2 | 2026, Indonesien, Interviews,
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„Juristischer Druck kann etwas bewirken“

Indonesien, Plastik, Interview

Aktivist:innen fordern den Gouverneur von Ost-Java auf, das Urteil des Obersten Gerichtshofs umzusetzen und den Brantas-Fluss vor Verschmutzung zu schützen. © Ecoton Foundation, alle Rechte vorbehalten

Indonesien: Umwelt-Aktivistin Daru Setyorini berichtet über die Verschmutzung des Brantas-Flusses und ihren Sieg vor Gericht.

Dies ist Teil I des Interviews, hier geht’s zu Teil II

ECOTON (Ecological Observation and Wetlands Conservation Foundation) ist eine der führenden Umweltorganisationen Indonesiens mit Sitz in Gresik, Ost-Java. ECOTON wurde im Jahr 2013 mit dem Kalpataru-Preis geehrt, Indonesiens höchster Umweltauszeichnung. ECOTON verbindet wissenschaftliche Forschung, Aufklärung der Bevölkerung und juristische Interessenvertretung, um die Verschmutzung der Flüsse Indonesiens durch Plastik zu bekämpfen. In Zusammenarbeit mit lokalen Gemeinschaften schafft ECOTON Bewusstsein für den Schutz und die Pflege von Flussökosystemen.

südostasien: Wie entstand der ECOTON-Einsatz gegen die Verschmutzungen im Brantas-Fluss?

Unser Interviewpartner

© Daru Setyorini, alle Rechte vorbehalten

Daru Setyorini ist Geschäftsführerin von ECOTON. Als Umweltaktivistin und Forscherin engagiert sie sich landesweit für den Schutz von Flüssen und Feuchtgebieten. Die studierte Biologin verbindet wissenschaftliche Forschung mit öffentlicher Lobbyarbeit, um Veränderungen in der Umweltpolitik voranzutreiben.

Daru Setyorini: ECOTON gründete sich während meiner Studienzeit. Damals studierte ich Biologie an der Airlangga-Universität. Mein Kommilitone (und heutiger Ehemann) Prigi Arisandi brachte einige Student:innen außerhalb der Uni zusammen. Wir reichten einen Forschungsantrag zur Mangroven-Biodiversität entlang der Ostküste von Surabaya (Kenjeran) ein. Damals war das Mangrovengebiet durch Wohnsiedlungen bedroht (zum Beispiel Ciputra und andere große Wohnbauprojekte). Heute ist das Gebiet bekannt für Mangroven-Tourismus. So fing alles an. Im Jahr 2000 meldeten wir ECOTON als Nichtregierungsorganisation (NGO) an und sind bis heute aktiv.

Auch das Thema Plastikmüll in Flüssen beschäftigt euch stark…

Aufgrund der großen Kontroverse um importierten Müll nahm meine Tochter Nina als Zwölfjährige an einer Demonstration teil. ECOTON organisierte eine Protestaktion vor dem US-Konsulat in Surabaya. Wir fragten: „Kinder, wollt ihr einen Brief an den US-Präsidenten schreiben und ihn bitten, keinen Müll mehr nach Indonesien zu schicken?“ Nina und ihre Freund:innen schrieben einen Brief, der viral ging, und wurden interviewt. Doch wir hatten das Gefühl, dass der Brief nicht viel brachte, so organisierten wir weitere Protestaktionen. Wir demonstrierten vor dem Grahadi-Gebäude, dem Sitz des Gouverneurs. Darüber berichteten nicht nur die indonesischen Medien, sondern auch Al Jazeera. So trat meine Tochter Nina erstmals als junge Aktivistin auf, die für die Umwelt kämpft. Die Deutsche Welle interviewte sie für die Dokumentation „Girls for Future“.

Im Jahr 2018 habt ihr eine Klage gegen die Regierung eingereicht. Wie kam es dazu?

Indonesien, Plastik, Interview

Daru Setyorini mit Prigi Arisandi und ihren Kindern: Sofi Azila Aini, Thara Bening und Aeshnina Azzahra Aqilani © Daru Setyorini, alle Rechte vorbehalten

Die Klage von 2018 war nicht unsere erste. Bereits im Jahr 2006 reichten wir Klage gegen den Gouverneur von Ost-Java ein. Es ging dabei um das Massensterben von Fischen im Surabaya-Fluss, verursacht durch industrielle Verschmutzung. Nach indonesischem Recht haben Umweltorganisationen die Befugnis, im Namen geschädigter Umweltgebiete zu klagen. Dieses Recht nutzten wir. Obwohl die Verschmutzung unter Gouverneur Imam Utomo stattfand, reichten wir die Klage gegen seinen Nachfolger ein, Gouverneur Soekarwo. Es kam zu einer Schlichtung, die die Umweltgebiete entschädigen und besser schützen sollte. Um das Jahr 2010 verbesserte sich die Einhaltung der Vorschriften durch die Industrie spürbar. Juristischer Druck, wenn er auf politischen Willen trifft, kann tatsächlich etwas bewirken.

Hat sich die Lage am Brantas zwischen den Jahren 2007 und 2018 tatsächlich verbessert?

Bis zum Jahr 2018 überholte das industrielle Wachstum die Einhaltung der Umweltvorschriften. Industriebetriebe weiteten die Produktion aus und erhöhten die Kapazitäten. Ihre Kläranlagen modernisierten sie aber nicht. Deshalb kehrte die Verschmutzung zurück. Wir reichten zwei Klagen parallel ein. Die erste Klage betraf Windelabfälle, die den Brantas von der Quelle bis zum Meer verschmutzten – eine direkte Folge der schlechten Abfallwirtschaft Indonesiens. Nur für 23 Prozent der Bevölkerung gibt es angemessene Abfallentsorgungsdienste. Wir haben diesen Fall verloren und legten aufgrund begrenzter Ressourcen keine Berufung ein.

Die zweite Klage fokussierte das Massensterben von Fischen, das ab dem Jahr 2013 erneut in großem Ausmaß auftrat. Wir verklagten das Ministerium für öffentliche Arbeiten und Wohnungsbau, das Ministerium für Umwelt und Forstwirtschaft sowie den Gouverneur von Ost-Java. Diesmal allerdings ohne Schlichtung wie im Jahr 2007. Die Regierung bestritt die Vorwürfe und behauptete, die Wasserqualität entspreche den Standards und einige Flussabschnitte seien in Ordnung. Doch die Beweislage war eindeutig. Die Beklagten verloren in erster Instanz, in der Berufung sowie in der letzten Instanz. ECOTON gewann. Das letzte Urteil des Obersten Gerichtshofs aus dem Jahr 2024 ist rechtskräftig und bindend, wurde jedoch nicht umgesetzt. Wir kontaktierten Regierungsvertreter:innen und baten sie zu handeln. Wir erhielten aber keine ernsthafte Antwort. Der Kampf um die Durchsetzung des Urteils dauert noch an.

Was sind die konkreten Forderungen von ECOTON, um die Regierung zum Handeln zu bewegen?

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Ein ECOTON-Aktivist fordert Gerechtigkeit für den Brantas, der voller Plastikmüll ist. © Ecoton Foundation, alle Rechte vorbehalten

Wir fordern, dass die Regierung sich öffentlich für die nicht ordnungsgemäße Verwaltung des Brantas entschuldigt. Ein Schnellreaktionsteam sollte eingerichtet werden, damit bei erneutem Fischsterben die Regierung sofort eingreift. Jede Einleitungsstelle für Industrieabwässer entlang des Brantas sollte mit Videokameras und automatischen Überwachungsgeräten ausgestattet werden. Einige große Industriebetriebe sind zur Echtzeit-Überwachung verpflichtet, doch die Durchsetzung ist lückenhaft. Kleinere Betriebe sind sogar gänzlich davon ausgenommen.

Entlang des gesamten Flusslaufs sollten in jeder Stadt kommunale Flussüberwachungsgruppen eingerichtet werden. Diese sollten staatlich finanziert und im regionalen Etat festgeschrieben sein. Ohne diese Verpflichtung wird sich nichts ändern. Die derzeitige Überwachung ist sporadisch, eine einmalige Aufklärungsveranstaltung ist nicht ausreichend.

Was hat Ihnen die Durchhaltekraft gegeben, so lange zu kämpfen? 

Wenn man bei dieser Regierung nicht ordentlich Druck macht, kommt nichts in Gang. Was mich antreibt: Wir brauchen Wasser, das sicher, sauber und stets verfügbar ist – auch für unsere Kinder. Der Brantas ist die wichtigste Wasserquelle für Millionen Menschen in der ganzen Region. Wenn der Fluss stark verschmutzt ist, ist auch das Brunnenwasser verschmutzt. Die Fischbestände sind kontaminiert. Die Landwirtschaft ist betroffen. Alles hängt zusammen.

Eine saubere und gesunde Umwelt ist unser Grundrecht – und das Recht auf Information, Mitbestimmung und Gerechtigkeit. Unser Ziel ist es, das Bewusstsein der Regierung dafür zu stärken, damit sie dem öffentlichen Interesse dient.

ECOTON forscht seit Jahren zu Plastikverschmutzung, mit besorgniserregenden Ergebnissen! Was verändern die Forschungsergebnisse in der Politik der Regierung und für die Gemeinden rund um den Brantas?

Indonesien, Plastik, Interview

Aktivist:innen dokumentieren vom Boot aus die illegale Einleitung von Fabrikabwässern in den Porong, einem Seitenarm des Brantas. © Ecoton Foundation, alle Rechte vorbehalten

Veränderung ist möglich, wenn wir Aufklärung und die notwendige Infrastruktur schaffen. Seit dem Jahr 2017 machen wir auf die Gefahren von Mikroplastik aufmerksam. Die Forschungsergebnisse werden von Jahr zu Jahr alarmierender. Wir haben Wasser aus Flaschen und Flusswasser untersucht, Fischmägen, menschliches Sperma und das Fruchtwasser schwangerer Frauen analysiert – überall fanden wir Mikroplastik. Deshalb können wir nur unsere Ernährung anpassen, zum Beispiel durch den Verzehr ballaststoffreicher Lebensmittel, die uns helfen, Mikroplastik aus dem Körper auszuscheiden. Wir sensibilisieren indonesienweit zum Thema Plastik. Dazu haben wir mit Schulen zusammengearbeitet und Kinder über die Gefahren von Plastik aufgeklärt. Viele Schulen haben Plastikverbote in Kantinen und bei Veranstaltungen eingeführt.

Und noch ein Beispiel: Unser Programm Dropo (Dropping Popok, Popok = Windel) hat in den Gemeinden entlang des Brantas spezielle Behälter für Windelabfälle aufgestellt – damit die Menschen eine Infrastruktur zur ordnungsgemäßen Abfallentsorgung nutzen können.

Übersetzung aus dem Englischen von: Miriam Stadler und Mirjam Overhoff

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  • Christiani Putri lebt in Berlin und Yogyakarta. Sie hat einen Master in Anglophone Modernities in Literature and Culture der Universität Potsdam und beschäftigt sich mit Gesellschaft, Kultur und Literatur in ihrer Heimat Indonesien.

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„Juristischer Druck kann etwas bewirken“

Kambodscha: Sowohl der formelle als auch der informelle Sektor sind mit der Müllentsorgung überlastet. Müll landet deshalb beinahe überall.

In ganz Südostasien haben Wirtschaftswachstum, zunehmender Tourismus und steigender Konsum zu einer enormen Menge Plastikmüll geführt. Auch Kambodscha hat mit diesem Problem zu kämpfen. Schätzungen des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen (UNDP) zufolge fielen in Kambodscha im Jahr 2022 rund 546.000 Tonnen Plastikmüll an, was einem Durchschnitt von 33 Kilogramm pro Person und Jahr entspricht – und damit deutlich über dem Pro-Kopf-Aufkommen an Plastikmüll als in Ländern mit mittlerem bis niedrigem Einkommen (8 bis 20 Kilogramm) im selben Jahr liegt.

Plastik gehört in Kambodscha zum Alltag. Von Lebensmitteln auf dem Markt über Essensbestellungen bis hin zu Bekleidung – die meisten Artikel werden in Plastik verpackt oder serviert. Allein in Phnom Penh werden dadurch täglich rund zehn Millionen Plastiktüten verbraucht.

In ländlichen Gebieten gibt es keine organisierte Müllentsorgung. Daher wird Plastikmüll verbrannt oder vergraben, oder er wird in Gewässern oder auf Grünflächen – oft am Straßenrand – ‚entsorgt‘. Städtische Zentren verfügen zwar über öffentliche Abfallentsorgungssysteme, aber diese können den Bedarf bei weitem nicht abdecken.

Mehr Plastikimporte als Verarbeitungskapazitäten

Laut Huot Hay, Vize-Gouverneur von Phnom Penh, fallen allein in Phnom Penh täglich etwa 4.200 Tonnen fester Abfall an, von denen 20 Prozent aus Kunststoff bestehen. Die Recyclingquote in Kambodscha liegt derzeit aber bei unter zwei Prozent, weil die lokalen Recyclingkapazitäten nach wie vor begrenzt sind. Allein die Menge an importiertem Kunststoff übersteigt die inländischen Verarbeitungskapazitäten.

Sowohl der formelle als auch der informelle Sektor sind mit der Müllentsorgung überlastet. Es gibt sowohl von der kambodschanischen Regierung als auch von Privatorganisationen immer wieder Initiativen, das Problem anzugehen. Doch meist sind sie von geringem Erfolg geprägt. Vor allem Privatinitiativen sind räumlich sehr beschränkt und in ihrer Wirkung überschaubar.

Die Bilder dieser Fotoserie wurden vom Autor auf Reisen durch das Land aufgenommen und sollen dokumentieren, welche Ausmaße die Verschmutzung genommen hat.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Einige dieser Bilder sind ab dem 15. August im Rahmen der Ausstellung „Together: Zero Plastic“ im Meta House in Phnom Penh zu sehen

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  • Christiani Putri lebt in Berlin und Yogyakarta. Sie hat einen Master in Anglophone Modernities in Literature and Culture der Universität Potsdam und beschäftigt sich mit Gesellschaft, Kultur und Literatur in ihrer Heimat Indonesien.

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„Juristischer Druck kann etwas bewirken“

Vietnam: Müllsammler:innen haben raue Arbeitsbedingungen. Dabei ist ihre Arbeit wichtig für den Umweltschutz. 

„Für ein zivilisiertes Vietnam trotz Abfall“, so die Vision. Abfallumwandlung, so die Mission. Die Sprache, der sich das Kunststoffrecyclingunternehmen VietCycle bedient, ist eine sehr pathetische: „Abfall wird oft als ‚Sünder der Umweltverschmutzung‘ bezeichnet, da ihm – anders als allem anderen im Universum – keine Wiedergeburt zuteilwurde. Er muss gerettet werden, er braucht einen Wandel im menschlichen Bewusstsein.“

Satte 64 Prozent vietnamesischer Waren werden in Plastik verpackt, obwohl das allgemeine Abfallwirtschaftssystem aufgrund fehlender Kapazitäten kaum funktional ist und diesem Ausmaß kaum standhalten kann. Einem Bericht des United Nations Development Programme nach jährlich etwa 2,9 bis 3,7 Millionen Tonnen Kunststoffabfälle, 35 Prozent werden verbrannt oder auf Deponien gebracht. Nur elf Prozent werden recycelt. 54 Prozent der Kunststoffabfälle landen einfach in der Umwelt. Vietnam gehört im weltweiten Vergleich zu den fünf größten Verursachern von Plastikmüll in den Ozeanen.

Sogenannte informelle Müllsammler:innen sind das Rückgrat des Abfallwirtschaftssystems. Sie machen die maßlosen Mengen an recyclebaren Materialien überhaupt erst ausfindig. Das Recyclingunternehmen VietCycle hat 2020 nach eigener Aussage ‚einen Wandel angestoßen‘. Es unterstützt die Arbeiter:innen – und poliert so das eigene Image auf.

Prekäre und zugleich allgegenwärtige Arbeit

Dafür hat das Unternehmen im August 2025 gemeinsam mit dem World Economic Forum die Kurzdokumentation (richtigerweise: das Werbevideo) „Invisible Warriors: The Force behind Viet Nam’s Plastic Action“ veröffentlicht. Darin werden zwei Frauen bei der Arbeit begleitet. Eine davon ist Nguyễn Thị Lành, seit 20 Jahren Müllsammlerin. Während Drohnen über ihr Plastikflaschen auf einem Plastikdach abfilmen, schiebt sie ihr Fahrrad durch enge und volle Straßen. Hinten auf ihrer blauen Arbeitsjacke steht „Kunststoffabfallrecycling“ und „The Plastic Reborn“. Jeden Morgen startet sie um sieben Uhr. Wenn sie mit dem Fahrrad nichts mehr transportieren kann, sortiert sie zuhause das Sammelsurium, um es anschließend an eine Wertstoffsammelstelle zu verkaufen.

Während die wenigen Sequenzen die unendlichen Dimensionen plastisch machen und die Schwere der Arbeit deutlich wird, besteht Nguyễn Thị Lành darauf, dass ihre Arbeit als gute Arbeit angesehen wird. Ihre Arbeit helfe, das Umfeld sauber und grün zu halten. So wie sie sind allein in Hanoi 10.000 Müllsammler:innen tätig. 90 Prozent des recycelbaren Plastiks werden durch sie aufgelesen und Recyclingunternehmen zur Verfügung gestellt. Auch die 75-jährige Nguyễn Thị Kênh gehört zu ihnen. Ihr graues Haar scheint durch ihren Dutt als sie sich den Nón Lá (vietnamesischer Kegelhut) aufsetzt. Ihre Schritte sind langsam, wirken gebrechlich. Ihre Motivation: Sie zieht ihre zwei Enkelkinder groß, deren Vater an Spielsucht erkrankt ist und deren Mutter sie verlassen hat. Nguyễn Thị Kênh verdient ein bis zwei Euro am Tag – gerade genug, damit die Kinder „essen und lernen können“.

Die Arbeiter:innen haben viele Namen. Mal werden sie nach dem Material, welches sie sammeln, benannt, wie ve chai (Flaschen) oder Đông nát (Kupfer). Manche nennen sie auch „Die Armee der Schrottsammler:innen“, „Umweltaktivist:innen“ oder wie in der genannten Dokumentation „Unsichtbare Kämpfer:innen“. Doch diese seit Jahrzehnten prekär ausgeführte Arbeit als unsichtbar zu bezeichnen, ist heuchlerisch. Bestätigen die vielen Artikel und Portraits über die Müllsammler:innen nicht eher, dass sie eben nicht unsichtbar sind, sondern vielmehr von der Gesellschaft nicht gesehen werden wollen?

Die Journalistin Nguyen Khánh Dương, die für eine Reportage in der Zeitung Vietnam News einige der Frauen bei der Arbeit begleitet hat, erzählt im Interview mit mir, dass sie dadurch „ein tieferes Verständnis für ihr Leben und die bisher unerzählten Facetten ihres Alltags“gewonnen hat. Sie sagt: „Nachdem ich ihre Entbehrungen kennengelernt habe, bringe ich ihnen (noch) mehr Respekt entgegen.“ Vielerorts fehlt es hingegen genau an diesem Respekt. Lương Thị Hoa, seit mehr als 30 Jahren Müllsammlerin, sagt, sie habe schon alles gesehen und gehört und sei mit allen möglichen Namen beschimpft worden. Dass sich vor allem Frauen diesem Alltag aussetzen, erklärt Hoa damit, dass Frauen Demütigungen besser ertragen könnten, während Männer dazu neigten, ein zu großes Ego zu haben.

Grüne Arbeit, green Socialwashing?

Im Rahmen des eigens initiierten Projekts „Green Warriors“ stattet VietCycle die Arbeiter:innen mit Arbeits- und Schutzkleidung aus und ermöglicht Fortbildungen, wie Materialkunde, Kompetenztraining und Finanzmanagement. Bessere Arbeitsbedingungen sind allerdings wohl kein Thema. Dang Nguyet Anh von National Plastic Action Partnership erklärt – in einer sauberen und hellen Umgebung sitzend – warum Angebote, die Frauen anzustellen, abgelehnt werden: „Viele wollen das nicht, sie wollen die Arbeit saisonal und in Teilzeit machen. Sie wollen sich frei darin fühlen, zu entscheiden, wann sie die Arbeit machen.“ Doch diese selbstständige Arbeit bedeutet: keine Krankenversicherung und keine Sozialleistungen.

Auch wenn sich VietCycle den Verdienst zuschreibt, das Ansehen der Müllsammler:innen grundlegend gewandelt zu haben, sind es die Frauen selbst, die die dringend benötigte Aufklärungsarbeit leisten. Sie gehen ihrer Arbeit nach, ohne sie schönzureden. Sie sind es, die in den Wohnvierteln unterwegs sind und mit Bewohner:innen über Wertstoffe sprechen. Sie machen wiederverwertbaren Müll als solchen erkennbar. Auf ihren Jacken prangt vorne das VietCycle Logo und daneben das Logo von Unilever, einem multinationalen Konzern, der die ‚Green Warriors‘ finanziert.

Unilever ist bekannt für Steuervermeidungstaktiken und für besonders umweltunfreundliche Verpackungen. Ein Bericht von Greenpeace aus dem Jahr 2023 führt aus: „Der Konsumgüterriese Unilever ist für den Verkauf von 1.700 hochgradig umweltschädlichen Plastik-Sachets pro Sekunde verantwortlich, was die Krise der globale Plastikverschmutzung verschärft und riesige Abfallmengen in Ländern des globalen Südens verursacht.”

Anerkennung und Umdenken

Nguyễn Đình Thọ, Vize-Chef des Instituts für Strategie und Politik für Landwirtschaft und Umwelt des Agrar- und Entwicklungsministeriums, erläutert gegenüber Việt Nam News, Plastikmüll habe die schädlichsten Auswirkungen auf die Umwelt und zugleich sei die Arbeit der Frauen immer noch viel zu unterbewertet und unterbezahlt. Er weist auf das Umweltschutzgesetz von 2020 hin, mit dem Unternehmen die Plastik herstellen oder verwenden durch Gebühren in die Verantwortung gezogen werden. Auch habe er die Hoffnung, dass die eingenommenen Mittel den Frauen zugutekommen.

Die International Alliance of Waste Pickers zeigt anlässlich des Internationalen Tags der Müllsammler:innen am 1. März 2026 ein existenzbedrohendes Problem auf: „In ganz Afrika und im asiatisch-pazifischen Raum sehen sich eine wachsende Zahl unserer Mitgliedsorganisationen mit der Schließung von Mülldeponien konfrontiert, ohne dass es einen Rahmen für einen angemessenen Umstieg gibt. In vielen Fällen werden Müllsammler:innen dadurch abrupt ihrer Lebensgrundlage beraubt und geraten noch tiefer in die Armut, ohne dass ihnen tragfähige oder menschenwürdige Alternativen bleiben. Verschärft wird diese ohnehin schon kritische Situation durch das nahezu vollständige Fehlen sozialer Absicherung für die Frauen und Männer, die nicht nur täglich darum kämpfen, ihre Familien zu ernähren, sondern auch unverzichtbare Umweltleistungen erbringen […] und den Lebenszyklus von Ressourcen verlängern“.

So stellt sich erneut die Frage, ob die informelle Freiberuflichkeit freiwillig ist. Fraglich ist auch, wie Vietnam sein Unterziel der Sustainable Development Goals (SDG), die Verringerung des Abfalls bis 2030 durch Vermeidung, Verminderung, Verwertung und Wiederverwendung, erreichen möchte.

Erste Schritte

Modellprojekte wollen Mülltrennung bereits in den Haushalten etablieren. In Zusammenarbeit mit der örtlichen Behörde Donre hat der World Wide Fund For Nature (WWF) am nördlichen Küstenstreifen Thanh Hóa untersucht, inwieweit „die getrennten Müllbestandteile im Markt aufgenommen werden, welche Absatzkanäle für den Kompost oder andere Wertstoffe existieren und sinnvoll genutzt werden können. Anschließend sollen spezielle Müllkarren mit getrennten Sammelbehältern beschafft werden, um von den Haushalten die einzelnen Wertstoff-Fraktionen getrennt einzusammeln. So wird die Menge des verbleibenden Restmülls deutlich reduziert und die neu geschaffenen Kapazitäten können dafür genutzt werden, die in der Landschaft herumliegenden Müllhaufen zu entfernen.“

Eigenverantwortliches Recycling kann einen Perspektivwandel anregen. Es kann die Arbeit der Müllsammler:innen schon im Vorfeld durch alle Gesellschaftsschichten greifbarer machen. Das brächte ihnen vielleicht mehr gesellschaftliche Anerkennung als die sprachliche Heroisierung ihrer Arbeit. Denn nur durch die unermüdliche Arbeit der Müllsammler:innen ist der verwertbare Müll überhaupt zur Ressource geworden.

VietCycle und Unilever haben auf mehrere Interview-Anfragen der Autorin leider nicht reagiert

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  • Christiani Putri lebt in Berlin und Yogyakarta. Sie hat einen Master in Anglophone Modernities in Literature and Culture der Universität Potsdam und beschäftigt sich mit Gesellschaft, Kultur und Literatur in ihrer Heimat Indonesien.

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„Juristischer Druck kann etwas bewirken“

Indonesien: Die Umwelt-Aktivistinnen Aeshnina Azzahra Aqilani und Daru Setyorini sprechen über Plastikverschmutzung und Verantwortung.

Dies ist Teil II des Interviews, hier geht’s zu Teil I

südostasien: Nina, du bist mit Umweltaktivismus groß geworden. Haben dich deine Eltern inspiriert?

Nina Azzahra Aqilani: Klar, unser Zuhause ist buchstäblich ihr Büro und ihr Engagement gehört zu unseren täglichen Gesprächen dazu. Seit meiner Kindheit bin ich mitten im ECOTON-Geschehen dabei. Meine Geschwister und ich haben mitgehört und selbst auch mitdiskutiert. Als ich klein war, war es allerdings schwierig für mich zu erklären, was meine Eltern beruflich machten – meine Eltern haben andere Jobs als die Eltern meiner Freund:innen.

Wenn wir über Plastikverschmutzung sprechen, sind alle gleichermaßen betroffen: Konsument:innen, Industrie und Regierung. Wer aber trägt die größte Verantwortung?

Nina: Es scheint, als ob die Welt von Kapitalist:innen beherrscht wird, die über Konsum und weltweite Wirtschaft entscheiden. Das frustriert mich. Es fühlt sich an, als könnten wir nichts tun. Die Konzerne sind gewinnorientiert und kümmern sich weder um die Menschen noch um den Planeten, sie denken nur an Profit und Gewinne. Gleichzeitig sind die Machthabenden oftmals Männer und nutzen diese Macht oder Stärke zur Zerstörung und Ausbeutung unserer Natur und Ressourcen. Sie stützen das Patriarchat – das ist so frustrierend!

Daru Setyorini: Ja, da stimme ich Nina zu, besonders was die Kunststoffproduktion aus der Ölindustrie betrifft. Kunststoff wird aus Rohöl hergestellt. Das ist eine nicht erneuerbare Ressource, gemischt mit giftigen Chemikalien, die ein sicheres Recycling unmöglich machen. Während des gesamten Lebenszyklus von Plastik, von der Produktion bis zur Deponierung oder Verbrennung, verunreinigen diese Chemikalien alles. Seit der Erfindung von Plastik wurden weltweit nur neun Prozent recycelt. Die restlichen 91 Prozent des Plastiks haben keinen sicheren Bestimmungsort und sind Kern des Problems.

Aus diesem Grund exportieren wohlhabende Nationen ihren Müll. Recycling ist teuer und in den Industrieländern gehen viele Recyclingunternehmen insolvent. So laden sie ihren Müll in unserem Land ab, weil wir keine strengen Umweltvorschriften haben. Recyclingunternehmen können hier ohne ordnungsgemäße Genehmigungen arbeiten, ungehindert Grundwasser entnehmen und Abfälle unbehandelt einleiten. Jedes Land sollte die Verantwortung für die Entsorgung seines eigenen Mülls übernehmen.

Ihr arbeitet eng mit den Gemeinschaften am Brantas-Fluss zusammen. Wie gehen die Anwohner:innen in ihrem Alltag mit Plastikmüll um? Welche Veränderungen seht ihr?

Nina: Die ältere Generation lebte in ihrer Kindheit ohne Plastik. Meine Großmutter wickelte Snacks in Bananenblätter oder kaufte Lebensmittel in Glasflaschen, die sie im Laden nachfüllte. Plastik als Verpackungsmaterial kam auf, als sie bereits erwachsen war. Es schien einfach praktischer zu sein. Aber diese Bequemlichkeit wurde zu einer Obsession. Jetzt verpackt meine Großmutter manchmal alles in Plastiktüten, ohne darüber nachzudenken.

Meine Generation denkt umgekehrt. Wir sind mit Plastik und Einwegartikeln aufgewachsen, aber wir sind auch mit dem Wissen um die Folgen groß geworden. Manche Menschen verschließen immer noch ihre Augen vor diesen Folgen. Doch es gibt auch die Mutigen: Die den Gebrauch von Einwegplastik reduzieren und sich für einen Zero-Waste-Lebensstil einsetzen, also ein Leben möglichst ohne Müll.

Daru: Junge Menschen sind aufnahmefähiger, aber wir müssen auch von älteren Generationen lernen. Da müssen wir langfristig einen Mittelweg finden. Zu Plastikalternativen können wir viel von älteren Generationen lernen, wie das Flechten von Körben aus Kokosnussblättern oder Bambus. In den tropischen Ländern haben wir viele natürliche Alternativen: Teakblätter, Pandanblätter, Bananenblätter.

Viele Länder haben bereits eine klare Haltung eingenommen: Ruanda hat Plastiktüten komplett verboten. In den Philippinen verwenden schon viele Geschäfte Papiertüten, Papierstrohhalme und Holzlöffel.

Wir unterstützen keine Biokunststoffe (zum Beispiel aus Maniok), da sie weiterhin Einwegartikel sind, die einmal benutzt und weggeworfen werden. Das ist reine Ressourcenverschwendung. Warum verwenden wir nicht einfach Bananenblätter? Wirf sie weg und sie kompostieren von selbst!

Nina, du hast Briefe an europäische Regierungen geschrieben und sie gebeten, den Plastikmüllexport nach Indonesien einzustellen. Welche Auswirkungen hatten eure Briefe?

Nina: Nachdem ich einen Brief an Angela Merkel geschrieben hatte, erhielt ich eine Einladung von der deutschen Botschaft in Jakarta. Wir reisten nach Jakarta und sprachen mit Botschaftsmitarbeiter:innen. Sie erklärten, das Plastikexportproblem läge im Hafen, mit fehlerhaften Kennzeichnungen beim Versand von Abfällen. Die Botschaft versprach, die Aufsicht in den Häfen zu verstärken. Berichten zufolge werden die Kunststoffexporte nun in andere Länder verlagert, nach Malaysia, Thailand und Vietnam. Das ärgert mich sehr.

Bei den INC-Verhandlungen im Jahr 2024 in Busan gab es bereits Pläne der EU, den Export von Abfällen in Nicht-OECD-Länder ab dem Jahr 2026 einzustellen. Ich schrieb direkt an den EU-Ausschuss und sie antworteten, dass ab November 2026 keine Abfälle mehr in Nicht-OECD-Länder exportiert würden. Das ist zumindest schon mal etwas.

Seid ihr optimistisch, dass die Plastikkrise in Indonesien in zehn Jahren gelöst ist? Was müsste sich bei der Regierung, der Industrie oder der Öffentlichkeit ändern?

Daru: Ich bin optimistisch. Die Krise lässt sich nicht ignorieren: der Erdrutsch auf der Mülldeponie Bantaran Gebang, Brände auf Deponien oder Schließungen durch Überlastung. Gleichzeitig steigen die Kunststoffpreise aufgrund des Iran-Israel-USA-Konflikts. Diese Katastrophen zwingen Regierungsvertreter:innen einzusehen, dass die Behandlung von Kunststoff als ‚normaler Abfall‘ das Problem niemals lösen wird. Enorme Summen wurden für die Abfallwirtschaft ausgegeben. Warum nimmt der Abfall dann nicht ab? Die Lösung liegt nicht in einer besseren Abfallwirtschaft. Die Lösung besteht darin, von vornherein weniger Abfall zu produzieren.

Immer mehr Städte führen bereits Vorschriften zur Einschränkung von Plastik ein. Am strengsten ist Bali, wo der Gouverneur den Verkauf von Mineralwasser in Flaschen unter einem Liter verbieten will. Das ist der richtige Weg, denn kleine Flaschen lassen sich am schwersten von Stränden, Flüssen und aus den Ozeanen sammeln. Wir müssen uns von Einwegartikeln verabschieden und zu einem wiederverwendbaren System übergehen. Notwendig sind Investitionen von Unternehmen, die eine Nachfüllkultur und nicht nur Recycling unterstützen.

Wie könnte das umgesetzt werden?

Daru: Dies muss durch die erweiterte Herstellerverantwortung (EPR – Extended Producer Responsibility) geschehen. Unternehmen erhalten eine Quote, wie viel Plastik sie herstellen dürfen, und müssen das Recycling des eigenen Abfalls finanzieren. In Zukunft könnten Geschäfte gesonderte Sammelboxen für Verpackungen anbieten. Das zieht jedes Unternehmen zur Verantwortung.

Eine Version dieses Systems existiert bereits in Europa. Allerdings gibt es eine Marke, die behauptet, ihr Abfall werde ordnungsgemäß verarbeitet. Aber wir haben auch ihre Verpackungen im Brantas gefunden. Das Unternehmen hat Dritte beauftragt, sich um ihren Müll zu kümmern – ohne Erfolgsgarantie. Das Wichtigste ist deshalb, dass Unternehmen Verantwortung für ihren Müll übernehmen und ein funktionierendes Entsorgungssystem etablieren. Ohne ein echtes, durchsetzbares System wird der Abfall weiterhin überall verstreut landen.

Nina, bist du so optimistisch wie deine Mutter?

Nina: Ich bin als Idealistin mit großen Träumen bekannt. Aber bei der Plastikkrise bin ich pessimistisch, selbst zehn Jahre reichen nicht aus. Es gab bereits Vorfälle auf Mülldeponien mit Toten – ohne Konsequenzen für die Machthabenden.

Jede:r Einzelne muss Verantwortung übernehmen. Auf dem Weg für eine bessere Zukunft spielt die Regierung eine Schlüsselrolle: Sie hat die Macht, unser Leben zu gestalten und muss die Grenzen der Ausbeutung kennen. Ich habe Angst. Wir sind Teil von Mutter Erde – wenn wir ihr schaden, schaden wir uns selbst.

Aber es gibt auch Grund zum Optimismus. Viele junge Menschen bilden derzeit Gemeinschaften. Sie wenden sich an die Regierung und drängen auf Veränderungen. Die Auswirkungen werden nicht sofort spürbar sein. Aber wenn wir gemeinsam handeln, ist Veränderung möglich.

Übersetzung aus dem Englischen von: Miriam Stadler, Mirjam Overhoff und Anica Peters

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„Juristischer Druck kann etwas bewirken“

Indonesien/weltweit: Eine ARD-Dokumentation begleitet vier Mädchen, die Klimakrise und Umweltverschmutzung den Kampf ansagen.

Ost-Java in Indonesien ist bekannt für seine fruchtbaren Böden, Vulkane und atemberaubende Natur. Doch die Landschaft ist heute vor allem durch ein anderes Phänomen geprägt: Plastikverschmutzung. Besonders gravierend ist es im Ort Bangun in Ost-Java, der Heimat von Aeshnina Azzahra, die wir auch für diese Ausgabe der südostasien interviewt haben. Sie ist eine der jungen Protagonistinnen des ARD-Dokumentarfilms „Kinder der Klimakrise“ aus dem Jahr 2021. Zum Zeitpunkt der Dreharbeiten ist sie zwölf Jahre alt. In ihrer Heimatstadt ist Müll ein ständiger, stiller Begleiter. Dort landet er nicht nur auf der Deponie. Er schwimmt im Wasser, befindet sich im Boden und in den Wäldern. Indonesien wird mit Abfall aus dem Ausland förmlich „bombardiert“, wie es im Film heißt. Darunter: Windeln, Schuhe oder Spielzeug, vor allem aus westlichen Ländern.

„Kinder der Klimakrise“ veranschaulicht, dass Umweltverschmutzung ein globales Problem ist. Das Anthropozän (vom Menschen geprägtes Zeitalter) hinterlässt seine Spuren auf der ganzen Welt: In Indien, wo die zwölfjährige Gagandeep Kaur unter der extremen Luftverschmutzung durch das illegale Abbrennen von Feldern leidet. In Senegal, wo die zum Zeitpunkt der Dreharbeiten 14-jährige Fatoumata Ka mit Wassermangel zu kämpfen hat. In Australien, wo sich die erst elfjährige Sabyah White dafür einsetzt, das Great Barrier Reef zu erhalten. So unterschiedlich die Probleme der Protagonistinnen erscheinen: Sie alle kämpfen gegen die Folgen der Klimakrise, einer Krise, die das kapitalistische Wirtschaftssystem immer weiter verschärft.

Illegale Plastikflut in Indonesien

So auch im indonesischen Bangun. Hier landet Müll aus aller Welt, denn: Die Papierfabrik in Banguns Nachbardorf kauft – wie viele Papierfabriken Indonesien – weltweit Papiermüll ein, um ihn zu recyceln. Darunter befindet sich jedoch absichtlich beigemischter, illegaler Plastikmüll, welcher weiter nach Bangun geschickt wird. Viele Bauern dort nennen sich mittlerweile ,Plastikbauern´. Sie durchsuchen den Plastikmüll nach verwertbaren Materialien und verkaufen diese. Was nicht verkäuflich ist, landet im Fluss oder als Brennstoff in Fabriken in der Nähe. Die stoßen wiederumgesundheitsschädlichen Rauch aus. Die Menschen leiden unter der Umweltverschmutzung und sind zugleich Teil des Teufelskreises. Besonders deutlich wird das in einer Szene zu Beginn des Films. Aeshnina spricht mit einer ,Plastikbäuerin´: Diese sagt, sie verdiene ihr Geld damit, den Müll zu sortieren. Es sei die einzige Einnahmequelle. Das Geld sei nötig, beispielsweise um Trinkwasser in Plastikflaschen zu kaufen, denn das Grundwasser in der Gegend ist durch die Giftstoffe aus dem Plastik verseucht ist.

Aeshnina hat früh erkannt, dass die Kinder des Globalen Südens besonders betroffen sind von den Folgen der Klimakrise. Doch statt sich der Ohnmacht der Erwachsenen zu fügen, will Aeshnina etwas verändern. Sie schreibt in einem Brief an den US-amerikanischen Präsidenten Donald Trump: „Nehmt euren Müll zurück.“ Zwar antwortet ihr der US-amerikanische Botschafter in Indonesien. Einen Lösungsvorschlag für das Müllproblem enthält das Antwortschreiben jedoch nicht. Doch so schnell lässt sich die junge Aktivistin nicht entmutigen.

Eine Zwölfjährige wehrt sich

Für eine Ausstellung an ihrer Schule sucht Aeshnina gemeinsam mit anderen Schüler:innen nach besonderen Fundstücken im Müll. Dabei findet sie sogar einen deutschen Personalausweis. Der kommt wie gerufen: Möglichst viele Schülerinnen und Schüler sollen eine Petition unterschreiben, die sie und ihre Mitstreiterinnen dem deutschen Botschafter übergeben möchte. Mit einem Megaphon motiviert sie die Menge. Schließlich fährt sie mit den Unterschriften und einem Brief an die deutsche Kanzlerin nach Jakarta, wo sie den deutschen Botschafter trifft. Sie gibt Interviews und tritt sogar im Fernsehen auf. In solchen Momenten lässt einen der Film vergessen, dass hier nicht eine erfahrene Politikerin oder Aktivistin vor der Kamera steht, sondern ein zwölfjähriges Mädchen.

Der Film hält uns in zweifacher Hinsicht den Spiegel vor: Er macht die Folgen unseres Lebensstils sichtbar, für die Umwelt und die Menschen in Ländern wie Indonesien, in denen unser Müll landet. Und er ruft dazu auf, Verantwortung zu übernehmen und zu handeln. Denn wenn ein zwölfjähriges Mädchen so viel erreichen kann, womit rechtfertigen wir dann unsere Untätigkeit?

Mitreißend und doch realistisch

Die Regisseurin Irja von Bernstorff legt den Fokus bewusst ausschließlich auf Kinder. Sie blendet Erwachsene bis auf wenige Ausnahmen fast vollständig aus. Aeshnina bestreitet ihre Arbeit scheinbar allein. Keine erwachsene Off-Stimme erklärt die Fakten, das tut Aeshnina selbst. Sogar die Synchronsprecherinnen sind Kinder. Aeshninas Geschichte ist mitreißend, weil sie authentisch wirkt. Das erreicht von Bernstorff, indem sie immer wieder Einblicke in Aeshninas Leben gibt: in ihren Schulalltag, beim Beten oder Erkunden der Natur. Der Film zeigt auch Rückschläge, Sorgen und die Ohnmacht, mit denen das Mädchen trotz ihrer Stärke zu kämpfen hat. Gerade weil es nicht einfach ist, gewinnt Aeshninas Engagement an Bedeutung. Um es mit ihren eigenen Worten auszudrücken: “Alle Kinder haben das Recht auf eine intakte Umwelt. Wir müssen tapfer sein und für unsere Rechte kämpfen.”

Rezension zu: Kinder der Klimakrise: 4 Mädchen, 3 Kontinente, 1 Mission. Regie: Irja von Bernstorff. 2021. 88 min. SWR, Radio Bremen

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  • Christiani Putri lebt in Berlin und Yogyakarta. Sie hat einen Master in Anglophone Modernities in Literature and Culture der Universität Potsdam und beschäftigt sich mit Gesellschaft, Kultur und Literatur in ihrer Heimat Indonesien.

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2 | 2026, Indonesien, Interviews,
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„Juristischer Druck kann etwas bewirken“

Indonesien: Bandung ruft zum zweiten Mal innerhalb von drei Jahren den Notstand aus. Der Grund: wachsende Müll- und Plastikberge in der Stadt.

„Jedes Mal, wenn ich durch diese Straße fahre und im Stau stehe, rieche ich den stinkenden Müll auf dem Gehweg in der Nähe des Kordon-Marktes“, berichtet Santi, eine Einwohnerin von Bandung. Besonders bei Regen sei der Geruch kaum auszuhalten. Der Kordon-Markt, ein traditioneller Markt in Bandung, verkauft tägliche Bedarfsartikel wie Obst, Gemüse, Reis und Mehl.

Rund um den Markt lagern Händler:innen und Anwohner:innen ihren Müll zwischen, weil die Abholung nur zu bestimmten Zeiten erfolgt. Allerdings: Die städtische Müllentsorgung ist überlastet. So berichtet ein Anwohner aus dem Osten Bandungs, dass sein Hausmüll inzwischen nur noch alle vier Tage statt wie früher alle zwei Tage abgeholt wird. Das hat Folgen.

Der Müllnotstand kehrt zurück

Am 14. Januar 2026 erklärte die Stadtverwaltung den Müllnotstand. Laut Bürgermeister Muhammad Farhan produziert Bandung inzwischen mehr als 1.500 Tonnen Müll pro Tag. Mit den anfallenden Haus- und Industrieabfällen ist die örtliche Mülldeponie überlastet, Lösungen für das Müllproblem sind bislang nicht in Sicht.

Bereits im Jahr 2023 hatte die Stadt Bandung erstmals offiziell den Müllnotstand ausgerufen. Ursache war ein Brand auf der Deponie Sarimukti, die normalerweise etwa 2.000 Tonnen Haus- und Industrieabfälle aufnehmen kann. Nach dem Feuer, das mehrere Tage wütete, stand jedoch nur noch rund die Hälfte der Kapazität zur Verfügung. Nachdem Feuerwehrkräfte den Brand unter Kontrolle gebracht hatten, hob die Stadtverwaltung den Notstand im Oktober 2023 wieder auf. Die Deponie kehrte jedoch nicht zu ihrer alten Kapazität zurück.

Bevölkerungswachstum als Ursache

Doch zu der überlasteten städtischen Müllentsorgung kommen weitere Ursachen, die das Müllproblem verschärfen. Dazu zählen steigende Müllmengen durch die Industrialisierung und das Bevölkerungswachstum. Bürgermeister Muhammad Farhan sieht darin einen wesentlichen Grund für die heutige Situation, denn: Je mehr Menschen in einer Stadt leben, desto größer werden Konsum, Ressourcenverbrauch und Abfallaufkommen.

Die historische Stadtentwicklung Bandungs hilft dabei, die Ursachen der heutigen Krise zu verstehen. Bandung wurde im Jahr 1448 gegründet und entwickelte sich später unter niederländischer Kolonialherrschaft zu einem bedeutenden urbanen Zentrum. In den 1930er-Jahren entwarf der Stadtplaner Thomas Karsten einen Entwicklungsplan, der eine erhebliche Erweiterung des Stadtgebiets vorsah und Platz für etwa 750.000 Einwohner:innen schaffen sollte.

Heute leben jedoch rund 2,6 Millionen Menschen in Bandung. Gleichzeitig verfolgt die Stadt das Ziel, sich zu einer modernen Metropole weiterzuentwickeln. Dieses Wachstum wirft die Frage auf, ob die vorhandene Infrastruktur, insbesondere im Bereich der Abfallentsorgung, überhaupt mit der Bevölkerungsentwicklung Schritt halten kann.

Alexander Victor, Jugendpastor der Maulana Yusuf Christian Indonesian Church in Bandung, betont, dass die Stadt mit diesem Problem nicht alleinsteht. Viele große Städte Indonesiens kämpfen mit ähnlichen Herausforderungen. Die fortschreitende Urbanisierung zieht immer mehr Menschen in die Städte, wodurch das tägliche Müllaufkommen kontinuierlich steigt und die Deponien zunehmend an ihre Grenzen geraten.

So funktioniert die Müllentsorgung

In den Wohngebieten Bandungs organisieren lokale Nachbarschaftsorganisationen zunächst die Müllsammlung. Das ist keine Besonderheit der Region, sondern im gesamten Land ein übliches Verfahren. Die Haushalte zahlen monatliche Gebühren, damit ihr Müll eingesammelt und zu temporären Sammelstellen im Wohngebiet gebracht wird. Von dort übernehmen kommunale Dienste den Weitertransport zur Deponie Sarimukti. Da Bandung nahezu vollständig von der Deponie abhängig ist, führen Kapazitätsprobleme unmittelbar dazu, dass der Müll in Wohngebieten liegen bleibt und sich dort ansammelt.

Besonders problematisch ist der hohe Anteil von Plastikmüll. Nach Angaben der Umweltbehörde von Bandung bestehen etwa 16,7 Prozent des täglichen Hausmülls aus Kunststoffabfällen. Ein Großteil davon stammt aus Einwegverpackungen wie Portionsbeuteln oder Sachets, Getränkeflaschen und Verpackungen für Einkäufe des täglichen Bedarfs.

Zusätzlich erschwert das Verhalten vieler Haushalte die Situation. Sie trennen die Abfälle häufig nicht, was die Weiterverarbeitung in Sammelstellen und Deponien deutlich komplizierter macht. Bürgermeister Farhan sieht deshalb auch eine Mitverantwortung bei der Bevölkerung.

Gibt es Lösungen?

Um der Entwicklung entgegenzuwirken, startete die Stadt Bandung bereits 2018 das Programm „KANG PISMAN“. Der Name steht für „Kurangi, Pisahkan, dan Manfaatkan“, also „Reduzieren, Trennen und Nutzen“. Ziel ist es, die Bevölkerung dazu zu motivieren, weniger Müll zu erzeugen, Abfälle zu trennen und wiederverwertbare Materialien weiter zu nutzen.

Jugendpastor Victor betrachtet das Programm als einen vielversprechenden Ansatz für städtische Haushalte. Ergänzt wird es durch weitere Maßnahmen wie Maden-/Wurmfarmen zur Verarbeitung organischer Abfälle sowie Schulungen von Mitarbeitenden, die Haushalte bei der Mülltrennung unterstützen.

Nina Fitriana, Abgeordnete im Stadtparlament Bandungs, sieht bislang keine ausreichenden Erfolge und äußert sich kritisch. Die Programme seien sinnvoll, könnten aber die begrenzte Kapazität der Deponien nicht ausgleichen. Die Müllmengen wachsen weiterhin schneller als die Möglichkeiten ihrer Entsorgung. Die Situation sei inzwischen so ernst, dass nicht nur die Stadtverwaltung sie offiziell als Müll- und Plastiknotstand anerkannt habe, sondern auch die nationale Regierung Unterstützung zugesagt habe.

Die Bedeutung der Bürger:innenbeteiligung

Sowohl Victor als auch Fitriana betonen die entscheidende Rolle der Bürger:innenbeteiligung. Trotz Kritik und wissend um strukturelle Ursachen sind beide überzeugt, dass langfristige Verbesserungen nur möglich sind, wenn die Menschen ihren Müll trennen und verantwortungsvoller mit Ressourcen umgehen.

Victor nutzt seine Arbeit in der Kirche, um das Bewusstsein für Umwelt- und Abfallthemen zu stärken. Durch Predigten und kirchliche Projekte versucht er, nachhaltiges Verhalten im Alltag zu fördern.

Fitriana setzt sich auf politischer Ebene für bessere Rahmenbedingungen ein. Gleichzeitig fordert sie mehr öffentliche Aufklärung und Maßnahmen, um die Eigenverantwortung der Bürger:innen zu stärken. Dazu gehören auch bessere Sammelsysteme und ausreichend Möglichkeiten zur Mülltrennung in Wohngebieten.

Handlungsbedarf in Bandung

Weder technische Lösungen noch politische Maßnahmen allein werden ausreichend sein, um den Müllbergen die Stirn zu bieten. Notwendig sind Investitionen in die Infrastruktur, wirksamere Programme zur Müllvermeidung und vor allem eine aktive Beteiligung der Bevölkerung. Nur wenn Regierung, lokale Gemeinschaften und einzelne Bürger:innen gemeinsam handeln, kann Bandung die Herausforderungen durch Haus- und Plastikmüll langfristig bewältigen.

Übersetzung aus dem Englischen von: Lilli Breiniger und Anica Peters

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  • Christiani Putri lebt in Berlin und Yogyakarta. Sie hat einen Master in Anglophone Modernities in Literature and Culture der Universität Potsdam und beschäftigt sich mit Gesellschaft, Kultur und Literatur in ihrer Heimat Indonesien.

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2 | 2026, Indonesien, Interviews,
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„Juristischer Druck kann etwas bewirken“

Philippinen: Eine Fotostory über Wegwerfgesellschaft und Müllkrise

Die Philippinen gelten als eines der Epizentren der globalen Plastikkrise. Jedes Jahr fallen auf dem Archipel mehr als 2,7 Millionen Tonnen Plastikmüll an. Die Auswirkungen sind in den Städten ebenso sichtbar wie entlang der Küsten des Landes. Als Inselstaat mit mehr als 7.000 Inseln sind Flüsse, Küsten und Meere zentrale Lebensräume. Die Gewässer sind zugleich besonders anfällig für die Folgen der Plastikverschmutzung. Schätzungen zufolge gelangen davon etwa 20 Prozent in Flüsse und Meere.

Plastik ist aus dem philippinischen Alltag allerdings kaum wegzudenken. Besonders verbreitet sind sogenannte Sachets – kleine Einwegverpackungen für Shampoo, Kaffee, Gewürze oder Waschmittel. Händler bieten die Sachets in sogenannten Sari-Sari-Stores an. Das sind kleine Läden und Kioske. Die Sachets ermöglichen Menschen mit geringem Einkommen den Kauf kleiner Produktmengen, erzeugen jedoch enorme Müllmengen. Nach Angaben der Weltbank werden auf den Philippinen täglich rund 163 Millionen Sachets verbraucht.

Die Fotografien dieser Serie sind im Jahr 2026 entstanden, auf Reisen in Mindanao. Sie zeigen keine außergewöhnlichen Orte, sondern alltägliche Bilder: Straßenränder, Flussufer, Küsten und Wohngebiete. Die Bilder dokumentieren, wie tief Plastikmüll inzwischen in den Alltag eingeschrieben ist – und wie eng die Müllkrise mit Fragen von Infrastruktur, Konsum, Armut und globaler Verantwortung verbunden ist.

Müllberge überfordern die Städte

Während die Wirtschaft wächst und der Konsum zunimmt, geraten die Abfallsysteme vielerorts an ihre Grenzen. Größere Städte verfügen zwar über Müllabfuhrsysteme, diese sind allerdings oft überlastet. In vielen Städten gehören Plastikbeutel, Einwegbecher und Verpackungen daher längst zum Straßenbild. Das betrifft etwa die Metropolregion Metro Manila, aber auch Cagayan de Oro auf der Insel Mindanao, die Stadt Cebu City auf der gleichnamigen Insel oder Baguio auf der Insel Luzón.

Besonders sichtbar wird das Problem in Metro Manila. Der Pasig-Fluss (häufig Pasig River genannt), der durch die Metropolregion in die Manila-Bucht (häufig Manila Bay genannt) fließt, zählt seit Jahren zu den weltweit bedeutendsten Einfuhrwegen für Plastikmüll ins Meer. Eine Studie schätzt den jährlichen Plastikeintrag des Flusses auf knapp 39.000 Tonnen. Konkret bedeutet das zum Beispiel: An einer Pumpstation des Flusses in Metro Manila müssen täglich rund zwei Tonnen Abfall aus dem Wasser entfernt werden. Zeitweise war die Pumpstation trotzdem mit Müll verstopft. Während der Regenzeit verschlimmern Überschwemmungen die Situation zusätzlich. Die Wassermassen spülen große Mengen an Müll aus den Straßen, Kanälen und informellen sowie formellen Deponien in Flüsse und schließlich ins Meer.

In ländlichen Regionen fehlt die öffentliche Abfallbewirtschaftung

Außerhalb der städtischen Zentren spielt der informelle Recyclingsektor eine zentrale Rolle bei der Abfallbewirtschaftung. In ländlichen Regionen und informellen Siedlungen fehlt eine regelmäßige Abfallsammlung häufig ganz. Betroffene behelfen sich notdürftig, indem sie den Müll verbrennen, vergraben oder in Flüssen, Kanälen und an Straßenrändern entsorgen. Tausende Müllsammler:innen, Schrotthändler und sogenannte Junk Shops sammeln und sortieren verwertbare Materialien. Doch insbesondere mehrschichtige Verpackungen und Sachets besitzen kaum Marktwert und werden deshalb selten recycelt. Nach Angaben der Weltbank wurden 2019 lediglich rund 28 Prozent der wichtigsten Kunststoffarten recycelt.

Welche Maßnahmen gibt es?

Die philippinische Regierung hat das Problem in den vergangenen Jahren erkannt. Sie hat landesweit verschiedene Maßnahmen zur Bekämpfung der Plastikverschmutzung beschlossen, darunter Regelungen zur erweiterten Herstellerverantwortung (Extended Producer Responsibility). Auch zahlreiche Gemeinden, Umweltorganisationen und Bürgerinitiativen engagieren sich gegen die Vermüllung. So haben Betroffene beispielsweise schon einige Recyclinginitiativen erfolgreich gestartet. Dennoch bleibt die Herausforderung enorm. Das Wachstum von Konsum und Verpackungsmüll übersteigt vielerorts weiterhin die Kapazitäten der bestehenden Entsorgungs- und Recyclingsysteme.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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2 | 2026, Indonesien, Interviews,
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„Juristischer Druck kann etwas bewirken“

Südostasien/Europa: 2019 machte Greenpeace mit Aktionen weltweit auf die Plastikverschmutzung aufmerksam. Doch die Plastikkrise hält an.

In Manila, in Rotterdam, in Köln und in Basel positionierten Aktivist:innen der Nichtregierungsorganisation (NGO) Greenpeace im März 2019 bunte Plastikmonster. Das Ziel: Auf die weltweite Verschmutzung durch Plastik aufmerksam machen, und zwar auch dort, wo die Profiteur:innen der Plastikkrise sitzen.

Der europäische Teil der internationalen Greenpeace-Kampagne richtete sich deshalb mit der Aktion „Ship it back“ (dt.: Schiff es zurück) an jene Unternehmen, die einen Großteil des Plastikmülls produzieren – beispielsweise Unilever oder Nestlé. In den Philippinen beteiligte sich Greenpeace Philippines mit dem Projekt „Ship The Plastic Monster Back“ (dt.: Schiff das Plastikmonster zurück) an der Aktion. Mit dem Greenpeace-Schiff Rainbow Warrior III segelten Aktivist:innen durch die Gewässer des Archipels.

Plastikkrise: 2019 und heute

Gut sechs Jahre nach der Greenpeace-Kampagne von 2019 ist die Frage weiter aktuell, wer die Verantwortung für die Plastikkrise trägt. Zahlen und Berichte zeigen: Der Müll ist trotz strengerer Gesetzgebung und Absichtserklärungen von Unternehmen, Einwegplastik zu reduzieren, nicht weniger geworden. Dazu kommt: Wohlhabende Industrienationen bürden Ländern des Globalen Südens ihre eigene Müllproblematik durch Müllexporte auf.

Ab dem 21. November 2026 wird sich auf der politischen Ebene etwas ändern: Die EU-Verpackungsverordnung (PPWR) tritt in Kraft. Damit gelten strengere Regeln für die Recyclefähigkeit von Plastikmaterialien sowie für deren Ein- und Ausfuhr. Die Verordnung gilt zunächst bis zum 21. Mai 2029. Was sie bewirken kann, bleibt abzuwarten. In der südostasien blicken wir anlässlich der neuen EU-Verordnung auf die Aktionen aus dem Jahr 2019 zurück.

Im Interview mit der südostasien berichtete Manfred Santen im Jahr 2019 von den Auslösern, die zur Idee der ‚Plastikmonster ’ führten. Santen ist Chemieexperte bei Greenpeace Deutschland und als Koordinator der Kampagne in Deutschland an der Aktion beteiligt. Es reiste aber selbst auch in die Philippinen und nach Malaysia. Vor Ort unterstütze er Kolleg:innen bei Aktionen gegen die Plastikverschmutzung.

Die Verantwortung der Unternehmen

Bereits im Jahr 2017, also zwei Jahre vor der Müllmonster-Aktion, organisierte Greenpeace Deutschland gemeinsam mit der Umweltorganisation Break free from Plastic – Philippines ein Küstenreinigungs-Projekt auf der Freedom Island vor Manila. Die Aktivist:innen fanden bestätigt, was ohnehin schwer zu übersehen ist: „In der Manila Bay (dt.: Manila-Bucht) ist das globale Plastikproblem extrem sichtbar. Plastikmüll türmt sich besonders an Orten ohne geregelte Müllentsorgung regelrecht auf“, sagte Santen. Die Umweltschützer:innen dokumentierten, welche Markenverpackungen ihnen am häufigsten begegneten: „Wir haben 54.000 Plastiktütchen nach Marken aufgelistet und eine Rangliste erstellt: Die multinationalen Konzerne Nestlé, Unilever und Procter & Gamble (kurz: P&G) lagen auf den ersten Plätzen“, sagte Santen. Weitere europäische, US-amerikanische und philippinische Marken seien zudem vertreten gewesen.

Die Folgen der Plastikverschmutzung sind verheerend für Mensch und Natur. Insbesondere nicht-recycelbares Plastik belastet die Ökosysteme, denn Plastik verrottet nicht: Laut Expert:innen sind Mikroorganismen nicht in der Lage, Kunststoffe vollständig zu zersetzen, es ist biologisch nicht abbaubar. Die Folge: Mikroplastikpartikel werden kontinuierlich kleiner, verschwinden aber nicht. Lagert das Material auf Deponien, wird es von Wind und Regen im Laufe der Zeit weitergetragen. Expert:innen beobachten, dass sich Kunststoffteile und -partikel weltweit anreichern, etwa an Stränden, in Meeresstrudeln und in Böden. „Wir haben Boden- und Wasserproben aus der Manila Bay entnommen und den reinsten Chemikaliencocktail vorgefunden“, sagte auch Santen.

Zu den Einwegkunststoffprodukten gehören zahlreiche Produkte des Alltags, wie kleine Verpackungsgrößen (Sachets), Wattestäbchen, Einweggeschirr, Strohhalme und Plastiktüten. Verbraucher:innen, die diese Produkte kaufen, haben oft keine andere Alternative. Die Verantwortung sehen Umweltschützer:innen daher bei den produzierenden Unternehmen. „Wir sehen in der Reduzierung von Einwegplastik den dringendsten Handlungsbedarf, der kein Abwarten mehr duldet“, betonte Santen. „Gemeinsam mit Break free from Plastic anderen NGOs wie Global Alliance for Incinerator Alternatives (GAIA) oder der Mother Earth Foundation wollten wir aktiv werden“, sagte Santen. Also: „Den großen Plastikmüllproduzent:innen ihren Müll zurückbringen – ship it back“.

Aktionen in den Philippinen und in Europa

In Europa schickten die Umweltschützer:innen ein aus Plastik gebautes Monster auf dem deutschen Greenpeace-Schiff Beluga II den Rhein hoch. „Den Startpunkt an der Mündung zum Meer haben wir bewusst in Rotterdam an der Unilever-Zentrale gewählt“, sagte Santen. Die niederländischen Greenpeace-Gruppen organisierten einen Rave mit hunderten Leuten und setzten das Plastikmonster mehrere Tage in Szene. In Köln informierte Greenpeace Deutschland drei Tage mit Musik und Vorträgen über die Kampagne – und natürlich fuhr auch hier das Plastikmonster den Rhein hoch. In Basel fand ein Festival zum Thema Plastik statt. „Vevey am Genfer See war unser Ziel, da dort die Firmenzentrale von Nestlé liegt“, sagt Santen. Die Firmenleitung räumte schließlich ein, dass Recycling allein nicht die Lösung des Problems sein kann. „Aber außer den Absichtserklärungen, in Zukunft die Ware mit weniger Plastik zu verpacken, ist aus der Nestlé-Zentrale keine haltbare Aussage gekommen“, sagte Santen.

„In den Philippinen haben wir uns auf Aktionen mit der Rainbow Warrior III in der Manila Bay und auf die Tour von Manila bis nach Cebu City konzentriert“, sagt Santen. Die Manila Bay veranschauliche, wie gravierend die Folgen der Plastikverschmutzung in den Philippinen sind. Quer durch die Manila Bay fahren mehrmals am Tag riesige Schiffe mit Plastikmüll von einer zur anderen Seite der Bucht, wo die Mülldeponie liegt. Wenn starke Winde über die Bucht hinwegfegen, fliege der Müll direkt ins Meer.

Nicht weit von Manila liegt die Isla-Verde-Passage, eine Meerenge zwischen den Inseln Luzon und Mindoro. Es ist eines der artenreichsten Unterwassergebiete weltweit. „Unser Team hat die Schönheit dieser Unterwasserwelt erkundet und die Plastikverschmutzung unter Wasser dokumentiert“, sagt Santen. „Wir haben die große Artenvielfalt und Korallenriffe bestaunt. Aber wir waren auch frustriert, da unter Wasser kleine bunte Tütchen von Nescafé, Maggie und anderen auf dem Meeresboden lagen und schwammen“, berichtet Santen weiter. Für die Natur und auch für den Tourismus sei die Müllverschmutzung im Meer fatal, denn der Müll bleibe und verschwinde nicht.

Recyclen ist gut, Plastik reduzieren besser

Die Plastikverschmutzung ist ein weltweites Problem. „Global gesehen werden weniger als 10 Prozent des Plastikmülls recycelt“, sagte Experte Santen. Rund 12 Prozent würden verbrannt und deutlich über 70 Prozent landeten auf wilden oder schlecht kontrollierten Deponien, führte der Experte im Interview 2019 aus. Für die Bundesrepublik sahen die Zahlen ähnlich aus: „In Deutschland wird ein Großteil des Plastikmülls in Verbrennungsanlagen verbrannt“, sagte Santen. Die deutsche Recycling-Quote liege bei etwa 25 Prozent. Gut die Hälfte des Plastikmülls werde verbrannt. Das restliche Viertel des Plastikmüll verschwinde auf heimischen Deponien – oder im Export: „Plastikmüll wird nach Südostasien, beispielsweise nach Malaysia, Indonesien oder Thailand exportiert“, sagte Santen.

Laut der NGO Naturschutzbund Deutschland (Nabu e.V.) exportierte Deutschland im Jahr 2025 insgesamt rund 813.000 Tonnen Plastikabfälle. Damit sind über zehn Prozent des insgesamt in Deutschland erzeugten Kunststoffmülls im Ausland gelandet. Knapp 200.000 Tonnen davon gingen nach Malaysia, Indonesien und Vietnam. Offiziell soll der Müll dort recycelt werden – und so fließt das exportierte Plastik statistisch sogar in die deutsche Recyclingquote ein. Doch in den Zielländern sind die Recyclingkapazitäten für den zusätzlichen Müll nicht vorhanden und die Kontrollen nicht streng genug. Die Folge: Der Müll verschmutzt die Umwelt vor Ort.

Exportschlager Plastikmüll am Beispiel Malaysia

Greenpeace hat im Jahr 2018 den Report ,The Recycling Myth´ veröffentlicht (siehe Interview mit Greenpeace Malaysia in dieser Ausgabe). Greenpeace-Experte Santen war in Malaysia vor Ort und kannte den Bericht. „Trotzdem war ich überrascht, wie viel deutscher Abfall auf den Mülldeponien lag“, berichtete Santen. Er sei auf einen hohen, unsortierten Müllberg geklettert. „Wir fanden 50 verschnürte Ballen Haushaltsmüll ausschließlich mit deutschen Etiketten“, sagte Santen.

Greenpeace-Experte Santen beschreibt den Export-Prozess für Malaysia im Interview 2019 : Der deutschen Haushaltsmüll werde zu Ballen gepresst und Richtung Asien verschifft. Da China seit dem Jahr 2018 Müllimporte in die Volksrepublik größtenteils unterbunden hat, gelangt noch mehr deutscher Müll in südostasiatische Länder wie Malaysia, Indonesien und Vietnam. Dort verarbeiten Unternehmen verwertbare Materialien und verkaufen sie weiter. Was nicht verwertbar ist, bleibt und häuft sich auf Müllkippen vor Ort an. Beispielsweise Verpackungen, in denen recycelbare und nicht-recycelbare Kunststoffe verbunden sind: „Ich habe Verpackungen europäischer Unternehmen gesehen, die wegen des dreilagigen Materials und eingesteckter Strohhalme nicht weiterverwertet waren“, sagte Santen.

Das Unternehmen, dessen Verpackungen Santen 2017 in Malaysia fand, arbeitet laut eigener Webseite daran, dass bis zum Jahr 2030 im Einklang mit der EU-Direktive „nahezu alle Verpackungen vollständig recycelbar sind“ . Gleichzeitig erweitert das Unternehmen seine Produktpalette und baut neue Produktionsstandorte. Umwelt-Aktivist:innen dürften ein anderes Verständnis von unternehmerischer Umweltverantwortung haben.

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„Juristischer Druck kann etwas bewirken“

Menschen und Umwelt leiden, wenige profitieren: Die Doku „The Story of Plastic” beleuchtet die Ursachen der globalen Plastikmüllkrise

„Today will be a better day for a lot of people, simply because of a material we call plastic”, sagt eine Werbestimme aus dem Off (dt.: Heute wird für viele Menschen ein besser Tag sein, einfach wegen eines Materials, das wir Plastik nennen). Auf dem Bildschirm sieht man währenddessen Personen, die in Plastikmüllbergen graben. Die ersten Sequenzen des preisgekrönten Films „The Story of Plastic“ (dt.: Die Geschichte des Plastik) der US-amerikanischen Dokumentarfilmerin Deia Schlosberg von 2019 erzielen Wirkung. Sie zeigen eindrücklich den Wandel des einst vermeintlichen Wundermaterials hin zu einem Umweltproblem nie dagewesenen Ausmaßes. Der Schnitt wechselt von nostalgisch wirkenden Werbeclips, die die Fortschrittlichkeit von Plastik loben, hin zu Szenen starker Umweltverschmutzung. Damit gibt Schlosberg bereits einen Hinweis auf die Kernaussage ihrer Dokumentation: Plastik ist kein isoliertes Abfallproblem einzelner Personengruppen oder Orte. Vielmehr ist die Plastikmüllkrise das Ergebnis weltweiter politischer und wirtschaftlicher Entscheidungen und Entwicklungen.

Globale Zusammenhänge der Plastikproduktion

Schlosberg begleitet unterschiedliche Akteur:innen entlang der globalen Wertschöpfungskette von Kunststoff. Zu Wort kommen Umweltorganisationen, Bürgerinitiativen und direkt Betroffene – etwa Anwohner:innen, deren Straßen in direkter Nähe zu einer Müllverbrennungsanlage liegen. Die Dokumentation begleitet ihre Protagonist:innen zu Fracking-Anlagen in den USA sowie zu Müllhalden und Recyclinganlagen in Indien und Ländern Südostasiens (Fracking: Methode zur Förderung von Erdgas und Erdöl aus tiefen Gesteinsschichten. Fracking ist mit erheblichen Umweltrisiken und Umweltzerstörung verbunden). So vermittelt der Film ein vollständiges Bild der globalen Plastikwertschöpfungskette und ihrer Folgen. „Die Plastikkrise beginnt nicht erst, wenn das Plastik ins Meer gelangt“, sagt etwa Carroll Muffet, Geschäftsführer der Stiftung für internationales Umweltrecht (Foundation for International Law for the Environmental) im Film. „Sie beginnt bereits, wenn das Öl und das Gas die Bohrlochquelle verlassen: Und sie bleibt auf jedem Schritt dieses Weges ein Problem“, sagt Muffet.

Plastikmüll: nur ein Problem schlechter Entsorgung?

Plastikhersteller haben sich lange aus der Verantwortung gezogen, wenn es um die langfristigen Umweltfolgen ihrer Produkte ging. Die Unternehmen verbreiteten die Idee, Plastikmüll und Umweltverschmutzung seien die Folge schlechten Abfallmanagements. Der Film zeigt ein anderes Bild: Dokumentarfilmerin Schlosberg zeichnet nach, dass die weltweite Plastikkrise eng verbunden ist mit einem Wirtschaftssystem, dass auf stetiges Wachstum setzt. Unternehmen sollen immer mehr Kunststoff produzieren. Denn: Die meisten Kunststoffe bestehen aus fossilen Rohstoffen wie Erdöl und Erdgas. Somit haben mächtige Industrien, wie Öl- und Gasfirmen, ein grundlegendes Interesse an einer hohen Plastikproduktion und -nachfrage. Zunehmende Umweltverschmutzung und Müllberge sind die Folge, für die weder die Produzenten noch die Rohstofflieferanten Verantwortung übernehmen.

Die angebliche Wunderwaffe: Recycling

Weltweit kämpfen Länder mit den Ausmaßen der Plastikmüll-Krise. Recycling gilt als Lösung für das Müllproblem. Praktisch, denn falls das zutrifft, könnten Unternehmen weiter Plastik produzieren und Verbraucher:innen weiter Plastik konsumieren. Stark vereinfacht würde es bedeuten: Wer den Müll korrekt trennt, löst das Problem. Schuld an der Müllkrise haben in dieser Logik diejenigen Verbraucher:innen oder Ländern, bei denen alles in einem Müllsack oder gar auf der Straße landet.

Schlosberg deckt hingegen auf, dass es nicht ausreicht, das Plastikproblem mit Recycling zu bekämpfen. Nicht nur ist Recycling mit enormen Kosten verbunden, und die tragen meist nicht die Hersteller. Das größere Problem ist: Ein Großteil des Plastiks kann gar nicht recycelt werden. Tiza Mafira, eine Aktivistin aus Indonesien, sagt:

„Viele der Einwegkunststoffe, die unseren Planeten verschmutzen, werden nur ein einziges Mal verwendet und bleiben dann für immer bestehen. Sie bestehen aus einem Material, das praktisch ewig hält. (…) Was mich am meisten frustriert ist, dass die Industrie die Vorstellung verbreitet, dies alles sei lediglich eine Folge schlechten Abfallmanagements. Nach dem Motto: Der Müll ist nur deshalb da, weil die Regierungen nicht genug Geld in eine ordnungsgemäße Abfallwirtschaft investieren. Doch damit lenken sie von der eigentlichen Wahrheit ab. Die Wahrheit ist, dass es keine Möglichkeit gibt, diese Abfallmengen wirklich zu bewältigen. Dieses System ist gar nicht darauf ausgelegt, bewältigt zu werden.“

Vom Recycling zum Reduzieren

„The Story of Plastic“ zeigt so, dass die Müllkrise auch eine Krise struktureller Ungleichheit ist: Auf der einen Seite die Unternehmen, die von der steigende Produktion profitieren. Auf der anderen Seite die Gemeinschaften überall auf der Welt, die mit den Folgen der Vermüllung leben müssen. Wer die Plastikkrise lösen will, muss deshalb auch Fragen der Umweltgerechtigkeit im Blick behalten. Die Dokumentation hilft dabei, indem sie zeigt, wie eng ökologische Probleme mit wirtschaftlichen und politischen Interessen verflochten sind.

Der Film fordert: Politische Debatten müssen dazu führen, dass Unternehmen weniger Plastik, insbesondere weniger Einwegplastik produzieren. Umweltrechts-Experte Muffet sagt direkt an die Zuschauer:innen gewandt in die Kamera: „(…) setzen Sie sich dafür ein, die Subventionen für fossile Brennstoffe abzuschaffen. Machen Sie die Unternehmen für die Auswirkungen ihrer Produkte über den gesamten Lebenszyklus hinweg verantwortlich.“

Das Statement des Films ist klar: Die Ursache des Problems liegt nicht in den Müllbergen am Straßenrand. Verantwortlich sind Entscheidungsträger:innen in Wirtschaft und Politik, deren Prioritäten die Plastikkrise verstärken. Sie müssten selbst Verantwortung übernehmen oder die Profiteur:innen zur Verantwortung ziehen. Denn nur gemeinsam können Manager:innen, Politiker:innen, Verbraucher:innen, Aktivist:innen, Expert:innen und direkt Betroffenen die Plastikkrise bewältigen.

„The Story of Plastic“ ist ein politisches Statement

Die Stärke des Films liegt in seiner konsequent globalen Perspektive. Schlosberg legt den Fokus nicht auf das Offensichtliche – die Umweltverschmutzung durch Plastikmüll. Stattdessen zeigt sie dem Publikum die Ursachen der Plastikverschmutzung und die Entwicklung hin zu einer veritablen Plastikmüllkrise. Der Film behandelt mehr als nur Müll. Er zeigt die Folgen eines weltweiten Wirtschaftssystems, von dem wenige Mächtige profitieren, während viele unter den Folgen leiden.

Kritisch anzumerken ist der einseitige Schwerpunkt des Films, denn es geht vor allem um Einwegplastik. Es finden kaum Stimmen aus der Plastikindustrie Gehör, was argumentativ einseitig wirken könnte. Schlosberg verzichtet auf Marketing-, Lobby- und Branchenverbände aus der Plastikindustrie. Es geht ihr nicht darum, unterschiedliche Sichtweisen in ausgewogenem Verhältnis zu erfassen. Der Vorteil: Auf diese Weise gelingt ihr eine Darstellung, die inhaltlich stark verdichtet und in die Tiefe geht. Sie legt den Fokus auf das Problem und lässt keine Relativierung zu. Dem Publikum gibt sie so die Chance, tief in die Materie einzutauchen und das Ausmaß der Plastikverschmutzung zu verstehen. Ihr Film ist deshalb durchaus auch als politisches Statement zu verstehen.

Die Dokumentation ist mit Untertiteln in bis zu 30 Sprachen einem internationalem Publikum zugänglich. Besonders für Menschen, die sich mit Themen der nachhaltigen Entwicklung und mit globalen Zusammenhängen von Umweltverschmutzungen beschäftigen wollen, bietet die Dokumentation interessante Denkanstöße.

Rezension zu: The Story of Plastic. Regie: Deia Schlosberg. 2019. 95 min. Pale Blue Dot Media

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„Juristischer Druck kann etwas bewirken“

Singapur: Trishinia Daos berichtet von ihren Erfahrungen und dem Umgang mit Plastik im Alltag in Singapur.

Der britische Kolonialismus und der Aufstieg zur Wirtschaftsmetropole prägen den Alltag Singapurs: Das einst abgelegene Fischerdorf ist heute eines der wohlhabendsten Länder und eine der teuersten Städte weltweit. Die Erzählungen und Perspektiven der indigenen und einheimischen Bevölkerung sind weitestgehend in Vergessenheit geraten. Wenn ich meine Erfahrungen in Deutschland und in Singapur vergleiche, frage ich mich, wie tief Plastik in der singapurischen Kultur verankert ist – und wie es ohne den kolonialen Einfluss wäre. Traditionelle Verpackungsmaterialen wie Bananenblätter sind nahezu vollständig verschwunden. Würden diese heute eine größere Rolle spielen, hätten die Brit:innen nicht in den 1960er erstmals chemischen Kunststoff zur Weiterverarbeitung nach Singapur importiert?

Nach Angaben der National Environmental Agency Singapurs (NEA dt.: Nationale Umweltagentur) wird die einzige Mülldeponie Singapurs Semakau voraussichtlich bis zum Jahr 2035 vollständig gefüllt sein. Die Umweltagentur entstand im Jahr 2002 als Reaktion auf die zunehmend schlechte Luftqualität, Vermüllung und weiterer Umweltprobleme der Stadt. Trotzdem spricht sich die NEA gegen ein vollständiges Verbot von Einwegkunststoffen aus. In manchen Produkten, wie beispielsweise Medizintechnik, ist das Material schlicht notwendig. Immerhin hat die NEA den Gebrauch von Einwegartikeln als Verpackungsmaterial eingeschränkt, beispielsweise für Speisen. Auch haben die meisten Hawker-Center (halboffene Markthalle mit Imbissen) Wasserspender aufgestellt, um den Verbrauch von Wasser in Flaschen zu reduzieren.

Keramikhandel in Temasek

Im Gegensatz zu seinen südostasiatischen Nachbarländern ist Singapur nicht das Ziel von Müllexporten aus dem Globalen Norden. Dieser türmt sich in Ländern wie Vietnam, Indonesien und Malaysia auf offenen Deponien auf, verteilt sich mit Wind und Regen über das Land und landet in Gewässern. Auch die ehemalige Kolonialmacht Großbritannien exportiert ihren Müll, insbesondere Plastik- und Papierabfälle. Dagegen können sich wirtschaftlich starke Länder Asiens wie Singapur und die Volksrepublik China wehren. Beide Länder verhindern mit strengen Gesetzen, dass ausländischer Müll auf ihren Deponien landet. Das allerdings schützt die Region nicht vor den weltweiten Abfallströmen, es lenkt sie lediglich um.

Doch die historische Rolle Großbritanniens beeinflusst bis heute den Umgang mit Plastik in Singapur. Einiges deutet darauf hin, dass die Kolonialzeit der Verwendung von Kunststoff in Singapur den Weg bereitete. So zeigen archäologische Funde aus Temasek, dem vorkolonialen Singapur, dass die Menschen im 14. Jahrhundert dort intensiv mit Keramik aus China handelten. Wissenschaftler:innen beschreiben Keramikfunde in einem Schiffswrack in den Gewässern vor dem heutigen Singapur als von überragender Qualität. Zielhafen des Schiffes sei Temasek gewesen. Die Funde bestätigen laut den Expert:innen, dass die Zeit geprägt gewesen sei von einer bedeutenden Entwicklung der Porzellanproduktion. Hinweise auf die Verwendung von kunststoffähnlichen Materialien in der vorkolonialen Zeit in Temasek gibt es hingegen nicht.

Kunststoff als Teil der heutigen Kultur

Die Kunststoffproduktion in kleinem Maßstab beginnt in Singapur nach dem Zweiten Weltkrieg. Im Jahr 1946 eröffnet der Singapurer Yeow Meng Cheow eine der ersten bekannten Fabriken für Produkte aus Kunststoff. Er verwendet einen aus England importierten Kunststoff. Diesen Kunststoff, Acrylglas, hatten europäische Wissenschaftler in den 1920er Jahren entwickelt.

Nach Angaben des National Heritage Board von Singapur (dt.: Amt für nationales Kulturerbe Singapurs) startet die industrielle Produktion von Kunststoff ab 1969. Die Regierung stuft Kunststoff als Pionierindustrie ein. Kunststofffabriken breiteten sich damals weltweit rasch aus, Konsum- und Wegwerfgesellschaften entstehen. Kunststoff ist dafür das ideale Material und es ist leicht zugänglich: In Singapur genauso wie in anderen Industrienationen.

Plastik gehört heute zum Alltag der Singapurer:innen dazu wie die Kopitiams (dt.: Cafés: Kopi ist Malaiisch und bedeutet Kaffee, tiam ist Hokkien und bedeutet Laden) und Hawker-Center. In Kopitiams essen die Menschen bequem, vielfältig, schnell und zu vergleichsweise günstigen Preisen. Das spricht Menschen aus allen Gesellschaftsschichten an. Und so entscheiden sich im hektischen Lebensrhythmus in Singapur viele Menschen für die ,Dabao´-Esskultur: Sie lassen Essen einpacken und nehmen es mit.

Die Schattenseite: Jeden Tag verpacken die Verkäufer:innen nahezu alle Speisen und Getränke in Kunststoffbehältern. So müssen sie sich nicht um schmutziges Geschirr kümmern, Kund:innen können die Kunststoffprodukte nach dem Essen einfach entsorgen. Für den Transport landen Plastikbehälter obendrein in einer weiteren Plastiktüte. Wenn der Unabhängigkeitstag näher rückt, sind auf manchen Plastiktüten sogar Merlion-Motive (das Wahrzeichen Singapurs) abgebildet.

Die Gesellschaft kennt die Probleme – und scheut konsequente Lösungen

Meistens werden Plastiktüten als Müll- oder Abfallbeutel wiederverwendet. Manchmal dienen sie auch zur Aufbewahrung. Sie werden gesammelt, ordentlich gefaltet oder zu einem Knoten gebunden, um Platz zu sparen. Lustigerweise ist es in Südostasien üblich, die gesammelten Tragetaschen in einer Plastiktüte zu verstauen. Allerdings trägt diese Wiederverwendung kaum dazu bei, den übermäßigen Plastikverbrauch in Singapur einzudämmen.

Hier eine persönliche Anekdote: Als Familientradition aßen wir sonntags meist Gerichte aus dem Hawker-Center. Ich erinnere mich, dass die Verkäufer:innen die Garnelennudeln, die wir kauften, ebenfalls in hitzebeständige Plastiktüten füllten. Ich hatte Mühe, die Tüten wieder zu öffnen. Schließlich musste ich die Plastiktüten aufschneiden, wodurch sie nicht mehr wiederverwendbar waren.

Auf Nachfrage verweisen Verbraucher:innen oft darauf, dass es unpraktisch und umständlich sei, wiederverwendbare Behälter und Besteck in Kopitiams oder Supermärkte mitzubringen. Auch die Verkäufer:innen scheuen die Veränderung: Einmal brachte ich eine wiederverwendbare Dose zu meinem Stammverkäufer am Imbissstand, nur um dann enttäuscht mit einem Einweg-Plastikbehälter wieder zu gehen. Auf meine Nachfrage hin antwortete er, dass er aus Gründen der Lebensmittelhygiene und fairen Preisgestaltung im Verhältnis zur Portionsgröße meine mitgebrachte Dose nicht befüllen könne.

In der Schule vermittelten uns die Lehrer:innen Wissen zu den Auswirkungen von Plastikverschmutzung auf die Umwelt. Ich erinnere mich, dass man uns in der Grundschule beibrachte, wie man Tetra Packs recycelt, wie man sie zusammenfaltet und in den dafür vorgesehenen Behälter in der Schulkantine entsorgt. Alle paar Jahre nahm ich an freiwilligen Strandreinigungsaktionen teil, oft im Rahmen von Schulprogrammen. Bei den Schulversammlungen in meiner Grundschule stand immer wieder das Thema Plastik auf dem Plan. Die Lehrer:innen betonten die Bedeutung der ,3R`: reduce (dt.: reduzieren), reuse (dt.: wiederverwenden), recycle (dt.: recyceln).

Diese Initiativen sensibilisieren die Bevölkerung für den Umweltschutz. Sie stehen aber im Kontrast zu den Gewohnheiten der Menschen in Singapur. So verbrauchen die Singapurer:innen immer noch viel Plastik, obwohl der Stadtstaat bekannt ist für sein konsequentes Abfallmanagement. Das liegt auch daran, dass Orte wie die Kopitiams oder Hawker-Centers fester kultureller Bestandteil Singapurs und seiner Nachbarländer in Südostasien sind. Wenn dort weniger Verpackungsmüll entstehen soll, müssten das die politischen Entscheidungsträger:innen durchsetzen. Sie müssten den Menschen Alternativen anbieten, die gleichzeitig die Umwelt schützen und die Stadtkultur bewahren.

Aktuelle Anreize

Einiges ändert sich bereits: Seit dem Jahr 2023 müssen Supermärkte mindestens fünf Singapur-Cent (ungefähr drei bis vier Euro-Cent) für eine Einwegtragetasche berechnen. Das hat dazu beigetragen, dass Kund:innen ihre eigenen wiederverwendbaren Taschen mitbringen, um sich die Zusatzgebühr zu sparen. Auch neu eröffnete Hawker-Centers ergreifen Maßnahmen um den Einsatz von Einwegverpackungen zu verringern. So etwa im Bukit Canberra Hawker-Center: Die Imbissstände dort verwenden ausschließlich biologisch abbaubare Verpackungen anstelle von Plastikverpackungen. Die Kund:innen müssen dafür jedoch einen Aufpreis von durchschnittlich 50 Singapur-Cent (ungefähr 35 Euro-Cent) zahlen. Einige Verbraucher:innen unterstützen solche Maßnahmen. Andere sind der Meinung, es handele sich lediglich um Greenwashing (dt.: Grünwäsche, beschreibt eine unternehmerische Praxis, die vordergründig Umwelt- oder Klimaschutz zum Ziel hat, aber kaum Wirkung zeigt).

In einer hypothetischen Welt ohne kolonialen Einfluss und ohne den britischen Import von Acrylglas wäre Plastik in Singapur vielleicht nicht so weit verbreitet. Traditionelle Verpackungsmaterialien wie Bananenblätter würden in den Hawker-Center möglicherweise häufiger als Verpackungsmaterial zum Einsatz kommen. Doch unabhängig von der Vergangenheit spielt Bildung eine wichtige Rolle. Wenn den Menschen das Ausmaß der Umweltverschmutzung durch Plastik deutlicher vor Augen stünde, wären sie vielleicht motivierter, ihre Gewohnheiten zu ändern.

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  • Christiani Putri lebt in Berlin und Yogyakarta. Sie hat einen Master in Anglophone Modernities in Literature and Culture der Universität Potsdam und beschäftigt sich mit Gesellschaft, Kultur und Literatur in ihrer Heimat Indonesien.

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2 | 2026, Indonesien, Interviews,
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„Juristischer Druck kann etwas bewirken“

Philippinen: In Zamboanguita sammeln Umweltschützer:innen Plastikmüll am Strand. Das ist nur die sichtbare Spur eines globalen Müllproblems.

Die Philippinen zählen zu den Ländern, in denen besonders viel Plastikmüll ins Meer gelangt, vor allem Verpackungsmüll. Einwegverpackungen wie Sachets, Tüten und Folien sind in den Philippinen üblich. Sie haben kaum Recyclingwert und sind schwer zu sammeln. Große Plastikmüllmengen treffen hier auf fehlende kommunale Infrastruktur, ein lückenhaftes Entsorgungssystem und die besonderen geografischen Herausforderungen des Archipels.

Für das Sammeln, Sortieren, den Transport und die Weiterverarbeitung des Abfalls entstehen auf Inseln längere Wege, höhere Kosten und mehr logistische Hürden. Wo aber keine verlässlichen Systeme bestehen, bleibt Müll liegen. Starkregen und Taifune spülen ihn von Straßen, Böschungen und Ufern über Kanäle und Flüsse ins Meer. Das Problem dabei: Wir Menschen können die Meere nicht einfach wieder reinigen. Ist Plastik erst im Meer, sinkt ein Großteil ab, zerfällt, treibt in allen Meeresschichten, verfängt sich in Algen oder Organismen und landet am Meeresboden. Meeresschutz beginnt daher nicht am Strand, sondern muss verhindern, dass Müll überhaupt erst ins Wasser gelangt.

Wenn die Müllabfuhr nicht bis zur Küste kommt

Zamboanguita im Süden der philippinischen Insel Negros gehört zu den eher einkommensschwächeren Gemeinden des Landes. Das zeigt sich in der Müllinfrastruktur: Es gibt zwar eine kommunale Müllabfuhr im Ortszentrum. In abgelegenen Siedlungen oder an den Küstenabschnitten ist die Situation jedoch deutlich uneinheitlicher. Dort erreicht die Abfallentsorgung nicht alle Haushalte zuverlässig. Siedlungen direkt am Meer oder ländlich gelegene Häuser liegen oft außerhalb der regulären Sammelrouten.

Wenn Müll nicht abgeholt wird, geraten die Menschen in eine schwierige Lage. Sie müssen ihn lagern, selbst wegbringen, irgendwo ablegen oder verbrennen. Letzteres ist gesetzlich verboten, mangels Alternativen aber oft der einzige Ausweg. Hier bräuchte es pragmatische Zwischenlösungen: Feste Sammelpunkte, klare Abholtage oder Vereinbarungen mit den Verwaltungen der jeweiligen Barangays (dt.: Stadtviertel), Müll zu bestimmten Zeiten an Straßen zu bringen.

Das Dilemma: Der Müll wird Teil des Ökosystems

Im Spülsaum, also den Ablagerungen, die das Meer bei höchstem Wasserstand anspült, wird das Problem sichtbar: Zwischen Seegras, Blättern, Kokosnüssen und organischem Material liegen Plastikverpackungen, Zigarettenfilter, Sachets, Flaschen, Deckel, Netze und kleine Kunststoffteile. Der Müll ist untrennbar mit dem verwoben, was das Meer an Land trägt. Besonders häufig liegen dort Materialien, die kaum recycelbar sind. Weitere Beispiele sind Netze, Angelschnüre sowie die Sohlen alter Flipflops. Der Müll stammt aus Haushalten, Siedlungen, Flüssen und der Fischerei. Strömungen spülen ihn auch über weite Distanzen an.

Wie viel und welcher Müll den Strand erreicht, hängt stark von Wetter, Saison und Strömungen ab. Nach Unwettern landet deutlich mehr Treibgut an den Stränden, meist mit Plastik durchsetzt. Während eines starken Südmonsuns etwa brachte die Strömung zahlreiche Flaschen aus Indonesien an die Strände der Südspitze von Negros. Der sichtbare Müll ist nur ein kleiner Teil des Problems. Denn: Plastikdeckel schwimmen, offene PET-Flaschen sinken. Zu jedem Deckel, der am Strand liegt, gehört eine Flasche, die längst am Meeresboden liegt. Mit der Zeit verbindet sich der Müll mit dem natürlichen Ökosystem. Muscheln, Algen oder andere Meeres-Organismen besiedeln Flaschen, Verpackungen und Kunststoffteile. Kleine Tiere nutzen Deckel oder Plastikteile als Unterschlupf. Das Dilemma: Wer den Müll später entfernt, greift daher ungewollt in kleinste Lebensräume ein.

Die Arbeit von Pro Ocean: Mehr als Sammeln

Die NGO (Nichtregierungsorganisation) Pro Ocean (siehe Infokasten) hat in den Philippinen bereits über 400 Tonnen Müll gesammelt. Jeden Morgen starten Sammler:innen zu verschiedenen Stränden. Je nach Route und Sammelgebiet sind bis zu drei Cleanups (Sammelaktionen) pro Tag und Team möglich. Am Strand trennen die Teams den Müll in zwei Säcke für wiederverwertbare Materialien und für nicht wiederverwertbare Abfälle. Am Fahrzeug sortieren sie nach, wiegen und dokumentieren.

Diese Arbeit bedeutet mehr als das Einsammeln von Müll. Die Mitarbeiter:innen von Pro Ocean sind geschult und am Strand täglich sichtbar. Sie begegnen Kindern, Familien, Fischer:innen und Menschen, die direkt an der Küste leben, und kommen ins Gespräch. Oft übernehmen sie eine Rolle, die an Bantay Dagat erinnert: Freiwillige, die sich zum Schutz der Meeresumwelt engagieren. Die Mitarbeiter:innen von Pro Ocean sehen Veränderungen an den Stränden, kennen lokale Hotspots und entwickeln ein genaues Gespür dafür, wo Müll entsteht, wo er anlandet und wo Handlungsbedarf besteht.

Nicht alles ist recycelbar

Pro Ocean sammelt alles, was der Umwelt schadet und nicht an den Strand gehört. Die gesammelten und sortierten Wertstoffe bringen die Teams zu einem lokalen Recycling-Partner, der sie bündelt, verdichtet und in bestehende Verwertungsketten eingespeist. Für Wertstoffe wie PET-Flaschen, Aluminium oder Glas gibt es ebenfalls Sammelstellen. Für viele Materialien fehlt aber ein funktionierender Markt. Nasses, salziges, sandiges oder bewachsenes Plastik lässt sich kaum recyceln. Das gilt vor allem für Sachets sowie verschmutzte Folien und Kunststoffteile.

Nicht verwertbare Abfälle landen auf Deponien, da es für diese derzeit auf der Insel keine Weiterverwertung gibt. Grundsätzlich ist nicht jeder Müll recycelbar. Auch in Ländern wie Deutschland gelingt Recycling nur unter dem Einsatz von viel Geld, Technologie, Infrastruktur und Regulierung. In den ländlichen Regionen des philippinischen Archipels sind die Hürden noch deutlich höher. Dennoch sucht Pro Ocean nach Lösungen, um mehr Materialien in Kreisläufe zurückzuführen: Ab dem Jahr 2027 arbeitet Pro Ocean mit dem Fraunhofer-Institut für Verfahrenstechnik an einem Pilotprojekt. Das Ziel: Auch schwer zu recycelnde Materialien verarbeiten und möglichst lokal wieder in den Kreislauf bringen zu können.

Globale Marken, lokale Kosten

Der Globale Norden trägt Verantwortung für die Plastikmüllkrise in Ländern wie den Philippinen. Lange Zeit spielte direkter Müllexport eine große Rolle. Doch viele der gesammelten Verpackungen stammen heute von Marken großer Konsumgüterunternehmen. Diese Unternehmen bringen Produkte in kleinen Verkaufsgrößen wie den Sachets auf den Markt. Diese sind für viele Menschen erschwinglicher, die täglich und in kleinen Mengen einkaufen müssen. Die Ursachen sind unterschiedlich: Armut, Gelegenheitsjobs und nicht bezahlbare größere Packungen.

Unternehmen lagern die Verantwortung für die Entsorgung dabei schlicht aus. Sie wissen, dass es in vielen Regionen weder die Struktur, Kapazität oder Logistik gibt, um die Verpackungen zu recyceln. Der unternehmerische Gewinn entsteht beim Verkauf des Produkts, aber die Entsorgungskosten und Folgeschäden landen bei Kommunen, lokalen Gemeinschaften, Müllsammler:innen, privaten Organisationen und bei der Umwelt. Sachets und Flaschen sind nicht das Müllproblem einzelner Menschen, sondern die Folgekosten der Geschäftsmodelle internationaler Großkonzerne.

Das Müllproblem ist größer als individuelles Konsumverhalten. Unternehmen müssen stärker Produktverantwortung übernehmen, etwa im Rahmen von EPR-Systemen (EPR: Extended Producer Responsibility, dt.: Erweiterte Herstellerverantwortung). Ehrliche Entsorgungsfinanzierung auf Seiten der Unternehmen, weniger nicht oder schwer recycelbare Einwegverpackungen und bessere politische Rahmenbedingungen gehören dazu. Verpackungskosten dürfen nicht dort hängen bleiben, wo Menschen die geringsten Möglichkeiten haben, sie zu tragen.

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  • Christiani Putri lebt in Berlin und Yogyakarta. Sie hat einen Master in Anglophone Modernities in Literature and Culture der Universität Potsdam und beschäftigt sich mit Gesellschaft, Kultur und Literatur in ihrer Heimat Indonesien.

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2 | 2026, Indonesien, Interviews,
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„Juristischer Druck kann etwas bewirken“

Südostasien: Malaysia, Indonesien und Vietnam sind die Endstationen globaler Plastikströme. Woher der Müll kommt und wer das Problem lösen kann.

Plastik liegt an Stränden, verstopft Flüsse, schwimmt im Meer und zerfällt zu Mikroplastik. In Südostasien transportieren Flüsse große Mengen Plastik in Richtung Meer: der Mekong, der durch mehrere Länder fließt, der Pasig in den Philippinen oder der Citarum in Indonesien. Extremwetterereignisse wie Überschwemmungen und Taifune verteilen den Müll zusätzlich. Schnell entsteht der Eindruck, die Plastikkrise sei vor allem ein lokales Problem: verursacht durch fehlende Entsorgung, mangelndes Umweltbewusstsein oder Korruption.

Doch das greift zu kurz. Die Plastikkrise in Südostasien beginnt nicht erst dort, wo Müll sichtbar ist. Sie beginnt bei den Geschäftsmodellen internationaler Großkonzerne: Diese profitieren von globalen Produktionsketten, billigen Einwegverpackungen, weltweitem Konsum ihrer Güter und exportierten Abfällen. Politische Regeln ermöglichen das, denn die Verursacher müssen kaum Verantwortung für die Folgen übernehmen. Das Problem: Plastikmüll kennt keine Grenzen – politische Verantwortung hingegen schon. Wohlhabende Staaten und globale Unternehmen profitieren, während die ökologischen und sozialen Kosten andernorts sichtbar werden. So ist die Plastikkrise auch Ausdruck globaler Ungleichheit.

Zu viel Plastik – weltweit

Plastik ist eines der sichtbarsten Symbole einer globalisierten Konsumwirtschaft. Das Material ist leicht, billig, vielseitig und massenhaft verfügbar. Genau darin liegt sein wirtschaftlicher Erfolg. Aber es ist auch langlebig, teilweise sehr schwer zu recyceln und damit ökologisch problematisch. Viele Verpackungen werden nur einmal genutzt, bleiben aber über Jahrzehnte oder Jahrhunderte in der Umwelt.

Nach Angaben des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (UNEP) gelangen jährlich 19 bis 23 Millionen Tonnen Plastikmüll in Flüsse, Seen und Meere. Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) schätzt, dass im Jahr 2019 weltweit nur rund neun Prozent des Plastikmülls recycelt wurden. Diese Zahlen zeigen: Es gibt zu viel Plastik. Die Plastikkrise ist damit auch ein Problem zu hoher Produktion, zu kurzer Nutzungsdauer und unzureichender politischer Steuerung.

Die Logik: Möglichst viel Umsatz, möglichst geringe Kosten

Lange Zeit importierten Länder des Globalen Nordens einen erheblichen Teil ihres Plastikmülls nach China. Die Volksrepublik importierte so seit 1992 rund 45 Prozent des weltweit gehandelten Plastikmülls. Das zeigt eine wissenschaftliche Studie zum chinesischen Importstopp. Dieser erfolgte im Jahr 2018: China schränkte die Einfuhr vieler Abfallarten stark ein. Daraufhin verlagerte sich das Müllproblem. Südostasien wurde zur Zielregion der Müllströme aus wohlhabenderen Staaten.

Diese Verlagerung folgt einer ökonomischen Logik: Unternehmen lassen ihren Müll dort entsorgen, wo es für sie am billigsten ist – in Ländern mit niedrigeren Löhnen, schwächeren Kontrollen oder überlasteter Entsorgungsinfrastruktur. Die Verursacher des Plastikmülls entziehen sich so ihrer Verantwortung. Sie machen den Müll zum Problem derjenigen, bei denen er landet.

Globale Unternehmen, lokale Folgen

Besonders problematisch ist die Rolle großer Konsumgüterkonzerne. Viele von ihnen haben ihren Hauptsitz in Europa oder Nordamerika, verkaufen ihre Produkte aber weltweit. In Südostasien treffen globale Markenstrategien auf lokale Märkte. Kleine Verpackungseinheiten, auch Sachets genannt, spielen eine große Rolle. Nur in Sachets sind Produkte wie Shampoo, Kaffee, Waschmittel oder Snacks für viele Menschen erschwinglich. Gleichzeitig sind sie besonders schwer zu recyceln.

Hier zeigt sich ein sozialer Zielkonflikt. Kleine Verpackungen ermöglichen erst den Zugang zu den Produkten. Allerdings entstehen so große Mengen Plastikmüll, die vor Ort kaum zu recyceln sind. Unternehmen profitieren von Reichweite und Absatz. Lokale Systeme sind häufig mit den Abfallmengen überfordert. Freiwillige Nachhaltigkeitsprogramme von Unternehmen lösen dieses Dilemma nicht auf. Notwendig sind verbindliche Regeln, so dass Unternehmen für den gesamten Lebenszyklus ihrer Produkte verantwortlich sind. Das betrifft die Wahl des Produkt- und Verpackungsmaterials, Verpflichtungen zur Rücknahme von Müll und finanzielle Verantwortung für die Entsorgung ihrer Produkte.

Der Begriff waste colonialism, also Müllkolonialismus, beschreibt die ungleiche Verteilung von Abfall sowie Umweltlasten weltweit. Gemeint ist, dass koloniale und postkoloniale Muster fortwirken: Akteur:innen aus dem Globalen Norden nutzen Ressourcen, Arbeitskraft und Umweltkapazitäten des Globalen Südens aus. Wertschöpfung und Konsumgewinne entstehen anderswo.

Recycling als trügerisches Versprechen

In europäischen Ländern vermittelt Mülltrennung das Gefühl, das Müllproblem sei weitgehend unter Kontrolle. Die gelbe Tonne, der Recyclinghof oder das Pfandsystem erzeugen den Eindruck eines funktionierenden Kreislaufs. Doch Recycling ist kein neutraler oder geschlossener Prozess. Oft funktioniert es schlicht nicht.

Die Gründe sind vielfältig. Ein Teil des Materials ist verschmutzt, schlecht sortierbar oder besteht aus Verbundstoffen. Das sind mehrere Materialien, die nahezu untrennbar in einer Verpackung verbunden sind. Das führt dazu, dass auch die eigentlich recycelbaren Materialanteile nicht recycelt werden können. Ein anderer Teil ist wirtschaftlich kaum attraktiv, weil neues Plastik oft billiger ist als recyceltes Material. Ein Teil landet als Müllexport in Ländern des Globalen Südens.

Damit entsteht eine Lücke zwischen dem Versprechen der Kreislaufwirtschaft und der Realität globaler Müllmärkte. Diese Lücke ist politisch relevant. Denn sie erlaubt es wohlhabenden Ländern, ihre eigene Plastikkrise zu ignorieren. Was als sauber getrennte Verpackung beginnt, endet andernorts als schlecht kontrollierter Abfall.

Verantwortung endet nicht an Grenzen

Politische Entscheidungsträger:innen diskutieren Plastik häufig über individuelles Verhalten: weniger Tüten, wiederverwendbare Flaschen, bewusster Konsum. Diese Ansätze sind nicht falsch. Aber sie reichen nicht aus. Wer Verantwortung allein auf Verbraucher:innen verlagert, übersieht die Akteur:innen mit der größten Steuerungsmacht: Unternehmen, Regierungen und internationale Institutionen.

Multinationale Konzerne legen fest, welche Verpackungen in Umlauf kommen. Sie entscheiden über Material, Design, Haltbarkeit, Reparierbarkeit und Wiederverwendbarkeit. Staaten setzen die Rahmenbedingungen, innerhalb derer Unternehmen Plastik produzieren, verkaufen, exportieren oder entsorgen. Internationale Abkommen bestimmen, welche Abfälle Länder wohin exportieren dürfen und welche Kontrollen gelten.

Eine gerechte Plastikpolitik muss deshalb ansetzen, bevor das Plastik auf dem Markt ist: etwa bei der Produktion und beim Verpackungsdesign. Entscheidend ist verbindliche Produzentenverantwortung und die Frage, warum Einwegplastik in vielen Lieferketten überhaupt so dominant geworden ist.

Unsichtbare Arbeit im Müllsystem

In Südostasien tragen viele Menschen zur Bewältigung der Plastikkrise bei, die in politischen Debatten kaum sichtbar sind. Informelle Abfallsammler:innen sortieren, sammeln und verkaufen verwertbare Materialien. Sie leisten damit einen wichtigen Beitrag zur Ressourcenschonung, arbeiten aber häufig unter prekären Bedingungen. Ihre Arbeit ist körperlich belastend, schlecht bezahlt und sozial wenig anerkannt.

Gerade diese informelle Arbeit hält Teile des Recyclingsystems überhaupt funktionsfähig. Ohne sie würden noch mehr Wertstoffe auf Deponien, in Flüssen oder in der Umwelt landen. Trotzdem werden informelle Sammler:innen in vielen politischen Programmen eher als Problem behandelt.

Eine sozial gerechte Plastikpolitik müsste ihre Rolle ernst nehmen. Das bedeutet: bessere Arbeitsbedingungen, Schutzrechte, faire Bezahlung und Beteiligung an politischen Entscheidungen. Wer Kreislaufwirtschaft fordert, darf diejenigen nicht übersehen, die den Kreislauf im Alltag ermöglichen.

Lokale Initiativen sind wichtig – aber nicht genug

Neben informeller Arbeit gibt es in Südostasien zahlreiche zivilgesellschaftliche Initiativen, lokale Umweltgruppen und gemeindebasierte Projekte. Sie organisieren Sammelaktionen, Bildungsarbeit, Wiederverwendungssysteme oder lokale Recyclingstrukturen. Solche Initiativen zeigen, dass Lösungen nicht nur von Regierungen oder Unternehmen kommen.

Gleichzeitig dürfen sie nicht als Ersatz für strukturelle Verantwortung missverstanden werden. Lokale Projekte können Bewusstsein schaffen, Druck aufbauen und konkrete Verbesserungen ermöglichen. Aber sie können nicht kompensieren, dass Unternehmen weltweit immer mehr Plastik produzieren. Die Plastikkrise lässt sich nicht allein am Ende der Kette lösen. Entscheidungsträger:innen in Politik und Wirtschaft müssen sie bereits am Anfang der Kette begrenzen.

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  • Christiani Putri lebt in Berlin und Yogyakarta. Sie hat einen Master in Anglophone Modernities in Literature and Culture der Universität Potsdam und beschäftigt sich mit Gesellschaft, Kultur und Literatur in ihrer Heimat Indonesien.

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„Juristischer Druck kann etwas bewirken“

Philippinen: Sachets gehören zum philippinischen Alltag. Doch die kleinen Plastikverpackungen befeuern die Müllkrise.

Die Philippinen stehen vor einer großen Plastikkrise. Die Ursache ist der enorme Konsum von Einwegkunststoffen. Ein Großteil des anfallenden Plastikmülls gelangt nicht in reguläre Deponien. Er landet stattdessen auf offenen Müllhalden. Das belastet die Umwelt und naheliegende Siedlungen. Die Folgen dieses schlechten Abfallmanagements zeigen sich in schwerwiegenden Katastrophen: Erst im Mai 2026 ereignete sich erneut ein Erdrutsch auf einer Mülldeponie in Davao City. Nach Angaben der Behörden waren anhaltende Regenfälle der Auslöser.

Laut Greenpeace Philippines ist der Vorfall bereits die vierte Mülldeponiekatastrophe in diesem Jahr. Zuvor waren Deponien in den Städten Cebu und Rizal eingestürzt. In Navotas, einer Stadt im Großraum Metro Manila, wütete ein wochenlanger Brand auf einer bereits geschlossenen Mülldeponie. Erdrutsche und Brände auf Mülldeponien sind der Beleg: Ein grundlegender Systemwandel muss her. Die Kunststoffproduktion muss weniger werden.

Philippinen: Plastik als Klimarisiko

Auf den Philippinen erschweren die geographischen Gegebenheiten die Situation weiter. Das Land ist ein Archipel mit mehr als 7.600 Inseln und einer weitläufigen Küstenlinie. Abfälle, die sich unkontrolliert verbreiten, gelangen hier schnell in die Ozeane. Entsprechend zählen die Philippinen zu den weltweit größten Verursachern von Plastikverschmutzung in den Meeren. Der Inselstaat belegt den dritten Platz im internationalen Vergleich.

Die Philippinen sind in hohem Maße extremen Wetterereignissen ausgesetzt, deren Frequenz, Intensität und Unvorhersehbarkeit durch die Klimakrise zunehmen. Die Probleme von Plastikverschmutzung und Klimarisiken sind eng miteinander verknüpft. Das zeigte sich etwa im Juli 2024 während des Taifuns Carina, der international als Gaemi bekannt ist. Mit Müll verstopfte Wasserwege und Entwässerungssysteme verschlimmerten die Überschwemmungen. Expert:innen zufolge steigt das Hochwasserrisiko in vielen betroffenen Gebieten so weiter an.

Sachets verschärfen das Plastikproblem

In den Philippinen hängt im Alltag vieles an den Sachets: Das sind kleine Einwegverpackungen für Produkte wie Shampoo, Zahnpasta, Kaffee, Waschpulver und Sojasauce. Insbesondere einkommensschwache Haushalte nutzen sie im Alltag. Sachets prägen den Konsum mittlerweile so stark, dass Expert:innen die Philippinen im Jahr 2021 sogar als Sachet-Wirtschaft bezeichneten.

Wie präsent diese kleinen Verpackungen im Alltag sind, wurde mir im Jahr 2023 bewusst. Bei einem Besuch bei meiner Familie in Rizal bemerkte ich, dass mein Shampoo leer war. Meine Cousine bot daraufhin wie selbstverständlich an, wir könnten zum Tindahan unserer Nachbarin gehen. Die kleinen Nachbarschaftsläden, auch Sari-Sari Stores genannt, sind vergleichbar mit einem Kiosk. Sie haben je nach Besitzer:in oft bis spät in die Nacht geöffnet. Für wenige Pesos kaufte sie dort ein Sachet einer internationalen Kosmetik-Marke – in einer Menge, die genau für eine Dusche reichte.

Die kleine Verpackung in der Hand, ließ mich der Gedanke nicht mehr los, wie viele Sachets nötig wären, um den Inhalt einer Shampooflasche zu ersetzen. Noch mehr beschäftigte mich, was danach mit diesem Sachet passiert. Eine Antwort bekam ich auf dem Heimweg. Nur wenige Meter vom Laden entfernt lag eine identische Verpackung am Straßenrand: Von der Sonne ausgebleicht, zerrissen und bereits halb in die Erde eingearbeitet. Außerdem zog immer wieder der beißende Geruch von verbranntem Plastik durch die Nachbarschaft. Da die Abfallentsorgung mit den wachsenden Müllmengen nicht hinterherkam, verbrannten Bewohner:innen den gesamten Müll – auch Plastik – vor der eigenen Haustür. In den Rauchschwaden spielten meine jüngsten Cousinen Fangen.

Der Aufstieg der Sachets: günstig, zugänglich, komfortabel

Keine Studie hätte mir die Plastikkrise so eindrücklich vor Augen führen können wie diese Begegnungen. Was blieb, waren nicht nur Frust und Wut, sondern offene Fragen: Warum sind Sachets in den Philippinen beliebt und weit verbreitet? Seit wann produzieren und verkaufen Unternehmen ihre Produkte überhaupt in kleinen Einwegverpackungen? Was gab es davor? Und vor allem: Gibt es heute plastikfreie Alternativen? Falls ja, wo sind sie zu finden?

Das heutige Sachet-System der Philippinen ist kein Zufall. Es entstand, weil gewinnorientierte Marketingstrategien auf bestehende Konsumgewohnheiten trafen. Wer diese Erfolgsgeschichte verstehen will, muss zwei Aspekte in den Blick nehmen: die wirtschaftliche Logik und Attraktivität von Sachets. Und: die kulturellen sowie sozialen Konsumpraktiken, die ihre Verbreitung beschleunigen.

Sachets sind kleine, mehrschichtige Einwegverpackungen. Sie bestehen meist aus einer Kombination von Kunststoff, Papier, Aluminium- oder Laminatfolien. Sie dienen der portionsweisen Verpackung von Lebensmitteln, Getränken, Medikamente sowie Kosmetik- und Hygieneartikeln. Je nach Inhalt unterscheiden sich Form, Größe und Materialzusammensetzung. In Tindahans hängen sie oft in langen Streifen, auch Multipacks genannt, an Regalen oder von der Decke. Der Preis ist gering: Kund:innen kaufen sie einzeln für wenige Pesos.

Der Ursprung der heutigen Sachet-Wirtschaft liegt in Indien. In den 1980er Jahren begann der Unternehmer C.K. Rajkumar Shampoo in kleinen Einwegportionen zu verkaufen. Die Idee war simpel: Menschen mit geringem Einkommen sollten sich Markenprodukte leisten können. In den folgenden Jahrzehnten griffen immer mehr multinationale Konzerne dieses Modell auf. Unternehmen wie Nestlé oder Unilever begannen damit, ihre Produkte buchstäblich zu miniaturisieren. Sachets wurden als erschwingliche Alternative für ärmere Haushalte vermarktet. Besonders in Ländern mit hoher Armut und starker Einkommensungleichheit, wie etwa den Philippinen, fand dieses Konzept einen fruchtbaren Nährboden.

Sachets im Alltag

Für viele Filipinos ist dieses Modell passgenau auf ihre wirtschaftliche Realität zugeschnitten. Wer seinen Lohn täglich verdient, kauft oft auch nur das, was er für den einen Tag benötigt. Ein Shampoo-Sachet für wenige Pesos ist zugänglicher als eine ganze Flasche. Darin liegt jedoch das Paradoxon der Sachet-Wirtschaft: Langfristig und auf den gesamten Verbrauch gerechnet zahlen Verbraucher:innen mehr. Die kleinen Mengen sind relativ betrachtet nämlich deutlich teurer. Sachets lösen das Problem wirtschaftlicher Unsicherheit also nicht. Im Gegenteil: Indem viele Haushalte täglich überteuerte Kleinstmengen kaufen, nimmt die wirtschaftliche Not zu.

Im philippinischen Kontext haben tief verwurzelte Konsumpraktiken zum Erfolg des Sachet-Geschäftsmodells beigetragen: Die kleinen, meist familiengeführten Nachbarschaftsläden, Tindahans oder Sari-Sari-Stores, und die Tingi-Kultur, also der Einkauf in kleinen Mengen, die gerade nötig und bezahlbar sind. Sari-Sari stammt aus dem Tagalog und bedeutet so viel wie Vielfalt. Gemeint ist das Sortiment an Produkten des täglichen Bedarfs. Reis, Salz, Waschmittel und Snacks: Fast alles ist dort erhältlich. Die Geschäfte sind an nahezu jeder Ecke zu finden. Sie bilden damit eines der dichtesten Vertriebsnetze des Landes.

Ihre Ursprünge reichen bis in vorkoloniale Handelsstrukturen zurück. Menschen tauschten Waren innerhalb ihrer Siedlungen. Während der spanischen Kolonialzeit (1565-1898) entwickelten sich daraus kleine Einzelhandelsgeschäfte, die Tiendas (dt.: Geschäfte). Sie versorgten die lokale Bevölkerung mit grundlegenden Gütern und waren häufig direkt an Wohnhäuser angeschlossen. Das ist auch heute noch so. Der begrenzte Lagerplatz begünstigt den Verkauf kleiner Produktportionen. Genau diese bestehende Infrastruktur machten sich Konzerne wie Nestlé später zunutze.

Meine 78-jährige Oma erinnert sich noch an die Zeit, als sie Güter wie Reis bedarfsgerecht abgefüllt und verpackt in wiederverwendbaren oder biologisch abbaubaren Materialien in den Läden erhielt. Konsum in kleinen Mengen gab es damals schon. Er war aber nicht an Plastikverpackungen gebunden. Erst die Kommerzialisierung durch große Konzerne verwandelte die philippinische Tingi-Kultur in ein modernes Wegwerfmodell.

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Südostasien: Der Kampf gegen Abfallkolonialismus und die Forderung nach weniger Plastik im Globalen Süden.

Dieses Positionspapier von Greenpeace Southeast Asia (kurz: GPSEA, dt.: Greenpeace Südostasien) greift das Thema des Recycling-Mythos aus der Perspektive des Globalen Südens auf. Es deckt außerdem den Abfallkolonialismus auf: Länder des Globalen Nordens produzieren systematisch zu viel Plastik und sind dafür keine Rechenschaft schuldig. Diese Krise steht im Zusammenhang mit der Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen, insbesondere von der petrochemischen Industrie, sowie dem Mythos, dass Recycling die Lösung für die Plastikmüllkrise ist. Eine nachhaltige Lösung benötigt gerechte Maßnahmen: weniger Kunststoffproduktion und der Übergang zu Wiederverwendungs- und Nachfüllsystemen.

Was wir fordern und wie wir vorgehen

Wir fordern eine Reduzierung der Kunststoffproduktion von 75 Prozent bis zum Jahr 2040. Außerdem fordern wir den Globalen Norden auf, die Straffreiheit von Unternehmen zu beenden und einen gerechten Wandel zu gewährleisten. Die Strategie der Kunststoffkampagne von Greenpeace Southeast Asia beruht auf einem evidenzbasierten Ansatz. Dieser umfasst Marken-Audits durch Forschungsergebnisse von Bürger:innen (Citizen Science) sowie wissenschaftliche Mikroplastikforschung und fordert die Rechenschaftspflicht von Regierungen und Unternehmen ein. Wir nutzen Gegen-Narrative, Storytelling und Graswurzelorganisationen, um Mythen der Unternehmen zu hinterfragen. Wir entwickeln politische und rechtliche Strategien, um in nationalen, regionalen und multilateralen Foren eine strengere Kunststoffpolitik und -regulierung zu fordern.

Abfallkolonialismus: Wie der Globale Norden die Plastiklast verlagert

Das vorherrschende Narrativ des Globalen Nordens stellt die Plastikverschmutzung als ein lokales Versagen der Abfallwirtschaft des Globalen Südens dar. Das ist falsch. Wir blicken auf das Thema aus der Perspektive des Globalen Südens. Dabei müssen wir systematischen Abfallkolonialismus feststellen: Eine Krise, die der Globale Norden durch Überproduktion auslöst. Die Abfälle landen aufgrund ihrer grenzüberschreitende Entsorgung indes im Globalen Süden. Die Krise spitzt sich zu und das hat gleich mehrere Ursachen: Die anhaltende Nachfrage, den Ausbau petrochemischer Infrastrukturen sowie die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen, die die weltweite Kunststoffproduktion in die Höhe treiben. Expert:innen schätzen, dass die weltweite Kunststoffproduktion in den nächsten zwei Jahrzehnten um weitere 70 Prozent ansteigen wird. Die Schätzung basiert auf rund 435 Millionen Tonnen produzierten Kunststoffs im Jahr 2020.

Ein gravierender Mangel an Rechenschaftspflicht ermöglicht es den Unternehmen des Globalen Nordens, fragile Märkte mit Einwegplastik zu überschwemmen. Diese überwältigende Menge an nicht recycelbaren Verpackungen und Einwegplastik überfordert die lokale Abfallinfrastruktur und schädigt die umliegenden Ökosysteme erheblich. Einheimische Gemeinschaften sind dadurch den toxischen Umweltbelastungen sowie den wirtschaftlichen und klimabedingten Belastungen des Abfalls ausgesetzt. Für eine nachhaltige Lösung dieser Krise ist es notwendig, globaler Lieferketten zu unterbrechen. Das funktioniert durch koordinierte Arbeit von Basisinitiativen, politischen Druck sowie lokale Kampagnen.

Die Plastikkrise und Schwachstellen der Lieferketten

Unternehmen aus dem Bereich der Konsumgüter (Fast-Moving Consumer Goods, kurz: FMCG, dt.: schnelllebige Konsumgüter) haben ihre Präsenz in Südostasien ausgebaut. In sechs ASEAN-Staaten hat das jährliche Aufkommen an Kunststoffabfällen 31 Millionen Tonnen erreicht. Vorrangig sind Sachets und andere Einwegverpackungsformate. Diese sind beim Einkauf günstig. Ihre Entsorgung verursacht aber hohe Kosten für Gemeinden und lokale Behörden.

In den Philippinen führt diese Marketingstrategie zu einem geschätzten Verbrauch von 164 Millionen Sachets pro Tag. Die Abfallinfrastrukturen sind nicht in der Lage, diese Massen zu bewältigen. So fallen allein auf den Philippinen jährlich 22 Millionen Tonnen Abfall an. Davon bestehen zwölf bis 24 Prozent aus nicht biologisch abbaubarem Kunststoff.

Im Großraum Jakarta in Indonesien kaufen laut einer Studie 98 Prozent der Einwohner:innen Produkte in Einwegverpackungen oder Sachets. Expert:innen schätzen die sozialen Kosten aus den nicht entsorgten Abfall auf jährlich 1,19 bis 1,78 Billionen Indonesische Rupiah (59.000 Euro bis 88.000 Euro). Außerdem hängt der Müll mit Belastungen für Atemwege und das Herz-Kreislauf-System zusammen.

Das systematische Versagen zeigte sich auch in tödlichen Deponieeinstürzen. Anfang des Jahres 2026 starben über 40 Menschen bei Erdrutschen auf Deponien in den philippinischen Städten Cebu City (Deponie Binilaw segregation facility) sowie in Rodriguez in der Provinz Rizal. Auch in Indonesien starben Menschen beim teilweisen Einsturz einer der größten Deponien des Landes, Bantar Gebang.

Anhaltende Deponiebrände in Malaysia, Thailand, Indonesien und den Philippinen setzten hochgiftige Feinstaubpartikel und krebserregende, schwer abbaubare organische Schadstoffe, darunter auch Dioxine, frei. Diese gefährden die Gesundheit von Einsatzkräften und reichern sich auch in regionalen Nahrungsketten an.

Maßnahmen wie Aufräumaktionen, Recycling und Abfallwirtschaft sind nicht geeignet eine Krise abzumildern, die ungebremste Produktionsmengen vorantreiben. Akteur:innen der Industrie fördern scheinbare technologische Lösungen, wie die Energiegewinnung aus Abfall, chemisches Recycling und als biologisch abbaubar gekennzeichnete Kunststoffe. Das Ziel: Bisherige Geschäftsmodelle aufrechterhalten, öffentliche Investitionen von einer tatsächlichen Reduzierung sowie von skalierbaren, vorgelagerten Wiederverwertungssystemen ablenken.

Der Weg zu echten Lösungen

Fokus und Investitionen sollten auf die Ausweitung nachhaltiger Lösungen gerichtet sein, wie beispielsweise die Initiative Kuha Sa Tingi (dt. in etwa: im Einzelhandel gekauft) in Quezon City auf den Philippinen. Tausende Sari-Sari Stores, kleine Geschäfte mit Artikeln des täglichen Bedarfs, bieten im Rahmen der Initiative anstelle von Einwegverpackungen Alternativen zum Wiederverwenden und Nachfüllen an.

Abfall müsste aus dem Wirtschaftskreislauf verbannt werden, um eine echte Lösung herbeizuführen. Dazu müssten Politiker:innen einen Übergang von Einwegverpackungen zu lokalen, kreislauforientierten Wiederverwendungs- und Nachfüllverpackungen vorantreiben. Um die globale Erwärmung unter der 1,5-Grad-Schwelle zu halten, ist eine rechtsverbindliche Reduzierung der Produktion von Kunststoff um 75 Prozent bis zum Jahr 2040 erforderlich. Dieses Ziel ist mathematisch unverhandelbar, da allein die Produktion von Plastik – also die Umwandlung von fossilen Rohstoffen in Plastik – 90 Prozent der CO2-Emissionen über die gesamte Lebensdauer von Kunststoff ausmacht.

Die erweiterte Herstellerverantwortung soll Unternehmen für die Umweltauswirkungen ihrer Produkte auch nach deren Entsorgung zur Verantwortung ziehen, anstatt diese Last den Verbraucher:innen oder dem Staat aufzubürden. Modelle der Wiederverwendung und Wiederbefüllung stechen als Lösung zur Reduzierung des Plastikverbrauchs hervor. Sie verhindern Abfall bereits an der Quelle, anstatt ihn erst im Nachhinein zu bewältigen.

Greenpeace empfiehlt dazu einen koordinierten ASEAN-Handlungsrahmen. Dieser sollte verbindliche sektorale Rücknahme- und Nachfüllziele festlegen, Sicherheitsrichtlinien standardisieren und grenzüberschreitende Richtlinien zum Handel mit Abfällen koordinieren. Einen solchen Handlungsrahmen sollten beteiligte Länder auf nationaler Ebene umsetzen. Zudem soll er die Zusammenarbeit zwischen den ASEAN-Ländern stärken und den Übergang von einer Wegwerfwirtschaft zu einer Wiederverwendungswirtschaft in ganz Südostasien fördern. Die Länder sollten eine Arbeitsgruppe der Hochrangingen Umweltbeamt:innen der ASEAN (ASOEN) etablieren, um das Thema Plastikverschmutzung und Handel mit Abfällen zu stärken.

Handlungsempfehlungen für eine globale Plastikwende

Greenpeace Southeast Asia strebt eine abfallfreie, klimaresistente Zukunft an, in der regionale wirtschaftliche Sicherheit und öffentliche Gesundheit unabhängig von den globalen Märkten für fossile Brennstoffe bestehen. Der Wechsel zu einer Kreislaufwirtschaft bietet wirtschaftliche Vorteile gegenüber der Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen in der Kunststoffproduktion. Dieser Wandel unterstützt zugleich ökologische und klimapolitische Ziele.

Der Globale Norden muss sofort Verantwortung übernehmen, indem er:

  • den „Abfallkolonialismus“ abbaut: Systematische Überproduktion beenden und Rechtsrahmen durchsetzen, die Unternehmen für den gesamten Lebenszyklus ihrer Verpackungen im Globalen Süden haftbar machen.
  • durchsetzbare Produktionskürzungen erlässt: Verbindliche nationale und internationale Rahmenbedingungen gesetzlich verankern, um die Produktion von Primärkunststoffen bis zum Jahr 2040 um 75 Prozent zu reduzieren.
  • den gerechten Übergang finanziert: Finanzmittel der Abfallentsorgung am Ende des Kreislaufs umschichten, um schuldenfreie finanzielle und technische Wiedergutmachungsmaßnahmen zu ermöglichen. Das finanziert direkt lokale Infrastrukturen für die Wiederverwendung und das Nachfüllen im vorgelagerten Bereich sowie den gerechten Übergang für betroffene Gruppen wie Abfallsammler:innen, Kleinunternehmen und weitere Betroffene.

Übersetzung aus dem Englischen von: Anica Peters und Mirjam Overhoff

Autor:in

  • Christiani Putri lebt in Berlin und Yogyakarta. Sie hat einen Master in Anglophone Modernities in Literature and Culture der Universität Potsdam und beschäftigt sich mit Gesellschaft, Kultur und Literatur in ihrer Heimat Indonesien.

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2 | 2026, Indonesien, Interviews,
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„Juristischer Druck kann etwas bewirken“

Weltweit: Was bedeutet das Zeitalter der Menschheit aus Sicht der geologischen Tiefenzeit? Eine Spurensuche am Beispiel der Plastikflasche.

Erst seit gut 70 Jahren stellen Menschen Plastik her. Heute produzieren wir jedoch eine übermäßige Menge an Kunststoffen. Das zur Kunststoffproduktion notwendige Erdöl ist nicht erneuerbar ist und wird irgendwann zur Neige gehen. Das ist ein bekanntes Problem. Weniger bekannt ist, dass wir die zukünftige Erde mit unseren Kunststoffprodukten für sehr lange Zeit belasten werden: Plastik hat eine sehr lange Lebensdauer. Das heute produzierte Plastik wird deshalb nicht nur die Welt für unsere Enkelkinder prägen, sondern auch die ferne Zukunft.

Kunststoff besteht aus Polymeren, also langkettigen Kohlenwasserstoffmolekülen. Die Bezeichnungen für Kunststoffe beginnen daher meist mit „Poly“: Polyethylen, Polyvinylchlorid, Polypropylen, Polystyrol, Polyamid. Diese Polymere werden hauptsächlich aus Naphtha (Rohbenzin) hergestellt, das wiederum aus Rohöl gewonnen wird.

Das heute geförderte Erdöl entstand in einem langen geologischen Prozess aus den Überresten von Organismen. Siebzig Prozent aller heute vorhandenen Ölvorkommen bildeten sich im Erdzeitalter Mesozoikum, also vor 252 bis 66 Millionen Jahren. Wie Erdgas und Kohle handelt es sich daher um einen fossilen Brennstoff.

Märkte: Händler:innen nutzen Plastikbehälter oder -tüten, um Waren zu stapeln, zu transportieren und schön zu präsentieren. Kund:innen tragen ihre Einkäufe oft in Plastiktüten nach Hause. © Christoph Antweiler, alle Rechte vorbehalten

Vergangenheit und Zukunft – die Menschheitsgeschichte geologisch betrachtet

Unter geologischer Tiefenzeit versteht man eine für Menschen kaum vorstellbar Zeitspanne von Millionen oder gar Milliarden von Jahren, in dem sich langsame evolutionäre Prozesse ereignen. Betrachtet man diese langen Zeiträume aus geologischer Perspektive, wird deutlich, wie plötzlich die von Menschen verursachten erdgeschichtlichen Veränderungen stattfinden. Brisant daran: Das Anthropozän, also das Erdzeitalter des Menschen gilt Expert:innen zufolge inzwischen als ein neues geologisches Zeitalter und nicht nur als neue historische Epoche der Menschheitsgeschichte.

Vom Menschen geschaffene Produkte werden sich später in geologischen Schichten widerspiegeln. Das ist grundlegend neu. Es folgt aus den – aus geologischer Sicht – abrupten und weltweit verbreiteten Auswirkungen des menschlichen Lebens auf die Geosphäre. Das Anthropozän erstreckt sich somit räumlich wie zeitlich auf einer weitaus umfassenderen Ebene, als historische Epochenbegriffe wie „Moderne“, „Postmoderne“ und die durch Öl geprägte „Petromoderne“ vermuten lassen.

Aus dieser langfristigen Perspektive können wir erkennen, dass sich unser heutiges Handeln sehr dauerhaft auf die Zukunft der Erde auswirken wird. Im Gegensatz zu aktuellen Nachhaltigkeitskonzepten werden die Folgen unseres heutigen Lebens und unserer wirtschaftlichen Aktivitäten nicht nur die nächsten Generationen betreffen, sondern auch die ferne Zukunft der Menschheit und des Lebens im Allgemeinen. Kurz gesagt: Wir Menschen schreiben heute Erdgeschichte, indem wir dafür sorgen, dass sich unsere Gegenwart bis weit in die Zukunft nachweisen lässt.

Heutzutage bestehen die meisten Verpackungen aus Plastik. Tabletten sind ohne Plastik nicht mehr denkbar. Süßigkeiten in Blisterverpackungen sollen uns Appetit machen. © Christoph Antweiler, alle Rechte vorbehalten

Wir leben von, in und mit Plastik

Plastik ist nützlich. Es ist praktisch und besitzt viele verschiedene Eigenschaften: Das Material kann temperaturbeständig, wasserabweisend, flexibel, weich oder hart sein. Im Vergleich zu Holz oder Metall ist Plastik leicht. Zudem lassen sich viele Kunststoffe einfach und kostengünstig herstellen.

Das menschliche Leben, ja sogar die Kultur, ist heute ohne Plastik schwer vorstellbar. Weltweit wird es am häufigsten für Behälter, Verpackungen und Transportmittel verwendet. Auch die Bau- und Elektronikindustrie setzt Kunststoffe auf vielfältige Weise ein. Neue Formen der Landwirtschaft, wären ohne die kleinen Plastikschläuche für die Nährstoffzufuhr undenkbar. Ein Beispiel sind Aquaponik-Systeme, Kreislaufsysteme für die Aufzucht von Wassertieren, auf Hochhäusern. Und ein Blick in eine Intensivstation zeigt, dass viele Menschen ohne Plastik nicht mehr lange leben würden: Ein großer Teil moderner medizinischer Geräte besteht aus Kunststoff. Selbst Medikamente enthalten häufig Erdöl.

Transport und Lagerung: Plastik ist leicht und stabil. Es schützt Lebensmittel vor Feuchtigkeit, Luft und Keimen, wodurch sie länger haltbar sind. © Christoph Antweiler, alle Rechte vorbehalten

Plastik als Rettung und Gefahr – der schädliche Nutzen von Kunststoffen

Die industrielle Phase der ,Großen Beschleunigung´ markiert nach Ansicht vieler Forscher ab dem Jahr 1950 den Anfang des Anthropozäns. Sie ist gekennzeichnet durch einen gewaltigen Bevölkerungsanstieg, erhöhten Wasserverbrauch, den zunehmenden Bau von Staudämmen sowie einen enormen Anstieg der Produktion von Aluminium, Beton, Papier, Düngemitteln und nicht zuletzt von Plastik.

Die weltweit produzierte Gesamtmasse an Plastik übersteigt heute bereits das Gesamtgewicht aller Land- und Wassertiere: gut acht Gigatonnen gegenüber vier Gigatonnen. Die Hälfte dieser Plastikmasse wurde seit dem Jahr 2000 hergestellt. Pro Jahr produzieren wir mittlerweile etwa so viel Plastik wie das gesamte Lebendgewicht der Menschheit beträgt. Somit dominiert Plastik die „Technosphäre“, also die Gesamtheit der materiellen Kultur in der Geosphäre.

Heute lassen sich Plastikpartikel sogar in den Tiefseegräben der Ozeane nachweisen. Sie werden dort in Zukunft wahrscheinlich geologische Schichten bilden. Kleinste Partikel einer Plastikflasche, die heute in die Nordsee oder den Pazifik gelangen, könnten auch in 500 Jahren noch dort sein. Plastik verschwindet nicht. Die Kunststoffe, die seit den 1950er-Jahren produziert werden, werden die Erdoberfläche noch bis in die ferne Zukunft prägen und haben schädliche Auswirkungen auf Menschen und andere Lebewesen. Bereits heute dokumentieren Geolog:innen Plastiglomere: Eine neue Gesteinsart, die durch unkontrollierte Feuer an Stränden aus Steinen, Metall und Kunststoff entsteht. So wie der Fracht-Container für die Globalisierung steht, steht die Plastikflasche für das Anthropozän.

Keine Baustelle ohne Plastik. In tropischen Ländern in Monsun-Asien (Südasien, Südostasien und Ostasien) schützen Plastikplanen vor Sonne, Regen oder starkem Wind. © Christoph Antweiler, alle Rechte vorbehalten

Asien als Kontinent des Plastiks

Bilder aus Asien dokumentieren die Vor- und Nachteile von Plastik. Die hier gezeigten Fotos wurden auf längeren Reisen in den Jahren 2023 bis 2025 aufgenommen. Die Aufnahmen stammen aus Südasien, insbesondere aus Indien, sowie aus Südostasien, vor allem aus Indonesien, Thailand und Kambodscha. Ein Großteil der aktuellen Modernisierung findet in einigen asiatischen Ländern statt, sie werden immer moderner, und zwar in rasantem Tempo. Dies gilt vor allem für die Städte. Immer mehr Menschen steigen in die Mittelschicht auf, und die Haushalte verbrauchen zunehmend mehr Produkte.

Ursprünglich haben die westlichen Industrieländern Kunststoffe entwickelt und hergestellt. Mittlerweile stammt der Großteil der weltweiten Plastikproduktion jedoch aus Asien. China ist der weltweit größte Spielzeughersteller. Zahlreiche weitere Plastikprodukte aus Asien, vor allem aus China, Indien und Pakistan, landen auch in europäischen Supermärkten. Entgegen anderweitiger Beteuerungen fördert die europäische Industrie den Kunststoffkonsum auf vielfältige Weise.

Abfallsammlung und -trennung sowie Kunststoffrecycling: Plastik wird für Behälter zur Abfallsammlung und -trennung verwendet. Viele Verbraucher:innen in Asien zögern bislang, ihren Abfall zu trennen. In einigen Regionen Asiens werden Plastiktüten recycelt. Plastiktüten werden zunehmend verboten. © Christoph Antweiler, alle Rechte vorbehalten

Mikroplastik ist überall – auch in jedem von uns

Plastikflaschen sind im Meer leicht erkennbar. Im Pazifischen Ozean gibt es einen riesigen Plastikstrudel, der sogar vom Weltraum aus sichtbar sein soll. Im Gegensatz dazu sind Plastikpartikel im Boden und in den Ozeanen für den Menschen aufgrund ihrer Verteilung kaum zu erkennen. Als unsichtbarer Begleiter findet sich Mikroplastik inzwischen in Gewässern und in den Körpern vieler Lebewesen und auch in jedem einzelnen von uns.

Übersetzung aus dem Englischen: Mirjam Overhoff

Dieser Artikel erschien zunächst in englischer Sprache The Anthropocene in a plastic bottle am 10.04.2025 auf der Onlineplattform „Wert der Vergangenheit“ des Leibniz-Forschungsverbundes.

Autor:in

  • Christiani Putri lebt in Berlin und Yogyakarta. Sie hat einen Master in Anglophone Modernities in Literature and Culture der Universität Potsdam und beschäftigt sich mit Gesellschaft, Kultur und Literatur in ihrer Heimat Indonesien.

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2 | 2026, Indonesien, Interviews,
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„Juristischer Druck kann etwas bewirken“

Kambodscha kämpft mit Abfall und schwachen sozialen Strukturen. In einem Theaterprojekt fordern Schüler:innen mehr gemeinsame Verantwortung.

Ein heller Klassenraum in der kambodschanischen Hauptstadt Phnom Penh. Morgenlicht fällt durch die Fenster und beleuchtet eine Tafel, auf der noch Spuren des gestrigen Unterrichts zu sehen sind. Drei Stühle, ein gemeinsamer Tisch, daneben Schultaschen. Die Jugendlichen Dara, Nita und Chantrea betreten den Raum, ihre Stimmen sind hell, ihr Lachen unbeschwert. Für einen Moment wirkt die Welt gewöhnlich, sicher, vorhersehbar. Dann tritt die Lehrkraft nach vorn und die Atmosphäre verändert sich. Pause. Es folgt eine Frage von großer Tragweite: „Heute beschäftigen wir uns mit einem dringenden Problem. Ein Problem, das uns alle betrifft, überall und jeden Tag. Was könnte das sein?“ Chantrea beugt sich vor und antwortet: „Es muss die Plastikverschmutzung sein.“ Es folgt Stille – doch sie ist erfüllt von einer unsichtbaren Bedrohung, die sich jenseits der Klassenzimmerwände ansammelt: in Flüssen, auf Straßen, in Böden und in der Luft.

Diese Szene eröffnet „Together: The Last Hope“, eine Theaterproduktion, die Schüler:innen der neunten Klasse der Liger Leadership Academy (www.ligeracademy.org) in Phnom Penh selbst konzipiert, geschrieben und aufgeführt haben. Die Aufführungen finden landesweit in Schulen, Tempeln und Gemeindezentren statt. Die Schule hat das Projekt in Kooperation mit dem Meta House Phnom Penh entwickelt, dem ältesten unabhängigen Kunst- und Medienzentrum des Landes. Es handelt sich um das erste Projekt dieser Art: Vollständig von Schüler:innen getragen, von ihren Perspektiven geprägt und eng an ihre Lebensrealität angepasst.

Eine strukturelle und gesellschaftliche Herausforderung

In Kambodscha ist Plastikverschmutzung kein abstraktes Problem, sondern Alltag. In den vergangenen drei Jahrzehnten ist das Abfallaufkommen stark gestiegen und überlastet die vorhandene Infrastruktur. Die Menschen entsorgen den Müll oft nicht sachgerecht. Stattdessen verbrennen oder werfen sie ihn unkontrolliert in die Umgebung. Die Folgen sind überall sichtbar. Sie beeinträchtigen natürliche Ökosysteme ebenso wie die öffentliche Gesundheit und das tägliche Leben der Bevölkerung.

Dabei gibt es ein erhebliches Potenzial, diese Entwicklung zu verändern. Rund siebzig Prozent von Kambodschas Bevölkerung sind jünger als dreißig Jahre. Die junge Generation ist besser ausgebildet und stärker vernetzt als ihre Eltern, die im Schatten des Genozids der Roten Khmer (1975-1979) und der darauffolgenden Jahre des Bürgerkriegs (1979-1997) aufgewachsen sind. Während der Kampf ums Überleben die älteren Generationen stark geprägt hat, beginnt die jüngere Generation, aktiv ihre Zukunft zu gestalten – im Bildungsbereich, im öffentlichen Raum und auch auf der Bühne.

Nur mit besserer Bildung kann sich etwas verändern

„Unser Stück handelt von drei Jugendlichen, die die Außenbezirke von Phnom Penh besuchen. In einem Dorf wollen sie gemeinsam die Wasserverschmutzung bekämpfen“, erzählt die 14-jährige Regisseurin Ly Ratanak Raingsey, Schülerin der Liger Leadership Academy. „Das Projekt hat mich in vieler Hinsicht herausgefordert – insbesondere bei der Zusammenarbeit mit Mitschüler:innen und Trainer:innen. Ich musste meine Komfortzone verlassen und habe erkannt, dass man persönlich erst wachsen kann, wenn man sich selbst herausfordert.“

Raingsey stammt aus der Stadt Siem Reap, die in der Nähe des Tempelkomplexes Angkor Wat liegt. Aufgrund ihrer schulischen Leistungen erhielt sie im Alter von zwölf Jahren ein Stipendium für die Liger Leadership Academy und wechselte in das angeschlossene Internat. Die Schule ist seit 2025 Teil der American University of Phnom Penh (https://www.aupp.edu.kh). Die Einrichtung fördert gezielt talentierte und zum Teil wirtschaftlich benachteiligte Schüler:innen, um langfristig eine gesellschaftliche Veränderung zu erreichen. Im Mittelpunkt stehen projektbasiertes Lernen und die Förderung unternehmerischen Denkens.

Der US-amerikanische Lehrer Jeff Kane, der seit 2023 an der Liger Leadership Academy unterrichtet, sagt: „Dieses Theaterprojekt war eine der bedeutendsten Initiativen, an denen ich beteiligt war. Die Schüler:innen haben gelernt, eine professionelle Produktion zu entwickeln – vom Schreiben des Drehbuchs über die Darstellung der Rollen bis hin zur Aufführung und Verfilmung. Wichtiger ist jedoch, dass sie ein tieferes Verständnis dafür entwickelt haben, wie sie in ihrem Land eine konkrete gesellschaftliche Wirkung erzielen können.“

Fehlende Infrastruktur und soziale Dynamiken

Über einen Zeitraum von sechs Monaten arbeitete die Klasse mit einem kambodschanisch-internationalen Team zusammen. Dazu gehörte auch die 19-jährige Nico-Marie Jelenski aus Deutschland, die ein Freiwilligenjahr im Meta House Phnom Penh absolviert. Seit 2015 führt das Goethe-Zentrum in Zusammenarbeit mit dem kambodschanischen Bildungsministerium, internationalen Hilfsorganisationen und Stiftungen landesweite Theater- und Medienprojekte mit Schulen und Universitäten in Kambodscha durch. Bisher haben mehr als 200.000 Schüler:innen und Student:innen daran teilgenommen.

„Ich bin beeindruckt von der Motivation und Energie der Schüler:innen hier“, sagt Jelenski. „Das Problem der Verschmutzung ist allgegenwärtig. Besonders auffällig sind die zahlreichen Plastikflaschen für Trinkwasser sowie die Plastiktüten, die auf Märkten automatisch ausgegeben werden. Öffentliche Mülleimer sind selten. Zudem gibt es eine deutliche Kluft zwischen städtischen und ländlichen Regionen: Während es in Phnom Penh eine Müllabfuhr gibt, wird Abfall in ländlichen Gebieten häufig verbrannt oder in die Umwelt entsorgt.“

Das Plastikproblem in Kambodscha ist historisch betrachtet jung, entwickelt sich jedoch schnell. Zwar gelangten Kunststoffprodukte bereits in den 1960er und 1970er Jahren ins Land, doch ein breiter Konsum setzte erst nach der wirtschaftlichen Öffnung in den 1990er Jahren ein. Seit den 2000er Jahren stieg der Verbrauch durch Urbanisierung, steigende Einkommen und veränderte Konsumgewohnheiten stark an. Einwegprodukte wie Plastiktüten, Flaschen und ,To Go´-Verpackungen sind fest im Alltag verankert, ohne dass entsprechende Systeme zur Abfallbeseitigung aufgebaut wurden.

Jährlich entstehen schätzungsweise vier bis zu fünf Millionen Tonnen Abfall – 20 Prozent davon sind Plastikabfälle. Mehr als die Hälfte wird nicht ordnungsgemäß entsorgt, die Recyclingquote liegt bei vier Prozent.

Neben infrastrukturellen Defiziten spielen soziale Faktoren eine zentrale Rolle. Fast 30 Jahre Bürgerkrieg führten zur Zerstörung der gesellschaftlichen Strukturen. Bis heute wirkt sich dies auf das Gemeinschaftsgefühl aus. Verantwortung wird individuell verstanden, nicht kollektiv. Die meisten wollen den Müll zwar möglichst schnell aus dem eigenen Umfeld entfernen, denken aber nicht an die Folgen für die Allgemeinheit.

Gemeinschaft als Schlüssel

Viele Initiativen der kambodschanischen Zivilgesellschaft versuchen, die Menschen für das Müllproblem zu sensibilisieren, konzentrieren sich jedoch häufig auf Aufräumaktionen statt auf Prävention. Anhaltende Praktiken wie Verunreinigung, illegale Entsorgung und das Verbrennen von Abfall zeigen, dass es kein gemeinschaftliches Verantwortungsbewusstsein für das Problem gibt.

„Viele Menschen betrachten Abfallmanagement als Aufgabe des Staates und nicht als gemeinsame Verantwortung. Es fehlt der soziale Druck, um öffentliche Räume sauber zu halten“, sagt Frank Jattke, ASEAN-Teamleiter der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) in Kambodscha. Die GIZ fördert das Theaterprojekt „Together: The Last Hope“ im Rahmen der „Green Growth Initiative for Circular Economy in Cambodia“. „Viele Kampagnen sind von oben organisiert und binden die Bevölkerung nicht ausreichend ein“, erklärt Jattke. „Erfolgreiche Beispiele zeigen aber, dass Menschen Verantwortung übernehmen, wenn sie an der Entwicklung von Lösungen beteiligt sind.“ Das bestätigen auch die Erfahrungen des kambodschanischen GIZ-Mitarbeiters Som Daravid, der die Schüler:innen des Theaterprojekts auf ihrer landesweiten Tour begleitet. Im Mai 2026 erreichten Aufführungen in Kampong Khleang, Kampong Phluk und an der Wat-Damnak-Grundschule Hunderte Teilnehmer:innen – darunter Schüler:innen, Lehrkräfte, lokale Behörden und Gemeindemitglieder. Die Wirkung ging weit über die Informationsvermittlung hinaus: Das Publikum reagierte emotional und übertrug die Erzählung auf den eigenen Alltag. Daravid erklärt: „Geschichten machen Botschaften persönlicher und leichter verständlich.“

Ein Modell für die Zukunft

Im letzten Teil des Stücks schließen sich die Dorfbewohner:innen zusammen und verpflichten sich, ihr Verhalten zu ändern. „Von nun an werden wir unseren Müll ordnungsgemäß entsorgen, statt ihn ins Wasser zu werfen“, sagen sie auf der Bühne, „wenn wir zusammenarbeiten und die Verantwortung teilen, können wir unsere Umwelt sauber halten.“ Der Dorfvorsteher fasst zusammen: „Das bedeutet Gemeinschaft – Verantwortung statt Strafe, Zusammenarbeit statt Schweigen.“

Nach den Aufführungen schildern die Schüler:innen ihre eigenen Perspektiven. „Ich möchte ein Kambodscha sehen, in dem alle Menschen nachhaltig leben und Verantwortung für die Umwelt übernehmen“, sagt die 14-jährige Socheata Chut. Der 16-jährige Chorn Kimchheng ergänzt: „Mein Beitrag beginnt bei mir selbst. Ich muss mein Verhalten ändern.“ Gemeinsam verweisen ihre Stimmen auf eine übergeordnete Entwicklung. „Together: The Last Hope“ ist mehr als ein Theaterprojekt. Es ist ein Modell für wirksame Jugendbeteiligung in einem Land, in dem gesellschaftliche Veränderung häufig von den älteren Generationen geprägt ist.

Junge Menschen in Kambodscha sind offen für Lernen, Anpassung und Veränderung. Sie sind zentrale Akteur:innen eines Wandels, der nicht nur Umweltverhalten betrifft, sondern auch gesellschaftliche Strukturen stärkt. Das Projekt zeigt, wie eine neue Generation dazu beitragen kann, die Folgen der Vergangenheit zu überwinden. Und wie sie eine Zukunft gestaltet, die auf Zusammenarbeit, Verantwortung und nachhaltigem Umgang mit Ressourcen basiert.

Autor:in

  • Christiani Putri lebt in Berlin und Yogyakarta. Sie hat einen Master in Anglophone Modernities in Literature and Culture der Universität Potsdam und beschäftigt sich mit Gesellschaft, Kultur und Literatur in ihrer Heimat Indonesien.

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