1 | 2026, Interviews, Philippinen,
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„Es ist meine Berufung“

Philippinen, Tattoo, Indigene

Ate Wamz praktiziert die Tradition Batok. © Ate Wamz

Philippinen: Künstlerin Ate Wamz drückt mit Tätowierungen ihre Verbundenheit zu ihren Vorfahren und ihrer Kultur aus.

südostasien: Welchen Stellenwert haben traditionelle Tätowierungen in den Philippinen?

Unsere Interviewpartnerin:

Zwei Spitzen, die nach oben zeigen und symbolisch für Berggipfel stehen. Darüber ein Punkt. Das ist das kennzeichnende Tattoo von Wilma Gaspili, Mitte 40 und von den meisten Ate Wamz genannt. Das Design ist inspiriert vom Pulag, mit 2.922 Metern der höchste Berg der nördlichen Insel Luzon und Teil der Gebirgskette Cordillera. Für die indigenen Igorot gilt der Pulag als heiliger Berg, als Ruhestätte für ihre Vorfahren und als Heimat der Geister und Götter.

Ate Wamz gehört den Kankanaey und Kalanguya an, Igorot-Gemeinschaften, die in der Provinz Benguet leben. Mit dem Tattoo zeigt sie ihre enge Verbindung zu ihrem kulturellen Erbe, welches sie Menschen in den Philippinen und in weiteren Ländern vermitteln möchte. Ate Wamz bezeichnet sich als tattoo advocate. Sie praktiziert die Tradition Batok. Ihr Werkzeug ist ein Stock, an dem ein Dorn angebracht ist. Indem sie mit einem zweiten Stock darauf klopft, überträgt sie die Tinte in die Haut. Wichtig ist ihr, dass die Menschen die kulturelle Herkunft und Bedeutung der traditionellen Tätowierungen respektieren. Die Nachfrage durch Tourist:innen sieht sie kritisch.

Ate Wamz: In den Bergen der Cordilleras hatte jede Gemeinschaft eine eigene Tattoo-Kultur. Aber mit der Einführung des Christentums geriet vieles in Vergessenheit. Unsere Region wurde zwar nicht von den Spaniern kolonisiert, wie andere Teile des Landes, aber es kamen Missionare zu uns. Sie erklärten, dass Tätowierungen böse seien und so waren sie lange Zeit Tabu. Ich wuchs auf, ohne zu wissen, dass meine Vorfahren tätowiert waren. Als Apo Whang-Od [eine Tätowiererin aus der Provinz Kalinga, die durch Reportagen international bekannt wurde, Anm. der Redaktion] berühmt wurde, dachte ich, dass ihre Gemeinschaft die einzige mit dieser Kultur sei. Erst im Alter von 36 Jahren erfuhr ich, dass wir in unserer Provinz Benguet eine eigene Tradition haben.

Wie hast du davon erfahren?

Ich ließ mich ab 2018 von einer Künstlerin aus Kalinga tätowieren. Später traf ich eine Anthropologin, die mich fragte, warum ich keine traditionellen Tätowierungen aus Benguet hatte. Ich wusste nicht, wovon sie sprach. Da erzählte sie mir von Apo Anno, einem meiner Vorfahren, der am ganzen Körper tätowiert war. Sie zeigte mir die Muster und gab mir Fotos von ihm. Zuhause fragte ich meinen Vater, ob er Apo Anno kannte und er sagte: „Ja, das ist dein Ur-Ahn“. Ich war schockiert. Von da an begann ich, Apo Annos Tätowierungen auf meinen Körper zu kopieren. 2022 besuchte ich ihn in seiner Grabhöhle.

Apo Anno

Apo Anno war ein hoch angesehener Anführer der Kankanaey in der Provinz Benguet. Der Legende nach war er halb göttlicher Abstammung und lebte zwischen dem 12. und 14. Jahrhundert. Nach seinem Tod wurde er mumifiziert und in einer heiligen Höhle beigesetzt. Anfang des 19. Jahrhunderts stahlen Grabräuber die Mumie und brachten sie ins Ausland. Apo Anno galt über sechzig Jahre als verschollen. 1984 tauchte er in einem Antiquitätenladen auf und wurde an das Nationalmuseum in Manila gespendet. Im Mai 1999 wurde die Mumie schließlich an die Kankanaey zurückgegeben, die Apo Anno in einem dreitägigen Ritual erneut beisetzten. Er gilt als nationales Kulturerbe.

Wie hast du die Technik und die Muster gelernt?

Ich wollte eigentlich nie selbst tätowieren. Aber es ist meine Berufung. Als ich meine eigenen Tätowierungen bekam, lernte ich viel über die Technik und darüber wie man die Tinte herstellt. Die Menschen kamen schließlich zu mir und fragten, ob ich sie tätowieren könnte. Ich lehnte zuerst ab, aber mein Mann unterstützte mich. Ich tätowierte zuerst seine Beine und war überrascht, dass ich das konnte, obwohl ich keine Ausbildung dazu hatte. In den Philippinen lernt man vieles durchs Tun. Die Älteren in meinem Dorf sagten, dass es meine Berufung sei. Im September 2022 begann ich, andere zu tätowieren. Es fühlt sich an, als ob ich es schon seit Jahrzehnten tue.

Welche Bedeutungen haben die Tätowierungen?

Philippinen, Tattoo, Indigene

Die indigene Tattoo-Tradition Batok ist mehr als Kunst, sondern ein Ritual und kulturelles Erbe der Menschen in den Cordilleras. © Ate Wamz

Um das herauszufinden, bin ich viel durch die Provinzen der Cordillera gereist. Ich traf Dorfältere, die tätowiert waren und sie erzählten mir ihre Geschichten. Eine 98-Jährige berichtete von ihrem Bruder und Vater, die im Zweiten Weltkrieg kämpften. Sie brachte ihnen damals Verpflegung und die Feinde taten ihr nichts. Die Tätowierungen beschützten sie, sagte sie. Dann besuchte ich ein Dorf, das sehr abgelegen war. Wir mussten einen Tag lang zu Fuß gehen. Dort traf ich eine Frau, die 109 Jahre alt war und eine Tätowierung im Nacken hatte. Sie erzählte, dass sie mit 14 Jahren krank geworden sei und ihre Stimme verloren habe. Ihre Großmutter ließ sie tätowieren. Daraufhin kehrte ihre Stimme zurück. Für sie bedeutet die Tätowierung daher Heilung. Und Fruchtbarkeit: Als die Frau 22 Jahre alt war, wollten sie und ihr Mann Kinder haben, aber es klappte viele Jahre nicht. Ihre Mutter riet ihr zu mehr Tätowierungen. Schließlich bekam sie zwölf Kinder. In anderen Dörfern werden Tattoos mit Schönheit und mit Mut assoziiert. Heutzutage gibt es viele Gründe, warum man sich tätowieren lässt: weil man glücklich ist, wenn man zum Beispiel etwas erreicht hat. Oder auch weil man trauert, wenn man jemanden verloren hat.

Was sollten Menschen wissen, wenn sie ein Tattoo von dir wollen? Wie findet ihr das passende Motiv?

Das Wichtigste ist für mich, dass ich die Person persönlich treffe und sie nach ihrer Geschichte fragen kann. Erst wenn ich verstehe, warum sie eine Tätowierung möchte, können wir ein Motiv entwickeln. Ich finde es auch wichtig, den Menschen die Bedeutung und Geschichte der Tattoos zu erklären. Viele wissen nichts über unsere Kultur. Eine Erkenntnis meiner Reise zu den Älteren ist auch, dass ich keine einzelnen Motive gesehen habe. Sieh dir zum Beispiel meine Tätowierungen an. Sie bestehen aus vielen zusammenhängenden Linien. Da gibt es keine einzelne Sonne oder einen einzelnen Mond. Heute gibt es hingegen viele modernisierte Designs. Das hängt auch mit der Nachfrage durch Tourist:innen zusammen.

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Apo Annos Tätowierungen sind Ate Wamz’ größte Inspiration. © Ate Wamz

Viele reisen zu Apo Whang-Od und wollen lieber ein kleines Tattoo. Daher wurden die Motive angepasst. Als wir erfuhren, dass das Dorf von Apo Whang-Od das macht, waren wir zwar froh, dass jemand dadurch unsere Kultur erhält. Aber sie verwenden Motive, die nicht nur aus ihrer eigenen Tradition stammen, sondern aus anderen Teilen der Cordillera, ohne es den Menschen zu erklären. Ich möchte mehr Bewusstsein über die Identität jeder einzelnen Provinz schaffen. Die Gemeinschaften unterscheiden sich anhand ihrer traditionellen Kleidung und so ist es auch mit den Tätowierungen. Wir haben diese Traditionen nicht nur in den Cordilleras, sondern auch in Mindanao im Süden der Philippinen und in den Visayas. Dort nannte man die tätowierten Menschen Los Pintados, „die Bemalten“. Ich finde es traurig, dass man darüber zu wenig spricht. Ich habe ebenso meine eigenen, modernisierten Motive. Aber ich kann nicht die von anderen Gemeinschaften verwenden, weil ich einen zu großen Respekt vor ihnen habe.

Viele Tourist:innen reisen in die Cordilleras, um sich tätowieren zu lassen. Was hältst du von diesem Trend? Schadet der Tourismus der Tradition?

Ich sage nicht, dass Menschen keine Tattoos von den Kalinga haben sollen. Es ist auch in Ordnung, wenn sie welche von uns bekommen. Viele Europäer:innen und weiße Amerikaner:innen fragen danach. Wir teilen unsere Kultur. Aber das Wichtigste ist, dass die Menschen zumindest wissen, was sie bekommen. Immer wieder zeigen sie mir ihre Tätowierungen und wissen nicht einmal, was sie bedeuten. Ihnen war nur wichtig, dass sie von der berühmten Apo Whang-Od sind. Das ist sehr traurig. Es ist wichtig, die Bedeutung zu kennen und die Kultur zu respektieren. Manche Menschen fragen sogar nach Tattoos, wie sie früher die Kopfjäger hatten. Nein, du kannst kein Tattoo eines Kopfjägers haben, weil du niemanden getötet hast. Es ist traurig, wenn es nur um den Trend und den Tourismus geht.

Du hast selbst viel über Tätowierungen, ihre Traditionen und Techniken recherchiert. Wirst du dein Wissen an die nächsten Generationen weitergeben?

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Ate Wamz besucht immer wieder philippinische Communities im Ausland. Im Sommer 2025 reiste sie nach Wien. © Rambak

Es gibt einige aus unseren Gemeinschaften, die daran interessiert sind und ich möchte viele dazu ermutigen. Denn wollen wir unsere Traditionen anderen Menschen und Nicht-Filipinos überlassen? Ich möchte wirklich, dass unsere Leute sie lernen. Aber das Problem ist oft, dass sie es als Geschäft sehen. Ich pflege die Kultur, weil es meine Leidenschaft und Berufung ist. Das Geld war nie im Vordergrund. Ich möchte, dass die Menschen ihre Kultur ebenso als Herzensangelegenheit sehen. Sie haben Glück, weil ich viel Vorarbeit geleistet habe und jene, die interessiert sind und dieselbe Motivation haben wie ich, unterstütze ich gerne.

Du wirst immer wieder nach Europa und in die USA eingeladen. Du triffst und tätowierst dort auch Mitglieder der philippinischen Diaspora. Was ist ihnen dabei wichtig?

Für viele ist es sehr emotional, auf diese Weise mehr über ihre Kultur und Identität zu erfahren. Vor allem jene, die im Ausland geboren und aufgewachsen sind, suchen eine Verbindung zu ihren Wurzeln. Viele in der Diaspora sind unsicher, wer sie sind: europäisch, amerikanisch oder philippinisch? So ein Tattoo zu bekommen ist für sie eine wichtige Bestätigung, dass sie philippinisch sind.

Du nimmst auch deine eigene Tinte mit…

Ja, wenn ich zum Beispiel in die Visayas reise, mache ich aus dem dortigen Holz und Wasser meine Tinte. Ebenso, wenn ich in Mindanao bin. Wenn jemand aus den Visayas kommt und ich habe die passende Tinte aus ihrer Heimatregion dabei, ist es noch einmal etwas Besonderes. Wie gesagt, kreiere nicht ich alleine das Motiv, sondern die jeweilige Person weiß, was sie haben möchte und warum. So wird auch die Tätowierung eine schöne Geschichte erzählen.

  • Artikel

Marina Wetzlmaier ist Journalistin für Print und Radio mit den Schwerpunkten soziale Bewegungen, Menschenrechte, Migration und Philippinen. Zuletzt erschienen: Die Linke auf den Philippinen. Eine Einführung. Wien: Mandelbaum Verlag (2020). Webseite: wetzlmaier.wordpress.com

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