1 | 2026, Kambodscha, Malaysia, Myanmar, Rezensionen,
Autor*in: Trishinia Daos, Melissa Bensing und Anett Keller
Heiliger Wald, versunkene Welt, verlorene Sprache
Die Kui Gemeinschaft kommt zusammen, um Rituale für den Wald durchzuführen. © Screenshot „The Sacred Forest“
Kambodscha/Malaysia/Myanmar: Drei Kurzfilme behandeln auf unterschiedliche Weise das Bewahren von Tradition – und ihren Verlust.
Auf der Plattform Cinemata sind rund 5.000 frei zugängliche Filme und Dokumentationen aus der Asien-Pazifik-Region versammelt. Die Redaktion der südostasien stellt mit „The Sacred Forest“ (Kambodscha) und „The OTW – The Lost Melanau“ (Malaysia) zwei davon zum Thema Indigenes Wissen vor. Außerdem machen wir euch mit „Pyan“ einem Regie- und Animationsfilm-Debüt aus der burmesischen Diaspora bekannt, in dem verlorenes Wissen betrauert wird.
Mehr als ein Wald
Kambodscha: „The Sacred Forest – Exposing the Invisible Documentary” zeigt wie die Kui in Einklang mit ihrem Wald leben.
Für viele Menschen ist ein Berg einfach nur ein Berg, ein Wasserfall lediglich ein Wasserfall und Wälder „nur“ ein Lebensraum für Wildtiere. Viele indigene Gemeinschaften – so wie die Kui in Kambodscha – glauben jedoch, dass sie ihre Lebensräume mit mächtigen Wesen teilen, die man nicht sehen kann. Doch ihre Präsenz ist auf vielfältige Weise spürbar. Die Doku „The Sacred Forest“ nimmt uns mit in den heiligen Wald der Kui.
Chap Teang berichtet von den Lehren der Ältesten. Beim Betreten des Waldes ermahnen sie die Jugendlichen, niemanden zu beleidigen und im Wald vorsichtig zu sein. Die Kui-Gemeinschaft bittet mithilfe von Opfergaben (Blätter bestimmter Pflanzen) die Geister um Segen, vor allem um Schutz vor gefährlichen und räuberischen Tieren.
Die Kui-Gemeinschaft lebt in und mit dem Wald und stellt sicher, dass ihre Bräuche und Überzeugungen ihren Respekt und ihre Dankbarkeit gegenüber den Geistern zum Ausdruck bringen. Chap Teang zufolge bietet es Schutz, wenn sie nach Lianen, Harzen, Früchten und Samen für die Rituale suchen, wie zum Beispiel den „Snuff Box Sea Beans“.
Die sogenannten „Snuff Box Sea Beans“ stammen von einer massiven, holzigen tropischen Liane, die an Flussufern und in den Baumkronen der Küstenwälder hängt. Die Pflanze ist weltweit als „African Dream Herb“ bekannt.
Sie werden „Snuff Box Sea Beans“ genannt, weil ihre harten, hohlen Schalen traditionell ausgehöhlt und zur Aufbewahrung von Tabak oder Schnupftabak verwendet werden. Die Bohne im Inneren des Samens wird zerkleinert, getrocknet und vor dem Schlafengehen geraucht, um ‚klare‘ Träume hervorzurufen. Sie werden auch in der traditionellen Medizin zur Behandlung von Beschwerden wie Zahnschmerzen, Geschwüren und Muskelschmerzen eingesetzt.
Der Name des Waldes lautet K’bet, was „verschlossen“ und „heilig“ bedeutet. Bei der Durchführung von Ritualen wird genau darauf geachtet, alle Worte korrekt auszusprechen. Hühner oder Enten werden geopfert, um die Geister zu besänftigen und die Beziehung zwischen der Kui-Gemeinschaft und dem Wald aufrechtzuerhalten. Es wird sehr ernst genommen, dass es den Dorfbewohnern nicht gestattet ist, zu fluchen oder zu lachen. Rituale und Respekt verbinden Generationen miteinander und mit ihrer Umwelt.
Mich erinnert das an Bräuche, die ich aus den Philippinen kenne, wie zum Beispiel, dass wir „tabi-tabi po“ sagen müssen, was so viel bedeutet wie „bitte lass mich durch“, wenn wir an kleinen Hügeln oder natürlichen Lebensräumen vorbeikommen, in denen Geister wohnen.
Hy, eine der Ältesten, erwähnt, dass bestimmte Traditionen und Rituale befolgt werden müssen, da sonst Unglück über sie hereinbrechen würde. Bauern aus benachbarten Dörfern, die dem Wald keinen Respekt zollen und seine Ressourcen ausbeuten, würden die „bösen Geister“ sehen oder ihre Kinder würden unter Krankheiten leiden. Laut Hy wird die Krankheit dadurch verursacht, dass das Land bewirtschaftet wird, ohne es mit den Geistern zu teilen.
Kui Community mit verschiedenen Generationen. © Screenshot „The Sacred Forest“
Visuell konzentriert sich die Kamera mit einer ruhigen Achtsamkeit auf die dichte Vegetation, die Baumkronen, den Nebel und die Ritualorte, was in scharfem Kontrast zu der durch die Abholzung implizierten Gewalt steht. Der Wald wird niemals nur als Kulisse behandelt, sondern als lebendige Präsenz, die von spiritueller und historischer Bedeutung durchdrungen ist.
Zu den Ehrungsritualen gehören Musikopfer und Besessenheit durch das Medium, Tanzen, um die Geister zu besänftigen, und das Befolgen der Botschaft der Ältesten, den Wald als ihr Erbe zu bewahren. Diese Lektion wird von Generation zu Generation weitergegeben.
Viele Dokumentarfilme stellen lokale Gemeinschaften als passive Opfer dar. „Sacred Forest – Exposing the Invisible“ rückt stattdessen Widerstand und Widerstandsfähigkeit in den Vordergrund. Indigene spirituelle Praktiken werden nicht als Folklore oder exotische Tradition dargestellt, sondern als lebendige Systeme ökologischen Verständnisses. Indem der Film diese Perspektiven in den Mittelpunkt stellt, hinterfragt er vorherrschende westliche Vorstellungen, die Natur von Kultur oder Spiritualität von Politik trennen.
Es handelt sich um eine symbiotische Beziehung, die viele indigene Gemeinschaften praktizieren. Der Wald bietet ihnen Nahrung, Schutz und Wissen. Trotz Abholzung und Übergriffen durch den Kapitalismus verfolgte die Kui-Gemeinschaft ihre Mission, diesen heiligen Wald zu erhalten, genauso wie der Wald sie erhält, indem er ihnen Nahrung und Schutz bietet.
Rezension zu: „The Sacred Forest“ (2025), Sunflower Film Organization, Kambodscha, 6:08 Minuten.
Autorin: Trishinia Daos
Neue Welten und alte Verbindungen
Wie viel denkst du über deine Sprache nach? Macht es einen Unterschied, mit wem du sprichst? Hier im Dialekt, dort im Hochdeutschen oder ab und zu in einer anderen Landessprache. Egal wie: Sicherlich liegt dir eines mehr als das andere, es geht leichter von der Zunge, es steht mehr im Kontakt zu dir selbst. Abdul Muneer geht in seiner Kurzdokumentation „The OTW – The Lost Melanau“ den Wahrnehmungen zwischen ‚meiner‘, ‚deiner‘ und ‚unserer‘ Sprache nach. Er zeigt, wie junge Menschen der Melanau [Indigene Gemeinschaft in Sarawak, Malaysia] damit umgehen. Dabei verzichtet er auf aufwendige Inszenierungen und bleibt stattdessen ganz nah am Alltag der Menschen, indem er vor allem seine Freunde und seine direkte Umgebung einbezieht.
Der Fluss als Spiegel des Ländlichen. © Screenshot „The OTW – The Lost Melanau“
Dass Sprache mehr als ein Mittel zur Kommunikation ist, zeigt Muneer in seinem Kurzfilm deutlich. Sprache wird hier als etwas verstanden, das Traditionen und Vergangenheiten in sich trägt. Fast so wie ein Geschenk, das über Generationen hinweg weitergegeben wird. Der Regisseur stellt anschaulich dar, dass Sprache kollektive Erinnerungen aufbaut und gleichzeitig kollektive Fragen bei jungen Menschen auslöst. So fühlt sich die Sprache Melanau fern und doch nah, offensichtlich und zugleich unsichtbar an. Es ist nicht verwunderlich, dass Muneer sich selbst fragt, ob es überhaupt möglich ist, Sprache festzuhalten, oder ob sie sich gar wiederfinden lässt, wenn sie einmal verloren ist. Gerade diese Betrachtung macht den Film so nahbar, weil sie den Blick in die Zukunft lenkt.
Die Szenerie wechselt zwischen ländlichen und städtischen Bildkulissen. Das Thema Sprache wird so nicht nur durch Worte vermittelt. Es wird eine Verbindung geschaffen, die jede:r Zuschauer:in frei interpretieren darf. Für mich ist es der Fluss zu Beginn, welcher die Nähe des Ländlichen widerspiegelt, mit den Menschen, die mit ihm leben. Und dem gegenüber, etwas später im Film, die Stadt mit ihren hohen Bauten, den lauten Straßen und den vielen Menschen.
Abdul Muneers Kurzfilm regt zum Nachdenken an. Seine Geschichte erzählt vom Ursprung und vom Erbe einer Gesellschaft. Mit den Kurzinterviews seiner Freunde gelingt es dem Filmemacher, etwas Wesentliches zu betonen: den Wandel. Junge Menschen beschreiben ihre Entwicklung nicht durch Aussehen oder durch den Übergang von der Schule zum Job, sondern durch Sprache. Sie beschreiben einen Konflikt zwischen dem Einfluss der Moderne und den festen Wurzeln der Familie. Begleitet wird dies von der Frage der Zugehörigkeit: Kann Sprache ausgrenzen oder hilft sie, ein neues gesellschaftliches Selbstbild zu schaffen?
Rezension zu: „The OTW – The Lost Melanau“ (2025), Malaysia, Abdul Muneer, 7:11 Minuten.
Autorin: Melissa Bensing
Sehnsucht nach den eigenen Wurzeln
© Screenshot „Pyan“
Zunächst sieht man Bilder von Meerjungfrauen, prunkvollen Palästen, auf Lotosblumen gebaut. Wellenrauschen ist zu hören. Doch dann… Schüsse…
Der Animationsfilm „Pyan“ spielt in einem Märchenuniversum. Einst gab es hier ein blühendes Königreich, in dem Meerjungfrauen glücklich lebten, bis Feen sie unterjochten. Die Meerjungfrauen wurden gezwungen, an die Oberfläche zu kommen und unter den Feen zu leben, wobei den meisten von ihnen Beine wuchsen, um sich an die Landbewohner anzupassen.
Die Meerjungfrauen die noch einen Fischschwanz hatten, wurden auf Unterhaltung reduziert. Eine von ihnen ist Hlaine, die in einem Museumsaquarium Kunststücke vorführen muss. Dort begegnet ihr Mae, ein Schulmädchen, das fasziniert von der Kultur der Meerjungfrauen ist, ohne zu wissen, dass sie selbst eine ist. Zunächst haben beide Angst voreinander. Doch als sie sich schließlich umarmen, scheinen sie beide nach Hause zu kommen. Mae und Hlaine fliehen, mit Hilfe eines Vogels, der sie durch die Lüfte trägt. Doch ihre Flucht endet inmitten von Ruinen…
Das Titel des Films (Burmesisch für: zurückkehren/fliegen) bringt die Sehnsucht und das Bedürfnis nach einer Rückkehr in die Heimat, zu den eigenen Wurzeln und dem eigenen Erbe zum Ausdruck. Zu Allem, das den Menschen durch koloniale und imperiale Mächte gewaltsam entrissen wurde. Von der reichen vorkolonialen Kultur Myanmars sind – wie in den letzten Bildern des Films – nur Trümmer übrig. Was bleibt, ist Trauer.
© Screenshot „Pyan“
Soe Naung benutzt eine Vielzahl von Techniken, um diese Trauer zum Ausdruck zu bringen und die Sehnsucht danach, die Wunder der grandiosen Vergangenheit und Kultur der Heimat zu erleben. Die widersprüchlichen Gefühle der Diaspora, der Soe Naung angehört, spiegeln sich in der wechselnden Beleuchtung und Atmosphäre des Films. Mal wird es hell, es kommt Hoffnung auf. Und dann wieder Dunkelheit, Verzweiflung.
Pyan erinnert an einen Bildungsroman und thematisiert die Entfremdung von einer Kultur, aus der man stammt, ohne etwas darüber zu wissen. Dieses Gefühl der Entfremdung ist für ein Kind in der Diaspora während des Heranwachsens nichts Ungewöhnliches.
Soe Naung ist eine in Singapur aufgewachsene Einwanderin aus dem Volk der Kayin-Burmesen. Sie beobachtet den Krieg und den Konflikt in Myanmar aus der Ferne, hört jedoch von ihren Eltern von dem großen Reichtum an Geschichte und Kultur des alten burmesischen Königreichs. Soe Naung entwickelte die Idee zu „Pyan“ bereits 2022 nach dem Putsch in Myanmar, als sie das Bedürfnis verspürte, die Trauer auszudrücken, die sie als Angehörige der burmesischen Diaspora für ihr Land empfand. Zusammen mit ihren Mitwirkenden Yip Chun Fung Kenny, Naing Aung Thar und Nurin Batrisyia hat sie „Pyan“ als Abschlussfilm für das LASALLE College of the Arts in Singapur im Jahr 2024 fertiggestellt. Mit dem Veröffentlichen des Films auf YouTube machte sie auf den Erdbeben-Hilfsfonds für Myanmar aufmerksam.
Der Film spiegelt nicht nur die verheerenden Auswirkungen der Kolonialisierung wider, die Myanmar durch das britische Empire erfahren hat, sondern auch den aktuellen Bürgerkrieg. „Pyan“ hat darüber hinaus eine universelle Bedeutung. Meerjungfrauen stehen sinnbildlich für das Weibliche, auch für das Wilde, Ungezähmte, Selbstbestimmte. Das versunkene Reich von Hlaine und Mae kann auch als die versunkene Welt von gewaltfreien, matriarchalen Gesellschaften gelesen werden.
Die Zerstörung ihrer Heimat und die Objektivierung der Meerjungfrauen stehen somit auch für die patriarchale Gewalt der letzten Jahrtausende, die sich in Kolonisierung, Krieg, Umweltzerstörung und Unterdrückung von Frauen weltweit äußert. Und so klingt der Schrei am Ende wie einer von Millionen Frauen…
Rezension zu: „Pyan“ (2024) Hillary Soe Naung, Singapur, 8:13 Minuten.
Autorinnen: Trishinia Daos und Anett Keller

