2 | 2026, Indonesien, Interviews,
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„Juristischer Druck kann etwas bewirken“

Indonesien, Plastik, Interview

Aktivist:innen fordern den Gouverneur von Ostjava auf, das Urteil des Obersten Gerichtshofs umzusetzen und den Brantas-Fluss vor Verschmutzung zu schützen. © Ecoton Foundation, alle Rechte vorbehalten

Indonesien: Umwelt-Aktivistin Daru Setyorini berichtet über die Verschmutzung des Brantas-Flusses und ihren Sieg vor Gericht.

Dies ist Teil I des Interviews, hier geht’s zu Teil II

ECOTON (Ecological Observation and Wetlands Conservation Foundation) ist eine der führenden Umweltorganisationen Indonesiens mit Sitz in Gresik, Ost-Java. ECOTON wurde im Jahr 2013 mit dem Kalpataru-Preis geehrt, Indonesiens höchster Umweltauszeichnung. ECOTON verbindet wissenschaftliche Forschung, Aufklärung der Bevölkerung und juristische Interessenvertretung, um die Verschmutzung der Flüsse Indonesiens durch Plastik zu bekämpfen. In Zusammenarbeit mit lokalen Gemeinschaften schafft ECOTON Bewusstsein für den Schutz und die Pflege von Flussökosystemen.

südostasien: Wie entstand der ECOTON-Einsatz gegen die Verschmutzungen im Brantas-Fluss?

Unser Interviewpartner

© Daru Setyorini, alle Rechte vorbehalten

Daru Setyorini ist Geschäftsführerin von ECOTON. Als Umweltaktivistin und Forscherin engagiert sie sich landesweit für den Schutz von Flüssen und Feuchtgebieten. Die studierte Biologin verbindet wissenschaftliche Forschung mit öffentlicher Lobbyarbeit, um Veränderungen in der Umweltpolitik voranzutreiben.

Daru Setyorini: ECOTON gründete sich während meiner Studienzeit. Damals studierte ich Biologie an der Airlangga-Universität. Mein Kommilitone (und heutiger Ehemann) Prigi Arisandi brachte einige Student:innen außerhalb der Uni zusammen. Wir reichten einen Forschungsantrag zur Mangroven-Biodiversität entlang der Ostküste von Surabaya (Kenjeran) ein. Damals war das Mangrovengebiet durch Wohnsiedlungen bedroht (zum Beispiel Ciputra und andere große Wohnbauprojekte). Heute ist das Gebiet bekannt für Mangroven-Tourismus. So fing alles an. Im Jahr 2000 meldeten wir ECOTON als Nichtregierungsorganisation (NGO) an und sind bis heute aktiv.

Auch das Thema Plastikmüll in Flüssen beschäftigt euch stark…

Aufgrund der großen Kontroverse um importierten Müll nahm meine Tochter Nina als Zwölfjährige an einer Demonstration teil. ECOTON organisierte eine Protestaktion vor dem US-Konsulat in Surabaya. Wir fragten: „Kinder, wollt ihr einen Brief an den US-Präsidenten schreiben und ihn bitten, keinen Müll mehr nach Indonesien zu schicken?“ Nina und ihre Freund:innen schrieben einen Brief, der viral ging, und wurden interviewt. Doch wir hatten das Gefühl, dass der Brief nicht viel brachte, so organisierten wir weitere Protestaktionen. Wir demonstrierten vor dem Grahadi-Gebäude, dem Sitz des Gouverneurs. Darüber berichteten nicht nur die indonesischen Medien, sondern auch Al Jazeera. So trat meine Tochter Nina erstmals als junge Aktivistin auf, die für die Umwelt kämpft. Die Deutsche Welle interviewte sie für die Dokumentation „Girls for Future“.

Im Jahr 2018 habt ihr eine Klage gegen die Regierung eingereicht. Wie kam es dazu?

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Daru Setyorini mit Prigi Arisandi und ihren Kindern: Sofi Azila Aini, Thara Bening und Aeshnina Azzahra Aqilani © Daru Setyorini, alle Rechte vorbehalten

Die Klage von 2018 war nicht unsere erste. Bereits im Jahr 2006 reichten wir Klage gegen den Gouverneur von Ost-Java ein. Es ging dabei um das Massensterben von Fischen im Surabaya-Fluss, verursacht durch industrielle Verschmutzung. Nach indonesischem Recht haben Umweltorganisationen die Befugnis, im Namen geschädigter Umweltgebiete zu klagen. Dieses Recht nutzten wir. Obwohl die Verschmutzung unter Gouverneur Imam Utomo stattfand, reichten wir die Klage gegen seinen Nachfolger ein, Gouverneur Soekarwo. Es kam zu einer Schlichtung, die die Umweltgebiete entschädigen und besser schützen sollte. Um das Jahr 2010 verbesserte sich die Einhaltung der Vorschriften durch die Industrie spürbar. Juristischer Druck, wenn er auf politischen Willen trifft, kann tatsächlich etwas bewirken.

Hat sich die Lage am Brantas zwischen den Jahren 2007 und 2018 tatsächlich verbessert?

Bis zum Jahr 2018 überholte das industrielle Wachstum die Einhaltung der Umweltvorschriften. Industriebetriebe weiteten die Produktion aus und erhöhten die Kapazitäten. Ihre Kläranlagen modernisierten sie aber nicht. Deshalb kehrte die Verschmutzung zurück. Wir reichten zwei Klagen parallel ein. Die erste Klage betraf Windelabfälle, die den Brantas von der Quelle bis zum Meer verschmutzten – eine direkte Folge der schlechten Abfallwirtschaft Indonesiens. Nur für 23 Prozent der Bevölkerung gibt es angemessene Abfallentsorgungsdienste. Wir haben diesen Fall verloren und legten aufgrund begrenzter Ressourcen keine Berufung ein.

Die zweite Klage fokussierte das Massensterben von Fischen, das ab dem Jahr 2013 erneut in großem Ausmaß auftrat. Wir verklagten das Ministerium für öffentliche Arbeiten und Wohnungsbau, das Ministerium für Umwelt und Forstwirtschaft sowie den Gouverneur von Ost-Java. Diesmal allerdings ohne Schlichtung wie im Jahr 2007. Die Regierung bestritt die Vorwürfe und behauptete, die Wasserqualität entspreche den Standards und einige Flussabschnitte seien in Ordnung. Doch die Beweislage war eindeutig. Die Beklagten verloren in erster Instanz, in der Berufung sowie in der letzten Instanz. ECOTON gewann. Das letzte Urteil des Obersten Gerichtshofs aus dem Jahr 2024 ist rechtskräftig und bindend, wurde jedoch nicht umgesetzt. Wir kontaktierten Regierungsvertreter:innen und baten sie zu handeln. Wir erhielten aber keine ernsthafte Antwort. Der Kampf um die Durchsetzung des Urteils dauert noch an.

Was sind die konkreten Forderungen von ECOTON, um die Regierung zum Handeln zu bewegen?

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Ein ECOTON-Aktivist fordert Gerechtigkeit für den Brantas, der voller Plastikmüll ist. © Ecoton Foundation, alle Rechte vorbehalten

Wir fordern, dass die Regierung sich öffentlich für die nicht ordnungsgemäße Verwaltung des Brantas entschuldigt. Ein Schnellreaktionsteam sollte eingerichtet werden, damit bei erneutem Fischsterben die Regierung sofort eingreift. Jede Einleitungsstelle für Industrieabwässer entlang des Brantas sollte mit Videokameras und automatischen Überwachungsgeräten ausgestattet werden. Einige große Industriebetriebe sind zur Echtzeit-Überwachung verpflichtet, doch die Durchsetzung ist lückenhaft. Kleinere Betriebe sind sogar gänzlich davon ausgenommen.

Entlang des gesamten Flusslaufs sollten in jeder Stadt kommunale Flussüberwachungsgruppen eingerichtet werden. Diese sollten staatlich finanziert und im regionalen Etat festgeschrieben sein. Ohne diese Verpflichtung wird sich nichts ändern. Die derzeitige Überwachung ist sporadisch, eine einmalige Aufklärungsveranstaltung ist nicht ausreichend.

Was hat Ihnen die Durchhaltekraft gegeben, so lange zu kämpfen? 

Wenn man bei dieser Regierung nicht ordentlich Druck macht, kommt nichts in Gang. Was mich antreibt: Wir brauchen Wasser, das sicher, sauber und stets verfügbar ist – auch für unsere Kinder. Der Brantas ist die wichtigste Wasserquelle für Millionen Menschen in der ganzen Region. Wenn der Fluss stark verschmutzt ist, ist auch das Brunnenwasser verschmutzt. Die Fischbestände sind kontaminiert. Die Landwirtschaft ist betroffen. Alles hängt zusammen.

Eine saubere und gesunde Umwelt ist unser Grundrecht – und das Recht auf Information, Mitbestimmung und Gerechtigkeit. Unser Ziel ist es, das Bewusstsein der Regierung dafür zu stärken, damit sie dem öffentlichen Interesse dient.

ECOTON forscht seit Jahren zu Plastikverschmutzung, mit besorgniserregenden Ergebnissen! Was verändern die Forschungsergebnisse in der Politik der Regierung und für die Gemeinden rund um den Brantas?

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Aktivist:innen dokumentieren vom Boot aus die illegale Einleitung von Fabrikabwässern in den Porong, einem Seitenarm des Brantas. © Ecoton Foundation, alle Rechte vorbehalten

Veränderung ist möglich, wenn wir Aufklärung und die notwendige Infrastruktur schaffen. Seit dem Jahr 2017 machen wir auf die Gefahren von Mikroplastik aufmerksam. Die Forschungsergebnisse werden von Jahr zu Jahr alarmierender. Wir haben Wasser aus Flaschen und Flusswasser untersucht, Fischmägen, menschliches Sperma und das Fruchtwasser schwangerer Frauen analysiert – überall fanden wir Mikroplastik. Deshalb können wir nur unsere Ernährung anpassen, zum Beispiel durch den Verzehr ballaststoffreicher Lebensmittel, die uns helfen, Mikroplastik aus dem Körper auszuscheiden. Wir sensibilisieren indonesienweit zum Thema Plastik. Dazu haben wir mit Schulen zusammengearbeitet und Kinder über die Gefahren von Plastik aufgeklärt. Viele Schulen haben Plastikverbote in Kantinen und bei Veranstaltungen eingeführt.

Und noch ein Beispiel: Unser Programm Dropo (Dropping Popok, Popok = Windel) hat in den Gemeinden entlang des Brantas spezielle Behälter für Windelabfälle aufgestellt – damit die Menschen eine Infrastruktur zur ordnungsgemäßen Abfallentsorgung nutzen können.

Übersetzung aus dem Englischen von: Miriam Stadler und Mirjam Overhoff

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  • Christiani Putri lebt in Berlin und Yogyakarta. Sie hat einen Master in Anglophone Modernities in Literature and Culture der Universität Potsdam und beschäftigt sich mit Gesellschaft, Kultur und Literatur in ihrer Heimat Indonesien.

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„Juristischer Druck kann etwas bewirken“

Kambodscha: Sowohl der formelle als auch der informelle Sektor sind mit der Müllentsorgung überlastet. Müll landet deshalb beinahe überall.

In ganz Südostasien haben Wirtschaftswachstum, zunehmender Tourismus und steigender Konsum zu einer enormen Menge Plastikmüll geführt. Auch Kambodscha hat mit diesem Problem zu kämpfen. Schätzungen des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen (UNDP) zufolge fielen in Kambodscha im Jahr 2022 546.000 Tonnen Plastikmüll an, was einem Durchschnitt von 33 Kilogramm pro Person und Jahr entspricht – und damit deutlich über dem Pro-Kopf-Aufkommen an Plastikmüll als in Ländern mit mittlerem bis niedrigem Einkommen (8 bis 20 Kilogramm) im selben Jahr liegt.

Plastik gehört in Kambodscha zum Alltag. Von Lebensmitteln auf dem Markt über Essensbestellungen bis hin zu Bekleidung – die meisten Artikel werden in Plastik verpackt oder serviert. Allein in Phnom Penh werden dadurch täglich rund 10 Millionen Plastiktüten verbraucht.

In ländlichen Gebieten gibt es keine organisierte Müllentsorgung. Daher wird Plastikmüll verbrannt oder vergraben, oder er wird in Gewässern oder auf Grünflächen – oft am Straßenrand – ‚entsorgt‘. Städtische Zentren verfügen zwar über öffentliche Abfallentsorgungssysteme, aber diese können den Bedarf bei weitem nicht abdecken.

Mehr Plastikimporte als Verarbeitungskapazitäten

Laut Huot Hay, Vize-Gouverneur von Phnom Penh, fallen allein in Phnom Penh täglich etwa 4.200 Tonnen fester Abfall an, von denen 20 Prozent aus Kunststoff bestehen. Die Recyclingquote in Kambodscha liegt derzeit aber bei unter zwei Prozent, weil die lokalen Recyclingkapazitäten nach wie vor begrenzt sind. Allein die Menge an importiertem Kunststoff übersteigt die inländischen Verarbeitungskapazitäten.

Sowohl der formelle als auch der informelle Sektor sind mit der Müllentsorgung überlastet. Es gibt sowohl von der kambodschanischen Regierung als auch von Privatorganisationen immer wieder Initiativen, das Problem anzugehen. Doch meist sind sie von geringem Erfolg geprägt. Vor allem Privatinitiativen sind räumlich sehr beschränkt und in ihrer Wirkung überschaubar.

Die Bilder dieser Fotoserie wurden vom Autor auf Reisen durch das Land aufgenommen und sollen dokumentieren, welche Ausmaße die Verschmutzung genommen hat.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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  • Christiani Putri lebt in Berlin und Yogyakarta. Sie hat einen Master in Anglophone Modernities in Literature and Culture der Universität Potsdam und beschäftigt sich mit Gesellschaft, Kultur und Literatur in ihrer Heimat Indonesien.

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„Juristischer Druck kann etwas bewirken“

Vietnam: Müllsammlerinnen haben raue Arbeitsbedingungen. Dabei ist ihre Arbeit wichtig für den Umweltschutz. 

„Für ein zivilisiertes Vietnam trotz Abfall“, so die Vision. Abfallumwandlung, so die Mission. Die Sprache, der sich das Kunststoffrecyclingunternehmen VietCycle bedient, ist eine sehr pathetische: „Abfall wird oft als ‚Sünder der Umweltverschmutzung‘ bezeichnet, da ihm – anders als allem anderen im Universum – keine Wiedergeburt zuteilwurde. Er muss gerettet werden, er braucht einen Wandel im menschlichen Bewusstsein.“

64 Prozent vietnamesischer Waren werden in Plastik verpackt, während das allgemeine Abfallwirtschaftssystem aufgrund fehlender Kapazitäten kaum funktional ist und dem Ausmaß kaum standhalten kann. Einem Bericht des United Nations Development Programme nach, werden jährlich etwa 2,9 bis 3,7 Millionen Tonnen Kunststoffabfälle verursacht, 35 Prozent werden verbrannt oder auf Deponien gebracht. Nur elf Prozent werden recycelt. 54 Prozent der Kunststoffabfälle landen einfach in der Umwelt. Vietnam gehört im weltweiten Vergleich zu den fünf größten Verursachern von Plastikmüll in den Ozeanen.

Sogenannte informelle Müllsammler:innen sind das Rückgrat des Abfallwirtschaftssystems. Sie machen die maßlosen Mengen an recyclebaren Materialien überhaupt erst ausfindig. Das Recyclingunternehmen VietCycle hat 2020 nach eigener Aussage ‚einen Wandel angestoßen‘. Es unterstützt die Arbeiter:innen – und poliert so das eigene Image auf.

Prekäre und zugleich allgegenwärtige Arbeit

Dafür hat das Unternehmen im August 2025 gemeinsam mit dem World Economic Forum die Kurzdokumentation (richtigerweise: das Werbevideo) „Invisible Warriors: The Force behind Viet Nam’s Plastic Action“ veröffentlicht. Darin werden zwei Frauen bei der Arbeit begleitet. Eine davon ist Nguyễn Thị Lành, seit 20 Jahren Müllsammlerin. Während Drohnen über ihr Plastikflaschen auf einem Plastikdach abfilmen, schiebt sie ihr Fahrrad durch enge und volle Straßen. Hinten auf ihrer blauen Arbeitsjacke steht „Kunststoffabfallrecycling“ und „The Plastic Reborn“. Jeden Morgen startet sie um sieben Uhr. Wenn sie mit dem Fahrrad nichts mehr transportieren kann, sortiert sie zuhause das Sammelsurium, um es anschließend an eine Wertstoffsammelstelle zu verkaufen.

Während die wenigen Sequenzen die unendlichen Dimensionen plastisch machen und die Schwere der Arbeit deutlich wird, besteht Nguyễn Thị Lành darauf, dass ihre Arbeit als gute Arbeit angesehen wird. Ihre Arbeit helfe, das Umfeld sauber und grün zu halten. So wie sie sind allein in Hanoi 10.000 Müllsammler:innen tätig. 90 Prozent des recycelbaren Plastiks werden durch sie aufgelesen und Recyclingunternehmen zur Verfügung gestellt. Auch die 75-jährige Nguyễn Thị Kênh gehört zu ihnen. Ihr graues Haar scheint durch ihren Dutt als sie sich den Nón Lá (vietnamesischer Kegelhut) aufsetzt. Ihre Schritte sind langsam, wirken gebrechlich. Ihre Motivation: Sie zieht ihre zwei Enkelkinder groß, deren Vater an Spielsucht erkrankt ist und deren Mutter sie verlassen hat. Nguyễn Thị Kênh verdient ein bis zwei Euro am Tag – gerade genug, damit die Kinder „essen und lernen können“.

Die Arbeiter:innen haben viele Namen. Mal werden sie nach dem Material, welches sie sammeln, benannt, wie ve chai (Flaschen) oder Đông nát (Kupfer). Manche nennen sie auch „Die Armee der Schrottsammler:innen“, „Umweltaktivist:innen“ oder wie in der genannten Dokumentation „Unsichtbare Käpmfer:innen“. Doch diese seit Jahrzehnten prekär ausgeführte Arbeit als unsichtbar zu bezeichnen, ist heuchlerisch. Bestätigen die vielen Artikel und Portraits über die Müllsammler:innen nicht eher, dass sie eben nicht unsichtbar sind, sondern vielmehr von der Gesellschaft nicht gesehen werden wollen?

Die Journalistin Nguyen Khánh Dương, die für eine Reportage in der Zeitung Vietnam News einige der Frauen bei der Arbeit begleitet hat, erzählt im Interview mit mir, dass sie dadurch „ein tieferes Verständnis für ihr Leben und die bisher unerzählten Facetten ihres Alltags“gewonnen hat. Sie sagt: „Nachdem ich ihre Entbehrungen kennengelernt habe, bringe ich ihnen (noch) mehr Respekt entgegen.“ Vielerorts fehlt es hingegen genau an diesem Respekt. Lương Thị Hoa, seit mehr als 30 Jahren Müllsammlerin, sagt, sie habe schon alles gesehen und gehört und sei mit allen möglichen Namen beschimpft worden. Dass sich vor allem Frauen diesem Alltag aussetzen, erklärt Hoa damit, dass Frauen Demütigungen besser ertragen könnten, während Männer dazu neigten, ein zu großes Ego zu haben.

Grüne Arbeit, green Socialwashing?

Im Rahmen des eigens initiierten Projekts „Green Warriors“ stattet VietCycle die Arbeiter:innen mit Arbeits- und Schutzkleidung aus und ermöglicht Fortbildungen, wie Materialkunde, Kompetenztraining und Finanzmanagement. Bessere Arbeitsbedingungen sind allerdings wohl kein Thema. Dang Nguyet Anh von National Plastic Action Partnership erklärt – in einer sauberen und hellen Umgebung sitzend – warum Angebote, die Frauen anzustellen, abgelehnt werden: „Viele wollen das nicht, sie wollen die Arbeit saisonal und in Teilzeit machen. Sie wollen sich frei darin fühlen, zu entscheiden, wann sie die Arbeit machen.“ Doch diese selbstständige Arbeit bedeutet: keine Krankenversicherung und keine Sozialleistungen.

Auch wenn sich VietCycle den Verdienst zuschreibt, das Ansehen der Müllsammler:innen grundlegend gewandelt zu haben, sind es die Frauen selbst, die die dringend benötigte Aufklärungsarbeit leisten. Sie gehen ihrer Arbeit nach, ohne sie schönzureden. Sie sind es, die in den Wohnvierteln unterwegs sind und mit Bewohner:innen über Wertstoffe sprechen. Sie machen wiederverwertbaren Müll als solchen erkennbar. Auf ihren Jacken prangt vorne das VietCycle Logo und daneben das Logo von Unilever, einem multinationalen Konzern, der die ‚Green Warriors‘ finanziert.

Unilever ist bekannt für Steuervermeidungstaktiken und für besonders umweltunfreundliche Verpackungen. Ein Bericht von Greenpeace aus dem Jahr 2023 führt aus: „Der Konsumgüterriese Unilever ist für den Verkauf von 1.700 hochgradig umweltschädlichen Plastik Sachets pro Sekunde verantwortlich, was die Krise der globale Plastikverschmutzung verschärft und riesige Abfallmengen in Ländern des globalen Südens verursacht.”

Anerkennung und Umdenken

Nguyễn Đình Thọ, Vize-Chef des Instituts für Strategie und Politik für Landwirtschaft und Umwelt des Agrar- und Entwicklungsministeriums, erläutert gegenüber Việt Nam News, Plastikmüll habe die schädlichsten Auswirkungen auf die Umwelt und zugleich sei die Arbeit der Frauen immer noch viel zu unterbewertet und unterbezahlt. Er weist auf das Umweltschutzgesetz von 2020 hin, mit dem Unternehmen, die Plastik herstellen oder verwenden, durch Gebühren in die Verantwortung gezogen werden. Auch habe er die Hoffnung, dass die eingenommenen Mittel den Frauen zugutekommen.

Die International Alliance of Waste Pickers zeigt anlässlich des Internationalen Tags der Müllsammler:innen am 1. März 2026 ein existenzbedrohendes Problem auf: „In ganz Afrika und im asiatisch-pazifischen Raum sehen sich eine wachsende Zahl unserer Mitgliedsorganisationen mit der Schließung von Mülldeponien konfrontiert, ohne dass ein Rahmen für einen angemessenen Umstieg gibt. In vielen Fällen werden Müllsammler:innen dadurch abrupt ihrer Lebensgrundlage beraubt und geraten noch tiefer in die Armut, ohne dass ihnen tragfähige oder menschenwürdige Alternativen bleiben. Verschärft wird diese ohnehin schon kritische Situation durch das nahezu vollständige Fehlen sozialer Absicherung für die Frauen und Männer, die nicht nur täglich darum kämpfen, ihre Familien zu ernähren, sondern auch unverzichtbare Umweltleistungen erbringen […] und den Lebenszyklus von Ressourcen verlängern“.

So stellt sich erneut die Frage, ob die informelle Freiberuflichkeit freiwillig ist. Fraglich ist auch, wie Vietnam sein Unterziel der Sustainable Development Goals (SDG), die Verringerung des Abfalls bis 2030 durch Vermeidung, Verminderung, Verwertung und Wiederverwendung, erreichen möchte.

Erste Schritte

Modellprojekte wollen Mülltrennung bereits in den Haushalten etablieren. In Zusammenarbeit mit der örtlichen Behörde Donre, hat der World Wide Fund For Nature (WWF) am nördlichen Küstenstreifen Thanh Hóa untersucht, inwieweit „die getrennten Müllbestandteile im Markt aufgenommen werden, welche Absatzkanäle für den Kompost oder andere Wertstoffe existieren und sinnvoll genutzt werden können. Anschließend sollen spezielle Müllkarren mit getrennten Sammelbehältern beschafft werden, um von den Haushalten die einzelnen Wertstoff-Fraktionen getrennt einzusammeln. So wird die Menge des verbleibenden Restmülls deutlich reduziert und die neu geschaffenen Kapazitäten können dafür genutzt werden, die in der Landschaft herumliegenden Müllhaufen zu entfernen.“

Eigenverantwortliches Recycling kann einen Perspektivwandel anregen. Es kann die Arbeit der Müllsammelnden schon im Vorfeld durch alle Gesellschaftsschichten greifbarer machen. Das brächte ihnen vielleicht mehr gesellschaftliche Anerkennung als die sprachliche Heroisierung ihrer Arbeit. Denn nur durch die unermüdliche Arbeit der Müllsammlenden ist der verwertbare Müll überhaupt zur Ressource geworden.

VietCycle und Unilever haben auf mehrere Interview-Anfragen der Autorin leider nicht reagiert

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  • Christiani Putri lebt in Berlin und Yogyakarta. Sie hat einen Master in Anglophone Modernities in Literature and Culture der Universität Potsdam und beschäftigt sich mit Gesellschaft, Kultur und Literatur in ihrer Heimat Indonesien.

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„Juristischer Druck kann etwas bewirken“

Indonesien: Die Umwelt-Aktivistinnen Aeshnina Azzahra Aqilani und Daru Setyorini sprechen über Plastikverschmutzung und Verantwortung.

Dies ist Teil II des Interviews, hier geht’s zu Teil I

südostasien: Nina, du bist mit Umweltaktivismus groß geworden. Haben dich deine Eltern inspiriert?

Nina Azzahra Aqilani: Klar, unser Zuhause ist buchstäblich ihr Büro und ihr Engagement gehört zu unseren täglichen Gesprächen dazu. Seit meiner Kindheit bin ich mitten im ECOTON-Geschehen dabei. Meine Geschwister und ich haben mitgehört und selbst auch mitdiskutiert. Als ich klein war, war es allerdings schwierig für mich zu erklären, was meine Eltern beruflich machten – meine Eltern haben andere Jobs als die Eltern meiner Freund:innen.

Wenn wir über Plastikverschmutzung sprechen, sind alle gleichermaßen betroffen: Konsument:innen, Industrie und Regierung. Wer aber trägt die größte Verantwortung?

Nina: Es scheint, als ob die Welt von Kapitalist:innen beherrscht wird, die über Konsum und weltweite Wirtschaft entscheiden. Das frustriert mich. Es fühlt sich an, als könnten wir nichts tun. Die Konzerne sind gewinnorientiert und kümmern sich weder um die Menschen noch um den Planeten, sie denken nur an Profit und Gewinne. Gleichzeitig sind die Machthabenden oftmals Männer und nutzen diese Macht oder Stärke zur Zerstörung und Ausbeutung unserer Natur und Ressourcen. Sie stützen das Patriarchat – das ist so frustrierend!

Daru Setyorini: Ja, da stimme ich Nina zu, besonders was die Kunststoffproduktion aus der Ölindustrie betrifft. Kunststoff wird aus Rohöl hergestellt. Das ist eine nicht erneuerbare Ressource, gemischt mit giftigen Chemikalien, die ein sicheres Recycling unmöglich machen. Während des gesamten Lebenszyklus von Plastik, von der Produktion bis zur Deponierung oder Verbrennung, verunreinigen diese Chemikalien alles. Seit der Erfindung von Plastik wurden weltweit nur neun Prozent recycelt. Die restlichen 91 Prozent des Plastiks haben keinen sicheren Bestimmungsort und sind Kern des Problems.

Aus diesem Grund exportieren wohlhabende Nationen ihren Müll. Recycling ist teuer und in den Industrieländern gehen viele Recyclingunternehmen insolvent. So laden sie ihren Müll in unserem Land ab, weil wir keine starken Umweltvorschriften haben. Recyclingunternehmen können hier ohne ordnungsgemäße Genehmigungen arbeiten, ungehindert Grundwasser entnehmen und Abfälle unbehandelt einleiten. Jedes Land sollte die Verantwortung für die Entsorgung seines eigenen Mülls übernehmen.

Ihr arbeitet eng mit den Gemeinschaften am Brantas-Fluss zusammen. Wie gehen die Anwohner:innen in ihrem Alltag mit Plastikmüll um? Welche Veränderungen seht ihr?

Nina: Die ältere Generation lebte in ihrer Kindheit ohne Plastik. Meine Großmutter wickelte Snacks in Bananenblätter oder kaufte Lebensmittel in Glasflaschen, die sie im Laden nachfüllte. Plastik als Verpackungsmaterial kam auf, als sie bereits erwachsen war. Es schien einfach praktischer zu sein. Aber diese Bequemlichkeit wurde zu einer Obsession. Jetzt verpackt meine Großmutter manchmal alles in Plastiktüten, ohne darüber nachzudenken.

Meine Generation denkt umgekehrt. Wir sind mit Plastik und Einwegartikeln aufgewachsen, aber wir sind auch mit dem Wissen um die Folgen groß geworden. Manche Menschen verschließen immer noch ihre Augen vor den Folgen. Doch es gibt auch die Mutigen: Die den Gebrauch von Einwegplastik reduzieren und sich für einen Zero-Waste-Lebensstil einsetzen, also ein Leben möglichst ohne Müll.

Daru: Junge Menschen sind aufnahmefähiger, aber wir müssen auch von älteren Generationen lernen. Da müssen wir langfristig einen Mittelweg finden. Zu Plastikalternativen können wir viel von älteren Generationen lernen, wie das Flechten von Körben aus Kokosnussblättern oder Bambus. In den tropischen Ländern haben wir viele natürliche Alternativen: Teakblätter, Pandanblätter, Bananenblätter.

Viele Länder haben bereits eine klare Haltung eingenommen: Ruanda hat Plastiktüten komplett verboten. In den Philippinen verwenden schon viele Geschäfte Papiertüten, Papierstrohhalme und Holzlöffel.

Wir unterstützen keine Biokunststoffe (zum Beispiel aus Maniok), da sie weiterhin Einwegartikel sind, die einmal benutzt und weggeworfen werden. Das ist reine Ressourcenverschwendung. Warum verwenden wir nicht einfach Bananenblätter? Wirf sie weg und sie kompostieren von selbst!

Nina, du hast Briefe an europäische Regierungen geschrieben und sie gebeten, den Plastikmüllexport nach Indonesien einzustellen. Welche Auswirkungen hatten eure Briefe?

Nina: Nachdem ich einen Brief an Angela Merkel geschrieben hatte, erhielt ich eine Einladung von der deutschen Botschaft in Jakarta. Wir reisten nach Jakarta und sprachen mit Botschaftsmitarbeiter:innen. Sie erklärten, das Plastikexportproblem läge im Hafen, mit fehlerhaften Kennzeichnungen beim Versand von Abfällen. Die Botschaft versprach, die Aufsicht in den Häfen zu verstärken. Berichten zufolge werden die Kunststoffexporte nun in andere Länder verlagert, nach Malaysia, Thailand und Vietnam. Das ärgert mich sehr.

Bei den INC-Verhandlungen im Jahr 2024 in Busan gab es bereits Pläne der EU, den Export von Abfällen in Nicht-OECD-Länder ab dem Jahr 2026 einzustellen. Ich schrieb direkt an den EU-Ausschuss und sie antworteten, dass ab November 2026 keine Abfälle mehr in Nicht-OECD-Länder exportiert würden. Das ist zumindest schon mal etwas.

Seid ihr optimistisch, dass die Plastikkrise in Indonesien in zehn Jahren gelöst ist? Was müsste sich bei der Regierung, der Industrie oder der Öffentlichkeit ändern?

Daru: Ich bin optimistisch. Die Krise lässt sich nicht ignorieren: der Erdrutsch auf der Mülldeponie Bantaran Gebang, Brände auf Deponien oder Schließungen durch Überlastung. Gleichzeitig steigen die Kunststoffpreise aufgrund des Iran-Israel-USA-Konflikts. Diese Katastrophen zwingen Regierungsvertreter:innen einzusehen, dass die Behandlung von Kunststoff als ‚normaler Abfall‘ das Problem niemals lösen wird. Enorme Summen wurden für die Abfallwirtschaft ausgegeben. Warum nimmt der Abfall dann nicht ab? Die Lösung liegt nicht in einer besseren Abfallwirtschaft. Die Lösung besteht darin, von vornherein weniger Abfall zu produzieren.

Immer mehr Städte führen bereits Vorschriften zur Einschränkung von Plastik ein. Am strengsten ist Bali, wo der Gouverneur den Verkauf von Mineralwasser in Flaschen unter einem Liter verbieten will. Das ist der richtige Weg, denn kleine Flaschen lassen sich am schwersten von Stränden, Flüssen und aus den Ozeanen sammeln. Wir müssen uns von Einwegartikeln verabschieden und zu einem wiederverwendbaren System übergehen. Notwendig sind Investitionen von Unternehmen, die eine Nachfüllkultur und nicht nur Recycling unterstützen.

Wie könnte das umgesetzt werden?

Daru: Dies muss durch die erweiterte Herstellerverantwortung (EPR – Extended Producer Responsibility) geschehen. Unternehmen erhalten eine Quote, wie viel Plastik sie herstellen dürfen, und müssen das Recycling des eigenen Abfalls finanzieren. In Zukunft könnten Geschäfte gesonderte Sammelboxen für Verpackungen anbieten. Das zieht jedes Unternehmen zur Verantwortung.

Eine Version dieses Systems existiert bereits in Europa. Allerdings gibt es eine Marke, die behauptet, ihr Abfall werde ordnungsgemäß verarbeitet. Aber wir haben auch ihre Verpackungen im Brantas gefunden. Das Unternehmen hat Dritte beauftragt, sich um ihren Müll zu kümmern – ohne Erfolgsgarantie. Das Wichtigste ist, dass Unternehmen Verantwortung für ihren Müll übernehmen und ein funktionierendes Entsorgungssystem etablieren. Ohne ein echtes, durchsetzbares System wird der Abfall weiterhin überall verstreut landen.

Nina, bist du so optimistisch wie deine Mutter?

Nina: Ich bin als Idealistin mit großen Träumen bekannt. Aber bei der Plastikkrise bin ich pessimistisch, selbst zehn Jahre reichen nicht aus. Es gab bereits Vorfälle auf Mülldeponien mit Toten – ohne Konsequenzen für die Machthabenden.

Jede:r Einzelne muss Verantwortung übernehmen. Auf dem Weg für eine bessere Zukunft spielt die Regierung eine Schlüsselrolle: Sie hat die Macht, unser Leben zu gestalten und muss die Grenzen der Ausbeutung kennen. Ich habe Angst. Wir sind Teil von Mutter Erde – wenn wir ihr schaden, schaden wir uns selbst.

Aber es gibt auch Grund zum Optimismus. Viele junge Menschen bilden derzeit Gemeinschaften. Sie wenden sich an die Regierung und drängen auf Veränderungen. Die Auswirkungen werden nicht sofort spürbar sein. Aber wenn wir gemeinsam handeln, ist Veränderung möglich.

Übersetzung aus dem Englischen von: Miriam Stadler, Mirjam Overhoff und Anica Peters

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  • Christiani Putri lebt in Berlin und Yogyakarta. Sie hat einen Master in Anglophone Modernities in Literature and Culture der Universität Potsdam und beschäftigt sich mit Gesellschaft, Kultur und Literatur in ihrer Heimat Indonesien.

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