4 | 2019, Osttimor, Rezensionen, Timor-Leste,
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Ein innerer Kampf

Timor-Leste Beatriz's War

Die ostimoresische Schauspielerin und Drehbuchautorin Irim Tolentino in der Hauptrolle als Beatriz © Dili Film Works

Timor-Leste: Viele Mitglieder der Filmcrew von „Beatriz’s War“ haben die Zeit der indonesischen Besatzung erlebt und ihre Erfahrungen in den Film eingebracht. Dieser erzählt von der Zeit des Widerstandes aus der Perspektive der Frauen.

Beatriz stolpert durch einen Haufen von Leichen, auf der Suche nach ihrem Ehemann. Dies ist eine der Schlüsselszenen in „Beatriz’s War“, dem ersten Spielfilm aus dem jungen Timor-Leste. Der Film erzählt die Liebesgeschichte von Beatriz und Tomas, die in der Zeit des osttimoresischen Widerstandskampfes gegen die indonesischen Besatzer spielt.

Beatriz beginnt zu kämpfen

Der Film beginnt im Jahr 1975, als indonesische Truppen in Osttimor einmarschierten, nachdem das Land seine Unabhängigkeit von Portugal erklärt hatte. Beatriz flieht als Kind mit ihrer Mutter aus ihrem Dorf in ein Versteck der Widerstandsbewegung in den Bergen. Im Alter von elf Jahren wird Beatriz dort mit dem gleichaltrigen, schwächlichen Jungen Tomas verheiratet. Die beiden wachsen auf in einer Zeit, die geprägt ist von Flucht, Hunger und Tod. Die junge Beatriz wird zur aktiven Widerstandskämpferin. Während eines Waffenstillstandes 1983 ergibt sie sich – müde und hochschwanger – den Besatzern. Sie wird mit ihren Mitstreitern in das Dorf Kraras umgesiedelt.

Kurz nach der Geburt von Beatriz‘ und Tomas‘ Sohn richten die Besatzer in Kraras ein Massaker an und erschießen nahezu alle männlichen Bewohner des Dorfes. Beatriz wird aus einem entfernten Versteck Zeugin der Gräueltat, kann aber ihren Ehemann unter den Toten nirgends finden. Bald ist Beatriz die einzige unter den überlebenden Frauen in Kraras, die die Hoffnung noch nicht aufgegeben hat, dass Tomas noch am Leben ist.

Beatriz wird zur Anführerin der Frauen. Um zu überleben, hält sie Tomas‘ Schwester Teresa dazu an, die Frau des indonesischen Captain Sumitro zu werden, der das Dorf in seiner Gewalt hat.

Filmtrailer: „Beatriz’s War“

Der verschollene Mann kehrt zurück

Sechzehn Jahre später taucht Tomas plötzlich wieder auf. Aus dem zurückhaltenden Jungen, der der tapferen Beatriz früher nie Schutz bieten konnte, ist ein kräftiger Mann geworden. Doch schon bald überkommen Beatriz Zweifel: Ist dieser Mann, zu dem sie sich von Tag zu Tag mehr hingezogen fühlt, wirklich ‚ihr Tomas’ oder ein Betrüger?

Der Plot dieser fiktiven Liebesgeschichte ist dem französischen Spielfilm Die Wiederkehr des Martin Guerre entliehen, der wiederum auf einer wahren Begebenheit beruht. Martin Guerre war ein französische Bauer, der im 16. Jahrhundert spurlos verschwand, bis sich viele Jahre später ein Mann, der sich als der vermisste Guerre ausgab, seinen Platz im Leben der Ehefrau und des Umfeldes für sich beanspruchte.

Die Geschichte ist eingebettet in einen Hintergrund historischer Fakten. Sie spielt während der 24 Jahre dauernden indonesischen Besatzung bis zum 1999 von den Vereinten Nationen durchgeführten Referendum, bei dem die Mehrheit der Bevölkerung für die Unabhängigkeit Timor-Lestes stimmte.

Das Leid der Frauen

Der Film beschäftigt sich mit der Rolle der Frauen im Widerstand – ein Thema mit weltweiten Parallelen – das das heutige Timor-Leste im Zuge seiner Vergangenheitsbewältigung und Geschichtsaufarbeitung direkt betrifft. Deutlich wird dies im Film unter anderem in der Szene, als der zurück gekehrte Tomas seine Schwester Teresa eine „Verräterin“ nennt, als er von ihrer Ehe mit dem indonesischen Unterdrücker erfährt.

In der Realität gibt es sie, die osttimoresischen Frauen, deren Männer tot oder untergetaucht waren und die gezwungen wurden, ihre indonesischen Vergewaltiger zu heiraten. Diese Frauen werden auch heute noch von ihrem sozialen Umfeld geächtet und ausgegrenzt. Der Film leistet einen Beitrag zur Aufarbeitung der Situation dieser Frauen und zur Solidarität mit ihnen.

Prominent erwähnt wird im Film auch die Untätigkeit Australiens und der USA im Wissen über die indonesische Invasion. [Indonesiens Truppen hatten mit stillschweigendem Einverständnis der westlichen Welt die ehemalige portugiesische Kolonie Osttimor besetzt. Vor allem die USA und Australien sahen in Osttimor einen möglichen, potentiell kommunistischen Unruheherd, ein ‚zweites Kuba’, Anm. d. Red.]

Timor-Leste Beatriz's War

Der Film thematisiert die Rolle der Frauen in Krieg, Unterdrückung und Widerstand © Dili Film Works

Zeitzeugen als Statisten

Das Dorf Kraras ist ein echter Schauplatz, in dessen Umgebung indonesische Soldaten tatsächlich Morde an Zivilisten verübten. Bei vielen der Statisten, die in der Massakerszene zum Einsatz kommen, handelt es sich um Überlebende aus Kraras, die ihre Erinnerungen an das Massaker in den Film einbrachten. Dazu gehört auch das Detail, dass die Indonesier die zusammengetriebenen Osttimoresen vor der Erschießung zwangen, die verbotene Hymne des Widerstandes, Foho Ramelau, zu singen. Dies wurde dann als Vorwand genutzt, um das Feuer zu eröffnen. Insgesamt wird von mehr als zweihundert ermordeten Osttimoresen in Kraras berichtet.

Viele Mitglieder des größtenteils osttimoresischen Filmteams haben die Zeit der indonesischen Besatzung noch selbst miterlebt, wie etwa der frühere Falantil-Widerstandskämpfer Funu Lakan (im Film in der Rolle des Celestino dos Anjo, der kurz nach dem Kraras-Massaker ermordet wird). Regie führten die Osttimoresin Bety Reis, die 16 Jahre alt war, als ihr Land sich per Referendum für die Unabhängigkeit entschied, und der australische Filmemacher Luigi Acquisito, der mehrere Dokumentarfilme über Timor-Leste produzierte. Das Drehbuch schrieb die osttimoresische Hauptdarstellerin Irim Tolentino, die im Film die erwachsene Beatriz spielt, gemeinsam mit Acquisito.

Tolentino und weitere Darsteller in „Beatriz’s War“ hatten schon in dem australischen Spielfilm Balibo (2009) mitgewirkt. Er erzählt die Geschichte von fünf australischen TV-Journalisten, die im Zuge der indonesischen Invasion in Timor-Leste ermordet wurden. „Balibo“ gilt als der erste Spielfilm, der in Timor-Leste gedreht wurde. [In Indonesien wurde „Balibo“ von der Zensurbehörde verboten, da er angeblich den Beziehungen zu Timor Leste und Australien schaden könne, Anm. d. Red.]

Von Osttimoresen erzählt

„Die timoresischen Politiker sagten ihrem Volk, sie sollen vergeben, sich versöhnen und sich ein neues Leben aufbauen“, schreiben die Produzenten des Films. „Beatriz beschließt zwar, ein neues Leben aufzubauen, verweigert jedoch die Vergebung der Verbrechen gegen sie und ihr Volk. Sie will Gerechtigkeit und dies ist die Dialektik, mit der das heutige Osttimor konfrontiert ist.“

Beatriz’s War ist ein wichtiger Film, weil darin die Geschichte Timor-Lestes von Osttimoresen selbst erzählt wird: kritisch und zuweilen auch selbstkritisch. Eine international viel zu wenig beachtete Geschichte aus einer oft vergessenen Perspektive.

Der Film lief im Rahmen der Filmreihe „Südostasien auf der Leinwand“, veranstaltet von Stiftung Asienhaus, Deutsch-Indonesischen Gesellschaft,  philippinenbüro im Asienhaus und dem Allerweltskino in Köln.

Rezension zu: Beatriz’s War (A Guerra da Beatriz), Luigi Acquisto, Bety Reis, Timor-Leste 2013, 105 min

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  • Die Journalistin Anemi Wick arbeitete von 2020 bis Anfang 2026 als von AGIAMONDO vermittelte Fachkraft in Timor-Leste, wo sie im Rahmen des Zivilen Friedensdienstes das Produktionsteam der timoresischen Medienorganisation Casa de Produção Audiovisual (CPA) unterstützt und beraten hat.

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4 | 2019, Osttimor, Rezensionen, Timor-Leste,
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Ein innerer Kampf

Indonesien: Seit Beginn der Reformasi-Ära 1998 sind Frauen im indonesischen Literaturbetrieb auf dem Vormarsch. Die Anthologie ‚Indonesian Women Writers’ bietet einen faszinierenden Einblick in Werke, Leben und Denken einiger indonesischer Schriftstellerinnen.

Mit Kurzgeschichten, Interviews und Auszügen aus Romanen stellt dieser Band neun Autorinnen eingehend vor. Eine von ihnen ist Intan Paramaditha. Kritiker*innen beschreiben ihre Kurzgeschichte Spinner of Darkness unter anderem als Horror mit feministischem Twist. Anhand der Figur eines weiblichen Geistes beschäftigt sich die Geschichte mit der idealisierten, sich selbst aufopfernden Mutterfigur, die in der indonesischen Kultur weit verbreitet ist, und wirft dabei elementare Fragen von Schein und Realität auf.

Ein Auszug des indonesischen Romans Tempurung der international bekannten Autorin Oka Rusmini besticht durch seine Dialogstärke und skizziert kritisch denkende Frauen. Eine davon ist die beste Freundin der Ich-Erzählerin, die provokant nachhakt, warum Frauen einen vergleichsweise hohen Preis für die Liebe zahlen, obwohl sie dafür ihren Körper und den Respekt vor sich selbst aufzugeben scheinen.

Die Zusammenstellung von Kurzgeschichten verschiedener Autorinnen zeigt zudem die Vielfalt der literarischen Ausdrucksformen und erweckt Lust auf mehr.

Bemerkenswerte Interviews

Eine besondere Stärke der Sammlung liegt in den Interviews. Darin beantworten die Autorinnen Fragen wie: Welche Themen beschäftigen sie? Warum schreiben sie? Wie sehen sie sich selbst und ihre Position als Schriftstellerin innerhalb der Gesellschaft? Wie sehen sie die Stellung der Frauen in Indonesien und den gesellschaftlichem Wandel?

Ayu Utami zum Beispiel erläutert ihre persönliche Gratwanderung beim Erkunden neuer Pfade, auf denen sie versucht, sich von ihrer Religion und dem kritischen Denken gleichermaßen leiten zu lassen. Dass Sexismus auch innerhalb des Literaturbetriebs eine prominente Rolle spielt, verdeutlicht Djenar Maesa Ayu, die von persönlichen Diskriminierungserfahrungen als Schriftstellerin erzählt.

Persönlich wirken auch die feministischen Zugänge von Intan Paramaditha: in ihren fiktiven sowie auch in den wissenschaftlichen Texten interessiert sie sich vor allem für die Überschneidungen von Gender, Sexualität, Kultur und Politik.

Nähe durch persönliche Erfahrungen

Während Intan Paramaditha am liebsten am Morgen schreibt, braucht die Autorin Oka Rusmini weder Ruhe noch eine bestimmte Atmosphäre, um kreativ zu sein. Schreiben sei für sie eine Aktivität mit therapeutischem Effekt auf die eigene Psyche, erzählt sie im Interview. Die offenen Antworten auf die teils sehr intimen Fragen bringen den Leser*innen diese Frauen näher. Ihre Auskünfte zu den Geschichten im Band entführen die Leser*innen selbst hinter die Kulissen ebendieser.

Die wissenschaftlichen Essays ergänzen all diese Eindrücke außerdem noch um eine breitere gesellschaftliche Einordnung des Phänomens und ermöglichen auch Fachfremden einen fundierten Einstieg in das Thema.

Der Band macht deutlich: Indonesische Schriftstellerinnen stellen Frauenfiguren mutig in den Mittelpunkt ihrer Geschichten und nutzen das Schreiben als feministische Praxis. Dabei sind sie nicht selten selbst Pionierinnen, die Themen wie Sexualität, Religion und Geschlechterbeziehungen kritisch und intersektional denken.

Rezension zu: Yvonne Michalik und Melani Budianta (Hg.): Indonesian Women Writers. regiospectra Verlag, Berlin 2015, 267 S., 24,90€.

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  • Die Journalistin Anemi Wick arbeitete von 2020 bis Anfang 2026 als von AGIAMONDO vermittelte Fachkraft in Timor-Leste, wo sie im Rahmen des Zivilen Friedensdienstes das Produktionsteam der timoresischen Medienorganisation Casa de Produção Audiovisual (CPA) unterstützt und beraten hat.

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4 | 2019, Osttimor, Rezensionen, Timor-Leste,
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Ein innerer Kampf

Südostasien/Kambodscha: Insbesondere auf dem Land stellt Wasserversorgung für viele Menschen eine tägliche Herausforderung dar. Aufgrund von gesellschaftlichen Rollenbildern und Pflichten betrifft dies Frauen am meisten.

Zunehmender Wasserverbrauch setzt die Menschen unter Druck

Weltweit haben über zwei Milliarden Menschen keinen sicheren Zugang zu Trinkwasser. 160 Millionen dieser Menschen leben in Ost- und Südostasien (Stand: 2017). Obwohl Südostasien in den letzten 20 Jahren große Fortschritte bei der Wasserversorgung der Bevölkerung gemacht hat, liegt die Sterberate aufgrund von unzureichender Wasserhygiene je 100.000 Haushalten immer noch zwischen 0,1 in Singapur und 13,9 in Laos. Ländliche Regionen sind generell schlechter versorgt als Städte. Aufgrund der schlechten Datenlage zur Wasserversorgung gibt es jedoch nur wenige länderspezifische, detaillierte Angaben in der Region.

Dabei ist Wasser ein international und explizit auch von den ASEAN-Staaten anerkanntes Menschenrecht. Der UN-Sozialausschuss sowie der UN-Frauenrechtsausschuss haben wiederholt auf den unzureichenden Zugang zu Wasser von Frauen im ländlichen Raum Südostasiens hingewiesen und den Staaten dazu Empfehlungen ausgesprochen. So hat der UN-Sozialausschuss Vietnam aufgefordert, mehr Mittel für die Bereitstellung von Trinkwasser insbesondere in ländlichen Regionen bereitzustellen und darauf zu achten, dass die Kosten für die Bevölkerung erschwinglich sind.

Gegenüber den Philippinen hat der UN-Frauenrechtsausschuss seine Besorgnis darüber ausgedrückt, dass Frauen in ländlichen Regionen als Folge von Diskriminierungen überdurchschnittlich von Wasserunsicherheit betroffen sind. Ähnlich kritisiert der Ausschuss auch Osttimor dafür, dass Frauen im ländlichen Raum zum Teil überhaupt keinen Zugang zu sauberem Wasser haben.

Frauen sind für Wasserversorgung zuständig

In Südostasien sind vor allem Frauen für die Haushaltsarbeit und die Wasserversorgung ihrer Haushalte zuständig. Es ist Teil der unentgeltlichen Fürsorgearbeit, die gemäß der gesellschaftlichen Rollenzuschreibungen von ihnen erwartet wird. So verbringen Frauen in Kambodscha im Durchschnitt 12,5 Prozent ihrer Zeit mit unbezahlter Haushaltsarbeit, Männer nur 1.3 Prozent. In Laos ist das Verhältnis 10,4 zu 2,5 Prozent. Die Asia Foundation berichtet, dass Frauen in den ärmsten Staaten des asiatisch-pazifischen Raums täglich bis zu sechs Stunden allein zum Wasserholen aufbringen müssen. Sie legen dabei Entfernungen bis zu sechs Kilometern zurück.

Frauen nutzen Wasser im Haushalt am intensivsten, da es für fast alle Haushaltstätigkeiten benötigt wird. Dies gilt in besonderem Maße für indigene Frauen, die darüber hinaus eine spirituelle Beziehung zu Wasser haben. Sie sind sogar für die Auswahl von Trinkwasser aus natürlichen Wasservorkommen zuständig und lernen dazu von Kindheit an, die Qualität von Wasser zu unterscheiden.

Obwohl die südostasiatischen Staaten in den letzten 20 Jahren die Wasserversorgung ihrer Bevölkerung insgesamt verbessert haben, gibt es lokal auch gegenläufige Entwicklungen. Zum einen hat sich der Wasserverbrauch erhöht, so dass inzwischen fast alle Länder Südostasiens unter Wasserstress leiden, das heißt mehr Wasser entnehmen als den natürlichen Vorkommen wieder zugeführt wird. Bevölkerungsdruck, Klimaveränderungen und bewässerungsintensive Agrarwirtschaft werden diesen Stress weiter erhöhen.

Dies wirkt sich unmittelbar auf die Wasserversorgung der Haushalte aus sowie auf die kleinbäuerliche Landwirtschaft. Frauen sind davon in doppelter Hinsicht betroffen, da 60 Prozent von ihnen in Südostasien in der Landwirtschaft und der Nahrungsmittelproduktion arbeiten. Aber nur 10 Prozent von ihnen gehört das Land, das sie bearbeiten. Sie profitieren daher nicht von Regierungsprogrammen, mit denen zum Beispiel die Einführung neuer, dürreresistenter Sorten gefördert werden.

Großprojekte graben den Menschen das Wasser ab

Große Investitionsprojekte in ländlichen Regionen führen häufig dazu, dass Menschen ihren Zugang zu Wasser verlieren. Die Staaten verletzen ihre menschenrechtlichen Pflicht, den Zugang zu Wasser zu respektieren und vor Eingriffen Dritter zu schützen. Stattdessen werden Menschen von ihrem Land und ihrem Zugang zu Wasser vertrieben.

Frauen tragen die Hauptlast von Vertreibungen und Umsiedlungen, da diese sie unter anderem von ihren Wasserressourcen trennt. Sie müssen einen zeitlichen und körperlichen Mehraufwand in Kauf nehmen, um ihre Familien weiterhin ausreichend mit Wasser zu versorgen. Außerdem leisten sie die zusätzliche Sorgearbeit, wenn Kinder und andere Haushaltsangehörige durch verschmutztes Wasser krank werden. Darüber hinaus sind sie öfter häuslicher Gewalt ausgesetzt.

Vertreibungen sind da häufig der Fall, wo Großprojekte umgesetzt werden sollen. Zum Beispiel Bergbau-Aktivitäten, Landgrabbing (für Plantagen) und die Errichtung von Staudämmen.

Das Beispiel Kambodscha

Als im Februar 2010 plötzlich Bulldozer und bewaffnete Soldaten in das kleine Dorf Pis in der kambodschanischen Provinz Kampong Speu einrückten, wussten die dort ansässigen Bauern und Bäuerinnen nicht, wie ihnen geschah. Erst am Tag ihrer Vertreibung wurden sie darüber informiert, dass eine große Zuckerrohrplantage samt Zuckerfabrik auf ihren Ländereien (und denen von 14 anderen Dörfern) entstehen sollte, um Zucker primär für den EU-Markt zu produzieren.

Auch 10 Jahre nach der Vertreibung und dem Verlust ihrer Reisfelder, Gärten und Gemeindewälder leben viele der Dorfbewohner*innen noch immer in bitterer Armut in einem Umsiedlungsgebiet am Rande der Plantage. Neben Nahrungsmittelknappheit und fehlender Einkommensquellen ist vor allem auch der Zugang zu Wasser ein großes Problem. Es sind keine natürlichen Wasserquellen vorhanden, der Boden ist steinig und karg. Zwar wurden einige Brunnen gebohrt, doch auch sie führen kaum Wasser. In ihrer Not legten sich einige Vertriebene Regenteiche an, aber zum Trinken ist das dort gesammelte Wasser nicht geeignet.

Teures Wasser bringt neue Probleme

Die einzige größere Wasserquelle in der Umgebung des Dorfes Neu-Pis ist ein mitten in der Zuckerrohrplantage gelegenes Wasserreservoir. Aufgrund mangelnder Transportmöglichkeiten sind die meisten Dorfbewohner*innen auf die lokalen Wasserhändler angewiesen, die das Wasser mit Trucks in das Dorf bringen und dort verkaufen. Je nach Familiengröße zahlen die Haushalte dafür bis zu 50 Euro im Monat für Nutz- und Trinkwasser – eine immense Summe in einem Land mit Pro-Kopf-Einkommen von monatlich rund 100 Euro. Und selbst das gelieferte Wasser ist oft verschmutzt. Vor allem in der Regenzeit fließen Düngemittel und Pestizide von der Plantage in das Reservoir. Die Menschen im Dorf erkranken dadurch häufig an Durchfall und Hautausschlägen.

Die Frauen im Dorf leiden besonders unter dieser Situation, da sie für Wasser- und Nahrungsmittelversorgung sowie Pflege der Kranken zuständig sind. Viele Frauen im Dorf mussten wiederholt auf Mikrokredite zurückgreifen, um für Wasser, Nahrungsmittel und Medikamente überhaupt bezahlen zu können. Ihnen droht zusätzlich zur Wasserknappheit nun auch noch die Schuldenfalle.

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  • Die Journalistin Anemi Wick arbeitete von 2020 bis Anfang 2026 als von AGIAMONDO vermittelte Fachkraft in Timor-Leste, wo sie im Rahmen des Zivilen Friedensdienstes das Produktionsteam der timoresischen Medienorganisation Casa de Produção Audiovisual (CPA) unterstützt und beraten hat.

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Ein innerer Kampf

Südostasien: Vielen Menschen fehlt es noch immer am sicheren Zugang zu Lebensmitteln – ganz besonders Frauen und Kindern. Das Buch „Ensuring a Square Meal“ beleuchtet, welche Rolle Frauen für eine ausreichende Ernährung ihrer Familien spielen können – innerhalb sowie auch außerhalb der Familie.

Kürzlich wurde der Welternährungsbericht 2020 der Vereinten Nationen veröffentlicht. Eine der Hauptbotschaften ist: Die Zahl unterernährter Menschen steigt weiter an, vor allem in Asien. Die Gründe dafür sind vielfältig: Konflikte, extreme Klimasituationen, Wirtschaftskrisen. Durch die COVID-19-Pandemie, so der Bericht, drohe die Zahl der Hungernden weiter anzusteigen.

Lebensmittelkrisen gab es bereits in den Jahren 2008/2009 und 2012 – ausgelöst durch steigende Preise. Schon diese Krisen verschärften die Disparität zwischen Regionen in Südostasien, die vom schnellen wirtschaftlichen Wachstum der frühen 2000er Jahre profitierten, und jenen, auf die sich diese positiven Impulse nicht übertrugen. Obwohl einige Regierungen Mechanismen für Ernährungssicherung und nachhaltige Landwirtschaft etabliert haben, so bleibt doch die Gefahr von stark ansteigenden Preisen in einer unsicheren globalen Wirtschaftslage bestehen – auch darauf verweist der aktuelle Welternährungsbericht.

Frauen in den Fokus rücken

Aufgrund dieser Erkenntnis veranstaltete das Institute of Southeast Asian Studies (ISEAS) in Singapur bereits 2011 eine Konferenz, die sich mit der Rolle von Frauen für eine sichere Ernährung beschäftigte. Das Kompendium Ensuring a Square Meal: Women and Food Security in Southeast Asia ist eine Sammlung der Beiträge dieser Konferenz. Herausgegeben wurde das Buch von Theresa W. Devasahayam, die zu dieser Zeit in der Geschlechterforschung des ISEAS arbeitete und die Ungleichheit von Frauen im öffentlichen und privaten Raum untersuchte.

Im einleitenden Kapitel beschreibt die Herausgeberin, warum es notwendig ist, Ernährungssicherung in Südostasien aus Perspektive der Geschlechterforschung zu betrachten und richtet damit den Fokus auf ein bisher kaum erforschtes Gebiet. Dabei identifiziert Devasahayam ein wichtiges Paradox: Zusammen mit Kindern sind Frauen am meisten gefährdet, nicht genügend Nahrung zu erhalten. Gleichzeitig tragen sie aber signifikant zur Ernährung ihrer Familien sowie zur wirtschaftlichen und landwirtschaftlichen Entwicklung bei.

Überfälliger Perspektivenwechsel

In Südostasien leisten Frauen ungefähr 50 Prozent der landwirtschaftlichen Arbeit, wobei Devasahayam mit einer höheren Dunkelziffer rechnet, da die Arbeit von Frauen häufig als ‚Zuarbeit’ angesehen und deswegen nicht statistisch erfasst werde. Die Arbeit der Frauen sei zudem nicht nur bedeutend für die Produktion von Lebensmitteln sondern auch für deren Handel. Ihr Einkommen ermächtige Frauen dazu, Entscheidungen auf Haushaltsebene zu treffen, wie zum Beispiel zu Bildungsinvestitionen für die Kinder oder auch um lokale Wirtschaftsnetzwerke wie zum Beispiel Handelskooperativen zu fördern. Fallstudien zeigen außerdem, dass Frauen ihr Einkommen eher zum Wohlergehen der gesamten Familie einsetzen als Männer.

Warum haben Frauen trotzdem keinen sicheren Zugang Lebensmitteln? Als Gründe führt Devasahayam die allgemeine Lebensmittelknappheit an, den Mangel an Kaufkraft und die Zugangsbeschränkungen zu fruchtbarem Land. Diese Ressourcenprobleme haben auch Männer in Entwicklungsländern, für Frauen kommen jedoch strukturelle, politische, kulturelle und soziale Faktoren erschwerend hinzu. Beispielsweise seien häufig nur Männer die Zielgruppe von technischen Weiterbildungen und Wissenstransfer in der landwirtschaftlichen Entwicklung.

Die Beiträge des Buches arbeiten diese erschwerenden Faktoren heraus und verdeutlichen sie anhand von Fallbeispielen und wissenschaftlicher Literatur. Die Autor*innen stellen grundlegende Fragen zur Chancengleichheit auf Landbesitz, zu den Zugangskriterien zu landwirtschaftlichen Ressourcen und Services, zur Möglichkeit der wirtschaftlichen Organisation und Teilnahme an Programmen, zur Evaluierung von Gesetzgebungen und eben zu der Rolle, die Frauen in der Ernährungssicherung auf allen Ebenen spielen. Diese Leitfragen werden nicht nur im Hinblick auf die strukturelle Dichotomie zwischen Männern und Frauen analysiert sondern auch im Kontext der Sphären privat und öffentlich sowie der Annahme, dass es Überlappungen beider gibt.

Frauen ermächtigen und Ernährung sichern – Fallbeispiele

Das zweite Kapitel gibt einen Überblick über Definitionen, Annahmen und Bereiche, die die Ernährungssicherung beeinflussen. Die weiteren Artikel widmen sich überwiegend konkreten Beispielen aus Indonesien, Vietnam, Malaysia und den Philippen. Dabei werden verschiedene Lebensrealitäten betrachtet, wie zum Beispiel der Einfluss von Palmölplantagen auf Landrechte in Indonesien oder der Fakt, dass sich in Vietnam Maßnahmen zur Ernährungssicherung durch Reisanbau häufig ausschließlich an Männer richten, obwohl Männer und Frauen die Entscheidungen zur Produktion von Reis gemeinsam treffen.

Eine weitere Studie aus Vietnam zeigt, dass es dem Wohlergehen der Familie und ganz besonders der Ernährung der Kinder dient, wenn die Frauen gestärkt werden. Erforderlich sei dafür, dass Frauen die Möglichkeit haben, außerhalb des eigenen Haushalts zu arbeiten, um etwas dazuzuverdienen.

Ein anderes Beispiel aus Indonesien beschäftigt sich mit Frauen, die in Singapur arbeiten und dadurch indirekten Einfluss auf die landwirtschaftliche Entwicklung haben. Zwar betrachten die Frauen selbst die landwirtschaftliche Arbeit als wenig lukrativ und arbeiten deshalb für ein festes Einkommen im Ausland. Durch das Geld, das sie aber nach Hause schicken, tragen sie jedoch maßgeblich zur Ernährungssicherung und den landwirtschaftlichen Aktivitäten ihrer Familien bei.

Wissenschaftlich fundiert, doch leider nicht aktuell

Die Beiträge in den zehn Kapiteln dokumentieren wissenschaftlich fundiert den aktiven und großen Anteil, den Frauen an der Sicherung der Ernährung für ihre Familie und ganzer Dörfer haben. Gleichzeitig arbeiten die Beiträge auch heraus, an welchen Stellen Frauen strukturell benachteiligt werden, was wiederum dazu führt, dass ihnen die Werkzeuge fehlen, Lebensmittel zu produzieren, zu handeln und sich zu vernetzen.

Erwähnt sollte auch werden, dass die Beiträge des Buches vor inzwischen neun Jahren entstanden sind. Auch wenn der überwiegende Teil der Erkenntnisse vermutlich weiterhin relevant ist, wäre es wünschenswert, in dem Buch auch aktuellere Entwicklungen und Lebensrealitäten zu finden.

Trotzdem kann das Buch als deutlicher Appell an Entscheidungsträger*innen in Regierungen oder Projekten der Entwicklungszusammenarbeit gelesen werden, Frauen zu fördern und es ihnen zu ermöglichen, die Versorgung mit Lebensmitteln für ihre Familien sicherzustellen. Das würde einiges zur Armutsreduzierung beitragen.

Trotz der sozialwissenschaftlichen Natur des Buches ist es anschaulich und gut lesbar geschrieben. Das macht es nicht nur für Wissenschaftler*innen und Praktiker*innen im entwicklungspolitischen und politikgestaltenden Bereich zu einer spannenden und erkenntnisreichen Lektüre. Gleichzeitig zeigen die Ausführungen wieder einmal, wie signifikant und dennoch unterbeleuchtet die Rolle von Frauen in allen Entwicklungsbereichen eines Landes oder einer Region ist – und wie diese gleichzeitig durch die patriarchale Dichotomie unterminiert wird.

Rezension zu: Theresa W Devasahayam (Hg). Ensuring a Square Meal: Women and Food Security in Southeast Asia. World Scientific, 2018, 264 Seiten.

Dieser Artikel erschien zunächst in der südostasien Ausgabe 3|2020 – #SOAToo. Sexualisierte Gewalt und feministische Gegenwehr in Südostasien und ist Teil der südostasien – Sonderausgabe Buchmesse

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  • Die Journalistin Anemi Wick arbeitete von 2020 bis Anfang 2026 als von AGIAMONDO vermittelte Fachkraft in Timor-Leste, wo sie im Rahmen des Zivilen Friedensdienstes das Produktionsteam der timoresischen Medienorganisation Casa de Produção Audiovisual (CPA) unterstützt und beraten hat.

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Ein innerer Kampf

Auf den Philippinen – wie in vielen anderen Ländern – verkompliziert eine Tabukultur den nötigen Diskurs über sexuelle und häusliche Gewalt. Kyra Lüthi, selbst Überlebende häuslicher Gewalt, kämpft mit ihrer Organisation “Breaking Silence” für die Selbstermächtigung der traumatisierten Frauen und Kinder und für starke Netzwerke der Betroffenen.

Die Zahlen zu sexueller Gewalt in den Philippinen sind erschreckend hoch: schätzungsweise sieben Millionen Kinder werden jährlich sexuell missbraucht. Vergewaltigungen sind die häufigste Form von sexuellem Missbrauch, ungefähr 12% der Taten werden zu Hause verübt. Von 100 Vergewaltigungsopfern sind 87 Mädchen. Die Entwicklung der Covid-19 Pandemie verschlimmert die häusliche Situation. Die von Gewalt betroffenen, meist Kinder und Frauen, sind nun mit ihren Tätern im Haus ‚eingeschlossen’, denn oft sind diese Teil der Familie. Sie haben keine Chance, Missbrauch zu melden oder Hilfe zu suchen. Sexuelle Ausbeutung kann leicht zu Kinderprostitution und Kinderpornographie führen. Insbesondere letzteres ist eine ‚Pandemie’ an sich, welche unter den erhöhten Quarantänemaßnahmen der virusbedingten Pandemie gestiegen ist.

Tabukultur ist eine Kultur der Diskriminierung

Die zugrunde liegenden Probleme sind verbunden mit einer in den Philippinen vorherrschenden Tabukultur, welche rund um Themen existiert die als zu sensibel betrachtet werden, um darüber zu sprechen. Sie wurzeln zugleich in einer hartnäckigen Kultur der Diskriminierung von Frauen und Kindern in Familien und Gesellschaft. Kyra Luthi gründete die Bewegung und NGO Breaking Silence, um diese Tabukultur zu beenden. “Vergewaltigung, häusliche und sexuelle Gewalt sind die geläufigsten Tabuthemen auf den Philippinen” erklärt Kyra, “alles was mit sexueller Aktivität zu tun hat, ist ein zu sensibles Thema für Menschen auf den Philippinen. Oftmals wird es als Geheimnis und Erwachsenen-Thema betrachtet, damit Kinder erst gar keine Aufmerksamkeit für das Themenfeld entwickeln.”

Mögliches Interesse könnte mit ausreichender Aufklärung und Information gestillt werden. Jedoch verhindert die Tabukultur Sexualerziehung und Sensibilisierung aufgrund fehlender Informationen und unzureichender Kommunikationsfähigkeiten in den Familien. Auch in Schulen fehlen entsprechende Lehrpläne.

Erst 2019 hat das Bildungsministerium Richtlinien herausgebracht, um verstärkt entsprechende Unterrichtslektionen in öffentlichen Grund- und weiterführenden Schulen zu integrieren. Dabei geht es hauptsächlich darum, ungewollten Schwangerschaften von Jugendlichen, Bevölkerungswachstum und der Verbreitung sexueller Krankheiten entgegenzuwirken. Kyra weist darauf hin, dass, wenn nicht genügend über Sexualität und alle damit verbundenen Angelegenheiten und Probleme gesprochen wird, “die Leute dazu neigen, Sex häufiger und auf eine respektlose und gewalttätige Art und Weise auszuüben.

So wird die Sicherheit von Frauen und Kindern, Mädchen als auch Jungen, missachtet, und oftmals wissen diese gar nicht, dass sie Missbrauchsopfer wurden.” Ohne den erlebten Missbrauch als solchen zu erkennen, werden diese Straftaten häufig nicht gemeldet. Doch selbst wenn Betroffene es realisieren, ist der Druck der Tabukultur so groß, dass sie stumm bleiben, um Prestige und sogenannte Moral der Familie zu bewahren.

Mangelhafte Rechts- und Unterstützungssysteme

Selbst wenn die Opfer einen Weg, die innere Stärke und den Mut finden und das Verbrechen melden, sind die sozio-kulturellen und politischen Systeme nicht ausgestattet und fähig die Missbrauchsopfer angemessen zu versorgen. Gerade einmal 94 Frauenhäuser gibt es auf den Philippinen. Kyra erklärt, es gäbe nur wenige Ressourcen für medizinische Untersuchungen nach Vergewaltigungen. Das Philippine General Hospital in Manila sei eines der wenigen qualifizierten Krankenhäuser mit Gerichtsmediziner*innen, so Kyra.

Allerdings sei die Lage sehr ungünstig: “Wir haben Berichte erhalten, dass Opfer mehrere Wochen auf einen Termin warten mussten, nachdem sie ihren Fall vorgetragen hatten. Es gibt kaum bis gar keine nachfolgende Unterstützung wie beispielsweise psychologische Unterstützung. Zufluchtsorte wie Frauenhäuser sind ungenügend vorhanden und unzureichend ausgestattet, um Überlebende zu beherbergen. Unglücklicherweise sorgen finanzielle Engpässe dazu, dass außerdem Heilungsprozesse und Trauma-Aufarbeitung nicht durchgeführt werden. Symptome werden nicht normalisiert und den Betroffenen fehlt die Entwicklung von Bewältigungsfähigkeiten, welche die Genesung fördern.”

Wir müssen reden – über rape culture

Durch den starken Einfluss von Kolonialismus und auferlegtem Patriarchat müssen Frauen weitaus mehr Hürden bewältigen, um sich Gehör zu verschaffen. Scham, Furcht, Leugnung und Trauma-bedingter Gedächtnisverlust sind einige der Hindernisse, die es erschweren, Zugang zu Hilfe und Gerechtigkeit zu erlangen. Rape culture [z.dt. Kultur der Vergewaltigung, d. Autorin] ist eine der Hauptursachen warum Kyra Breaking Silence ins Leben rief. Der Begriff der rape culture beschreibt die Einstellung der Gesellschaft dazu, sexuelle Übergriffe und Missbrauch zu normalisieren oder trivialisieren. Vergewaltigungen sind oft motiviert durch Macht, Kontrolle und Aggression. Das bedeutet auch, dass durch diese Denkweisen gewalttätige Machtausübung normalisiert wird.

“Wir wollen rape culture beenden. Wir wollen Opfer stärken und sie wissen lassen, dass es mehr als in Ordnung ist, sich lautstark zu äußern, und es nicht schambehaftet ist. Dasselbe gilt für die Gesellschaft – es sollte normal sein, über diese Themen zu sprechen. Denn je mehr diese Probleme thematisiert werden, so wie beispielsweise über harmlose Verbrechen wie Diebstahl gesprochen wird, desto eher verringern wir die Wahrscheinlichkeit, dass eine Person gewalttätig wird.” Kyra führt weiter aus: “Wissen ist Macht. Würde jede Person wissen, dass Vergewaltigung und Gewalt inakzeptable Verbrechen sind, würden viele Täter möglicherweise von Straftaten abgehalten werden.”

Um den Teufelskreis der Traumatisierung zu durchbrechen, ist das Beenden der Tabukultur die Hauptpriorität, um Menschen zu schützen, ist sich Kyra sicher. “Der beste Weg ist, das Thema sexuelle und häusliche Gewalt als offenes Thema in jedem Haus, jeder Schule, Arbeitsplatz und öffentlichen Orten einzubringen. Prävention, körperliche Sicherheit und Richtlinien zum Selbstschutz, wenn man Opfer einer Straftat wird, müssen umfassend in der Öffentlichkeit besprochen werden”, äußert Kyra, und betont die Wichtigkeit des Zugangs zu Information und damit verbundener Aufmerksamkeit für die Problematik, damit jede*r auf sich und andere achten kann. Diese Lösung lässt sich nicht nur für Frauen, sondern für alle Geschlechter anwenden.

Rape culture und Tabukultur ‚Hand in Hand’

Die gesellschaftliche Transformation im letzten Jahrzehnt ging nur sehr langsam voran. Rape culture und Tabukultur verstärken sich gegenseitig, und lassen die Betroffenen nicht nur verstummen, sondern geben ihnen die Schuld an der Gewalt, die ihnen widerfahren ist. “Viele Menschen verschließen sich, wenn es um diese bestimmten Themen geht”, so Kyra. “Die Existenz der rape culture ist offensichtlich.” Sie sorgt dafür, dass Straftaten weder berichtet, noch untersucht und strafrechtlich verfolgt werden. Ungleichheiten und rape culture gibt es auch im Justizsystem , wenn die Glaubwürdigkeit der Opfer in Frage gestellt wird, sie beschuldigt und beschämt und die Vergewaltiger unzureichend verurteilt werden. “Wir wissen erst, dass jemand verletzt wurde, wenn es zu spät ist. Wenn es passiert ist, wenn eine Kindheit gestohlen wurde, wenn Unschuld, oder schlimmer, Leben genommen wurde. Die Tabukultur verschleppt und verlangsamt die gesellschaftlichen Verbesserungen.” Jüngste Vorkommnisse haben diese Themen wieder in die philippinischen Medien gebracht, als eine Polizeistation in der Provinz Quezon Frauen und Mädchen daran erinnerte , sich “anständig” anzuziehen, um nicht vergewaltigt zu werden.

Die Stille zu durchbrechen bedeutet, einen Teufelskreis zu brechen

Für Kyra selbst war es ein langer und schmerzhafter Prozess, um von einem Opfer zu einer Überlebenden zu werden. “Jahrelang fanden Debatten mit tausend Gründen in meinem Kopf statt, ob ich darüber sprechen sollte oder nicht. Hauptsächlich aufgrund der Reaktionen der Menschen um mich herum. Ich befürchtete, schrecklich verurteilt und beschuldigt zu werden”, so Kyra, die eben diese Reaktion sowohl selbst erfahren, als auch bei anderen Betroffenen mitbekommen hatte.

“Aber es gibt eine andere Seite, die mir Hoffnung gab – all die Menschen, die Verständnis gezeigt haben. Sie waren für mich da. Sie haben mir geglaubt und mich unterstützt. Die erste Person, die mir und an mich glaubte, mit der bin ich nun verheiratet. Und als mein Mann mich gestärkt und ermutigt hatte, war es mir möglich, andere zu erreichen, welche dieselben Erfahrungen durchgemacht haben. Ich merkte: ich bin nicht allein”, erinnert sie sich.

Kyra sah, dass andere von Gewalt betroffenen Frauen auch nur darauf warteten, dass jemand an sie glaubte. Heute gibt es einen Kreis Überlebender, welche sich gegenseitig bestärken. “Gemeinsam sind wir stärker. Es ist ehrlich gesagt, niemals einfach, darüber zu sprechen, es ist beängstigend. Aber dadurch werden Opfer eben Überlebende. Nicht nur, weil wir nicht mehr durch Ängste kontrolliert werden, sondern auch, weil wir dann als starke, die Gewalt Überwindende wahrgenommen werden.”

Jenna (Name geändert), eine der Frauen von Breaking Silence, erlebte sexuellen Missbrauch in extrem jungen Alter – mit etwa vier Jahren wurden sie und ihre wenige Jahre älteren Cousins und Cousinen von Erwachsenen erstmals zu Vergewaltigungs,spielen’ manipuliert, welche immer wieder vorkamen. “Wir wussten gar nicht was wir taten, uns wurde gesagt es sei nur ein Spiel”, erinnert sie sich. Jenna trug diese unvorstellbaren, entsetzlichen Erinnerungen jahrelang mit sich herum, durchlebte immer wieder traumatisierende Scham- und Schuldgefühle. Eines Tages nahm sie ihren Mut zusammen und besuchte eine der Veranstaltungen von Breaking Silence.

Kyra empfing sie mit offenen Armen, und vor allem mit offenen Ohren. Jenna’s Erinnerungen brachen aus ihr heraus, und durch Kyra konnte sie realisieren, dass keine der Taten ihre Schuld oder die ihrer Cousinen und Cousins waren. Wissend, dass sie nun eine Familie von Überlebenden hat, die sich gegenseitig auffangen und aufrichten, hat diese Bewegung ihr geholfen, ihre eigene Stille zu durchbrechen, über sexuelle Belästigung und Missbrauch zu sprechen und die Aufmerksamkeit auf das Thema zu richten. Jenna und Kyra planen, gemeinsam ein Gespräch mit allen Betroffenen zu suchen, um sowohl einen Abschluss, als auch den wahren Täter zu finden.

Langsames Aufkommen von Feminismus

Über solche Themen zu sprechen ist ebenfalls verbunden mit einem langsamen Aufkommen von Feminismus in der philippinischen Kultur und Gesellschaft. Für Kyra wird Feminismus immer offensichtlicher, da junge Menschen mutiger in ihrer Aussprache werden. Jedoch sei “Feminismus ein Konzept das viele Menschen auf den Philippinen nicht verstehen” bemerkt Kyra, und erklärt, wie Konservatismus und religiöse Kultur die Akzeptanz progressiver Bewegungen einschränkt. Doch sie ist hoffnungsvoll: “Mit dem Aufschwung der jüngeren Generation und mit einer Bevölkerung, die zur Hälfte aus unter 25-jährigen besteht, werden solche Traditionen stark verändert werden.

Beispielsweise war in den frühen 2000er Jahren nur ein einziger Frauenhaarschnitt akzeptiert und verbreitet. Mädchen, die ihre Haare sehr kurz geschnitten haben, wurden sofort als ,Lesben’ oder burschikos betrachtet. Heutzutage ist das kein Problem mehr.” Kyra erläutert den Grund hierfür: “Nicht immer hat es mit Sexualität zu tun, allerdings sind die Menschen heutzutage etwas freier. Ein weiteres Beispiel ist, dass es für die philippinische Kultur schwierig war zu akzeptieren, dass “Jungs auch weinen”. Weinen wurde als etwas Unmännliches betrachtet, als Schwäche. Nun sind die Leute aber empathischer und Emotionen definieren nicht länger vermeintlich das Geschlechts oder die sexuelle Orientierung.

Eine Bewegung Überlebender

Kyra hat sich schließlich in eine widerstandsfähige Persönlichkeit verwandelt. Das führt sie darauf zurück, dass sie sich bewusst mit den an ihr begangenen Verbrechen auseinandergesetzt hat. Dazu beigetragen hat auch das Sicherheitsnetz der Menschen um sie herum. Mit diesem Wissen möchte sie nun ein Sicherheitsnetz für alle Betroffenen erschaffen.

Sie möchte ihre Bewegung wachsen lassen und mit mehr öffentlicher Aufmerksamkeit Projekte starten, sodass ein Netzwerk Überlebender und Unterstützer*innen weltweit aufgebaut werden kann. Dieses soll sowohl Psycholog*innen, Berater*innen, Therapeut*innen, juristische und politische Einrichtungen integrieren. Es soll offen sein für jede betroffene Person oder Verbündete.

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  • Die Journalistin Anemi Wick arbeitete von 2020 bis Anfang 2026 als von AGIAMONDO vermittelte Fachkraft in Timor-Leste, wo sie im Rahmen des Zivilen Friedensdienstes das Produktionsteam der timoresischen Medienorganisation Casa de Produção Audiovisual (CPA) unterstützt und beraten hat.

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4 | 2019, Osttimor, Rezensionen, Timor-Leste,
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Ein innerer Kampf

Diese Schwerpunktausgabe zum Thema sexualisierte Gewalt in Südostasien wurde durch die #MeToo Bewegung inspiriert – eine Bewegung, in der nicht Gewalt gegen Frauen, sondern der Widerstand dagegen in den Vordergrund rückt. Wir freuen uns daher besonders, dass der Launch der Ausgabe mit einer Reihe von Interviews mit Feminist*innen aus Südostasien beginnt, die sich in sehr unterschiedlicher Weise für die Aufarbeitung und für ein Ende von sexualisierter Gewalt einsetzen. In den nächsten drei Monaten werden diesen ersten Artikeln noch zahlreiche weitere folgen.

Schätzungsweise jede dritte Frau in Indonesien hat sexuelle Gewalt oder Belästigung erfahren, ähnliches gilt für andere Länder Südostasiens. Meist sind die Täter bekannt – es sind Ehemänner und Männer aus dem Freundeskreis und der Verwandtschaft. Oft fängt das Problem damit an, dass es keine gleichberechtigte und offene Kommunikation über Sexualität in der Partnerschaft gibt, wie Wiphaphan Wongsawang von thaiconsent in dieser Ausgabe erläutert. Diese Gewalt im Alltag ist eingebettet in patriarchale ökonomische und politische Strukturen – wie dem Militär – die dominante Männlichkeit strukturell fördern und Männern die Macht über andere geben. Sie wird flankiert von einer organisierten, sexuellen Ausbeutung von Frauen durch Menschenhandel und in der Prostitutionsindustrie.

Bis in die jüngste Gegenwart hinein waren Frauen in Südostasien immer wieder in großem Ausmaß kriegsbedingter sexualisierter Gewalt ausgesetzt. Eine feministische Frauenrechtsorganisation, die seit vielen Jahren zum Thema sexualisierte Gewalt in Kriegen und Konflikten und ihren Folgen arbeitet und sich solidarisch für Überlebende engagiert, ist medica mondiale. Über Karin Griese, Leiterin des Bereichs Trauma-Arbeit, ist die Expertise von medica mondiale in diese Schwerpunktausgabe eingeflossen.

Gesellschaftlich verankerte, sexistische und rassistische Gewalt gegen Frauen spitzt sich im Konfliktkontext drastisch zu, was nachhaltige Folgen mit sich bringt. So wurden viele der heute sichtbaren Unterdrückungs- und Ausbeutungsmechanismen gefördert durch die unfassbaren Formen von Gewalt in den vielen Kriegen und Diktaturen, die die Region über Jahrzehnte geprägt haben. Die japanische Besetzung während des Zweiten Weltkriegs, der amerikanische Krieg in Vietnam, die Massenmorde in Indonesien 1965, die Terrorherrschaft der Khmer Rouge in Kambodscha, der jahrzehntelange Bürgerkrieg in Myanmar und viele weitere Kriege und Gewaltregime. In all diesen Konflikten wurde sexualisierte Gewalt gegen Frauen – und zum Teil auch gegen Männer – als Kriegsmittel systematisch eingesetzt, sexuelle Ausbeutung und Vergewaltigungen gefördert oder toleriert.

Wie in vielen anderen Ländern wird die sexualisierte Gewalt in diesen Kriegen und Terrorherrschaften meistens verschwiegen oder tabuisiert. Überlebende und ihre oft unter Gewalt gezeugten Kinder wurden stigmatisiert und sozial ausgegrenzt. Ähnliches war im Kontext des Zweiten Weltkriegs in den deutsch besetzten Gebieten und auch in Deutschland selbst zu beobachten, wo Überlebende sexualisierter Gewalt durch die Wehrmacht, SA und SS und Truppen der Alliierten jahrzehntelang nicht darüber sprechen konnten, was ihnen widerfahren ist. Darauf weist medica mondiale in ihrer aktuellen Kampagne „Niemals nur Geschichte“ anlässlich 75 Jahren Kriegsende in Europa und Asien hin.

Viele der Interviews und Artikel in dieser Ausgabe zeugen davon, dass es mittlerweile Frauen und Bewegungen gibt, in fast jedem Land Südostasiens, die das Tabu brechen und aktiv werden, um Gerechtigkeit einzufordern. Gerade in Indonesien haben sich viele Überlebende zusammengetan, um offen über die Vergewaltigungen und Gräueltaten des Suhartoregimes zu sprechen. In Kambodscha arbeitet Sotheary YIM mit vielen anderen daran, die Zwangsehen und -vergewaltigungen unter den Khmer Rouge, die Hunderttausende betrafen, aufzuarbeiten. In Osttimor verbinden Aktivistinnen die Aufarbeitung der sexualisierten Gewalt des Krieges und der indonesischen Besatzung mit dem Kampf gegen häusliche Gewalt heute.

Vieles ist noch nicht aufgearbeitet, und bleibt unausgesprochen. Die psychischen und auch Existenz bedrohenden ökonomischen Folgen der zurückliegenden Kriegsverbrechen an Frauen und Mädchen reichen bis in die heutige Generation. Sie prägen unter anderem über die Normalisierung von Gewalt in Beziehungen und die Kultur der Straflosigkeit das heutige Leben von Frauen in Südostasien. Bisher wurde nahezu ausnahmslos keiner der Verantwortlichen für die Vergewaltigungen in den Kriegen und in den Militärdiktaturen zur Rechenschaft gezogen. Viele Männer werden als Helden der Unabhängigkeitsbewegungen geachtet – aber bisher hat keine Frau eine nennenswerte gesellschaftliche Anerkennung des ihr widerfahrenen Unrechts bekommen oder eine Entschädigung erhalten. Und, wie das Beispiel der Rohingya Frauen zeigt, wird heute immer noch sexualisierte Gewalt systematisch als Kriegsmittel eingesetzt und wird die heutige Generation von Neuem traumatisieren.

Dagegen entstehen heute interessante und hoffnungsvolle Allianzen. Die, alten‘ Frauen stehen auf und brechen das Schweigen. Sie begegnen dabei jungen Frauen, die im Zeitalter der sozialen Medien gegen sexualisierte Gewalt und Gender-Stereotypisierungen rebellieren. Auch Männer werden einbezogen, die ihr eigenes Verhalten im Kontext einer hegemonialen Männlichkeit hinterfragen. Doch es gibt noch sehr viel zu tun.

Wir wünschen unseren Leser*innen eine erkenntnisreiche Lektüre! Last but not least sei hier noch auf die Ausgabe 4/2020 der südostasien zum Thema „Diaspora – Community beyond border“ verwiesen, für die potenzielle Autor*innen noch Artikel einreichen können. Hier geht´s zum call for papers.

Das Redaktionsteam

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  • Die Journalistin Anemi Wick arbeitete von 2020 bis Anfang 2026 als von AGIAMONDO vermittelte Fachkraft in Timor-Leste, wo sie im Rahmen des Zivilen Friedensdienstes das Produktionsteam der timoresischen Medienorganisation Casa de Produção Audiovisual (CPA) unterstützt und beraten hat.

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4 | 2019, Osttimor, Rezensionen, Timor-Leste,
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Ein innerer Kampf

Mit der Online-Medienplattform thaiconsent veröffentlichte Wiphaphan Wongsawang #MeToo Geschichten in Thailand, noch bevor es #MeToo gab. Eine neue Generation von Feminist*innen behauptet sich auch gegen die Dominanz männlicher Aktivisten in der Demokratiebewegung.

Wiphaphan, vielen Dank, dass Du dir Zeit für uns genommen hast. Kannst du uns etwas über thaiconsent erzählen?

thaiconsent ist eine Online-Medienplattform, die auf kreative Weise über Sex spricht. Wir konzentrieren uns also nicht nur auf Belästigung oder Nötigung, sondern sprechen auch auf eine sinnvolle, kritische Weise über Sex. In der thailändischen Gesellschaft spricht man meistens nur auf eine performative oder pornografische Weise über Sex, deshalb wollten wir anfangen, anders darüber zu sprechen. Seit Beginn des Projekts haben wir 49.000 Anhänger*innen gewonnen, wir haben 400 Geschichten veröffentlicht, und 90 Personen haben auf verschiedene Weise an dem Projekt mitgearbeitet. Menschen können ihre Geschichte in ein Google-Forum schreiben und etwas dazu malen, und wir veröffentlichen sie anonym.

Zuerst verwendete ich die Begriffe fairer und unfairer Sex, weil Einwilligung (consent) in Thailand als Begriff nicht sehr bekannt war. Ich habe mit thaiconsent begonnen, weil es mir und auch sieben meiner Freundinnen an der gleichen Fakultät an der Universität passiert ist. Als ich 22 Jahre alt war, wurde mir klar, dass dies ein strukturelles Problem ist und dass wir etwas dagegen unternehmen müssen.

Menschen sind oft unsicher, ob es sich um eine Vergewaltigung handelt, wenn es keine Penetration gibt, und verstehen oft nicht, warum sie sich so verhalten, warum sie es nicht zurückweisen oder schreien. Auch sind viele Betroffene nach der Tat verunsichert und trauen sich nicht, Unterstützung zu suchen. Deshalb haben wir begonnen, die Geschichten zu sammeln, um zu zeigen, dass es sich nicht um ein individuelles Problem handelt, sondern dass es recht häufig vorkommt.

Wir begannen mit einem Blog im Jahr 2015. Aber er war ziemlich konventionell und fand nicht viel Aufmerksamkeit. Dann fragte mich eine Freundin, ob ich das Projekt weiterführen wolle, und als wir unseren Abschluss gemacht hatten, richteten wir 2017 eine Facebook-Seite ein und begannen, Geschichten zu sammeln. Wir arbeiteten mit vielen Künstler*innen zusammen, machten eine Ausstellung, wurden von UN Women eingeladen, erhielten einige Mittel aus dem Fonds für junge Feministinnen FRIDA und verkauften auch Handwerk, um uns zu finanzieren. Wir planen nun, uns als NGO registrieren zu lassen. Im Moment sind wir auf Facebook, auf Twitter und auf Instagram aktiv, und für nächstes Jahr haben wir vor, einen Youtube-Account zu starten.

Wie würdest Du die von Frauen auf der Website geteilten Erfahrungen verallgemeinern?

Es gibt verschiedene Arten von Geschichten. Die eine ist, dass es junge Mädchen waren, die nichts über Sex wussten und ausgenutzt wurden. Sie merken erst später, was ihnen angetan wurde. Das ist die erste Art. Der zweite Typ ist, dass sie in einer Beziehung sind und er/sie unsicher ist, ob sie dies tun wollen oder nicht. Der Partner zwingt oder drängt sie, es zu tun. Die dritte Erfahrung – die sehr selten ist – ist, dass sie von jemandem missbraucht werden, den sie nicht kennen. Viele Geschichten handeln von Beziehungen zu einem Partner, einem Freund oder einem Kollegen. Verallgemeinernd kann man also sagen, dass ein großer Teil der Übergriffe in der verschwommenen Grenze zwischen Ja und Nein stattfindet.

Wie hängt sexuelle Gewalt gegen Frauen mit Macht und Hierarchie in der thailändischen Gesellschaft zusammen?

In Thailand haben wir ein Problem mit ’arai go dai’ – ‚alles geht’. Menschen können nicht direkt Ablehnung ausdrücken und versuchen, freundlich zu der anderen Person zu sein, auch zu dem Vergewaltiger. Besonders wenn es jemand ist, den sie kennen – sie wollen die Beziehung retten. Anstatt Gerechtigkeit für den Einzelnen herzustellen, versucht die thailändische Gesellschaft, die Beziehungen so zu erhalten, wie sie sind. Die Vergewaltiger wissen, dass die Opfer nichts sagen werden, weil sie auf die Beziehungen zu anderen Menschen angewiesen sind. Eine kollektive Gesellschaft schafft viele Möglichkeiten für Vergewaltigungen.

Wir leben in einer Kultur, die Gewalt gegen Machtlose akzeptiert. Die Menschen gewöhnen sich daran, das zu sehen und helfen Menschen in Schwierigkeiten nicht. Das hängt mit dem Militär und der militaristischen Gesellschaft zusammen. Es beginnt in der Schule, wo man nicht trainiert wird, Nein zu sagen. Frau ist einem patriarchalischen System unterworfen, das einen lehrt, sich selbst die Schuld zu geben, wenn man sich nicht an die gesellschaftlichen Normen hält. Deine Gefühle sind nicht gültig, wenn sie nicht von der Gesellschaft für dich bestätigt werden. Vergewaltigung steht in direktem Zusammenhang mit Macht. Es geht nicht nur um sexuelle Begierde, sondern sie vergewaltigen, um das Opfer zu beherrschen, sie fühlen sich dadurch großartig.

Eine patriarchalische und hierarchische Gesellschaft strukturiert die Kommunikation. Das kann man in Seifenopern sehen, in denen Vergewaltigung ein häufiges Thema ist, aber wo sie als eine Möglichkeit für einen Mann dargestellt wird, die Meinung einer Frau zu ändern, als etwas, das in einer Machtgesellschaft akzeptabel ist.

Du hast thaiconsentals Studentin initiiert. Glaubst du, dass es ein spezifisches Problem mit Missbrauch und sexueller Belästigung an Universitäten gibt?

Ja. Es beginnt mit Schikanieren und mit den hierarchischen Beziehungen unter den Studierenden. Es ist nicht wie in der westlichen Welt, wo Studierende als gleichwertig betrachtet werden. In Thailand gibt es eine Hierarchie, die von dem Jahrgang abhängt, in dem man sich befindet. Die älteren Studenten gelten als Phi (ein Ausdruck des Respekts für jemanden, der in der sozialen Rangordnung höher steht). Außerdem gibt es eine weit verbreitete Vergewaltigungskultur bei Studentenpartys. Dies wird von den Universitätsbehörden geduldet, und es gibt keinen klaren Beschwerdemechanismus.

Zum Beispiel wurde eine Freundin von mir von einem Kommilitonen beim Baden gefilmt. Als sie sich bei ihrem Professor beschwerte, sagte die Universität ihr, dass sie keine Verantwortung übernehme, da dies außerhalb des Campus geschehen sei, und dass sie die Zukunft des Studenten nicht gefährden dürfe, da er kurz vor seinem Abschluss stehe. Es ist also auch eine Frage der Verantwortlichkeit. Die Behörden wollen keine Verantwortung übernehmen und verschließen die Augen vor Missbrauch.

Gibt es eine neue feministische Bewegung in Thailand? Welches sind die Themen und Debatten?

Ja, auf jeden Fall. Wir haben auch in der alten Generation Feministinnen, aber sie wurden nicht anerkannt. Damals wurde die Aktivistenbewegung von Männern geführt. Wenn man damals seine Meinung veröffentlichen wollte, musste man einen guten Draht zum Verleger oder Redakteur oder zu jemandem aus der Nachrichtenbranche haben. Diese wurde von Männern geführt. Es war also für Frauen schwierig, in diesem Bereich aufzutreten. Aber jetzt, dank des Internets, können wir posten, was wir wollen, wir können twittern, was wir wollen.

Jetzt haben wir die Bewegung namens #femtweet – eine Kombination aus weiblich und tweet. Sie setzt sich aus jungen Frauen zusammen, die ihre Erfahrungen und ihre Wut auf die patriarchalische Kultur twittern. Sie werden von Antifeministinnen auf der linken und rechten Seite bedroht. Diese beschweren sich darüber, wie wir kommunizieren und fragen, warum wir nicht höflich twittern können. Aber unsere jungen Frauen sind wütend. Ich kann sie so sehr verstehen.

Wenn man als Mädchen in Thailand geboren wird, hat man von klein auf so viele Einschränkungen. Man darf nicht alleine ausgehen, man steht unter großem Druck und hat keine Kontrolle darüber, wie frau sich kleidet, wie frau denkt. Und oft wird ihre Meinung von Ihrer Familie nicht geschätzt. So viele Frauen denken, dass hier etwas nicht stimmt. Und wenn sie sich gefunden haben, merken sie, dass sie nicht allein sind. Es ist nicht nur ihre Familie, die schlecht ist, sondern warum sind all diese Familien so? Sie sagen also ihre Meinung.

Bei den letzten Protesten hatten wir junge Frauen, die mit Lippenstift #femtweet auf ihre Hemden schrieben, um zu zeigen, dass Feminist*innen nicht nur im Internet sind, sondern auch auf der Straße protestieren. Das liegt daran, dass sie sich viel Kritik ausgesetzt sahen, dass Feministinnen nur Frauen sind, die im Internet sprechen, was immer sie wollen, und dass dies für die Bewegung nicht nützlich ist.

Kannst Du uns mehr über die Frage des Feminismus innerhalb der pro-demokratischen Bewegung erzählen?

Früher hat man die weiblichen und transsexuellen Aktivisten in den pro-demokratischen Bewegungen völlig ignoriert. Seit der Generation von Somsak Jeamteerasakul kennen viele Menschen Somsak Jeam, aber sie kennen nicht Junya Yimprasert, die die Lasershow in der Villa des Königs in Deutschland installiert hat. Beide haben eine radikale Tat vollbracht, aber viel weniger Menschen erkennen Junya an. Jetzt, in dieser Generation, werden sich viele Menschen an Rangsiman Rome als mutigen Aktivisten erinnern, aber keiner von ihnen wird sich an Chonthicha Kate Jangrew erinnern, keiner wird sich an Aum Neko erinnern, obwohl sie zur selben Zeit und am selben Ort aktiv waren.

Jetzt wird es besser. Wenn ich sehe, dass die Proteste eher im Hongkong-Stil oder im Flashmob-Stil organisiert sind, d.h. nicht aus dem Netzwerk der Aktivisten, sondern von Einzelpersonen kommen, können wir sehen, dass es mehr Raum für nicht-männliche Aktivisten gibt. Allerdings erhalten sie von den Medien nicht viel Anerkennung. Ich glaube, wir haben ein Problem mit den Medien, sie messen den nicht-männlichen Aktivisten keine Bedeutung bei. Auch wenn viele Frauen auf der Bühne Reden halten, vor allem bei den aktuellen Protesten, konzentrieren sich die Medien immer auf dieselben männlichen Aktivisten. Feminist*innen setzen sich nun also mit den Medien auseinander. Denn wenn wir kämpfen oder ein Thema ansprechen und von den Medien ignoriert werden, dann ist das ein echtes Problem.

Feminist*innen werden immer von der extremen Rechten angegriffen, das ist klar. Aber in Thailand werden wir auch von der linken und der liberalen Seite angegriffen. Die extreme Rechte greift direkt an, mit Worten wie Schlampe oder Hure. Aber die Linke benutzt Humor, um die Feministinnen zu verspotten. Einige auf der linken Seite argumentieren, der Feminismus schränke ihre Meinungsfreiheit ein. Was, jetzt darf ich nicht einmal mehr einen Witz über Frauen machen? Sie haben das Gefühl, von der feministischen Bewegung zensiert zu werden. Und viele lehnen den Feminismus auch deshalb ab, weil sie der Meinung sind, dass wir in Thailand bereits eine Gleichstellung der Geschlechter haben. In der pro-demokratischen Bewegung fehlt es den Menschen an Bildung in Fragen der Ungleichheit und sie sind zu eng auf das Thema Meinungsfreiheit fokussiert. Sie sind geschlechtsblind. So viele Aktivist*innen fühlen sich unsicher, wenn sie mit männlichen Aktivisten zusammenarbeiten. Zum Beispiel ist eine befreundete Aktivistin von mir im Netzwerk der pro-demokratischen Aktivis*tinnen aktiv, aber immer wenn es ein Treffen oder eine Aktivität gibt, sind es die Frauen, die das Essen vorbereiten, den Abwasch erledigen usw. Es gibt also innerhalb der pro-demokratischen Bewegung ein mangelndes Bewusstsein für die Gleichstellung der Geschlechter. Und das wollen wir nicht mehr akzeptieren.

Ist die feministische Bewegung ein wichtiger Teil der neuen Proteste, die jetzt gegen das Militärregime entstehen?

Ja, viele der Protestierenden sind Frauen. In der Vergangenheit hat niemand die Rolle der Frauen in den Protesten anerkannt. Männliche Aktivisten würden sagen: „Wenn ich Euch im Kampf für Frauenrechte helfe, helft ihr mir, für die Demokratie zu kämpfen? Aber wir antworteten mit den Worten: „Warum glaubst du, dass wir nicht für die Demokratie kämpfen? Du hast uns einfach nicht wahrgenommen“. Unsere Rolle ist also bereits wichtig. Aber die Frage ist, ob Frauen und LGBT-Aktivist*innen für ihren Beitrag anerkannt werden. Und werden sie ihren Platz innerhalb der Bewegung beanspruchen? Ich denke, dass sich eine wichtige Veränderung vollzieht, da die pro-demokratische Bewegung von vielen Menschen ‚von unten’ geführt wird. Nicht nur von einigen wenigen männlichen Aktivistenführern, sondern von den wirklichen Menschen, die aus Menschen mit Unterschieden bestehen, nicht nur von einem Helden.

Interview und Übersetzung aus dem Englischen von: Oliver Pye

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  • Die Journalistin Anemi Wick arbeitete von 2020 bis Anfang 2026 als von AGIAMONDO vermittelte Fachkraft in Timor-Leste, wo sie im Rahmen des Zivilen Friedensdienstes das Produktionsteam der timoresischen Medienorganisation Casa de Produção Audiovisual (CPA) unterstützt und beraten hat.

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4 | 2019, Osttimor, Rezensionen, Timor-Leste,
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Ein innerer Kampf

Die kambodschanische Psychotherapeutin Sotheary YIM spricht in diesem Interview über die von den Khmer Rouge in großem Ausmaß ausgeübten Zwangsverheiratungen und ihre Auswirkungen bis in die heutige Zeit.

Du hast als Psychotherapeutin mit Überlebenden von Gewalt und Trauma der Roten Khmer gearbeitet. Welche Formen von geschlechtsspezifischer Gewalt haben die Roten Khmer ausgeübt?

Mir ist es bei diesem Thema wichtig, die Aufmerksamkeit auf Gewalt zu lenken, die auch schon vorher stattfand. Denn es ist nicht so, dass unter den Khmer Rouge plötzlich in diesem Land aus heiterem Himmel Gewalt gegen Frauen ausgeübt wurde. Kambodscha ist eine patriarchalische Gesellschaft. Viele Menschen sehen das so, aber uns wird etwas Anderes beigebracht. Hier heißt es immer, unsere Gesellschaft schätze die Frauen – weil viele Wörter mit dem Wort ,Mutter‘ beginnen. Aber für mich persönlich ist das Blödsinn, denn für mich ist das nur ein Vorwand, um die Frauen zu beruhigen, um den Sturm, das Aufbegehren zu beruhigen – es ist manipulativ.

Es gab viele Formen von geschlechtsspezifischer Gewalt, unter anderem Vergewaltigung, Gruppenvergewaltigung, sexuelle Verstümmelung und auch so genannten ‚Sexhandel’, also sexuelle Ausbeutung. Wie in jeder Gesellschaft ist es nicht leicht, diese Themen zu behandeln, weil sie oft tabuisiert sind. Aber es ist uns gelungen, dazu zu arbeiten, zunächst mit dem Cambodian Defenders Project (CDP) und später mit Kdei Karuna (KdK). Unser trauma-sensibler Projekt-Ansatz ermutigte die Frauen und Männer, die vergewaltigt worden waren, mit uns zu sprechen. Noch immer gibt es nicht viele, die über das reden, was sie erlebt haben. Zudem wurden viele nach den sexuellen Misshandlungen getötet. Diejenigen, die mit uns sprachen, waren oft Betroffene, auf die – zusammen mit anderen – geschossen worden war und/oder die mit Tötungsabsicht gefoltert und in Massengräber gelegt wurden – aber sie überlebten.

Ich möchte mich hier auf die Zwangsheirat konzentrieren, eine weit verbreitete Praxis, die von den Roten Khmer angeordnet wurde und Hunderttausende Frauen und Männer betraf. Sie fand in großem Ausmaß vor allem zwischen 1976 und 1979 statt, als die Bevölkerungszahlen infolge des Hungerns und Tötens immer weiter zurückgingen. Es war das erklärte Ziel von Pol Pot, dem Führer der Roten Khmer, die Bevölkerung in Kambodscha innerhalb von 15 Jahren von acht auf 20 Millionen zu erhöhen.

Die Zwangsheirat und die damit verbundenen Zwangsschwangerschaften und Vergewaltigungen gelten inzwischen als Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Ehemalige Führungskader der Roten Khmer wurden dafür 2018 vor dem Khmer-Rouge-Tribunal (ECCC) verurteilt.

Wurden diese Ehen beiden – Frauen und Männern – aufgezwungen?

Hier sehe ich eine Verbindung zur Geschlechterdiskriminierung. Als ich mit den Überlebenden sprach, erfuhr ich, dass Männer manchmal zumindest vorher gefragt oder informiert wurden. Aber ich habe nie von Frauen gehört, die mir sagten, dass sie wüssten, wen sie heiraten würden.

Die Eheschließungen fanden meist in den Nächten statt, nachdem die Arbeit erledigt war. Sie wurden in den Sitzungssälen der jeweiligen Kooperative organisiert, und oft wurden 20 bis 30 oder auch 70 bis 100 Ehen auf einmal arrangiert, je nach Ort und Leitung der Kooperative. Die Frauen und Männer mussten sich in getrennten Reihen aufstellen, 2 Namen wurden wie A und B aufgerufen, um voreinander zu stehen, sich an der Hand zu halten und das Ehe-Gelübde abzulegen. Es gab keine Möglichkeit, nein zu sagen. Einige Paare, und besonders die Frauen, waren so verängstigt, dass sie sich nicht einmal in die Augen sehen konnten. Oft wurden hübsche und junge Frauen mit viel älteren oder behinderten Männern verheiratet. Die behinderten Männer waren oft Kriegsveteranen, die Heirat wurde als ,Belohnung‘ für ihre Verdienste angesehen.

Nach den Eheschließungen wurden die Paare dann ausspioniert, um zu sehen, ob die Ehe vollzogen wurde. So wurden die Frauen entweder durch ihre Männer zum Geschlechtsverkehr gezwungen, oder beide wurden dazu genötigt, es ‚für das Land’ zu tun.

Wurde der Geschlechtsakt bis zur zweiten oder dritten Nacht nicht vollzogen, wurden die Männer weggebracht oder getötet. Einige Männer mussten die Frauen auch vor den Augen der Soldaten vergewaltigen. Die Folge der Zwangsheirat war eine erzwungene Schwangerschaft, was ebenfalls ein Verbrechen ist.

Was geschah nach dem Ende der Ära der Roten Khmer mit diesen verheirateten Paaren – blieben sie zusammen?

Ich glaube nicht, dass es dazu genauere Zahlen gibt. Die Zwangsehen fanden landesweit statt und fast jeder wusste davon oder hatte es sogar selbst erlebt. Aber bis wir mit den NGOs das Thema in die Öffentlichkeit gebracht haben, herrschte oft das Missverständnis vor, dass es sich um eine Art arrangierter Ehe handelte. Die Zwangsheirat unter den Khmer Rouge wurde daher oftmals nicht als Verbrechen eingestuft. Zudem ging es hier um sexuelle Gewalt. Wenn man mit Menschen redet, die unter den Roten Khmer gelebt haben, sprechen sie über die Zwangsevakuierungen, die Zwangsarbeit und andere Dinge, aber sexuelle Gewalt ist nicht etwas, über das gesprochen wird.

Es gibt Ehepaare, die sich nach dem Ende des Khmer-Rouge-Regimes getrennt haben, andere leben bis heute noch zusammen. Einige, die ihre Beziehung immer noch schätzen, haben später versucht, eine traditionelle Eheschließung nachzuholen. Hier geht es um die öffentliche Anerkennung des Paares und vor allem der Frauen. Denn ohne traditionell verheiratet zu sein, werden Frauen hier sozial oft nicht geachtet und respektiert.

Bei den Paaren, die noch zusammenleben und keine glückliche Ehe führen, sind viel Gewalt und Spannungen zu beobachten. Oft herrscht ein aggressiver Ton vor und sie sagen im Streit zum Beispiel: „Ich war gezwungen, dich wegen der Roten Khmer zu heiraten“. So lebt das Paar mit den Folgen der Verbrechen und darunter haben auch die Kinder zu leiden. Die Kinder werden von der Gesellschaft auch oft stigmatisiert.

In wie fern werden sie diskriminiert? Was geschieht mit den Kindern?

Sie werden als die Kinder einer unverheirateten Frau angesehen und sind deshalb in der Gemeinde nicht willkommen. Früher haben die Eltern ihre Kinder sogar versteckt. Heute ist es schon besser. Aber immer noch werden die Nachkommen eines geschiedenen Paares oder eine/r Alleinerziehenden nicht gefragt, ob sie z.B. als Brautjungfer an einer traditionellen Hochzeit teilnehmen wollen, weil das Unglück bringen soll. Die jüngere Generation ist also immer noch betroffen.

Wie siehst du als Psychologin die langfristigen Auswirkungen der sexuellen und geschlechtsspezifischen Gewalt, die während der Ära der Roten Khmer begangen wurde?

All die Traumata, all die Gewalt, die in der Vergangenheit geschehen und nicht verarbeitet wurden, hinterlassen Spuren im Gehirn. Der Versuch der Bewältigung geschieht oft unbewusst und häufig ändern sich dadurch das Verhalten und damit auch das Leben der Betroffenen.

Eine der sehr gravierenden Auswirkungen ist, dass die Generation meiner Eltern, die den Krieg direkt erlebt hat, Probleme damit hat, sich selbst und andere zu lieben und Liebe auszudrücken. Ihre Kinder hören nicht oft „ich liebe dich“ oder „wir lieben euch“. So nehmen sie es häufig so wahr, als hätten ihre Eltern sie nie geliebt oder seien stolz auf sie.

Einige haben uns berichtet: „Meine Eltern gehen gewalttätig miteinander und mit mir um. Sie schlagen mich, sie sind aggressiv zu mir.“ Das ist eine Art Übertragung des Traumas der Eltern auf die Kinder. Die Menschen hier denken, dass Gewalt normal ist, dass es normal ist, ihren Kindern gegenüber gewalttätig zu sein, weil sie ihre Kinder damit erziehen. Ich glaube, sie denken, dass es normal ist, weil es oft passiert – aber es ist definitiv keine normale Handlung, den Kindern gegenüber gewalttätig zu sein.

Was ich auch als eine Folge der erlebten Gewalt unter den Khmer Rouge ansehe ist, dass unsere Eltern uns sagen: „Seid nicht zu aktiv, denn es wird euch wehtun, die Politik wird euch wehtun. Bleibt in der Menge oder folgt der Menge, fallt nicht auf, sonst werdet ihr zur Zielscheibe.“ So erziehen uns unsere Eltern und übertragen ihre Ängste – wie können wir uns so entwickeln? Sobald wir wachsen, sobald wir uns hervorheben, sagen sie, das sei zu viel. Das passiert Frauen sehr oft, ich habe es selbst oft gehört.

Denkst du, dass Veränderungen möglich sind?

Die arrangierte Ehe ist in unserer Gesellschaft immer noch sehr akzeptiert, und der Übergang zur Zwangsheirat ist fließend. Und wenn es zu Vergewaltigungen kommt, wird dies immer noch den Frauen angelastet, auch von den führenden Politikern. Dies zeigt sich auch in einem sehr umstrittenen neuen Gesetzesentwurf nachdem Frauen zukünftig Strafe zahlen müssten, wenn sie sich nicht ,angemessen‘ kleiden.

Aber ja, ich sehe, dass Veränderungen möglich sind. Ich bin darauf vorbereitet, allerdings weiß ich auch wie viel Kraft es kostet. Ich gehöre zur ersten Generation von Frauen, die aufgestanden ist und über Gewalt an Frauen gesprochen hat.

Jetzt stellen die jungen Frauen und Männer immer mehr Fragen. Aber der Wandel hätte viel früher stattfinden können – seit mehr als 30 Jahren wird in Kambodscha die ,Gleichstellung der Geschlechter‘ gefördert. Dies ist nach wie vor die Agenda unseres Ministeriums für Geschlechterfragen und der NGOs. Ich bin der Meinung, dass es nicht funktioniert, nur zu informieren und die Botschaft zu vermitteln. Kreativität ist wichtig – deshalb setze ich auf den Dialog.

In meiner jüngsten Arbeit verbinde ich die sexuelle Gewalt und Vergewaltigung, die unter den Roten Khmer stattfand, mit der Gewalt, die heute gegen Frauen ausgeübt wird. Deshalb organisieren wir Dialoge zwischen Überlebenden des Roten Khmer Regimes und Studierenden. Es geht darum, was man aus der Geschichte, aus den Erfahrungen der Betroffenen lernen kann. Schüler*innen und Studierende glauben immer noch, dass Frauen vergewaltigt werden, weil sie ihren Körper nicht bedecken, oder weil Männer Drogen nehmen oder betrunken sind. Es wird immer nach einer Entschuldigung für eine Vergewaltigung gesucht.

In einem unserer Dialoge, die wir organisiert haben, gab es eine weibliche Überlebende von Vergewaltigung und sexuellem Missbrauch während des Regimes der Roten Khmer. Und sie stand auf und sagte: „Nein, das ist nicht wahr. Ich war sehr dünn, hässlich, sehr schmutzig, trug Arbeitskleidung – es ist nicht wahr, dass Frauen vergewaltigt wurden, weil sie ihren Körper nicht bedeckten.“ Dieser Moment hat mich sehr beeindruckt.

Video zu den „Women’s hearing with the young generation“, die 2013 von CDP in Anwesenheit von Studierenden durchgeführt wurden:

Wir müssen hier in Kambodscha noch viel mehr tun. Wir müssen alle einbeziehen, Männer und Frauen müssen zusammenarbeiten, und wir müssen mehr erreichen mit unserer Arbeit und unserem Engagement. Ich konzentriere mich jetzt sehr auf die maßgebliche Rolle, die Elternschaft, Erziehung und Bildung spielen, das ist wirklich wichtig. Jungen und Mädchen müssen die gleichen Chancen auf Bildung haben. Und sie müssen die Chance bekommen, frei zu leben. Es wird zwar länger dauern, aber ich denke, so kann sich der Wandel vollziehen.

Interview und Übersetzung aus dem Englischen von: Karin Griese

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Ein innerer Kampf

In Vietnam ist sexuelle Gewalt ein Tabuthema. Belastbare Daten gibt es daher kaum. Die Psychologin Khuat Thu Hong forscht seit Jahrzehnten zu den Ursachen von sexuellem Missbrauch. Im Interview spricht sie über die gesellschaftliche Perspektive, den Einfluss der Geschichte und Feminismus in Vietnam.

Dr. Hong, können Sie uns einen kurzen Überblick zu sexueller Gewalt in Vietnam geben?

Es ist heikel, in Vietnam über Sex, geschweige denn über sexuelle Gewalt zu sprechen. Für Vietnames*innen ist dieses Thema sensibel und privat. Die Menschen neigen dazu, zu schweigen und auszuweichen, wenn sie zu ihrem Sexualleben oder zu sexualitätsbezogenen Konflikten befragt werden.

Dennoch wird in letzter Zeit vermehrt über sexuelle Gewalt berichtet. So ergab eine Studie aus dem Jahr 2015, dass 87% der Frauen und Mädchen an öffentlichen Orten sexuellen Belästigungen ausgesetzt waren. Laut einer nationalen Studie über Gewalt gegen Frauen aus dem Jahr 2019 erlebt eine von acht Frauen in ihrem Leben sexuelle Gewalt durch einen aktuellen oder ehemaligen Ehemann. 9 Prozent der Frauen haben ab einem Alter von 15 Jahren sexuelle Gewalt durch jemand anderen als ihren Partner erlebt. 4,4 Prozent der Frauen berichteten, dass sie als Kind sexuellen Missbrauch erlebt haben.

Meiner Meinung nach sind diese Zahlen weit von der Realität entfernt und nur die Spitze des Eisbergs. Die Opfer sprechen selten über die Vorfälle oder suchen Hilfe. Die Stigmatisierung und Verurteilung durch die Gesellschaft sind für sie das größte Hindernis, ihre Meinung zu äußern oder Hilfe zu suchen.

Gibt es weitere Gründe, wieso Frauen die Fälle nicht melden?

Die Vietnames*innen sind sich der verschiedenen Arten sexueller Gewalt nicht voll bewusst. Viele Menschen begreifen nicht, dass sie Opfer sexuellen Missbrauchs geworden sind. Es ist Konsens, dass eine Vergewaltigung sexualisierte Gewalt ist. Aber erzwungener Sex in der Ehe, die erzwungene Nutzung von Verhütungsmitteln und sexuelle Belästigung, werden nicht unbedingt als Akt der Gewalt eingeordnet.

Das hängt damit zusammen, dass die Menschen glauben, dass es die Pflicht der Frau ist, das sexuelle Verlangen ihres Mannes zu befriedigen. Wann immer er es wünscht. Oder dass die Anwendung einer Verhütungsmethode zur Vermeidung einer ungewollten Schwangerschaft in der Verantwortung der Frau liegt. Sexuelle Belästigung wird oft als unvermeidlich angesehen, weil Männer ihren ‚natürlichen’ sexuellen Drang nicht kontrollieren können. Und weil Frauen dazu geboren sind, von Männern gehänselt zu werden.

Wie viele Frauen sind von sexueller Gewalt betroffen und wer ist besonders gefährdet?

Laut der nationalen Studie über Gewalt gegen Frauen aus dem Jahr 2019 erlebt jede dritte Frau in Vietnam in ihrem Leben physische und/oder sexuelle Gewalt. Fast jede zehnte Frau erlebte diese Gewalt innerhalb der letzten 12 Monate. In ländlichen Gebieten tritt Gewalt häufiger auf als in den Städten. Besonders betroffen sind junge Frauen im Alter zwischen 25-34 Jahren.

Auch Frauen mit Behinderung haben ein höheres Risiko Opfer von sexueller Gewalt zu werden als Frauen ohne Behinderung. Wie erwähnt erlebt – nach den Ergebnissen der nationalen Studie aus dem Jahr 2019 – eine von acht Frauen sexuelle Gewalt. Bei Frauen mit Behinderung ist es eine von fünf Frauen, die sexuelle Gewalt durch den Ehemann oder Partner erlebt hat. Die gleiche Studie ergab, dass Gewalt gegen Frauen im zentralen Hochland und im Delta des Roten Flusses im Vergleich zu anderen Regionen des Landes häufiger vorkommt. Es gibt einige Hinweise auf sexuelle Gewalt gegen Männer und Mitglieder der LGBT-Gemeinschaft. Aber meist sind es Frauen, die von Gewalt betroffen sind.

In einer Studie der vietnamesischen Regierung aus dem Jahr 2010 wird erwähnt, dass 42% der Frauen in der südöstlichen Region Vietnams unter häuslicher Gewalt, einschließlich sexuellem Missbrauch, leiden. Bei der ethnischen Gruppe der Hmong liegt diese Zahl nur bei 8%. Wie ordnen sie diese Differenz ein?

Unser Verständnis der ethnischen Gruppen ist in dieser Frage bisher recht begrenzt. Bei den Hmong werden Frauen nach der Heirat als ‚Eigentum’ der Familien der Ehemänner gesehen. Sie haben in den Familien nur begrenzt Macht. Zwangsverheiratung ist in ihrer Gemeinschaft immer noch weit verbreitet. Sobald Mädchen 13 oder 14 Jahren alt sind, drängen die Eltern sie zur Heirat. Deshalb denke ich, dass die Zahl von 8% nicht die Realität widerspiegelt.

Gibt es Unterschiede zwischen Nord- und Südvietnam?

Die Ungleichheit zwischen den Geschlechtern ist in den nördlichen Provinzen stärker ausgeprägt als im Süden. Nordvietnam – mit der Grenze zu China – ist stark von konfuzianischen Werten beeinflusst. Der Konfuzianismus wurde im 10. Jahrhundert als offizielle Ideologie des feudalistischen Staates Vietnam übernommen. Das hat Spuren hinterlassen, die bis in die Gegenwart reichen. Der Neokonfuzianismus, der unter der Song-Dynastie blühte und sich bis nach Vietnam ausbreitete, schränkte Frauen stark ein. Dieser Lehre zufolge ist die Keuschheit einer Frau wertvoller als ihr Leben. Sie soll eher sterben, als ‚unrein’ weiterzuleben. Südvietnam ist stärker von der südostasiatischen Kultur beeinflusst. Die konfuzianische Ideologie spielt keine so starke Rolle wie im Norden und Frauen sehen sich weniger strengen Regeln gegenüber. Es ist beispielsweise im Süden nicht mehr notwendig, Söhne zu haben, um die Ahnen zu verehren. Diese Aufgabe dürfen jetzt auch Frauen übernehmen.

Werfen wir einen Blick auf die französische Kolonialzeit und den Widerstand gegen die USA. Es gab Gerüchte, dass es zu sexuellen Übergriffen kam. Gibt es dazu Untersuchungen?

Konflikte, die mit dem Thema Geschlecht zusammenhängen, sind bisher kein Thema in der vietnamesischen Geschichtsschreibung. Es gibt nur wenige historische Dokumente, anhand derer sich diese Fragen beantworten lassen.

Allgemein lässt sich sagen, dass es in allen Kriegen und Konflikten zu sexueller Gewalt kommt. Sexuelle Gewalt wird systematisch als Kriegswaffe eingesetzt. Ich glaube aber nicht, dass dies bei den Kriegen gegen Frankreich und Amerika im 20. Jahrhundert der Fall war. Obwohl es Hinweise auf sexuelle Gewalt gegeben hat.

In mehreren Dokumenten zum Grenzkonflikt (mit China, Anm. d. Red.) von 1979 wurde mehr oder weniger deutlich, dass das Thema sexuelle Gewalt gegen Frauen schwerwiegend war. Es bedarf jedoch noch weiterer Forschung, um dazu belastbare Aussagen treffen zu können. Das Thema ist so heikel, dass es von Wissenschaftlerinnen und Forschern leider selten behandelt wird. Ich versuche seit Jahren, einen Zugang zu dem Thema zu finden. Aber es fehlt an Quellen.

Welche anderen soziokulturellen Faktoren gibt es, die bedingen, dass Frauen in Vietnam mit sexualisierter Gewalt konfrontiert sind?

Die Familie ist in der vietnamesischen Gesellschaft das höchste Gut. Wir werden erzogen, unsere Familie zu pflegen und sie um jeden Preis zu verteidigen. Diese Sichtweise bindet aber – wenn sie im Extrem gelebt wird – die Frauen eng an sexistische Vorurteile. Frauen, die nicht heiraten, haben gesellschaftlich keinen Wert. Frauen, die keine Kinder bekommen können, werden als ‚fehlerhaft’ angesehen. Frauen müssen für ihre Familie und ihr zu Hause Opfer bringen. Denn ohne Familie ist eine Frau ein Niemand.

In der Denke des vietnamesischen Volkes, steht für eine Frau die Familie über allem. Auch wenn die Familie für sie die Quelle von körperlichem und psychischem Leiden ist. Eine tugendhafte Frau lässt ihr Kind niemals ohne dessen Vater aufwachsen. Selbst wenn dieser Mann sie täglich schlägt. Das sind die Gründe, warum viele Frauen sich entscheiden, die Gewalt jahrelang schweigend zu ertragen.

Wie ist die Situation für Frauen vor der Ehe?

Von Frauen wird implizit erwartet, dass sie vor der Ehe unschuldig, rein und ‚intakt’ sind. Auch wenn Sex vor der Ehe kein Tabu mehr ist, werden Frauen, die vor der Ehe Sex haben, als ‚befleckt’ angesehen. Sowohl sexueller Missbrauch als auch Sex vor der Ehe sind mit Scham verbunden. Wenn vietnamesische Mädchen einen Freund haben, bevor sie verheiratet sind, ist das für sie mit der Sorge verbunden, dass er sie verlässt und sie keinen neuen Partner finden.

Wie wäre die gängige Reaktion einer Frau, der bewusst wird, dass sie Opfer sexueller Gewalt geworden ist? Gibt es Frauen, die dagegen protestieren?

Es ist wahrscheinlich, dass Betroffene wegen der sozialen Stigmatisierung und der Angst, ihren Ruf und den der Familie zu beschädigen, schweigen. Hinzu kommt die Angst, nach einer Scheidung oder Trennung in eine noch schlimmere Situation zu geraten. Die gleiche Reaktion zeigen Eltern, deren Kinder sexuellem Missbrauch ausgesetzt waren.

Nur sehr wenige Menschen wagen es, zu protestieren. In der Regel haben sie sich damit abgefunden, alles zu verlieren. Denn die Opfer sexueller Gewalt wissen, dass sie nicht mit Unterstützung rechnen können. Stattdessen werden sie von der Gesellschaft verurteilt. Die Frauen können den Vorwurf erheben, ihr Mann sei gewalttätig, spielsüchtig oder alkoholabhängig. Aber den eigenen Ehemann wegen sexuellem Missbrauch anzeigen? Die Scham bei diesem Thema ist riesig.

Wie reagiert die vietnamesische Regierung auf das Problem der sexuellen Gewalt?

Die Regierung ist sich dem Problem bewusst. In mehreren Gesetzen und Verordnungen wird das Thema sexuelle Gewalt aufgegriffen. Beispielsweise im Gesetz zur Verhütung häuslicher Gewalt, im Arbeitsgesetz und im Strafgesetz. 2019 hat der Richterrat des Obersten Volksgerichts in der Resolution Nummer 6 detaillierte Definitionen zu verschiedenen Arten sexueller Gewalt festgehalten. Einschließlich Vergewaltigung und sexueller Belästigung. Früher wurde der Begriff Vergewaltigung sehr eng definiert, nämlich als Penis-Vaginal-Penetration. Heute fällt darunter z. B. auch ungewollter Oralverkehr. Das neue Arbeitsgesetz von 2019 enthält mehrere Bestimmungen zur sexuellen Belästigung am Arbeitsplatz.

Meiner Meinung nach reicht das aber noch nicht aus. Die Durchsetzung von Gesetzen ist eine andere Geschichte als ihr Erlass. Außerdem sind die Verantwortlichen in der Regierung ebenso Teil der vietnamesischen Gesellschaft und mit soziokulturellen Vorurteilen belastet. Fälle von sexuellem Missbrauch behandeln sie entsprechend.

Ein Beispiel: Es gibt eine Geschichte über einen Ehemann, der den Verdacht hegte, dass seine Frau ihn betrogen hatte. Als Bestrafung wickelte er seiner Frau eine Decke um die Hüfte, begoss diese mit Benzin und zündete sie an. Als die Familie das bei der Polizei zur Anzeige brachte, kommentierte der Polizist, er würde dasselbe tun, sollte seine Frau ihn betrügen.

Wie schlagkräftig sind die feministischen Bewegungen in Vietnam?

Ich kann sagen, dass es bis jetzt in Vietnam keine feministischen Bewegungen gegeben hat und gibt. Die Vietnamesische Frauenunion (VWU) ist nicht aus der Frauenbewegung hervorgegangen, sondern wurde von der Kommunistischen Partei Vietnams (KPV) gegründet, um deren politischen Zielen zu dienen. Die VWU gibt vor, sich aktiv für Frauen und den Schutz ihrer Rechte einzusetzen. Ihr eigentlicher Zweck besteht aber darin, Frauen politisch für die KPV zu mobilisieren.

Die #Metoo Bewegung ist in Vietnam nicht stark verbreitet und wird nicht von der Politik unterstützt. Männer wie Harvey Weinstein gibt es in Vietnam unzählige. Aber ihre politische Macht schützt sie. Vor Gericht landen sie nicht.

Es gibt feministische Gruppen, die sich gegen geschlechtsspezifische Gewalt und im Besonderen sexuelle Gewalt, einsetzen. Sie versuchen, die Öffentlichkeit zu mobilisieren, um den Druck auf die Regierung aktiver zu werden, zu erhöhen. Aber insgesamt ist die feministische Bewegung noch schwach. Sie muss gefördert werden, damit sie wachsen und mehr Frauen erreichen und mobilisieren kann. Nur wenn Frauen in der Lage sind, für sich selbst einzutreten und politische Schlagkraft zu entwickeln, sich zusammenzuschließen, können Fortschritte erzielt werden.

Ich glaube, dass es einen langsamen, aber stetigen Wandel gibt. Jetzt, da Frauen finanziell unabhängiger sind, werden sie sich ihrer Rechte bewusst und beginnen, aktiv nach Gleichberechtigung zu streben. Immer mehr lokale NGOs und Aktivist*innengruppen schließen sich zusammen, um die Probleme anzugehen. Ich bin zuversichtlich, was die positiven Veränderungen in der nahen Zukunft betrifft.

Übersetzung aus dem Englischen von: Eva Kunkel

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  • Die Journalistin Anemi Wick arbeitete von 2020 bis Anfang 2026 als von AGIAMONDO vermittelte Fachkraft in Timor-Leste, wo sie im Rahmen des Zivilen Friedensdienstes das Produktionsteam der timoresischen Medienorganisation Casa de Produção Audiovisual (CPA) unterstützt und beraten hat.

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4 | 2019, Osttimor, Rezensionen, Timor-Leste,
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Ein innerer Kampf

In Timor-Leste haben Frauen über Jahrhunderte hinweg immer wieder Gewalt erfahren. Sie waren am Kampf um die Unabhängigkeit aktiv beteiligt. Dennoch ist ihre Geschichte bislang nur in Bruchstücken niedergeschrieben und in der Gesellschaft wenig sichtbar.

Geschichte wurde in Timor-Leste in den kommunalen Gesellschaften von Generation zu Generation mündlich weitergegeben. Doch nur dort, wo Frauen zusammenkamen, ob in der Landwirtschaft, beim Weben von Tais (traditionell gewebte Stoffe) oder dem Fertigen von Bote (geflochtene Körbe) wurde die weibliche Seite der Geschichte hörbar und sichtbar.

Die Weberinnen der Erinnerung

Sie lässt sich in traditionell gewebter Kleidung finden, die Muster erzählen die Erinnerungen. Die Bedeutung des Webens geht über den Beruf oder das Kunsthandwerk für touristische Zwecke hinaus. In Timor-Leste sind Tais keine Alltagskleidung, sondern eine Kleidung, die bei traditionellen Ritualen, bei Heirat und Beerdigungen getragen wird. Nach der Unabhängigkeit haben private Unternehmen diese Webmuster gestohlen und nutzen sie kommerziell. Dies ist respektlos gegenüber der Arbeit der Frauen, nimmt ihnen ihr geistiges Eigentum und ihre wirtschaftliche Existenzgrundlage.

Die Stellung von Frauen im Wandel der Zeitgeschichte

Das Leben in Timor-Leste spielt sich im Ländlichen ab. Auch heute betreiben noch 64% der Osttimores*innen weitgehend selbst versorgende Landwirtschaft als Subsistenzbauern und Bäuerinnen. Mehr als die Hälfte von ihnen sind Frauen. Die Verbindung der Frauen mit Mutter Erde ist untrennbar. Die Geschichte von Frauen wird also auch auf Korn und Maniok, das sie pflanzen und für die Trockenzeit aufbewahren, und auf dem Samen einheimischer Pflanzen und Kräuter geschrieben.

Während der indonesischen Besatzungszeit (1975 – 1999) haben Frauen die Mitglieder der Befreiungsbewegung in den Bergen mit Nahrung versorgt, die sie eigens angebaut und in ihren Taschen versteckt unter großen Gefahren zu ihnen gebracht haben. Frauen zeigten im langen Kampf für die nationale Befreiung enormen Mut. Ohne die revolutionären Taten der osttimoresischen Frauen in dieser Zeit könnte das Ergebnis heute ein anderes sein. Damals waren die Frauen ermächtigt und ihr Beitrag war anerkannt. Heute sind die Frauen genauso stark, müssen sich aber wieder gegen Faktoren, die sie entmündigen, wehren und für ihre wirtschaftliche und politische Befreiung kämpfen. Faktoren, die im Kolonialismus, in der Unterdrückung und nicht zuletzt auch in den herkömmlichen Gebräuchen ihren Ursprung haben.

Unterdrückung wurzelt in Tradition und Fremdherrschaft

Im Gegensatz zu den Frauen im Westen sind die Frauen in Timor-Leste noch stark an traditionelle Praktiken gebunden, die sie von Entscheidungsprozessen ausschließen. Unsere Nationalheldin Rosa Muki Bonaparte [1] schrieb in ihrem berühmten Manifest von 1975:

Muki brachte uns dazu, die tief verwurzelten Unterdrückungen aus unseren eigenen Traditionen und dem kolonialen Erbe, denen Frauen bis heute tagtäglich ausgesetzt sind, zu identifizieren und zu reflektieren.

Kulturelle Praktiken beschneiden weibliche Beteiligung

Unsere traditionellen Praktiken sind ungeschriebene Rituale und Lebensweisen, die von Generation zu Generation weitergegeben werden, aber von einem Clan zum anderen unterschiedlich sind. Die meisten Osttimores*innen leben nach wie vor nach ihnen, zum Beispiel bei Eheschließungen, bei Todesfällen, bei wichtigen Ereignissen im Leben eines Menschen. Einige kulturelle Praktiken haben eine Uminterpretation erfahren, aber bleiben bindend. Sie dürfen nicht in Frage gestellt werden. Das gebietet der Nationalstolz. Sie sind Teil kollektiver Rituale, die die Gemeinschaft zusammenhalten. Einige können als positiv angesehen werden, z.B.

    • nahe biti (‚die gewebte Matte ausbreiten‘), bei dem alle auf einer Matte sitzen und auf Augenhöhe diskutieren, um Lösungen für ein Problem zu finden,
    • fó sala (‚einen Fehler ausgleichen‘), eine Praxis, bei der eine Geldstrafe gezahlt wird, wenn man jemanden beschimpft oder beleidigt, und
    • tara bandu (‚Verbot‘), das zum Umweltschutz praktiziert wird.

Die wichtigste Gemeinsamkeit, die diese kulturellen Praktiken eint, besteht jedoch darin, dass es ihnen an der Beteiligung von Frauen mangelt.

Einige haben Frauen den Männern untergeordnet und ihnen das Recht auf eigene Entscheidungen genommen. Deutlich wird dies bei der Praxis von Barlaki. Dies ist ein Vertrag bei der traditionellen Eheschließung zwischen den Familien der Frau und des Mannes. Die beiden Familien werden mit bestimmten Ritualen und einer Anhäufung von Reichtum, der weitergegeben wird, vereint. Es handelt es sich bei Barlaki um eine ‚Ehe zwischen zwei Familien‘.

In einem Vermittlungsverfahren zwischen den Onkeln als männlichen Vertretern der Familien wird Art und Höhe des Barlaki festgelegt. Ziel ist, die zwei Familien zu vereinen und das Bündnis zu besiegeln. Diese Praxis schließt die Frau von der Hauptdiskussion aus: Seit Jahrhunderten hat sie weder Entscheidungsfreiheit über die Art der Eheschließung, noch über die Konditionen, die der Familie des Manns auferlegt werden sollen. Heute wird dieser Austausch allzu oft als Brautpreis interpretiert, mit dem die Männer die Frau als Eigentum erwerben. Mit dieser Haltung nehmen sie sich das Recht heraus, die Frau zu maßregeln, zu kontrollieren und auch Gewalt anzuwenden.

Fremdherrschaft verschärft die Auswirkungen patriarchaler Strukturen

Diese traditionellen Praktiken haben Hunderte von Jahren trotz Kolonialismus und Unterdrückungsregimen unverändert überlebt. Das liegt daran, dass die Systeme patriarchalisch sind, nach Kontrolle und männlicher Dominanz streben. So setzt sich der Kreislauf der Unterdrückung von Frauen fort.

Nehmen wir ein weiteres Beispiel: Meine Mutter wurde 1960 während der portugiesischen Kolonialzeit geboren. Ihren Erzählungen nach konnten Frauen sich nicht alleine in der Öffentlichkeit bewegen, aus Angst, dass das portugiesische Militär sie entführt und vergewaltigt. Sie mussten auch bei Tage von Männern (Ehemann, Brüder oder Familienangehörigen) begleitet werden.

Während der indonesischen Besatzungszeit wiederholte sich diese Geschichte. Meine Mutter gehörte seit 1975 der OPMT, der Volksorganisation der Frauen von Timor-Leste (Organizasaun Popular da Mulher de Timor).  In ihrer Region Manufahi engagierte sie sich aktiv in der Volksbildungspolitik. Eine ihrer Aufgaben war es, die in die Berge geflüchteten Osttimores*innen dazu anzuhalten, sich nicht den Indonesiern zu ergeben. So tauchte sie auf der roten Liste des indonesischen Militärs auf. Dies bedeutete, dass ihre gesamte Familie Gefahr lief getötet zu werden. Sie selbst wurde von Militärs überwacht und bedrängt, ihre Frau zu werden. Um nicht von der indonesischen Armee zur Prostitution gezwungen zu werden oder das Leben ihrer Familie bei einer Verweigerung zu gefährden, musste sie rasch einen osttimoresischen Ehemann finden.

Opfer von sexualisierter Gewalt werden stigmatisiert

Die Geschichte meiner Mutter ist nicht außergewöhnlich. Es ist die Geschichte unzähliger osttimoresischer Frauen, die sich und ihre Familie retteten, weil sie gezwungenermaßen mit indonesischen Militärs oder Polizisten als Frau zusammen lebten, von den Japanern im 2. Weltkrieg zwangsprostituiert wurden oder willkürlich heiraten mussten. Die Frauen, die dieses Opfer gebracht haben, werden bis heute geächtet, sogar ihre Kinder. Ihr Tun wird nicht als heldenhafte Tat angesehen, das Menschenleben rettete, sondern sie werden von der Gesellschaft dafür auch noch verurteilt. Die allgemein gebräuchlichen Worte sind nona ba bapa oder nona ba malae (Prostituierte der Indonesier oder der Ausländer).

Das indonesische Militärregime hat Frauen zur Informationsbeschaffung systematisch inhaftiert und gefoltert. Vergewaltigung als Kriegswaffe war eine sehr verbreitete Taktik der Unterdrücker, um Frauen zu erniedrigen. Über diese grausamen Taten wurde und wird in Timor-Leste kaum gesprochen. Weil das Benennen intimer Körperteile der Frau tabuisiert ist, ist sexualisierte Gewalt schambesetzt. Der Kampf der Frauen zur Befreiung unseres Landes wird immer noch nicht in vollem Umfang gewürdigt. Die meisten Statuen in Timor-Leste verherrlichen männliche Kriegshelden. Nur CAVR, die Kommission für Aufnahme, Wahrheit und Versöhnung in Timor-Leste, ist eine großartige Anlaufstelle, wo die Erfahrungen unzähliger Frauen dokumentiert sind.

Bedingt durch die gesellschaftlichen und traditionellen Normen, durch das Verhalten und die Verurteilungen durch die Regierung, die Gesellschaft und ihre Familien werden Frauen bis heute ausgegrenzt und sind ständigen Kämpfen ausgesetzt.

Widerstandskraft und Würde

Frauen in Timor-Leste haben eine extrem tragende Funktion in der Gesellschaft. Ihre Existenz in diesem System doppelter Unterdrückung ist ein tagtäglicher Akt des Widerstands und ein Aufbegehren für Unabhängigkeit und Selbstbestimmung. Selbst ihre ‚traditionell weiblichen‘ Beiträge zum Widerstand, sei es die Versorgung der revolutionären Kräfte der Vergangenheit oder das Aufziehen der Generation der Anführer von heute, werden nicht ausreichend beachtet und wertgeschätzt. Es ist an der Zeit, den Beitrag der Frauen zur Gesellschaft von Timor-Leste – in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft – zu würdigen.

Wir sollten den Mut und die Kraft der Frauen in den ländlichen Gebieten wieder ins Bewusstsein rücken. Das Wissen über Land, Nahrung, Ernährung, Naturkräutermedizin, Kleidung muss erhalten bleiben. Im Jahr 1975 gelang es der von Frauen geführten Volksbewegung OPMT, der Rosa Muki Bonaparte angehörte, die Analphabetenrate stark zu verbessern. Kinderkrippen und öffentliche Kinderbetreuung sollten zu mehr Gleichberechtigung von Frauen und Männern im Haushalt führen. Wir müssten wieder eine solche Bewegung mobilisieren.

Es gibt so viel Wissen und Fähigkeiten, die vom der OPMT nicht auf die jüngere Generation übertragen werden konnten, weil sie durch die illegale Invasion von Indonesien unterbrochen wurde. Lasst uns unsere weiblichen Helden wie Rosa Muki Bonaparte nicht vergessen und dafür sorgen, dass ihr Vermächtnis und ihre Präsenz in der Geschichte Timor-Lestes in unserer nächsten Generation lebendig gehalten wird, indem wir in ihrem Namen öffentliche Bibliotheken oder landwirtschaftliche Forschungszentren errichten.

Osttimors Frauen habe sich ihre Unbeschwertheit und Tatkraft beibehalten, man hört sie laut lachen, sie verschaffen sich im Öffentlichen Gehör, sie tanzen bei der Ernte des Korns den tebe-tebe (traditioneller Kreistanz). Es sind die Frauen, die Gäste willkommen heißen und eine Tasse Kaffee anbieten. Der Kaffee wurde nicht nur von den Frauen zubereitet, sondern auch von ihnen vom Kaffeebaum gesammelt, den sie vor langer Zeit gepflanzt haben.

Die Verbundenheit der Frauen mit der Erde Timor-Lestes, ihre mündlich erzählte Geschichte und ihre Widerstandskraft, die über Generationen weitergegeben wurden, sind ein Reichtum dieser Nation, den es zu bewahren und zu zelebrieren gilt. Wir dürfen nicht vergessen, dass Frauen keine Opfer sind. Sie sind resiliente Überlebende. Jede Frau ist ein Akt des Widerstands gegen das patriarchale System, ihre Geschichte reicht in diesem Land Hunderte von Jahren zurück. Es lohnt sich, auf ihre Stimmen zu hören und von ihnen zu lernen, um die Zukunft von Timor-Leste für alle zu gestalten.

Übersetzung aus dem Englischen von: Monika Schlicher und Maria Tschanz

[1] Frauenrechtlerin, Mitglied im Zentralkomitee der FRETILIN; Generalsekretärin der Volksorganisation der Frauen von Timor-Leste (Organizasaun Popular da Mulher de Timor); Sie wurde zuletzt am 8. Dez. 1975, einen Tag nach der Invasion durch Indonesien, am Kai im Hafen von Dili lebend gesehen. Das indonesische Militär richtete dort zahlreiche Menschen hin.

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  • Die Journalistin Anemi Wick arbeitete von 2020 bis Anfang 2026 als von AGIAMONDO vermittelte Fachkraft in Timor-Leste, wo sie im Rahmen des Zivilen Friedensdienstes das Produktionsteam der timoresischen Medienorganisation Casa de Produção Audiovisual (CPA) unterstützt und beraten hat.

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4 | 2019, Osttimor, Rezensionen, Timor-Leste,
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Ein innerer Kampf

Philippinen: Trotz guter Rankings in Sachen Gleichberechtigung sind patriarchale Strukturen tief in Alltag und Kultur verwurzelt. Sexualisierte Gewalt ist traurige Normalität. Bewegungen wie #HijaAko brechen das Schweigen darüber

Am 11. Juni 2020 warnt eine Polizeistation in der philippinischen Provinz Quezon auf der nördlichen Hauptinsel Luzon Mädchen davor, zu kurze, „unangemessene“ Kleidung zu tragen: „Beschwert euch dann nicht bei der Polizei, wenn ihr sexuell belästigt werdet“, heißt es auf ihrer Facebook-Seite. Die Opfer würden Täter provozieren, so die Botschaft hinter der Aussage. „Diese Bemerkung ist ein typisches Beispiel dafür, wie Menschen Frauen sehen, die sexualisierter Gewalt ausgesetzt sind“, sagt Nathalie Africa Verceles, Leiterin des Center for Women’s and Gender Studies an der University of the Philippines (UP). Nicht nur Männer würden so denken, auch Frauen. „Sie gehen automatisch davon aus, dass Frauen selbst Schuld wären, wenn Männer sie belästigen.“

Die ‚ideale Frau’

Die Kleidung ist nur einer von vielen Faktoren, die von gesellschaftlichen Normen bestimmt und vom Umfeld kritisch beurteilt werden. Vermeintlich ‚unangepasstes’ Verhalten von Frauen dient im schlimmsten Fall Männern als Entschuldigung dafür, sie sexuell zu belästigen oder Gewalt anzuwenden. „Es ist teilweise in unserer Kultur verwurzelt“, erklärt Dasha Uy, Studentin an der Universität Ateneo de Manila. Ideale Vorstellungen von der Rolle als Frau werden einerseits von der starken katholischen Kirche vorgegeben. Doch findet man sie auch in der Literatur, beispielsweise in der Figur Maria Clara aus dem berühmten Werk Noli me Tangere von José Rizal. „Die Menschen denken, Maria Clara ist perfekt: Passiv, ruhig, freundlich“, sagt Uy. Eine Frau, die als unfehlbar gilt und deshalb nicht belästigt werden kann.

Übersehen wird dabei oft, dass Maria Clara im Buch sehr wohl vergewaltigt wird. „Wir haben dieses Ideal einer perfekten Filipina. Die Menschen denken, sie muss so sein, dann wird ihr nichts passieren. Und wenn eine Frau vergewaltigt wird, heißt das, sie hat sich nicht den Standards gemäß verhalten und verdient es. Das ist in den Köpfen verankert. Wenn du nicht darüber nachdenkst, bemerkst du es nicht.“

Gleichberechtigung als Mythos

Auch Verceles von der UP sieht im fehlenden Problembewusstsein der Menschen die größte Herausforderung. „Viele akzeptieren Gewalt gegen Frauen als Normalität. Das versuchen wir zu ändern“, betont sie. Doch Einstellungen ändern sich nicht über Nacht. Nicht nach jahrelanger Erziehung in einem patriarchalen System. „Wir wachsen in dem Glauben auf, dass Frauen und Männer nicht gleich seien“, so Verceles.

In internationalen Rankings, wie dem Global Gender Gap Report des Weltwirtschaftsforums gehören die Philippinen in Sachen ökonomischer und politischer Teilhabe von Frauen zu den Ländern, die am besten abschneiden. Doch die Realität vermeintlicher Gleichberechtigung sieht anders aus. Laut Uy müsste das Verständnis von Empowerment überdacht werden: „Zurzeit teilen nicht Frauen und Männer die gleichen Rechte. Sondern von Frauen wird erwartet, alles zu machen, um als ermächtigt zu gelten: arbeiten und zugleich kochen, putzen und die Kinder erziehen. Sie müssen Super-Frauen sein.“

Erziehung nach Stereotypen

Schon früh lernen Kinder, wie sie sich gemäß ihrem Geschlecht zu verhalten haben. Eltern warnen Mädchen davor, alleine außer Haus zu gehen, vor allem nachts. Söhne dürfen länger ausbleiben als Töchter. Mädchen wird gelehrt, wie sie sich zu schützen haben vor den Männern, die sich angeblich ihrer Natur nicht erwehren könnten. „Vergewaltiger werden immer da sein“, behauptete der landesweit bekannte Moderator Ben Tulfo auf Twitter. „Alles, was sie brauchen, ist eine Gelegenheit. Sexy Ladies, passt auf wie ihr euch kleidet! Ihr provoziert die Bestie.“ Der Mann, eine Bestie, ständig auf der Jagd nach jungen Frauen, die sich nicht ‚angemessen’ verhalten?

#HijaAko – Widerstand im Web

Ben Tulfo antwortete mit diesem Kommentar auf einen Tweet der Sängerin Frankie Pangilinan. Sie hatte das, mittlerweile gelöschte, Facebook-Posting der Polizei aufgegriffen und geschrieben: „Hört auf, Frauen darüber zu belehren, was sie anziehen sollen! Bringt den Leuten bei, nicht zu vergewaltigen!“ Darauf folgte die Belehrung Tulfos, der Pangilinan mit hija ansprach. Hija, ein Wort aus dem Spanischen, bedeutet übersetzt ‚Tochter’, aber auch ‚junge Frau’. Ein Wort, das Ältere verwenden, wenn sie den Kindern etwas erklären wollen, wenn sie sich seufzend über sie beklagen und sie auf den rechten Weg zurückführen. Frauen als hija zu bezeichnen mag als väterliche Geste daherkommen. Im besten Fall gut gemeint, aber dennoch schmerzhaft, spricht sie der angesprochenen Person jegliches Urteilsvermögen ab, stellt sie als naiv dar. In einer patriarchalen Gesellschaft weist das Wort hija den Frauen ihren Platz zu. Still und gehorsam sollen sie sein.

Pangilinan, die 212.000 Twitter-Follower hinter sich hat, blieb keineswegs still: „Mich ‚hija’ zu nennen, schmälert meine Argumente nicht.“ Sie drehte den Spieß um. Von einem Wort, das verniedlichen soll, wurde hija zur Bezeichnung für jene Frauen, die für ihre Rechte kämpfen. Die nicht still und gehorsam sind, sondern laut und fordernd. Der Hashtag #HijaAko entstand, übersetzt: „Ich bin eine junge Frau“. Betroffene teilten ihre Leidensgeschichten von sexualisierter Gewalt und Vergewaltigung, andere ihre Solidarität, um zu zeigen, dass Missbrauch nicht totgeschwiegen werden darf, dass es ungerecht ist Frauen als Schuldige zu brandmarken.

Hierarchien und Männlichkeit

#HijaAko reagiert damit auf die Verhältnisse, Traditionen und Haltungsweisen in der philippinischen Gesellschaft und Kultur. Frauenverachtende Handlungen gehen stets von einem hierarchischen Blickwinkel aus. Davon, dass es Personen gibt, die höher gestellt sind als andere. Im Patriarchat steht ein bestimmtes Männlichkeitskonzept über allem. Frauen, Homosexuelle und trans*-Menschen sind diesem untergeordnet. Dass sexualisierte Gewalt immer öfter von der Polizei ausgeht, lässt sich laut Verceles so erklären: „Die Polizei und das Militär sind patriarchale Institutionen, die auf einer Kultur des Kommandos beruhen. Sie spiegeln im Grunde wider, wie die Gesellschaft Frauen behandelt.“

Widerstand an der Universität

Hierarchien schaffen Ungleichheiten. Auch an Institutionen, die sonst kaum im Zentrum von Kritik stehen: Eliteuniversitäten. Die Gruppe Times Up Ateneo (TUA) wurde gegründet, um das Schweigen über sexualisierte Gewalt an einer der prestigeträchtigsten Hochschulen Manilas, der jesuitisch geführten Ateneo de Manila, zu brechen. Am 15. Oktober 2019 protestierten Studierende, sowie Lehrende und Fakultätsmitglieder als Folge einer Kontroverse um eine Lehrperson, die der sexuellen Belästigung beschuldigt wird.

Kein Einzelfall, sondern einer von vielen, der das Fass zum Überlaufen brachte. „Es gibt eine längere Vorgeschichte“, berichtet Luther Aquino, Initiator des Protests. „Viele sind auch unzufrieden mit der Art, wie die Universität mit diesen Fällen umgeht.“ TUA entstand direkt aus diesem Protest heraus. „Wir spürten die Notwendigkeit den Druck auf das Rektorat aufrecht zu halten und Fälle von sexualisierter Gewalt aufzuzeigen.“ Innerhalb der Universität spaltet das Thema die Mitarbeitenden: in jene, welche die Initiative begrüßen und andere, die mit Feindseligkeit reagieren.

Bildungssystem verstärkt veraltete Rollenbilder

„Die akademische Welt ist sehr hierarchisch“, erklärt Danna Aduna, Lehrende und Mitglied von TUA. Für Professoren sei es in diesem Umfeld ein Leichtes, ihr hohes Ansehen und ihre privilegierte Position auszunützen. Steht ihre Stimme gegen jene der Opfer, haben letztere meistens verloren.

Dasha Uy ergänzt: „Ateneo hat eine eigene Kultur, wie eine kleine Gemeinschaft. Personen, die diesen Frieden stören, werden als Problemmacher*innen betrachtet.“ Erst recht, wenn sie den Vorwurf sexualisierter Gewalt äußern. Diese geht nicht nur von Lehrenden aus, sondern auch von Studierenden selbst und findet ihre Hintergründe im elitären Bildungssystem. Viele Studierende kommen aus Privatschulen, oft sind es reine Jungen- oder Mädchenschulen. „Wenn die Jugendlichen an die Uni kommen, sind sie schlecht für die Interaktion zwischen den Geschlechtern gerüstet“, berichtet Uy. Jungenschulen bezeichnet sie gar als „Echokammern der Misogynie“, wobei auch der Druck nicht vergessen werden darf, den Jungen erleiden, wenn sie den idealisierten Männlichkeitsbildern nicht entsprechen. Hinzu kommen veraltete Rollenbilder, die in den Schulen vermittelt werden, und unzureichender Aufklärungsunterricht.

Eine Mischung aus verschiedenen Faktoren führte zur Normalisierung sexualisierter Gewalt in Ateneo, einer Universität, die ihren Ruf hochhält und deshalb schweigt. TUA möchte hingegen sichergehen, dass vergangene Fälle nicht beiseitegeschoben werden. Betroffenen Unterstützung und Gerechtigkeit zukommen zu lassen, gehört ebenso zu den Zielen der Aktivist*innen, als auch weitere Fälle zu verhindern. „Wir haben eine eigene Gemeinschaft von Opfern, Überlebenden und Unterstützer*innen aufgebaut“, sagt Aduna. „Wir wollen diesen Menschen einen sicheren Raum bieten.“

Schutz durch Gesetze

Schließlich haben Betroffene auch die Gesetze auf ihrer Seite, zumindest auf dem Papier. Die Philippinen gehören zu den ersten Unterzeichnern der UN-Konvention zur Beseitigung jeder Form von Diskriminierung der Frau (CEDAW). Die Vetragsstaaten verpflichten sich zu einer Politik zur Beseitigung der Diskriminierung der Frau.

Auf den Philippinen sind Frauen und Kinder per Gesetz vor Gewalt geschützt, dem Anti-Violence Against Women and Their Children Law von 2004. Es stellt häusliche Gewalt gegen Frauen und Kinder unter Strafe. Gemeint ist physische, sexualisierte sowie psychologische Gewalt. Ebenso unter Strafe steht ökonomischer Missbrauch, sprich jeglicher Versuch, Frauen finanziell von sich als Mann abhängig zu machen. Im Juli 2019 trat zudem der Safe Spaces Act in Kraft, ein Gesetz, das sexuelle Belästigung sowie homophobe Angriffe an öffentlichen Orten und im Internet unter Strafe stellt.

Nathalie Verceles von der UP betont allerdings, dass die Existenz von Gesetzen nicht ausreicht. Schlussendlich werden sie von Menschen umgesetzt, von der Polizei, von Richter*innen und anderen Akteur*innen des Justizsystems. „Wenn du Leute im System hast, die kein Bewusstsein für Genderfragen haben, wie können sie das Gesetz anwenden?“, fragt sie und spricht von Richtern, die selbst in Vergewaltigungsfällen Urteile gegen die Opfer sprechen. Und von vielen anderen Fällen, die nicht an die Öffentlichkeit gelangen.

Sehr wohl öffentlich machte hingegen Präsident Rodrigo Duterte seine Einstellung zu Geschlechterverhältnissen. In Reden degradierte er Frauen zu Objekten. Seine Bemerkungen reichen von Beleidigungen bis zu einem Aufruf zu sexualisierter Gewalt. Als Oberhaupt des Landes bestätigt er damit die Ansicht, Gewalt an Frauen sei Normalität. „Er machte vieles von dem zunichte, was die Frauenbewegung in jahrzehntelanger Arbeit erreicht hat“, betont Verceles und kündigt an: „Unsere Arbeit geht weiter.“

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  • Die Journalistin Anemi Wick arbeitete von 2020 bis Anfang 2026 als von AGIAMONDO vermittelte Fachkraft in Timor-Leste, wo sie im Rahmen des Zivilen Friedensdienstes das Produktionsteam der timoresischen Medienorganisation Casa de Produção Audiovisual (CPA) unterstützt und beraten hat.

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Ein innerer Kampf

Kambodscha: Vartey Ganiva macht in ihren Songs auf Gewalt gegen Frauen und die Situation von Sexarbeiter*innen aufmerksam. Die Aktivistin Un Samphors leitet die Organisation ‚Moms Against Poverty’. Beide Frauen machen Themen öffentlich, die sonst selten gehört werden.

Als die #metoo-Bewegung 2017 ins Rollen kam, fand sie zunächst in den USA statt und verbreitete sich dann global weiter. Hatte die Entwicklung auch Auswirkungen auf Kambodscha?

Vartey Ganiva: Um ehrlich zu sein, habe ich das erste Mal davon gehört, als mich ein Journalist nach #metoo fragte. Ich habe es dann gegoogelt und ein Gefühl dafür bekommen, worum es bei #metoo geht und was Frauen einfordern.

Un Samphors: Die Bewegung war nicht sehr bekannt. Obwohl wir natürlich auch von den Strukturen betroffen sind, die die Bewegung verändern will. Die meisten Frauen hier haben vor einigen Jahren begonnen, sich über Gendergerechtigkeit zu informieren und versuchen, die Denkmuster, mit denen sie aufgewachsen sind, zu hinterfragen.

Kambodscha hat in den vergangenen Jahrzehnten schwierige Zeiten durchlebt. Was wisst ihr über die Erfahrungen von Frauen in diesen Konflikten?

VG: Meine Mutter und meine Großmutter haben erst vor kurzem begonnen, über diese Zeit zu sprechen. Ich glaube, die Menschen neigen dazu, mehr zu reden, je älter sie werden. Viele Frauen besaßen nach den Roten Khmer keinerlei Bildung. Wenn Eltern entscheiden mussten, welches ihrer Kinder zur Schule gehen durfte, fiel die Wahl immer auf den Jungen.

Als Folge daraus war der Frauenanteil innerhalb der Regierung sehr gering. Auch meine Mutter durfte nicht studieren. Meine Großmutter sagte immer, dass es ihre einzige Tochter sei, weshalb sie sich große Sorgen um sie mache. Sobald die Frauen verheiratet waren, stand immer der Mann im Mittelpunkt, als Ernährer der Familie.

Darüber hinaus hatten viele Familien Angst vor Vergewaltigung und Missbrauch während der Zeit der vietnamesischen Besetzung. Deshalb wurde den Mädchen nicht erlaubt, das Haus allein zu verlassen. Dadurch, dass nicht klar war, wer das Land regiert, wäre niemand dafür verantwortlich gewesen, wenn etwas passiert wäre.

US: Diese Geschichten zu hören, macht mich wirklich traurig und wütend. Männer hatten immer das Recht, zu tun was sie wollten. Sie konnten ihre Frauen schlagen, sie konnten ihre Affären mit zu sich nach Hause nehmen und kein Mensch hätte sich beschwert. Die Menschen hatten immer nur Angst, wenn es um die Sicherheit der Frauen ging.

In traditionellen kambodschanischen Vorstellungen von Familienbildern werden Frauen oft nur als die Personen angesehen, die für die Hausarbeit verantwortlich sind. Wenn Frauen mit einem Mann ausgegangen wären, hätten die Nachbar*innen sich gefragt, ob sie sich verkaufen. Es wäre ihnen schlicht nicht erlaubt worden, sich ihren Freund oder Ehemann selbst auszusuchen.

VG: Selbst ich durfte, als ich 15 Jahre alt war, nicht allein ausgehen. Vielen Frauen wird gesagt, dass sie keinen Ehemann finden, wenn sie sich nicht an die Regeln halten.

Das hängt auch mit dem Glauben an die Jungfräulichkeit zusammen: Wenn eine Frau keine Jungfrau mehr ist, wird sie als nutzlos betrachtet.

Aber heutzutage gibt es eine Menge Veränderungen in Kambodscha. Frauen sind stark genug, für sich selbst einzustehen und streben danach, zukünftig in vielen Bereichen Führungsrollen einzunehmen. Den Eindruck hatten wir auch bei den Podiumsdiskussionen, die wir geführt haben.

In welchen Kontexten ist Gewalt gegen Frauen heute Teil des Alltags? Welche Machtstrukturen gehen dieser Gewalt voraus?

VG: Kambodschanische Männer neigen oft dazu, ihre Privilegien als selbstverständlich anzusehen. Ein Beispiel dazu von unserem Vortrag in Battambang: Ein Mann dort meldete sich und fragte uns, ob es überhaupt nötig sei, dieses Thema zu behandeln. Es war offensichtlich, dass er sich unwohl damit fühlte, dass nur Frauen auf dem Podium saßen. Er verstand die Diskussion als einen Angriff gegen alle Männer und als einen Versuch, die Männer in Kambodscha zu unterdrücken.

Aber das ist es nicht, was wir wollen. Wir fordern einfach Gleichberechtigung, damit Frauen nicht von ihren Ehemännern, Brüdern oder Vätern abhängig sind. Wir wollen, dass auch Männer Frauen unterstützen, damit diese für sich selbst entscheiden können. Ich muss sagen, dass ich in Kambodscha viele Fortschritte sehe, was das angeht. Auch für Männer gibt es mehr Bildungsangebote zu Gendergerechtigkeit und viele von ihnen unterstützen Frauen. Und auf der anderen Seite zögern Frauen nun weniger, kritische Fragen zu stellen und die Ziele, die sie sich gesetzt haben, zu erreichen.

US: Gendergerechtigkeit kann so viel schneller und besser erreicht werden, wenn sowohl Männer als auch Frauen an diesen Themen arbeiten. Wir wissen, dass Frauen gute Führungspersönlichkeiten sein können, das sehen wir schon von klein auf. Heutzutage ist der Anteil von Frauen an Universitäten in Kambodscha höher als der von Männern.

Männer neigen dazu, Bildungschancen weniger wahrzunehmen, weil sie gewohnt sind, Machtpositionen innerhalb der Gesellschaft zu besitzen. Frauen fordern einfach die gleiche Stellung innerhalb unserer Gesellschaft ein. Das ist das Einzige, was wir versuchen zu erklären.

Ihr wollt, dass Menschen über Fragen nachdenken, die Umwelt, Armut oder andere soziale Probleme betreffen. Kann Musik dabei ein besonderes Mittel sein, diese Anliegen zum Ausdruck zu bringen?

VG: Die Art von Musik, die ich mache, unterscheidet sich von vielen anderen Künstler*innen in Kambodscha. Ich möchte die sozialen Entwicklungen in meinem Land widerspiegeln und die Probleme ansprechen, die ich sehe. Wenn meine Videos im Fernsehen gespielt werden, kann ich damit viele Menschen erreichen. Darüber hinaus teile ich viele meiner Gedanken über soziale Medien mit anderen Menschen.

Musikvideo ,Chob Cher‘ (Stopp den Schmerz) von Vartey Ganiva:

Wovon handelt dein letztes Musikvideo, das im Februar veröffentlicht wurde?

VG: Einer der Schwerpunkte meines neuesten Songs, ,Chob Cher‘ (Stopp den Schmerz), ist Sexualaufklärung und insbesondere Aufklärung über Sexarbeiter*innen in Kambodscha. Ich habe versucht, diese Themen mit einigen Szenen im Video abzubilden. Oft wurde ich gefragt: Wofür steht bitte dieser Büffel in deinem Video? Warum interessierst du dich für Sexarbeit? Vor allem Teenager konnten den Kontext anfangs nicht verstehen.

US: Die Botschaft, die wir vermitteln wollten, richtet sich vor allem an junge Frauen: Habt keine Angst, seid mutig, geht hinaus und setzt eure Träume in die Tat um! Es ist an der Zeit, euer Potenzial zu nutzen und optimistisch in die Zukunft zu schauen.

VG: Natürlich habe ich gutes und schlechtes Feedback für den Song bekommen. Das Argument einiger Menschen war, dass es so viele andere Berufe gibt, dass es keinen Grund gebe, Sexarbeiter*in zu werden. Aber viele bedenken dabei nicht, dass dieser Job leicht zugänglich ist und schnell Geld einbringt. Andere Jobs bringen vielleicht nicht genug Geld, um die Familie zu unterstützen. Daher bleibt vielen Frauen oft nichts Anderes übrig, als ihren Körper zu verkaufen.

US: Viele Menschen in Kambodscha blicken auf Sexarbeiter*innen herab. Selbst wenn sie ihre Arbeit wechseln wollen, gibt es wenig andere Berufe, in denen sie akzeptiert würden. Viele von ihnen leiden aufgrund der Situation unter psychischen Problemen.

Diese Umstände verschlimmern sich durch die Covid-19 Krise gerade. Einige der Frauen, die vorher in KTVs (Karaoke Bars) oder Restaurants gearbeitet haben, haben ihren Arbeitsplatz verloren und wurden so in die Sexarbeit gezwungen. Sie haben einiges an Geld verdient, das sie nach Hause zu ihren Familien schicken konnten. Diese waren froh darüber, Unterstützung zu erhalten. Aber wenn die Familien erfahren, womit die Frauen ihr Geld verdienen, werden viele von ihnen verstoßen. Dabei kann Sexarbeit eine Basis dafür sein, Geld anzusparen und anschließend eine andere Arbeit zu wählen.

VG: Während unserer Veranstaltung in Battambang fragte ein Mann, warum Frauen einen Job mit einem so schlechten Ruf wählen würden. Eine Frau antwortete: „Nun, an wen verkaufen Frauen denn diese Dienstleistung? Wenn Männer diese Dienste nicht mehr in Anspruch nehmen würden, wäre diese Art von Einkommen gar keine Option für uns.“

Dazu passt auch das Victim-Blaming in Kambodscha gegenüber Frauen, die vergewaltigt werden. Oft wird Frauen vorgeworfen, zu kurze Röcke zu tragen, anstatt von Männern zu verlangen, sich zu beherrschen. Das ist kein Problem der Frauen, sondern ein Problem der männlichen Bevölkerung. Über lange Zeit wurden diese Denktraditionen einfach nicht in Frage gestellt. Deshalb wollte ich in meinem Video einen Fokus darauf legen, um Sexarbeiter*innen zu repräsentieren.

Was für Reaktionen gab es von den Menschen, die zu euren Veranstaltungen in Battambang und Phnom Penh gekommen sind?

VG: Wir waren sehr beeindruckt von dem Feedback, das wir von den Menschen erhalten haben. Überraschenderweise beteiligten sich viele Mönche an der Diskussion. Ich dachte vorher immer, dass diese Themen für Menschen, die in den Pagoden dienen, eine Art Tabu darstellen.

US: Ich war froh zu sehen, wie die Gespräche die Frauen motiviert haben. Sie wirkten nicht nervös oder schüchtern und stellten viele Fragen oder teilten ihre Ansichten über geschlechtsspezifische Ungleichgewichte. Da nicht viele Frauen in Kambodscha in der Lage sind, sich Gehör zu verschaffen, ermutigten uns viele Teilnehmerinnen dazu, ihre Position zu vertreten und mit unserer Arbeit fortzufahren. Sie unterstützen uns sehr und geben uns ein gutes Gefühl bei dem, was wir tun.

Habt ihr Angst davor, durch die Regierung in eurer Arbeit eingeschränkt zu werden?

VG: Eins meiner Lieder, ,Evil Husband‘, durfte tatsächlich nicht im nationalen Fernsehen gespielt werden. Um die Erlaubnis zu bekommen, es zu senden, hätte ich den Titel ändern müssen. Das kam für mich zu keinem Zeitpunkt in Frage. Bei ,Chob Cher‘ sah ich mich keinerlei Einschränkungen durch die Behörden ausgesetzt. Das mag auch daran liegen, dass das Thema Liebe, welches der Song aufgreift, nicht allzu viel mit Politik zu tun hat.

US: Das Verbot von ,Evil Husband‘ ist wirklich sehr ironisch. Das Video enthält eine aufmunternde Botschaft, denn am Ende des Liedes verändert sich der Ehemann zum Besseren. Aber das war für die Behörden scheinbar nicht genug, um den Song zu senden.

VG: Ich werde immer versuchen, meine Texte mit der Situation in Kambodscha und dem politischen Status quo zu verbinden. Mein Hauptanliegen dabei ist es, junge Menschen dafür zu begeistern, Veränderungen für eine bessere Zukunft zu fordern.

Interview und Übersetzung aus dem Englischen von: Simon Kaack

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  • Die Journalistin Anemi Wick arbeitete von 2020 bis Anfang 2026 als von AGIAMONDO vermittelte Fachkraft in Timor-Leste, wo sie im Rahmen des Zivilen Friedensdienstes das Produktionsteam der timoresischen Medienorganisation Casa de Produção Audiovisual (CPA) unterstützt und beraten hat.

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4 | 2019, Osttimor, Rezensionen, Timor-Leste,
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Ein innerer Kampf

In Indonesien ist sexualisierte Gewalt allgegenwärtig. Dennoch werden Gesetze zum Schutz der Überlebenden immer wieder verschoben. Ein Interview mit der Wissenschaftlerin Sabina Puspita über den Umgang mit sexualisierter Gewalt und neue Initiativen dagegen.

Während der Proteste in Jakarta zum Internationalen Frauentag 2020, kam es zu sexuellen Übergriffen gegen Demonstrant*innen. Was ist passiert? Und wie bewerten sie den Umgang mit den Vorfällen seitens der Organisator*innen?

Der Internationale Frauentag 2020 in Jakarta wurde von sehr diversen Vereinen organisiert, die bisher keine Aktionen gemeinsam veranstalteten. Hauptorganisator*innen waren die Gruppierung Women’s March Jakarta – nach dem US-amerikanischen Vorbild des Women’s March on Washington –, die Allianz der indonesischen Frauenbewegung gegen Gewalt (GERAK Perempuan) und einer der größten Dachverbände der Arbeiter*innengewerkschaften (Konfederasi Kongres Aliansi Serikat Buruh Indonesia KASBI), derzeit angeführt von Gewerkschafterin Nining Elitos.

Die Zusammenarbeit zwischen den divergierenden Frauenorganisationen und den Gewerkschaften ergab sich, weil am 8. März 2020 gleich gegen zwei Gesetzesentwürfe protestiert werden sollte, das Familienresilienzgesetz und das so genannte Omnibus Gesetz. Letzteres wurde als Arbeitnehmer*innengesetz deklariert. In Wirklichkeit handelt es sich hierbei jedoch um ein Gesetz, das sich auf die Seite von Arbeitgeber*innen und insbesondere Investor*innen stellt [vgl. Artikel zum Omnibus-Gesetz auf suedostasien.net]. Die Kritik am Familienresilienzgesetz beruht darauf, dass das Gesetz einen großen Rückschritt für Frauenrechte in Indonesien darstellt. Frauen würden dadurch domestiziert und ihre Arbeit teilweise kriminalisiert werden.

Einer der wichtigsten Erfolge der Demonstration war für mich, dass ich zum ersten Mal einen Protestwagen gesehen habe, an dem die Gewerkschaftsflagge und die LGBT-Flagge gemeinsam befestigt waren. Dies ist kein alltägliches Bild in Indonesien.

Auf der Demonstration kam es zu Belästigungen von Frauen* durch Männer – vermeintlich Gewerkschafter -, die gemeinsam mit uns demonstrierten. In den Medien wurde diese Tatsache als Scherz dargestellt. Was für eine Ironie, dass am Internationalen Frauentag Frauen* nicht von Zuschauern belästigt werden, sondern von Mitdemonstrierenden.

Trotz der Vorfälle bezeichne ich die Organisator*innen als eine der widerstandsfähigsten ‚Movers‘ und ‚Shakers‘ der modernen politischen Geschichte Indonesiens, weil sie sofort auf die Vorfälle reagiert haben. Sie haben sofort Hotlines eingerichtet und an die Personen appelliert, sich zu melden, wenn sie belästigt wurden. Seitdem versuchen sie, mit allen Mitteln, die Betroffenen zu unterstützen. Des Weiteren sind sie dabei, zu kalkulieren, wie hoch die Anzahl an Belästigungen war und welche Formen von Belästigung stattfanden.

Auch Nining Elitos hat zu den Vorfällen Stellung bezogen und sich bei den Betroffenen entschuldigt. Sie kündigte an, dass innerhalb der Gewerkschaften Bildungsmaßnahmen für mehr feministische Ideale eingeführt werden müssen. Sie sind die widerstandsfähigsten ‚Movers‘ und ‚Shakers‘, weil sie sich, anders als andere indonesische Akteur*innen, konstruktiv mit den Problemen von sexualisierter Gewalt in den eigenen Reihen auseinandersetzen und den Betroffenen nicht die Schuld zuschieben.

Schon 2018 gab es ein verstärktes mediales Interesse an der Aufarbeitung von sexuellen Belästigungsfällen, angetrieben durch den sogenannten ‚Agni’ Fall. Agni ist das Pseudonym einer Studentin, die während ihres von der Universität organisierten Gemeinschaftsdienstes von ihrem Kommilitonen sexuell missbraucht wurde. Warum konnte Ihrer Meinung nach gerade der Agni-Fall so viel öffentliche Aufmerksamkeit auf sich ziehen?

Die Medien spielen dabei sicherlich eine Rolle, jedoch war auch die Frauenbewegung hierbei ausschlaggebend. Agni ging zu einer sehr starken Frauenorganisation namens Rifka Annisa, einem Krisenzentrum in Yogyakarta für Frauen, die Gewalt erfahren haben. Rifka Annisa war empört über die zahlreichen sexuellen Übergriffe an indonesischen Universitäten und konsultierte engagierte aktivistische Journalist*innen, um eine weit umfassendere Berichterstattung über sexuelle Gewalt an Universitäten zu ermöglichen. Unter dem Hashtag #namabaikkampus sammelte ein journalistisches Konsortium aus den Zeitungen Tirto, Jakarta Post und Vice Fälle von sexueller Gewalt an indonesischen Universitäten. Dies war sicherlich auch von den Erfahrungen aus der #metoo Bewegung oder ähnlichen Bewegungen gegen Campusvergewaltigungen an US-amerikanischen Universitäten geprägt.

Dass der Fall von Agni eine solch besondere Stellung erreicht hat, liegt unter anderem auch daran, dass sich dies an der Gadjah Mada Universität (UGM) in Yogyakarta ereignete, jener Universität, an der auch Präsident Joko Widodo und eine Reihe anderer Minister studiert haben. Es ist also nicht lediglich eine der größten Universitäten Indonesiens, sondern in diesem Moment der Geschichte ebenfalls die Universität der mächtigen Menschen. Erschütternd an diesem Fall ist außerdem der schreckliche Umgang mit dem Vorfall vonseiten der UGM. Man würde meinen, dass die Top-Universität in Indonesien wissen sollte, wie sie mit Fällen von sexualisierter Gewalt umzugehen hat.

Es ist sehr schwer für mich zu akzeptieren, wie solche Gewalt zugelassen werden kann. Ich verstehe auch die Unfähigkeit der meisten Menschen in Indonesien nicht, insbesondere die der Universitätsverwaltung, die Situation nicht zu kontextualisieren und stattdessen starr auf Regeln zu achten. Selbst wenn Regeln gebrochen werden, müssen wir das, was tatsächlich passiert ist, in Kontext mit den bestehenden Regeln setzen und jene Regeln notfalls beiseite legen. Universitätsadministrator*innen scheinen jedoch nur in seltenen Fällen, beispielsweise bei Plagiatsfragen, in Fragen der Integrität von Wissenschaftler*innen oder in Fragen der akademischen Freiheit nachlässig mit Regeln umzugehen.

Welche Möglichkeiten sehen Sie dann für Überlebende von sexualisierter Gewalt speziell auf Universitäten bezogen?

Derzeit gibt es keine institutionalisierten Mechanismen zum Umgang mit sexueller Belästigung. Die UGM hat erst nach dem Agni-Fall damit begonnen, sich diesem Thema zu widmen. Empfehlungen wurden geschrieben, institutionell durchgesetzt wurde jedoch noch nichts. Gemeinsam mit dem Ministerium für Bildung und Kultur arbeite ich daran, Vereinbarungen zu erstellen, um den Umgang von Universitäten zu verbessern.

Bisher wenden sich Überlebende jedoch zunächst an Freunde für Unterstützung. Das Problem dabei ist, dass diesen häufig nicht bewusst ist, dass Vertraulichkeit der Schlüssel zur Wiederherstellung des psychischen Zustands ihrer Freunde ist. Und so verbreiten sie manchmal die Vorfälle in sozialen Medien. Andere, wie im Agni-Fall, wenden sich an die Studierendenzeitung und/oder an Frauenrechtsorganisationen, wie Lembaga Bantuan Hukum APIK (LBH APIK), einem Rechtsbeistand für Frauen mit sexueller Gewalterfahrung oder an die Nationale Frauen Kommission (Komnas Perempuan), die sie dann an regionale NGOs weiterleiten.

Ein weiterer Fall, der vor kurzem große mediale Aufmerksamkeit erreichte, ist der Fall von Ibrahim Malik, einem sehr angesehenen ehemaligen Studenten der Islamischen Universität Indonesien (UII), der mit vielen Preisen und Stipendien ausgezeichnet wurde und derzeit in Australien studiert. Nun wendeten sich 30 Studentinnen der UII an den Rechtsbeistand der LBH APIK in Yogyakarta, nachdem die Universitätsverwaltung keine Maßnahmen ergriffen hatte, und berichteten von den sexuellen Übergriffen, die sie durch ihn erlitten hatten. Nach breitem öffentlichem Druck, unter anderem durch den #NamaBaikKampus erkannte die UII ihm seine universitären Auszeichnungen ab. Vermutlich will er nun jedoch eine Verleumdungsklage einreichen. Seine Chancen hierbei stehen nicht schlecht, denn er ist ein muslimischer Geistlicher, der viele renommierte Preise gewonnen hat. Gleichzeitig hat Indonesien kein nationales Gesetz, das Menschen vor sexueller Belästigung schützt.

Es kann – wie oben genannte Fälle zeigen – argumentiert werden, dass Gewalt an Frauen in hohem Maße mit Machtstrukturen verbunden ist. Inwiefern würden Sie sagen, beeinflussen die institutionellen Strukturen an Universitäten in Indonesien das Leben von Frauen auf dem Campus?

Meine Hypothese ist: Die Struktur wird durch das Heiratsgesetz von 1974 aufrechterhalten. Das Gesetz ist bis heute nicht revidiert worden und ich habe das Gefühl, dass sich das Land nicht fortbewegen kann, solange wir an diesem Gesetz festhalten. Nach diesem Gesetz sollten Frauen nur Hausfrauen sein. Das darauf basierende Familienkartensystem ist unter heutiger Betrachtung ebenfalls absurd. Das System beinhaltet die soziale und physische Restriktion der Bewegungsfreiheit von Frauen. Durch das Kartensystem werden Männer zu Hausherren gemacht.

In Indonesien haben wir jedoch auch viele abwesende Ehemänner und Väter. Doch auch wenn diese abwesend sind, werden Frauen nicht zum Haushaltsvorstand erklärt, außer sie sind geschieden oder verwitwet. Alleinstehende oder geschiedene Frauen werden jedoch in Indonesien noch stark stigmatisiert, insbesondere in ländlichen Regionen. Das Kartensystem führt daher bis heute dazu, dass Frauen keine Hauseigentümerinnen werden können und keine administrativen Tätigkeiten ohne die Unterschrift eines Mannes durchführen können.

Zusätzlich zu den veralteten Gesetzen kommt ein juristisches Vakuum hinzu. Beispielsweise gibt es lediglich ein Gesetz zu Kindesmissbrauch und ein Gesetz zu Vergewaltigungen. Die Spannbreite dazwischen – also sexuelle Belästigung – ist nach dem indonesischen Recht nicht abgedeckt. Gleichzeitig ist die Definition von Vergewaltigung so eng und spezifisch, dass lediglich die Penetration der Vagina durch einen Penis als Vergewaltigung eingestuft wird. Damit wird außer Acht gelassen, dass die Vagina mit ganz anderen Dingen penetriert werden kann, wodurch rechtsfreie Räume für sexualisierte Gewalt existieren. Die Höchststrafe für Vergewaltiger liegt mit maximal 12 Jahren Gefängnis außerdem weit unter dem Strafmaximum von Hochverrat (20 Jahre).

Die veralteten Gesetze und das Rechtsvakuum erschaffen daher ein Bild, in dem Frauen weniger wert sind als Männer und legitimieren dadurch gewaltvolles Verhalten. Es ist also nicht lediglich das Hochschulsystem, es greift viel tiefer.

Sie sprechen vom Ziel der Gleichberechtigung. Welchen Ausblick haben Sie für die nächsten 5-10 Jahre? Was wird sich Ihrer Meinung nach im Hinblick auf sexualisierte Gewalt an Universitäten und in der Gesellschaft verändern?

Ich bin optimistisch, dass junge Menschen sich des Themas stärker bewusstwerden, nach Rechenschaft streben und dadurch auch andere Generationen beeinflussen. Bewusstsein allein reicht jedoch nicht. Es muss auch eine gesetzliche Veränderung herbeigerufen werden, damit Fälle von sexueller Belästigung auch tatsächlich bearbeitet und gelöst werden.

Solange wir ein Gesetz über Vergewaltigung haben, dass Vergewaltigern ein geringeres Strafmaß zusichert als Menschen, die Hochverrat begehen, wird es keine großartigen Aussichten für eine umfassende Verfolgung von sexuellen Belästigungen an Universitäten geben. Ein Grund, weshalb Menschen an Universitäten sexuelle Belästigung begehen, ist: Sie wissen, dass sie damit durchkommen können. Um diesem Zustand etwas entgegen zu setzen, braucht es jedoch eine große Anzahl von Politiker*innen, wie dem Bildungsminister Nadiem Makariem, die sich tatsächlich für eine Gesetzesänderung einsetzen. Ich denke jedoch nicht, dass dies in den nächsten fünf Jahren geschehen wird.

Autorinnenhinweis: Wenige Tage nach dem Interview mit Sabina Puspita entschied das nationale Parlament, die Beratungen über das Vorantreiben des Gesetzes gegen sexuelle Belästigung und sexualisierte Gewalt (RUU P-KS) zurückzuziehen.

Interview und Übersetzung aus dem Englischen von: Lina Knorr

 

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  • Die Journalistin Anemi Wick arbeitete von 2020 bis Anfang 2026 als von AGIAMONDO vermittelte Fachkraft in Timor-Leste, wo sie im Rahmen des Zivilen Friedensdienstes das Produktionsteam der timoresischen Medienorganisation Casa de Produção Audiovisual (CPA) unterstützt und beraten hat.

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4 | 2019, Osttimor, Rezensionen, Timor-Leste,
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Ein innerer Kampf

In Indonesiens östlichsten Provinzen Papua und West Papua sind Frauen massiver Gewalt durch Militärs und Polizisten ausgesetzt. Außerdem ist häusliche Gewalt äußerst weit verbreitet.

‚Mein Herz ist blau‘ ist die Umschreibung einer Papua-Frau für die Angst, die sie spürt seit Soldaten des indonesischen Militärs ihr Dorf niedergebrannt haben und ihre Familie verhaftet wurde. Sie musste miterleben wie ihren Eltern grausame Gewalt angetan wurde. Sie war damals zehn Jahre alt. 40 Jahre später ist sie immer noch traumatisiert (I am Here. Voices of Papuan Women in the Face of Unrelenting Violence; Galuh Wandita et al.: AJAR, 2019:24).

In Indonesiens östlichsten Provinzen Papua und West Papua – fortan zusammen als Westpapua sowie Tanah Papua (Papua-Land) bezeichnet – herrscht seit der indonesischen Übernahme dieses Teils der Insel Neuguinea ein Konflikt zwischen der Zentralregierung in Jakarta und der indigenen Bevölkerung. Seit nahezu 60 Jahren kämpft diese um ihre Unabhängigkeit. Das Streben nach Selbstbestimmung wird politisch sowie mit Polizei- und Militärgewalt massiv unterdrückt. Dabei erleben Frauen vielfältige Formen von Gewalt.

Werden Angehörige und Freunde als der Widerstandsbewegung zugehörig verdächtigt, werden Frauen bei den von Staatsorganen vollzogenen Befragungen eingeschüchtert, gefoltert, sexuell missbraucht und vergewaltigt. Bei Militäroperationen in ländlichen Gebieten werden ihre Häuser und Gärten zerstört. Es bleibt ihnen oft nichts anderes übrig, als mit ihren Kindern in abgelegene Gebiete zu fliehen, wo sie Hunger und Krankheiten ausgeliefert sind. Zuletzt ist dies Ende 2018 im Bezirk Nguda geschehen, wo bis heute Hunderte von Menschen im Regenwald ausharren, aus Angst vor Übergriffen des Militärs.

Trauma und Scham

Frauen und Mädchen erleben auch viel Gewalt in ihren Beziehungen und Familien. Die häusliche Gewalt ist ebenso erschreckend wie die staatliche Gewalt im Zusammenhang mit Widerstand und Diskriminierung. In Jayapura, der Hauptstadt der Provinz Papua, gaben in einer Umfrage 60 Prozent der befragten Männer an, in ihrem Leben emotionale, physische oder sexuelle Gewalt gegen ihre Partnerin angewendet zu haben (Partners 4 Prevention / UN-Agencies, Factsheet Papua Indonesia, 2017). Su, eine der betroffenen Frauen, berichtet: „Mein Ehemann kommt oft nicht nach Hause. Ich werde oft von ihm geschlagen und bekomme kein Geld für den Haushalt und um nach den Kindern zu schauen“ (Enough Is Enough! 2009-2010:41).

Frauen und Mädchen, die Gewalt erleben, haben wenige Zufluchtsorte und kaum Unterstützung. Häusliche Gewalt wird als Familienangelegenheit betrachtet. Den Misshandelten ist es oft nicht möglich, gegen ihre Peiniger auf dem Rechtsweg vorzugehen, weil ihnen dazu meist offizielle Dokumente wie Ausweis oder Heiratsurkunde fehlen und/oder weil Abhängigkeiten bestehen. Selten werden angezeigte Fälle durch die Behörden verfolgt. Noch seltener kommt es zu geordneten Verfahren und Verurteilungen; dabei gehen viele Täter dann straffrei aus.

Die Betroffenen haben folglich häufig kein Vertrauen in Staatsorgane wie Polizei und Justiz. Aus Scham und Angst sprechen viele Opfer nicht über die an ihnen ausgeübte Gewalt. Die meisten Fälle bleiben im Dunkeln. Lediglich Kirchen, Frauengruppen und einige NGOs bieten Hilfe an für traumatisierten Frauen und Mädchen, was jedoch bei weitem nicht ausreicht, um die Folgen zu mildern und die Lage zu ändern.

I am Here, eine Publikation der Menschenrechtsorganisation Asian Justice and Human Rights (AJAR), erzählt von 249 befragten Frauen, wovon 65 staatliche und 37 häusliche Gewalt erlebt haben. Enough Is Enough!, eine Publikation des International Center for Transitional Justice berichtet von 243 befragten Frauen, die zu 57 Prozent staatliche und zu 40 Prozent häusliche Gewalt erfahren haben. Flächendeckende verlässliche Schätzungen gibt es bislang allerdings nicht.

Militärpräsenz und Unterdrückung

Durch die große Präsenz indonesischen Militärs und der Polizei sind die Indigenen Westpapuas quasi routinemäßig Gewalt und Unterdrückung ausgesetzt. Sie fühlen sich bedroht, diskriminiert, bevormundet, in ihren Träumen und Möglichkeiten beschnitten [vgl. dazu auch „West-Papua ist nicht sicher“ auf suedostasien.net]. Hinzu kommt, dass sie sich durch die starke Zuwanderung von Bevölkerung aus anderen Teilen Indonesiens inzwischen als ‚Minderheit im eigenen Land‘ empfinden. Während der Suharto-Zeit (1966 – 1998) gab es eine staatlich gelenkte Umsiedlung von Muslim*innen aus Java in dieses christlich geprägte Gebiet. Offiziell endete diese Praxis 2015, doch sie setzt sich bis heute als spontane Transmigration fort.

Dies verändert die Demographie nachhaltig. Laut Zensus von 2010 lebten in Westpapua 3,6 Millionen Menschen, davon waren 48 Prozent Indigene und alle anderen zugewandert. (ICP 2017-2019:173). Indigene Familien verlieren dadurch Land und die Frauen ihre Wirtschafts- und Lebensgrundlage.

Marginalisierung und Tradition

Die Mehrzahl der indigenen Bevölkerung lebt von Subsistenzwirtschaft in ländlichen Gebieten. Es ist Aufgabe der Frauen, die Gärten zu bepflanzen und zu ernten. Sie sorgen so für den Lebensunterhalt ihrer Familien und verkaufen lediglich ihre Überschüsse auf lokalen Märkten, um Geld für Extrakosten (Schule, Kleidung, Transport) zu verdienen. Die Marktstände, wo sie Obst und Gemüse anbieten, sind häufig am Straßenrand. Ihre Einkünfte sind äußerst gering (bis zu einem halben Euro/Tag).

Obwohl die Frauen das Land bearbeiten, besitzen sie es nicht. Wenn Land verteilt, verpachtet oder verkauft wird, dürfen sie nicht mitentscheiden. Heiraten Frauen, ziehen sie in das Dorf ihres Mannes und bewirtschaften dessen Land. Kommt es zur Trennung, verlieren sie damit ihre eigene Lebensgrundlage. Die ethnische und kulturelle Vielfalt führt zwar zu vielen Variationen, die jedoch überwiegend Nachteile und Unsicherheiten für die Frauen mit sich bringen.

Die bis heute verbreitete Praxis eines Brautpreises verkompliziert dies noch. Dienten Eheschließung und Brautpreis einst dazu, Netzwerke gegenseitiger Hilfe zu errichten, so erscheint der Brautpreis heute eher als Kaufpreis, der dem Mann Macht über ‚seine‘ Frau verleiht. Dies und auch Polygamie findet sich trotz Christianisierung noch in abgelegenen Hochlanddörfern. Dort sind Mädchen oft von Bildung ausgeschlossen, so dass sie sowohl Analphabetinnen sind als auch des Indonesischen nicht mächtig. Wenn sie nur ihre Lokalsprache sprechen, erschwert dies den Zugang zu Gesundheitsleistungen und Hilfe durch staatliche, indonesische Stellen.

Christliche und indonesisch-islamische Einflüsse haben die indigenen Traditionen nach und nach verfremdet. Während in vorkolonialen Zeiten Männer und Frauen sich in getrennten Arbeits- und Lebenswelten organisierten, die eine gewisse Sicherheit und Stabilität zwischen den Geschlechtern mit sich brachten, ist diese traditionelle Balance heute gestört. Bei den Männern fallen viele frühere Aktivitäten weg: Stammesfehden, Austauschrituale, Polygamie sind rückläufig. Vielen Männern fällt es nicht leicht, sich mit ihren neuen ‚modernen‘ Rollen anzufreunden.

Hinzu kommt, dass die jahrzehntelange Diskriminierung durch Indonesien mit den althergebrachten tribalen Männlichkeitsidealen kollidiert, die den Mann als kämpferisch und siegreich stilisieren. Was von den Männern stattdessen erlebt wird, ist wirtschaftliche Benachteiligung und politische Unterdrückung. Das führt quasi zwangsläufig zu Verunsicherung und Frustration, die sich oft in Gewalt gegen Frauen ‚Bahn bricht’. Geldnot, Drogen und Alkohol verschärfen dies.

Recht auf dem Papier und Realität

Die Republik Indonesien garantiert laut Verfassung von 1945 die soziale, politische und ökonomische Gleichstellung zwischen den Geschlechtern. Daneben sichert seit 2001 auch die Sonderautonomie für Papua und West Papua die Gleichberechtigung der Geschlechter. Nach Artikel 47 des Autonomiegesetzes ist die Regierung gehalten, die Rechte von Frauen zu fördern und zu schützen und alles zu unternehmen, um sie Männern gleichzustellen.

Tatsächlich jedoch werden Gewaltverbrechen an Frauen oft nicht geahndet. Eine Vielzahl von Faktoren trägt dazu bei, dass viele Gerichte in Westpapua willkürlich handeln. Auch existiert parallel zum öffentlichen Recht das adat – Gewohnheitsrecht, das vor allem im ländlichen Raum dazu dient, Streitigkeiten auf Gemeindeebene zu regeln. Beide Rechtsgrundlagen stimmen wenig überein. Im Gewohnheitsrecht werden die Entscheidungen ausschließlich von Männern getroffen.

In ländlichen Regionen spielt öffentliches Recht eine geringe Rolle. Viele Frauen akzeptieren Gewaltverbrechen, weil sie Gewalt als Mittel der Konfliktlösung von Kindheit an erlebt haben und kein Vertrauen zu Polizei und Behörden haben. Zu häufig wird berichtet, dass die Polizei Anzeigen einfach ignoriert und selbst übergriffig ist. Durch Beamte ausgeübte Gewalttaten werden in den wenigsten Fällen verfolgt und abgeurteilt. Doch auch das Gewohnheitsrecht bietet Frauen kaum Schutz. In den Dörfern werden Beschwerden direkt auf Dorfebene verhandelt, wo nicht Juristen sondern Dorf-Älteste das Sagen haben und wo die ungeschriebenen Regeln des Dorfs als Maßstab dienen. Dort geht es mehr darum, Konflikte zu schlichten statt Rechtsbrüche zu ahnden. Die gesetzlichen Zusicherungen auf Gleichstellung nützen dort wenig.

Widerstand und Engagement

Verschiedene NGOs und kirchliche Organisationen geben den betroffenen Frauen eine Stimme und kämpfen mit ihnen gegen Gewalt und ihre Auswirkungen.

Seit vielen Jahren führt zum Beispiel das Frauenzentrum für Bildung und Entwicklung P3W (Pusat Pembinaan dan Pengembangan Wanita), eine Einrichtung der Evangelischen Kirche GKI mit Ablegern in mehreren Orten, Programme durch, die Frauen aus den Dörfern befähigen sollen, sich selbst aktiv gegen Gewalt zu stellen und auch Einfluss in den lokalen Gremien zu suchen, um die Verhältnisse zu verbessern.

Die Projektleiterin, Meilany, sagte dazu: „Diese Frauen hatten bislang nie eine Chance, selbst zur Schule zu gehen. Sie arbeiten hart, um ihren Kindern den Schulbesuch zu ermöglichen. Bei uns erwerben sie praktische Fähigkeiten und sie lernen lesen und schreiben, so dass sie ihre Familien informieren und ihren Kindern Unterricht geben können. Das Wissen wird in den Dörfern weitergegeben.“ (Interview mit der Autorin im Oktober 2019).

Frauen werden so nach Art eines Schneeball-Effekts in die Lage versetzt, ihre Kenntnisse zu erweitern, ihre Rechte kennen zu lernen und zugleich in ihren Dörfern aktiv zu werden, wenn es zum Beispiel um Gesundheit oder den Bau eines Brunnens geht.

Dieses Engagement ist nicht losgelöst vom Ringen um Selbstbestimmung und Beendigung von Diskriminierung. Auch soziale Medien werden dafür genutzt, wie zum Beispiel die Facebook-Seite Suara Perempuan Papua (Stimmen der Frauen Papuas), wo sich auch ein Anschluss an feministische und global aktuelle Themen findet.

Mit Ausbreitung des Internets stehen heute neue Kommunikationswege offen, die das abgelegene Tanah Papua und auch den Widerstand der indigenen Bevölkerung zunehmend global vernetzen und spontane Demonstrationen gegen Diskriminierung auslösen können.

Dennoch hat sich seit Veröffentlichung des Berichts Enough is Enough! im Jahre 2010 für die indigenen Frauen im Alltag bislang wenig geändert. Die Frauen haben weiterhin kaum eine Chance, gehört zu werden und Gerechtigkeit zu erfahren. In den Dörfern Westpapuas gibt es keinen sicheren Ort für Frauen und Mädchen. Sie sind dort weitgehend ausgeschlossen von Hilfsprogrammen, vom staatlichen Gesundheitswesen, von Bildung und von Märkten. Und in den Städten, insbesondere an den Universitäten, geraten sie rasch in die schwelenden politischen und gesellschaftlichen Konflikte hinein, beziehen Stellung und setzen sich so dem Zugriff des indonesischen Obrigkeitsstaats aus.

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Kambodscha: Genderbasierte Gewalt zieht sich durch Familien, Traditionen und Generationen. Engagierte Bewegungen sorgen für Veränderung. Doch alte Rollenbilder sind gesellschaftlich und kulturell stark verankert. Ein Interview mit der Friedensaktivistin Suyheang Kry.

Welche Formen und welches Ausmaß hat genderbasierte Gewalt in Kambodscha?

Wenn es in Kambodscha um genderbasierte Gewalt geht, redet man zumeist über Gewalt gegen Frauen. Es gibt daneben Gewalt gegen andere Gender wie LGBTIQ. Wichtig ist zudem Intersektionalität, also die Verschränkung verschiedener Formen von Diskriminierung. Eine nationale Umfrage von 2015 stellte fest, dass jede fünfte Frau im Laufe ihres Lebens sexuelle und physische Gewalt durch ihren Partner erlebte. Jede dritte kambodschanische Frau erleidet emotionale Gewalt.

In einer länderübergreifenden UN-Studie (2013) gaben 33% der befragten kambodschanischen Männer zu, dass sie körperliche und sexuelle Gewalt gegenüber ihrer Partnerin ausübten. 20% vergewaltigte ihre Partnerinnen. Solche Daten sind wirklich alarmierend.

Außerdem finde ich es wichtig, nicht nur über sichtbare Gewalt zu sprechen, sondern auch über die nicht sichtbare, wie die soziale Stigmatisierung von Frauen. Die Ursachen von genderbasierter Gewalt liegen im Machtungleichgewicht und der Genderungleichheit. Sie wird durch negative Gendernormen, Stereotypen sowie traditionellen Praktiken und Bräuche aufrechterhalten.

Wie zeigen sich diese Normen und Werte im Alltag konkret?

Diese tief verwurzelte Ungleichheit zeigt sich in einem Sprichwort der Khmer: „Männer sind Gold, Frauen sind Stoff“. Es offenbart den niedrigeren sozialen Wert, der Frauen zugeschrieben wird.

Ein anderes Beispiel ist der Chbap Srey, eine Art traditioneller Khmer-Verhaltenskodex für Frauen in Form eines Gedichtes. Darin befinden sich die grundlegenden kulturellen Normen, die zur Verletzung der Rechte von Frauen in Kambodscha beitragen. Obwohl es sich nicht mehr [nach umfassender gesellschaftlicher Kritik, Anm. d. Red.] in den Lehrplänen der Schulen findet, ist sein Einfluss immer noch groß. Der Chbap Srey beschreibt, wie sich Frauen zu Hause oder im öffentlichen Raum verhalten sollen. Dabei wird die Rolle der Frauen als minderwertig dargestellt und unter dem Mann eingeordnet. Solche traditionellen und negativen Normen sowie Stereotype von Frauen sind allgegenwärtig in der ganzen Gesellschaft und reichen bis in die Politik und sogar ins Justizsystem.

Diese Umstände machen es für Überlebende von Gewalt noch schwieriger, Hilfe zu finden. Laut der Studie hat fast die Hälfte der Frauen, die Opfer von Gewalt wurden, dies nicht angezeigt. Einige davon fanden, dass Gewalt normal sei, während andere sich fürchten oder schämen. Hinzu kommt laut einem Bericht des Frauenministeriums (2010), das mehr als ein Drittel der lokalen Behörden glaubt, dass Gewalt gegenüber Frauen gerechtfertigt ist. Nur 24% der von physischer und sexueller Gewalt betroffenen Frauen suchte Hilfe.

Du sagst, Intersektionalität sei wichtig. Was heißt das genau?

LGBTIQ, Sexarbeiter*innen, Hausangestellte, Arbeiter*innen in Bekleidungsfabriken, Migrant*innen vom Land, Minderheiten und Indigene, um nur einige Gruppen zu nennen, sind generell verletzlicher, genderbasierte Gewalt trifft sie stärker.

Frauen mit Behinderung erfahren eher Gewalt in ihrem Haushalt. Die Wahrscheinlichkeit, dass sie in eine Notlage kommen, emotionale Gewalt erleben oder von Haushaltmitgliedern kontrolliert werden, ist höher. LGBTIQ-Frauen erleiden mehr häusliche Gewalt, wobei die Gemeinschaft bei ihnen oft darüber hinwegsieht. Frauen und Mädchen der Khmer Krom und der ethnischen vietnamesischen Minderheit haben oft mit einer anti-vietnamesischen Haltung und auch strukturellen Herausforderungen zu kämpfen. Dazu zählen ihr rechtlicher Status sowie der Zugang zu Rechten und sozialen Diensten. Andere Minderheiten wie die muslimischen Cham und die 24 indigenen Gruppen sind mit sozialer Stigmatisierung und Diskriminierung konfrontiert. Arbeitsmigrant*innen vom Land kommen oft nach Phnom Penh, da es dort Beschäftigungsmöglichkeiten gibt. Sie erhalten aber nur Jobs, die einen niedrigen sozialen Status haben. Intersektionelle Marginalisierung erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass sie genderbasierte Gewalt erleben.

Bei genderbasierter Gewalt, gibt es da Unterschiede zwischen dem ländlichen und urbanen Raum?

Ja. Etwa 80% der Bevölkerung lebt auf dem Land. Dort gib es weniger Infrastruktur, Gesundheitseinrichtungen und verfügbare Dienste als in den Städten. Darüber hinaus ist es schwieriger, an aktuelle Informationen zu kommen, da es an Zugang zu Technologie oder dem Internet fehlt. Ein damit verbundenes Problem ist Armut, die auf dem Land größer ist. Weiter sind die dort häufiger vorkommenden, von Frauen geführten Haushalte aufgrund der sozialen Normen sowie der begrenzten wirtschaftlichen Möglichkeiten verletzlicher.

In ländlichen Gebieten neigen Mädchen dazu, früher zu heiraten und es gibt höhere Schulabbruchquoten. Letzteres aus mehreren Gründen, aber es ist meist verknüpft mit Armut. An Orten mit nahe gelegenen Fabriken brechen mehr Mädchen die Schule ab, weil ein Job ‚vor der Haustüre liegt’. Andere Gründe sind weite Schulwege, Ablehnung im Elternhaus gegenüber dem Schulbesuch oder ein Mangel an Informationen über die Bedeutung von Bildung.

Unabhängig von solchen Unterschieden findet sich genderbasierte Gewalt überall: In reichen und armen Familien, in allen Klassen, Kulturen, sie existiert in der Stadt und auf dem Land.

Ist Kinderheirat in Kambodscha weit verbreitet?

Darüber haben wir landesweit leider nicht ausreichende Daten. Aber es gibt sie. Und wir wissen, dass sie eher in ländlichen Gebieten stattfindet. Laut dem Cambodia Demographic and Health Survey 2014 haben 1,9% der Frauen im Alter von 20-24 Jahren mit 15 geheiratet, und 19% bevor sie 18 Jahre alt waren.

Was sind die Folgen genderbasierter Gewalt für die Betroffenen und die Gesellschaft?

Gewalt gegen Frauen und Mädchen wirkt sich nicht nur auf ihre Leben aus, sondern auf die Familien, die Gemeinschaften, die Nation und auf die ganze Welt, einfach, weil Frauen die ‚Hälfte des Himmels tragen‘ und gleichberechtigt sind. Abgesehen von den physischen und psychischen Verletzungen und auch Todesfällen stellt genderbasierte Gewalt für das Land und die Welt eine enorme wirtschaftliche Belastung dar, die Kosten belaufen sich auf fast 2% des globalen Bruttoinlandsprodukts.

Die Folgen der Gewalt sind besonders verheerend für die Familien. Kinder werden Zeugen der Gewalt und wachsen mit ihr auf. Sie lernen die Muster, handeln irgendwann selbst so und geben es an die nächste Generation weiter. Das wird zu einem nicht enden wollenden Kreislauf der Gewalt. Manchmal führt sie sogar zum Tod.

Wo können betroffene Frauen* und LGBTIQ Hilfe finden? Gibt es staatliche Anlaufstellen?

Ja, es gibt zuständige Anlaufstellen, aber nur begrenzt. Bei häuslicher Gewalt wenden sich Betroffene normalerweise zunächst an ihre Familie, Freund*innen und Verwandte. Manchmal wenn es ‚ernst’ wird, gehen sie direkt zu den lokalen Behörden. Zu den verfügbaren staatlichen Diensten gehören z.B. Community-Gesundheitszentren, Polizeistationen und kommunale Streitbeilegungsausschüsse.

Besorgniserregend ist das Fehlen staatlich geführter Frauenhäuser. Eine nationale Hotline für Hilfe suchende Frauen ist noch nicht richtig eingerichtet. In jeder Provinz gibt es jedoch zumindest eine persönliche Kontaktstelle innerhalb des Department of Women’s Affairs, die Frauen ebenfalls unterstützt.

Gibt es psychologische Hilfsangebote für betroffene Frauen* und Mädchen*?

Selten. Nach dem Bürgerkrieg gab es nur wenige Psycholog*innen. Der Bereich entwickelt sich erst seit zwei Jahrzehnten. Nur einige Organisationen bieten dies an und psychiatrische Einrichtungen sowie Krankenhäuser sind rar und nur in größeren Städten zu finden.

Das Frauenministerium arbeitet mit den wichtigsten Interessenvertreter*innen zusammen, um eine Umsetzung des Mindeststandards für die Beratung von Gewaltüberlebenden zu entwickeln und zu stärken. Aber das deckt noch nicht das gesamte Land ab.

Welche Rolle spielt die Jugend Kambodschas bei der Friedensförderung und der Bekämpfung genderbasierter Gewalt?

Die Jugend ist der Schlüssel. Die mit Gewalt zusammenhängenden Normen, Werte und Verhaltensweisen sind über Generationen weitergegeben worden. Wir müssen all diese negativen Stereotypen verlernen. Das ist eine große Herausforderung.

Die Jugend vertritt die kommende Generation und trägt ein starkes Potenzial in sich. Sie kann kulturelle Normen, negative geschlechtsspezifische Einstellungen sowie Stereotypen über „die Andere/den Anderen“ und damit verbundene gewalttätige Verhaltensweisen verändern.

Kambodscha ist ein sehr junges Land. Über 70% der Bevölkerung wurde nach dem Khmer-Rouge-Regime geboren. Die Jugend kann Veränderung bewirken und Gendergerechtigkeit ermöglichen. Aber die Jugend kann sie auch verhindern. Als treibende Kraft für Veränderungen, mit Energie, Leidenschaft, Neugierde und Fähigkeiten, können junge Menschen einen entscheidenden Einfluss auf Gleichaltrige und ihre Familie ausüben.

Bei WPM arbeitet ihr viel mit der Jugend. Wie bezieht ihr dort Jungen* und junge Männer* in eure Projekte ein?

Bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen versuchen wir, kreativ heranzugehen und konzentrieren uns auf interaktive Übungen, oft im Freien. Wir bieten ihnen Wissen an, aber keine Theorien. Gewöhnlich bringen wir in Workshops eine große Gruppe zusammen, darunter Khmer, Indigene und Minderheiten, und LGBTIQ.

Übungen wie Forumtheater oder der Privilege Walk sind regelmäßig Augenöffner für junge Männer. Manche Teilnehmer sind erschüttert, wenn sie sich ihrer Privilegien bewusst werden und wie es ist, eine Frau zu sein. Danach ändern sie ihre Denkweise, Einstellungen und letztlich ihr Verhalten. So beginnt Wandel.

Bei erwachsenen Männern gehen wir anders vor. Mit ihnen machen wir eine Art Männerdialog, bei dem wir über ihr Leben sprechen. Darüber, wie sie in bestimmen Situation handelten oder warum sie dies und jenes tun. So helfen wir ihnen, Geschlechterrollen und Stereotypen zu reflektieren und zu hinterfragen. Bei dem Prozess braucht man aber einen langen Atem.

Wie ermächtigt ihr junge Frauen* und Mädchen*?

Zurzeit arbeiten wir vor allem mit grassroots women leaders [d.h. Frauen, die in dörflichen Gemeinden führende Positionen innehaben, d. Red.] und mit Frauen* aus marginalisierten Gruppen. Wir glauben, dass Frauen bereits eine Stimme haben. Sie brauchen Chancen, Fähigkeiten und Räume. Wir schaffen ihnen diesen Raum und unterstützen sie auf ihrem Weg dabei, ihre Stimme zu erheben, sich austauschen, sich gegenseitig zu unterstützen und auf ihre Weise zu führen.

Hat sich in Kambodscha in den letzten Jahren etwas verändert?

Genderarbeit begann Anfang der 1990er Jahre. Damals wurde der Begriff noch gar nicht benutzt. In den 2000er Jahren änderte sich das allmählich, als Gender in nationalen Strategieplänen und Gesetzen verwendet wurde.

Das Gesetz zur Verhinderung häuslicher Gewalt und zum Schutz von Opfern wurde 2005 verabschiedet, und in der Folge wurden beispielsweise Richtlinien wie Neary Ratanak (5-Jahresplan für die Gendergleichberechtigung und Empowerment von Frauen in Kambodscha), der Nationale Aktionsplan zur Verhinderung von Gewalt gegen Frauen, eine nationale Genderpolitik entwickelt.

Im Vergleich zum letzten Jahrzehnt haben wir heute mehr Frauen mit höherer Bildung. Frauen haben Stellen inne, in denen sie selbst etwas bewirken können. Eine Entwicklung ist sichtbar, aber es muss noch viel mehr getan werden.

Video: Weaving Women’s Leadership for Change, Women Peace Makers:

Welche weiteren Entwicklungen sollte es in den nächsten Jahren geben?

Die wirksame Umsetzung von Gesetzen, Richtlinien und nationalen Aktionsplänen ist noch verbesserungsfähig. Ein weiteres Problem ist der Mangel an weiblichen Führungskräften. Es sollte Mechanismen und Maßnahmen geben, um hier Veränderungen zu bewirken. Die Strafverfolgung sollte gestärkt werden. Soziale Dienste, einschließlich Rechtshilfe, Streitbeilegung, Frauenhäuser und Beratung, sollten kostenlos für Überlebende von genderbasierter Gewalt sein. Und zwar in einer gendersensiblen und -gerechten Weise.

Was ist entscheidend, um diese Ziele zu erreichen?

Information ist Macht. Der Zugang zu Informationen und zu Bildung wird die Möglichkeiten der nächsten Generationen Kambodschas bestimmen. Eine Zukunft mit besser ausgebildeten Frauen wird dieses Land zum Besseren verändern. Es gibt noch viele Herausforderungen und Widerstände, aber wir glauben, ein gerechteres Kambodscha für alle Gender, Minderheiten und Ethnien schaffen zu können.

Interview und Übersetzung aus dem Englischen: Raphael Göpel

Autor:in

  • Die Journalistin Anemi Wick arbeitete von 2020 bis Anfang 2026 als von AGIAMONDO vermittelte Fachkraft in Timor-Leste, wo sie im Rahmen des Zivilen Friedensdienstes das Produktionsteam der timoresischen Medienorganisation Casa de Produção Audiovisual (CPA) unterstützt und beraten hat.

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4 | 2019, Osttimor, Rezensionen, Timor-Leste,
Autor*in:

Ein innerer Kampf

Philippinen: Bae Becky Barrios wuchs mit dem Glauben auf, dass Frauen keine Führungspersönlichkeit sein können. Heute ist sie eine Manobo-Anführerin in Agusan del Sur, einer der ärmsten Provinzen der Philippinen.

Sobald ein Hahn kräht, ist Bae Becky auf den Beinen und beginnt ihren normalen, geschäftigen Tag. Sie macht das Bett und ein paar Minuten später hört man das Klappern von Töpfen, in denen Bae Becky für ihren Mann, ihre drei erwachsenen Kinder und ein Enkelkind Reis kocht. Nachdem Bae Becky andere Hausarbeiten erledigt hat, geht sie hastig zur Bio-Reisfarm ihrer Familie, um zwei Stunden lang Unkraut zu jäten. Sobald die Sonne zu stark wird, geht sie nach Hause und bereitet sich darauf vor, in das ein paar Kilometer entfernte Büro zu gehen.

Seit 1997 leitet Bae Becky die Organisation Panaghiusa Alang sa Kaugalingnan ug Kalingkawasan Inc. (PASAKK), was auf Deutsch ‚Einheit für Selbstbestimmung und Befreiung‘ bedeutet. Ihr Weg, eine indigene Führungskraft zu werden, begann als Jugendleiterin der Manobo während ihrer Schulzeit, als sie Eltern und Jugendgruppen Religionsunterricht gab. Sie erwarb ein Diplom in Landwirtschaft, bekam es jedoch aufgrund der plötzlichen Schließung ihrer Schule nicht ausgehändigt. Davon unbeeindruckt wurde sie Lehrerin in abgelegenen Gebieten und Schulen von Agusan del Sur, die von Missionaren der Society of the Divine Word (SVD – Steyler Missionare) geleitet wurden. Sie traf ihren Ehemann, ebenfalls ein SVD-Freiwilliger, und ließ sich in Bunawan nieder.

Aufgrund der Änderung der Prioritäten verließ die SVD Agusan del Sur. Bae Becky und drei weitere Freiwillige wollten ihren Dienst fortsetzen und planten die Gründung von PASAKK. Ohne Büro und mit nur begrenztem Budget und Personal übernahm Bae Becky mehrere Funktionen und konnte PASAKK schließlich registrieren und 1992 den Betrieb aufnehmen. Derzeit leitet PASAKK eine indigene Schule, die nachhaltige Landwirtschaft betreibt und sich auf den Lebensunterhalt von Frauen konzentriert, führt ein Programm für sexuell missbrauchte Frauen und Kinder sowie ein Programm zur Konflikttransformation durch, alles im Bestreben nach ihrer Selbstbestimmung als indigenes Volk.

Geldwirtschaft und modernes Staatswesen stärken patriarchale Stukturen

Indigene Frauen auf den Philippinen sind mehreren, sich gegenseitig verstärkenden, Formen der Diskriminierung ausgesetzt (United Nations Human Rights Council 2015. Report of the Special Rapporteur on the Rights of Indigenous Peoples, Victoria Tauli Corpuz). Marginalisierung indigener Völker manifestiert sich in mangelnder Repräsentation, mangelndem Zugang zu Dienstleistungen, größerer Armut und weit verbreiteter Vertreibung aus ihren angestammten Gebieten. Trotz fortschrittlicher Gesetze zum Schutz der kulturellen, politischen und territorialen Rechte indigener Völker sind indigene Völker in Mindanao wie auch sonst in den Philippinen häufig Opfer von Menschenrechtsverletzungen und bewaffneten Konflikten.

Zusätzlich erfahren indigene Frauen Diskriminierung aufgrund ihres Geschlechts – sowohl von nicht-Indigenen als auch innerhalb ihrer indigenen Gemeinde (Tauli-Corpuz, V. 2018. Indigenous Women’s Rights are Human Rights. Cultural Survival Quarterly Magazine). In vielen indigenen Gemeinschaften weltweit kam es zu einer Verlagerung hin zu patriarchalen Machtstrukturen oder einer Verfestigung dieser Strukturen mit dem Übergang zu einer auf Bargeld basierten Wirtschaft und der Einführung des modernen Staatswesens (United Nations Permanent Forum on Indigenous Issues. 2010. Gender and Indigenous Peoples: Overview). Diese Marginalisierung indigener Frauen überschneidet sich mit anderen verwandten Formen der Ausgrenzung aufgrund von Armut oder mangelnder Bildung (Camaya & Tamayo. 2018. Indigenous Peoples and Gender Roles: The Changing Traditional Roles of Women of the Kalanguya Tribe in Capintalan, Carranglan in the Philippines. Open Journal of Social Sciences, 6, 80-94).

Als indigene Frau, die aus einer der ärmsten Provinzen der Philippinen stammt und keinen Hochschulabschluss hat, wundert sich Bae Becky manchmal, warum in bestimmten Situationen auf sie herabgeblickt wird: „Liegt es daran, dass ich keine Hochschulausbildung habe? Dass ich eine Indigene bin? Dass ich aus armen Verhältnissen komme?”

Traditionelle Erzählungen von Manobo-Anführerinnen

In der Manobo Gemeinschaft von Agusan del Sur hatten indigene Frauen traditionell wichtige politische und spirituelle Rollen. Weibliche traditionelle Heilerinnen, in der Manobo Kultur Baylans genannt, übten eine Reihe wesentlicher Funktionen in der Gemeinschaft aus, darunter die Unterstützung bei der Geburt von Kindern. Die jüngste staatliche Politik hat jedoch traditionelle Geburtsmethoden als unhygienisch eingestuft und traditionelle Geburtshelferinnen verboten – ein Begriff, der die bedeutsame Rolle einer Baylan verschleiert. Bae Becky erläutert, dass diese Politik die Glaubwürdigkeit der Baylans in der Gemeinschaft untergraben und zur Abnahme ihrer Zahl sowie zum Rückgang der indigenen Heilkultur beigetragen hat.

In den Philippinen herrscht die Auffassung, dass die vorkoloniale Rolle der Frau auf die einer Baylan beschränkt war, während die politische Führung von Männern ausgeübt wurde, die traditionell als Datu bezeichnet werden. Obwohl es in der Manobo-Tradition in der Tat keine oral tradierte Geschichten über weibliche Datus gibt, erinnert sich Bae Becky daran, dass die Frauen von Datus in Abwesenheit ihrer Männer Führungsrollen übernahmen. Der Datu ging oft für mehrere Tage fort, um sich um Probleme in abgelegenen Gebieten des indigenen Hoheitsgebiets zu kümmern. Während dieser Zeit waren seine Ehefrauen dafür verantwortlich, die Gemeinschaft zu führen, einschließlich der Verwaltung des Landes, der Pflege der Bedürfnisse der Gemeinschaft und der Lösung von Konflikten. Aus diesem Grund konnten Männer – um die Gemeinschaft zu führen – mehrere Ehefrauen haben. „Frauen konnten damals Frieden und Ordnung aufrechterhalten“, sagt Bae Becky.

Heutzutage können Manobo-Männer nur eine Ehefrau haben, aber indigene Anführerinnen, so genannte Baes, übernehmen weiterhin Führungsfunktionen. Ihre Rolle und Autorität in der Gemeinschaft wird jedoch durch diskriminierende staatliche Maßnahmen untergraben. Trotz der nationalen Gesetzgebung, die es Männern wie Frauen erlaubt, Vertreter*innen der Indigenen bei der lokalen Regierung zu sein, erlauben die lokalen Richtlinien in Bunawan und den umliegenden Gemeinden nur Männern, diese Position zu erfüllen. Tatsächlich wurde einer Bae in einer angrenzenden Gemeinde trotz der Unterstützung männlicher Führer in der Gemeinde verboten, sich um die Position zu bewerben. Bae Becky beklagt, dass „diese diskriminierende Politik Männer in Führungspositionen begünstigt und zum Verlust des Narrativs weiblicher Führungskräfte beiträgt“.

Die innere Führungspersönlichkeit entdecken

Tatsächlich kannte Bae Becky selbst keine weiblichen Führungskräfte, als sie aufwuchs. Als indigene Frau hätte sie nie gedacht, dass sie eine Anführerin werden würde. Mit Hilfe ihrer Umgebung und der damit verbundenen Möglichkeiten emanzipierte sie sich und begann, ihre Gemeinschaft zu beeinflussen. Bae Becky glaubt, dass ernsthafte Arbeit der Frauenförderung mit Frauen beginnen und auf die Männer ausgedehnt werden sollte, die sie und den Rest der Gemeinschaft umgeben.

Als Teenager musste Bae Becky es sich selbst erlauben, sich weiter zu entwickeln. Sie begann als Jugendleiterin, lernte und gab das Gelernte an Jugendliche aus benachbarten Gemeinden weiter. Ihr Verständnis für die Welt erweiterte sich, als sie freiwillige Lehrerin in entlegenen indigenen Gemeinschaften wurde. Sie erfuhr, dass es eine ständige Kluft zwischen den Regierungsdiensten und den Bedürfnissen der indigenen Gemeinschaften gab.

Nachdem Bae Becky PASAKK gegründet und ihre Führungsfähigkeit unter Beweis gestellt hatte, wurde sie nach dem Tod des ersten Generalsekretärs von PASAKK im Jahr 1997 die Nachfolgerin. Angesichts ihres Vorteils, die Arbeit genau zu kennen, akzeptierte Bae Becky die Nominierung: „Wenn nicht ich, wer sonst wird der indigenen Gemeinschaft helfen?“

Als sie weitere Führungsrollen übernahm, musste auch die Familie von Bae Becky sich anpassen. Obwohl ihr Ehemann ihre frühere unterstützende Rolle bei der Gründung von PASAKK zuließ, verwunderte ihn ihre Nachfolge in die oberste Führungsposition. In der Vergangenheit musste Bae Becky sicherstellen, dass ihre Reisen mindestens eine Woche vorab mit ihrem Ehemann besprochen wurden. Mit der Zeit kehrte sie jedoch von Reisen zurück, nur um ihren Mann gleich mit einer Liste bereits geplanter Reisen zu begrüßen. Im Dialog wurden sich Bae Becky und ihr Ehemann einig, dass sie kurz vor einer neuen Reise mit bereits gepacktem Gepäck um seine Erlaubnis bitten kann. Um die Zeit außerhalb der Familie zu kompensieren, muss Bae Becky jedoch in der Zeit, die sie nicht bei PASAKK verbringt, bei ihm auf dem Bauernhof oder zu Hause sein.

Selbstzweifel überwinden

Es dauerte einige Zeit, bis Bae Becky und die unterrepräsentierten weiblichen Führungskräfte Akzeptanz in ihrer Gemeinschaft fanden, die als Führungskräfte konsequent Männer bevorzugt hatte. Der Nachteil der überwiegenden Wahl von Männern wurde später erkannt, als Männer aufgrund ihrer traditionellen Rolle als Familienversorger an Versammlungen und allen anderen Zusammenkünften gehindert wurden. Insbesondere konnten sie sich nicht auf Führungsrollen während der Vorbereitung der Felder und zur Pflanz-Saison oder während der Pflege der Farmen und der Erntezeit konzentrieren. Trotzdem neigte die Gemeinde zur generellen Bevorzugung von Maskulinität.

Diese Neigung wurde auch von den Frauen geteilt, denen anscheinend der Mut fehlte, diese Rollen zu übernehmen. Wenn Frauen für eine Führungsposition nominiert wurden, lehnten sie sie ab und argumentierten, dass die Hausarbeit und die Betreuung von Kindern bereits ausfüllend sind. Frauen sagten häufig: „Ich kann mich noch nicht entscheiden. Ich muss meinen Mann konsultieren.“ Frauen suchten zuerst die Meinung und die Zustimmung ihrer Männer, die oftmals die bestehenden Belastungen der Frauen zu Hause betonen, was dazu führte, dass potentiell wichtige Engagements in der Gemeinschaft abgelehnt wurden. Bae Becky glaubt, dass selbst wenn das Umfeld Frauen helfen kann, der Mut zum Führen aber damit beginnen muss, ihre Selbstzweifel zu überwinden.

Frauenförderung als Gemeinschaftsanliegen

Obgleich eine einzige Frau ausreichen könnte, um zu beweisen, was Frauen können, glaubt Bae Becky, dass es eine größere Menge braucht. Am Beispiel von Bae Becky wusste die Gemeinschaft zu schätzen, dass auch Frauen führen können. 2020 erreichte die Vertretung von Frauen im Ältestenrat von PASAKK ihren höchsten Stand. Sechs der zwölf Sitze im Ältestenrat von PASAKK, einschließlich Bae Beckys Position, sind von Frauen besetzt. Zuvor lag dies bei drei oder weniger. Auf die Frage, ob dies eine geplante Regelung sei, sagt Bae Becky: „Nein, es war die Wahl der Gemeinschaft.“

Bae Becky ist jedoch der Ansicht, dass die Beteiligung von Frauen nicht nur auf der Anzahl basieren sollte. Dies würde zu einer rein symbolischen Repräsentation führen, nur damit die Gleichstellung der Geschlechter im wörtlichsten und oberflächlichsten Sinne angegangen wird. Innerhalb von PASAKK, erklärt Bae Becky, pflegten sie die Vielfalt der Ideen, den Inhalt des Arguments und das Wohl der Gemeinschaft. Männer sind in einer solchen Atmosphäre herausgefordert: Sie können sich nicht länger auf ihren Positionen ausruhen. Frauen müssen gleichermaßen kritisch und selbstbewusst sein. Entscheidungen werden auf der Grundlage des Wohlergehens der Gemeinschaft getroffen, unabhängig davon, wer die Idee eingebracht hat, so dass Frauen die Möglichkeit haben, sich gleichberechtigt mit Männern auszutauschen.

Im Verlauf des Führens erkannte Bae Becky, dass ihre Stimme wichtig ist. Obgleich sie von Menschen in Uniform und mit höherem Bildungsabschluss von der Regierung und anderen NGOs gewöhnlich eingeschüchtert worden war, stellte sie fest, dass ihre Präsenz auf der Legitimität der Probleme der indigenen Gemeinschaft beruht: Sie ist eine lebende Zeugin und voll ausgestattet, um marginalisierte Teile der Bevölkerung zu vertreten. Bae Becky erkannte, dass sie wichtig ist, ebenso wie die anderen fähigen Frauen aus ihrer Gemeinschaft.

Die Geschichte von Bae Becky ist eine von vielen, die es wert sind, erzählt zu werden. Sie wünscht sich, dass die Stärkung von Frauen zu einer Kultur in anderen Gemeinschaften und Institutionen rund um PASAKK und darüber hinaus wird. Um den Weg für die Stärkung anderer indigener Frauen zu ebnen, bemüht sich Bae Becky, die traditionellen Führungsrollen der Manobo-Frauen zu dokumentieren und in Erinnerung zu rufen. Damit übt sie nicht nur ihre eigene Führung aus, sondern befähigt auch andere Frauen, ihrem Beispiel zu folgen.

Übersetzung aus dem Englischen von: Jörg Schwieger.

Autor:in

  • Die Journalistin Anemi Wick arbeitete von 2020 bis Anfang 2026 als von AGIAMONDO vermittelte Fachkraft in Timor-Leste, wo sie im Rahmen des Zivilen Friedensdienstes das Produktionsteam der timoresischen Medienorganisation Casa de Produção Audiovisual (CPA) unterstützt und beraten hat.

Creative Commons Lizenzvertrag
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4 | 2019, Osttimor, Rezensionen, Timor-Leste,
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Ein innerer Kampf

Timor-Leste – Während der Besatzungszeit (1975 – 1999) wurden Frauen vom indonesischen Militär inhaftiert, vergewaltigt oder gezwungen, Soldaten „zu heiraten“. Betroffene von sexualisierter Gewalt und deren Kinder erfahren in der Gesellschaft damals wie heute Ausgrenzung. Armut bestimmt ihr Leben.

Mit breiter gesellschaftlicher Unterstützung hatte Osttimors Wahrheitskommission(Commissão de Acolhimento, Verdade e Reconciliação de Timor-Leste, CAVR) im Januar 2002 ihre Arbeit aufgenommen. Sie untersuchte die während der indonesischen Besatzungszeit (1975 – 1999) verübten Menschenrechtsverletzungen, gab den Opfern eine Stimme und führte auf Gemeindeebene Versöhnungsprozesse durch. Mit dem Abschlussbericht „Chega!“ (port. „Genug!“) sprach sie Empfehlungen aus, die zu Gerechtigkeit und Anerkennung beitragen sollten.

Frauen erhielten dort erstmalig den Raum, aus der Anonymität herauszutreten und die erlittenen Gräueltaten in die gesellschaftliche Wahrnehmung zu bringen. Dieser Schritt erforderte sehr viel Mut. Die bisher erlebten Schmähungen, Ausgrenzungen und Erniedrigungen in ihren Dörfern ließen sie befürchten, diese nun auch auf breiter Ebene zu erfahren. Von einigen wenigen Ausnahmen abgesehen, wiesen Familien den Frauen die Verantwortung und Schuld für das erfahrene Unrecht zu; sie hätten, so der Vorwurf, Schande über die Familie gebracht. Mit einer öffentlichen Aussage brüskierten die Frauen auch ihre Sippe.

Der Film Beatriz von der lokalen Organisation Asosiasaun Chega! Ba ita (ACbit) dokumentiert eindrücklich die Situation dieser Frauen. Er beginnt mit Beatriz Mirandas bewegender Geschichte, die sie bei der Anhörung der Wahrheitskommission zu Gewalt gegen Frauen 2003 in die Öffentlichkeit trug.

Filmdokumentation Beatriz, von ACbit, 18 Min, Timor-Leste 2018:

Beatriz Miranda ist eine Überlebende wie hunderte andere Frauen auch. Sie lebte 1983 im Ort Kraras, in dem die männliche Bevölkerung massakriert wurde. Ihr Ehemann gilt seitdem als verschwunden. Es gab keine offizielle Untersuchung zum Massaker von Kraras und zur genauen Zahl der Opfer. Es ist eines der berüchtigtsten Verbrechen der indonesischen Besatzung. Als „Dorf der Witwen“ erlangte der Ort traurige Berühmtheit.

In dieser Situation war Beatriz Miranda über einen Zeitraum von zehn Jahren gezwungen, mit drei verschiedenen indonesischen Soldaten zusammenzuleben. Aus diesen Verbindungen hat sie zwei Kinder, mit denen die Soldaten sie nach Ende ihrer Dienstzeit zurückließen. Den Anfang machte ein Soldat der Eliteeinheit Kopassus. Nachdem sie von ihm zusammengeschlagen worden war, rief ihr Schwager nach dem Dorfchef und den Nachbarn. In Anwesenheit des Elitesoldaten sagte ihr die Dorfversammlung, darunter ihre Schwiegereltern, sie möge ihn akzeptieren. Niemand würde über sie spotten. Alle wüssten, dass sie dazu gezwungen worden sei. Sie sagten, so Beatriz Miranda bei ihrer Aussage vor der Kommission: „Wenn du dich widersetzt, werden wir alle sterben. Es ist besser, du verkaufst deine Seele, um unseren Hals zu retten.“

Alleingelassen

Als sie gezwungen war, mit den nächsten Soldaten zu leben, sagte sie sich: „Also gut, ich teile mich selbst in zwei Hälften. Die untere Hälfte gebe ich ihm, aber die obere Hälfte, die gehört meinem Land, dem Land Osttimor.“ Obwohl die Familie und das Dorf ihr Verständnis zusicherten, wurde schon bald sehr schlecht über sie gesprochen. Sie beschimpften sie als „Armeeweib“ und verdächtigten sie auch als Spionin. Wütend stellte sie sich den Diffamierungen entgegen. Anschließend wagte zwar niemand mehr, sie direkt zu beschimpfen, doch die Ausgrenzung von ihr und ihren Kindern blieb bestehen.

Beatriz Miranda steht beispielhaft für das Schicksal vieler Frauen, die sexualisierte Gewalt und deren Folgen erleben mussten. Neben den physischen Verletzungen und psychischen Leiden, mit denen die Frauen gänzlich allein gelassen wurden, sahen sie sich oftmals zusätzlichen Belastungen ausgesetzt. Ihre Ehemänner wendeten sich von ihnen ab, insbesondere, wenn die Frauen als Ergebnis dieser sexualisierten Gewalt Kinder gebaren. Familien wiesen sie zurück. Viele der Opfer waren gezwungen, weiterhin als ‚Sexsklavin‘ zu dienen, um für sich und ihre Kinder sorgen zu können. Versuchte Abtreibungen kosteten viele Frauen das Leben.

Die Gesellschaft versagt

Ihre machtlose, untergeordnete Rolle in der Gesellschaft Osttimors ließ die Frauen in einen Kreislauf anhaltender Verletzung geraten. Ihnen wurde nicht nur von indonesischen Soldaten Gewalt angetan, sondern auch von osttimoresischen Männern. Dazu gehören Milizen und Mitglieder im Sicherheitsapparat der Indonesier ebenso wie Kämpfer der Forças Armadas de Libertação Nacional de Timor-Leste (FALINTIL), der militärischen Front des Widerstands, und Parteiangehörige von FRETILIN (Frente Revolucionária de Timor-Leste Independente) und UDT (União Democrática Timorense) während ihrer bewaffneten Auseinandersetzung 1975.

Frauen wurden von ihrer eigenen Gesellschaft und vielerorts auch von der örtlichen Kirche ausgegrenzt, die dabei versagten, den Frauen beizustehen. Schlimmer noch, die Gewalttaten wurden tabuisiert. Der Bericht der Wahrheitskommission gab im Kapitel zu „sexueller Gewalt“ auf über 100 Seiten Zeugnis des erlebten Grauens. Die Kommission formulierte Empfehlungen an Regierung, zivilgesellschaftliche und religiöse Organisationen, wie man den Bedürfnissen der Opfer gerecht und Gewalt gegen Frauen in der Gesellschaft gestoppt werden könnte.

Die Regierung wendet sich ab

Hugo Fernandez, der damalige Leiter der Abteilung für Wahrheitsfindung bei CAVR, sah 2004 eine sehr große Herausforderung in der Umsetzung der Empfehlungen durch die Regierung voraus (Schlicher, 2005, S. 82). Werden die Empfehlungen nicht oder nur ungenügend umgesetzt, kommt dies einer Bagatellisierung der Verbrechen gleich.

„Auf der politischen Ebene hat sich niemand die Mühe gemacht, den Bericht zu lesen und von den Empfehlungen sind nur ca. fünf Prozent umgesetzt“, prangert Hugo Fernandez heute an. Inzwischen leitet er das 2017 eingerichtete Centro Nacional Chega! (CNC), die Nachfolgeinstitution der Wahrheitskommission. „Solidarität mit den Opfern ist eine unserer Aufgaben beim CNC, und es liegt noch ein langer Weg vor uns. Während die Veteran*innen als Held*innen gefeiert werden, bleibt die vergewaltigte Frau, die drei Kinder von drei verschiedenen indonesischen Soldaten hat, ausgegrenzt.“ Und die Strafverfolgung für die Verbrechen während der Besatzungszeit ist längst eingestellt. Weiterhin ist Gewalt gegen Frauen, gesellschaftlich fast selbstverständlich akzeptiert, ein Problem von hoher Relevanz.

Solidarisch unterstützen sich die Frauen und fordern Anerkennung

2017, während der Produktion des Films, lebt Beatriz Miranda mit ihren Kindern weiterhin in ihrem Dorf. Die Erwartung von damals, dass sich mit ihrer Aussage vor der Wahrheitskommission ihre bedrückende Lebenssituation verändert, hat sich längst zerschlagen. Sie ist arm und das Leben als Witwe bleibt schwer. Ihre Tochter wurde vom Vater ihres Kindes mit der Begründung sitzen gelassen: „Ich werde dich nicht heiraten, denn dein Vater ist ein indonesischer Soldat.“ Beatriz sagt dazu im Film: „Ich bin ein Opfer, meine Tochter ist ebenso ein Opfer geworden. Wir brauchen die Unterstützung der Regierung für die Ausbildung der Kinder.“

Doch sie ist aktiv geblieben. 2015 hat sie die Selbsthilfegruppe Freundschaft unter Witwen gegründet. „Wir müssen nach vorne blicken“, erklärt sie den Mitgliedern, „und das, was in der Vergangenheit war, soll unser Leben nicht mehr bestimmen. Wir müssen den Herausforderungen von heute ohne Angst begegnen.“

Das ‚Unsagbare’ aussprechen

Die Frauen unterstützen sich gegenseitig beim Erwerb ihres Lebensunterhalts. Durch das Aussprechen des ‚Unsagbaren’ bewältigen sie Scham und Schuldgefühle und gewinnen wieder an Selbstrespekt. Den Widrigkeiten, mit denen die Gesellschaft ihnen begegnet, stellen sie sich entgegen: Indem sie sich nicht darauf konzentrieren was sie abwertet, sondern auf das, was sie glücklich macht. Dieses Glück geben sie an ihre Kinder weiter. Doch nicht alle Kinder erfahren dieses Glück: Viele Kinder aus den erzwungenen Verbindungen wurden von ihren verzweifelten Müttern aufgegeben.

Beistand erhalten die Gruppen der Witwen durch die lokale Organisation ACbit. Sie unterstützt die Frauen mit Programmen zu Trauma-Heilung. Die 2012 gegründete Organisation setzt sich für die Umsetzung der Empfehlungen der Wahrheitskommissionen ein.

Der Film Beatriz ist der Türöffner

„Der Film Beatriz ist eine Inspiration für uns alle“, berichtet uns Manuela Leong Pereira, Direktorin von ACbit, „und er hat eine sehr starke Wirkung.“ ACbit setzt den Film in der Arbeit mit Gemeinden und Frauen im ganzen Land ein. „Anfänglich sind die Frauen immer sehr zurückhaltend und voller Scham. Der Film ist dann der Türöffner, der sie ermutigt, zu erzählen. Die Frauen staunen vor allem, dass diese schrecklichen Dinge erzählbar sind, erzählt werden dürfen und Beatriz ihre Geschichte schon 2004 öffentlich gemacht hat. Sie sind überrascht und berührt, wie viele von ihnen – ob die Nachbarin im Dorf oder die Frau im entfernten Distrikt – diese Gewalt erfahren mussten.“

Die Geschichten werden erstmals als erfahrenes Unrecht anerkannt und bewegen nun auch die Gemeindemitglieder. Die Frauen erhalten Respekt. „Anfangs“, so Manuela Leong Pereira, „waren Männer empört, dass wir der Frauen wegen zu ihnen in die entferntesten Ecken des Landes kamen und diese und ihre ‚alten‘ Geschichten ins Zentrum der Aufmerksamkeit stellten. Heute kommen die Männer auf uns zu und entschuldigen sich sogar dafür, dass sie früher nicht mit uns sprechen wollten.“ ACbit wird von dem Zuspruch zu ihrem Programm geradezu überrannt.

Auch wird der Film in der Lobbyarbeit gegenüber der Regierung bei Veranstaltungen genutzt. „Einige, vor allem jüngere Mitglieder in der Regierung haben durch diesen Film erstmals die Situation der Frauen, die damals Opfer geworden sind, erfasst. Anderen rufen wir sie wieder in Erinnerung.“

Frauen gewinnen an Respekt

Durch den Film Beatriz wurden viele Menschen erreicht. Die Thematik ist ins Bewusstsein gerückt. Doch noch immer haben viele der Frauen keine staatliche Hilfe erhalten, weiterhin sind sie schutzbedürftig. Zwar gibt es im Ministerium für Soziale Solidarität ein Hilfsprogramm, aber es erreicht die Menschen nicht, vor allem die nicht, die auf dem Land leben. Beatriz und die Frauen in ihrer Gruppe sprechen immer wieder im Ministerium vor, bleiben aber ungehört und ohne Unterstützung.

Bis heute arbeitet Beatriz mit den Witwen und betroffenen Frauen. Sie haben aus eigener Kraft Erfolge mit ihrer Arbeit, sie sind mutiger geworden und haben in der Gemeinde an Respekt gewonnen. Die Erfolge dürfen aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass sie nach wie vor mit großen Herausforderungen konfrontiert werden und Probleme allein auf sich gestellt bewältigen müssen. Einmal mehr ist zu sehen, wie stark und notwendig die Arbeit von Frauen für Frauen ist.

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  • Die Journalistin Anemi Wick arbeitete von 2020 bis Anfang 2026 als von AGIAMONDO vermittelte Fachkraft in Timor-Leste, wo sie im Rahmen des Zivilen Friedensdienstes das Produktionsteam der timoresischen Medienorganisation Casa de Produção Audiovisual (CPA) unterstützt und beraten hat.

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4 | 2019, Osttimor, Rezensionen, Timor-Leste,
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Ein innerer Kampf

Vietnam: Vergewaltigung war für Frauen im Vietnamkrieg allgegenwärtig. Gina Marie Weaver geht in ihrem Buch ‚Ideologies of Forgetting. Rape in the Vietnam War‘ der Frage nach, warum sexualisierte Kriegsgewalt systematisch verschwiegen wird.

Vergewaltigung war im Vietnamkrieg so weit verbreitet, dass es in den Worten eines Soldaten Standard Operating Procedure – völlig normal – war. Vor allem in Südvietnam wurden Frauen und Mädchen sehr oft Opfer von Vergewaltigungen. Dies lag daran, dass der Krieg hier systematisch gegen die Zivilbevölkerung geführt worden ist. In den so genannten Search and Destroy– Einsätzen sollten amerikanische GIs in den Dörfern Kämpfer*innen des Vietcong aufstöbern – der Erfolg wurde mit dem berüchtigten body count gezählt. Je mehr Leichen – oft wurden die Ohren als Beweismittel abgeschnitten und mitgenommen – desto besser. Und weil die GIs nicht erkennen konnten, ob jemand ein*e Widerstandskämpfer*in war oder nicht, haben sie auch viele Zivilist*innen ermordet.

Sexualisierte Gewalt fand in diesem Kontext statt, entweder als ‚opportunistische Vergewaltigung’ (Soldaten taten es, weil sie dafür nicht belangt wurden) oder zur systematischen Terrorisierung der Bevölkerung. In ihrem Buch Ideologies of Forgetting. Rape in the Vietnam War unterscheidet Gina Marie Weaver zwischen der Vergewaltigung, der sexualisierten Folterung von Gefangenen und der Mordvergewaltigung. Bei der Folterung ging es darum, Informationen über die Verstecke und Personen des Vietcong herauszubekommen. Frauen waren hier viel häufiger Opfer sexualisierter Gewaltfantasien als Männer. Bei den Mordvergewaltigungen wurden Frauen und Mädchen, die man bei ‚Säuberungsaktionen’ umbrachte, vorher massenvergewaltigt.

Heldentum und Aufopferung

Weaver diskutiert zuerst die Zeugnisse von Frauen, die im Vietnamkrieg vergewaltigt wurden. In ihrem Buch Then the Americans Came zum Beispiel hat Martha Hess die mündlichen Erzählungen von Frauen aus Interviews zusammengefasst, die die Alltäglichkeit sexualisierter Gewalt bezeugen. Auch in den Berichten zu Kriegstribunalen und Ähnlichem wird Gewalt gegen Frauen thematisiert. Sexualisierte Gewalt kommt außerdem in einigen der bedeutendsten literarischen Werke über den Krieg vor. Bao Ninhs The Sorrow of War (1991) wird um die Massenvergewaltigung der Kämpferin Hoa strukturiert. Duong Thu Hongs Novel without a Name (1995) beginnt mit einer Szene, die die verwesenden Opfer einer Massenvergewaltigung beschreibt. Le Ly Hayslips When Heaven and Earth Changed Places ist die biographische Aufarbeitung einer Vietcong-Kämpferin, die als vermeintliche Verräterin zuerst von Vietcong-Kollegen vergewaltigt wird, und dann eine ganze Reihe von Gewalterfahrungen seitens amerikanischer Soldaten überlebt und als Survivor irgendwann in die USA flüchtet.

Trotzdem sei die sexualisierte Gewalt des ‚Amerikanischen Krieges’ in Vietnam nicht wirklich aufgearbeitet worden, so Weaver. Dafür nennt sie mehrere Gründe. Erstens führe Traumatisierung dazu, dass viele Opfer nicht darüber sprechen wollten oder könnten. Zweitens widerspreche die Aufarbeitung des Leidens dem Bild der vietnamesischen Regierung, die den Krieg als heldenhaften, heroischen Sieg darstellen wolle. Vergewaltigung werde so als Aufopferung für die nationale Sache verstanden, Frauen sollen als Heldinnen vorkommen. 1.5 Millionen Frauen haben in der nordvietnamesischen Armee gekämpft, 70-80 Prozent der freiwilligen ‚Stoßtrupps’ die am Ho Chi Minh-Pfad eingesetzt wurden, waren junge Frauen. Drittens betreibe die Regierung heute eine Normalisierung der wirtschaftlichen und politischen Beziehungen zu den USA. Eine Aufarbeitung der sexualisierten Gewalt durch die Amerikaner oder gar die Verurteilung der Täter oder eine Wiedergutmachung stünde diesem Ziel im Wege.

Erste Aufarbeitung in den USA

Im Kapitel Naming Themselves geht Weaver auf die Selbstzeugnisse von amerikanischen Soldaten ein. Es waren vor allem die Antikriegsbewegung, die Frauenbewegung in den USA und die Vietnam Veterans Against the War (VVAW), die eine kritische Auseinandersetzung mit den Gräueltaten der US-Armee mitsamt der sexualisierten Kriegsgewalt schon während des Krieges vorangebracht hätten. Die Gräueltaten des Massakers von My Lai sind aufgrund von Aussagen kritischer Soldaten ans Licht gekommen: Bei dem Massaker wurden mindestens 20 Frauen und Kinder vergewaltigt, bevor man sie ermordet hat. Die Meldung eines anderen während des Krieges bekannt gewordenen Vorfalls, bei dem eine Patrouille ein junges Mädchen entführt hat, um sie zu vergewaltigen und dann zu ermorden, führte zu der Verurteilung der beteiligten Soldaten. Ihre Strafen wurden nachträglich erheblich abgemildert.

Über dieses wichtige Whistleblowing hinaus haben die aktivistischen Soldaten das Verhältnis zwischen Rassismus, Klassengesellschaft und toxischer Männlichkeit hergestellt und in Frage gestellt. Diese Analyse ist eine der stärksten des Buches. Soldaten reflektierten in der berühmten Winter Soldier Investigation von 1971 ihre Opferrolle und Mittäterschaft im Krieg und entwickelten dafür einen intersektionalen Ansatz.

Die US-Kriegsmaschinerie hatte schon im Zweiten Weltkrieg und im Koreakrieg rassistische Stereotypen über Japaner und Asiaten verwendet und setzte diese im Vietnamkrieg fort, um den Gegner zu entmenschlichen und so besser töten zu können. Die Verrohung in der Ausbildung der Soldaten, in der Frauen als zu erniedrigende Objekte porträtiert wurden, bereitete die Soldaten darauf vor, die Frauen des Feindes zu verachten. Sie griff dabei aber auch auf ein vor allem in der Arbeiterklasse verankertes Genderverständnis zurück, bei dem der Mann hart, stark und vor allem nicht verweichlicht und weiblich sein durfte. Auf dieser Grundlage stellten sie nicht nur den Krieg sondern auch den Kapitalismus in Frage.

Hollywoods Revisionismus

Genau diese kritische Haltung sei für die militärische Schlagkraft des US-Imperialismus zum Problem geworden. Laut Weaver dienten Hollywoods Vietnamfilme vor allem dazu, die Täterschaft der amerikanischen Soldaten zu leugnen. Dies laufe hauptsächlich über die Darstellung der Soldaten als Opfer, Opfer der traumatischen Erfahrungen im Krieg aber auch Opfer der ‚Weicheier’ zu Hause, also der Aktivisten der Antikriegsbewegung und vor allem der Feministinnen. Der Vietnamkrieg wird als ‚amerikanische Erfahrung’ dargestellt. Die Menschen in Vietnam und insbesondere die vielen Opfer von sexueller Gewalt werden ausgeklammert: Rambo als tragischer Held war kein Vergewaltiger.

In anderen Hollywoodfilmen sei Vergewaltigung ein wichtiges Element, das die männlichen Tötungsfantasien gegen den Feind pornographisch und mit rassistischen Untertönen untermauere. Klassische Frauenrollen seien die geldgierigen und abgekochten Prostituierten auf der einen und die fanatischen ‚Sniperfrauen’ auf der anderen Seite. Beide dienten als Projektion für eine toxische Männlichkeit, die eine grausame amerikanische Intervention nachträglich rechtfertigen sollte.

Kein Buch hat mich in letzter Zeit so aufgewühlt wie dieses. Es zeigt, wie wichtig die Einbeziehung der Erfahrung der sexualisierten Gewalt für die Analyse des Vietnamkrieges ist. Gleichzeitig bleibt es vor allem eine amerikanische Erzählung. Weitere Forschungen in Vietnam selbst wären jetzt wichtig, um die Perspektive weiter zu dekolonialisieren.

Rezension zu: Gina Marie Weaver. Ideologies of Forgetting. Rape in the Vietnam War. SUNY Press. 2010. 198 Seiten.

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4 | 2019, Osttimor, Rezensionen, Timor-Leste,
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Ein innerer Kampf

Kambodscha: Das Theaterprojekt „I am a daughter“ bricht Rollenbilder von Frauen in der kambodschanischen Gesellschaft auf. Unsere Autorin unterstützt die Initiative. Auch sie musste darum kämpfen, ein selbst bestimmtes Leben führen zu dürfen.

Es gibt ein altes Khmer-Sprichwort: „Srey chlad ot pidey“. Das bedeutet: „Eine kluge Frau bekommt keinen Mann“. Ich habe gelernt, diesen Spruch zu ignorieren. Ich bin eine gebildete Frau. Und ich möchte keinen Mann heiraten, der mich für dumm hält. Fast jedes fünfte Mädchen in Kambodscha heiratet vor ihrem 18. Geburtstag. Viele kambodschanische Eltern arrangieren immer noch Hochzeiten gegen Brautgabe, weil man Mädchen die künftige Rolle der Mutter und Hausfrau zuweist. Der Ausbildung von Frauen kommt damit weitaus geringere Wichtigkeit zu; der Mann soll besser ausgebildet sein, weil er nach traditionellem Verständnis für das Einkommen der Familie zuständig ist.

Nur 15 Prozent der Frauen haben einen Realschulabschluss

Über die Hälfte der Bevölkerung Kambodschas lebt an oder unter der Armutsgrenze. Ich hatte Glück und wuchs in einer Mittelstandsfamilie in der Hauptstadt Phnom Penh auf. Schon als Teenager erzählte ich meiner Mutter, dass ich Journalistin werden möchte. Sie sagte das sei ein schrecklicher Beruf. Redakteur*innen seien oft arm, manche würden gar wegen ihrer Arbeit getötet. Ich fragte sie, was ich stattdessen tun solle. Meine Mutter antwortete nur, ich solle an meine Identität als Frau denken. Später bat sie mich das Haus zu putzen und Abendessen zu kochen.

Ich nehme es ihr nicht übel. Wegen des Völkermordes unter dem Regiment der Roten Khmer vor über 40 Jahren konnte sie nicht einmal die Grundschule abschließen. Der 30-jährige Bürgerkrieg endete erst 1998. Bis 2019 verfügten nur 15 Prozent der erwachsenen Frauen in Kambodscha über einen Sekundarabschluss [entspricht dem deutschen Realschulabschluss]. Bei den erwachsenen Männern waren es 28,1 Prozent. Das geht aus Daten des United Nations Development Program (UNDP) hervor.

Diskriminierung in der Arbeitswelt

Mit den ersten freien Wahlen im Jahr 1993 veränderten sich Kambodschas Gesellschaft und Wirtschaft. Als ein Kind der ‚Babyboom-Generation’ der Nachkriegszeit, habe ich diese Phase miterlebt. Die meisten kambodschanischen Jugendlichen werden aber von ihren Eltern so erzogen, wie deren Eltern es zuvor getan hatten. Von den Frauen wird erwartet, den gesellschaftlichen Normen zu folgen. Ihre Aufgabe liegt darin, sich um die Kinder und ältere Menschen zu kümmern. Die Potentiale und Fähigkeiten von Frauen werden nicht gesehen oder klein geredet. Der Gedanke, dass wir Frauen nie gut genug sein werden, um mit Männern zu konkurrieren, verunsichert uns. Mein Leben hat sich erst verbessert, nachdem ich in Dänemark und England meinen Master im Fach Finanzjournalismus abgeschlossen hatte. Ich begann danach als Reporterin bei der Zeitung The Phnom Penh Post zu arbeiten.

Trotz einiger Verbesserungen, sind Männer und Frauen in der Arbeitswelt nicht gleichgestellt. Frauen sind ständig mit Diskriminierung und fehlender sozialer Absicherung konfrontiert. Kambodscha steht vor der Aufgabe, mehr Jobs zu schaffen, prekäre Beschäftigung zu reduzieren und dafür zu sorgen, dass Arbeit unter menschenwürdigen Bedingungen stattfindet. Es braucht Gesetze, die Arbeitsbedingungen und die soziale Absicherung verbessern, damit ein Arbeitsmarkt entstehen kann, in dem Männer und Frauen gleichermaßen gefördert und bezahlt werden.

80 Prozent der Bevölkerung sind jünger als 30 Jahre

Seit 2018 arbeite ich mit kambodschanischen Schüler*innen im Rahmen des Gemeinschaftstheaters und Multimediaprojekts I am a Daughter, einer Initiative des Kulturzentrum Meta House) in Phnom Penh und seinem Dachverband, der Kambodschanisch-Deutschen Kulturvereinigung (KDKG). In den letzten sechs Jahren hat das Meta House insgesamt drei verschiedene Schultheaterprojekte, in Zusammenarbeit mit lokalen Bühnenautor*innen und der NGO für darstellende Künste, Khmer Art Action, durchgeführt.

Landesweit haben bisher über 80.000 kambodschanische Gymnasiast*innen an den Theateraufführungen teilgenommen. In kambodschanischer Sprache behandeln die Stücke Themen wie den laufenden Versöhnungsprozess nach dem Völkermord, den Alkoholismus unter Minderjährigen und die Stärkung der Rolle von Mädchen. Entscheidend für den Erfolg des Projektes ist die Unterstützung des kambodschanischen Ministeriums für Bildung und Sport, welches die Aktivitäten von NGOs in Schulen und Universitäten sehr genau beobachtet. In westlichen Ländern gehört Schultheater zum Standard. Dagegen ist dieses Projekt für Kambodscha ein Novum, denn neben dem Schulunterricht gibt es normalerweise so gut wie keine Aktivitäten um die Schüler*innen zu fördern.

„Über 80 Prozent der Bevölkerung Kambodschas sind jünger als 30 Jahre alt. Deshalb müssen wir uns auf die Erziehung der jungen Generation konzentrieren, um die Entwicklung des Landes voranzutreiben. Das Theater schafft einen sicheren Raum für Schüler*innen und Studierende. Sie können dort offen über drängende soziale Fragen diskutieren. Das Ergebnis sind bessere kognitive Fähigkeiten und ein höheres Maß an Selbstvertrauen. Kinder und junge Erwachsene lernen, ihre eigenen Probleme auf unterhaltsame Weise zu lösen“, erklärt die Programmmanagerin und Filmemacherin des Meta House, Sao Sopheak, selbst Mutter von zwei Kindern.

Männer müssen bei der Gleichstellung eine aktive Rolle einnehmen

Das Stück I am a Daughter schrieb Kim Dyna, eine ehemalige TV-Nachrichtenmoderatorin. Es zeigt Situationen, in denen Frauen versuchen die für sich besten Lösungen zu finden. Die Schauspieler*innen schlüpfen in dem Stück in verschiedene Rollen – die der Großmutter, Enkelin, Ehefrau und des Ehemannes, die manchmal die Geschlechterrollen tauschen. I am a Daughter zeigt den Weg einer Frau zur Universität und ihre Suche nach einem Partner, der sie unterstützt und bereit ist, auf die Heirat bis nach ihrem Abschluss zu warten.

„Unser männliches Publikum scheint sehr motiviert, die Frauenrechte im modernen Kambodscha zu unterstützen. Sie müssen jedoch auch eine aktivere Rolle bei der Verwirklichung der Gleichstellung spielen“, erzählt die Moderatorin des Theaterstückes, Vouchleng, über die Reaktionen bei den Aufführungen. Sie hat bislang über 100 Darbietungen in zehn kambodschanischen Provinzen moderiert.

Theaterstück thematisiert häusliche Gewalt und Frauenrechte

„Ein großer Teil der Geschichte stammt aus meiner eigenen Erfahrung“, sagt Kim Dyna. „Meine Familie wollte auch, dass ich einen reichen Mann heirate. Ich sagte `Nein`, als ich erfuhr, dass er nicht wollte, dass ich studiere oder arbeite.“ Dyna erklärt weiter: „Die Theaterstücke binden die Zuhörenden ein. So entstehen ein gemeinsames Wissen, eine gemeinsame Erfahrung und die Möglichkeit, Wahrnehmungen und Einstellungen zu verändern.“

Das Theaterstück porträtiert Figuren, die mit Themen wie Frauenrechten, Ablehnung aus der Familie und häuslicher Gewalt konfrontiert sind. Teile basieren auf Interviews, die Dyna mit Gymnasiastinnen aus Phnom Penh und dem ländlichen Raum Kambodschas geführt hat. „In der Stadt haben Frauen mehr Zugang zu Informationen“, sagt Dyna. „Sie sind sich ihrer Rechte bewusster und streben nach Gleichberechtigung. Frauen auf dem Land fehlt es oft an Bildung und sie haben nur begrenzten Zugang zum Internet oder zu sozialen Medien. Entscheidungen lassen sie oft ihre Familien für sich treffen.“, fasst sie ihre Erkenntnisse zusammen.

Zu jeder Aufführung gehören Frage-und-Antwort-Runden mit weiblichen Vorbildern. Die Frauen erzählen den jungen Schüler*innen aus ihrem Leben und davon, was sie erreicht haben. Auf der Webseite des Theaterprojekts werden Diskussionsrunden, Live-Streams, Workshops, Kunstausstellungen, Filmproduktionen und Blogeinträge online gestellt. Hier können sich junge Frauen über Unterstützungsmöglichkeiten informieren und werden ermutigt, ihre eigenen Wege zu gehen, finanziell unabhängig zu leben und sich eigenständig für einen Beruf zu entscheiden.

Kambodschanische Frauen verlassen sich nicht mehr auf die Ehe

I am a daughter lehrt die Bedeutung von Unabhängigkeit und Selbstbestimmung. Junge Frauen sollten sich entfalten können, bevor sie eine Ehe eingehen und Kinder bekommen. Die alte Norm, nach der sich Frauen allein auf die Ehe verlassen sollen, ist überholt. Moderne kambodschanische Frauen folgen dem nicht mehr. Jene, die selbst bestimmte Frauen fürchten, fürchten sie aus eigener Unsicherheit. Sie verlachen dich und gehen davon aus, dass du scheitern wirst. Aber jene, die Freiheit zu schätzen wissen, werden dich ermutigen und unterstützen. Und sich vielleicht von dir inspirieren lassen.

Übersetzung aus dem Englischen von: Simon Kaack

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  • Die Journalistin Anemi Wick arbeitete von 2020 bis Anfang 2026 als von AGIAMONDO vermittelte Fachkraft in Timor-Leste, wo sie im Rahmen des Zivilen Friedensdienstes das Produktionsteam der timoresischen Medienorganisation Casa de Produção Audiovisual (CPA) unterstützt und beraten hat.

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4 | 2019, Osttimor, Rezensionen, Timor-Leste,
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Ein innerer Kampf

Indonesien – Mit dem Buch „Pemenang Kehidupan/Winners of Life“ setzen der Fotograf Adrian Mulya und die Autorin Lilik HS den Frauen ein Denkmal, die während der Suharto-Diktatur als Kommunistinnen verfolgt wurden.

Ärztin wollte sie werden. Als Studentin der Medizin engagierte sich die 1941 geborene Sri Muhayati (Titelfoto) in den frühen 60er Jahren in der linken Studentenorganisation Concentrasi Gerakan Mahasiswa Indonesia (CGMI), die ‚an der Basis’ arbeitete. Gemeinsam mit anderen Studierenden sorgte sie für gesundheitliche Aufklärung in Dörfern, baute Brücken und Sanitäranlagen und bekämpfte die grassierende Rattenplage. Sri Muhayatis Vater war führender Kader der Kommunistischen Partei Indonesiens (PKI) und Mitglied des Provinzparlamentes von Yogyakarta (Java).

Errichtung der antikommunistischen ‚Entwicklungsdiktatur’

Indonesien, das ressourcenreichste Land Südostasiens, war in Kolonialzeit wie im Kalten Krieg ein Spielball von Hegemonialinteressen. Der ‚Dominotheorie’ folgend, unterstützten die US-Regierung und deren Verbündete, darunter auch die Bundesregierung, nach Kräften antikommunistische Kräfte im Land.

Beim Putsch von 1965 siegte das antikommunistische Lager. General Suharto löste Präsident Sukarno als Staatschef ab und errichtete eine prowestliche Entwicklungsdiktatur, die er Orde Baru (Neue Ordnung) nannte.

Eines der furchtbarsten Verbrechen des 20. Jahrhunderts

All jene, die als Widersacher dieser Neuen Ordnung galten, vor allem linke Politiker*innen und Aktivist*innen, wurden brutal verfolgt. Die antikommunistischen Massaker der Jahre 1965 – 1968 zählen zu den furchtbarsten Verbrechen des 20. Jahrhunderts. Schätzungen zu den Zahlen der Ermordeten reichen von 500.000 bis zu drei Millionen Menschen.

Weitere Hunderttausende wurden verhaftet, verhört, gefoltert. Unter ihnen waren zahlreiche Frauen, die sich entweder bei der PKI oder linken Massenorganisationen wie Gerwani engagiert hatten (vgl. Artikel Feminismus als Klassenfrage von Ita Fatia Nadia auf suedostasien.net).

Die Verfolgten bekommen ein Gesicht und eine Stimme

Der Fotograf Adrian Mulya und die Autorin Lilik HS porträtieren in dem 2016 auf Indonesisch und Englisch erschienenen Bildband Pemenang Kehidupan/Winners of Life 22 dieser Frauen, darunter die ehemalige Studentenaktivistin Sri Muhayati. 1965 wurde sie verhaftet. Fünf Jahre musste sie hinter Gittern verbringen. Ihre Mutter starb im Gefängnis. Ihr Vater – verschleppt von Militärs – tauchte nie wieder auf. Nach ihrer Haftentlassung war an den Traum, Ärztin zu werden, nicht mehr zu denken. Sie ersetzte ihren vier jüngeren Geschwistern Mutter und Vater. Jahrzehntelang suchte sie nach Informationen über den Verbleib des verschwundenen Vaters und fand seine Überreste schließlich in einem der wenigen Massengräber, die Anfang der 2000er Jahre, kurz nach dem Rücktritt Suhartos, geöffnet wurden. Sie sei erleichtert, dass sie den Vater endlich mit einem anständigen Begräbnis habe ehren können, sagt Sri Muhayati. Sie verspüre keine Rachegefühle, so die alte Frau. „Rache macht deine Seele kaputt.“

Als Sri Suprapti verhaftet wurde, hatte sie bereits drei Kinder. Die 1928 geborene Javanerin war keine Aktivistin. Die Tochter eines Dorfvorstehers war ihrem Mann Isnanto nach Medan, der Hauptstadt Nordsumatras, gefolgt. Isnanto war aktiv in der großen und einflussreichen Gewerkschaft der Plantagenarbeiter (Sarbupri). Als im Oktober 1965 ihr Haus angezündet wurde, flüchtete Sri Suprapti zunächst mit den beiden jüngeren Kindern, wurde jedoch bald gefasst.

Im Gefängnis traf sie ihren Mann und den ältesten Sohn wieder. Abwechselnd wurden Vater, Mutter und Sohn mit Stromschlägen gefoltert. Über das, was Soldaten später mit ihr machten, in einem Raum im Obergeschoss des Gefängnisses, den sie erst Stunden später verlassen durfte, konnte Sri Suprapti lange nicht sprechen. „Ich will mich daran nicht erinnern.“ sagt sie.

Sri wird 1975 aus der Haft entlassen. Sie schlägt sich durch mit verschiedenen Jobs vom Zwiebeln schälen bis zum Ventilator reparieren. Sie engagiert sich in ihrer Kirchengemeinde. Und als nach dem Ende der Suharto-Diktatur die Überlebenden erstmals ihre Stimme erheben konnten, spricht sie als Zeitzeugin über das, was ihr angetan wurde.

Ni Made Murjiwati wurde 1942 auf der Insel Bali geboren. Anfang der 60er Jahre war sie Mitglied der Volksjugend (Pemuda Rakyat), der Jugendorganisation der PKI. Als solche kam sie 1963 Präsident Sukarno sehr nah, der auf Bali den chinesischen und den tschechoslowakischen Präsidenten empfing. Sie überreichte Sukarno – in einer Überraschungsaktion, die sie einigen Mut kostete – das Gemälde eines balinesischen Malers.

Als Sukarno 1965 von Suharto von der politischen Bühne gedrängt wurde, war Ni Made Murjiwati gerade mit einer Delegation der Volksjugend in China. Die Reise sollte zehn Tage dauern, es wurden Jahre daraus. Die Regierung entzog ihr den Pass, wie zahlreichen weiteren ihrer Landsleute, die auf diese Weise ins Exil getrieben wurden. Ni Made zieht schließlich nach Deutschland. Erst 1996 kehrt sie zum ersten Mal wieder nach Indonesien zurück.

Versuch einer alternativen Geschichtsschreibung

Der Fotograf Adrian Mulya gehört zur Generation von Indonesier*innen, deren Bild der Geschichte von Suhartos Propagandamaschine geprägt war. 1984 wurde eines der Hauptwerke dieser Propagandamaschine veröffentlicht, der vierstündige Film Pengkhianatan G30/PKI (Verrat der Bewegung 30. September/PKI), der die angebliche Verrohtheit und Brutalität von Kommunisten und im speziellen von Kommunistinnen in drastischen Bildern zeigte. Auch in zahlreichen Monumenten und Museen wurde die Suharto-Geschichtsschreibung verewigt. Bis heute werden diese Orte von Schulklassen besucht – Alternativen im öffentlichen Raum gibt es kaum.

Was ihr Land brauche, sei eine „Demilitarisierung der Geschichte“ fordert die indonesische Historikerin I Gusti Agung Ayu Ratih. Teil dieser Demilitarisierung müsse die Aufhebung des Stigmas sein, das Jahrzehnte auf den verfolgten Frauen gelastet habe. An dessen Stelle solle die historische Realität ihres Kampfes vermittelt werden, „der Teil unserer Geschichte ist, der uns Achtung einflößen kann und von dem wir viel lernen können“.

Genau dies vermittelt der beeindruckende Bildband Winners of Life. Er setzt der Entmenschlichung, die den Massakern von 1965 vorausging und mit der die Überlebenden jahrzehntelang stigmatisiert wurden, einen Raum entgegen, in dem die porträtierten Frauen als Menschen mit ihrer Lebensgeschichte gezeigt und gewürdigt werden.

Achtung vor der Lebensleistung der Frauen

Die Fotos zu diesem Bildband entstanden von 2007 bis 2015. Für den Fotografen war es eine sehr persönliche Reise, während der sich sein Geschichtsbild stark veränderte. Es war eine Zeit, die geprägt war von wachsenden Freundschaften zu den Frauen, die seine Großmütter sein könnten. Eine Zeit, in der eine große Achtung vor den Lebensleistungen der porträtierten Frauen entstand. „In ihrer Jugend waren sie voller Leidenschaft bereit, zum Fortschritt ihres Landes, vor allem der Frauen, beizutragen. Warum wurden sie verfolgt?“, fragt Adrian Mulya in seinem Vorwort.

Bis heute gibt es in Indonesien keine Strafverfolgung für die Täter. Bis heute gibt es keine staatliche Anerkennung des Leids, das den Opfern und ihren Familien zugefügt wurde. Die Porträts der weiblichen Überlebenden indes sprechen für sich. Gerade schauen sie in die Kamera, würdevoll und ungebrochen. Diese Frauen abzulichten, so der Fotograf Adrian Mulya, sei für ihn, als würde er das Leben selbst fotografieren.

Rezension zu: Adrian Mulya. Pemenang Kehidupan/Winners of Life. Kepustakaan Populer Gramedia. 2016.

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Ein innerer Kampf

Indonesien: Ein Gesetzentwurf weckt große Hoffnungen bei Frauenorganisationen und liberalen Politiker*innen. Doch die Verabschiedung wird immer wieder verschoben.

Die Diskussionen um das gleichnamige Gesetz zur Beendigung sexualisierter Gewalt (Rancangan Undang Undang Penghapusan Kekerasan Seksual, RUU PKS) gehen ins fünfte Jahr. Bereits 2016 war der erste Entwurf ausgearbeitet worden. Vor allem Frauenorganisationen arbeiten seitdem daran, die Umsetzung voranzutreiben.

Die Kontroverse über die Inhalte des Gesetzentwurfs spiegelt die Sitzverteilung der Parteien im Parlament wider. Die säkulare Demokratische Partei des Kampfes PDI-P (Partai Demokrasi Indonesia – Perjuangan) und die Demokratische Partei DP (Partai Demokrat) stehen mehrheitlich hinter dem Vorschlag für das Gesetz zur Beendigung sexualisierter Gewalt. Auch die Frauenorganisation der größten muslimischen Organisation Nahdlatul Ulama (NU) und die der NU nahe stehende Partei des Nationalen Erwachens PKB (Partai Kebangkitan Bangsa) unterstützen den neuen Gesetzentwurf.

Die konservativen Fraktionen der PKB sowie Vertreter der Gerechtigkeits- und Wohlstandspartei PKS (Partai Keadilan Sejahtera) befürchten hingegen, dass durch das Gesetz Promiskuität und Homosexualität gefördert würden. Verhaltensweisen, die den Konservativen zufolge entschieden abzulehnen sind. Die Gegner*innen des Gesetzes kritisieren, dass außerehelicher Verkehr moralisch ‚legitimiert‘ werde, weil er nicht als Vergehen gilt, solange er in gegenseitigem Einvernehmen stattfindet. Dagegen werde ein Ehemann kriminalisiert, wenn er gegen den Willen seiner Frau handelt.

Die Gleichheitsbestrebungen des Entwurfs werden von dessen Gegner*innen teilweise als ‚ausländische’ und ‚westliche’ Ideologie herabgewürdigt, die nicht mit indonesischen Werten kompatibel sei. Diese Argumentation lässt jedoch offen, was genau ‚indonesische Werte’ sind und ob ausgerechnet die Verteidiger*innen konservativer Positionen dazu berufen sind, diese Werte für die gesamte Gesellschaft zu vertreten.

Mängel in der bestehenden Gesetzgebung

Durch die COVID19-Pandemie hat sich das Problem häuslicher Gewalt verschärft, die Fallzahlen haben sich deutlich erhöht. Familien leben auf engem Raum zusammen und es kommt vermehrt zu Konflikten, die auch physische Dimensionen annehmen können. Die Nationale Kommission gegen Gewalt an Frauen (Komnas Perempuan), die eine führende Rolle bei der Ausarbeitung des Gesetzentwurfs spielte bezifferte bereits im Jahr 2019 die Zahl der Opfer auf 431,471. Das ist ein Anstieg von sechs Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Die höhere Zahl muss nicht ausschließlich auf einen Anstieg der Fälle zurückzuführen sein, sondern kann auch bedeuten, dass die Bereitschaft größer geworden ist, Meldung über Gewaltvorfälle zu erstatten. Dennoch kann weiterhin von einer hohen Dunkelziffer ausgegangen werden, da ein Großteil der Fälle noch immer nicht erfasst werden.

Die Bestrafung der Taten in Indonesien erfolgt derzeit nach einem Strafgesetz, das auf kolonialer Gesetzgebung beruht. Aktivist*innen kritisieren diese Gesetzgebung als unzureichend, um die Bedürfnisse nach Sicherheit und Freiheit zu schützen, welche Überlebende von sexueller Gewalt benötigen.

Eine erste Revision des alten Gesetzes erfolgte im September 2004 als letzte wichtige Amtshandlung der Regierung von Megawati Sukarnoputri. In dieser Überarbeitung wurden vier Formen von Gewalt gegen Frauen definiert: physische Gewalt, psychologische Gewalt, sexualisierte Gewalt einschließlich der Vergewaltigung in der Ehe sowie ökonomische Vernachlässigung. Diese Maßnahme wurde von Frauenorganisationen als Fortschritt zur Präzisierung der Problematik gewertet, da Gewalt gegen Familienmitglieder erstmalig als kriminelles Vergehen eingestuft wurde. Ebenso wurde Vergewaltigung in der Ehe explizit kriminalisiert. Doch diese Fortschritte reichten noch nicht aus. Bemängelt wird, dass in den über 15 Jahren, in denen das Gesetz in Kraft ist, die Taten weitgehend straffrei bleiben und es an effektiven staatlichen Mechanismen zum Opferschutz fehlt. Weiterhin gibt es bislang keine rechtliche Grundlage, um gravierende Belästigung anzuzeigen, da diese nicht ausdrücklich als illegal deklariert ist und somit meistens straffrei bleibt. Der soziokulturelle Hintergrund und die Alltagsrealität der meisten Indonesier*innen erfordert eine Verbesserung der Gesetzeslage.

Fortschritte im neuen Gesetzentwurf

Der neue Gesetzentwurf (RUU PKS) stuft häusliche Gewalt explizit als Menschenrechtsverletzung ein und bezieht sich detailliert auf deren Prävention und Bestrafung. Als erstes geht die Definition, was als ‚Haushalt‘ bezeichnet wird, über die derzeitige Gesetzeslage deutlich hinaus. Der Mann wird nicht mehr als Oberhaupt (kepala) der Familie gesehen, der mehr Rechte als alle anderen eines Haushalts hat, sondern ist anderen Blutsverwandten und auch Hausangestellten gleichgestellt. So werden Hausangestellte zusätzlich prophylaktisch vor Gewalt geschützt.

Weiterhin wurden die Möglichkeiten erweitert, zulässige Beweise einzubringen. Hierbei werden Opferaussagen, Stellungnahmen, psychologische Gutachten, elektronische Informationen sowie Berichte und Reports, welche die Glaubwürdigkeit des Opfers untermauern, als zusätzliche Beweismittel zugelassen.

Der Gesetzentwurf beinhaltet zudem eine umfangreiche strafrechtliche Ausarbeitung zu den Themen sexuelle Belästigung, sexuelle Ausbeutung, erzwungene Verhütung und erzwungene Abtreibung, Vergewaltigung, Zwangsheirat, Zwangsprostitution sowie sexueller Missbrauch und Versklavung.

Fehlende Maßnahmen zur besseren Umsetzung

Ob und wann das Gesetz letztendlich kommt, bleibt unklar. Aktueller Stand ist eine Verschiebung auf das Jahr 2021.

Aber nicht nur bei der Verabschiedung des Gesetzes gibt es Barrieren und Unklarheiten. Auch eine mögliche Umsetzung auf kommunaler und regionaler Ebene dürfte nicht leicht werden. Bei dieser sind vor allem Aufklärung und Informationen bezüglich der Gesetzeslage vonnöten. Die Wissenschaftlerin Balawyn Jones argumentiert, dass in der Denkweise vieler Indonesier*innen eine hierarchisch-patriarchalische Vorstellung von Familie verankert sei, in welcher der ‚Hausherr‘ die Erziehung der Familie übernimmt, gegebenenfalls auch mit physischer Gewalt. Diese Denkweise fördere Viktimisierungsprozesse (und victim blaming): Opfer schwiegen aus Scham darüber, dass sie nicht die ‚gültigen‘ Regeln befolgten. Dieser Sachverhalt sei auch eine weitere mögliche Erklärung für eine potenziell hohe Dunkelziffer. Vielen Menschen fehlten zuverlässige Informationen über die Gesetzeslage zu häuslicher Gewalt. Sie wüssten nicht, wie sie vorgehen können, um einen Vorfall anzuzeigen. Darüber hinaus würde häusliche Gewalt soziokulturell häufig als ‚Privatangelegenheit’ gesehen.

Aktivist*innen erachten es daher als dringend notwendig, dass das Bewusstsein der Zivilgesellschaft für solche Mechanismen erweitert wird und eine bessere Informationspolitik über die Rechtslage sowie eine Sensibilisierung für die Problematik stattfinden. Aufklärung über häusliche Gewalt sollte ausgeweitet werden, so dass die Menschen verstehen, welche Bedingungen und Prozesse diese Art der Gewalt konstituieren. Wenn es keine umfassenden Informationen über die Rechtslage gibt, kennen die Überlebenden ihre Rechte nicht und werden von ihrer lokalen Gemeinschaft weniger unterstützt, diese Rechte auch wahrzunehmen.

Zusammenfassend lässt sich sagen: Der Gesetzentwurf RUU PKS wird von säkularen und religiösen Frauen- und Nichtregierungsorganisationen als gelungener Entwurf und lange ersehnte Verbesserung des Gesetzes von 2004 gesehen. Sie fordern eine schnellstmögliche Verabschiedung und Implementierung dieser Gesetze auf lokaler und regionaler Ebene. Aufklärung und Bewusstsein zu schaffen, sollte Priorität haben, damit das Gesetz akzeptiert wird. Religiöse Vereinigungen können dabei bei religiösen Hardlinern wohl eher Überzeugungsarbeit leisten als säkulare Gruppen.

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Deutschland/Thailand/Philippinen: Die feministische Frauen-Beratungsstelle Ban Ying (= Haus der Frauen) setzt sich in Berlin gegen Ausbeutung und Menschenhandel ein.

Ban Ying kommt aus dem Thailändischen und bedeutet Haus der Frauen. Der Verein Ban Ying wurde 1989 von Sozialarbeiter*innen und Mitarbeiter*innen von Berliner Gesundheitsämtern gegründet. Grund war die zunehmende Zahl an thailändischen Frauen, die dort in die Gesundheitsberatung kamen und von sexueller Ausbeutung betroffen waren. Damals gab es keinen Ort, wo sie vor Verfolgung durch Zuhälter*innen und Schlepper*innen sicher waren. Vor allem Frauen aus Thailand und den Philippinen waren anfangs die Zielgruppe des Vereins. Inzwischen berät Ban Ying Menschen aus wesentlich mehr Ländern.

Mit einer anonymen Zufluchtswohnung sowie einer Beratungs- und Koordinationsstelle setzt sich Ban Ying mit Beratung, Unterbringung, Netzwerk- und Öffentlichkeitsarbeit gegen Menschenhandel und für Migrant*innen ein, die von Ausbeutung, Gewalt und/oder Menschenhandel betroffen sind. Der Verein berät alle, die sich als Frau identifizieren.

Eine Zielgruppe von Ban Ying sind von Menschenhandel betroffene Frauen. Gibt es Menschenhandel überhaupt in Deutschland?

Ja, es gibt Menschenhandel in Deutschland, in anderen EU-Ländern, auf dem Weg nach Europa und im Herkunftsland. Es gibt immer mehr eine Schnittmenge von Geflüchteten, Asylsuchenden und Betroffenen von Menschenhandel in Deutschland und in anderen EU-Ländern. Unsere Zielgruppen sind speziell die Betroffenen von Menschenhandel zum Zweck der sexuellen und Arbeitsausbeutung.

Bei der Gründung von Ban Ying lag der Fokus auf der Unterstützung von thailändischen Frauen. Ist Südostasien heute noch euer Arbeitsschwerpunkt?

Ban Ying wurde vor über 30 Jahren als Organisation für thailändische Frauen gegründet, die als Sexarbeiter*innen ausgebeutete wurden oder von Heiratshandel betroffen waren; später auch Hausangestellte. Die zehn ersten Jahre lag der Fokus auf Südostasien und besonders auf Thailand und den Philippinen. Nach der Wende kamen ausgebeutete Frauen aus Osteuropa dazu, in den letzten Jahren mehr und mehr Frauen aus afrikanischen Ländern und dem Nahen Osten. Ein großer Teil unser Klient*innen kommt heute immer noch aus Thailand und den Philippinen. Das zeigt sich auch durch unseren beiden Sprach- und Kulturmittler*innen, die Thai und Philippinisch sprechen.

Was sind die primären Zielgruppen von Ban Ying?

Unser Fokus liegt auf Frauen, die von Menschenhandel im Bereich Sexarbeit betroffen sind, oder die als Hausangestellte oder in andere Arbeitsbereiche wie die Gastronomie oder im Pflegebereich ausgebeutet werden. Wir sind eine Frauenorganisation. Die Arbeitsbereiche sind sehr gegendert. Wenn wir mit Männer die Ausbeutung erfahren, arbeiten würden, hätten wir vermutlich mit anderen Arbeitsbereichen zu tun, wie beispielsweise Bau, Schlachthöfe oder Gastronomie.

Welche Strukturen und Motive stecken hinter Menschenhandel?

Menschenhandel mit dem Ziel der sexuellen und/oder Arbeitsausbeutung geschieht oft im Kontext von Migration. Es gibt unterschiedliche Gründe warum Menschen migrieren. Zum einen sind es wirtschaftliche Gründe, aber auch politische wie Verfolgung. Es gibt einen politischen Rahmen, der Menschenhandel begünstigt. Verschärfte Migrationspolitik trägt dazu bei, dass es Menschenhandel gibt.

Wie kann Menschenhandel bekämpft werden?

Es ist problematisch, dass bei der Bekämpfung von Menschenhandel der Fokus nur auf Täter*innen, deren Bestrafung und Ermittlung, liegt. Es ist natürlich sehr wichtig, dass Täter*innen strafrechtlich verfolgt werden. Sichere Migration nach Europa und bessere Aufenthaltsperspektiven in Europa wären jedoch wirksamer und nachhaltiger, um Menschenhandel zu bekämpfen.

Ban Ying eine politische Organisation. Was sind eure konkreten Forderungen an die Politik?

Aktuell können Betroffene von Menschenhandel einen temporären Aufenthaltstitel bekommen, wenn sie bereit sind in einem Verfahren gegen die Täter*innen auszusagen. Dass der Aufenthaltstitel von der Kooperationsbereitschaft mit den Strafverfolgungsbehörden abhängig ist, ist aus verschiedenen Gründen problematisch.

Zum einen ist das Aufenthaltsrecht auf die Ermittlungen und das eventuell sich anschließende Verfahren begrenzt. Danach gibt es keine Garantie auf einen langfristigen Aufenthalt. Sie können nach einem Verfahren in ihr Heimatland zurückgeschickt werden. Das trägt dazu bei, dass viele Betroffene sich nicht bei der Polizei melden, nicht aussagen wollen oder können. Für die Betroffenen ist es sehr riskant, auszusagen, weil sie sich dadurch auch in die Gefahr begeben, ich ihrem Heimatland der Rache der Täter*innen und deren Netzwerken auszusetzen. Es geht aber auch anders: In Italien ist es möglich einen legalen Aufenthaltstitel zu erhalten, auch wenn Betroffene sich dagegen entscheiden in einem Verfahren auszusagen. Aufenthalt und die Unterstützung für Betroffene sind dort also entkoppelt von der Bereitschaft auszusagen. Wir fordern, dass Betroffene von Menschenhandel unabhängig davon, ob sie aussagen können oder wollen, einen Aufenthalt und Unterstützung in Deutschland bekommen.

Falls der Aufenthaltsstatus weiterhin an die Aussage vor Gericht gekoppelt bleibt, fordern wir zumindest, dass Betroffene, die aussagen, eine langfristige Bleibeperspektive bekommen. Es gibt schon jetzt die Möglichkeit, nach einem Verfahren aus humanitären Gründen einen Aufenthalt zu beantragen. Aber das funktioniert nicht immer.

Außerdem haben Betroffene von Menschenhandel eigentlich ein Recht auf eine Bedenk- und Stabilisierungszeit, um zu überlegen, ob sie überhaupt aussagen wollen oder können. Wir fordern, dass diese Bedenk- und Stabilisierungszeit besser umgesetzt wird.

Euer Ansatz ist die feministische Anti-Menschenhandelsarbeit. Was heißt das?

Wir sind auf der Seite der Betroffenen, wie auch immer sie sich entscheiden. Wir wollen keine herablassende und paternalistische Haltung in der Beratung, indem wir eine Person davon überzeugen, einen bestimmten Weg zu nehmen. In manchen Situationen müssen wir die Entscheidung der Frau akzeptieren. Wir nehmen ihre Entscheidung ernst und versuchen, sie nicht von etwas zu überzeugen.

Menschenhandel betrifft vor allem Frauen und Mädchen. Feministische Anti-Menschenhandelsarbeit bedeutet deshalb auch, dass wir Menschenhandel als Ergebnis von ungerechten und patriarchalischen Strukturen betrachten und bekämpfen in dem wir zusätzlich zu Beratung auch Öffentlichkeits- und Advocacy-Arbeit betreiben.

Kannst du das an konkreten Beispielen erklären?

Es gibt in Deutschland aber auch weltweit Hausangestellte, die unter schlimmen Bedingungen in Diplomatenhaushalten arbeiten. Hausangestellte von Diplomat*innen haben aufgrund der Immunität ihrer Arbeitgeber*innen kein Zugang zum Recht.

Trotzdem gab Situationen in denen Arbeitgeber*innen – wenn sie erfahren, dass ihre Mitarbeiter*innen bei uns in der Beratung sind – sich unter Druck fühlen und neue, fairere Arbeitsbedingungen anbieten. Diese neuen Bedingungen sind zwar besser, aber weiterhin ausbeuterisch. Es gibt Hausangestellte, die sich in dieser Situation trotzdem dafür entscheiden, dort weiter zu arbeiten. Das respektieren wir.

Ein weiteres Beispiel ist Ban Yings Einstellung gegenüber Sexarbeit. Es gibt Klient*innen die nie in der Sexindustrie arbeiten wollten und in Deutschland ausgebeutet wurden. Wir haben aber auch Klient*innen, die in ihren Heimatland Sexarbeiter*innen waren, hier in der Sexindustrie ausgebeutet wurden, gegen ihre Täter*innen in einen Prozess aussagen und weiterhin als selbständige Sexarbeiter*innen tätig sind. Viele Organisationen, die im Bereich Anti-Menschenhandel tätig sind, sind grundsätzlich gegen Sexarbeit. Bei Ban Ying setzen wir uns gegen sexuelle Ausbeutung, aber nicht gegen Sexarbeit ein. Es ist anti-feministisch, zu versuchen die Frauen zu überzeugen, nicht mehr als Sexarbeiter*innen tätig zu sein. Wir respektieren die Entscheidungen unserer Klient*innen und unterstützen sie.

Neben Menschenhandel habt ihr noch weitere Beratungsfelder. Worum geht es da konkret?

Eine weitere Zielgruppe sind Frauen, die nicht von Menschenhandel aber von anderen Formen von Gewalt betroffen sind. Zum Beispiel Frauen die häusliche Gewalt erfahren und deren Aufenthalt von der Ehe zu ihrem deutschen Mann abhängig ist. Wenn es Kinder in der Beziehung gibt, ist das Sorgerecht ein häufiges Thema. Frauen stehen nach der Trennung oft finanziell schlechter als ihre Ex-Männer da und können sich im Sorgerechtsstreit durch die Sprachbarriere nicht gut verteidigen. Wir beobachten, dass Frauen gegenüber ihren deutschen (Ex-)Männern sehr oft das Sorgerecht verlieren.

Gibt es Beispiele in euerer Arbeit, wie sich Migrant*innen zusammenfinden und unterstützen?

Es gibt ein breites Diasporaspektrum in unserer Arbeit. So gibt es Communities die besser vernetzt sind als andere. Die philippinische Community ist zum Beispiel sehr gut vernetzt. Es gibt auch Einzelkämpfer*innen, aber der Großteil unserer Klient*innen kommt durch ‚Mund-zu-Mund-Propaganda’ über ihre Communities zu uns.

Unsere Sprach- und Kulturmittler*innen für Thai und Philippinisch organisieren normalerweise regelmäßige Veranstaltungen mit den Frauen. Zum Teil, um die Frauen über ihre Rechte zu informieren, aber auch zu gemeinsamen Freizeitveranstaltungen, wie zusammen kochen, Museumsbesuche oder Boot fahren auf der Spree. Dadurch entwickelt sich auch eine Community innerhalb unseres Netzwerks. Sie machen das eigentlich einmal im Monat, aber wegen Corona pausiert derzeit das Angebot.

Welchen Einfluss hat die Corona-Pandemie noch auf eure Arbeit?

Unsere Arbeit wird sehr von der Pandemie erschwert. Wir machen weiterhin Beratungen vor Ort unter Sicherheitsauflagen. Die vor-Ort Beratung mussten wir aber stark beschränken. Wir machen jetzt mehr Online- und Telefon-Beratung. Das ist komplizierter und verlangsamt unsere Arbeit, weil es sehr viele Barrieren gibt. Sprachbarrieren sind größer und auch die Zusammenarbeit mit Behörden ist schwerer geworden. Alles verlangsamt sich.

Und welchen Einfluss hat die Pandemie auf die Migrant*innen, die ihr beratet?

Viele unserer Klient*innen, insbesondere Sexarbeiter*innen, konnten sehr lange nicht arbeiten. Das hat ihre Situation noch prekärer gemacht als vor der Pandemie.

Bei den diplomatischen Hausangestellten haben wir eine sehr besorgniserregende Beobachtung gemacht. Dieses Jahr sind sehr viel weniger Hausangestellte zu uns gekommen. Wir glauben nicht, dass ihre Arbeitsbedingungen sich verbessert haben, sondern dass die Hausangestellten noch isolierter sind und uns weniger erreichen können.

Portraitserie ME IN THE MIDST OF CHANGING TIMES AND SOCIETIES von Krisanta Caguioa-Mönnich 2019 © Krisanta Caguioa-Mönnich mit Zitaten der portraitierten Frauen:

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  • Die Journalistin Anemi Wick arbeitete von 2020 bis Anfang 2026 als von AGIAMONDO vermittelte Fachkraft in Timor-Leste, wo sie im Rahmen des Zivilen Friedensdienstes das Produktionsteam der timoresischen Medienorganisation Casa de Produção Audiovisual (CPA) unterstützt und beraten hat.

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4 | 2019, Osttimor, Rezensionen, Timor-Leste,
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Ein innerer Kampf

Laos: Die Covid-19-Krise gefährdet die Lebensgrundlagen von Wanderarbeiter*innen in ganz Südostasien. Fast jede*r zehnte laotische Arbeiter*in ist zugleich Migrant*in, die meisten in Thailand. Basierend auf Interviews beleuchtet dieser Artikel deren Situation und die Rolle von Hilfsprogrammen.

Während Laos zu den Ländern mit den wenigsten registrierten Covid-19-Infektionen weltweit gehört (Stand Januar 2021), steht die Bevölkerung aufgrund der Pandemie dennoch vor erheblichen wirtschaftlichen und sozialen Herausforderungen. Laotische Wanderarbeiter*innen sind von dieser beispiellosen Krise besonders betroffen. Da sie zumeist in der informellen Wirtschaft arbeiten, das heißt ohne durch ausreichende formelle Vereinbarungen abgesichert zu sein, verlieren sie mit größerer Wahrscheinlichkeit ihre Lebensgrundlagen. Zudem sind Frauen oft zusätzlichen und sich überschneidenden Benachteiligungen ausgesetzt. Dies geschieht aufgrund von Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern sowie sozialer Diskriminierung und Stigmatisierungen, die in ihren Haushalten, Gemeinschaften und der Gesellschaft verwurzelt sind.

Von Migrant*innen zu Rückkehrer*innen

Die laotische Regierung führte von Ende März bis Anfang Juni 2020 einen Covid-19-Lockdown durch. Auch danach blieb der Personenverkehr über die Landesgrenzen weiterhin eingeschränkt. Fast jede*r zehnte laotische Arbeiter*in ist zugleich auch Migrant*in, die meisten in Thailand. Für den Zeitraum zwischen März und Juni 2020 schätzte die Regierung, dass rund 80.000 laotische Wanderarbeiter*innen aus Thailand zurückkehrten. Bis September 2020 wurden insgesamt mehr als 200.000 Rückkehrer*innen gemeldet.

Zwischen Ende September und Anfang November 2020 führte ein Konsortium unter der Führung von Oxfam im Rahmen einer größeren Umfrage unter ländlichen Gemeinden in neun Provinzen quantitative Interviews mit 405 Wanderarbeiterinnen in der informellen Wirtschaft durch. Die meisten der Befragten waren zwischen 18 und 35 Jahre alt (82%) und hatten die Sekundarschule nicht abgeschlossen (86%). Alle stammten entweder aus einem ländlichen Dorf (83%) oder einer ländlichen Distriktstadt (17%), hatten aber vor dem Lockdown in Thailand gelebt. Diese demografischen Daten spiegeln die Ergebnisse anderer aktueller Umfragen wider, in denen laotische Wanderarbeiter*innen als überwiegend jung, gering qualifiziert und aus ländlichen Gebieten stammend identifiziert wurden.

Lebensgrundlagen, familiäre Bindungen und Sicherheit während der Krise

In den Monaten vor März 2020 waren die meisten der befragten Frauen Arbeitnehmerinnen in Unternehmen (54%), Angestellte in Privathaushalten (13%) oder selbstständige Arbeiterinnen (12%). Zwei Drittel hatten im Dienstleistungssektor in Thailand gearbeitet (zum Beispiel Tourismus, Gastgewerbe und Hausarbeit), wo die Wirtschaftstätigkeit aufgrund der Krise stärker zurückging als in der Industrie oder in der Landwirtschaft. Nach ihrer Rückreise von Thailand nach Laos während des Lockdowns blieben die meisten der Frauen in ihrem Herkunftshaushalt (71%) sowie bei Verwandten oder Freunden (13%).

Bis September 2020 waren die Anteile der oben genannten Arbeiterinnen gesunken (auf 7%, 3% und 2%), während der Anteil der Frauen ohne bezahlte Arbeit gestiegen war (von 3% auf 53%). Betrachtet man die Befragten als eine Gruppe, so sank ihr durchschnittliches monatliches Einkommen deutlich von 260 auf 50 US-Dollar (oder um etwa 80%). Gleichzeitig stellte in vielen Fällen ihre Arbeit eine Haupteinnahmequelle für ihre Haushalte in Laos dar (zum Beispiel durch Geldüberweisungen von Thailand).

Ähnlich wie der Anteil der Frauen ohne Arbeitsplatz war auch der Anteil der beitragenden Familienarbeiter unter den befragten Frauen gestiegen (von 3% auf 21%), also derjenigen, die ihre Familien in der Subsistenz-orientierten Kleinbauernwirtschaft unterstützen. Darüber hinaus gaben rund zwei Drittel der Befragten an, dass sie sich um die meisten – unbezahlten –Hausarbeiten kümmern und dass der Lockdown insbesondere für sie den Umfang dieser Art von Arbeit erhöht hat. Daher scheint es, dass die oft diskutierte Doppelbelastung durch Lohnarbeit und Haushalt von Frauen durch Covid-19 für viele der Rückkehrerinnen noch verschärft wurde.

Ein Drittel der befragten Frauen gab an, während des Lockdowns Situationen erlebt zu haben, in denen sie sich diskriminiert oder stigmatisiert fühlten. Diese Frauen erwähnten meistens Gemeindemitglieder (88%) und Familienmitglieder oder Verwandte (31%) als verantwortlich. Fälle von physischer und psychischer Gewalt gegen Frauen sind nach Angaben der Frauen mit verschiedenen Problemen verbunden, zum Beispiel, dass sie als Migrantinnen zurückkehren, sie kein Geld für ihre Familien mehr senden können oder dass sie sich – zurück an ihrem Herkunftsort – öfter in unmittelbarer Nähe von Tätern befinden. Ein Drittel der Befragten gab außerdem an, sich während ihrer Rückreise mindestens einmal unsicher gefühlt zu haben – eine weit verbreitete Erfahrung für südostasiatische Wanderarbeiterinnen.

Krisenbewältigung und Zukunftsaussichten

Rund die Hälfte der Befragten gab an, dass sie und ihre Haushalte versuchen, während des Lockdowns weniger Geld auszugeben. Rund zwei Drittel berichteten, dass sie und ihre Haushalte sich zunehmend auf Selbstversorgung verlassen – mittels Landwirtschaft, Jagen und Sammeln. Es scheint, dass viele der Frauen in der Lage waren, den Mangel an finanziellen Ressourcen ihrer Haushalte zumindest teilweise durch diese Subsistenz-Aktivitäten zu kompensieren. Ein Drittel der Befragten gab jedoch an, dass sie während des Lockdowns durchschnittlich vier Tage lang keine Lebensmittel mehr in ihren Haushalten hatten, was sie hauptsächlich auf Geldmangel zurückzuführten.

Zwei Drittel der befragten Frauen waren zuversichtlich, dass ihre Haushalte mit der aktuellen Situation fertig werden könnten, während ein Drittel entweder nicht zuversichtlich oder nicht sicher war. Jedoch waren fast alle Frauen (98%) besorgt, nicht genügend Einkommen verdienen zu können, falls eine Krise wie die Covid-19-Pandemie erneut auftritt. Diese Antworten bestätigen die Annahme dass laotische Wanderarbeiter*innen die negativen Auswirkungen einer anhaltenden Krise wahrscheinlich nur schwer bewältigen können.

Nur etwa die Hälfte der Befragten wusste, wo sie Hilfe suchen sollten, wenn ein Freund oder Nachbar von Gewalt betroffen sein sollte. Dies ist wahrscheinlich auf ihre geringe Vertrautheit mit sozialen Diensten, die unzureichende Bewusstseinsbildung der Anbieter*innen und die geringe Verfügbarkeit der Dienste zurückzuführen. Vor dem Hintergrund, dass die Krise die Fälle von physischer und psychischer Gewalt verschärft, ist dies alarmierend.

Hätten sie die Wahl zwischen einer erneuten Migration nach Thailand oder einem Aufenthalt in Laos würde sich etwa die Hälfte der befragten Frauen erneut für Thailand entscheiden, während die anderen Laos bevorzugten (26%) oder unentschlossen waren (19%). Obwohl dies darauf hinweisen könnte, dass sowohl die Arbeit in Thailand sowie die Geldüberweisungen an ihre Familien in Laos für die Mehrheit der Frauen weiterhin von großer Bedeutung sind, kann die Krise grundlegende Veränderungen in ihrer Selbstwahrnehmung als Migrantinnen hervorrufen – gerade in Bezug auf ihre Herausforderungen und Chancen – und somit ihre Aussichten auf künftige Lebensgrundlagen neu konfigurieren.

Auf der Suche nach Sicherheitsnetzen

Fast alle befragten Frauen gaben an, weder für eine Arbeitslosenversicherung (95%) noch für eine Krankenversicherung (96%) registriert zu sein. Die übrigen Frauen wussten nicht, ob sie registriert sind oder nicht. Es ist also anzunehmen, dass wahrscheinlich keine der Befragten eine formelle Versicherung besitzt. Die laotische Regierung hat in den letzten Jahren begonnen, sich auf verschiedene Aspekte des sozialen Schutzes von Migrant*innen zu konzentrieren, vor allem auf gezielte Informationsdienste für potentielle Migrant*innen und koordinierte Unterstützung und Verwaltung von Migrant*innen im Ausland. Zudem wurde ein freiwilliges Beitragssystem für informelle Arbeiter*innen eingeführt, die im Jahr 2017 83% der Erwerbsbevölkerung ausmachten. Bisher hat sich jedoch nur eine Minderheit für dieses System registriert. Ein Grund hierfür scheint vor allem die noch immer sehr starke Orientierung der laotischen Bevölkerung an familiären Sicherheitsnetzen zu sein. Zudem scheint die Regierung das freiwillige Beitragssystem noch nicht breit genug in der Bevölkerung zu bewerben.

Hilfsprogramme in Form von kostenloser Gesundheitsversorgung (92%) und Geldtransfers (90%) wurden von fast allen Befragten als am besten geeignet für ihre Unterstützungsbedürfnisse während der Krise identifiziert. Dies scheint zu bestätigen, dass sich der Unterstützungsbedarf der Frauen auf ihre finanziellen Engpässe konzentriert. Viele von ihnen bewerteten jedoch auch gezielte Unterstützungsdienste für Migrant*innen (82%) und Frauen (80%) als wichtig. Darunter fallen die zuvor genannten Aspekte des sozialen Schutzes von Migrant*innen – einschließlich der Migrant Resource Centers, die bereits in mehreren Provinzen von der laotischen Regierung etabliert wurden, um Informations- und Beratungsdienste bereitzustellen.

Solidarität statt Wohltätigkeit

Die laotische Regierung zeigt sich ambitioniert, die ASEAN Declaration on Strengthening Social Protection in Laos umzusetzen, die eine gezielte und umfassende Unterstützung für Migranten*innen, informelle Arbeiter*innen sowie Frauen im Allgemeinen umfasst. Zu den Zielen der National Social Protection Strategy der Regierung für 2025 gehört eine universelle Krankenversicherung, die nicht nur alle informellen Arbeiter*innen, sondern auch alle Migrant*innen umfasst.

Wichtig ist dabei, sich auf Sozialhilfe (also beitragsunabhängig) und nicht auf Sozialversicherung (beitragsabhängig) zu konzentrieren, was die laotische Regierung und einige ihrer Entwicklungspartner (vor allem die Vereinten Nationen) bereits vor der Pandemie planten und nun weiter ausbauen. Dazu gehört auch Oxfams Social Protection Programm in Laos, das auf der Vorstellung basiert, dass es bei Sozialschutz nicht um Wohltätigkeit für bedürftige Menschen geht, sondern um Solidarität innerhalb der ganzen Gesellschaft.

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  • Die Journalistin Anemi Wick arbeitete von 2020 bis Anfang 2026 als von AGIAMONDO vermittelte Fachkraft in Timor-Leste, wo sie im Rahmen des Zivilen Friedensdienstes das Produktionsteam der timoresischen Medienorganisation Casa de Produção Audiovisual (CPA) unterstützt und beraten hat.

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4 | 2019, Osttimor, Rezensionen, Timor-Leste,
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Ein innerer Kampf

Philippinen/Deutschland: Von der philippinischen Nationalmannschaft in die deutsche Basketball-Bundesliga. Diana Ramos Dehn spricht über ihre außergewöhnliche Karriere in den 70er Jahren in einer bis dahin von Männern dominierten Sportart.

südostasien: Wie kamen Sie dazu, in den Philippinen Basketball zu spielen?

Diana Ramos Dehn: Basketball ist in den Philippinen sehr populär und verbreitet; es ist unser Nationalsport. Seine Bedeutung in der Gesellschaft ist ähnlich wie Fußball in Deutschland. Fast an jeder Ecke, in jedem Dorf, in jeder Schule, an jeder Universität, auf allen öffentlichen Plätzen sieht man Street-Basketball oder sogar ein ganzes Basketballfeld. Street-Basketball wird anders gespielt als Turnierbasketball. Das Feld ist viel kleiner und beide Mannschaften spielen nur um einen Korb. Dementsprechend sind die Regeln natürlich anders. Allerdings sind vorwiegend Männer auf den Spielplätzen zu sehen; kaum Frauen.

Als Kind habe ich mit meinen Cousins viel Street-Basketball gespielt; damals hieß es Backyard-Basketball. Ich konnte relativ gut spielen, vor allem konnte ich präzise Körbe werfen. Während der High School habe ich auch an der Schule viel Basketball gespielt, aber damals war für mich Volleyball interessanter. Außerdem gab es in der Zeit keine Liga für Basketball. Freundschaftsspiele zwischen Schulmannschaften gab es schon. Unsere Schule hatte eine Volleyball-Mannschaft, aber kein Basketballteam. Damals galt Basketball für Mädchen als nicht schicklich und war mehr oder weniger Männern und Jungen vorbehalten. Im Volleyball spielte unsere Mannschaft gegen andere Schulen bis hin zur nationalen Ebene – in der Liga PAVA (Philippine Amateur Volleyball Association). Unsere Schulmannschaft hat mehrere Male den ersten Platz gewonnen.

Was war die nächste Station als Spielerin?

Dann studierte ich an der großen und renommierten University of the Philippines (UP). Dort mussten alle Studierenden Sport-Kurse belegen. Da ich bereits gut spielen konnte und sehr interessiert an Basketball war, immatrikulierte ich mich für einen Anfängerkurs. Meine Sportlehrerin erkannte sofort, dass ich leidenschaftlich und gut spielte und schlug mich für die Universitätsmannschaft vor. Daraufhin wurde ich für einen Probetermin eingeladen, bei dem neue Spielerinnen für die kommende Saison vorgestellt und ausgewählt wurden. Ich wurde ausgesucht und sollte sofort zum nächsten Training kommen. Das Training für das UP Varsity Team dauerte zwei Stunden und fand dreimal pro Woche statt. Während der Liga-Saison trainierten wir manchmal häufiger, aber das Zusatztraining war eher zur Übung der Korb-Würfe. Die Trainingseinheiten waren körperlich anstrengend, weit mehr als in einem normalen Sportkurs. Aber das ‚richtige Spielen‘ in einer Mannschaft fand ich viel attraktiver als Backyard-Basketball mit meinen Cousins.

Außerdem spielte die Universitätsmannschaft in der Zeit in zwei Ligen, der WNCAA (Women’s National Collegiate Athletic Association) und der UAAP (University Athletic Association of the Philippines). Während meiner Karriere in der Uni-Mannschaft gewannen wir in beiden Ligen konsequent den ersten Platz. In meinem allerersten Jahr in der Uni-Mannschaft hatte ich die Ehre, zur besten Spielerin der WNCAA Liga (most valuable player) ernannt zu werden.

Zu dem gab es die Palarong Bambamsa, in denen Basketball-Mannschaften aus den ganzen Philippinen miteinander spielten. Auch hier gewannen wir fast jedes Mal den ersten Platz. Die UP Marrons, wie unser Team hieß, wurden langsam bekannt, auch in manchen Zeitungen wurde über die Frauenspiele geschrieben – allerdings nicht so viel und ausführlich wie über die Männerliga. In dieser Zeit wurde ich auch von Zeitungen und Magazinen interviewt. Ich kann mich nicht erinnern, ob unsere Spiele auch im Fernsehen ausgestrahlt wurden, aber zumindest im Radio wurden sie kurz erwähnt.

Wie ging die Basketball-Karriere dann weiter?

In meinem dritten Jahr als Basketballspielerin gründeten die Philippinen eine Frauen-Nationalmannschaft, die an Spielen zwischen den ASEAN-Staaten teilnehmen sollte. Ich wurde als Nationalspielerin ausgesucht und sogar zur Kapitänin der Mannschaft gewählt. Die ASEAN-Member Games fanden damals in Hongkong statt. Allerdings mussten alle Spielerinnen für ihren Flug nach Hongkong selbst aufkommen, während für die Männermannschaft Sponsoren zahlten. Wir waren nicht so erfolgreich, aber immerhin nicht die letzte Mannschaft in der Tabelle.

Wie wurden die Spielerinnen in der männlichen Basketball-Welt der Philippinen und in der Öffentlichkeit wahrgenommen?

Basketball als Sportart für Frauen hatte einen holprigen Weg bis zur Anerkennung in der Gesellschaft. Es galt als unelegant, weil die Spielerinnen muskulöse Körper bekämen, was nicht dem philippinischen Schönheitsideal entspricht. Auch die Katholische Kirche in den Philippinen sprach sich gegen Frauenbasketball aus, weil die Spielerinnen in ihren Trikots nackte Arme und Beine zeigen. Bis heute ist Frauenbasketball gesellschaftlich nicht so gut akzeptiert wie Männerbasketball. Zur Stereotypisierung von Basketballerinnen gehört auch der Spruch, dass viele Basketballerinnen ‚Lesben‘ seien.

Im Vergleich zur Herren-Nationalmannschaft findet die Frauen-Nationalmannschaft bei lokalen Basketballfans weniger Anklang. Einheimische Spielerinnen haben auch keine nationale Liga, in der sie nach der College-Liga spielen können.

Dann kam ein Angebot aus Deutschland. Wie war das genau?

An der University of the Philippines studierte ich Volkswirtschaft. Eigentlich wollte ich das Studium abbrechen und auf Sportpädagogik umsatteln, um Sportlehrerin zu werden, Aber mein Vater war dagegen und meinte, „Als Lehrerin kannst du deine Familie nicht ernähren!“. Also beendete ich mein Volkswirtschaft-Studium.

Aber die Idee, Sportwissenschaft zu studieren, konnte ich nicht ganz aufgeben. Als ich im vierten College-Jahr war, kam über meinen Schwager, der damals in Göttingen promovierte, ein verlockendes Angebot aus Deutschland: ich könnte beim Verein Göttingen 04 und später BG74 in der ersten Frauen-Bundesliga spielen. Mein Schwager argumentierte, dass ich eine sehr gute Basketballerin sei, die Mitglied der philippinischen Nationalmannschaft und most valuable player war. Ich hatte ihm einige Zeitungsartikel über mich geschickt. Meine Bedingung war, dass ich in Deutschland ein Magister-Studium aufnehmen konnte. So kam es, dass ich Sportwissenschaft und Soziologie an der Universität Göttingen studierte und gleichzeitig Basketball in der ersten Bundesliga spielte. Ich wohnte bei meinem Manager und bekam kostenlose Verpflegung. Mein Manager stellte mir sogar ein Mofa zur Verfügung, mit dem ich zur Uni und zum Training fuhr. Das Training war sehr anstrengend, bis zu fünfmal pro Woche! Dazu kamen fast jedes Wochenende Heim- oder Auswärtsspiele! Nach zwei Jahren in der ersten Bundesliga hatte ich das Glück, ein Stipendium zu erhalten und damit meine finanzielle Abhängigkeit vom Basketball zu lösen. Ich spielte nicht mehr in der Bundesliga, sondern nur noch für die Universität Göttingen.

Was waren die Aufgaben bei Göttingen 04 und wie haben Sie die Spiele in Deutschland verglichen mit denen in den Philippinen erlebt?

Die Frauenmannschaft von Göttingen 04 holte mich ins Team als ‚forward‘ oder Korbmacherin. Im Vergleich zu anderen deutschen Spielerinnen war ich eigentlich zu klein, aber ich konnte schnell dribbeln, gut Körbe machen und relativ hoch springen. Außerdem hatte ich eine relativ hohe Quote, von außen Basketballkörbe zu erzielen. Damals gab es die Dreier-Regeln noch nicht [Wenn ein Korbwurf von außerhalb der Dreipunktlinie auf dem Spielfeld gelingt, zählt er drei Punkte statt sonst 2; d. Red.]. Hätte es sie gegeben, wäre dies noch ein Plus-Faktor für mich gewesen.

Basketball ist in Deutschland selbstverständlich anders als in den Philippinen. Das Training war intensiver und professioneller, die Spiele häufiger. In den Philippinen spielt eine Mannschaft gegen eine andere oft nur ein einziges Mal. In Deutschland gibt es das so genannte Heim- und das Auswärtsspiel. Trainiert wird häufig fünfmal pro Woche, während es in den Philippinen häufig nur dreimal pro Woche war.

Was sicherlich ganz anders war, war die Bedeutung des Basketballs für mein Leben in den Philippinen und hier in Deutschland. In den Philippinen waren die Spielerinnen gleichzeitig gute Freundinnen. Die Sporthalle war fast unser Zuhause. Nach jedem Unikurs ging ich dorthin und spielte mit den anderen Spielerinnen Gesellschaftsspiele, Kartenspiele, oder wir warfen einfach Körbe. Wir gingen auch oft gemeinsam aus und sahen uns zusammen Filme an. Ich habe noch immer Kontakt mit Basketballerinnen von damals. Wenn ich die Philippinen besuche, treffen wir uns für eine ‚Reunion‘.

Im Rückblick: welche Bedeutung hat das Basketballspiel und Ihre ungewöhnliche Karriere für Ihr Leben insgesamt?

Basketball war ein guter Teil meines Lebens. Ich denke, als Gemeinschaftsspiel unterstützte es meine Fähigkeit, beruflich und ehrenamtlich in Teams zu arbeiten. Hinzu kommt das Einüben von Selbstdisziplin und Fairness sowie körperliche Fitness. Auch das Einhalten von Regeln und Grenzen ist mir bis zu einem gewissen Grad wichtig. Mein Selbstvertrauen ist in dieser Zeit meines Lebens sicherlich auch gewachsen.

Das Spiel in Deutschland ermöglichte mir ein Leben ohne Einfluss von meinen Eltern und der Großfamilie. Ich konnte eine große emotionale und finanzielle Selbständigkeit erreichen und mein Verhalten und Denken unabhängig entwickeln. Auch eine gewisse Distanz zu den Werten, Regeln und Denkweisen meiner recht konservativen Großfamilie wurde dadurch ermöglicht. Ich denke auch, dass meine politische Weiterentwicklung unabhängiger wurde.

Später habe ich sogar die ‚Kleinen‘ (Vorschulalter-Mannschaft) in Stuttgart trainiert. Meine Söhne waren auch in der Mannschaft. Hier habe ich versucht, Werte wie Zusammenhalt, Fairness, Kooperation und Diversität zu vermitteln. Beim Basketball geht es nicht zuerst um das Gewinnen, sondern um das Zusammenspiel – darum, Regeln und Grenzen zu lernen und das Beste aus jedem zu entwickeln und dabei Spaß am Sport zu haben.

Ich empfehle jedem jungen Menschen, irgendeinen Mannschaftssport zu treiben. Mannschaftssport wie ich ihn erlebt habe ist eine wunderbare Möglichkeit, die eigene Persönlichkeit weiterzuentwickeln, Stärke und Resilienz zu gewinnen und für das Leben zu lernen.

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  • Die Journalistin Anemi Wick arbeitete von 2020 bis Anfang 2026 als von AGIAMONDO vermittelte Fachkraft in Timor-Leste, wo sie im Rahmen des Zivilen Friedensdienstes das Produktionsteam der timoresischen Medienorganisation Casa de Produção Audiovisual (CPA) unterstützt und beraten hat.

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4 | 2019, Osttimor, Rezensionen, Timor-Leste,
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Ein innerer Kampf

Malaysia/Singapur: Einstige kommunistische Kämpferinnen erzählen von ihrem Widerstand und ihren späteren Perspektiven.

Das Buch unserer Autorin Agnes Khoo „Life as the River Flows: Oral History of Women Guerrillas’ Struggle for the Independence of Malaysia/Singapore (1930–1989)“ wurde zwischen 2004 und 2009 in verschiedenen Sprachen veröffentlicht. 2017 erschien die digitale englische Ausgabe. Das Buch handelt vom Widerstand des malaiischen Volkes gegen den britischen Kolonialismus und die japanische Besatzung. Agnes Khoo interviewte während ihres Aufenthalts in den „Peace Villages“ (1998–2002) in Südthailand 16 Frauen der Guerilla, damals im Alter von 50 bis 80 Jahren. Die Interviewpartnerinnen erzählten von ihrem Leben als Aktivistinnen an der offenen Front und im Untergrund, als Revolutionärinnen und Guerillakämpferinnen zwischen 1940 und 1989.

Peace Villages: Erinnerungen teilen und Gemeinschaft leben

Nach dem Friedensabkommen von 1989 zogen sich die CPM-Guerillas in die sogenannten „Peace and Friendship Villages“ zurück und bildeten dort enge Gemeinschaften. In jedem „Peace Village“ gibt es ein Denkmal mit dem Roten Stern zum Gedenken an die CPM-Kämper:innen, Museen mit Erinnerungsstücken, Gästehäuser für Tourist:innen und von Kamerad:innen geführte Restaurants, die lokale Gerichte aus eigens produziertem Gemüse und Fleisch anbieten. Und die typischen Karaoke-Hallen, die gleichzeitig als Versammlungsräume dienen, in denen Besucher:innen den ehemaligen Guerillas zuhören können, wenn sie ihre Geschichten über Löwen, Elefanten und feindlichen Beschuss erzählen.

Einige der Interviewpartnerinnen hatten beim Verlassen der Berge thailändische Kinder adoptiert und leben mit ihnen in den Dörfern, während andere Kinder in die Städte gegangen sind, um Arbeit zu finden. Heute müssen die Frauen sich mit dem Älterwerden, verstorbenen Partnern, wegziehenden Kindern und dem Tod auseinandersetzen. Was sie jedoch besonders macht, ist ihr unbeugsamer Geist. Sie sind willensstarke und zähe Frauen, die sich nicht von den Problemen des Lebens unterkriegen lassen. Unabhängig und einfallsreich helfen und unterstützen sie sich gegenseitig. Sie sind stolz darauf, dass sie ihre Kamerad:innen mit ihrem medizinischen Wissen und Können behandeln. Sie pflegen und leiten Dorfmuseen, Reiseveranstaltungen, Ackerbau und Viehzucht.

Politisches Bewusstsein und Unabhängigkeit

Viele fragen, ob die Frauen es bereuen, der Armee beigetreten zu sein, die schließlich nicht an die Macht kam. Die Antwort lautet: nein. Denn ihr Leben wurde durch die Erfahrungen und das Lernen in der Guerillaarmee auf eine Art und Weise bereichert, die sonst nicht möglich gewesen wäre. Aufgrund der Armut, in der sie aufwuchsen, mangelte es an Bildung und Möglichkeiten. In der Armee lernten die Frauen Lesen und Schreiben, militärisches Verhalten, medizinische Kenntnisse und das Überleben in der Wildnis. Sie genossen es, in ihrer Freizeit zu singen und zu tanzen, und schätzten das Miteinander.

Die Frauen trauern um ihre gefallenen Kamerad:innen und vermissen ihre verstorbenen Angehörigen. Sie vermissen ihre Mütter und Familien, von denen sie sich nicht verabschieden konnten, als sie in den Dschungel gingen. Einige von ihnen bedauern, ihre neugeborenen Kinder weggegeben zu haben, um ihre Kamerad:innen zu schützen. Die meisten drückten ihre Zufriedenheit und ihren Stolz darüber aus, dass sie politisches Bewusstsein und Unabhängigkeit erlangten, was in dem traditionellen und konservativen Umfeld, in dem sie aufwuchsen, unmöglich gewesen wäre. Ihr revolutionärer Kampf befreite und emanzipierte sie von ihrer traditionellen Rolle als Ehefrauen, Mütter und Hausfrauen, eröffnete ihnen neue Lebenswege und erweiterte ihren Horizont. Sie lernten die Welt kennen und erlangten Bewusstsein über die revolutionären Kämpfe in anderen Ländern. Diejenigen, die im Rahmen des Vietnamkriegs medizinische Ausbildungen erhielten, waren ihren vietnamesischen Kamerad:innen für den Schutz vor amerikanischem Beschuss dankbar. Diejenigen, die nach China geschickt wurden, um dort eine Ausbildung zu absolvieren, Medizin zu studieren und den CPM-Radiosender zu unterstützen, waren dankbar, obwohl China sich nur mühsam vom Zweiten Weltkrieg erholte.

Diese Frauen nahmen die Welt bewusster wahr als jene, die sich nicht an den Kämpfen beteiligten. Sie erlebten die „internationale Solidarität“ als wirklich und lebendig, nicht als abstrakte Theorie. Sie studierten die Lehren des Marxismus, Leninismus und Maoismus sowie die malaiische Geschichte aus der Sicht der CPM. Sie betrachteten die sozialen, politischen und wirtschaftlichen Realitäten Malayas aus linker Perspektive und vertraten progressive Vorstellungen von der Befreiung Malayas und ihrer persönlichen und kollektiven Emanzipation. Sie waren sich der Beziehungen zwischen und der Gleichberechtigung der Geschlechter bewusst, trotz des Patriarchats in der Partei, der Armee und der „Außenwelt“, die sie transformieren wollten.

Emanzipation vs. Patriarchat

Diese Frauen bewegten sich und verhandelten ständig zwischen den Einschränkungen des Patriarchats, ihrer neu gewonnenen Unabhängigkeit – im Bewusstsein, dass das Persönliche politisch ist. Ihre Emanzipation als Frauen ist dreifach: in ihrer Klasse, ihrer Nation und ihrem Geschlecht – auch, wenn jedem Schritt vorwärts zwei Schritte zurück folgen könnten, was die „Frauenfrage“ und die „Klassenfrage“ zu einem nie endenden Thema macht. Trotz dessen sind sie stolz auf das, was sie sind und wofür sie kämpften. Ein guter Kampf, auch wenn sie in den Augen Vieler scheiterten, weil sie die Staatsmacht nicht errungen haben. Aber sie haben Selbstachtung, Würde, Unabhängigkeit, Selbstemanzipation und Selbstversorgung gewonnen.

Während des Kampfes gegen den britischen Kolonialismus und die japanische Besatzung im Zweiten Weltkrieg spielten Frauen in Malaya verschiedene Rollen. Sie waren bewaffnet und kämpften als CPM-Guerillasoldatinnen. Sie unterstützten den antijapanischen Widerstand als Botinnen oder Organisatorinnen im Untergrund. Sie spionierten die Japaner aus und leiteten Informationen an den Widerstand weiter. Viele Frauen schlossen sich dem Widerstand an, weil sie fürchteten, von den Japanern gefangen genommen und vergewaltigt zu werden, oder weil sie nicht zu einer frühen Heirat gezwungen werden wollten.

Sie alle hatten das Ziel, Briten und Japaner aus Malaya zu vertreiben. Sie verübten Attentate und Hinterhalte, hielten Wache, legten Landminen und bearbeiteten Ackerland im Dschungel. Sie versorgten die Armee, transportierten und versteckten Lebensmittelvorräte, behandelten Verletzte und Kranke, führten Aufklärungskampagnen durch und rekrutierten Soldat:innen aus den umliegenden Dörfern. Sie waren auch in legalen Organisationen aktiv, die den anti-britischen und anti-japanischen Widerstand im Untergrund unterstützten. Sie waren Führerinnen politischer Parteien sowie Organisatorinnen in Gewerkschaften, Studenten- und Massenbewegungen. Sie mobilisierten und organisierten an der offenen Front, neben den Männern. Folglich waren sie ebenso anfällig für Folterungen und Hinrichtungen, wenn sie erwischt wurden.

Dämonisierung der CPM

Heute werden die CPM und ihre Guerillaarmee von den Machthabenden und den Massenmedien in Malaysia und Singapur verteufelt. Es ist ein hochsensibles Thema, über das die Menschen nicht öffentlich sprechen. Die Öffentlichkeit ist unwissend und desinteressiert an der Rolle der CPM und ihres Kampfes, der zur Unabhängigkeit Malaysias und Singapurs beitrug. Aufgrund des Kalten Krieges in Asien gibt es nur die staatlich sanktionierten Geschichtsschreibungen – die Geschichte der Sieger und Kolonialherren, die die kolonialen und amerikanischen imperialistischen Interessen in Südostasien aufrechterhalten. Schulbücher, Medien und Unterhaltungsindustrie wurden streng zensiert, um sicherzustellen, dass keine gegensätzlichen Ansichten oder alternativen Geschichtsbilder veröffentlicht wurden. Offizielle Geschichtsdarstellungen wurden entpolitisiert und aus dem Kontext gerissen, so dass unsere nationalen Geschichten uninteressant, eindimensional und unreflektiert wurden. Historische Erzählungen, die nicht staatlich sanktioniert waren, galten als subversiv und wurden marginalisiert.

Asienweit liberalisierte sich die politische Atmosphäre seit Ende der 1980er Jahre, insbesondere nach der Demokratisierung der Philippinen (Peoples Power Revolution – 1986), Südkoreas (der Frühling von Seoul – 1987) und Taiwans (Sturz des Kriegsrechts – 1987) als Ergebnis von Volksbewegungen für Demokratien. In Ost- und Südostasien wuchsen Zivilgesellschaften heran, die die staatlich sanktionierte Geschichte in Frage stellten und alternative Geschichten „von unten“ anboten. Allmählich wehte der Wind der „alternativen Geschichten“ auch durch Malaysia und Singapur.

„Geschichte von unten“

Die Geschichte des Volkes ist wichtig, weil wir durch die Geschichten der „kleinen Leute“ Einblicke in unsere Alltagsrealität und in den Unterbau unserer Gesellschaften erhalten und dadurch eine Verbindung zwischen „damals“ und „heute“ herstellen, ohne einen Anspruch auf die absolute Wahrheit zu erheben. Im Gegensatz zur offiziellen Geschichtsschreibung werden sie jedoch von einer Vielzahl von Stimmen aus unterschiedlichen sozialen und wirtschaftlichen Schichten, von verschiedenen Ethnien und Religionen, Glaubensbekenntnissen und Kulturen erzählt – und nicht von einer dominanten Gruppe oder Klasse oder von den Machthabern monopolisiert.

Das Interesse an meinem Buch „Life as the River Flows“ hat sich über die Grenzen Malaysias und Singapurs hinaus auf Indonesien, Thailand, Südkorea, Taiwan, die USA und das Vereinigte Königreich ausgeweitet, deren Regierungen antikommunistisch eingestellt sind und in denen die kommunistische Seite der Geschichte konsequent unterdrückt, wenn nicht sogar verzerrt und dämonisiert wurde.

Der Kommunismus ist nach wie vor das „Schreckgespenst“, das die herrschenden Mächte benutzen, um die Zivilgesellschaften einzuschränken und zu unterdrücken. Selbstzensur und Angst der Menschen sind nach wie vor die Haupthindernisse für die „Geschichte von unten“. Solange Malaysia und Singapur nicht demokratisch werden, bleibt es schwierig, wenn nicht gar unmöglich, unsere linke Geschichte gebührend zu würdigen. Die volle Anerkennung der kommunistischen Rolle und Geschichte ist ein wesentlicher Bestandteil des Demokratisierungsprozesses beider Länder.

Übersetzt aus dem Englischen von: Lena Mrotzek und Mirjam Overhoff

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  • Die Journalistin Anemi Wick arbeitete von 2020 bis Anfang 2026 als von AGIAMONDO vermittelte Fachkraft in Timor-Leste, wo sie im Rahmen des Zivilen Friedensdienstes das Produktionsteam der timoresischen Medienorganisation Casa de Produção Audiovisual (CPA) unterstützt und beraten hat.

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4 | 2019, Osttimor, Rezensionen, Timor-Leste,
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Ein innerer Kampf

Philippinen: Der Roman „Stille im August“ von Caroline Hau beschreibt mit Geschichten über Migration und Klassismus eindrucksvoll philippinische Lebensrealitäten. Anlässlich der Buchmesse ist er auch auf Deutsch erschienen.

Racel steckt mitten in einem ihrer 15-stündigen Arbeitstage in Singapur, als sie die Nachricht erreicht, dass ihre Mutter während eines Taifuns verschwunden ist. Als „Overseas Filipino Worker“ (OFW) hat sie einen straffen Zeitplan und wenige Freiheiten, sodass sie nicht unmittelbar auf ihre Heimatinsel zurückreisen kann und sich zunächst aus dem fernen Singapur sorgen muss.

Lia, deren einflussreichen Eltern jene Heimatinsel gehört, gelangt durch eine gelüftete Affäre in die Schlagzeilen des Stadtstaates Singapur. Zur Schadensbegrenzung zitiert ihre Mutter sie zurück auf das dünn besiedelte Banwa mit den weitläufigen Zuckerrohrfeldern. Dort befindet sich zwar der familiäre Hauptsitz, aber keiner ihrer Verwandten wohnt mehr auf der Insel. Auch Lia trifft das Verschwinden von Racels Mutter, denn diese war früher ihr Kindermädchen. Aus diesem Grund sagt Lia Racel ihre volle Unterstützung zu. So beginnt die Suche nach Spuren der beliebten, allseits bekannten Frau, von der Racel sich schon bald fragt, wie gut sie sie eigentlich selbst kannte.

Geschichten von Armut und Macht

Die Insel Banwa ist der hauptsächliche Schauplatz des Romans, der trotz seiner Fiktionalität eine allgemeingültige Geschichte erzählt. Die Autorin greift im Verlauf des Buches zahlreiche Themen auf und geht besonders detailliert auf die philippinische Küche, den Katholizismus und die Mythologie des Landes ein. Auch Informationen über die Kolonialzeit, über den noch heute vorherrschenden Klientelismus und die Armut der Mehrheitsgesellschaft werden fein mit der Erzählung verwoben.

So schildert Racel beispielsweise die Hungerperioden ihrer Kindheit, in denen es wochenlang nur Süßkartoffeln und Bananen gab, und beschreibt die durch wenig Nahrung immer größer werdenden Bäuche. Auch die regelmäßig von Taifunen zerstörten Hütten sowie die harte Arbeit auf den Feldern gehörten für sie zum Alltag. Lia währenddessen positionierte sich in ihrer Jugend öffentlich gegen politische Maßnahmen des Präsidenten, einem Verbündeten der Familie. Daraufhin wurde sie von ihrem Vater gezwungen, das Land zu verlassen, und musste unter anderem jene Abwertung erfahren, die Philippiner:innen aufgrund ihrer Herkunft in der Fremde oft zuteil wird.

Gemeinsam im Geisterhaus

Zusammen im Anwesen von Lias Familie hängen die beiden Frauen ihren Erinnerungen nach und schildern abwechselnd ihre Beobachtungen und Werdegänge. Dabei wird zwar ihr Klassenunterschied deutlich, aber auch die ihnen gemeinsame Resignation über den Verlauf ihrer Leben und den Zustand ihres Landes. Und ganz nebenbei beschäftigen sie Geräusche in Nebenzimmern und auf der Treppe neu angeordnetes Geschirr – doch niemand in dem alten Haus will es gewesen sein.

„Stille im August“ heißt im Original „Tiempo Muerto“, was „tote Zeit“ bedeutet, eine Bezeichnung aus der Kolonialzeit, die auf den Philippinen noch immer für jenen Zeitraum verwendet wird, in dem die Felder abgeerntet sind und die landwirtschaftliche Arbeit vorerst zum Erliegen kommt. Auch Racel und Lia erleben metaphorisch diese tote Zeit voller Stillstand und der Frage, wie es jetzt weitergehen soll.

Kein Einzelfall – philippinische Migrantinnen

„Stille im August“ ist der erste Roman von Caroline Hau, die Professorin für südostasiatische Literatur an der Universität von Kyoto ist. Das Buch erschien 2019 im Original und wurde nun ins Deutsche übersetzt. In ihrem Roman geht die Autorin stark auf das Leben von OFWs ein. Zu Beginn befindet sich Racel in der Wohnung einer reichen Singapurer Familie, für die sie seit einigen Jahren arbeitet. In ihrem Heimatland eigentlich als Lehrerin ausgebildet, ließ sie sich nach dem Studium über eine Agentur in den Stadtstaat vermitteln. Laut der nationalen philippinischen Statistikbehörde traf diese Form der Arbeitsmigration im Jahr 2023 auf etwa 2,16 Millionen Philippiner:innen zu. Oft üben sie geringqualifizierte Tätigkeiten aus, verdienen aber besser als zu Hause. Die Rücküberweisungen, die sie an ihre Familien tätigen, stellen einen großen Faktor für die philippinische Wirtschaft dar. Als Konzept mit proaktiver Rekrutierung existiert diese Praxis dort seit den 1970ern und wird als Entwicklungsstrategie betrachtet.

Wie auch Racel verlassen überwiegend Frauen temporär das Land, meistens innerhalb von Asien. Berichte von Missbrauch, Ausbeutung und Belästigung sind dabei nicht selten. Auch im Roman wird darauf Bezug genommen: Wenn Racel zum Beispiel von ihrem einen freien Tag in der Woche spricht und dabei erwähnt, dass es diesen bis 2013 nicht verpflichtend gab. Oder wenn sie Erleichterung darüber äußert, dass sich in ihrer winzigen Kammer in der Wohnung ihrer Arbeitgeber keine Kamera befindet. Auch im Inland sind philippinische Hausangestellte in wohlhabenderen Familien weit verbreitet, oft kämpfen auch sie mit unwürdigen Arbeitsbedingungen und Geringschätzung – wenn nicht sogar mit Schlimmerem. Auch hierauf geht der Roman ausführlich ein.

Ein literarisches Porträt

Trotz Leerlauf und Entfremdung zwischen allen Zeilen liest sich der Text nicht zu zäh und wird sogar immer wieder ziemlich spannend. Einzig die Tatsache, dass die Seiten mit vielen Wörtern in verschiedenen philippinischen und anderen Fremdsprachen gespickt sind, die nur im Glossar auf den letzten Seiten erklärt werden, stört den Lesefluss ungemein und hätte reduziert werden können. Diese Wörter und ihre Bedeutungen sind zwar interessant, führen aber dazu, dass man auch in fesselnden oder emotionalen Absätzen zu den letzten Seiten des Buches blättern muss, um den jeweiligen Kontext vollends zu verstehen.

Caroline Hau hat einen Roman voll von Migrationsgeschichten und Klassismus geschrieben, eine eindrucksvolle Aufnahme philippinischer Lebensrealitäten. Indem sie am laufenden Band die Kultur des Landes in den Text streut, bringt sie den Lesenden die literarisch unterrepräsentierten Philippinen ganz nah und vermittelt das Gefühl, gemeinsam mit Rachel und Lia auf Banwa zu sein.

Rezension zu: Caroline Hau. Stille im August. Übersetzung Susanne Urban. 2025. Verlag Das Wunderhorn. 350 Seiten.

Autor:in

  • Die Journalistin Anemi Wick arbeitete von 2020 bis Anfang 2026 als von AGIAMONDO vermittelte Fachkraft in Timor-Leste, wo sie im Rahmen des Zivilen Friedensdienstes das Produktionsteam der timoresischen Medienorganisation Casa de Produção Audiovisual (CPA) unterstützt und beraten hat.

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