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Indigene Wissenssysteme in Südostasien: Verbundenheit und Verantwortung

© Rtee Nattapong, alle Rechte vorbehalten

„Ich frage mich, ob vieles von dem, woran unsere Gesellschaft krankt, nicht daher kommt, dass wir uns von dieser Liebe zum Land und vom Land selbst haben abschneiden lassen. Denn sie ist Medizin für zerstörte Natur und leere Herzen.“
Robin Wall Kimmerer: „Geflochtenes Süßgras“

Liebe Leser:innen,

wenn wir über Nachhaltigkeit, Klimawandel oder soziale Gerechtigkeit sprechen, wird oft übersehen, dass viele der Lösungen, nach denen wir suchen, bereits existieren – und zwar in den Praktiken indigener Gemeinschaften. Diese Ausgabe der südostasien widmet sich der Verbundenheit und Verantwortung in indigenen Wissenssystemen und zeigt auf, dass dieses Wissen nicht nur lokale Bedeutung hat, sondern auch globale Debatten bereichern kann und sollte.

Von Rotationsfeldern, die seit Generationen Biodiversität erhalten bis zu Wassermanagement-Strategien, die auf mündlich überliefertem Wissen basieren: die Beiträge dieser Ausgabe dokumentieren, wie indigene Gemeinschaften in Südostasien lokale Umweltkrisen auch ohne moderne Technologien bewältigen. Ihre Praktiken passen sich ständig an veränderte Bedingungen an. Traditionelles Wissen wird von indigenen Gemeinschaften auch Außenstehenden zugänglich gemacht.

Zwar gewinnen ihre Wissenssysteme zunehmend an Anerkennung. Zugleich sehen sich die indigenen Gemeinschaften mit Bedrohungen konfrontiert: Landraub, politische und ökonomische Marginalisierung und die Kommerzialisierung ihres Wissens durch externe Akteur:innen. Ihre Territorien sind durch Unternehmensinteressen bedroht und mancherorts auch im Namen des Klimaschutzes. Pharmaunternehmen patentieren traditionelles Heilwissen.

Diese Ausgabe fragt daher auch: Wie können indigene Gemeinschaften ihr Wissen schützen, ohne dabei selbst an den Rand gedrängt zu werden? Eric D. U. Gutierrez zeigt auf, warum Konzepte zum Schutz des geistigen Eigentums wenig geeignet sind, um traditionelles Wissen zu schützen. Sein Artikel aus den Philippinen ebenso wie der von Manyphone Vongphachanh aus Laos geben Einblicke in die vielfältigen Rollen von Heiler:innen, die Medizin- und Kräuterkundige, spirituelle und soziale Autoritäten sowie Hüter:innen der Biodiversität gleichzeitig sind.

Der Redaktion dieser Ausgabe ist es ein zentrales Anliegen, indigene Menschen selbst zu Wort kommen zu lassen. So berichtet Johanes Wato, wie seine indigene Knasaimos-Gemeinschaft in Westpapua (Indonesien) politischen Widerstand ohne offene Konfrontation leistet. Stattdessen wählt sie einen kreativen Weg: die partizipative Kartierung ihres angestammten Territoriums sowie die Entwicklung gemeinschaftsbasierter Ökotourismusmodelle, die auf traditionellem Wissen beruhen.

Wie können transnationale Solidaritätsbewegungen indigene Gruppen unterstützen, ohne sie zu vereinnahmen? Und wie lässt sich sicherstellen, dass indigene Stimmen in globalen Debatten über Umwelt und Entwicklung Gehör finden? Dass indigene Stimmen aus Amerika (wie die oben zitierte Pflanzenökologin und Autorin R.W. Kimmerer) wachsende mediale Präsenz erfahren, ist eine ermutigende Entwicklung. Auch die indigenen Gemeinschaften Südostasiens brauchen diese Präsenz, damit sie weiterbestehen – und ihre Erfahrungen an die kommenden Generationen weitergeben können.

Sophia Lippemeier und Sabine Schielmann beschreiben, wie ein virtuelles Klassenzimmer helfen kann, ‚über den eigenen Tellerrand zu schauen‘ und Vorurteile (zum Beispiel über den Rotationsanbau) abzubauen. Schüler:innen einer Essener Schule haben das im Austausch mit Gleichaltrigen in Mae Yod in Thailand getan, wo ein Teil der indigenen Karen lebt.

Die hier versammelten Artikel (viele weitere werden bis Juni folgen) sehen wir als Beitrag zum weiteren Austausch. Denn sie zeigen, dass indigene Wissenssysteme keine Nische sind, sondern essentiell für eine gerechte und nachhaltige Welt. Wir haben diese Ausgabe „Verbundenheit und Verantwortung“ genannt. Und wir fragen uns und euch: Was bedeutet uns das?

Anett, Marina, Mustafa, Simon und Viktoria

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Die Autorin

Anett Keller hat in Leipzig und Yogyakarta Journalistik, Politikwissenschaft und Indonesisch studiert. Sie hat mehrere Jahre in Indonesien gelebt und von dort als freie Korrespondentin berichtet. Derzeit arbeitet sie als freie Autorin, Moderatorin und Übersetzerin und koordiniert (auf Teilzeitbasis) die Redaktionsarbeit der südostasien.

  • Indonesien – Mit dem Buch „Pemenang Kehidupan/Winners of Life“ setzen der Fotograf Adrian Mulya und die Autorin Lilik HS den Frauen ein Denkmal, die während der Suharto-Diktatur als Kommunistinnen verfolgt wurden.

  • Indonesien – Der Dokumentarfilm „Sexy Killers“ thematisiert die massiven Eingriffe in die Natur durch Steinkohleabbau und die verheerenden Folgen für Mensch und Umwelt. Zugleich zeigt der Film, wie eng die Verzahnung von Politik und Unternehmen beim wertvollen Rohstoff Kohle ist.

  • Indonesien war ein umkämpfter Schauplatz des Kalten Krieges. 1965 ergriff der prowestliche Militärdiktator Suharto 1965 die Macht. Es begann einer der größten Massenmorde des 20. Jahrhunderts. Heute erinnern junge Musiker*innen gemeinsam mit Überlebenden an das Erbe der politisch Verfolgten

  • Indonesien – Aktivist*innen aus Yogyakarta klären über die Gefahren von Plastik und Chemikalien in Menstruationsbinden auf und werben für waschbare Stoffbinden. In Workshops geben sie ihr Wissen an Frauen weiter und nähen mit ihnen gemeinsam farbenfrohe und umweltfreundliche Alternativen zu herkömmlichen Einwegbinden.

  • Indonesien – Seit mehr als 20 Jahren streitet das Künstlerkollektiv Taring Padi mit kreativen Mitteln für die Rechte der Arbeiter*innen. Die Poster, Banner und Murals der Gruppe sind sowohl Aufruf zum Kampf als auch Dokumentation der indonesischen Arbeiterbewegung

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Die Autorin

Marina Wetzlmaier ist Journalistin für Print und Radio mit den Schwerpunkten soziale Bewegungen, Menschenrechte, Migration und Philippinen. Zuletzt erschienen: Die Linke auf den Philippinen. Eine Einführung. Wien: Mandelbaum Verlag (2020). Webseite: wetzlmaier.wordpress.com

  • Die Philippinen im Spiegel der Literatur – 135 Sprachen, 7.600 Inseln, 115 Millionen Menschen: Das Gastland der Frankfurter Buchmesse 2025.

  • Philippinen – In Manila dominieren seit vielen Jahren Profitinteressen die Wasserversorgung. Auch in anderen Regionen schreitet die Privatisierung voran – mit fatalen Folgen für die Bevölkerung.

  • Philippinen – Die globale Ernährungskrise ist eine Folge der industriellen Landwirtschaft. Aktivist Joseph Purugganan spricht im Interview über die Auswirkungen der ‚Grünen Revolution‘ und ihre kontinuierliche Anwendung bis heute.

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  • Philippinen – „In the Country“ von Mia Alvar führt die Protagonist*innen von Manila nach Bahrain und New York. Anhand ihrer Schicksale erzählt Alvar, wie Arbeitsmigration und Auswanderung nicht nur das Leben von zahlreichen Filipin@s prägen sondern die gesamte philippinische Gesellschaft.

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Der Autor

Mustafa Kurşun wurde in der Türkei geboren und studierte Übersetzen und Dolmetschen (Englisch) an der Hacettepe‑Universität in Ankara und Asian Studies an der Middle East Technical University (METU). Bereits vor und nach seinem Abschluss arbeitete er als Übersetzer, Dolmetscher und Englischlehrer. Später lebte er mehrere Jahre in Indonesien, wo er seine Begeisterung für die Kultur, Geschichte und gesellschaftliche Themen des Landes sowie für Entwicklungen in Südostasien vertiefte. Dort erweiterte er auch beruflich sein Profil und arbeitete als Softwareentwickler und Projektleiter. Heute lebt er mit seiner aus Indonesien kommenden Frau und den beiden gemeinsamen Kindern in Deutschland.

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Der Autor

Simon Kaack studierte Human Rights Studies an der Universität Lund. Sein Fokus liegt auf der Institutionalisierung von ASEAN sowie den politischen Systemen Festland-Südostasiens. Zudem ist er für die YEP Academy tätig, die sich auf Youth Empowerment in Naturräumen spezialisiert. Er ist Mitglied im Vorstand der Stiftung Asienhaus.

  • Südostasien – In fast allen Ländern der Region, in denen kürzlich gewählt wurde, standen Familienmitglieder von ehemaligen oder aktuellen Politiker*innen zur Wahl.

  • Myanmar – Das Militär behauptet sich an der Macht, wird aber zunehmend von ethnischen bewaffneten Gruppen unter Druck gesetzt. Fragen nach Staatsbürgerschaft und Verfassungswesen für eine Zeit ‚nach der Junta‘ werden gestellt.

  • Malaysia – Korruptionsskandale und gesellschaftliche Umbrüche haben das politische System massiv transformiert. Große Gefahren bestehen jedoch in ethnischen Trennlinien und Online-Populismus

  • Kambodscha brauche ‚mutige Investitionen‘, damit Medienschaffende unabhängig arbeiten könnten, sagt James Gomez, Regionaldirektor des Asia Centre. Internationale Organisationen sollten genau hinschauen, wen sie im Land unterstützen.

  • Thailand – Online-Demokratie und digitale Rechte werden unter der Prayuth-Regierung massiv angegriffen. Verleumdungs- und Cybergesetze werden als Waffen eingesetzt, um gegen Aktivist*innen und Andersdenkende vorzugehen und sie zum Schweigen zu bringen.

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Die Autorin

Viktoria Szostakowski ist Ethnologin und freie Journalistin. Während ihres Studiums der Germanistik sowie Social and Cultural Anthropology setzte sie sich intensiv mit Gender und Disability Studies, Stadt-Gesellschaft-Beziehungen sowie Urbanism auseinander. Im Rahmen ihrer Masterarbeit forschte sie in Vietnam zu Fragen urbaner Transformation und gesellschaftlicher Aushandlungsprozesse im städtischen Raum. In ihrer journalistischen Tätigkeit schreibt sie vor allem zu Themen aus Kultur und Gesellschaft und ist zudem im Bereich Evaluation tätig.

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  • Südostasien/Deutschland – Leser:innen, Autor:innen und Redakteur:innen der südostasien würdigen ihre ganz persönliche Lieblingsausgabe

  • Südostasien/Deutschland – Grussworte zum 40jährigen Jubiläum der südostasien – und Impressionen unserer Feier am 5. Juli in Köln

  • Deutschland/Indonesien – Redaktionsmitglieder und Weggefährt:innen würdigen den Freund und Kollegen, der die südostasien unermüdlich mitgestaltet hat

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Redaktion der südostasien

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