2 | 2023, Rezensionen, Sonderausgabe Buchmesse, Südostasien,
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Klimawandel, Jugend Südostasien

Anlässlich der UN-Klimakonferenz 2021 (COP26) protestieren zivilgesellschaftliche Gruppen der Philippinen in Quezon City, da die offizielle philippinische Delegation die Stimmen aus der Zivilgesellschaft nicht berücksichtigt habe. © 350.org, Flickr, CC BY-NC-SA 2.0

Südostasien: Junge Aktivist*innen erzählen im Sammelband “Klima ist für alle da” von den Auswirkungen des Klimawandels auf ihr Leben. Vorgestellt werden einige inspirierende große und kleine Initiativen.

Im englischen Original heißt das 2020 veröffentlichte Buch United we are unstopable und transportiert viel deutlicher die Wucht seiner Botschaft als der deutsche Titel Klima ist für alle da. Herausgeber Akshat Rathi, promovierter Biochemiker und Klima-Journalist in London, gibt darin 60 jungen Aktivist*innen aus aller Welt eine Plattform, um ihre inspirierenden Geschichten zu teilen und eindrückliche Appelle an Politik und Gesellschaft zu richten.

Die Einleitung informiert leicht verständlich darüber, wie die Diskussion um den Klimawandel in den letzten rund 100 Jahren verlaufen ist. Die Beiträge der einzelnen Autor*innen sind nach Kontinenten unterteilt. Zwischen den einzelnen Berichten wird der Einfluss des Klimawandels auf die jeweilige Region oder das Land erklärt.

Eine globale Herausforderung

Was schnell klar wird: Der Klimawandel ist überall; alle sind betroffen, auch wenn sich die Ressourcen zur Bewältigung der Auswirkungen unterscheiden. In den persönlichen Geschichten zeigen sich die regional unterschiedlichen Facetten des Klimawandels. Aus Südostasien kommen drei Menschen zu Wort: sie leben in Myanmar, Malaysia und den Philippinen. Sie berichten von extremen Wetterereignissen, die auf den Philippinen und in Myanmar Dürren und Überflutungen hervorrufen, vom Anstieg des Meeresspiegels, wodurch zum Beispiel in Myanmar das Grundwasser versalzen wird oder von Waldbränden und Überschwemmungen in Malaysia.

Klimawandel, Jugend Südostasien

Buchcover Das Klima ist für alle da – Wie 60 junge Menschen uns dazu inspirieren, die Welt zu retten. © Verlag Blanvalet.

Htet Myet Min Tun aus Myanmar beginnt seinen Beitrag damit, wie der Zyklon Nargis 2008 sein Land verwüstete – für ihn ein traumatisches Erlebnis. Als er in der Schule mehr über den Klimawandel lernt, fasst er den Entschluss, sich für eine stärkere öffentliche Wahrnehmung einzusetzen und später selbst in die Politik zu gehen. Der 18-Jährige macht sich viele Gedanken und legt dar, dass es in seinem von Armut und Ungleichheit geprägten Land besonders schwierig sei, ein Bewusstsein für den Klimawandel zu schaffen. Denn die Menschen müssten ums tägliche Überleben kämpfen, um ihre Grundrechte, um ärztliche Versorgung oder den Schulbesuch für die Kinder. Er ist überzeugt, dass genügend Wissen und Technologien vorhanden seien, um dem Klimawandel entgegenzutreten – was es wirklich brauche, seien aber Beharrlichkeit und Entschlossenheit, diese auch einzusetzen.

Liyana Yamin aus Malaysia ist in der Malaysischen Jugenddelegation, kurz MYD, aktiv. Dies sei die einzige Jugendorganisation in Malaysia, die sich für Klimapolitik engagiere. MYD organisiert Schulungen und Gespräche und informiert die Politik über den Klimawandel. Die 27-jährige Liyana hat Überschwemmungen und Waldbrände miterlebt. Sie findet es wichtig, Jugendliche an der Gestaltung von Lösungsansätzen zu beteiligen. Gleichzeitig müsse die gesamte Gesellschaft mitgenommen werden, damit die nötigen Veränderungen beispielsweise in der Landwirtschaft oder im Energie- und Verkehrssektor von allen getragen würden.

Albrecht Arthur N. Arevalo aus den Philippinen arbeitet als Jugendbetreuer mit verschiedenen NGOs, Glaubensgemeinschaften und der Regierung zusammen. Er betont, welche Folgen der Klimawandel für die Menschen hat, wie er die Wasser- und Nahrungsmittelversorgung beeinflusst und sich auf die Menschenrechte der indigenen Völker, Bauern und Fischer auswirkt. Leider wird in seinem Beitrag nicht wirklich deutlich, wie Jugendarbeit und Klimaschutz in seinem Leben zusammenhängen

Sich gemeinsam den Herausforderungen stellen

Es ist beeindruckend zu lesen, wie eloquent und fokussiert sich die teils noch sehr jungen Autor*innen – sie sind zum Zeitpunkt der Veröffentlichung zwischen 11 und 30 Jahre alt – artikulieren, was sie bewegt, und wie entschlossen sie sind, im Kleinen und im Großen Veränderung herbeizuführen. Es zeigt das Selbstverständnis einer Generation, sich nicht den Folgen des Klimawandels zu ergeben, sondern gemeinsam aktiv zu werden. Der Wunsch nach Klimagerechtigkeit und Artenschutz schwingt in einigen Beiträgen mit. Manchmal ist es auch persönliche Betroffenheit, wie bei Htet Myet Min Tun aus Myanmar und Liyana Yamin aus Malaysia, die extreme Wetterereignisse miterlebten und sich um die Zukunft ihrer Mitmenschen sorgen.

In den Texten benennen die Aktivist*innen einige Herausforderungen, vor denen sie stehen. Durch die Berichte aus verschiedenen Teilen der Erde wird deutlich, wie unterschiedlich diese ausfallen können. Für Albrecht Arthur N. Arevalo aus den Philippinen sind zwei seiner größten Herausforderungen, Menschen von langfristigen und schwierigen Verpflichtungen zu überzeugen und der Mangel an finanziellen Ressourcen. Es sei nicht immer möglich, Freiwillige zu finden, sagt er.

Auch politische Repression erschwert es den motivierten Frauen und Männern, aktiv zu werden. Howey Ou aus der chinesischen Provinz Yunnan beispielsweise protestierte immer freitags vor dem Regierungsgebäude ihres Stadtbezirks, bis die Polizei sie festnahm und verhörte. Um ihren Protest fortzusetzen, wurde sie kreativ und startete die Aktion #PlantForSurvival, die Schüler*innen aus dem ganzen Land dazu aufruft, jeden Freitag Bäume zu pflanzen.

Klimawandel, Jugend Südostasien

In Malaysia kommt es immer öfter zu Überschwemmungen. Wie hier schon im Jahr 2009 in Batu Pahat im Süden Malaysias. © Lan Rasso, Flickr, CC BY-NC-ND 2.0

Viele Aktivist*innen berichten, wie schwer es sei, für ihre Überzeugung einzustehen, weil beispielsweise ihre Eltern dagegen seien oder Freund*innen äußerten, Protest würde sowieso nichts bringen. Auch von Expert*innen und Politiker*innen fühlen die jungen Menschen sich nicht ernst genommen. Ihnen werde nicht zugetraut, Klimamaßnahmen aktiv mitgestalten zu können, sagen sie.

Inspiration zum Aktiv werden – für uns alle

Das Buch vermittelt auf anschauliche und inspirierende Weise, wie der Klimawandel, die Vermüllung der Welt sowie politische und gesellschaftliche Passivität junge Menschen dazu bringt, mutig und entschlossen dazu beizutragen, dass wir und zukünftige Generationen weiter auf der Erde leben können. Schade ist allerdings, dass nur wenige konkrete Projekte vorgestellt werden. Und leider keines aus Südostasien.

Auf den ersten Blick erweckt Klima ist für alle da den Eindruck, sich eher an Jugendliche und junge Erwachsene zu richten: Die einzelnen Beiträge sind meist kurz gehalten und leicht verständlich geschrieben. Aufgelockert werden sie durch spielerische Grafiken, die Appelle an Gesellschaft und Politik enthalten, knappe Informationen zum jeweiligen Land oder anderen Bezugspunkten aus den Texten, wie zum Beispiel ein Verweis auf den Dokumentarfilm von Al Gore Eine unbequeme Wahrheit.

Das Buch lädt ein, es immer wieder zur Hand zu nehmen, ein oder zwei Beiträge zu lesen und so als Leser*in selbst jedes Mal neu Hoffnung, Inspiration und Tatendrang zu gewinnen, wenn Nachrichten und Alltag es schwer machen, nicht pessimistisch in die Zukunft unseres Planeten zu blicken. Die Energie, die Aufbruchstimmung, der Mut und die intrinsische Motivation der Protagonist*innen, in Aktion zu treten und nicht hinzunehmen, dass der Klimawandel mit schnellen Schritten voranschreitet, steckt an – während Politik und Industrie weiterhin auf die Bremse drücken, wenn es um echte Maßnahmen geht. Das Buch zeigt: Wir alle haben die Macht etwas zu verändern, zur Klimagerechtigkeit beizutragen und uns nicht hinter der Ohnmacht zu verstecken. Wie viele konkrete Initiativen künftige Bücher dieser Art vorstellen können liegt auch in unseren Händen.

Rezension zu: Hrsg. Akshat Rathi. Klima ist für alle da – Wie 60 junge Menschen uns dazu inspirieren, die Welt zu retten. 2021. Verlag Blanvalet. 320 Seiten.

Dieser Artikel erschien zunächst in der südostasien Ausgabe 2|2023 – Klima im Wandel, Gesellschaft in Bewegung – Zivilgesellschaftliche Klimabewegungen in Südostasien und ist Teil der südostasien – Sonderausgabe Buchmesse

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2 | 2023, Rezensionen, Sonderausgabe Buchmesse, Südostasien,
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Philippinen: In ihrem Buch „How to Stand Up to a Dictator“ verbindet Maria Ressa den Kampf gegen die autokratische Regierung von Ex-Präsident Rodrigo Duterte mit investigativem Journalismus. Sie analysiert tiefgreifend, wie Demokratie bedroht wird.

Für ihren Einsatz für Pressefreiheit und Demokratie erhielt die philippinische Journalistin Maria Ressa 2021 gemeinsam mit dem russischen Journalisten Dmitri Muratow den Friedensnobelpreis. Als Journalistin kämpfte sie gegen das unterdrückerische Regime des philippinischen Ex-Präsidenten Rodrigo Duterte. In ihrem Buch How to Stand Up to a Dictator hat sie ihre Erfahrungen, Recherchen und Schlussfolgerungen veröffentlicht. Ressas Reise als Journalistin beginnt nach ihrem Studium an der Princeton University, als sie ihre journalistische Karriere bei CNN International begann. In den 1990er Jahren baute sie zwei CNN-Büros in Südostasien auf und leitete bis 2004 das Büro in Jakarta. Als sie das Angebot erhielt, die Nachrichtenredaktion des größten Medienkonglomerats der Philippinen ABS-CBN aufzubauen, ging sie zurück in ihr Heimatland, schrieb aber weiter für CNN und The Wall Street Journal.

Unterdrückung und Freiräume von Medien

In den folgenden sechs Jahren (2004-2010) ist Ressa und ihrem Team der Umbau von ABS-CBN gelungen, von einem Medienhaus, das zuvor unter staatlicher Kontrolle gestanden habe und vielen Politiker*innen gefällig gewesen sei, schreibt Ressa, hin zu einem führenden Medienunternehmen, dass durch journalistische Qualität und Professionalität überzeuge. Ihre Jahre bei ABS-CBN wurden von politischen Querelen der Regierung Gloria Macapagal Arroyo begleitet. 2006 verhängte die Präsidentin aufgrund von Verschwörungen gegen ihre Regierung den nationalen Notstand, infolge dessen wurden Kritiker*innen, Menschenrechtler*innen und Journalist*innen massiv in ihrer Arbeit eingeschränkt. Auch ABS-CBN wurde mit der Schließung gedroht.

Philippinische Regierungen, so Ressa, „fürchten die Macht der Medien nicht zuletzt deshalb, weil bereits zwei Präsidenten hatten gehen müssen, nachdem über die Medien zu friedlichen Straßenprotesten aufgerufen worden war.“ Ein Jahr später ließ die Arroyo-Regierung 51 Journalist*innen während eines Militärputsches verhaften, die über den Putsch live Bericht erstatten wollten. Die Journalist*innen waren vor Ort geblieben, „denn ansonsten hätte es nur die Version der Regierung über die Geschehnisse“ gegeben. „Indem die Regierung den Ort der Berichterstattung zu einem »Tatort« machte, an dem jeder verhaftet werden konnte, funktionierte sie die geltenden Gesetze um und gängelte die freie Presse – was eindeutig gegen die Verfassung der Philippinen verstieß. Es war das erste Mal, dass die philippinische Regierung der Nationalpolizei in einer politischen Konfliktsituation das Kommando überließ.“ Für Maria Ressa war die Regierung Arroyos Wegbereiter und Testerin für die durchschlagende und gewaltsame Politik der folgenden Präsidenten Rodrigo Duterte (2016-2022) und Präsident Ferdinand Marcos Jr. (seit 2022).

Ab 2009 baute Ressa ein Bürgerreporter*innen-Programm auf, das durch eigene Recherchen und Dokumentationen „vielfach Bestechung, Korruption sowie Gewalt in Zusammenhang mit den Wahlen [11. Mai 2010] und weitere Vorfälle“ aufdeckte. Immer mehr Bürgerreporter*innen berichteten vom Wahlkampf in ihren Provinzen. Die Ausstrahlung der Recherche wurde zunehmend präsenter. Am Wahltag hatten sich fast 90.000 Bürgerreporter*innen registriert, die die Wahlen über ihre Handys und über die Reichweite von ABS-CBN auf den Sozialen Medien dokumentierten. Kandidat*innen wurden Verstöße gegen die Wahlordnung landesweit extrem erschwert. Ressa betont „die Macht der partizipativen Medien, die Bürgerinnen und Bürger dazu befähigt, mit ihrem Handy Gerechtigkeit und Rechenschaft zu verlangen. Es zeigt mir, wie Technologie für das Gute eingesetzt werden kann: für Empowerment der Gesellschaft, für Wahlbeteiligung und demokratisches Engagement, für Integrität und Wahrheit.“

Vier Frauen gründen das Nachrichtenportal Rappler

Maria Ressa kündigte bei ABS-CBN Ende 2010, nachdem der ehemalige Vizepräsident Arroyos und Prime-Time Moderator Noli de Castro als Hauptmoderator zurückkehren sollte. Sie hatte sich schon lange nach einer Plattform gesehnt, die Journalismus ehrlich und investigativ betreibt. 2012 gründete sie mit ihren ABS-CBN Kolleginnen Chay Hofileña, Beth Frondoso und Glena Gloria das Online-Nachrichtenportal Rappler. Die vier Journalistinnen verband ihre „ganz eigene Vision von Journalismus und seiner Rolle in einer Demokratie“. Ziel von Rappler war es, in den Philippinen „einen neuen Standard für investigativen Journalismus zu schaffen, der die Plattformen der sozialen Medien nutzte, um Aktionsgemeinschaften für bessere Regierungsformen und stärkere Demokratien aufzubauen.“ Damals habe sie fest an die Macht der sozialen Medien geglaubt, etwas Gutes in der Welt bewirken zu können, so Ressa. Rappler deckte unter anderem Korruption und Manipulation innerhalb der Regierung auf und wurde schnell zu einer prominenten Stimme im philippinischen Journalismus. In den Anfangsjahren wurden Rappler unter der Regierung von Benigno Aquino (2010-2016) wenig Steine in den Weg gelegt. Dies änderte sich mit dem Wahlsieg von Präsident Rodrigo Duterte im Mai 2016.

Bedrohungen der Medienfreiheit

„Die Saat für Dutertes Subversion der Verfassung wurde während Arroyos Amtszeit ausgebracht. Die Änderungen waren anfänglich so subtil und schleichend, dass die Öffentlichkeit sie kaum bemerkte. Wir hätten früher Alarm schlagen sollen. Auch deswegen halten wir heute die Stellung – #HoldTheLine.“, schreibt Ressa. Viele von Arroyos Unterstützer*innen waren Kabinettsmitglieder der Duterte Regierung. Die kritische Berichterstattung führte bald zu Konflikten mit den philippinischen Behörden: Rappler wurde vorgeworfen, in ausländischem Besitz zu sein und unter ausländischer Kontrolle zu stehen, Steuern zu hinterziehen und auf Online-Plattformen Rufschädigung gegenüber der Regierung zu betreiben. Auf vielen Vorladungen wurden diese Vorwürfe überprüft. Als Maria Ressa in New York den Preis des Komitees zum Schutz von Journalist*innen stellvertretend für Rappler entgegennahm, erregte das den Unmut von Präsident Duterte. Er veranlasste das Justizministerium der Philippinen, eine Pressemitteilung herauszugeben, die die Absicht bekannt machte, Maria Ressa und Rappler anzuklagen.

Maria Ressa schreibt eindrücklich über die emotionalen und psychologischen Auswirkungen dieser permanenten Bedrohung. Diese Verletzlichkeit verleiht der Erzählung eine menschliche Dimension und macht ihre Geschichte umso fesselnder und nachvollziehbar. Ihre Erzählweise verwebt geschickt das Persönliche und das Politische und ermöglicht es den Leser*innen, sich mit ihrem Kampf zu identifizieren und gleichzeitig zu verstehen, mit welchen Herausforderungen Medien unter der Herrschaft Dutertes konfrontiert waren. So hatte die Regierung Dutertes zum Beispiel versucht, Rappler die Lizenz zu entziehen. Rappler – Reporterin Pia Ranada wurde daran gehindert, den Malacañang-Palast zu betreten, als sie über Duterte und die Exekutive berichtete.

Demokratie in Gefahr

Eine der Stärken von Ressas Schreiben liegt in ihrer Fähigkeit, ihre Erfahrungen im Rahmen globaler Trends des Autoritarismus zu kontextualisieren. Sie zieht Parallelen zwischen den Taktiken Dutertes und denen anderer autokratischer Führer wie Victor Orban oder Jair Bolsonaro. Ressa arbeitet heraus, dass moderne Diktatoren für ihre Ziele vor allem soziale Medien instrumentalisieren, Desinformationen verbreiten und öffentliche Meinung manipulieren.

Maria Ressa untersucht die Komplexität der Informationslandschaft im digitalen Zeitalter, wie soziale Medien dazu missbraucht wurden, Propaganda zu verbreiten und die Opposition zum Schweigen zu bringen. 2021 kam zum Beispiel heraus, dass die Attacken auf Präsidentschaftskandidatin Leni Robredo und deren Verbreitung online von einer Regierungsstelle finanziert wurden. Ressas Analyse ist scharfsinnig, und sie liefert den Leser*innen wertvolle Einblicke in die Mechanismen von Online-Desinformationskampagnen und die Herausforderungen, denen Journalisten beim Navigieren durch dieses gefährliche Terrain gegenüberstehen.

Dabei geht sie auch auf die Rolle der Tech-Konzerne ein, die diese autoritären Regime erst möglich machten. Sie sieht eine Mitschuld der Social-Media-Giganten an der Verbreitung von Desinformation und an Cyberangriffen gegen Journalist*innen. Im letzten Teil des Buches skizziert Ressa den 10-Punkte-Plan, den sie zusammen mit Dmitri Muratov, dem Mitgewinner des Friedensnobelpreises von 2021, erarbeitet und mit dessen Hilfe die zerstörerische Macht der Tech-Konzerne begrenzt und die Demokratie verteidigt werden soll. Darin fordern sie unter anderem eine Welt, in der Technologie im Dienst der Menschheit steht und Menschenrechte über Profit gestellt werden. Kritik üben sie am Geschäftsmodell und der Gestaltung führender Online-Plattformen, die das Potenzial der Technologie für den Fortschritt untergraben.

Mut, Widerstand und Demokratie

How to Stand Up to a Dictator ist ein fesselndes und nachdenklich stimmendes Buch. Mit der Kombination aus persönlichen Anekdoten, den Ergebnissen aus investigativen Recherchen und einem tiefen Verständnis der sozialpolitischen Landschaft bietet Ressa ihren Leser*innen eine berührende und aktuelle Analyse der Bedrohungen für die Demokratie in der digitalen Welt. Dieses Buch ist nicht nur eine Pflichtlektüre für alle, die sich für die Politik der Philippinen interessieren, sondern auch für jene, die wissen möchten, welchen Bedrohungen Demokratien weltweit ausgesetzt sind – und wie diesen Bedrohungen mit Mut und Widerstandsfähigkeit begegnet werden kann.

Rezension von: Maria Ressa. How to Stand Up to a Dictator. Der Kampf um unsere Zukunft. Quadriga Verlag. 368 Seiten. 2022.

Dieser Artikel erschien zunächst in der südostasien Ausgabe 1|2024 – Wahlen, Demokratie und Menschenrechte in Südostasien und ist Teil der südostasien – Sonderausgabe Buchmesse

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2 | 2023, Rezensionen, Sonderausgabe Buchmesse, Südostasien,
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Südostasien: Wasser ist die Quelle allen Lebens und zugleich drastischen Eingriffen durch den Menschen ausgesetzt. Vier bewegende Kurzfilme zeigen uns die Gefahren auf – und rufen uns auf zur Veränderung.

Auf der Plattform Cinemata sind rund 5.000 frei zugängliche Filme und Dokumentationen zu sozialen und Umweltthemen aus der Asien-Pazifik-Region versammelt. Die Redaktion der südostasien hat eine Auswahl von Kurzfilmen rundum das Thema Wasser zusammengestellt.

Küstenerosion – Wenn Häuser im Meer versinken

Die rasant voranschreitende Erosion der Küsten trifft vor allem die vor Ort lebenden Menschen. Ursache ist die Übernutzung der Küstengebiete durch Siedlungen, Aquakulturen, Fischzucht und Landwirtschaft. Der Kurzfilm Weaving Hope on North Java Coast der Indonesian Nature Film Society (INFIS) beleuchtet die Folgen des stetigen Landverlustes an der Nordküste der indonesischen Insel Java. Die Aufnahmen zeigen, wie das Meer den Bewohner*innen der Küstenstreifen den Lebensraum quasi unter den Füßen wegspült – Häuserreihe für Häuserreihe.

Im Film berichten die Bewohner*innen, wie sie ihre Häuser verlieren – und wie auch die Tourist*innen immer mehr ausbleiben. Die Erzählungen fesseln und erschüttern zugleich. Aufgeben möchten die dort lebenden Menschen ihre Heimat jedoch nicht. Stattdessen kämpfen sie. Sie bauen Wellenbrecher und pflanzen Mangroven, um die Küstengebiete zu schützen. Auch wenn die Maßnahmen kostspielig und mit großen Mühen verbunden sind, zeigen sie bereits erste Erfolge und die Küste ist nun vor der direkten Kraft der Wellen geschützt. Das gibt Hoffnung für eine Zukunft mit mehr Sicherheit.

(Eileen Kristiansen)

Weaving Hope on North Java Coast. 2019. Indonesia Nature Film Society. Indonesien. 13 Minuten

Haie – Der Kampf um die Flossen

Obwohl Haie an der Spitze der marinen Nahrungskette stehen, sind auch sie Opfer des menschlichen Handels und seit Jahren stark bedroht. Der Kurzfilm Sharks, Balancing The Ocean zeigt den Alltag und die Auswirkungen des Haifischfangs in der indonesischen Provinz Aceh.
Viele Bewohner*innen Indonesiens leben vom Fischfang. In einigen Teilen haben sich Fischer*innen auf das Fangen von Haifischen spezialisiert. Ein lukratives Unternehmen, denn Hongkongs und Chinas Nachfrage nach Haifischflossen ist groß. Die Folgen der Überfischung zeigen sich schon in den stark zurückgehenden Beständen, was sich wiederum im Rückgang der Fänge widerspiegelt.

Der Film lässt lokale Fischer*innen und Umweltschützer*innen zu Wort kommen und zeigt so die Realität der Hai-Fischerei aus verschiedenen Perspektiven. Dieser Interessenkonflikt wird untermalt mit sehr verschiedenen Bildern, von lebendigen, farbenfrohen Korallenriffen bis zu Fischmärkten voller Blut, auf denen Haie zerlegt und verkauft werden.

(Eileen Kristiansen)

Sharks, Balancing The Ocean. 2014. Gekko Studio. Indonesien. 14 Minuten

Strom aus dem Fluss

Nicht alle Haushalte auf den Philippinen sind zuverlässig mit Strom versorgt. Auch dort, wo die Regierung Elektrizität gewährleistet, fällt der Strom immer wieder aus. Der Kurzfilm [S]ILAW: ISANG Dokumentaryo (Light) zeigt, wie dieses Problem in der entlegenen Gemeinde Katablangan seit 20 Jahren erfolgreich und nachhaltig gelöst wird.

Die ethnische Gruppe der Isneg verfügt weder über Mobilfunknetze noch über Straßen, die mit Autos befahrbar sind. Doch seit 2002 gewinnt sie zuverlässig ihren eigenen Strom aus dem nahen Matalag-Fluss – mittlerweile 24 Stunden am Tag. Ein Verein lokaler Farmer*innen installierte mithilfe der Firma SIBAT (Sibol ng Agham at Teknolohiya) ein kleines Wasserkraftwerk. Der Film zeigt, wie die konstante Stromzufuhr sich positiv auf den Dorfalltag auswirkt. Es gibt zum Beispiel eine strombetriebene Waschmaschine, ein Fernsehgerät, Licht für Zusammenkünfte im Dunkeln und eine eigene Eisproduktion für die Kinder. Neben Akteuren wie dem Dorfvorsteher und einem Mitarbeiter von SIBAT werden im Film auch lokale Politiker*innen gezeigt, die sich den Erfolg des Projektes ohne eigenes Zutun zu Nutze machen wollen.

Der Film endet mit einer – leider viel zu kurzen – Erläuterung zu existierenden Plänen für Großstaudammprojekte in der Region und lässt somit viele Fragen offen. Dennoch wird an diesem Beispiel deutlich, wie sich Infrastruktur auf der lokalen Ebene verbessern lässt – mit Hilfe der Natur und nicht gegen sie.

(Kathrin Stopp)

[S]ILAW: ISANG Dokumentaryo (Light), 2022, Kodao Productions, Philippinen, 16 Minuten

Zerstörerische Staudämme

Talsperren – das sind gigantische Bauwerke, die den Wasserhaushalt stabilisieren sollen, oftmals mit massiven ökologischen und gesellschaftlichen Folgen, die noch viel zu wenig beleuchtet sind. Unlocking Bengoh folgt den Einwohner*innen rund um die Bengoh-Talsperre in Sarawak, Malaysia, die ihre Dörfer verlassen mussten, da diese überflutet wurden.

Die Bengoh-Hügelkette erhebt sich unweit der Millionenstadt Kuching, die von Wasserknappheit bedroht war. Um dem entgegenzuwirken, baute man 2004 eine Talsperre am Fluss Sarawak. Die Lösung für die Dörfer, die dadurch unbewohnbar wurden: das Bengoh Resettlement Scheme, eine knapp 20 Kilometer entfernte Neuansiedlung. Den Einwohner*innen wurden Häuser, Ackerland und eine gute Infrastruktur versprochen.

Die Realität sieht allerdings anders aus: unfertige Häuser, unfruchtbares Ackerland, unwegsame Straßen. Zudem zeigt die Dokumentation deutlich, dass die Talsperre funktionierende Öko- und Sozialsysteme zerstört hat. Unlocking Bengoh wurde von malaysischen Urlaubern gedreht und ist eine Mischung aus Landschaftsaufnahmen, Gesprächen mit umgesiedelten Menschen und Ausschnitten aus älteren Dokumentationen über das Talsperren-Projekt. Letzten Endes zeigt der Film, dass die Bewohner*innen allein gelassen wurden – von den Planer*innen des Projekts, aber auch von Politiker*innen in Kuching.

Die Dokumentation hinterlässt den Eindruck, dass es zu spät ist und dass die Umwelt und die Kultur der Dörfer nicht mehr zu retten seien. Politiker*innen und Planer*innen kommen nicht zu Wort. Auch das weiter gefasste Phänomen der Wasserknappheit thematisiert der Film nicht. Dennoch ist Unlocking Bengoh ein wichtiges Porträt indigener Rechte im Kontext von Talsperren in Südostasien – ein Thema, dem angesichts weiterer derartiger Vorhaben mehr Aufmerksamkeit gebührt.

(Lena Mrotzek)

Unlocking Bengoh, 2021, Freedom Film Network, Malaysia, 25 Minuten

Dieser Artikel erschien zunächst in der südostasien Ausgabe 2|2024 – Alles im Fluss? Wasser in Südostasien und ist Teil der südostasien – Sonderausgabe Buchmesse

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2 | 2023, Rezensionen, Sonderausgabe Buchmesse, Südostasien,
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Südostasien hat sich seit den 1980er Jahren stark verändert. Einige Länder machten demokratische Fortschritte, andere blieben unter autoritärer Kontrolle.

In den Philiippinen stürzte die People Power-Revolution 1986 den Diktator Ferdinand Marcos und führte zur Wiederherstellung der Demokratie unter Corazon Aquino. In Indonesien erfolge nach dem Rücktritt von Diktator Suharto 1998 eine umfassende politische Öffnung (Reformasi). Doch Herausforderungen wie Korruption, religiöse Spannungen und autoritäre Tendenzen bleiben bestehen.

In Myanmar gab es nach Jahrzehnten der Militärherrschaft ab 2010 Reformen und eine Annäherung an die Demokratie. Die Wahlen 2015 brachten Aung San Suu Kyis Partei an die Macht, bevor das Militär 2021 erneut putschte. In Thailand putschte das Militär 2006 und 2014, was zu anhaltender politischen Instabilität führte.

In Kambodscha regierte Premierminister Hun Sen und seine Kambodschanische Volkspartei (CPP) seit den 1980ern zunehmend autokratisch und unterdrückte die Opposition. 2023 übergab Hun Sen nach 38 Jahren sein Amt an seinen Sohn Hun Manet, bleibt jedoch als Parteichef einflussreich. Vietnam und Laos bleiben sozialistische Einparteienstaaten mit wirtschaftlichen Reformen, aber ohne politische Liberalisierung.

Hier ein Überblick über die wichtigsten Entwicklungen:

 

 

 

 

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Südostasien/Deutschland: Gründungsmitglied Frithjof Schmidt blickt zurück auf die Anfänge der südostasien. Bis heute ist er Leser und engagiert sich für die Region.

südostasien: Du warst Mitte der 80er Jahre Gründungsmitglied der „Südostasien-Informationen“ (später: südostasien) und Teil der Südostasien Informationsstelle, die die Zeitschrift herausgab. Welche Absicht war mit der Publikation verbunden?

Frithjof Schmidt: Die frühen achtziger Jahre waren in Fragen der Nord-Süd Beziehungen stark durch die Dritte-Welt-Solidaritätsbewegungen geprägt. In Deutschland lag der Fokus stärker auf Lateinamerika, Afrika und dem Nahen Osten als auf Asien. Es gab bewegungsorientierte Informationsstellen zu diesen Regionen, die die Sicht von Befreiungsbewegungen und demokratischen Nicht-Regierungsorganisationen (NROs) in die deutsche Öffentlichkeit vermittelten.

Unsere Idee war es, eine solche Informationsstelle auch für die Länder Südostasiens aufzubauen: Gemeinsam mit Solidaritätsgruppen für einzelne Länder dieser Region Informationsmaterial und Publikationen – so genannte Graue Literatur – in einer Art alternativen Bibliothek zugänglich zu machen.

Auf dieser Basis ging es darum, in einer deutschsprachigen Zeitschrift die aktuellen Entwicklungen in Südostasien aus Sicht dortiger NRO, Aktionsgruppen, Gewerkschaften und Parteien darzustellen und ihnen hier eine Stimme zu geben. Dazu sollten wissenschaftlich fundierte Analysen neokolonial geprägte wirtschaftliche und politische Beziehungen kritisieren.

Insbesondere war es auch Ziel, die Unterstützung von autoritären und diktatorischen Regierungen in Südostasien durch die deutsche Regierung zu enthüllen und anzugreifen. Zielgruppe in Deutschland waren insbesondere Menschen, die sich der Nord-Süd-Solidarität verpflichtet sahen und sich für die Region interessierten.

Wie sah das Tagesgeschäft der Redaktion damals praktisch aus, bevor es e-Mail und Whatsapp gab? Wie habt ihr Themen recherchiert und zu Autor:innen Kontakt gehalten?

Im Zentrum der Redaktionsarbeit stand neben der systematischen Auswertung diverser Publikationen der Kontakt und Dialog mit Autor:innen, Aktivist:innen und Journalist:innen in der Region.

Die Kommunikationsrevolution durch die Nutzung der ersten PC war in vollem Gange und interessanterweise bei den meisten Partner:innen in Südostasien bereits fester Bestandteil ihrer Arbeit. Wir lernten von ihnen, was ein Modem ist und wie elektronische Kommunikation via Telefonleitung den langsamen Postweg ersetzen kann.

Wir lernten auch, dass Computer abstürzen können und ein halbes Zeitschriften-Layout dabei spurlos verschwindet. Das alles zu einem Zeitpunkt, wo etwa in der grünen Bundestagsfraktion in Bonn sehr grundsätzlich gestritten wurde, ob überhaupt Computer im Büro benutzt werden dürften oder sollten.

Wie präsent war die Region Südostasien damals in der medialen Berichterstattung?

In den achtziger Jahren gab es meist nur eine selektive und begrenzte Berichterstattung der Medien. Selten ging es dabei um die gesamte gesellschaftliche und politische Entwicklung eines Landes.

Es gab intensivere Wirtschaftsberichterstattung unter dem Stichwort „neue internationale Arbeitsteilung“ über erste Industrieverlagerungen aus Europa nach Südostasien – Singapur, Malaysia Thailand, Indonesien Philippinen, Vietnam – sowie über den Zugang zu Rohstoffen durch Abkommen zwischen der damaligen Europäischen Gemeinschaft und ASEAN. Auch Auswüchse des Massentourismus – Stichwort „Sextourismus“ – spielten medial eine größere Rolle. Seltener wurde über bewaffnete Auseinandersetzungen zwischen Oppositionskräften und meist autoritären Regierungen berichtet wie in Thailand oder in den Philippinen.

Wie war es um die Reichweite der südostasien bestellt? Welche Resonanz und Wirkung lassen sich aus den frühen Jahren – oder auch später – berichten?

Die südostasien konnte in der Medienlandschaft nur ein kleines, punktuelles Gegengewicht bilden, indem sie insbesondere Multiplikator:innen in Journalismus, im Wissenschaftsbereich und im Bereich der Entwicklungspolitik erreichten und dort als relevante Quelle respektiert waren. Diese Akteur:innen waren und sind ja auch in der Politikberatung von Parlamenten und Regierungen ein wichtiger Faktor.

Ich will ein Beispiel für erfolgreiche Interventionen durch die Solidaritäts- und Informationsarbeit ansprechen, an denen auch die südostasien beteiligt war. Das ist die Kritik an einem der größten bundesdeutschen Entwicklungsprojekte in den achtziger Jahren: Das Infrastrukturprojekt auf der Halbinsel Bondoc auf Luzon in den Philippinen.

Dieses Gebiet war eine Hochburg der bewaffneten Opposition unter Führung der NDF [National Democratic Front of the Philippines – Nationale Demokratische Front der Philippinen, ein Bündnis oppositioneller linker Organisationen, das seit Ende der 60er Jahre einen revolutionären, zum Teil bewaffneten Kampf führt. d.R.]. Der Bau von Straßen- und Transportwegen durch die Region wurde vom philippinischen Militär als wichtiger Bestandteil der Aufstandsbekämpfung gesehen. Eine zentrale Forderung der philippinischen Opposition und der deutschen Solidaritätsgruppen war die Verwendung der Entwicklungsgelder für Wasserversorgung und Armutsbekämpfung und der Stopp des Straßenbaus. Es gelang mit der gemeinsamen Anstrengung vieler Akteur:innen, über breite Berichterstattungen, die Initiierung von Anhörungen und von Anträgen im Deutschen Bundestag, dieses Projekt nicht nur zu verzögern, sondern auch teilweise zu stoppen und positiv zu verändern.

Du warst viele Jahre Mitglied des Bundestags und vorher als Abgeordneter im Europaparlament auch Delegierter für die Beziehungen zu Südostasien. Hast Du den Eindruck, dass Stimmen aus der Region im politischen Diskurs ausreichend Gehör fanden? Konnte die südostasien hierbei einen Beitrag leisten?

Wenn es um die außenpolitischen und diplomatischen Beziehungen der EU und Deutschlands zu Ländern Südostasiens geht, gibt es grundsätzlich zwei unterschiedliche Ebenen der Stimmen, die von dort zur Geltung kommen. Die staatlichen Beziehungen werden ja maßgeblich von den Regierungen geprägt. Meist dominieren da ökonomische Themen, inzwischen häufig verbunden mit ökologischen Fragen.

Das Europaparlament und der Bundestag bringen über entsprechende Ausschüsse offensiv Fragen der Demokratie, der Menschenrechte, der sozialen Gerechtigkeit in solche Dialoge ein. Hierbei spielen gerade auch Kontakte zur Zivilgesellschaft und der Graswurzel-Opposition in Südostasien und entsprechende Informationen eine Rolle. International dominieren dabei allerdings englischsprachige Medien. Die deutschsprachigen Europa- und Bundespolitiker zu erreichen, ist der südostasien aber durchaus immer wieder gelungen.

Die Region, die die südostasien in den Blick nimmt, hat sich im Lauf von 40 Jahren stark verändert. Welche Veränderungen findest Du besonders markant?

Die Modernisierung hat die Form einer dramatischen Urbanisierung und Motorisierung angenommen. Globalisierte Megametropolen stehen in scharfen Gegensatz zur ländlichen Entwicklung. Die Lebenswelten in verschiedenen Regionen klaffen immer stärker auseinander. In kürzester Zeit ist die wachsende Bedrohung der Umwelt zu einer gesellschaftlichen Existenzfrage geworden.

Gab es für dich in den 40 Jahren so etwas wie eine Glanzzeit der südostasien – wenn ja, wann und warum?

Ich denke, dass die achtziger und neunziger Jahre des 20. Jahrhunderts und teils auch noch die ‚Nullerjahre‘ des 21ten durch eine intensive Nord-Süd-Solidaritätsbewegung in der Gesellschaft geprägt waren, was einen guten Resonanzboden für eine Zeitschrift wie die „Südostasien-Informationen“/südostasien bedeutete. Das ist deutlich zurückgegangen. In dieser Zeit definierten sich fast alle ASEAN-Staaten noch als Teil der Dritten Welt, als sogenannte Entwicklungsländer des Südens.

In den Medien erfährt die Region heutzutage mehr Aufmerksamkeit, bedingt durch ihre wachsende wirtschaftliche und politische Bedeutung – auch durch digitale Medien. Wie schätzt Du als heutiger Leser dabei die Relevanz der südostasien ein?

Heute definieren sich viele Staaten der Region mehr als „emerging countries“, als sogenannte „Schwellenländer“ der Industrialisierung. Damit stellen sich auch viele Fragen der internationalen und weltwirtschaftlichen Beziehungen im Rahmen der dynamischen Globalisierung anders als früher, zum Beispiel in Bezug auf Menschheitsfragen wie die Klimapolitik. Daraus ergeben sich auch veränderte Aufgaben und Themen in der Informations- und Solidaritätsarbeit.

Das spiegelt sich natürlich auch in den letzten Jahrgängen der südostasien. Unter dem Einfluss der neuen sozialen Medien sinkt der Stellenwert eines Nachrichtenteils, da das Internet-Tempo des Medienmarktes nicht zu überbieten ist. Dagegen sehe ich einen steigenden Bedarf an fundierten Analysen zu den großen Themen der Zeit und der Region. Ich sehe die Online-Zeitschrift da heute auf einem schwierigen, aber guten Weg.

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Deutschland/Südostasien: Seit ihrer Gründung vor vierzig Jahren ist die südostasien ein kritischer Begleiter der Asienpolitik der Bundesregierung.

Die deutsche Asienpolitik von den 1980er bis 2020er Jahren ist von mehreren Phasen geprägt, die von globalen geopolitischen und innenpolitischen Entwicklungen beeinflusst wurden. Die Beziehungen zu Asien haben sich gewandelt: von der Ost-West-Blockkonfrontation der 1980er Jahre über die Globalisierungseuphorie der 1990er Jahre bis hin zur modernen multipolaren Welt der 2000er Jahre.

Die 1980er Jahre: Kalter Krieg und vorsichtige Annäherung

In den 1980er Jahren war die deutsche Außenpolitik aufgrund der Blockkonfrontation stark von den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion geprägt. Der Fokus in Asien lag hauptsächlich auf wirtschaftlichen Interessen, insbesondere im Handel mit Japan, das als wirtschaftliche Supermacht galt.

Gleichzeitig begannen vorsichtige Annäherungsversuche an China, das unter Deng Xiaoping wirtschaftliche Reformen einleitete. Politische Zusammenarbeit war jedoch noch begrenzt, da China als kommunistisches Land weiterhin skeptisch betrachtet wurde.

Dagegen zählte man Südostasien zum westlichen Bündnis und arbeitet mit den dortigen Machthabern eng zusammen, auch mit autoritären Herrschern wie Ferdinand Marcos auf den Philippinen und Suharto in Indonesien. Unter Bundeskanzler Helmut Kohl (1982-1998) war Deutschland bestrebt, seine Beziehungen zum Verband Südostasiatischer Nationen (ASEAN) auszubauen und zu vertiefen.

Deutsche Unternehmen erhöhten ihre Investitionen in den ASEAN-Mitgliedsstaaten, insbesondere in der Automobil-, Maschinenbau- und Chemiebranche. Deutschland unterstützte die Rahmenbedingungen für die wirtschaftliche Zusammenarbeit zwischen der EU und ASEAN, darunter Handelsabkommen und Marktzugangsinitiativen.

Frithjof Schmidt schrieb dazu 1984 in den „Südostasien-Informationen“, der Vorgängerin der südostasien: „Deutschland und Asien“, so lautet schon im Februar 1962 der Titel einer Schwerpunktnummer der „Far Eastern Economic Review“. Ludwig Erhard – damals Vizekanzler –, Willy Brandt, Otto Wolff von Amerongen und Fritz Berg sind die Namen der prominenten Autoren, die übereinstimmend erklären, dass der „Ferne Osten“ für die deutsche Wirtschaft ein Zukunftsraum von zentraler Bedeutung sei.

1990er Jahre: Deutsche Wiedervereinigung und Öffnung nach (Südost-)Asien

Nach dem Ende des Kalten Krieges und der Wiedervereinigung Deutschlands 1990 veränderte sich die deutsche Außenpolitik grundlegend. Das vereinigte Deutschland unter Helmut Kohl strebte nach einer stärkeren Rolle in der Weltpolitik und baute seine Beziehungen zu asiatischen Ländern weiter aus. China wurde als potenzieller Wirtschaftspartner zunehmend wichtiger, insbesondere nachdem das Land 1992 seine Wirtschaft weiter öffnete. In dieser Phase prägte der Wunsch nach einer „Globalisierung der Außenpolitik“ das Verhältnis zu Asien.

Während seiner Amtszeit legte Helmut Kohl auch den Grundstein für das strategische Engagement Deutschlands in der ASEAN, wobei er den Schwerpunkt auf den gegenseitigen wirtschaftlichen Nutzen und die multilaterale Zusammenarbeit legte. Kohl förderte die Zusammenarbeit zwischen der EU und asiatischen Staaten, insbesondere durch das Asia-Europe Meeting (ASEM), das erstmals 1996 auf Initiative von Singapur und Frankreich zusammentraf.

Helmut Kohls Asienpolitik war von Pragmatismus und einem Fokus auf wirtschaftlicher Zusammenarbeit geprägt. Er sah Asien als strategischen Schlüssel für Deutschlands wirtschaftliche Zukunft und setzte auf langfristige Partnerschaften. Dabei nahm er in Kauf, dass Themen wie Menschenrechte und demokratische Reformen zugunsten wirtschaftlicher und diplomatischer Stabilität in den Hintergrund rückten. 1997/1998 kam es in Asien zu finanziellen und wirtschaftlichen Krisen, die Japan, Thailand, Philippinen, Malaysia und vor allem Indonesien erfassten.

Der damalige Beauftragte des Fraktionsvorsitzenden der SPD für Asienpolitik, Dieter Schanz, schrieb in südostasien 1-2/99: Die Europäer müssten dabei lernen, dass „ökonomische Überhitzung wie in den Tigerstaaten nicht die Garantie für ökonomische und insbesondere soziale Stabilität beinhaltet.“

2000er Jahre: „Strategische Partnerschaften“ und Fokus auf China

Die Finanzkrise hatte Auswirkungen auf die Volkswirtschaften der ASEAN-Staaten und prägte auch das deutsche Engagement während Gerhard Schröders (SPD) erster Amtszeit (1998-2002). Unter Schröders Regierung stand die Wirtschaftsdiplomatie im Vordergrund und sie war bestrebt, die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands auf den Weltmärkten zu stärken, wozu auch die Förderung engerer Beziehungen mit den ASEAN-Staaten gehörte.

„Wirtschaftsinteressen haben notwendigerweise nur eine begrenzte Zahl von Profiteuren, Menschenrechte dagegen sind universell in ihrer Bedeutung. Das bedeutet, dass ein Konflikt besteht zwischen der privaten Natur wirtschaftlicher Interessen und der öffentlichen Natur der Menschenrechte.“ (Anne-Christine Habbard: „Wirtschaftsinteressen versus Menschenrechte“. südostasien 1-2 /1999)

2002 initiierte Schröders Regierung das „Asien-Konzept“, das Deutschlands Strategie für das Engagement in Asien, einschließlich der ASEAN, skizzierte. ASEAN wurde dabei als entscheidender Teil der Strategie zur Diversifizierung von Handel und Investitionen über die traditionellen Märkte in Europa und Nordamerika hinaus angesehen. Der in dieser Zeit geschaffene Schwerpunkt auf Handel, Investitionen und multilateraler Zusammenarbeit schuf die Grundlage für ein stärkeres Engagement in den darauffolgenden Jahren.

Deutschland wurde einer der größten europäischen Handelspartner der ASEAN, insbesondere in den Bereichen Industriemaschinen, Automobilexporte und chemische Produkte. Deutsche multinationale Konzerne bauten ihre Präsenz in den ASEAN-Ländern aus und profitierten vom schnellen Wirtschaftswachstum und der Integration der Region durch Strukturen wie die ASEAN-Freihandelszone (AFTA).

Unter der Regierung von Gerhard Schröder und später Angela Merkel wurde aber vor allem China als neuer strategischer Partner betrachtet. Die deutsche Wirtschaft profitierte erheblich von der boomenden chinesischen Wirtschaft. Die deutschen Exporte nach Asien stiegen massiv an. Themen wie Menschenrechte und Demokratie wurden zwar angesprochen, standen aber im Hintergrund der wirtschaftlichen Interessen.

2010er Jahre: Altes Motto im neuen Gewand: Wandel durch Handel

Das alte Motto geht auf eine Formel Egon Bahrs zurück, mit der dieser 1963 das Konzept der Neuen Ostpolitik eingeführt hatte: Wandel durch Annäherung. Der gedankliche Kern ist, dass ein autoritäres Regime (damals die Sowjetunion) durch eine Öffnung der Wirtschaft für Handel und Investitionen auch auf politischer und gesellschaftlicher Ebene eine Liberalisierung erfährt. Zweifellos ist dies eine der folgenreichsten außenpolitischen Ideen der Bundesrepublik.

Sozialdemokraten haben sie erfunden. Christdemokraten haben sie anfangs bitter bekämpft. Später jedoch wurde CDU-Wirtschaftsminister Peter Altmaier ihr treuester Verfechter. Wünsche nach stärkerem deutschen Engagement in Sachen Hongkong oder Mahnungen wegen der Unterdrückung der Uiguren wischte er vom Tisch. Was bei der Sowjetunion funktioniert habe, werde auch gegenüber China und anderen ’schwierigen Partnern‘ irgendwann Früchte tragen, so der politische Tenor.

In der Ära Merkel spielte Deutschland eine größere Rolle in Südostasien, insbesondere durch Wirtschaftsbeziehungen, politische Zusammenarbeit und kulturellen Austausch. Deutschland beteiligte sich am ASEAN-Regionalforum (ARF) und unterstützte multilaterale Initiativen wie das Asia-Europe Meeting (ASEM). 2012 startete die deutsche Regierung unter Merkel die „Asien-Pazifik-Strategie“, die auch Fragen der Sicherheit und Stabilität in der Region betonte.

„Bis jetzt wurde das geplante Freihandelsabkommen mit den USA als Untermauerung einer Wertegemeinschaft verkauft, als die Selbstbehauptung der Demokraten gegen die asiatischen Schwellenländer und gegen Russland. Jetzt will Merkel auch noch ein Freihandelsabkommen mit den Chinesen, diesen Despoten und Menschenrechtsbrechern? So bleibt eigentlich nur noch die Schlussfolgerung: Die wahre Wertegemeinschaft hinter all diesen Freihandelsabkommen und Investitionsschutzabkommen ist das Geld.“ (Jürgen Maier: „Partnerschaften im Interesse globaler Konzerne.“ südostasien 1/2015)

2020er Jahre: Was heißt eigentlich ‚wertebasierte‘ Außenpolitik?

Im Jahr 2020 verabschiedete Deutschland unter Angela Merkel eigene Indo-Pazifik-Leitlinien und betonte die zentrale Bedeutung der ASEAN für die Wahrung des Friedens und der Stabilität in der Region. Ziel der Regierung war es, die Partnerschaften in der Region vielfältiger zu gestalten, die Abhängigkeit von China zu verringern und eine regelbasierte internationale Ordnung zu fördern. Im Rahmen der Zusammenarbeit mit der ASEAN wurde auch dem Klimaschutz Priorität eingeräumt. Deutschland unterstützte Initiativen der ASEAN im Bereich erneuerbare Energien, darunter Solar- und Windenergieprojekte.

Deutschland steht in seiner Asienpolitik weiter vor Herausforderungen. Die politische Landschaft ist heterogen, mit Spannungen und Konflikten in verschiedenen Regionen. Wie können nachhaltige Entwicklungsziele und die Bekämpfung des Klimawandels gefördert werden? Und wessen Interessen vertritt die Bundesregierung dabei?

Der gängige Weg der Klimafinanzierung führe in die falsche Richtung, kritisiert Tala Batangan in südostasien 2/2023: Während Unternehmen aus den Klimakrediten und ihrer Förderung falscher, marktbasierter Lösungen Profit schlagen können, würden ‚Entwicklungsländer‘ mit zusätzlichen Schulden belastet, was zu Haushaltskürzungen für wichtige soziale Dienste und Klimainitiativen führt, so die philippinische Expertin. „Die Klimagerechtigkeitsbewegung in Südostasien und im gesamten Globalen Süden fordert weiterhin die Entkolonialisierung der Klimafinanzierung, da es eine grundlegende Verschiebung von Macht und Ressourcen erfordert, um die Klimakrise wirklich anzugehen. Dies würde weltweit ‚Entwicklungsländern‘ und den betroffenen Gemeinschaften den Zugang zu einer Klimafinanzierung ermöglichen, die auf ihre eigenen Entwicklungsprioritäten und -bedürfnisse abgestimmt ist. Dekolonisierung heißt, neoliberale, marktorientierte und privatisierte Ansätze für das Klima und die Entwicklung abzulehnen, während lokale Ansätze und indigenes Wissen bei der Bewältigung des Klimawandels bevorzugt werden und die demokratische Kontrolle über Entscheidungen, Systeme und Ressourcen gefördert wird.“

Die Ampel-Regierung unter Olaf Scholz (SPD) hat Deutschlands Asienpolitik einer umfassenden Neubewertung unterzogen und sprach von einer „Zeitenwende“, bei der neben China auch Indien, Japan und Südostasien stärkere Partner werden sollen. Außenministerin Annalena Baerbock (Grüne) hat zudem vehement „feministische und wertebasierte Außenpolitik“ propagiert. Konkret sieht man von dieser ‚Zeitenwende‘ aber noch nicht viel.

2025 bestehen Unsicherheiten hinsichtlich der Folgen einer zweiten Amtszeit Donald Trumps in den Vereinigten Staaten. Die von Trump vorgeschlagenen Zölle könnten dauerhafte Veränderungen in Handelsbeziehungen und Lieferketten auslösen. Zudem steigt das Risiko, dass die Vergeltungsmaßnahmen der betroffenen Länder zu einem Handelskrieg eskalieren, von dem niemand profitiert.

Angesichts eines weltweit erstarkenden Autoritarismus wird das kritische Augenmerk der südostasien auch in Zukunft darauf liegen, wie eine lebendige Zivilgesellschaft eine lebenswerte Zukunft für künftige Generationen gestalten kann.

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Südostasien/Deutschland: Was geschrieben ist, bleibt. Nina Dederichs und Marlene Weck betrachten den immensen Schatz im Archiv der südostasien.

97 Stufen, 98, 99. Geschafft. Keuchend schaust du von den letzten Stufen der Wendeltreppe hoch ins oberste Stockwerk. Vor dir eine weiße, unscheinbare Tür. Du drückst sie auf, stehst in einem einladenden Besprechungsraum und schaust geradeaus auf eine zweite Tür. Klick. Du drückst den Lichtschalter nach unten und schaust in einen drei Quadratmeter großen Raum. Deckenhohe Regale an beiden Seiten. Viel Sauerstoff gibt es hier nicht. Kein Wunder, denn hier lagern Gedanken der letzten 40 Jahre. Du befindest dich im physischen Archiv der südostasien, einem Ort des Erinnerns. Zwei Schritte vorwärts, der Blick nach links und du stehst vor den gesammelten Printausgaben der Jahre 1984 bis 2018. Was sich in ihnen wohl alles verbirgt?

Mit einem Finger streifst du entlang der Zeitschriftenrücken: 2014, 2003, 1995 und dann: 1984. Nein, hier liegt keine Ausgabe von George Orwells Klassiker. Stattdessen ziehst du die allererste Ausgabe der Südostasien Informationen [Vorgänger der südostasien, d.R.] aus dem Regal. Du betrachtest die abgebildete Lupe, in der sich eine Weltkugel mit Asien im Zentrum befindet, und streichst den imaginären Staub von der Zeitschrift. Was den Menschen damals wohl durch den Kopf gegangen ist?

Neugierig liest du die ersten Seiten: „Wir hoffen, die ‚Südostasien Informationen‚ ab Ende dieses Jahres/ Anfang nächsten Jahres regelmäßig herausgeben zu können, um damit eine kontinuierliche Informations-Basis über SOA zu schaffen, die es interessierten Einzelpersonen und Gruppen ermöglicht, sich mit den Ländern dieser Region zu beschäftigen und auseinanderzusetzen.“ So beendet Peter Franke als damaliges Redaktionsmitglied das Editorial dieser ersten Ausgabe. Wer hätte damals gedacht, dass diese erste Ausgabe der Beginn für eine Zeitschrift sein würde, die nun ihr 40-jähriges Jubiläum feiert? Und wer hätte geahnt, dass ihr Anliegen Jahrzehnte später erneut aufgegriffen wird – digital, um uns die ersten Schritte der südostasien zurück in unser Gedächtnis zu rufen. Aber WER sind WIR? Und WAS ist UNSER Gedächtnis?

Die Gedächtnisforschung

Insbesondere Soziolog:innen und Kulturwissenschaftler:innen haben sich mit dem Gedächtnis von Gemeinschaften und Kulturen und mit Fragen nach Erinnern und Vergessen auseinandergesetzt. Der Soziologe Maurice Halbwachs, Begründer der kollektiven Psychologie, entwickelte die Idee des kollektiven Gedächtnisses, auf dessen Grundlage die heutige Erinnerungsforschung basiert. Halbwachs zufolge sind individuelle Erinnerungen einzelner Personen immer nur kurzlebig und ein Puzzleteil eines größeren dauerhaften Gedächtnisses einer Gemeinschaft. Unser Wissen, unsere Erinnerungen und unsere Identität formen sich demnach erst durch unser soziales Bewusstsein innerhalb eines Kollektivs. Indem wir Erzählungen, Praktiken oder Traditionen mit anderen Personen teilen, entstehen gemeinsame Erinnerungen, die in einer sozialen Gruppe zu einem kollektiven Gedächtnis heranwachsen können.

Jan und Aleida Assmann führten den Gedanken des kollektiven Gedächtnisses weiter und schlugen eine Differenzierung zwischen kommunikativem und kulturellem Gedächtnis vor. Während das kommunikative Gedächtnis über etwa drei Generationen auf informellen Wegen weitergetragen werden kann, kann ein kulturelles Gedächtnis insbesondere mithilfe von Institutionen, Traditionen und Medien sowie Orten, Ritualen oder Büchern quasi unendlich weiter existieren.

Im Wandel der Zeit

Auch die südostasien kann als Medium eines kollektiven Erinnerungsprozesses verstanden werden. Über die letzten vier Jahrzehnte hat sie ökonomische, ökologische und soziale Entwicklungen in Bezug auf Südostasien beobachtet und an eine deutschsprachige Leser:innenschaft vermittelt. Als Zeitschrift werden Erinnerungen hier nicht nur in ein kommunikatives, sondern auch in ein kulturelles Gedächtnis eingeschrieben. Die Digitalisierung der Zeitschrift im Online-Archiv trägt dazu bei, indem sie den Zugriff auf alle Ausgaben der südostasien für zukünftige Generationen zugänglich macht.

Erinnern ist immer auch selektiv und wandelbar. Was erinnert wird, hängt von gesellschaftlichen und kulturellen Kontexten ab und ist oft Gegenstand von Aushandlungsprozessen – sowohl innerhalb als auch zwischen Gemeinschaften. Was einmal wichtig erschien, kann später neu bewertet oder verdrängt werden. So auch bei der südostasien.

Zum einen hat sich der Blick nach ‚Außen‘ gewandelt: Die thematischen Schwerpunkte der Zeitschrift waren immer eng mit gesamtgesellschaftlichen Diskussionen verknüpft. Zum anderen haben sich Selbstverständnis sowie konzeptionelle Vorstellungen der südostasien verändert damit die Frage, wie und aus welcher Perspektive gearbeitet und schließlich auch erinnert werden soll. „Früher war die Arbeit für mich klarer. Wir haben uns für den Schutz von Aktivist:innen eingesetzt, Statements veröffentlicht und gingen gegen die Regime Südostasiens auf die Straße. Früher waren wir auf Demos, heute gehen wir mehr in den Diskurs“, erinnert sich Hendra Pasuhuk, langjähriges Redaktionsmitglied und als Autor bereits für die Südostasien-Informationen aktiv. „Wir werden alle älter; auch unsere Leser:innenschaft. Um weiter aktiv sein zu können, müssen wir jetzt neue Ziele definieren: Wen wollen wir mit unseren Texten erreichen? Und wie kann unsere Arbeit in fünf oder zehn Jahren aussehen?“

Menschen-gemachtes mediales Gedächtnis

Das kollektive Gedächtnis der südostasien wurde über die Jahre nicht nur durch neues Wissen und aktuelle Themen geprägt, sondern vor allem auch durch die Menschen dahinter. Ideen, Beobachtungen und Perspektiven wurden genauso eingebracht wie persönliche Kontakte und Beziehungen. Die südostasien stellt zugleich einen Begegnungs- und Kommunikationsort für Menschen dar, die sich in ihrem alltäglichen Leben durch räumliche Barrieren vermutlich nicht ‚einfach so‘ getroffen hätten. Da sind zum einen die wechselnde Autor:innen aus Deutschland und Südostasien, die das Gedächtnis der Zeitschrift mit vielschichtigen und reflektierten Artikeln füllen und gefüllt haben. Da sind die zahlreichen Redaktionsmitglieder, von denen einige die südostasien über viele Jahre hinweg mit ihren individuellen Perspektiven bereichert haben. Und da ist auch die Leser:innenschaft, die das Gedächtnis seit 40 Jahren durch kritische Anmerkungen, durch Leser:innenbriefe und aktiven Austausch lebendig hält.

Die Diskussionen, die innerhalb der südostasien geführt werden – über Themen, Perspektiven und Darstellungsweisen – zeugen von den vielfältigen, manchmal divergierenden Interessen, die die Zeitschrift prägen. Zum 10-jährigen Jubiläum stellt die Redaktion transparent dar, dass es nicht der Anspruch der Zeitschrift sei, „(vermeintlich) ’neutral‘ und ‚wertfrei‘ über kulturelle Verhältnisse Südostasiens“ zu berichten, sondern dass sie sich eine „grundsätzlichen Parteilichkeit zu Gunsten von emanzipativen Kräften und Bewegungen“ herausnimmt.

Was in Vergessenheit gerät

Erinnerung ist selektiv – und das bedeutet, dass manches nicht erinnert wird. Personen, Ereignisse und Perspektiven, die nicht ins kollektive Gedächtnis eingeschrieben werden, geraten in Vergessenheit. Dies kann auch absichtlich geschehen, wenn Staaten beispielsweise Erinnerung politisch instrumentalisieren und widerständige Geschichten unterdrücken.

Um politischen Unterdrückungsinstrumenten zu begegnen, versucht die südostasien ein Ort für Gegen-Geschichten zu sein – eine Plattform, auf der unterdrückte Stimmen Gehör finden und sichtbar werden. Postkoloniale Strukturen, sprachliche Barrieren und mangelnde Aufmerksamkeit gegenüber komplexen Machthierarchien führen jedoch dazu, dass die Vielzahl marginalisierter Lebensrealitäten nicht angemessen berücksichtigt wurde und wird.

Immer wieder versucht sich die wandelnde Redaktion jedoch mit den eigenen blinden Flecken auseinanderzusetzen. Die (unbeabsichtigte) Reproduktion diskriminierender Denk- und Sprachmuster wird fortlaufend zwischen den Redaktionsmitgliedern verhandelt. „Wir haben zweimal im Jahr persönliche Treffen und es gibt einen regen Austausch innerhalb der Teams, die die einzelnen Ausgaben gestalten. Bei diesem Austausch passiert sehr viel an Lernprozessen in Bezug auf koloniale Denk- und Sprachmuster“, schildert Redakteurin Anett Keller ihre Erfahrungen. „Plakativ gesagt: da treffen junge Redakteur:innen mit migrantischem Hintergrund auf ‚altgediente Weiße‘, die durchaus viel Erfahrung in und mit Südostasien haben, die sich aber immer wieder auch ihre eigenen Privilegien bewusst machen dürfen“, so Keller weiter. Herkunft sei dabei aber nur eine Kategorie. „Intersektionalität ist das Stichwort. Ich kann mich an eine lebhafte Diskussion mit einem indonesischen Kollegen erinnern, dem ich erklärte, warum ich ein Wort aus einem Text gestrichen habe, welches Frauen diskriminiert. Er sagte, das sei nun mal so in Indonesien, so wäre nun mal die Bezeichnung. Ist das dann Kultur-unsensibel von mir? Oder darf ich als mit feministischen Bewegungen in Indonesien verbundene Frau fragen, wessen Kultur da von einem Mann verteidigt wird?“

Viel Raum also für Aushandlungsprozesse und die Suche nach Antworten auf die Frage, wie sich die Zeitschrift zukünftig verändern kann (oder muss), um ein sicherer Ort für Menschen mit unsicheren Lebensrealitäten zu werden und dem eigenen Anspruch nach sozialer Bewegung gerecht zu werden.

Um Erinnerungen lebendig zu halten, müssen sie wiederholt, reaktiviert, re-inszeniert, umgedeutet und erneuert werden. Dabei nehmen Jubiläen eine wichtige Rolle ein. Doch es ist keine leichte Aufgabe, zu entscheiden, woran nach 40 Jahren südostasien erinnert werden soll. Welche Menschen sollen zu Wort kommen, welche Themen, Konflikte, welcher Wandel aufgearbeitet werden? Woran wollen wir uns erinnern, woran müssen wir uns erinnern, auch wenn es schmerzhaft ist, um aus Vergangenem zu lernen und was vergessen wir dabei?

Die ehemaligen und zukünftigen Autor:innen und Redaktionsmitglieder ebenso wie die Leser:innenschaft – sie alle gestalten das gemeinsame und kollektive Gedächtnis dieser Zeitschrift. In einem Interview sagte Aleida Assmann 2021: „Kein Mensch lebt im Augenblick. Aus physikalischer Sicht betrachtet ist Gegenwart nur der Augenblick des Umschlagens von Zukunft in Vergangenheit“. Wir entscheiden darüber, was wir heute aus der Vergangenheit festschreiben, um es in die Zukunft und in ein kulturelles Gedächtnis mitzunehmen. Es ist wichtig, sich der damit einhergehenden Verantwortung immer wieder bewusst zu werden und darüber nachzudenken, welche gesammelten Gedanken und Beobachtungen wir in der Zukunft aus Archiven hervorholen wollen.

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Deutschland/Vietnam: Wie ein buddhistisches Ritual an Zwangsabtreibungen in der DDR erinnert und Raum zum Trauern schafft.

Die ehemalige Gastarbeiterin Quách Thị Hoa veröffentlichte 1990 in der südostasien einen offenen Brief. In eindringlichen Sätzen schilderte sie, wie vietnamesische Frauen in der DDR (Deutschen Demokratischen Republik) gezwungen wurden, ihre Schwangerschaften abzubrechen oder vorzeitig in ihr Heimatland zurückzukehren. „Uns wurde unmissverständlich klargemacht, dass Intimbeziehungen zwar als normal angesehen werden, wir jedoch unter keinen Umständen schwanger werden durften. Schwangere Frauen wurden unverzüglich nach Vietnam zurückgeschickt. Diese Bestimmung schwebte wie ein Damoklesschwert über unserem Schicksal.“

Mit diesem Brief rückte Hoa eine Geschichte ins Licht, die lange Zeit unsichtbar war. Die systematische Kontrolle der Körper vietnamesischer Vertragsarbeiterinnen durch die Behörden der DDR, gefördert und gebilligt von der sozialistischen Regierung in Hà Nội. Der Brief machte öffentlich, wie Frauen in den 1980er Jahren in der DDR zwischen zwei repressiven Systemen aufgerieben wurden: Auf der einen Seite drohte das Stigma in Việt Nam, wenn sie unverheiratet mit Kind zurückkehrten. Auf der anderen Seite standen die Betriebe und Behörden der DDR, die bei einer Schwangerschaft oftmals die sofortige Rückreise einleiteten – auf eigene Kosten.

Viele dieser Frauen kehrten nach dem Ende der DDR Anfang der 1990er Jahre nach Việt Nam zurück, oft belastet von mehrfachen Schwangerschaftsabbrüchen und den psychischen Folgen dieser Zwangsabtreibungen. Wer in Deutschland blieb, baute sich hier eine Existenz auf, schwieg aber oft weiterhin über das Erlebte. 40 Jahre nach dem Erscheinen von Hoas Brief beschreibt unser Autor ein Heilungsritual, mit dem Raum geschaffen wird für das Leid, das zuvor unsichtbar blieb.

Das Ritual der ungesagten Worte

Zwischen Plattenbauten, inmitten eines grauen Gewerbegebiets in Berlin-Lichtenberg, liegt in einem alten Pförtnerhäuschen die Phổ-Đà-Pagode. Lediglich das geschwungene Dach und ein kleiner geschmückter Vorhof deuten darauf hin, dass es sich hier nicht mehr um ein gewöhnlichen Industriekomplex, sondern einen religiösen Ort handelt.

Betritt man die Pagode, steigen einem sofort der Duft von Räucherstäbchen und gekochtem Klebreis in die Nase. Die Wände sind geschmückt mit goldenen Buddha-Statuen. Auf dem Ahnenaltar thronen die Fotos der Verstorbenen der Gemeinde.

Während offizielle Gedenkveranstaltungen oft auf nüchternen Podien stattfinden, ist diese Pagode ein Ort verschiedenster Sinneseindrücke. Hier finden nicht nur Andachten und Gemeindezusammenkünfte statt, sondern auch aufwendige Zeremonien, in denen die Pagodengemeinde Rituale für Verstorbene durchführt. Eines dieser Rituale ist das „Lễ Câu Siêu Thai Nhi Sản Nạn“, eine Gedenkzeremonie für ungeborene Kinder, die durch Abtreibung oder Totgeburt das Licht der Welt nicht erblicken konnten.

Jede Papiertafel symbolisiert ein totes Kind

„Wir wollten einen Raum schaffen, in dem Mütter und Väter ihre Trauer zeigen können“, erklärt der leitende Mönch der Pagode, Thích Pháp Nhẫn, der von allen nur respektvoll thây, also Lehrer genannt wird. Um ihn herum bereiten freiwillige Helfer:innen den Altar für diese besondere Zeremonie vor, in dem sie kleine Fläschchen mit Babymilch, Spielzeug und Schalen mit Speiseopfern aufstellen. Daneben leuchten Kerzen und Räucherstäbchen, deren Rauchschwaden sich wie Schleier über kleine Abbilder aus Papier legen — jede symbolisiert ein totes Kind. Der Altar, der extra für diesen Anlass aufgebaut wird, erstrahlt in warmem Kerzenlicht. Darauf thronen rund 120 Papiertafeln. Auf einigen Tafeln ist ein Name notiert, auf anderen nur ein Datum. In einer feierlichen Prozession werden buddhistische Texte rezitiert und abschließend die Papiertafeln verbrannt.

Viele der anwesenden Frauen und Männer sind bereits im Rentenalter, manche begleitet von ihren erwachsenen Kindern. Sie alle haben ihre ganz eigenen Geschichten. Doch an diesem Tag verbindet sie eine geteilte Trauer. Das Ritual schafft einen Raum für Gefühle, die in vielen Fällen jahrzehntelang verborgen blieben.

Von Việt Nam in die DDR

Um zu verstehen, warum dieses Ritual eine so besondere Bedeutung hat, braucht es den Blick in die Vergangenheit: In den 1980er Jahren holte die DDR tausende junge Vietnamesinnen und Vietnamesen als sogenannte ausländische Werktätige ins Land. Offiziell stärkten sie die ’sozialistische Bruderschaft‘ zwischen beiden Ländern. In der Praxis benötigte die DDR billige Arbeitskräfte für Textilfabriken und andere Industriebetriebe. Dabei wurde das Leben der vietnamesischen Werktätigen auf strengste kontrolliert: Geschlechtsgetrennte Unterbringungen in eigenen Wohnblöcken, Bespitzelung durch Stasi (Ministerium für Staatssicherheit) und Vertreter:innen der vietnamesischen Botschaft, Kontaktverbot zur ostdeutschen Bevölkerung.

Zwar galten die ostdeutschen Behörden im Vergleich zu westlichen Regierungen als aufgeschlossen gegenüber berufstätigen Frauen, doch diese Offenheit endete für ausländische Werktätige bei Schwangerschaft und Familienbildung. So wurde den vietnamesischen Arbeiterinnen sehr früh klargemacht, dass eine Schwangerschaft als Arbeitshindernis galt, welches strikt zu vermeiden war. Die DDR-Betriebe und der vietnamesische Staat duldeten kaum Schwangerschaften, denn sie galten — nach äußerst kapitalistischer Verwertungslogik — als produktivitätsmindernd und waren damit unerwünscht. Wer schwanger wurde, stand vor einer grausamen Wahl: Abtreibung oder Abschiebung.

Räucherstäbchen und Reuegebete

Die Zeremonie beginnt schon Tage zuvor mit der Rezitation eines traditionellen Sutras („Tụng Lương Hoàng Sám“), das zur spirituellen Reinigung dient und die Gemeinde auf die Gedenkfeier vorbereiten soll. Am Tag des eigentlichen Rituals versammeln sich alle Teilnehmenden im Hauptraum der kleinen Pagode. Das Reuegebet („Sám Hôi“) erklingt und schafft eine berührende Atmosphäre. Die Stimmen der Gläubigen verweben sich mit dem stetigen Takt einer kleinen Trommel, hin und wieder wird ein Gong geschlagen. In einem der Gebetstexte, der von einem Mitglied der Gemeinde vorgetragen wird, heißt es sinngemäß:

„Ich nahm dir das Leben, noch ehe du Gestalt annahmst, obwohl du mein eigenes Kind warst, habe ich dich abgeschnitten von meinem Herzen. […] Mögest du uns diese karmische Verstrickung verzeihen, uns vergeben und die alten Feindschaften lösen, auf dass du in eine höhere Existenzebene eingehen kannst.“

Während des Vortrags senken viele ihre Köpfe, andere halten die kleinen Papierbildnisse schützend vor ihre Brust, als ob sie das verlorene Kind nun endlich umarmen könnten. Manche lassen ihren Tränen freien Lauf, andere schluchzen leise. Der Raum ist erfüllt von einer Mischung aus Schmerz, Scham und vorsichtiger Erleichterung, endlich darüber sprechen und trauern zu dürfen.

Nach dem Vortrag beginnt das Klagen von „Xin Đừng Bỏ Con Mẹ Ơi“ („Bitte verlass mich nicht Mama“) im Hintergrund zu ertönen, ein Lied, in dem die Stimme eines Kindes die Mutter anfleht, es nicht abzutreiben. Diese Worte, teils flehend, teils bittend, treffen tief ins Herz vieler Anwesender. Ein Schluchzen geht durch die Reihen, Taschentücher werden gereicht. Als das Lied endet, herrscht für einen Moment andächtige Stille, die nur vom leisen Summen der Lüftung unterbrochen wird. Dann ertönt ein letztes Mantra, bevor die Anwesenden in den Vorgarten der kleinen Pagode gehen.

Reinigung durch Feuer und die Kraft der Gemeinschaft

Der Höhepunkt der Zeremonie ist das rituelle Verbrennen der Papiertafeln. In großen, feuerfesten Gefäßen werden sie nacheinander ins Feuer gegeben, begleitet von Gebeten und dem Klang kleiner Glocken. Die Flammen züngeln kurz auf und man kann förmlich spüren, wie sich eine Last löst – als wäre ein schwerer Vorhang ein Stück beiseitegeschoben worden. „In unserer Tradition glauben wir, dass die Seelen durch das Feuer transformiert werden“, sagt thây. „Aber auch psychologisch gesehen ist es ein Akt der Befreiung. Die Eltern verbrennen nicht nur ein Stück Papier, sondern symbolisch ihre langjährige stille Trauer und Schuld.“

Die Erfahrungen der 1980er Jahre wirken bis heute fort. Viele Frauen, die zu Zeiten der DDR mehrfach abtrieben, trugen körperliche und seelische Folgen davon. Manche litten unter Depressionen, Albträumen oder Schuldgefühlen, konnten aber nirgends Rat finden, weil das Thema nicht in die Öffentlichkeit drang. Gemeinschaftliches Gedenken, wie es in der Phổ-Đà-Pagode praktiziert wird, kann tiefe Wunden nicht ungeschehen machen. Doch es ermöglicht, die erlittene Gewalt zu benennen und sie in einem geschützten Raum zu verarbeiten. Hier entfaltet das Ritual seine besondere Kraft: Es verwebt das individuelle Leid nach einem erzwungenen Schwangerschaftsabbruch mit einer kollektiven Erinnerung an staatliche Willkür, Rassismus und die Last jahrzehntelangen Schweigens. Die Erfahrung der Menschen in der Pagode zeigt, wie notwendig es ist, diese Geschichte aufzuarbeiten.

Das Video eines viet-deutschen Nachrichtenportals zeigt Aufnahmen des „Lễ Câu Siêu Thai Nhi Sản Nạn“- Rituals aus dem Jahr 2023.

Der offene Brief von Quách Thị Hoa stand am Anfang dieser Suche nach Gerechtigkeit und Genesung. In der Phổ-Đà-Pagode findet sie eine ihrer eindrücklichsten Fortsetzungen. Sie bietet Menschen einen Raum, in dem ihre Erfahrungen nicht nur anerkannt, sondern aktiv verarbeitet werden können. Wer hierher kommt spürt: Die Folgen der Zwangsabtreibungen in der DDR sind noch immer präsent. Doch sie sind nicht länger unausgesprochen. Ihnen wird begegnet mit Ritualen, Liedern und Gemeinschaft, der für die Betroffenen Halt und Heilung verspricht.

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Indonesien/Deutschland: Harriet und Warsito Ellwein blicken auf ihr Engagement für die südostasien und auf vier Jahrzehnte Politik in Indonesien.

Als sich am 14. Februar 2024 der deutliche Sieg von Prabowo Subianto abzeichnete, saßen wir wie erstarrt vor dem Fernseher. Wir hatten nicht glauben wollen, was die Meinungsforschungsinstitute vorausgesagt hatten: Mit der Wahl des Ex-Generals zum Präsidenten der Republik Indonesien wurde der Demokratisierungsprozess in Indonesien, für den wir so lange gekämpft und gelebt hatten, stark gefährdet.

Als wir Mitte der 80er Jahre die ersten Artikel für die südostasien-Informationen schrieben, hatte sich die Suharto-Diktatur fest im Sattel befunden: Die sogenannten „Petrus“-Morde, außergerichtliche Exekutionen an Regimegegnern, waren auf dem Höhepunkt. Am Borobudur- und Prambanan-Tempel wehrten sich Händler und Dorfbewohner gegen ihre Vertreibung für die neuen Touristenparks. Die viel gefeierte erstmalige Selbstversorgung mit Reis wurde zum Teil mit militärischer Gewalt auf dem Rücken der Bauern ausgetragen.

Vier Phasen haben wir in den 40 Jahren der südostasien (-Informationen) in der politischen Entwicklung Indonesiens ausgemacht: Suharto-Diktatur, Transitionsphase, Demokratisierungsphase und De-Demokratisierung. Dem Sturz der Suharto-Diktatur 1998 folgte eine etwa sechsjährige Transitionsphase, die 2004 von der eigentlichen Demokratisierungsphase mit der erstmaligen direkten Präsidentschaftswahl abgelöst wurde. Diese fand 2019 ihren Höhepunkt. Seit der Wiederwahl von Präsident Jokowi beobachten wir die zunächst schleichende und inzwischen deutliche Phase der De-Demokratisierung.

Netzwerk- und Lobbyarbeit

In den ersten beiden Phasen waren unsere Verbundenheit mit und unser Engagement für die Zeitschrift, die Südostasien-Informationsstelle und den dahinter stehenden Trägerverein am intensivsten (Harriet als Vorstandsmitglied, Warsito zum Teil als Geschäftsführer der Informationsstelle). Unter den Pseudonymen Erika Jung und Agus Setiawan füllten wir viele Artikel- und Nachrichtenspalten der Zeitschrift.

Trägerverein und Infostelle waren mit dem Ziel angetreten, der deutschsprachigen Öffentlichkeit ein deutlicheres Bild von den politischen Verhältnissen in Südostasien zu vermitteln, örtlichen Widerstandsbewegungen eine Lobby zu geben und ihnen ein verlässlicher Partner in Europa zu sein. Wir, insbesondere Warsito mit seinem festen Standbein in Yogyakarta und Zentraljava, sind dabei immer zweigleisig zwischen Solidaritäts- und Informationsarbeit sowie örtlichem Widerstand verfahren.

Dies lässt sich besonders gut an den Beziehungen zu Förderorganisationen, insbesondere Brot für die Welt (BfdW), Misereor und terre des hommes (tdh), ausmachen. Alle waren als Institutionen und/oder durch Einzelpersonen Mitglied des Trägervereins. In den Büros in Stuttgart oder Aachen lag die Zeitschrift aus. Vor Ort in Java haben sie Projekte unterstützt, hinter denen sich vorsichtig organisierter Widerstand gegen die Militärdiktatur verbarg.

Als Brot für die Welt Warsito’s Stiftung für kulturelle Entwicklung eine finanzielle Zusage gab, förderten sie damit nicht nur eine nicht- kirchliche Organisation in Indonesien, sondern auch bewusstseinsbildendes libertäres Theater für die Dorfjugend. Und das von tdh finanzierte Projekt für kreative Kinder war für die Aktiven vor Ort ein Weg, deren Eltern für den Kampf gegen das Regime zu gewinnen. Vor allem die intensive Beziehung zu den Verantwortlichen von Brot für die Welt war für uns beide politisch und persönlich in den schweren Zeiten der Militärdiktatur von großer Bedeutung.

Netzwerke und Lobby für Indonesien fanden wir nicht nur bei diesen Organisationen, sondern auch bei Journalisten und Politikern. So waren Rüdiger Siebert von der Deutschen Welle oder Jürgen Dauth von der Frankfurter Rundschau ebenso Vereinsmitglieder oder Abonnenten der südostasien wie Ludger Volmer (MdB) oder Wilfried Telkämper (MdE). Die Journalisten haben wir in Zentraljava zu den Aktivisten-Netzwerken begleitet. Die Politiker waren ansprechbar für Themen wie Frauen- und vor allem Umweltpolitik. Letztere war auch Thema des Austauschprogramms der Südostasien-Infostelle mit Umwelt- Aktivist:innen indonesischer NGOs Anfang der 90er Jahre.

Wie geht nun eigentlich Demokratie?

Der Mai 1998 markierte das offizielle Ende der Suharto-Diktatur. Zu diesem Zeitpunkt war die Südostasien- Infostelle bereits ins 1995 gegründete Asienhaus nach Essen gezogen, was neue Synergien mit den anderen Gruppen sowie deutlich verbesserte Räumlichkeiten bedeutete. Ebenfalls seit 1995 hatte die Zeitschrift mit Saskia Busch 17 Jahre lang eine hauptamtliche Redakteurin, die sich nach der Jahrtausendwende mit Warsito ein Büro im Asienhaus teilte, so dass die Indonesien-Nachrichten immer auf sehr kurzem Weg bei ihr landeten. In einem ihrer Editorials wies Saskia darauf hin, dass der Autor Agus Setiawan nach Indonesien gefahren und als Warsito Ellwein zurückgekommen sei: Der Sturz Suhartos hatte unserer Pseudonyme unnötig gemacht.

Es begann eine Zeit, in der wir wieder entspannter in Indonesien einreisen und offener diskutieren konnten. Dies rief insbesondere eine Gruppe auf den Plan, die sich voller Eifer daranmachte, die ersten Schritte des Inselstaats auf dem Weg zur Demokratie genau unter die Lupe zu nehmen: die Wissenschaftler:innen. Einen Meilenstein für Zeitschrift, Vorstand und Infostelle markierte der Oktober 2002, als sich das von Genia Findeisen (später Vorstandsmitglied) gegründete Doktorand:innen-Netzwerk zu Indonesien mit der Infostelle traf. Dort referierte zum Beispiel Patrick Ziegenhain (später ebenfalls Vorstandsmitglied) zu den Verfassungsänderungen seit 1999, nach denen ab 2004 der/die Präsident:in direkt gewählt werden sollte, und zur zu erwartenden Machtbalance zwischen Parlament und Präsident. Diese hatte er richtig zugunsten einer gestärkten Exekutive vorausgesehen (siehe südostasien Ausgabe 4/2002 und, zur Fortsetzung der Netzwerktreffen, Ausgabe 2/2004).

Aber nicht nur die Wissenschaftler:innen, sondern die über ganz Europa verstreuten indonesischen Alt-Aktivist:innen, Asylant:innen oder politisch aktiven Studierenden wollten sich auf den Weg machen. Sie waren sich unsicher, ob sie weiter gegen das jeweils herrschende Regime protestieren, sich einer Partei anschließen oder nur eine Beobachtungsposition einnehmen wollten. Um ein gemeinsames Grundverständnis zwischen den unterschiedlichsten Personen und Gruppen herzustellen, lud die Südostasien Informationsstelle im Jahr 2003 zusammen mit dem Arbeitskreis Dritte Welt Aachen, Imbas aus Frankfurt und Watch Indonesia! zum 2. Netzwerktreffen europäischer Indonesier:innen ins Asienhaus. Der damals älteste (inzwischen verstorbene) Teilnehmer Umar Said aus Paris kommentierte diese Veranstaltung mit den Worten: „Das ist das schönste Treffen meines Lebens“ (südostasien Ausgabe 4/2003).

Konsolidierung

Als 2004 die erste direkte Präsidentschaftswahl stattfand und sich Susilo Bambang Yudhoyono gegen Megawati Sukarnoputri durchsetzte, lebten wir in Indonesien. Warsito engagierte sich unmittelbar am Aufbau der jungen Demokratie. Dies tat er unter anderem im sogenannten „forum politisi“, in dem er in Zusammenarbeit mit der Friedrich-Naumann-Stiftung (FNS) junge Politiker:innen an Partei- und Parlamentsarbeit heranführte. Harriet war Entsandte für ein GTZ-Projekt zur Regionalen Wirtschaftsförderung.

Die Kritik hagelte auf uns beide. Wie kann sich Harriet zur Vertreterin deutscher Unternehmen machen? Wieso ist Warsito unter die Neoliberalen gegangen? Beides verständlich, aber nicht so schwarz und weiß, wie gedacht. In südostasien Ausgabe 2/2009 resümiert Harriet unter dem Titel „Verlässliche Partner gefragt“ zur Rolle lokaler Ökonomie, dass es nicht um die Unterstützung einzelner Unternehmen gehe: Die globale Wirtschaft brauche globale Spielregeln. Die Organisationen der Entwicklungszusammenarbeit trügen dazu bei, diese in nachhaltigen Prozessen bei den Partnerländern zu verankern. Eine wirklich interessante Erfahrung!

Während die GTZ für Harriet eine Episode war, blieb Warsito vor Ort beim Engagement für die Demokratisierung in Indonesien. Dies tat er in Kooperation mit unterschiedlichsten Organisationen – sowohl auf Regierungsseite als auch in klassischer NGO-Arbeit – und dies damals auch in größerer Entfernung von den Südostasienstrukturen in Deutschland. Der Fokus lag zum Beispiel auf der Gründung des Perguruan Rakyat Merdeka (= Bildungswerk für ein unabhängiges Volk), einem Netzwerk ehemaliger Suharto-Oppositioneller mit sehr unterschiedlichen Vorstellungen vom Neuaufbau der Demokratie. Dieses Forum versuchte, durch Großaktionen mit Partner:innen aus allen Teilen der Gesellschaft an der Lösung drängender Probleme (Menschenrechte, Umwelt, Frauen) zu arbeiten.

Diese Aktivitäten mündeten schließlich im Aufbau von Parteistrukturen für die PDI-P und in aktiver Wahlkampfunterstützung – zunächst 2013 auf Provinzebene in Zentraljava und dann 2014 für die Wahl von Präsident Jokowi. Dabei verband Warsito – diesmal auf Regierungsseite in Zentraljava – klassische NGO-Arbeit mit Verwaltungsreform, Menschenrechtspolitik und Anti-Korruptionskampagnen. Dies führte unter dem damaligen Gouverneur Ganjar Pranowo zu sichtbaren Erfolgen.

De-Demokratisierung

Zu seiner Wiederwahl 2019 war Präsident Jokowi auf dem Höhepunkt seiner Popularität. Der schleichende Niedergang der jungen Demokratie begann mit der Entfernung des Präsidenten von der Basis, die ihn immer unterstützt hatte. Er begann Schritt für Schritt, die demokratischen Errungenschaften zugunsten einer engen Kooperation mit dem Großkapital und der Stärkung von Polizei und Militär zurückzunehmen.

Der offensichtliche Turnaround von Präsident Jokowi zeigte sich im Oktober 2023. Bis dahin schienen die Wahlaussichten des Demokraten Ganjar Pranowo im Präsidentschaftswahlkampf von Erfolg gekrönt. Doch Jokowi wandte sich von Ganjar ab und schlug sich aktiv auf die Seite seines ehemaligen Widersachers Prabowo Subianto, dessen erfolgreiche Wahl auch durch dubiose Geschenke an die Bevölkerung und mit aktiver Unterstützung von Polizei und Militär garantiert wurde.

In einem Brief aus Indonesien hatte Warsito (südostasien Ausgabe 1/2004) von Fortschritten im sozialen Leben und in der Diskussionskultur in Indonesien berichtet. Gleichzeitig merkte er an: „Ein brennendes Problem ist allerdings, dass Intellektuelle, Aktivisten und Politiker noch keine politische Vision entwickelt haben, die von einer öffentlichen Mehrheit geteilt wird. Alle gehen nur von der eigenen Perspektive aus und diese ‚Wahrheit‘ wird dann der Öffentlichkeit aufgezwungen. „Diese politische Vision fehlt offensichtlich immer noch. Die individuellen Wahrheiten dominieren, und die Schwäche der Demokratie- Befürworter:innen wird genutzt, um die alten Strukturen wieder aufleben zu lassen.“

Im Zuge der De-Demokratisierung Indonesiens haben wir uns schon überlegt, ob Agus Setiawan und Erika Jung wieder neu aufleben müssen. Aber unsere Pseudonyme sind mit uns alt geworden. Die politischen Geschicke im Inselstaats müssen in neue und visionäre Hände gelegt werden. Dies sollte auch weiter in enger internationaler Zusammenarbeit demokratischer Kräfte und auf Augenhöhe geschehen, da die westlichen Länder sich gerade ebenfalls mit De-Demokratisierungs-Prozessen auseinandersetzen müssen.

Uns bleibt nach diesen 40 intensiven Jahren der Dank an all unsere Wegbegleiter:innen von Zeitschrift und Infostelle, die hier genannten und nicht genannten. Merdeka!

 

 

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Vietnam: In westlichen Reiseführern gilt Vinh als „hässlichste Stadt Vietnams“. Idee und Baumaterial lieferte die DDR.

Vor 50 Jahren endete der Krieg in Vietnam. Als die US-Armee sich im April 1975 aus der südvietnamesischen Hauptstadt Saigon zurückzog, hinterließ sie ein verwüstetes Land. Besonders verheerend waren die Ausmaße der Zerstörung in der Hafenstadt Vinh. Wo sich Eisenbahnlinien und Nationalstraßen mit Transportrouten des geheimen Hô-Chí-Minh-Pfades kreuzten, hatte sich einst die logistische Schaltzentrale Nordvietnams befunden. Begraben unter Trümmern war die Infrastruktur nun restlos lahmgelegt.

„Es gibt schreckliche Bilder von dem zerstörten Minsk und Stalingrad, den Ruinenfeldern von Coventry und Dresden. Hier in Vinh gab es nicht einmal Ruinen“, schilderte Bauingenieur Gerhard Kosel aus der DDR seine Eindrücke vor Ort. „Vor dem Auge dehnte sich eine mit zahllosen Bombentrichtern wie mit Blattern übersäte und ausgebrannte Mondlandschaft“ („Vinh: Report über eine vietnamesische Heldenstadt“, Ag 231/56/74, Berlin 1974). Kosel war mit einer Regierungsdelegation aus Ost-Berlin im Juli 1973 nach Vietnam gereist. Ihre Mission: Vinh wiederaufzubauen.

Honecker schickte Geld und Freiwillige

Nach dem Abzug der USA ruhten die Hoffnungen der Nordvietnamesen auf der Hilfe aus den sozialistischen Bruderländern. Neben der mächtigen Sowjetunion kam der DDR dabei eine Sonderrolle zu. Durch die Rekonstruktion des zerbombten Dresdens und die Deutsche Arbeitsgruppe Hamhŭng, die schon in den 1950er Jahren in Nordkorea ein prestigeträchtiges Aufbauprojekt umgesetzt hatte, galten ostdeutsche Architekten und Ingenieure als technisch versiert und praxiserprobt im Wiederaufbau. Frei nach dem Topos ihrer Nationalhymne „Auferstanden aus Ruinen“ und als Fortsetzung der Vietnam-Unterstützung „Solidarität hilft siegen!“ entsandte Staatschef Erich Honecker helfende Hände aus der DDR.

Für die DDR war der Wiederaufbau des sozialistischen Vietnam moralische Verpflichtung und Profilierungschance zugleich. Auf internationalem Parkett konnte Ost-Berlin als eigenständiger Staat bislang nicht mit dem Klassenfeind aus Westdeutschland konkurrieren. Während die BRD im Vietnamkrieg bündnistreu als größter Geldgeber auf Seiten der US-amerikanischen Zerstörer gestanden hatte, bot sich für die DDR nun Gelegenheit, mit großer Symbolkraft einen konstruktiven Beitrag des Aufbaus zu leisten.

‚Internationale Solidarität‘ in Theorie und Praxis

Nachdem ostdeutsche Architekten unter der Leitung von Gerhard Kosel und Hans Grotewohl grünes Licht für die Projektierung gegeben hatten, schlossen die DDR und Vietnam am 23. Oktober 1973 das Abkommen über die Hilfe beim Wiederaufbau und der Projektierung der Stadt Vinh. So gelangten unter der sozialistischen Maxime der ‚internationalen Solidarität‘ zwischen 1974 und 1980 mehr als 200 Expert:innen aus der DDR in das außenpolitisch vollkommen abgeschottete Vietnam. Wie wenig die ‚internationale Solidarität‘ in der Lebenswirklichkeit verankert war, zeigt hingegen die strenge Segregation, der Vertragsarbeitende aus Vietnam später in der DDR unterworfen wurden.

Für Premierminister Phạm Văn Đông hatte der Wiederaufbau Nordvietnams auch eine symbolische Implikation. Während sich die Sowjetunion vor allem in der Hauptstadt Hanoi engagierte, wünschte er von den „Kindern von Karl Marx“ aus der DDR einen Einsatz in der Provinz Nghệ An – wo nur unweit von Vinh der Geburtsort des Revolutionärs und vietnamesischen Landesvaters Hô-Chí-Minh lag. Durch ihre eigene Teilungsgeschichte im Kalten Krieg hatte die DDR ohnehin schon eine starke Verbindung zu Nordvietnam entwickelt.

Kolonialismus architektonisch überwinden

Streng nach den Prinzipien des Funktionalismus entwarfen die Architekten am Reißbrett eine hybride Phantasiestadt mit einer tropischen Palmenallee und dem brutalistischen Wohnkomplex Quang Trung im Zentrum.

Zuvor waren die Stadtbilder Vietnams gekennzeichnet von der Fremdbestimmung kolonialer Architektur, die sich mit organischem Siedlungsbau vermischte. Nun sollte eine von den ‚Bruderländern‘ auf Augenhöhe geplante Modellstadt entstehen. Vietnamesische Ingenieure, die an Universitäten in der Sowjetunion oder in der Bauhaus-Stadt Weimar ausgebildet worden waren, tüftelten deshalb stets mit. „Ein neues, schöneres, ein sozialistisches Vinh zu bauen“, lautete die utopische Vision, die Vietnam-Korrespondent Knut-Rainer Barthel den Bürgern in der heimischen DDR 1977 in der Berliner Zeitung beschrieb (Barthel, Knut-Rainer: „Vinh wächst jetzt wieder“. Berliner Zeitung, 13./14. August 1977)

Zweiundsechzig Mal begaben sich Frachtschiffe von Rostock aus auf den Seeweg, um für das Vorhaben 41.500 Tonnen Baumaterial, Krane und Fahrzeuge in den Hafen von Vinh zu transportieren. Vor Ort mussten zunächst eine Zementfabrik, eine Ziegelei und ein eigenes Wasserwerk zur unabhängigen Energieversorgung errichtet werden.

Vorbild Halle-Neustadt

Vorbildcharakter für das technische Prinzip des Plattenbaus aus Betonfertigteilen fand der Komplex in der DDR-Planstadt Halle-Neustadt, die 1964 gegründet worden war. Durch die neue Bautechnik – auch im Hinblick der Nachhaltigkeit – stieg Vinh auf zur modernsten Stadt des Landes. Mit viel Tageslicht und einer entsprechend der Windbewegung ausgerichteten Belüftung waren die Apartments ein Musterbeispiel für klimagerechtes Wohnen. Für seine postkolonialistische Architektur erhielt Vinh landesweite Anerkennung. „Schon heute“, sagte Erich Honecker mit Blick auf die anwachsende Stadt im Dezember 1977 verheißungsvoll, „vermag man sich das blühende und starke sozialistische Vietnam von morgen vorzustellen.“

Die Wohnungen in den Plattenbauten von Quang Trung waren nach ihrer Fertigstellung Anfang der 1980er Jahre begehrt. Sie galten als Vorgeschmack für moderne Lebensart im Sozialismus. Mit der Unterstützung aus der DDR konnten 1.650 neue Wohnungen für 8.360 Bewohner gebaut werden. „Wer heute in das neu entstehende Vinh kommt, sieht im Zentrum eine leuchtend helle Fassadenfront neuer Wohnhäuser. Auf dem Dachfirst eines Blockes flattern zum Richtfest die Fahnen der DRV und der DDR im Winde“, berichtet Vietnam-Korrespondent Barthel mit Stolz über die Aufbruchstimmung (Ag 231/56/74, Berlin 1974 ebd.)

Zerfall einer gescheiterten Zukunftsvision

Zunächst war der neue Wohnkomfort privilegierten Bewohnern und deren Familien vorbehalten, die als Kader der kommunistischen Partei besondere Beiträge zum Aufbau der vietnamesischen Nation geleistet hatten. Heute hingegen, stehen die baufälligen Betonquader für Zerfall und eine gescheiterte Zukunftsvision.

Während sich einige ältere Bewohner noch für den Erhalt eines Teils der Plattenbauten stark machen, den sie als kulturelles Erbe der Wiederaufbauleistung nach dem Krieg und als Andenken an die besondere vietnamesisch-deutsche Freundschaft bewahren möchten, haben Abrissbagger schon erste Abschnitte dem Erdboden gleichgemacht. Sie schaffen Platz für neue Wohnflächen. Der frühere Bewohner Hoàng Nguyễn sieht das pragmatisch: „In ein paar Jahrzehnten würde es ohnehin zusammenbrechen.“

Im übertragenen Sinne spiegelt das architektonische Relikt somit auch den Zusammenbruch der DDR wider, die – ebenso wie viele ihrer Plattenbauten – den Wandel der Zeit nicht überdauert hat.

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Philippinen: Mindanao ist durch Kriegsrecht und heftige Kämpfe geprägt – aber auch durch Konfliktentschärfung durch Autonomie-Regelungen.

südostasien: Was sind die wichtigsten Veränderungen für Mindanao in den letzten 40 Jahren?

Maria Maglana: Erstens gab es Verbesserungen in der wirtschaftlichen Situation. Aber es ist nicht die ganze Zeit ein Aufwärtstrend, sondern es gibt Schwankungen in Bezug auf die Wirtschaftsleistung von Mindanao und bei seinem Beitrag zur nationalen Wirtschaft. Zweitens möchte ich erwähnen, dass wir zum ersten Mal einen Präsidenten (Rodrigo Roa Duterte, 2016-2022) hatten, der aus Mindanao kam und danach auch eine Vizepräsidentin (Sara Duterte Carpio, seit 2022) aus Mindanao. Die Vertretung Mindanaos war in der nationalen Politik lange Zeit problematisch.

Drittens: Zwischen der philippinischen Regierung und zwei der muslimischen Gruppen wurden politische Vereinbarungen getroffen. 1996 unterzeichnete sie ihr endgültiges Friedensabkommen mit der Moro National Liberation Front (MNLF) [Die Bezeichnung Moros für die Einwohner:innen Mindanaos wurde von den spanischen Kolonialherren abwertend verwendet. Seit den 1970er Jahren wird sie von Sezessionist:innen benutzt, um die Idee eines ‚Moro-Volkes‘ oder einer Nation (Bangsamoro) zu benennen, d.R.]. 2014 gab es ein Abkommen mit der Moro Islamic Liberation Front (MILF). Als Folge davon gibt es nun die Bangsamoro Autonome Region in Muslim Mindanao (BARMM).

Die vierte Änderung ist, dass wir jetzt eine subregionale Regierungsbehörde haben, die versucht, die Entwicklung in den sechs Regionen von Mindanao zu koordinieren. Im Februar 2010 trat der Republic Act 9996 in Kraft, der die MinDA (Mindanao Development Authority) ins Leben gerufen hat. MinDA ist eine einzigartige subregionale Einrichtung, denn die Visayas und Luzon (die anderen großen Regionen der Philippinen) haben keine eigenen Entwicklungsbehörden. Es geht um Wirtschaft, Frieden und um politische Repräsentation und Governance-Mechanismen. Diese vier Veränderungen möchte ich hervorheben.

Und was hat sich NICHT geändert?

Es gibt immer noch erhebliche Armut und Ungleichheit in Mindanao. Das sieht man vor allem in den landwirtschaftlichen und in den indigenen Gemeinden. Im nationalen Vergleich hat BARMM mit 44,8 Prozent die höchste Armutsrate. Mindanao gehört mit knapp über 30 Prozent Armutsrate auch bereits zu den ärmeren Regionen der Philippinen. Der Zugang zu Ärzt:innen und Krankenhäusern vor allem in den ländlichen Regionen Mindanaos ist sehr eingeschränkt.

Geblieben ist auch die Entwicklungs-Aggression, die weiterhin Großtagebauten fördert und sehr stark auf Exportgüter fokussiert, auch in der Landwirtschaft. Das war unter Ferdinand Marcos Sr. in den 1980er Jahren auch schon so. Im Jahr 2023, unter der Präsidentschaft von Ferdinand Marcos Jr., geschahen 80,9 Prozent der Investitionen für Mindanao im Bergbau-Sektor.

Trotz Frieden viel Krieg

Kriege sind immer noch präsent. Die Belagerung von Marawi vom 23. Mai bis zum 23. Oktober 2017 war der erste langanhaltende städtische Krieg. Zuvor gab es im Jahr 2013 die Belagerung von Zamboanga, die Wochen andauerte. Das Ausmaß der Gewalt und die Zerstörung waren entsetzlich.

Zweimal gab es in den letzten 40 Jahren Kriegsrechtserklärungen in Mindanao. 2009 rief Präsidentin Gloria Macapagal-Arroyo das Kriegsrecht als Reaktion auf das Ampatuan-Massaker aus [Beim Ampatuan-Massaker wurden am 23. November 2009 in der philippinischen Provinz Maguindanao 58 Menschen, darunter 32 Journalist:innen, von bewaffneten Anhänger:innen einer mächtigen politischen Familie, Ampatuan, ermordet., d.R.] Die zweite Kriegsrechterklärung erfolgte 2017 unter Präsident Duterte aufgrund der Belagerung von Marawi. Es ist tragisch. Es bedurfte einer Erklärung von Marcos, um diesen Ausnahmezustand aufzuheben.

Damit verbunden ist, dass der Friedensprozess mit der Nationalen Demokratischen Front (NDFP) nicht vorangekommen ist und sogar gestoppt wurde [Die NDFP ist ein Bündnis aus revolutionären und progressiven Gruppen, das 1973 gegründet wurde, um die kommunistische Bewegung in den Philippinen zu stärken und einen demokratischen, sozialistischen Staat zu etablieren, d.R.]. Das ist bezeichnend, denn die Mehrheit der Kräfte der NDFP und der mit ihr verbündeten Gruppen, der New Peoples Army (NPA) und der Communist Party of the Philippines (CPP) befinden sich jetzt in Mindanao. Das Militär nutzt Anti-Terror-Gesetze als Vorwand für Razzien und andere repressive Maßnahmen

Übrigens muss darauf hingewiesen werden, dass in die letzten 40 Jahre auch der so genannte totale Krieg in Mindanao im Jahr 2001 sowie die Konflikte im Jahr 2000 und 2008 fallen, als das Memorandum of Agreement on Ancestral Domain (MOAD) mit der MILF vom Obersten Gerichtshof gekippt wurde. [Das MOA-AD war ein 2008 unterzeichnetes Abkommen zwischen der philippinischen Regierung und der MILF, das die Schaffung einer autonomen Region für die muslimischen Völker im Süden der Philippinen vorsah, jedoch aufgrund politischer Kontroversen und Widerstände nicht umgesetzt wurde., d.R.]

Vor 40 Jahren wurde darüber diskutiert, Sabah an die Philippinen anzugliedern. Wie ist da der Stand?

Der Anspruch des Sulu-Sultanats auf Sabah hat eine historische Grundlage. Er ist auch mit der komplizierten Geschichte und den Auswirkungen des kolonialen Expansionismus in Südostasien verbunden.

Es gibt zwar Menschen aus Mindanao, die als Teil der Diaspora infolge der Konflikte zwischen der philippinischen Regierung und den Moro Liberation Fronts nach Sabah geflohen sind. Aber es gibt auch Menschen wie die Sama, die das Gebiet als Teil ihrer traditionellen Domänen betrachten und sich daher ungeachtet der modernen geopolitischen Grenzen frei bewegen. Es gibt auch manche, die das allgemeine Gebiet von Basilan, Sulu und Tawi-Tawi als eine weitere Tür zur Ausreise aus den Philippinen betrachten. Und es gab Probleme mit Menschenhandel.

Das regelmäßige harte Vorgehen der malaysischen Regierung gegen Filipin@s ohne Papiere in Sabah führte zu massiven Deportationen und Umsiedlungen. Am ausgeprägtesten waren diese Vorfälle in den letzten Jahren der inzwischen aufgelösten Autonomen Region in Muslim Mindanao (ARMM). Aber die Probleme bestehen nach wie vor.

Der jüngste Fall in der andauernden Geschichte des Anspruchs des Sultanats Sulu war der Lahad-Datu-Konflikt im Jahr 2013, als bewaffnete Truppen, die sich als die königlichen Sicherheitskräfte des Sultanats Sulu und Nordborneo ausgaben, in Ost-Sabah landeten, um ihren Gebietsanspruch geltend zu machen.

Wie ist die aktuelle Situation in Mindanao?

Der vertikale Konflikt zwischen der MILF, MNLF und den Regierungstruppen ist zwar offiziell beendet, da sie Friedensabkommen unterzeichnet haben, aber es gibt weiterhin Zusammenstöße. So drangen zum Beispiel im Januar 2025 Regierungstruppen in Basilan in ein Gebiet ein, ohne sich mit der MILF abzusprechen. Es kam zu einer bewaffneten Konfrontation.

Was zugenommen hat, sind die so genannten horizontalen Konflikte, zwischen Gemeinschaften und zwischen Familien. Dazu gehören auch Konflikte mit privaten bewaffneten Gruppen und kriminellen Elementen. Das sind immer noch sehr reale Herausforderungen auf der lokalen Ebene.

Wie steht es um die führenden Politiker:innen?

Wir haben aktuell eine Situation, in der Vizepräsidentin Sara Duterte aus Mindanao in offenem Konflikt mit Präsident Ferdinand Marcos Jr., ihrem früheren Verbündeten, steht – was zu einer starken Polarisierung im Land geführt hat. In Davao haben die Dutertes nach wie vor viel Unterstützung.

Im Mai 2025 finden Zwischenwahlen statt, die lokalen Ämter und das Repräsentantenhaus sowie zwölf von 24 Mitgliedern des Senats werden gewählt. Die Wahlergebnisse werden entscheiden, ob die Vizepräsidentin, gegen die im Februar ein Amtsenthebungsverfahren eingeleitet wurde, im Amt bleibt. Es gibt jedoch noch eine weitere Frau Duterte im Amt, die zweite Frau des Abgeordneten und Sohns des ehemaligen Präsidenten Paolo „Pulong“ Duterte, January Navares-Duterte. Sie ist Barangay-Vorsteherin im Barangay Catalunan Grande in Davao City und hat somit automatisch einen Sitz im lokalen Stadtrat. [Anm.: Ein Barangay ist die kleinste territoriale und administrative Verwaltungseinheit auf der untersten lokalen Regierungsebene, vergleichbar mit einem Dorf, Bezirk oder Stadtteil, d.R.]

Zwei der Dutertes sind also bereits im Amt, fünf weitere kandidieren im Mai. Ex- Präsident Rodrigo Duterte kandidiert für das Amt des Bürgermeisters in Davao, das er bereits innehatte, obwohl er aktuell vom Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag festgehalten wird. Sein jüngster Sohn Sebastian kandidiert als Vizebürgermeister und würde das Bürgermeister, sollte sein Vater nicht vor Ort sein. Der Kongressabgeordnete Paolo strebt eine Wiederwahl an. Und dann kandidieren noch zwei Söhne von Paolo „Pulong“ Duterte für den Barangay-Vorsitz und den Stadtrat. Die wiederkehrenden Nachnamen in der Politik sind nicht nur geblieben, sondern haben sogar zugenommen.

Interview und Übersetzung aus dem Englischen von: Lilli Breininger

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Indonesien/Timor-Leste: Die Beziehungen zwischen Timor-Leste und der ehemaligen Besatzungsmacht Indonesien haben sich erheblich verbessert.

In Heft 4 des ersten Jahrgangs der SOA-Informationen von 1985 beschreibt Peter Franke im Beitrag „Regionale Konflikte in Südostasien“ unter anderem den Konflikt zwischen Indonesien und Osttimor, Nach 400-jähriger Kolonialherrschaft Portugals wurde Osttimor 1975 unabhängig – zunächst nur für wenige Tage. Indonesien besetzte die Inselhälfte. Dagegen leistete die FRETILIN (Frente Revolucionária de Timor-Leste Independente – Revolutionäre Front für die Unabhängigkeit von Osttimor) Widerstand.

Indonesien, Timor-Leste, Geschichte

Unser Redaktionsmitglied Hendra Pasuhuk war 1999 akkreditierter Beobachter des Referendums über die Unabhängigkeit Osttimors, das von Indonesien, Portugal und den Vereinten Nationen vereinbart worden war. Er berichtet über diesen Meilenstein der Konfliktbeilegung und den heutigen Stand der Beziehungen zwischen Indonesien und Timor-Leste.

Es war ein schöner Montagmorgen in Dili. Schon seit frühen Stunden bildeten sich lange Schlangen vor den Wahllokalen. Es war der 30. August 1999. Rund 450.000 wahlberechtigte Ost-Timores:innen waren aufgerufen, ihre Stimme abzugeben beim Referendum über den zukünftigen Status von Ost-Timor.

Im Vorfeld des Referendums gab es einige Zwischenfälle. Bewaffnete Milizen-Gruppen der Pro-Integrations-Bewegung zogen durch die Straßen mit Parolen und Spruchbändern und warben für den Verbleib Osttimors als Provinz des indonesischen Einheitsstaates. Es gab blutige Zusammenstöße mit der Anti-Integrations-Bewegung, die für die Unabhängigkeit Osttimors kämpfte. Noch am Sonntag kam es zu Schusswechseln zwischen militanten Gegner:innen und Befürworter:innen der Unabhängigkeit.

Die Befürchtung war, dass am Referendums-Tag viele Menschen aus Angst einfach zu Hause bleiben würden. Aber es kamen viele, sehr viele Menschen. Das Ergebnis des Referendums, das einige Tage danach von den Vereinten Nationen veröffentlicht wurde, war sehr deutlich. 78,5 Prozent (344.580 Stimmen) der Wahlberechtigten stimmten für die Unabhängigkeit, 21,5 Prozent (94.388 Stimmen) für die Autonomie innerhalb Indonesiens. Die Wahlbeteiligung lag bei etwa 98 Prozent.

Während der 23jährigen Besatzungszeit Osttimors kannten die meisten Indonesier:innen nur zwei politischen Gruppen dort: Pro-Integration und Kontra-Integration. Dies war verständlich, weil die indonesische Öffentlichkeit jahrzehntelang nur das Propagandamaterial der Regierung und der Armee lesen und hören konnte. Die Pro-Integrations-Bewegung durfte ihre öffentlichen Treue-Gelübde und die feierliche Zeremonie zum ‚Integrationstag‘ jedes Jahr abhalten, während die Anti-Integrations-Bewegung nur im Untergrund agieren konnte.

Das Suharto-Regime erklärte immer wieder, die Anti-Integrations-Bewegung gebe es in Ost-Timor nicht. Sie sei nur eine Erfindung der osttimoresischen Kommunisten, die ins Ausland geflohen sind. Die lauten Proteste im Ausland über Menschenrechtsverletzungen in Osttimor seien nur billige westliche Einmischungsversuche.

Politische Reformen in Indonesien

Nach dem Rücktritt von Suharto im Mai 1998 wurde es möglich, das Thema Osttimor offen anzusprechen. In den Monaten danach wurden in vielen Städten Seminare und Vorträge gehalten, Berichte in Medien veröffentlicht. Erstmals konnten sich viele Indonesier:innen über unterschiedliche Meinungen, Standpunkte und Wege zur Lösung des Osttimor-Konflikts informieren. Die Idee, zur Lösung des Konfliktes ein Referendum abzuhalten, fand schnell breite Zustimmung bei pro-demokratischen Aktivist:innen.

Die indonesischen Generäle vertraten jedoch die Ansicht, dass ein Referendum einen Bürgerkrieg in Osttimor auslösen würde. Außerdem würde dies eine Welle von separatistischen Forderungen lostreten, so die Argumentation. Aber zu dieser Zeit lehnten immer mehr Indonesier:innen die Einmischung des Militärs in politische Angelegenheiten ab.

Das Referendum und die Unabhängigkeit

Im Januar 1999 überraschte der damalige indonesische Präsident Bacharuddin Jusuf Habibie mit dem Angebot eines Referendums mit der Option einer weitreichenden Autonomie oder Unabhängigkeit Osttimors. Das Referendum sollte unter Aufsicht der Vereinten Nationen durchgeführt werden. Die indonesischen Militärs waren entsetzt und fingen an, Milizen-Verbände als so genannte pro-indonesische Kräfte aufzustellen und auszurüsten. Damit sollte den Anschein eines Bürgerkrieges in Osttimor erweckt werden. Trotzdem unterzeichneten Indonesien, Portugal und die Vereinten Nationen am 5. Mai 1999 ein Abkommen über die Durchführung eines Referendums.

Nach dessen Durchführung am 30. August war die Stimmung in Dili sehr angespannt. Bewaffnete Milizen stellten Kontrollpunkte auf den Straßen auf. Nachts waren an vielen Orten Schüsse zu hören. Nach der Verkündung des Ergebnisses am 4. September 1999 kam es dann zu gewalttätigen Ausschreitungen durch pro-indonesische Milizen. Viele Gebäude brannten, Tausende Menschen flohen in die Berge.

Wie viele Menschen in jenen Tagen ums Leben kamen, ist ungeklärt. Schätzungen sprechen von rund 1.500 getöteten Menschen und 300.000, die ins benachbarte Westtimor flohen. Wir, die von den Vereinten Nationen akkreditierten Wahlbeobachter, wurden am 6. September mit australischen Militärmaschinen von Dili nach Darwin evakuiert.

Erst nach internationalem Druck entsandten die Vereinten Nationen später eine Friedenstruppe (INTERFET) unter australischer Führung. Fast drei Jahre nach dem Referendum, am 20. Mai 2002, wurde Osttimor schließlich ein unabhängiger Staat unter dem offiziellen Namen Demokratische Republik Timor-Leste.

Timor-Leste heute

Timor-Leste hat seitdem bedeutende Fortschritte gemacht. Die Regierung steht jedoch weiterhin vor der Aufgabe, wirtschaftliche und soziale Herausforderungen zu bewältigen, um die Stabilität und Entwicklung des Landes zu fördern.

Statistisch gesehen gehört Timor-Leste zu den ärmsten Ländern der Welt. Etwa 42 Prozent der rund 1,3 Millionen Einwohner leben unterhalb der nationalen Armutsgrenze. Die Arbeitslosigkeit ist hoch. Viele Menschen sind in der Subsistenzlandwirtschaft tätig. Diversifizierung der Wirtschaft, Schaffung von Arbeitsplätzen und Bekämpfung der Armut sind weiterhin drängende Aufgaben der Regierung.

Die Weltbank prognostizierte für 2024 und 2025 ein durchschnittliches Wirtschaftswachstum von 4,1 Prozent. Die Regierung plant, Investitionen in Infrastruktur und Kapitalausgaben zu erhöhen, was das Wachstum weiter ankurbeln könnte. Aber die wirtschaftliche Lage bleibt fragil, da die bestehenden Öl- und Gasreserven zur Neige gehen. Die Abhängigkeit von diesen Ressourcen ist hoch und die Entwicklung neuer Gasfelder wird durch Streitigkeiten über die Verarbeitung des geförderten Gases verzögert. Während die Regierung ein LNG-Terminal im eigenen Land errichten möchte, bevorzugen australische Partnerunternehmen aus Kostengründen die Verarbeitung in Australien.

Regionale Zusammenarbeit

Die Beziehungen zwischen Timor-Leste und Indonesien haben sich seit der Unabhängigkeit Timor-Lestes im Jahr 2002 erheblich verbessert und sind heute von Kooperation und Versöhnung geprägt. Im September 2024 besuchte das Oberhaupt der katholischen Kirche, Papst Franziskus, das Land. Dort lobte er die Bemühungen um Versöhnung mit Indonesien und betonte die Bedeutung einer „Reinigung des Gedächtnisses, um Wunden zu heilen“.

Premierminister Xanana Gusmão vom Congresso Nacional da Reconstru o Timorense (CNRT) ist seit Juli 2023 im Amt. Er unterstrich in einem Interview die Fortschritte im Versöhnungsprozess und hob hervor, dass Timor-Leste ein Beispiel für andere Konfliktregionen sein könne. Er betonte, dass trotz der schmerzhaften Vergangenheit eine echte Versöhnung mit Indonesien erreicht werden könne, wobei die schwierige Geschichte anerkannt werde, aber der Blick auf eine friedliche Zukunft gerichtet sei.

Wirtschaftlich gesehen ist Indonesien heute Timor-Lestes größter Importpartner. Im Jahr 2018 importierte Timor-Leste Waren im Wert von über 159 Millionen US-Dollar aus Indonesien, während die Exporte nach Indonesien bei etwa 3 Millionen US-Dollar lagen.

Keine Verfolgung von schweren Menschenrechtsverstößen

Indonesisch wird in Timor-Leste als Arbeitssprache genutzt. Ein erheblicher Teil der Bevölkerung spricht die Sprache fließend. Zudem erfreuen sich indonesische Musikrichtungen großer Beliebtheit. Im Januar 2016 besuchte der damalige indonesische Präsident Joko Widodo das Land erstmals offiziell. Ziel des Besuchs war es, die bilateralen Beziehungen zu stärken und Kooperationsvereinbarungen in Bereichen wie Jugend und Sport, Archivwesen, Klimatologie und Geophysik, Such- und Rettungsdienste sowie Energie, Erdöl und mineralische Ressourcen zu unterzeichnen.

Insgesamt haben Timor-Leste und Indonesien bemerkenswerte Fortschritte in bilateralen Beziehungen erzielt und eine gute Basis für weitere Zusammenarbeit geschaffen. Zudem wird eine verstärkte Integration in regionale Bündnisse wie ASEAN angestrebt. Im Januar 2025 wurde eine osttimoresische Delegation zum ASEAN-Außenministertreffen in Malaysia eingeladen.

Premierminister Xanana Gusmao war zuletzt beim Amtsantritt des derzeitigen indonesischen Präsidenten Prabowo Subianto am 20. Oktober 2024 in Jakarta. Am nächsten Tag gab es offizielle Gespräche beider Regierungschefs im Präsidentenpalast in Jakarta zur Vertiefung der bilateralen Beziehungen.

Die guten Beziehungen haben aber einen hohen Preis. Beide Seiten vermeiden stillschweigend, über die Verfolgung von Menschenrechtsverstößen zur Zeit der indonesischen Besatzung zu sprechen, obwohl es Berichte der Vereinten Nationen, der osttimoresischen Wahrheitskommission und der indonesischen Menschenrechtskommission gibt, die klar von schweren Menschenrechtsverletzungen sprechen und auch Namen von Verantwortlichen nennen.

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