2 | 2018, Deutschland, Vietnam,
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Möglichst billig – aber bitte mit Gütesiegel!

Weit gereist: ASC-zertifizierte Garnelen aus Vietnam in einem deutschen Supermarkt © Anett Keller

Weit gereist: ASC-zertifizierte Garnelen aus Vietnam in einem deutschen Supermarkt © Anett Keller

Gütesiegel und Biozertifikate sollen das Gewissen von Verbraucher*innen beruhigen. Eine besondere Rolle spielt hierbei der Panda. Das süße Bärchen ist das Logo des World Wide Fund For Nature (WWF), bekannt als Interessenvertreter für die Umwelt. Der WWF ist aber auch ein Wirtschaftsunternehmen. Zu seinen Produkten gehören Gütesiegel, um Holz, Fisch und Lebensmittel zu zertifizieren. Eines der bekanntesten ist das ASC Label, zum Beispiel für Pangasius und Garnelen aus Vietnam.

 

Anlass für die Entstehung des ASC-Labels war 2009 eine heftige Diskussion über Pangasius aus Vietnam. Nachdem der Süßwasserfisch in Deutschland immer mehr Konsument*innen gefunden hatte, nutzten Fischer*innen im Mekong-Delta die Chance und züchteten Pangasius. Die Erfolgsgeschichte drohte Vietnam jedoch auf die Füße zu fallen. Der WWF fuhr im November 2010 nach Vietnam, um die Aufzucht des Pangasius zu untersuchen. Anschließend wurde der Fisch auf die ‚rote Liste’ mit Lebensmitteln, die nicht gekauft werden sollten, gesetzt. Die Gründe für die massive Kritik lagen in den katastrophalen Bedingungen, unter denen der Fisch in Vietnam gezüchtet wird. Der Besatz ist extrem hoch, daher wird massiv Antibiotika eingesetzt. Da der Pangasius ein Allesfresser ist, wird er mit nahezu allem gefüttert, was den Fisch rasch fett werden lässt.

Die Probleme um die Aufzucht des Pangasius waren (und sind) in Vietnam längst bekannt. Bereits 2010 hatten sich Vietnams Pangasiuszüchter*innen deshalb in Ho-Chi-Minh-Stadt zusammengesetzt, um über ‚verantwortungsvolle’ Fischzucht zu diskutieren. Die Gespräche fanden im Rahmen des „Pangasius Aquaculture Dialogue“ statt – einem Netzwerk aus über 600 Fischzüchter*innen, Fisch verarbeitende Fabriken, europäischen Lebensmittelkonzernen sowie Wissenschaftler*innen und Naturschützer*innen. Initiator war der WWF. Im Herbst 2010 verabschiedete das Gremium dann einen Standard für die Pangasius-Zucht aus dem schließlich das ASC-Label hervorging. Vergeben wird dieses Zertifikat heute durch den Aquaculture Stewardship Council (ASC) einem so genannten Nonprofit-Unternehmen aus WWF und der niederländischen „Nachhaltigen Handelsinitiative“ (IDH).

Eine Fischfarm auf dem Mekong © Stefan Kühner

Seither ist viel passiert. Der WWF hat erreicht, dass sich Vietnams Regierung und Fischindustrie verpflichteten, die gesamte Produktion ab 2015 auf umweltverträgliche Methoden umzurüsten. Ohne dieses Label haben sie in den deutschen Supermärkten keine Chance. Beim Pangasius haben nach Angaben von Philipp Kanstinger, einem ASC-Experten beim WWF, ca. 17 Prozent der Zuchtbetriebe das ASC-Label. Weitere 15-20 Prozent haben andere Zertifikate. Kanstinger schildert die positiven Entwicklungen im August 2018 in einem Interview mit dem Autor. „Der Medikamentenverbrauch ist gesunken, wie wir durch regelmäßige Überprüfung der Dokumentationen der Züchter sowie Stichproben beim Import feststellen konnten.“ Das ASC- und andere Siegel haben den Marktzugang nach Deutschland und in andere Regionen der Welt geöffnet. Der Export von Pangasius und Shrimps wurde so zu einer der Lebensgrundlagen im Mekong-Delta und einem erheblichen Wirtschaftsfaktor für Vietnam.

Die deutsche „Supermarkt-Mafia“

Die großen Supermarktkonzerne haben das ASC-Label seit jeher begrüßt und vorangetrieben, versprechen der beliebte Pangasius und neuerdings Garnelen aus Vietnam doch große Gewinne. Die Preise werden von den Einkäufern dieser weltweit agierenden Unternehmen diktiert. „Sie schreiben die Produktions-, Preis- und Lieferbedingungen vor und werden so zum ‘Gatekeeper‘ im Lebensmittelhandel,“ so eine Studie von OXFAM vom Juni 2018. Dort heißt es weiter: „In der EU wird der Einzelhandel zunehmend dominiert von einer immer kleiner werdenden Anzahl von Supermarktketten. In Deutschland teilen sich vier große Ketten 85 Prozent des Lebensmitteleinzelhandels. Die Zulieferer, die oft abhängig von einigen wenigen Supermärkten sind, geben den Preisdruck an ihre Arbeiterinnen und Arbeiter weiter. Akkordarbeit, längere Arbeitszeiten, schlechtere Arbeitsbedingungen und eine unsichere Arbeitssituation sind die Folge. In der Produktion der Lebensmittel kommt es zu gravierenden Menschen- und Arbeitsrechtsverstößen, vielerorts können die Menschen, die unsere Lebensmittel herstellen, von ihren Einkommen kaum leben.“ Eine ebenfalls von OXFAM publizierte Studie weist nach, dass deutsche Supermärkte 36,5 Protzent des Verbraucherpreises von Garnelen aus Vietnam erhalten. Produzent*innen werden hingegen mit 1,5 Prozent abgespeist.

Schaut man sich die ASC etwas genauer an, kommt man ins Staunen. Man muss dazu nur die Homepage besuchen. Sie wird vom WWF und der IDH gemeinsam betreiben und zeigt eine Liste der Unterstützer des ASC-Labels. Dort findet man rund 25 der größten Lebensmittelkonzerne aus der Branche Fisch und Meeresfrüchte wie Bofrost, Costa, Edeka, Frosta, Lidl, Metro Group oder Real. Welche finanziellen Berührungspunkte zwischen WWF, dem ASC und den Partner-Firmen bestehen, ist schwer zu durchschauen. Auf vielen Packungen von Edeka prangt z. B. der Panda und animiert zum Kauf und zum Spenden an den WWF. Dessen Einnahmen aus Geschäften mit seinen Kooperationspartner*innen betrugen im vergangenen Jahr rund 13,4 Mio. Euro (Vorjahr 12,2 Mio. Euro). Das sind rund 17 Prozent der Gesamteinnahmen. „Die strategische Partnerschaft mit dem genossenschaftlich geprägten Einkaufsverbund EDEKA spielt hier eine herausragende Rolle.“ heißt es im Jahresbericht 2016/17 des WWF.

Ein Pangasiuszüchter in Vietnam © Stefan Kühner

Dass und inwieweit der WWF an Einnahmen aus den Zertifizierungsverfahren für von ihm initiierte Umweltlabels beteiligt ist, ist nicht unmittelbar zu erkennen. „Das Zertifizierungsverfahren für die Fischer ist unabhängig und transparent und wird von zugelassenen, unabhängigen Prüfungsfirmen durchgeführt“, so der WWF. Wer diesen ‚unabhängigen Zertifizierern‘ aber erlaubt, diesen Job zu machen ist ebenfalls nicht transparent. Eine Zertifizierung ist aufwändig, sie dauert ca. vier Monate und ist dann drei Jahre gültig. Jährlich findet eine Überprüfung statt. Für das ASC-Label bezahlen müssen die Fischzüchter*innen – geschätzt zwischen 5.000 und 20.000 Euro. Ein hohes Eintrittsgeld für den Zugang in die europäischen Supermärkte.

Die Fischer und Züchter am Mekong

Die Pangasius- und Garnelen-Züchter*innen im Mekong-Delta stehen am Anfang der Lieferkette. Bei ihnen bleibt von dem Riesengeschäft mit zertifizierten Garnelen und Pangasius trotzdem am wenigsten hängen.

Der Kampf um ein menschenwürdiges Dasein ist in den letzten Jahren härter denn je geworden. Es ist nicht nur der Kampf um die landwirtschaftlichen Güter. Es ist heute auch ein Kampf gegen die Auswirkungen des Klimawandels und gegen die Bedingungen des Weltmarktes. Derzeit sind die Preise für Garnelen auf dem Weltmarkt im Keller und zwar so tief, dass der vietnamesische Verband der Seafood-Exporteure und -Produzenten im Mai 2018 dazu aufrief, die Produktion von Garnelen zu drosseln. Statt auf eine weitere Erhöhung der Mengen zu setzen, ruft der Verband seine Mitglieder auf, besser auf die Qualität zu achten und sich nach dem ASC-Label zu zertifizieren. Um Zertifikate zu erhalten, sollen sich die landwirtschaftlichen Haushalte in Genossenschaften zusammenschließen. Immer mehr Betriebe und Genossenschaften tun dies auch. „30 Kooperativen in den Provinzen Soc Trang, Bac Lieu und Ca Mau haben die Zertifizierung des Aquaculture Stewardship Council (ASC) beantragt“ meldet die vietnamesische Nachrichtenagentur VOV im Juni 2017.

Der Rat zur ASC Zertifizierung kann dazu beitragen, feste und sichere Lieferketten zu den Supermarktketten aufzubauen. Gegen den Verfall der Weltmarktpreise hilft das Label allerdings gar nichts – vor allem wenn die Produktionskosten durch das Label ansteigen. Egal, um welches Lebensmittel es sich handelt, unter einer rein gewinnorientierten Lebensmittelindustrie wird kein Gütesiegel wirklich dazu beitragen, dass einerseits die Erzeuger*innen genug Geld zum Leben haben und andererseits die Verbraucher*innen saubere Lebensmittel bekommen. Ändern müsste sich in allen Bereichen der globalen Lieferkette etwas: Verbraucher*innen müssten bereit sein, mehr Geld für gute Lebensmittel auszugeben. Die Handelsketten müssen wiederum den Erzeuger*innen mehr bezahlen. Dies würde ihnen tatsächlich eine Chance eröffnen, die Bedingungen der Zertifikate auch dauerhaft einhalten.

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2 | 2018, Deutschland, Vietnam,
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Möglichst billig – aber bitte mit Gütesiegel!

Bio-Kokosblüten-Zucker aus Indonesien versüsst auch hierzulande vielen Menschen Getränke und Speisen.  Doch bei dessen Anbau, Vermarktung und Export zeigt sich, dass sich noch viel bewegen muss, wenn „Bio“ mehr sein soll als nur ein Fetisch von Verbraucher*innen.

Das Wort ‚Biobewegung‘ ist in aller Munde und viele Menschen sehen sich selbst als Teil davon. Das heißt, sie setzen sich – als Einzelpersonen oder Mitglied von Organisationen – für die Förderung einer nachhaltigen Landwirtschaft durch ökologische Landwirtschaftspraktiken ein. Deutschland hat beim Aufbau dieser internationalen Bewegung sowohl als wohlhabender Importeur von Bioprodukten als auch als einflussreiches Mitglied der Gemeinschaft eine bedeutende Rolle gespielt. Viele deutsche Akteure teilen das Ziel der Bewegung, den ökologischen Landbau zu fördern und auszubauen und ihn von einer kleinen Nische zu einem breiteren, etablierteren Markt zu entwickeln, indem sie detaillierte Regelungen und effiziente, aber zugleich faire Zertifizierungs- und Kontrollsysteme etablieren. Die International Federation of Organic Agriculture Movements (IFOAM) mit Sitz in Bonn wurde 1980 gegründet, um die ersten internationalen Richtlinien für ökologischen Landbau festzulegen, und 1991 wurde die EU-Verordnung Ökologischer Landbau implementiert. Gegenwärtig sind mehr als 1000 Tochtergesellschaften in über 120 Ländern Mitglieder der IFOAM.

Angesichts dieser Erfolge erscheint das übergeordnete Ziel eines transparenten und nachhaltigen globalen Marktes für Bioprodukte heute realisierbarer. Immer mehr Länder weltweit akzeptieren und implementieren nationale und internationale Vorschriften und, was unter ‚bio‘ zu verstehen ist, wird zunehmend gesetzlich festgelegt. Eine Umfrage des Forschungsinstituts für Biologischen Landbau (FiBL) aus dem Jahr 2018 zeigt, dass in 87 Ländern nationale Bioverordnungen vorliegen [1].

Allerdings sind komplexe Vorschriften und Zertifizierungssysteme für den ökologischen Landbau und der wachsende internationale Markt für Bioprodukte nicht unproblematisch, insbesondere für Erzeuger*innen und Produktionsländer. In vielen Fällen haben lokale Landwirt*innen keinen Zugang zum Biomarkt, da sie Schwierigkeiten haben, internationale Vorschriften oder Anforderungen für die Zertifizierung zu erfüllen und die Beantragung der Biozertifizierung eine erhebliche finanzielle Belastung für sie darstellt. Darüber hinaus richten sich Bioprodukte häufig an reiche Importländer des Globalen Nordens, in denen sich die Biobranche teilweise entgegen den ursprünglichen Zielen, Transparenz sowie wirtschaftlicher, sozialer und ökologischer Nachhaltigkeit, entwickelt.

Greenwashing als Perversion der Ziele der Bio-Bewegung

Das Hauptergebnis der aktuellen Verbraucherforschung GfK Consumer Index 2017 legt nahe, dass Bioprodukte in Deutschland bereits auf dem breiten Verbrauchermarkt angekommen sind. Man findet sie heute an vielen Orten: in kleinen Bioläden und Reformhäusern, aber auch in großen Bio-Supermarktketten. Darüber hinaus bieten die führenden Supermarktketten und Discounter eine Reihe von Bioprodukten an oder haben sogar eigene Biomarken eingeführt. Ein Bericht der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) zeigt weiter, dass sich der Marktanteil von Biolebensmitteln in Deutschland in den letzten zehn Jahren verdoppelt hat (von 2,6 auf 5,7 Prozent) und der Anteil der deutschen Haushalte mit „hohe[r] Affinität für gesunde, nachhaltige Ernährung“ mehr als 30 Prozent erreicht hat.

Diese Zahlen vermitteln jedoch ein unvollständiges Bild, was die Gesamtleistung hinsichtlich der Nachhaltigkeits- und Transparenzziele der Biobewegung betrifft. Problematisch an ‚Biomarken‘ in Deutschland ist, dass sie zur „fetishization of everything ‚bio’“ beitragen [2]. Sie schaffen also eine Marktnachfrage und sind inzwischen ein profitables Geschäftsfeld für Unternehmen, ohne dass diese jedoch ausreichende Informationen über die Produzent*innen zur Verfügung stellen. Viele Menschen in Deutschland kaufen Produkte, die als ‚bio‘ gekennzeichnet sind, ohne die Bedeutung und den Hintergrund dieses Konzepts zu kennen. Für ein umfassendes Verständnis der Biomärkte müssen finanzielle und ökonomische Strukturen, aber auch produktive und immaterielle Arbeit sowie Perspektiven und Lebenswelten von Hersteller*innen berücksichtigt werden. Nur wenn ethische, soziale und ökologische Verantwortung übernommen wird, kann das Ziel eines nachhaltigen globalen Marktes für Bioprodukte erreicht werden.

Im Gegensatz zu einem solchen Ideal stellen die jüngsten Fälle von Greenwashing eine Perversion der ursprünglichen Ziele und Bemühungen der Bio-Bewegung dar. Hier bieten Unternehmen unter eindeutig umweltschädlichen oder sozial ungerechten Rahmenbedingungen Produkte oder Dienstleistungen an (oder erwerben Rohstoffe), versuchen dabei aber, ein positives öffentliches Image als nachhaltig, umweltfreundlich und fair zu etablieren. Die Journalistin Kathrin Hartmann erläutert am Fall der Palmölproduktion in Indonesien ein Paradebeispiel solcher ‚grünen Lügen‘ und der negativen Auswirkungen des deutschen Biofetischs[3]. Palmöl wird als nachhaltiges und umweltfreundliches Produkt beworben, obwohl es in Wirklichkeit verheerende Auswirkungen auf die Biodiversität des Regenwaldes sowie Arbeits- und Lebensbedingungen der Lokalbevölkerung hat (siehe auch Artikel zum RSPO-Siegel in dieser Ausgabe der südostasien).

In den letzten Jahren wurde das öffentliche Bewusstsein für die grünen Lügen über nachhaltiges Palmöl aus Indonesien durch Medienberichte allmählich geschärft. Die Süddeutsche Zeitung berichtete unter dem Titel „Regenwald-Rodungen für den Supermarkt“ und der Spiegel über „Das schmutzige Geschäft der Palmöl-Produzenten“. Doch letztlich liegt die Hauptverantwortung bei den Importeur*innen und Verbraucher*innen vermeintlich biologischer Produkte. Verantwortungsbewusste Verbraucher*innen und Befürworter*innen der Biobewegung in Deutschland müssen über Biomarken und grüne Lügen hinausschauen und Mechanismen des Biomarktes und der Produzent*innen-Seite berücksichtigen.

Biolandwirtschaft in Indonesien

Deutschland und andere Länder des Globalen Nordens importieren eine Vielzahl von Bioprodukten aus Indonesien, wie zum Beispiel Bio-Reis, -Kaffee und -Kokosblütenzucker. Als Reaktion auf die schrittweise Ausweitung des Marktes für Bioprodukte im Laufe der 1990er Jahre formulierte die indonesische Regierung einen Nationalen Indonesischen Standard (SNI). Dieser definiert ökologischen Landbau als ein Produktionsmanagement-System, das die Gesundheit eines Agrarökosystems verbessert, den Einsatz von synthetischen Düngemitteln und Pestiziden vermeidet und standortspezifische Bewirtschaftungspraktiken nutzt, die an die jeweiligen lokalen Umweltbedingungen angepasst sind. Ziel des SNI ist es, den Qualitätsstandard von Bioprodukten zu sichern, um Verbraucher*innen und Produzent*innen zu schützen.

Die Hauptaufgaben des SNI besteht darin, ein Garantiesystem für die ökologische Wertschöpfungskette bereitzustellen, national und international anerkannte Zertifizierungen für Export- und Importzwecke zu entwickeln und auf lokaler und globaler Ebene zum Umweltschutz beizutragen. Die zunehmende staatliche Regulierung durch den SNI hat jedoch den Biolandbau in einen nationalen agroökonomischen Rahmen integriert, der auf einer produktivistischen Logik und neoliberalen Ideen der Marktexpansion basiert (siehe auch Interview: „Unser Garten ist ein Bildungsort“ in dieser Ausgabe). Die vom SNI geförderte rechtlich bindende Zertifizierung begrenzt den Marktzugang und zieht so (weitere) Produktionsbeschränkungen für die Produzent*innen nach sich, insbesondere für marginalisierte Kleinbauern und -bäuerinnen, die nicht über die Mittel verfügen, sich eine Zertifizierung zu leisten.

Zertifizierung als Privileg exportorientierter Großprojekte

Einige indonesische Hersteller*innen und Konsument*innen sehen die Biozertifizierung als Privilegierung großer, exportorientierter und hochprofitabler Projekte an und lehnen sie daher ab. Doch der ökologische Landbau in Indonesien kann auch als soziale Bewegung und als sozial-ökologisches Unterfangen verstanden werden, das vielfältige, aber häufig ineinander greifende Ziele anstrebt, wie beispielsweise gesunde Ernährung, nachhaltigen Lebensunterhalt, soziale Gerechtigkeit, Ernährungssicherheit und ökologische Integrität. Ökologischer Landbau meint nicht einfach nur eine Vielfalt landwirtschaftlicher Praktiken, die auf den Einsatz von petrochemischen Pestiziden und Düngemitteln sowie von gentechnisch verändertem Saatgut verzichten. Eine Zertifizierung nach bestimmten Standards, technischen Regeln und politischen Verfahren (als Folge der Institutionalisierung) ist daher kein geeignetes Mittel, um Nachhaltigkeit zu erreichen.

Anfang der 1990er Jahre wurde in Zentraljava der Welternährungstag der Vereinigung von Landwirt*innen und Fischer*innen (SPTNHPS), einer der ersten Pioniere des ökologischen Landbaus in Java, gegründet. Diese Organisation setzt sich für drei Prinzipien der nachhaltigen Landwirtschaft ein: ökologisch fundiert, ökonomisch machbar, kulturell angepasst. Während der ökologische Landbau als soziale Bewegung begann, die von einer Sorge um die Umwelt angetrieben wurde, hat er sich inzwischen zu einem stärker marktorientierten Sektor entwickelt:

„In der Anfangsphase haben wir uns vor allem darauf konzentriert, Landwirten beizubringen, wie sie ohne künstliche Pestizide und Düngemittel Nahrungsmittel anbauen können und wie sie für unsere Natur sorgen können“, sagt einer der Gründer von SPTNHPS. „Wir haben nicht an Marketing gedacht, aber inzwischen haben sich die Dinge geändert. Jetzt ist Marketing alles, vor allem seit die Regierung den SNI für ökologischen Landbau verabschiedet hat. Unsere Organisation ist inzwischen dabei, nach einem möglichen Marktzugang zu suchen.“

Selbst Landwirt*innen, die sich darauf konzentrieren, zertifizierte Bioprodukte als Premiumware zu verkaufen, stehen vor zahlreichen Herausforderungen, sobald sie in den globalen Markt eingebunden werden.

Biologischer Kokosblütenzuckeranbau in Zentraljava

Ein hagerer Mann mit einer geschliffenen Sichel an der Taille trägt zylindrische Behälter aus zurechtgeschnittenem Bambus. Diese Bambusbehältnisse, die zum Sammeln von Kokosblütennektar verwendet werden, sind an eine Stange gebunden, die auf seiner rechten Schulter liegt, und erzeugen ein „Tock, Tock, Tock“, wenn der Mann das unebene Gelände des Menoreh-Hügels westlich von Yogyakarta, Zentraljava, durchquert. Dieses Geräusch signalisiert vielen Kokosbäuer*innen oder – auf Indonesisch – ‚penderes‘ den Beginn und das Ende eines Tages. Kurz darauf dringt Rauch aus etlichen Häusern, weil die Frauen die gewohnten Klänge zum Zeichen nehmen, Feuerholz für den von ihren Männern gesammelten Kokosblütennektar zu entfachen. Gemeinsam sind sie die tragende Säule und die Bewahrer*innen der traditionellen Kokosblütenzucker-Herstellung, die auf menschlichen Einfallsreichtum und Anpassung an die Umwelt angewiesen ist.

Im Distrikt Kokap, Yogyakarta wurde Kokosblütenzucker schon immer mit einer klaren Arbeitsteilung produziert. Jeden Morgen und Nachmittag klettern die Männer mit bloßen Händen und nichts als einem kleinen Messer oder einer Sichel auf Kokospalmen, um die Kokosblüten zu schneiden. Dann wird der tropfende Nektar in Bambusbehältern oder ‚bumbung‘ gesammelt. Die Frauen kochen den Nektar anschließend einige Stunden lang in einem mit Holzfeuer betriebenen Herd, bis die Flüssigkeit die richtige Konsistenz erreicht und auf Kopras oder getrockneten Kokosnussschalen geformt werden kann. Die einzigen Zusätze sind Kokosmilch oder geriebene Kokosnuss, um ein Überlaufen der kochenden Flüssigkeit zu verhindern, und eine Mischung aus Kalkwasser und Mangostan-Pflanzensaft, der eine gelbliche Kruste auf der Schale der Frucht bildet. Alle Zutaten sind in der Region von Natur aus reichlich vorhanden.

„Ich weiß nicht, wer dieses Rezept erfunden hat, aber soweit ich weiß, hat sogar meine Großmutter schon auf diese Weise Kokosblütenzucker hergestellt“, sagt eine pensionierte Lehrerin und Kokosblütenzucker-Produzentin. „Es ist völlig natürlich und der geformte Kokosblütenzucker hat je nach Vorliebe der Hersteller*innen unterschiedliche Formen. Manche mögen sie klein, andere mögen sie groß. Es kommt natürlich auch auf die Kopras an.“

Seit gekörnter Bio-Kokosblütenzucker als Exportgut im Jahr 2008 erfunden wurde, ist das Einkommensniveau vieler Kokosnussbauern enorm angestiegen. „Wir haben biologischen Kokosblüten-Streuzucker für den Exportmarkt erfunden, um das Einkommen der Kokosnussbauern hier in Kokap zu steigern“, sagt ein Mitglied der Jatirogo Genossenschaft, der Pionierin dieses Produkts.

Heute hat sich der Export von Bio-Kokosblütenzucker zu einem profitablen Geschäftsfeld für die lokalen Bauern entwickelt. „In der Vergangenheit betrug der Preis für gekörnten Kokosblütenzucker 7000 Rupien (etwa 0,40 €) und für gewöhnlichen Kokosblütenzucker 3000 Rupien pro Kilo. Seitdem ist der Preis für Kokosblütenzucker auf bis zu 13.000 Rupien angestiegen, während der Preis für Granulat-Kokosblütenzucker 16.000 Rupien betrug“, so ein Kokosnussbauer. Diese Darstellung wird auch von anderen Menschen in der Region bestätigt, in der die Kokosblütenzucker-Produktion vielen ein stabiles Einkommen bietet, während es an anderen Erwerbsmöglichkeiten mangelt und Jugendarbeitslosigkeit weit verbreitet ist.

Exportorientierung bringt neue Probleme

Trotz dieses wirtschaftlichen Nutzens führte die Entwicklung von gekörntem Bio-Kokosblütenzucker, der speziell auf die Anforderungen des internationalen Marktes zugeschnitten ist, leider zu neuen Problemen. Zum einen ist die lange Wertschöpfungskette des Produktes internationalen Marktschwankungen unterworfen und schafft so Unsicherheiten für die Landwirte. Wenn die Nachfrage aussetzt, können die Bauern den Kokosblütenzucker, den sie täglich produzieren, nicht mehr verkaufen. Auf dem lokalen Markt ist die Nachfrage außerdem gering, da in Indonesien zwar für gewöhnlich Kokosblütenzucker konsumiert wird, nicht aber in Granulatform. In Zeiten geringer Nachfrage stapelt sich in den Ecken von Bauernhäusern der Streuzucker in durchsichtigen Kunststoffverpackungen. Im Gegensatz dazu kann „normaler“ Kokosblütenzucker regelmäßig auf dem lokalen Markt verkauft werden.

Zum anderen stellen die Kosten für Biozertifikate finanzielle Hürden für Landwirt*innen dar, die ihnen die wirtschaftlichen Vorteile des Biolandbaus vorenthalten. So liegen die Kosten für die Beantragung eines Biozertifikats für den europäischen Markt bei 200 Millionen Rupien (ca. 12.000 €) und weitere 70 Millionen müssen jährlich für die Rezertifizierung aufgebracht werden. Diese Zahlen liegen außerhalb der Reichweite vieler landloser Bäuer*innen, deren monatliche Ausgaben gemäß einer nationalen Statistik von 2015 in der Regel unter 5 Millionen Rupien (ca. 300 €) liegen.

Zudem erscheint die Aussicht Biolandwirt*in zu werden jungen Menschen angesichts der oben genannten Herausforderungen gerade in finanzieller Hinsicht noch immer nicht sonderlich ansprechend. In dieser Gegend findet die alternde Generation der Kokosnussbäuer*innen kaum noch Nachwuchs, der bereit ist, weiterhin Kokosblütennektar zu sammeln, da viele junge Leute auf der Suche nach prestigeträchtigeren Berufen lieber in benachbarte Städte abwandern.

Dieses gegenwärtige Beispiel von Bio-Kokosblütenzucker, der für den Exportmarkt produziert wird, zeigt die Herausforderungen auf, die sich Landwirt*innen stellen, wenn ihre Produkte für Verbraucher*innen in Tausenden von Kilometern Entfernung bestimmt sind.

Vom Biofetisch zur Nachhaltigkeit

Ausgehend von der globalen Biobewegung und ihrem Ziel, nachhaltige Landwirtschaft durch ökologische Landbaupraktiken zu fördern, haben wir gezeigt, dass sich die Biobranche teilweise entgegen diesem Ziel entwickelt hat. Am Beispiel Deutschlands und des deutschen ‚Biofetischs‘ wurde deutlich, dass Bioprodukte bereits den Mainstream-Verbrauchermarkt erreicht haben, ohne jedoch die Perspektiven und Lebenswelten der Produzent*innen angemessen zu berücksichtigen. Im Gegenteil, ‚grüne Lügen‘ über vermeintlich nachhaltige und umweltfreundliche Bioprodukte verschleiern miserable Arbeitsbedingungen und verheerende Umweltauswirkungen an den Produktionsstandorten.

Das Fallbeispiel der Produktion von Bio-Kokosblütenzucker in Indonesien zeigte eine weitere Perspektive auf, indem es die Hindernisse und Fallstricke veranschaulichte, mit denen Biobäuer*innen konfrontiert sind, vor allem wenn sie eine Beteiligung am globalen Biomarkt anstreben. Obwohl sich Bio-Kokosblütenzucker als profitables Exportgut bewährt hat, stellen internationale Marktschwankungen, finanzielle Hürden durch Biozertifikate sowie unsichere Zukunftsaussichten (insbesondere bezogen auf die jüngere Generation) seine Nachhaltigkeit in Frage.

Indonesien braucht als Exportland eine sektorübergreifende Integration zwischen Regierung und Produzent*innen, um die Entwicklung des ökologischen Landbaus zu unterstützen. In Importländern wie Deutschland müssen verantwortungsbewusste Verbraucher*innen versuchen, über Biomarken hinaus zu blicken und von Biolieferanten die Einhaltung ethischer Richtlinien zu fordern, die auch die Anliegen der Hersteller*innen berücksichtigen. Nur wenn sowohl die Erzeuger*innen- als auch die Verbraucher*innen-Seite diese Leitlinien in konkrete Maßnahmen umsetzen, können die Ziele der Transparenz sowie der wirtschaftlichen, sozialen und ökologischen Nachhaltigkeit erreicht werden.

Übersetzung aus dem Englischen von: Sophia Hornbacher-Schönleber.

[1] Willer, H und J. Lernoud (2018): „The World of Organic Agriculture Statistics and Emerging Trends 2018“. Research Institute of Organic Agriculture (FiBL), Frick, and IFOAM – Organics International, Bonn.

[2] Birch, K. und D. Tyfield (2012): „Theorizing the Bioeconomy: Biovalue, Biocapital, Bioeconomics or …What?“ In: Science, Technology, and Human Values 38(3): 299.

[3] Hartmann, K. (2018): „Die Grüne Lüge“. Weltrettung als profitables Geschäftsmodell. München: Karl Blessing Verlag.

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Möglichst billig – aber bitte mit Gütesiegel!

Indonesien/Deutschland: Auf hoher See um die Welt zu reisen und damit die Familie zu unterstützen, davon träumt so mancher Indonesier. Beim indonesischen Seemannsclub in Hamburg treffen sich Menschen, die dies in die Tat umgesetzt haben und denen die Hafenstadt zur zweiten Heimat wurde.

Hamburg gilt als Zentrum des internationalen Containerhandels und als ‚Tor zur Welt’. Es ist eine der großen Hafenstädte, in der auch indonesische Seeleute auf Landgang eine Pause einlegen. Manche bleiben für immer.

Einer dieser Seeleute ist Malik. 1974 verließ er als 21jähriger seine Heimatstadt Surabaya. Er konnte sein Architekturstudium aus finanziellen Gründen nicht fortsetzen. Obwohl seine damalige Freundin damit keine Schwierigkeiten hatte, waren der Abbruch seines Studiums und seine finanzielle Lage Grund genug für ihre Eltern, Malik als Schwiegersohn abzulehnen. Das frustrierte ihn.

Ein Freund, der Seemann war, fragte Malik, ob er daran interessiert wäre, mit ihm an Bord zu gehen. In Anbetracht der Umstände und seines gebrochenen Herzens willigte er ein. „Ich komme nur dann nach Hause zurück, wenn etwas aus mir wird“, sagte Malik, als er seine Familie verließ, ohne deren Einverständnis dafür zu haben. Die Schifffahrt gefiel ihm so gut, dass er weiter in unterschiedlichsten Bereichen auf Schiffen arbeitete. Als Seemann konnte er regelmäßig Geld an seine Eltern schicken und gleichzeitig ein abwechslungsreiches Leben genießen. Malik reiste acht Jahre um die Welt.

Per Schiff von Indonesien nach Hamburg

In den 1970er Jahren war es durchaus üblich, dass Seeleute nach durchschnittlich sechs Monaten Seefahrt in Hamburg von Bord gingen und einen monatelangen Landgang machten. Rund um die Reeperbahn gab es Bars und Diskotheken, in denen sie sich mit Frauen trafen, tranken und spielten.

Anfang der 1970er Jahre diente eine Wohngemeinschaft in der Hopfenstraße als Unterkunft für Seeleute auf Landgang. Die Wohnung umfasste vier Zimmer, in denen jeweils etwa zehn Seeleute untergebracht waren. Viele Seeleute reservierten Betten für ihren Landgang. Wenn sie den Ruf zum Einschiffen und Auslaufen erhielten, überließen sie ihr Stockbett einem neu angekommenen indonesischen Seemann.

Der ehemalige Seemann Bruri arbeitete für Hapag Lloyd in Jakarta und entschied sich, für die Arbeit mit seiner Familie nach Hamburg zu ziehen. Seeleuten, die für deutsche Reedereien arbeiteten, wurde schnell die deutsche Staatsbürgerschaft zugesprochen. Er kaufte ein Haus in der Seilerstraße. Einige Jahre später begann er, indonesische Seeleute während ihres Landgangs in seinem Haus schlafen zu lassen. Neben seiner Familie machten dort auf einmal etwa 40 Seeleute Rast, die verschiedenen Religionen und Ethnien Indonesiens angehörten. In den folgenden Jahren mieteten sich viele Seeleute in der Straße ein und boten damit auch ihren Mitfahrenden die Möglichkeit, sich im Stadtzentrum auszuruhen.

Kontakt zu anderen Diasporagruppen, aber auch der Polizei

Bei ihren Kneipenbesuchen auf der Reeperbahn machten die Seeleute viele Bekanntschaften. „Wir waren in den Augen der deutschen Frauen damals wegen unserer langen Haare und unserer braunen Haut sehr attraktiv“, sagte Malik. In einem Imbiss auf dem Spielbudenplatz trafen sich indonesische Seeleute auch mit Seeleuten aus anderen Ländern, wie etwa den Philippinen. Dabei kam es auch zu Spannungen zwischen den Gruppen, Auslöser waren meistens Glücksspiel oder Frauen. Als Folge grenzen sich viele indonesische Seeleute bis heute oft von Seeleuten anderer Nationalitäten ab.

Kontakt mit der Hamburger Polizei war für die Seeleute nicht ungewöhnlich. Probleme ergaben sich aus abgelaufenen Aufenthaltsgenehmigungen. Es bestanden Vorurteile seitens der Staatsgewalt. Einmal sagte ein Polizeibeamter zu Fadil, der wegen einer Schlägerei inhaftiert war: „Wenn ich eine Gruppe arbeitsloser Indonesier auf der Straße sehe, frage ich mich, wie sie überleben wollen.“ Fadil antwortete: „Wenn Sie eine Gruppe von zehn arbeitslosen Indonesiern auf der Straße sehen und einer von ihnen Geld hat, werden die anderen neun nicht hungern.“

Malik wurde verhaftet, weil er in eine Schlägerei in einer Diskothek involviert war. Als die Polizei seinen Reisepass kontrollierte, fand sich darin kein Stempel seiner Ankunft in Hamburg. In seiner Brieftasche befanden sich jedoch Zugfahrkarten aus den vergangenen sechs Monaten, die zeigten, dass er seine Aufenthaltsgenehmigung in Hamburg überschritten hatte. Daraufhin wurde er für drei Monate inhaftiert und ihm wurde mit der Ausweisung gedroht. Seine deutsche Freundin bot ihm Hilfe an, um seine Haft und Abschiebung zu verhindern. Malik willigte ein und heiratete sie. Gemeinsam bekamen sie zwei Kinder und haben mehrere Enkelkinder.

Viele der indonesischen Ex-Seeleute, die sich in Hamburg niederließen, erhielten die deutsche Staatsbürgerschaft aufgrund ihrer Ehen mit deutschen Frauen. Andere setzten ihre Ausbildung in Deutschland fort, arbeiteten, zahlten Steuern und beantragten schließlich so die Staatsbürgerschaft.

Indonesische Identität in der hanseatischen Großstadt

Seit den 1970er Jahren treffen sich die ehemaligen Seeleute jeden Freitag in der Hamburger Innenstadt. Das erste Treffen fand auf St. Pauli statt, wo die meisten von ihnen früher wohnten. Anschließend zogen sie in die ehemalige Bibliothek in der Mönckebergstraße um.

Seit einigen Jahren treffen sie sich nun in einem Café in einer nahe gelegenen Einkaufspassage. Die Gemeinschaft nennt sich selbst Indonesia Seaman Club (INSEAC). Die Zusammenkünfte bieten ihnen die Gelegenheit, ihre indonesische Identität aufrechtzuerhalten: Indonesisch zu sprechen, indonesisches Essen zu teilen, über Politik zu diskutieren und persönliche Geschichten auszutauschen.

Regelmäßiger Austausch innerhalb der indonesischen Diaspora

Manchmal bringt jemand aus der Runde eine Gitarre mit. „Alle Ex-Seeleute hier können Gitarre spielen, alle können singen“, sagt Sapri Ambomasse, Vorsitzender des INSEAC. Es werden immer noch Lieder aus den 70ern gesungen, von Koes Plus, The Panber’s, The Mercy’s und D’lloyd. „Wir sind alle Teile einer Familie, die ihr Zuhause aus der gleichen Motivation heraus verließen, nämlich die wirtschaftliche Situation ihrer Verwandten daheim zu verbessern. Die um die Welt segelten, ähnliche Abenteuer erlebten und sich in der gleichen Stadt niederließen“, fügt er hinzu.

Anlässe wie Geburtstage, Hochzeiten, Idul Fitri (Fest zum Ende des muslimischen Fastenmonats) oder ein einfaches Buffet werden gemeinsam begangen. Auch interreligiöse sowie ethnisch und kulturell übergreifende Treffen fanden in der Kirche in der Ferdinandstraße oder bei Mitgliedern zu Hause statt. Am Weihnachtstag zeigt die Gemeinschaft ihre Gastfreundschaft, mit der sie Menschen verschiedenster Religionen im Generalkonsulat willkommen heißt.

Auch in Notfällen sind die Seeleute füreinander da. „Wenn jemand krank ist, statten wir ihm einen Besuch ab und unterhalten uns mit ihm, damit er sich nicht allein fühlt“, sagt Musa, einer der Ex-Seeleute. INSEAC hat in den letzten Jahren einen Teil seiner Stammbesetzung verloren, da viele Mitglieder älter geworden oder bereits verstorben sind.

Sapri Ambomasse erzählt, dass auch jährliche Versammlungen unter dem Namen Sabang Merauke abgehalten werden. Das Treffen wurde 2016 vom INSEAC ins Leben gerufen und wird vom indonesischen Konsulat unterstützt. Sabang Merauke ist ein nationalistischer Begriff Indonesiens, der Menschen unterschiedlicher ethnischer und religiöser Herkunft von Sabang (im westlichsten Teil Indonesiens) bis Merauke (im östlichsten Teil Indonesiens) zusammenbringen soll. Dieses Treffen ist auch für andere Menschen der indonesischen Diaspora in Hamburg offen. Es treten Musikgruppen einzelner Communitymitglieder auf, dazu wird indonesisches Essen serviert. Das Treffen ist somit Ankerpunkt für Solidarität und familiärer Atmosphäre innerhalb der Diaspora.

Fernweh nach der indonesischen Heimat

Viele der INSEAC Mitglieder vermissen ihr Heimatland und schwelgen in nostalgischen Erinnerungen an das Indonesien, das sie in den 1970er Jahren verlassen haben. Die meisten von ihnen besuchen das Land alle paar Jahre. Dann bringen sie traditionell Oleh-Oleh (Souvenirs) aus Deutschland für jedes Familienmitglied mit. Wenn sie Indonesien besuchen, müssen sich viele von ihnen wieder an die indonesische Kultur gewöhnen, die sie durch ihr Leben in Deutschland nicht mehr gewohnt sind.

„Du nimmst etwas von der deutschen Persönlichkeit in Dir auf, wenn Du jahrzehntelang in Deutschland gelebt hast. Während wir dort gelernt haben, im Umgang mit Menschen sehr geradlinig zu sein, würde dies Javaner*innen oft verletzen. Sie sind sehr höflich und empathisch. Ich muss meine Kritikpunkte manchmal etwas beschönigen“, erzählt Malik lachend, als er über seine Erfahrungen beim Besuch bei seiner Familie berichtet.

Auch was das Kulinarische angeht, müssen sich viele Heimkehrende umstellen. „Manchmal dauert es bis zu einer Woche, bis ich indonesisches Straßenessen essen kann, ohne dass mein Magen grummelt. Zum Zähneputzen verwende ich meist Trinkwasser aus Flaschen. Mein Körper ist anders eingestellt als vor 50 Jahren, als ich weggegangen bin.“

Deutsch-indonesisches Familienleben

Heute bestehen die Familien vieler Seeleute aus deutsch-indonesischen Kindern und Enkelkindern, die alle deutsch sprechen. Viele ihrer Urenkel*innen besuchen Indonesien kaum. Doch oft benötigen die ehemaligen Seeleute Hilfe ihrer deutschen Familie für bürokratische Angelegenheiten. Diejenigen, die Muslime sind, haben ihren Kindern den Glauben zwar nahe gebracht, ihn aber nicht aufgezwungen. Die Heirat ist für den Großteil ihrer Familie freiwillig und keine Pflicht.

Einige der ehemaligen Seeleute sind nach ihrer Pensionierung nach Indonesien zurückgekehrt, während andere in Hamburg geblieben sind. Eine Rückkehr nach Indonesien war auch der ursprüngliche Plan von Malik und seiner Frau. Dann erkrankte seine Frau und benötigt nun dauerhaft deutsche Gesundheitseinrichtungen. Den Traum, zusammen in Indonesien zu leben, mussten die beiden aufgeben. Stattdessen kümmert sich Malik heute im Ruhestand um seine Frau.

„Wir wollten erst zurückgehen, wenn etwas aus uns geworden ist. Wir haben Erfolg im Leben gehabt, weil wir unsere Familie zu Hause unterstützen konnten. Das ist unser Stolz“, sagt er.

Übersetzung aus dem Englischen von: Simon Kaack

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2 | 2018, Deutschland, Vietnam,
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Möglichst billig – aber bitte mit Gütesiegel!

Vietnam/Deutschland: Das Buch ‚Ist Zuhause da, wo die Sternfrüchte süß sind?’ sammelt nicht nur wissenschaftliche Erkenntnisse über die vietnamesische Diaspora sondern lässt junge Viet-Deutsche aus ihrem Leben berichten. Gerade diese Passagen machen das Buch besonders lesenswert.

Die Integration von Migranten ist eines der wichtigsten politischen Themen in Deutschland. Googelt man die Schlagworte Integration von Migranten findet man fast 90 Millionen Treffer. Gesprochen wird aber vor allem ÜBER Migrantinnen und Migranten – weniger MIT ihnen. Deshalb ist es verdienstvoll, dass das soziale Unternehmen VLab Berlin und die Rosa-Luxemburg Stiftung in dem Sammelband Ist Zuhause da, wo die Sternfrüchte süß sind? – Viet-deutsche Lebensrealitäten im Wandel auch das Gespräch mit Menschen aus dieser Gruppe suchten. Im Mittelpunkt stehen Fragen zu Identität und Herkunft sowie zu Bildung, Kultur, Rassismus und zum Generationenkonflikt.

Das Narrativ vom Bildungswillen der Vietnamesen

Im ersten Kapitel befasst sich der Pädagoge Nguyen Minh Hoang mit grundlegenden Aspekten des interkulturellen Zusammenspiels. Bezogen auf Vietnam führt er, um Begriffe wie ‚Deutsch-Vietnamesen’ zu vermeiden, den Begriff ‚vietnamesische Diaspora’ ein, der im vorliegenden Band durchgängig verwendet wird. Anknüpfend an eine vielfach in den Medien verbreitete Erzählung über den vermeintlichen Bildungswillen der Vietnamesen befasst er sich ausführlich mit dieser These (vgl. dazu auch Interview mit Minh Thu Tran auf suedostasien.net). Hier finden sich neue Aspekte, die über den bloßen Hinweis auf Traditionen des Konfuzianismus hinausgehen. Er behauptet zum Beispiel, dass der Druck vietnamesischer Eltern auf ihre Kinder aus dem Wunsch resultiere, über den schulischen Erfolg der Kinder Anerkennung für sich selbst zu erlangen.

Mit der Frage, wie neu ankommende Eltern ihre Kinder erziehen können beziehungsweise sollen, setzt sich in einem weiteren Kapitel ein deutsch-vietnamesisches Team von vier Autor*innen auseinander. Im Rahmen des Sonderforschungsbereiches Affective Societies der Freien Universität Berlin erforschten sie, wie vietnamesische Eltern in Berlin die Erziehungshilfe und ihre einzelnen Angebote erleben und welche Einstellungen und Emotionen sie diesen entgegenbringen. Bei dem Forschungsprojekt ging es nicht darum, zu erkunden, welche Erziehungsziele oder -ideale vietnamesische Eltern haben, sondern darum, wie das im Jugendschutzgesetz normierte Erziehungsideal des Mittelstands den in Deutschland lebenden vietnamesischen Eltern beigebracht wird. Dass dies auf Vorbehalte und Ängste stößt, wird in dem Beitrag anschaulich dargelegt. Überraschend ist dies allerdings nicht, da es sicherlich kein Spezifikum der vietnamesischen Diaspora ist.

Ebenfalls mit wissenschaftlichen Methoden nähert sich Max Müller, ebenfalls Mitarbeiter der Forschungsgruppe Affective Societies in Berlin, dem Leben im vietnamesischen Berlin an. In seinem Beitrag über deutsch-vietnamesische Freundschaft befasst er sich mit der ‚Doppelfunktion als weißer Freund und Forscher’. Sein Fazit ist, dass er trotz persönlicher Freundschaften doch oftmals im Schema Wir und Sie verhaftet bleibe.

Vertreter*innen der Diaspora erzählen

Die wissenschaftlichen Beiträge werden ergänzt durch Aussagen von Menschen aus der vietnamesischen Diaspora. Diese Gesprächsmitschnitte, in denen sich Personen untereinander über ihre Erfahrungen unterhalten, waren für mich am interessantesten. Dazu gehören im Kapitel Über Grenzen Thuy Trang Nguyen, Thi Minh, Huyen Nguyen, Minh Duc Pham und Dieu Hao Do sowie die vier Geschwister Anh-Thu, Anh-Thy, Quang-Minh und Thuy Vi, die im Kapitel Wenn Eltern und Kinder keine Muttersprache teilen über ihre Vorbehalte reden, Vietnamesisch zu sprechen. Thuy Vi: „Ich war so sehr damit beschäftigt, mich zu integrieren und Deutsch zu fühlen, dass ich alles, was mit der vietnamesischen Kultur in Verbindung gebracht werden konnte, total abgelehnt habe und es als rückständig empfand, wenn man sich in der vietnamesischen Community bewegt.“ Hier begegnet man Passagen, die – wie diese Aussage – überraschen.

Das Kapitel Mein Name bedeutet Frieden erzählt Nhu Mi, Tochter eines Vertragsarbeiters, der 1987 in die DDR kam, aus dem Leben der Familie und wie sie nach dem Fall der Mauer erlebten, dass „die neu gewonnene Freiheit“ nicht für „die so genannten Schwarzköpfe“ galt. „Nur der Nachweis einer angemessenen Verwertung, d.h. eines Arbeitsverhältnisses, legitimiert(e) unser Dasein.“ Die Angst zu versagen, prägt die Kindheit des Mädchens. Sie erlebt extrem rassistische Anfeindungen – nicht nur von Klassenkamerad*innen sondern auch von Lehrkräften. Aber sie schafft es aufs Gymnasium und an die Hochschule und hat beruflichen Erfolg.

Weiße Mehrheitsgesellschaft mit Vorurteilen

Wie ein roter Faden zieht sich ein Gegensatz durch das Buch: „In einer weißen Mehrheitsgesellschaft stehen die People of Color permanent vor der Herausforderung, Grenzen zu hinterfragen und zu überschreiten.“ Die ‚weiße Mehrheitsgesellschaft’ jedoch bleibt auf ganz verschiedene Art in einer vorurteilsbehafteten Denkweise stecken. Dies geschieht nicht nur im rechten sondern auch im linken Lager. So erzählt eine Schülerin, wie eine Lehrerin als Kind zu ihr sagte: „Ihr Vietnamesen seid so stark, ihr habt die USA besiegt mit nur Bambusstöcken“. Das Mädchen hat den Krieg aber weder erlebt noch identifiziert sie sich mit ihm. Sie findet den gut gemeinten Hinweis alles andere als hilfreich.

Die unmittelbaren Aussagen der Personen der Diaspora machen die Stärke des Buches aus. Die wissenschaftlich orientierten Beiträge wirken manchmal steril und wie eine Bestätigung des schlechten Gewissens einer weißen akademisch geprägten Mittelstandsschicht, die im Westen der Bundesrepublik sozialisiert wurde.

Sowohl die persönlichen Aussagen als auch die sozialwissenschaftlichen Aspekte beziehen sich auf den Zeitraum nach 1990. Kapitel über die vietnamesische Diaspora in Tschechien und über die Neue Migration aus Vietnam nach Deutschland ergänzen den Sammelband.

Doch: Sowohl in der DDR als auch in der BRD gab es ein ‚Zuvor’. Genau diese Zeit vermisse ich in diesem Sammelband Viet-deutsche Lebensrealitäten im Wandel. Genauso fehlen zumindest einige historische Erklärungen, ohne die Bemerkungen über den Kommunismus in (Süd)Vietnam, die ‚Bruderhilfe’ der DDR oder die Probleme nach dem Anschluss der DDR an den Westen leider nicht zu verstehen sind.

Rezension zu: VLab Berlin (Hg.). Ist Zuhause da, wo die Sternfrüchte süß sind? Viet-deutsche Lebensrealitäten im Wandel. regiospectra Verlag. 2020. 136 Seiten

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2 | 2018, Deutschland, Vietnam,
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Vietnam/Deutschland: Weil ihr die Repräsentation von vietnamesischen und vietdeutschen Menschen in der deutschen Öffentlichkeit und den Medien bisher gefehlt hat, nimmt Minh Thu Tran dies selbst in die Hand. Im Interview erzählt sie von Vorbildern, isoliertem Aufwachsen und alltäglichem Rassismus.

Wie würdest du vietdeutsche Diasporagemeinschaften in Deutschland beschreiben?

Sehr, sehr divers. Die vietnamesische Diaspora in Deutschland setzt sich aus verschiedenen Gruppen zusammen. Da wären die Boat People [Schätzungsweise 1,3 Millionen Menschen flohen nach Ende des Vietnam-Krieges 1975 vor allem aus Südvietnam. Da sie zumeist über das offene Meer flüchteten, wurden sie als Boat People bekannt, d.R.], die Vertragsarbeiter*innen [Die DDR und Vietnam schlossen 1980 ein Abkommen zur Übernahme von Vertragsarbeiter*innen, von denen viele auch nach Ende der DDR in Deutschland geblieben sind, d.R.] und die zweite Generation, die eigentlich wenig zu tun hat mit den Konflikten ihrer Eltern. Diese Konflikte zwischen Nord und Süd spielen noch eine Rolle für bestimmte, auch nicht alle, älteren Gruppen, aber für uns Junge fast gar nicht mehr. Der Bezug zum Heimatland und der Bezug zu Deutschland ändert sich immer wieder, je nach dem, zu welcher Gruppe man gehört. Die jüngere Migration aus Vietnam nach Deutschland, das sind oft Menschen aus Zentralvietnam – viele aus den ärmeren Provinzen des Landes. Sie kommen her, um Arbeit zu suchen, zum Beispiel in Nagelstudios und Restaurants. Außerdem kommen einige Studierende aus Vietnam, die an deutschen Universitäten studieren wollen.

In eurem Podcast habt ihr erzählt, dass ihr beide in Kleinstädten groß geworden seid und deswegen weniger Kontakt mit vietdeutschen Communities hattet. Wo liegen die Unterschiede zwischen Diasporagemeinschaften auf dem Land und in der Stadt?

In der Stadt wächst man weniger isoliert auf. Dort gibt es oft eine Community, in der du dich spiegeln kannst. Menschen, die ähnliche Erfahrungen machen wie man selbst. Auf dem Land bist du relativ alleine als Vietdeutsche*r.

Vanessa hat anfangs versucht, alles Vietnamesische von sich weg zu stoßen und zum Beispiel ihren Namen von ihrem Geburtsnamen Hồng Vân in Vanessa geändert. Diese Entwicklung ist Zeichen eines Wunsches nach Assimilation, den ich bei vielen Kindern und Jugendlichen, die isoliert von vietnamesischen Communities aufwachsen, beobachten kann.

Wie bist du heute in vietnamesische Diaspora-Communities eingebunden?

Ich habe mir im Studium aktiv diese Communities gesucht und meine eigene Community mit dem Rice-and-Shine-Podcast selbst geschaffen. Wenn man isoliert aufwächst, orientiert man sich an den Medien oder Sachen, die einen umgeben. Ich habe mir oft den Asian-American YouTube-Content angeguckt, Vanessa hat sich im Studium mit Vietnam beschäftigt und ist für ein halbes Jahr nach Vietnam gezogen. Jede*r sucht sich seinen/ihren Weg. Als wir uns kennen lernten, hatten wir eine unfassbare Spiegelfläche, weil wir sehr ähnlich aufwuchsen. Unsere Studienfächer Politikwissenschaften und Ethnologie sind themen-mäßig ähnlich. Auf dieser Basis haben wir mit dem Podcast angefangen, uns eine Community aufzubauen. Von Vietdeutschen bekommen wir fast täglich Feedback zu diesem Projekt. Da kommen Emails mit seitenlangen Lebensgeschichten von Leuten, die sich in unserem Podcast wieder finden oder andere Erfahrungen gemacht haben. Der Austauschbedarf ist groß.

Wie würdest du das Verhältnis zu Bekannten, Freund*innen und Verwandten in Vietnam selbst beschreiben?

Persönlich habe ich sehr intensiven Kontakt zu meiner Familie in Vietnam. Es gibt auch Familien mit schwierigeren Beziehungen untereinander, da sie so weit voneinander getrennt leben. Neid, Unverständnis und gewisse Erwartungen spielen eine Rolle. Die Situation ist von Familie zu Familie unterschiedlich und davon abhängig, ob die Familien aus der Stadt oder vom Land kommen, aber auch von persönlichen und politischen Hintergründen. Der Austausch zwischen dem Heimatland und der Diaspora ist sehr stark vorhanden.

Wie gestaltet sich die Vernetzung zu vietnamesischen Diasporagemeinschaften in anderen Ländern?

Viele vietnamesische Familien leben verstreut, vor allem die Boat-People-Familien: Da sind welche in Deutschland, in Frankreich, in Großbritannien oder in Amerika. Auf dieser Basis passiert der Austausch. Medialer Content aus Amerika gibt uns hier eine Orientierungsmöglichkeit, in welche Richtung sich die Community entwickeln kann, auch wenn sich nicht alles eins-zu-eins auf Deutschland übertragen lässt. Die machen dort schon sehr viel Community-Arbeit und das schon sehr lange.

Sind Vietdeutsche mittlerweile hierzulande besser repräsentiert, als es noch vor ein paar Jahrzehnten der Fall war?

Ja, ein bisschen mehr kommt schon. Wir schaffen uns unsere eigenen Möglichkeiten, es gibt Podcastmacher*innen, Theatermacher*innen und Schauspieler*innen, die eigene Stücke schreiben, aber noch sind sie nicht im Mainstream angekommen. Vor etwa 20 Jahren war die Moderatorin Minh-Khai Phan-Thi oft bei VIVA zu sehen; sie war ein vietnamesisches Gesicht, das ich im Fernsehen sah und dachte: „Wow die sieht aus wie ich.“ Ich denke, die vietnamesische Community war in den 1990er Jahren vor allem noch darauf erpicht, möglichst nicht aufzufallen, auch weil es viele rassistische Übergriffe gab.

Heute agiert vor allem die zweite Generation anders, nach dem Motto „Nein, wir sind hier, wir können laut sein, wir können sichtbar sein, wir sollen sichtbar sein“. Dafür steht unser Podcast, aber dafür stehen auch beispielsweise viele junge vietdeutsche TikToker*innen, mit einer zum Teil sehr großen Reichweite. Ein Beispiel wären die Geschwister Bao Chii und Henry, oder Saint Linh und ihr Bruder Son. Die haben eine unfassbar große Anzahl an Follower*innen auf TikTok und sagen einfach ganz selbstverständlich „Ja, wir sind vietdeutsch, wir machen auch Asian Content, wir sind Asian, wir machen das“. Das ist sehr erfrischend und unterhaltsam, das finde ich ganz schön.

Ihr habt in eurem Podcast über deutsche Ersatzverwandte gesprochen, die euer Leben begleitet haben, was hat es damit auf sich?

Nach der Wende, als für die Vertragsarbeiter*innen jegliche alltäglichen und staatlichen Strukturen zusammengebrochen sind und es keine Unterstützung gab, haben oft deutsche Menschen aus der Nachbarschaft eine Unterstützer*innenrolle eingenommen. Für viele sind diese auch zum Familienersatz geworden. Wir waren sonntäglich bei ihnen zu Kaffee und Kuchen, sie haben uns vom Kindergarten abgeholt, wir haben sie Oma/Opa oder Tante/Onkel genannt und in den Ferien waren wir oft zum Spielen dort. Dieses Phänomen ist tatsächlich sehr häufig vorgekommen. Zu meinen Ersatzverwandten habe ich auch heute immer noch Kontakt. Fast jedes Mal wenn ich zu Hause bin, versuche ich einmal vorbeizugucken, Hallo zu sagen und etwas mit ihnen zu essen.

In unserer letzten Folge haben wir über bikulturelles Aufwachsen in einer deutschen und einer vietnamesischen Familie gesprochen. Das Problem von Rassismus innerhalb dieser Familien gehört oft zum Alltag und ist eine Dynamik, die wir auch durch unsere Ersatzverwandten erfuhren: Sie fanden uns nett und haben uns geliebt und geholfen, dennoch fiel auch der ein oder andere Spruch.

Wie groß ist die Rolle, die Rassismus im Alltag von Vietdeutschen spielt?

Rassismus ist nicht messbar, er ist auf jeden Fall immer präsent. Wir haben in einem Interview mit Philipp Rösler gesprochen, der eindeutig rassistisch beschimpft wurde. Er hat gesagt „Das ist Politik, es passiert halt einfach“ und so gehen auch viele Vietdeutsche damit um. Jede*r muss selbst seinen Weg finden, mit Rassismus umzugehen. Aber vor allem die junge Generation ist unfassbar outspoken und spricht viel über Rassismus. Wir Vietdeutschen sind eine sogenannte Vorzeigeminderheit: Natürlich, wenn es Gewalt gegen Ausländer*innen gibt, sind wir auch mittendrin, dann zünden sie auch unsere Häuser an.

Aber wir erleben im Vergleich weniger Rassismus und rassistische Gewalttaten als zum Beispiel muslimisch gelesene Menschen oder auch Schwarze Menschen. Wir haben nicht das Problem, aufgrund unseres Namens keinen Job zu bekommen. Der Stereotyp des/der strebsamen und leistungsstarken Asiat*in existiert immer noch in der Gesellschaft und aus einer unterprivilegierten Position heraus haben viele Vietdeutsche diesem Stereotyp auch oft zugestimmt. Die asiatische oder die vietnamesische Community sollte sich hier hinterfragen. Das sind natürlich ganz normale Dynamiken, die ich nachvollziehen kann, aber man muss denen nicht in die Hände spielen.

Hast du im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie neue rassistische Erfahrungen gemacht?

Ich habe schon eine Maske getragen, als noch wenige eine trugen und wurde auf der Straße beschimpft mit „Schon wieder so eine, die das Virus hier rüber geschleppt hat.“ Ein Video ging um, in dem asiatische Jugendliche mit „Ihr Corona-Schlampen“ beschimpft wurden. Es gab auch gewalttätige Übergriffe – eine chinesische Frau in München wurde von ihrem Nachbarn mit Desinfektionsmittel attackiert und er drohte, sie umzubringen. Die rassistischen Übergriffe gab es vor allem im März und April 2020. Ich habe das Gefühl, das passiert jetzt nicht mehr so häufig, aber ein gewisser Unterton im Sinne von ‚das ist das China-Virus’, ‚diese Asiaten’, etc. ist weiter vorhanden.

Was würdest du dir als vietdeutsche Zukunftsperspektive wünschen?

Ich würde mir einfach wünschen, dass wir ein bisschen mutiger sind, laut zu sein und unsere Geschichten erzählen! Einfach das zu sagen, was wir wollen und nicht das was unsere Gesellschaft oder unsere Eltern von uns erwarten.

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2 | 2018, Deutschland, Vietnam,
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Philippinen/Deutschland: Zahlreiche philippinische Pflegekräfte arbeiten in Deutschland. Wie erleben sie die Corona-Pandemie? Wie halten sie Kontakt zu ihren Familien? Wir haben mit sechs philippinischen Krankenpfleger*innen gesprochen, die in der COVID-19-Versorgung in deutschen Krankenhäusern tätig sind.

Am 20. März 2020 gab die Hessische Krankenhausgesellschaft bekannt, dass ein Rekrutierungsflug für Intensivpflege-Personal aus den Philippinen nach Deutschland stattfinden wird. Mit einer Sondergenehmigung konnten 75 philippinische Krankenpfleger*innen einreisen, um COVID-19-Patient*innen in Hessen zu versorgen. Trotz verstärkter Quarantäne in den Philippinen, der geschlossenen deutschen Grenze und einer europaweiten Einreisebeschränkung wurde eine rasche Einreise genehmigt.

Zugleich wurde in den Philippinen gefordert, den Einsatz von Pflegekräften im Ausland während der aktuellen Not des öffentlichen Gesundheitssystems einzustellen. Zur Zeit der Ankündigung des Rekrutierungsfluges stiegen die Corona-Fälle in den Philippinen rapide an. Im April 2020 wurde ein Deployment-Ban für die Ausreise von Gesundheitspersonal verhängt.

Die Anwerbung war nicht überraschend. Deutschland hatte sich an die Philippinen gewandt, um seinen Pflegekräftemangel, unter anderem durch das Triple-Win Projekt (siehe Kasten) zu beheben. Für die philippinischen Regierung markiert die Unterzeichnung des Abkommens mit Deutschland 2013 das Erschließen eines neuen Markts für pflegerische Tätigkeiten.

Philippinischer Migrationszyklus und seine kolonialen Wurzeln

Wissenschaftler*innen, internationale Organisationen und Regierungsbehörden haben unterschiedliche Ansichten zur fast 50-jährigen staatlich geförderten Praxis der grenzüberschreitenden Migration philippinischer Arbeitskräfte. Viele bezeichnen den Mechanismus als ‚Nachahmung’ der arbeitsexportierenden Praxis der Länder des globalen Südens. Laut Soziolog*innen wie Anna Romina Guevarra und Robyn Rodriguez betreibt der philippinische Staat einen Arbeitsvermittlungsmechanismus, der in seine Kolonialgeschichte eingebettet ist. Für sie ist das koloniale Arbeitssystem der USA die ‚Blaupause’ für die Schaffung einer Arbeitsexportwirtschaft zur Bevölkerungsverwaltung. Durch die Einrichtung einer öffentlichen Krankenpflege in den Philippinen, wurde eine geeignete (nach US-Standards ausgebildeten Krankenpfleger*innen), billige, geschlechtsspezifische und nach ‚Race’ sortierte Arbeiterschaft geschaffen, die die Bedürfnisse des globalen Markts befriedigt.

Der Export philippinischer Pflegekräfte hat Folgen im philippinischen Gesundheitssystem. Krankenpfleger*innen sind mit Patient*innen überlastet, während es zugleich paradoxerweise Hunderttausende arbeitsloser Pflegekräfte in den Philippinen gibt. In philippinischen Krankenhäusern sind nicht viele Stellen offen. Die Gehälter liegen zudem unter dem Existenz sichernden Familieneinkommen.

Tägliche Konfrontation mit dem Corona-Virus

Die Corona-Pandemie schafft neue Unsicherheiten. Krankenpfleger*innen sind für die Grundversorgung der Patient*innen verantwortlich. Sie reichen Essen, waschen Kranke und helfen ihnen, sich zu bewegen. So besteht viel körperlicher Kontakt zwischen Krankenpfleger*in und Patient*in. Gegenwärtig machen Pflegekräfte täglich körperliche Erfahrungen mit der Intensität des Coronavirus. Viele treten ihre Arbeit mit Sorge an.

Sie fragen sich: Was, wenn ich infiziert werde? Was, wenn ich das Virus unwissentlich weitergebe? Ist es ein Segen, während einer Pandemie Krankenschwester zu sein? Was, wenn ich sterbe? Aber vielleicht ist es besser zu sterben und das getan zu haben, was zu tun war? Diese Fragen hielten eine der befragten Krankenpfleger*innen fünf Nächte lang wach.

Arbeiten unter extremen Bedingungen und erhöhter Prekarität

Krankenpfleger*innen wissen: das Ansteckungsrisiko von COVID-19 ist hoch. Die Krankheit ist neu und die Krankenhausmitarbeiter*innen haben nur begrenzte Informationen über das Virus. Sie treffen die erforderlichen Vorsichtsmaßnahmen, die von ihrem Krankenhaus-Management vorgeschrieben werden. Das Tragen einer persönlichen Schutzausrüstung (PSA) auf COVID-19 Stationen ist für medizinisches Personal verpflichtend. Das erhöhte Infektionsrisiko ist ein ständiger Begleiter. So muss jedes Detail beim Tragen der Schutzausrüstungen beachtet werden. Die Arbeit ist emotional wie körperlich anstrengend, da das Tragen der PSA während der Arbeit den Körper aufwärmt.

Krankenpfleger*innen erhalten Unterstützung vom Krankenhaus, in dem sie arbeiten. Zum Beispiel werden großzügig Essen und Essensgutscheine bereitgestellt. Eine Gefahrenzulage gibt es jedoch nicht. Das Krankenhaus bietet Videoanweisungen zum richtigen Tragen der PSA an. Die tägliche Bereitstellung von Masken, Desinfektion, Ausrüstung und der Zugang zu regelmäßigen Tests sind vorhanden. Diese Grundvoraussetzungen helfen den Pfleger*innen, weniger Angst zu haben, während sie sich um die Patient*innen kümmern.

Ein weiterer Aspekt der Prekarität hängt damit zusammen, dass die philippinischen Pfleger*innen Migrant*innen sind. Komplexe Pflegeverhältnisse verbinden die Einzelpersonen und Familien zwischen verschiedenen Gesellschaften. Durch die weltweite Ausbreitung des Coronavirus werden die Gefahren der Fürsorge aus der Ferne noch größer. Was bedeutet es, sich zu kümmern, wenn Familienmitglieder, die über nationale Grenzen hinweg getrennt leben, alle dem Virus ausgesetzt sind?

Es besteht die Gefahr, weit weg von zu Hause und den Angehörigen zu sterben. Eine befragte Pflegekraft sagte: „Ich unterstütze meine Familie finanziell zu Hause (in den Philippinen). Was ist, wenn ich hier (in Deutschland) sterbe?“ Und was bedeutet es umgekehrt, weit weg von zu Hause zu sein, wenn geliebte Menschen sterben?

Mit dem Virus infiziert

Als Krankenpfleger John [1] von seinem positiven Testergebnis erfuhr, geriet er nicht in Panik, aber er hatte viele Fragen: Was soll ich tun? Zu Hause bleiben, mich ins Krankenhaus einweisen lassen? Soll ich (aus meiner Wohnung) ausziehen? Was ist, wenn ich Symptome entwickle? In der zweiten Quarantänewoche entwickelte er Symptome: Kopfschmerzen, Müdigkeit, Muskelschmerzen und den schlimmsten Husten seines Lebens. Er konnte nicht aufstehen, hatte keine Kraft zu kochen, geschweige denn, ein Bad zu nehmen. „Es war die Hölle“, sagt er, „ich erwartete das Schlimmste.“ „Ich behielt meinen Glauben. Ich war buchstäblich allein. Ich steckte in meinem Zimmer fest und konnte nicht raus. Ich konnte meine Freunde nicht sehen, während meine Familie tausend Meilen entfernt ist. Der Kontakt über soziale Medien hat mir sehr geholfen“, erinnert sich John. Verwandte und Freunde waren besorgt und schrieben ihm jeden Tag. Drei Wochen lang war er auf seine Freunde angewiesen, die sich kümmerten, die einkauften und Medikamente besorgten. Es war eine sehr emotionale Erfahrung für ihn, die er mittlerweile auch über soziale Medien teilt, um sein Netzwerk zu inspirieren. Er nutzt seine Geschichte, um den Menschen in seiner Heimatstadt zu sagen, dass sie ruhig bleiben, aber vorsichtig sein sollen.

Transnationale Sorge

Krankenpfleger Xavier [1] sagte seiner Mutter in Manila nicht, dass er sich freiwillig in Deutschland als Covid-19-Pflegekraft gemeldet hatte. Er wusste, dass seine Mutter besorgt und wütend wäre. Also sagte er es ihr erst nach einer Woche Arbeit, als er sicher war, dass der doppelte Schutzanzug, das Visier, die Gesichtsmaske und die Handschuhe ausreichen würden, um ihn zu schützen. Als Xavier schließlich seiner Mutter von seiner derzeitigen Arbeitssituation erzählte, konnte sie vor Sorge nicht schlafen. Als er ihr Bilder von sich mit PSA schickte, verglich sie diese mit Bildern im Fernsehen, wo Mitarbeiter des Gesundheitswesens vollständig abgedeckt waren. Sie war noch besorgter. Er musste den Standard in Deutschland erklären, dem er vertraut, und versicherte ihr, dass er sich auf seiner Station sicher fühle. Die Mutter musste es am Ende akzeptieren.

Auch Raffy [1] meldete sich freiwillig zur Arbeit auf der COVID-19-Station. Er glaubt, dass sein Beitrag zur öffentlichen Gesundheit sich auf seine Identität und sein Zugehörigkeitsgefühl auswirkt; zumindest in dem Krankenhaus, indem er arbeitet. Raffy fühlt sich als Mensch stärker, da er die Krise durchgemacht hat. Er fühlt sich auch als Experte für den Umgang mit Verdachtsfällen, da ihn seine Kolleg*innen inzwischen bei Tupfertests um Rat bitten. Vor Corona war er ‚nur’ ein Neuling. Die Pandemie habe ihm die Möglichkeit gegeben, ein wichtiger Bestandteil des Gesundheitssektors zu sein und seine persönliche und berufliche Bestimmung als Pflegekraft zu verwirklichen, so Raffy. Die Arbeit in der Pandemie gäbe ihm ein Gefühl von Stolz, nicht nur als Pflegekraft, sondern auch als philippinischer Migrant, der seiner Gastgesellschaft diene.

Perspektiven während COVID-19

Die COVID-19-Pandemie hat die Gemeinschaft der Migrant*innen vor neue Herausforderungen gestellt, insbesondere die ausländischen Pflegekräfte, die direkt für die Gesundheitsversorgung und Behandlung der betroffenen Patient*innen verantwortlich sind. Während sie ihr Leben riskieren, werden sie emotional durch die Situation ihrer Familien in den Philippinen belastet. Dort griff die Pandemie dramatisch um sich und sorgte für einen Spitzenwert der Fälle in Asien.

Zugleich vertrauen die interviewten philippinischen Pflegekräfte in ihre Arbeitsstätten und in die deutsche Regierung. Im Vergleich zu verunsicherten Pflegekräften in einigen europäischen, amerikanischen und philippinischen Krankenhäusern glauben die sechs befragten Pflegekräfte in Deutschland, dass sie gut geschützt und von der Gastregierung unterstützt würden. Als Pflegekräfte glauben sie auch, dass es gute Praktiken und Beispiele gibt, die sie der Pflegegemeinschaft im Ausland mitteilen könnten.

Es sind die Pflegekräfte, die kontinuierlich gegen das Virus kämpfen. Dafür benötigen sie die volle Unterstützung durch staatliche Institutionen. Sie benötigen Schutz, um eine funktionierende Gesundheitsversorgung zu gewährleisten – auch in der Welt nach der Pandemie.

Übersetzung aus dem Englischen von: Jörg Schwieger

[1] Name(n) von der Redaktion geändert

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2 | 2018, Deutschland, Vietnam,
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Philippinen/Deutschland: Die Fotografien unserer Autorin geben biografische Einblicke in das Leben einer German Filipina Mestiza (deutsch-philippinischen Herkunft). Sie sind zugleich eine Auseinandersetzung mit mehreren Identitäten.

„Sie sprechen aber gut deutsch.“, sagte ein Beamter neulich zu mir. „Danke, Sie auch“, erwiderte ich. „Wo kommen Sie her?“, fragte er dann. „Aus Lebach“, antwortete ich. „Nein, ich meine wo kommen Sie eigentlich her?“ Meistens sage ich, dass ich aus dem Saarland oder dem Supermarkt komme. Aber da er es wohl sehr ernst meinte, antwortete ich schließlich: „Meine Mutter kommt aus den Philippinen.“ Darauf antwortete er: „Ah, Migrationshintergrund.“

Obwohl mir diese Frage schon häufiger gestellt wurde, war ich überrascht, dass die Faszination des vermeintlich Anderen immer noch so präsent ist, zumal dies für die Beantragung meines Passes nicht relevant sein sollte. Ich bin hier geboren, in den Kindergarten und zur Schule gegangen, studierte, lebe und arbeite hier. Dennoch wird mir häufiger als meinen ‚weißen’ Freund*innen diese Frage gestellt. Manchmal ist es gar nicht so leicht zu unterscheiden: Ist es subtiler Rassismus oder eigentlich nur aufrichtiges Interesse?

Othering

Wenn mir zum Beispiel gesagt wird, wie exotisch ich aussähe, wenn ich gefragt werde, wo ich denn so gut Deutsch gelernt hätte oder wo ich herkomme, dann werde immer ich zur ‚Anderen’ gemacht. Die postkoloniale Theorie erklärt diese Zuschreibungen mit dem Konzept des Othering: Man definiert sich als Gruppe, indem man sich von anderen Gruppen abgrenzt. Die anderen Menschen dienen zur Beschreibung von all dem, was man selbst nicht ist. Ein wichtiger Aspekt der Identität ist die Abgrenzung. Nur wie verhält sich das, wenn ein Mensch mehrere Identitäten hat?

In den Philippinen erfahre ich eher eine umgekehrte Diskriminierung. Aufgrund meiner kleinen Nase und meiner vergleichbar helleren Haut werde ich bevorzugt behandelt. Als ich in der siebten Klasse war, verbrachte ich mit meinen Geschwistern die Sommerferien bei meiner Großmutter. Wir bekamen Schuluniformen und durften dann über sechs Wochen die lokale Schule besuchen, drei ‚weiße’ Kinder in den 1990er Jahren in einem philippinischen Dorf namens Bansalan. Jede*r in der Schule kannte unsere Namen, wir waren ständig von einer Schar Schüler*innen umgeben, wurden zu jeder Festlichkeit eingeladen und durften immer im Mittelpunkt stehen. Wir wurden wie Stars behandelt. Manchmal frage ich mich, wie sich wohl mein Selbstbewusstsein entwickelt hätte, wären wir dort hingezogen. In meinen ganz persönlichen Erfahrungen spiegeln sich auch die Machtverhältnisse und Geschichte der Länder wider. Deutschland repräsentiert eine größere Wirtschaftsmacht als die Philippinen, die durch ihre eigene koloniale Geschichte eine besondere Gasthöflichkeit entwickelt hatten.

Familiäre Vergangenheit und Gegenwart

Ich finde es interessant, meine Herkunft selbst zu erforschen. Die biografischen Einblicke sagen auch etwas darüber aus, wie Kultur weitergegeben wird. Und ich frage mich, ob eine deutsche, weiße, heterosexuelle und bürgerliche Person ebenso viel über ihre Vergangenheit weiß. Einige Bilder meiner deutschen Ahnen stammen aus den 1930er Jahren und ich vermute, meinen Großvater mit anderen Soldaten auf den Bildern zu sehen. Durch das Anschauen der Bilder wurde mir erst bewusst, welche Geschichte und kulturelle Bedeutung es hatte, dass wir einen altdeutschen Schäferhund hielten. Das Hakenkreuz und der Hitlergruß sind auch auf einigen Bildern zu sehen. Waren sie Anhänger*innen oder haben sie sich den Umständen gefügt? Die genaue Geschichte kann mir keiner mehr erzählen. Da sich der philippinische Präsident Rodrigo Duterte selbst auch schon mit Adolf Hitler verglichen hat, frage ich mich, wie es sich nun mit meinen Verwandten in den Philippinen verhält.

Die erhobene Faust der Duterte Anhänger, der Kampf gegen vermeintliche Drogenabhängige und der ausgedehnte Straßenbau in Davao wirken für viele Filipin@s überzeugend. Politik ist in den Philippinen ein sehr emotionales Thema. Die Blindheit und Gutgläubigkeit gegenüber Duterte hat fast schon Ausmaße wie beim philippinischen Sektenführer und Politiker Apollo Carreon Quiboloy angenommen, welcher sich als der „ernannte Sohn Gottes“ und der „Besitzer des Universums“ bezeichnet und damit sehr erfolgreich ist. Only in the Philippines? Erstaunlich wie viele Parallelen es doch gibt. Wenn ich die Fotos meiner Vorfahren ansehe, gibt es durchaus auch interkulturelle Ähnlichkeiten zu den Duterte-Anhänger*innen, zum Beispiel im Ausdruck und der Körperhaltung. Zumal die deutsche Geschichte des dritten Reichs auch erst rund 80 Jahre her ist und deren Nachwirkungen bis heute spürbar sind.

Da ich in Deutschland aufgewachsen bin, fühle ich mich auch kulturell eher im deutschen Alltag zuhause. Gleichzeitig fühle ich mich mit den Philippinen sehr verbunden und habe über meine mütterliche Erziehung hinaus selbst viel über die Geschichte, Kultur und Politik der Philippinen geforscht und gelernt. Vielleicht weiß ich über das Land im ‚fernen Osten’ sogar mehr als über das Saarland. Das Erlernen der Sprache Bisaya allein hat mir sehr viel Einsicht in die Denkweise und die Kultur meiner Mutter gebracht. Doch ich selbst habe die kulturellen Werte der Philippinen nur indirekt erlebt, da ich nicht dort aufgewachsen bin.

Als zweite Generation oder Second Generation scheint es mir ein wenig befremdlich, etwas ‚zu sein’, zu dem ich selbst nur einen bestimmten Zugang habe. Obwohl die Welt durch die globale Vernetzung in einem regen Austausch steht, was was aktuell durch die Corona-Pandemie verdeutlicht wird, ist es erstaunlich wie langsam sich Weltbilder und Verhaltensweisen gegenüber fernen Ländern in der Gesellschaft anpassen. Menschen aus ähnlichen wirtschaftlichen Verhältnissen haben über die Ländergrenzen hinweg vielleicht mehr gemeinsam als Menschen aus unterschiedlichen Milieus im gleichen Land. Wenn ich mein Augenmerk weniger auf die Abgrenzung und mehr auf die Bereicherung lege, ist die bi-kulturelle Herkunft eine große Schatzkiste an Erfahrungen und Erkenntnissen.

Multilokalität

Der Hashtag #metwo macht darauf Aufmerksam, dass Menschen mehr als eine Identität haben können. Vielleicht ist es viel interessanter, nach Gemeinsamkeiten zu suchen, statt über Othering Unterschiede hervorzuheben. In der heutigen Welt ist es nicht schwer, an verschiedenen Orten zuhause zu sein oder von verschiedenen Orten zu kommen. Die Schriftstellerin Taiye Selasie sagt, multinational sei ein Begriff für Unternehmen. Menschen erfahren eher eine ‚multi-lokale’ Zugehörigkeit. In diesem Sinne ist die Frage nach der nationalen Herkunft weniger aussagekräftig als die Frage: Wo fühlst du dich zuhause? Mit welchen Orten fühlst du dich verbunden? Ich bin Bürgerin mehrerer Orte, ich fühle mich in Berlin, Hannover, Köln, Saarbrücken und in Davao zuhause.

Es gibt einige Gewohnheiten, die ich bewusst und unbewusst aus der philippinischen Kultur mitgenommen habe. Das sind beispielsweise die Dankesschuld, utang na loob, die Wahrnehmung der subtilen Körpersprache wie ein Zustimmen mittels dem Heben der Augenbrauen oder das Abmessen vom Reis-Wasser-Verhältnis beim Kochen mittels des kleinen Fingers. Ich mag auch das Wetter, die Früchte und die täglichen Reisgerichte, aber die durchdringende Korruption widerstrebt mir. Ebenso mag ich die vier Jahreszeiten, sortierte Mülleimer, soziale Absicherung, die Freiheit zur Meinungsäußerung und meinen privaten Raum.

Die Musikerin Dota Kehr drückt es in ihrem Song Grenzen so aus: „Wieso schützt man die Grenzen der Staaten so gut und die Grenzen der Menschen so schlecht? Sie müssen nicht zwischen den Ländern verlaufen, sondern zwischen den Menschen. Nicht aus Stacheldraht sollen sie sein, sondern aus Respekt. Es gibt Grenzen. Nennt mich naiv, es ist mir egal, aber ich finde es reicht, ich suche das Land in dem jeder dem Anderen in Staatsunangehörigkeit gleicht. Ich melde mich ab, ich will einen Pass, wo Erdenbewohnerin drin steht.“

In diesem Sinne ist die Frage nach der nationalen Herkunft weniger aussagekräftig als die Frage: Wo fühlst du dich zuhause? Mit welchen Orten fühlst du dich verbunden?

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2 | 2018, Deutschland, Vietnam,
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Deutschland/Thailand/Philippinen: Die feministische Frauen-Beratungsstelle Ban Ying (= Haus der Frauen) setzt sich in Berlin gegen Ausbeutung und Menschenhandel ein.

Ban Ying kommt aus dem Thailändischen und bedeutet Haus der Frauen. Der Verein Ban Ying wurde 1989 von Sozialarbeiter*innen und Mitarbeiter*innen von Berliner Gesundheitsämtern gegründet. Grund war die zunehmende Zahl an thailändischen Frauen, die dort in die Gesundheitsberatung kamen und von sexueller Ausbeutung betroffen waren. Damals gab es keinen Ort, wo sie vor Verfolgung durch Zuhälter*innen und Schlepper*innen sicher waren. Vor allem Frauen aus Thailand und den Philippinen waren anfangs die Zielgruppe des Vereins. Inzwischen berät Ban Ying Menschen aus wesentlich mehr Ländern.

Mit einer anonymen Zufluchtswohnung sowie einer Beratungs- und Koordinationsstelle setzt sich Ban Ying mit Beratung, Unterbringung, Netzwerk- und Öffentlichkeitsarbeit gegen Menschenhandel und für Migrant*innen ein, die von Ausbeutung, Gewalt und/oder Menschenhandel betroffen sind. Der Verein berät alle, die sich als Frau identifizieren.

Eine Zielgruppe von Ban Ying sind von Menschenhandel betroffene Frauen. Gibt es Menschenhandel überhaupt in Deutschland?

Ja, es gibt Menschenhandel in Deutschland, in anderen EU-Ländern, auf dem Weg nach Europa und im Herkunftsland. Es gibt immer mehr eine Schnittmenge von Geflüchteten, Asylsuchenden und Betroffenen von Menschenhandel in Deutschland und in anderen EU-Ländern. Unsere Zielgruppen sind speziell die Betroffenen von Menschenhandel zum Zweck der sexuellen und Arbeitsausbeutung.

Bei der Gründung von Ban Ying lag der Fokus auf der Unterstützung von thailändischen Frauen. Ist Südostasien heute noch euer Arbeitsschwerpunkt?

Ban Ying wurde vor über 30 Jahren als Organisation für thailändische Frauen gegründet, die als Sexarbeiter*innen ausgebeutete wurden oder von Heiratshandel betroffen waren; später auch Hausangestellte. Die zehn ersten Jahre lag der Fokus auf Südostasien und besonders auf Thailand und den Philippinen. Nach der Wende kamen ausgebeutete Frauen aus Osteuropa dazu, in den letzten Jahren mehr und mehr Frauen aus afrikanischen Ländern und dem Nahen Osten. Ein großer Teil unser Klient*innen kommt heute immer noch aus Thailand und den Philippinen. Das zeigt sich auch durch unseren beiden Sprach- und Kulturmittler*innen, die Thai und Philippinisch sprechen.

Was sind die primären Zielgruppen von Ban Ying?

Unser Fokus liegt auf Frauen, die von Menschenhandel im Bereich Sexarbeit betroffen sind, oder die als Hausangestellte oder in andere Arbeitsbereiche wie die Gastronomie oder im Pflegebereich ausgebeutet werden. Wir sind eine Frauenorganisation. Die Arbeitsbereiche sind sehr gegendert. Wenn wir mit Männer die Ausbeutung erfahren, arbeiten würden, hätten wir vermutlich mit anderen Arbeitsbereichen zu tun, wie beispielsweise Bau, Schlachthöfe oder Gastronomie.

Welche Strukturen und Motive stecken hinter Menschenhandel?

Menschenhandel mit dem Ziel der sexuellen und/oder Arbeitsausbeutung geschieht oft im Kontext von Migration. Es gibt unterschiedliche Gründe warum Menschen migrieren. Zum einen sind es wirtschaftliche Gründe, aber auch politische wie Verfolgung. Es gibt einen politischen Rahmen, der Menschenhandel begünstigt. Verschärfte Migrationspolitik trägt dazu bei, dass es Menschenhandel gibt.

Wie kann Menschenhandel bekämpft werden?

Es ist problematisch, dass bei der Bekämpfung von Menschenhandel der Fokus nur auf Täter*innen, deren Bestrafung und Ermittlung, liegt. Es ist natürlich sehr wichtig, dass Täter*innen strafrechtlich verfolgt werden. Sichere Migration nach Europa und bessere Aufenthaltsperspektiven in Europa wären jedoch wirksamer und nachhaltiger, um Menschenhandel zu bekämpfen.

Ban Ying eine politische Organisation. Was sind eure konkreten Forderungen an die Politik?

Aktuell können Betroffene von Menschenhandel einen temporären Aufenthaltstitel bekommen, wenn sie bereit sind in einem Verfahren gegen die Täter*innen auszusagen. Dass der Aufenthaltstitel von der Kooperationsbereitschaft mit den Strafverfolgungsbehörden abhängig ist, ist aus verschiedenen Gründen problematisch.

Zum einen ist das Aufenthaltsrecht auf die Ermittlungen und das eventuell sich anschließende Verfahren begrenzt. Danach gibt es keine Garantie auf einen langfristigen Aufenthalt. Sie können nach einem Verfahren in ihr Heimatland zurückgeschickt werden. Das trägt dazu bei, dass viele Betroffene sich nicht bei der Polizei melden, nicht aussagen wollen oder können. Für die Betroffenen ist es sehr riskant, auszusagen, weil sie sich dadurch auch in die Gefahr begeben, ich ihrem Heimatland der Rache der Täter*innen und deren Netzwerken auszusetzen. Es geht aber auch anders: In Italien ist es möglich einen legalen Aufenthaltstitel zu erhalten, auch wenn Betroffene sich dagegen entscheiden in einem Verfahren auszusagen. Aufenthalt und die Unterstützung für Betroffene sind dort also entkoppelt von der Bereitschaft auszusagen. Wir fordern, dass Betroffene von Menschenhandel unabhängig davon, ob sie aussagen können oder wollen, einen Aufenthalt und Unterstützung in Deutschland bekommen.

Falls der Aufenthaltsstatus weiterhin an die Aussage vor Gericht gekoppelt bleibt, fordern wir zumindest, dass Betroffene, die aussagen, eine langfristige Bleibeperspektive bekommen. Es gibt schon jetzt die Möglichkeit, nach einem Verfahren aus humanitären Gründen einen Aufenthalt zu beantragen. Aber das funktioniert nicht immer.

Außerdem haben Betroffene von Menschenhandel eigentlich ein Recht auf eine Bedenk- und Stabilisierungszeit, um zu überlegen, ob sie überhaupt aussagen wollen oder können. Wir fordern, dass diese Bedenk- und Stabilisierungszeit besser umgesetzt wird.

Euer Ansatz ist die feministische Anti-Menschenhandelsarbeit. Was heißt das?

Wir sind auf der Seite der Betroffenen, wie auch immer sie sich entscheiden. Wir wollen keine herablassende und paternalistische Haltung in der Beratung, indem wir eine Person davon überzeugen, einen bestimmten Weg zu nehmen. In manchen Situationen müssen wir die Entscheidung der Frau akzeptieren. Wir nehmen ihre Entscheidung ernst und versuchen, sie nicht von etwas zu überzeugen.

Menschenhandel betrifft vor allem Frauen und Mädchen. Feministische Anti-Menschenhandelsarbeit bedeutet deshalb auch, dass wir Menschenhandel als Ergebnis von ungerechten und patriarchalischen Strukturen betrachten und bekämpfen in dem wir zusätzlich zu Beratung auch Öffentlichkeits- und Advocacy-Arbeit betreiben.

Kannst du das an konkreten Beispielen erklären?

Es gibt in Deutschland aber auch weltweit Hausangestellte, die unter schlimmen Bedingungen in Diplomatenhaushalten arbeiten. Hausangestellte von Diplomat*innen haben aufgrund der Immunität ihrer Arbeitgeber*innen kein Zugang zum Recht.

Trotzdem gab Situationen in denen Arbeitgeber*innen – wenn sie erfahren, dass ihre Mitarbeiter*innen bei uns in der Beratung sind – sich unter Druck fühlen und neue, fairere Arbeitsbedingungen anbieten. Diese neuen Bedingungen sind zwar besser, aber weiterhin ausbeuterisch. Es gibt Hausangestellte, die sich in dieser Situation trotzdem dafür entscheiden, dort weiter zu arbeiten. Das respektieren wir.

Ein weiteres Beispiel ist Ban Yings Einstellung gegenüber Sexarbeit. Es gibt Klient*innen die nie in der Sexindustrie arbeiten wollten und in Deutschland ausgebeutet wurden. Wir haben aber auch Klient*innen, die in ihren Heimatland Sexarbeiter*innen waren, hier in der Sexindustrie ausgebeutet wurden, gegen ihre Täter*innen in einen Prozess aussagen und weiterhin als selbständige Sexarbeiter*innen tätig sind. Viele Organisationen, die im Bereich Anti-Menschenhandel tätig sind, sind grundsätzlich gegen Sexarbeit. Bei Ban Ying setzen wir uns gegen sexuelle Ausbeutung, aber nicht gegen Sexarbeit ein. Es ist anti-feministisch, zu versuchen die Frauen zu überzeugen, nicht mehr als Sexarbeiter*innen tätig zu sein. Wir respektieren die Entscheidungen unserer Klient*innen und unterstützen sie.

Neben Menschenhandel habt ihr noch weitere Beratungsfelder. Worum geht es da konkret?

Eine weitere Zielgruppe sind Frauen, die nicht von Menschenhandel aber von anderen Formen von Gewalt betroffen sind. Zum Beispiel Frauen die häusliche Gewalt erfahren und deren Aufenthalt von der Ehe zu ihrem deutschen Mann abhängig ist. Wenn es Kinder in der Beziehung gibt, ist das Sorgerecht ein häufiges Thema. Frauen stehen nach der Trennung oft finanziell schlechter als ihre Ex-Männer da und können sich im Sorgerechtsstreit durch die Sprachbarriere nicht gut verteidigen. Wir beobachten, dass Frauen gegenüber ihren deutschen (Ex-)Männern sehr oft das Sorgerecht verlieren.

Gibt es Beispiele in euerer Arbeit, wie sich Migrant*innen zusammenfinden und unterstützen?

Es gibt ein breites Diasporaspektrum in unserer Arbeit. So gibt es Communities die besser vernetzt sind als andere. Die philippinische Community ist zum Beispiel sehr gut vernetzt. Es gibt auch Einzelkämpfer*innen, aber der Großteil unserer Klient*innen kommt durch ‚Mund-zu-Mund-Propaganda’ über ihre Communities zu uns.

Unsere Sprach- und Kulturmittler*innen für Thai und Philippinisch organisieren normalerweise regelmäßige Veranstaltungen mit den Frauen. Zum Teil, um die Frauen über ihre Rechte zu informieren, aber auch zu gemeinsamen Freizeitveranstaltungen, wie zusammen kochen, Museumsbesuche oder Boot fahren auf der Spree. Dadurch entwickelt sich auch eine Community innerhalb unseres Netzwerks. Sie machen das eigentlich einmal im Monat, aber wegen Corona pausiert derzeit das Angebot.

Welchen Einfluss hat die Corona-Pandemie noch auf eure Arbeit?

Unsere Arbeit wird sehr von der Pandemie erschwert. Wir machen weiterhin Beratungen vor Ort unter Sicherheitsauflagen. Die vor-Ort Beratung mussten wir aber stark beschränken. Wir machen jetzt mehr Online- und Telefon-Beratung. Das ist komplizierter und verlangsamt unsere Arbeit, weil es sehr viele Barrieren gibt. Sprachbarrieren sind größer und auch die Zusammenarbeit mit Behörden ist schwerer geworden. Alles verlangsamt sich.

Und welchen Einfluss hat die Pandemie auf die Migrant*innen, die ihr beratet?

Viele unserer Klient*innen, insbesondere Sexarbeiter*innen, konnten sehr lange nicht arbeiten. Das hat ihre Situation noch prekärer gemacht als vor der Pandemie.

Bei den diplomatischen Hausangestellten haben wir eine sehr besorgniserregende Beobachtung gemacht. Dieses Jahr sind sehr viel weniger Hausangestellte zu uns gekommen. Wir glauben nicht, dass ihre Arbeitsbedingungen sich verbessert haben, sondern dass die Hausangestellten noch isolierter sind und uns weniger erreichen können.

Portraitserie ME IN THE MIDST OF CHANGING TIMES AND SOCIETIES von Krisanta Caguioa-Mönnich 2019 © Krisanta Caguioa-Mönnich mit Zitaten der portraitierten Frauen:

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2 | 2018, Deutschland, Vietnam,
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Deutschland/Philippinen: Jede Identität wird erst in der Gemeinschaft erlebt und erfahren. Unsere Autorin Analie Gepulani Neiteler macht sich auf die Suche nach philippinisch-deutscher Identität.

Ich stand in einem Kreis zusammen mit deutschen Freunden sowie mir bis dahin unbekannten Freundesfreund*innen. Sie waren alle weiß. Plötzlich hörte ich eine „Hey, asiatisches Mädchen“, rufen. Ich wusste, sie meint mich. Sie rief mich mehrmals, aber ich ignorierte sie. Sie sollte meinen Namen wissen und wenn sie ihn nicht weiß, wollte ich sie dazu bringen, vernünftig mit mir zu sprechen. Sie fragte dann „Kann ich das so sagen? Du bist doch ein asiatisches Mädchen, oder?“. Ich versuchte, möglichst unaufgeregt und lässig zu sagen, dass ich stattdessen meinen Namen Analie bevorzuge. Sie war neugierig und fragte dann ganz konkret nach meiner Herkunft. Mittlerweile versuche ich nachsichtig damit umzugehen und störe mich nicht mehr per se an solchen Situationen.

Wie fühlt sich Othering an?

So etwas nennt man Othering. Othering bedeutet, jemanden zu etwas anderem, etwas Fremden zu machen (Ogette, 2017:  exit RACISM: rassismuskritisch denken lernen). Durch solche Erfahrungen werden Menschen, wie ich, als Fremde in der Heimat markiert. Überraschend ist der Ort der Geschehnisse: Mitten in Berlin. Zwischen Görlitzer Bahnhof und Kottbusser Tor. Vermutlich eine der multikulturellsten Gegenden der ganzen Bundesrepublik. Ich bin in einer ländlichen Gegend aufgewachsen, und von Unbekannten Sprüche hinterhergerufen zu bekommen wie „Sching Schang Schong“ waren Alltag für mich. Vielen Frauen ist das beklemmende Gefühl sicherlich bekannt, welches fremde Männer auslösen können, die uns ungefragt hinterherrufen, pfeifen oder ein „Hey Süße“ beim Vorbeigehen ohne Blickkontakt ins Ohr zischen.

Zusätzlich zum offenen Sexismus auf der Straße, kommen bei mir rassistische Sprüche wie oben genannt noch dazu. Ich dachte lange, mit meinem Umzug in die Großstadt könnte ich solchen Sprüchen entfliehen, mich in der Anonymität und Unsichtbarkeit verstecken. Diese Person – für die ich bloß das asiatische Mädchen war – erinnerte mich daran, dass ich mich nicht verstecken konnte, aber auch nicht dazu gehören sollte. Manchmal habe ich trotzdem einen ganz guten Spruch parat, um das Othering meines Gegenübers zu enttarnen, ohne dass ich dieser Person Vorwürfe mache und sie im schlimmsten Fall auch noch defensiv reagiert und sich schämt. Ich bin wütend, aber Scham halte ich trotzdem für kein konstruktives Gefühl.

Viel mehr als ‚nur’ philippinisch-deutsch

Ich bin Filipina und ich bin Deutsche. Gleichzeitig bin ich viel mehr als das. Ich bin in Deutschland aufgewachsen, aber die Deutschen haben mich nie vergessen lassen, dass ich so richtig nicht hierhin gehöre. Mein ganzes Leben versuche ich, mich zu beweisen. Ich versuche, zu beweisen, dass ich dazugehöre.

Ich bin keine Nationalistin. Daher muss ich Zugehörigkeit nicht durch meine gelebte Zugehörigkeit zu einer Nation erfahren. Ich strebe trotzdem nach Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft. Tut das nicht jede*r? Ich möchte dazugehören, aber lieber so, wie ich bin. Ich möchte mich nicht verstellen müssen. Oft habe ich aber das Gefühl, die Menschen wollen es nicht sehen.

Es gibt einen Spruch, an den ich oft denken muss: Gesagt ist nicht immer gehört, gehört heißt nicht immer verstanden, verstanden heißt nicht immer einverstanden, einverstanden heißt nicht immer umgesetzt und umgesetzt heißt nicht immer beibehalten. Der Weg zu einer nachhaltigen Veränderung ist also langwierig. Wir müssen immer wieder in Dialog treten mit unserer Gemeinschaft.

Philippinische Gemeinschaft I: Utang na loob

Für mich war Identität immer ein Kampf, bei dem es darum ging, dafür einzustehen, wer ich bin und mir nicht die Sicht verblenden zu lassen von denjenigen, die mich nicht sehen können oder wollen. Meine Identität ist vielschichtig. Ich bin Deutsch-Filipina und dadurch gehöre ich der philippinischen Diaspora in Deutschland an. In Deutschland und in den Philippinen waren meine Großeltern Bauern, auch meine Eltern hart arbeitend. Nur weil meine Vorfahren gewisse Lebensentscheidungen getroffen haben, bin ich wiederum hier. In den Philippinen nennt man so etwas wohl utang na loob: Ich bin meinen Vorfahren unermessliche „innerste Dankbarkeit“ schuldig – ganz buchstäblich. Die akkumulierten Erfahrungen meiner Vorfahren mit den darauf folgenden Entscheidungen und Erfahrungen, die ich in Abhängigkeit davon getroffen habe, machen aus, wer ich bin und brachten mich dorthin, wo ich jetzt gerade stehe.

 

Philippinische Gemeinschaft II: Kapwa

Seit meinem Umzug nach Berlin und dem Beginn des Studiums kann ich mich sehr glücklich schätzen, noch mehr philippinische Deutsche oder deutsche Filipin@s in ähnlichen Identitätskrisen, wie ich sie hatte, kennen zu lernen. Weil ich mich im Studium mit der Region Asien beschäftige – insbesondere den Philippinen – versuche ich, die Welt mit Hilfe von asiatischen Philosophien zu verstehen. Der Begriff Kapwa ist ein Konzept der philippinischen Psychologie und bedeutet so viel wie „geteilte Identität“, Gleichberechtigung oder „mit anderen sein“ (Concepcion 2016). Kapwa als Begriff zu lernen, war eine Lehre für mich. Durch Kapwa konnte ich endlich ausdrücken, was ich immer gesucht habe: Gemeinschaft.

Diskriminiert oder privilegiert?

In meiner Kindheit war ich zweimal in den Philippinen, mehr Reisen waren finanziell nicht drin. Bis zu unserer ersten Reise hatte meine Mutter ihre Familie 15 Jahre nicht gesehen. Fast bis zum Abschluss meines Bachelor- Studiums habe ich mich übermäßig negativ diskriminiert gefühlt. Ich habe viel darüber nachgedacht, was ich alles nicht hatte und was mir Steine in den Weg gelegt hat. Ich fange nun an, meine Privilegien zu sehen und statt mich derer zu schämen, sie zu nutzen. Für diejenigen, die weniger privilegiert sind.

Mein Privileg ist, dass ich gut überleben kann in dieser Welt, die vor Ungerechtigkeiten nur so strotzt. Ich kann auch besser überleben als das meine Vorfahren und Teile meiner erweiterten Familie tun können. Dass ich mich privilegiert fühle, löst in mir eine starke Solidarität aus mit denjenigen, die es nicht sind. Aber Privileg ist ein Gefühl so wie Solidarität ein Gefühl ist. Etwas schwer Greifbares, Abstraktes.

Intersektionalität: Positionierung als Empowering

Noch versuche ich selbst, mich im Netz der Intersektionalität zurechtzufinden. Intersektionalität ist ein Konzept, das von der Schwarzen Juristin Kimberlé Crenshaw entwickelt wurde, um die vielschichtige Diskriminierung in Gesellschaftsstrukturen darzustellen. Die Rosa-Luxemburg-Stiftung schreibt darüber in einem Heft mit Bildungsmaterial zum Konzept Intersektionalität: „Viele Menschen sehen sich in ihrem alltäglichen Leben nicht nur mit einem einzelnen Unterdrückungsverhältnis, wie zum Beispiel sexistischen Strukturen, konfrontiert, sondern befinden sich zur selben Zeit in einer prekären ökonomischen Situation und sind zusätzlich als (Post-)Migrant_innen negativ von Rassismus betroffen.“

Zu erkennen, welche Diskriminierungsformen es gibt, ist allerdings nur der erste Schritt zu gesellschaftlicher Transformation. Sich nicht selbst zu lähmen und stattdessen selbst zu ermächtigen, das geht in meinen Augen nur, wenn wir auch darauf schauen, welche Privilegien wir haben. Diese Privilegien anzunehmen, statt sich ihrer zu schämen und sie einzusetzen, kann sehr selbst ermächtigend wirken.

Die philippinisch-US-amerikanische Rapperin Ruby Ibarra, hat in ihrem Song Us (feat. Rocky Rivera, Klassy & Faith Santilla) folgende Zeilen geschrieben:

YouTube Video: Ruby Ibarra: Us (feat. Rocky Rivera, Klassy & Faith Santilla):

Nur, weil wir als philippinische Diaspora in Deutschland unsere privilegierte Situation im Vergleich zu den Philippinen verstanden haben, konnten wir uns zusammentun und zu Beginn der Corona-Pandemie die Aktion Ayuda – Hoffnung durch Aktion ins Leben rufen. Damit haben wir benachteiligte Gruppen auf den Philippinen mit Lebensmitteln versorgt sowie ein Krankenhaus in Marawi mit Covid-Schutzausrüstung. Ohne unser philippinisches Verständnis von Kapwa – dass wir zusammengehören – wäre diese diasporische Solidarität wahrscheinlich nicht möglich gewesen.

Du bist nicht allein und du gehörst dazu

Lange habe ich mich allein gefühlt mit meiner Erfahrung. Das Teilen von Erfahrungen mit Menschen, die ähnliche Lebensgeschichten haben und das Gefühl eines kollektiven Empfindens haben mir sehr gut getan. Daher habe ich in meinem Beitrag für das Buchprojekt des Sentro ng Kultura at Wika ng Austria at Pilipinas deutschsprachige sogenannte second generation Filipin@s nach ihren Erfahrungen befragt und diese zusammen getragen. Damit hoffe ich, jungen Menschen mit ähnlicher Ausgangsposition, wie ich sie hatte, Mut zu machen und ihnen das Gefühl zu geben, gehört zu werden. Ich möchte ihnen sagen: „Vielleicht haben wir beide eine ähnliche Geschichte und sei es nur die, dass deine Eltern oder ein Elternteil irgendwann nach Deutschland gekommen sind. Vielleicht hast du die Erfahrung der Migration sogar selbst gemacht und aus erster Hand miterlebt. Ganz sicher ist aber, du bist nicht allein und du gehörst dazu. Wir gehören hierher.“

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2 | 2018, Deutschland, Vietnam,
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Indonesien/Thailand/Hongkong/Deutschland: Cassie Sukmana und Kwok-Fai Cheung haben sich in Köln mit dem Restaurant Daur Lang ihren Traum erfüllt, einen Mix aus Tradition und Nachhaltigkeit. Im Interview berichten sie über ihr Leben in der Diaspora – und natürlich über ihre Kochkünste.

Was hat euch beide in die Gastronomie geführt?

Cassie (C): Wir haben vorher lange in Berlin gelebt, wo wir uns auch kennen gelernt haben. In Köln wohnen wir jetzt seit fünf Jahren. Ich habe bereits zehn Jahre in der Gastronomie gearbeitet, mein Mann sogar noch länger. Es war schon immer mein Traum, ein eigenes Restaurant zu haben. Das haben wir nun zusammen umgesetzt.

Welche Einflüsse prägen die Küche, die ihr anbietet?

C: Wir haben unsere Vorstellungen in einem neuen Konzept verwirklicht. Dazu haben wir uns am Stil eines Asian Bistro orientiert, in dem wir eine Küche anbieten, die wir als ‚Hausmannskost’ bezeichnen würden. Also Gerichte, die sich in Deutschland sonst schwer finden lassen. Überwiegend servieren wir indonesische Speisen, da ich aus Indonesien komme und das dortige Essen sehr vermisst habe. Deswegen wollte ich für die Menschen das kochen, was ich selbst gern esse. Gerichte, die in Indonesien auf der Straße verkauft werden. Aber wir bedienen uns auch an Einflüssen aus der chinesischen und thailändischen Küche. Da mein Mann zur Hälfte Thailänder und zur Hälfte Hongkonger ist, überlasse ich das ihm.

Kwok-Fai (K-F): Wir wollten kein typisches 08/15-Restaurant mit Gerichten, die überall zu bekommen sind. Wir möchten den Menschen richtiges Heimatessen anbieten. Wichtig war uns auch ein wechselndes Menü, um für Abwechslung zu sorgen. Ansonsten wäre es schnell langweilig geworden.

War es für euch schwer, das Restaurant bekannt zu machen?

K-F: Ganz ehrlich: Restaurants wachsen wie Unkraut. An jeder Ecke entsteht etwas Neues, das macht es nicht einfacher. Ich würde nicht unbedingt als erstes ein Restaurant eröffnen, wenn ich neu nach Deutschland kommen würde. Aber durch unseren alternativen Ansatz sind wir in kurzer Zeit schon recht bekannt geworden und haben uns vor allem in der Südstadt von Köln einen Namen gemacht. Wir haben viele Stammkund*innen und kriegen oft Lob für das, was wir machen. Mich freut es sehr, dass die Menschen uns schon als Teil ihres Viertels betrachten.

Worauf habt ihr, neben der Menükarte, noch geachtet?

C: Uns war es wichtig, ein nachhaltiges Restaurant zu betreiben. Deswegen bieten wir, neben unserer Speisekarte, auch regionale Lebensmittel und wiederverwertete Dekorationsartikel in unserem Laden an. Diese werden beispielsweise aus Holz oder alter Pappe gefertigt und somit wiederverwertet. Zudem haben wir alle Möbel in unserem Laden gebraucht gekauft. Der Gedanke dahinter war, dass es bereits so viel Müll auf unserem Planeten gibt, dass wir nicht noch mehr davon produzieren, sondern vielmehr den vorhandenen dazu nutzen möchten, etwas Neues herzustellen.

Was bedeutet es euch, asiatische Gerichte anzubieten?

C: Wir kennen asiatische Gerichte durch unsere Familien und haben von deutscher Küche wenig Ahnung. Aber wir müssen auch kreativ sein, da wir vegetarische Gerichte anbieten. Fleisch kann man bei uns nur extra dazu bestellen. Typisch indonesische Gerichte wie Rendang [Rindfleisch mit speziellen Gewürzen in Kokosmilch, d.R.], sind schon schwer vegetarisch zu gestalten. Das Gericht wird in Indonesien mit Rindfleisch gekocht, bei uns mit Tofu. Allein für die Soße brauchen wir vier Stunden, deshalb bereiten wir es nur einmal im Monat zu. Viele unserer Gäste kannten das Gericht nicht, waren aber begeistert, nachdem sie es probiert hatten.

Wir bieten überwiegend vegetarisches und veganes Essen an, da übermäßiger Fleischkonsum einfach nicht nachhaltig ist. Unsere Karte spiegelt dabei genau das wider, was wir auch selbst zu Hause essen. Wir essen zwar Fleisch, aber sehr selten und ausgewählt. Deshalb möchten wir das Narrativ umkehren, dass vegetarisches Essen eine Besonderheit sei und Fleisch die Norm darstelle.

Was verbindet ihr mit indonesischem Essen?

C: Indonesisches Essen steht für mich für Heimat. Ich kann, wenn ich esse, gedanklich zu meiner Familie reisen und viele Erinnerungen in mir wecken. Aber auch bei den meisten Kund*innen, die zu uns kommen und beispielsweise schon auf Bali waren, weckt unser Essen Erinnerungen. Viele freuen sich und schwelgen in Nostalgie an ihre schöne Zeit in Indonesien.

Hast Du Kontakt zu anderen Indonesier*innen in Deutschland?

C: Wir sind kein Teil einer größeren Gruppe, aber haben einige indonesische Freund*innen in Köln. Hier gibt es nicht so viele Indonesier*innen wie zum Beispiel in Berlin. Als ich nach Deutschland kam, wohnte ich in Berlin, um International Business zu studieren. Internationale Studierende mussten vor der Uni ein Studienkolleg besuchen. Dabei handelt es sich um ein Schuljahr, in dem Kenntnisse in Deutsch, Englisch, Mathe oder auch Wirtschaft aufgefrischt werden. Dort haben sich viele Indonesier*innen kennengelernt, aber auch Menschen anderer Nationalitäten.

Später bin ich nach Köln umgezogen und habe dort mein Studium beendet. Mein Bruder hat dort gewohnt, so konnte ich ihm näher sein. Mittlerweile ist er wieder nach Indonesien gezogen. In Köln konnten wir uns sehr schnell einleben. Es geht uns gut hier, was auch ein Grund war, das Daur Lang zu eröffnen. Wenn alles nach Plan läuft, bleiben wir auch die nächsten Jahre hier.

Was bedeuten Restaurants für die indonesische Diaspora in Deutschland?

C: In Deutschland gibt es mehrere indonesische Restaurants. Vor allem in Berlin, aber auch in anderen Städten. In Köln sind es momentan noch drei weitere. Das älteste davon gibt es schon seit 35 Jahren. Das wurde schon von der Großmutter des jetzigen Inhabers geführt. Einige Indonesier*innen haben direkt, nachdem sie nach Deutschland kamen, indonesische Läden oder Restaurants eröffnet. In Hamburg gibt es auch ein Restaurant und sogar einen indonesischen Lebensmittelladen, den größten in Deutschland.

Wie ist Dein Verhältnis zu Deinen Verwandten in Indonesien?

C: Ich fliege circa einmal alle zwei Jahre nach Indonesien. Meine ganze Familie wohnt dort, deshalb wohne ich quasi alleine hier. Ich vermisse sie alle sehr. Aber der technische Fortschritt macht es auf jeden Fall einfacher, den Kontakt zu halten. Messenger Dienste haben es sehr viel leichter und günstiger gemacht, zu telefonieren. So ist es definitiv erträglicher. Aber sobald die Pandemiesituation es zulässt, würde ich gerne wieder nach Indonesien reisen.

K-F: Bei mir ist es, dadurch dass ich in Berlin aufgewachsen bin, etwas einfacher. Meine Eltern und der engste Familienkreis lebt noch dort. Meine Großeltern, Onkel und Tanten jedoch leben in Thailand und in Hongkong. Daher kann ich nachvollziehen, wie weit für Cassie die Distanz zu ihrer Familie ist.

Habt ihr das Gefühl, das Menschen aus Südostasien mittlerweile besser repräsentiert in Deutschland sind?

C: Die Repräsentation nimmt auf jeden Fall zu, wir fühlen uns mehr willkommen. Ich kann es natürlich nur bedingt vergleichen, da ich erst seit fünf Jahren in Köln lebe. Hier sind wir glücklicher als in Berlin, denn die Leute sind netter und aufgeschlossener. Mein Mann kann das allerdings besser einschätzen, da er in Deutschland aufgewachsen ist. Am Anfang der Corona-Zeit haben die Anfeindungen gegen uns deutlich zugenommen.

K-F: Da kamen teilweise richtig rassistische Sprüche. Das war schon sehr fies, nett gesagt. Mittlerweile schalte ich allerdings einfach auf stumm und höre solchen Sprüchen nicht mehr zu. Viel passiert auch durch fehlende Bildung und Falschinformationen. Da wird gerne ein Bild aus Boulevardmedien übernommen, dass das Virus von Asiat*innen stamme. Aber mal im Ernst: Es gab genug andere Krankheiten mit vielen Toten. Zum Beispiel die Influenza-Grippe. Nur stammte diese eben aus Europa, nicht aus Asien. Deswegen sorgte das nicht für eine vergleichbare Diskriminierung.

Habt ihr auch früher schon derart viele Diskriminierungserfahrungen gemacht?

K-F: Damals vor 25 Jahren, als Asiate in Berlin aufzuwachsen, war hart. Niemand hat Dich wahrgenommen. Ich hatte teilweise das Gefühl, ein Nichts zu sein. Aber mittlerweile hat sich einiges geändert. Jüngere Asiat*innen haben zum Glück nicht mehr die gleichen Probleme, wie ich damals. In der Großstadt gibt es so etwas heutzutage nur noch selten.

C: Ich glaube auch, dass sich das mediale Bild von Asien gewandelt hat. Heutzutage wird deutlich weniger rassistisch über Asiat*innen gesprochen, als es früher noch der Fall war.

Welche Herausforderungen bringt die Corona-Pandemie für das Restaurant mit sich?

C: Das Daur Lang haben wir seit circa einem Jahr. Leider haben wir kurz vor dem Beginn der Corona-Pandemie eröffnet, das war ein denkbar schlechter Zeitpunkt für uns. Und jetzt, ein Jahr später, befinden wir uns immer noch in der Pandemie. Es gibt wirklich leichteres, aber da müssen wir durch. Wir bieten weiterhin unsere Gerichte zum Abholen an und erhalten dafür auch viel Zuspruch. Wir hoffen natürlich, dass es wieder Richtung Normalzustand geht.

K-F: Ich bin mit unserem Restaurant an sich auf jeden Fall zufrieden. Mit dem was wir schon erreicht haben – Mit der aktuellen Situation natürlich weniger. Aber das geht wahrscheinlich Allen so. Viele Leute sprechen uns Mut zu und sagen uns, dass wir durchhalten sollen. Dafür lohnt es sich definitiv, weiterzumachen.

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2 | 2018, Deutschland, Vietnam,
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Vietnam/Deutschland: Das Jahr 1990 war ein Jahr des Wandels, nicht nur für weiße Deutsche, sondern auch für Vietnames*innen, die zu der Zeit in Deutschland lebten. Dieser Artikel betrachtet anhand einer Biografie die deutsch-vietnamesische Migrationsgeschichte nach Ost-Deutschland

2020 war das Jahr einiger historischer Jubiläen, die das Leben von Menschen bereits vor Jahrzehnten drastisch änderten: 30 Jahre deutsche Wiedervereinigung, 45 Jahre diplomatische Beziehungen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und Vietnam, 40 Jahre Vertragsarbeiterabkommen zwischen der DDR und Vietnam. Diese Ereignisse form(t)en transnationale Geschichte(n) und setz(t)en Migrationswege in Gang – bis heute.

Von Vietnam in die Tschechoslowakei

„Ich wurde im Januar 1990 als Kind zweier vietnamesischer Vertragsarbeiter*innen geboren. Mein Vater kam 1982 in die Tschechoslowakei, um in der Industriestadt Pardubice in einer Farbenfabrik zu arbeiten. Meine Mutter kam 1986 in die gleiche Stadt, sie wurde in einer Textilfabrik beschäftigt. Mein Vater integrierte sich schnell, lernte die tschechische Sprache und wurde den Kollegen und Vorgesetzten zu einer wertvollen Hilfe. Zudem half er seinen vietnamesischen Landsleuten dabei, sich in der fremden Umgebung zurechtzufinden. Ende der 1980er Jahre lernten meine Eltern sich kennen und lieben. Als meine Mutter mit mir schwanger wurde, begannen erste Schwierigkeiten. Vertragsarbeiterinnen war es nicht erlaubt, während des Einsatzes schwanger zu werden.

Der freundschaftlichen Unterstützung eines tschechischen Arztes ist es zu verdanken, dass die Schwangerschaft nicht abgebrochen werden musste und dass meine Eltern in Pardubice bleiben durften. Er attestierte meiner Mutter, dass sie wegen ihrer Umstände nicht mehr reisefähig war. Zwischenzeitlich hatte die ‚friedliche Revolution’ in der Region zu veränderten politischen Verhältnissen geführt. Auch die Bedingungen für Vertragsarbeiter*innen änderten sich schrittweise. Das Bleiberecht wurde zunehmend restriktiver ausgelegt. Im November 1990 sollte meine Familie die Tschechische Republik endgültig verlassen, es drohte die Ausweisung. Doch meine Eltern hatten sich an das Leben in Europa gewöhnt und in Vietnam keine wirtschaftliche Basis mehr. Zu jener Zeit boten sich noch etwas bessere Möglichkeiten, um nach Deutschland zu migrieren. Sie versuchten ihr Glück und gelangten über Umwege in das Asylheim Falkensee bei Berlin.“

Zum Zeitpunkt der deutschen Wiedervereinigung lebten rund 60.000 Vertragsarbeiter*innen in der DDR. Sie kamen aus sozialistischen ‚Bruderländern’, vor allem aus Angola, Mosambik und Vietnam. Durch Vertragsarbeit sollten die Sendeländer in der Lage sein, ihre Arbeiter*innen auszubilden, weiter zu qualifizieren und weniger Menschen im Land selbst versorgen zu müssen. Arbeiter*innen schickten Geld und industrielle Güter nach Hause und würden bei der Rückkehr in ihr Heimatland Fertigkeiten und Expertise mitbringen.

Vertragsarbeiterabkommen zwischen DDR und Vietnam

Die DDR und andere osteuropäische Länder hatten mit Arbeitskräftemangel zu kämpfen, besonders im Niedriglohnsektor. Viele Ostdeutsche waren nach Westdeutschland geflohen. Deshalb wurden zusätzliche Arbeitskräfte benötigt, um den Fünf-Jahres-Plan zu implementieren. 1980 wurde ein Abkommen zwischen Vietnam und der DDR unterzeichnet.

Migrant*innen aus Vietnam lockte eine Verbesserung der familiären ökonomischen Situation und die Möglichkeit zu reisen. Zu jener Zeit waren Erwerbsmöglichkeiten in Vietnam begrenzt. Hunger und Armut waren weit verbreitet, auch wenn sich die Lage Mitte der 1980er Jahre besserte. Ins Ausland zu reisen versprach Abenteuer und Prestige. Nicht alle, die wollten, durften das auch. Vertragsarbeiterinnen sahen zudem eine Chance, traditionellen Familienbildern zu entkommen, welche meist eine frühe Eheschließung bedeuteten.

Rückblickend beschreiben Vertragsarbeiter*innen ihre Zeit in der DDR fast glorifizierend und erwähnen selten die strikten Regulierungen, denen sie unterlagen. Ihnen stand beispielsweise nur ein Wohnraum von 5 m2 zu. Eine Schwangerschaft bedeutete die Wahl zwischen Abschiebung und Abtreibung. Zusätzlich erschwerte ihnen Rassismus das Leben in der DDR, auch wenn die Regierung dessen Existenz abstritt. Er reichte von Mikro-Aggressionen durch deutsche Kolleg*innen, die sich über vietnamesisches Essen lustig machten, bis hin zu rassistischer Gewalt im Zusammenhang mit der aufkommenden Skinhead-Kultur.

Unklare rechtliche Rahmenbedingungen nach dem Mauerfall

1990 kam die große Unsicherheit. Niemand wusste, was während des politischen Umbruchs mit den Vertragsarbeiter*innen in Deutschland geschehen würde. Viele akzeptierten die bezahlte Rückkehr nach Vietnam. Manche migrierten zwischen den ehemaligen Ostblock-Ländern. Für einige war Deutschland zu ihrem Zuhause geworden, wo sie bleiben wollten. Allerdings entschied die deutsche Politik erst 1997 über eine Bleiberechtsregelung. Bis dahin blieben rechtliche Rahmenbedingungen unklar, weshalb viele ehemalige Vertragsarbeiter*innen ihr Überleben in rechtlichen Grauzonen und selbständigen Arbeitsverhältnissen aushandelten.

„Hier [in Falkensee] verbrachte ich die erste Hälfte meiner Kindheit. Ich erinnere mich gern an das Leben im Wohnheim, das mir zunächst wie ein normales Zuhause vorkam. Erst später begriff ich, dass unser Leben immer von einer Duldung durch die Behörden abhing. Meine Eltern versuchten, uns durch Nebentätigkeiten ein angenehmes Leben zu sichern. Zudem genossen wir sehr viel Unterstützung durch deutsche Freund*innen und Nachbar*innen. Da meine Eltern jedoch nie studieren oder arbeiten durften, konnten sie sich keine langfristige Lebensgrundlage aufbauen und blieben immer im Status der geduldeten Asylsuchenden.

Ende der 1990er Jahre sollte das Asylheim Falkensee einer neuen Nutzung zugeführt werden. Alle Bewohner*innen wurden einer strengen Überprüfung unterzogen. Selbst die Tatsache, dass ich inzwischen drei jüngere Geschwister hatte, wurde bei der finalen Entscheidung nicht berücksichtigt. Im Jahre 2001 mussten wir nacheinander Deutschland verlassen, zunächst mein Vater, meine zwei Schwestern und ich, sechs Monate später meine Mutter und mein Bruder. Wir kamen vorerst bei Verwandten in Hanoi unter.“

Viet-Deutsche Identitäten sind harte Verhandlungsprozesse

Von den verbliebenen Vertragsarbeiter*innen überzeugten manche ihre Familien in Vietnam, ihnen nach Deutschland zu folgen. Viele hatten sich über Jahre nicht gesehen, die Kommunikation (damals noch ohne Internet und Smartphones) war eingeschränkt. Andere lernten ihre Partner*innen, sowohl deutsche, als auch vietnamesische, in Deutschland kennen und beschlossen, Deutschland zum Zuhause ihres Nachwuchses zu machen. Die Viet-Deutschen der so genannten 1 ½. Generation (geboren in Vietnam, aber jung nach Deutschland migriert) sowie der 2. und 3. Generation sind mit anderen Herausforderungen als ihre Elterngeneration konfrontiert. Dazu gehört der ständige Verhandlungsprozess zwischen Erwartungen der Eltern und der weißen deutschen Gesellschaft.

Mit zwei Kulturen aufzuwachsen ist ein Schatz, aber auch eine Belastung. Die eigene Identität zwischen oft traumatischen Familienbiografien, die den Lebensweg der Kinder als Wiedergutmachung für elterliche Entbehrungen sehen, ist eine Bürde. Erfolgreich und gehorsam zu sein steht oft im Konflikt mit der deutschen Umgebung in der Schule und mit Freund*innen. Zusätzlich zu diesen Spannungen und Erwartungen sind Viet-Deutsche weiterhin Rassismus und Stereotypen der weißen Mehrheitsgesellschaft ausgesetzt. Trotz Selbstidentifizierung als Deutsch werden sie mit Fragen wie „Wo kommst du wirklich her?“ und „Warum sprichst du so gut Deutsch?“ konfrontiert. Dies zeigt die Kluft zwischen Fremd- und Selbstbestimmung und schließt Personen aus einer Gruppe aus, zu der sie eigentlich gehören.

Viet-Deutsche Identitäten sind harte Verhandlungsprozesse und ein Kampf an mehreren Fronten zugleich. Trotzdem bleiben diese Kämpfe oft unsichtbar, da sie vom Stereotyp der ‚Vorzeigemigrant*innen’ verdeckt werden. Dieses Vorurteil reduziert Viet-Deutsche auf ihren Bildungserfolg und vergisst dabei, über die Traumata und Opfer zu sprechen, die der Preis für die oberflächlich scheinbar gelungene Integration sind.

„Die ersten Wochen in Vietnam verliefen sehr abenteuerlich: Ich sprach fließend Deutsch, hatte aber kaum meine eigene Muttersprache gelernt. Doch ich lernte schnell und so konnte ich meine Schulzeit bald fortsetzen und ein Studium beginnen. In all den Jahren erinnerte ich mich immer wieder an meine Kindheit in Deutschland und versuchte auch, Kontakt zu wichtigen Freund*innen aufrecht zu halten. In meinem Herzen blieb Deutschland immer eine Art Sehnsuchtsort. Um mit der deutschen Kultur in Verbindung zu bleiben, arbeitete ich in Hanoi als Stadtführerin für deutsche Tourist*innen und Langzeitreisende.

Schließlich wurde mein Wunsch unbändig, wieder in Deutschland zu leben. 2015 begab ich mich als Au-Pair nach Deutschland. Schnell frischte ich meine deutschen Sprachkenntnisse auf und bereitete mich darauf vor, im folgenden Jahr eine Ausbildung zu beginnen. Ich sah mich plötzlich in einer ähnlichen Situation wie meine Eltern 15 Jahre zuvor. Ich wollte alles richtig machen und entschied mich für einen Beruf mit guten Zukunftsaussichten. Heute lebe ich in Berlin, ich liebe meine Arbeit als Altenpflegerin, genieße das Leben und schaue mit Freude und Zuversicht in die Zukunft.“

Die DDR existiert nicht mehr, auch die Vertragsarbeit ist Geschichte. Doch es gibt eine neue Form der Migration zwischen Deutschland und Vietnam, die erneut darauf basiert, Vietnames*innen für Arbeit zu rekrutieren, die Deutsche wegen schlechter Arbeitsbedingungen nicht machen wollen. Diesmal geht es um die Pflegebranche (vgl. Artikel Pflegekräfte in der Corona-Krise auf suedostasien.net).

Das Goethe Institut ist weltweiter Anbieter von Deutschkursen, seine größte Sprachabteilung befindet sich in Vietnam. Die Nachfrage, nach Deutschland zu gehen, ist ungebrochen. Historische Verbindungen bleiben stark und junge Vietnames*innen suchen Chancen in Deutschland. Gleichzeitig setzt die deutsche Regierung eine Tradition fort und begeht dabei alte Fehler: Laut dem Deutschen Wirtschaftsministerium sei diese Arbeitsmigration temporär, langfristige Aufenthalte werden nicht erlaubt und deshalb stünden Integration und Inklusion neu ankommender Fachkräfte nicht auf der Prioritätenliste. Statt Geschichten und Erfahrungen von Vertragsarbeiter*innen ernst zu nehmen, scheint es, als würde sich die Geschichte mit einer neuen Generation wiederholen. Oder können wir die Jubiläen als Anlass nehmen, Politik neu zu denken und Migrant*innen weniger Diskriminierung auszusetzen?

Dieser Artikel wurde erstmals im englischen Original am 29.10.2020 durch die Heinrich Böll Stiftung veröffentlicht. Er wurde für südostasien ins Deutsche übersetzt und redaktionell bearbeitet.

Übersetzung aus dem Englischen von: Julia Behrens

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2 | 2018, Deutschland, Vietnam,
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Deutschland/Philippinen: Maite Hontiveros-Dittke erzählt von der gespaltenen Diaspora seit Rodrigo Duterte in den Philippinen an der Macht ist – aber auch von der verbindenden Kraft des Essens.

In der Übergangszeit 1986, nach dem friedlichen Sturz des philippinischen Diktators Ferdinand Marcos durch die Peoples Power Revolution, nutzten viele Filipin@s ihre neue Freiheit, um das Ausland zu erkunden. Diese Umbruchsphase war besonders für die damalige jüngere philippinische Generation wegweisend. Die politische Zukunft der Philippinen war ungewiss und vielen fehlte die Perspektive auf dem heimischen Arbeitsmarkt.

So ging es auch der studierten Ernährungswissenschaftlerin Maite Hontiveros-Dittke, die in jener Zeit den deutschen Familienfreund und Honorarkonsul aus Düsseldorf Karl-Heinz Stockheim fragte, ob sie bei ihm arbeiten könne. So kam sie mit einem dreijährigen Praktikumsvisum zu Stockheims Unternehmen. Maite arbeitete in jeder Abteilung und sammelte viele Erfahrungen. Sie lernte fleißig in Abendkursen Deutsch. Ihr Arbeitgeber erwartete, dass sie sich integriere und nicht ‚nur’ mit philippinischen Freund*innen der Diaspora Zeit verbringe. Maite lernte 1988 ihren Freund kennen und flog nach dem Ende des Praktikums 1989 zurück in die Philippinen.

Zurück in Manila und mit gesammelter Arbeitserfahrung standen ihr alle beruflichen Türen offen. Doch der Auslandsaufenthalt hatte Maite verändert. Sie genoss die Rückkehr in ihre Heimat, aber ihre eigene Kultur war ihr fremd, wirkte bigott auf sie. Sie hatte Schwierigkeiten, wieder Fuß zu fassen. Nach kurzer Fernbeziehung beschlossen ihr Freund und sie, zu heiraten. 1990 kam Maite zurück nach Deutschland – und musste sich erneut anpassen. Immer wieder arbeitete Maite neben ihrem eigentlichen Beruf als Urlaubsvertretung im philippinischen Konsulat. Dabei lernte sie die philippinische Diaspora kennen und wurde selbst ein Teil davon.

Wie würdest du philippinische Diasporagemeinschaften in Deutschland beschreiben?

Die philippinische Diaspora ist sehr regional organisiert, nach Inseln (Regionen) und Sprachgruppen, wobei die einzelnen Dialekte der philippinischen Sprache sehr verschieden und vielfältig sind. Auch gibt es Unterschiede anhand der verschiedenen Regionen in Deutschland, beispielsweise die Diaspora aus Hamburg, Köln oder München. Aber auch innerhalb der deutschen Regionen teilen sich die Filipin@s oft nach Heimatregionen auf. Die Sprache Tagalog fungiert als Bindeglied innerhalb der Diaspora, mein Tagalog hat sich in Deutschland deutlich verbessert, da wir Zuhause nur Ilonggo und Englisch sprachen.

Der Grund der Migration und der soziale Hintergrund der*des Filipin@*s spiegelt sich auch in der Zusammensetzung der Diaspora. Die ersten Pflegekräfte kamen in den 1970er Jahren, wobei auch andere Berufsgruppen nach Deutschland migrierten. Mail-order Brides aus einfachen Verhältnissen kamen ebenfalls nach Deutschland. Zur späteren Familienzusammenführung wurden Verwandte zum Arbeiten oder zum Heiraten nach Deutschland geholt. Seit 2012 kommen die EU Bluecard Holders mit einem Arbeitsvisum für den Schengenraum, die für große Unternehmen arbeiten. Diese Filipin@s wohnen entsprechend an ihrem Arbeitsort und nicht dort, wo philippinische Verwandte oder Freunde wohnen.

Wie hat sich die philippinische Diaspora über die Jahre verändert?

In der Zeit von Cory Aquino bis Rodrigo Duterte hat sich die Diaspora massiv verändert. Lange hielten alle Filipin@s in der Diaspora zusammen. Seit dem Amtsantritt von Präsident Duterte im Juni 2016 ist die philippinische Diaspora politisch gespalten in Duterte Anhänger*innen und Ablehner*innen. Diese Spaltung vollzog sich über Nacht und ohne Übergang; in den Philippinen selbst, aber auch in der weltweiten philippinischen Diaspora.

Einen Lichtblick in Deutschland setzten die letzten beiden philippinischen Botschafterinnen mit ihrer inklusiven Diasporaarbeit. Mit Hilfe von Kultur versuchen sie, die Diaspora über die politischen Gräben hinweg zusammenzuhalten. Bei den philippinischen Botschaften in Deutschland und den Niederlanden und dem Konsulat in Frankfurt unterstütze ich die philippinische Diaspora, indem ich mich bei Projekten inhaltlich oder durch Kochen einbringe.

Du lebst seit etwa 35 Jahren in Deutschland. Wie hat sich dein Engagement in der Diaspora verändert?

Ich bin Individualistin, gehörte nie fest zu einer Diasporaorganisation und habe versucht, unabhängig zu bleiben. Viele Diasporaorganisationen haben sich in Diehard Duterte Supporter (DDS)-Gruppen verwandelt, davon grenze ich mich ab.

Seither engagiere ich mich persönlich mit eigenen Projekten und sammle für die philippinische Stiftung NVC (Negrense Volunteers for Change) Spenden. NVC hat mit innovativen Ernährungsprogrammen für Kleinkinder in Negros begonnen, Unterernährung zu bekämpfen. Ich verkaufe Brötchen oder Polvorón (philippinische Süßigkeit) auf Spendenbasis und möchte gleichzeitig ein Bewusstsein bei meinen Kund*innen für die Programme von NVC schaffen. Mittlerweile ist NVC in den ganzen Philippinen aktiv und hilft dort, wo sie am dringendsten gebraucht wird: Beispielsweise bei dem Ausbruch des Taal Vulkans im Januar 2020 oder jetzt, während der Coronapandemie.

Spielt Rassismus eine Rolle im Alltag der philippinischen Diaspora in Deutschland? Welche Erfahrungen haben du oder dein Umfeld gemacht?

In der Diaspora habe ich keine direkten rassistischen Vorfälle mitbekommen. Rassismus innerhalb deutsch-philippinischer Ehen kommt vor, wenn ältere deutsche Männer sehr junge Filipinas heiraten – oft werden diese Frauen als Putzhilfen und Sexobjekte missbraucht. Wenn die Filipinas Kinder bekommen und diese aufwachsen, ist es für die Kinder oft schwierig, ihre eigene Identität zu finden. Manche schämen sich für ihre Eltern.

Die Anzahl an Heiratsmigrationen ist nicht mehr so gravierend, wie in den letzten Jahrzehnten. Stattdessen kommen mehr Filipin@s mit der BlueCard nach Deutschland, was natürlich einen Braindrain für die Philippinen zur Folge hat.

Wie hast du dich selbst seit dem Bruch in der Diaspora verändert?

Persönlich bin ich enttäuscht von der philippinischen Diaspora, dass Politik sich so auswirken kann. Angesichts der steigenden Mordzahlen in Präsident Dutertes so genanntem Drogenkrieg schrieb ich Papst Franziskus einen Brief und fragte ihn, wieso er in einem sehr katholischen Land, wie den Philippinen, ein derartiges Morden stillschweigend zulasse? Die Antwort war ein Standardbrief von einem Sekretär aus Deutschland. Bei einem Event mit dem ehemaligen philippinischen Erzbischof Luis Tagle in Berlin wurde er nach seiner Meinung zum ‚Drogenkrieg’ gefragt und er antwortete, dass er so viel reise und deshalb nicht Stellung dazu nehmen könne.

Ich war sehr enttäuscht von dieser Haltung, zumal er in seiner Position nicht stillschweigend diese Situation hinnehmen darf. Ich bin enttäuscht von der katholischen Kirche in den Philippinen und weltweit, es gibt nur wenige, die Dutertes Machenschaften offen kritisieren. Diese Bigotterie in den Philippinen macht mich sehr traurig, ich wünsche mir mehr Aufklärung und Hinterfragung der Religion.

Wie würdest du dein Verhältnis zu Bekannten, Freund*innen und Verwandten in den Philippinen beschreiben? Hat es Veränderungen oder Entwicklungen in diesen Verhältnissen gegeben?

Zu meiner Familie und meinen Freund*innen in den Philippinen habe ich ein enges Verhältnis. Neu in Deutschland, musste meine Familie mir gegenüber toleranter werden, da ich mich sehr verändert habe. Sieben meiner Geschwister leben/lebten (ein verstorbener Bruder) in Manila, ein Bruder lebt mit seiner Familie in den USA. Durch die sozialen Medien sind die Beziehungen enger geworden, spätestens seit dem Lockdown hat das virtuelle Kontakthalten mehr Bedeutung bekommen. Mit den Jahren und dem zunehmenden Alter wurden die Verbindungen tiefer und verständnisvoller.
Regulär versuche ich jedes Jahr für zwei bis vier Wochen in die Philippinen zu reisen. In den frühen Jahren ist meine Familie immer mitgekommen, aber mit der Schulpflicht konnten sie nicht mehr im Februar mitfliegen. Meine beiden Kinder sind nach dem Abitur für mehrere Monate in die Philippinen gereist, um Praktika zu machen, sie haben Erfahrungen gesammelt aber auch meine Kultur besser kennen gelernt. Diese Zeit war für beide sehr wichtig. Sie stammen aus einer multikulturellen Familie und hatten erstmals die Möglichkeit, ihre Wurzeln und Identität zu verstehen.

Welche Rolle spielt philippinisches Essen für die Diaspora und für dich?

Die Größte!!! Ein Treffen von Filipin@s ohne Essen ist undenkbar. Das gemeinsame Essen verbindet und bringt ein Heimatgefühl in die Diaspora. Bei Treffen bringt jede*r etwas zu Essen mit und trägt somit zum großen Buffett bei. Auch wenn es nur ein Keks ist, es ist wichtig, dass alle etwas mitbringen.

Essen war schon immer etwas Besonderes für mich. Ich bin mit acht Geschwistern mitten in Manila aufgewachsen, bei uns war immer Besuch und so gab es immer etwas zu essen, von morgens bis spät in die Nacht. Meine Mutter hat ständig Essen koordiniert, delegiert und gekocht. Essen hat und hatte in unserer Familie einen hohen Stellenwert. Meine Mutter hat mir das Backen beigebracht, deshalb war ich für die Backwaren zuständig.

Seit 30 Jahren arbeite ich nun als Köchin. Als ich nach Deutschland kam, habe ich selten philippinisch in meinem Beruf gekocht. Die Inhaberin von Mama Sita’s [philippinisches Lebensmittel-Unternehmen, das vor allem Würzpasten und Wok-Saucen herstellt, d.R.] lernte ich über das Konsulat kennen. Sie hat mich ermuntert, ihre philippinischen Produkte zu vermarkten und professionell philippinisch zu kochen. So bin ich 2013 in das asiatische Lebensmittelgeschäft eingestiegen und habe bis zuletzt viel für asiatische Lebensmittelhersteller*innen gearbeitet.

Wie hat sich dein Leben durch die Corona-Pandemie verändert?

Seit der Pandemie sind alle Projekte ausgefallen, Veranstaltungen, Messen, usw. Deshalb habe ich mir ab März 2020 eine persönliche Auszeit genommen und mich um meine Familie gekümmert. Doch irgendwann habe ich realisiert, dass ich meine Projekte nicht fortführen konnte und mir die Arbeit fehlte. Mit Onlinekochkursen und dem Kochen für Privatpersonen bin ich wieder eingestiegen, doch beides war sehr aufwendig, außerdem fehlte mir die Regelmäßigkeit der Arbeit.
Ein ehemaliger Projektpartner bot mir an, eine seiner Küchen zu nutzen, die Lockdown- bedingt geschlossen war. So ist mein Lieferservice im Raum Düsseldorf entstanden. Seit langem möchte ich die philippinische Küche bekannter machen, deshalb biete ich nun wöchentlich jeden Donnerstagabend ein philippinisches und ein asiatisches Menü an.

Wer zählt zu deinen Kund*innen beim Lieferservice Maite‘s Asiancuisine?

Ich bin sehr überrascht, wie schnell mein Lieferservice gewachsen ist. Vor Weihnachten habe ich wöchentlich rund 50 Essen ausgeliefert. Meine Kund*innen sind International, viele englischsprachige und philippinische Kund*innen, von denen viele regelmäßig bestellen. Die Filipin@s unterstützen meine Projekte besonders, beispielsweise die Polvorón-Christmas-Boxen [Polvorón = philippinische Süßigkeit]. Mit Beginn des Lieferservice habe ich mir überlegt, pro verkauftem Gericht 0,50€ an NVC (Negrense Volunteers for Change, siehe Teil I des Interviews) zu spenden. Ich freue mich über den Erfolg und darüber, dass ich NVC unterstützen kann. Der Lieferservice läuft gut und macht unheimlich viel Spaß – ist aber bisher eine Zwischenlösung.

Welche Zukunftsperspektive wünschst du dir für die philippinische Diaspora, für dich und deine Familie?

Der Diaspora wünsche ich mehr Zusammenhalt und Zwischenmenschlichkeit in jeder Hinsicht, ohne regionale und politische Vereinzelung und Hass gegeneinander. Der zweiten bis vierten Generation der philippinischen Diaspora wünsche ich, dass sie multikulturell und ohne Feindseligkeiten gegeneinander aufwachsen und leben.

Meiner Familie soll es weiterhin gut gehen und auch unser Zusammenhalt soll weiter bestehen. Nach der Pandemie hoffe ich, dass ich all meine Projekte wieder aufnehmen kann sowie dass die Zusammenarbeit mit der Botschaft und mit philippinischen Kulturinstitutionen wieder anläuft. Gern möchte ich wieder Veranstaltungen bekochen und den Lieferservice weiter betreiben – wer weiß, was sich daraus noch einmal ergibt. Ich finde immer neue Ideen und Energien dafür. Die Pandemie hat für mich in punkto Erholung und Reflexion viele positive Aspekte mit sich gebracht.

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2 | 2018, Deutschland, Vietnam,
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Deutschland: Die Sammlungen des Rautenstrauch-Joest-Museums (RJM) in Köln umfassen rund 10.000 Objekte aus Südostasien. Mehr als die Hälfte wurden während der Kolonialzeit erworben. Museumsmitarbeiter*innen geben Einblicke in die (selbst-)kritische Aufarbeitung der kolonialen Verflechtungen des RJM.

Hinweis: Begriffe in einfachen Anführungszeichen geben die weit verbreitete rassistische Sprache und Denkweise im Europa des 19. Jahrhunderts wieder und werden einzig in diesem geschichtswissenschaftlichen Zusammenhang verwendet.

Die Geschichte des Rautenstrauch-Joest-Museums – Kulturen der Welt (RJM) beginnt mit Wilhelm Joest (1852-1897), der Ende des 19. Jahrhunderts auf mehreren Reisen eine umfassende ethnografische Sammlung angelegt hatte. Nach dessen Tod schenkte seine Schwester, Adele Rautenstrauch (1850-1903), der Stadt Köln seine Privatsammlung und finanzierte den Bau des RJM, das 1906 eröffnet wurde.

Wilhelm Joest, Sohn eines Kölner Zuckerfabrikanten, nutzte das Familienvermögen, um zu reisen und zu sammeln. Seine wissenschaftliche Karriere in der Ethnologie begann mit einer Asienreise von 1879 bis 1882. Auf Java traf Joest den deutschen Ethnologen Adolf Bastian, der ihn anhielt, eine umfassende Sammlung der ‚Naturvölker‘ anzulegen. Joest kam dem nach und sammelte auf verschiedenen Inseln des malaiischen Archipels. Durch Empfehlungsschreiben hoher deutscher Diplomaten stand er in der Gunst des niederländischen Kolonialapparats. Joest zeigt in seinem Tagebuch die typisch ambivalente Haltung vieler weißer Europäer*innen zur voranschreitenden Kolonisierung: auf der einen Seite bedauert er das ‚Dahinschwinden‘ und die Christianisierung der von ihm romantisierten ‚Wilden‘, auf der anderen Seite lobt er die Ordnung der niederländischen Kolonialstützpunkte und das militärische Vorgehen etwa gegen die ‚barbarische‘ Kopfjagd. Tatsächlich erhielt Joest die für ihn wertvollsten Objekte, menschliche Schädel und Schüsseln mit Seladonglasur, 1880 im Kontext einer Militäraktion auf Seram.

Koloniale Gewalt, globale imperiale Netzwerke und ethnografisches Sammeln

Das verdeutlicht, dass Joest koloniale Gewalt zumindest dann guthieß, wenn sie ihm materielle Vorteile verschaffte. Zudem zeigt Joests Kooperation mit den niederländischen Truppen, dass sich der Zusammenhang zwischen kolonialer Gewalt und ethnografischem Sammeln nicht auf die nationale Ebene reduzieren lässt: Sammler agierten in globalen imperialen Netzwerken und konnten sich auch außerhalb der kolonialen Territorien ihrer Heimatnationen auf die Unterstützung lokaler Kolonialstrukturen verlassen. Joest kehrte mit seiner Sammlung aus gekauften, getauschten und erbeuteten Objekten nach Deutschland zurück und begann auf deren Basis seine wissenschaftliche Laufbahn. Die Objekte seiner Südostasien-Sammlung befinden sich heute in verschiedenen deutschen Museen, die Mehrzahl davon (332 Objekte) im RJM in Köln.

Insgesamt umfassen die Sammlungsbestände aus den Regionen Südostasiens im RJM heute rund 10.000 Objekte mit einem Schwerpunkt auf Indonesien. Nach aktuellem Kenntnisstand wurde mehr als die Hälfte der Bestände noch während der Kolonialzeit erworben. Ein Großteil der Objekte kam als Schenkungen oder durch Nachlässe von Privatpersonen, aber auch über den Ethnographica– [ethnographische Objekte, d. R.] und Kunsthandel, durch das Engagement des Fördervereins, als von Mäzenen finanzierte Ankäufe sowie den so genannten Dublettentausch mit anderen Museen ins RJM. Unter welchen Umständen Forschungsreisende, Kolonialbeamte, Militärangehörige, Missionare und andere Personen, die in den Kolonien tätig waren oder reisten, an die Objekte gelangten, ist in vielen Fällen noch unklar.

Unrechtskontexte und sensible Objekte

Unter den Ethnographica in den Sammlungen des RJM befindet sich heute neben Alltagsgegenständen auch eine Vielzahl kulturell sensibler Objekte, die in kolonialen aber auch anderen Unrechtskontexten erworben wurden. Dazu gehören archäologische Grabungen und die Ausfuhr in Zeiten instabiler politischer Situationen. Im RJM betrifft das insbesondere etwa 60 über den Kunsthandel erworbene Khmer-Objekte sowie Keramiken aus dem Nordosten Thailands, die aufgrund ihrer Identität stiftenden Bedeutung zu den sensiblen Objekten zählen. Die Ausgrabungsstätte Ban Chiang ist eine der bedeutendsten prähistorischen Siedlungen, die bisher in Südostasien entdeckt wurden. Die Funde gehören zu den ältesten weltweit und sind Beleg für frühe ausgefeilte Techniken in der Metall- und Keramikverarbeitung sowie raffiniertes Kunst-/Handwerk. Sie fallen unter das 1972 erlassene Verbot, archäologische Funde aus den Provinzen Udon Thani und Sakon Nakhon zu beschädigen, zu entwenden und zu handeln. 1992 wurde die Siedlung als Weltkulturerbe anerkannt und steht damit unter dem Schutz der UNESCO. Im gleichen Jahr erhielt das RJM etwa 40 Ban Chiang-Keramiken aus dem Kölner Museum für Ostasiatische Kunst.

Einen besonders sensiblen Umgang erfordern auch so genannte Human Remains. Im RJM befinden sich fünf bearbeitete menschliche Schädel aus Indonesien und von den Philippinen. Bei allen sensiblen Objekten sowie bei Human Remains ist es dem RJM ein Anliegen, im Austausch mit den Herkunftsgesellschaften zu diskutieren, wie ein respektvoller Umgang aussehen kann und ob eine Rückführung gewünscht ist. So hat das RJM 2018 über das Karanga Aotearoa Repatriation Programme, koordiniert durch das Museum of New Zealand Te Papa Tongarewa, einen tätowierten Schädel nach Neuseeland zurückgegeben.

Forschung und Transparenz als wichtige Schritte

In den letzten Jahren wird das koloniale Erbe ethnologischer Museen in einer breiteren Öffentlichkeit diskutiert, Aufarbeitung wird gefordert und durch neue Strukturen in Politik, Forschung und Förderinstitutionen zunehmend ermöglicht. Das RJM versteht seinen Dekolonisierungsprozess als Auseinandersetzung mit dem Fortbestehen kolonialer Strukturen auf verschiedenen sozialen, wirtschaftlichen und politischen Ebenen. Das bedeutet insbesondere eine Öffnung für verschiedene Perspektiven auf Sammlungen und Museumsarbeit, enge Zusammenarbeit mit Herkunftsgesellschaften und das Sichtbarmachen von Vielstimmigkeit. Die Erforschung und transparente Kommunikation von Objektprovenienzen ist ein zentraler Baustein dieses Prozesses.

Im Rahmen der Provenienzforschung widmen wir uns der möglichst lückenlosen Erschließung der Herkunft unserer Sammlungsbestände von der Entstehung bis zum heutigen Aufbewahrungsort. Die Erschließung der Provenienz kann zeigen, dass Objekte auf rechtlich und moralisch unbedenklichem Weg Eingang in die Sammlung fanden. Ebenso kann sie bedenkliche Erwerbsumstände aufdecken und ein erster Schritt auf dem Weg zur Aufarbeitung historischen Unrechts und gegebenenfalls einer Restitution (Rückgabe) sein (Rautenstrauch-Joest-Museum Köln | Repatriierung toi moko).

Restitution: Vishnu-Kopf von Prasat Bakong (Kambodscha)

Ein aktuelles Restitutionsprojekt wurde 2020 vom RJM mit Unterstützung der Stadt Köln initiiert: Intensive Forschungen zur Khmer-Sammlung deckten auf, dass der Kopf einer Vishnu- Skulptur sehr wahrscheinlich in den 1960er Jahren illegal außer Landes gebracht wurde und über den Kunstmarkt ins RJM fand. Damals war Kambodscha bereits in gewaltsame Auseinandersetzungen des Zweiten Indochina-Krieges verstrickt, gefolgt von einem verheerenden Bürgerkrieg. Davon blieben auch Tempelanlagen, insbesondere die von Angkor, nicht verschont: viele wurden zerstört und sakrale Objekte geraubt. Über den Kunstmarkt gelangten sie in private Sammlungen und Museen. Als eine Drehscheibe fungiert dabei bis heute Bangkok, wo auch der besagte Vishnu- Kopf 1968 von dem Schweizer Sammler Wilhelm Siegel erstanden wurde. Ans RJM gelangte das Objekt 1984 zuerst als Leihgabe für die Sonderausstellung Das zeitlose Bildnis. Der Mitkurator und Katalogautor Piriya Krairiksh wies damals bereits auf eine starke Ähnlichkeit mit einem verschwundenen Vishnu vom Prasat Bakong hin.

1986 kaufte das RJM den Kopf als Teil einer Sammlung von Khmer- und Thai-Skulpturen. Seit der Neueröffnung des Museums 2010 wird er in der Dauerausstellung präsentiert. Inzwischen hat sich eine kritische Betrachtung sensibler Objekte in Museen durchgesetzt. Als Beispiel für die Aufarbeitung von Objektbiografien war der Vishnu-Kopf in der Ausstellung Die Schatten der Dinge #1 zu sehen und befindet sich aktuell noch im RJM. Nach der formellen Zustimmung des Rats der Stadt Köln, der Klärung des Protokolls auf beiden staatlichen Seiten und Erleichterungen der Corona-bedingten Reiseeinschränkungen kann er nach Kambodscha zurückkehren.

Vielstimmigkeit und Partizipation in Ausstellungen

Ansätze zu partizipativen Ausstellungsformaten finden sich aktuell unter anderem in der Sonderausstellung RESIST! Die Kunst des Widerstands. Sie beleuchtet 500 Jahre antikolonialen Widerstand im Globalen Süden und zeigt koloniale Unterdrückung und ihre Auswirkungen bis heute. Mit RESIST! verfolgt die Direktorin des RJM, Nanette Snoep, einen vielstimmigen Ansatz. Die Ausstellung ist experimentell und partizipativ angelegt und entwickelt sich während ihrer Laufzeit weiter. Beteiligt sind über 40 zeitgenössische Künstler*innen aus dem Globalen Süden und der Diaspora, darunter auch die philippinische Filmemacherin und Aktivistin Kiri Dalena. Für ihr Projekt arbeitet Dalena mit einem digitalisierten Bestand von 3.781 Fotografien des RJM, die von 1887 bis 1907 auf den Philippinen aufgenommen wurden, viele davon zur Zeit der US-amerikanischen Kolonialzeit.

„Ich hoffe durch meine Rückkehr zu diesen Fotos und dadurch, dass ich sie neu schreibe, meinen Beitrag zum Ausdruck eines lebendigen Widerstands leisten zu können,“ schreibt Dalena in der Einführung zu ihrem Blog Snare for Birds, den sie zusammen mit den Künstlerinnen Lizza May David und Jaclyn Reyes gestaltet.

Für Dalena spielt ein behutsamer Umgang mit den Fotos, der deren (visuelle) Unterdrückung nicht reproduziert, eine wichtige Rolle. Daher setzt sie sich tiefgehend mit einzelnen Porträts, Datenbankeinträgen sowie Primär- und Sekundärliteratur zum Thema auseinander. Die Arbeit basiert auf einem Rewriting des kolonialen Kontextes, indem sie die Fotografien bearbeitet und eigene kritische Kommentare ergänzt. Mit dieser Herangehensweise rückt Dalena die Bilder in einen anderen Kontext der Erinnerung. Ihre künstlerische Arbeit zeigt Zusammenhänge zwischen dem kolonialen Erbe und der politischen Situation in den Philippinen heute auf. Als Beispiel nennt sie Porträts von Männern der Philippine Constabulary (1901 bis 1991), einer Polizeitruppe, die in der Kolonialzeit gegründet wurde und deren Nachfolgeorganisation die heutige Philippine National Police ist. Die Auseinandersetzung mit diesem Material ermöglicht es Dalena, die koloniale Vergangenheit der philippinischen Polizei aufzuzeigen und so eine Vermutung über den Ursprung der anhaltenden unterdrückenden Machtstrukturen aufzustellen.

Durch die Erforschung von Provenienzen, transparente Kommunikation, eine Öffnung für vielfältige Perspektiven und eine kritische Ausstellungspraxis können Sammlungsbestände aus kolonialen Kontexten eine wichtige Rolle in den Dekolonisierungsprozessen ethnologischer Museen und anderer gesellschaftlicher Institutionen in Deutschland sowie den Herkunftsregionen der Objekte spielen.

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2 | 2018, Deutschland, Vietnam,
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USA/Deutschland/Philippinen: Der Film „Quezon’s Game“ behandelt historische Aspekte, die bisher noch wenig bekannt sind: die amerikanische Besatzung der Philippinen, die Präsidentschaft von Manuel Quezon und die Aufnahme jüdischer Flüchtlinge während des Nazi-Regimes.

Quezon’s Game thematisiert das Leben und die Präsidentschaft von Manuel L. Quezon, gespielt von Raymond Bagatsing. Der Anwalt und Politiker Quezon war ab 1935 Staatspräsident der Regierung des Commonwealth der Philippinen, so die Bezeichnung des Landes in der Zeit der Teilautonomie von 1935 bis zur Unabhängigkeit 1946. Allerdings floh Quezon 1941 vor den japanischen Besatzern in die USA und führte die Exilregierung dort weiter.

Amerikanische Besatzer und die Rettung von jüdischen Flüchtlingen

Im Mittelpunkt des Filmes stehen die amerikanische Kolonialzeit sowie Quezons Plan, Menschen jüdischen Glaubens, die vor dem deutschen Nazi-Regime fliehen müssen, in den Philippinen aufzunehmen. Dabei geht der Film auf historisch interessante Aspekte ein: Es wird gezeigt, wie Manuel L. Quezon mit seinem Militärberater Dwight Eisenhower, der später der 34. Präsident der Vereinigten Staaten wurde, und anderen wichtigen Personen den Rettungsplan entwarf und den Flüchtlingen auf den Philippinen Schutz gab.

Der Film macht deutlich, wie schwierig diese Aufgabe war, da die Philippinen zu diesem Zeitpunkt unter der Kontrolle der Vereinigten Staaten standen und alle Fragen der philippinischen Außenpolitik vollständig in den Händen des US-Außenministeriums lagen. Das Commonwealth der Philippinen hatte seine eigene Verfassung und verwaltete sich selbst. Die Außenpolitik und militärische Angelegenheiten fielen aber in die Zuständigkeit der Vereinigten Staaten. Auch Angelegenheiten der Einwanderung, des Außenhandels und Währungssystems mussten vom US-Präsidenten genehmigt werden. Alles, was Quezon machte oder entschied, musste zuerst von der amerikanischen Regierung bestätigt werden. Der Film zeigt diese Abhängigkeit sehr gut.

Neben Quezon spielt Dwight Eisenhower im Film eine signifikante Rolle. Eisenhower, damals Major unter dem Kommando von Douglas MacArthur, diente vier Jahre lang auf den Philippinen als Militärberater der philippinischen Regierung. MacArthur, General der Armee der Vereinigten Staaten sowie Feldmarschall der philippinischen Armee, unterstützte Eisenhower sowie Major James Ord. Sie wurden von Präsident Franklin D. Roosevelt angeheuert, um die US-Regierung zu einer Erhöhung der Visaquote des Landes zu bewegen. Das gestaltete sich jedoch schwierig, da Antisemiten in der Roosevelt-Regierung aus vorgeschobenen Gründen der nationalen Sicherheit Visa- Anträge blockierten. Letztlich wurde Quezons Plan, 10.000 Jüdinnen und Juden zu retten, durch die japanische Invasion der Philippinen zunichte gemacht, nur rund ein Zehntel konnte zuvor aufgenommen werden.

Obwohl die Zahl der in den Philippinen aufgenommenen Flüchtlinge im weltweiten Vergleich eher bescheiden war, war die kleine jüdische Gemeinde von Manila von den 1.200 Geflüchteten überwältigt. Denjenigen, die sich in Manila niederließen, wurde bei der Arbeits- und Wohnungssuche geholfen. Der Rettungsplan wurde aber nicht nur positiv aufgefasst. Zum Beispiel wird Emilio Aguinaldo [1899 bis 1901 Präsident der Ersten Philippinischen Republik] nachgesagt, antisemitische Überzeugungen gehabt zu haben und gegen Quezons Rettungsplan gewesen zu sein.

Quezon – ein Held ohne Makel?

Quezon hat in der kritischen Zeit des Commonwealth der Philippinen, das als Vorbereitung für die philippinische Unabhängigkeit eingerichtet wurde, die Zukunft des Landes stark geprägt: von der Proklamation der Landessprache über die Agrarreform bis hin zur Frage der Unabhängigkeit. Die Rettung der geflüchteten Jüdinnen und Juden war eines seiner großen Verdienste.

Der Film zeigt Quezon als einen noblen politischen Akteur, der Visa für die jüdischen Flüchtlinge aus Washington beschaffte. Charakterisiert wird er als ein Scotch trinkender, Poker spielender Staatsmann mit Filmstar-Charisma, der von der Bevölkerung angehimmelt wird. Außerdem thematisiert der Film auch Quezons Tuberkuloseerkrankung, an der er 1944 im amerikanischen Exil verstarb – ohne die Philippinen jemals unabhängig erlebt zu haben.

Quezon’s Game hebt verständlicherweise seine politischen Errungenschaften hervor. Seine Politik darf aber nicht unreflektiert bleiben. Denn makellos war sie nicht – was der Film aber leider nicht thematisiert. Beispielsweise führte Quezon im Wahlkampf Schmutzkampagnen gegen seine Kontrahenten wie Emilio Aguinaldo, der von 1899 bis 1901 Präsident der Ersten Philippinischen Republik war und sich 1935 noch einmal zur Wahl für das Präsidentenamt gestellt hatte.

Ungenauer historischer Kontext

Problematisch ist auch die Rolle von Dwight Eisenhower in Quezon’s Game. Im Film hat er eine gewichtige und unterstützende Funktion. Die Meinungen dazu sind aber verschieden: Zwar war Eisenhower auf den Philippinen und auch eng mit Quezon befreundet. Es ist jedoch ein Mythos, dass er bei der Befreiung der Jüdinnen und Juden so stark involviert war.

Überhaupt zeigt der Film ein viel zu schönes und einseitiges Bild vom Manila der damaligen Zeit. Der Film spielt nur in einem gepflegten Teil der Stadt, wo die gehobene Klasse lebte. Andere Gegenden sind nicht zu sehen. Das hätte aber dabei geholfen, ein besseres Bild der Stadt auch im Hinblick auf die historische Kontextualität zu erhalten. Denn die jüdischen Flüchtlinge sind nicht, wie im Film, in den guten Gegenden der Stadt untergekommen sondern in den eher ärmlichen.

Trotz dieser Kritik ist Quezon’s Game sehenswert. Der Film ist einerseits interessant wegen der historischen Aufarbeitung, wegen des Inhalts und der schauspielerischen Leistung, anderseits auch wegen der genannten Kritikpunkte, die man durchaus diskutieren kann. Hinzu kommt, dass das Thema des Films sehr aktuell ist. Angesichts der globalen politischen Berichterstattung stellt sich auch heute die Frage: Gibt es Politiker*innen, die den Mut haben, Menschen, die in Not sind, eine Bleibe zu geben?

Rezension zu: Quezon’s Game. Regie: Matthew Rosen. ABS-CBN Film Production, Kinitek Productions. 125 min. 2018

Dieser Artikel erschien zunächst in der südostasien Ausgabe 3|2021 – Kolonialismus in Südostasien – Das Aushandeln von Erinnerungen und ist Teil der südostasien – Sonderausgabe Buchmesse

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2 | 2018, Deutschland, Vietnam,
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Deutschland/Vietnam: Das preisgekrönte Hörspiel „Atlas“ erzählt von drei Generationen vietnamesischer Frauen. Thematisiert werden die Flucht vor staatlicher Gewalt, Arbeitsmigration und die Suche nach der eigenen Familiengeschichte.

Im Zentrum des Hörspiels Atlas stehen drei vietnamesische Frauen und ihre Lebensgeschichten. Die Großmutter flüchtet 1975 nach dem Einzug der nordvietnamesischen Armee in Saigon in einem Boot und landet auf der Insel Bidong vor der Küste Malaysias. Später kommt sie als Kontingentflüchtling in die BRD. Auf der Flucht wird sie von ihrer Tochter getrennt und glaubt, das Kind sei ertrunken. Die Tochter wird allerdings gerettet und wächst in Vietnam als Adoptivkind auf. Sie bewirbt sich erfolgreich als Vertragsarbeiterin und geht in die DDR. Dort lernt sie den Übersetzer Herrn Le kennen. Sie heiraten, bekommen eine Tochter und erleben zusammen das Ende des ‚Arbeiter- und Bauernstaates’.

Rassistische Ressentiments in der DDR

Schon kurz nach der Ankunft in Leipzig spürt die junge Vietnamesin rassistische Ressentiments, die sich auch in den strengen Regeln für Vertragsarbeiter*innen ausdrücken. Ihnen ist der Kontakt zur einheimischen Bevölkerung außerhalb der Arbeit untersagt und sie dürfen ihre Zimmer abends nicht verlassen. Zudem wird ihnen eingebläut, dass sowohl Krankheit als auch Schwangerschaft oder „andere Produktivkraft mindernde Anlässe“ zu einem sofortigen Ende des Arbeitsverhältnisses führen und sie somit nach Vietnam zurückgeschickt werden.

Als die junge Vietnamesin schwanger wird, gefährdet das ihren Aufenthaltsstatus. Die Familie muss sich verstecken. Aber auch nach dem Mauerfall wird ihr Leben nicht einfacher, da die vietnamesische Familie nicht zum neuen ‚Volksbewusstsein’ des wiedervereinigten Deutschlands passt.

Eindrücklich schildert die junge Vertragsarbeiterin den Um- und Zusammenbruch der damaligen DDR und wie unverständlich die Verbindung von Einheit, Freiheit und „blühenden Landschaften“ für die vietnamesischen Vertragsarbeiter*innen ist. Dabei bemerken sie auch, dass ausländerfeindliche Parolen immer ungenierter skandiert werden. Jedoch seien diese auch schon vor dem Herbst 1989 zu hören gewesen: „Die Deutschen sagten nicht erst ‚Fidjis‘, als die Mauern unten waren.“ Danach allerdings seien die Parolen „lauter“ geworden und „voller Inbrunst“ skandiert worden.

Traumatische Erlebnisse auf der Flucht

In einem zweiten Erzählstrang macht sich die Enkelin in auf die Suche nach der Geschichte ihrer Mutter. In Saigon trifft sie auf die Großmutter, die nach einigen Jahren in Westdeutschland wieder zurück in ihre Heimat gezogen ist. Während der Begegnung mit ihrer Enkelin durchlebt sie noch einmal die Zeit der Flucht vor den nordvietnamesischen Machthabern sowie deren Repressionen gegen die südvietnamesische Bevölkerung und die dramatischen Erlebnisse auf der Insel Bidong. Gemeinsam mit der Enkelin reist sie auf die ehemalige Flüchtlingsinsel, wo sie einen nervlichen Zusammenbruch erleidet. Dieser wird ausgelöst durch die Erinnerung an das Kentern des Bootes, bei dem die Tochter vermeintlich ertrunken war. Obwohl das Auftauchen der Enkelin der Beweis dafür ist, dass ihre Tochter überlebt hat, kann die Großmutter das Trauma der Trennung und den Verlustschmerz nicht überwinden.

Erfahrungen der vietnamesischen Community in Leipzig

Thomas Köck erzählt in seinem Hörspiel nicht nur eine Familiengeschichte, die von staatlicher Repression, von Flucht und Arbeitsmigration geprägt ist. Er verdeutlicht auch, wie diese Umstände sich auf die beteiligten Figuren auswirken. Dazu hat der Theaterautor mit vielen Menschen der vietnamesischen Community in Leipzig gesprochen. Köck springt in seiner Erzählung sowohl zwischen den Orten als auch zwischen den Zeiten und schafft mit dieser Montage intensive Momentaufnahmen.

Atlas wurde vom Mitteldeutschen Rundfunk produziert und erstmals am 9. November 2020 ausgestrahlt. Das Stück wurde Hörspiel des Monats und gewann 2020 den renommierten Hörspielpreis der Kriegsblinden. Die Jury begründete die Vergabe so: „In einem historisch-geopolitischen Kartenwerk verzeichnet der Autor Thomas Köck die Grenzziehungen von globalen Machtverhältnissen und rassistischer Ausgrenzung. (…) Köck entfaltet hierbei eine komplexe Familiengeschichte von Flucht und Migration aus Vietnam nach Deutschland und zurück, die quer zu den Kollektiverzählungen der Deutschen liegt.“ So trage das Hörspiel auch zur Anerkennung der Geschichte der Vietnames*innen in Deutschland bei. „Dieses Stück ist so wichtig, weil ein Teil meiner Biografie und die Biografie meiner Eltern mit drin steckt“, erklärte die Schauspielerin Mai Dương Kiều, die die Tochter spricht.

Ursprünglich schrieb Köck das Stück für das Schauspiel Leipzig, wo es auch aufgeführt wurde. Neben Lob gab es aber auch die Kritik, dass die Rollen der vietnamesischen Migrant*innen von weißen Darsteller*innen übernommen wurden. In der Hörspielfassung sind deshalb Schauspieler*innen mit vietnamesischen Wurzeln zu hören: Die Mutter wird von Thúy Nonnemann gesprochen, die Tochter von Mai Dương Kiều und Herr Le von Dan Thy Nguyen, der selbst Sohn ehemaliger ‚Boatpeople‘ ist. Diese Besetzung verleiht dem Stück auch durch die so entstandene Sprachmelodie Glaubwürdigkeit und Echtheit.

Das Hörspiel begeistert durch seine einfühlsame Erzählung der Familiengeschichte, die von Migration geprägt ist und öffnet einen ungewöhnlichen Blick auf die Wiedervereinigung Deutschlands. Dabei wird auch deutlich, wie verschiedene Generationen von Vietnames*innen in Deutschland fremdenfeindlichen Ressentiments ausgesetzt waren. Zudem wirft Atlas ein Licht auf den Umbruch in Vietnam Mitte der 1970er Jahre und die dortige Repression durch die Sieger gegen die Besiegten nach dem Ende des Krieges.

Rezension zu: Thomas Köck. Atlas. Deutschland. 2020. 70 Minuten

Hören kann man das Hörspiel in der ARD-Audiothek oder beim MDR.

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2 | 2018, Deutschland, Vietnam,
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Indonesien/Deutschland: Nachhaltig, ökologisch, engagiert: Das indonesische Künstler*innen-Kollektiv ruangrupa präsentiert mit dem lumbung-Konzept für die documenta fifteen eine radikale Neuorientierung der internationalen Kunstschau.

Das Herz der documenta fifteen schlägt auf dem Parkdeck einer alten Kaufhalle mitten in der Kasseler Fußgängerzone. Drei Biertische samt Bänken stehen dort neben einer provisorischen Treppe, die zu den Büros in den oberen Etagen führt. Außer bei Regen sitzen hier fast immer einige Menschen zusammen. Sie rauchen, trinken Kaffee und besprechen die nächsten Schritte einer Produktion, Visaprobleme von Gästen oder wie man die Kinderbetreuung für die Mitarbeiter*innen organisiert. Durch eine Metalltür kommt man in ein improvisiertes Großraumbüro-Lager-Studio: die ehemalige Werkstatt der Sportarena, die das 5000 Quadratmeter große Gebäude 1999 übernommen hatte, bevor es 2018 in den Leerstand entlassen wurde. Einige Student*innen arbeiten hier an einem Designprojekt. Von nebenan dringt Baustellenlärm herüber.

„Wir wollten einen neuen Raum schaffen, einen Treffpunkt, um unsere gemeinschaftliche Arbeitsweise zu stärken“, erklärt Reza Afisina, Mitglied des neunköpfigen Kollektivs ruangrupa (übersetzt etwa: Gestaltender Raum, kurz: ruru), das die künstlerischen Leitung der documenta innehat, die im Juni 2022 eröffnet wird. Fünf weitere internationale Kunstschaffende vervollständigen das Artistic Team. Außerdem sitzen die kuratorialen Assistentinnen und das Produktionsteam unter dem gleichen Dach. „Hier im ruruHaus können wir uns alle jederzeit treffen, gemeinsam essen und trinken, uns besser kennen lernen, während wir alle zusammenarbeiten. So wie wir das auch in Jakarta tun.“

Nachhaltige und solidarische Arbeitsweise

Das Team im ruruHaus lebt das lumbung-Konzept vor, nach dem das Kollektiv aus Indonesien die documenta gestaltet. Lumbung ist eine Reisscheune, in die ein ganzes Dorf seine Ernte gemeinsam einfährt, um sie hinterher nach Bedarf umzuverteilen. Jeder nimmt sich nur so viel, wie er braucht. Überschuss wird entweder aufgespart oder in gemeinschaftliche Projekte investiert. Es geht um eine nachhaltige, soziale Arbeitsweise, bei der sich die Beteiligten gegenseitig helfen und fördern, ohne den eigenen Gewinn in den Vordergrund zu stellen. Dabei handelt es sich nicht um abstraktes Streben nach einer gerechteren Welt, sondern um ein sehr pragmatisches Verhältnis: Jedes lumbung-Mitglied hat klar definierte soziale Verpflichtungen der Gemeinschaft gegenüber.

Das Wort lumbung mag zunächst für Menschen im Westen exotisch daher kommen, doch entsprechende Begriffe und Erfahrungen gibt es auch hier: Allmende, Genossenschaft, Kooperative zum Beispiel. „Die Gefahr ist tatsächlich, dass unsere Idee im westlichen Kunstbetrieb als Exotismus abgestempelt wird“, sagt Reza Afisina. „Aber eigentlich ist es überhaupt nichts Neues – Kunstschaffende in Indonesien und vielen anderen Ländern arbeiten schon lange auf diese Weise. Sonst könnten sie gar nicht überleben.“

In Europa, wo Kunst häufig vom Staat gefördert wird, können Künstler*innen individuell agieren und „Kunst um der Kunst willen“ entstehen lassen. In vielen anderen Ländern dagegen, vor allem auf der Südhalbkugel der Erde, wäre zeitgenössische Kunst ohne kollektives Zusammenarbeiten gar nicht möglich. In Indonesien etwa können sich viele Kunststudent*innen nur über Wasser halten, indem sie sich Räume zum Wohnen, Schlafen und Arbeiten teilen. Oft dienen die bescheidenen Behausungen zugleich als Ausstellungsräume oder andersherum.

Wer Erfolg hat und Werke verkaufen kann, gibt etwas davon an die Gemeinschaft ab. Selbst die wenigen Künstler*innen, die auf dem internationalen Markt hohe Preise erzielen, fördern die Jüngeren, indem sie Gemeinschaftsstudios zur Verfügung stellen oder Galerien eröffnen, in denen der Nachwuchs ausstellen und ohne Provision verkaufen kann. Werke, die in diesem gemeinschaftlichen Kontext entstehen, spiegeln meist auch eine gemeinsame Zielsetzung wider, die nicht selten eine sozialpolitische Wertung der eigenen Lebensumstände darstellt.

„Jedes Werk entsteht in einer bestimmten Umgebung, in einer bestimmten Zeit. Kunst und Leben sind einfach nicht voneinander zu trennen“, sagt Ade Darmawan, der formal als Direktor von ruangrupa agiert. Natürlich ist die Ästhetik eines Werks wichtig, um es als Kunst zu definieren. „Aber Ästhetik allein reicht nicht aus, wenn der Entstehungsprozess nicht erkennbar wird. Genauso wenig reicht allerdings ein rein sozialpolitischer Kontext aus, wenn die künstlerische Sprache oder Sensorik nicht damit zusammenspielen.“

RAIN – Netzwerk von Künstler*innen der südlichen Hemisphäre

Darmawan, der am Indonesischen Institut der Künste in Yogyakarta Grafik-Design studiert hat, stammt aus der Generation, die 1998 den Diktator Suharto mit Massenprotesten zu Fall gebracht hat. Er ist das einzige Mitglied von ruangrupa, das seit der Gründung 2000 bis heute in der Gruppe aktiv ist. Die ‚Saat‘ für die Entwicklung des lumbung-Konzepts für die documenta aber, so sagt er, stamme noch aus jener Zeit. Der 47-Jährige selbst verbrachte das Ende der 90er-Jahre an der Rijksakademie in Amsterdam. Von dort aus entwickelte er im E-Mail-Austausch mit Freunden in Jakarta den Plan, mit ruangrupa ein interdisziplinäres Kollektiv zu gründen, das sich eher als kulturgesellschaftliches Experimentallabor denn als klassische Künstlergruppe sah. Für das damalige Indonesien, das gegen Militärherrschaft und Zensur kämpfte, eine revolutionäre Idee. Später weitete sich ihr Blick auf andere Länder aus. Die Grundlage für das weltweite ruru-Netzwerk bildet dabei die von der Rijksakademie ins Leben gerufene Initiative RAIN für Künstlergruppen aus der südlichen Hemisphäre.

„Die Kunstwelt, wie sie jetzt ist, muss einmal richtig durchschüttelt werden“, sagt Darmawan. „Der Zustand der zeitgenössischen Kunst ist zunehmend besorgniserregend: immer machtbezogener, institutionalisierter und marktorientierter. Die Herausforderung besteht darin, wie künftig der Austausch von Kunst mit anderen Disziplinen gelingen kann, vor allem mit Politik, Bildung und Wirtschaft. Wir leben in einer Zeit, in der die drei Grundsäulen für eine Zukunft – auch in der Kunst – Nachhaltigkeit, Ökologie und die Verbindung mit Aktivismus sein müssen.“

So manche*r Kunstschaffende in Europa fühlt sich durch diese Herangehensweise kritisiert oder angegriffen. Auf die wiederholte Frage, ob sie überhaupt um die historische Bedeutung der documenta wüssten – oder ob ihnen klar sei, dass sie den westlichen Kunstbegriff in Frage stellen, holen die Indonesier tief Luft. „Wir haben seit Jahrzehnten ziemlich viel über die Kunstwelt im Westen gelernt. Wer so fragt, weiß aber andersrum vermutlich nichts über unsere auch nicht gerade kleine Welt“, sagt Ade Darmawan schließlich. „Wir mögen ein Risiko für die documenta darstellen. Aber die documenta ist auch ein Risiko für uns.“

ruangrupa arbeitet seit 20 Jahren mit internationalen Biennalen zusammen

Seit ihrer Gründung haben ruangrupa die Kultur- und Jugendszene im urbanen Indonesien durch ihre progressiven Trends geprägt. Auch international haben sie sich längst mit großen Kooperations- und Ausstellungsprojekten einen Namen gemacht: unter anderem bei der Gwangju Biennale (2002 und 2018), Istanbul Biennale (2005), Asia Pacific Triennial of Contemporary Art (Brisbane, 2012), Singapore Biennale (2011), Sao Paulo Biennale (2014), Aichi Triennale (Nagoya, 2016) und Sharjah Biennale (2019). Vor sechs Jahren kuratierte ruangrupa TRANSaction Sonsbeek im niederländischen Arnheim – was quasi zum Testlauf der documenta-Bewerbung wurde.

„Wir kuratieren nicht“, behauptet Reza Afisina bei einer Teamsitzung in Kassel. Sie seien allerdings auch nicht dagegen, erwidert sein Kollege Iswanto Hartono, während er sich eine Zigarette dreht. „Wir nennen es aber lieber fermentieren, kompostieren oder zusammensetzen. Kuratieren – das ist so ein Macht-Ding. Wir wollen lieber interagieren. In gewisser Weise zersetzen wir damit natürlich das alte System. Aber das ist nötig, um fortbestehen zu können. Für uns als Gruppe ist dieser Schritt einfacher als für eine einzelne Person.“

Lumbung-Saat“ nennt ruangrupa das Produktionsgeld, das alle Teilnehmer*innen der documenta fifteen bekommen, ob Individuum oder Künstlergruppe. Alle Beteiligten sollten die gleichen Ausgangsbedingungen erhalten. Denn während Künstler*innen in westlichen Staaten mit einer documenta-Einladung in der Regel leicht Fördergelder für große Werkproduktionen beantragen können, gelingt dies in Afrika, Asien oder Lateinamerika nur selten. Auf den früheren Ausstellungen in Kassel waren kaum Künstler*innen aus der südlichen Welt präsent, aus dem in der asiatischen Kunstwelt wichtigen Indonesien sogar noch nie jemand. Auf die documenta fifteen sind nun ausschließlich Künstler*innen eingeladen, die nach Ansicht des Leitungsteams die „lumbung-Saat“ einsetzen, um weitere Initiativen gedeihen zu lassen und später vielleicht gar vom Ertrag nachhaltig leben zu können. Über jedes einzelne Konzept wurde vorab lange diskutiert, Projekte im ständigen Austausch mit der künstlerischen Leitung sowie mit verschiedenen Teilnehmer*ïnnen untereinander entwickelt. Das gilt für Gruppen aus Brasilien oder Mali genauso wie für die Kasseler Studenten-Initiative kmmn-practice, die das Corporate Design der documenta fifteen mitgestaltet. Sie sind auch verantwortlich für die bunte Außengestaltung des ruruHauses.

„Alle reden von ‚commons‘. Hier wird es gelebt.“

„Anfangs fand ich es gar nicht einfach, so ein offenes Konzept zu adaptieren“, sagt kmmn-practice-Mitglied Sebastian Hohmann, der an der Uni Kassel visuelle Kommunikation studiert. Das Großraumbüro im ruruHaus bietet ihm und seinen Kommiliton*innen seit der Corona-Zeit Platz, um sich trotz Abstandsregeln zu treffen und zusammenzuarbeiten. „Wir wussten zunächst nicht, wie wir kommunizieren müssen, wen wir erreichen sollen. Richtig verstanden habe ich das Prinzip erst, nachdem ich es eine Weile selbst erfahren hatte – jeden Tag hier im ruruHaus. Alle reden immer von ‚commons‘. Hier wird es gelebt.“

Die ruangrupa-Mitglieder Reza Afisina und Iswanto Hartono sind im Juli 2020 samt ihren Familien nach Kassel gezogen. Die Kinder gehen seither hier zur Schule, alle lernen Deutsch. Der Gruppe war es wichtig, dass immer jemand vor Ort ist, um den Kontakt zum Standort nicht zu verlieren – erst recht in der Corona-Zeit, in der sich das Reisen so schwierig gestaltet. Die übrigen ruru-Mitglieder, drei Frauen und vier Männer, sollten ursprünglich regelmäßig pendeln. Aufgrund von Corona allerdings fanden viele Reisen nur virtuell statt. Bei den fast täglichen Zoom-Besprechungen, die wegen der Zeitverschiebung immer am deutschen Morgen stattfinden müssen, erzählen tiefe Augenringe von der Daueranspannung unter der das Team steht. Die in Indonesien weit verbreitete Gelassenheit und Liebe zur Improvisation helfen ihnen zwar meistens, die komplizierten Arbeitsbedingungen wegzulächeln. Doch den direkten zwischenmenschlichen Kontakt vermissen alle schmerzhaft.

Umso wichtiger ist die Rolle der Neu-Kasseler: Afisina und Hartono sind ständig vor Ort unterwegs, mischen sich unter die Besucher von lokalen Ausstellungen, Konzerten und Demos – oder kommen in Kneipen ins Gespräch mit Anwohner*innen. „Wir wollen die lokalen Ressourcen aktivieren. Dazu müssen wir Kassel und seine Menschen kennen lernen“, erklärt Afisina. Zur Kasseler Museumswoche im Juni 2020 legte der Sound- und Performance-Künstler im ruruHaus für jedermann Platten auf. Die Türen der alten Kaufhalle standen weit offen, einige Kasseler Künstler*innen und Student*innen verkauften selbst gemachte Postkarten, T-Shirts und Design-Objekte. Es gab Workshops, Film Screenings und Diskussionen – unter anderem zu Rassismus, kollektivem Publishing und Joseph Beuys. „Bisher sind die Ausstellungsbesucher*ïnnen immer nur zur documenta gekommen, aber nicht nach Kassel. Das wollen wir ändern“, so Afisina.

Sein Kollege Hartono, der in Jakarta und Neu-Delhi Architektur studiert hat, gab seinen Einstieg als Gastdozent an der Uni Kassel – wegen des Lockdowns per Zoom – und ist hauptverantwortlich für das Mapping der Ausstellungsorte. Diese sollen nicht mehr nur als Bühne für die Künstler*innen dienen, sondern Teil der Werke werden. „Wir wollen unsere lumbung-Praxis einsetzen, um einen horizontalen Austausch unter den Teilnehmern, aber auch mit den lokalen Communities zu ermöglichen“, erklärt der 49-jährige Konzeptkünstler. Natürlich gibt es Vorgaben von Seiten der Stadt und der documenta-Verwaltung, ruangrupa musste viel verhandeln und Kompromisse eingehen „Aber gestoppt hat uns bisher noch niemand“, lacht Hartono. Alle, die sich sorgen, dass die documenta 2022 keine Ausstellung im klassischen Sinne sein werde, beruhigt er: „Unser Ziel ist nicht, die documenta und ihre Bedeutung zu verändern.“ Alle teilnehmende Künstler*innen müssen am Ende auch etwas präsentieren – sei es in Form von Objekten, Dokumentationen oder Performances.

Die documenta als nachhaltiges Netzwerk

„Es wird alles geben, was man von einer großen Schau erwartet – es wird auch sinnlich und haptisch“, bestätigt Sabine Schormann, Generaldirektorin der documenta. Die größte Neuerung sei, dass sehr viele Menschen an der Produktion beteiligt sind und die Besucher*innen die Ausstellung mitgestalten werden. „Für ruangrupa ist der Weg das Ziel. Im lumbung-Prozess ist die documenta der Moment, in dem die Ernte eingefahren wird. Aber auch danach geht die Arbeit noch weiter. Das ist ein Ansatz, der in unsere Zeit passt.“

Der Ertrag, auf den ruangrupa hofft, liegt in der Zeit nach der documenta. Die Gruppe hat ihr Ziel erreicht, wenn die beteiligten Künstler*innen Projekte starten, die auch nach der Ausstellung nachhaltig weitergeführt werden, neue Initiativen anregen, andere inspirieren –sowohl in Kassel als auch in ihren Heimatländern, idealerweise weiterhin im gegenseitigen Austausch. Auch das ruruHaus soll nach Möglichkeit fortbestehen. Wenn das lumbung-Prinzip funktioniert, müsste sich die Einrichtung danach selbst finanzieren können und lokalen wie internationalen Kunstschaffenden weiterhin einen Ort bieten, wo sie sich einbringen und ausprobieren können.

Dieser Artikel erschien zunächst bei Riffreporter und wurde für die südostasien redaktionell bearbeitet. Die Rechte an Text und Fotos liegen bei der Autorin Christina Schott.

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2 | 2018, Deutschland, Vietnam,
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Möglichst billig – aber bitte mit Gütesiegel!

Südostasien/Deutschland – Die documenta fifteen betritt im Sommer 2022 Neuland. Erstmals kuratiert mit ruangrupa aus Indonesien ein Kollektiv die Kunstschau. 54 internationale Künstler*innen und Kollektive gestalten die documenta mit, von denen zehn aus Südostasien kommen. Wir stellen sie vor:

Vom 18. Juni bis zum 25. September 2022 findet in Kassel die mittlerweile fünfzehnte documenta statt. Die alle fünf Jahre unter wechselnder künstlerischer Leitung abgehaltene Kunstschau gilt als eine der wichtigsten Ausstellungen zeitgenössischer Kunst weltweit.

Für 2022 wurde das in Jakarta, Indonesien, ansässige Künstlerkollektiv ruangrupa einstimmig zur künstlerischen Leitung der documenta gewählt. Schon die Art der Bekanntgabe der mitwirkenden Künstler*innen im Oktober 2021 war ungewöhnlich: ruangrupa veröffentlichte die Namen nicht etwa zuerst als Pressemitteilung oder auf ihrer eigenen Website, sondern im Straßen-Magazin Asphalt.

Neben ruangrupa, die auch mit einem eigenen Projekt auf der documenta vertreten sein werden, gestalten neun weitere Künstler*innen und Kunstkollektive aus Südostasien die Kasseler Kunstschau mit:

ruangrupa und Gudskul

Die Künstler*innen von ruangrupa (übersetzt etwa: gestaltender Raum, kurz: ruru) verfolgen in ihrer Kunst einen ganzheitlichen Ansatz, der soziale, räumliche und persönliche Praxis miteinander verknüpft und in starker Verbindung mit der indonesischen Kultur steht, in der Freundschaft, Solidarität und Gemeinschaft eine wichtige Rolle spielen.

Das Konzept, das ruangrupa der documenta fifteen zugrunde legt, bezieht sich auf die Werte und Ideen von lumbung, einer gemeinschaftlich genutzten Reisscheune. Diese verkörpert die Grundsätze von Kollektivität, Ressourcenaufbau und gerechter Verteilung, die im Mittelpunkt der kuratorischen Arbeit stehen und das gesamte Ausstellungskonzept prägen (vgl. auch Artikel Kunst und Leben sind nicht voneinander zu trennen in dieser Ausgabe).

Ruangrupa übernimmt nicht nur die künstlerische Leitung, sondern ist auch selbst mit einem Projekt auf der documenta fifteen vertreten. Gemeinsam mit den zwei ebenfalls in Jakarta ansässigen Kollektiven Serrum und Grafis Huru Hara, hat ruangrupa 2018 die dem Wissensaustausch gewidmete Bildungsplattform Gudskul ins Leben gerufen wurde. Gudskul versteht sich selbst als eine Art Ökosystem in dem Menschen aus unterschiedlichen Bereichen zusammenarbeiten. Hier treffen Künstler*innen, Forscher*innen, Musiker*innen, Filmemacher*innen und viele weitere Kreative aufeinander. Teilen und Zusammenarbeiten, sowie die Förderung der Eigeninitiative im Kollektiv, sehen die Mitglieder von Gudskul als wesentlich für die Weiterentwicklung der gegenwärtigen Kunst- und Kulturszene in Indonesien an.

Jatiwangi Art Factory

Jatiwangi Art Factory (JaF), ein 2005 ebenfalls in Indonesien gegründetes Kollektiv, untersucht, wie zeitgenössische Kunst und kulturelle Praktiken mit dem lokalen Leben in ländlichen Gebieten kontextualisiert werden können. Mit ihrem Projekt Kota Terakota (Die Terrakota-Stadt) markierte JaF im Jahr 2005 einen Neubeginn für Jatiwangi und seine Bewohner*innen. Mit Bezug zur Geschichte Jatiwangis in Westjava, wo zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts durch den Abbau von Ton die größte Ziegelindustrie Südostasiens entstand, ermutigten sie Bewohner*innen, gemeinsam mit JaF diesen Ton zu nutzen, um Kunst und Kultur zu erschaffen und ein kollektives Bewusstsein und eine gemeinsame Identität zu entwickeln.

Unter Einbeziehung und Mitwirkung der lokalen Bevölkerung organisiert JaF seitdem Festivals zu denen Kunst- und Kulturschaffende aus verschiedenen Disziplinen und Ländern eingeladen werden, mit den Dorfbewohner*innen zu leben, zu interagieren und zusammenzuarbeiten, um das Leben der Landbevölkerung von Jatiwangi hautnah mitzuerleben. Alle Beteiligten sind eingeladen, etwas zu erschaffen, das später viele Menschen repräsentiert oder gemeinsam erprobt wird.

Agus Nur Amal PMTOH

Agus Nur Amal PMTOH nutzt erzählerische Performances und Kunstobjekte, um Wissen, Konfliktlösungsansätze und Wege der Traumaverarbeitung mit seinem Publikum zu teilen. Agus kehrte nach seinem Theater- Studium am Jakarta Institute of Arts in seine Heimat Aceh an der Nordspitze von Sumatra zurück, um dort die Kunst des Geschichtenerzählens zu erlernen. Seine Performances behandeln Themen von Politik über Katastrophenbewältigung bis hin zur Gesundheitsversorgung der Landbevölkerung.

Agus nutzt Alltagsgegenstände und Interaktion mit dem Publikum, um seine Geschichten dem Publikum näher zu bringen. Seinen selbst kreierten Fernsehsender TV Eng Ong nutzt er als Bühne für seine Kunst. Seine Geschichten erzählt Agus auch im nationalen indonesischen Fernsehen und auf internationalen Bühnen.

Taring Padi

Taring Padi ist ein 1998 als Antwort auf die gesellschaftspolitischen Umwälzungen der indonesischen Reformasi-Ära [Zeit nach dem Rücktritt von Diktator Suharto] gegründetes Kunstkollektiv aus Yogyakarta, das Kunst als Instrument für politischen Ausdruck und Bildung für alle nutzt. Taring Padis erklärtes Ziel ist es den demokratischen Wandel in Indonesien voranzutreiben, indem es Offenheit, sozialen Wohlstand, die Souveränität der Menschen, Generationen- und Geschlechtergerechtigkeit, die Anerkennung der Menschenrechte, sowie Umweltschutz vorantreibt (vgl. auch Solidarität mit künstlerischen Mitteln in südostasien 1/2019).

Taring Padi versteht sich als kulturaktivistische Organisation, deren Mitglieder eine Vielzahl von Bildungshintergründen aufweisen. Mitglieder ohne vorherige Kunsterfahrung lernen informell und nehmen an Diskussionen teil, die von Taring Padi zu einer Vielzahl nationaler und internationaler Themen organisiert und moderiert werden. Kunst – in Form von Bannern, Postern, Papp- Skulpturen und Broschüren – wird bei Taring Padi kollektiv erschaffen (vgl. auch Das Verständnis indonesischer Kollektivität in dieser Ausgabe).

Arts Collaboratory

Das Arts Collaboratory (AC) bezeichnet sich selbst als ein translokales Ökosystem, das aus 25 verschiedenen Organisationen aus der ganzen Welt besteht, die sich auf Kunstpraktiken, Prozesse des sozialen Wandels und die Zusammenarbeit mit Gemeinschaften außerhalb des Kunstbereichs konzentrieren. Es ist ein radikales Experiment zur Erforschung der Möglichkeiten von Kunst und sozialer Transformation, dessen Mitglieder gemeinschaftlich organisiert sind. Mit künstlerischen und kuratorischen Praktiken setzen sie sich in ihrem jeweiligen Kontext für sozialen Wandel und Nachhaltigkeit ein. Die im Netzwerk aktiven Organisationen kommen vornehmlich aus dem Nahen und Mittleren Osten, Afrika, Lateinamerika, Europa sowie aus Asien. Aus Südostasien sind zwei indonesische Organisationen im Arts Collaboratory vertreten: ruangrupa und KUNCI – die Schule unsachgemäßer Bildung aus Yogyakarta.

Die Denk- und Lebensweise des Netzwerks ist geprägt von dem Ziel, kapital- und produktivitätsorientierte Arbeitsmethoden aktiv zu verlernen. Ihre künstlerischen Projekte reichen von Residency- und Austauschprogrammen über kuratorische Forschung bis hin zu gemeinschaftlichen Aktionen und Publikationen. So will das Kollektiv politische und sprachliche Grenzen überwinden und eine radikale Vorstellungskraft entwickeln. Zu den bisherigen Projekten des Arts Collaboratory zählen Territories 2.0, Here and Now, Minga, Exploring Utopia, Scattered Seeds, AC School und Falling Off to the Periphery.

Nguyen Trinh Thi

Die in Hanoi (Vietnam) ansässige Nguyen Trinh Thi ist eine unabhängige Filmemacherin und Video-/Medienkünstlerin. In ihrer vielfältigen Arbeit verschwimmen die Grenzen zwischen Film und Videokunst, Installation und Performance. Dabei untersucht sie die Rolle der Erinnerung in Aufarbeitungsprozessen und befasst sich mit der Stellung von Künstler*innen in der vietnamesischen Gesellschaft. Immer wieder kommen die Themen Geschichte, Erinnerung, Repräsentation, Landschaft, Indigenität und Ökologie in ihren Werken vor.

Mithilfe von Montagetechniken führt Nguyen verschiedene Medien zusammen und schafft so etwas Neues. Sie vereint gekonnt eigene Ton- und Bildaufnahmen mit gefundenem Filmmaterial sowie Postkarten, Fotografien, Wochenschauen, Hollywoodfilmen und ethnografischen Aufnahmen.

Nguyen studierte Journalismus, Fotografie, internationale Beziehungen und ethnografischen Film in den USA. Ihre Filme und Videokunstwerke wurden bereits auf zahlreichen Festivals und Kunstausstellungen gezeigt. Nguyen ist außerdem Gründerin und Direktorin des 2009 gegründeten Hanoi DOCLAB, einem unabhängigen Zentrum für Dokumentarfilm und Bewegtbildkunst.

Nhà Sàn Collective

Das Künstler*innenkollektiv Nhà Sàn Collective (NSC) stammt ebenfalls aus Hanoi. Mit seinem Namen bezieht sich das Kollektiv auf den 1998 in Hanoi gegründeten und von Künstler*innen geführten Ausstellungsraum Nhà Sàn Studio, den ersten gemeinnützigen experimentellen Kunstraum Vietnams. Seit 2013 arbeiten die Künstler*innen von NSC als eigenständiges Kollektiv. Seit der Schließung des Nhà Sàn Studios 2011 ist eine junge Künstler*innengeneration mit mobilen Aktionen und Guerilla-Projekten im öffentlichen Raum, sowie durch Projekte mit internationalen Instituten aktiv.

Seither versucht das NSC die Grenzen des Ausdrucks in Vietnam auszuloten und eine Unterstützungsplattform für junge Künstler*innen anzubieten. In öffentlich zugänglichen Räumen, die sich nicht auf einen physischen Ort beschränken, organisiert das Nhà Sàn Collective regelmäßig Ausstellungen, Workshops, Filmvorführungen, Vorträge und Veranstaltungen. Mit ihrer Arbeit möchte das NSC Austausch, Entfaltung und Kontakte fördern. Das Kollektiv versteht sich als Ort, der offen ist für Unfertiges und Unerwartetes. Die Künstler*innen vertreten eine Just-do-it-Haltung, die nicht immer Antworten parat hat. Die wichtigsten Projekte des Kollektivs sind unter anderem Skylines With Flying People, das IN:ACT Performance Art Festival sowie Queer Forever! und das Emerging Artists Programme.

Kiri Dalena

Die philippinische Künstlerin und Filmemacherin Kiri Dalena verarbeitet in ihren Werken die anhaltende soziale Ungleichheit und macht ihren Einsatz für die Wahrung der Menschenrechte zur Grundlage ihrer Kunst. Dabei setzt sie sich mit der Gegenwart und der Vergangenheit der Philippinen, wie dem philippinisch-amerikanischen Krieg, auseinander.

Kiri studierte Human Ecology an der University of the Philippines Los Baños und 16mm Documentary Filmmaking am Mowelfund Film Institute. Seit ihrer Studienzeit verbindet sie Kunst und Aktivismus. Sie ist Mitglied der philippinischen Menschenrechtsorganisation KARAPATAN.

Kiri arbeitet aktiv in Kollektiven mit. Seit 2016 ist sie Teil von RESBAK (Respond and Break the Silence Against the Killings), bis 2008 war sie bei Southern Tagalog Exposure aktiv. Ihre Arbeiten wurden bereits weltweit ausgestellt.

Sa Sa Art Projects

Sa Sa Art Projects ist ein kambodschanische Künstler*innen-Initiative, die sich experimentellen und kritischen zeitgenössischen Kunstpraktiken widmet. Sa Sa Arts Projects versucht, der fehlenden Infrastruktur für zeitgenössische Kunstausbildung und -förderung in Kambodscha entgegenzuwirken und schafft eine Raum für kritische Diskussionen. Die Initiative hat eine lose Organisationsstruktur und versucht stets, sich organisch weiterzuentwickeln und an veränderte Kontexte und Bedürfnisse der Communities anzupassen.

Die Initiative wurde 2010 vom kambodschanischen Kunstkollektiv Stiev Selapak gegründet und bis 2017 von dem historischen und lebhaften Apartmentkomplex White Building aus betrieben. An seinem neuen Standort engagiert sich Sa Sa Art Projects für junge kambodschanische Künstler*innen und Kunstabsolvent*innen und will gleichzeitig durch kreative Bildungsprogramme, Ausstellungen und anderer Angebote in einen tieferen Dialog mit Künstler*innen in ganz Asien treten.

Baan Noorg Collaborative Arts and Culture

Die von thailändischen Künstler*innen betriebene Initiative Baan Noorg Collaborative Arts and Culture hat eine grundlegende Strategie zur Entwicklung von Gemeinschaften und ein Unterstützungsprogramm für Künstler*innen im Bezirk Nongpho, Ratchaburi entwickelt.

Baan Noorg betreibt das alternative interdisziplinäre Kunstprogramm OFF LAB und untersucht die Bedeutung zeitgenössischer Kunst- und Kulturproduktion für lokale und globale Gemeinschaften. OFF LAB fungiert als alternative Lernplattform für theoretische und praktische Auseinandersetzung mit sozialen Bedingungen und Gemeinschaften. Das Projekt ist eine Fallstudie zur Erforschung und Entwicklung von gesellschaftlichem Engagement, sozialer, kultureller und zeitgenössischer Praxis aus verschiedenen Fachgebieten. Ziel ist es, herauszufinden, wie ein besseres Zusammenleben in Gemeinschaften – lokal und global – funktionieren kann.

Was alle Künstler*innen und Initiativen der documenta fifteen verbindet, ist die ganzheitliche Herangehensweise, soziale, räumliche und persönliche Praxis in ihrer Kunst zu verknüpfen. Viele der Künstler*innen arbeiten mit einem aktivistischen, partizipativen Ansatz, dadurch stellen sie die Bedeutung von Kunst und Kultur für die Transformation von Gesellschaft heraus.

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2 | 2018, Deutschland, Vietnam,
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Möglichst billig – aber bitte mit Gütesiegel!

Philippinen/Deutschland/USA: In der Performance „Snare for Birds“ interagieren und intervenieren die Künstlerinnen Lizza May David (Berlin), Kiri Dalena (Manila) und Jaclyn Reyes (NewYork) mit philippinischen kolonialen Photographien, die sich im Besitz des Rautenstrauch-Joest-Museums in Köln befinden.

Seit fast 200 Jahren werden Fotografien gemacht, vervielfältigt und ausgestellt. Das damals neue Medium war unter anderem eng mit dem Kolonialismus verknüpft. Fotograf*innen machten vermeintlich objektive Bilder von Menschen und trugen somit zur rassenanthropologischen Wissenschaft bei, die sich bis heute in wirksamen Stereotypen widerspiegeln.

Das seit 2020 bestehende Projekt Snare for Birds (Vogelfalle) wurde in Auszügen beim Jahresseminar des philippinenbüros und beim gemeinsamen Asientag des Asienhauses 2021 gezeigt. Im Fokus von Snare for Birds steht die Wirkmächtigkeit von Bildern. Stereotype und überlieferte Geschichten werden hinterfragt sowie koloniale Verflechtungen der fotografischen Sammlung aufgezeigt.

Seit Dezember 2021 ist Snare for Birds Teil der Ausstellungsreihe Counter Images | Gegenbilder des Rautenstrauch-Joest-Museums (RJM). Die Reihe Counter Images | Gegenbilder ist eine wachsende Plattform für eine gemeinsame, multiperspektivische und dekoloniale Auseinandersetzung mit dem Medium Fotografie und der Fotografischen Sammlung des RJM. Heute lagern allein zu den Philippinen viele tausende Fotografien in den Archiven des RJM, mit ihnen haben sich die Künstlerinnen Lizza May David, Kiri Dalena und Jaclyn Reyes kritisch auseinandergesetzt. Im Folgenden schildern sie diesen künstlerischen und kolonialkritischen Prozess, dokumentiert von Caroline Bräuer.

Jaclyn Reyes: Dekoloniale Trübungen

„Als Filipina, die in den Vereinigten Staaten geboren und aufgewachsen ist, hielt ich es für wichtig, mich mit einem US-amerikanischen Archiv zu beschäftigen, insbesondere mit Bildern, die sich in der Library of Congress befinden. Ich beschloss, Zeichnungen anzufertigen, um eine Intimität mit den fotografischen Bildern aufzubauen und zu versuchen, Zugang zum Inneren der Figuren zu erhalten. Gleichzeitig war diese Erkundung eine Übung in dekolonialer Praxis, um dem Einfluss des kolonialen Archivs zu widerstehen.

Als ausgebildete Analogfotografin beschloss ich, meine Beziehung zu den Materialien und Werkzeugen für dieses Projekt zu überdenken und mehr über die Materialität der Filmfotografie nachzudenken. Ich erinnere mich, dass mir im Archiv phantomartige Gestalten im Hintergrund einiger Bilder aufgefallen sind, bei denen eine unsachgemäße Filmbelichtung offensichtlich war. Bei zu dunklen oder schattigen Fotos ist das ein Zeichen dafür, dass das Filmnegativ unterbelichtet und dadurch dünn war. Umgekehrt ist ein zu helles Foto ein Zeichen dafür, dass der Film überbelichtet oder überentwickelt wurde, so dass er zu dicht ist. Da Fotografie bedeutet, ‚mit Licht zu schreiben‘, interessierte ich mich mehr für das Filmnegativ — seine Funktion, Materialität und Dichte — als einen Ort, an dem ich über die Spuren im kolonialen Archiv nachdenken konnte.

Ich habe versucht, den negativen Raum in den Archivfotos zu dimensionalisieren. Als Teil einer Minderheit in den Vereinigten Staaten erkenne ich dies als mein eigenes ‚doppeltes Bewusstsein‘, wie W.E.B. Dubois es beschreiben würde, oder meinen inneren Konflikt, „mich immer durch die Augen der weißen Gesellschaft zu betrachten“. Ich wollte diesen inneren Konflikt beim Betrachten dieser Archivbilder darstellen, als Filipina, die sich Bilder von Filipin@s ansieht, die sich vielleicht gegen die Besetzung durch das Land gewehrt haben, das ich jetzt meine Heimat nenne.

Die Verwendung dieser Materialien verlangte mehr Körperlichkeit, um Schichten aus weißem Wachs zu bilden, um die Zeichnung zu komponieren – den Schleier zu bilden, durch den ich meine eigene Geschichte sehe. Wenn ich darüber nachdenke, sehe ich in dieser Zeit, in der ich in New York City den Anstieg der vorurteilsbehafteten Angriffe gegen Asiat*innen miterlebt habe, wie die Unsichtbarkeit der Asiat*innen in der Vorstellung der US-Amerikaner*innen weiter besteht. Dabei obliegt es nicht nur uns als Beobachter*innen, unsere Protagonist*innen vollständig zu sehen, sondern auch unsere eigenen blinden Flecken zu erkennen.“

Kiri Dalena: Tagalog Women

„Gibt es eine Erlösung in diesen Fotos? Würde ich lügen, wenn ich zustimme, dass diese Fotografien — die als Instrumente zur Unterdrückung und Herabsetzung benutzt wurden — in Werkzeuge zur Selbstermächtigung umgewandelt werden können?“

„Wenn wir verstehen, dass diese Fotografien gewaltsam entstanden und in Gewalt eingebettet sind, warum lassen wir sie nicht weiter ungestört in ihren Kisten und Holzverschlägen schlummern, verschlossen hinter und unter den Stahltoren eines Lagerhauses?“

„Ich habe die helle Kleidung der philippinischen Frauen mit schwarzer Tinte übermalt. Ich wollte damit Trauer ausdrücken – aber war Schwarz nicht auch schon damals eine Farbe des Widerstands?“

In ihrer kollaborativen künstlerischen Arbeit taucht die philippinische Menschenrechtsaktivistin und Filmemacherin Kiri Dalena tief in das historische Fotoarchiv des Rautenstrauch-Joest-Museums ein. Sie interagiert mit Fotos von den Philippinen, die während der US-amerikanischen kolonialen Besetzung vor über hundert Jahren aufgenommen wurden. Dabei nimmt sie die Bilder, die oft einen kolonialrassistischen Blick widerspiegeln, genau unter die Lupe und schafft neue Perspektiven. Durch die intensive Beschäftigung mit dem Bildmaterial unter Einbeziehung von zahlreichen Primär- und Sekundärquellen zieht Dalena wichtige Rückschlüsse auf die heutige politische Lage in den Philippinen.

Lizza May David: Negative Space

„Anlass war meine Verweigerung der Repräsentation im Umgang mit diesen Fotografien. Ich richte stattdessen meinen Blick auf das architektonische Umfeld, indem diese Fotografien aufbewahrt und für uns zugänglich wurden. Lässt sich durch diese Offenlegung der Strukturen Machtkritik ausüben? Die Maße der Malerei ist den Aufbewahrungsboxen des Archivs in situ entlehnt. Die dabei entstehende Fläche nutze ich als Membran, um intuitive Momente, die sich während der Auseinandersetzung mit diesen Fotografien zeigen in farbliche Verdichtungen zu übersetzen: Dunkelrot für Wut, Silber für Verweigerung oder Dunkelblau für Melancholie.

Können wir die Leinwand als etwas Widerständiges zu verstehen, auf dem sich das Private als gleichzeitig Politische formuliert? Erfasst sie diesen Moment in dem sich das Subjekt gleichzeitig als Gemeinschaftskörper empfindet? Erfasst sie diesen Moment, in dem das Gefühl für Verantwortung sich in Kameradschaft verbindet?“

Teile dieses Artikels sind erstmals in der Broschüre Monolog oder Dialog? Perspektiven auf Entwicklung und Zusammenarbeit, Eurozentrismus und Solidarität herausgegeben von der Stiftung Asienhaus und dem philippinenbüro e.V. im Dezember 2021 erschienen.

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2 | 2018, Deutschland, Vietnam,
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Möglichst billig – aber bitte mit Gütesiegel!

Indonesien/Deutschland: Zwei antisemitische Karikaturen im Großbanner People’s Justice des indonesischen Kollektivs Taring Padi wurden zum vielleicht größten Skandal in der Geschichte der documenta. Wie es dazu kommen konnte und warum ein Dialog weiterhin so wichtig ist.

Konflikt, Enttäuschung und Angst folgten auf die Eröffnung der großen, alle fünf Jahre stattfindenden Kunstausstellung documenta am 18. Juni in Kassel: Grund waren Antisemitismusvorwürfe gegen das teilnehmende Künstlerkollektiv Taring Padi und – nicht zum ersten Mal – gegen die Künstlerische Leitung, das indonesische Kollektiv ruangrupa. Beide Gruppen weisen die Vorwürfe zurück und haben sich dafür entschuldigt, dass sie die beleidigende Natur zweier Figuren innerhalb des riesigen und dicht bemalten Banners The People’s Justice nicht erkannt hätten. Nachdem das Werk zunächst in schwarzes Tuch gehüllt worden war, wurde es nun abgehängt.

Die Folgen waren schwerwiegend und die Reaktionen schrill und emotional, sowohl in Deutschland als auch in Israel. Auf Twitter beschimpfte die israelische Botschaft das Kunstwerk als „Goebbels-Propaganda alten Stils“, während die deutsche Kulturstaatsministerin Claudia Roth erklärte, sie sei vom documenta-Management und den Kuratoren „enttäuscht“ worden. Diese hätten sich verpflichtet, dafür zu sorgen, dass Antisemitismus keinen Platz auf der Ausstellung habe. In Indonesien und anderswo hat der Vorfall und insbesondere die Reaktion der Behörden die Paranoia über zionistische Verschwörungen neu entfacht und das wachsende Gefühl geschürt, dass die Organisatoren konservativen, fremdenfeindlichen Kräften verpflichtet seien, die kein Interesse an einem konstruktiven Dialog hätten und diesen aktiv unterdrückten.

Partnerschaftliche Modelle gegen heutige Verletzungen

Als 2019 seine Wahl als Künstlerische Leitung der documenta fifteen bekannt gegeben wurde, verwies das Künstlerkollektiv ruangrupa auf die Ursprünge des Festivals: „Wenn die documenta 1955 antrat, um Wunden des Krieges zu heilen, warum sollten wir nicht versuchen, mit der documenta fifteen das Augenmerk auf heutige Verletzungen zu richten? Insbesondere solche, die ihren Ausgang im Kolonialismus, im Kapitalismus oder in patriarchalen Strukturen haben. Diesen möchten wir partnerschaftliche Modelle gegenüberstellen, die eine andere Sicht auf die Welt ermöglichen.“ Unter Einbeziehung von Kollektiven aus der ganzen Welt und insbesondere der vom Kolonialismus betroffenen Gesellschaften schlug ruangrupa einen kuratorischen Rahmen vor, den sie lumbung nannten – ein Begriff, der im Indonesischen eine kommunale Reisscheune bezeichnet.

Dieser Ansatz zielt darauf, horizontal, kooperativ, gemeinschaftsorientiert, inklusiv und experimentell zu arbeiten. Seit Anfang 2022 jedoch erregte die Einladung des palästinensischen Künstlerkollektivs The Question of Funding sowie des Khalil Sakakini Cultural Center die Aufmerksamkeit eines Blogs, der die Künstlerische Leitung des Antisemitismus beschuldigte, begründet durch die Einbeziehung „anti-israelischer Aktivisten“. Diese Anschuldigungen wurden widerlegt, aber dennoch in den Mainstream-Medien wiederholt. Die Mitglieder von ruangrupa bezeichneten dies als „rassistische Verleumdungen“ und bekräftigten ihr Bekenntnis zu den Grundsätzen der Meinungsfreiheit, aber auch „die entschiedene Ablehnung von Antisemitismus, Rassismus, Extremismus, Islamophobie und jeder Form von gewaltbereitem Fundamentalismus andererseits“.

Es besteht kein Zweifel, dass Teile von The People’s Justice auf antisemitische Vorbilder zurückgreifen. Inmitten der Bilder von Skeletten, Waffen, Soldaten und Spionen der wichtigsten geopolitischen Akteure des Kalten Krieges und ihrer Opfer – womit die globalisierte Militärmaschinerie kritisiert werden soll, die tatsächlich das Massaker an Hunderttausenden Indonesiern in den „antikommunistischen“ Säuberungen von 1965 unterstützte – steht eine Figur mit Schläfenlocken und einem für orthodoxe Juden typischen Hut, die neben diesen stereotypen Attributen außerdem rote Augen und spitze Zähne hat und schlimmer noch (und vielleicht bezeichnend anachronistisch) die SS-Insigne auf ihrem Hut trägt.

Lumbung als Ausgangspunkt

„Als konkrete Praxis“, schreibt ruangrupa auf der Website der documenta fifteen, „ist lumbung der Ausgangspunkt der documenta fifteen: Grundsätze von Kollektivität, Ressourcenaufbau und gerechter Verteilung stehen im Mittelpunkt der kuratorischen Arbeit und prägen den gesamten Prozess – die Struktur, das Selbstverständnis und das Erscheinungsbild der documenta fifteen.“

Die Künstler wurden in kollaborativen Mini-Majelis (Räten) von etwa einem halben Dutzend Künstlern und Kollektiven zusammengefasst, die sich in den Monaten vor der eigentlichen Ausstellung regelmäßig (virtuell) trafen, um ihre jeweilige Arbeit und die Verteilung des gemeinsamen Fördertopfes zu besprechen, der ihnen zugeteilt wurde. Größere majelis akbar oder Plenarsitzungen wurden alle paar Monate abgehalten und dienten als Forum, auf dem jedes Mini-Majelis Bericht erstattete. Laut Christina Schott wurden Künstler innerhalb des Mini-Majelis, zu denen Taring Padi gehört, mit der plötzlichen Erwartung konfrontiert, Entscheidungen über Angelegenheiten zu treffen, von denen sie keine Ahnung hatten. Schott zitiert Setu Legi von Taring Padi mit den Worten: „Die Bedürfnisse sind sehr unterschiedlich. Aber was mir an dem System gefällt, ist, dass niemand zurückgelassen wird, während andere zum Highlight werden, einfach weil sie die besseren Ressourcen haben.“

Dieser gemeinschaftliche Ansatz ist typisch für landwirtschaftliche und sogar städtische Gemeinschaften in Indonesien, wo das Kollektiv eine übliche Form der sozialen Organisation und oft auch der sozialen Kontrolle ist. Sie bildet eine schützende Blase, die manchmal zu abgeschotteten Perspektiven und Naivität gegenüber einem weiteren Kontext führen kann – seien es die Erfahrungen derjenigen außerhalb der Blase oder der des sozialen Milieus, in dem sie sich befindet. In unserem Gespräch mit Taring Padi wenige Tage nach dem Abbau ihres Banners können sie sich nicht an Diskussionen über die Empfindlichkeiten der Repräsentationspolitik in Deutschland erinnern oder den spezifischen historischen Kontext, der dazu geführt hat – weder innerhalb ihres Mini-Majelis noch in größeren Sitzungen. Dies scheint im Widerspruch zu stehen zu den früheren Verpflichtungen der Künstlerischen Leitung, sicherzustellen, dass solche Gefühle nicht entstehen würden. Grundlegende interkulturelle Sensibilitäten hätten ein Diskussionspunkt sein müssen, insbesondere angesichts der akuten Bedrohung durch rassistische Gewalt, die offensichtlich wurde, als im Mai Vandalen in den Raum von Question of Funding eindrangen.

Direkter Kontakt zum Publikum

Der experimentelle lumbung-Rahmen verkündet bewundernswert horizontale, egalitäre Werte und bricht die institutionellen Hierarchien auf, die den Weg dafür bereitet haben, dass Kunstveranstaltungen auf der ganzen Welt von Banalität, elitären Interessen und leerem Spektakel gekapert wurden. Das Konzept ermöglicht Künstlern, ihre Arbeit direkt mit dem Publikum in Kontakt zu bringen und sich miteinander zu verbinden. Kunstwerke werden nicht länger durch die Linse einer kuratorischen Thematik und Speicher der Selektivität gefiltert, und Bezugsformen werden nicht von Fachleuten öffentlicher Programme diktiert.

Jedoch sind diese großartigen Errungenschaften mit einem großen Risiko verbunden. Kulturinstitutionen haben notorisch Angst vor Risiken, wobei ihre wichtigste Motivation darin besteht, ihre Reputation nicht zu schädigen. Ein Nebeneffekt dieser Aversion gegen jegliches Risiko von Rufschädigung ist, dass kontextuelle und kulturelle Empfindlichkeiten normalerweise vorab geklärt werden und eine sichere Umgebung für Publikum, Künstler und Kunstwerke Vorrang hat. All dies wird durch eine Verantwortungshierarchie erreicht, die letztendlich voraussetzt, dass die Institution gegenüber all ihren Interessengruppen eine Sorgfaltspflicht hat. Künstler stehen am unteren Ende dieser institutionellen Hierarchie, doch auch wenn sie die größte Sichtbarkeit haben, sind sie dadurch einigermaßen geschützt. Es ist ein Paradoxon, das ebenfalls eine genaue Untersuchung verdient – experimentelle Methoden wie lumbung sorgen dafür.

Obwohl dies kein ungewöhnlicher Ansatz für die kreative und kuratorische Praxis in Indonesien ist, scheint das lumbung-Rahmenwerk keinen angemessenen Mechanismus gefunden zu haben, um Risiken und Verantwortung zu vermitteln, die angesichts der erhöhten Spannung von Deutschlands eigener Auseinandersetzung mit der heutigen Islamophobie und den historischen Belastungen des Holocaust existieren. Während dieser Kontext eine besondere Sensibilität erzeugt, wird jeder Kontext, der Künstlern und Kuratoren unbekannt ist, dasselbe tun. Repräsentationspolitik und die damit verbundenen Tabus existieren überall in unterschiedlichen Formen. Wer ist dafür verantwortlich, dass diese verstanden und in alternative Modelle des Wissensaustauschs integriert werden, wenn sie in einen neuen Kontext importiert werden?

Hegemonialen Diskurs berücksichtigen

Es müssen auch wichtige Fragen dazu gestellt werden, wie visuelle Darstellungen in diesem Rahmen berücksichtigt werden sollten. Der Fokus auf Prozess, Konzept und Dialog ist von größter Bedeutung, um Kunstveranstaltungen für vielfältigere und pluralistischere Stimmen zu öffnen und die Erfahrungen derer offenzulegen, die im hegemonialen sozialen Diskurs nicht berücksichtigt werden. Dennoch ist es eine Tatsache, dass die überwiegende Mehrheit der bildenden Kunst repräsentative Darstellungen und sinnliche Erfahrungen beinhaltet, die Zuschauer subjektiv aufnehmen. Kritische Diskussionen über Darstellung, Repräsentation und Macht sollten immer Teil der Ausstellungsvorbereitungen sein, sowohl um Risiken zu managen als auch um sicherzustellen, dass die Werke gegen eine Vielzahl potenzieller Interpretationen getestet werden. Künstler verdienen nicht weniger als die Möglichkeit sicherzustellen, dass ihre Kunstwerke ihre Position nicht unbeabsichtigt falsch darstellen.

In unserem Interview mit Taring Padi waren die Künstler sehr bemüht zu betonen, dass sie weder ruangrupa noch das lumbung-Framework für die Kette von Ereignissen verantwortlich machen, die dazu geführt hat, dass ihr Banner trotz der umstrittenen Bilder gezeigt wurde. Sie entschuldigen sich weiterhin für den verursachten Fehler, bestehen aber darauf, dass es unbeabsichtigt war – sowohl in Bezug auf die ursprünglichen Präsentation des Bildes beim ebenfalls umstrittenen Adelaide Art Festival 2002 als auch bei dem Versäumnis, die potenziell Aufruhr verursachende Rezeption in Deutschland 20 Jahre später zu identifizieren.

Was auch immer die Schwächen des lumbung-Ansatzes sein mögen: Die offene Plattform hat möglich gemacht, dass Taring Padi trotz allem eine Welle der Unterstützung von Besuchern der documenta fifteen und Einwohnern von Kassel erfahren hat, die ihnen Geschenke, Essen, Zuneigung und Solidarität gebracht haben. Mitglieder der Gruppe erzählten uns, dass ein Besucher darauf bestand, viele der ausgestellten Werke mit ihnen einzeln durchzugehen, um nach weiteren Bildern zu suchen, die Anstoß erregen könnten, und ihren Erklärungen offen zuhörte, wann immer Fragen aufkamen. Auf diese Weise kann lumbung es auch ermöglichen, den Dialog außerhalb des institutionellen und medialen Rahmens fortzusetzen, der darauf bedacht zu sein scheint, eine nuancierte Diskussion über das Geschehene zu ersticken. Zumindest diese Geselligkeit bedeutet für Taring Padi vertrautes Terrain, ob in Deutschland, Indonesien oder anderswo.

Kollektiver Zugang zur Kunst ist entscheidend

Taring Padis eigener geselliger, kollektiver Zugang zur Kunst ist entscheidend, um zu verstehen, warum es keine einfachen Antworten auf die Frage gibt, wie das anstößige Bild überhaupt auf das Banner gelangen konnte. Taring Padi hat nicht nur viele Mitglieder, die am kreativen Prozess beteiligt sind, sondern lädt auch oft Nichtmitglieder wie zum Beispiel Workshop-Teilnehmer ein, an neuen Werken mitzuarbeiten. Groß angelegte Arbeiten werden zwar in Diskussionen, Notizen und Skizzen geplant und die Arbeitsteilung koordiniert (wenn auch nicht immer strikt durchgesetzt). Es ist jedoch ein Prozess, der bewusst auf Autorenschaft verzichtet – Werke werden nicht von Einzelpersonen signiert, sondern mit dem unverwechselbaren Logo des Kollektivs versehen. Wie Bambang Agung in Taring Padi: Seni Membongkar Tirani (Kunst zerstört Tyrannei) schrieb: „Kollektive Kunstwerke sind mit anderen Worten eine Kritik an der Vergegenständlichung von Kunst und der fortschreitenden Kommerzialisierung ihrer Künstler.“

Die Bilder, die durch diesen Prozess entstehen, stammen definitiv aus einer Vielzahl von Quellen und sind mit linken Ideologien verbunden, die von dem von Natur aus strukturlosen Kollektiv angenommen werden. Sie setzen Karikatur und Humor ein und teilen diese visuelle Strategie mit vielen indonesischen Künstlern, darunter Apotik Komik, Heri Dono und Eddie Hara. Ihr direkter Gesamtansatz ist darauf ausgerichtet, eine politische Botschaft zu übermitteln. Ihre Holzschnitte, die auf billigem braunem Papier gedruckt und oft einfach an Wände geklebt oder über soziale Netzwerke verbreitet werden, weisen oft eine Bildsprache auf, die den sozialen Realismus von Käthe Kollwitz widerspiegelt. Ihre Wandbilder teilen die kompositorischen Strategien mexikanischer Wandmaler wie Diego Rivera – kurz gesagt: Ihre visuellen Einflüsse sind ebenfalls politisch. Das Kollektiv verfolgt zudem eine Strategie der Reduktion, in der Figuren als (Stereo-)“Typen“ (Bauer, Frau, Politiker, Prediger) dargestellt werden. Die Anthropomorphisierung von Schweinen und Hunden zu Ableitungsfiguren spiegelt die kulturellen und sprachlichen Einstellungen zu diesen Tieren auf Java und teils auch im globalen Sprachgebrauch wider (kapitalistische Schweine, Wachhunde usw.). In diesem gesellschaftlichen Kontext dürfte die Darstellung jüdischer Figuren mit Fangzähnen und blutroten Augen entstanden sein. Im mehrheitlich muslimischen Indonesien, wo pro-palästinensische Einstellungen normativ sind, würde angesichts solcher Bilder kaum jemand eine Augenbraue hochziehen. Aber wie die documenta fifteen gezeigt hat, ist es eine andere Geschichte, wenn die Arbeit in dem Land ausgestellt wird, das für den Holocaust verantwortlich ist.

Wut politisierter Kunststudenten

Dennoch ist die Frage nach dem sozialen Kontext umstritten. Über das demontierte Werk sagt Taring Padi: „Das Banner People’s Justice wurde vor fast zwanzig Jahren gemalt und drückt unsere Enttäuschung, Frustration und Wut als politisierte Kunststudenten aus, die viele ihrer Freunde in den Straßenkämpfen des Volksaufstands 1998, der schließlich zum Rücktritt des Diktators führte, verloren haben.“ Darüber hinaus stützte sich der Inhalt auf die damals aufkommenden Erkenntnisse, die die Komplizenschaft der westlichen Demokratien in Bezug auf die systematische Verschärfung der politischen und sozialen Instabilität in Indonesien in den 1960er Jahren offenlegte. Deren Ziel war es, die indonesische Kommunistische Partei und den amtierenden Präsidenten, der mit dieser sympathisierte, zu Fall zu bringen. Diese Spannungen führten 1965-66 zu einem Massaker an mindestens einer halben Million Bürgern, der Inhaftierung von vielen weiteren ohne Gerichtsverfahren und der Einsetzung des autoritären Militärregimes der Neuen Ordnung. Das umstrittene Banner von Taring Padi zeigt den Mossad ausdrücklich als Unterstützer der Neuen Ordnung – eine Tatsache, die durch Dokumente der israelischen Außenpolitik bestätigt wird, die in den Staatsarchiven entsiegelt wurden.

Doch während ein Verweis auf den Geheimdienst des modernen Israels als legitime Kritik an Israels Rolle in der Politik des Kalten Krieges angesehen werden kann, ist das andere Bild, das den Zorn deutscher und israelischer Kommentatoren auf sich gezogen hat, schwieriger zu fassen. Die Darstellung einer Figur mit seitlich geschlossenem Anzug bezieht sich eindeutig auf die Art antisemitischer Propaganda, die in Europa seit langem weit verbreitet ist. Für diejenigen, die durch Bildung und sozialen Kontext gelernt haben, solche Bilder als spezifischen Ausdruck von Hass kritisch zu bewerten, ist der Hinweis eindeutig und offensichtlich. Für Künstler, die in einen anderen sozialen Kontext eingebettet sind, mag es weniger offensichtlich sein. Angesichts der Tatsache, dass Taring Padi seit langem dafür bekannt ist, Werte religiöser Toleranz und Menschlichkeit zu vertreten, ist es daher wichtig zu fragen, wie ein solches Bild in ihrer Arbeit erscheinen konnte.

Antisemitische Gefühle weit verbreitet

Als Staat mit einer der größten muslimischen Bevölkerungsgruppen der Welt unterhält Indonesien keine diplomatischen Beziehungen zu Israel. Antisemitische Gefühle lassen sich auf Kolonialbeamte und europäische Reisende im 19. Jahrhundert zurückführen, die europäische Stereotypen von Juden systematisch auf die lokale chinesische Bevölkerung in ganz Südostasien übertrugen. Verstärkt durch solche Hinterlassenschaften der Kolonialherrschaft, die zudem vielen Indonesiern eine Ausbildung zu kritischem Denken verweigern, sind antisemitische Gefühle leider ziemlich weit verbreitet. Im Jahr 2002, als die Welt nach dem 11. September von Islamophobie überschwemmt wurde, war die Reaktion auf die Ereignisse in den USA in Indonesien eine andere. Das Mitgefühl für die Opfer wich bald der Wut und der Angst, dass der Islam als Ganzes zum Sündenbock gemacht worden sei. Es war ein Wendepunkt, der bereits aktive Terrorgruppen ermutigt hat und unter anderem zum Bombenanschlag auf Bali im Oktober 2002 führte.

Eine erschreckende Dichotomie zwischen westlichen Imperialisten und dem Rest der Welt gewann an Bedeutung, und stereotype Bilder von Kapitalisten, Imperialisten und Zionisten wurden – und werden weiterhin – in bestimmten Kreisen unkritisch verbreitet. Es ist nicht unverständlich, dass in dieser Umgebung ein wenig verstandenes – oder tatsächlich völlig unerkanntes – Bild eines schändlichen Mannes im Anzug ein angemessenes Bild zu sein schien, um den Staat Israel zu repräsentieren, neben einem riesigen Schwein mit einem Uncle Sam-Hut und einem anderen Schwein das einen Peci (eine indonesische Kopfbedeckung) trägt. Die schrille und verwirrende Anwendung der SS-Runen vertieft die Schockwirkung des Bildes, wirft aber auch weitere Fragen auf: Was ist die Absicht des Bildes und wie informiert war sein Autor? Gab es wirkliches Verständnis der Symbolik oder wurde sie unkritisch der Masse von Bildern entlehnt, die in einem öffentlichen Diskurs kursierten, der Antisemitismus mit Antiimperialismus und Antikapitalismus vermengte?

Sicherheit der Künstler bedroht

Da gibt es viel zu entpacken und es ist ein Wunder, dass die Bildsprache in diesem Werk in der Vergangenheit bisher keine negativen Reaktionen anderer Publikumssegmente ausgelöst hat. Taring Padi räumt ein, dass ihre Herangehensweise „nachlässig und leichtsinnig“ gewesen sei. Diese Erfahrung, sagten sie uns, wird zu einem sorgfältigeren Umgang mit der Wirkung von Bildern führen. Leider wird die documenta fifteen den Künstlern nun kaum eine Plattform bieten, um zu erklären, wie eine solche sorgfältigere Herangehensweise aussehen könnte. Übertriebene Anschuldigungen, dass das Kunstwerk eine Nazi-Stimmung im Goebbels-Stil widerspiegele, haben extremistische, reaktionäre Reaktionen angeheizt und eine gefährliche Atmosphäre geschaffen, in der die Sicherheit der Künstler bedroht ist. Reaktionen von Institutionen und Staatsvertreten haben konstruktive Diskussionen verhindert, die Repräsentationspolitik aus unterschiedlichen Perspektiven kontextualisieren.

Es ist wichtig anzuerkennen, dass weitreichende Wissens- und Praxissysteme durch den Kolonialismus gewaltsam unterdrückt und verzerrt wurden und die Arbeit zur Behebung dieses Schadens gerade erst begonnen hat. Die documenta fifteen bietet uns mit ihren horizontalen Strategien und offenen Plattformen, so tückisch sie auch sein mögen, die Möglichkeit, an echten Gesprächen über unsere überkommenen Weisheiten, unsere kognitiven Vorurteile, unsere persönlichen Interessen und unsere privilegierten Positionen teilzunehmen. Diese Gespräche werden manchmal unbequem, verletzend und beleidigend sein. Das ist es, was eine reflektierende Demokratie von uns verlangt: einen unvermeidlich fehlerhaften Kampf um einen schwer fassbaren, sogar unmöglichen Konsens. Das Experimentieren mit der Rolle der Kunst in diesem Kampf und der Machtverteilung innerhalb der Kunstwelt ist ein bewundernswertes und ehrgeiziges Experiment, das momentan – unvollkommen – auf der ganzen Welt durchgeführt wird. Die documenta fifteen bringt einige dieser Experimente zu ihrem Publikum. Es ist eine Gelegenheit zum Dialog über einige der wichtigsten sozialen, politischen und menschenrechtlichen Herausforderungen unserer Zeit.

Die Autoren danken Taring Padi, dass sie sich bereit erklärt haben, für diesen Artikel interviewt zu werden, und Dirk Tomsa für seine Kommentare zu einem früheren Entwurf.

Übersetzung aus dem englischen von: Christina Schott

Dieser Artikel erschien zunächst im New Mandala und wurde für die südostasien redaktionell bearbeitet.

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2 | 2018, Deutschland, Vietnam,
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Möglichst billig – aber bitte mit Gütesiegel!

Deutschland/Indonesien: Die documenta hat schon oft für Kontroversen gesorgt. Keine war jedoch bisher so groß wie die im Jahr 2022. Mitglieder von Taring Padi sprechen im Interview über blinde Flecken, Zensur und die Notwendigkeit für einen Dialog.

Seit Januar 2022 kämpfen die Kurator*innen vom indonesischen Kollektiv ruangrupa, zusammen mit ihrem künstlerischen Team und documenta-Teilnehmer*innen gegen Vorwürfe an, in denen ihr Standpunkt zu Israel in Frage gestellt wird, einschließlich Vorwürfen des Antisemitismus. Schließlich arbeiten sie auf eine öffentlich finanzierte Ausstellung in einem Land hin, das eine besonders große Verantwortung gegenüber der jüdischen Gemeinde und Israel trägt.

Die deutschen Medien stellten anspruchsvolle Fragen: Warum zum Beispiel wurden keine jüdisch-israelischen Künstler*innen auf eine Ausstellung eingeladen, die sich so stark auf den Nahen Osten und den Globalen Süden konzentriert? ruangrupa und die teilnehmenden Künstler*innen wiederum fühlten sich ihrerseits ausgegrenzt, unter Generalverdacht gestellt und angegriffen (der Ausstellungsort eines palästinensischen Kollektivs wurde mutwillig beschädigt). Es schien schwierig, in einen Dialog zu treten. All dies geschah, bevor Besucher*innen (zwei Tage nach der Eröffnung der documenta) zwei Figuren in einer Arbeit des indonesischen Kollektivs Taring Padi entdeckten, die antisemitische Motive beinhalteten. Die Arbeit wurde zunächst verhüllt und dann ganz abgebaut. Die Generaldirektorin der Kunstausstellung trat zurück.

Die Mitglieder von Taring Padi haben seitdem viel zu verarbeiten. Die Gruppe, die sich Ende der 1990er-Jahre gegründet hatte, um ihre Solidarität mit unterdrückten Menschen zu zeigen, wurde bis ins Mark erschüttert. Ich habe mit zwei Mitgliedern des Kollektivs, Alexander Supartono und Hestu Nugroho, über ihre blinden Flecken und die heikle Frage der Zensur gesprochen sowie darüber, wie man einen schwerwiegenden Fehler eingesteht und daraus lernt – und wie die Gruppe nun weiter machen wird.

Kate Brown: Sie gehören zu den bekanntesten Kollektiven aus Indonesien, zusammen mit ruangrupa, den Kurator*innen der documenta. Was unterscheidet sie voneinander?

Alexander Supartono (AS): Uns gibt es schon länger als ruangrupa. Infolge der neuen Freiheit nach dem Fall Suhartos sind in Indonesien damals viele Kunstkollektive entstanden. Wir sind beide bekannte Kollektive, weil wir durchgehalten haben und nach mehr als 20 Jahren immer noch existieren. Aber wir haben unterschiedliche Prägungen und andere Ideologien: ruangrupa ist urbaner und innovativer, wohingegen Taring Padi traditioneller und eine typisch linke Gruppe ist. Obwohl wir uns kennen und respektieren, haben wir bis zur documenta fifteen kaum zusammengearbeitet.

Können Sie ein bisschen von Ihrem Kollektiv erzählen – wo und warum wurde es gegründet?

Hestu Nugroho (HN): Wir haben schon vor der Reformasi-Ära, die auf den Sturz Suhartos folgte, angefangen zusammenzuarbeiten, auch wenn wir uns noch nicht als Taring Padi bezeichnet haben. Aber die meisten von uns waren auf derselben Kunsthochschule – dem Indonesischen Institut der Künste (ISI). Im Dezember 1998 haben wir unsere Deklaration veröffentlicht. Seitdem haben wir Veranstaltungen und Diskussionen der Underground-Szene organisiert. Fast 100 Menschen haben sich über die Jahre auf die eine oder andere Weise bei Taring Padi engagiert.

AS: Der beste Weg, um Taring Padi als Gruppe aus Individuen zu verstehen, sind zwei Worte: Freundschaft und Ideologie. Wir arbeiten, um unsere Ideologie zu verwirklichen beziehungsweise sie auszudrücken. Und während wir arbeiten, entwickeln sich Freundschaften, die wiederum unsere Identität nähren. Unsere Existenz wird durch die Dynamik dieser beiden Elemente aufrechterhalten.

Hat sich Ihre Dynamik hinsichtlich dieser Achse verändert, seit der Skandal um die documenta fifteen im Juni losging? Wie entwickelt sich während einer solch intensiven Situation die Kommunikation innerhalb der Gruppe?

AS: Innerhalb jener Freundschaft und Ideologie finden Lernprozesse statt. Dieser Aspekt war der Schlüssel zu unseren sehr intensiven Diskussionen, die seit der Kontroverse stattgefunden haben. Belajar bersama = gemeinsam lernen, ist für uns sehr wichtig.

HN: Es geht auch darum, zu lernen, ohne sich Gedanken über Geschlecht, Grenzen oder Alter zu machen. Wir reden weiterhin über diese Aspekte sowie über Religion und ethnische Zugehörigkeiten, aber wir lassen diese unsere Gespräche nicht bestimmen. Wir sind als Kollektiv immer noch sehr offen.

Ihr Projekt auf der documenta fifteen heißt Flame of Solidarity: First they came for them, then they came for us (‚Die Flamme der Solidarität: Erst kamen sie ihretwegen, dann kamen sie unseretwegen‘). Der zweite Teil bezieht sich auf ein Gedicht von Martin Niemöller, das den Holocaust reflektiert. Es berührt in gewisser Weise, was Sie hinsichtlich jener Verbundenheit jenseits von Identitäten gesagt haben. Könnten Sie das näher erläutern?

HN: Dieser Bezug kommt nicht aus heiterem Himmel. Der Punkt ist, dass wir alle als Opfer des globalen Systems gelten können.

AS: Der Titel unserer Gesamtpräsentation auf der documenta fifteen ist The Flame of Solidarity. Wir haben uns gefragt, ob wir die Einladung zu dieser Ausstellung annehmen sollten und weshalb. Wir haben uns dafür entschieden, sie anzunehmen und sie als Plattform für Kampagnen zu nutzen – zum Beispiel für Bäuer*innen, die ihr Land verloren haben. Wir wollten das, woran wir in den letzten 20 Jahren mit verschiedenen Gemeinschaften gearbeitet haben, auf die internationale Bühne der Kunstwelt bringen.

Warum ist Solidarität dringender denn je? Wenn wir sie nicht innerhalb des globalen Netzwerks aufbauen, insbesondere im Netzwerk des Globalen Südens, werden ’sie uns holen‘. Wir haben das erlebt. Wir haben miterlebt, wie liberale und kapitalistische Systeme sich auf das Leben von Fischer*innen oder Bäuer*innen ausgewirkt haben. Das ist es, was Niemöllers Zitat für uns bedeutet und wie wir darauf gekommen sind.

Deutschland trägt eine besondere Verantwortung bei der Bekämpfung von Antisemitismus. Haben Sie das Gefühl, dass Sie mehr Unterstützung benötigt hätten, um diesen Kontext zu verstehen und zu übersetzen, in dem Sie während der documenta gearbeitet haben?

AS: Wir möchten niemandem die Schuld geben. Wir müssen uns selbst weiterbilden, weil uns der allgemeine Kontext nicht unbekannt ist. Ich kenne das Goethe-Institut in Jakarta gut, Einige Mitglieder von Taring Padi haben deutsche Partner*innen. Wir hätten es wissen müssen und das war unser Fehler. Es war vollkommen unnötig und schlampig. Wir übernehmen die Verantwortung und arbeiten daran, wie wir weitermachen. Man sollte jedoch hinzufügen, dass es sich um einen einzelnen Fehler handelt. Denn die Untersuchung von unseren Werken – es sind hunderte – hat ergeben, dass es keine weiteren Elemente gibt, die antisemitisch gelesen werden können.

Wir haben ganz offensichtlich die progressiven Elemente innerhalb der jüdischen Gemeinschaft in Israel oder anderswo übersehen. Wir versuchen, mit ihnen in Kontakt zu treten, weil das unser Arbeitsprinzip ist: Wir versuchen immer, zu der betroffenen Gemeinschaft zu gehen und direkten Kontakt zu bekommen. Sie werden sehen, dass sich da noch vor dem Ende der documenta fifteen etwas tun wird.

HN: 90 Prozent der Indonesier*innen sind muslimisch, aber innerhalb dieser Gemeinschaft gibt es viele Positionen und viele verschiedene Ideologien. Auch die jüdische Gemeinschaft ist sehr vielschichtig.

Auf was fokussieren Sie sich als Gruppe in Ihren Gesprächen?

AS: Wir verurteilen Faschismus aus tiefstem Herzen. Was uns am meisten verletzt hat, ist, dass wir als antisemitisch angesehen wurden, denn wir haben seit unserer Gründung unser Bestes versucht, jedem Menschen gegenüber sehr respektvoll zu sein. Wenn wir zum Beispiel versuchen, mit unseren Pappfiguren Solidarität mit den Gewaltopfern in Myanmar und Palästina auszudrücken, dann stellen wir uns Fragen: Was wissen wir wirklich davon? Waren wir mit jemandem in Kontakt? Welche Erfahrungen haben wir mit Menschen an diesen Orten, abgesehen von den Informationen, die wir aus den Medien bekommen? Nach diesem Skandal wollen wir uns noch mehr mit diesen Fragen auseinandersetzen. Warum wird der Blickwinkel, der sich aus dieser Erfahrung ergeben hat, nicht breiter diskutiert? Wir wissen nicht so viel über diese Themen, wie wir wissen sollten.

Gleichzeitig könnten andere mehr über die komplexen Zusammenhänge in Indonesien erfahren, über das Problem des Antisemitismus hier, das heutzutage durch islamische Fundamentalisten präsent ist. Das sind eben jene Gruppen, die uns als ihren Feind ansehen. Dieselben Leute, die antisemitische Ideen verbreiten, verbrennen auch unsere Banner und greifen uns an. Diese vielschichtige Situation in Indonesien muss ebenfalls verstanden werden. Ich bin optimistisch, dass wir in dieser Frage etwas unternehmen können und das auch tun werden.

Übersetzt aus dem Englischen von: Nora Drohne und Christina Schott

Dies ist Teil I des Interviews. Hier geht’s zu Teil II.

Das Interview erschien auf Englisch im Online-Magazin artnet und wurde für die Broschüre Indonesien auf der documenta fifteen: Von der Kunst, in Dialog zu treten herausgegeben von der Stiftung Asienhaus und der Abteilung für Südostasienwissenschaft der Universität Bonn ins Deutsche übersetzt. Für die südostasien wurde diese Übersetzung redaktionell bearbeitet.

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2 | 2018, Deutschland, Vietnam,
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Möglichst billig – aber bitte mit Gütesiegel!

Indonesien/Deutschland: Bei der Debatte um Antisemitismus ist viel von historischer Verantwortung die Rede. Diese Verantwortung sollte sich auch auf die westdeutsche Rolle beim Indonesian Genocide erstrecken, an den das Kollektiv Taring Padi in seinem umstrittenen Kunstwerk erinnert.

Der documenta-Eklat war ausgelöst worden durch ein Werk der indonesischen Künstlergruppe Taring Padi, in dem Militaristen als Schweine und Monster gezeigt wurden. Darunter sahen Kritiker auch zwei antisemitisch interpretierbare Karikaturen, wofür sich Sabine Schormann, die Generaldirektorin der documenta 15 entschuldigte, das Kunstwerk zuerst verhüllen, dann abbauen ließ. Taring Padi entschuldigten sich ebenfalls. Schormann trat schließlich zurück.

Weder die Generaldirektorin der Weltkunstschau noch andere deutsche Akteur*innen kamen darauf, dass auch die indonesischen Künstler*innen Grund zur Kritik gehabt haben könnten: Am geringen Interesse der deutschen Kunstszene, Regierung und Öffentlichkeit an der Aufarbeitung der westdeutschen Rolle beim Indonesian Genocide 1965. Der Inhalt des beanstandeten Kunstwerks von Taring Padi, einer meterhohen Plakatwand mit einer Art Wimmelbild, wurde in der vom Antisemitismus-Vorwurf dominierten Debatte kaum benannt: Der Indonesian Genocide.

Dies nährt den Verdacht, bei der Entfernung des Werks könnte es auch um anderes gehen als die vordergründig angeprangerten antisemitischen Detailfiguren: Um die Zensur von Kritik an der westdeutschen Rolle beim antikommunistischen Massenmord von 1965. Der Massenmord und die Absetzung von Indonesiens erstem Präsidenten Sukarno, einem Mitbegründer der Blockfreien- Bewegung, schufen die Basis für die über 30 Jahre dauernde Diktatur des prowestlichen Generals Suharto, mit der die Bundesrepublik beste wirtschaftliche und politische Beziehungen pflegte.

Womöglich geht es also sogar um die Unterdrückung von Information über einen besonders dunklen Fleck auf dem Image der westlichen Staatengemeinschaft, die bislang einer breiten Öffentlichkeit völlig unbekannte Jakarta-Methode. Das in Deutschland zensierte Kunstwerk war im Kern eine Anklage gegen ein Verbrechen, an dem wohl auch die damalige Bundesregierung beteiligt war.

People‘s Justice und der Indonesian Genocide

Die Brutalität des Indonesian Genocide, die Grausamkeit faschistischer Militärs, die Drahtzieherrolle ausländischer Geheimdienste und ihrer heimlichen Geldgeber – das alles ist Thema des inkriminierten Kunstwerks People‘s Justice. Einer dieser geheimen Geldgeber der indonesischen Massenmörder scheint 1965 die westdeutsche Regierung gewesen zu sein. So belegte es im Jahr 2020 eine Enthüllung, die aber kaum Wellen in deutschen Medien schlug:

„Bislang geheime Akten des Bundesnachrichtendienstes (BND) erhärten den Verdacht, dass die Bundesrepublik Deutschland die indonesischen Militärs beim Putsch 1965 unterstützte. Der Machtübernahme durch die antikommunistischen Generäle folgte ein Genozid mit Hunderttausenden Toten. Bis heute mussten sich Täter nicht vor Gericht verantworten. Nun steht eine deutsche Mitverantwortung für Verbrechen gegen die Menschlichkeit zur Debatte.“ Jonas Mueller-Töwe, T-Online Nachrichten, 13.7.2020.

Die Nachrichtenredaktion von T-Online gab im Juli 2020 an, umfangreiche Dokumente aus den Beständen des Bundesnachrichtendienstes (BND) ausgewertet zu haben, die eine Kooperation der Bundesrepublik mit den indonesischen Militärputschisten belegen. Die Rede ist von Regierungskontakten auf Offiziersebene. Eine BND-Akte schildere Überlegungen, die Putschisten heimlich zu finanzieren. Ein Dokument aus anderer Quelle lege nahe, dass wirklich Gelder flossen, wobei dafür verantwortlich der damalige Staatssekretär Karl Carstens (CDU), der spätere Bundespräsident, sein könnte.

Das westdeutsche Geld, eine Barzahlung in Höhe von 1,2 Millionen D-Mark, werde „hauptsächlich für Sonderaktionen gegen KP-Funktionäre und zur Durchführung von gesteuerten Demonstrationen benötigt“, heiße es in der Akte. Die BND-Akten legten darüber hinaus den Verdacht einer deutschen Mitverantwortung für die Massaker nahe: Ein auf den 3. November 1965 datierter BND-interner Bericht mit dem Betreff „Föhrenwald“ schildere „ein regelrechtes Abschlachten von Kommunisten“, so das Nachrichtenportal T-Online.

Es sei zwar unklar, wie genau der BND und die Bundesregierung damals mit dieser Bitte aus Indonesien verfahren wären: Während das Dokument mit dem handschriftlichen Vermerk „Abgelehnt Nichteinmischung“ gekennzeichnet sei, halte der BND unter anderem die zugehörige „Beschaffungsbitte“ aus Gründen des nachrichtendienstlichen Methodenschutzes weiter zurück. T-Online gesteht ein, das Dokument zwar nicht unabhängig verifizieren zu können, es enthalte jedoch nachweislich richtige Angaben über andere BND-Auslandsoperationen. Der spätere Bundespräsidenten Karl Carstens sei damals in verdeckte Waffengeschäfte unter Beteiligung des BND verstrickt gewesen.

Bonner Kommunistenjäger

Die Bonner Republik stand im Kalten Krieg treu an der Seite der USA und ihre Vergangenheitsbewältigung der Nazi-Diktatur war äußerst lückenhaft. Es brauchte Menschen wie den jüdischen Oberstaatsanwalt Fritz Bauer, um gegen erbitterten Widerstand vieler Juristen wenigstens einige NS-Massenmörder im Auschwitz-Prozess anzuklagen. Die Behörden und vor allem die Justiz der BRD waren, gelinde gesagt, nicht frei von alten Nazi-Kadern.

Erinnert sei an die Personalie Hans Globke, ‚der starke Mann hinter Adenauer‘. Als Adolf Hitlers Starjurist arbeitete Globke die furchtbaren NS-Rassegesetze aus, als Adenauers Staatssekretär war er später 14 Jahre lang einer der mächtigsten Regierungsfunktionäre der jungen Bundesrepublik. Globke wurde unter Hitler eine steile Beamtenkarriere zuteil: Bis 1945 war er Ministerialrat in Hitlers Reichsinnenministerium, verfasste einen teuflischen Kommentar zu den Nürnberger Rassengesetzen von 1935, die der Juden-Verfolgung in Deutschland einen ‚rechtsstaatlichen‘ Anschein gaben. Globkes Amtszeit in der BRD währte bis zu Adenauers Rücktritt 1963. Dann übernahm Ludwig Erhard die Kanzlerschaft. Der Transatlantiker Erhard war im Westbündnis ein noch USA- treuerer Partner als der ‚Gaullist‘ Adenauer.

Seite an Seite mit Washington

1965 planten Washington und London eine streng geheime Intervention in Jakarta. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass Erhards Staatssekretär Karl Carstens unter Anleitung von US-Geheimdiensten Kontakte zu rechtsextremen Militärs in Indonesien knüpfen sollte. Dass dabei die westdeutsche Staatskasse in Regime-Change-Pläne der USA eingebunden wurde, legen die Recherchen von T-Online nahe. Dafür spricht auch die Nähe des BND zu federführenden US-Geheimdiensten, die den gewaltsamen Regime Change in Indonesien nach dem Muster der US-Operationen in Guatemala und Iran organisierten. In westdeutschen Geschichtsbüchern suchte man den Indonesian Genocide vergeblich. Man fand dort nur die Propaganda-Version der Putschisten, sie hätten einen kommunistischen Umsturzversuch niedergeschlagen. Damit wurde den Opfern des Massenmordes (bis zu drei Millionen Menschen) auch noch die Schuld dafür in die Schuhe geschoben.

Das wahre Ausmaß des Massakers wird bis heute herunter gespielt. Lange waren es in westlichen Schul- und Geschichtsbüchern nur einige Tausend Tote (in der DDR war das anders, aber das tat man im Westen als „Propaganda“ ab). Inzwischen, wo nicht mehr zu leugnen ist, dass mindesten eine halbe bis eine Million Opfer zu beklagen sind, spricht man von „Hunderttausenden Toten“.

„Es gab da Massenmorde“

Bei deutschen Kulturpolitikern, -managern und -journalisten scheint historisches Wissen über die oft peinlich verschwiegenen Aspekte westlicher Politik eher rar zu sein. Immerhin erwähnt Elke Buhr, Chefredakteurin des Kunstmagazins Monopol, im NDR-Interview die Suharto-Diktatur:

„Taring Padi ist eine Gruppe, die sich Ende der 1990er-Jahre gegründet hat, aus der Erfahrung der Diktatur Suhartos, die da gerade zu Ende ging. Das war eine sehr harte Erfahrung für Indonesien: Das war ein Diktator, der als der korrupteste Diktator der Welt galt. Es gab da Massenmorde. Suharto wurde von den westlichen Mächten im Rahmen des Kalten Krieges unterstützt, wie das so oft war bei diesen Regimes. Diese Gruppe nutzt Agitprop-Ästhetik, Karikaturen, sehr politische Zeichnungen und Banner dazu, um Kunst in die Gesellschaft zu tragen.“ Elke Buhr im NDR.

Elke Buhr hatte zeitweise die documenta-Kuratoren gegen die Vorwürfe des Antisemitismus in Schutz genommen. Sie hatte für Verständnis mit Künstler*innen aus den Ländern des Globalen Südens und für die Freiheit der Kunst plädiert. Das großflächige Wimmelbild People‘s Justice wurde seit 20 Jahren ausgestellt, meist in Indonesien, aber auch in Australien – wo es die dortige jüdische Gemeinde offenbar nicht zu Protesten anregte.

Bundespräsident, Kunst und Politik

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier forderte in seiner kritischen documenta-Rede, die Kunst müsse sich, wenn sie das Terrain der Politik betrete, an politischen Maßstäben messen lassen. Steinmeier setzte sich aber nicht wirklich mit dem als antisemitisch inkriminierten Kunstwerk auseinander, geschweige denn mit dessen Hintergrund: Der Indonesian Genocide von 1965/66 gilt als der nach dem Holocaust zweitschlimmste Massenmord des 20. Jahrhunderts mit mindestens einer halben bis drei Millionen Todesopfern.

Massakriert wurde von den an die Macht geputschten Militärs und ihren Todesschwadronen die Kommunistische Partei Indonesiens, die damals mehr als drei Millionen Mitglieder zählte. Ganze Familien wurden grausam getötet. Hunderttausende wurden ohne Gerichtsverfahren über Jahre in Gefängnissen eingesperrt. Das Verbrechen gegen die Menschlichkeit wurde danach jahrzehntelang vertuscht. Es hätte unserem Bundespräsidenten gut angestanden, sich mit möglichen deutschen Verstrickungen in diese Massenmorde auseinanderzusetzen.

Antisemitismus ist keine Meinung, sondern ein Verbrechen. Das gilt aber auch für die Finanzierung von Putsch und Völkermord. Vielleicht hilft der aktuelle documenta-Eklat, einen ganz anderen Skandal endlich bekannt zu machen: Die fortgesetzte Anwendung von Massenmord als Mittel geheimer Außenpolitik.

Massenmord als Außenpolitik

Bereits 2014 hatte die Linksfraktion im Bundestag kritische Fragen zur deutschen Rolle bei den Massakern von 1965 gestellt, die vom Auswärtigen Amt unter Verweis auf Geheimhaltung äußerst reserviert beantwortet wurden. André Hahn, stellvertretender Fraktionsvorsitzender und Mitglied des Parlamentarischen Kontrollgremiums, wollte in einer Parlamentarische Anfrage im August 2020 wissen, ob der T-online-Bericht zutreffend sei – was die Bundesregierung schriftlich dementierte. Hahn kritisierte nach Akteneinsicht die mangelnde Transparenz der Bundesregierung: „Die darin enthaltenen konkreten Zahlen zu tatsächlich geleisteten Unterstützungen des Regimes sollen offenkundig nicht bekannt werden.“ Demnach verdichten sich auch für den Abgeordneten die Hinweise, „dass der BND formell eine Mitverantwortung an den Massenmorden trägt„.

Der BND hatte 1965 offenbar weitere Leute vor Ort, einer davon war Rudolf Oebsger-Röder. Oebsger-Röder war SS-Obersturmbannführer, SD-Mann und Chef von Einsatzgruppen, dann heuerte er bei der Organisation Gehlen, dem späteren BND an. Wie viele Geheimdienstler war Ex-SS-Mann Oebsger-Röder ab 1959 in Indonesien in der Maske des Journalisten unterwegs, als O.G. Roeder war er Korrespondent für die Süddeutsche Zeitung und die Neue Zürcher Zeitung. Aus Roeders Feder stammt auch die erste englischsprachige Biographie von Diktator Suharto mit dem Titel The Smiling General – eine wohlwollende Bezeichnung, die westliche Medien fortan gern zur Beschreibung des indonesischen Machthabers verwendeten.

Die Jakarta-Methode: Washingtons antikommunistischer Kreuzzug

Das 2019 auf Englisch erschienene Buch „Die Jakarta-Methode: Washingtons antikommunistischer Kreuzzug und das Massenmordprogramm, das unsere Welt prägte“ von Vincent Bevins könnte in der im Oktober 2022 erscheinenden deutschen Übersetzung für etwas mehr öffentliche Wahrnehmung dieses blinden Flecks im deutschen historischen Bewusstsein sorgen. Das Buch beschreibt die Massaker in Indonesien und spätere Wiederholungen der Jakarta Methode in Lateinamerika und anderswo.

Dass die Entfernung des Kunstwerks People’s Justice des indonesischen Künstlerkollektivs Taring Padi etwas mit den Versuchen westlicher Geheimdienste zu tun hat, ihre Jakarta Methode weiter zu verbergen und den Indonesian Genocide weiter herunterzuspielen, mag reine Spekulation sein. Bundeskanzler Olaf Scholz könnte jedoch helfen, mehr Licht auf das dunkle Geschichtskapitel in Indonesien und die deutsche Beteiligung zu werfen: indem er die betreffenden BND-Akten endlich freigibt. Das wäre nach aller Kritik am mangelnden Geschichtsbewusstsein der indonesischen Künstler*innen auf der documenta ein angemessener Schritt in punkto historischer Verantwortung.

Dieser Artikel erschien zunächst auf Telepolis und wurde für die südostasien gekürzt und redaktionell bearbeitet.

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2 | 2018, Deutschland, Vietnam,
Autor*in:

Möglichst billig – aber bitte mit Gütesiegel!

Deutschland/Indonesien: Die Diskussionen um das Kunstwerk People’s Justice des indonesischen Kollektivs Taring Padi haben die documenta gelähmt. Mitglieder von Taring Padi berichten im Interview über ihre Lernprozesse und betonen ihre Bereitschaft zum Dialog.

Kate Brown: Können Sie mehr über den Entscheidungsprozess erzählen, der zur Entfernung des Kunstwerkes geführt hat?

Alexander Supartono (AS): Als Hestu, ich und ein weiteres Mitglied von Taring Padi an jenem Montag im Juni zum Treffen mit ruangrupa und der documenta-Leitung kamen, hatten wir eine hitzige Debatte darüber, ob wir das Werk verhüllen sollten oder nicht. Einige waren sehr aufgebracht wegen der Verhüllung des Werks und drohten damit, die Ausstellung zu verlassen. Als jemand von der documenta-Leitung sagte, dass niemand wüsste, ob sie am nächsten Tag noch einen Job hätten oder nicht, war uns sofort klar, was wir zu tun hatten. Wir können nicht die Existenz von jemand anderem wegen unserer Arbeit aufs Spiel setzen. Bei unserer Arbeit geht es um Menschlichkeit.

Hestu Nugroho (HN): Der schwarze Stoff war ein Symbol der Trauer, ein erstes Statement. Es ist jedoch auch wichtig, dass wir die lumbung-Gemeinschaft [der Künstlerkollektive, die von ruangrupa für die documenta fifteen zusammengebracht wurden] respektieren. Hätten wir einfach vor unserer Arbeit gestanden und uns geweigert, sie zu entfernen, hätten wir auch das Fortbestehen der gesamten documenta fifteen und aller daran beteiligten Gruppen riskiert.

Sie sagten, der schwarze Stoff sei ein Denkmal der Trauer über die Unmöglichkeit des Dialogs. Sie versuchen, diesen Dialog zu finden. Das ist interessant zu hören, denn das haben wir auch von anderen relevanten Parteien gehört. Meron Mendel, der Direktor der Bildungsstätte Anne Frank, der als externer Berater hinzugezogen wurde (und schließlich zurücktrat), sagte ebenfalls, dass es schwierig gewesen sei, einen Dialog zu führen. Dasselbe hatte ich schon vor diesen Ereignissen von jüdischen Kunstschaffenden in Deutschland gehört. Warum war es aus Ihrer Sicht so schwer?

AS: Das ist sehr interessant, dass Sie das auch hören. Wir wollen reden. Nachdem entschieden worden war, das Werk zu verhüllen, gab es keine weiteren Diskussionen. Der Vorstand hat uns per E-Mail mitgeteilt, dass einstimmig beschlossen wurde, das Werk innerhalb von zwei Stunden abzubauen.

Wir hören hier und dort etwas, aber ein Dialog findet weiterhin nicht statt. Jetzt sind wir dabei, selbst einen Dialog anzustoßen, ohne die documenta. Wir hoffen, dass sie sich daran beteiligen wird, und vielleicht versuchen sie es auch anderswo, ohne Erfolg und ohne uns darüber zu informieren. Aber lassen Sie uns niemandem die Schuld geben. Machen wir es einfach selbst.

In Kassel hat es auch positive Entwicklungen gegeben. Mitglieder der jüdischen Gemeinde und von ruangrupa haben zusammen Abend gegessen und planen ein gemeinsames Fußballspiel. Das ist der beste Weg, etwas zu unternehmen – dem Zirkus in den Medien und im Bundestag den Rücken zu kehren und wirklich den Menschen zu begegnen, die betroffen sind.

Es gab auch für uns Solidarität. Leute kamen zu uns und haben uns erzählt, was in den lokalen und nationalen Zeitungen geschrieben wurde oder was im Radio diskutiert wurde, weil sie wussten, dass wir kein Deutsch sprechen.

Es gab eine Podiumsdiskussion, die von Meron Mendel organisiert wurde. Haben Sie daran teilgenommen und was haben Sie dort gelernt?

HN: Wir haben viel über die Komplexität von Antisemitismus im Verhältnis zu Antirassismus gelernt – und viel über die postkoloniale Diskussion im deutschen Kontext.

Dort wurde über blinde Flecken in der dekolonialen Diskussion gesprochen, wenn es um jüdische Themen geht.

AS: Ja, und das stimmt auch. Es gibt einen blinden Fleck, der mit kühlem Kopf überdacht werden muss. Wie haben sich die antisemitischen Ansichten der Niederländer während der Kolonisierung Indonesiens auf die Menschen dort ausgewirkt? Welche Vergleiche lassen sich zwischen den Bildern, die die Nazis von Jüd*innen mitbrachten, und der Darstellung der Chines*innen in den 1910er und 1920er-Jahren ziehen? Wir recherchieren aktiv dazu und lernen.

Lassen Sie uns nochmals über das Werk sprechen, das von der documenta-Leitung entfernt wurde. Wie kam es dazu, dass diese Figuren in Ihrer Arbeit People’s Justice erschienen?

AS: Diese Frage wollen wir gerne beantworten, aber wir sind uns nicht hundertprozentig sicher, wer sie gemalt hat, auch wenn es in den Medien dazu einige Spekulationen gab. Wir arbeiten alle zusammen mit großen Stoffbahnen auf dem Boden. Einige Leute zeichnen die Umrisse, und dann kann sie jede*r ‚ausmalen’. Zu der Zeit als das Werk entstand, im Jahr 2002, hatten wir das alte Gebäude unserer Kunsthochschule besetzt. Wer auch immer auftauchte, konnte helfen und etwas zum Bild beitragen. Jemand hat vielleicht die Figur gemalt und ein*e andere*r die rote Farbe aufgetragen. Wieder jemand anders könnte die Reißzähne dazugefügt haben und so weiter. Wir glauben, dass mehr als eine Person daran gemalt haben.

Die Militärfigur [des Mossad] ist leichter zu verstehen. Wir wollten die Beteiligung der westlichen Staaten darstellen, die die Militärdiktatur Suhartos unterstützt haben. Wir machen keine Satire. Wir wollen Menschen, die wir als Unterdrückende ansehen, ‚entmenschlichen‘. Also ‚verwandeln‘ wir sie in andere Dinge, wie Tiere oder Roboter. Wenn wir auf Indonesisch fluchen, bezeichnen wir die Leute mit Tiernamen, also verfluchen wir sie in gewisser Weise.

Das Porträt des orthodoxen Juden mit den scharfen Zähnen und all diesen Details ist Teil einer Gruppe weiterer ‚dämonischer‘ Figuren. Warum befindet es sich dort? Was hat sich der- oder diejenige dabei gedacht, der oder die das gemalt hat? Welche Art von kollektivem Bewusstsein hat diese Figur dorthin gebracht? Was wissen wir über antisemitische Bilder und die Art und Weise, wie Nazis jüdische Menschen in abwertender Weise dargestellt haben? In den historischen Traditionen der wayang-Puppen Indonesiens werden antagonistische Figuren immer mit solchen roten Augen und Reißzähnen ‚entmenschlicht‘. Das war lange vor der Art und Weise, wie die Nazis Jüd*innen darstellten. Wir versuchen zu verstehen, wie diese verschiedenen Elemente hier alle kombiniert wurden.

HN: Wir hatten das Werk schon vorher ausgestellt, sodass wir die Figuren aus unserer Perspektive kannten. Wir wussten nicht, welche starke Reaktion sie in Deutschland auslösen würden. Wenn Menschen Elemente in eine Arbeit einbringen, wollen wir sie nicht auslöschen. Wir wollen sie und den Kontext diskutieren. Das ist unsere Art zu arbeiten.

AS: Ja, wir haben noch nie jemanden zensiert, der an unseren Stücken arbeitet, aber vielleicht müssen wir diese Regel noch einmal überdenken. Vielleicht ist es zu naiv, solche Dinge zu tun.

Also wussten Sie, dass diese Figuren da waren?

AS: Ja, das wussten wir. Wir übernehmen die Verantwortung. Aber wir haben sie in den vergangenen 21 Jahren so häufig gesehen. Das ist wie mit Dingen in deinem Wohnzimmer – irgendwann hörst du auf, sie dir wirklich anzuschauen und darüber nachzudenken, weil du an sie gewöhnt bist. Also haben wir nie angenommen, dass diese Figuren in einem anderen Kontext eine so große Wirkung haben könnten. Wir haben sie irgendwie nie richtig wahrgenommen, wenn wir sie in anderen Ausstellungen präsentiert haben, weil wir nie nach ihnen gesucht haben.

Nichts davon ist eine Entschuldigung für das, was passiert ist. Als wir unsere Werke auf der documenta aufgebaut haben, waren wir, ehrlich gesagt, mehr wegen der roten Sterne besorgt, die überall auf unseren Arbeiten verteilt sind – wegen Russlands Krieg in der Ukraine.

HN: Ja, wir haben uns nie wirklich über eine einzelne Figur in unseren Werken Sorgen gemacht, weil es vorher nie Probleme gab. Wir haben stattdessen immer die großen Narrative diskutiert.

Was werden Sie nun mit dem Kunstwerk machen?

AS: Wir wissen noch nicht genau, was wir damit machen sollen. Natürlich wollen wir das Werk nicht zensieren. Wir haben einen Fehler gemacht, aber wir wollen unsere Fehler nicht auslöschen. Fehler sollten uns als Ermahnung dienen, aber auch als Ausgangspunkt für Diskussionen. Wenn wir die Arbeit zerstören, würden wir bloß die islamischen Fundamentalisten kopieren, die unser Werk verbrannt haben. Aber ganz sicher werden wir das Banner nicht noch mal auf dieselbe Weise in der Öffentlichkeit präsentieren.

Dies ist Teil II des Interviews. Hier geht’s zu Teil I.

Übersetzt aus dem Englischen von: Nora Drohne und Christina Schott

Das Interview erschien auf Englisch im Online-Magazin artnet und wurde für die Broschüre Indonesien auf der documenta fifteen: Von der Kunst, in Dialog zu treten herausgegeben von der Stiftung Asienhaus und der Abteilung für Südostasienwissenschaft der Universität Bonn ins Deutsche übersetzt. Für die südostasien wurde diese Übersetzung redaktionell bearbeitet.

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2 | 2018, Deutschland, Vietnam,
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Möglichst billig – aber bitte mit Gütesiegel!

Vietnam/Deutschland: „Geteiltes Land, geteiltes Leid“ von Andreas Margara ist ein gelungener Überblick über die Beziehungen Vietnams zu DDR und BRD seit 1945. Aktuelle Debatten fehlen dem Buch jedoch.

Der Historiker Andreas Margara beschreibt in Geteiltes Land, geteiltes Leid – Geschichte der deutsch-vietnamesischen Beziehungen von 1945 bis zur Gegenwart, wie die Vietnampolitik der beiden Deutschlands ihre Beziehung zueinander beeinflusst hat, welche Unterschiede es gab und wie sich diese bis heute auswirken.

Zuerst gibt der Autor eine Übersicht der Forschung zu deutsch-vietnamesischen Beziehungen und legt seine Quellen dar. Er analysiert die diplomatischen Beziehungen anhand von institutionellen Quellen, Medienberichten und persönlichen Erinnerungen sowie aus Interviews mit Zeitzeug*innen. Er beleuchtet somit Schlüsselereignisse auf systemischer und individueller Ebene.

Symbolischer Schauplatz des Kalten Krieges

Die darauf folgenden Kapitel konzentrieren sich auf bekannte und weniger bekannte Ereignisse der deutsch-vietnamesischen Beziehungen. Margara beginnt die historische Zeitlinie mit der Geschichte der westdeutschen Soldaten, die in der Fremdenlegion für die französischen Armee und den Erhalt der Kolonie kämpften und teilweise auf die vietnamesische Seite überliefen. In Bezug auf die DDR beginnt Margara mit deren Rolle im Indochinakrieg. In einem weiteren Kapitel betrachtet der Autor die Haltungen der beiden deutschen Staaten im amerikanischen Krieg in Vietnam, was sowohl die staatlichen Positionen als auch die Reaktionen in der jeweiligen Bevölkerung beinhaltet.

Im Vordergrund für West-Deutschland stehen die humanitäre Hilfe, die 68er-Bewegung und die Frage der militärischen Beteiligung West-Deutschlands unter anderem durch die Produktion des Giftgases Agent Orange.

Dem gegenüber steht die Solidaritätspolitik der DDR mit Nordvietnam, die beginnende Ausbildungsmigration in die DDR und die Beziehung als ‚Waffenbrüder’ der beiden sozialistischen Staaten. Dabei wird deutlich, dass Vietnam zum symbolischen Schauplatz des Kalten Krieges im deutsch-deutschen Wettbewerb der Systeme wurde. Im Buch treffen bekannte Geschichten wie der Studierendenprotest um Rudi Dutschke auf unterbeleuchtete Aspekte, wie das Schicksal von humanitären Helfer*innen des Deutschen Roten Kreuzes und der Malteser in Vietnam.

‚Boat-People‘ und Vertragsarbeiter

Der dritte Teil des Buches widmet sich der Geschichte der Migration von Vietnam nach Deutschland zwischen 1973 und 1989. Margara geht hier zum Beispiel auf die Geschichte der ‚Boat People’ in West-Deutschland und der Vertragsarbeiter*innen in der DDR ein. Zusätzlich beschreibt er die Hilfspolitik der DDR, durch die die Stadt Vinh wieder aufgebaut und der Kaffeeanbau in Vietnam gefördert wurde. Im Kapitel zur Migration nach Westdeutschland zieht Margara Parallelen zur aktuellen deutschen Migrationspolitik und arbeitet interessante Unterschiede heraus. Dazu zählt beispielsweise die Pro-Migration-Haltung der CDU, die damals vietnamesische Migrant*innen aktiv unterstützte, da sie diese Migration als anti-kommunistische Maßnahme betrachtete.

Das Buch schließt mit einem kurzen vierten Teil zu den deutsch-vietnamesischen Beziehungen nach dem Mauerfall und zur neuen Generation Vietdeutscher.

Gelungene Zusammenstellung mit Lücken

Durch die Mischung der Quellen gelingt es dem Autor, institutionelle Standpunkte mit persönlichen Erlebnissen zusammenzubringen und auf diese Weise Geschichte lebendig zu erzählen. Sehr bekannte Ereignisse werden verflochten mit kaum bekannten, unter anderem die Geschichte der einzigen Frau, die in Kriegsgefangenschaft im berüchtigten Hanoi Hilton-Gefängnis der kommunistischen Kräfte saß.

Leider wird im Buch die Befangenheit des Autors weder eingeordnet noch reflektiert. Jede*r Autor*in schreibt mit persönlicher Voreingenommenheit – dies darzulegen ist wichtig und fehlt dem Buch. Dass der Autor westdeutsch sozialisiert ist und aus einer weißen Perspektive schreibt, wird an einigen Stellen deutlich. So benennt er den Rassismus gegenüber Vietnames*innen und Vietdeutschen nicht als solchen, sondern spricht von „Fremdenfeindlichkeit“ und „Exotisierung“. Damit fehlt eine wichtige Einordnung in aktuelle sozialwissenschaftliche Debatten. Auch erwähnt Margara die Morde an Do Anh Lan und an Nguyen Ngoc Chau nicht, die 1980 als erste rassistische Morde in die westdeutsche Geschichte eingingen und bis heute das Leben vieler Vietnames*innen in Deutschland und Vietdeutscher prägen.

Das Buch hätte noch inklusiver und interessanter werden können, wenn der Autor nicht nur Quellen aus deutschen Institutionen genutzt, sondern auch vietnamesische einbezogen hätte. Bei den Interviews mit Zeitzeug*innen hat er die vietnamesische Perspektive im Ansatz einbezogen. Generell hätte sie aber stärker zu Wort kommen können. Wie sich die westdeutsche Prägung des Autors auf seine Einordnung und Auswertung der Quellen auswirkt, wird durch mehrere Formulierungen deutlich. So zum Beispiel als Margara ausschließlich die DDR für „theologische Geschichtspolitik und selbstlegimatorische Zwecke“ kritisiert – die es aber ebenfalls in Westdeutschland gab.

Geteiltes Land – geteiltes Leid ist ein wichtiger Beitrag zur Erforschung der deutsch-vietnamesischen Beziehungen und ein Novum in der deutschsprachigen Literatur. Dem Buch gelingt es, wichtige historische Ereignisse aus persönlichen und offiziellen Quellen zu erzählen. Allerdings fehlt dem Buch eine klare Positionierung: Der Autor hätte seinen Standpunkt und seine Auswahl der Beispiele und Menschen, die im Buch zu Wort kommen, einleiten können. Somit könnten Leser*innen besser verstehen, warum und wie der Autor historische Ereignisse wertet – und welche Leerstellen es im Buch gibt.

Rezension zu: Andreas Margara. Geteiltes Land, geteiltes Leid – Geschichte der deutsch-vietnamesischen Beziehungen von 1945 bis zur Gegenwart. regiospectra Verlag 2022. 320 Seiten

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2 | 2018, Deutschland, Vietnam,
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Südostasien/Deutschland: Im März 2023 veröffentlichte das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) sein Strategiepapier „Feministische Entwicklungspolitik“. Die Kernaussagen werden hier kritisch gewürdigt.

Die Ampelkoalition befindet sich im Frühjahr 2023 in einem spannungsreichen politischen Spagat zwischen der Rückkehr zu einer überwunden geglaubten militärischen Logik im Zeichen des Ukraine-Kriegs einerseits und der Einführung des Feminismus in der Außen- und Entwicklungspolitik andererseits. Feministische Entwicklungspolitik – Für gerechte und starke Gesellschaften weltweit lautet der Titel des im März 2023 erschienenen Strategiepapiers des BMZ. Das Papier signalisiert einen Paradigmenwechsel in der staatlichen Entwicklungszusammenarbeit (EZ), der bis vor kurzem noch undenkbar schien.

Nach sechs Dekaden, in denen Entwicklung trotz vieler innovativer Initiativen weitgehend entlang patriarchal geprägter Vorstellungen des globalen Nordens ausgerichtet blieb, sollen nun feministische Perspektiven die Richtung neu bestimmen. So lautet zumindest der Anspruch von Entwicklungsministerin Svenja Schulze in ihrem Begleitschreiben: Feministische Entwicklungspolitik sei keine „Politik von Frauen für Frauen“, sondern fördere „globale Gerechtigkeit, Wohlstand und gesellschaftlichen Zusammenhalt“. Davon, so die Ministerin, „profitieren alle“. Ein hoher Anspruch.

Stehen wir damit auch in der Entwicklungspolitik vor einer ‚Zeitenwende‘? Welches Verständnis von Feminismus liegt der neuen Strategie zugrunde? Was sind die konkreten Ziele und wie sollen sie erreicht werden? Geht es um feministische Alternativen zum globalen Wachstumsmodell, das strukturell Ungleichheit und Armut hervorbringt, oder lediglich um eine stärkere Beteiligung von Frauen an Macht und Wohlstand? Um diese und andere Fragen soll es in diesem Artikel gehen.

Überwindung patriarchaler Machtstrukturen

Die neue feministische Entwicklungspolitik sieht eine der Hauptursachen von Ungleichheit, Marginalisierung und Menschenrechtsverletzungen weltweit in patriarchalen Machtstrukturen. Diese trügen wesentlich zu instabilen Gesellschaften, Krisen und Konflikten bei, so das BMZ- Strategiepapier. Als strukturell benachteiligt werden vor allem Frauen und Mädchen, indigene Völker und lokale Gemeinschaften, Menschen mit Behinderungen sowie LGBTQI+-zugehörige Personen identifiziert. Sie alle stellen aus Sicht des BMZ ein großes Potenzial dar für die Bewältigung globaler Krisen – Klimakrise, Verlust der Biodiversität, Ernährungsunsicherheit, Destabilisierung von Gesellschaften, Kriege und Konflikte – und für die Sicherung des Wohlstands. Davon, dieses Potenzial zu nutzen, würden alle profitieren, so das Papier.

Feminismus wird nicht als einheitliches Konzept eurozentristischer Prägung verstanden. Vielmehr handele es sich um eine Vielfalt unterschiedlicher Feminismen, die sich über 200 Jahre weltweit herausgebildet haben und sich dynamisch dem jeweiligen Kontext entsprechend verändern. Feministische Entwicklungspolitik, so das übergreifende Ziel, soll dazu beitragen, dass „alle Menschen gleichermaßen und selbst bestimmt am sozialen, politischen und wirtschaftlichen Leben teilhaben können“, so das Strategiepapier.

Intersektionaler Ansatz und selbstkritische Reflexion

Frauen und Mädchen machen mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung aus. Geschlechtergerechtigkeit steht somit im Fokus. Erweitert wird der Fokus durch ein Bekenntnis zur „Diversität“, die sich in „vielfältigen Identitäten und Lebensrealitäten“ ausdrücke, und in einem „inklusiven, nicht-binären Verständnis von Geschlecht“. So werden aktuelle Debatten um Gender und Identität einbezogen. Angestrebt wird ein „gendertransformatives“ Vorgehen, das an den Ursachen von Diskriminierung (Gesetze, Normen, Praktiken, Einstellungen) ansetzt. Begrüßenswert ist auch die Betonung des intersektionalen Ansatzes, der verschiedene, einander überschneidende und sich gegenseitig verstärkende Kategorien von Diskriminierung in den Blick nimmt. Ein weiteres positives Novum ist die selbstkritische Reflexion fortwirkender kolonialer und rassistischer Sichtweisen und Mechanismen, die zu Ungleichheit und Ausgrenzung beitragen.

Die Umsetzung soll nach dem Modell der „3 R“ – Rechte, Ressourcen, Repräsentanz – erfolgen, die für Rechte, Ressourcen und Repräsentanz stehen. Diskriminierende Rechte und Normen sollen abgebaut werden, Frauen und Mädchen sollen gleichberechtigten Zugang zu Ressourcen und zu gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Entscheidungsprozessen (Repräsentanz) erhalten. Bis 2025 sollen immerhin 93 Prozent aller neu bewilligten Mittel in Projekte fließen, in denen Gleichstellung als Haupt- oder Nebenziel genannt ist.

Systemwandel oder Krisenbewältigung?

Das vorliegende Konzept einer feministischen Entwicklungspolitik verspricht eine radikale Neuorientierung. Vieles von dem, was unter den „3 R“ in Kapitel 4 konkret aufgelistet wird, ist in diesem Sinne positiv zu bewerten. Auf den zweiten Blick stellen sich jedoch einige kritische Fragen im Hinblick auf die tatsächliche beziehungsweise intendierte Reichweite der Ziele. Ist hier ein dringend notwendiger Paradigmenwechsel in Sicht? Geht es darum, unter feministischer Perspektive einen Prozess in Gang zu setzen, der auf die Umgestaltung eines Entwicklungsmodells abzielt, das Armut, Gewalt, Ausbeutung und Zerstörung der Natur hervorgebracht hat? Oder erschöpft sich das hier skizzierte Vorhaben der Geschlechtergleichstellung darin, ein bisher vernachlässigtes Bevölkerungspotential effizienter zu nutzen, um die globalen Krisen besser abfedern und damit das herrschende Entwicklungsmodell retten zu können? Immerhin wäre ein Abbau der eklatanten Ungleichheit – eine wichtige Voraussetzung für den Erfolg der zweiten Variante – an sich bereits ein großer Fortschritt für Frauen, Mädchen und andere diskriminierte Gruppen.

Die Entdeckung des Wissens indigener Völker

Positiv fällt auf, welch große Bedeutung indigenen Bevölkerungsgruppen und lokalen Gemeinschaften weltweit in dem neuen Papier beigemessen wird. Besonders wichtig ist hier der kritisch-selbstreflexive Bezug zum Kolonialismus mit der bis heute fortwirkenden Abwertung indigenen Wissens. Zu Recht wird die Relevanz dieses Wissens über Natur und Lebensräume für die Überwindung von Umwelt-, Wasser- und Klimakrise und den Erhalt der Biodiversität hervorgehoben. Allerdings scheint auch hier die effizientere Nutzung eines Potentials im Vordergrund zu stehen. Die wertschätzende Befassung mit angestammten Lebensräumen, Rechten, kulturellen Identitäten und Wertesystemen indigener Völker und lokaler Gemeinschaften nimmt eher wenig Raum ein. Positiv zu werten ist die erklärte Absicht, sich für effektive Beschwerdemechanismen gegen Land- und Ressourcenraub einsetzen zu wollen. Durch strukturell verankerte Mitspracherechte, zum Beispiel bei Verhandlungen zu Freihandelsabkommen oder zum Umgang mit tropischen Regenwäldern, hätten Betroffene im Vergleich zu Beschwerden allerdings deutlich wirksamere Einflussmöglichkeiten. Im Übrigen drängt sich die Frage auf, was wir von den indigenen Völkern im Hinblick auf einen globalen Werte- und Systemwandel, ein alternatives, nachhaltiges Entwicklungsmodell lernen könnten. Hierzu schweigt sich das Strategiepapier leider aus.

Schlüsselrolle der Zivilgesellschaft

Deutlich sichtbar wird im Papier des BMZ, wie sich die Rolle und Bedeutung der Zivilgesellschaft in der Wahrnehmung staatlicher Institutionen in den letzten Jahren verändert hat. Nachdem die Forderungen und Appelle nichtstaatlicher Organisationen, Netzwerke und Bewegungen in früheren Dekaden oft ungehört verhallten, ist die Zivilgesellschaft offenbar mittlerweile für Regierungen, multilaterale und internationale Organisationen zu einem wichtigen Gegenüber auf Augenhöhe geworden. Im Vorfeld der Veröffentlichung der Strategie zu einer feministischen Entwicklungspolitik fand ein breit angelegter Konsultationsprozess statt, zu dem das BMZ zivilgesellschaftliche Organisationen im Globalen Süden wie im Globalen Norden eingeladen hatte. Zu einem Parlamentarischen Frühstück zu Anfang März legte das Bündnis Internationale Advocacy Netzwerke (IAN), in dem auch die Stiftung Asienhaus vertreten ist, ein Diskussionspapier vor. Eine Reihe wichtiger Impulse und Forderungen daraus haben dank intensiver Lobby- und Advocacyarbeit Eingang in die Strategie des BMZ gefunden. Dazu gehört der Anspruch, dass feministische Entwicklungspolitik nachhaltige globale Gerechtigkeit, Demokratieförderung und Menschenrechtsschutz zum Ziel haben soll. Des Weiteren zählen dazu wichtige inhaltlich-programmatische Forderungen und Ansätze wie Intersektionalität, Repräsentanz und Partizipation, Dekolonisierung und menschliche Sicherheit.

Nicht zuletzt sollten wir das BMZ beim Wort und in die Pflicht nehmen hinsichtlich seiner Aussagen im Strategiepapier zur künftigen Einbeziehung der Zivilgesellschaft in nationale und internationale Entscheidungsprozesse:

  • Zivilgesellschaftliche Organisationen sollen eine zentrale Rolle bei der Umsetzung der Ziele der Feministischen Entwicklungspolitik spielen (S.7- 9). Dabei will man insbesondere mit Frauenrechts-, LGBTQI+- und weiteren Menschenrechtsorganisationen zusammenarbeiten und aktiv nach Wegen suchen, deren schrumpfende Handlungsspielräume (shrinking spaces) zu schützen und zu erweitern (S. 18). Konsequenterweise sollte die Zivilgesellschaft auch an der für 2025 geplanten Auswertung teilnehmen.
  • Die offizielle Aufnahme von Vertreter*innen der feministischen Zivilgesellschaft in die deutsche Delegation bei globalen Konferenzen will das BMZ zur Bedingung für die eigene Teilnahme machen (S. 32).
  • Das BMZ verpflichtet sich dazu, sich für die Einbeziehung zivilgesellschaftlichen Wissens in politische und wirtschaftliche Entscheidungsprozesse einzusetzen. Die Zusammenarbeit mit Organisationen, die indigene Völker und lokale Gemeinschaften vertreten, soll intensiviert werden (S. 32). Ihre Perspektiven sollen sich verstärkt in Planungs- und Strategieprozessen wieder finden (S. 33).
  • Eine direkte Finanzierung von Aktivitäten lokaler zivilgesellschaftlicher Organisationen und Menschenrechtsaktivist*innen wird ins Auge gefasst (S. 33).

Mit seinem Papier zur feministischen Entwicklungspolitik hat das Ministerium ein positives Signal gesetzt und Weichen für die Zukunft gestellt. Ob damit wirklich eine ‚Zeitenwende’ eingeläutet ist, bleibt abzuwarten. Das wird wesentlich davon abhängen, wie ernst das BMZ die selbst formulierten hohen Ansprüche nimmt. Eine Erhöhung des Etats wäre beispielsweise ein wichtiges Zeichen.

Die konkrete Umsetzung wird zeigen, ob es bei Absichtserklärungen bleibt oder ob mutige Schritte in eine radikal neue Richtung unternommen werden – auch gegen mögliche Widerstände von Seiten anderer Ressorts oder Regierungen von Partnerländern im Globalen Süden. Dabei ist die Kooperation und Kohärenz mit dem Außenministerium im Rahmen der feministischen Außenpolitik von großer Bedeutung. Konsequent wäre es, auf eine solche Kohärenz auch mit dem Wirtschafts- und Klimaministerium hinzuarbeiten.

Nicht zuletzt wird es entscheidend auf eine starke Zivilgesellschaft ankommen, die die Umsetzung der Vorhaben kontinuierlich begleitet und wirksam einfordert. Und die sich dafür einsetzt, dass Frauen und andere marginalisierte Gruppen den gleichberechtigten Zugang zu Rechten, Ressourcen und Repräsentanz tatsächlich für die Verwirklichung eigener Vorstellungen nutzen können. Nur dann rückt eine ‚Zeitenwende‘ in der Entwicklungspolitik in den Bereich des Möglichen.

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2 | 2018, Deutschland, Vietnam,
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Deutschland/Südostasien/Kambodscha: Aktivist*innen aus dem Globalen Süden haben konkrete Erwartungen an die neue feministische Strategie der Bundesregierung.

Was sollte eine Feministische Außen- und Entwicklungspolitik Deutschlands beinhalten? Erstens erwarten wir, dass sie den feministischen Prinzipien des Abbaus von Ungerechtigkeit, Herrschaft und Machtstrukturen gerecht wird. Die Gleichheit aller muss gewährleistet werden, insbesondere indem man sich auf Intersektionalität fokussiert. Das heißt, sie sollte nicht nur Frauen und Mädchen im Allgemeinen betrachten, sondern auch die intersektionalen Identitäten, die Marginalisierung ganz besonders bedingen. Das schließt ethnische Zugehörigkeit, Religion, sexuelle Orientierung und Behinderungen ein. Die geplanten Richtlinien müssen sicherstellen, dass wir niemanden zurücklassen.

Wir hoffen, dass die derzeitige Außenpolitik Deutschlands gründlich daraufhin überprüft wird, ob sie diesen feministischen Prinzipien gerecht wird. Es sollen nicht nur die bilateralen Beziehungen zwischen Ländern im ‚Top-down‘-Charakter gefördert werden, sondern auch ein Fokus auf dem Wohlergehen und der Sicherheit der Menschen liegen. Menschenrechte und menschliche Sicherheit sollten kein handelbares Faustpfand bei bilateralen Verhandlungen sein, die Transparenz, Rechenschaftspflichten und Menschenrechtsverpflichtungen der beteiligten Regierungen verlangen.

Zweitens: Um feministische Grundsätze tatsächlich umsetzen zu können, müssen die von Frauen geführten lokalen Organisationen im Gender- und Rechtsbereich gestärkt und unterstützt werden. Dies kann durch einen Paradigmenwechsel zur Förderung des ‚Local-Turn‘-Ansatzes und durch den Abbau des bürokratischen ‚Top-down‘-Charakters der Finanzierungsströme erreicht werden, indem andere wirksame Maßnahmen gefunden werden, die sowohl die Rechenschaftspflicht und Stärkung als auch die Nachhaltigkeit der lokalen zivilgesellschaftlichen Organisationen gewährleisten. Wenn wir in Kambodscha über den ‚Local-Turn‘-Ansatz sprechen, geht es vor allem darum, dass die Menschen in den Ländern die besten Ressourcen sind, um Probleme vor Ort anzugehen. Gleichzeitig sollten sie auch diejenigen sein, die den Wandel im Lande gestalten und vorantreiben.

Drittens erwarten wir, dass die Richtlinie für die Entwicklungszusammenarbeit konkrete Maßnahmen enthält, die durch Dialog, Informationsaustausch und Rückmeldungen vor Ort und von den wichtigsten Interessenvertreter*innen geprägt werden, um anhaltende und zunehmende Ungerechtigkeiten und Rechtsverletzungen anzugehen.

Unflexible Projektformate überfordern lokale Organisationen

Was die Finanzierungsstrukturen anbelangt, so verstehen wir die Sichtweise der Geldgeber und ihre Forderungen nach Transparenz und Integrität. Es steht außer Frage, dass wir diesen auch nachkommen wollen. Als Feministinnen wollen wir in unserer Arbeit und in der Art und Weise, wie wir mit anderen zusammenarbeiten, keine unüberschaubaren Strukturen reproduzieren.

Im Moment fließt der größte Teil der Gelder noch an zwischengeschaltete oder internationale Organisationen. Sie fließen zum Beispiel über internationale Mittlerinstitutionen und kommen erst anschließend als Finanzierungsmittel auf lokaler Ebene an. Es gibt so viele Richtlinien, Regeln und Angaben, die wir respektieren und einhalten müssen. Aber auf unserer Arbeitsebene wird so viel Flexibilität benötigt, zum Beispiel bedingt durch das Schrumpfen des zivilen Raumes oder wenn etwas Unvorhergesehenes passiert. Dann müssen Dinge schnell geändert werden, was aber die derzeitigen Projektformate nicht ermöglichen. Letztendlich führt dies zu einer Menge an Verwaltungsarbeit und setzt lokale Organisationen unter Druck, da es an personellen Ressourcen fehlt.

Viele Mitarbeiter*innen in unseren lokalen Organisationen sind Praktikant*innen und Freiwillige. Angesichts der starren bürokratischen Strukturen ist es für feministische Organisationen wirklich schwierig, effizient und flexibel zu arbeiten. Wir hoffen, dass es einen alternativen Weg gibt, wie dieser Finanzierungsfluss gestaltet werden kann, so dass die lokalen Organisationen als echte Partner*innen in gleichberechtigten Diskussionen angesehen werden und ein Weg gefunden wird, Probleme vor Ort anzugehen. Wir sind der Meinung, dass es dabei gemeinsamen Dialog und Austausch geben soll. Solange wir das Ziel verfolgen, die ‚Top-Down‘-Machtstrukturen aufzubrechen und uns gegenseitig als gleichberechtigte Partner*innen zu sehen, können wir diese Strukturen wirklich verändern.

Der Vorwurf der ‚Verwestlichung‘

In Kambodscha wird ein Begriff wie ‚gender‘ als westlich angesehen. Wenn wir über Gleichberechtigung sprechen, ist es absolut essenziell, sich bewusst zu machen, dass es vor allem um die bestehenden Machtstrukturen und Machtkämpfe geht. Menschen in Machtpositionen möchten diese aufrechterhalten. Für uns ist diese Argumentationsstrategie also nicht von Bedeutung. Wir alle wollen Gleichberechtigung – unabhängig davon, wer wir sind, welche sexuelle Identität wir haben und welcher ethnischen Zugehörigkeit wir angehören – es ist universell. Begriffe wie ‚Menschenrechte‘ oder ‚gender‘ führen alle zur Gleichheit und können für unterdrückte Menschen wichtig sein. Diejenigen, die unter dem mangelnden Bewusstsein für diese Begriffe leiden – zum Beispiel Staatenlose – werden das sicher auch so sehen.

Wenn wir uns die Geschichte des Feminismus ansehen, dann kommt dies natürlich aus dem Westen. In Kambodscha haben wir immer noch damit zu kämpfen, Mädchen zur Schule zu schicken. Also: Obwohl das Konzept aus dem Westen kommt, ist es elementar, wenn wir Gleichheit erreichen und Machtstrukturen abbauen wollen. Im Moment ist der intersektionale Ansatz am wichtigsten. Er soll helfen, unser Gegenüber als gleichberechtigte Partner*innen mit gleichrangiger Stellung und Macht wahrzunehmen.

Nötig sind Einfühlungsvermögen und die Überwindung von Verallgemeinerungen

Aber wie können wir diese Dinge vermitteln und das Bewusstsein dafür schärfen? Wir glauben, dass die menschliche Perspektive der Schlüssel ist. Die Vermittlung von Einfühlungsvermögen und die Überwindung von Verallgemeinerungen erfolgt durch eine sehr einfache, von Mensch zu Mensch geprägte Sprache. In Workshops wird bei Fragen wie „Können Sie sich ihre Geburt, ihre ethnische Zugehörigkeit oder ihr Geschlecht aussuchen?“ erkannt, dass niemand geboren werden will, um von anderen unterdrückt zu werden. Sobald wir erkennen, dass wir unterdrückt werden, streben wir nach mehr – nach Gleichheit und Freiheit. Wenn wir sagen, der Feminismus sei westlich, dann sagen wir auch, dass Menschenrechte ein westliches Konzept seien.

Es ist absolut notwendig, Männer einzubeziehen. Auch Männer sind Opfer des patriarchalen Systems und von diesem und seiner Kultur ständig unter Druck gesetzt. Um ihnen zu helfen, ein Verständnis für toxische Männlichkeit und den Weg dieser Transformation zu entwickeln, müssen wir mit Männern als unsere Verbündete arbeiten. Aber nicht nur Männer, sondern auch Frauen, die im aktuellen System mächtige Positionen innehaben, müssen berücksichtigt werden. Auch sie müssen sich fragen, wie sie mit ihren Privilegien umgehen und ob sie andere Personen im Alltag, nicht nur in der Politik, unterdrücken. Letztendlich hoffen wir, dass immer mehr Männer sich ihrer eigenen Privilegien bewusst werden und sie hinterfragen. Damit können wir alle gemeinsam auf eine gleichberechtigte Welt hinarbeiten, in der jede*r unabhängig von Fähigkeiten und Identität sein bzw. ihr volles Potenzial ausschöpfen und frei von Gewalt leben kann.

Übersetzung aus dem Englischen: Kathrin Sommerfeld

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2 | 2018, Deutschland, Vietnam,
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Indonesien/Deutschland/USA: Das Buch „Die Jakarta-Methode“ von Vincent Bevins ist eine fundierte und beklemmende Spurensuche in puncto staatsterroristischem Antikommunismus.

Wir leben wahrlich in politisch bewegten wie bewegenden Zeiten. Ein hervorstechendes Merkmal der ‚Zeitenwende‘ besteht seit dem russischen Überfall auf die Ukraine darin, sämtliche vorangegangenen (gleichermaßen völkerrechtswidrigen) Kriege und Interventionen der ‚westlichen Wertegemeinschaft‘ vergessen zu machen oder schönzureden.

Nicht einmal ansatzweise flackerte im Falle der zahlreichen US-inspirierten und -geführten Aggressionen gegen andere Länder in der jüngeren Geschichte auch nur die Überlegung auf, als Gegenreaktion die vielfältigen Kontakte auf wissenschaftlicher, künstlerischer und sportlicher Ebene mit US-amerikanischen Kolleg*innen über Nacht zu kappen – von harschen Sanktionen ganz zu schweigen!

Da kommt so ein fundiertes Sachbuch wie das aus der Feder des US-amerikanischen Journalisten und Autors Vincent Bevins wie gerufen. Allein der Titel seines im PapyRossa Verlag erschienenen Opus Die Jakarta-Methode: Wie ein mörderisches Programm Washingtons unsere Welt bis heute prägt könnte präziser nicht sein. Es handelt von der Unterstützung und Mitschuld der US-Regierung an den Massenmorden 1965-66 in Indonesien, bei denen zwischen 500.000 und drei Millionen Menschen getötet wurden, um die politische Linke und die Reformbewegungen im Lande physisch zu liquidieren.

Antikommunismus als Staatsdoktrin

Das Buch beschreibt und analysiert überdies spätere Wiederholungen dieser mörderischen Strategie gegen Regierungsreformen in Lateinamerika. Die Morde in Indonesien durch die von den USA unterstützten indonesischen Streitkräfte waren bei der Ausmerzung des Kommunismus so ‚erfolgreich‘, dass allein der Begriff „Jakarta“ zur Chiffre des Schreckens und als gezielte Drohung lateinamerikanischer ‚Gorillas‘ gegen alle/s (vermeintlich) ‚Linke/n‘ eingesetzt wurde.

Die von Bevins verfolgten transkontinentalen Querverbindungen von Counterinsurgency- Strategien und ihren Hintermännern sowie die Schilderungen von Überlebenden verleihen dem Buch ein Höchstmaß an Authentizität. Mit Blick auf Südamerika war es vor allem die Operation Condor in den 1970er- und 1980er-Jahren, in deren Verlauf die Geheimdienste der Länder Argentinien, Brasilien, Bolivien, Chile, Paraguay und Uruguay mit tatkräftiger Unterstützung der USA einen tödlichen Antikommunismus zur Staatsdoktrin erhoben hatten.

Der in Buenos Aires akkreditierte bundesdeutsche Botschafter Jörg Kastl an das Junta-Mitglied Admiral Emilio E. Massera anlässlich des Militärputsches 1976 in Argentinien

 

1965 war ein in vielfacher Hinsicht bedeutsames Jahr. In Vietnam befand sich die unangefochtene Führungsmacht des ‚freien Westens’, die USA, auf dem Höhepunkt eines Krieges, den sie trotz des Einsatzes einer gewaltigen Kriegsmaschinerie und B-52-Flächenbombardements nicht gewinnen konnte. Im Herbst desselben Jahres erfolgten in Indonesien Weichenstellungen für einen schockartigen Wandel in Gesellschaft, Politik, Wirtschaft und Kultur, unter deren fürchterlichen Konsequenzen ein Großteil seiner Bevölkerung bis heute leidet. Als überaus kritisch schätzte in jenem Jahr die US-Regierung unter Lyndon B. Johnson die politische Situation in dem Land ein, das die Vereinten Nationen verlassen hatte, nachdem die britische Exkolonie Malaysia als nichtständiges Mitglied in den UN-Sicherheitsrat aufgerückt war. Besonderes Entsetzen löste in Washington die Tatsache aus, dass die Kommunistische Partei Indonesiens (PKI) einschließlich der PKI nahestehender Organisationen nach eigenen Angaben über 18 Millionen Mitglieder und Sympathisant*innen verfügte.

Damit war die PKI nach der Kommunistischen Partei Chinas und der Kommunistischen Partei der Sowjetunion die weltweit drittgrößte kommunistische Partei. Aus der Sicht einflussreicher konservativer Kräfte bedeutete dies eine veritable Herausforderung und Bedrohung. Zumindest in der Außenpolitik herrschte zwischen der PKI und Sukarno, damals noch Staatspräsident, Einigkeit über einen antiimperialistischen Kurs, was Letzterer bereits 1955 als Gastgeber der Bandung-Konferenz signalisiert hatte, auf der der Startschuss zur Gründung der Bewegung der blockfreien Staaten erfolgt war.

Gewaltsame Kehrtwende in Richtung Westen

Konsultationen zwischen hochrangigen indonesischen und US-Militärs ließen in einem Teil des jüngeren Offizierskorps und in der PKI-Spitze die Befürchtung keimen, ein Washington zugeneigter Rat der Generäle plane Schritte, um Sukarno zu entmachten, linke Nationalisten, Gewerkschafter und Kommunisten auszuschalten, eine außenpolitische Kehrtwende (in Richtung Westen) vorzunehmen.

Diesem Plan, so er tatsächlich bestand, kam der in der Nacht vom 30. September zum 1. Oktober 1965 von Oberstleutnant Untung, dem Chef der Leibgarde Sukarnos, inszenierte ‚Gegenputsch’ zuvor. Seinen Truppen gelang es, sechs ranghoher Generäle habhaft zu werden und sie samt einem ihrer Adjutanten zu töten. Diesen ‚Vorfall’ nahmen Generäle unter der Ägide des neuen starken Mannes Suharto zum Anlass, gegen Untung und seine Hintermänner mit brachialer Gewalt vorzugehen, die sie bezichtigten, im Auftrag der PKI gehandelt und das Land fast ins Chaos gestürzt zu haben.

Ishak Djuarsa, Militärkommandant von Aceh und glühender Antikommunist mit Ausbildung in Fort Leavenworth im US-Bundesstaat Kansas, während seiner Rundreise durch die Provinz im Oktober 1965, wo er der Bevölkerung immer wieder eintrichterte: „Zerschlagt die PKI!“

Erklärtes Ziel seitens des Westens war fortan, Indonesien nicht nur in den globalen antikommunistischen Block zu pressen, sondern auch, im größten, ressourcen- und bevölkerungsreichsten Markt Südostasiens Fuß zu fassen und sich dort dauerhaft zu etablieren.

Neben der Offiziersausbildung und Bereitstellung sensibler nachrichtendienstlicher Erkenntnisse leisteten die USA handfeste logistische Unterstützung für Suhartos Truppen. Die ‚freien Medien‘ lobhudelten den Mann als Sendboten von ‚freedom & democracy‘ in Südostasien.

Bundesrepublik Deutschland als Helfershelfer

Helfershelfer Suhartos waren seitens der Bundesrepublik nebst dem Bundesnachrichtendienst (BND) auch die Bundeswehr und der Bundesgrenzschutz. Letztere lieferten Hilfestellung in Form von Ausbildungskursen für Offiziere an der Bundeswehr-Akademie sowie Spezialtrainings bei der Elitetruppe GSG-9. Für die in- wie ausländische Imagepflege Suhartos als ‚lächelnder General‘ zeichnete ausgerechnet Rudolf Oebsger-Röder, ehedem glühender Nazi und SS-Obersturmbannführer, verantwortlich. Nach dem Krieg war Röder unter anderem hauptberuflich für die Organisation Gehlen, dem Vorläufer des BND, tätig. Später arbeitete er in Jakarta unter dem Namen O. G. Roeder, als Autor für Süddeutsche und Neue Zürcher Zeitung und als Berater und Biograph Suhartos (O. G. Roeder: The Smiling General: President Soeharto of Indonesia. Gunung Agung. Djakarta/Tokyo, 1969).

Reinhard Gehlen, unter Adolf Hitler Leiter der Abteilung Fremde Heere Ost und später erster Präsident des Bundesnachrichtendienstes (BND), über den ‚Erfolg‘ von Suhartos Truppen

 

Bis heute gibt sich die Bundesregierung extrem schmallippig, was ihre Mitwisser- und Mittäterschaft angeht. Es ist deshalb ein verdienstvolles Unterfangen von Bevins’ Übersetzer, Glenn Jäger, für die deutsche Ausgabe eigens ein Nachwort über die Rolle der BRD beigesteuert zu haben. In einer ersten Kleinen Anfrage der Fraktion Die Linke im Bundestag im Mai 2014 verschanzte sich die Bundesregierung hinter dem lapidaren Statement: „Die Bundesregierung ist nach sorgfältiger Abwägung zu der Auffassung gelangt, dass eine Beantwortung nicht offen erfolgen kann. Die erbetenen Auskünfte sind geheimhaltungsbedürftig, da sie Hinweise zu nachrichtendienstlichen Quellen enthalten.“

Auch im Jahr 2023 bestreitet die Bundesregierung im Rahmen einer weiteren Kleinen Anfrage seitens der Fraktion Die Linke erneut hartnäckig jedwede Mitverantwortung, was die „damaligen Ereignisse“ in Indonesien betrifft. Deren Bewertung, so die Antwort der Bundesregierung, sei ausschließlich „Aufgabe und Gegenstand wissenschaftlicher Forschung“. Und: „(…) Sie [die Bundesregierung, d.R.]) verweist (…) auf die Möglichkeit selbständiger Informationserhebung aus den Beständen des Bundesarchivs und des Politischen Archivs des Auswärtigen Amtes.“

Da kann denn – inspiriert durch Bevins‘ ausgezeichnete und quellenmäßig grundierte Studie – die an eine junge Generation von Historiker*innen und Politolog*innen gerichtete Losung nur lauten: Bildet zwei, drei, viele investigative Rechercheteams und durchkämmt in puncto Indonesien, Chile, Argentinien und Brasilien die Bestände des Bundesarchivs und des Politischen Archivs des Auswärtigen Amtes – und das sorgfältig und ausdauernd!

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2 | 2018, Deutschland, Vietnam,
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2 | 2018, Deutschland, Vietnam,
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Möglichst billig – aber bitte mit Gütesiegel!

Deutschland/Indonesien: Im Juni 2023 fanden die Olympics World Games 2023 zum ersten Mal in Deutschland statt. 2027 wird Indonesien der Gastgeber sein. Ein Interview mit Warsito Ellwein, Vorsitzender von Special Olympics Indonesia (SOINA).

südostasien: Was ist der Unterschied zwischen den Special Olympics und ‚anderen‘ Olympischen Spielen?

Warsito Ellwein: Die Special Olympics sind eine Bewegung, sie sind etwas Besonderes. Im Gegensatz zu den Olympischen und Paralympischen Spielen nehmen an den Special Olympics Athlet*innen teil, deren Beeinträchtigung meist auf das Down-Syndrom zurückzuführen ist. Menschen mit Down-Syndrom werden mit einer genetischen Störung, einer Chromosomenanomalie, geboren, die zur Entwicklung einer Intelligenz führt, die meist unter dem Durchschnitt liegt. Das Hauptziel der Special Olympics besteht nicht darin, Medaillen zu gewinnen, sondern in der Gemeinschaft und im Bemühen, Menschen ins gesellschaftliche Leben einzubeziehen.

Indonesien ist ja nicht zum ersten Mal dabei…

Indonesien ist seit 1986 Mitglied der weltweiten Special-Olympics-Bewegung. Deshalb nehmen wir auch immer an den Special Olympics World Games teil, 2019 in Abu Dhabi, 2023 in Berlin. Aber diese Beteiligung und die Spiele waren der Öffentlichkeit bisher kaum bekannt. Wir hoffen, dass es künftig mehr mediale Aufmerksamkeit geben wird.

Was tut SOINA, der indonesische Verband für die Special Olympics, dafür?

Wir haben das Ganze in Indonesien dieses Mal anders aufgezogen, angefangen bei den sprachlichen Bezeichnungen. Die Athlet*innen bezeichnen wir nicht mehr als „Menschen mit Behinderung“, wie man sie früher nannte, sondern „Menschen mit speziellen Begabungen“, auf Indonesisch „orang bertalenta khusus“. Für Menschen mit (geistiger) Behinderung gibt es in Indonesien sehr große Hürden. Sie erleben häufig soziale Stigmatisierung, werden als Belastung oder sogar als Schande für die Familie angesehen. Oft wird ihr Zustand als eine ‚Strafe Gottes‘ angesehen, zum Beispiel wegen Verfehlungen der Eltern oder anderer Familienmitglieder. Sie werden verspottet und für dumm gehalten, auch von ihren eigenen Familien. Sie werden oft geschlagen oder sogar gefesselt, weil sich die Familien für sie schämen.

Kann man das verändern, indem man diese Menschen anders bezeichnet?

Ja. Als Erstes wollten wir die Bezeichnungen „behindert“ streichen. Denn für uns sind sie Menschen mit spezieller Begabung. Sie sind also besondere Menschen. Ja, sie haben einen niedrigeren Intelligenzquotienten als andere, aber dafür haben sie auch andere Stärken. Und das wirkt. Seit wir die Bezeichnung geändert haben, und für diese „Menschen mit spezieller Begabung“ werben, bekommen wir mehr Sponsoren aus der Wirtschaft. Plötzlich gibt es Sportbekleidungsfirmen und Schuhfirmen, die unsere Athlet*innen ausstatten wollen.

Gab es weitere Veränderungen, über die sprachliche Ebene hinaus?

Wie gesagt, früher geschah alles eher unter dem Radar. Der Verband wählte einige Athlet*innen, meistens aus Jakarta oder aus Westjava, und schickte die Delegation anschließend zu den Special Olympics World Games. Es gab kaum Publikationen darüber, keine Berichte in den Medien. Wir sind bei den Vorbereitungen dieses Mal in die Provinzen gereist, haben mit den Regionalregierungen gesprochen, und baten sie um Hilfe bei der Wahl der Athlet*innen mit speziellen Begabungen. Und siehe da, viele Provinzen machen mit und viele Eltern kommen, um ihre Kinder registrieren zu lassen. Städte und Provinzen haben dann zusammen mit uns regionale Special Olympics Games veranstaltet, die so genannten PESODA. Und die besten Athlet*innen kommen dann zu PESONAS, den nationalen Special Olympics, die wir im Juli 2022 mit Unterstützung der Provinz-Regierung in Semarang, der Hauptstadt von Zentraljava, organisierten.

Wie war der Zuspruch unter Athlet*innen und Zuschauer*innen?

Die Resonanz war unglaublich, wir konnten es fast nicht glauben. Es kamen über 1000 Athlet*innen aus den Provinzen. Viele Delegationen kamen von fernen Inseln mit Bussen oder mit Schiffen, weil sie nicht genug Geld für ein Flugticket hatten. Es gab Familien, die ihre Kinder eigens finanzieren. Ganze Familien kamen nach Semarang. Wir hatten ja als nationaler Verband kein Budget aus staatlichem Haushalt. Aber es kamen viele Spenden. Und in Semarang hatten wir viele, viele Freiwillige, die bei der Durchführung von PESONAS helfen wollten. Die Athlet*innen brauchen ja Betreuung, und zwar 24 Stunden am Tag. Sie dürfen nicht allein gelassen werden. Die Begeisterung war außergewöhnlich. So viele Sportler*innen und so viele Freiwillige wollten sich engagieren, auf regionaler und auf nationaler Ebene. Nach PESONAS fingen wir dann direkt mit der Vorbereitung für die Special Olympics in Berlin an. Die ausgewählten Athlet*innen aus 17 Provinzen wurden zunächst in ihren Heimatstädten betreut, und dann später in einem speziellen Trainingscamp in Semarang vorbereitet. Und dieses Mal haben viele Medien darüber berichtet, regionale und auch nationale Medien. Bevor wir nach Berlin flogen, wurden wir von Präsident Joko Widodo empfangen.

Du hast lange in Deutschland gelebt, wo man dich als politischen Aktivisten gegen das Suharto-Regime kannte. Wie kommst du zur Position als Vorsitzender des indonesischen Special Olympics-Verbandes SOINA?

Nach Suhartos-Rücktritt (1998) bin ich nach Indonesien gegangen und habe mit unterschiedlichen zivilgesellschaftlichen Gruppen gearbeitet, vor allem in Zentraljava. Als der langjährige Vorsitzende der SOINA aus gesundheitlichen Gründen sein Amt zur Verfügung stellte, hat man mich als einen der Kandidaten für dieses Amt nominiert. Anfangs wollte ich die Nominierung nicht annehmen, da ich, ehrlich gesagt, nicht viel von Sportorganisation verstehe. Aber viele Freunde haben mich dazu gedrängt. Ich habe dann verstanden, das Special Olympics anders ist, es ist kein Leistungssport. Hier ist vielmehr der Solidaritätsgedanke, das Miteinander, die Teilhabe an gesellschaftlichem Zusammenleben wichtig. Also habe ich zugestimmt. Und dann wurde ich tatsächlich auch gewählt, obwohl es andere Sportfunktionäre gab, die sich zur Wahl gestellt hatten. Vielleicht, weil die darauf folgenden World Games in Berlin stattfinden sollten. Ich hatte ja vorher an vielen deutsch-indonesischen Projekten mitgearbeitet.

Hast du das Gefühl, du kannst in dieser Funktion tatsächlich gesellschaftlich etwas ändern, zum Beispiel beim Umgang mit Menschen mit Beeinträchtigungen in Indonesien?

Es ist ein langer Prozess, aber die Antwort ist: ja. Man sieht das jetzt schon, mit der Durchführung der nationalen Special Olympics (PESONAS) 2022. Plötzlich bekommen wir viel Aufmerksamkeit. Wir haben jetzt im Verband Sektionen in 34 Provinzen, die 35. ist in Vorbereitung. Wir haben jetzt über 4.700 aktive registrierte Sportler*innen. Außerdem fast 600 registrierte Trainer*innen und genauso viele registrierte Freiwillige, die sich freiwillig engagieren. Sie bekommen keine Bezahlung dafür.

Du sprichst über Solidaritätsgedanken und Miteinander. Wie wird das für dich spürbar?

Man spürt den Unterschied zwischen „Leistungssport“ und Special Olympics. Als wir mit über 1.000 Athlet*innen das Sportfest in Semarang veranstalteten, man muss sich erst einmal klarmachen, was das bedeutet. Diese Menschen sind ja etwas anders, sie vergessen sehr oft ihre Sachen und legen sie einfach auf einen Tisch oder eine Bank. Aber wir konnten ihre Smartphones, Uhren und andere Wertsachen immer wieder finden. Nichts wurde geklaut, alle waren fröhlich dabei.

Vielleicht noch eine kleine Geschichte… Am Anfang, als wir unser Fußballteam trainierten, ist uns aufgefallen, dass es den Spieler*innen anscheinend schwer fiel, Tore zu schießen. Jemand stand oft schon vor dem Tor, doch anstatt den Ball rein zu schießen, beförderte er den Ball ins Aus. Wir Trainer und Betreuer haben das am Anfang nicht verstanden, warum schießt er den Ball nicht ins Tor? Als wir den Spieler fragten, antwortete er: „Ich habe es nicht übers Herz gebracht, der Torwart ist doch mein Freund. Wenn ich den Ball ins Tor schieße, wird man nachher über ihn lachen oder ihn als schlechten Torwart bezeichnen. Das will ich nicht.“ So sind sie eben, diese speziellen Athlet*innen. So ist ihr Geist der Solidarität und des Miteinanders.

Und wie habt ihr dann trainiert? Beim Fußball müssen doch Tore fallen?

Wir haben ein Fußballspiel mit fünf Toren erfunden. Und die Spieler sollen Tore machen, egal in welches Tor. Und die anderen sollen die Tore verhindern. Das hat funktioniert.

Gab es bei den Special Olympics in Berlin für die indonesischen Athlet*innen ein Medaillenziel?

Ja, das Medaillenziel ist notwendig, um die Anforderungen der Gesellschaft und der Menschen in der Heimat gerecht zu werden. Es heißt eben Sport, und die Leute zu Hause wollen wissen, ob wir erfolgreich sind oder nicht. Deshalb haben wir von SOINA gesagt, wir wollen in Berlin neun Goldmedaillen gewinnen [die indonesischen Athlet*innen errangen zehn Mal Gold, fünf Mal Silber und acht Mal Bronze, d.R.] . Aber was für uns noch wichtiger ist, ist zu zeigen, dass die Sportler*innen herausragende Leistungen erbringen können und dass sie auch im Namen Indonesiens unterwegs sind. Wenn die Gesellschaft das erkennt, gibt es einen größeren Raum für ihre Teilhabe am Leben. Sie können mit weniger Diskriminierung und ohne Stigmatisierung leben. Zumindest ihre Familien sind jetzt sehr stolz auf diese talentierten Menschen, weil sie nach Berlin geflogen sind und dort Indonesien vertreten haben.

Interview und Übersetzung aus dem Indonesischen von: Hendra Pasuhuk

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2 | 2018, Deutschland, Vietnam,
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Vietnam/Deutschland: So lange deutsche Verbraucher*innen nicht bereit sind, mehr Geld für gute Lebensmittel auszugeben, zahlen Produzent*innen und die Umwelt die Zeche für Fisch und Garnelen auf unseren Tischen.

Gütesiegel und Biozertifikate sollen das Gewissen von Verbraucher*innen beruhigen. Eine besondere Rolle spielt hierbei der Panda. Das süße Bärchen ist das Logo des World Wide Fund For Nature (WWF), bekannt als Interessenvertreter für die Umwelt. Der WWF ist aber auch ein Wirtschaftsunternehmen. Zu seinen Produkten gehören Gütesiegel, um Holz, Fisch und Lebensmittel zu zertifizieren. Eines der bekanntesten ist das ASC-Label (Aquaculture Stewardship Council) zum Beispiel für Pangasius und Garnelen aus Vietnam.

Anlass für die Entstehung des ASC-Labels war 2009 eine heftige Diskussion über Pangasius aus Vietnam. Nachdem der Süßwasserfisch in Deutschland immer mehr Konsument*innen gefunden hatte, nutzten Fischer*innen im Mekong-Delta die Chance und züchteten Pangasius. Die Erfolgsgeschichte drohte Vietnam jedoch auf die Füße zu fallen. Der WWF fuhr im November 2010 nach Vietnam, um die Aufzucht des Pangasius zu untersuchen. Anschließend wurde der Fisch auf die ‚rote Liste‘ mit Lebensmitteln, die nicht gekauft werden sollten, gesetzt. Die Gründe für die massive Kritik lagen in den katastrophalen Bedingungen, unter denen der Fisch in Vietnam gezüchtet wird. Der Besatz ist extrem hoch, daher wird massiv Antibiotika eingesetzt. Da der Pangasius ein Allesfresser ist, wird er mit nahezu allem gefüttert, was den Fisch rasch fett werden lässt.

Die Probleme um die Aufzucht des Pangasius waren (und sind) in Vietnam längst bekannt. Bereits 2010 hatten sich Vietnams Pangasiuszüchter*innen deshalb in Ho-Chi-Minh-Stadt zusammengesetzt, um über ‚verantwortungsvolle‘ Fischzucht zu diskutieren. Die Gespräche fanden im Rahmen des Pangasius Aquaculture Dialogue statt – einem Netzwerk aus über 600 Fischzüchter*innen, Fisch verarbeitende Fabriken, europäischen Lebensmittelkonzernen sowie Wissenschaftler*innen und Naturschützer*innen. Initiator war der WWF. Im Herbst 2010 verabschiedete das Gremium dann einen Standard für die Pangasius-Zucht aus dem schließlich das ASC-Label hervorging. Vergeben wird dieses Zertifikat heute durch den Aquaculture Stewardship Council (ASC) einem so genannten Nonprofit- Unternehmen aus WWF und der niederländischen Nachhaltigen Handelsinitiative (IDH).

Seit dem wichtigen Meilenstein der ersten ASC-Zertifizierung von Pangasius-Farmen im Jahr 2012 sind nicht nur die Anzahl an zertifizierten Zuchtbetrieben, sondern auch die jährlichen Produktionsmengen kontinuierlich gestiegen. Allein in Vietnam gibt es inzwischen mehr als 50 ASC zertifizierte Zuchtbetriebe, welche fast 85.000 Tonnen Pangasius jährlich produzieren (Stand November 2023). Trotz der positiven Entwicklungen stuft der WWF-Fischratgeber Pangasius aus konventionellen Teichkulturen Vietnams weiterhin unverändert im gelben Bereich ein, also in der Kategorie „Zweite Wahl“. Laut Fischratgeber kommt es durch die hohe Besatzdichte der Aquakulturen vor allem zu Umweltauswirkungen durch den Zusatz an Chemikalien und Medikamenten. Auch die ungeklärte Abwasser- und Schlammentsorgung hinterlassen einen bitteren Nachgeschmack.

Supermarktketten diktieren Preise

Die großen Supermarktkonzerne haben das ASC-Label nichtsdestotrotz seit jeher begrüßt und vorangetrieben, versprechen Pangasius und Garnelen aus Vietnam doch große Gewinne. Die Preise werden von den Einkäufern dieser weltweit agierenden Unternehmen diktiert. „Sie schreiben die Produktions-, Preis- und Lieferbedingungen vor und werden so zum ‚Gatekeeper‘ im Lebensmittelhandel,“ so Oxfams erste Supermarkt-Check Studie vom Juni 2018. Dort heißt es weiter: „In der EU wird der Einzelhandel zunehmend dominiert von einer immer kleiner werdenden Anzahl von Supermarktketten.

In Deutschland teilen sich vier große Ketten 85 Prozent des Lebensmitteleinzelhandels. Die Zulieferer, die oft abhängig von einigen wenigen Supermärkten sind, geben den Preisdruck an ihre Arbeiterinnen und Arbeiter weiter. Akkordarbeit, längere Arbeitszeiten, schlechtere Arbeitsbedingungen und eine unsichere Arbeitssituation sind die Folge. In der Produktion der Lebensmittel kommt es zu gravierenden Menschen- und Arbeitsrechtsverstößen, vielerorts können die Menschen, die unsere Lebensmittel herstellen, von ihren Einkommen kaum leben.“ Eine ebenfalls von Oxfam publizierte Studie weist nach, dass deutsche Supermärkte 36,5 Prozent des Verbraucherpreises von Garnelen aus Vietnam erhalten. Produzent*innen werden hingegen mit 1,5 Prozent abgespeist.

Seit Oxfams erstem Supermarkt-Check hat sich einiges getan. Wie die gleichnamige Studie aus dem Jahr 2022 zeigt, haben ein Großteil der Supermärkte nicht nur begonnen, Menschenrechtspolitik ernst zu nehmen, sondern auch signifikante Fortschritte gemacht. Einst im internationalen Vergleich Schlusslichter, so zählen drei der vier marktstärksten deutschen Supermarktketten mittlerweile zu den Spitzenreitern. Doch noch immer erfüllen selbst diese Supermarkt-Giganten nur rund 50 bis 60 Prozent der Kriterien für eine gute Menschenrechtspolitik.

Lukrative Konzern-Partnerschaften

Schaut man sich die ASC etwas genauer an, kommt man ins Staunen. Man muss dazu nur die Homepage besuchen. Dort findet man einen Liste der Unterstützer des ASC-Labels mit 36 der größten Lebensmittelkonzerne aus der Branche Fisch und Meeresfrüchte wie Bofrost, Costa, Edeka, Frosta, Lidl, Metro Group oder Real, aber auch andere Größen wie die internationale Hilton Hotelkette oder der Fast-Food-Riese McDonald‘s.

Welche finanziellen Berührungspunkte zwischen WWF, dem ASC und den Partner-Firmen bestehen, ist schwer zu durchschauen. Auf vielen Packungen in diversen Supermärkten prangt der Panda und animiert zum Kauf und zum Spenden an den WWF. Dessen Einnahmen aus Geschäften mit Kooperationspartner*innen betrugen 2023 rund 17,6 Millionen Euro. Das sind rund 14 Prozent der Gesamteinnahmen. „Aus Sicht des WWF liegen in der kritisch-konstruktiven Zusammenarbeit mit Unternehmen die besten Chancen für den schnellen und tiefgreifenden Wandel, den wir so dringend brauchen“, so heißt es im Jahresbericht 2022/23 des WWF.

Hohe Zertifizierungskosten für Fischer und Züchter am Mekong

„Das Zertifizierungsverfahren für die Fischer ist unabhängig und transparent und wird von zugelassenen, unabhängigen Prüfungsfirmen durchgeführt“, so der WWF. Wer diesen „zugelassenen, unabhängigen Prüfungsfirmen“ aber erlaubt, diesen Job zu machen ist ebenfalls nicht transparent. Eine Zertifizierung ist aufwändig, dauert vier bis sechs Monate und ist dann drei Jahre gültig. Jährlich findet eine Überprüfung statt. Für das ASC-Label bezahlen müssen die Fischzüchter*innen – geschätzt zwischen 5.000 und 20.000 Euro (Stand 2018). Abhängig sind diese Kosten von Standort, Größe und Komplexität des Aquakulturbetriebs. Ein hohes Eintrittsgeld für den Zugang in die europäischen Supermärkte.

Die Pangasius- und Garnelen-Züchter*innen im Mekong-Delta stehen am Anfang der Lieferkette. Bei ihnen bleibt von dem Riesengeschäft mit zertifizierten Garnelen und Pangasius trotzdem am wenigsten hängen. Der Kampf um ein menschenwürdiges Dasein ist in den letzten Jahren härter denn je geworden. Es ist nicht nur der Kampf um die landwirtschaftlichen Güter. Es ist heute auch ein Kampf gegen die Auswirkungen des Klimawandels und gegen die Bedingungen des Weltmarktes. 2018 waren Preise für Garnelen auf dem Weltmarkt im Keller und zwar so tief, dass der vietnamesische Verband der Seafood- Exporteure und -Produzenten im Mai desselben Jahres dazu aufrief, die Produktion von Garnelen zu drosseln.

Statt auf eine weitere Erhöhung der Mengen zu setzen, rief der Verband seine Mitglieder auf, besser auf die Qualität zu achten und sich nach dem ASC-Label zu zertifizieren. Um Zertifikate zu erhalten, sollten sich die landwirtschaftlichen Haushalte in Genossenschaften zusammenschließen, was daraufhin auch immer mehr Betriebe taten. Der Rat zur ASC-Zertifizierung konnte zwar dazu beitragen, feste und sichere Lieferketten zu den Supermarktketten aufzubauen. Gegen den Verfall der Weltmarktpreise hilft das Label allerdings nichts – vor allem wenn die Produktionskosten durch die Zertifizierungskosten ansteigen.

Inzwischen steigen die Pandemie-bedingt gesunkenen Importe an Fisch- und Meeresfrüchten wieder. „Das Gesamtaufkommen an Fischerei- und Aquakulturerzeugnissen in Deutschland betrug im Jahr 2022 2,2 Millionen Tonnen. Die größte Bedeutung für die Versorgung des deutschen Marktes haben weiterhin die Importe mit einem Volumen von 2,0 Millionen Tonnen und einem Anteil von 91 Prozent“, bilanziert das Fisch-Informationszentrum.

Egal, um welches Lebensmittel es sich handelt: Unter einer rein gewinnorientierten Lebensmittelindustrie wird kein Gütesiegel wirklich dazu beitragen, dass die Erzeuger*innen genug Geld zum Leben haben und die Verbraucher*innen saubere Lebensmittel bekommen. Ändern müsste sich in allen Bereichen der globalen Lieferkette etwas: Verbraucher*innen müssten bereit sein, mehr Geld für gute Lebensmittel auszugeben. Die Handelsketten müssen wiederum den Erzeuger*innen mehr bezahlen. Dies würde ihnen tatsächlich eine Chance eröffnen, die Bedingungen der Zertifikate auch dauerhaft einhalten.

Dieser Artikel erschien zuerst im Oktober 2018 in der südostasien und wurde von Eileen Kristiansen redaktionell bearbeitet und aktualisiert.

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2 | 2018, Deutschland, Vietnam,
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Möglichst billig – aber bitte mit Gütesiegel!

Indonesien/Deutschland: In einer postkolonialen Gesellschaft müssen ethnologische Museen ihre Sammlungen den Herkunftsgesellschaften zugänglich machen.

In ethnologischen Museen finden sich zahlreiche Sammlungsstücke, die während der Kolonialzeit gesammelt wurden. Darüber, wie man mit diesen Objekten umgehen soll, sind mittlerweile teils heftige Kontroversen entbrannt. Ob sie rechtmäßig erworben wurden oder nicht, ist in vielen Fällen nicht mehr nachvollziehbar. Auch durch Herkunftsforschung lassen sich oft nur im begrenzten Umfang Rückschlüsse auf den Erwerbskontext oder auf die Bedeutung der Objekte ziehen. Wer hat also das Recht, über diese Sammlungsstücke zu verfügen? Wer darf sie für wen ausstellen? Und vor allem: Wer kann und darf sie deuten?

In diesem Kontext ist die Zusammenarbeit mit den Herkunftsgesellschaften von besonderer Bedeutung, um die oft vielstimmigen Geschichten der Objekte zu ergründen. Auch die Diaspora-Gemeinschaften, also Menschen, die ihre Herkunftsorte verlassen haben und nun an einem anderen Ort leben, sind hierbei wichtig. Ihre Anfänge stehen häufig im Zusammenhang mit der jeweiligen Kolonialgeschichte. Durch die räumliche wie zeitliche Distanz haben die Mitglieder der Diaspora meist einen eigenen Blick auf kulturelle Prozesse in ihren Herkunftsländern – teils distanziert und kritisch, teils aber auch romantisierend. Gleichzeitig ist der Kontakt zu den Diaspora-Gemeinschaften durch die oft räumliche Nähe relativ einfach herzustellen.

In den vergangenen Jahren habe ich eng mit Vertreter*innen der molukkischen Diaspora in den Niederlanden zusammengearbeitet, allen voran mit Jaïr Pattipeilohy und dem Künstlerkollektiv Teru. So eröffneten sich neue Perspektiven auf die umfangreiche Molukken-Sammlung des Weltkulturen Museums in Frankfurt am Main, die ich als Kustodin für Südostasien betreue. Die Zusammenarbeit mit der Diaspora ist für mich ein wichtiger Baustein in der Aufarbeitung der Sammlung und ihrer kolonialen Kontexte.

Das Künstlerkollektiv Teru und das Fotoprojekt Mahina

Anfang 2018 erhielt ich von einer Bekannten die Anfrage, ob ihr Neffe Jaïr Pattipeilohy aus den Niederlanden sich die Molukken-Sammlung des Weltkulturen Museums in Frankfurt am Main anschauen könne. Bei der Besichtigung wurde schnell klar, dass Jaïr sich sehr gut mit der Kultur der Molukken auskannte. Er hatte auch die Forschungsberichte der Frankfurter Frobenius-Expedition in die Molukken und nach West-Neuguinea (1937-1938) ausführlich studiert. In den Niederlanden war es schwer bis unmöglich für ihn, als Laie Zugang zu Museumssammlungen zu erhalten. Neben seinem eigentlichen Beruf als Bestatter betätigt sich Jaïr im kuratorisch-künstlerischen Bereich und entwickelt zum Beispiel Konzepte für Ausstellungen oder Erinnerungsmonumente mit Bezug zur molukkischen Diaspora. Gemeinsam mit Atêf Sitanala und Leslie Taihuttu bildet er das Künstlerkollektiv Teru, das 2016 die Fotoausstellung Mahina – Eine Ode an die Frau organisiert hat, die an verschiedenen Orten in den Niederlanden zu sehen war.

Manchmal ereignen sich Begegnungen im Museumsalltag genau zur richtigen Zeit – und so integrierten wir das Projekt Mahina in die Ausstellung Weltenbewegend. Migration macht Geschichten, die von Oktober 2019 bis Januar 2021 im Weltkulturen Museum zu sehen war. Für Mahina hatte Teru molukkische Frauen fotografiert, die in zweiter oder dritter Generation in den Niederlanden leben. Diese Frauen begreifen sich als Bewahrerinnen der Kultur, da sie Sprache, Geschichten und Traditionen an die nächste Generation weitergeben. Selbstbestimmt haben sie sich auf den Fotos inszeniert und in persönlichen Geschichten erzählt, wie sie ihre Rolle in der molukkischen Diaspora sehen. Die Frage war nun, wie wir diese Geschichten in Bezug zu unserer historischen Sammlung aus den Molukken setzen könnten. Schließlich ließen wir die Frauen Objekte auswählen, zu denen sie einen besonderen Bezug hatten. Die ausgewählten Objekte zeigten wir dann gemeinsam mit den Porträts der Frauen und ihren Geschichten.

Diese vor rund 100 Jahren gesammelten Objekte, die aus der molukkischen Heimat ihrer Eltern und Großeltern stammen, besitzen häufig eine sehr persönliche Bedeutung für die Frauen. Danny Kolanus beispielsweise suchte sich einen Hausaltar aus Tanimbar aus, der dazu dient, den Kontakt mit den Ahnen herzustellen. Danny hatte sich von den Teru-Künstlern beim Tanz des Tnabar Fanewa von den Tanimbar-Inseln in einer Pose fotografieren lassen, die einen fliegenden Adler nachahmt. Der Tanz dient ebenfalls dazu, Kontakt mit den Ahnen aufzunehmen. Sie hatte ihn von der Familie ihrer Mutter erlernt. Gleichzeitig spiegelt die Tanzpose auch die Form des Hausaltars wieder. Danny suchte außerdem Ikat-Webstoffe und Schmuck aus, ähnlich der Kleidung, die sie auf dem Foto trägt.

Dieses Beispiel zeigt, dass die Objekte in den Sammlungen für Mitglieder der Diaspora eine persönliche und emotionale Bedeutung haben, die sich erst im Dialog mit ihnen erschließt. Neben den persönlichen Geschichten zu Sammlungsobjekten gab es auch wiederkehrende Motive: Ikat-Stoffe spielen für viele Mitglieder der Diaspora eine wichtige Rolle, ebenso wie das Schneckenhorn (tahuri) und die tifa-Trommel. Unser Austausch führte zu einem tieferen historischen Verständnis der Objekte sowie deren weiterhin anhaltende Bedeutung bis in die Gegenwart.

Kolonialgeschichte der Molukken

Bei der Ausstellungsvorbereitung ergaben sich neue Diskussionsfelder, die mit der Aufarbeitung der niederländischen Kolonialgeschichte im heutigen Indonesien zusammenhängen. Die Molukken waren die erste Region im malaiischen Archipel, die von niederländischen Händlern besetzt wurde. Als die Niederlande eine Kolonialarmee aufbauten, rekrutierten sie auch viele molukkische Soldaten. Dies – und eine Politik des ‚Teile und herrsche‘ – führte gegen Ende der Kolonialzeit dazu, dass viele Molukker*innen in anderen Teilen des Archipels als Kollaborateure angesehen wurden. Gleichzeitig versuchten die Niederländer*innen ihre Herrschaft zu sichern und verbreiteten die Idee eines ostindonesischen Staates als Gegenpol zur indonesischen Republik der nationalen Unabhängigkeitsbewegung. Dies markiert den Beginn der Sezessionsbewegung der Republik Südmolukken (Republik Maluku Selatan, kurz RMS), die bis heute in der molukkischen Diaspora viele Anhänger hat – vermutlich mehr als auf den Molukken selbst.

Dieser kurze historische Abriss deutet bereits an, dass es auf die postkoloniale Entwicklung durchaus verschiedene Perspektiven gibt. In den Niederlanden wird die Migration der Molukker*innen beispielsweise als freiwillig betrachtet, während Teru mich darauf hinwies, dass die Ausreise von rund 12.000 Menschen von den Molukken in die Niederlande von der Diaspora als Zwangsmigration verstanden wird. Im unabhängigen Indonesien nicht erwünscht, gab es keine andere Lösung als Auswanderung für jene Molukker, die zuvor in der Kolonialarmee gedient hatten. Ganz konkret resultierte daraus der Wunsch, in unserer Ausstellung nicht von Indonesien zu schreiben, sondern nur von den Molukken. Dies erschien allerdings didaktisch schwierig. Die Lösung war schließlich – neben einer Darstellung der Perspektive aus Sicht der Diaspora – immer vom „heutigen Ostindonesien“ zu sprechen.

Sammlung „von essentieller Bedeutung“

Im Rahmen von Mahina haben sich auch mir persönlich neue Perspektiven auf die Molukken und die historische Sammlung eröffnet. Dies war der Auftakt einer bis heute währenden vertrauensvollen Zusammenarbeit. Als ich 2023 jemanden suchte, der ein Schneckenhorn für die Ausstellung Klangquellen. Everything is music! einspielen könnte, fiel mir sofort die molukkische Diaspora ein. Über Jaïr wusste ich, dass etwa die Gruppe Tiga Batang Rumah nicht nur tifa-Trommeln in ihrer Musik einsetzt, sondern auch das Schneckenhorn spielt. Jaïr kümmerte sich um eine Aufnahme und ließ es sich nicht nehmen, bei der Eröffnung selbst mit dem tahuri zur Versammlung zu rufen.

Seit Anfang 2024 arbeitet Jaïr tageweise für die Stiftung Buah Hati im niederländischen Tiel, die die Belange der molukkischen Diaspora vertritt. Gemeinsam organisierten wir Anfang Juli 2024 den Besuch einer 15-köpfigen, generationsübergreifenden Gruppe aus der Diaspora im Archiv des Weltkulturen Museums. Wir tauschten uns über die mehr als 1.000 Objekte aus den Molukken aus, betrachteten sie gemeinsam und lernten voneinander. Während des Besuchs fragten viele: „Gibt es auch Objekte aus meinem Dorf?“ Daher arbeite ich aktuell an einem Verzeichnis der Orte, die vermerkt sind. Gemeinsam mit Mitgliedern der Diaspora sollen die Objektdatensätze dann zurück in die Molukken gespielt werden, um gemeinsam die Hintergründe der Objekte zu ergründen. „Die Molukken-Sammlungen zu besuchen, ist für uns als Mitglieder der molukkischen Diasporagemeinschaft von essenzieller Bedeutung. Es ist wichtig für unsere kulturelle Bildung, unsere Sichtbarkeit und die (Wieder)verbindung zu unserem kulturellen Erbe“, erklärt Jaïr Pattipeilohy dazu.

In einer postkolonialen Gesellschaft gehört es zu den Aufgaben eines ethnologischen Museums, Sammlungen für Herkunftsgesellschaften zugänglich zu machen. Die Arbeit mit Diaspora-Gruppen ist dabei ein möglicher Weg, sich den Sammlungen auf neue Weise zu nähern. Es ist ein langfristiger und von zeitintensiver Beziehungsarbeit geprägter Weg, der stark an persönliche Kontakte geknüpft ist. Für die Arbeit ethnologischer Museen bedeutet dies eine Kombination verschiedener Ansätze. Nur wenn historische Aufarbeitung, Provenienzforschung, ethnologische Forschung und die Zusammenarbeit sowohl mit Herkunfts- als auch Diasporagemeinschaften mit zeitgemäßen und künstlerisch zeitgenössischen Ausstellungsmethoden verknüpft werden, ergibt sich ein mehrstimmiges Bild zu den Sammlungsbeständen. Dies ist ein langer und holperiger Weg, der sich jedoch lohnt – da nur so ein Austausch auf Augenhöhe gelingen kann.

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2 | 2018, Deutschland, Vietnam,
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Möglichst billig – aber bitte mit Gütesiegel!

Südostasien/Deutschland: Gründungsmitglied Frithjof Schmidt blickt zurück auf die Anfänge der südostasien. Bis heute ist er Leser und engagiert sich für die Region.

südostasien: Du warst Mitte der 80er Jahre Gründungsmitglied der „Südostasien-Informationen“ (später: südostasien) und Teil der Südostasien Informationsstelle, die die Zeitschrift herausgab. Welche Absicht war mit der Publikation verbunden?

Frithjof Schmidt: Die frühen achtziger Jahre waren in Fragen der Nord-Süd Beziehungen stark durch die Dritte-Welt-Solidaritätsbewegungen geprägt. In Deutschland lag der Fokus stärker auf Lateinamerika, Afrika und dem Nahen Osten als auf Asien. Es gab bewegungsorientierte Informationsstellen zu diesen Regionen, die die Sicht von Befreiungsbewegungen und demokratischen Nicht-Regierungsorganisationen (NROs) in die deutsche Öffentlichkeit vermittelten.

Unsere Idee war es, eine solche Informationsstelle auch für die Länder Südostasiens aufzubauen: Gemeinsam mit Solidaritätsgruppen für einzelne Länder dieser Region Informationsmaterial und Publikationen – so genannte Graue Literatur – in einer Art alternativen Bibliothek zugänglich zu machen.

Auf dieser Basis ging es darum, in einer deutschsprachigen Zeitschrift die aktuellen Entwicklungen in Südostasien aus Sicht dortiger NRO, Aktionsgruppen, Gewerkschaften und Parteien darzustellen und ihnen hier eine Stimme zu geben. Dazu sollten wissenschaftlich fundierte Analysen neokolonial geprägte wirtschaftliche und politische Beziehungen kritisieren.

Insbesondere war es auch Ziel, die Unterstützung von autoritären und diktatorischen Regierungen in Südostasien durch die deutsche Regierung zu enthüllen und anzugreifen. Zielgruppe in Deutschland waren insbesondere Menschen, die sich der Nord-Süd-Solidarität verpflichtet sahen und sich für die Region interessierten.

Wie sah das Tagesgeschäft der Redaktion damals praktisch aus, bevor es e-Mail und Whatsapp gab? Wie habt ihr Themen recherchiert und zu Autor:innen Kontakt gehalten?

Im Zentrum der Redaktionsarbeit stand neben der systematischen Auswertung diverser Publikationen der Kontakt und Dialog mit Autor:innen, Aktivist:innen und Journalist:innen in der Region.

Die Kommunikationsrevolution durch die Nutzung der ersten PC war in vollem Gange und interessanterweise bei den meisten Partner:innen in Südostasien bereits fester Bestandteil ihrer Arbeit. Wir lernten von ihnen, was ein Modem ist und wie elektronische Kommunikation via Telefonleitung den langsamen Postweg ersetzen kann.

Wir lernten auch, dass Computer abstürzen können und ein halbes Zeitschriften-Layout dabei spurlos verschwindet. Das alles zu einem Zeitpunkt, wo etwa in der grünen Bundestagsfraktion in Bonn sehr grundsätzlich gestritten wurde, ob überhaupt Computer im Büro benutzt werden dürften oder sollten.

Wie präsent war die Region Südostasien damals in der medialen Berichterstattung?

In den achtziger Jahren gab es meist nur eine selektive und begrenzte Berichterstattung der Medien. Selten ging es dabei um die gesamte gesellschaftliche und politische Entwicklung eines Landes.

Es gab intensivere Wirtschaftsberichterstattung unter dem Stichwort „neue internationale Arbeitsteilung“ über erste Industrieverlagerungen aus Europa nach Südostasien – Singapur, Malaysia Thailand, Indonesien Philippinen, Vietnam – sowie über den Zugang zu Rohstoffen durch Abkommen zwischen der damaligen Europäischen Gemeinschaft und ASEAN. Auch Auswüchse des Massentourismus – Stichwort „Sextourismus“ – spielten medial eine größere Rolle. Seltener wurde über bewaffnete Auseinandersetzungen zwischen Oppositionskräften und meist autoritären Regierungen berichtet wie in Thailand oder in den Philippinen.

Wie war es um die Reichweite der südostasien bestellt? Welche Resonanz und Wirkung lassen sich aus den frühen Jahren – oder auch später – berichten?

Die südostasien konnte in der Medienlandschaft nur ein kleines, punktuelles Gegengewicht bilden, indem sie insbesondere Multiplikator:innen in Journalismus, im Wissenschaftsbereich und im Bereich der Entwicklungspolitik erreichten und dort als relevante Quelle respektiert waren. Diese Akteur:innen waren und sind ja auch in der Politikberatung von Parlamenten und Regierungen ein wichtiger Faktor.

Ich will ein Beispiel für erfolgreiche Interventionen durch die Solidaritäts- und Informationsarbeit ansprechen, an denen auch die südostasien beteiligt war. Das ist die Kritik an einem der größten bundesdeutschen Entwicklungsprojekte in den achtziger Jahren: Das Infrastrukturprojekt auf der Halbinsel Bondoc auf Luzon in den Philippinen.

Dieses Gebiet war eine Hochburg der bewaffneten Opposition unter Führung der NDF [National Democratic Front of the Philippines – Nationale Demokratische Front der Philippinen, ein Bündnis oppositioneller linker Organisationen, das seit Ende der 60er Jahre einen revolutionären, zum Teil bewaffneten Kampf führt. d.R.]. Der Bau von Straßen- und Transportwegen durch die Region wurde vom philippinischen Militär als wichtiger Bestandteil der Aufstandsbekämpfung gesehen. Eine zentrale Forderung der philippinischen Opposition und der deutschen Solidaritätsgruppen war die Verwendung der Entwicklungsgelder für Wasserversorgung und Armutsbekämpfung und der Stopp des Straßenbaus. Es gelang mit der gemeinsamen Anstrengung vieler Akteur:innen, über breite Berichterstattungen, die Initiierung von Anhörungen und von Anträgen im Deutschen Bundestag, dieses Projekt nicht nur zu verzögern, sondern auch teilweise zu stoppen und positiv zu verändern.

Du warst viele Jahre Mitglied des Bundestags und vorher als Abgeordneter im Europaparlament auch Delegierter für die Beziehungen zu Südostasien. Hast Du den Eindruck, dass Stimmen aus der Region im politischen Diskurs ausreichend Gehör fanden? Konnte die südostasien hierbei einen Beitrag leisten?

Wenn es um die außenpolitischen und diplomatischen Beziehungen der EU und Deutschlands zu Ländern Südostasiens geht, gibt es grundsätzlich zwei unterschiedliche Ebenen der Stimmen, die von dort zur Geltung kommen. Die staatlichen Beziehungen werden ja maßgeblich von den Regierungen geprägt. Meist dominieren da ökonomische Themen, inzwischen häufig verbunden mit ökologischen Fragen.

Das Europaparlament und der Bundestag bringen über entsprechende Ausschüsse offensiv Fragen der Demokratie, der Menschenrechte, der sozialen Gerechtigkeit in solche Dialoge ein. Hierbei spielen gerade auch Kontakte zur Zivilgesellschaft und der Graswurzel-Opposition in Südostasien und entsprechende Informationen eine Rolle. International dominieren dabei allerdings englischsprachige Medien. Die deutschsprachigen Europa- und Bundespolitiker zu erreichen, ist der südostasien aber durchaus immer wieder gelungen.

Die Region, die die südostasien in den Blick nimmt, hat sich im Lauf von 40 Jahren stark verändert. Welche Veränderungen findest Du besonders markant?

Die Modernisierung hat die Form einer dramatischen Urbanisierung und Motorisierung angenommen. Globalisierte Megametropolen stehen in scharfen Gegensatz zur ländlichen Entwicklung. Die Lebenswelten in verschiedenen Regionen klaffen immer stärker auseinander. In kürzester Zeit ist die wachsende Bedrohung der Umwelt zu einer gesellschaftlichen Existenzfrage geworden.

Gab es für dich in den 40 Jahren so etwas wie eine Glanzzeit der südostasien – wenn ja, wann und warum?

Ich denke, dass die achtziger und neunziger Jahre des 20. Jahrhunderts und teils auch noch die ‚Nullerjahre‘ des 21ten durch eine intensive Nord-Süd-Solidaritätsbewegung in der Gesellschaft geprägt waren, was einen guten Resonanzboden für eine Zeitschrift wie die „Südostasien-Informationen“/südostasien bedeutete. Das ist deutlich zurückgegangen. In dieser Zeit definierten sich fast alle ASEAN-Staaten noch als Teil der Dritten Welt, als sogenannte Entwicklungsländer des Südens.

In den Medien erfährt die Region heutzutage mehr Aufmerksamkeit, bedingt durch ihre wachsende wirtschaftliche und politische Bedeutung – auch durch digitale Medien. Wie schätzt Du als heutiger Leser dabei die Relevanz der südostasien ein?

Heute definieren sich viele Staaten der Region mehr als „emerging countries“, als sogenannte „Schwellenländer“ der Industrialisierung. Damit stellen sich auch viele Fragen der internationalen und weltwirtschaftlichen Beziehungen im Rahmen der dynamischen Globalisierung anders als früher, zum Beispiel in Bezug auf Menschheitsfragen wie die Klimapolitik. Daraus ergeben sich auch veränderte Aufgaben und Themen in der Informations- und Solidaritätsarbeit.

Das spiegelt sich natürlich auch in den letzten Jahrgängen der südostasien. Unter dem Einfluss der neuen sozialen Medien sinkt der Stellenwert eines Nachrichtenteils, da das Internet-Tempo des Medienmarktes nicht zu überbieten ist. Dagegen sehe ich einen steigenden Bedarf an fundierten Analysen zu den großen Themen der Zeit und der Region. Ich sehe die Online-Zeitschrift da heute auf einem schwierigen, aber guten Weg.

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2 | 2018, Deutschland, Vietnam,
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Möglichst billig – aber bitte mit Gütesiegel!

Deutschland/Südostasien: Seit ihrer Gründung vor vierzig Jahren ist die südostasien ein kritischer Begleiter der Asienpolitik der Bundesregierung.

Die deutsche Asienpolitik von den 1980er bis 2020er Jahren ist von mehreren Phasen geprägt, die von globalen geopolitischen und innenpolitischen Entwicklungen beeinflusst wurden. Die Beziehungen zu Asien haben sich gewandelt: von der Ost-West-Blockkonfrontation der 1980er Jahre über die Globalisierungseuphorie der 1990er Jahre bis hin zur modernen multipolaren Welt der 2000er Jahre.

Die 1980er Jahre: Kalter Krieg und vorsichtige Annäherung

In den 1980er Jahren war die deutsche Außenpolitik aufgrund der Blockkonfrontation stark von den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion geprägt. Der Fokus in Asien lag hauptsächlich auf wirtschaftlichen Interessen, insbesondere im Handel mit Japan, das als wirtschaftliche Supermacht galt.

Gleichzeitig begannen vorsichtige Annäherungsversuche an China, das unter Deng Xiaoping wirtschaftliche Reformen einleitete. Politische Zusammenarbeit war jedoch noch begrenzt, da China als kommunistisches Land weiterhin skeptisch betrachtet wurde.

Dagegen zählte man Südostasien zum westlichen Bündnis und arbeitet mit den dortigen Machthabern eng zusammen, auch mit autoritären Herrschern wie Ferdinand Marcos auf den Philippinen und Suharto in Indonesien. Unter Bundeskanzler Helmut Kohl (1982-1998) war Deutschland bestrebt, seine Beziehungen zum Verband Südostasiatischer Nationen (ASEAN) auszubauen und zu vertiefen.

Deutsche Unternehmen erhöhten ihre Investitionen in den ASEAN-Mitgliedsstaaten, insbesondere in der Automobil-, Maschinenbau- und Chemiebranche. Deutschland unterstützte die Rahmenbedingungen für die wirtschaftliche Zusammenarbeit zwischen der EU und ASEAN, darunter Handelsabkommen und Marktzugangsinitiativen.

Frithjof Schmidt schrieb dazu 1984 in den „Südostasien-Informationen“, der Vorgängerin der südostasien: „Deutschland und Asien“, so lautet schon im Februar 1962 der Titel einer Schwerpunktnummer der „Far Eastern Economic Review“. Ludwig Erhard – damals Vizekanzler –, Willy Brandt, Otto Wolff von Amerongen und Fritz Berg sind die Namen der prominenten Autoren, die übereinstimmend erklären, dass der „Ferne Osten“ für die deutsche Wirtschaft ein Zukunftsraum von zentraler Bedeutung sei.

1990er Jahre: Deutsche Wiedervereinigung und Öffnung nach (Südost-)Asien

Nach dem Ende des Kalten Krieges und der Wiedervereinigung Deutschlands 1990 veränderte sich die deutsche Außenpolitik grundlegend. Das vereinigte Deutschland unter Helmut Kohl strebte nach einer stärkeren Rolle in der Weltpolitik und baute seine Beziehungen zu asiatischen Ländern weiter aus. China wurde als potenzieller Wirtschaftspartner zunehmend wichtiger, insbesondere nachdem das Land 1992 seine Wirtschaft weiter öffnete. In dieser Phase prägte der Wunsch nach einer „Globalisierung der Außenpolitik“ das Verhältnis zu Asien.

Während seiner Amtszeit legte Helmut Kohl auch den Grundstein für das strategische Engagement Deutschlands in der ASEAN, wobei er den Schwerpunkt auf den gegenseitigen wirtschaftlichen Nutzen und die multilaterale Zusammenarbeit legte. Kohl förderte die Zusammenarbeit zwischen der EU und asiatischen Staaten, insbesondere durch das Asia-Europe Meeting (ASEM), das erstmals 1996 auf Initiative von Singapur und Frankreich zusammentraf.

Helmut Kohls Asienpolitik war von Pragmatismus und einem Fokus auf wirtschaftlicher Zusammenarbeit geprägt. Er sah Asien als strategischen Schlüssel für Deutschlands wirtschaftliche Zukunft und setzte auf langfristige Partnerschaften. Dabei nahm er in Kauf, dass Themen wie Menschenrechte und demokratische Reformen zugunsten wirtschaftlicher und diplomatischer Stabilität in den Hintergrund rückten. 1997/1998 kam es in Asien zu finanziellen und wirtschaftlichen Krisen, die Japan, Thailand, Philippinen, Malaysia und vor allem Indonesien erfassten.

Der damalige Beauftragte des Fraktionsvorsitzenden der SPD für Asienpolitik, Dieter Schanz, schrieb in südostasien 1-2/99: Die Europäer müssten dabei lernen, dass „ökonomische Überhitzung wie in den Tigerstaaten nicht die Garantie für ökonomische und insbesondere soziale Stabilität beinhaltet.“

2000er Jahre: „Strategische Partnerschaften“ und Fokus auf China

Die Finanzkrise hatte Auswirkungen auf die Volkswirtschaften der ASEAN-Staaten und prägte auch das deutsche Engagement während Gerhard Schröders (SPD) erster Amtszeit (1998-2002). Unter Schröders Regierung stand die Wirtschaftsdiplomatie im Vordergrund und sie war bestrebt, die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands auf den Weltmärkten zu stärken, wozu auch die Förderung engerer Beziehungen mit den ASEAN-Staaten gehörte.

„Wirtschaftsinteressen haben notwendigerweise nur eine begrenzte Zahl von Profiteuren, Menschenrechte dagegen sind universell in ihrer Bedeutung. Das bedeutet, dass ein Konflikt besteht zwischen der privaten Natur wirtschaftlicher Interessen und der öffentlichen Natur der Menschenrechte.“ (Anne-Christine Habbard: „Wirtschaftsinteressen versus Menschenrechte“. südostasien 1-2 /1999)

2002 initiierte Schröders Regierung das „Asien-Konzept“, das Deutschlands Strategie für das Engagement in Asien, einschließlich der ASEAN, skizzierte. ASEAN wurde dabei als entscheidender Teil der Strategie zur Diversifizierung von Handel und Investitionen über die traditionellen Märkte in Europa und Nordamerika hinaus angesehen. Der in dieser Zeit geschaffene Schwerpunkt auf Handel, Investitionen und multilateraler Zusammenarbeit schuf die Grundlage für ein stärkeres Engagement in den darauffolgenden Jahren.

Deutschland wurde einer der größten europäischen Handelspartner der ASEAN, insbesondere in den Bereichen Industriemaschinen, Automobilexporte und chemische Produkte. Deutsche multinationale Konzerne bauten ihre Präsenz in den ASEAN-Ländern aus und profitierten vom schnellen Wirtschaftswachstum und der Integration der Region durch Strukturen wie die ASEAN-Freihandelszone (AFTA).

Unter der Regierung von Gerhard Schröder und später Angela Merkel wurde aber vor allem China als neuer strategischer Partner betrachtet. Die deutsche Wirtschaft profitierte erheblich von der boomenden chinesischen Wirtschaft. Die deutschen Exporte nach Asien stiegen massiv an. Themen wie Menschenrechte und Demokratie wurden zwar angesprochen, standen aber im Hintergrund der wirtschaftlichen Interessen.

2010er Jahre: Altes Motto im neuen Gewand: Wandel durch Handel

Das alte Motto geht auf eine Formel Egon Bahrs zurück, mit der dieser 1963 das Konzept der Neuen Ostpolitik eingeführt hatte: Wandel durch Annäherung. Der gedankliche Kern ist, dass ein autoritäres Regime (damals die Sowjetunion) durch eine Öffnung der Wirtschaft für Handel und Investitionen auch auf politischer und gesellschaftlicher Ebene eine Liberalisierung erfährt. Zweifellos ist dies eine der folgenreichsten außenpolitischen Ideen der Bundesrepublik.

Sozialdemokraten haben sie erfunden. Christdemokraten haben sie anfangs bitter bekämpft. Später jedoch wurde CDU-Wirtschaftsminister Peter Altmaier ihr treuester Verfechter. Wünsche nach stärkerem deutschen Engagement in Sachen Hongkong oder Mahnungen wegen der Unterdrückung der Uiguren wischte er vom Tisch. Was bei der Sowjetunion funktioniert habe, werde auch gegenüber China und anderen ’schwierigen Partnern‘ irgendwann Früchte tragen, so der politische Tenor.

In der Ära Merkel spielte Deutschland eine größere Rolle in Südostasien, insbesondere durch Wirtschaftsbeziehungen, politische Zusammenarbeit und kulturellen Austausch. Deutschland beteiligte sich am ASEAN-Regionalforum (ARF) und unterstützte multilaterale Initiativen wie das Asia-Europe Meeting (ASEM). 2012 startete die deutsche Regierung unter Merkel die „Asien-Pazifik-Strategie“, die auch Fragen der Sicherheit und Stabilität in der Region betonte.

„Bis jetzt wurde das geplante Freihandelsabkommen mit den USA als Untermauerung einer Wertegemeinschaft verkauft, als die Selbstbehauptung der Demokraten gegen die asiatischen Schwellenländer und gegen Russland. Jetzt will Merkel auch noch ein Freihandelsabkommen mit den Chinesen, diesen Despoten und Menschenrechtsbrechern? So bleibt eigentlich nur noch die Schlussfolgerung: Die wahre Wertegemeinschaft hinter all diesen Freihandelsabkommen und Investitionsschutzabkommen ist das Geld.“ (Jürgen Maier: „Partnerschaften im Interesse globaler Konzerne.“ südostasien 1/2015)

2020er Jahre: Was heißt eigentlich ‚wertebasierte‘ Außenpolitik?

Im Jahr 2020 verabschiedete Deutschland unter Angela Merkel eigene Indo-Pazifik-Leitlinien und betonte die zentrale Bedeutung der ASEAN für die Wahrung des Friedens und der Stabilität in der Region. Ziel der Regierung war es, die Partnerschaften in der Region vielfältiger zu gestalten, die Abhängigkeit von China zu verringern und eine regelbasierte internationale Ordnung zu fördern. Im Rahmen der Zusammenarbeit mit der ASEAN wurde auch dem Klimaschutz Priorität eingeräumt. Deutschland unterstützte Initiativen der ASEAN im Bereich erneuerbare Energien, darunter Solar- und Windenergieprojekte.

Deutschland steht in seiner Asienpolitik weiter vor Herausforderungen. Die politische Landschaft ist heterogen, mit Spannungen und Konflikten in verschiedenen Regionen. Wie können nachhaltige Entwicklungsziele und die Bekämpfung des Klimawandels gefördert werden? Und wessen Interessen vertritt die Bundesregierung dabei?

Der gängige Weg der Klimafinanzierung führe in die falsche Richtung, kritisiert Tala Batangan in südostasien 2/2023: Während Unternehmen aus den Klimakrediten und ihrer Förderung falscher, marktbasierter Lösungen Profit schlagen können, würden ‚Entwicklungsländer‘ mit zusätzlichen Schulden belastet, was zu Haushaltskürzungen für wichtige soziale Dienste und Klimainitiativen führt, so die philippinische Expertin. „Die Klimagerechtigkeitsbewegung in Südostasien und im gesamten Globalen Süden fordert weiterhin die Entkolonialisierung der Klimafinanzierung, da es eine grundlegende Verschiebung von Macht und Ressourcen erfordert, um die Klimakrise wirklich anzugehen. Dies würde weltweit ‚Entwicklungsländern‘ und den betroffenen Gemeinschaften den Zugang zu einer Klimafinanzierung ermöglichen, die auf ihre eigenen Entwicklungsprioritäten und -bedürfnisse abgestimmt ist. Dekolonisierung heißt, neoliberale, marktorientierte und privatisierte Ansätze für das Klima und die Entwicklung abzulehnen, während lokale Ansätze und indigenes Wissen bei der Bewältigung des Klimawandels bevorzugt werden und die demokratische Kontrolle über Entscheidungen, Systeme und Ressourcen gefördert wird.“

Die Ampel-Regierung unter Olaf Scholz (SPD) hat Deutschlands Asienpolitik einer umfassenden Neubewertung unterzogen und sprach von einer „Zeitenwende“, bei der neben China auch Indien, Japan und Südostasien stärkere Partner werden sollen. Außenministerin Annalena Baerbock (Grüne) hat zudem vehement „feministische und wertebasierte Außenpolitik“ propagiert. Konkret sieht man von dieser ‚Zeitenwende‘ aber noch nicht viel.

2025 bestehen Unsicherheiten hinsichtlich der Folgen einer zweiten Amtszeit Donald Trumps in den Vereinigten Staaten. Die von Trump vorgeschlagenen Zölle könnten dauerhafte Veränderungen in Handelsbeziehungen und Lieferketten auslösen. Zudem steigt das Risiko, dass die Vergeltungsmaßnahmen der betroffenen Länder zu einem Handelskrieg eskalieren, von dem niemand profitiert.

Angesichts eines weltweit erstarkenden Autoritarismus wird das kritische Augenmerk der südostasien auch in Zukunft darauf liegen, wie eine lebendige Zivilgesellschaft eine lebenswerte Zukunft für künftige Generationen gestalten kann.

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2 | 2018, Deutschland, Vietnam,
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Möglichst billig – aber bitte mit Gütesiegel!

Südostasien/Deutschland: Was geschrieben ist, bleibt. Nina Dederichs und Marlene Weck betrachten den immensen Schatz im Archiv der südostasien.

97 Stufen, 98, 99. Geschafft. Keuchend schaust du von den letzten Stufen der Wendeltreppe hoch ins oberste Stockwerk. Vor dir eine weiße, unscheinbare Tür. Du drückst sie auf, stehst in einem einladenden Besprechungsraum und schaust geradeaus auf eine zweite Tür. Klick. Du drückst den Lichtschalter nach unten und schaust in einen drei Quadratmeter großen Raum. Deckenhohe Regale an beiden Seiten. Viel Sauerstoff gibt es hier nicht. Kein Wunder, denn hier lagern Gedanken der letzten 40 Jahre. Du befindest dich im physischen Archiv der südostasien, einem Ort des Erinnerns. Zwei Schritte vorwärts, der Blick nach links und du stehst vor den gesammelten Printausgaben der Jahre 1984 bis 2018. Was sich in ihnen wohl alles verbirgt?

Mit einem Finger streifst du entlang der Zeitschriftenrücken: 2014, 2003, 1995 und dann: 1984. Nein, hier liegt keine Ausgabe von George Orwells Klassiker. Stattdessen ziehst du die allererste Ausgabe der Südostasien Informationen [Vorgänger der südostasien, d.R.] aus dem Regal. Du betrachtest die abgebildete Lupe, in der sich eine Weltkugel mit Asien im Zentrum befindet, und streichst den imaginären Staub von der Zeitschrift. Was den Menschen damals wohl durch den Kopf gegangen ist?

Neugierig liest du die ersten Seiten: „Wir hoffen, die ‚Südostasien Informationen‚ ab Ende dieses Jahres/ Anfang nächsten Jahres regelmäßig herausgeben zu können, um damit eine kontinuierliche Informations-Basis über SOA zu schaffen, die es interessierten Einzelpersonen und Gruppen ermöglicht, sich mit den Ländern dieser Region zu beschäftigen und auseinanderzusetzen.“ So beendet Peter Franke als damaliges Redaktionsmitglied das Editorial dieser ersten Ausgabe. Wer hätte damals gedacht, dass diese erste Ausgabe der Beginn für eine Zeitschrift sein würde, die nun ihr 40-jähriges Jubiläum feiert? Und wer hätte geahnt, dass ihr Anliegen Jahrzehnte später erneut aufgegriffen wird – digital, um uns die ersten Schritte der südostasien zurück in unser Gedächtnis zu rufen. Aber WER sind WIR? Und WAS ist UNSER Gedächtnis?

Die Gedächtnisforschung

Insbesondere Soziolog:innen und Kulturwissenschaftler:innen haben sich mit dem Gedächtnis von Gemeinschaften und Kulturen und mit Fragen nach Erinnern und Vergessen auseinandergesetzt. Der Soziologe Maurice Halbwachs, Begründer der kollektiven Psychologie, entwickelte die Idee des kollektiven Gedächtnisses, auf dessen Grundlage die heutige Erinnerungsforschung basiert. Halbwachs zufolge sind individuelle Erinnerungen einzelner Personen immer nur kurzlebig und ein Puzzleteil eines größeren dauerhaften Gedächtnisses einer Gemeinschaft. Unser Wissen, unsere Erinnerungen und unsere Identität formen sich demnach erst durch unser soziales Bewusstsein innerhalb eines Kollektivs. Indem wir Erzählungen, Praktiken oder Traditionen mit anderen Personen teilen, entstehen gemeinsame Erinnerungen, die in einer sozialen Gruppe zu einem kollektiven Gedächtnis heranwachsen können.

Jan und Aleida Assmann führten den Gedanken des kollektiven Gedächtnisses weiter und schlugen eine Differenzierung zwischen kommunikativem und kulturellem Gedächtnis vor. Während das kommunikative Gedächtnis über etwa drei Generationen auf informellen Wegen weitergetragen werden kann, kann ein kulturelles Gedächtnis insbesondere mithilfe von Institutionen, Traditionen und Medien sowie Orten, Ritualen oder Büchern quasi unendlich weiter existieren.

Im Wandel der Zeit

Auch die südostasien kann als Medium eines kollektiven Erinnerungsprozesses verstanden werden. Über die letzten vier Jahrzehnte hat sie ökonomische, ökologische und soziale Entwicklungen in Bezug auf Südostasien beobachtet und an eine deutschsprachige Leser:innenschaft vermittelt. Als Zeitschrift werden Erinnerungen hier nicht nur in ein kommunikatives, sondern auch in ein kulturelles Gedächtnis eingeschrieben. Die Digitalisierung der Zeitschrift im Online-Archiv trägt dazu bei, indem sie den Zugriff auf alle Ausgaben der südostasien für zukünftige Generationen zugänglich macht.

Erinnern ist immer auch selektiv und wandelbar. Was erinnert wird, hängt von gesellschaftlichen und kulturellen Kontexten ab und ist oft Gegenstand von Aushandlungsprozessen – sowohl innerhalb als auch zwischen Gemeinschaften. Was einmal wichtig erschien, kann später neu bewertet oder verdrängt werden. So auch bei der südostasien.

Zum einen hat sich der Blick nach ‚Außen‘ gewandelt: Die thematischen Schwerpunkte der Zeitschrift waren immer eng mit gesamtgesellschaftlichen Diskussionen verknüpft. Zum anderen haben sich Selbstverständnis sowie konzeptionelle Vorstellungen der südostasien verändert damit die Frage, wie und aus welcher Perspektive gearbeitet und schließlich auch erinnert werden soll. „Früher war die Arbeit für mich klarer. Wir haben uns für den Schutz von Aktivist:innen eingesetzt, Statements veröffentlicht und gingen gegen die Regime Südostasiens auf die Straße. Früher waren wir auf Demos, heute gehen wir mehr in den Diskurs“, erinnert sich Hendra Pasuhuk, langjähriges Redaktionsmitglied und als Autor bereits für die Südostasien-Informationen aktiv. „Wir werden alle älter; auch unsere Leser:innenschaft. Um weiter aktiv sein zu können, müssen wir jetzt neue Ziele definieren: Wen wollen wir mit unseren Texten erreichen? Und wie kann unsere Arbeit in fünf oder zehn Jahren aussehen?“

Menschen-gemachtes mediales Gedächtnis

Das kollektive Gedächtnis der südostasien wurde über die Jahre nicht nur durch neues Wissen und aktuelle Themen geprägt, sondern vor allem auch durch die Menschen dahinter. Ideen, Beobachtungen und Perspektiven wurden genauso eingebracht wie persönliche Kontakte und Beziehungen. Die südostasien stellt zugleich einen Begegnungs- und Kommunikationsort für Menschen dar, die sich in ihrem alltäglichen Leben durch räumliche Barrieren vermutlich nicht ‚einfach so‘ getroffen hätten. Da sind zum einen die wechselnde Autor:innen aus Deutschland und Südostasien, die das Gedächtnis der Zeitschrift mit vielschichtigen und reflektierten Artikeln füllen und gefüllt haben. Da sind die zahlreichen Redaktionsmitglieder, von denen einige die südostasien über viele Jahre hinweg mit ihren individuellen Perspektiven bereichert haben. Und da ist auch die Leser:innenschaft, die das Gedächtnis seit 40 Jahren durch kritische Anmerkungen, durch Leser:innenbriefe und aktiven Austausch lebendig hält.

Die Diskussionen, die innerhalb der südostasien geführt werden – über Themen, Perspektiven und Darstellungsweisen – zeugen von den vielfältigen, manchmal divergierenden Interessen, die die Zeitschrift prägen. Zum 10-jährigen Jubiläum stellt die Redaktion transparent dar, dass es nicht der Anspruch der Zeitschrift sei, „(vermeintlich) ’neutral‘ und ‚wertfrei‘ über kulturelle Verhältnisse Südostasiens“ zu berichten, sondern dass sie sich eine „grundsätzlichen Parteilichkeit zu Gunsten von emanzipativen Kräften und Bewegungen“ herausnimmt.

Was in Vergessenheit gerät

Erinnerung ist selektiv – und das bedeutet, dass manches nicht erinnert wird. Personen, Ereignisse und Perspektiven, die nicht ins kollektive Gedächtnis eingeschrieben werden, geraten in Vergessenheit. Dies kann auch absichtlich geschehen, wenn Staaten beispielsweise Erinnerung politisch instrumentalisieren und widerständige Geschichten unterdrücken.

Um politischen Unterdrückungsinstrumenten zu begegnen, versucht die südostasien ein Ort für Gegen-Geschichten zu sein – eine Plattform, auf der unterdrückte Stimmen Gehör finden und sichtbar werden. Postkoloniale Strukturen, sprachliche Barrieren und mangelnde Aufmerksamkeit gegenüber komplexen Machthierarchien führen jedoch dazu, dass die Vielzahl marginalisierter Lebensrealitäten nicht angemessen berücksichtigt wurde und wird.

Immer wieder versucht sich die wandelnde Redaktion jedoch mit den eigenen blinden Flecken auseinanderzusetzen. Die (unbeabsichtigte) Reproduktion diskriminierender Denk- und Sprachmuster wird fortlaufend zwischen den Redaktionsmitgliedern verhandelt. „Wir haben zweimal im Jahr persönliche Treffen und es gibt einen regen Austausch innerhalb der Teams, die die einzelnen Ausgaben gestalten. Bei diesem Austausch passiert sehr viel an Lernprozessen in Bezug auf koloniale Denk- und Sprachmuster“, schildert Redakteurin Anett Keller ihre Erfahrungen. „Plakativ gesagt: da treffen junge Redakteur:innen mit migrantischem Hintergrund auf ‚altgediente Weiße‘, die durchaus viel Erfahrung in und mit Südostasien haben, die sich aber immer wieder auch ihre eigenen Privilegien bewusst machen dürfen“, so Keller weiter. Herkunft sei dabei aber nur eine Kategorie. „Intersektionalität ist das Stichwort. Ich kann mich an eine lebhafte Diskussion mit einem indonesischen Kollegen erinnern, dem ich erklärte, warum ich ein Wort aus einem Text gestrichen habe, welches Frauen diskriminiert. Er sagte, das sei nun mal so in Indonesien, so wäre nun mal die Bezeichnung. Ist das dann Kultur-unsensibel von mir? Oder darf ich als mit feministischen Bewegungen in Indonesien verbundene Frau fragen, wessen Kultur da von einem Mann verteidigt wird?“

Viel Raum also für Aushandlungsprozesse und die Suche nach Antworten auf die Frage, wie sich die Zeitschrift zukünftig verändern kann (oder muss), um ein sicherer Ort für Menschen mit unsicheren Lebensrealitäten zu werden und dem eigenen Anspruch nach sozialer Bewegung gerecht zu werden.

Um Erinnerungen lebendig zu halten, müssen sie wiederholt, reaktiviert, re-inszeniert, umgedeutet und erneuert werden. Dabei nehmen Jubiläen eine wichtige Rolle ein. Doch es ist keine leichte Aufgabe, zu entscheiden, woran nach 40 Jahren südostasien erinnert werden soll. Welche Menschen sollen zu Wort kommen, welche Themen, Konflikte, welcher Wandel aufgearbeitet werden? Woran wollen wir uns erinnern, woran müssen wir uns erinnern, auch wenn es schmerzhaft ist, um aus Vergangenem zu lernen und was vergessen wir dabei?

Die ehemaligen und zukünftigen Autor:innen und Redaktionsmitglieder ebenso wie die Leser:innenschaft – sie alle gestalten das gemeinsame und kollektive Gedächtnis dieser Zeitschrift. In einem Interview sagte Aleida Assmann 2021: „Kein Mensch lebt im Augenblick. Aus physikalischer Sicht betrachtet ist Gegenwart nur der Augenblick des Umschlagens von Zukunft in Vergangenheit“. Wir entscheiden darüber, was wir heute aus der Vergangenheit festschreiben, um es in die Zukunft und in ein kulturelles Gedächtnis mitzunehmen. Es ist wichtig, sich der damit einhergehenden Verantwortung immer wieder bewusst zu werden und darüber nachzudenken, welche gesammelten Gedanken und Beobachtungen wir in der Zukunft aus Archiven hervorholen wollen.

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2 | 2018, Deutschland, Vietnam,
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Deutschland/Vietnam: Wie ein buddhistisches Ritual an Zwangsabtreibungen in der DDR erinnert und Raum zum Trauern schafft.

Die ehemalige Gastarbeiterin Quách Thị Hoa veröffentlichte 1990 in der südostasien einen offenen Brief. In eindringlichen Sätzen schilderte sie, wie vietnamesische Frauen in der DDR (Deutschen Demokratischen Republik) gezwungen wurden, ihre Schwangerschaften abzubrechen oder vorzeitig in ihr Heimatland zurückzukehren. „Uns wurde unmissverständlich klargemacht, dass Intimbeziehungen zwar als normal angesehen werden, wir jedoch unter keinen Umständen schwanger werden durften. Schwangere Frauen wurden unverzüglich nach Vietnam zurückgeschickt. Diese Bestimmung schwebte wie ein Damoklesschwert über unserem Schicksal.“

Mit diesem Brief rückte Hoa eine Geschichte ins Licht, die lange Zeit unsichtbar war. Die systematische Kontrolle der Körper vietnamesischer Vertragsarbeiterinnen durch die Behörden der DDR, gefördert und gebilligt von der sozialistischen Regierung in Hà Nội. Der Brief machte öffentlich, wie Frauen in den 1980er Jahren in der DDR zwischen zwei repressiven Systemen aufgerieben wurden: Auf der einen Seite drohte das Stigma in Việt Nam, wenn sie unverheiratet mit Kind zurückkehrten. Auf der anderen Seite standen die Betriebe und Behörden der DDR, die bei einer Schwangerschaft oftmals die sofortige Rückreise einleiteten – auf eigene Kosten.

Viele dieser Frauen kehrten nach dem Ende der DDR Anfang der 1990er Jahre nach Việt Nam zurück, oft belastet von mehrfachen Schwangerschaftsabbrüchen und den psychischen Folgen dieser Zwangsabtreibungen. Wer in Deutschland blieb, baute sich hier eine Existenz auf, schwieg aber oft weiterhin über das Erlebte. 40 Jahre nach dem Erscheinen von Hoas Brief beschreibt unser Autor ein Heilungsritual, mit dem Raum geschaffen wird für das Leid, das zuvor unsichtbar blieb.

Das Ritual der ungesagten Worte

Zwischen Plattenbauten, inmitten eines grauen Gewerbegebiets in Berlin-Lichtenberg, liegt in einem alten Pförtnerhäuschen die Phổ-Đà-Pagode. Lediglich das geschwungene Dach und ein kleiner geschmückter Vorhof deuten darauf hin, dass es sich hier nicht mehr um ein gewöhnlichen Industriekomplex, sondern einen religiösen Ort handelt.

Betritt man die Pagode, steigen einem sofort der Duft von Räucherstäbchen und gekochtem Klebreis in die Nase. Die Wände sind geschmückt mit goldenen Buddha-Statuen. Auf dem Ahnenaltar thronen die Fotos der Verstorbenen der Gemeinde.

Während offizielle Gedenkveranstaltungen oft auf nüchternen Podien stattfinden, ist diese Pagode ein Ort verschiedenster Sinneseindrücke. Hier finden nicht nur Andachten und Gemeindezusammenkünfte statt, sondern auch aufwendige Zeremonien, in denen die Pagodengemeinde Rituale für Verstorbene durchführt. Eines dieser Rituale ist das „Lễ Câu Siêu Thai Nhi Sản Nạn“, eine Gedenkzeremonie für ungeborene Kinder, die durch Abtreibung oder Totgeburt das Licht der Welt nicht erblicken konnten.

Jede Papiertafel symbolisiert ein totes Kind

„Wir wollten einen Raum schaffen, in dem Mütter und Väter ihre Trauer zeigen können“, erklärt der leitende Mönch der Pagode, Thích Pháp Nhẫn, der von allen nur respektvoll thây, also Lehrer genannt wird. Um ihn herum bereiten freiwillige Helfer:innen den Altar für diese besondere Zeremonie vor, in dem sie kleine Fläschchen mit Babymilch, Spielzeug und Schalen mit Speiseopfern aufstellen. Daneben leuchten Kerzen und Räucherstäbchen, deren Rauchschwaden sich wie Schleier über kleine Abbilder aus Papier legen — jede symbolisiert ein totes Kind. Der Altar, der extra für diesen Anlass aufgebaut wird, erstrahlt in warmem Kerzenlicht. Darauf thronen rund 120 Papiertafeln. Auf einigen Tafeln ist ein Name notiert, auf anderen nur ein Datum. In einer feierlichen Prozession werden buddhistische Texte rezitiert und abschließend die Papiertafeln verbrannt.

Viele der anwesenden Frauen und Männer sind bereits im Rentenalter, manche begleitet von ihren erwachsenen Kindern. Sie alle haben ihre ganz eigenen Geschichten. Doch an diesem Tag verbindet sie eine geteilte Trauer. Das Ritual schafft einen Raum für Gefühle, die in vielen Fällen jahrzehntelang verborgen blieben.

Von Việt Nam in die DDR

Um zu verstehen, warum dieses Ritual eine so besondere Bedeutung hat, braucht es den Blick in die Vergangenheit: In den 1980er Jahren holte die DDR tausende junge Vietnamesinnen und Vietnamesen als sogenannte ausländische Werktätige ins Land. Offiziell stärkten sie die ’sozialistische Bruderschaft‘ zwischen beiden Ländern. In der Praxis benötigte die DDR billige Arbeitskräfte für Textilfabriken und andere Industriebetriebe. Dabei wurde das Leben der vietnamesischen Werktätigen auf strengste kontrolliert: Geschlechtsgetrennte Unterbringungen in eigenen Wohnblöcken, Bespitzelung durch Stasi (Ministerium für Staatssicherheit) und Vertreter:innen der vietnamesischen Botschaft, Kontaktverbot zur ostdeutschen Bevölkerung.

Zwar galten die ostdeutschen Behörden im Vergleich zu westlichen Regierungen als aufgeschlossen gegenüber berufstätigen Frauen, doch diese Offenheit endete für ausländische Werktätige bei Schwangerschaft und Familienbildung. So wurde den vietnamesischen Arbeiterinnen sehr früh klargemacht, dass eine Schwangerschaft als Arbeitshindernis galt, welches strikt zu vermeiden war. Die DDR-Betriebe und der vietnamesische Staat duldeten kaum Schwangerschaften, denn sie galten — nach äußerst kapitalistischer Verwertungslogik — als produktivitätsmindernd und waren damit unerwünscht. Wer schwanger wurde, stand vor einer grausamen Wahl: Abtreibung oder Abschiebung.

Räucherstäbchen und Reuegebete

Die Zeremonie beginnt schon Tage zuvor mit der Rezitation eines traditionellen Sutras („Tụng Lương Hoàng Sám“), das zur spirituellen Reinigung dient und die Gemeinde auf die Gedenkfeier vorbereiten soll. Am Tag des eigentlichen Rituals versammeln sich alle Teilnehmenden im Hauptraum der kleinen Pagode. Das Reuegebet („Sám Hôi“) erklingt und schafft eine berührende Atmosphäre. Die Stimmen der Gläubigen verweben sich mit dem stetigen Takt einer kleinen Trommel, hin und wieder wird ein Gong geschlagen. In einem der Gebetstexte, der von einem Mitglied der Gemeinde vorgetragen wird, heißt es sinngemäß:

„Ich nahm dir das Leben, noch ehe du Gestalt annahmst, obwohl du mein eigenes Kind warst, habe ich dich abgeschnitten von meinem Herzen. […] Mögest du uns diese karmische Verstrickung verzeihen, uns vergeben und die alten Feindschaften lösen, auf dass du in eine höhere Existenzebene eingehen kannst.“

Während des Vortrags senken viele ihre Köpfe, andere halten die kleinen Papierbildnisse schützend vor ihre Brust, als ob sie das verlorene Kind nun endlich umarmen könnten. Manche lassen ihren Tränen freien Lauf, andere schluchzen leise. Der Raum ist erfüllt von einer Mischung aus Schmerz, Scham und vorsichtiger Erleichterung, endlich darüber sprechen und trauern zu dürfen.

Nach dem Vortrag beginnt das Klagen von „Xin Đừng Bỏ Con Mẹ Ơi“ („Bitte verlass mich nicht Mama“) im Hintergrund zu ertönen, ein Lied, in dem die Stimme eines Kindes die Mutter anfleht, es nicht abzutreiben. Diese Worte, teils flehend, teils bittend, treffen tief ins Herz vieler Anwesender. Ein Schluchzen geht durch die Reihen, Taschentücher werden gereicht. Als das Lied endet, herrscht für einen Moment andächtige Stille, die nur vom leisen Summen der Lüftung unterbrochen wird. Dann ertönt ein letztes Mantra, bevor die Anwesenden in den Vorgarten der kleinen Pagode gehen.

Reinigung durch Feuer und die Kraft der Gemeinschaft

Der Höhepunkt der Zeremonie ist das rituelle Verbrennen der Papiertafeln. In großen, feuerfesten Gefäßen werden sie nacheinander ins Feuer gegeben, begleitet von Gebeten und dem Klang kleiner Glocken. Die Flammen züngeln kurz auf und man kann förmlich spüren, wie sich eine Last löst – als wäre ein schwerer Vorhang ein Stück beiseitegeschoben worden. „In unserer Tradition glauben wir, dass die Seelen durch das Feuer transformiert werden“, sagt thây. „Aber auch psychologisch gesehen ist es ein Akt der Befreiung. Die Eltern verbrennen nicht nur ein Stück Papier, sondern symbolisch ihre langjährige stille Trauer und Schuld.“

Die Erfahrungen der 1980er Jahre wirken bis heute fort. Viele Frauen, die zu Zeiten der DDR mehrfach abtrieben, trugen körperliche und seelische Folgen davon. Manche litten unter Depressionen, Albträumen oder Schuldgefühlen, konnten aber nirgends Rat finden, weil das Thema nicht in die Öffentlichkeit drang. Gemeinschaftliches Gedenken, wie es in der Phổ-Đà-Pagode praktiziert wird, kann tiefe Wunden nicht ungeschehen machen. Doch es ermöglicht, die erlittene Gewalt zu benennen und sie in einem geschützten Raum zu verarbeiten. Hier entfaltet das Ritual seine besondere Kraft: Es verwebt das individuelle Leid nach einem erzwungenen Schwangerschaftsabbruch mit einer kollektiven Erinnerung an staatliche Willkür, Rassismus und die Last jahrzehntelangen Schweigens. Die Erfahrung der Menschen in der Pagode zeigt, wie notwendig es ist, diese Geschichte aufzuarbeiten.

Das Video eines viet-deutschen Nachrichtenportals zeigt Aufnahmen des „Lễ Câu Siêu Thai Nhi Sản Nạn“- Rituals aus dem Jahr 2023.

Der offene Brief von Quách Thị Hoa stand am Anfang dieser Suche nach Gerechtigkeit und Genesung. In der Phổ-Đà-Pagode findet sie eine ihrer eindrücklichsten Fortsetzungen. Sie bietet Menschen einen Raum, in dem ihre Erfahrungen nicht nur anerkannt, sondern aktiv verarbeitet werden können. Wer hierher kommt spürt: Die Folgen der Zwangsabtreibungen in der DDR sind noch immer präsent. Doch sie sind nicht länger unausgesprochen. Ihnen wird begegnet mit Ritualen, Liedern und Gemeinschaft, der für die Betroffenen Halt und Heilung verspricht.

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2 | 2018, Deutschland, Vietnam,
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Indonesien/Deutschland: Harriet und Warsito Ellwein blicken auf ihr Engagement für die südostasien und auf vier Jahrzehnte Politik in Indonesien.

Als sich am 14. Februar 2024 der deutliche Sieg von Prabowo Subianto abzeichnete, saßen wir wie erstarrt vor dem Fernseher. Wir hatten nicht glauben wollen, was die Meinungsforschungsinstitute vorausgesagt hatten: Mit der Wahl des Ex-Generals zum Präsidenten der Republik Indonesien wurde der Demokratisierungsprozess in Indonesien, für den wir so lange gekämpft und gelebt hatten, stark gefährdet.

Als wir Mitte der 80er Jahre die ersten Artikel für die südostasien-Informationen schrieben, hatte sich die Suharto-Diktatur fest im Sattel befunden: Die sogenannten „Petrus“-Morde, außergerichtliche Exekutionen an Regimegegnern, waren auf dem Höhepunkt. Am Borobudur- und Prambanan-Tempel wehrten sich Händler und Dorfbewohner gegen ihre Vertreibung für die neuen Touristenparks. Die viel gefeierte erstmalige Selbstversorgung mit Reis wurde zum Teil mit militärischer Gewalt auf dem Rücken der Bauern ausgetragen.

Vier Phasen haben wir in den 40 Jahren der südostasien (-Informationen) in der politischen Entwicklung Indonesiens ausgemacht: Suharto-Diktatur, Transitionsphase, Demokratisierungsphase und De-Demokratisierung. Dem Sturz der Suharto-Diktatur 1998 folgte eine etwa sechsjährige Transitionsphase, die 2004 von der eigentlichen Demokratisierungsphase mit der erstmaligen direkten Präsidentschaftswahl abgelöst wurde. Diese fand 2019 ihren Höhepunkt. Seit der Wiederwahl von Präsident Jokowi beobachten wir die zunächst schleichende und inzwischen deutliche Phase der De-Demokratisierung.

Netzwerk- und Lobbyarbeit

In den ersten beiden Phasen waren unsere Verbundenheit mit und unser Engagement für die Zeitschrift, die Südostasien-Informationsstelle und den dahinter stehenden Trägerverein am intensivsten (Harriet als Vorstandsmitglied, Warsito zum Teil als Geschäftsführer der Informationsstelle). Unter den Pseudonymen Erika Jung und Agus Setiawan füllten wir viele Artikel- und Nachrichtenspalten der Zeitschrift.

Trägerverein und Infostelle waren mit dem Ziel angetreten, der deutschsprachigen Öffentlichkeit ein deutlicheres Bild von den politischen Verhältnissen in Südostasien zu vermitteln, örtlichen Widerstandsbewegungen eine Lobby zu geben und ihnen ein verlässlicher Partner in Europa zu sein. Wir, insbesondere Warsito mit seinem festen Standbein in Yogyakarta und Zentraljava, sind dabei immer zweigleisig zwischen Solidaritäts- und Informationsarbeit sowie örtlichem Widerstand verfahren.

Dies lässt sich besonders gut an den Beziehungen zu Förderorganisationen, insbesondere Brot für die Welt (BfdW), Misereor und terre des hommes (tdh), ausmachen. Alle waren als Institutionen und/oder durch Einzelpersonen Mitglied des Trägervereins. In den Büros in Stuttgart oder Aachen lag die Zeitschrift aus. Vor Ort in Java haben sie Projekte unterstützt, hinter denen sich vorsichtig organisierter Widerstand gegen die Militärdiktatur verbarg.

Als Brot für die Welt Warsito’s Stiftung für kulturelle Entwicklung eine finanzielle Zusage gab, förderten sie damit nicht nur eine nicht- kirchliche Organisation in Indonesien, sondern auch bewusstseinsbildendes libertäres Theater für die Dorfjugend. Und das von tdh finanzierte Projekt für kreative Kinder war für die Aktiven vor Ort ein Weg, deren Eltern für den Kampf gegen das Regime zu gewinnen. Vor allem die intensive Beziehung zu den Verantwortlichen von Brot für die Welt war für uns beide politisch und persönlich in den schweren Zeiten der Militärdiktatur von großer Bedeutung.

Netzwerke und Lobby für Indonesien fanden wir nicht nur bei diesen Organisationen, sondern auch bei Journalisten und Politikern. So waren Rüdiger Siebert von der Deutschen Welle oder Jürgen Dauth von der Frankfurter Rundschau ebenso Vereinsmitglieder oder Abonnenten der südostasien wie Ludger Volmer (MdB) oder Wilfried Telkämper (MdE). Die Journalisten haben wir in Zentraljava zu den Aktivisten-Netzwerken begleitet. Die Politiker waren ansprechbar für Themen wie Frauen- und vor allem Umweltpolitik. Letztere war auch Thema des Austauschprogramms der Südostasien-Infostelle mit Umwelt- Aktivist:innen indonesischer NGOs Anfang der 90er Jahre.

Wie geht nun eigentlich Demokratie?

Der Mai 1998 markierte das offizielle Ende der Suharto-Diktatur. Zu diesem Zeitpunkt war die Südostasien- Infostelle bereits ins 1995 gegründete Asienhaus nach Essen gezogen, was neue Synergien mit den anderen Gruppen sowie deutlich verbesserte Räumlichkeiten bedeutete. Ebenfalls seit 1995 hatte die Zeitschrift mit Saskia Busch 17 Jahre lang eine hauptamtliche Redakteurin, die sich nach der Jahrtausendwende mit Warsito ein Büro im Asienhaus teilte, so dass die Indonesien-Nachrichten immer auf sehr kurzem Weg bei ihr landeten. In einem ihrer Editorials wies Saskia darauf hin, dass der Autor Agus Setiawan nach Indonesien gefahren und als Warsito Ellwein zurückgekommen sei: Der Sturz Suhartos hatte unserer Pseudonyme unnötig gemacht.

Es begann eine Zeit, in der wir wieder entspannter in Indonesien einreisen und offener diskutieren konnten. Dies rief insbesondere eine Gruppe auf den Plan, die sich voller Eifer daranmachte, die ersten Schritte des Inselstaats auf dem Weg zur Demokratie genau unter die Lupe zu nehmen: die Wissenschaftler:innen. Einen Meilenstein für Zeitschrift, Vorstand und Infostelle markierte der Oktober 2002, als sich das von Genia Findeisen (später Vorstandsmitglied) gegründete Doktorand:innen-Netzwerk zu Indonesien mit der Infostelle traf. Dort referierte zum Beispiel Patrick Ziegenhain (später ebenfalls Vorstandsmitglied) zu den Verfassungsänderungen seit 1999, nach denen ab 2004 der/die Präsident:in direkt gewählt werden sollte, und zur zu erwartenden Machtbalance zwischen Parlament und Präsident. Diese hatte er richtig zugunsten einer gestärkten Exekutive vorausgesehen (siehe südostasien Ausgabe 4/2002 und, zur Fortsetzung der Netzwerktreffen, Ausgabe 2/2004).

Aber nicht nur die Wissenschaftler:innen, sondern die über ganz Europa verstreuten indonesischen Alt-Aktivist:innen, Asylant:innen oder politisch aktiven Studierenden wollten sich auf den Weg machen. Sie waren sich unsicher, ob sie weiter gegen das jeweils herrschende Regime protestieren, sich einer Partei anschließen oder nur eine Beobachtungsposition einnehmen wollten. Um ein gemeinsames Grundverständnis zwischen den unterschiedlichsten Personen und Gruppen herzustellen, lud die Südostasien Informationsstelle im Jahr 2003 zusammen mit dem Arbeitskreis Dritte Welt Aachen, Imbas aus Frankfurt und Watch Indonesia! zum 2. Netzwerktreffen europäischer Indonesier:innen ins Asienhaus. Der damals älteste (inzwischen verstorbene) Teilnehmer Umar Said aus Paris kommentierte diese Veranstaltung mit den Worten: „Das ist das schönste Treffen meines Lebens“ (südostasien Ausgabe 4/2003).

Konsolidierung

Als 2004 die erste direkte Präsidentschaftswahl stattfand und sich Susilo Bambang Yudhoyono gegen Megawati Sukarnoputri durchsetzte, lebten wir in Indonesien. Warsito engagierte sich unmittelbar am Aufbau der jungen Demokratie. Dies tat er unter anderem im sogenannten „forum politisi“, in dem er in Zusammenarbeit mit der Friedrich-Naumann-Stiftung (FNS) junge Politiker:innen an Partei- und Parlamentsarbeit heranführte. Harriet war Entsandte für ein GTZ-Projekt zur Regionalen Wirtschaftsförderung.

Die Kritik hagelte auf uns beide. Wie kann sich Harriet zur Vertreterin deutscher Unternehmen machen? Wieso ist Warsito unter die Neoliberalen gegangen? Beides verständlich, aber nicht so schwarz und weiß, wie gedacht. In südostasien Ausgabe 2/2009 resümiert Harriet unter dem Titel „Verlässliche Partner gefragt“ zur Rolle lokaler Ökonomie, dass es nicht um die Unterstützung einzelner Unternehmen gehe: Die globale Wirtschaft brauche globale Spielregeln. Die Organisationen der Entwicklungszusammenarbeit trügen dazu bei, diese in nachhaltigen Prozessen bei den Partnerländern zu verankern. Eine wirklich interessante Erfahrung!

Während die GTZ für Harriet eine Episode war, blieb Warsito vor Ort beim Engagement für die Demokratisierung in Indonesien. Dies tat er in Kooperation mit unterschiedlichsten Organisationen – sowohl auf Regierungsseite als auch in klassischer NGO-Arbeit – und dies damals auch in größerer Entfernung von den Südostasienstrukturen in Deutschland. Der Fokus lag zum Beispiel auf der Gründung des Perguruan Rakyat Merdeka (= Bildungswerk für ein unabhängiges Volk), einem Netzwerk ehemaliger Suharto-Oppositioneller mit sehr unterschiedlichen Vorstellungen vom Neuaufbau der Demokratie. Dieses Forum versuchte, durch Großaktionen mit Partner:innen aus allen Teilen der Gesellschaft an der Lösung drängender Probleme (Menschenrechte, Umwelt, Frauen) zu arbeiten.

Diese Aktivitäten mündeten schließlich im Aufbau von Parteistrukturen für die PDI-P und in aktiver Wahlkampfunterstützung – zunächst 2013 auf Provinzebene in Zentraljava und dann 2014 für die Wahl von Präsident Jokowi. Dabei verband Warsito – diesmal auf Regierungsseite in Zentraljava – klassische NGO-Arbeit mit Verwaltungsreform, Menschenrechtspolitik und Anti-Korruptionskampagnen. Dies führte unter dem damaligen Gouverneur Ganjar Pranowo zu sichtbaren Erfolgen.

De-Demokratisierung

Zu seiner Wiederwahl 2019 war Präsident Jokowi auf dem Höhepunkt seiner Popularität. Der schleichende Niedergang der jungen Demokratie begann mit der Entfernung des Präsidenten von der Basis, die ihn immer unterstützt hatte. Er begann Schritt für Schritt, die demokratischen Errungenschaften zugunsten einer engen Kooperation mit dem Großkapital und der Stärkung von Polizei und Militär zurückzunehmen.

Der offensichtliche Turnaround von Präsident Jokowi zeigte sich im Oktober 2023. Bis dahin schienen die Wahlaussichten des Demokraten Ganjar Pranowo im Präsidentschaftswahlkampf von Erfolg gekrönt. Doch Jokowi wandte sich von Ganjar ab und schlug sich aktiv auf die Seite seines ehemaligen Widersachers Prabowo Subianto, dessen erfolgreiche Wahl auch durch dubiose Geschenke an die Bevölkerung und mit aktiver Unterstützung von Polizei und Militär garantiert wurde.

In einem Brief aus Indonesien hatte Warsito (südostasien Ausgabe 1/2004) von Fortschritten im sozialen Leben und in der Diskussionskultur in Indonesien berichtet. Gleichzeitig merkte er an: „Ein brennendes Problem ist allerdings, dass Intellektuelle, Aktivisten und Politiker noch keine politische Vision entwickelt haben, die von einer öffentlichen Mehrheit geteilt wird. Alle gehen nur von der eigenen Perspektive aus und diese ‚Wahrheit‘ wird dann der Öffentlichkeit aufgezwungen. „Diese politische Vision fehlt offensichtlich immer noch. Die individuellen Wahrheiten dominieren, und die Schwäche der Demokratie- Befürworter:innen wird genutzt, um die alten Strukturen wieder aufleben zu lassen.“

Im Zuge der De-Demokratisierung Indonesiens haben wir uns schon überlegt, ob Agus Setiawan und Erika Jung wieder neu aufleben müssen. Aber unsere Pseudonyme sind mit uns alt geworden. Die politischen Geschicke im Inselstaats müssen in neue und visionäre Hände gelegt werden. Dies sollte auch weiter in enger internationaler Zusammenarbeit demokratischer Kräfte und auf Augenhöhe geschehen, da die westlichen Länder sich gerade ebenfalls mit De-Demokratisierungs-Prozessen auseinandersetzen müssen.

Uns bleibt nach diesen 40 intensiven Jahren der Dank an all unsere Wegbegleiter:innen von Zeitschrift und Infostelle, die hier genannten und nicht genannten. Merdeka!

 

 

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2 | 2018, Deutschland, Vietnam,
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Möglichst billig – aber bitte mit Gütesiegel!

Deutschland/Malaysia: Charlotte Mei Yee Chin spricht mit ihrem Vater Chee Hiong Chin über dessen Kindheit in Malaya/Malaysia und fünf Jahrzehnte Leben in Deutschland.

südostasien: Welche Erinnerungen hast du an deine Kindheit in Malaysia?

Chee Hiong Chin: Ich wurde in Singapur geboren, das damals noch zu Malaya gehörte. Wir waren arm, so arm, dass meine Eltern meinen Bruder in die Obhut einer anderen Familie gaben. Als Kind wusste ich nicht einmal, dass ich einen Bruder hatte. Erst als Erwachsener erfuhr ich von seiner Existenz. Wir sind mehrfach umgezogen – zuerst nach Perak, den heutigen malaysischen Bundesstaat, in die Stadt Ipoh, wo ich bis zu meinem elften Lebensjahr lebte. Danach zogen wir nach Simpang Pulai. Von dort ging ich im Alter von 17 Jahren nach Deutschland.

Mein Vater sagte mir immer, dass Länder mit vier Jahreszeiten interessanter seien als tropische Länder. Ich habe ihn damals nicht wirklich verstanden, aber heute weiß ich, was er meinte.

Wie war es, in Malaysia mit chinesischem Hintergrund aufzuwachsen?

Ich bin ethnisch Chinese, aber ich war malaysischer Staatsbürger. Ich wuchs in einer rein chinesischen Umgebung auf. Meine Grundschule war eine chinesische Schule, und mein Gymnasium, Sam Tet, war eine reine Jungenschule nur für Chinesen. Es gab dort keine Malaien oder Inder, nur zwei malaiische Lehrer.

Weißt du, warum deine Eltern China verlassen haben?

In China hatten sie kein Geld, es gab nichts zu essen. Sie wären verhungert. Schon vor dem Zweiten Weltkrieg war die Lage schwierig. Mein Vater, Gung Ung, wurde 1908 geboren und ist vermutlich vor seinem 20. Lebensjahr geflüchtet. Er ist zu Fuß geflohen. Damals gab es keine Pässe oder Grenzkontrollen wie heute. Man konnte sich frei zwischen China, Thailand und Vietnam bewegen. Zuerst ging er nach Burma und arbeitete dort als Schneider. Danach floh er weiter nach Singapur.

Meine Mutter, Pópo, wurde verkauft, sie ist nicht geflüchtet. Ihre Eltern konnten sie wahrscheinlich nicht mehr ernähren oder hatten zu viele Kinder. Damals galt das nicht als Menschenhandel, sondern wurde als finanzielle Vereinbarung betrachtet. Sie wurde nach Hongkong gebracht und wartete dort darauf, von jemandem aus Malaya als Hausmädchen ausgewählt zu werden.

Also wurde sie zweimal verkauft?

Ja. Aber sie wurde nicht misshandelt. Sie war noch sehr jung, bekam Essen und Kleidung, bis ein Hausherr aus Malaya sie als Hausmädchen mitnahm und zu seiner Familie brachte. Ich schätze, sie war unter zehn Jahre alt. Das muss vor dem Zweiten Weltkrieg passiert sein. Das heißt, sie müssen schon 1930 beide in Malaya gewesen sein.

Woher kamen Gung Ung und Pópo in China?

Aus Guangzhou in Südchina. Sie waren Hakka. In Guangzhou gibt es mehrere Dialektgruppen, Hakka ist eine der größten.

Warst du jemals dort?

Nein.

Warum hast du dich entschieden, nach Deutschland zu gehen?

Meine Eltern waren alt, und mir war bewusst, dass sie bald nicht mehr in der Lage sein würden, die Familie und mich zu ernähren. Mein Vater war zu alt, um noch arbeiten zu können, und meine Mutter war Hausfrau. Also musste ich die Verantwortung übernehmen und für uns sorgen.

Wie hast du deine Reise finanziert?

Mein Vater bezahlte das Flugticket. Es war ein einfacher Flug nach Belgien ohne Rückflugticket. Es gab keine Direktflüge nach Deutschland, also flog ich von Kuala Lumpur nach Bangkok, dann mit der belgischen Airline Sabena nach Brüssel. Von dort fuhr ich mit dem Auto nach Köln, dann nach Herford und weiter mit der Bahn nach Detmold.

War es schwer, deine Familie und dein Zuhause zu verlassen?

Ja, traurig natürlich. Die Trennung von meinen Eltern war schwer, aber ich musste da durch. Gleichzeitig war ich aufgeregt, weil ich endlich Geld verdienen konnte – das war das Ziel.

Wie erinnerst du deine ersten Tage und Wochen hier?

Ich kam im März 1973 an. Es war unglaublich kalt. Die Winter damals waren viel strenger als heute.

Viel Schnee, eisige Temperaturen – das kannte ich aus Malaysia nicht. Trotzdem war es auch interessant. Ich habe durchgehalten, bis der Sommer kam. Nach fünf Monaten zog ich von Detmold nach Dortmund. Der Westfalenpark war wunderschön, besonders im Sommer und Herbst mit all den bunten Farben.

Wo hast du gelebt?

Zunächst in einem Fachwerkhaus in Detmold mit einem Freund, den ich aus Malaysia kannte. Er war die einzige Verbindung, die ich hatte. Wir arbeiteten im selben Restaurant. Ich dachte naiv, dass ich, wenn ich etwas Geld verdient hätte, nach England zum Studieren gehen könnte – aber das Geld reichte natürlich nie.

Wie sah deine Arbeit aus?

Ich begann als Tellerwäscher, putzte den Boden, reinigte Öfen und Kühlschränke, räumte Vorräte aus dem Keller und heizte abends das Fachwerkhaus mit Holz. Dafür musste ich jeden Abend in den Keller gehen, um Feuer anzuzünden. Ich schaufelte Papier und Holz in den Kamin, um das ganze Haus zu beheizen. Ungefähr um halb acht musste ich anfangen, jeden Abend.

Wie war es für dich, in Deutschland zu sein, ohne die Sprache zu können?

Ich konnte ein paar Worte auf Deutsch – Zahlen von eins bis zehn oder Sätze wie „Entschuldigen Sie bitte“, „Danke“ und „Bitte“. Mein malaysischer Freund erklärte mir, welche Wörter ich unbedingt kennen musste. Aber die Aussprache war noch mal etwas Anderes. Zum Beispiel klingt das deutsche „i“ wie „ee“, das „ei“ eher wie „ai“ im Englischen. Und dieses „Üüüh“ – solche Laute muss man erst mal verstehen.

Wie hast du Deutsch gelernt?

Durchs Hören und durch Gespräche – aber sehr wenig. Erst als ich mit deiner Mutter zusammen war – wir hatten uns beim Arbeiten in einem Göttinger Restaurant kennen gelernt – musste ich mehr Deutsch sprechen. Am Anfang war es schwierig, weil ich mich nicht richtig ausdrücken konnte. Ich konnte weder mit ihr noch mit ihren Eltern richtig reden. Ich sprach nur ‚Restaurant-Deutsch‘ ohne Grammatik. Das war ein großer Nachteil – ich wollte etwas erklären, aber mir fehlten die Worte. Englisch hatte ich fast vergessen, und Mama verstand kein Chinesisch. Mit ihren Eltern war es noch schwieriger – sie verstanden mich nicht und ich konnte kaum etwas sagen. Aber inzwischen ist es viel besser geworden.

Du hast gesagt, dass du Deutsch im Restaurant gelernt hast und später durch Mama. War es schwer, dich außerhalb des Restaurants zurechtzufinden?

Ja. Wir hatten kaum Kontakt mit Deutschen, weil wir fast nur gearbeitet haben – zehn Stunden am Tag, sieben Tage die Woche, also pro Woche 70 Stunden.

Und nach der Arbeit mussten wir auch Pause machen und schlafen. Es blieb keine Zeit, die deutsche Kultur kennenzulernen. Im Fernsehen haben wir wenig verstanden, vielleicht zehn bis fünfzehn Prozent. Wir wussten, wer der Kanzler war, aber mehr nicht. Wir haben immer nur gearbeitet und dann das Geld gezählt, um es nach Malaysia zu schicken.

Gab es Menschen, die dir geholfen haben, dich zurechtzufinden?

Nein. Die Restaurantbesitzer haben uns nur als Arbeitskräfte gebraucht. Sie haben uns bezahlt, aber nicht wirklich geholfen. Ohne sie hätte ich meinen Aufenthalt nicht beantragen können, aber Unterstützung war das nicht. Jeder musste für sich selbst kämpfen. Die, die schon da waren, hatten keine Kraft, anderen zu helfen. Jeder wollte nur Geld verdienen. Warum hätten sie mir helfen sollen? Ich war kein Verwandter.

Wie viel hast du damals verdient?

Am Anfang 20 Mark am Tag für zehn Stunden Arbeit, ohne Urlaub. Wenn du krank warst, gab es kein Geld, nur Essen und ein Zimmer.

20 Mark netto?

Ja, aber ich hatte keine Ausgaben. Drei Mahlzeiten am Tag und eine Unterkunft waren kostenlos. Da ich nicht damals noch nicht geraucht habe, musste ich keine Zigaretten kaufen. Außerdem habe ich keine öffentlichen Verkehrsmittel genutzt – ich war fast ausschließlich in diesem Haus oder habe mir die Umgebung gelegentlich zu Fuß angesehen.

Was waren für dich die größten Unterschiede zwischen Deutschland und Malaysia?

Mir war die deutsche Kultur völlig fremd. Wir wussten nur, dass es hier viele Kirchen gibt und viele Menschen katholisch oder evangelisch sind, keine Muslime oder Buddhisten. In Malaysia gibt es viele Moscheen oder Tempel, hier gab es das nicht.

Unterschiedlich sind auch Wetter und Luftqualität. In Malaysia gibt es kaum frische Luft, besonders in Kuala Lumpur – zu viel Smog, zu viele Hochhäuser.

Außerdem gibt es dort kein sicheres Rentensystem oder eine umfassende Krankenversicherung wie in Deutschland. In Malaysia kann man ins öffentliche Krankenhaus gehen, aber die Wartezeiten sind sehr lang. Viele wollen das nicht und entscheiden sich für private Behandlungen, die aber teuer sind. Wer kein Geld hat, wird nicht behandelt – dann stirbt man schneller.

Dies ist Teil I des Interviews. Hier geht’s zu Teil II

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2 | 2018, Deutschland, Vietnam,
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Möglichst billig – aber bitte mit Gütesiegel!

Deutschland/Malaysia: Charlotte Mei Yee Chin spricht mit ihrem Vater Chee Hiong Chin über dessen Kindheit in Malaya/Malaysia und fünf Jahrzehnte Leben in Deutschland.

Dies ist Teil II des Interviews. Hier geht es zu Teil I

südostasien: Hast du dich bei deiner Ankunft in Deutschland willkommen gefühlt, waren die Menschen nett zu dir?

Chee Hiong Chin: Unterschiedlich. Am meisten ist mir die Reaktion der Leute aufgefallen, wie sie mich komisch angeschaut haben. Aber gefreut darüber, glaube ich, hat sich niemand. Es war eher dieses neugierige Starren: „Wo kommt der her? Japan? Thailand? China?“ Es gab damals in den 70er Jahren kaum asiatische Menschen hier – keine Vietnamesen, keine Flüchtlinge, keine Asylbewerber. Wir waren fast die einzigen Gastarbeiter.

Sogar bis 1980 war das so. Jeder hat uns angeschaut. Die meisten kannten Asiaten nur aus Kung-Fu-Filmen – Bruce Lee war das Einzige, was sie mit Asien verbunden haben. Ich würde sagen, die Deutschen waren damals nicht besonders weltoffen. Sie waren, wenn man es so ausdrücken will, eher ‚Landeier‘ – im Vergleich zu den Engländern oder Australiern, die in dieser Hinsicht viel schneller waren.

Das hat man auch beim Essen gemerkt. In London gibt es Chinatown. Aber in Deutschland? Wenn du damals versucht hättest, asiatisches Essen zu verkaufen, hättest du es vergessen können. Niemand hätte es gekauft, weil sie nicht wussten, was es überhaupt ist.

Aber richtige Feindseligkeit habe ich nie erlebt. Manche sagen, Deutsche seien arrogant, aber ich finde das nicht. Ich glaube, viele Migranten hatten einfach eigene Unsicherheiten. Wenn wir Deutsche getroffen haben, hatten wir oft das Gefühl, als Ausländer weniger wert zu sein. Das hatte aber mehr mit uns selbst zu tun als mit den Deutschen.

Du denkst also, es war eher ein innerer Komplex als echter Rassismus?

Ja. Solche wirklich rassistischen Menschen habe ich nie getroffen. In 50 Jahren hier – nie.

Auch früher nicht, als du neu hier warst?

Nein, nie. Klar, ich habe manchmal Leute gehört, die im Ärger sagten: „Oh, Ausländer, scheiße!“ Aber das empfinde ich nicht als echten Rassismus.

Für mich ist Rassismus nicht ’nur‘ persönliche Feindseligkeit oder Gewalt, sondern ein historisch gewachsenes Machtverhältnis, das auf Kolonialismus und globaler Ungleichheit basiert. Es richtet sich gegen Menschen, die nicht als weiß gelesen werden, und wirkt bis heute – durch Sprache, Institutionen und gesellschaftliche Normen. Was bedeutet Rassismus für dich?

Wenn Menschen aktiv Ausländer loswerden wollen, wenn sie Gewalt anwenden, so wie man es manchmal im Fernsehen sieht. Menschen, die Ausländer angreifen, zusammenschlagen, töten. Solche Leute habe ich nie getroffen. Manchmal in der Bahn gab es vielleicht komische Blicke oder Leute, die sich merkwürdig verhielten, aber ich dachte mir, die sind vielleicht krank oder einfach verrückt.

Am Anfang hast du geplant, nach Malaysia zurückzugehen?

Ja, wenn das Geld da ist.

Warum hast du dich entschieden in Deutschland zu bleiben?

Wegen Mama. Elf Jahre nach meiner Ankunft habe ich sie kennengelernt, 1988 haben wir geheiratet, und der Gedanke, zurückzukehren, war damit erledigt.

Außerdem hatte ich kein Geld gespart – also habe ich gespielt. Ich musste meinen Eltern Geld schicken, so dass ich nie genug zur Seite legen konnte.

Du hast gespielt, um Geld nach Hause schicken zu können?

Ja, ich habe im Casino gespielt, aber das war ein Fehler. Natürlich verlierst du – du gewinnst nicht. Heute spiele ich nicht mehr, es interessiert mich nicht und ich habe keine Lust dazu. Ich habe mich oft gefragt, warum ich damals gespielt habe. Ich glaube, es war der Stress. Ich hatte Angst, dass das Geld nicht reicht, also habe ich gespielt. Ich bin ins Casino gegangen und habe Poker gespielt, um mehr zu haben. Es war alles Kopfsache. Jetzt, mit fast 70 Jahren, frage ich mich: Wofür wollte ich so viel Geld? Ich brauche es nicht.

Als du nach Deutschland kamst, gab es weder WhatsApp noch Videocalls. Wie hast du Kontakt zu deiner Familie gehalten?

Per Telefon, aber das war teuer – drei Minuten kosteten 48 Mark. Deshalb habe ich mir vorher immer aufgeschrieben, was ich sagen wollte. Wir hatten zu Hause kein Telefon, und in ganz Simpang Pulai gab es nur drei oder vier Telefone, meist bei Geschäftsinhabern. Ich musste also zuerst einen Nachbarn anrufen und ihn bitten, meinen Vater zu holen. Dann rief ich ein zweites Mal an – beide Anrufe zusammen haben mich etwa 48 Mark gekostet. Außerdem habe ich einmal im Monat Briefe geschrieben, aber die brauchten sieben bis zehn Tage, bis sie ankamen.

Wann bist du das erste Mal zurückgeflogen?

Nach viereinhalb Jahren, 1977.

Wie war es, deine Eltern wiederzusehen?

Überraschend. Meine Mutter hat sich gefreut, aber erst hat sie mich nicht erkannt. Mein Vater sagte: „Unser Sohn ist zurück“, aber sie meinte: „Quatsch, das ist nicht unser Sohn.“ Ich hatte lange Haare, sie erkannte mich nicht.

Wie oft bist du danach nach Malaysia geflogen?

1980, 1984, 1987 – nicht jedes Jahr, ich hatte nicht genug Geld. Ich konnte es mir nicht leisten, jedes Jahr zu fliegen. Manchmal musste ich mir sogar Geld vom Chef oder von Kollegen leihen, um den Flug zu bezahlen. Außerdem hatte ich immer Angst, dass das Geld nicht reicht, weil ich nie genau wusste, wie viel ich tatsächlich brauchen würde.

Wie lange warst du jeweils dort?

Meistens drei Wochen Urlaub, manchmal zusätzlich zwei Wochen unbezahlten Urlaub – also maximal fünf bis sechs Wochen. Wir mussten zu bestimmten Zeiten fliegen, zum Beispiel im Dezember, Oktober oder Januar. Das hatten wir vorher so vereinbart.

Fühlst du dich heute als Malaysier, Chinese, Deutscher oder irgendwo dazwischen?

Ich bin natürlich Chinese. Meine Muttersprache ist Mandarin – ich kann lesen, schreiben und verstehen, aber auch viele chinesische Dialekte sprechen. Vielleicht kann ich nicht mehr alle Zeichen schreiben. Aber wenn ich sie sehe, verstehe ich sie sofort.

Träumst du auch auf Chinesisch?

Ja.

Nie auf Deutsch?

Nein. Meine Albträume drehen sich auch immer um mein altes Restaurant und Menschen, mit denen ich früher zu tun hatte.

Wie hat sich Malaysia seit deiner Kindheit verändert?

Es ist nicht mehr vergleichbar. Früher gab es viel mehr Natur, heute ist alles zugebaut. Der Verkehr, die Hochhäuser – vieles wurde von China oder Europa kopiert, aber ohne durchdachten Plan.

Umweltkatastrophen wie Überschwemmungen und Erdrutsche treten heute viel häufiger auf, weil zu viel Urwald abgeholzt wurde. Die Tiere haben keinen Lebensraum mehr. Der Wald wurde gerodet, um Häuser zu bauen – doch diese stehen leer. In Simpang Pulaim habe ich es selbst gesehen: Fast die Hälfte der Gebäude sind unbewohnt.

Hat sich das Zusammenleben der Menschen aus deiner Sicht auch verändert?

Die Menschen sind gebildeter, nicht mehr so naiv und asozial wie früher. Chinesen, Malaien und Inder kommen besser miteinander aus. Früher hatten sie wenig Kontakt. Früher gingen Chinesen nie in malaiische Lokale, aber heute sieht man das schon häufiger. Genauso besuchen auch Malaien chinesische Geschäfte – wenn auch nicht überall. Auf den traditionellen Märkten ist mir aufgefallen, dass Malaien mittlerweile Fisch bei chinesischen Händlern kaufen und Chinesen ihre Kokosnüsse oder Curry von Malaien holen. Früher wäre das undenkbar gewesen. In dieser Hinsicht hat sich einiges verändert.

Wo fühlst du dich heute zu Hause?

Hier in Kassel. Ich habe 2018 die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen. Danach war für mich klar, dass ich hierbleibe.

Würde ich Malaysia noch vermissen, hätte ich meine malaysische Staatsbürgerschaft behalten.

Was macht Kassel für dich zum Zuhause?

Ich kenne die Umgebung gut, meine Nachbarn, die kenne ich schon mindestens 20 Jahre, die Leute im Supermarkt – ich bin fast täglich dort. In Gunung Rapat kenne ich wahrscheinlich weniger Leute als hier.

Wenn du auf die letzten 50 Jahre zurückblickst, worauf bist du besonders stolz?

Dass ich mein Leben gemeistert habe. Wäre ich nicht nach Deutschland gekommen, hätte ich heute nicht diese Sicherheit. Hier habe ich eine Rente, eine Krankenversicherung, ein eigenes Zuhause – keine Sorgen bis zum Lebensende. Deutschland ist sicher, du hast immer eine Krankenversicherung und kannst dich ärztlich behandeln lassen. In Malaysia hätte ich das wahrscheinlich nicht. Vielleicht wäre ich in schlechte Kreise geraten, heroinsüchtig geworden oder kriminell.

Aber ich habe gearbeitet, ich habe es geschafft. Zusammen mit Mama habe ich diese Wohnung gekauft – darauf bin ich ziemlich stolz. Es ist keine Mietwohnung, sondern eine eigene.

Ich muss nicht mehr umziehen. Früher musste ich oft umziehen. Das ist kein sicheres Leben.

Gibt es noch etwas, das du erzählen möchtest?

Am Anfang wollte ich in Deutschland nur Geld sparen und irgendwann nach Malaysia zurückgehen. Aber nach 20 Jahren wäre das nicht mehr möglich gewesen. Man verliert den Anschluss an die Gesellschaft. Man sollte ein Land nicht zu lange verlassen – selbst nach fünf Jahren Abwesenheit ist es schwer, wieder Fuß zu fassen. Das ist wie beim Fußball: Wenn du drei Jahre lang nicht gespielt hast, wirst du danach wahrscheinlich nicht mehr so gut spielen können.

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2 | 2018, Deutschland, Vietnam,
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Deutschland/Südostasien: In 40 Jahren haben viele Menschen die „südostasien“ gemacht – und sie genutzt. Fünf von ihnen kommen hier zu Wort…

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2 | 2018, Deutschland, Vietnam,
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Vietnam/Deutschland: Ngoc Anh Nguyen aka ANOTHER NGUYEN, Sängerin, Songwriterin und Sozialarbeiterin, spricht über ihre Musik und ihre vietnamesisch-deutsche Herkunft.

südostasien: Wie würdest du dich unseren Leser:innen vorstellen?

Ngoc Anh Nguyen: Ich stelle mich immer gerne als Sängerin, Songwriterin und Sozialarbeiterin vor. Ich bin vietnamesisch-deutsch und bin in einem kleinen Dorf in Sachsen aufgewachsen. 2012 bin ich nach Berlin gezogen.

Wie beeinflussen dich diese Orte in deinem kreativen Schaffen?

Weil ich in der Kleinstadt so isoliert aufgewachsen bin – wir waren lange Zeit die einzige vietnamesische oder auch ausländische Familie – habe ich mich sehr allein gefühlt. Ich habe in meiner Jugendzeit ganz lange nach Vorbildern gesucht und mich gefragt, was ich beruflich später mal machen kann, welchen Lebensweg ich gehen kann. Aus dem Nicht-Vorhanden-Sein von Community oder Menschen, die durch das Gleiche gingen wie ich, habe ich diesen starken Drang, alles weiterzugeben, was ich gelernt habe und mir selbst erarbeiten musste.

Deswegen ist für mich das Musikmachen nicht nur ‚Spaß‘, sondern ich möchte damit auch zeigen, dass es möglich ist, diesen Lebensweg zu gehen. Tatsächlich bekomme ich jetzt auch immer öfter Konzertanfragen aus meiner Heimat in Sachsen, weil die Leute sich dran erinnern, dass ich schon immer gern gesungen habe. Berlin beeinflusst mich, weil ich das Gefühl habe, dass man hier sehr frei leben kann und Lebenswege nicht hinterfragt werden. Deswegen bin ich auch in der Lage, jetzt, mit 33 Jahren, mir freiberuflich etwas aufzubauen.

Was haben deine Wege als Sozialarbeiterin und als Musikerin gemeinsam? Was trennt sie?

Eine Gemeinsamkeit ist der Kontakt zu Menschen. Wenn ich ein Konzert spiele und vor den Menschen singe, dann geht’s darum, ihnen ein besseres Gefühl zu geben, sie zu berühren und zu ihrem Alltagsleben etwas beizutragen. Bei der Musik geht es darum, zu inspirieren, vielleicht auch abzulenken, sporadisch einen Beitrag zu leisten. Bei der sozialen Arbeit hingegen bist du wirklich direkt an einzelnen Menschen dran. Es ist eine intensivere Arbeit.

Du hast von fehlenden Vorbildern gesprochen. Mittlerweile gibt es zum Beispiel den Sänger Trong Hieu, mit dem bist du vor kurzem zusammen aufgetreten. Wie war das für dich, als er im Vorentscheid für den Eurovision Song Contest für Deutschland auftrat?

Ich habe auf jeden Fall extrem mitgefiebert als er da angetreten ist, weil ich ihn kurz zuvor das erste Mal persönlich kennengelernt hatte. Für mich war das voll der große Schritt: Es ist jemand mit vietdeutscher Herkunft in meinem Alter, der jetzt auf so einer Plattform auftreten kann. Das wäre für mich als Kind undenkbar gewesen Das hat mich sehr ergriffen und hat so ein Gefühl ausgelöst: vietdeutsche Geschichte schreitet voran. Ich fand es sehr schade, wie er abgeschnitten hat. Die Gesellschaft sollte mittlerweile so weit sein, zu sehen: Hey er steht für Vielfalt, er singt einen Song, in dem es darum geht, gemeinsam anders zu sein. Warum sieht man da nicht das Potenzial? Das ist auch etwas, was ich in der Musikindustrie beobachte. Es gibt schon viele People of Color als Künstler:innen im HipHop oder R ’n‘ B, die unter Vertrag genommen sind. Im Pop-Bereich ist es eher die klassische ‚Lea‘, mit der man sich identifizieren kann.

Eine gute Freundin von mir arbeitet bei Beatrice‘ Plattenfirma. Sie suchten nach einer Keyboarderin oder einem Keyboarder und sie hat mich gefragt, ob ich mitmachen möchte. Beatrice Egli macht ja Schlager und da gibt es ganz oft diese Kombi: du hast eine hübsche junge Sängerin und einen alten weißen Mann, der Klavier spielt. Der Gedanke meiner Freundin war, dass es doch cool wäre, wenn das mal anders ist. Nicht dieses klassische Bild von einem ‚Dieter‘, sondern ich als asiatische Frau. Weil ich durch meine eigenen Musikvideos sehr viel Dreherfahrung gesammelt hatte, hat es ganz gut gepasst. Die Reaktionen waren positiv. Alle fanden, dass die Chemie zwischen uns stimmte.

Du bist Sängerin und Songwriterin. Gibt es Themen, die dir ganz besonders wichtig sind beim Schreiben deiner Texte?

Wenn es darum geht, meine eigenen Songs zu schreiben, suche ich immer nach Gefühlen und Themen, die mich lange beschäftigen. Für mich ist das Songwriting kein Outlet zum Verarbeiten, was ich heute fühle und was morgen vielleicht vorbei ist. Sondern ich verarbeite gern mein Leben in meinem Leben, also starke Gefühle und Erfahrungen, zunächst für mich. Wenn ich merke, es gibt Themen, die immer wieder auftauchen oder etwas Langwieriges sind, dann halte ich das fest in meinen Songs.

„My friend“ betont Freundschaft und macht Menschen Mut, sich Hilfe zu suchen, wenn sie Gewalt von ihren Partner:innen erfahren

Ich wünsche mir für die Zukunft, dass ich mehr politische Songs schreibe. Aber bisher bin ich da immer noch ein bisschen vorsichtig. Ich möchte nicht predigend daherkommen und selber darüber reflektieren, was meine Rolle als Künstlerin im politischen Bereich ist. Und irgendwie ist es mir wichtiger, Songs zu schreiben, die etwas zu Gemeinsamkeit und Zusammenhalt beitragen als Ärger und Wut zu erzeugen.

Wie kommt es, dass du auf Englisch singst?

Ich habe einfach irgendwann angefangen, mein Tagebuch auf Englisch zu schreiben, für potenzielle internationale Enkelkinder (lacht). Es hat auch damit zu tun, dass ich ein schwieriges Verhältnis zur deutschen Sprache habe. Nach und nach löst sich das. Aber mein Gedanke, als ich angefangen habe, Songs zu schreiben, war, dass deutsche Songs ja nur für ein deutschsprachiges Publikum und für die deutsche Gesellschaft sind. Ich möchte gerne ein größeres Publikum erreichen und versuche, an die vietnamesische Diaspora anzudocken, nicht nur in Deutschland, sondern auch in den USA und weltweit. Tatsächlich ist auch mein persönliches Umfeld sehr international. Das heißt, in meinem Alltag spreche ich auch viel Englisch. Aber ich schließe es nicht aus, in der Zukunft vielleicht auch auf Deutsch zu schreiben. Langsam kommt ein Bedürfnis in mir auf, weil ich auf Deutsch eine ganz andere Tiefe ausmachen kann. Tatsächlich wurde ich Anfang 2025 auch gefragt, ein deutsch-vietnamesisches Kinderlied zu schreiben. Das ist fertig und wird im Herbst 2025 erscheinen.

War die Internationalität auch ein Gedanke hinter deinem Künstlernamen?

Als ich meinen Künstlernamen ausgewählt habe, habe ich noch nicht so weit gedacht. Nicht daran, wen ich erreichen möchte, sondern eher, dass es ja irgendwie seltsam ist, wenn ich nur für ein vietnamesisches Publikum singe, weil ich vietdeutsch bin. Je weiter ich mich entwickle, umso mehr merke ich, dass ich nicht alle erreichen muss und dass es okay ist, eine Nische für sich zu finden. Dass im Grunde genommen eine Fanbase einfach Menschen sind, mit denen du verbunden bist, weil sie ähnliche Lebenserfahrungen teilen oder ähnliche Werte haben. Da ist es für mich einfacher, an die vietnamesische Diaspora anzuknüpfen und ich werde dadurch auch viel gebucht. Der Name kommt also nicht von einem möglichen Zielpublikum. Ich wollte, dass der Nachname Nguyen bekannter wird. In meiner Schulzeit wurde der Name immer falsch geschrieben und ich wollte, dass der Name einfach so etabliert ist, wie es auch bei anderen Nachnamen der Fall ist und dass Menschen wissen, wie man ihn schreibt.

Dieses Jahr ist das 50-jährige diplomatische Jubiläum zwischen Westdeutschland/BRD und Vietnam. Wie empfindest du persönlich als vietnamesische Ostdeutsche die deutsch-vietnamesischen Beziehungen?

Ich bin sehr in einer vietdeutschen Bubble. Ich bin sehr viel davon umgeben, dass vietnamesische Kultur wertgeschätzt wird, dass es Kulturangebote gibt, wo vietnamesisch-deutsche Geschichten erzählt werden. Ich erlebe das Goethe-Institut in Vietnam, wo Veranstaltungen stattfinden. Wenn ich in Vietnam bin, erlebe ich Wertschätzung, weil es heißt: „Du bist eine Vietdeutsche, die nach Vietnam zurückkommt und hier arbeitet“.

Inspiriert von der eigenen Familiengeschichte: „Motherland“ von ANOTHER NGUYEN.

Aber genauso weiß ich, dass es andere Ecken gibt, wo das vielleicht gar nicht präsent ist. Beispielsweise war ich letztes Jahr für eine Theaterproduktion in München für das Stück „Hörst du mich?“. Es war ein Stück, wo wir – eine Schauspielerin, eine Tänzerin und ich – alle vietdeutsch waren. In dem Stück haben wir Familiendynamiken aufgearbeitet. Es ging um Sprachlosigkeit, darum, Gespräche nicht zu führen.

Die Resonanz des Publikums war verrückt. Da waren sehr, sehr viele Vietdeutsche, die in München leben, die dann zu mir kamen und meinten, das wäre das erste Mal, dass sie etwas mit Vietdeutschen auf der Bühne gesehen haben. Die waren so unglaublich dankbar und man hat gemerkt, dass durch unser Stück erste Reflexionsprozesse angestoßen werden konnten. Bei mir selbst begannen die schon vor zehn Jahren. Hier in Berlin ist es für mich schon so normal, dass es ständig irgendwelche Vernetzungstreffen, Veranstaltungen, Podcasts, Screenings und Lesungen gibt. Deswegen lebe ich in einer Welt wo deutsch-vietnamesische Beziehungen blühen und sich immer weiterentwickeln. Aber ich kann nicht sagen, dass das für alle die Realität ist.

Wünschst du dir, dass mehr Menschen die Arbeit in der Kunst- und Kulturszene verstehen würden?

Da habe ich sehr viele Gedanken zu. Ich glaube, was viele nicht wissen ist, wie viel unbezahlte Arbeit hinter Kunst steckt. Selbst wenn ein krasses Musikvideo entstanden ist oder auf Social Media eine tolle Plattform da ist, bedeutet das nicht, dass man davon leben kann. In meinem Umfeld gibt es so viele talentierte Musiker:innen, die nicht von ihrer Musik leben können. Das ist tragisch. Ich merke dies auch selber an mir. Ich kann zwar von der Musik gerade so leben; Aber mich macht es müde, dass ich seit vielen Jahren wirklich mit einem sehr geringen Budget lebe. Ich muss immer schauen, wie ich mit meinem Geld umgehe.

Würde eine Person meine Musik neu entdecken und mein Profil sehen, meine Videos und so weiter, sie würde nicht vermuten, wie knapp es ist. Das soll die Gesellschaft wissen, wie viel in diesem Bereich unentgeltlich geleistet wird. Ich wünsche mir deshalb immer das Bedingungslose Grundeinkommen.

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2 | 2018, Deutschland, Vietnam,
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Deutschland/Indonesien: Redaktionsmitglieder und Weggefährt:innen würdigen den Freund und Kollegen, der die südostasien unermüdlich mitgestaltet hat.

Hendra Pasuhuk, hauptberuflich für die Deutsche Welle tätig, war bis zu seinem plötzlichen Tod Ende Juli 2025 ein sehr prägendes ehrenamtliches Mitglied der südostasien-Redaktion. In den letzten Jahren hat er an zahlreichen Ausgaben als Autor, Übersetzer und Redakteur mitgearbeitet. Eine Auswahl seiner aktuellen südostasien-Artikel ist hier zu finden. Redaktionskolleg:innen und Wegbegleiter:innen teilen hier ihre Trauer und ihre Erinnerungen…

Medien – ein Weg, um für die Demokratie zu kämpfen

Hendra wird eine große Lücke hinterlassen. Ich kannte ihn seit 35 Jahren als einen Journalisten, der sehr hartnäckig für die Einführung der Demokratie in Indonesien kämpfte, und dabei immer die Rechte und Interessen der kleinen Leute im Blick hatte. Er war in seinem Fach ein absoluter Profi mit großer Formulierungskunst. Für seine Kritik am indonesischen Regime, an Menschenrechtsverletzungen oder an sozialen Ungerechtigkeiten musste er nie Wörter der Anklage oder des Hasses benutzen. Seine Aussagen beruhten auf Daten, auf Fakten, auf sachlichen Inhalten, die er noch dazu sehr gut und mit viel Charme an seine Leser:innen oder sein Publikum überzubringen wusste.

Hendra war Anfang der 90er Jahre Mitinitiator bei der Gründung von „Aliansi Jurnalis Independen“ (Vereinigung unabhängiger Journalist:innen, AJI), die sich während des Suharto-Regimes aktiv für Pressefreiheit und das öffentliche Recht auf Information einsetzte. Bis zum heutigen Tage wendet sich dieser Verband gegen die Unterdrückung freier journalistischer Arbeit.

Hendra war nicht nur ein mutiger Kämpfer, sondern zu jeder Zeit ein ausgezeichneter Präsentator und Moderator, der mit seinem fantastischem Deutsch für die Angelegenheiten seines Heimatlandes werben und damit viele Brücken zwischen Indonesien und Deutschland bauen konnte. Seine hohe Professionalität brachte ihm weit über Medienkreise hinaus hohe Anerkennung auch bei anderen gesellschaftlichen Gruppen ein, zum Beispiel bei sozialen Bewegungen oder – in der Reformära – auch in Regierungskreisen Indonesiens.

Warsito Ellwein, ehemaliges Redaktionsmitglied der südostasien

Meine letzte Begegnung mit Hendra datiert vom 12.Oktober 2024. Danach waren wir nur noch per Whatsapp in Kontakt. Es war am Fachtag Indonesien vom Asienhaus in Köln. Hendra referierte im Workshop „Medien und Meinungsäußerung: Sorge um das freie Wort“. Ich war fasziniert, wie er das, was er an Ungeheuerlichkeiten zu den neusten Attacken gegen die freie Presse in Indonesien zu berichten hatte, verpackte: in eine launige und humorvolle Sprache, die das Publikum amüsierte und den Stress und die Wut, die man bei den Inhalten empfunden musste, in eine positive Energie umwandelte. So etwas habe ich selten erlebt! Danke, Hendra!

Harriet Ellwein, ehemaliges Redaktionsmitglied der südostasien

Vertrauen und Glaubwürdigkeit

Ich bin sehr traurig darüber, dass Hendra nicht mehr unter uns ist. Auch wenn ich nicht oft direkt mit ihm zusammenarbeiten konnte, habe ich seine Präsenz und seine Beiträge immer als sehr bereichernd empfunden. Seine ruhige Art, seine fundierten Informationen und sein echtes Interesse am Journalismus haben viel Vertrauen und Glaubwürdigkeit vermittelt. Ich hätte mir gewünscht, mehr von seiner Erfahrung persönlich mitzubekommen. Selbst in den Online-Meetings war seine Ausstrahlung spürbar – Begegnungen mit ihm hinterließen stets einen positiven Eindruck. Es ist ein großer Verlust, dass er uns so früh verlassen hat.

Leah Hilario-Sikorski, Autorin der südostasien

„Engagierter Mitstreiter, aufmerksamer Kollege, wunderbarer Mensch“

Die Nachricht von Hendras Tod hat mich tief erschüttert. Es fällt mir schwer zu begreifen, dass er nicht mehr unter uns ist.

Kennengelernt habe ich Hendra während der Pandemie – zunächst nur online, in Redaktionssitzungen und digitalen Abstimmungen. Und doch war er auch in diesem Format eine beeindruckend präsente Persönlichkeit: mit fundiertem Hintergrundwissen, einer ruhigen, reflektierten Art und gleichzeitig mit diesem ganz eigenen, positiven und zugewandten Humor, der sofort Verbindung schuf.

Als wir uns später persönlich im Asienhaus begegneten, hat sich dieser Eindruck vertieft. Hendra war genauso, wie ich ihn online erlebt hatte – klug, freundlich, offenherzig. Er nahm sich Zeit, hörte aufmerksam zu, teilte seine Erfahrungen und Gedanken, ohne sich in den Vordergrund zu drängen. Sein Engagement für die südostasien, für die Stiftung Asienhaus und für die Themen, die ihm am Herzen lagen, war spürbar in allem, was er tat.

Ich habe viel von Hendra gelernt – über Indonesien, über politische Entwicklungen in Südostasien, aber auch über Zusammenarbeit, Kollegialität und das stille Wirken, das manchmal mehr bewirkt als laute Worte. Seine Hilfsbereitschaft, sein Lächeln, seine klugen Beiträge und seine herzliche Art werden mir sehr fehlen.

Mit Hendra verlieren wir einen engagierten Mitstreiter, einen aufmerksamen Kollegen und einen wunderbaren Menschen. Ich bin dankbar für die Zeit, die ich mit ihm teilen durfte.

Simon Kaack, Redaktionsmitglied der südostasien

„Sein Lachen und seine ausgleichende Art werden mir fehlen“

Ich kann es noch immer nicht fassen, dass Hendra nicht mehr da ist. Denn für die südostasien und die Menschen, die sie machen, war er immer da. Anfang Juli haben wir noch gemeinsam in Köln das 40jährige Jubiläum der südostasien gefeiert, das Hendra mit vorbereitet hatte. Zugleich haben wir in den letzten Monaten intensiv an der Jubiläumsausgabe gearbeitet. Und nun bearbeite ich auf einmal nicht mehr mit ihm gemeinsam weitere Texte, sondern seinen Nachruf. Und merke, wie ich um Fassung und um Worte ringe…

Zum ersten Mal trafen wir uns, als ich vor 25 Jahren ein Praktikum im Indonesien-Programm der Deutschen Welle absolvierte. Hendras Lachen war damals schon unverwechselbar und ist für mich eins seiner „Markenzeichen“ geblieben. Fast immer hat Hendra einen Grund zum Lachen gefunden, auch wenn der journalistische Alltag und die ihm innewohnende Neigung zur Negativ-Nachricht oft sehr Kräftezehrend waren. Sein Lachen und seine ausgleichende Art werden mir sehr fehlen.

Eine von Hendras vielen Stärken war für mich genau das: sein ausgleichendes Wesen. In einer Welt, in der so oft Bewertungen, Grabenkämpfe und ein Ego-getriebenes „Entweder/Oder“ dominieren, verfolgte er konsequent einen Herzoffenen und geduldigen Weg des „sowohl als auch“.

Die Leser:innen der südostasien verdanken ihm unzählige wertvolle Beiträge als ehrenamtlicher Autor, Redakteur, Übersetzer und Fotograf. Unsere Redaktionstreffen hat er mit seinem immensen Erfahrungsschatz, Ideen-Reichtum und seiner einzigartigen menschlichen Präsenz sehr beschenkt. Ich bin sehr dankbar, dass ich mit ihm arbeiten, die südostasien gestalten – und lachen durfte.

Selamat Jalan, lieber Hendra…

Anett Keller, Koordinationsredakteurin der südostasien

„Hendra hatte stets ein offenes Ohr“

Wenn ich an Hendra denke, dann denke ich vor allem an viele schöne Momente bei unseren Redaktionstreffen der südostasien. Schon bevor man den Raum betrat, hörte man oft sein unverkennbares, herzliches Lachen durch die Tür – ein Klang, der willkommen hieß und Freude ausstrahlte.

Von Anfang an fühlte ich mich bei meinem ersten Redaktionstreffen durch seine offene, freundliche Art direkt aufgenommen. Hendra hatte stets ein offenes Ohr für jede Frage, eine klare Haltung in Diskussionen und gleichzeitig die Fähigkeit, mit seiner Entschlossenheit und einem ermutigenden „Wir schaffen das“ auch in angespannten Momenten die Gruppe zusammenzuhalten und zu motivieren.

Er war nicht nur fachlich eine große Bereicherung – auch abseits der gemeinsamen Arbeit hinterlässt er eine spürbare Lücke. Ich werde seine positive, offene Art ebenso vermissen wie unsere Gespräche über indonesische Lieblingsgerichte und die besten Gewürze, die man unbedingt nach Deutschland mitbringen sollte.

Ich bin dankbar für die wertvollen Begegnungen, die angeregten Diskussionen, die gemeinsamen Lacher und werde sie in herzlicher Erinnerung bewahren.

Eileen Kristiansen, Redaktionsmitglied der südostasien

Selamat jalan, Pak Hendra

I met Pak Hendra (as I prefer to call him) only once, but some people leave a lasting mark, even in a short time (like he did). He had such a vibrant energy that we connected from the very first moment we spoke.

In that brief time, we shared so much. I had been looking forward to meeting again and continuing those conversations when the news of his passing struck me deeply. At first, I couldn’t believe it; he was so full of life that it felt impossible to associate him with such a sudden goodbye.

May you rest in peace.
Selamat jalan, Pak Hendra.

Mustafa Kurşun, seit Mai 2025 Redaktionsmitglied der südostasien

„Großartiger Kollege – freigeistig und großzügig“

Ich bin erschüttert und schockiert über diese Nachricht… Es ist natürlich ein enormer Verlust für die südostasien, und er wird uns sehr fehlen… Ich erinnere mich an Hendra als einen großartigen Kollegen – freigeistig und großzügig. Wer mit ihm in der Redaktion zusammenarbeitete, spürte seine journalistische Leidenschaft, sich mit den wichtigen Themen Südostasiens auseinanderzusetzen. Seine aufschlussreichen Beiträge für die südostasien und das Asienhaus im Allgemeinen werden zweifellos einen bleibenden Eindruck hinterlassen.

Mein aufrichtiges Beileid… ich denke an Euch in dieser schweren Zeit sowie an Hendras Familie und Angehörigen.

Joshua Makalintal, Redaktionsmitglied der südostasien

„Hendra war ein engagierter Brückenbauer“

Unvorstellbar! Hendra ist tot!

Seit Jahrzehnten sind wir in engem Kontakt gewesen, haben die Beziehungen zwischen Indonesien und Deutschland zu durchleuchten und zu beschreiben versucht, wollten das Trennende überwinden und das Gemeinsame stärken. Der Weggefährte hat sich als engagierter Journalist und Kommunikator behauptet. Hendra war ein engagierter Brückenbauer. Eine Zeitlang war er in der Deutsch-Indonesischen Gesellschaft – auch als Vorstandsmitglied – aktiv. Kenntnisreich, sorgfältig, umsichtig und stets deutlich hat er „seinen Job gemacht“. Zuletzt saßen wir an Überlegungen zu einer Gesprächsreihe, für die er maßgebliche Anregungen beisteuerte. Ihn nun nicht mehr dabei zu haben, ihn nicht mehr ansprechen zu können reißt eine Lücke auf.

Wir werden Hendra vermissen, ihn aber nicht vergessen.

Karl Mertes, ehemaliger Präsident der Deutsch-Indonesischen Gesellschaft

Freundschaft und gemeinsame Menschenrechtsarbeit

Ich habe Hendra 1991 kennengelernt, als ich ein Auslandssemester an der UGM gemacht habe. Gemeinsam mit anderen Deutschen haben wir uns regelmäßig am Wochenende zum „deutschen“ Frühstück getroffen und mit Hendra und seiner damaligen Freundin gemeinsam Brot und Brötchen gebacken, um uns an Deutschland zu erinnern. Daraus ist eine lange Freundschaft entstanden, wir haben gemeinsam Menschenrechtsarbeit gemacht und demonstriert. Wir hatten in den letzten Jahren nicht mehr viel Kontakt, aber ich werde ihn unendlich vermissen.

Michaela Wiese, ehemaliges Redaktionsmitglied der südostasien

Große Hilfsbereitschaft und Herzlichkeit

Hendra hat mich sehr beeindruckt mit seiner unaufdringlichen journalistischen Professionalität, die uns immer sehr geholfen hat. Seine große Hilfsbereitschaft und Herzlichkeit werde ich nicht vergessen.

Jörg Schwieger, Redaktionsmitglied der südostasien

„Die südostasien war ihm eine Herzensangelegenheit“

Die Nachricht von Hendras plötzlichem Tod hat mich sehr erschüttert. Hendra ist für mich eines der Gesichter des Onlinemagazins südostasien.

Seit 2018 gestalte ich die südostasien aktiv mit, ob als Redaktionsmitglied oder in meiner Rolle als Mitherausgeberin des Onlinemagazins. Für Hendra war die südostasien eine Herzensangelegenheit, die er mit Elan, viel Freude und großen Visionen mitgestaltete. Er war immer präsent in Redaktionssitzungen oder bei AGs, wo wir gemeinsam die südostasien organisierten. Hendra gestaltete die südostasien in Kernredaktionen einzelner Ausgaben und als Redakteur von Artikeln aktiv und inhaltlich mit. Besonders gern schrieb er zur politischen Situation Indonesiens und Südostasiens. Zuletzt arbeiteten wir zusammen in der Planung und Durchführung des 40. Jubiläum der Zeitschrift am 5. Juli 2025 und in der Ausgabe 2025/1 – Wir bleiben in Bewegung – 40 Jahre südostasien.

Mit Hendra verliert die südostasien einen engagierten Journalisten, Mitdenker, Gestalter, einen Menschen, der die südostasien mit Herz und Verstand über viele Jahrzehnte begleitet hat.

Vielen Dank lieber Hendra!

Mirjam Overhoff, Geschäftsführerin des philippinenbüro e.V. und Co-Herausgeberin der südostasien

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2 | 2018, Deutschland, Vietnam,
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Indonesien/Südostasien/Deutschland: Das Indonesien-Programm der Deutschen Welle würdigt 40 Jahre südostasien. Wir haben den Beitrag aus dem Indonesischen für euch übersetzt.

Dieses deutsche Magazin verkauft keine Werbung, setzt nicht auf Clickbait – und besteht dennoch seit 40 Jahren. südostasien ist vielleicht kein Lieblingsmedium für Investor:innen, aber ein Zuhause für Aktivist:innen und die Stimmen von Minderheiten aus Südostasien.

Während viele Indonesier:innen begeistert Reels schauen oder durch TikTok scrollen, berichtet das Redaktionsteam von südostasien weiterhin über Sandabbau, Landraub und ähnliche Themen in Indonesien und weiteren Ländern Südostasiens.

Meilenstein für die südostasien

2025 markiert einen wichtigen Meilenstein für die südostasien. Das unabhängige Magazin feiert sein 40-jähriges Bestehen. Das Magazin wird von der Stiftung Asienhaus und dem philippinenbüro herausgegeben und versteht sich als ein beständiges öffentliches Forum, das wichtige Themen aus und über Südostasien an Leser:innen in Deutschland und Europa vermittelt.

Aus der Initiative der 1980 gegründeten „Südostasien Informationsstelle“, einer Institution für Information und Bildung, ging südostasien hervor. Die Nullnummer der Südostasien Informationen erschien 1984, die erste ‚offizielle‘ Ausgabe folgte 1985. Seither erscheint das Magazin periodisch und liefert Berichte und kritische Bewertungen aus Südostasien.

Die Stiftung Asienhaus ist bekannt für die Förderung des kulturübergreifenden Dialogs und globaler Solidarität mit Fokus auf Asien. Geschäftsführerin Monika Schlicher sagt, es habe in den letzten Jahren viele Veränderungen in den Ländern Südostasiens gegeben: „Wir begleiten die Zivilgesellschaften in der Region. Mit dem Magazin südostasien machen wir ihre Stimmen hörbar, indem wir sie interviewen und sie bitten, eigene Beiträge zu verfassen. Wir publizieren diese Beiträge für die deutschsprachige Gesellschaft.“

Perspektiven der Betroffenen

Das Magazin ist für seine direkte Zusammenarbeit mit Aktivist:innen, Akademiker:innen und Journalist:innen aus Südostasien sowie der südostasiatischen Diaspora in Europa bekannt. Die meisten Artikel berichten über direkte Erfahrungen vor Ort und enthalten exklusive Interviews, kritische Meinungen und Betrachtungen zu Kultur und Politik.

Raphael Göpel, in der Stiftung Asienhaus zuständig für Indonesien und Kambodscha, sagt: „Dieses Magazin ist einzigartig im deutschsprachigen Raum, weil es Berichte aus Indonesien und anderen Ländern Südostasiens direkt von Autor:innen der Region liefert.“

Anett Keller, Koordinationsredakteurin der südostasien, sagt, dass sich zu wenige Menschen in Deutschland für Indonesien interessierten. Jedoch verfolgten Vertreter:innen der Zivilgesellschaften beider Länder dasselbe Ziel: Sie wollen eine gerechtere Welt und setzen sich für Umwelt-, Menschenrechts- und Sozialthemen ein. „Die südostasien ist ein Medium, das in Solidarität mit den Zivilgesellschaften Indonesiens und weiterer Länder Südostasiens zusammenarbeitet. Die Menschen, die sich dort und hier engagieren, arbeiten gemeinsam für eine bessere Welt“, betont sie.

Raum für Länderübergreifende Themen

In jeder Ausgabe des Magazins stehen Länder wie Indonesien, die Philippinen, Thailand, Myanmar, Vietnam, Malaysia, Singapur, Laos und Timor-Leste im Mittelpunkt. Das Magazin bietet auch Raum für Länderübergreifende Themen wie die Klimakrise, Menschenrechte, Demokratisierung, Feminismus, Migration und den Widerstand gegen den Neoliberalismus.

Majid Lenz, Referent für Myanmar in der Stiftung Asienhaus, erklärt, warum sich Deutschland und Europa für die Probleme in Südostasien engagieren. Er nennt das Beispiel der häufig vorkommenden Ausbeutung im Bergbausektor, zum Beispiel in der Nickelindustrie in Indonesien.

„Europa ist auf Rohstoffe angewiesen. Doch im Bergbau gibt es Probleme für die Arbeiter:innen, die Vertriebenen und die schwindende Natur. Es braucht den progressiven Dialog, denn wir müssen gemeinsam einen Weg finden, eine grüne Transformation zu erreichen, ohne dabei Raubbau in Indonesien oder anderen Ländern zu betreiben“, erklärte er.

Offenes und partizipatives Redaktionsmodell

Das Redaktionsmodell ist partizipativ und setzt auf ehrenamtliche Mitwirkende sowie thematische Gruppen, die je nach Land oder Fragestellung variieren. Der redaktionelle Ablauf wird gemeinschaftlich und auf Basis von Inklusion, ohne strenge Hierarchie, durchgeführt. Anett Keller ist derzeit die Koordinatorin der Redaktion. Sie arbeitet zusammen mit einem Netzwerk aus Beitragenden verschiedener Professionen und Altersgruppen.

Das Magazin liefert nicht nur Berichte, sondern schafft auch einen Raum der Reflexion und Solidarität zwischen den Zivilgesellschaften Südostasiens und Europas. Dem Redaktionsteam der bis 2018 gedruckt erschienenen Ausgabe war bewusst, dass es im digitalen Zeitalter zunehmend schwierig ist, Menschen mit einem Printmedium für wichtige Themen, die sie betreffen, zu interessieren. 2018 wurde die südostasien daher zu einer digitalen Open-Access-Plattform gewandelt. Diese Veränderung ermöglicht einen breiteren und offenen Zugang ohne Abonnement und erweitert zugleich die Leserschaft auf die südostasiatische Diaspora sowie auf internationale Gemeinschaften, die an der Region interessiert sind.

40-jähriges Jubiläum

Das 40-jährige Jubiläum der südostasien fand am 5. Juli in Köln im Rahmen des Asientages statt, der den Titel „Macht, Medien und Menschenrechte“ trug. Es wurden verschiedene Themen diskutiert, darunter die Situation der Rohingya in Myanmar, Basisbewegungen auf den Philippinen, Geschlechterfragen in Timor-Leste sowie die Entwicklung der Medien in Indonesien. Es wurde Kritik an ungerechten globalen Wirtschaftsbeziehungen sowie an geopolitischen Veränderungen geäußert, die die Bevölkerung Südostasiens betreffen.

Das Jubiläum war nicht nur eine Gelegenheit, zurückzublicken, sondern auch, eine neue Vision zu entwickeln: Wie kann die südostasien in Zukunft im Kampf für Zivilrechte relevant bleiben?

Raphael Göpel, Mitglied des Redaktionsteams, betont, dass das Magazin nach 40 Jahren noch immer relevant ist, weil sich Fragen nach Umwelt, Landraub und Redefreiheit noch immer stellen und in den sozialen Medien weiterhin diskutiert werden. Er nennt das Beispiel Indonesien: „Es gibt selbstverständlich verschiedene Aspekte von Menschenrechten, aber wir sehen auch, dass es insbesondere in Papua in Bezug auf die Sicherheitslage und die Konflikte vor Ort bereits zu einer Eskalation gekommen ist. Wir betrachten dies mit großer Sorge und aus menschenrechtlicher Perspektive. Internationale Journalist:innen und Hilfsorganisationen sollten Zugang nach Papua erhalten dürfen“, betont er.

Ein Forum, das sich weiterbewegt

Während der Podiumsdiskussion zum Jubiläum der südostasien betont Hendra Pasuhuk, dass die Entwicklung der Künstlichen Intelligenz (KI) großen Einfluss auf die Medien habe: „Wir müssen aufmerksam sein. Selbstverständlich kann sich die Medienbranche der Entwicklung der KI nicht entziehen. Allerdings ist die Rolle der Journalist:innen hinsichtlich ihrer Verantwortlichkeit für die Gesellschaft nach wie vor von großer Bedeutung, um die Demokratie zu fördern“, so Hendra.

In einer Welt, die zunehmend von schnellen und oberflächlichen Informationen dominiert wird, bleibt die südostasien ein Raum der Reflexion, in dem den Stimmen Gehör geschenkt wird, die selten eine Bühne bekommen. Mit seinem offenen und partizipativen Format zeigt das Magazin, dass alternative Medien nach wie vor sehr relevant sind. südostasien ist seit 40 Jahren nicht nur ein Magazin, sondern auch eine Brücke der Solidarität, eine Erinnerung an die Bedeutung der Perspektiven des Globalen Südens und ein lebendiger Dialograum zwischen Asien und Europa.

Dieser Artikel erschien zuerst am 11. Juli 2025 auf Indonesisch bei der Deutschen Welle (DW). Wir danken der DW für die freundliche Genehmigung zur Publikation in der südostasien.

Übersetzung aus dem Indonesischen von: Mustafa Kurşun

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2 | 2018, Deutschland, Vietnam,
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Südostasien/Deutschland: Grußworte zum 40jährigen Jubiläum der südostasien – und Impressionen unserer Feier am 5. Juli in Köln

„Vier Jahrzehnte kritische Begleitung, lebendiger Austausch und politische Wachsamkeit, das ist alles andere als selbstverständlich.

Als die Südostasien Informationen vor 40 Jahre begannen, war die politische Welt noch eine andere: Kalter Krieg, Blockkonfrontation, autoritäre Regime, wirtschaftliche Interessen, die selten hinterfragt wurden. Wenn über den globalen Süden berichtet wurde, dann eher zu lateinamerikanischen und afrikanischen Ländern. Entwicklungen in Hanoi, Jakarta oder Manila standen seltener im Mittelpunkt. Die Südostasien Informationen begannen konsequent diese Lücke zu füllen, nicht als neutrale Beobachterin, sondern als engagierte Stimme: für soziale Gerechtigkeit, für Menschenrechte, für die Perspektiven der Zivilgesellschaft in Südostasien. Und das ist bis heute so geblieben.

In diesem Sinne ist die südostasien kein bloßes Magazin, sondern auch ein Raum – früher physisch, gedruckt, heute online. Ein Resonanzraum für Stimmen aus der Region; nicht nur über Südostasien, sondern aus Südostasien. Mit Beiträgen von Aktivistinnen und Aktivisten, Forschenden, Kulturschaffenden und zivilgesellschaftlichen Organisationen, die oft unter schwierigen Bedingungen arbeiten. Und gerade das macht ihre Aussagen so wertvoll: Sie sind authentisch, sie sind kritisch, und sie kommen nicht selten aus Kontexten, in denen Mitbestimmung und Meinungsfreiheit keine Selbstverständlichkeit sind.

Gerade in Zeiten, in denen autoritäre Tendenzen, shrinking spaces und globale Krisen die Zivilgesellschaften unter Druck setzen, bietet die Zeitschrift einen dringend benötigten Raum für Austausch, kritische Perspektiven und solidarischen Dialog.

Mit ihrer bewusst niedrigschwelligen und offenen Struktur schafft sie es, ein Sammelbecken für engagierte Menschen mit Bezug zu Südostasien zu sein – von Journalist*innen über Wissenschaftler*innen bis hin zu Aktivist*innen.

Uns bei Misereor bereichert die südostasien durch fundierte und gut recherchierte Hintergrundanalysen, komprimiert und gut lesbar. Dabei gelingt es der südostasien immer wieder „blinde Flecken“ zu identifizieren, und Geschichten zu erzählen die außergewöhnlich sind, direkt von den Menschen vor Ort kommen und die sich mit Problemen und Themen beschäftigt, die sonst nicht viel Öffentlichkeit bekommen.

Die redaktionelle Arbeit, die sich weitgehend ehrenamtlich trägt, steht für inhaltliche Vielfalt und regionale Tiefe. Das Online-Format hat die Reichweite gesteigert – über 170.000 Zugriffe im vergangenen Jahr ist eine beeindruckende Zahl.

Auch die Themen, die hier aufgegriffen werden, treffen einen Nerv. Nicht nur bei Fachpublikum, sondern auch bei Studierenden, bei Engagierten in der Bildungsarbeit, bei politisch Interessierten. Und das ist gut so. Denn wenn wir über globale Gerechtigkeit reden, dann brauchen wir auch eine informierte Öffentlichkeit – hier und in Südostasien.

Zum 40. Geburtstag wünschen wir von Misereor der Zeitschrift südostasien, dass sie diese Haltung bewahrt: das kritische Auge, die solidarische Perspektive, den Mut zur Komplexität. Und wir wünschen allen, die an dieser Zeitschrift mitwirken – sei es als Autor:innen, als Leser:innen, als Redakteur:innen, als Kooperationspartner:innen – dass sie weiter Gehör finden, weitergelesen und weiter diskutiert werden.

Denn wenn wir eines gelernt haben, in der Zusammenarbeit mit der Zivilgesellschaft, nicht nur, aber auch in Südostasien, dann, dass eine gerechte Zukunft gute Informationen braucht, ebenso wie eine engagierte Zivilgesellschaft Medien braucht, die ihre Stimmen transportieren und verstärken; ob gedruckt oder online. Zivilgesellschaft braucht offene Räume. Und die südostasien ist so ein Raum. Seit 40 Jahren.

Dafür ein herzliches Dankeschön – und alles Gute für die nächsten 40!!“

Elmar Noé, Abteilungsleitung Asien-Ozeanien, Bischöfliches Hilfswerk Misereor e.V.

Informativ und belebend

„Herzlichen Glückwunsch für den langen Atem und die informativen wie belebenden Beiträge über vier Jahrzehnte aufmerksamer Arbeit!

Die Wahrnehmung und Beschäftigung mit Fragen aus und über Südostasien sind nach meiner Erinnerung an die 1980er Jahre damals lebhafter gewesen als heute. Es gab Initiativen, unter anderem in Bochum, die engagiert und kreativ Programme und Aktivitäten verfolgten (wie beispielsweise die Ellweins), um sowohl für interessierte Fachleute als auch die Öffentlichkeit die Aufmerksamkeit auf die Region zu wecken und aufrecht zu erhalten.

Die Publikationen helfen uns durchzublicken. Vielen Dank!“

1984 erschienen die Südostasien-Informationen [später in südostasien umbenannt, d.R.], neben denen es aus Frankfurt noch IMBAS und aus Berlin SUARA von Watch Indonesia gab. Das Asienhaus trug mit seinen Publikationen ebenfalls zur kritischen Beschäftigung bei. Vor allem zu kulturellen Themen ergänzte von der Deutsch-Indonesischen Gesellschaft das Magazin kita.

Und südostasien entschied sich wegen der veränderten Kommunikationsstrukturen schließlich, nur noch online zu gehen. Ein wagemutiger und kluger Entschluss.

Ich weiß die aktuellen Berichte und Analysen zu schätzen. Die Publikationen helfen uns durchzublicken. Vielen Dank!“

Karl Mertes, ehemaliger Vorsitzender der Deutsch- Indonesischen-Gesellschaft Köln

Forum für marginalisierte Stimmen

Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich und meine indonesischen Exil-Kollegen in Dortmund und Bochum von deutschen Freunden informiert wurden, die damals die Initiative zur Gründung der Südostasien Informationsstelle (SOAI) ergriffen. Natürlich haben wir die guten Absichten dieser deutschen Freunde sehr begrüßt und voll unterstützt und wir wurden schließlich Gründungsmitglieder.

Neben der Veröffentlichung einer Zeitschrift wurde die SOAI für uns indonesische Exilanten zu einem legalen Forum für Organisationen, um mit unseren Kampfgefährten in Indonesien in Kontakt zu treten. Nachdem die bestehenden politischen Parteien aufgelöst und durch Marionettenparteien unter der Kontrolle des Suharto-Regimes ersetzt worden waren, konnten wir legal nur noch über Nichtregierungsorganisationen miteinander kommunizieren. Dabei mussten wir jedoch mit großer Vorsicht vorgehen, um die Sicherheit unserer Familien in Indonesien nicht zu gefährden. Über das SOAI-Forum konnten wir dann sogar prodemokratische Aktivisten nach Europa einladen. In solchen Treffen versuchen wir, Vertreter indonesischer Studierender einzubeziehen, die in Europa studieren.

Wir sind uns bewusst, dass unsere Bewegungen und Aktivitäten im Ausland ein Spiegelbild der Demokratiebewegung in Indonesien sind und untrennbar mit ihr verbunden.

Abschließend möchte ich meinen Freunden, die sich weiterhin für die Herausgabe der Zeitschrift einsetzen und den treuen Leser:innen zum 40. Jubiläum der Zeitschrift südostasien gratulieren. Hoffentlich leistet die Zeitschrift auch weiterhin positive Beiträge, um den Demokratisierungsprozess in Südostasien voranzutreiben, eine demokratische, sozial gerechte Gesellschaft zu schaffen und einen nachhaltigen Umweltschutz zu gewährleisten.

Arif Harsana, Gründungsmitglied der Südostasien-Informationsstelle

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2 | 2018, Deutschland, Vietnam,
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Südostasien/Deutschland: Leser:innen, Autor:innen und Redakteur:innen der südostasien würdigen ihre ganz persönliche Lieblingsausgabe

Ausbalanciert, differenziert und scharfsinnig

Ganz besonders gut fand ich die Betrachtungen zu den Vorgängen auf der documenta, die ja wirklich schwierig und sehr komplex waren und wo es viele sehr extreme Ansichten gab sowohl von der einen wie auch von der anderen Seite. Und das finde ich herausragend, wie gut das ganze Thema in der südostasien behandelt wurde, wie ausbalanciert, wie differenziert und vor allem auch, wie scharfsinnig. Texte aus der Ausgabe 1/2022 „It´s the collective, stupid! – Zeitgenössische Kunst in Südostasien“ nutze ich sehr gerne, wenn jemand auf Indonesien vorbereitet wird und vor allem im politischen Bereich tätig ist, zum Beispiel jemand von einer politischen Stiftung. Das wird dann auch anerkannt, dass da in der südostasien hohe Qualität geliefert wird.

Sebastian Kelbling arbeitet freiberuflich als Dozent, Trainer und Berater für Interkulturelle Kompetenz und internationale Entwicklungszusammenarbeit und nutzt in diesem Zusammenhang regelmäßig die südostasien

Mutige, erfolgreiche, selbstbewusste Frauen

Ich mag die Ausgaben aus den späten 1990er und frühen 2000er Jahren, als Südostasien enorme politische Umbrüche verzeichnete. Die Titelwahl der Ausgaben fand ich besonders gelungen, so zum Beispiel „Miss Erfolg“, eine Ausgabe zu Frauen in Südostasien (Bd. 17 Nr. 3, 2001). Klug gewählte Titel erregen eine ganz besondere Aufmerksamkeit, so war das auch bei diesem Heft. Das Thema „Gender“ war damals noch recht stark von der geschlechtlichen Heteronormativität geprägt; erst später kamen, wenn ich es richtig erinnere, mehr Studien und Artikel zu LGBTQ+ und anderen, im weitesten Sinne queeren Themen in die südostasien. Die Ausgabe auf Frauen in Südostasien zu konzentrieren, war daher 2001 eine Initiative, die etliche wichtige und bis dato weithin vernachlässigte Schlaglichter auf die Situation von Akteurinnen in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft richtete. Besonders gut fand ich, dass dabei die „Opferperspektive“, die bei dem Thema so oft im Vordergrund stand (und oft auch noch steht), nicht die dominante war. Im Gegenteil, das Heft enthält eine ausgewogene Anzahl an Beiträgen zu mutigen, erfolgreichen, selbstbewussten Frauen, die bis heute Relevanz haben.

Claudia Derichs, Professorin für Transregionale Südostasienstudien an der Humboldt Universität zu Berlin

Lokalen Akteur:innen eine Stimme geben

Eine meiner Lieblingsausgaben stammt aus dem Jahr 2018, dem ersten Online-Jahr der südostasien. „Bio, Fair und was noch? – Nachhaltige Produkte in Südostasien“ lautet ihr Titel. Die in der Ausgabe versammelten Beiträge – vom Interview mit Biogärtner:innen in Indonesien bis zum Porträt einer widerständigen indigenen Bauerngemeinschaft im Norden Thailands – zeigen die Diversität ökologischer Landwirtschaft in Südostasien und auch die Herausforderungen, denen ihre Protagonist:innen unter dem Druck globalen Wirtschaftens ausgesetzt sind. Für mich zeigt sich in dieser Ausgabe exemplarisch genau das, was die südostasien einzigartig macht: lokalen Akteur:innen und sozialen Bewegungen eine Stimme zu geben und Ansätze für eine ökologisch-soziale Transformation ‚von unten‘ zu beleuchten.

Anett Keller ist seit 2007 ehrenamtlich bei der südostasien aktiv und koordiniert seit 2018 die Redaktionsarbeit

Literatur zeigt die Seele eines Landes

Meine Lieblingsausgabe ist die Ausgabe 3/2015 „Räume der Imagination: Literatur im (Kont)text“ weil ich erinnere, wie sehr es mich gefreut hat, dass das so eine ganzheitliche Südostasien-Arbeit war, also nicht immer nur die „politischen Sachen“. Wir sagten damals, wir können auch etwas zeigen, was Menschen hier kaum kennen, nämlich Literatur, die ja die „Seele eines Landes“ repräsentiert und damit Zugang zu diesem Land ermöglicht. Es hat mich sehr gefreut, daran mitarbeiten zu können!

Niklas Reese, ehemaliger Geschäftsführer des philippinenbüro e.V., ehrenamtlicher Autor der südostasien und Teil der Redaktion der Ausgabe 3/2015

Medienpreis für die südostasien

1990 akquirierte ich Artikel für ein Heft zum Thema „Leben und Überleben in den Metropolen“, das im September 1990 als Nr. 3, Jg. 6 erschien, mit einem von mir geschriebenen Überblicksartikel zum Thema dieses Hefts. Anfang September 1991 erhalte ich unerwartet einen Anruf aus der Pressestelle des BMZ: Ob ich Ende September nach Bonn zur Preisverleihung des Journalistenpreises Entwicklungspolitik kommen könne? „Nein“, sage ich, da sei ich auf Dienstreise. „Ach, das können Sie doch dem Bundespräsidenten nicht antun!“ so die Antwort. Also verschiebe ich meine Dienstreise und nehme Ende September als dritter Preisträger den Journalistenpreis Entwicklungspolitik in Empfang. Natürlich freute ich mich riesig über diesen Preis, zumal ich in der Reihe der Ausgezeichneten der einzige nicht hauptberuflich als Journalist arbeitende Autor war. Und was bedeutete dieser Preis für die Infostelle und die Südostasien-Informationen? Schwer zu sagen. Aber in den nächsten Tagen erschien überall in den deutschen Regionalzeitungen, von Rostock über Nürnberg bis Passau, eine kurze Nachricht: Der Bundespräsident habe in Bonn die Journalistenpreise Entwicklungspolitik verliehen, den ersten Preis an einen Autor von GEO, zwei zweite Preise für einen Artikel in der Zeit und einen im Magazin der FAZ und einen dritten Preis für einen Artikel in den Südostasien-Informationen. Da waren also unsere Südostasien-Informationen – eigentlich immer noch ein Nischenprodukt, noch nicht einmal am Bahnhofskiosk erhältlich – sozusagen in einem Atemzug mit GEO, Zeit und FAZ genannt.

Einhard Schmidt-Kallert, von 1984 – 1986 Vorsitzender der Südostasien-Informationsstelle und Mitbegründer der Südostasien-Informationen (1997 umbenannt in südostasien)

„Ich habe unheimlich viel gelernt“

„Ich habe einige Ausgaben, die ich sehr gerne mochte. An der Ausgabe „#SOAToo. Sexualisierte Gewalt und feministische Gegenwehr in Südostasien“ (3/2020) durfte ich mitarbeiten und besonders war, dass auch meine Frau, Karin Griese (medica mondiale), daran mitgearbeitet hat und wir gemerkt haben, wie gut wir auch inhaltlich zusammenarbeiten können. Ich habe außerdem unheimlich viel darüber gelernt, welche tollen feministischen Ansätze es in Südostasien gibt. Diese „Me too“-Geschichte war eben nicht nur so ein ‚Hollywood-Ding‘ sondern etwas, das um die Welt ging, das überall aufgegriffen wurde. Ich habe zum Beispiel ein Interview geführt mit einer thailändischen Aktivistin, die thematisiert hat, wie stark Sexismus auch in der politischen Bewegung vorherrscht und wie Feminist:innen das herausfordern mit ihrer politischen Praxis.

Oliver Pye, Lehrbeauftragter für Südostasienwissenschaften an der Uni Bonn und langjähriges ehrenamtliches Redaktionsmitglied der südostasien

Einstieg für Klima-Recherche

südostasien, Jubiläum, LieblingsausgabenDie Ausgabe 4/2017 Klima, Kohle und Konzerne diente mir zur Einstiegsrecherche für meine Bachelor-Arbeit, die ich über das Thema „Klimagerechtigkeitsbewegung in Südostasien“ geschrieben habe. In dieser Ausgabe gab es sehr viele Texte, die mir beim Einstieg geholfen haben. Bevor ich wissenschaftliche Fachliteratur herangezogen habe, habe ich mir so einen Überblick verschafft zu den Fragen „Was sind aktuelle Themen?“, „Worin möchte ich mich vertiefen?“

Jessica Riffel hat Asienwissenschaften mit dem Schwerpunkt Südostasien an der Universität Bonn studiert

Plastik, Klimawandel und Diaspora

Die südostasien lese ich aktiv seit über 15 Jahren. Seit 2018 gestalte ich die südostasien aktiv mit – als Herausgeberin für das philippinenbüro und als Redakteurin. Jährlich arbeite ich in einer Kernredaktion mit und betreue maßgeblich die Philippinenartikel. Die Ausgabe 2/2019 „In aller Munde: Plastik in Südostasien“ war die erste Ausgabe, die ich als Teil der Kernredaktion mitgestaltet habe. Im März 2019 reiste ich in die Philippinen und führte Interviews mit zivilgesellschaftlichen Akteur:innen, besuchte Projekte und Communities, unter anderem den Baseco Compound in Manila, und befragte Menschen rund um das Thema Plastik in den Philippinen. Ein Highlight war damals die Rainbow Warrior III von Greenpeace, die im Hafen Manilas lag und als Teil der ‚Break Free From Plastic’-Bewegung auf die Auswirkungen der Plastikverschmutzung aufmerksam machte. Wochen später hielt die Beluga von Greenpeace in Köln als Teil der Kampagne an, sie fuhren den Rhein aufwärts zu Nestle (Schweiz), um das ‚Plastikmonster‘ zurückzubringen. Seit dieser Ausgabe hat sich mein persönlicher Umgang mit Einwegverpackungen und Plastik generell geändert.

Generell arbeite ich immer wieder gern in der südostasien zum Thema Klimawandel, aber auch die Ausgabe 4/2020 Diaspora – Community beyond borders hat mich sehr bewegt. Es ist mir ein großes Anliegen, in der südostasien die Perspektiven und Stimmen aus der südostasiatischen Diaspora in Deutschland und Europa zu verstärken.

Mirjam Overhoff ist seit 2018 Geschäftsführerin des philippinenbüro e.V. und Mitherausgeberin der südostasien; sie ist regelmäßig Autorin und Mitglied von Kernredaktionen

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Schweiz/Deutschland: Annette Hug spricht im Interview über koloniale Erinnerungen, transnationale Perspektiven und die Kraft philippinischer Literatur als kulturelle Brücke.

südostasien: Auf der diesjährigen Frankfurter Buchmesse im Oktober 2025 stehen die Philippinen als Ehrengast im Zentrum. Frau Hug, wie war die Zeit der Vorbereitung?

Annette Hug: Ich weiß nicht mehr, wo mir der Kopf steht. In den letzten Monaten habe ich vier philippinische Bücher übersetzt und war mit fünf Verlagen parallel in Produktionsphasen. Jetzt steht vor allem die Pressearbeit im Vordergrund. Ich bin Mitglied der philippinischen Delegation und werde täglich an zwei bis drei Veranstaltungen teilnehmen. Die Buchmessen an sich besuche ich schon seit langem, das gehört zur Arbeit als Autorin und freischaffende Übersetzerin dazu.

Sie haben eine langjährige Verbindung zu den Philippinen und haben in den 1990er Jahren dort studiert. Wie kommt es, dass Sie sich bis heute sehr intensiv mit den Philippinen befassen?

Ich war in der Schweiz im feministischen und antimilitaristischen Kontext engagiert, als ich 1991 an der Frauenkonferenz WISAP 91 in den Philippinen teilnahm, die von GABRIELA organisiert wurde. Die internationale Konferenz befasste sich mit der Unterdrückung der Frauen im Zusammenhang mit der Rolle des US-Militärs und den Militärbasen im Land. Damals wurde in Manila der Studiengang Women and Development Studies angeboten, sodass ich anschließend drei Jahre blieb. Einiges war aber auch desillusionierend, besonders die politische Situation war wahnsinnig schwierig.

2012 bewegte ich mich wieder thematisch auf die Philippinen zu, als ich entschied, einen Roman über José Rizal zu schreiben. Seine Übersetzung von Friedrich Schillers Wilhelm Tell interessierte mich sehr. Als ich daran arbeitete, merkte ich schnell, dass mein Tagalog viel zu schlecht für dieses Projekt war. So fuhr ich zurück in die Philippinen, um ein “malalim na Tagalog“ (vertieftes Tagalog bzw. Filipino) zu lernen. Ich tauchte diesmal anders in die Sprache ein und fand über die Literatur einen neuen Zugang zum Land.

Wenn Sie heute auf die Literaturszene der Philippinen blicken: Welche Themen, Genres oder Entwicklungen bewegen diese besonders?

Das ist schwierig zu sagen, weil es lebendige Literaturen in vielen verschiedenen philippinischen Sprachen gibt, von denen ich nur Filipino kann. Beispielsweise nehme ich eine sehr lebendige Literaturszene in Bicolano wahr, aber das kann ich nicht lesen. Was in Manila ankommt, ist mehrheitlich auf Englisch aber punktuell auch einiges auf Filipino.

Aktuell erscheinen viele Bücher, die sich thematisch mit Ökologie befassen; auch einige Übersetzungen werden aktuell dazu veröffentlicht. Dieses Jahr sind zwei Romane von Caroline Hau und Daryll Delgado erschienen, die beide im Kontext von Taifun Haiyan spielen.

Ein zweites wichtiges Thema ist nach wie vor die politische Aufarbeitung der Ferdinand Marcos Sr.-Diktatur (1972-1986) und der Präsidentschaft Rodrigo Dutertes (2016-2022). Kaum jemand hat bisher begriffen, was mit Land und Leuten in der Duterte-Zeit passiert ist. Die literarische Aufarbeitung der Duterte-Zeit, z.B. durch Patricia Evangelista, ist der Versuch des Verstehens.

Seit 2022 ist mit Ferdinand Marcos Jr., der Sohn des früheren Diktators, zum Präsidenten gewählt worden. Spiegelt sich diese politische Kontinuität auch im aktuellen Literaturgeschehen wider? Und wie könnte man dem entgegenwirken?

Im Wahlkampf hat Ferdinand Marcos Jr. ein geschöntes Bild der Regierungszeit seiner Eltern gezeichnet. Die Literatur spricht eine andere Sprache. Sie wird so eine Art historisches Gedächtnis. Umso wichtiger ist es, dass Jugendliche und Erwachsene Zugang zu dieser Literatur haben.

Das Booknook-Projekt des National Book Development Boards ist ein spannendes Projekt. Sie kaufen lokale Bücher und bringen diese in kleine Bibliotheken. Zusätzlich werden viele Aktivitäten für Kinder angeboten, sozusagen Bibliotheksarbeit in einem sehr modernen Sinn: Bibliotheken als Treffpunkte, als lebendige Orte für den Austausch mit und zu Büchern.

Zur Buchmesse erscheinen drei neue Übersetzungen von Ihnen. Eine davon ist „Das Meer der Aswang“, eine Geschichte über die magischen Wesen der philippinischen Mythologie. Was hat Sie an diesen Texten besonders fasziniert?

„Das Meer der Aswang“ hat mich als literarisches Projekt fasziniert. Der Autor Allan Derain nimmt die alte mündliche Literatur auf und antwortet mit einem sehr modernen literarischen Roman. Zuvor habe ich von epischer Literatur immer etwas Abstand gehalten, da mir der Zugang fehlte. Doch Allan Derain schreibt über eine Geschichte voller Gewalt und Lebenskunst, die er anhand von vielen Wortspielen und Witzen auch lustig erzählt. In der Übersetzung habe ich sehr an den Wortspielen geknobelt.

Der andere Roman, den Sie im Rahmen der Buchmesse aus dem Tagalog ins Deutsche übersetzt haben, lautet „Die 70er“ und ist eine sozialrealistische, feministische Erzählung. Inwiefern spiegelt sich darin Ihre persönliche Verbindung zu den Philippinen?

Zu Lualhati Bautista habe ich eine sehr persönliche Beziehung. Ihre Bücher waren die ersten Bücher auf Filipino, die ich selbst in den 1990ern las. Meine feministischen Mütter in den Philippinen kannten Bautista ebenfalls. Mir war es ein persönliches Anliegen, eine Stimme aus dieser Generation auf Deutsch lesbar zu machen. Es ist die lebendige Stimme einer Frau, die sich schalkhaft und klug den schönen und furchterregenden Momenten im Leben einer Mutter unter Kriegsrecht stellt.

Während meines Studiums der Women and Development Studies beschäftigten wir uns mit Fachliteratur, in der es darum ging, dass es kein Scheidungsrecht gab, oder dass Abtreibungen verboten und deshalb sehr gefährlich waren. Die Situation hat sich etwas verbessert, da wenigstens Verhütung nicht mehr verboten ist. Doch Gewalt gegen Frauen, Inzest und sexuelle Ausbeutung sind weiterhin präsent.

Das Schöne an der Literatur ist, dass das Leben nicht auf eine solche Liste von Problemen reduziert wird.

Gibt es Autor:innen oder Bücher von den Philippinen, die Sie dem deutschsprachigen Publikum besonders ans Herz legen würden?

Ich würde „Die 70er“ von Lualhati Bautista und Die Kollaborateure von Katrina Tuvera empfehlen. Auch halte ich Die Rebellion von Jose Rizal für besonders empfehlenswert – mehr noch als Noli Me Tangere. In Die Rebellion zeigt sich Rizal deutlich moderner, er wirkt wesentlich wütender und zugleich desillusionierter von Europa. Interessanterweise entsteht dadurch eine Komik, getragen von Rizals Wut und Witz.

In welche Richtung wird sich Ihrer Ansicht nach die philippinische Literaturszene in den nächsten Jahren bewegen?

Der „philippinische Roman“ im Sinne einer realistischen Auseinandersetzung mit den sozialen Realitäten des Landes, der die gesellschaftlichen Strukturen und Entwicklungen widerspiegelt, wird wohl weiterhin Bestand haben, aber vielleicht weniger dominant sein. Heute boomt das Horror-Grusel- und Fantasy-Genre. Besonders beliebt sind derzeit Adaptionen der vorchristlichen Philippinen. Ausgehend von der Lyrik, die mir persönlich am Herzen liegt, etwa in Form von Hip-Hop oder Spoken Word sowie von Autorinnen und Autoren wie Alan Derain, beobachte ich einen zunehmenden Experimentierwillen in neuen literarischen Formen.

Wie groß ist der Einfluss der Frankfurter Buchmesse in den Philippinen?

Meinem Eindruck nach wird dort der Frankfurter Buchmesse eine große Bedeutung beigemessen. Auch zahlreiche Akteur:innen des Literaturbetriebs, die offiziell nicht Teil der Delegation sind, werden nach Frankfurt reisen. Die Buchmesse wird als ein Anlass gesehen, bei dem die philippinische Literaturszene zusammenkommt und sichtbar wird.

Natürlich besteht die Gefahr, dass nun Autor:innen verstärkt Werke für den internationalen statt für den philippinischen Markt schreiben; das wäre ein langweiliger und bedauerlicher Nebeneffekt. Gleichermaßen wäre es für die Philippinen von großer Bedeutung, eine international anerkannte Stimme, einen literarischen Weltstar hervorzubringen, wie Chimamanda Ngozi Adichie oder Elif Shafak. Aber eigentlich hoffe ich, dass die Messe den Wert der Literatur in den Philippinen selbst stärkt. Und dass die Bevölkerung sich fragt: „Warum gibt es bei uns so viele amerikanische Bücher und kaum philippinische Bücher zu kaufen?!“ Ein solcher Impuls wäre sehr zu begrüßen.

Das Interview wurde am 5. September 2025 geführt

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Philippinen/Deutschland: Die Teilnahme der Philippinen als Ehrengast der Buchmesse wird in der philippinischen Presse diskutiert. Mit einigen Auszügen aus der Debatte wollen wir die Breite der Meinungen zeigen.

Die philippinische Schriftstellerin und Co-Vorsitzende des Guest of Honor Committee Neni Sta. Romana-Cruz im Philippine Star:


Wir fühlten uns wie Neulinge, als das National Book Development Board (NBDB) nach einer Pause von 15 Jahren 2015 wieder an der Frankfurter Buchmesse teilnahm. Wir waren nur eine Handvoll Leute und unser philippinischer Stand war ein winziger Raum, den wir selbst mit buntem Papier aus einem Frankfurter Schreibwarengeschäft dekorieren mussten. Unser Stand war schlecht beleuchtet und jemand aus Manila fragte, als er sich dem Stand näherte, ob es einen Stromausfall gäbe. Glücklicherweise hatten die Stände unserer ASEAN-Nachbarn Singapur und Malaysia eine helle Beleuchtung, die auch auf unseren Stand fiel. Heute können wir über diese bescheidenen Anfänge lachen, denn dank der Unterstützung und Ermutigung von Senatorin Loren Legarda erhielten wir ein besonderes Budget für die Buchmesse, das uns die jährliche Teilnahme ermöglichte. Es ist eine ungeschriebene Regel, dass die jährliche Präsenz eines Landes notwendig ist, um wahrgenommen und anerkannt zu werden und etwas zu bewirken.

Eine Delegation aus 50 Kreativen, Autor:innen, Illustrator:innen, Verleger:innen aus den Philippinen, nehmen vom 16. bis 20. Oktober an der 76. Frankfurter Buchmesse teil. Ihnen wurde mit Reisestipendien die Teilnahme an der Messe ermöglicht. Sie werden an Podiumsdiskussionen teilnehmen, Seminare leiten und sich vor allem auch die anderen philippinischen Messestände in den sechs verschiedenen Gebäuden anschauen.

Zu den Schriftsteller:innen der Delegation gehören: Frances Alvarez, Jose Dalisay, Mina Esguerra, Patricia Evangelista, Jaya Jacobo, Ambeth Ocampo, Isabel Roxas und Budjette Tan.
Neben der im Vergleich zu den Vorjahren größeren Delegation hat auch die Zahl der Stände unseres Landes zugenommen – von einem nationalen Stand (heute elegant und gut beleuchtet) mit den besten Veröffentlichungen des Jahres zu weiteren Ständen, die Titel aus folgenden Genres präsentieren: Junge Erwachsene, Kinder- und Jugendliteratur, Graphic Novels (Comics im Buchformat) und Comics, akademische Publikationen und Lehrbücher.

Die Asien-Bühne, gesponsert von der Buchmesse und dem Beratungsunternehmen Rex Education, bietet 30 Veranstaltungen zu den Themen Literatur, Bildung, Kunst, Geisteswissenschaften, Technologie und Naturwissenschaften. Außerdem gibt es die Internationale Bühne, auf der einige philippinische Autoren Vorträge halten.

Da es sich um ein großes Ereignis für das Land handelt, haben die National Commission for Culture and the Arts (NCCA), NBDB, das Außenministerium und das Büro von Senatorin Loren Legarda in den letzten Monaten eng zusammengearbeitet – der öffentlichen Ankündigung durch die Frankfurter Buchmesse während des Philippinischen Buchfestivals des NBDB im August 2023 in Davao.

Starke Fürsprecherin: Senatorin Loren Legarda im Manila Bulletin:


Senatorin Loren Legarda würdigte kürzlich die tiefen kulturellen Verbindungen zwischen den Philippinen und Deutschland. Anlässlich des Besuchs einer deutschen Mediendelegation erzählte die Senatorin von ihrem ehrgeizigen Traum, die Philippinen auf der Frankfurter Buchmesse – der weltweit größten und einflussreichsten Buchmesse – ins Rampenlicht zu rücken.

Legarda, die Visionärin hinter der Rolle der Philippinen als Ehrengast auf der Frankfurter Buchmesse 2025, sagte, es sei ihre persönliche Mission, dass das Land dieses Ziel erreiche.

„Als die Philippinen 2015 ihr bescheidenes Comeback auf der Frankfurter Buchmesse feierten, wagte ich die Frage: ‚Warum nicht die Philippinen als Ehrengast?‘ Ich habe dies als meine persönliche Mission angesehen. 2017 traf ich mich hier in Manila mit Herrn Jürgen Boos und im selben Jahr begann ich mit den Vorbereitungen. Selbst als die Pandemie unsere Dynamik zu bremsen drohte, blieben wir auf Kurs und 2023 wurde aus der Idee dann Gewissheit.“

Die Senatorin würdigte die langjährigen Beziehungen zwischen den Philippinen und Deutschland, insbesondere durch das Vermächtnis von Rizal, der 1887 in Berlin „Noli Me Tangere“ veröffentlichte.

Der Erfolgsautor Jose Dalisay im Philippine Star:


Als Ehrengast werden die Philippinen – ihre Literatur, Kultur, Geschichte und Politik – in Frankfurt im Vordergrund stehen. Dies dank Dutzender Schriftsteller:innen, tausender Bücher und zahlreicher Ausstellungen und Präsentationen, die unter anderem durch die gemeinsamen Bemühungen des National Book Development Board (NBDB) und der National Commission for Culture and the Arts (NCCA) zur FBM gebracht werden.

Der Ehrengast-Status ist eine Anerkennung, die jedes Jahr einem anderen Land zuteil wird, aber nicht umsonst zu haben ist: Das Projekt kostet Hunderte Millionen Pesos, was seine Befürworter:innen als lohnende Investition betrachten, um das weltweite Ansehen der Philippinen durch ihre Kultur zu steigern und den internationalen Markt für philippinische Bücher und Autor:innen zu erweitern. In den letzten zwei Jahren haben NBDB und das philippinische Ehrengast-Komitee intensive Anstrengungen unternommen, um das Programm vorzubereiten, die Delegierten auszuwählen und die Logistik für unsere historische Teilnahme an der FBM im Oktober zu organisieren. (…)

Nun gibt es eine Initiative, angeführt von einigen prominenten philippinischen Schriftsteller:innen und Aktivist:innen, die aus verschiedenen Gründen einen Boykott der FBM fordern. Zu den Gründen gehören unter anderem falsche Prioritäten der Regierung bei der Finanzierung unserer Teilnahme als Gastland, vor allem aber der Protest gegen die angebliche Unterstützung Israels durch die FBM in seinem Krieg im Gazastreifen und auch gegen die Komplizenschaft Deutschlands als Verbündeter Israels in diesem Konflikt. Derzeit hat diese Bewegung noch nicht viel Anklang gefunden, aber es würde mich nicht überraschen, wenn sie in den Monaten bis Oktober an Fahrt gewinnen würde – wahrscheinlich nicht genug, um uns davon abzuhalten, dorthin zu fahren, aber genug, um innerhalb unserer Reihen für einige Bestürzung und Uneinigkeit zu sorgen. (…)

Meine Antwort lautet nein. Ich setze mich für Frieden und Gerechtigkeit sowohl für das palästinensische als auch für das israelische Volk ein – ja, für alle unterdrückten Völker der Welt, einschließlich unseres eigenen. Aber wenn wir uns einer historischen Gelegenheit berauben, unseren kollektiven Widerstand gegen Ungerechtigkeit zum Ausdruck zu bringen – nicht nur in Gaza oder in dieser einen Frage, egal wie dringlich sie auch sein mag –, wird das nur kontraproduktiv sein. Wenn es nicht wie ein Lauffeuer um sich greift (andere prominente Autor:innen anderswo, wie in Indonesien – das vor einigen Jahren Ehrengast war –, haben ihre Unterstützung bekundet), wird ein symbolischer Boykott so ohrenbetäubend und folgenreich sein wie ein Baum, der im Wald umfällt.

Letztendlich wird es auf eine individuelle Gewissensentscheidung hinauslaufen, wie auch immer die einzelnen Personen sich entscheiden, für die wir uns eine respektvolle Akzeptanz vorbehalten müssen. Ob man geht oder bleibt, die Gründe oder Motive müssen klar sein, damit die Geste nicht vergebens ist. Ich werde stolz nach Frankfurt reisen, ohne Schuldgefühle oder Scham, um durch meine Bücher über unser Volk und unseren Kampf für die Freiheit zu sprechen. Engagement, nicht Rückzug, ist der beste Dienst, den Schriftsteller:innen für ihr Land und für alle unterdrückten und zum Schweigen gebrachten Menschen überall leisten können.

Aufruf zum Boykott der Frankfurter Buchmesse in Frontlist:


Publishers for Palestine, eine internationale Solidaritätsgruppe von fast 600 Verlagen aus 50 Ländern, fordert einen branchenweiten Boykott der Frankfurter Buchmesse.

„Der Boykottaufruf von Publishers for Palestine folgt auf das Versäumnis der Messe, auf ihre Mitschuld an der staatlichen und unternehmerischen Unterstützung Israels beim Völkermord an den Palästinensern im Gazastreifen zu reagieren, sowie auf ein Programm, das Israels Besatzung und Apartheidregime ignoriert. Die Messe hat außerdem mit der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels die amerikanische Journalistin Anne Applebaum geehrt und die Autorin zur Messe 2024 eingeladen, wiewohl sie die öffentlich Israels illegale Bombardierung palästinensischer Medienstandorte, die Teil von Journalistenmord sind, gelobt hat“, heißt es in einer offiziellen Erklärung vom 30. Januar 2025.

In ihrem Boykottaufruf stellen Publishers for Palestine vier grundlegende Forderungen an die Frankfurter Buchmesse:

  • Das Apartheid- und Völkermordregime Israels in Gaza verurteilen und die Menschenrechte des palästinensischen Volkes unterstützen;
  • Die Zusammenarbeit mit mitschuldigen israelischen Buchverlagen verweigern, unter anderem indem ihre Teilnahme an der Frankfurter Buchmesse abgelehnt wird;
  • Die Angriffe auf palästinensische Schriftsteller:innen, Journalist:innen und Wissenschaftler:innen verurteilen – und anerkennen, dass diese Angriffe Teil eines Völkermordprojekts sind, das darauf abzielt, das Leben und die Kultur der Palästinenser auszulöschen;
  • Programme entwickeln, in denen palästinensische Schriftsteller:innen, Verleger:innen und Geschichten eine herausragende Rolle spielen.

Bis zum 15. April 2025 haben bereits acht unabhängige philippinische Verlage die Solidaritätserklärung unterzeichnet: Isang Balangay Media Productions (Balangay Books), Gantala Press, Everything’s Fine, Kwago Publishing Lab, Lomboy Press, Paper Trail Projects, Aklat Alamid und Alfredo F. Tadiar Library.

Bei einem Dialog zwischen philippinischen Schriftsteller:innen, Verleger:innen und Kreativen am 27. Mai 2025 im Nationalmuseum der Schönen Künste auf Einladung von Senatorin Loren Legarda verlasen die Teilnehmer:innen Positionspapiere zum Boykott, die auch online verfügbar sind.

Erklärung zur Teilnahme der Philippinen als Ehrengast auf der Frankfurter Buchmesse:

Am 27. Mai 2025 lud das philippinische Ehrengastkomitee zu einem Dialog in Manila mit philippinischen Autor:innen, Verleger:innen und Kreativen ein, die aus Solidarität mit dem palästinensischen Volk zu einem Boykott der Frankfurter Buchmesse 2025 aufgerufen haben. Wir bekräftigen ihr Recht auf Meinungsverschiedenheit als grundlegendes Recht in jeder demokratischen und gerechten Gesellschaft.

Wir erkennen die moralische Klarheit und tiefe Überzeugung hinter diesem Aufruf. Als Volk mit einer eigenen Kolonialgeschichte können wir nicht wegsehen. Wir schließen uns den vielen Stimmen an, die die anhaltenden Angriffe auf das Leben und die Freiheit der Palästinenser sowie die festgefahrenen Strukturen der Ungerechtigkeit, die dies ermöglichen, verurteilen.

Gleichzeitig bekräftigen wir, dass die Teilnahme der Philippinen als Ehrengast an der Frankfurter Buchmesse 2025, die im August 2023 offiziell bestätigt wurde, eine Bekräftigung unserer Identität und unserer Geschichten ist, die uns ausmachen. Es handelt sich dabei nicht um die Ausrichtung an irgendeiner ausländischen Position, sondern um eine bewusste und unabhängige Entscheidung, die ganze Bandbreite der philippinischen Erzählungen zu präsentieren, die von Jahrhunderten des Überlebens, des Widerstands und des Strebens nach Freiheit geprägt sind. Dies ist ein Moment des Ausdrucks und der Wahrheitsdarstellung.

Schließlich war Literatur für Filipinos noch nie neutral. So wie Dr. José Rizals Noli Me Tangere einst die erste antikoloniale Revolution in Südostasien inspirierte, muss auch die Literatur heute eine Kraft für die Wahrheit bleiben, selbst und gerade dann, wenn die Wahrheit ignoriert wird.

Unsere Präsenz auf der Messe wird nicht losgelöst von den Leiden der Welt sein, sondern ein Engagement für sie. Indem wir die Geschichte der Filipinos erzählen, lassen wir andere nicht im Stich, die noch darum kämpfen, ihre eigene Geschichte zu erzählen. Die friedliche Sprache unseres Handwerks kann herausfordern, hinterfragen, kritisieren, beeinflussen und inspirieren. Sie ist seit langem die Sprache des Erwachens und es ist eine Sprache, die wir weiterhin sprechen werden.

Wir stehen in voller Solidarität auf der Seite der Menschlichkeit.

Ani Rosa Almario | Karina Bolasco | Kristian Cordero | Neni Sta. Romana-Cruz | Nida Ramirez

Übersetzungen aus dem amerikanischen Englisch von: Jörg Schwieger

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2 | 2018, Deutschland, Vietnam,
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Möglichst billig – aber bitte mit Gütesiegel!

Philippinen/Frankfurt am Main: Der Essay stellt den Auftritt der Philippinen als Ehrengast der Frankfurter Buchmesse in den Zusammenhang mit Werk und Wirken des Nationalhelden José Rizal.

Angesichts der zunehmenden Verbreitung von Fake News erinnern uns Literatur und Kunst – von Rizals Noli me tangere bis Mike de Leons Film Citizen Jake – daran, dass Fiktion das letzte Refugium der Wahrheit sein kann.
Gideon Lasco

„Wer die Philippinen verstehen will“, hieß es auf einer Inschriftentafel im Pilipinas Space des Ehrengasts der Frankfurter Buchmesse 2025, „muss sich mit den unzähligen Möglichkeiten auseinandersetzen, mit denen Sprache diese geprägt haben und umgekehrt.“ Auf den mehr als 7600 Inseln der Philippinen sollen zwischen 135 und 170 Einzelsprachen aus der austronesischen Sprachenfamilie lebendig sein. Die zitierte Inschrift deutet daher einen Zugang an, der sich an der Mehrstimmigkeit in den Literaturen des Archipels orientiert. Vergleicht sie doch die philippinische Kultur mit einem „Chor“, der zugleich „ausdrucksvoll, beziehungsreich“ und „endlessly connected“ in Erscheinung trete.

Tatsächlich gehört das Chorlied – ob a capella oder instrumental begleitet – zu einer der beliebtesten Kunstformen in den Philippinen, in deren Aufführungen Musik und Literatur eng verwoben sind und zugleich auch der soziale Sinn zu seinem Recht kommt. Die philippinischen Gäste präsentierten während der Präludien in Wilhelmsfeld und Heidelberg (im Oktober 2024) und schließlich in Frankfurt an verschiedenen Orten ein Programm, das alle Erwartungen übertraf. Es brachte die eigene Kultur in den Facetten aller möglichen Kunstformen – inklusive Film, Fotografie und Architektur – zur Darstellung und konnte um eine ethnologische Ausstellung im Heidelberger Völkerkundemuseum ergänzt werden.

Auf dieses Konzept, das einen statischen, schrift- und textbezogenen Literaturbegriff im Kontakt mit kultureller Performanz verflüssigen möchte, beziehe sich auch – so sagen die Veranstalter – das englische Ehrengast-Motto „The imagination peoples the air“. Unter demselben Motto feierten die Philippinen bereits am 15. Juli 2025 den National Children’s Book Day in Manilas Museo Pambata. Erläutert wurde der Leitspruch dann mit wenigen Worten im Vorfeld der Frankfurter Buchmesse während einer Ausstellung der Nationalbibliothek in Manila: Er wolle die Überwindung (its transcendence) der die Literatur und Künste trennenden Grenzen andeuten. Thema der Ausstellung in der Nationalbibliothek war der Weg der philippinischen Literatur von Rizals Geburtsort Calamba bis zum Philippinen-Pavillon in Frankfurt und entstand somit selber aus dem Geist der Grenzüberschreitung. Auch verweisen die ‚Wanderbewegungen‘ der Literaturen und Bücher auf jene Arbeit des Über-Setzens, die zum ersten Mal die Werke zahlreicher philippinischer Autorinnen und Autoren dem deutschen Publikum verfügbar machen konnte.

In einem im Internet veröffentlichten Begleittext zum Buchmesseprogramm ist die Rede vom „dissidentischen Bewusstsein“ (dissident consciousness) der philippinischen Literaturen. Laut zu Wort gemeldet hat sich dieses Bewusstsein schon Jahre vor Eröffnung der Buchmesse. Herausragende Beispiele sind die Bücher von Maria Ressa (Friedensnobelpreisträgerin) und Patricia Evangelista, deren deutsche Übersetzungen das Gespräch auf der Buchmesse waren. Beide bieten den Angriffen auf die Meinungsfreiheit die Stirn, nennen die Menschenrechtsverletzungen der Exekutive beim Namen und kritisieren scharf die endemische Korruption in den Spitzen der Republik. Auf dem United-Nations-Podium der Buchmesse „Language is a Human Right“ sprach Patricia Evangelista nicht nur über die Verfolgung von Journalistinnen in ihrer Heimat, sondern auch über die in Gaza getöteten Journalisten.

Bereits während der Vorbereitung auf die Buchmesse war der Dissens über die Grausamkeiten in Gaza in den Schlagzeilen präsent. Bald wurde eine Solidaritätsbotschaft mit der Aufforderung veröffentlicht, palästinensische Geschichten, Autorinnen und Verleger in die eigenen Buchmesseveranstaltungen einzubeziehen. „Poesie für Freiheit, Gerechtigkeit und Frieden“ hieß eine der multilingualen Lesungen im Ehrengast-Pavillon, an der Palästinenser:innen beteiligt waren, eine andere „Schreiben als Traumabewältigung“.

Die Behauptung eines dissidentischen Bewusstseins in den philippinischen Literaturen beruft sich ausdrücklich auf José Rizal als Schutzpatron und Vorbild. Rizal, ein kolonialismuskritisch engagierter Intellektueller, Romanautor und Arzt, wurde im Dezember 1896 vom spanischen Kolonialregime unter dem Vorwand revolutionärer Umtriebe getötet. Er, der entschieden revolutionäre Gewalt ablehnte, wurde nur 35 Jahre alt. Dank des Nationalheldenkults wird er bis heute auch von den Aficionados literarischer Kreativität als unsterbliche Gründerfigur verehrt. Und das mit Recht, da er – auch wenn er in der Sprache der spanischen Kolonialherren schrieb – als erster das literarische Feld der Philippinen urbar machte. Zunächst für wenige – muss ich hinzufügen – da nur eine kleine Minderheit seiner Landsleute des Spanischen mächtig war. „Rizals Bücher sind der literarische und historische Maßstab,“ konstatiert die Figur des weisen Schriftstellers in Míguel Syjucos preisgekröntem Experimentalroman Ilustrado, „und so prahlen wir immer noch gern mit unserer Revolution und der ersten demokratischen Republik Asiens, die uns durch amerikanische Hinterhältigkeit und Imperialismus gestohlen wurden. Wir reden, als wären wir tatsächlich dabei gewesen!“

Rizal, der viele Sprachen beherrschte, übersetzte vor allem deutschsprachige Literatur in seine tagalische Muttersprache. Sein eigenes Romanwerk lebt nicht nur in amerikanischen und vielerlei landesprachlichen Übersetzungen weiter, sondern auch in den Literatursprachen Europas. Die deutschen Übersetzungen wurden im Philippinen-Pavillon nach Art eines book launch vorgestellt, als handele es sich nicht um Zweitauflagen, sondern um Neuerscheinungen: Noli me tangere erschien, von Annemarie del Cueto-Mörth übersetzt, 1987, El Filibusterismo unter dem Titel Die Rebellion, übertragen von Gerhard Frey, im Jahre 2016. Die Übersetzerin und der Übersetzer fehlten auf der Bühne; beide sind schon seit einigen Jahren verstorben.

Rizal war auf der Buchmesse so allgegenwärtig wie nur irgendeiner der zeitgenössischen philippinischen Autoren, die sein Gedächtnis in Ehren halten. Das hat auch mit dem bereits erwähnten Motto des Ehrengastauftritts zu tun: „The imagination peoples the air“. Die deutschen Veranstalter hatten das sehr frei mit „Fantasie beseelt die Luft“ übersetzt bzw. umgedeutet. Weitaus interessanter als die Rätsel des Übersetzens sind jedoch die Gründe, die die philippinischen Veranstalter zur Wahl ihres englischen Mottos bewogen haben. Der Kurator des Philippinen-Pavillons, der Kunsthistoriker Patrick D. Flores, hat sich über diese Gründe in The Story of our Imagination in einer Form geäußert, die ich als eine Art spielerischen Umgangs mit einem Fragment aus Rizals Roman Noli me tangere (16. Kapitel) umschreiben möchte. In der Sprache des Romans lautet das Fragment „la imaginación puebla el aire“. Betrachten wir den vollständigen Satz in Rizals Noli me tangere, in dem diese fünf Wörter vorkommen: „La noche favorece las creencias y la imaginación puebla el aire de espectros.“ (In meiner Übersetzung: Die Nacht begünstigt das Fürwahrhalten und die Einbildung bevölkert die Luft mit Gespenstern.) Flores‘ Interpretation indes konzentriert sich mit folgenden Worten allein auf das aus dem Satz herausgeschnittene Fragment: „Die Dichtung evoziert hier [im Motto „The imagination peoples the air“] die Macht des Buches als Quelle der Imagination und Spekulation.“ Die „Schlüsselwörter” imagination, people, air – fährt er fort – seien nichts anderes als Anspielungen auf das Schreiben und Lesen und beträfen mithin auch die Austauschbeziehungen zwischen den Produzenten und Rezipienten der Literatur im Rahmen des in einer dunklen Messehalle installierten Philippinen-Pavillons. In der Tat wirkten einige der in der Halle verstreuten Ausstellungspodien mit ihren offenen, unter hellen segelartigen Membranen aufgestelzten Konstruktionen wie leichte, luftige (airy) Fluggeräte. Im Zentrum die Videoprojektion eines riesigen zuckenden menschlichen Auges, eine Anspielung auf den Augenarzt Rizal, der bekanntlich – über das Medizinische hinausgehend – seinen ‚blinden‘ Landsleuten ‚den Star stechen‘ wollte.

Wunderlich wirken Flores‘ Erläuterungen, zumal sie auch auf Grenzerfahrungen verweisen, die der Kurator „mystisch“ und „übernatürlich“ nennt. Er macht – könnte man vielleicht zusammenfassend sagen – den Versuch einer Poetisierung, ja einer Wiederverzauberung des Buches als Medium der Überschreitung. Was überschritten werden soll, das liegt während der Buchmesse auf der Hand. Es sind jene engen pragmatischen Zwecke und Funktionen, die zu jedem Marktbetrieb gehören. In diesem Betrieb wird über das Buch nicht als realitätsüberschreitendes Symbol, sondern als kalkulierbare Ware verhandelt.

Überschreitungen führen nicht selten zu Verlusten; so auch im vorliegenden Fall. Denn in Flores‘ Fokussierung auf das Imaginationsfragment fehlen nicht nur die „Gespenster“, sondern auch das Bild der „Nacht“. Dieses Bild hat in Rizals Roman aber eine starke leitmotivische Bedeutung, steht es doch für den ‚Schlaf der Vernunft‘. So sieht es jedenfalls die Figur des Aufklärers (der Philosoph Tasio) im Roman. Und so sah es auch Rizal als er seinem Buch den Titel Noli me tangere gab. In der Zueignung „A mi patria“ stellt er der schlafenden Vernunft die Diagnose, bezeichnet die üblen Folgen dieses Schlafes als „sozialen Krebs“ (cáncer social) und meint damit eine die Achtung der Menschenwürde untergrabende ‚Krankheit‘, vor der, weil sie maximal infektiös ist, kaum jemand sich retten kann. Es sei denn der Infizierte wacht auf, um laut und schonungslos die Ursachen der ‚Krankheit‘ aufzudecken: die ausbeuterische Gewaltherrschaft des spanischen Kolonialismus und die vom katholischen Klerus in alle sozialen Schichten übertragene Korruption der Moral.

In der Rückbindung des Ehrengast-Mottos an den vollständigen, vom Romanautor dem Erzähler in den Mund gelegten Satz rücken noch einmal die Wirkungsmächte ins Licht, die Rizal in den Augen seiner Landsleute verkörpert: die weltschaffende Kraft poetischer Imagination und die augenöffnende Funktion politischer Kritik.

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