1 | 2024, Südostasien,
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Visionen als Papiertiger

ASEAN, Menschenrechte, Demokratisierung

Fahnen der ASEAN-Mitglieder in Jakarta. © Gunawan Kartapranata

Südostasien: Die ASEAN Vision 2025 sieht eine inklusive Gemeinschaft und den Schutz von Menschenrechten vor. Doch in ihren Mitgliedsstaaten besteht wenig Hoffnung auf Demokratisierung und die Rückgewinnung von Safe Spaces

Das Bekenntnis zu demokratischen Werten ist eine wesentliche Voraussetzung für die weltweite Wahrung von Menschenrechtsgrundsätzen. Den Vereinten Nationen zufolge fördert die Demokratie ein Umfeld, in dem Menschenrechte und Grundfreiheiten gewahrt werden und der Wille des Volkes frei zum Ausdruck gebracht werden kann. Die Stimmen der Menschen, insbesondere die von Frauen, diskriminierten Religionsgemeinschaften, gewaltsam vertriebenen Personen sowie sexuellen Minderheiten, sind entscheidend und müssen gehört werden.

Die Charta des Verbandes südostasiatischer Nationen (ASEAN) verpflichtet alle Mitgliedstaaten zur Einhaltung der Grundsätze der Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und der verantwortungsvollen Staatsführung sowie zur Achtung und zum Schutz der Menschenrechte und Grundfreiheiten. Um dies zu bekräftigen, erinnerte das jüngste Treffen des Asian Forum for Human Rights and Development (FORUM-ASIA) in Thailand alle ASEAN-Mitgliedsstaaten daran, dass die ASEAN Vision 2025 eine inklusive und reaktionsfähige Gemeinschaft vorsieht, die Menschenrechte, grundlegende Freiheiten und Demokratie garantiert.

Idealvorstellungen und Probleme

ASEAN, Menschenrechte, Demokratisierung

Das ASEAN-Sekretariat in Jakarta. © Gunawan Kartapranata

Die Verabschiedung der ASEAN-Menschenrechtserklärung am 18. November 2012 bekräftigte das Engagement der ASEAN für Menschenrechte und Grundfreiheiten im Einklang mit den Zielen und Grundsätzen der ASEAN-Charta. Dennoch gibt es offensichtliche Fallstricke, die die Umsetzung von Demokratie und die Förderung von Menschenrechten in den ASEAN-Ländern erschweren.

Indonesien war Gastgeber der ASEAN Civil Society Conference/ASEAN People’s Forum (ACSC/APF) 2023 in Jakarta. Die Veranstaltung sollte ein sicheres und geschütztes Forum für jedermann sein, Inklusivität fördern sowie Meinungsfreiheit und Meinungsäußerung unterstützen, während gleichzeitig versucht wurde, Safe Spaces, Demokratisierung und Gleichberechtigung für alle Menschen in der ASEAN zu erreichen. Ist die Sicherheit von Menschenrechtler*innen bedroht, ist auch die Demokratie bedroht. Die Konferenz wurde Zeuge dieser Bedrohung, als mehrere Redner aus Myanmar nicht vor Ort teilnehmen konnten und ihre Identität schützen mussten, indem sie ihre Gesichter nicht preisgaben oder ihre Namen auf dem virtuellen Bildschirm unkenntlich machten. Eine der Online-Vortragenden sagte, dass auch sie Gefahr laufe, von der Junta überwacht und gefangen genommen zu werden, weshalb sie ihre wahre Identität nicht einmal den Teilnehmern der Konferenz offenbart habe.

Demokratie und Menschenrechte in Indonesien

Auch die Lage der Demokratie und der Menschenrechte in Indonesien wirft Fragen auf, trotz umfangreicher Bemühungen der Regierung, diese aufrechtzuerhalten. Das Engagement von Präsident Joko Widodo für die Wiederherstellung der Rechte der Opfer von Menschenrechtsverletzungen ist hier hervorzuheben.

ASEAN, Menschenrechte, Demokratisierung

Aksi-Kamisan-Protest vor dem Präsidentenpalast in Jakarta. © Kontras

Die Realität ist jedoch anders, wie Sumarsih, eine der Podiumssprecherinnen der Konferenz, mit ihrer langen Suche nach Gerechtigkeit im Falle ihres Sohnes Wawan zeigte. [Wawan nahm im November 1998 an einem friedlichen Studentenprotest in Jakarta teil und wurde von Militärs erschossen, d.R]. Seit fast 26 Jahren sucht Sumarsih bei der indonesischen Regierung nach Antworten, bislang vergebens. Sumarsihs Unbeugsamkeit zeigt sich in ihrer Teilnahme an über 700 Aksi Kamisan, einer immer am Donnerstag stattfindenden Protestaktion, bei der sie vor dem Präsidentenpalast steht und Gerechtigkeit fordert. Ihre Taten haben auf verschiedene Kämpfe um die Menschenrechte aufmerksam gemacht und ähnliche Bewegungen in ganz Indonesien inspiriert.

Darüber hinaus wurden auf der Konferenz mehrere Verstöße gegen die Demokratie aufgedeckt, darunter die Unterdrückung von Aktivist*innen wie Fatia Maulidianti, einer weiteren Rednerin auf dem Konferenzpodium. Gegen sie lief zur damaligen Zeit ein Verfahren wegen angeblicher Verleumdung, das der koordinierende Minister für maritime Angelegenheiten, Luhut Binsar Pandjaitan, angestrengt hat, weil sie sich besorgt über Bergbauaktivitäten und mögliche Militäroperationen geäußert hat, die sich auf die Menschenrechte in der ostindonesischen Provinz Papua auswirken.

Gute Empfehlungen, mangelhafte Umsetzung

Die Lage in Vietnam ist den beiden vorgenannten Ländern relativ ähnlich. Nach Angaben von Amnesty International ist das Recht auf freie Meinungsäußerung dauerhaft eingeschränkt. Die Behörden nutzen weiterhin die Artikel 117 und 331 des Strafgesetzbuchs von 2015, um Personen, die die Regierung kritisieren, willkürlich zu verhaften und strafrechtlich zu verfolgen, darunter Menschenrechtsverteidiger*innen, Journalist*innen und religiöse Führer*innen. Im August gab die Einführung des Dekrets 53 Anlass zur Besorgnis. Darin werden Tech-Unternehmen gezwungen, Nutzerdaten zu speichern und möglicherweise an Ermittler weiterzugeben, während gleichzeitig eine Task Force für Cybersicherheit eingerichtet wird, die die repressiven Maßnahmen des Cybersicherheitsgesetzes 2019 durchsetzen soll.

ASEAN, Menschenrechte, Demokratisierung

5th ASEAN Human Rights Dialogue in Jakarta im November 2023. © SetNasASEAN-Indonesia

Die ACSC/APF 2023 bestand aus sechs konvergierenden Bereichen, die sich mit Frieden und menschlicher Sicherheit, alternativem Regionalismus, Menschenrechten und geschützten Räumen für marginalisierte Gruppen, Klima- und Umweltgerechtigkeit, sozioökonomischer Gerechtigkeit, Demokratie und Antiautoritarismus befassten und deren spezifische Empfehlungen an alle Regierungen der ASEAN-Mitgliedsstaaten weitergeleitet wurden. Trotz der Bedeutung der Intersektionalität bei der Adressierung verschiedener Themen zwischen den Mitgliedern der ASEAN-Staaten ist es besonders wichtig, die Themen Menschenrechte und geschützte Räume für marginalisierte Gruppen sowie Demokratie und Antiautoritarismus hervorzuheben, da in diesen Bereichen zahlreiche Verstöße begangen wurden.

Bedrohungen der digitalen Rechte

Die Empfehlungen, die sich mit Menschenrechten und dem geschützten Raum für marginalisierte Gruppen befassen, betonen die Einrichtung einer regionalen Task Force für digitale Rechte und Cybersicherheit als Reaktion auf digitalen Autoritarismus und die Bedrohung der Internetrechte. Weiterhin empfohlen wurde die Stärkung der Mechanismen zum Schutz der Rechte Indigener, um Probleme wie Landraub und Gewalt anzugehen. Auch die Gewährleistung einer umfassenden und diskriminierungsfreien Aufklärung über sexuelle und reproduktive Gesundheit/Rechte sowie die Bereitstellung von Diensten, die sich mit sexueller und reproduktiver Gesundheit/Rechten in ASEAN befassen, wurden betont. Digitale Sicherheitsbedrohungen in Südostasien betreffen insbesondere marginalisierte Gemeinschaften wie LGBTIQ- Aktivist*innen und weitere Menschenrechtsverteidiger*innen.

ASEAN, Menschenrechte, Demokratisierung

Gelebte Demokratie an der Bandung School of Peace Indonesia © Fanny Syariful Alam

Einschränkung der freien Meinungsäußerung findet in mehreren ASEAN-Ländern statt. Neben den bereits genannten Beispielen trifft dies auch auf Singapur zu. Der Online Criminal Harms Act (OCHA) verkleinert den zivilgesellschaftlichen Raum. Daher ist es wichtig, in der gesamten ASEAN-Region den zivilen Raum zurückzuerobern und die Sicherheit von Menschenrechtsverteidigern zu gewährleisten.

Alle Empfehlungen des ACSC/APF 2023 betonen die Bedeutung der Menschenrechte und der Demokratie für alle Mitglieder der ASEAN-Staaten, in der Hoffnung, dass sich alle ASEAN-Regierungen voll und ganz für die Umsetzung einsetzen, um die Menschenrechte und das demokratische Leben in ihren Ländern zu erhalten. Insbesondere als Gastgeber des ASEAN-Gipfels 2023 und des ACSF/APF 2023 sollte Indonesien eine entscheidende Rolle bei der Umsetzung der Empfehlungen spielen.

Übersetzung aus dem Englischen von: Kathrin Sommerfeld

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1 | 2024, Südostasien,
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Visionen als Papiertiger

Südostasien: In fast allen Ländern der Region, in denen kürzlich gewählt wurde, standen Familienmitglieder von ehemaligen oder aktuellen Politiker*innen zur Wahl.

südostasien: Wie mächtig sind politische Dynastien im heutigen Südostasien?

Julia Lau: Die derzeitige politische Landschaft der Region mit Sprösslingen politischer Familien wie ‚Bong Bong‘ Marcos Jr., Hun Manet und Paetongtarn Shinawatra in Machtpositionen spricht dafür, dass politische Dynastien in der Politik Südostasiens eine große Rolle spielen. Ein Teil der Erklärung könnte darin liegen, dass viele Gesellschaften in Südostasien vererbte Macht nicht unbedingt als problematisch ansehen.

Diese zweite oder dritte Generation von Politikern sind oft Söhne und Töchter von Präsidenten und Premierministern, die besser qualifiziert sind als ihre Eltern. Viele haben an guten Universitäten wie Cambridge und Harvard Politik studiert. Sie haben Politik von Anfang an aus nächster Nähe kennen gelernt. Politische Dynastien sind jedoch ein weltweites Phänomen und nicht nur in Asien zu beobachten, wie unter anderem das Beispiel der Kennedy-Familie zeigt.

Politik ist ein Geschäft. Wenn man in die ‚richtige‘ Familie hineingeboren wird, ist man zumindest am ‚richtigen‘ Platz. Ob man diesen Vorsprung dann nutzen kann, um in die Politik einzusteigen und erfolgreich zu sein, ist eine andere Sache.

Wie wirkt sich das auf den Wahlprozess aus?

Es gibt eine gewisse Flexibilität in Bezug auf die Parteimitgliedschaft, sodass es nicht zu einem ideologischen Kampf kommt. Die Politiker*innen brauchen Parteien und springen oft einfach auf die größte Koalition auf, wie zum Beispiel in Malaysia. Das zeugt von einem pragmatischen und opportunistischen Verständnis von Parteipolitik. Aus diesem Grund wurden Gesetze wie das malaysische Anti-Partei-Hopping-Gesetz eingeführt, um zu verhindern, dass Kandidat*innen die Partei wechseln. Dies gilt jedoch nur für bestimmte parlamentarische Systeme.

Welche Rolle spielt das Geschlecht in diesem Zusammenhang?

Puan Maharani, die Tochter der ehemaligen indonesischen Präsidentin Megawati Sukarnoputri, hat einen starken familiären Hintergrund in der Politik: Ihr Großvater [Sukarno, Indonesiens erster Präsident, d. R.] und ihre Mutter waren Staatsoberhäupter. Dennoch sieht sie sich in ihrem Land mit strukturellem Paternalismus und Patriarchat konfrontiert und rangiert in den Beliebtheitswerten sehr weit unten. Als Politikerin hat man in Indonesien schlechtere Karten. Doch auch in den USA, in Europa und in Australien gibt es die gleiche Frauenfeindlichkeit.

In Thailand war Thaksin Shinawatras jüngere Schwester und Paetongtarns Tante, Yingluck Shinawatra, früher Premierministerin, so dass die Öffentlichkeit vielleicht eher an weibliche Führungspersönlichkeiten gewöhnt ist. Darüber hinaus werden Monarchinnen in der Tradition genauso verehrt wie Könige – Thailand hatte einige sehr mächtige Königinnen. Die Schwester des Königs, Prinzessin Royal Sirindhorn, genießt ein hohes Ansehen. Außerdem war und ist die gesamte Familie Shinawatra in den nördlichen Teilen Thailands sehr beliebt. Dennoch ist Paetongtarn (‚Ung Ing‘) noch sehr jung und kann darauf warten, das höchste Amt zu übernehmen. Es ist nicht nur eine Frage des Geschlechts, sondern auch des Alters.

Wie wirkt sich der Faktor Alter aus?

Bei den jüngsten Wahlen in Indonesien wurde der Kampf um junge Wähler*innen auf TikTok gewonnen. Und dabei geht es vor allem um Branding. Der Sohn von Präsident Joko Widodo, Gibran Rakabuming Raka, und sein Wahlkampfteam haben die sozialen Medien geschickt beeinflusst. Es wurden Cartoons oder Avatare verwendet, um die ‚harmlose‘ Großvater-Figur Prabowo Subianto als Präsidentschaftskandidaten neben dem pausbäckigen Jüngling darzustellen, den die jüngeren Altersgruppen wählen konnten. Viele Menschen fanden diese Karikatur-Kampagne niedlich.

Inwieweit sorgen Dynastien für (vermeintliche) politische Stabilität?

Die indonesischen Wahlsieger sind mit dem Versprechen angetreten, alles fortzusetzen, was Joko Widodo infrastrukturell unternommen hat, wie etwa den geplanten Umzug der neuen Hauptstadt von Jakarta nach Ost-Kalimantan. Die versprochenen Wachstumszahlen sind nicht sehr realistisch. Das Land hat seit den 80er und 90er Jahren kein achtprozentiges Wachstum mehr erreicht. Dennoch haben die Menschen die Rhetorik geglaubt, trotz potenzieller Instabilitätsfaktoren wie Prabowos Alter von 72 Jahren [zu Anfang einer ersten von möglichen zwei fünfjährigen Amtszeiten als Präsident, d. R.].

In Singapur hielt sich der erste Premierminister Lee Kuan Yew sehr lange in seinem Amt. Auch nach dem Ende seiner Ära konnte das Land überleben und gedeihen, während Südostasien ein enormes Wachstum verzeichnete. Betrachtet man die kolonialistischen Strukturen, so haben die meisten ASEAN-Länder ihre Unabhängigkeit erst vor 50 bis 70 Jahren erlangt. Und 40 Jahre später schlägt die ASEAN die Region, die sie kolonisiert hat, Europa, das nach Südostasien kommt, um dort Geschäfte zu machen. Ja, es gibt Bereiche, in denen Armut herrscht, in denen die Entwicklung unter- oder ganz ausbleibt. Aber allen Widrigkeiten zum Trotz erlebt diese Region einen Aufschwung. Im Vergleich zu vor 40 – 60 Jahren geht es fast allen Ländern der Region besser als früher.

Gibt es Verflechtungen zwischen den politischen Dynastien? Ich denke an den Besuch von Hun Sen bei Thaksin Shinawatra im Februar 2024, nachdem Thaksin aus der Krankenhaushaft entlassen wurde…

Die Region ist klein und wenn man zur politischen Elite der ASEAN gehört, trifft man sich mindestens einmal im Jahr. Natürlich ist es hilfreich, sich persönlich zu treffen, auch nach dem Ende der eigenen Amtszeit. Aber man kann es auch menschlich sehen und sagen, dass ein älterer Mensch einen anderen besucht, der angeblich nicht bei guter Gesundheit ist. Auf dem südostasiatischen Festland mit seiner buddhistischen Tradition ist das nicht ungewöhnlich. Es gibt Leute, die zu Besuch kommen, die einfliegen, oder, wenn sie zu einem Arbeitstreffen in der Stadt sind, einen Abstecher zum Krankenhaus machen, um ihre Aufwartung zu machen. Auch ’normale Bürger*innen‘ nehmen aus Pflichtgefühl an den Beerdigungen ihrer ehemaligen Chefs teil.

Wie sehen Sie die Zukunft von politischen Dynastien in Südostasien?

Ich glaube nicht, dass politische Dynastien in absehbarer Zeit verschwinden werden. In Ländern wie Indonesien kandidieren Hunderte von Familien für politische Ämter auf verschiedenen Ebenen, darunter auf Provinzebene, auf lokaler Ebene und so weiter. Wer ein politisches Amt erringt, erhält Zugang zu Geld, anderen Ressourcen und sozialem Ansehen. So lange das politische System eines Landes von Vetternwirtschaft und Bestechung geprägt ist, wird sich diese Einstellung leider hartnäckig halten.

Es hängt jedoch vom Kontext des Landes ab. Wenn Sie die meisten Singapurer*innen fragen würden, würden sie nicht Politiker*innen werden wollen. Es gibt so viele andere Möglichkeiten, schneller und auf legitime Weise Geld zu verdienen, warum sollte ich da Politiker*in werden wollen?

Interview und Übersetzung aus dem Englischen von: Simon Kaack

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1 | 2024, Südostasien,
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Visionen als Papiertiger

Südostasien: Wasser ist die Quelle allen Lebens und zugleich drastischen Eingriffen durch den Menschen ausgesetzt. Vier bewegende Kurzfilme zeigen uns die Gefahren auf – und rufen uns auf zur Veränderung.

Auf der Plattform Cinemata sind rund 5.000 frei zugängliche Filme und Dokumentationen zu sozialen und Umweltthemen aus der Asien-Pazifik-Region versammelt. Die Redaktion der südostasien hat eine Auswahl von Kurzfilmen rundum das Thema Wasser zusammengestellt.

Küstenerosion – Wenn Häuser im Meer versinken

Die rasant voranschreitende Erosion der Küsten trifft vor allem die vor Ort lebenden Menschen. Ursache ist die Übernutzung der Küstengebiete durch Siedlungen, Aquakulturen, Fischzucht und Landwirtschaft. Der Kurzfilm Weaving Hope on North Java Coast der Indonesian Nature Film Society (INFIS) beleuchtet die Folgen des stetigen Landverlustes an der Nordküste der indonesischen Insel Java. Die Aufnahmen zeigen, wie das Meer den Bewohner*innen der Küstenstreifen den Lebensraum quasi unter den Füßen wegspült – Häuserreihe für Häuserreihe.

Im Film berichten die Bewohner*innen, wie sie ihre Häuser verlieren – und wie auch die Tourist*innen immer mehr ausbleiben. Die Erzählungen fesseln und erschüttern zugleich. Aufgeben möchten die dort lebenden Menschen ihre Heimat jedoch nicht. Stattdessen kämpfen sie. Sie bauen Wellenbrecher und pflanzen Mangroven, um die Küstengebiete zu schützen. Auch wenn die Maßnahmen kostspielig und mit großen Mühen verbunden sind, zeigen sie bereits erste Erfolge und die Küste ist nun vor der direkten Kraft der Wellen geschützt. Das gibt Hoffnung für eine Zukunft mit mehr Sicherheit.

(Eileen Kristiansen)

Weaving Hope on North Java Coast. 2019. Indonesia Nature Film Society. Indonesien. 13 Minuten

Haie – Der Kampf um die Flossen

Obwohl Haie an der Spitze der marinen Nahrungskette stehen, sind auch sie Opfer des menschlichen Handels und seit Jahren stark bedroht. Der Kurzfilm Sharks, Balancing The Ocean zeigt den Alltag und die Auswirkungen des Haifischfangs in der indonesischen Provinz Aceh.
Viele Bewohner*innen Indonesiens leben vom Fischfang. In einigen Teilen haben sich Fischer*innen auf das Fangen von Haifischen spezialisiert. Ein lukratives Unternehmen, denn Hongkongs und Chinas Nachfrage nach Haifischflossen ist groß. Die Folgen der Überfischung zeigen sich schon in den stark zurückgehenden Beständen, was sich wiederum im Rückgang der Fänge widerspiegelt.

Der Film lässt lokale Fischer*innen und Umweltschützer*innen zu Wort kommen und zeigt so die Realität der Hai-Fischerei aus verschiedenen Perspektiven. Dieser Interessenkonflikt wird untermalt mit sehr verschiedenen Bildern, von lebendigen, farbenfrohen Korallenriffen bis zu Fischmärkten voller Blut, auf denen Haie zerlegt und verkauft werden.

(Eileen Kristiansen)

Sharks, Balancing The Ocean. 2014. Gekko Studio. Indonesien. 14 Minuten

Strom aus dem Fluss

Nicht alle Haushalte auf den Philippinen sind zuverlässig mit Strom versorgt. Auch dort, wo die Regierung Elektrizität gewährleistet, fällt der Strom immer wieder aus. Der Kurzfilm [S]ILAW: ISANG Dokumentaryo (Light) zeigt, wie dieses Problem in der entlegenen Gemeinde Katablangan seit 20 Jahren erfolgreich und nachhaltig gelöst wird.

Die ethnische Gruppe der Isneg verfügt weder über Mobilfunknetze noch über Straßen, die mit Autos befahrbar sind. Doch seit 2002 gewinnt sie zuverlässig ihren eigenen Strom aus dem nahen Matalag-Fluss – mittlerweile 24 Stunden am Tag. Ein Verein lokaler Farmer*innen installierte mithilfe der Firma SIBAT (Sibol ng Agham at Teknolohiya) ein kleines Wasserkraftwerk. Der Film zeigt, wie die konstante Stromzufuhr sich positiv auf den Dorfalltag auswirkt. Es gibt zum Beispiel eine strombetriebene Waschmaschine, ein Fernsehgerät, Licht für Zusammenkünfte im Dunkeln und eine eigene Eisproduktion für die Kinder. Neben Akteuren wie dem Dorfvorsteher und einem Mitarbeiter von SIBAT werden im Film auch lokale Politiker*innen gezeigt, die sich den Erfolg des Projektes ohne eigenes Zutun zu Nutze machen wollen.

Der Film endet mit einer – leider viel zu kurzen – Erläuterung zu existierenden Plänen für Großstaudammprojekte in der Region und lässt somit viele Fragen offen. Dennoch wird an diesem Beispiel deutlich, wie sich Infrastruktur auf der lokalen Ebene verbessern lässt – mit Hilfe der Natur und nicht gegen sie.

(Kathrin Stopp)

[S]ILAW: ISANG Dokumentaryo (Light), 2022, Kodao Productions, Philippinen, 16 Minuten

Zerstörerische Staudämme

Talsperren – das sind gigantische Bauwerke, die den Wasserhaushalt stabilisieren sollen, oftmals mit massiven ökologischen und gesellschaftlichen Folgen, die noch viel zu wenig beleuchtet sind. Unlocking Bengoh folgt den Einwohner*innen rund um die Bengoh-Talsperre in Sarawak, Malaysia, die ihre Dörfer verlassen mussten, da diese überflutet wurden.

Die Bengoh-Hügelkette erhebt sich unweit der Millionenstadt Kuching, die von Wasserknappheit bedroht war. Um dem entgegenzuwirken, baute man 2004 eine Talsperre am Fluss Sarawak. Die Lösung für die Dörfer, die dadurch unbewohnbar wurden: das Bengoh Resettlement Scheme, eine knapp 20 Kilometer entfernte Neuansiedlung. Den Einwohner*innen wurden Häuser, Ackerland und eine gute Infrastruktur versprochen.

Die Realität sieht allerdings anders aus: unfertige Häuser, unfruchtbares Ackerland, unwegsame Straßen. Zudem zeigt die Dokumentation deutlich, dass die Talsperre funktionierende Öko- und Sozialsysteme zerstört hat. Unlocking Bengoh wurde von malaysischen Urlaubern gedreht und ist eine Mischung aus Landschaftsaufnahmen, Gesprächen mit umgesiedelten Menschen und Ausschnitten aus älteren Dokumentationen über das Talsperren-Projekt. Letzten Endes zeigt der Film, dass die Bewohner*innen allein gelassen wurden – von den Planer*innen des Projekts, aber auch von Politiker*innen in Kuching.

Die Dokumentation hinterlässt den Eindruck, dass es zu spät ist und dass die Umwelt und die Kultur der Dörfer nicht mehr zu retten seien. Politiker*innen und Planer*innen kommen nicht zu Wort. Auch das weiter gefasste Phänomen der Wasserknappheit thematisiert der Film nicht. Dennoch ist Unlocking Bengoh ein wichtiges Porträt indigener Rechte im Kontext von Talsperren in Südostasien – ein Thema, dem angesichts weiterer derartiger Vorhaben mehr Aufmerksamkeit gebührt.

(Lena Mrotzek)

Unlocking Bengoh, 2021, Freedom Film Network, Malaysia, 25 Minuten

Dieser Artikel erschien zunächst in der südostasien Ausgabe 2|2024 – Alles im Fluss? Wasser in Südostasien und ist Teil der südostasien – Sonderausgabe Buchmesse

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1 | 2024, Südostasien,
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Visionen als Papiertiger

Kambodscha/Südostasien: Schamanismus kann indigenen Völkern helfen, ihre Identität und ihr Territorium gegen den globalen Kolonialismus zu verteidigen

Das Konzept des Schamanismus als anthropologisches Konstrukt sorgt auch nach Jahrhunderten vor allem unter westlichen Gelehrten für Debatten. Wie die US-amerikanische feministische Anthropologin und Archäologin Alice Beck Kehoe in ihrer Abhandlung Schamanen und Religion betont, „ist die Beschreibung von Schamanen und anderen ein wichtiges Thema, um die westliche Konstruktion eines stereotypen, mythischen Anderen zu erkennen. Die Zusammenfassung von Heilern, Wahrsagern und Priestern außerhalb der globalen ‚Buchreligionen‘ unter dem Etikett ‚Schamanen‘ zeigt, wie schwierig es für uns Westler ist, das stereotype Andere zu erkennen, das in unsere Erziehung eingebettet ist.“

Ich stamme aus Südamerika, wo indigene Gemeinschaften – insbesondere in den Amazonas-Gebieten – das Wort Schamanismus ablehnen, um unsere spirituellen Ahnentraditionen zu beschreiben. Daher verwende ich dieses Wort mit Vorsicht und Respekt, da ich weiß, dass nur die ernsthafte ethnografische Erfahrung von Wissenschaftler*innen zu wirklichem Verständnis einer indigenen Gruppe führen kann.

Für mich ist das Leben in Kambodscha seit 1999 zu einer ethnografischen Erfahrung geworden, einschließlich des Erlernens der Sprache und des Zusammenlebens mit einer reichen tausendjährigen Kultur, die nicht nur das Volk der Khmer, sondern auch ein riesiges Netzwerk indigener Völker in ganz Asien umfasst. Im Bewusstsein meiner eigenen Identität als Ureinwohner Amerikas und Opfer jahrhundertelanger blutiger Eroberungen und Kolonisation habe ich die Existenz indigener Gruppen in Südostasien und insbesondere in Kambodscha verfolgt.

Globaler Feldzug über alle Kontinente

Die westliche Kolonisierung wurde zu einem globalen Feldzug, der alle Kontinente erfasste und auch Gebiete beeinflusste, die nicht direkt von ausländischen Mächten unterworfen wurden. Mit der Gründung der UNO endete jedoch nicht die Kolonisierung. Es änderte sich lediglich die Art der Einflussnahme, die zur Schaffung einer neuen Weltordnung führte. Die ehemaligen Kolonien wurden zur ‚Dritten Welt‘, dem heutigen ‚Globalen Süden‘. Nichtsdestotrotz halten die ehemaligen Kolonialmächte weiterhin an Machtbeziehungen, Ausbeutung und militärisch-politisch-kulturellen Interventionen unter der Flagge der Demokratie fest.

In der Geschichte der Eroberung und Kolonisierung von Regionen wie Südostasien ist es wichtig zu sehen, wie große ethnische Mehrheiten und Minderheiten unterschiedliche Wege gingen. Während die Mehrheiten von den eindringenden Eroberern militärisch unterworfen wurden, erfuhren ethnische Minderheiten zusätzliche Demütigungen und galten als primitiver und wilder. In Indochina etwa wurde deutlich, wie Frankreich und andere westliche Mächte die Gebiete nach ihren eigenen Interessen aufteilten, ohne Rücksicht auf die einheimische Bevölkerung zu nehmen, was zu Konflikten führte, die auch nach den Unabhängigkeitsereignissen fortbestanden.

Für die Kolonialmächte spielten die heiligen angestammten Gebiete der von ihnen unterworfenen Völker keine Rolle, da sie überhaupt keine Rechte besaßen – sie waren keine zivilisierten Menschen im Sinne des westlichen Standards. Weniger als ein Jahrhundert nach der Französischen Revolution eroberte Frankreich Cochinchina und versklavte Vietnam, Laos und Kambodscha. Damit machten sie deutlich, dass ihr Konzept von „Liberte, Egalité, Fraternite“ (Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit) definitiv nur für Europäer*innen galt, während das ‚Andere‘, das Nichtwestliche, immer noch barbarisch war und von den ‚echten Zivilisierten‘ unterworfen werden musste.

Alte Konflikte um Territorien bestehen fort

Die Umwandlung der europäischen Kolonien in unabhängige Länder zwischen dem 19. und 20. Jahrhundert verlief nicht unumstritten. Der Beweis dafür ist, dass heute – nach Jahrzehnten der Unabhängigkeit und Souveränität – viele ehemalige Kolonien politisch instabil sind. Alte Konflikte um Territorien bestehen fort, einschließlich der Macht kleiner Eliten, die ihre Länder im Sinne ehemaliger Kolonialmächte verwalten.

Obwohl der indigenen Bevölkerung von offizieller Seite viel Aufmerksamkeit zuteilwird, weil sie ihre Rechte und Identität schützen wollen, gibt es in Südostasien noch viel zu tun. Während indigene Völker in Süd- und Nordamerika über legale Rechte verfügen und Souveränität über ihre Gebiete besitzen, ist dies in Südostasien nicht der Fall. Hier ist der Staat der Eigentümer der indigenen Gebiete, was den Weg für jede Art von Missbrauch wie Enteignung und Landraub öffnet.

„Welch Arroganz zu behaupten, das Land gehöre Ihnen, wenn sie doch dem Land gehören! Wie kann man etwas besitzen, das einen selbst überlebt? Nur die Ethnie besitzt das Land, weil die Ethnie ewig lebt. Einen Platz zu beanspruchen, ist das Geburtsrecht eines jeden“, sagte einst Macli-ing Dulag, Stammesführer der Butbut in der philippinischen Provinz Kalinga. Wegen seines Widerstands gegen ein Staudammprojekt auf dem Territorium seines Volkes wurde er von Soldaten des Diktators Marcos erschossen. Seine Worte leben jedoch weiter.

Indigene brauchen souveräne Gebiete

Für Indigene gehört das Land ihrer Vorfahren zu ihrer Identität. Wie eine junge Kreng-Frau Anfang 2024 bei einem Treffen indigener Völker im kambodschanischen Kep sagte: „Ohne das Land können wir nicht mehr sein, unsere eigene Existenz ist in Gefahr und wir haben kein Territorium, in dem die Asche unserer Vorfahren begraben ist.“ Die Schaffung von souveränen Gebieten könnte eine große Hilfe für die indigene Bevölkerung in Südostasien sein. Doch dies würde den guten Willen der jeweiligen Staaten voraussetzen, in denen es eine natürliche Tendenz zur erzwungenen kulturellen Assimilation gibt.

Weil in den Schulen keine ethnischen Sprachen gelehrt werden, sind Kinder und Jugendliche gezwungen, in der Landessprache zu sprechen. So finden es kambodschanische Jugendliche faszinierend, Englisch und Koreanisch zu lernen, während sie über die Sprachen der Jarai, Kreng oder Tampoung als etwas ‚Komisches‘ und ‚Seltsames‘ lachen. Damit sind wir beim Thema Diskriminierung von Minderheiten angelangt. Resilienz ist jedoch eine Stärke der indigenen Gemeinschaften, die als Erben und Bewahrer*innen alter Kulturen gelten. Um diese Kulturen und Sprachen zu bewahren, spielt die indigene Spiritualität eine sehr wichtige Rolle.

Schamanen stärken die Identität indigener Gemeinschaften

In diesem Sinne stellt die Figur des Schamanen ein Element des Zusammenhalts unter indigenen Menschen dar. Die Rolle des Cha Thom zum Beispiel, wie die Schaman*innen von den meisten indigenen Völkern Kambodschas genannt werden, ist für die dortigen Gemeinschaften sehr bedeutsam. Es hat für mich sogar den Anschein, dass eine Gemeinschaft eher der Gefahr kultureller Assimilierung und damit dem Aussterben der eigenen Kultur ausgesetzt ist, wenn es keine Schaman*innen mehr gibt. Wie einer meiner Studierenden sagte: „Unser Cha Thom ist derjenige, der die Geheimnisse unserer Vorfahren vermittelt, er oder sie kennt die Geister der Wälder, die Kraft der Pflanzenmedizin und der Tiere.“

Aber auch dieses wichtige kulturelle Element ist im Niedergang begriffen, und ein Hauptgrund dafür ist die engagierte Kampagne westlicher Missionare, die versuchen, die indigene Bevölkerung mit fundamentalistischen Annahmen zu bekehren. Auch wenn wir die Religionsfreiheit fördern und respektieren, müssen die indigenen Völker tief in ihre eigene Kultur eintauchen und sie verteidigen. Deshalb müssen auch ihre Schaman*innen gefördert werden, denn sie sind die Führer*innen ihrer Gemeinschaften und stellen ein Bindeglied zwischen ihrem Volk und der spirituellen Welt dar.

Missionare als Vorhut des Extraktivismus

Wenn ausländische Missionare versuchen, indigene Völker in Ländern wie Kambodscha zu ‚bekehren‘, kommt ihnen das Fehlen von Schriftsystemen in einheimischen Sprachen wie etwa Jarai zugute. So können die Missionen Gelder in spezielle Projekte zur Schaffung von Schriftsystemen investieren, um Bibeln und religiöse Texte in den einheimischen Sprachen zu veröffentlichen. Für Missionare in den Amazonasgebieten hat sich diese Methode bereits als erfolgreich erwiesen. Das beweist zwei Dinge: erstens das mangelnde Interesse ehemals kolonisierter Staaten, in kulturelle, ethnische und Bildungsprojekte zu investieren, die ihrer eigenen indigenen Bevölkerung zugutekommen. Und zweitens das Profitieren religiöser Sekten von diesen Unzulänglichkeiten. Wie wir in Brasilien anhand der umstrittenen Regierung von Jair Bolsonaro beobachten konnten, sind Aktionen von Missionaren, die die Indigenen mit ihrer religiösen Propaganda fügsam machen, für die Durchsetzung des Extraktivismus nützlich.

Cha Thom (wörtlich: älterer Mensch) dagegen ist der/die natürliche Führer*in der Indigenen. Er oder sie hat eine besondere Beziehung zum Dschungel, zur indigenen Spiritualität und zur Gemeinschaft, ist Heiler*in, aber auch der weise ältere Mensch, der die Gemeinschaft durch die Herausforderungen des Lebens und die Entscheidungen führt. Die Bedeutung von Cha Thom, von den Khmer Kru Thiey genannt, lässt sich nur schwer in einer kurzen Beschreibung zusammenfassen, da sie ein komplexes kulturelles Umfeld umfasst. So verhält es sich auch mit dem Konzept des Schamanismus, das – aus dem ursprünglichen sibirischen Kontext herausgelöst – reduziert wird, wenn es auf andere Kulturen angewandt wird.

Schaman*innen als Schlüssel zu Identitätssuche und Selbstschutz

Im Sinne von Resilienz und Dekolonialisierung halten die Cha Thom/Kruy Thiey in Kambodscha – wie auch die Schaman*innen in anderen Gebieten Südostasiens – den Schlüssel zu Identitätssuche und Selbstschutz. Das sind die grundlegenden Elemente für das Überleben von Kulturen und die Suche nach Ursprüngen und Werten ihrer Vorfahren, die meist in vorkolonialen Zeiten liegen. Wenn Indigene von der Bedeutung ihres Territoriums sprechen, geht es nicht um eine bloße Idee oder um ein menschliches Bedürfnis nach Lebensraum zu wirtschaftlichen Zwecken. Wir sprechen über den Sinn des Territoriums im Sinne dessen, was westliche Anthropolog*innen „Weltanschauung“ oder „Kosmologie“ der indigenen Bevölkerung nennen. Ich würde es jedoch als die Philosophie der Indigenen bezeichnen, die das Recht der nicht-westlichen Kulturen und Gesellschaften beinhaltet, ihre eigenen Anschauungen zu präsentieren.

Unter den vielen Elementen, die koloniale Mentalitäten und Systeme infrage stellen, erscheint mir die Rolle der Schaman*innen in indigenen Gemeinschaften deshalb so wichtig, weil sie die wichtigsten autorisierten Führer der Gemeinschaft sind: Durch ihre Suche nach Visionen bringen sie die Gemeinschaft zu ihren Ursprüngen zurück und inspirieren sie auf ihren Wegen in die Zukunft.

Übersetzung aus dem Englischen von: Christina Schott

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Visionen als Papiertiger

Südostasien/Indonesien: Mithilfe digitaler Medien stellen Künstler*innen Nutzung, Wahrheitswert und Macht kolonialer Fotoarchive infrage.

Im 19. und frühen 20. Jahrhundert nutzten koloniale Staaten und Unternehmen die Fotografie, um Wissen über die von ihnen besetzten Kolonien zu sammeln und den Erfolg von Infrastrukturprojekten zu dokumentieren. Ausländische Wanderfotografen und lokale Fotostudios fertigten Porträts von kolonialen Motiven an, sowohl in schlichten Abbildern als auch in Genre-Szenen. Damit befriedigten sie die touristische Nachfrage nach fotografischen Souvenirs ebenso wie die Neugierde des großstädtischen Publikums, das die Bilder in Form von Postkarten, Drucken und Buchillustrationen zu sehen bekam.

Ob in privatem oder staatlichem Besitz: Ein Großteil dieser Bilder ist heute Teil der „kolonialen Sammlungen“ in Museen, Bibliotheken, Archivzentren und Universitäten der ehemaligen Kolonialmächte. Diese wissensproduzierenden Institutionen definierten, welche Art von historischer Erinnerung bewahrt werden sollte.

Die postkoloniale Wissenschaft hat dieses Fotomaterial erneut untersucht und in einen neuen Kontext gestellt, indem sie die Perspektive der ehemaligen kolonialen Subjekte eingenommen hat – anstatt diejenige des Kolonisators, der auf die Kolonisierten schaut. Zugleich hat sie damit die Künstlichkeit und Konstruiertheit kolonialer Archivaufzeichnungen aufgedeckt.

Digitalisierung von Archiven eröffnet neue Möglichkeiten

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts erweiterte die Digitalisierung die Leistungen kolonialer Archive. Dadurch wird heute einem viel größeren und geografisch weit verstreuten Publikum der Zugang zu solchen Sammlungen ermöglicht – jenseits deren physischer Grenzen. Dennoch neigt der Prozess der digitalen Standardisierung dazu, Fotografien ihres „sozialen Lebens“ zu berauben: Die Biografie und die aktive Rolle in der Geschichte solcher Bilder bleiben oft hinter den einheitlichen Klassifikationssystemen verborgen.

Die Open-Access-Veröffentlichung von Archivsammlungen erzeugt nicht nur Bedenken hinsichtlich der Erhaltung von materieller Kultur. Sie wirft auch Fragen zu Eigentum, Urheberschaft und Copyright für die Wiederveröffentlichung auf. Zeitgenössische südostasiatische Künstler wie Dow Wasiksiri (Thailand), Yee-I-Lann (Malaysia), Robert Zhao (Singapur), Kiri Dalena (Philippinen) und Agan Harahap (Indonesien) nutzen die Formbarkeit und Flexibilität digitaler Archivalien und die Vielseitigkeit digitaler Software, um koloniale Repräsentationen zu stören, zu untergraben und ihre Handlungsfähigkeit zurückzugewinnen.

Dieser Artikel untersucht die Art und Weise, wie der indonesische Künstler Agan Harahap Fotografien umwidmet und manipuliert, um die Verwendung, den Wahrheitswert, die Urheberschaft und das Eigentum kolonialer Archive infrage zu stellen.

Agan Harahap studierte Grafikdesign in der westjavanischen Metropole Bandung. 2008 zog er nach Jakarta, wo er als Fotograf und Illustrator für ein bekanntes Musikmagazin arbeitete. Seine Bilderserie „Superhistory“ erregte 2010 internationale Aufmerksamkeit, als sie über die sozialen Medien verbreitet wurde. Harahap adaptierte dafür ikonische Fotografien von bedeutenden Momenten der Weltgeschichte, in die er fiktive Superhelden integrierte. So lässt er etwa Spiderman an der Invasion in der Normandie teilnehmen. In einem anderen Bild beschattet Darth Vader die Staatsoberhäupter der Alliierten auf der Konferenz von Jalta 1945. Die makellosen digitalen Collagen verblüffen die Betrachtenden – jedoch nicht, um Geschichte zu karikieren.

Bei einem Workshop der niederländischen Fotografie-Plattform Noorderlicht in Yogyakarta wurde der 1980 geborene Harahap zum ersten Mal mit kolonialem Archivmaterial aus Niederländisch-Ostindien [koloniale Bezeichnung für das heutige Indonesien] konfrontiert. Ein Jahr später floss diese Begegnung in sein fiktives koloniales Fotostudio „Mardjiker“ ein.

Infrage stellen von Autorität und Typisierung historischer Fotografien

Das Wort „Mardjiker“ leitet sich vom Sanskrit-Wort Mahardika ab und bedeutet wörtlich „Befreite“. Dies war die Bezeichnung für getaufte ehemalige Sklav*innen und ihre Nachkommen in Batavia [kolonialer Name Jakartas]. Zunächst arbeiteten sie für die Portugiesen und konvertierten dann unter niederländischer Herrschaft zum Katholizismus und später zum Protestantismus. Diese Bevölkerungsgruppe nahm zwar die westliche Kultur und Religion an, aber aufgrund ihrer Hautfarbe blieb ihnen der Zugang zu einem höheren sozialen Status in der Kolonialgesellschaft verwehrt.

Harahap thematisiert diese soziale Identität des „Dazwischen“ bewusst in den gemischten Porträts von Europäer*innen und Einheimischen. Im selben subversiven Geist, mit der er die Autorität historischer Fotografien infrage stellt, hinterfragt der Künstler auch visuelle und kulturelle Gemeinplätze der kolonialen Studioporträts. Um sozial bedingte Stereotypen in der Darstellung von Europäer*innen und Einheimischen hervorzuheben, setzt er digitale Manipulationen ein.

Karikierte Darstellung der „exotischen Frau“ und des „exotischen Tieres“

Der indische Ethnologe Arjun Appadurai hat argumentiert, dass das koloniale Fotostudio für die Einheimischen ein Ort gewesen sei, an dem sie gleichermaßen mit „dokumentarischem Realismus“ und „Modernität experimentieren“ konnten. Denn die Studioporträts der Einheimischen hätten sowohl „Typen“ als auch „Merkmale“ dargestellt.

Harahap thematisiert diesen ambivalenten Status der kolonialen Studioporträts in „Sutirah: Die erste Tierbändigerin“. In diesem digital zusammengesetzten Porträt karikiert der Künstler die koloniale Darstellung der exotischen Frau und des exotischen Tieres aus den Tropen. Sutirah ist in einem weißen Kleid im westlichen Stil abgebildet, wobei ihr langes schwarzes Haar über ihre Brust fließt. Sie hält ein Krokodil wie ein Haustier in den Armen – eine Anspielung auf Europäer*innen, die sich mit ihren Haushunden ablichten ließen.

Das Porträt von Sutirah, die das gefährliche Reptil furchtlos in die Kamera hält, entspricht natürlich nicht den üblichen kolonialen Studioporträts einheimischer Frauen. Es bezieht sich vielmehr auf Mythen von Frauengestalten mit übernatürlichen Kräften, wie sie in den lokalen Folkloretraditionen Indonesiens häufig zu finden sind.

Harahap unterlegt das Porträt von Sutirah mit fiktiven und faktischen Informationen: Neben dem erfundenen Geburtsdatum seiner fiktiven Heldin nennt er ihr angebliches Talent, mit Tieren zu kommunizieren. Zudem erwähnt er ihre angebliche Zusammenarbeit mit einer realen historischen Figur – nämlich dem deutsch-holländischen Zoologen Carl Wilhelm Weber (1852-1937), der 1899 eine wissenschaftliche Expedition nach Sumatra unternahm.

Die Bildunterschrift des Sutirah-Porträts bietet so einen reichen kulturellen Kontext für die benannte Person. Das steht im krassen Gegensatz zu den generischen Bildunterschriften der sogenannten Typus-Porträts, die dazu dienten, anonyme Personen zu typisieren – zum Beispiel „javanische Frau“, „chinesischer Schmied“, „balinesische Tänzerin“ – und so eine Vermarktung der Bilder zu ermöglichen.

Postkoloniales Archiv – eine Sammlung von Verhaltensweisen online und offline

Es folgten regelmäßige Posts von Porträts aus dem Mardijker Photo Studio auf Facebook, Instagram und X [früher Twitter] unter dem Namen Sejarah X (Geschichte X). Indem Harahap sein pseudo-archivalisches Material über die sozialen Medien verbreitete, trat er mit seinem Publikum auf nationaler, regionaler und internationaler Ebene in Kontakt und belebte so die Diskussion über den Kolonialismus neu. Im Oktober 2024 hatte Sejarah_X mehr als 26.000 Follower auf Instagram und 1500 auf Facebook.

Der Künstler macht sich also die Dynamik der sozialen Medien in Südostasien zunutze, um die Mechanismen kolonialer Archivierung zu entwirren. Indem er die Öffentlichkeit online zur aktiven Teilnahme ermutigt, unterbricht Harahap die Autorität und Integrität dieser Archive. Stattdessen bietet er den Nutzer*innen die Möglichkeit, das Material zu prüfen, zu verbreiten, auszutauschen, zu manipulieren und neu zu verwenden: ein aktiver Prozess des bürgerschaftlichen Engagements. Seine Arbeit legt nahe, dass das postkoloniale Archiv modular und fließend ist und nicht nur aus materiellen Objekten besteht. Vielmehr setzt es sich aus all den Verhaltensweisen zusammen, die sich um gesellschaftliche Beziehungen und den Austausch von Informationen entwickeln, online und offline.

Übersetzung aus dem Englischen von: Christina Schott

Auszüge dieses Artikels wurden ursprünglich veröffentlicht in: Moschovi, Alexandra und Supartono, Alexander (2020): „Contesting colonial (hi)stories: (Post)colonial imaginings of Southeast Asia“, Journal of Southeast Asian Studies, 51 (3), 343 – 371.

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1 | 2024, Südostasien,
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Visionen als Papiertiger

Südostasien/Europa: Die Rolle von Archiven in der Dekolonisierung ist bislang wenig beachtet, aber kaum zu überschätzen.

„Der Weg zur kolonialen Aufarbeitung führt über Archive, nicht über Museen“ – diese These formulierte der kenianische Journalist Patrick Gathara im Jahr 2019. Zu diesem Zeitpunkt diskutierte eine breitere Öffentlichkeit erstmals die Aufarbeitung der Kolonialzeit. Den Stein ins Rollen gebracht hatten Debatten um Rückgabeforderungen von gestohlenen Kulturgütern aus ehemaligen Kolonien, die in den großen Museen in Berlin, London oder Paris lagern.

Gathara sieht Archive als Scharnierstellen in Debatten über eine postkoloniale Weltordnung. Denn indem Kolonialmächte ihre Archive aus den Kolonien mitnahmen, entzogen sie den unabhängigen Folgestaaten bis heute Wissen, kulturelles Erbe und die Grundlage für eine eigenständige historische Forschung. Die Freigabe dieser Archive könnte deshalb eine wichtige Rolle in der Aufarbeitung der Kolonialzeit und in der (erkenntnisbezogenen wie auch politischen) Dekolonisierung spielen.

Archive sind Orte der Macht

Für diesen Artikel verwende ich eine enge Definition von Archiven. Ich verstehe Archive hier in erster Linie als Orte, an denen Informationen – etwa schriftliche Dokumente von Institutionen wie Regierungen – gesammelt und aufbewahrt werden.

Lange Zeit galt die Überzeugung, Archive seien neutrale Lager für passiv schlummernde Fakten, die bei Belieben angezapft werden können. Diese Vorstellung hält sich hartnäckig, wurde aber seit der Mitte des 20. Jahrhunderts in verschiedenen Strömungen, insbesondere in den subaltern und postcolonial studies, hinterfragt.

Archive sind demnach Orte der Macht. Hier wird um Vergangenheit gerungen, um die Erzählung über das Selbst und das Andere. Archive sind aktive Orte politischer Auseinandersetzungen, an denen Machtkämpfe ausgetragen werden, wo soziale Gruppen um Deutung ringen. Aufbewahren bedeutet Auswählen: Was ist wichtig, was ist unwichtig? Was ist von Bedeutung für zukünftige Generationen und was kann auf den buchstäblichen ‚Müllhaufen der Geschichte‘?

In ihrer politischen Dimension geraten Archive im Ringen um die Deutung der Kolonialzeit zunehmend ins Visier. Insbesondere aus afrikanischen Ländern erreichen die ehemaligen Kolonialmächte Forderungen, nicht nur Kulturgüter zurückzugeben, sondern auch Archive zu restituieren.

Migrated Archives: Verbrannt, versenkt, versteckt

Nehmen wir zunächst das britische Beispiel. Die britische Regierung musste 2011 im Zuge von Verhandlungen mit ehemaligen kenianischen Gefangenen anerkennen, dass sie jahrelang eine Sammlung von etwa 20.000 Akten der Regierungen der 37 britischen Kolonialbesitzungen außerhalb des regulären Klassifizierungssystems und somit unter Verschluss hielt. Später wurden noch 170.000 weitere geheime Akten bekannt.

Weder die Öffentlichkeit noch Historiker*innen wussten bis dato von ihrer Existenz. Es galt die Annahme, alle Akten seien nach den Unabhängigkeiten an die Nachfolgeregierungen der britischen Kolonien übergegangen.

Stattdessen lagerten diese kilometerlangen Aktenreihen bis 2011 an einem bis dato geheimen Ort in London. Die Kolonialverwaltungen in den 37 britischen Kolonien hatten die abertausenden Akten, bekannt geworden als Migrated Archives, kurz vor den jeweiligen Unabhängigkeiten der Kolonien nach Großbritannien überführt. Zahlreiche Akten wurden jedoch noch davor zerstört oder gingen auf der Überfahrt verloren.

Auch mehrere ehemalige britische Kolonien in Südostasien verloren auf diese Weise Archivgut an London. In der Kolonie Malaya (heute Teile von Malaysia und Singapur) begann 1948 der antikoloniale Befreiungskampf. Die britische Kolonialregierung vor Ort sah sich ad hoc mit der Frage konfrontiert, wie sie mit ihren angesammelten Akten umgehen sollte. Aus allen Provinzen wurde zunächst Material nach Kuala Lumpur gesandt, doch die Aufbewahrungskapazität war schnell erreicht.

In monatelanger Arbeit verbrannten und versenkten die Briten fernab des Zugriffs der Öffentlichkeit große Teile ihre Aufzeichnungen aus der Zeit Britisch-Malayas. Die übriggebliebenen Akten brachten sie nach Europa oder hinterließen sie vor Ort. Auch Regierungsdokumente anderer heutiger südostasiatischer Länder wie Brunei und Singapur sind bei diesem Prozess zerstört oder nach Großbritannien „migriert“ worden. Heute sind die Migrated Archives in die britischen National Archives in London integriert.

École française d’Extrême-Orient: Französische Kolonien in Südostasien

Blicken wir nach Frankreich. Wer über das koloniale Französisch-Indochina forschen will, muss früher oder später nach Paris, Bordeaux, Marseille oder Aix-en-Provence reisen, wo die Archives nationales d’outre-mer beherbergt sind. Archivmaterial aus der Zeit des kolonialen Indochinas wurde aufgeteilt, sodass Akten heute sowohl in Frankreich als auch an verschiedenen Standorten des Nationalarchivs in Vietnam lagern.

Abseits der großen Nationalarchive und -bibliotheken existieren weitere Institutionen, deren Mitglieder ihre Bestände während oder nach Ende der Kolonialzeit abzogen. Ein Beispiel für eine solche Institution mit umfassenden kolonialen Dokumenten ist die École française d’Extrême-Orient (EFEO), ein um 1900 gegründetes Institut zur wissenschaftlichen Erschließung der französischen Kolonien im „Fernen Orient“, das bis 1968 seinen Sitz in Hanoi hatte. Das Institut unterhielt 17 Zweigstellen in der Region und bildete auch lokale Kräfte in Fächern wie Anthropologie und Soziologie aus, um Funktionen im Kolonialsystem zu übernehmen.

Die EFEO existiert bis heute und hat ihren Sitz mittlerweile in Paris, wo sich auch das Archiv befindet. Die Bestände umfassen etwa ethnografische Informationen, die das Militär über die verschiedenen Bevölkerungsgruppen der Kolonie Indochina zusammentrug. Nicht zuletzt umfasst der Bestand auch sensible Dokumente über Personen, die unter asymmetrischen Machtbeziehungen entstanden sind – beispielsweise von französischen Wissenschaftlern, die ethnografische Studien in der Kolonie anstellten. Solche personenbezogenen Dokumente sind in heutigen Debatten um koloniales Erbe und Rückgabe besonders brisant.

Politische Bedeutung der Standorte: Ohne Quellen keine Forschung

Die Geschichte der Verlagerung von Archivgut hat Auswirkungen bis heute. Denn es hat politische Bedeutung, wo Archivmaterial liegt: Der Standort entscheidet darüber, wer Zugang hat. Lange Wege, Visahürden und Finanzierungsprobleme erschweren es Forscher*innen aus den ehemaligen Kolonien, die Bestände in London, Paris und anderswo einzusehen.

Dieses System benachteiligt Wissenschaftler*innen aus dem Globalen Süden, es reduziert die Sichtbarkeit von nicht-westlichen Beiträgen im akademischen Feld, zum Beispiel in der Geschichtswissenschaft: Das Studium von authentischen Dokumenten ist unabdingbarer Kern der geschichtswissenschaftlichen Arbeit. Ohne Quellen keine Forschung.

Weil zahlreiche Quellen aus der Kolonialzeit in Europa lagern, haben die dort ansässigen Forscher*innen einen Vorteil. Ihr privilegierter Zugang zu Dokumenten ist ein Grund für die ‚epistemische Kolonisation‘ ganzer Forschungsfelder: Westliche Forscher*innen an dominanten Universitäten gelten häufig als Expert*innen für die Geschichte einer Region, wohingegen akademische Stimmen aus dem Land selbst um Gehör kämpfen müssen, wie Chu May Paing and Than Toe Aung für den Fall Myanmar argumentiert haben.

Sollen Archive zurück in ihre Herkunftsländer?

Die Niederlande haben schon vor längerer Zeit begonnen, Archivbestände in die ehemaligen Kolonien Indonesien und Suriname zurückzuführen. Restitution ist einer von vielen vorgeschlagenen Wegen, wie die Nachfolgestaaten ehemaliger Kolonialmächte Verantwortung übernehmen können. Dokumente zurückgeben, kopieren, digitalisieren oder in gemeinsamen Forschungsprojekten arbeiten – es gibt verschiedene Lösungen, um eine bessere Zugänglichkeit zu ermöglichen.

Die Geschichte von Regierungsarchiven in Frankreich geht auf die Französische Revolution zurück. In Form von Nationalarchiven übernahmen auch andere europäische Staaten das Konzept, um festzuhalten, was wichtig erschien: die Erzählung über den eigenen Staat. Im Zuge des Kolonialismus erreichte dieses Modell auch andere Teile der Welt. Koloniale Regierungsarchive dienten der Verwaltung, der Beherrschung, der Ausbeutung und der Legitimation des Kolonialsystems und tragen bis heute die Strukturen der Machtungleichheiten, Hierarchien und rassistische Annahmen in sich. Um diese Strukturen anzuerkennen und aufzubrechen, werden Forderungen immer lauter, die die Institution des Archivs an sich überdenken und Wege zur Dekolonisierung anregen wollen.

Archive zugänglich zu machen, zu teilen oder gar zurückzugeben hieße jedoch, die Kontrolle abzugeben, und zwar an die ehemals Kolonisierten: Sie wären dadurch in der Lage, ihre Geschichte selbst zu deuten. Die meisten ehemaligen Kolonialmächte sind jedoch immer noch nicht bereit, diese Deutungshoheit über die Geschichte zu teilen.

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1 | 2024, Südostasien,
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Visionen als Papiertiger

Südostasien hat sich seit den 1980er Jahren stark verändert. Einige Länder machten demokratische Fortschritte, andere blieben unter autoritärer Kontrolle.

In den Philiippinen stürzte die People Power-Revolution 1986 den Diktator Ferdinand Marcos und führte zur Wiederherstellung der Demokratie unter Corazon Aquino. In Indonesien erfolge nach dem Rücktritt von Diktator Suharto 1998 eine umfassende politische Öffnung (Reformasi). Doch Herausforderungen wie Korruption, religiöse Spannungen und autoritäre Tendenzen bleiben bestehen.

In Myanmar gab es nach Jahrzehnten der Militärherrschaft ab 2010 Reformen und eine Annäherung an die Demokratie. Die Wahlen 2015 brachten Aung San Suu Kyis Partei an die Macht, bevor das Militär 2021 erneut putschte. In Thailand putschte das Militär 2006 und 2014, was zu anhaltender politischen Instabilität führte.

In Kambodscha regierte Premierminister Hun Sen und seine Kambodschanische Volkspartei (CPP) seit den 1980ern zunehmend autokratisch und unterdrückte die Opposition. 2023 übergab Hun Sen nach 38 Jahren sein Amt an seinen Sohn Hun Manet, bleibt jedoch als Parteichef einflussreich. Vietnam und Laos bleiben sozialistische Einparteienstaaten mit wirtschaftlichen Reformen, aber ohne politische Liberalisierung.

Hier ein Überblick über die wichtigsten Entwicklungen:

 

 

 

 

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1 | 2024, Südostasien,
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Visionen als Papiertiger

Südostasien/Deutschland: Gründungsmitglied Frithjof Schmidt blickt zurück auf die Anfänge der südostasien. Bis heute ist er Leser und engagiert sich für die Region.

südostasien: Du warst Mitte der 80er Jahre Gründungsmitglied der „Südostasien-Informationen“ (später: südostasien) und Teil der Südostasien Informationsstelle, die die Zeitschrift herausgab. Welche Absicht war mit der Publikation verbunden?

Frithjof Schmidt: Die frühen achtziger Jahre waren in Fragen der Nord-Süd Beziehungen stark durch die Dritte-Welt-Solidaritätsbewegungen geprägt. In Deutschland lag der Fokus stärker auf Lateinamerika, Afrika und dem Nahen Osten als auf Asien. Es gab bewegungsorientierte Informationsstellen zu diesen Regionen, die die Sicht von Befreiungsbewegungen und demokratischen Nicht-Regierungsorganisationen (NROs) in die deutsche Öffentlichkeit vermittelten.

Unsere Idee war es, eine solche Informationsstelle auch für die Länder Südostasiens aufzubauen: Gemeinsam mit Solidaritätsgruppen für einzelne Länder dieser Region Informationsmaterial und Publikationen – so genannte Graue Literatur – in einer Art alternativen Bibliothek zugänglich zu machen.

Auf dieser Basis ging es darum, in einer deutschsprachigen Zeitschrift die aktuellen Entwicklungen in Südostasien aus Sicht dortiger NRO, Aktionsgruppen, Gewerkschaften und Parteien darzustellen und ihnen hier eine Stimme zu geben. Dazu sollten wissenschaftlich fundierte Analysen neokolonial geprägte wirtschaftliche und politische Beziehungen kritisieren.

Insbesondere war es auch Ziel, die Unterstützung von autoritären und diktatorischen Regierungen in Südostasien durch die deutsche Regierung zu enthüllen und anzugreifen. Zielgruppe in Deutschland waren insbesondere Menschen, die sich der Nord-Süd-Solidarität verpflichtet sahen und sich für die Region interessierten.

Wie sah das Tagesgeschäft der Redaktion damals praktisch aus, bevor es e-Mail und Whatsapp gab? Wie habt ihr Themen recherchiert und zu Autor:innen Kontakt gehalten?

Im Zentrum der Redaktionsarbeit stand neben der systematischen Auswertung diverser Publikationen der Kontakt und Dialog mit Autor:innen, Aktivist:innen und Journalist:innen in der Region.

Die Kommunikationsrevolution durch die Nutzung der ersten PC war in vollem Gange und interessanterweise bei den meisten Partner:innen in Südostasien bereits fester Bestandteil ihrer Arbeit. Wir lernten von ihnen, was ein Modem ist und wie elektronische Kommunikation via Telefonleitung den langsamen Postweg ersetzen kann.

Wir lernten auch, dass Computer abstürzen können und ein halbes Zeitschriften-Layout dabei spurlos verschwindet. Das alles zu einem Zeitpunkt, wo etwa in der grünen Bundestagsfraktion in Bonn sehr grundsätzlich gestritten wurde, ob überhaupt Computer im Büro benutzt werden dürften oder sollten.

Wie präsent war die Region Südostasien damals in der medialen Berichterstattung?

In den achtziger Jahren gab es meist nur eine selektive und begrenzte Berichterstattung der Medien. Selten ging es dabei um die gesamte gesellschaftliche und politische Entwicklung eines Landes.

Es gab intensivere Wirtschaftsberichterstattung unter dem Stichwort „neue internationale Arbeitsteilung“ über erste Industrieverlagerungen aus Europa nach Südostasien – Singapur, Malaysia Thailand, Indonesien Philippinen, Vietnam – sowie über den Zugang zu Rohstoffen durch Abkommen zwischen der damaligen Europäischen Gemeinschaft und ASEAN. Auch Auswüchse des Massentourismus – Stichwort „Sextourismus“ – spielten medial eine größere Rolle. Seltener wurde über bewaffnete Auseinandersetzungen zwischen Oppositionskräften und meist autoritären Regierungen berichtet wie in Thailand oder in den Philippinen.

Wie war es um die Reichweite der südostasien bestellt? Welche Resonanz und Wirkung lassen sich aus den frühen Jahren – oder auch später – berichten?

Die südostasien konnte in der Medienlandschaft nur ein kleines, punktuelles Gegengewicht bilden, indem sie insbesondere Multiplikator:innen in Journalismus, im Wissenschaftsbereich und im Bereich der Entwicklungspolitik erreichten und dort als relevante Quelle respektiert waren. Diese Akteur:innen waren und sind ja auch in der Politikberatung von Parlamenten und Regierungen ein wichtiger Faktor.

Ich will ein Beispiel für erfolgreiche Interventionen durch die Solidaritäts- und Informationsarbeit ansprechen, an denen auch die südostasien beteiligt war. Das ist die Kritik an einem der größten bundesdeutschen Entwicklungsprojekte in den achtziger Jahren: Das Infrastrukturprojekt auf der Halbinsel Bondoc auf Luzon in den Philippinen.

Dieses Gebiet war eine Hochburg der bewaffneten Opposition unter Führung der NDF [National Democratic Front of the Philippines – Nationale Demokratische Front der Philippinen, ein Bündnis oppositioneller linker Organisationen, das seit Ende der 60er Jahre einen revolutionären, zum Teil bewaffneten Kampf führt. d.R.]. Der Bau von Straßen- und Transportwegen durch die Region wurde vom philippinischen Militär als wichtiger Bestandteil der Aufstandsbekämpfung gesehen. Eine zentrale Forderung der philippinischen Opposition und der deutschen Solidaritätsgruppen war die Verwendung der Entwicklungsgelder für Wasserversorgung und Armutsbekämpfung und der Stopp des Straßenbaus. Es gelang mit der gemeinsamen Anstrengung vieler Akteur:innen, über breite Berichterstattungen, die Initiierung von Anhörungen und von Anträgen im Deutschen Bundestag, dieses Projekt nicht nur zu verzögern, sondern auch teilweise zu stoppen und positiv zu verändern.

Du warst viele Jahre Mitglied des Bundestags und vorher als Abgeordneter im Europaparlament auch Delegierter für die Beziehungen zu Südostasien. Hast Du den Eindruck, dass Stimmen aus der Region im politischen Diskurs ausreichend Gehör fanden? Konnte die südostasien hierbei einen Beitrag leisten?

Wenn es um die außenpolitischen und diplomatischen Beziehungen der EU und Deutschlands zu Ländern Südostasiens geht, gibt es grundsätzlich zwei unterschiedliche Ebenen der Stimmen, die von dort zur Geltung kommen. Die staatlichen Beziehungen werden ja maßgeblich von den Regierungen geprägt. Meist dominieren da ökonomische Themen, inzwischen häufig verbunden mit ökologischen Fragen.

Das Europaparlament und der Bundestag bringen über entsprechende Ausschüsse offensiv Fragen der Demokratie, der Menschenrechte, der sozialen Gerechtigkeit in solche Dialoge ein. Hierbei spielen gerade auch Kontakte zur Zivilgesellschaft und der Graswurzel-Opposition in Südostasien und entsprechende Informationen eine Rolle. International dominieren dabei allerdings englischsprachige Medien. Die deutschsprachigen Europa- und Bundespolitiker zu erreichen, ist der südostasien aber durchaus immer wieder gelungen.

Die Region, die die südostasien in den Blick nimmt, hat sich im Lauf von 40 Jahren stark verändert. Welche Veränderungen findest Du besonders markant?

Die Modernisierung hat die Form einer dramatischen Urbanisierung und Motorisierung angenommen. Globalisierte Megametropolen stehen in scharfen Gegensatz zur ländlichen Entwicklung. Die Lebenswelten in verschiedenen Regionen klaffen immer stärker auseinander. In kürzester Zeit ist die wachsende Bedrohung der Umwelt zu einer gesellschaftlichen Existenzfrage geworden.

Gab es für dich in den 40 Jahren so etwas wie eine Glanzzeit der südostasien – wenn ja, wann und warum?

Ich denke, dass die achtziger und neunziger Jahre des 20. Jahrhunderts und teils auch noch die ‚Nullerjahre‘ des 21ten durch eine intensive Nord-Süd-Solidaritätsbewegung in der Gesellschaft geprägt waren, was einen guten Resonanzboden für eine Zeitschrift wie die „Südostasien-Informationen“/südostasien bedeutete. Das ist deutlich zurückgegangen. In dieser Zeit definierten sich fast alle ASEAN-Staaten noch als Teil der Dritten Welt, als sogenannte Entwicklungsländer des Südens.

In den Medien erfährt die Region heutzutage mehr Aufmerksamkeit, bedingt durch ihre wachsende wirtschaftliche und politische Bedeutung – auch durch digitale Medien. Wie schätzt Du als heutiger Leser dabei die Relevanz der südostasien ein?

Heute definieren sich viele Staaten der Region mehr als „emerging countries“, als sogenannte „Schwellenländer“ der Industrialisierung. Damit stellen sich auch viele Fragen der internationalen und weltwirtschaftlichen Beziehungen im Rahmen der dynamischen Globalisierung anders als früher, zum Beispiel in Bezug auf Menschheitsfragen wie die Klimapolitik. Daraus ergeben sich auch veränderte Aufgaben und Themen in der Informations- und Solidaritätsarbeit.

Das spiegelt sich natürlich auch in den letzten Jahrgängen der südostasien. Unter dem Einfluss der neuen sozialen Medien sinkt der Stellenwert eines Nachrichtenteils, da das Internet-Tempo des Medienmarktes nicht zu überbieten ist. Dagegen sehe ich einen steigenden Bedarf an fundierten Analysen zu den großen Themen der Zeit und der Region. Ich sehe die Online-Zeitschrift da heute auf einem schwierigen, aber guten Weg.

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1 | 2024, Südostasien,
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Visionen als Papiertiger

Deutschland/Südostasien: Seit ihrer Gründung vor vierzig Jahren ist die südostasien ein kritischer Begleiter der Asienpolitik der Bundesregierung.

Die deutsche Asienpolitik von den 1980er bis 2020er Jahren ist von mehreren Phasen geprägt, die von globalen geopolitischen und innenpolitischen Entwicklungen beeinflusst wurden. Die Beziehungen zu Asien haben sich gewandelt: von der Ost-West-Blockkonfrontation der 1980er Jahre über die Globalisierungseuphorie der 1990er Jahre bis hin zur modernen multipolaren Welt der 2000er Jahre.

Die 1980er Jahre: Kalter Krieg und vorsichtige Annäherung

In den 1980er Jahren war die deutsche Außenpolitik aufgrund der Blockkonfrontation stark von den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion geprägt. Der Fokus in Asien lag hauptsächlich auf wirtschaftlichen Interessen, insbesondere im Handel mit Japan, das als wirtschaftliche Supermacht galt.

Gleichzeitig begannen vorsichtige Annäherungsversuche an China, das unter Deng Xiaoping wirtschaftliche Reformen einleitete. Politische Zusammenarbeit war jedoch noch begrenzt, da China als kommunistisches Land weiterhin skeptisch betrachtet wurde.

Dagegen zählte man Südostasien zum westlichen Bündnis und arbeitet mit den dortigen Machthabern eng zusammen, auch mit autoritären Herrschern wie Ferdinand Marcos auf den Philippinen und Suharto in Indonesien. Unter Bundeskanzler Helmut Kohl (1982-1998) war Deutschland bestrebt, seine Beziehungen zum Verband Südostasiatischer Nationen (ASEAN) auszubauen und zu vertiefen.

Deutsche Unternehmen erhöhten ihre Investitionen in den ASEAN-Mitgliedsstaaten, insbesondere in der Automobil-, Maschinenbau- und Chemiebranche. Deutschland unterstützte die Rahmenbedingungen für die wirtschaftliche Zusammenarbeit zwischen der EU und ASEAN, darunter Handelsabkommen und Marktzugangsinitiativen.

Frithjof Schmidt schrieb dazu 1984 in den „Südostasien-Informationen“, der Vorgängerin der südostasien: „Deutschland und Asien“, so lautet schon im Februar 1962 der Titel einer Schwerpunktnummer der „Far Eastern Economic Review“. Ludwig Erhard – damals Vizekanzler –, Willy Brandt, Otto Wolff von Amerongen und Fritz Berg sind die Namen der prominenten Autoren, die übereinstimmend erklären, dass der „Ferne Osten“ für die deutsche Wirtschaft ein Zukunftsraum von zentraler Bedeutung sei.

1990er Jahre: Deutsche Wiedervereinigung und Öffnung nach (Südost-)Asien

Nach dem Ende des Kalten Krieges und der Wiedervereinigung Deutschlands 1990 veränderte sich die deutsche Außenpolitik grundlegend. Das vereinigte Deutschland unter Helmut Kohl strebte nach einer stärkeren Rolle in der Weltpolitik und baute seine Beziehungen zu asiatischen Ländern weiter aus. China wurde als potenzieller Wirtschaftspartner zunehmend wichtiger, insbesondere nachdem das Land 1992 seine Wirtschaft weiter öffnete. In dieser Phase prägte der Wunsch nach einer „Globalisierung der Außenpolitik“ das Verhältnis zu Asien.

Während seiner Amtszeit legte Helmut Kohl auch den Grundstein für das strategische Engagement Deutschlands in der ASEAN, wobei er den Schwerpunkt auf den gegenseitigen wirtschaftlichen Nutzen und die multilaterale Zusammenarbeit legte. Kohl förderte die Zusammenarbeit zwischen der EU und asiatischen Staaten, insbesondere durch das Asia-Europe Meeting (ASEM), das erstmals 1996 auf Initiative von Singapur und Frankreich zusammentraf.

Helmut Kohls Asienpolitik war von Pragmatismus und einem Fokus auf wirtschaftlicher Zusammenarbeit geprägt. Er sah Asien als strategischen Schlüssel für Deutschlands wirtschaftliche Zukunft und setzte auf langfristige Partnerschaften. Dabei nahm er in Kauf, dass Themen wie Menschenrechte und demokratische Reformen zugunsten wirtschaftlicher und diplomatischer Stabilität in den Hintergrund rückten. 1997/1998 kam es in Asien zu finanziellen und wirtschaftlichen Krisen, die Japan, Thailand, Philippinen, Malaysia und vor allem Indonesien erfassten.

Der damalige Beauftragte des Fraktionsvorsitzenden der SPD für Asienpolitik, Dieter Schanz, schrieb in südostasien 1-2/99: Die Europäer müssten dabei lernen, dass „ökonomische Überhitzung wie in den Tigerstaaten nicht die Garantie für ökonomische und insbesondere soziale Stabilität beinhaltet.“

2000er Jahre: „Strategische Partnerschaften“ und Fokus auf China

Die Finanzkrise hatte Auswirkungen auf die Volkswirtschaften der ASEAN-Staaten und prägte auch das deutsche Engagement während Gerhard Schröders (SPD) erster Amtszeit (1998-2002). Unter Schröders Regierung stand die Wirtschaftsdiplomatie im Vordergrund und sie war bestrebt, die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands auf den Weltmärkten zu stärken, wozu auch die Förderung engerer Beziehungen mit den ASEAN-Staaten gehörte.

„Wirtschaftsinteressen haben notwendigerweise nur eine begrenzte Zahl von Profiteuren, Menschenrechte dagegen sind universell in ihrer Bedeutung. Das bedeutet, dass ein Konflikt besteht zwischen der privaten Natur wirtschaftlicher Interessen und der öffentlichen Natur der Menschenrechte.“ (Anne-Christine Habbard: „Wirtschaftsinteressen versus Menschenrechte“. südostasien 1-2 /1999)

2002 initiierte Schröders Regierung das „Asien-Konzept“, das Deutschlands Strategie für das Engagement in Asien, einschließlich der ASEAN, skizzierte. ASEAN wurde dabei als entscheidender Teil der Strategie zur Diversifizierung von Handel und Investitionen über die traditionellen Märkte in Europa und Nordamerika hinaus angesehen. Der in dieser Zeit geschaffene Schwerpunkt auf Handel, Investitionen und multilateraler Zusammenarbeit schuf die Grundlage für ein stärkeres Engagement in den darauffolgenden Jahren.

Deutschland wurde einer der größten europäischen Handelspartner der ASEAN, insbesondere in den Bereichen Industriemaschinen, Automobilexporte und chemische Produkte. Deutsche multinationale Konzerne bauten ihre Präsenz in den ASEAN-Ländern aus und profitierten vom schnellen Wirtschaftswachstum und der Integration der Region durch Strukturen wie die ASEAN-Freihandelszone (AFTA).

Unter der Regierung von Gerhard Schröder und später Angela Merkel wurde aber vor allem China als neuer strategischer Partner betrachtet. Die deutsche Wirtschaft profitierte erheblich von der boomenden chinesischen Wirtschaft. Die deutschen Exporte nach Asien stiegen massiv an. Themen wie Menschenrechte und Demokratie wurden zwar angesprochen, standen aber im Hintergrund der wirtschaftlichen Interessen.

2010er Jahre: Altes Motto im neuen Gewand: Wandel durch Handel

Das alte Motto geht auf eine Formel Egon Bahrs zurück, mit der dieser 1963 das Konzept der Neuen Ostpolitik eingeführt hatte: Wandel durch Annäherung. Der gedankliche Kern ist, dass ein autoritäres Regime (damals die Sowjetunion) durch eine Öffnung der Wirtschaft für Handel und Investitionen auch auf politischer und gesellschaftlicher Ebene eine Liberalisierung erfährt. Zweifellos ist dies eine der folgenreichsten außenpolitischen Ideen der Bundesrepublik.

Sozialdemokraten haben sie erfunden. Christdemokraten haben sie anfangs bitter bekämpft. Später jedoch wurde CDU-Wirtschaftsminister Peter Altmaier ihr treuester Verfechter. Wünsche nach stärkerem deutschen Engagement in Sachen Hongkong oder Mahnungen wegen der Unterdrückung der Uiguren wischte er vom Tisch. Was bei der Sowjetunion funktioniert habe, werde auch gegenüber China und anderen ’schwierigen Partnern‘ irgendwann Früchte tragen, so der politische Tenor.

In der Ära Merkel spielte Deutschland eine größere Rolle in Südostasien, insbesondere durch Wirtschaftsbeziehungen, politische Zusammenarbeit und kulturellen Austausch. Deutschland beteiligte sich am ASEAN-Regionalforum (ARF) und unterstützte multilaterale Initiativen wie das Asia-Europe Meeting (ASEM). 2012 startete die deutsche Regierung unter Merkel die „Asien-Pazifik-Strategie“, die auch Fragen der Sicherheit und Stabilität in der Region betonte.

„Bis jetzt wurde das geplante Freihandelsabkommen mit den USA als Untermauerung einer Wertegemeinschaft verkauft, als die Selbstbehauptung der Demokraten gegen die asiatischen Schwellenländer und gegen Russland. Jetzt will Merkel auch noch ein Freihandelsabkommen mit den Chinesen, diesen Despoten und Menschenrechtsbrechern? So bleibt eigentlich nur noch die Schlussfolgerung: Die wahre Wertegemeinschaft hinter all diesen Freihandelsabkommen und Investitionsschutzabkommen ist das Geld.“ (Jürgen Maier: „Partnerschaften im Interesse globaler Konzerne.“ südostasien 1/2015)

2020er Jahre: Was heißt eigentlich ‚wertebasierte‘ Außenpolitik?

Im Jahr 2020 verabschiedete Deutschland unter Angela Merkel eigene Indo-Pazifik-Leitlinien und betonte die zentrale Bedeutung der ASEAN für die Wahrung des Friedens und der Stabilität in der Region. Ziel der Regierung war es, die Partnerschaften in der Region vielfältiger zu gestalten, die Abhängigkeit von China zu verringern und eine regelbasierte internationale Ordnung zu fördern. Im Rahmen der Zusammenarbeit mit der ASEAN wurde auch dem Klimaschutz Priorität eingeräumt. Deutschland unterstützte Initiativen der ASEAN im Bereich erneuerbare Energien, darunter Solar- und Windenergieprojekte.

Deutschland steht in seiner Asienpolitik weiter vor Herausforderungen. Die politische Landschaft ist heterogen, mit Spannungen und Konflikten in verschiedenen Regionen. Wie können nachhaltige Entwicklungsziele und die Bekämpfung des Klimawandels gefördert werden? Und wessen Interessen vertritt die Bundesregierung dabei?

Der gängige Weg der Klimafinanzierung führe in die falsche Richtung, kritisiert Tala Batangan in südostasien 2/2023: Während Unternehmen aus den Klimakrediten und ihrer Förderung falscher, marktbasierter Lösungen Profit schlagen können, würden ‚Entwicklungsländer‘ mit zusätzlichen Schulden belastet, was zu Haushaltskürzungen für wichtige soziale Dienste und Klimainitiativen führt, so die philippinische Expertin. „Die Klimagerechtigkeitsbewegung in Südostasien und im gesamten Globalen Süden fordert weiterhin die Entkolonialisierung der Klimafinanzierung, da es eine grundlegende Verschiebung von Macht und Ressourcen erfordert, um die Klimakrise wirklich anzugehen. Dies würde weltweit ‚Entwicklungsländern‘ und den betroffenen Gemeinschaften den Zugang zu einer Klimafinanzierung ermöglichen, die auf ihre eigenen Entwicklungsprioritäten und -bedürfnisse abgestimmt ist. Dekolonisierung heißt, neoliberale, marktorientierte und privatisierte Ansätze für das Klima und die Entwicklung abzulehnen, während lokale Ansätze und indigenes Wissen bei der Bewältigung des Klimawandels bevorzugt werden und die demokratische Kontrolle über Entscheidungen, Systeme und Ressourcen gefördert wird.“

Die Ampel-Regierung unter Olaf Scholz (SPD) hat Deutschlands Asienpolitik einer umfassenden Neubewertung unterzogen und sprach von einer „Zeitenwende“, bei der neben China auch Indien, Japan und Südostasien stärkere Partner werden sollen. Außenministerin Annalena Baerbock (Grüne) hat zudem vehement „feministische und wertebasierte Außenpolitik“ propagiert. Konkret sieht man von dieser ‚Zeitenwende‘ aber noch nicht viel.

2025 bestehen Unsicherheiten hinsichtlich der Folgen einer zweiten Amtszeit Donald Trumps in den Vereinigten Staaten. Die von Trump vorgeschlagenen Zölle könnten dauerhafte Veränderungen in Handelsbeziehungen und Lieferketten auslösen. Zudem steigt das Risiko, dass die Vergeltungsmaßnahmen der betroffenen Länder zu einem Handelskrieg eskalieren, von dem niemand profitiert.

Angesichts eines weltweit erstarkenden Autoritarismus wird das kritische Augenmerk der südostasien auch in Zukunft darauf liegen, wie eine lebendige Zivilgesellschaft eine lebenswerte Zukunft für künftige Generationen gestalten kann.

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1 | 2024, Südostasien,
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Visionen als Papiertiger

Südostasien/Deutschland: Was geschrieben ist, bleibt. Nina Dederichs und Marlene Weck betrachten den immensen Schatz im Archiv der südostasien.

97 Stufen, 98, 99. Geschafft. Keuchend schaust du von den letzten Stufen der Wendeltreppe hoch ins oberste Stockwerk. Vor dir eine weiße, unscheinbare Tür. Du drückst sie auf, stehst in einem einladenden Besprechungsraum und schaust geradeaus auf eine zweite Tür. Klick. Du drückst den Lichtschalter nach unten und schaust in einen drei Quadratmeter großen Raum. Deckenhohe Regale an beiden Seiten. Viel Sauerstoff gibt es hier nicht. Kein Wunder, denn hier lagern Gedanken der letzten 40 Jahre. Du befindest dich im physischen Archiv der südostasien, einem Ort des Erinnerns. Zwei Schritte vorwärts, der Blick nach links und du stehst vor den gesammelten Printausgaben der Jahre 1984 bis 2018. Was sich in ihnen wohl alles verbirgt?

Mit einem Finger streifst du entlang der Zeitschriftenrücken: 2014, 2003, 1995 und dann: 1984. Nein, hier liegt keine Ausgabe von George Orwells Klassiker. Stattdessen ziehst du die allererste Ausgabe der Südostasien Informationen [Vorgänger der südostasien, d.R.] aus dem Regal. Du betrachtest die abgebildete Lupe, in der sich eine Weltkugel mit Asien im Zentrum befindet, und streichst den imaginären Staub von der Zeitschrift. Was den Menschen damals wohl durch den Kopf gegangen ist?

Neugierig liest du die ersten Seiten: „Wir hoffen, die ‚Südostasien Informationen‚ ab Ende dieses Jahres/ Anfang nächsten Jahres regelmäßig herausgeben zu können, um damit eine kontinuierliche Informations-Basis über SOA zu schaffen, die es interessierten Einzelpersonen und Gruppen ermöglicht, sich mit den Ländern dieser Region zu beschäftigen und auseinanderzusetzen.“ So beendet Peter Franke als damaliges Redaktionsmitglied das Editorial dieser ersten Ausgabe. Wer hätte damals gedacht, dass diese erste Ausgabe der Beginn für eine Zeitschrift sein würde, die nun ihr 40-jähriges Jubiläum feiert? Und wer hätte geahnt, dass ihr Anliegen Jahrzehnte später erneut aufgegriffen wird – digital, um uns die ersten Schritte der südostasien zurück in unser Gedächtnis zu rufen. Aber WER sind WIR? Und WAS ist UNSER Gedächtnis?

Die Gedächtnisforschung

Insbesondere Soziolog:innen und Kulturwissenschaftler:innen haben sich mit dem Gedächtnis von Gemeinschaften und Kulturen und mit Fragen nach Erinnern und Vergessen auseinandergesetzt. Der Soziologe Maurice Halbwachs, Begründer der kollektiven Psychologie, entwickelte die Idee des kollektiven Gedächtnisses, auf dessen Grundlage die heutige Erinnerungsforschung basiert. Halbwachs zufolge sind individuelle Erinnerungen einzelner Personen immer nur kurzlebig und ein Puzzleteil eines größeren dauerhaften Gedächtnisses einer Gemeinschaft. Unser Wissen, unsere Erinnerungen und unsere Identität formen sich demnach erst durch unser soziales Bewusstsein innerhalb eines Kollektivs. Indem wir Erzählungen, Praktiken oder Traditionen mit anderen Personen teilen, entstehen gemeinsame Erinnerungen, die in einer sozialen Gruppe zu einem kollektiven Gedächtnis heranwachsen können.

Jan und Aleida Assmann führten den Gedanken des kollektiven Gedächtnisses weiter und schlugen eine Differenzierung zwischen kommunikativem und kulturellem Gedächtnis vor. Während das kommunikative Gedächtnis über etwa drei Generationen auf informellen Wegen weitergetragen werden kann, kann ein kulturelles Gedächtnis insbesondere mithilfe von Institutionen, Traditionen und Medien sowie Orten, Ritualen oder Büchern quasi unendlich weiter existieren.

Im Wandel der Zeit

Auch die südostasien kann als Medium eines kollektiven Erinnerungsprozesses verstanden werden. Über die letzten vier Jahrzehnte hat sie ökonomische, ökologische und soziale Entwicklungen in Bezug auf Südostasien beobachtet und an eine deutschsprachige Leser:innenschaft vermittelt. Als Zeitschrift werden Erinnerungen hier nicht nur in ein kommunikatives, sondern auch in ein kulturelles Gedächtnis eingeschrieben. Die Digitalisierung der Zeitschrift im Online-Archiv trägt dazu bei, indem sie den Zugriff auf alle Ausgaben der südostasien für zukünftige Generationen zugänglich macht.

Erinnern ist immer auch selektiv und wandelbar. Was erinnert wird, hängt von gesellschaftlichen und kulturellen Kontexten ab und ist oft Gegenstand von Aushandlungsprozessen – sowohl innerhalb als auch zwischen Gemeinschaften. Was einmal wichtig erschien, kann später neu bewertet oder verdrängt werden. So auch bei der südostasien.

Zum einen hat sich der Blick nach ‚Außen‘ gewandelt: Die thematischen Schwerpunkte der Zeitschrift waren immer eng mit gesamtgesellschaftlichen Diskussionen verknüpft. Zum anderen haben sich Selbstverständnis sowie konzeptionelle Vorstellungen der südostasien verändert damit die Frage, wie und aus welcher Perspektive gearbeitet und schließlich auch erinnert werden soll. „Früher war die Arbeit für mich klarer. Wir haben uns für den Schutz von Aktivist:innen eingesetzt, Statements veröffentlicht und gingen gegen die Regime Südostasiens auf die Straße. Früher waren wir auf Demos, heute gehen wir mehr in den Diskurs“, erinnert sich Hendra Pasuhuk, langjähriges Redaktionsmitglied und als Autor bereits für die Südostasien-Informationen aktiv. „Wir werden alle älter; auch unsere Leser:innenschaft. Um weiter aktiv sein zu können, müssen wir jetzt neue Ziele definieren: Wen wollen wir mit unseren Texten erreichen? Und wie kann unsere Arbeit in fünf oder zehn Jahren aussehen?“

Menschen-gemachtes mediales Gedächtnis

Das kollektive Gedächtnis der südostasien wurde über die Jahre nicht nur durch neues Wissen und aktuelle Themen geprägt, sondern vor allem auch durch die Menschen dahinter. Ideen, Beobachtungen und Perspektiven wurden genauso eingebracht wie persönliche Kontakte und Beziehungen. Die südostasien stellt zugleich einen Begegnungs- und Kommunikationsort für Menschen dar, die sich in ihrem alltäglichen Leben durch räumliche Barrieren vermutlich nicht ‚einfach so‘ getroffen hätten. Da sind zum einen die wechselnde Autor:innen aus Deutschland und Südostasien, die das Gedächtnis der Zeitschrift mit vielschichtigen und reflektierten Artikeln füllen und gefüllt haben. Da sind die zahlreichen Redaktionsmitglieder, von denen einige die südostasien über viele Jahre hinweg mit ihren individuellen Perspektiven bereichert haben. Und da ist auch die Leser:innenschaft, die das Gedächtnis seit 40 Jahren durch kritische Anmerkungen, durch Leser:innenbriefe und aktiven Austausch lebendig hält.

Die Diskussionen, die innerhalb der südostasien geführt werden – über Themen, Perspektiven und Darstellungsweisen – zeugen von den vielfältigen, manchmal divergierenden Interessen, die die Zeitschrift prägen. Zum 10-jährigen Jubiläum stellt die Redaktion transparent dar, dass es nicht der Anspruch der Zeitschrift sei, „(vermeintlich) ’neutral‘ und ‚wertfrei‘ über kulturelle Verhältnisse Südostasiens“ zu berichten, sondern dass sie sich eine „grundsätzlichen Parteilichkeit zu Gunsten von emanzipativen Kräften und Bewegungen“ herausnimmt.

Was in Vergessenheit gerät

Erinnerung ist selektiv – und das bedeutet, dass manches nicht erinnert wird. Personen, Ereignisse und Perspektiven, die nicht ins kollektive Gedächtnis eingeschrieben werden, geraten in Vergessenheit. Dies kann auch absichtlich geschehen, wenn Staaten beispielsweise Erinnerung politisch instrumentalisieren und widerständige Geschichten unterdrücken.

Um politischen Unterdrückungsinstrumenten zu begegnen, versucht die südostasien ein Ort für Gegen-Geschichten zu sein – eine Plattform, auf der unterdrückte Stimmen Gehör finden und sichtbar werden. Postkoloniale Strukturen, sprachliche Barrieren und mangelnde Aufmerksamkeit gegenüber komplexen Machthierarchien führen jedoch dazu, dass die Vielzahl marginalisierter Lebensrealitäten nicht angemessen berücksichtigt wurde und wird.

Immer wieder versucht sich die wandelnde Redaktion jedoch mit den eigenen blinden Flecken auseinanderzusetzen. Die (unbeabsichtigte) Reproduktion diskriminierender Denk- und Sprachmuster wird fortlaufend zwischen den Redaktionsmitgliedern verhandelt. „Wir haben zweimal im Jahr persönliche Treffen und es gibt einen regen Austausch innerhalb der Teams, die die einzelnen Ausgaben gestalten. Bei diesem Austausch passiert sehr viel an Lernprozessen in Bezug auf koloniale Denk- und Sprachmuster“, schildert Redakteurin Anett Keller ihre Erfahrungen. „Plakativ gesagt: da treffen junge Redakteur:innen mit migrantischem Hintergrund auf ‚altgediente Weiße‘, die durchaus viel Erfahrung in und mit Südostasien haben, die sich aber immer wieder auch ihre eigenen Privilegien bewusst machen dürfen“, so Keller weiter. Herkunft sei dabei aber nur eine Kategorie. „Intersektionalität ist das Stichwort. Ich kann mich an eine lebhafte Diskussion mit einem indonesischen Kollegen erinnern, dem ich erklärte, warum ich ein Wort aus einem Text gestrichen habe, welches Frauen diskriminiert. Er sagte, das sei nun mal so in Indonesien, so wäre nun mal die Bezeichnung. Ist das dann Kultur-unsensibel von mir? Oder darf ich als mit feministischen Bewegungen in Indonesien verbundene Frau fragen, wessen Kultur da von einem Mann verteidigt wird?“

Viel Raum also für Aushandlungsprozesse und die Suche nach Antworten auf die Frage, wie sich die Zeitschrift zukünftig verändern kann (oder muss), um ein sicherer Ort für Menschen mit unsicheren Lebensrealitäten zu werden und dem eigenen Anspruch nach sozialer Bewegung gerecht zu werden.

Um Erinnerungen lebendig zu halten, müssen sie wiederholt, reaktiviert, re-inszeniert, umgedeutet und erneuert werden. Dabei nehmen Jubiläen eine wichtige Rolle ein. Doch es ist keine leichte Aufgabe, zu entscheiden, woran nach 40 Jahren südostasien erinnert werden soll. Welche Menschen sollen zu Wort kommen, welche Themen, Konflikte, welcher Wandel aufgearbeitet werden? Woran wollen wir uns erinnern, woran müssen wir uns erinnern, auch wenn es schmerzhaft ist, um aus Vergangenem zu lernen und was vergessen wir dabei?

Die ehemaligen und zukünftigen Autor:innen und Redaktionsmitglieder ebenso wie die Leser:innenschaft – sie alle gestalten das gemeinsame und kollektive Gedächtnis dieser Zeitschrift. In einem Interview sagte Aleida Assmann 2021: „Kein Mensch lebt im Augenblick. Aus physikalischer Sicht betrachtet ist Gegenwart nur der Augenblick des Umschlagens von Zukunft in Vergangenheit“. Wir entscheiden darüber, was wir heute aus der Vergangenheit festschreiben, um es in die Zukunft und in ein kulturelles Gedächtnis mitzunehmen. Es ist wichtig, sich der damit einhergehenden Verantwortung immer wieder bewusst zu werden und darüber nachzudenken, welche gesammelten Gedanken und Beobachtungen wir in der Zukunft aus Archiven hervorholen wollen.

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1 | 2024, Südostasien,
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Visionen als Papiertiger

Deutschland/Südostasien: In 40 Jahren haben viele Menschen die „südostasien“ gemacht – und sie genutzt. Fünf von ihnen kommen hier zu Wort…

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1 | 2024, Südostasien,
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Visionen als Papiertiger

Südostasien: Vor 80 Jahren endete der zweite Weltkrieg. Die sexualisierte Gewalt japanischer Militärs ist bis heute kaum aufgearbeitet.

Vom 8. März bis 30. Juni 2025 war die Wanderausstellung „Dritte Welt im Zweiten Weltkrieg“ erneut in Köln zu sehen. Knapp 16 Jahre nach dem Start bildete dies den Abschluss eines Langzeitprojekts von recherche international e.V. zur Erforschung der Folgen des Zweiten Weltkriegs für die Dritte Welt. Teile der Ausstellung sind in einer Online-Version weiterhin öffentlich zugänglich.

Die Ausstellung und das umfangreiche Begleitprogramm wurden mitgestaltet und getragen von einer Vielzahl von Organisationen, darunter die Stiftung Asienhaus und das philippinenbüro. Besonderer Raum wurde dabei den Leidenswegen der so genannten ‚Trostfrauen‘ gegeben.

Dieser euphemistische, durch japanische Beamte geprägte Begriff steht für etwa 200.000 Mädchen und Frauen aus China, Korea sowie von Japan besetzten südostasiatischen Ländern, die in Militärbordelle verschleppt und dort zwangsprostituiert wurden.

Bis heute keine Entschuldigung

Bis heute gibt es seitens der japanischen Regierung keine offizielle Entschuldigung gegenüber den Frauen.

Im Fall der am 8. März 2025 enthüllten Gedenkstatue vor dem Kölner NS-Dokumentationszentrum zeigte sich erneut die Haltung der japanischen Regierung, wenn es um die Aufarbeitung der eigenen Vergangenheit geht. Wie zuvor schon in Berlin, wurde Druck auf die örtlichen Behörden ausgeübt, die Friedensstatue – eine Kopie der ‚Trostfrauen‘-Skulptur des Künstlerehepaars Kim zum Gedenken an die 1000. Gedenkdemonstration vor der japanischen Botschaft in Seoul 2011 – nicht aufzustellen. Nach Protest der Veranstaltenden, wurde die Statue doch vor dem NS-Dokumentationszentrum aufgestellt und nicht, wie von der Stadt vorgesehen, hinter den Gemäuern der benachbarten Kirche St. Maria.

Das Erinnern muss weitergehen

Die Enthüllung der Statue begleitete den Auftakt der Ausstellung von Porträts indonesischer ‚Trostfrauen‘ des Fotografen Jan Banning und der Journalistin Hilde Janssen. Die Frauen, die auf diesen Bildern zu sehen sind, kommen im Dokumentarfilm „Because we were beautiful“ zu Wort. Für viele von ihnen war es die letzte Gelegenheit, öffentlich zu sprechen. Denn inzwischen sind die meisten der Frauen verstorben.

Im Film „Because we were beautiful“ kommen elf Frauen aus Indonesien zu Wort, die die sexualisierte Gewalt japanischer Militärs überlebt haben.

Auch die südostasien hat in ihrer 40jährigen Publikationszeit immer wieder der Aufarbeitung der Vergangenheit und den Lebenswegen der „Trostfrauen“ Raum gegeben. „Die 80-jährige Frau, die mir gegenübersitzt, lächelt entschuldigend. Wir sitzen auf der Terrasse eines ruhigen Hotels, malerisch am Fuß eines Vulkans in Zentraljava gelegen. Ihre Augen zwinkern nervös. Mir scheint, sie würde sich am liebsten in Luft auflösen. Sie war ein junges Mädchen, gerade mal 13, als sie in den Baracken neben ihrem Dorf festgehalten und regelmäßig von japanischen Soldaten vergewaltigt wurde. Immer wieder versagen ihr die Worte. Was löse ich aus bei diesen Frauen, während ich in einer Vergangenheit wühle, die sie seit Jahrzehnten versuchen zu vergessen. Warum tue ich das?“

Staatlich angeordnete sexualisierte Gewalt

Mit diesen Sätzen, erschienen in Ausgabe 3/2011 „Das kann’s doch nicht gewesen sein! Geschichte und Vergangenheitsbewältigung in Südostasien“ reflektiert die Journalistin und Anthropologin Hilde Janssen ihre Begegnungen mit betroffenen Zeitzeuginnen aus Indonesien. Sie beschreibt, wie die damals zum Teil erst elf oder 13 Jahre alten Mädchen Opfer der sexuellen Versklavung durch japanische Militärs wurden. Diese Versklavung wurde als Politik deklariert, die „den Geist der Truppe [] stärken, Recht und Gesetz aufrecht [] erhalten und Vergewaltigungen und Geschlechtskrankheiten [] vermeide[n]“ sollte.

Vergewaltigungen vermeiden? Angesichts des Leids der „Trostfrauen“ eine äußerst makabre Argumentation. Mädchen wie Ronasih* (* alle Namen wurden von Janssen zum Schutz der Frauen verändert), deren traumatisierende Erfahrungen im obenstehenden Zitat geschildert werden, wurden durch japanische Militärs entführt oder sie folgten dem falschen Versprechen eines Arbeitsplatzes. Letztendlich landeten sie alle in einem Apparat systematischer Vergewaltigung.

Scham sorgt für Ausgrenzung

Die 1927 geborene Iteng* berichtete im Gespräch mit Janssen, wie Sie im Alter von 15 Jahren von Soldaten verschleppt und in ein Bordell nach Sukabumi verschleppt wurde. Selbst nach schwerer Krankheit musste Sie einem Offizier, der sie „zur Heilung“ mit zu sich nach Hause genommen hatte, bis zum Kriegsende „dienen“. Danach kehrte sie nicht mehr in Ihr Dorf zurück. Denn es waren nicht etwa die Täter, die sich schämten, sondern die Opfer.

Viele ehemalige ‚Trostfrauen‘ wurden anschließend auch von ihrem sozialen Umfeld stigmatisiert. Als Reaktion darauf verschwiegen viele Frauen, was ihnen angetan worden war.

Staatliches Schweigen

Geschwiegen wurde auch von den Tätern, auf individueller und auf staatlicher Ebene. Zwar wurden durch die nach Indonesien zurückgekehrte niederländische Kolonialregierung etlichen japanischen Militärs vor dem Netherlands Temporary Court-Martial wegen der Zwangsprostitution von europäischen Frauen der Prozess gemacht. Allen nicht europäischen Betroffenen wurde jedoch keine Beachtung geschenkt.

Auch während der Reparationsverhandlungen zwischen den Nachfolgerstaaten der Leidtragenden (in den zuvor von Japan besetzten Gebieten) und der neuen japanischen Regierung in den Jahrzehnten danach, sei das Thema der ‚Trostfrauen‘ kein einziges Mal behandelt worden, kritisiert Janssen in ihrem Artikel.

Kollaborateure in politischen Ämtern

Eine der Ursachen für das staatliche Schweigen dürfte sein, so Karl Rössel in einem ebenfalls in südostasien 3/2011 erschienenen Artikel, dass in vielen der ehemals durch Japan besetzten Ländern in der Nachkriegszeit Kollaborateure politische Karriere machten.

Auch wurde infolge Japans wirtschaftlichem Aufschwung in vielen südostasiatischen Ländern auf eine Normalisierung der politischen Beziehungen hingearbeitet und Kritik unterdrückt.

Erst als 1991 die Koreanerin Kim Hak-sun in einer Fernsehsendung das Schweigen brach, wurde das Thema erstmals wieder wirklich öffentlich thematisiert. Im Kampf um ein offizielles Schuldeingeständnis, sowie einer Wiedergutmachung seitens Japans, blieb den Frauen lange (teilweise bis heute) die Unterstützung der eigenen Regierungen aus.

Staatliche Abkommen

Im Fall der indonesischen Regierung schloss 1996 die damalige Ministerin für Soziales, Inten Soeweno, mit dem im Vorjahr eingerichteten Asia Women Fonds (AWF) einen Vertrag, der anstelle von Zahlungen an die ehemaligen ‚Trostfrauen‘, einen Betrag von 380 Millionen Yen (rund fünf Millionen DM) an die Regierung beinhaltet. Der AWF ist ein von der japanischen Regierung eingerichteter Fonds, in welchen neben einer Summe von 4,8 Milliarden Yen (rund 65 Millionen DM) seitens der Regierung auch von nichtstaatlicher Seite eingezahlt wurde. Der Fonds war zunächst nur für Opfer aus Südkorea, Taiwan, den Philippinen und den Niederlanden gedacht. Während mit der damaligen chinesischen Regierung keine passende Vereinbarung getroffen werden konnte, wurde in Indonesien Protest durch Aktivist:innen laut, welche seitens der indonesischen Regierung zu eben jener Reaktion führte.

Reaktionärer Backlash in Japan

Der AWF stand seitens der Betroffenen und Unterstützerorganisationen stark unter Kritik. Diese bestand etwa aus den Vorwürfen, dass der Fonds keine offizielle Entschuldigung seitens der japanischen Regierung darstelle. Der AWF wurde schließlich am 31. Juli 2007 endgültig aufgelöst, ohne dass ernsthafte Bemühungen von offizieller Seite um eine aufrichtige Entschuldigung und Aufarbeitung stattfanden. Im Gegenteil: mit der Regierung unter Shinzo Abe wurden japanische Kriegsverbrechen, wie die sexuelle Versklavung, relativiert.

2014 wurde von einer der größten japanischen Zeitungen, Yomiuri Shinbun, eine Entschuldigung veröffentlicht, in der versprochen wurde, in der englischsprachigen Ausgabe den Begriff „Sexsklavinnen“ nicht mehr zu verwenden. Die Argumentation dahinter war, dass der Begriff irreführend sei und impliziere, dass die Frauen gegen ihren Willen in den Militär-Bordellen gearbeitet hätten; eine Tatsache die von der Yomiuri Shinbun Zeitung gleichlautend mit der Abe-Regierung als „nicht nachgewiesen“ abgetan wurde.

Im darauffolgenden Jahr einigten sich die japanische und die südkoreanische Regierung, vertreten durch die Außenminister Fumio Kishida und Yun Byung Se, auf ein Abkommen bezüglich der ‚Trostfrauen‘, welches einen Schlussstrich unter die Thematik setzen sollte. Dies war ein weiterer Rückschlag für die politische und gesellschaftliche Aufarbeitung. Vor allem wurde den überlebenden eine letzte Möglichkeit genommen, zu Lebzeiten eine angemessene Entschuldigung, sowie eine aufrichtige Anerkennung ihres Leids zu erfahren.

Bei den Regierungen Japans und der südostasiatischen Länder hat sich bis heute kaum etwas bewegt. Einzig in Südkorea konnten betroffene Frauen oder ihre Kinder erfolgreich vor Gericht klagen.

Solidarität mit den betroffenen Frauen

80 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges bleibt es wichtig, die Erinnerung an die Leidenswege der ‚Trostfrauen‘ wachzuhalten. Die meisten der Frauen sind inzwischen verstorben und können nicht mehr selbst als Augenzeug:innen berichten. Umso wichtiger ist es, so wie es in Deutschland die AG Trostfrauen des Korea Verbands tut, mit Statuen, Ausstellungen, Filmen, Artikeln und weiterer Informations- und Bildungsarbeit gegen sexualisierte Gewalt und für die Anerkennung des Leids der Opfer zu kämpfen.

Auch hierzulande, trotz der so oft gerühmten ‚deutschen Erinnerungskultur‘, wird die Arbeit dieser Verbände seitens des Staates kaum unterstützt; ganz im Gegenteil: Zu Beginn des Jahres musste der Korea Verband den weiteren Verbleib der Gedenkstatue „Ari“ gegen die Bezirksverwaltung Berlin-Mitte vor Gericht erkämpfen. Zwar entschied das Verwaltungsgericht Berlin, dass die Statue bis zum 28. September nicht entfernt werden darf. Für die Zeit danach besteht jedoch keine Sicherheit.

Friedensstatue im Bonner Frauenmuseum

Die bis Ende Juni vor dem Kölner NS-Dokumentationszentrum aufgestellte Statue „Đông Mai“ hat inzwischen einen dauerhaften Platz gefunden. Der vietnamesische Name Đông Mai steht für die widerstandsfähige Pflaumenblüte (Mai) und die Beständigkeit von Bronze (Đông). „Diese Verbindung steht für die unerschütterliche Stärke und das Durchhaltevermögen der Betroffenen, an die die Friedensstatue erinnert“, so der Korea-Verband.

Die Statue ist nun Teil der Dauerausstellung des Bonner Frauenmuseums. Das 1981 gegründete Museum – das erste seiner Art weltweit – macht Frauen und ihre Geschichten in Kunst, Geschichte und Gesellschaft sichtbar. Mit der Aufstellung im Innenhof des Frauenmuseums werde „Đông Mai“ Teil eines Ortes, der sich seit Jahrzehnten mit Widerstand, Gerechtigkeit und Aufarbeitung befasse, so der Korea Verband. Mit seinem Fokus auf feministische Perspektiven und kritische Erinnerungskultur böte das Museum der Friedensstatue einen besonders passenden Rahmen.

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