Sonderausgabe Buchmesse

José Rizal als Schutzpatron des Buchmessen-Auftritts

Patricia Evangelistas Auftritt im Rahmen des United-Nations-Podiums „Language is a Human Right“ © D.H.

Philippinen/Frankfurt am Main: Der Essay stellt den Auftritt der Philippinen als Ehrengast der Frankfurter Buchmesse in den Zusammenhang mit Werk und Wirken des Nationalhelden José Rizal.

Angesichts der zunehmenden Verbreitung von Fake News erinnern uns Literatur und Kunst – von Rizals Noli me tangere bis Mike de Leons Film Citizen Jake – daran, dass Fiktion das letzte Refugium der Wahrheit sein kann.
Gideon Lasco

„Wer die Philippinen verstehen will“, hieß es auf einer Inschriftentafel im Pilipinas Space des Ehrengasts der Frankfurter Buchmesse 2025, „muss sich mit den unzähligen Möglichkeiten auseinandersetzen, mit denen Sprache diese geprägt haben und umgekehrt.“ Auf den mehr als 7600 Inseln der Philippinen sollen zwischen 135 und 170 Einzelsprachen aus der austronesischen Sprachenfamilie lebendig sein. Die zitierte Inschrift deutet daher einen Zugang an, der sich an der Mehrstimmigkeit in den Literaturen des Archipels orientiert. Vergleicht sie doch die philippinische Kultur mit einem „Chor“, der zugleich „ausdrucksvoll, beziehungsreich“ und „endlessly connected“ in Erscheinung trete.

Tatsächlich gehört das Chorlied – ob a capella oder instrumental begleitet – zu einer der beliebtesten Kunstformen in den Philippinen, in deren Aufführungen Musik und Literatur eng verwoben sind und zugleich auch der soziale Sinn zu seinem Recht kommt. Die philippinischen Gäste präsentierten während der Präludien in Wilhelmsfeld und Heidelberg (im Oktober 2024) und schließlich in Frankfurt an verschiedenen Orten ein Programm, das alle Erwartungen übertraf. Es brachte die eigene Kultur in den Facetten aller möglichen Kunstformen – inklusive Film, Fotografie und Architektur – zur Darstellung und konnte um eine ethnologische Ausstellung im Heidelberger Völkerkundemuseum ergänzt werden.

Literaturhinweis

Patricia Evangelista: Some People Need Killing. Eine Geschichte der Morde in meinem Land. Übersetzt von Zoë Beck. Hamburg: CulturBooks 2025
Patrick Flores: The Story of our Imagination (2025)
Gideon Lasco: Memory as Resistance. Philippine Daily Inquirer, www.inquirer.net, 17. Mai 2018
Maria Ressa: How to Stand up to a Dictator. Der Kampf um unsere Zukunft. Übersetzt von H. Dedekind, M. Fleißig, F. Lachmann, H.-P. Remmler. Köln: Quadriga Verlag 2022
Miguel Syjuco: Ilustrado. New York: Picador 2011

Auf dieses Konzept, das einen statischen, schrift- und textbezogenen Literaturbegriff im Kontakt mit kultureller Performanz verflüssigen möchte, beziehe sich auch – so sagen die Veranstalter – das englische Ehrengast-Motto „The imagination peoples the air“. Unter demselben Motto feierten die Philippinen bereits am 15. Juli 2025 den National Children’s Book Day in Manilas Museo Pambata. Erläutert wurde der Leitspruch dann mit wenigen Worten im Vorfeld der Frankfurter Buchmesse während einer Ausstellung der Nationalbibliothek in Manila: Er wolle die Überwindung (its transcendence) der die Literatur und Künste trennenden Grenzen andeuten. Thema der Ausstellung in der Nationalbibliothek war der Weg der philippinischen Literatur von Rizals Geburtsort Calamba bis zum Philippinen-Pavillon in Frankfurt und entstand somit selber aus dem Geist der Grenzüberschreitung. Auch verweisen die ‚Wanderbewegungen‘ der Literaturen und Bücher auf jene Arbeit des Über-Setzens, die zum ersten Mal die Werke zahlreicher philippinischer Autorinnen und Autoren dem deutschen Publikum verfügbar machen konnte.

Plakat zur Ausstellung des Völkerkundemuseums © D. H.

In einem im Internet veröffentlichten Begleittext zum Buchmesseprogramm ist die Rede vom „dissidentischen Bewusstsein“ (dissident consciousness) der philippinischen Literaturen. Laut zu Wort gemeldet hat sich dieses Bewusstsein schon Jahre vor Eröffnung der Buchmesse. Herausragende Beispiele sind die Bücher von Maria Ressa (Friedensnobelpreisträgerin) und Patricia Evangelista, deren deutsche Übersetzungen das Gespräch auf der Buchmesse waren. Beide bieten den Angriffen auf die Meinungsfreiheit die Stirn, nennen die Menschenrechtsverletzungen der Exekutive beim Namen und kritisieren scharf die endemische Korruption in den Spitzen der Republik. Auf dem United-Nations-Podium der Buchmesse „Language is a Human Right“ sprach Patricia Evangelista nicht nur über die Verfolgung von Journalistinnen in ihrer Heimat, sondern auch über die in Gaza getöteten Journalisten.

Bereits während der Vorbereitung auf die Buchmesse war der Dissens über die Grausamkeiten in Gaza in den Schlagzeilen präsent. Bald wurde eine Solidaritätsbotschaft mit der Aufforderung veröffentlicht, palästinensische Geschichten, Autorinnen und Verleger in die eigenen Buchmesseveranstaltungen einzubeziehen. „Poesie für Freiheit, Gerechtigkeit und Frieden“ hieß eine der multilingualen Lesungen im Ehrengast-Pavillon, an der Palästinenser:innen beteiligt waren, eine andere „Schreiben als Traumabewältigung“.

Die Behauptung eines dissidentischen Bewusstseins in den philippinischen Literaturen beruft sich ausdrücklich auf José Rizal als Schutzpatron und Vorbild. Rizal, ein kolonialismuskritisch engagierter Intellektueller, Romanautor und Arzt, wurde im Dezember 1896 vom spanischen Kolonialregime unter dem Vorwand revolutionärer Umtriebe getötet. Er, der entschieden revolutionäre Gewalt ablehnte, wurde nur 35 Jahre alt. Dank des Nationalheldenkults wird er bis heute auch von den Aficionados literarischer Kreativität als unsterbliche Gründerfigur verehrt. Und das mit Recht, da er – auch wenn er in der Sprache der spanischen Kolonialherren schrieb – als erster das literarische Feld der Philippinen urbar machte. Zunächst für wenige – muss ich hinzufügen – da nur eine kleine Minderheit seiner Landsleute des Spanischen mächtig war. „Rizals Bücher sind der literarische und historische Maßstab,“ konstatiert die Figur des weisen Schriftstellers in Míguel Syjucos preisgekröntem Experimentalroman Ilustrado, „und so prahlen wir immer noch gern mit unserer Revolution und der ersten demokratischen Republik Asiens, die uns durch amerikanische Hinterhältigkeit und Imperialismus gestohlen wurden. Wir reden, als wären wir tatsächlich dabei gewesen!“

Rizal, der viele Sprachen beherrschte, übersetzte vor allem deutschsprachige Literatur in seine tagalische Muttersprache. Sein eigenes Romanwerk lebt nicht nur in amerikanischen und vielerlei landesprachlichen Übersetzungen weiter, sondern auch in den Literatursprachen Europas. Die deutschen Übersetzungen wurden im Philippinen-Pavillon nach Art eines book launch vorgestellt, als handele es sich nicht um Zweitauflagen, sondern um Neuerscheinungen: Noli me tangere erschien, von Annemarie del Cueto-Mörth übersetzt, 1987, El Filibusterismo unter dem Titel Die Rebellion, übertragen von Gerhard Frey, im Jahre 2016. Die Übersetzerin und der Übersetzer fehlten auf der Bühne; beide sind schon seit einigen Jahren verstorben.

Poesie-Lesung im Ehrengast-Pavillon während der Buchmesse © D.H.

Rizal war auf der Buchmesse so allgegenwärtig wie nur irgendeiner der zeitgenössischen philippinischen Autoren, die sein Gedächtnis in Ehren halten. Das hat auch mit dem bereits erwähnten Motto des Ehrengastauftritts zu tun: „The imagination peoples the air“. Die deutschen Veranstalter hatten das sehr frei mit „Fantasie beseelt die Luft“ übersetzt bzw. umgedeutet. Weitaus interessanter als die Rätsel des Übersetzens sind jedoch die Gründe, die die philippinischen Veranstalter zur Wahl ihres englischen Mottos bewogen haben. Der Kurator des Philippinen-Pavillons, der Kunsthistoriker Patrick D. Flores, hat sich über diese Gründe in The Story of our Imagination in einer Form geäußert, die ich als eine Art spielerischen Umgangs mit einem Fragment aus Rizals Roman Noli me tangere (16. Kapitel) umschreiben möchte. In der Sprache des Romans lautet das Fragment „la imaginación puebla el aire“. Betrachten wir den vollständigen Satz in Rizals Noli me tangere, in dem diese fünf Wörter vorkommen: „La noche favorece las creencias y la imaginación puebla el aire de espectros.“ (In meiner Übersetzung: Die Nacht begünstigt das Fürwahrhalten und die Einbildung bevölkert die Luft mit Gespenstern.) Flores‘ Interpretation indes konzentriert sich mit folgenden Worten allein auf das aus dem Satz herausgeschnittene Fragment: „Die Dichtung evoziert hier [im Motto „The imagination peoples the air“] die Macht des Buches als Quelle der Imagination und Spekulation.“ Die „Schlüsselwörter” imagination, people, air – fährt er fort – seien nichts anderes als Anspielungen auf das Schreiben und Lesen und beträfen mithin auch die Austauschbeziehungen zwischen den Produzenten und Rezipienten der Literatur im Rahmen des in einer dunklen Messehalle installierten Philippinen-Pavillons. In der Tat wirkten einige der in der Halle verstreuten Ausstellungspodien mit ihren offenen, unter hellen segelartigen Membranen aufgestelzten Konstruktionen wie leichte, luftige (airy) Fluggeräte. Im Zentrum die Videoprojektion eines riesigen zuckenden menschlichen Auges, eine Anspielung auf den Augenarzt Rizal, der bekanntlich – über das Medizinische hinausgehend – seinen ‚blinden‘ Landsleuten ‚den Star stechen‘ wollte.

Wunderlich wirken Flores‘ Erläuterungen, zumal sie auch auf Grenzerfahrungen verweisen, die der Kurator „mystisch“ und „übernatürlich“ nennt. Er macht – könnte man vielleicht zusammenfassend sagen – den Versuch einer Poetisierung, ja einer Wiederverzauberung des Buches als Medium der Überschreitung. Was überschritten werden soll, das liegt während der Buchmesse auf der Hand. Es sind jene engen pragmatischen Zwecke und Funktionen, die zu jedem Marktbetrieb gehören. In diesem Betrieb wird über das Buch nicht als realitätsüberschreitendes Symbol, sondern als kalkulierbare Ware verhandelt.

Vorstellung der deutschen Übersetzung von José Rizals Noli me tangere auf der Buchmesse © D.H.

Überschreitungen führen nicht selten zu Verlusten; so auch im vorliegenden Fall. Denn in Flores‘ Fokussierung auf das Imaginationsfragment fehlen nicht nur die „Gespenster“, sondern auch das Bild der „Nacht“. Dieses Bild hat in Rizals Roman aber eine starke leitmotivische Bedeutung, steht es doch für den ‚Schlaf der Vernunft‘. So sieht es jedenfalls die Figur des Aufklärers (der Philosoph Tasio) im Roman. Und so sah es auch Rizal als er seinem Buch den Titel Noli me tangere gab. In der Zueignung „A mi patria“ stellt er der schlafenden Vernunft die Diagnose, bezeichnet die üblen Folgen dieses Schlafes als „sozialen Krebs“ (cáncer social) und meint damit eine die Achtung der Menschenwürde untergrabende ‚Krankheit‘, vor der, weil sie maximal infektiös ist, kaum jemand sich retten kann. Es sei denn der Infizierte wacht auf, um laut und schonungslos die Ursachen der ‚Krankheit‘ aufzudecken: die ausbeuterische Gewaltherrschaft des spanischen Kolonialismus und die vom katholischen Klerus in alle sozialen Schichten übertragene Korruption der Moral.

In der Rückbindung des Ehrengast-Mottos an den vollständigen, vom Romanautor dem Erzähler in den Mund gelegten Satz rücken noch einmal die Wirkungsmächte ins Licht, die Rizal in den Augen seiner Landsleute verkörpert: die weltschaffende Kraft poetischer Imagination und die augenöffnende Funktion politischer Kritik.

  • Artikel
Der Autor

Der Heidelberger Wissenschaftler Dietrich Harth (*1934), in der Literatur- und Kulturforschung unterwegs, hat 2025 zwei Bücher über J. Rizal veröffentlicht:
José Rizals Kampf um Leben und Tod. Facetten einer kolonialismuskritischen Biografie, 2., verbesserte Aufl. Heidelberg.
Für dieses Buch wurde dem Autor 2023 die von der Österreichisch-Philippinischen Gesellschaft (Wien) gestiftete Ferdinand-Blumentritt-Medaille für hervorragende Leistungen und persönliches Engagement im Bereich der Philippinen- und Südostasienforschung verliehen.
Hero of the Nation and Citizen of the World. Tracing José Rizal. Essays and Miscellanea. Heidelberg

 

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Dietrich Harth

Der Heidelberger Wissenschaftler Dietrich Harth (*1934), in der Literatur- und Kulturforschung unterwegs (ORCID.org/0000-0002-5380-6847), hat 2025 zwei Bücher über J. Rizal veröffentlicht: José Rizals Kampf um Leben und Tod. Facetten einer kolonialismuskritischen Biografie, 2., verbesserte Aufl. Heidelberg. https://doi.org/10.11588/heibooks.1356 Für dieses Buch wurde dem Autor 2023 die von der Österreichisch-Philippinischen Gesellschaft (Wien) gestiftete Ferdinand-Blumentritt-Medaille für hervorragende Leistungen und persönliches Engagement im Bereich der Philippinen- und Südostasienforschung verliehen. Hero of the Nation and Citizen of the World. Tracing José Rizal. Essays and Miscellanea. Heidelberg. https://doi.org/10.11588/heibooks.1635

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