von: Simon Kaack

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3 | 2020, Interviews, Kambodscha,
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„Habt keine Angst, eure Träume zu verwirklichen!“

Indonesien – Mit dem Buch „Pemenang Kehidupan/Winners of Life“ setzen der Fotograf Adrian Mulya und die Autorin Lilik HS den Frauen ein Denkmal, die während der Suharto-Diktatur als Kommunistinnen verfolgt wurden.

Ärztin wollte sie werden. Als Studentin der Medizin engagierte sich die 1941 geborene Sri Muhayati (Titelfoto) in den frühen 60er Jahren in der linken Studentenorganisation Concentrasi Gerakan Mahasiswa Indonesia (CGMI), die ‚an der Basis’ arbeitete. Gemeinsam mit anderen Studierenden sorgte sie für gesundheitliche Aufklärung in Dörfern, baute Brücken und Sanitäranlagen und bekämpfte die grassierende Rattenplage. Sri Muhayatis Vater war führender Kader der Kommunistischen Partei Indonesiens (PKI) und Mitglied des Provinzparlamentes von Yogyakarta (Java).

Errichtung der antikommunistischen ‚Entwicklungsdiktatur’

Indonesien, das ressourcenreichste Land Südostasiens, war in Kolonialzeit wie im Kalten Krieg ein Spielball von Hegemonialinteressen. Der ‚Dominotheorie’ folgend, unterstützten die US-Regierung und deren Verbündete, darunter auch die Bundesregierung, nach Kräften antikommunistische Kräfte im Land.

Beim Putsch von 1965 siegte das antikommunistische Lager. General Suharto löste Präsident Sukarno als Staatschef ab und errichtete eine prowestliche Entwicklungsdiktatur, die er Orde Baru (Neue Ordnung) nannte.

Eines der furchtbarsten Verbrechen des 20. Jahrhunderts

All jene, die als Widersacher dieser Neuen Ordnung galten, vor allem linke Politiker*innen und Aktivist*innen, wurden brutal verfolgt. Die antikommunistischen Massaker der Jahre 1965 – 1968 zählen zu den furchtbarsten Verbrechen des 20. Jahrhunderts. Schätzungen zu den Zahlen der Ermordeten reichen von 500.000 bis zu drei Millionen Menschen.

Weitere Hunderttausende wurden verhaftet, verhört, gefoltert. Unter ihnen waren zahlreiche Frauen, die sich entweder bei der PKI oder linken Massenorganisationen wie Gerwani engagiert hatten (vgl. Artikel Feminismus als Klassenfrage von Ita Fatia Nadia auf suedostasien.net).

Die Verfolgten bekommen ein Gesicht und eine Stimme

Der Fotograf Adrian Mulya und die Autorin Lilik HS porträtieren in dem 2016 auf Indonesisch und Englisch erschienenen Bildband Pemenang Kehidupan/Winners of Life 22 dieser Frauen, darunter die ehemalige Studentenaktivistin Sri Muhayati. 1965 wurde sie verhaftet. Fünf Jahre musste sie hinter Gittern verbringen. Ihre Mutter starb im Gefängnis. Ihr Vater – verschleppt von Militärs – tauchte nie wieder auf. Nach ihrer Haftentlassung war an den Traum, Ärztin zu werden, nicht mehr zu denken. Sie ersetzte ihren vier jüngeren Geschwistern Mutter und Vater. Jahrzehntelang suchte sie nach Informationen über den Verbleib des verschwundenen Vaters und fand seine Überreste schließlich in einem der wenigen Massengräber, die Anfang der 2000er Jahre, kurz nach dem Rücktritt Suhartos, geöffnet wurden. Sie sei erleichtert, dass sie den Vater endlich mit einem anständigen Begräbnis habe ehren können, sagt Sri Muhayati. Sie verspüre keine Rachegefühle, so die alte Frau. „Rache macht deine Seele kaputt.“

Als Sri Suprapti verhaftet wurde, hatte sie bereits drei Kinder. Die 1928 geborene Javanerin war keine Aktivistin. Die Tochter eines Dorfvorstehers war ihrem Mann Isnanto nach Medan, der Hauptstadt Nordsumatras, gefolgt. Isnanto war aktiv in der großen und einflussreichen Gewerkschaft der Plantagenarbeiter (Sarbupri). Als im Oktober 1965 ihr Haus angezündet wurde, flüchtete Sri Suprapti zunächst mit den beiden jüngeren Kindern, wurde jedoch bald gefasst.

Im Gefängnis traf sie ihren Mann und den ältesten Sohn wieder. Abwechselnd wurden Vater, Mutter und Sohn mit Stromschlägen gefoltert. Über das, was Soldaten später mit ihr machten, in einem Raum im Obergeschoss des Gefängnisses, den sie erst Stunden später verlassen durfte, konnte Sri Suprapti lange nicht sprechen. „Ich will mich daran nicht erinnern.“ sagt sie.

Sri wird 1975 aus der Haft entlassen. Sie schlägt sich durch mit verschiedenen Jobs vom Zwiebeln schälen bis zum Ventilator reparieren. Sie engagiert sich in ihrer Kirchengemeinde. Und als nach dem Ende der Suharto-Diktatur die Überlebenden erstmals ihre Stimme erheben konnten, spricht sie als Zeitzeugin über das, was ihr angetan wurde.

Ni Made Murjiwati wurde 1942 auf der Insel Bali geboren. Anfang der 60er Jahre war sie Mitglied der Volksjugend (Pemuda Rakyat), der Jugendorganisation der PKI. Als solche kam sie 1963 Präsident Sukarno sehr nah, der auf Bali den chinesischen und den tschechoslowakischen Präsidenten empfing. Sie überreichte Sukarno – in einer Überraschungsaktion, die sie einigen Mut kostete – das Gemälde eines balinesischen Malers.

Als Sukarno 1965 von Suharto von der politischen Bühne gedrängt wurde, war Ni Made Murjiwati gerade mit einer Delegation der Volksjugend in China. Die Reise sollte zehn Tage dauern, es wurden Jahre daraus. Die Regierung entzog ihr den Pass, wie zahlreichen weiteren ihrer Landsleute, die auf diese Weise ins Exil getrieben wurden. Ni Made zieht schließlich nach Deutschland. Erst 1996 kehrt sie zum ersten Mal wieder nach Indonesien zurück.

Versuch einer alternativen Geschichtsschreibung

Der Fotograf Adrian Mulya gehört zur Generation von Indonesier*innen, deren Bild der Geschichte von Suhartos Propagandamaschine geprägt war. 1984 wurde eines der Hauptwerke dieser Propagandamaschine veröffentlicht, der vierstündige Film Pengkhianatan G30/PKI (Verrat der Bewegung 30. September/PKI), der die angebliche Verrohtheit und Brutalität von Kommunisten und im speziellen von Kommunistinnen in drastischen Bildern zeigte. Auch in zahlreichen Monumenten und Museen wurde die Suharto-Geschichtsschreibung verewigt. Bis heute werden diese Orte von Schulklassen besucht – Alternativen im öffentlichen Raum gibt es kaum.

Was ihr Land brauche, sei eine „Demilitarisierung der Geschichte“ fordert die indonesische Historikerin I Gusti Agung Ayu Ratih. Teil dieser Demilitarisierung müsse die Aufhebung des Stigmas sein, das Jahrzehnte auf den verfolgten Frauen gelastet habe. An dessen Stelle solle die historische Realität ihres Kampfes vermittelt werden, „der Teil unserer Geschichte ist, der uns Achtung einflößen kann und von dem wir viel lernen können“.

Genau dies vermittelt der beeindruckende Bildband Winners of Life. Er setzt der Entmenschlichung, die den Massakern von 1965 vorausging und mit der die Überlebenden jahrzehntelang stigmatisiert wurden, einen Raum entgegen, in dem die porträtierten Frauen als Menschen mit ihrer Lebensgeschichte gezeigt und gewürdigt werden.

Achtung vor der Lebensleistung der Frauen

Die Fotos zu diesem Bildband entstanden von 2007 bis 2015. Für den Fotografen war es eine sehr persönliche Reise, während der sich sein Geschichtsbild stark veränderte. Es war eine Zeit, die geprägt war von wachsenden Freundschaften zu den Frauen, die seine Großmütter sein könnten. Eine Zeit, in der eine große Achtung vor den Lebensleistungen der porträtierten Frauen entstand. „In ihrer Jugend waren sie voller Leidenschaft bereit, zum Fortschritt ihres Landes, vor allem der Frauen, beizutragen. Warum wurden sie verfolgt?“, fragt Adrian Mulya in seinem Vorwort.

Bis heute gibt es in Indonesien keine Strafverfolgung für die Täter. Bis heute gibt es keine staatliche Anerkennung des Leids, das den Opfern und ihren Familien zugefügt wurde. Die Porträts der weiblichen Überlebenden indes sprechen für sich. Gerade schauen sie in die Kamera, würdevoll und ungebrochen. Diese Frauen abzulichten, so der Fotograf Adrian Mulya, sei für ihn, als würde er das Leben selbst fotografieren.

Rezension zu: Adrian Mulya. Pemenang Kehidupan/Winners of Life. Kepustakaan Populer Gramedia. 2016.

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3 | 2020, Interviews, Kambodscha,
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„Habt keine Angst, eure Träume zu verwirklichen!“

Indonesien: Ein Gesetzentwurf weckt große Hoffnungen bei Frauenorganisationen und liberalen Politiker*innen. Doch die Verabschiedung wird immer wieder verschoben.

Die Diskussionen um das gleichnamige Gesetz zur Beendigung sexualisierter Gewalt (Rancangan Undang Undang Penghapusan Kekerasan Seksual, RUU PKS) gehen ins fünfte Jahr. Bereits 2016 war der erste Entwurf ausgearbeitet worden. Vor allem Frauenorganisationen arbeiten seitdem daran, die Umsetzung voranzutreiben.

Die Kontroverse über die Inhalte des Gesetzentwurfs spiegelt die Sitzverteilung der Parteien im Parlament wider. Die säkulare Demokratische Partei des Kampfes PDI-P (Partai Demokrasi Indonesia – Perjuangan) und die Demokratische Partei DP (Partai Demokrat) stehen mehrheitlich hinter dem Vorschlag für das Gesetz zur Beendigung sexualisierter Gewalt. Auch die Frauenorganisation der größten muslimischen Organisation Nahdlatul Ulama (NU) und die der NU nahe stehende Partei des Nationalen Erwachens PKB (Partai Kebangkitan Bangsa) unterstützen den neuen Gesetzentwurf.

Die konservativen Fraktionen der PKB sowie Vertreter der Gerechtigkeits- und Wohlstandspartei PKS (Partai Keadilan Sejahtera) befürchten hingegen, dass durch das Gesetz Promiskuität und Homosexualität gefördert würden. Verhaltensweisen, die den Konservativen zufolge entschieden abzulehnen sind. Die Gegner*innen des Gesetzes kritisieren, dass außerehelicher Verkehr moralisch ‚legitimiert‘ werde, weil er nicht als Vergehen gilt, solange er in gegenseitigem Einvernehmen stattfindet. Dagegen werde ein Ehemann kriminalisiert, wenn er gegen den Willen seiner Frau handelt.

Die Gleichheitsbestrebungen des Entwurfs werden von dessen Gegner*innen teilweise als ‚ausländische’ und ‚westliche’ Ideologie herabgewürdigt, die nicht mit indonesischen Werten kompatibel sei. Diese Argumentation lässt jedoch offen, was genau ‚indonesische Werte’ sind und ob ausgerechnet die Verteidiger*innen konservativer Positionen dazu berufen sind, diese Werte für die gesamte Gesellschaft zu vertreten.

Mängel in der bestehenden Gesetzgebung

Durch die COVID19-Pandemie hat sich das Problem häuslicher Gewalt verschärft, die Fallzahlen haben sich deutlich erhöht. Familien leben auf engem Raum zusammen und es kommt vermehrt zu Konflikten, die auch physische Dimensionen annehmen können. Die Nationale Kommission gegen Gewalt an Frauen (Komnas Perempuan), die eine führende Rolle bei der Ausarbeitung des Gesetzentwurfs spielte bezifferte bereits im Jahr 2019 die Zahl der Opfer auf 431,471. Das ist ein Anstieg von sechs Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Die höhere Zahl muss nicht ausschließlich auf einen Anstieg der Fälle zurückzuführen sein, sondern kann auch bedeuten, dass die Bereitschaft größer geworden ist, Meldung über Gewaltvorfälle zu erstatten. Dennoch kann weiterhin von einer hohen Dunkelziffer ausgegangen werden, da ein Großteil der Fälle noch immer nicht erfasst werden.

Die Bestrafung der Taten in Indonesien erfolgt derzeit nach einem Strafgesetz, das auf kolonialer Gesetzgebung beruht. Aktivist*innen kritisieren diese Gesetzgebung als unzureichend, um die Bedürfnisse nach Sicherheit und Freiheit zu schützen, welche Überlebende von sexueller Gewalt benötigen.

Eine erste Revision des alten Gesetzes erfolgte im September 2004 als letzte wichtige Amtshandlung der Regierung von Megawati Sukarnoputri. In dieser Überarbeitung wurden vier Formen von Gewalt gegen Frauen definiert: physische Gewalt, psychologische Gewalt, sexualisierte Gewalt einschließlich der Vergewaltigung in der Ehe sowie ökonomische Vernachlässigung. Diese Maßnahme wurde von Frauenorganisationen als Fortschritt zur Präzisierung der Problematik gewertet, da Gewalt gegen Familienmitglieder erstmalig als kriminelles Vergehen eingestuft wurde. Ebenso wurde Vergewaltigung in der Ehe explizit kriminalisiert. Doch diese Fortschritte reichten noch nicht aus. Bemängelt wird, dass in den über 15 Jahren, in denen das Gesetz in Kraft ist, die Taten weitgehend straffrei bleiben und es an effektiven staatlichen Mechanismen zum Opferschutz fehlt. Weiterhin gibt es bislang keine rechtliche Grundlage, um gravierende Belästigung anzuzeigen, da diese nicht ausdrücklich als illegal deklariert ist und somit meistens straffrei bleibt. Der soziokulturelle Hintergrund und die Alltagsrealität der meisten Indonesier*innen erfordert eine Verbesserung der Gesetzeslage.

Fortschritte im neuen Gesetzentwurf

Der neue Gesetzentwurf (RUU PKS) stuft häusliche Gewalt explizit als Menschenrechtsverletzung ein und bezieht sich detailliert auf deren Prävention und Bestrafung. Als erstes geht die Definition, was als ‚Haushalt‘ bezeichnet wird, über die derzeitige Gesetzeslage deutlich hinaus. Der Mann wird nicht mehr als Oberhaupt (kepala) der Familie gesehen, der mehr Rechte als alle anderen eines Haushalts hat, sondern ist anderen Blutsverwandten und auch Hausangestellten gleichgestellt. So werden Hausangestellte zusätzlich prophylaktisch vor Gewalt geschützt.

Weiterhin wurden die Möglichkeiten erweitert, zulässige Beweise einzubringen. Hierbei werden Opferaussagen, Stellungnahmen, psychologische Gutachten, elektronische Informationen sowie Berichte und Reports, welche die Glaubwürdigkeit des Opfers untermauern, als zusätzliche Beweismittel zugelassen.

Der Gesetzentwurf beinhaltet zudem eine umfangreiche strafrechtliche Ausarbeitung zu den Themen sexuelle Belästigung, sexuelle Ausbeutung, erzwungene Verhütung und erzwungene Abtreibung, Vergewaltigung, Zwangsheirat, Zwangsprostitution sowie sexueller Missbrauch und Versklavung.

Fehlende Maßnahmen zur besseren Umsetzung

Ob und wann das Gesetz letztendlich kommt, bleibt unklar. Aktueller Stand ist eine Verschiebung auf das Jahr 2021.

Aber nicht nur bei der Verabschiedung des Gesetzes gibt es Barrieren und Unklarheiten. Auch eine mögliche Umsetzung auf kommunaler und regionaler Ebene dürfte nicht leicht werden. Bei dieser sind vor allem Aufklärung und Informationen bezüglich der Gesetzeslage vonnöten. Die Wissenschaftlerin Balawyn Jones argumentiert, dass in der Denkweise vieler Indonesier*innen eine hierarchisch-patriarchalische Vorstellung von Familie verankert sei, in welcher der ‚Hausherr‘ die Erziehung der Familie übernimmt, gegebenenfalls auch mit physischer Gewalt. Diese Denkweise fördere Viktimisierungsprozesse (und victim blaming): Opfer schwiegen aus Scham darüber, dass sie nicht die ‚gültigen‘ Regeln befolgten. Dieser Sachverhalt sei auch eine weitere mögliche Erklärung für eine potenziell hohe Dunkelziffer. Vielen Menschen fehlten zuverlässige Informationen über die Gesetzeslage zu häuslicher Gewalt. Sie wüssten nicht, wie sie vorgehen können, um einen Vorfall anzuzeigen. Darüber hinaus würde häusliche Gewalt soziokulturell häufig als ‚Privatangelegenheit’ gesehen.

Aktivist*innen erachten es daher als dringend notwendig, dass das Bewusstsein der Zivilgesellschaft für solche Mechanismen erweitert wird und eine bessere Informationspolitik über die Rechtslage sowie eine Sensibilisierung für die Problematik stattfinden. Aufklärung über häusliche Gewalt sollte ausgeweitet werden, so dass die Menschen verstehen, welche Bedingungen und Prozesse diese Art der Gewalt konstituieren. Wenn es keine umfassenden Informationen über die Rechtslage gibt, kennen die Überlebenden ihre Rechte nicht und werden von ihrer lokalen Gemeinschaft weniger unterstützt, diese Rechte auch wahrzunehmen.

Zusammenfassend lässt sich sagen: Der Gesetzentwurf RUU PKS wird von säkularen und religiösen Frauen- und Nichtregierungsorganisationen als gelungener Entwurf und lange ersehnte Verbesserung des Gesetzes von 2004 gesehen. Sie fordern eine schnellstmögliche Verabschiedung und Implementierung dieser Gesetze auf lokaler und regionaler Ebene. Aufklärung und Bewusstsein zu schaffen, sollte Priorität haben, damit das Gesetz akzeptiert wird. Religiöse Vereinigungen können dabei bei religiösen Hardlinern wohl eher Überzeugungsarbeit leisten als säkulare Gruppen.

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3 | 2020, Interviews, Kambodscha,
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„Habt keine Angst, eure Träume zu verwirklichen!“

Deutschland/Thailand/Philippinen: Die feministische Frauen-Beratungsstelle Ban Ying (= Haus der Frauen) setzt sich in Berlin gegen Ausbeutung und Menschenhandel ein.

Ban Ying kommt aus dem Thailändischen und bedeutet Haus der Frauen. Der Verein Ban Ying wurde 1989 von Sozialarbeiter*innen und Mitarbeiter*innen von Berliner Gesundheitsämtern gegründet. Grund war die zunehmende Zahl an thailändischen Frauen, die dort in die Gesundheitsberatung kamen und von sexueller Ausbeutung betroffen waren. Damals gab es keinen Ort, wo sie vor Verfolgung durch Zuhälter*innen und Schlepper*innen sicher waren. Vor allem Frauen aus Thailand und den Philippinen waren anfangs die Zielgruppe des Vereins. Inzwischen berät Ban Ying Menschen aus wesentlich mehr Ländern.

Mit einer anonymen Zufluchtswohnung sowie einer Beratungs- und Koordinationsstelle setzt sich Ban Ying mit Beratung, Unterbringung, Netzwerk- und Öffentlichkeitsarbeit gegen Menschenhandel und für Migrant*innen ein, die von Ausbeutung, Gewalt und/oder Menschenhandel betroffen sind. Der Verein berät alle, die sich als Frau identifizieren.

Eine Zielgruppe von Ban Ying sind von Menschenhandel betroffene Frauen. Gibt es Menschenhandel überhaupt in Deutschland?

Ja, es gibt Menschenhandel in Deutschland, in anderen EU-Ländern, auf dem Weg nach Europa und im Herkunftsland. Es gibt immer mehr eine Schnittmenge von Geflüchteten, Asylsuchenden und Betroffenen von Menschenhandel in Deutschland und in anderen EU-Ländern. Unsere Zielgruppen sind speziell die Betroffenen von Menschenhandel zum Zweck der sexuellen und Arbeitsausbeutung.

Bei der Gründung von Ban Ying lag der Fokus auf der Unterstützung von thailändischen Frauen. Ist Südostasien heute noch euer Arbeitsschwerpunkt?

Ban Ying wurde vor über 30 Jahren als Organisation für thailändische Frauen gegründet, die als Sexarbeiter*innen ausgebeutete wurden oder von Heiratshandel betroffen waren; später auch Hausangestellte. Die zehn ersten Jahre lag der Fokus auf Südostasien und besonders auf Thailand und den Philippinen. Nach der Wende kamen ausgebeutete Frauen aus Osteuropa dazu, in den letzten Jahren mehr und mehr Frauen aus afrikanischen Ländern und dem Nahen Osten. Ein großer Teil unser Klient*innen kommt heute immer noch aus Thailand und den Philippinen. Das zeigt sich auch durch unseren beiden Sprach- und Kulturmittler*innen, die Thai und Philippinisch sprechen.

Was sind die primären Zielgruppen von Ban Ying?

Unser Fokus liegt auf Frauen, die von Menschenhandel im Bereich Sexarbeit betroffen sind, oder die als Hausangestellte oder in andere Arbeitsbereiche wie die Gastronomie oder im Pflegebereich ausgebeutet werden. Wir sind eine Frauenorganisation. Die Arbeitsbereiche sind sehr gegendert. Wenn wir mit Männer die Ausbeutung erfahren, arbeiten würden, hätten wir vermutlich mit anderen Arbeitsbereichen zu tun, wie beispielsweise Bau, Schlachthöfe oder Gastronomie.

Welche Strukturen und Motive stecken hinter Menschenhandel?

Menschenhandel mit dem Ziel der sexuellen und/oder Arbeitsausbeutung geschieht oft im Kontext von Migration. Es gibt unterschiedliche Gründe warum Menschen migrieren. Zum einen sind es wirtschaftliche Gründe, aber auch politische wie Verfolgung. Es gibt einen politischen Rahmen, der Menschenhandel begünstigt. Verschärfte Migrationspolitik trägt dazu bei, dass es Menschenhandel gibt.

Wie kann Menschenhandel bekämpft werden?

Es ist problematisch, dass bei der Bekämpfung von Menschenhandel der Fokus nur auf Täter*innen, deren Bestrafung und Ermittlung, liegt. Es ist natürlich sehr wichtig, dass Täter*innen strafrechtlich verfolgt werden. Sichere Migration nach Europa und bessere Aufenthaltsperspektiven in Europa wären jedoch wirksamer und nachhaltiger, um Menschenhandel zu bekämpfen.

Ban Ying eine politische Organisation. Was sind eure konkreten Forderungen an die Politik?

Aktuell können Betroffene von Menschenhandel einen temporären Aufenthaltstitel bekommen, wenn sie bereit sind in einem Verfahren gegen die Täter*innen auszusagen. Dass der Aufenthaltstitel von der Kooperationsbereitschaft mit den Strafverfolgungsbehörden abhängig ist, ist aus verschiedenen Gründen problematisch.

Zum einen ist das Aufenthaltsrecht auf die Ermittlungen und das eventuell sich anschließende Verfahren begrenzt. Danach gibt es keine Garantie auf einen langfristigen Aufenthalt. Sie können nach einem Verfahren in ihr Heimatland zurückgeschickt werden. Das trägt dazu bei, dass viele Betroffene sich nicht bei der Polizei melden, nicht aussagen wollen oder können. Für die Betroffenen ist es sehr riskant, auszusagen, weil sie sich dadurch auch in die Gefahr begeben, ich ihrem Heimatland der Rache der Täter*innen und deren Netzwerken auszusetzen. Es geht aber auch anders: In Italien ist es möglich einen legalen Aufenthaltstitel zu erhalten, auch wenn Betroffene sich dagegen entscheiden in einem Verfahren auszusagen. Aufenthalt und die Unterstützung für Betroffene sind dort also entkoppelt von der Bereitschaft auszusagen. Wir fordern, dass Betroffene von Menschenhandel unabhängig davon, ob sie aussagen können oder wollen, einen Aufenthalt und Unterstützung in Deutschland bekommen.

Falls der Aufenthaltsstatus weiterhin an die Aussage vor Gericht gekoppelt bleibt, fordern wir zumindest, dass Betroffene, die aussagen, eine langfristige Bleibeperspektive bekommen. Es gibt schon jetzt die Möglichkeit, nach einem Verfahren aus humanitären Gründen einen Aufenthalt zu beantragen. Aber das funktioniert nicht immer.

Außerdem haben Betroffene von Menschenhandel eigentlich ein Recht auf eine Bedenk- und Stabilisierungszeit, um zu überlegen, ob sie überhaupt aussagen wollen oder können. Wir fordern, dass diese Bedenk- und Stabilisierungszeit besser umgesetzt wird.

Euer Ansatz ist die feministische Anti-Menschenhandelsarbeit. Was heißt das?

Wir sind auf der Seite der Betroffenen, wie auch immer sie sich entscheiden. Wir wollen keine herablassende und paternalistische Haltung in der Beratung, indem wir eine Person davon überzeugen, einen bestimmten Weg zu nehmen. In manchen Situationen müssen wir die Entscheidung der Frau akzeptieren. Wir nehmen ihre Entscheidung ernst und versuchen, sie nicht von etwas zu überzeugen.

Menschenhandel betrifft vor allem Frauen und Mädchen. Feministische Anti-Menschenhandelsarbeit bedeutet deshalb auch, dass wir Menschenhandel als Ergebnis von ungerechten und patriarchalischen Strukturen betrachten und bekämpfen in dem wir zusätzlich zu Beratung auch Öffentlichkeits- und Advocacy-Arbeit betreiben.

Kannst du das an konkreten Beispielen erklären?

Es gibt in Deutschland aber auch weltweit Hausangestellte, die unter schlimmen Bedingungen in Diplomatenhaushalten arbeiten. Hausangestellte von Diplomat*innen haben aufgrund der Immunität ihrer Arbeitgeber*innen kein Zugang zum Recht.

Trotzdem gab Situationen in denen Arbeitgeber*innen – wenn sie erfahren, dass ihre Mitarbeiter*innen bei uns in der Beratung sind – sich unter Druck fühlen und neue, fairere Arbeitsbedingungen anbieten. Diese neuen Bedingungen sind zwar besser, aber weiterhin ausbeuterisch. Es gibt Hausangestellte, die sich in dieser Situation trotzdem dafür entscheiden, dort weiter zu arbeiten. Das respektieren wir.

Ein weiteres Beispiel ist Ban Yings Einstellung gegenüber Sexarbeit. Es gibt Klient*innen die nie in der Sexindustrie arbeiten wollten und in Deutschland ausgebeutet wurden. Wir haben aber auch Klient*innen, die in ihren Heimatland Sexarbeiter*innen waren, hier in der Sexindustrie ausgebeutet wurden, gegen ihre Täter*innen in einen Prozess aussagen und weiterhin als selbständige Sexarbeiter*innen tätig sind. Viele Organisationen, die im Bereich Anti-Menschenhandel tätig sind, sind grundsätzlich gegen Sexarbeit. Bei Ban Ying setzen wir uns gegen sexuelle Ausbeutung, aber nicht gegen Sexarbeit ein. Es ist anti-feministisch, zu versuchen die Frauen zu überzeugen, nicht mehr als Sexarbeiter*innen tätig zu sein. Wir respektieren die Entscheidungen unserer Klient*innen und unterstützen sie.

Neben Menschenhandel habt ihr noch weitere Beratungsfelder. Worum geht es da konkret?

Eine weitere Zielgruppe sind Frauen, die nicht von Menschenhandel aber von anderen Formen von Gewalt betroffen sind. Zum Beispiel Frauen die häusliche Gewalt erfahren und deren Aufenthalt von der Ehe zu ihrem deutschen Mann abhängig ist. Wenn es Kinder in der Beziehung gibt, ist das Sorgerecht ein häufiges Thema. Frauen stehen nach der Trennung oft finanziell schlechter als ihre Ex-Männer da und können sich im Sorgerechtsstreit durch die Sprachbarriere nicht gut verteidigen. Wir beobachten, dass Frauen gegenüber ihren deutschen (Ex-)Männern sehr oft das Sorgerecht verlieren.

Gibt es Beispiele in euerer Arbeit, wie sich Migrant*innen zusammenfinden und unterstützen?

Es gibt ein breites Diasporaspektrum in unserer Arbeit. So gibt es Communities die besser vernetzt sind als andere. Die philippinische Community ist zum Beispiel sehr gut vernetzt. Es gibt auch Einzelkämpfer*innen, aber der Großteil unserer Klient*innen kommt durch ‚Mund-zu-Mund-Propaganda’ über ihre Communities zu uns.

Unsere Sprach- und Kulturmittler*innen für Thai und Philippinisch organisieren normalerweise regelmäßige Veranstaltungen mit den Frauen. Zum Teil, um die Frauen über ihre Rechte zu informieren, aber auch zu gemeinsamen Freizeitveranstaltungen, wie zusammen kochen, Museumsbesuche oder Boot fahren auf der Spree. Dadurch entwickelt sich auch eine Community innerhalb unseres Netzwerks. Sie machen das eigentlich einmal im Monat, aber wegen Corona pausiert derzeit das Angebot.

Welchen Einfluss hat die Corona-Pandemie noch auf eure Arbeit?

Unsere Arbeit wird sehr von der Pandemie erschwert. Wir machen weiterhin Beratungen vor Ort unter Sicherheitsauflagen. Die vor-Ort Beratung mussten wir aber stark beschränken. Wir machen jetzt mehr Online- und Telefon-Beratung. Das ist komplizierter und verlangsamt unsere Arbeit, weil es sehr viele Barrieren gibt. Sprachbarrieren sind größer und auch die Zusammenarbeit mit Behörden ist schwerer geworden. Alles verlangsamt sich.

Und welchen Einfluss hat die Pandemie auf die Migrant*innen, die ihr beratet?

Viele unserer Klient*innen, insbesondere Sexarbeiter*innen, konnten sehr lange nicht arbeiten. Das hat ihre Situation noch prekärer gemacht als vor der Pandemie.

Bei den diplomatischen Hausangestellten haben wir eine sehr besorgniserregende Beobachtung gemacht. Dieses Jahr sind sehr viel weniger Hausangestellte zu uns gekommen. Wir glauben nicht, dass ihre Arbeitsbedingungen sich verbessert haben, sondern dass die Hausangestellten noch isolierter sind und uns weniger erreichen können.

Portraitserie ME IN THE MIDST OF CHANGING TIMES AND SOCIETIES von Krisanta Caguioa-Mönnich 2019 © Krisanta Caguioa-Mönnich mit Zitaten der portraitierten Frauen:

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3 | 2020, Interviews, Kambodscha,
Autor*in:

„Habt keine Angst, eure Träume zu verwirklichen!“

Laos: Die Covid-19-Krise gefährdet die Lebensgrundlagen von Wanderarbeiter*innen in ganz Südostasien. Fast jede*r zehnte laotische Arbeiter*in ist zugleich Migrant*in, die meisten in Thailand. Basierend auf Interviews beleuchtet dieser Artikel deren Situation und die Rolle von Hilfsprogrammen.

Während Laos zu den Ländern mit den wenigsten registrierten Covid-19-Infektionen weltweit gehört (Stand Januar 2021), steht die Bevölkerung aufgrund der Pandemie dennoch vor erheblichen wirtschaftlichen und sozialen Herausforderungen. Laotische Wanderarbeiter*innen sind von dieser beispiellosen Krise besonders betroffen. Da sie zumeist in der informellen Wirtschaft arbeiten, das heißt ohne durch ausreichende formelle Vereinbarungen abgesichert zu sein, verlieren sie mit größerer Wahrscheinlichkeit ihre Lebensgrundlagen. Zudem sind Frauen oft zusätzlichen und sich überschneidenden Benachteiligungen ausgesetzt. Dies geschieht aufgrund von Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern sowie sozialer Diskriminierung und Stigmatisierungen, die in ihren Haushalten, Gemeinschaften und der Gesellschaft verwurzelt sind.

Von Migrant*innen zu Rückkehrer*innen

Die laotische Regierung führte von Ende März bis Anfang Juni 2020 einen Covid-19-Lockdown durch. Auch danach blieb der Personenverkehr über die Landesgrenzen weiterhin eingeschränkt. Fast jede*r zehnte laotische Arbeiter*in ist zugleich auch Migrant*in, die meisten in Thailand. Für den Zeitraum zwischen März und Juni 2020 schätzte die Regierung, dass rund 80.000 laotische Wanderarbeiter*innen aus Thailand zurückkehrten. Bis September 2020 wurden insgesamt mehr als 200.000 Rückkehrer*innen gemeldet.

Zwischen Ende September und Anfang November 2020 führte ein Konsortium unter der Führung von Oxfam im Rahmen einer größeren Umfrage unter ländlichen Gemeinden in neun Provinzen quantitative Interviews mit 405 Wanderarbeiterinnen in der informellen Wirtschaft durch. Die meisten der Befragten waren zwischen 18 und 35 Jahre alt (82%) und hatten die Sekundarschule nicht abgeschlossen (86%). Alle stammten entweder aus einem ländlichen Dorf (83%) oder einer ländlichen Distriktstadt (17%), hatten aber vor dem Lockdown in Thailand gelebt. Diese demografischen Daten spiegeln die Ergebnisse anderer aktueller Umfragen wider, in denen laotische Wanderarbeiter*innen als überwiegend jung, gering qualifiziert und aus ländlichen Gebieten stammend identifiziert wurden.

Lebensgrundlagen, familiäre Bindungen und Sicherheit während der Krise

In den Monaten vor März 2020 waren die meisten der befragten Frauen Arbeitnehmerinnen in Unternehmen (54%), Angestellte in Privathaushalten (13%) oder selbstständige Arbeiterinnen (12%). Zwei Drittel hatten im Dienstleistungssektor in Thailand gearbeitet (zum Beispiel Tourismus, Gastgewerbe und Hausarbeit), wo die Wirtschaftstätigkeit aufgrund der Krise stärker zurückging als in der Industrie oder in der Landwirtschaft. Nach ihrer Rückreise von Thailand nach Laos während des Lockdowns blieben die meisten der Frauen in ihrem Herkunftshaushalt (71%) sowie bei Verwandten oder Freunden (13%).

Bis September 2020 waren die Anteile der oben genannten Arbeiterinnen gesunken (auf 7%, 3% und 2%), während der Anteil der Frauen ohne bezahlte Arbeit gestiegen war (von 3% auf 53%). Betrachtet man die Befragten als eine Gruppe, so sank ihr durchschnittliches monatliches Einkommen deutlich von 260 auf 50 US-Dollar (oder um etwa 80%). Gleichzeitig stellte in vielen Fällen ihre Arbeit eine Haupteinnahmequelle für ihre Haushalte in Laos dar (zum Beispiel durch Geldüberweisungen von Thailand).

Ähnlich wie der Anteil der Frauen ohne Arbeitsplatz war auch der Anteil der beitragenden Familienarbeiter unter den befragten Frauen gestiegen (von 3% auf 21%), also derjenigen, die ihre Familien in der Subsistenz-orientierten Kleinbauernwirtschaft unterstützen. Darüber hinaus gaben rund zwei Drittel der Befragten an, dass sie sich um die meisten – unbezahlten –Hausarbeiten kümmern und dass der Lockdown insbesondere für sie den Umfang dieser Art von Arbeit erhöht hat. Daher scheint es, dass die oft diskutierte Doppelbelastung durch Lohnarbeit und Haushalt von Frauen durch Covid-19 für viele der Rückkehrerinnen noch verschärft wurde.

Ein Drittel der befragten Frauen gab an, während des Lockdowns Situationen erlebt zu haben, in denen sie sich diskriminiert oder stigmatisiert fühlten. Diese Frauen erwähnten meistens Gemeindemitglieder (88%) und Familienmitglieder oder Verwandte (31%) als verantwortlich. Fälle von physischer und psychischer Gewalt gegen Frauen sind nach Angaben der Frauen mit verschiedenen Problemen verbunden, zum Beispiel, dass sie als Migrantinnen zurückkehren, sie kein Geld für ihre Familien mehr senden können oder dass sie sich – zurück an ihrem Herkunftsort – öfter in unmittelbarer Nähe von Tätern befinden. Ein Drittel der Befragten gab außerdem an, sich während ihrer Rückreise mindestens einmal unsicher gefühlt zu haben – eine weit verbreitete Erfahrung für südostasiatische Wanderarbeiterinnen.

Krisenbewältigung und Zukunftsaussichten

Rund die Hälfte der Befragten gab an, dass sie und ihre Haushalte versuchen, während des Lockdowns weniger Geld auszugeben. Rund zwei Drittel berichteten, dass sie und ihre Haushalte sich zunehmend auf Selbstversorgung verlassen – mittels Landwirtschaft, Jagen und Sammeln. Es scheint, dass viele der Frauen in der Lage waren, den Mangel an finanziellen Ressourcen ihrer Haushalte zumindest teilweise durch diese Subsistenz-Aktivitäten zu kompensieren. Ein Drittel der Befragten gab jedoch an, dass sie während des Lockdowns durchschnittlich vier Tage lang keine Lebensmittel mehr in ihren Haushalten hatten, was sie hauptsächlich auf Geldmangel zurückzuführten.

Zwei Drittel der befragten Frauen waren zuversichtlich, dass ihre Haushalte mit der aktuellen Situation fertig werden könnten, während ein Drittel entweder nicht zuversichtlich oder nicht sicher war. Jedoch waren fast alle Frauen (98%) besorgt, nicht genügend Einkommen verdienen zu können, falls eine Krise wie die Covid-19-Pandemie erneut auftritt. Diese Antworten bestätigen die Annahme dass laotische Wanderarbeiter*innen die negativen Auswirkungen einer anhaltenden Krise wahrscheinlich nur schwer bewältigen können.

Nur etwa die Hälfte der Befragten wusste, wo sie Hilfe suchen sollten, wenn ein Freund oder Nachbar von Gewalt betroffen sein sollte. Dies ist wahrscheinlich auf ihre geringe Vertrautheit mit sozialen Diensten, die unzureichende Bewusstseinsbildung der Anbieter*innen und die geringe Verfügbarkeit der Dienste zurückzuführen. Vor dem Hintergrund, dass die Krise die Fälle von physischer und psychischer Gewalt verschärft, ist dies alarmierend.

Hätten sie die Wahl zwischen einer erneuten Migration nach Thailand oder einem Aufenthalt in Laos würde sich etwa die Hälfte der befragten Frauen erneut für Thailand entscheiden, während die anderen Laos bevorzugten (26%) oder unentschlossen waren (19%). Obwohl dies darauf hinweisen könnte, dass sowohl die Arbeit in Thailand sowie die Geldüberweisungen an ihre Familien in Laos für die Mehrheit der Frauen weiterhin von großer Bedeutung sind, kann die Krise grundlegende Veränderungen in ihrer Selbstwahrnehmung als Migrantinnen hervorrufen – gerade in Bezug auf ihre Herausforderungen und Chancen – und somit ihre Aussichten auf künftige Lebensgrundlagen neu konfigurieren.

Auf der Suche nach Sicherheitsnetzen

Fast alle befragten Frauen gaben an, weder für eine Arbeitslosenversicherung (95%) noch für eine Krankenversicherung (96%) registriert zu sein. Die übrigen Frauen wussten nicht, ob sie registriert sind oder nicht. Es ist also anzunehmen, dass wahrscheinlich keine der Befragten eine formelle Versicherung besitzt. Die laotische Regierung hat in den letzten Jahren begonnen, sich auf verschiedene Aspekte des sozialen Schutzes von Migrant*innen zu konzentrieren, vor allem auf gezielte Informationsdienste für potentielle Migrant*innen und koordinierte Unterstützung und Verwaltung von Migrant*innen im Ausland. Zudem wurde ein freiwilliges Beitragssystem für informelle Arbeiter*innen eingeführt, die im Jahr 2017 83% der Erwerbsbevölkerung ausmachten. Bisher hat sich jedoch nur eine Minderheit für dieses System registriert. Ein Grund hierfür scheint vor allem die noch immer sehr starke Orientierung der laotischen Bevölkerung an familiären Sicherheitsnetzen zu sein. Zudem scheint die Regierung das freiwillige Beitragssystem noch nicht breit genug in der Bevölkerung zu bewerben.

Hilfsprogramme in Form von kostenloser Gesundheitsversorgung (92%) und Geldtransfers (90%) wurden von fast allen Befragten als am besten geeignet für ihre Unterstützungsbedürfnisse während der Krise identifiziert. Dies scheint zu bestätigen, dass sich der Unterstützungsbedarf der Frauen auf ihre finanziellen Engpässe konzentriert. Viele von ihnen bewerteten jedoch auch gezielte Unterstützungsdienste für Migrant*innen (82%) und Frauen (80%) als wichtig. Darunter fallen die zuvor genannten Aspekte des sozialen Schutzes von Migrant*innen – einschließlich der Migrant Resource Centers, die bereits in mehreren Provinzen von der laotischen Regierung etabliert wurden, um Informations- und Beratungsdienste bereitzustellen.

Solidarität statt Wohltätigkeit

Die laotische Regierung zeigt sich ambitioniert, die ASEAN Declaration on Strengthening Social Protection in Laos umzusetzen, die eine gezielte und umfassende Unterstützung für Migranten*innen, informelle Arbeiter*innen sowie Frauen im Allgemeinen umfasst. Zu den Zielen der National Social Protection Strategy der Regierung für 2025 gehört eine universelle Krankenversicherung, die nicht nur alle informellen Arbeiter*innen, sondern auch alle Migrant*innen umfasst.

Wichtig ist dabei, sich auf Sozialhilfe (also beitragsunabhängig) und nicht auf Sozialversicherung (beitragsabhängig) zu konzentrieren, was die laotische Regierung und einige ihrer Entwicklungspartner (vor allem die Vereinten Nationen) bereits vor der Pandemie planten und nun weiter ausbauen. Dazu gehört auch Oxfams Social Protection Programm in Laos, das auf der Vorstellung basiert, dass es bei Sozialschutz nicht um Wohltätigkeit für bedürftige Menschen geht, sondern um Solidarität innerhalb der ganzen Gesellschaft.

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