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Editorial südostasien 3/2018: Geisterglaube in Südostasien

Die Zeichnung für das Titelbild dieser Ausgabe stammt vom indonesischen Autor und Illustrator Alim Bakhtiar, dessen reich illustrierte Erzählung "Kinder des Windes" wir bereits in der Ausgabe 3/2015 (Literatur aus Südostasien) vorgestellt haben © Alim Bakhtiar

Die Zeichnung für das Titelbild dieser Ausgabe stammt vom indonesischen Autor und Illustrator Alim Bakhtiar, dessen reich illustrierte Erzählung “Kinder des Windes” wir bereits in der Ausgabe 3/2015 (Literatur aus Südostasien) vorgestellt haben.

 

Wohl jede*r, der*die schon einmal längere Zeit in Südostasien verbracht hat, ist dort mit Geschichten von Geistern konfrontiert worden. Unter Kleinbäuer*innen bis hin zu Akademiker*innen scheint die Vorstellung, dass es Personen oder Wesen gibt, die nicht immer sichtbar sind und mitunter unheimliche Kräfte oder Fähigkeiten besitzen, weit verbreitet zu sein. Wollen wir die Gesellschaften in Südostasien besser verstehen, führt kein Weg vorbei an den Geistern. Deshalb haben wir uns entschieden, eine Ausgabe der südostasien diesem faszinierenden Phänomen zu widmen.

Wir wollen dabei vor allem auch Verständnis wecken für die Alltäglichkeit und Normalität des Geisterglaubens in Südostasien. Es geht uns nicht darum, “exotische” Geschichten zu erzählen, sondern Beiträge zusammen zu tragen, die zum Nachdenken anregen. Nicht nur über die Lebenswirklichkeit der Menschen in Südostasien, von der Geister oft ein fester Bestandteil sind. Sondern auch über unseren Blick darauf, der – geprägt von Moderne und religiösen Werten – oft mit einem (vor)schnellen Urteil oder zumindest mit Skepsis auf das “fremde” Phänomen des Geisterglaubens reagiert.

Das Ziel diese Ausgabe ist nicht, Menschen zum Geisterglauben zu bekehren, sondern Sie als Leser*innen einzuladen, etwas darüber zu lesen, wie die Welt auch anders wahrgenommen werden kann. Dazu gehört, Menschen, die davon überzeugt sind, dass uns mehr umgibt, als das, was wir sehen können, ernst zu nehmen. So vertritt der Ethnologe Guido Sprenger in seinem Plädoyer für den Geisterglauben die Ansicht, dass dieser eine die Umwelt schützende Komponente haben kann. Denn Geisterglaube schärft den Blick für die Welt, die die Menschen unmittelbar umgibt. Mokh Sobirin bestätigt dies in seinen Schilderungen des Kampfes von Bäuer*innen in Indonesien gegen Landraub, der auch mit Hilfe von mystischen Drachenwesen geführt wird. Anhand eines weiteren Beispiels aus Laos schildert Michael Kleinod, wie sich Geisterglaube zu Entwaldung und Naturschutz verhält.

Auch unverarbeitete Traumata aus gewaltsamen Konflikten spiegeln sich in Geister-Geschichten, wie der Soziologe Bambang Kusumo Prihandono am Beispiel der antikommunistischen Massenmorde in Indonesien beschreibt. Oliver Tappe gibt uns anhand der Statue eines Helden der laotischen Geschichte, Chao Anuvong, einen Einblick in eine weitere politische Dimension des Geisterglaubens.

Bei Benjamin Baumann und Nicolas Verstappen erfahren wir mit Bezug auf Thailand, wie “numinose”, kaum greifbare Wesen im Rahmen ihrer popkulturellen Bearbeitung eine bestimmte feste Form erhalten zum Beispiel in Comics. Immer wieder “geistert” eine Furcht erregende Frau durch alte und neue Geschichten. In Thailand heißt sie Krasue, in Indonesien kuntilanak, in den Philippinen aswang. Die Grusel-Gestalt, nicht nur, aber auch, ein Spiegel der Ängste vor “wilder Weiblichkeit”, ist auch in zahlreichen Horrorfilmen präsent.

Die Beiträge, die ihr in den nächsten Tagen und Wochen in dieser südostasien-Ausgabe lesen könnt, beleuchten verschiedenste Aspekte und Dimensionen des Glaubens an geistartige Wesen und zeigen damit etwas Entscheidendes: Geister sind nicht einfach “festzunageln”, d.h. ihre Bedeutung und Funktion ist niemals eindeutig, sondern so vielgestaltig wie die praktischen Formen, ihnen Respekt zu zollen. Zudem ist Geisterverehrung nicht einfach ein historisches, vom Aussterben bedrohtes Relikt, sondern so aktuell wie die jeweiligen privaten, politischen und wirtschaftlichen Probleme, die darin verhandelt werden.

Wir wünschen unseren Leser*innen eine spannende Lektüre! Und wir danken allen an dieser Ausgabe Beteiligten sehr herzlich! Für die kommende Ausgabe zum Thema Arbeiterbewegung freuen wir uns über Artikelvorschläge. Hier geht´s zum call for paper.

Timo Duile, Anett Keller, Michael Kleinod, Kathrin Spenna

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Der Autor


Timo Duile hat in Südostasienwissenschaft über indigene Bewegungen auf Borneo promoviert. Er hat am Institut für Ethnologie an der Universität Köln und am Institut für Orient- und Asienwissenschaften an der Universität Bonn unterrichtet. Zur Zeit forscht er u.a. zu Geistervorstellungen in Kalimantan.

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Die Autorin


Anett Keller hat in Leipzig und Yogyakarta Journalistik, Politikwissenschaft und Indonesisch studiert. Sie hat mehrere Jahre in Indonesien gelebt und von dort als freie Korrespondentin berichtet. Derzeit arbeitet sie als freie Autorin, Moderatorin und Übersetzerin und koordiniert (auf Teilzeitbasis) die Redaktionsarbeit der südostasien.

  • Indonesien Winners of Life

    „Rache macht deine Seele kaputt“

    Indonesien – Mit dem Buch „Pemenang Kehidupan/Winners of Life“ setzen der Fotograf Adrian Mulya und die Autorin Lilik HS den Frauen ein Denkmal, die während der Suharto-Diktatur als Kommunistinnen verfolgt wurden.

  • Rezension Sexy Killers

    Von Politikern, die Kohle machen

    Indonesien – Der Dokumentarfilm „Sexy Killers“ thematisiert die massiven Eingriffe in die Natur durch Steinkohleabbau und die verheerenden Folgen für Mensch und Umwelt. Zugleich zeigt der Film, wie eng die Verzahnung von Politik und Unternehmen beim wertvollen Rohstoff Kohle ist.

  • Indonesien Mit Musik Schweigen brechen

    Mit Musik das Schweigen brechen

    Indonesien war ein umkämpfter Schauplatz des Kalten Krieges. 1965 ergriff der prowestliche Militärdiktator Suharto 1965 die Macht. Es begann einer der größten Massenmorde des 20. Jahrhunderts. Heute erinnern junge Musiker*innen gemeinsam mit Überlebenden an das Erbe der politisch Verfolgten

  • Teilnehmer*innen eines Workshops zum Nähen von waschbaren Monatsbinden © Biyung/NBB

    Umweltfreundliche Monatsbinden? Do it yourself!

    Indonesien – Aktivist*innen aus Yogyakarta klären über die Gefahren von Plastik und Chemikalien in Menstruationsbinden auf und werben für waschbare Stoffbinden. In Workshops geben sie ihr Wissen an Frauen weiter und nähen mit ihnen gemeinsam farbenfrohe und umweltfreundliche Alternativen zu herkömmlichen Einwegbinden.

  • Ohne Arbeiter werden die Fabriken zu Geisterhäusern © Taring Padi

    Solidarität mit künstlerischen Mitteln

    Indonesien – Seit mehr als 20 Jahren streitet das Künstlerkollektiv Taring Padi mit kreativen Mitteln für die Rechte der Arbeiter*innen. Die Poster, Banner und Murals der Gruppe sind sowohl Aufruf zum Kampf als auch Dokumentation der indonesischen Arbeiterbewegung

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Der Autor


Michael Kleinod ist Soziologe und hat zu Ökotourismus in Laos
promoviert . Seit 2015 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Orient-und Asienwissenschaften an der Universität Bonn.

  • Keine Touristen, kein Einkommen

    Keine Touristen, kein Einkommen

    Laos – Der Tourismus ist von der Pandemie hart getroffen. Wir sprachen mit dem Ökotourismusunternehmer Inthy Deuansavanh über die Reisebranche in der Krise.

  • Eingang zum Heiligen Wald Dong Sakee © Michael Kleinod

    “Unsichtbare Menschen” zwischen Entwaldung und Umweltschutz: Die Bang Bot in Laos

    Laos – Während der berühmte laotische Dschungel “dank” der Kapitalisierung von Land mehr und mehr schwindet, gehen bestimmte “Traditionen” eher unerwartete Koalitionen mit der “Moderne” ein. Dies zeigt sich besonders gut an einer Geistervorstellung, die Ideen moralischer Reinheit mit tiefem Dschungel verbindet und so auch den gegenwärtigen ökologischen Raubbau in diesem autoritär regierten Land in ein ethisch-kritisches Licht taucht: den Bang Bot.

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Die Autorin

Kathrin Spenna ist Südostasienwissenschaftlerin und Vorstandsmitglied des philippinenbuero e.V.

  • Mit Kugeln gegen das Virus

    Mit Kugeln gegen das Virus

    Philippinen – Die Corona-Pandemie wird auf den Philippinen hauptsächlich mit Einschüchterung und Waffengewalt ‚bekämpft’. Die Arte-Reportage „Dutertes Methoden im Schatten des Virus“ gibt einen Überblick.

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