1 | 2020, Indonesien,
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‚Business as usual‘ im Kohle- Revier

Der Lebensraum der indigenen Gemeinden an den Flüssen Kalimantans ist zunehmend bedroht © Siti Maimunah

Indonesien: Kalimantan gilt wegen seiner Regenwälder als eine der ‚Lungen der Welt’. Doch massive Ressourcenausbeutung resultiert in Überschwemmungen, Luft- und Wasser-Verschmutzung. Sie bewirkt aber auch eine tief greifende soziale Transformation in den indigenen Gemeinden.

Seit dem 13. Welt-Klimagipfel im Dezember 2007 auf Bali hat sich die Fördermenge an Steinkohle in Indonesien von 188,66 Millionen Tonnen auf ca. 610 Millionen Tonnen verdreifacht. Ausrichtungsland des Klimagipfels zu sein und selbst Hunderte von Delegierten zu entsenden, hat das Entwicklungsmodell in Indonesien also nicht unbedingt verändert. Trotz des Versprechens, die Treibhausgasemissionen bis 2020 auf 26% zu senken, ist Indonesien nach Australien heute der zweitgrößte Exporteur von thermischer Kohle. Fast 80% der Kohle aus Indonesien werden nach Indien, China, Südkorea, Vietnam, Thailand und auf die Philippinen exportiert. Der Rest wird für Kohlekraftwerke im Inland verwendet mit einer Prognose, dass der Bedarf dafür in Zukunft weiter steigen wird.

Wie wirkt sich diese Situation in Kalimantan (indonesischer Teil der Insel Borneo) aus, dessen Wald als eine der ‚Lungen der Erde’ bezeichnet wird und die gleichzeitig eines der Hauptgebiete für die Ausbeutung von Kohle ist? Die Provinzen Ost- und Süd-Kalimantan steuerten 2017 bereits 82,2% der 461,2 Millionen Tonnen Kohleproduktion Indonesiens bei. Im selben Jahr begann auch der Anstieg der Kohleförderung in Zentral-Kalimantan. Im Jahr 2017 förderte Zentral-Kalimantan 17,3 Millionen Tonnen, ein Anstieg um mehr als das Zweifache im Vergleich zu drei Jahren zuvor (zu Kohleförderung in Kalimantan und den Folgen vergleiche auch die Rezension des Dokumentarfilms Sexy Killers auf suedostasien.net). Kalimantan bietet nicht nur Kohlenreserven, die großen Flüsse stellen dort auch die billigsten Transportwege für die Kohle von den Bergbaustandorten dar.

Wenn das Wasser der Flüsse ansteigt, müssen die Habseligkeiten in Sicherheit gebracht werden. Auch können die Menschen dann nicht mehr auf die Plantagen gehen, um Kautschuk zu gewinnen © Siti Maimunah

Die Zerstörung der Flussökosysteme bringt sozio-ökologische Kosten auf Kalimantan mit sich, die von Indonesien und der Welt, die weiterhin Kohle verbrennen, berücksichtigt werden müssten. Die sozialen und ökologischen Veränderungen in der Umgebung der Flüsse in Zentral-Kalimantan zeugen davon, wie die Bevölkerung und die Natur die Auswirkungen der Kohleförderung tragen und gleichzeitig mit den Auswirkungen des Klimawandels umgehen müssen.

Leben am und mit dem Fluss

Wer am Ufer eines Flusses lebt, kann diesen als ein sehr sensibles Ökosystem wahrnehmen. Er ist wie ein Kuchenteig, der sich erst ausdehnt und dann wieder zusammenfällt, sobald sich die Temperatur um ihn verändert. Innerhalb weniger Stunden kann sein Pegel um einige Meter steigen oder sinken. Die Aktivitäten der indigenen Bevölkerung der Dayak sind größtenteils abhängig von den Flüssen in der Region. So auch bei den Dayak Murung, einer Gemeinde an den Ufern der Flüsse Laung und Maruwei in der Region Murung Raya. Wenn das Wasser der Flüsse ansteigt, dann bedeutet das, dass die Frauen und Männer nicht mehr auf die Plantagen gehen können, um Kautschuk zu gewinnen. Ihr Land wird überflutet und sie können die Kautschukbäume nicht mehr erreichen. “Die Kautschukernte wird ausgesetzt, wenn das Flusswasser steigt“, sagt Rosa, eine der Murung- Frauen, die jeden Morgen zwischen 6 und 10 Uhr auf die Plantage geht.

Wenn der Flusspegel ansteigt und die Strömung stärker wird, trägt die Strömung große Holzstücke mit sich. Das ist sehr gefährlich für die Frauen, die kleine Boote ohne Motor benutzen, um über den Fluss zur Kautschukplantage zu gelangen. Der Wasseranstieg hindert die Frauen aber nicht nur daran, Kautschuk abzuzapfen. Die Bewohner*innen der Dörfer stromabwärts des Flusses Laung müssen ihre Habseligkeiten, insbesondere ihre elektronischen Geräte, in den ersten Stock bringen und wohnen auch dort, bis das Wasser wieder sinkt. Die Dörfer, die weit unten flussabwärts liegen, leiden besonders darunter. Insbesondere die Dörfer Maruwei II, Batubua I und Batubua II sind von schweren Überschwemmungen betroffen, weil ihre Häuser unmittelbar von Wasser umgeben sind, sobald der Flusspegel des Laung ansteigt. “Das Wasser geht bei uns gerade mal bis zu den Stufen des Hauses, wenn es bei ihnen schon bis ins Haus reicht“, sagt Ata während sie auf das Dorf gegenüber zeigt, das durch eine Eisenbrücke mit ihrem Dorf verbunden ist. Die Menschen bleiben bei Überschwemmungen zu Hause oder bewegen sich mit kleinen Booten fort.

Überschwemmungen werden nicht nur vom Regen und dem Zustand der Wälder stromaufwärts beeinflusst, sondern auch durch den Wasserstand des großen Flusses in seiner Mündung. Der Wasserstand des Laung steigt weiter an, wenn die Mündung des Barito – des längsten Flusses in Kalimantan – ebenfalls einen hohen Wasserstand erreicht, weil dadurch das Wasser des Laung zurückgestaut wird. Der ökologische Zustand dieses Flusses und seiner Nebenflüsse bestimmt schon lange die sozialen Formationen in dieser Region.

Trübes Wasser und Überschwemmungen

Die Murung Dayak werden auch als ‚Menschen des Murung’ bezeichnet, weil sie entlang des Murung und teilweise am Ufer des Barito leben. Die Identität der Menschen ist eng verknüpft mit den Namen der Flüsse, hier leben ‚die Kapuas’, ‚die Murung’ und ‚die Laung’. Das Ökosystem der Flüsse formt auch die Dörfer in der Gegend des Laung und des Maruwei. Dörfer, die entlang eines Flusses entstehen, übernehmen oft dessen Namen. So zum Beispiel das Dorf Lakutan, weil es am Ufer des Lakutan liegt, das Dorf Pelaci, weil es am Flussufer des Pelaci liegt.

Zurzeit gibt es aber große Veränderungen der ökologischen Bedingungen der Flüsse, die durch steigende Wasserpegel immer näher an die Dörfer ‚rücken’. Auch in der Trockenzeit kommt es inzwischen zu plötzlichen Regenfällen – Überschwemmungen sind die Folge. „In der Vergangenheit kam das nicht so häufig vor und das Wasser war auch nicht so trüb wie jetzt“, erinnert sich Ata, die in Maruwei geboren wurde. Atas macht für die Trübheit des Wassers die Aktivitäten von Kohlegruben an den Nebenflüssen des Laung verantwortlich.

Seit zwei Jahrzehnten ist eine Kohlemine in der Umgebung des Laung und des Maruwei in Betrieb. Eine weitere kam vor einigen Jahren hinzu. Drei weitere sollen folgen. Kohlefirmen sind an den Feldern und Plantagen der Bewohner*innen interessiert , welche nach der Meinung der Firmen einen hohen Kohleanteil bergen. Im Bezirk Murung Raya bestehen Bergbaukonzessionen für 48% des Gebiets. Diese Bergbaukonzessionen überschneiden sich mit einer Konzession für Holzunternehmen, die seit den 1970er Jahren die Wälder in der Region schlagen.

Für den Kahlschlag der Wälder wurden Straßen angelegt, die später von den Bergbauunternehmen noch verbreitert © Siti Maimunah

Verflechtung von Politik und Wirtschaft

Traditionell sind diese Gebiete das Land der indigenen Völker. Die indigene Gemeinde Murung gab es schon lange vor Gründung der Republik Indonesien. Dennoch erteilte vor einem halben Jahrhundert die Regierung der Neuen Ordnung (Regierungszeit von Suharto 1966 – 1998) eine Konzession für die Waldnutzung, die es ermöglichte, Urwaldbäume zu fällen und zu verkaufen. Einige der Holzunternehmer*innen hatten enge Beziehungen zur Suharto-Familie.

In der Folge wurden jahrhundertealte Bäume im großen Stil gerodet und über die Flüsse Laung und Maruwei abtransportiert. In ihrem Artikel mit dem Titel Natural Resources and Capitalist Frontiers (2003) beschrieb Anna Tsing die Region um die Flüsse Laung und Maruwai als „Ressourcengrenze“ (ressource frontier). Gemeint ist eine Region, die aufgrund externer Rohstoffnachfrage physische und soziale Veränderungen durchlaufen hat. Früher nach Holz, heutzutage nach Kohle. Die Straßen zu den Flüssen, die einst von den Holzfirmen angelegt wurden, werden heute sowohl von der Bevölkerung als auch von Bergbauunternehmen genutzt.

Straßen, die ursprünglich von nur zwei Lastwagen befahren werden konnten, wurden auf das Doppelte bis Dreifache verbreitert. Täglich transportieren Lastwagen mit einer Kapazität von 38 Tonnen Kohle aus den riesigen Tagebaulöchern am Flussufer. Das Gebiet entlang der Straßen, welche die Dörfer miteinander verbinden, ist durch das erhöhte Verkehrsaufkommen nun gefährlicher. Oft werden Haustiere von Lastwagen überfahren, vor allem Hunde und Hühner. Auf der 60 km langen Straße sterben jeden Monat fünf bis sechs Hunde. Früher wurde diese Straße als „Holzstraße“ bezeichnet, heute wird sie als Kohlestraße bezeichnet.

Anfangs durften die Bewohner*innen die neuen, breiteren Straßen nicht nutzen, obwohl sich viele durch die Kompensationszahlungen Motorräder leisten können. Sie reagierten mit Protesten und Straßensperrungen, damit das Unternehmen ihnen den Zugang zur Straße ermöglicht. Mit Barrieren machen sie auch auf die überfahrenen Hunde aufmerksam, die ökonomisch einen Verlust darstellten, weil sie den Menschen bei der Jagd helfen. Die Anwohner*innen veranstalteten verschiedene Aktionen, um das Augenmerk auf das Problem zu lenken. Dies führte schließlich dazu, dass im lokalen Recht Sanktionen für Kohle– oder Holzunternehmen festgeschrieben wurden, wenn ihre Lastwagen Hunde oder Hühner überfuhren.

Wütende Anwohner sperren die ‚Kohle-Straße’ als Zeichen ihres Protests © Siti Maimunah

Seit die Straße auch von öffentlichen Verkehrsmitteln befahren wird, bevorzugen die Menschen die Asphaltstraße als Transportweg. Transportmittel für den Fluss, wie kleine Boote werden nur noch für bestimmte Zwecke verwendet, etwa zum Überqueren eines Flusses, um zu einer Plantage oder einem Feld zu gelangen oder zum Transport von Früchten. Seit zehn Jahren sind zunehmend Motorräder auf den Dorfstraßen zu sehen, welche die Bewohner*innen sich aus Kompensationszahlungen für Plantagen und Felder, aber auch aus Gehältern beim Kohlebergbau leisten können. Die Kaufkraft der Menschen wächst und ebenso die Nachfrage nach Konsumgütern. Waren, die – anders als früher – nicht von den Dorfbewohner*innen selbst hergestellt werden können, wie zum Beispiel in Plastik verpackte Fertignahrung.

Obwohl sich die Kohlemine in der unmittelbaren Nachbarschaft befindet, wird der Strombedarf der Dorfbewohner*innen teils durch Solarenergie gedeckt, teils durch Stromgeneratoren, die mit Diesel und Benzin betrieben werden. Zudem steigt der Bedarf an fossilen Brennstoffen für Motorräder und Autos.

Bergbau und sozialer Wandel

Neue Transport- und Kommunikationsmöglichkeiten beschleunigen die Bewegung von Menschen und Gütern in die Dörfer entlang der Flüsse Laung und Maruwei. Fernsehen und Handy machen sie mit Produkten vertraut, die vorher nur in Städten erhältlich waren: teure Renn-Motorräder, die nur auf glatten Asphaltstraßen fahren können, nicht auf felsigen, hügeligen und oft nur geschotterten Dorfstraßen. Diese Situation spaltet die lokale Gesellschaft in Klassen: zwischen Frauen und Männern, zwischen Jungen und Alten und zwischen denen, die auf den Feldern und in den Plantagen arbeiten, und denen, die in Kohleminen arbeiten.

Die Arbeitsmöglichkeiten im Kohlebergbau für lokale Anwohner*innen, die über keinen Studienabschluss verfügen, beschränken sich oft auf körperliche Arbeit. Zunächst werden sie als Helfer*innen zum Tragen von Ausrüstung und Versorgungsmaterialien in den Wald, bei der Entnahme von Gesteinsproben oder beim Bedienen von schweren Maschinen eingesetzt. Die Produktionsweise im Bergbau und die Geschlechterverteilung in der Gesellschaft machen Beschäftigungsmöglichkeiten im Bergbau meist nur für Männer attraktiv. Es gibt nur wenige Möglichkeiten der Lohnarbeit für Frauen, außer in der Verwaltung, Buchhaltung, in der Wäscherei oder im Catering. Dazu müssen die Anwohner*innen von Maruwei auch noch mit den umliegenden Dörfern konkurrieren, was die Arbeitsmöglichkeiten weiter erschwert.

Altersbegrenzung und Vertragslaufzeiten der Jobs in den Kohlefirmen begrenzt. Wer älter als 45 Jahre ist, bekommt keine Arbeit mehr. Ein Großteil der lokalen Arbeitskräfte erhält zudem nur Kurzzeit-Verträge, die mit einer Probezeit von drei Monaten beginnen. Die Verträge werden dann auf sechs Monate verlängert und können auf ein oder zwei Jahre ausgedehnt werden. Ist der Auftrag des Unternehmens erledigt, folgen Massenentlassungen.

Land ohne Bauern und Bauern ohne Land

Dennoch sind diese Jobs unter jungen Menschen sehr beliebt. Der Lohn liegt über dem regionalen Mindestlohn der Provinz Zentral-Kalimantan. Zudem ist der Preis für Kautschuk, die ehemalige Haupteinnahmequelle, im letzten Jahrzehnt dramatisch gesunken, wodurch die Einnahmen aus Kautschukplantagen um 70% zurückgingen. Eltern setzen daher ihre Kinder unter Druck, fleißig in der Schule zu sein, damit sie ihren Abschluss machen und in einem Bergbauunternehmen arbeiten können. Einige der Jungen im Grundschulalter, die ich befragte, sagten sie möchten Fahrer beim Bergbauunternehmen werden, während die Mädchen wie ihre älteren Verwandten in der Wäscherei oder der Kantine arbeiten möchten.

Traditionell teilen sich Männer und Frauen die Arbeit auf den Feldern. Seitdem viele Männer im Kohlebergbau arbeiten, hat sich dies drastisch verändert © Siti Maimunah

Diese Situation hat große Auswirkungen auf die Arbeitsteilung in den Dörfern in der Umgebung, weil die Männer lieber im Bergbau arbeiten als auf den Plantagen oder Feldern. Traditionell teilen sich jedoch Männer und Frauen die Arbeit auf den Feldern: Die Männer bereiten das Feld vor, während die Frauen Proviant und Opfergaben für das Pflanzritual herrichten. Die Männer graben die Löcher vor, in welche dann die Frauen die Reispflanzen setzen. Die Frauen stutzen das Gras zwischen den Reisfeldern, während die Männer Früchte von den Plantagen unweit der Felder ernten. Die Männer jagen, die Frauen häuten und reinigen das gejagte Wild.

Doch seit ihre Männer im Bergbau arbeiten, entschieden sich viele Frauen dazu, nicht mehr die Felder zu bestellen oder Kautschuk abzubauen. Wollen sie die Felder bestellen, sind die Ausgaben für die Bestellung des Feldes höher als die daraus resultierenden Einnahmen, da sie nun Arbeiter*innen auf ihren Feldern bezahlen müssen.

Der Kohlebergbau verlangt nicht nur nach immer mehr männlichen Arbeitskräften, sondern auch nach immer mehr Land. Heute werden die Felder und Plantagen rund um den Nangok – ein Nebenfluss des Laung – bereits für 20 bis 35 Millionen Rupiah pro Hektar an Kohlebergbauunternehmen verkauft. Traditionell wurden Felder und Plantagen von Generation zu Generation weitergegeben. Demnächst müssen Dorfbewohner*innen, wenn sie noch Landwirtschaft betreiben und Kautschuk anbauen oder Obst ernten wollen, weiterziehen.

Dazu kommt das Verbot der Regierung, Brandrodung zu betreiben, aus Angst vor Waldbränden, die jedes Jahr in Zentral-Kalimantan ausbrechen. Einige Bewohner*innen hatten gar mit der Polizei zu tun und wurden verurteilt. Sie wurden vor der Wahl gestellt, drei Monate ins Gefängnis zu gehen oder eine Geldstrafe zu zahlen.

Verlust der eigenen Wurzeln

Die Bestellung der Felder ist mehr als nur eine Arbeitstätigkeit, sie hat auch eine spirituelle Ebene. Auf den Feldern werden in Tradition und Glauben der Dayak seit jeher die Beziehungen des Menschen zur Natur und ihren nicht-menschlichen Wesen gestärkt. Der landwirtschaftliche Prozess bestimmt auch den jährlichen Lebenszyklus, welcher mit der ‚Kommunikation mit der Erde’ beginnt, um herauszufinden ob das zu rodende Land fruchtbar genug ist. Die Menschen bitten Holz, Steine, Berge und andere Wesenheiten um Erlaubnis und behandeln Reissamen als Seelen, die verreisen, wenn die Felder bepflanzt werden, und zurückkommen, wenn die Felder geerntet werden. Wenn der Reis reif ist, danken die Menschen mit einem Ritual den Vögeln, die den Reis vor Krankheit beschützt haben. Die Felder sind auch ein Ort, wo verschiedene Reissorten gepflegt und aufbewahrt werden. Hier wird die Beziehung zwischen Menschen und Natur durch Symbole und Rituale gestärkt. Das Feld ist für die Dayak Murung ein Ort, wo sie ihre ursprüngliche Religion, Kaharingan, bewahren können.

Kaharingan und die Felder sind untrennbar mit dem Fluss verbunden, der die Identität der Dayak Murung prägt. Die Felder und Plantagen entstanden entlang des Flusses. In der Tradition des Kahaharingan ist der Fluss auch der erste Ort, an dem Neugeborene gereinigt werden. Bevor sie im Fluss gewaschen und den Wächter*innen des Flusses vorgestellt wurden, dürfen Neugeborene das Haus nicht verlassen. Auch für die Geister von Verstorbenen ist der Fluss wichtig: Für sie ist er der Weg ins Sangiang, ins Nirwana.

Die Firmen kommen und gehen. Zurück bleiben verlassene Zufahrtswege und trübes Flußwasser © Siti Maimunah

Doch die Flusslandschaft verändert sich drastisch. Vor etwa 20 Jahren fing das Flusswasser an, trüb zu werden und konnte nicht mehr als Trinkwasserquelle verwendet werden. „Wir wagen es nicht mehr das Flusswasser zu trinken. Beim Baden kommt es vor, dass der ganze Körper davon juckt“ sagt Ata. Seit Generationen hat sich ihre Familie auf den Fluss als Wasserquelle für alle Lebensbedürfnisse verlassen. Im Jahr 2004 organisierten die Frauen daher einen Protest und forderten die Kohle-Konzerne auf, sauberes Wasser bereitzustellen. Dafür blockierten Dutzende Frauen eine der Zufuhrstraßen und bauten dort Zelte auf, aber ohne Erfolg. Seit das Wasser des Laung nicht mehr trinkbar ist, müssen die Bewohner*innen Wasser aus einem anderen Flussarm schöpfen, was Zeit und Ressourcen in Anspruch nimmt. Ata muss jeden Monat 100.000 Rupiah (ca. 6 Euro) für den Transport von sauberem Wasser ausgeben. Das Wasser kommt von der Dirung-Hara-Quelle, die nur mit einem Boot erreichen werden kann.

Die Rituale, die mit der Natur in Verbindung stehen, sind nicht nur in Bedrängnis gekommen, weil immer mehr Felder in Kohlegruben verwandelt werden. Auch die Ankunft einer neuen Religion verändert alte Glaubensvorstellungen und Traditionen. Mit der Ankunft des Islam über Handelswege und des Christentums während der Kolonialzeit ließen Dorfbewohner*innen ihre alte Religion hinter sich und konvertierten zu einer der neuen Religionen. Diese betrachten die Rituale, die an die Kraft der Natur glauben, als rückständig. Die Rituale beim Einpflanzen des Reises wurden schließlich aufgegeben. Darüber hinaus betrachten Anhänger*innen der neuen Religion die ursprüngliche Religion als veraltet, da sie unpraktisch ist und hohe Ausgaben für die Hauptrituale erfordert.

Die oben dargestellte Beziehung der Bevölkerung zur Natur, dem Staat und den Unternehmen rund um den Laung- Fluss zeigt die Komplexität des Problems der lokal verursachten sozial-ökologischen Notlage sowie der sie verschärfenden Klimakrise. Soziale Veränderungen in den Dörfern und um die Flüsse werden durch staatliche Maßnahmen und Verschiebungen auf den globalen Rohstoffmärkten beeinflusst. Es ist wichtig, diese Komplexität zu durchdringen, um zu verstehen, wie historische und sozial-ökologische Aspekte mit dem Klimawandel zusammenhängen.

Am Ende müssen wir demütig anerkennen, dass es zunehmend unmöglich erscheint, den Klimawandel aufzuhalten und gleichzeitig die Rohstoffinvestitionen zu beschleunigen. Vor allem jetzt, wo die indonesische Regierung in einem „Omnibus-Gesetz“- (vgl. Artikel dazu den Artikel Profit geht vor Umweltschutz auf suedostasien.net) Investitionen erleichtern will, in der Hoffnung, dass dadurch neue Arbeitsplätze geschaffen werden. Damit wird die Komplexität der Probleme verschleiert und wir sind erneut gefangen im „business as usual“.

Übersetzung aus dem Indonesischen von: Mandana Uriep

Autor:in

  • Siti Maimunah ist Wissenschaftlerin und Umweltaktivistin. Sie ist Doktorandin am Lehrstuhl Vergleichende Entwicklungs- und Kulturforschung – Südostasien“ an der Universität Passau zum Thema Feministische Politische Ökologie im Rahmen des Netzwerkes WEGO-ITN (http://www.wegoitn.org/), gefördert von ‚European Union’s Horizon 2020 research and innovation program‘ (MSCA grant agreement number 764908).

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1 | 2020, Indonesien,
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‚Business as usual‘ im Kohle- Revier

Indonesien: Der Mahakam in Kalimantan ist der zweitgrößte Fluss des Archipels. Sein Wasser und sein Ökosystem sind existenziell für Mensch und Umwelt. Der zunehmende Druck auf den Mahakam durch Wasserentnahme und Rohstoffabbau birgt die Gefahr irreparabler Zerstörung.

Der Mahakam-Fluss in Kalimantan ist eine Lebensader der Zivilisation. Hinduistische Königreiche, das Sultanat Kutai und modern Zentren wie Samarinda, heute die Hauptstadt der Provinz Ost-Kalimantan, sind Zeugen der bewegten Geschichte des Flusses. Der Fluss, der ein gemeinsames Gut der Menschen ist, änderte sich in seiner Funktion immer wieder. Er diente nicht nur den Bedürfnissen der lokalen Bevölkerung, sondern seit langem auch dem Transport von Waren für den globalen Markt. Der globale Markt erzeugte immer wieder unterschiedliche Nachfrage nach Gütern, die in der Region ausgebeutet werden. Ähnliches ist auch im Karstland von Sangkulirang im Norden der Provinz zu beobachten. Ist es uns möglich, die negativen Auswirkungen des Ressourcenabbaus zu vermeiden?

Der Mahakam – Lebensraum geschützter Arten und Transportweg der Industrie

Stellen wir uns vor, wir hätten eine Zeitmaschine, um uns die Geschichte des Mahakams, des zweitlängsten Flusses Indonesiens, der durch die Provinzhauptstadt Samarinda, die Landkreise Kutai Kartanegara, West- Kutai und Ober-Mahakam strömt, zu erschließen. Heute sehen wir, wie 60 bis 80 Lastschiffe mit rund 8.000 Tonnen Kohle pro Schiff den Fluss passieren. Wenn wir 30 bis 50 Jahre in die Vergangenheit reisen, sehen wir lange Holzflöße sowie mit Holz beladene Lastschiffe, die das Holz des Regenwaldes flussabwärts transportieren.

Selbst wenn wir 90 bis 120 Jahre in die Vergangenheit bis in die Kolonialzeit reisen, ist geschäftiges Treiben auf dem Fluss zu beobachten: Zwischen 1896 und 1899 wurden erste Öl- und Kohlengruben erschlossen und 1939 wurden die ersten Holzunternehmen aktiv. Das Gebiet um den Mahakam ist bereits seit mehr als einem Jahrhundert für die Bedürfnisse der ausbeutenden Industrien privatisiert worden.

Der Raum des Mahakams ist Lebensraum für rund 300 Vogelarten, 70 davon sind geschützt, und fünf sind endemisch, das heißt, sie kommen nur dort vor. Der Fluss beherbergt außerdem fast 150 Arten von Süßwasserfischen, einige davon ebenfalls endemisch. Einige Arten wandern jedes Jahr von der Flussmündung in den Oberlauf. Der Mahakam ist einer der letzten Zufluchtsorte des vom Aussterben bedrohten Flussdelphins (Orcaella brevirostris). Vor zwei Jahren gab es nur noch etwa 80 Exemplare.

Der Fluss ist Zeuge des Aufstiegs und Falls des Hindu-Reiches Kutai (350 – 400) und des Sultanats Kutai Kartanegara (1300 – 1945). Er ist seit 1565 Handelsweg und Verbreitungsweg des Islam in Ostkalimantan. Die Beziehung der Menschen zum Fluss wird jedes Jahr mit dem Erau-Fest gefeiert, bei dem sich die Menschen für die Gaben der Natur bedanken. Es wird seit dem 12. Jahrhundert gefeiert und mit dem Belimbur-Ritual beendet, für das sich die Menschen im Fluss rituell reinigen. Samarinda, am Delta des Flusses, ist seit dem 18. Jahrhundert Handelshafen und wurde 1959 Provinzhauptstadt. Die Stadt hat immer wieder Menschen angezogen, die auf der Suche nach einem besseren Leben waren. 2019 zählte die Stadt 858.080 Einwohner, was 23,5 Prozent der Einwohnerzahl der gesamten Provinz entspricht.

Privatisierung am Mahakam-Fluss

Die Aufteilung und Privatisierung des Mahakam-Gebiets geschah durch die Vergabe von Lizenzen für die Förderung von Öl, Gas, Kohle und Holz seit der Kolonialzeit. Die Flussufer wurden zu Lagerplätzen für das Holz, bevor es aus Kalimantan exportiert wurde. Die Abholzung wurde zu einer Einnahmequelle für Diktator Suharto und seine Günstlinge, bis seine Mitte der 60er Jahre begonnene Herrschaft 1998 endete.

Seit 1968 haben 17 Holzunternehmen Hunderttausende Hektar Wald am Oberlauf des Mahakam kontrolliert. Zwischen 2009 und 2013 hat das Einzugsgebiet des Mahakam aufgrund von Holzschlag, Bergbau und Umwandlung von Wald in Plantagen weitere 128.000 Hektar Naturwald verloren. 2013 waren noch 4,1 Millionen Hektar Wald übrig.

Auch nachdem Teile der Holzindustrie aufgrund des immer weniger vorhandenen Waldes Bankrott gegangen sind, geht die Privatisierung des Raumes weiter, inzwischen vor allem für Bergbau. Seit den 2000er Jahren ist immer vor und nach den lokalen Wahlen eine starke Vergabe von Bergbaulizenzen zu beobachten, da die Vergabe zu einer wichtigen Einnahmequelle für Politiker geworden ist.

Bis 2016 wurden am Mahakam 737 Konzessionen für Bergbau ausgestellt. Die sozial-ökologische Infrastruktur wurde zu Gunsten einer extraktiven Infrastruktur für Kohleförderung zurückgedrängt. Überall am Ufer des Flusses befinden sich Kohleförderanlagen und -lager. Dort wird die Kohle zwischengelagert, bevor sie über den Fluss aus Ost-Kalimantan verschifft wird. Die Umwandlung des Flusses vom gemeinsamen Lebensraum in einen privatisierten Raum betrifft vor allem die Bewohner*innen der Armenviertel Samarindas wie Karang Asem und Karang Mumus, die einen Verlust an Grünflächen, Knappheit von sauberem Trinkwasser und jährlich wiederkehrende Überflutungen erleben.

Trinkwasser als Ware

In dieser Situation wird sauberes Wasser für den Staat zu einer wichtigen Ware. Örtliche Trinkwasserunternehmen erzielten 2018 Gewinne von sieben Milliarden indonesischer Rupiah, obwohl Verbraucher*innen über mangelnde Versorgung klagten: geringer Leitungsdruck, schmutziges Wasser und bis zu drei Tage lang tote Leitungen. Was sind die Ursachen dieser Situation am Mahakam, der schon seit 45 Jahren durch Wasserunternehmen kommerzialisiert wird? Neben den Gezeiten, die sich auch in Samarinda bemerkbar machen, sind die Sedimentablagerungen, verursacht durch die extraktive Industrie, das größte Problem. Nach einer Untersuchung der Umweltbehörde von Ost-Kalimantan über den Zustand des Mahakams, die von 2009 bis 2011 durchgeführt wurde, ist der Fluss stark verschmutzt. RASI, eine Naturschutzorganisation, fand 2017 und 2018 im Wasser des Mahakam Mengen von Kadmium und Blei, die die Grenzwerte überschritten. Diese Situation zwingt die Unternehmen dazu, vermehrt Materialien wie Chlor (Calciumhypoclorit), Aluminiumsulfat, Chlorid und Kaolin zur Wasseraufbereitung und Abtötung von Bakterien zu verwenden. Einige dieser Stoffe können bei lang anhaltender Einnahme krebserregend sein.

Die Gebiete Palaran, Nord-Samarinda und Sambutan, in denen 28 Prozent der Bewohner*innen Samarindas leben, sind nicht an das Trinkwassernetz angeschlossen und haben daher noch größere Probleme. Die Wasserquellen mussten dem Kohlebergbau weichen. Bis heute sind dort 394 Gruben zurückgeblieben. Den Bewohner*innen bleiben in Folge dessen nur drei Alternativen: sie können Wasser aus alten offenen Kohlegruben holen, selbst Brunnen bauen oder Trinkwasser in Fässern kaufen. Das Wasser in den zurückgelassenen Gruben ist verschmutzt und die anderen beiden Alternativen sind kostspielig.

Die Wasserversorgung wird oft in der Regenzeit unterbrochen, wenn Samarinda überflutet wird. Vermehrte Wasserführung sowie Flächenversiegelung haben in den letzten 15 Jahren zu häufigeren Überflutungen geführt. Zwischen November 2008 und Juli 2020 kamen Überschwemmungen in fast allen Bereiche der Stadt vor und betrafen mehr als 30.000 Menschen. Fünf- bis sechsmal pro Jahr kommen größere Überflutungen vor, die die Hauptverkehrsstraßen unter Wasser setzen, wirtschaftliche Aktivitäten, einschließlich öffentlichen Nahverkehrs und Verkäufe auf Marktplätzen einschränken, und somit die Versorgung der Menschen und den Arbeitsmarkt betreffen.

Aktivismus für den Fluss

Es gibt nicht nur schlechte Nachrichten aus Samarinda. Die Bewohner*innen arbeiten aktiv daran, ihre Situation zu verbessern. Junge Menschen, die sich in einem Netzwerk gegen den Bergbau engagieren, fordern schon seit langer Zeit, den Bergbau einzustellen, damit Samarinda die Wasserkrise überwinden und die Überschwemmungen in Zukunft vermeiden kann. 2016 hat eine Gruppe Aktivist*innen die Freund*innen des Flusses ins Leben gerufen und die Fluss-Schule von Karang Mumus gegründet, die Aufklärungsarbeit leistet und Gemeinschaftsarbeit zum Schutz des Flussufers in Karang Mumus organisiert. Die Gruppe sammelt Müll vom Ufer und vor drei Jahren hat sie es geschafft, über 9.000 Bäume an den Ufern des Flusses zu pflanzen.

Etwa 300 Kilometer nördlich von Samarinda liegt der Karst von Sangkulirang-Mangkalihat mit seinen unterirdischen, mysteriösen Gewässern. „Jede unterirdische Quelle hat ihre Eigenheiten, manche strömen stark, manche bringen Süßwasser hervor, andere, die näher am Meer liegen, sind brackig“ erzählt Nasih, eine Frau aus Biduk-Biduk am Küstenabschnitt von Sangkulirang-Mangkalihat. Diese Gegend gibt Rätsel auf, die auch vom Wasserversorgungsunternehmen des Landkreises Berau, das 2004 in Biduk-Biduk eine Wasserversorgungsanlage errichtete, nicht gelöst werden konnten. Sie entnahmen Wasser aus dem klaren Labuan-See, etwa zehn Liter pro Sekunde, um damit 103 Haushalte zu versorgen. 2008 wurde die Versorgung jedoch abgebrochen, da sich herausstellte, dass nicht genug Wasser vorhanden war. Die Bevölkerung beschloss, wieder Brunnenwasser zu verwenden, obwohl es brackig war, oder entnahm es direkt aus Quellen.

Die Bedeutung des Karstsystems

Im Karstsystem gelangt Wasser durch Risse im Gestein in den Untergrund und fließt als Grundwasser durch unterirdische Flussnetze und Höhlensysteme. Das unterirdische Flusssystem fließt nicht immer gleichmäßig in alle Richtungen, weshalb es schwierig ist, Vorhersagen über den Wasserfluss zu treffen. Der Prozess der Karstbildung reduziert auf natürliche Weise die Menge an CO2 in der Atmosphäre. Der Karst ist somit ein Kohlenstoffreservoir, welches das Gleichgewicht des Kohlenstoffkreislaufs aufrechterhält. Dieser Kohlenstoffkreislauf beeinflusst den Klimawandel.

Der Karst ist auch in wirtschaftlicher Hinsicht bedeutsam für die indigenen Dayak Basap-Frauen, die seit Jahrzehnten Rattan aus dem Wald über dem Karst für die Herstellung von Rattantaschen verarbeiten. Diese Karstlandschaft, auch bekannt als „weiße Felsenberge“, ist eine hügelige Landschaft mit 147 Höhlen und Nischen, die Zeugnisse der menschlichen Zivilisation beherbergt. Sie umfasst rund 1,8 Millionen Hektar und bildet die Lebensgrundlage von mehr als 100.000 Menschen in fast 100 Dörfern in 13 Landkreisen in den Distrikten Berau und Ost-Kutai.

Im Karstgebiet gibt es 35 Höhlen mit 5.000 Jahre alten Ritzungen an den Steinwänden. Die Höhlen sind auch die Heimat von Fledermäusen und Schwalben, zwei Tierarten, die wichtig sind, um Insektenplagen einzudämmen, Samen von Pflanzen verbreiten und bestäuben. Nach Angaben der Naturschutzorganisation Nature Conservancy (2004) gibt es rund 38 Fledermausarten, die in den Karsthöhlen von Sangkulirang-Mangkalihat leben.

Die Beziehung der Menschen zu ihrer Umwelt prägen lokales Wissen und Kultur. Das Karstgestein ist reich an Quellen, die in der Sprache der Bugis „Salo Marunge“ heißen, genau wie das Reisernteritual. Nach der Ernte wird die Nachbarschaft eingeladen, um gemeinsam zu beten und Dank auszudrücken. Dann gehen die Menschen zur so genannten „Quelle des Lebens“, vorbei an dem im Quellwasser aus dem Berg Sekarat stehenden Kalksteinfelsen. Dort baden und beten die Menschen und drücken ihren Dank für die Quellen aus, ohne die es keine Reisernte gäbe.

Traditionelles Wissen und gemeinschaftliche Lösungen

Ihr Wissen erhalten die Menschen dort nicht aus der Schule, sondern aus ihrer Beziehung zur Natur. Juni, ein Fischer, ist zum Beispiel in der Lage, unterirdische Wasserspeicher im Karst zu finden. Er kann abschätzen, wo sich Quellen befinden, indem er auf Geräusche aus der Erde achtet. „Ich sehe auch die Erde, Bäume und Büsche an, um Hinweise auf Quellen zu finden. Wenn ich eine Stelle ermittelt habe, klopfe ich auf den Boden. Wenn sich der Schlag laut anhört, deutet das auf eine Süßwasserquelle hin“, sagt Juni. Wenn man bei der Suche Fehler macht, könne man jedoch auch auf brackige Quellen stoßen oder auf solche, die kaum Wasser führen.

Obwohl der Karst viel Wasser führt, ist dieses oft schwer erreichbar, da es sich tief im Boden befindet und es Mühe kostet, es aufzuspüren. Die Notwendigkeit, die Wasserquellen gemeinsam zu nutzen, erfordert gemeinschaftliche Strategien, damit alle Zugang zu sauberen Wasser haben. So macht es eine Gruppe in Teluk Sulaiman, wo die Anwohnerin Nasih seit 2012 einen Brunnen zusammen mit 17 weiteren Haushalten in der Umgebung unterhält. Sie nutzen drei Wasserpumpen und haben Rohre verlegt, die bis in die Häuser reichen. Diese Art der Gruppenversorgung ist in der Gegend weit verbreitet. Dabei besteht eine Gruppe in der Regel aus fünf bis 20 Haushalten. Dieses gemeinschaftliche System ist sehr interessant; die Mitglieder teilen sich nicht nur die Kosten, sondern legen auch gemeinschaftlich fest, wann welche Haushalte Wasser erhalten.

Wachsender Druck durch Tourismus und extraktive Industrien

Allerdings ist absehbar, dass dieses gemeinschaftliche System der Wasserversorgung bald an Grenzen stoßen wird: Die Bevölkerung wächst und ebenso nimmt der Tourismus in der Region zu. 2012 gab es etwa 18 Unterkünfte für Touristen, 2016 waren es bereits 42, 2019 schon 60. Jedes Jahr kommen im Durchschnitt acht bis neun Unterkünfte dazu. Das Fremdenverkehrsbüro von Biduk-Biduk (2019) gab bekannt, dass im Jahr 2014 13.259 Menschen die Region besucht haben; ein Anstieg von 59 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Ein weiterer Anstieg wird erwartet, vor allem seit Biduk-Biduk 2015 als nationales und internationales Touristenziel ausgezeichnet wurde. Diese Situation wird wahrscheinlich dazu führen, dass große Hotels gebaut und die Wasserquellen dann nicht mehr gemeinschaftlich genutzt werden können.

Das Wachstum der extraktiven Industrien wie Bergbau, Ölpalmenplantagen und Holzindustrie sowie des Massentourismus rund um das Karstgebiet Sangkulirang Mangkalihat ist alarmierend. Zwischen 2000 und 2018 haben die Landkreise Ost-Kutai und Berau 110 Lizenzen für Ölpalmenplantagen, 40 Lizenzen für Holzunternehmen, 26 Bergbaulizenzen, 16 Lizenzen für Zementunternehmen und eine für den Bau einer Zementfabrik ausgestellt.

In der Gegend ist auch die Errichtung der Sonderwirtschaftszone Maloy Batuta Trans Kalimantan (KEK MBTK) mit 557,34 Hektar Land für die nachgelagerte Rohstoffindustrie geplant. Die geplante Sonderwirtschaftszone basiert auf Regierungsverordnung Nr. 85 von 2014, die auch als Grundlage für den Abbau von Ressourcen wie Erdgas, Öl, Kohle und Holz in Kalimantan dienen soll. Der Wasserverbrauch der Sonderwirtschaftszone beläuft sich auf 420 Liter pro Sekunde, wobei ein Großteil in den Kreisen Kaliorang und Sangkulirang in Ost-Kutai, die den Oberlauf des Biduk-Biduk Karstsystems bilden, entnommen wird.

Eine gerechte Zukunft?

Um sich eine gerechtere Zukunft vorstellen zu können, muss kritisch nachgedacht werden über die urbanen Räume von Samarinda und die ländlichen Gebiete von Sangkulirang, die vielfältige Formen von Privatisierungen in verschiedenen Phasen erlebt haben. Die Neuordnungen des Raumes in Samarinda seit der Kolonialzeit haben Menschen gezwungen, wie Flüchtlinge an marginalen Orten zu leben, an denen sich die Umweltbedingungen zunehmend verschlechtern.

Die Bevölkerung musste sich an das anpassen, was die Herrschenden anordneten, damit Ressourcen für den globalen Markt abgebaut werden konnten. Dieser Modus wird jetzt auch auf die Karstregion übertragen, um so den Aufbau der Sonderwirtschaftszone voranzutreiben. Diese Art von Entwicklung ist ihrem Charakter nach räuberisch und zielt darauf ab, gemeinsame Güter zu privatisieren, weshalb sie korrigiert werden muss. Die komplexen Probleme, die sich jetzt zeigen, sollten dazu genutzt werden, um Grundlagen von Wiederaneignungsstrategien zu entwerfen. Dies sollte auf den Werten, die in Paragraph 5 des Gesetzes 7/2004 festgeschrieben sind, beruhen; nämlich, dass jeder Mensch das Recht auf ausreichend Wasser für einen gesundes, sauberes und produktives Leben hat – und das ist kein Ding der Unmöglichkeit.

Die Erfahrungen der Gruppen, die in Biduk-Biduk die Quellen gemeinschaftlich bewirtschaften und der Schule des Karang Munus-Flusses, können Inspirationen sein, um sich Gemeingüter wieder anzueignen. Dies erfordert auch eine Änderung der Sichtweise der Stadtbewohner*innen, sich ihre Zukunft vorzustellen – einschließlich einer Übergangszeit, in der darüber nachgedacht werden muss, wie das Leben gemeinsam mit dem Fluss und dem Karst gestaltet werden kann.

Übersetzung aus dem Indonesischen von: Timo Duile

Zum Weiterlesen:

Autor:in

  • Siti Maimunah ist Wissenschaftlerin und Umweltaktivistin. Sie ist Doktorandin am Lehrstuhl Vergleichende Entwicklungs- und Kulturforschung – Südostasien“ an der Universität Passau zum Thema Feministische Politische Ökologie im Rahmen des Netzwerkes WEGO-ITN (http://www.wegoitn.org/), gefördert von ‚European Union’s Horizon 2020 research and innovation program‘ (MSCA grant agreement number 764908).

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1 | 2020, Indonesien,
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‚Business as usual‘ im Kohle- Revier

Indonesien: Von der Ernte der Durian-Früchte lebten in Kalimantan einst mehrere Generationen. Doch die Hegemonie des Extraktivismus, der den Hunger des globalen Marktes stillen soll, verdrängt das nachhaltige Wirtschaften der lokalen Bevölkerung.

Die Kulturen Südostasiens beeinflusst sie seit Jahrtausenden, doch in der westlichen Welt kennt man sie erst seit rund 600 Jahren: Die Durian-Frucht. Die in Südostasien und Südasien mit spezieller Verehrung bedachte ‚Königsfrucht’ wurde in der Kolonialzeit zum Objekt der Phantasien westlicher Forscher*innen und Abenteurer*innen. Ihre Aufzeichnungen zeigen, wie der ‚ferne Osten’ seinerzeit als gefährliches, wildes und primitives Gebiet wahrgenommen wurde, welches bezwungen, gezähmt und modernisiert werden musste. Der außergewöhnliche Reichtum seiner Natur machte den ‚fernen Osten’ zur kolonialen Frontlinie in einem Kampf, dessen Ziel die Unterwerfung von Natur und Kultur darstellte.

Zwar endete die Kolonialherrschaft Mitte des 20. Jahrhunderts. Doch der Traum von der Modernität verschwand nicht aus den ehemaligen Kolonien. Die neuen Nationalstaaten setzten die westliche Betrachtungsweise und Praxis fort, in der Fortschritt in Form von Wirtschaftswachstum gemessen wurde. Der peruanische Soziologe Anibal Quijano bezeichnete die Tatsache, dass auch nach dem Verschwinden der Bürokratie der Besatzer eine koloniale Logik das Regierungshandeln prägt, als „Kolonialität der Macht“.

Entsprechend René Descartes Leitspruch „Cogito, ergo sum“, stellt sich der Mensch als denkendes und sprechendes Wesen ins Zentrum der Schöpfung und verneint alle anderen Wesen, die nicht denken und nicht sprechen. Dieser Artikel versucht, die Kolonialität der Macht in Indonesien am Beispiel der Durian aufzuzeigen und damit einen Ansatz der Dekolonisierung anzubieten, der zu einem sozialen und ökologischen Handeln führen kann, das auf Gerechtigkeit basiert.

Durian als Objekt westlicher Phantasie(n)

Dem Soziologen Andrea Montanari zufolge kamen Europäer*innen in Malakka zuerst mit der Durian in Kontakt, worauf sie schnell zum Objekt wissenschaftlicher Studien wurde. Der italienische Händler Niccolo de Conti, der im 15. Jahrhundert von Venedig ins Königreich Champa (im Süden des heutigen Vietnam) reiste, beschrieb den Geschmack der Durian als „wie Käse“, was der Frucht zunächst viel Sympathie einbrachte. Doch im 17. Jahrhundert verschwand die Durian nach und nach von den Tafeln der Kolonialherren. Sie galt den Nasen der herrschenden Klasse als nicht wohlriechend genug und wurde gleich gesetzt mit etwas Ekel erregendem, Unzivilisiertem – so wie die Ureinwohner*innen, die aus ihrer Sicht rückständig und undiszipliniert waren und der Modernisierung bedurften.

Durian-Geschichten sind eng verwoben mit westlichem Abenteurer- und Forschertum. Der US-amerikanische Historiker Henry Adam kam Anfang des 20. Jahrhunderts bei seiner Reise in den ‚fernen Osten’ in Westjava in den Genuss seiner ersten Durian. Sein Fazit: Der Geschmack sei überbewertet und erinnere an vergammelten Käse. Aussagen wie diese sind weniger Ausdruck individuellen Geschmacks, als vielmehr geformt von sozialen Beziehungen. Sie stehen stellvertretend für das Überlegenheitsgefühl der kolonialen europäischen Herrscher gegenüber denen, die sie unterdrückten.

Artenvielfalt der Durian

Zwar machte Henry Adam auf Java Bekanntschaft mit der Durian, das Zentrum ihrer Vielfalt befindet sich jedoch auf Kalimantan. Von den existierenden rund 30 Durian-Arten ist fast die Hälfte in Kalimantan endemisch. Davon wachsen einige Sorten noch wild in den Wäldern und wurden noch nicht vom Menschen kultiviert.

Die Kolonialzeit trug dazu bei, dass Menschen auch sprachlich entsprechend der herrschenden Machtverhältnisse unterschieden wurden. ‚Dayak’ beispielsweise ist eine koloniale Ausdrucksweise, mit der die lokale Bevölkerung, die in Kalimantans Binnenland an den Flussläufen lebte, von den Menschen an der Küste, die überwiegend malaiischer Herkunft waren, unterschieden wurde. Während letztere als gebildeter und fortgeschrittener galten, wurden erstere als Hinterwäldler betrachtet.

Die meisten schriftlichen Überlieferungen zur Durian stammen aus dem Westen. Die Beschreibungen der Form und die biologischen Einordnung spiegeln einerseits das Interesse der europäischen Forscher an der Natur der Kolonialgebiete. Sie spiegeln aber auch das Ziel, sich diese Natur und ihre Bewohner*innen Untertan zu machen.

Von der Ökonomie der Durian zur Ökonomie des Extraktivismus

In den Dörfern am Fluss Kayan in Nordkalimantan spielt die Durian-Ernte eine große Rolle. Sowohl die wild wachsenden Sorten wie auch die vom Menschen kultivierten liefern Früchte, die sich in bares Geld umtauschen lassen. Damit ‚begleitet’ die Durian die Menschen von der Grundschule bis zum Studium. Die Durian gedeiht bei hoher Luftfeuchtigkeit gut im Tiefland und lehmigen, leicht sauren Böden. Ausgewachsene Durian-Bäume können 30 bis 50 Meter hoch werden und ihre Stämme Durchmesser von bis zu 2,5 Metern erreichen.

Die Durian-Gärten – ‚lembo’ heißen sie in der Sprache der lokalen Dayak Tunjung-Benuaq – sind Zeugen des Lebens von Generationen von Menschen. Sie bezeugen auch, wie ein koloniales und kapitalistisches Wirtschaftssystem die Natur zerstört und die Menschen aussaugt. Mit dem Forstgesetz von 1865 und dem Agrargesetz von 1870 etablierte die niederländische Kolonialmacht die Domein verklaring (freie Staatsdomäne). Fortan galt: Land, dessen Besitz nicht nachweisbar war, war Staatsland. So wurde beinahe das gesamte Gebiet des heutigen Indonesien zu holländischem Staatsgebiet.

Nordsumatras Wälder wurden auf dieser juristischen Grundlage seit 1867 gefällt, ihre Gebiete parzelliert und zu Tabak-, Tee-, Zuckerrohr- und Sisal-Plantagen in ausländischem Besitz gemacht. In Kalimantan begann die Kolonialregierung 1886 mit dem Bergbau. In Palarang (Kutai Kartanegara) wurde Steinkohle gefördert. In Tarakan wurde nach Erdgas und in Balikpapan nach Erdöl gebohrt.

Neuer Staat, alte Muster

Die Kolonialregierung wurde durch die Regierung der Republik Indonesien ersetzt, doch die Besetzung und Ausbeutung des Landes der lokalen Bevölkerung wurde fortgesetzt. Nach der Machtergreifung von Suharto erließ seine Regierung der Neuen Ordnung ab 1967 Gesetze zu Fortwirtschaft, Bergbau und Investitionen, die Unternehmen aus dem In- und Ausland die massive Ausbeutung von Land und Meer gestatten.

Die Wälder Kalimantans wurden nach und nach von Geschäftsleuten kontrolliert, die enge Verbindungen zur Suharto-Familie hatten. Laut Zahlen des Ministeriums für Umwelt und Forstwirtschaft umfassten im Jahr 2018 die Konzessionsflächen für Unternehmen in der Provinz Ostkalimantan 5,6 Millionen Hektar (44,09 Prozent der Gesamtfläche). Das bedeutet, dass Durian- Gärten und -Wälder zerstört und abgeholzt werden, um Platz für Palmölplantagen oder Bergbau zu machen. Die Holzsorten Meranti und Bangkirai stehen bei Holzhändlern hoch im Kurs. Werden sie gefällt, fallen die Durian-Bäume mit.

Ökologische Krise, Soziale Krise, Klimakrise

Die Regierung der Neuen Ordnung war ein extraktivistisches Regime, dessen Wirtschaft auf der Ausbeutung von natürlichen Rohstoffen für den Export basiert. Erdöl/Erdgas-Förderung, Holzhandel, Bergbau und das Anlegen riesiger Palmölplantagen führten zur Abholzung von Regenwäldern in einem unglaublichen Ausmaß. In den 1990er Jahren stammte die Hälfte der Rundhölzer, die Indonesien exportierte, aus Kalimantan.

Mit der Entwaldung verschwand auch die wild wachsende Durian. Der Palmöl-Boom sorgt für weitere rasante Abholzung. Ostkalimantans Forstbehörde zufolge haben die Lokalregierungen von Kutai Barat und Mahakam Ulu vor drei Jahren Konzessionen für 755.834 Hektar Waldfläche zur Umwandlung in Palmölplantagen erteilt, obwohl zu jener Zeit die Zentralregierung bereits ein Moratorium für Torfmoorwälder erlassen hatte. Mit Durian beladene Boote, die hintereinander in Reihen auf Kalimantans Flüssen fahren, waren einst ein gewohnter Anblick. Heute sieht man sie kaum noch.

Konzessionen in Kutai Barat und Mahakam Ulu:

Ein nachhaltiges Wirtschaften mit Hilfe der Durian wurde ersetzt durch ein Wirtschaften zugunsten des globalen Handels und der Bedürfnisse der Industrieländer. Das ekstraktivistische Regime wird fortgesetzt. Diese Wirtschaftsweise führt in Kalimantan zu einer ökologischen und sozialen Krise und weltweit zur Klimakrise. Ihre Zeichen sind unübersehbar: jährlich wiederkehrende Überschwemmungen in Ostkalimantans Hauptstadt, in Südkalimantan die größten Überschwemmungen seit 50 Jahren sowie weitere Menschen gemachte Katastrophen in ganz Indonesien.

Dies ist der erste Teil des Artikels „Durian und die Kolonialität der Macht“. Im zweiten Teil erfahrt ihr mehr darüber, wie die vermeintlich ‚grüne Energie’ Kalimantans ökologische Krise verschärft. Die Autorinnen berichten außerdem, wie lokale Gemeinden seit langer Zeit nachhaltig mit Hilfe der Durian und im Einklang mit der Natur wirtschaften.

Übersetzung aus dem Indonesischen von: Anett Keller

Autor:in

  • Siti Maimunah ist Wissenschaftlerin und Umweltaktivistin. Sie ist Doktorandin am Lehrstuhl Vergleichende Entwicklungs- und Kulturforschung – Südostasien“ an der Universität Passau zum Thema Feministische Politische Ökologie im Rahmen des Netzwerkes WEGO-ITN (http://www.wegoitn.org/), gefördert von ‚European Union’s Horizon 2020 research and innovation program‘ (MSCA grant agreement number 764908).

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1 | 2020, Indonesien,
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‚Business as usual‘ im Kohle- Revier

Indonesien: Kalimantan ist geprägt von einem neokolonialen extraktivistischen Modell; mit fatalen Folgen für die Natur. Der Blick auf das gemeinschaftliche Wirtschaften der lokalen Bevölkerung mit der Durian zeigt, dass es auch anders geht.

Im ersten Teil dieses Artikels berichten die Autorinnen von der kolonialen Ausbeutung Indonesiens, insbesondere Kalimantans und von ihren Kontinuitäten bis in die Gegenwart.

Nicht nur der Extraktivismus bedroht die Durian. In Nordkalimantan heißt die Bedrohung ‚grüne Energie’. Dort sind, am Kayan und weiteren Flüssen, fünf Staudämme für Wasserkraftwerke mit einer Gesamtkapazität von 9000 Megawatt geplant. Rund 70 Prozent des Stroms sollen in das Industriegebiet und den internationalen Hafen Tanah Kuning-Mangkupadi (Kawasan Industri dan Pelabuhan Internasional, KIPI) fließen. Der Rest wird zum Teil nach Malaysia exportiert, zum Teil fließt er in andere Gebiete Kalimantans.

Der Kayan-Fluss ist mit seinen 576 Kilometern Länge die wichtigste Transportader ins Binnenland. Der Fluss bietet traditionelle Fischgründe für die lokalen Dayak. An seinen Ufern liegen Obstgärten und Felder. Von den Feldern bekommen die Menschen Kohlenhydrate, Mineralien und Vitamine; die Fische sind ihre Proteinquelle. Am Oberlauf wird mit Netzen oder Angeln gefischt, am Unterlauf haben die Anwohner*innen Farmen für Garnelen, Krabben und Fische mit einer Gesamtfläche von 149.000 Hektar angelegt. Der geplante Staudamm, der als größter in Südostasien gilt, wird zwei Dörfer mit ihren Feldern und Gärten verschlucken. Außerdem wird damit gerechnet, dass sich Strömung und Sedimentbewegung verändern. Schon seit 2012, als das zuvor zu Ostkalimantan gehörende Nordkalimantan eine eigenständige Provinz wurde, hat die Dezimierung der Durian stark zugenommen. Seitdem hat sich die Zahl der Konzessionen für Steinkohleförderung versechsfacht, dazu kommen noch Konzessionen für Palmölplantagen und entsprechende Waldrodung.

Wenn die ‚Lösung’ Teil des Problems ist

Die ‚grüne Energie’ aus dem Wasserkraftwerk am Kayan-Fluss soll unter anderem zum Betrieb einer Fabrik in der Industriezone Tanah Kuning-Mangkupadi benutzt werden, in der Aluminiumlegierungen hergestellt werden. Sie sind, wie Nickel und Zink, wichtig für die Batterien der Elektroautos, die als Fahrzeuge der Zukunft beworben werden und deren Produktion den Industrieländern als Strategie gegen den Klimawandel gilt. Dabei ist das Ersetzen von fossiler Energie durch diese Art der ‚grünen Energie’ lediglich ein ‚Recycling’ der Ökonomie des Extraktivismus.

Die Produktion der ‚sauberen’ E-Auto-Batterien benötigt Rohstoffe und den Einsatz ‚schmutziger’ Energie. Würden die Details der Produktion genau so betont, wie die Nutzung der Batterien, wäre schnell klar, dass hier ein Etikettenschwindel stattfindet. Schauen wir uns das mal genauer an: Nickel wird gefördert, indem unter anderem auf dem Land der lokalen Bevölkerung in Süd- und Zentral-Sulawesi Bergbau betrieben wird. Dadurch werden Menschen von ihrem traditionellen Land vertrieben. Zugleich wird dieses Land durch den Abraum der Minen verseucht und unfruchtbar gemacht.

Die Nickel-Fabriken werden mit Steinkohle befeuert, die ebenfalls in Kalimantan gefördert wird. Die Luftverschmutzung dadurch ist so heftig, dass viele Menschen in Kalimantan unter schweren Atemwegserkrankungen leiden. Dörfer müssen umgesiedelt werden, weil die schmutzigen Industrien ihre natürliche Umgebung zerstören. So werden Menschen zu Flüchtlingen, nicht nur aufgrund der Folgen des Klimawandels, sondern auch aufgrund der Produktion vermeintlicher ‚Lösungen’.

Dekolonisierende Perspektive auf die Beziehung von Mensch und Erde

Der dekolonisierende Blick bietet uns Möglichkeiten, um den zerstörerischen Kurs der Kolonialität zu verlassen. Dafür ist es nötig die Geschichte von Macht und Gewalt, die mit der Herrschaft der Europäer in unserer Region begann, und die Spuren, die sie im Verhältnis des Menschen zur Erde hinterließ, zu untersuchen. Eine Möglichkeit bietet ein Blickwinkel, der den Menschen nicht mehr im Zentrum allen Geschehens (human centre) betrachtet, sondern als ein Wesen inmitten von vielen Wesen (multispecies), die sich alle gegenseitig beeinflussen.

So betrachtet die lokale Bevölkerung in Kalimantan ihre Verbindung zu den Durian- Gärten oder ‑Wäldern, die ihre sozialen Beziehungen und die Ökonomie der Gemeinschaft beeinflussen. Durian repräsentieren, mit den Worten von Nancy Peluso, den ‚Stammbaum’ von Familien. In Westkalimantan kann man am Umgang mit Durian-Bäumen Familienchroniken und Lebensgeschichten lesen.

Durian werden zusammen mit anderen Obstbäumen in der Nähe von Siedlungen, Feldern, Gemüse‑Gärten oder an Waldrändern entlang der Flüsse angepflanzt. Sie erzählen von der Verbindung verschiedener Pflanzenarten ebenso wie von der Verbindung des Menschen zur Erde.

Reiche Durian-Ernte verheißt gute Saison

Die Durian-Reife ist Vorbotin der Erntezeit für weiteres Obst und Reis von den Feldern; aber auch der Zeit der Jagd auf Wild. Durian können von Januar bis März geerntet werden. Gleichzeitig reifen weitere Waldfrüchte, wie die Rambutan (Nephelium lappaceum), Pulasan (Nephelium ramboutan-ake), Chempedak (Artocarpus integer), Longan (Dimocarpus longan), Lansi-Beeren (Lansium domesticum) Baccaurea-Früchte (Baccaurea macrocarpa, Baccaurea motleyana), Mangos (Mangifera pajang) sowie Mangopflaumen (Bouea macrophylla). Das Aroma der Waldfrüchte zieht Tiere wie Fruchtfledermäuse, Marderbären sowie verschiedene Käfer- und Vogelarten an. Für die Dayak beginnt damit die Jagdzeit. Während sie auf das Reifen weiterer Früchte warten, machen sich Dayak- Männer und auch einige Frauen in Gruppen auf die Jagd nach Wildschweinen und weiteren Waldtieren.

In Ostkalimantan liegen die Hauptgebiete für die Obsternte in Kutai Barat und Mahakam Ulu. Dort gab es seit Generationen weitervererbte lembo-lembo (Durian-Gärten), lange bevor es die Republik Indonesien gab. Für die lokale Bevölkerung, die Dayak Modang prophezeit die Durian nach Art eines Bauernkalenders die kommende Saison. Durian-Bäume sind sehr empfindlich. Verlieren sie ihre Blüten, lässt sich daran ablesen, dass die Ernte insgesamt dürftig ausfällt. Wenn die Blüten zu kräftigen Früchten reifen, gibt es eine gute Saison.

Durian-Bäume können ab einem Alter von acht bis neun Jahren beerntet werden. Die erste Ernte liefert ‚nur’ rund 200 bis 250 Früchte pro Baum. Nach etwa 15 Jahren hat sich diese Zahl jedoch verdoppelt. Es gibt gelbe Durian, die ‚Lay’ genannt werden, rote namens ‚Kerantungan’ und auch die bekannteren weißen bzw. beigefarbenen Sorten. Das Fruchtfleisch der verschiedenen Sorten sieht ähnlich aus; doch es gibt feine Unterschiede in Konsistenz, Geruch und Geschmack. Die Durian bietet Pluralismus.

Gemeinschaftliche Arbeit und nachhaltiges Wirtschaften

Diese artenübergreifenden Zusammenhänge schaffen eine Verbindung zwischen gemeinschaftlich organisierter Arbeit und nachhaltigem Wirtschaften. Ein Großteil der gemeinsamen Arbeit der Dayak findet während der Durian-Zeit statt. Dann ziehen die Menschen von Lembo zu Lembo, von Pola zu Pola oder von Lidaq zu Lidaq, so heißen die Durian-Gärten in der Sprache der Dayak Kenyah, Tunjung und Benuaq. Sie ‚bewachen die Durian’ im Rahmen der gleichnamigen Tradition, die unter verschiedenen Bezeichnungen an vielen Orten in Kalimantan gepflegt wird.

Beginnt die Durian zu blühen, zimmern sich die Menschen einfache offene Hütten (pondok) in den Durian-Gärten und wohnen dort zum Teil durchgehend, bis die Durian reifen. In Nordkalimantan bei den Dayak Kenyah in Long Alango gibt es die Tradition des Ngena laboq dian, was so viel bedeutet wie ‚Warten bis die Durian fällt’. Immer zur Durian-Zeit ziehen Menschen in ihre pondok und bleiben dort, bis die letzte Durian vom Baum gefallen ist. In Long Alango leben Menschen seit sieben Generationen mit und von den Durian-Bäumen, deren Stämme so dick sind, dass zwei Erwachsene sie mit ihren Armen kaum umfassen können.

Eine artenübergreifende Verbindung wie diese offeriert ein gesundes und freudvolles Leben. Das zeigt sich auch beim Genuss der Durian- Früchte, die viel besser schmecken, wenn sie gemeinsam gegessen werden. Reife Früchte werden üblicherweise mit der Familie und den Nachbar*innen geteilt. Menschen aus den Nachbarhäusern oder -dörfern dürfen sich reife Durian nehmen und müssen dafür nicht mehr tun, als Bescheid zu sagen.

Durian können direkt verzehrt werden, sie werden aber auch weiter verarbeitet zu lempok (Süßigkeit mit Klebereis) oder tempoyak (fermentierte Durian). Auch die Weiterverarbeitung geschieht gemeinschaftlich. Für die tempoyak wird das Fruchtfleisch der Durian mit Zucker und Salz vermischt, um den Fermentationsprozess in Gang zu setzen. Nach circa einer Woche sind sie fertig zum Verzehr.

Wenn wir uns aus einer dekolonisierenden Perspektive heraus mit der Durian beschäftigen, werden wir daran erinnert, dass wir noch immer in einer kolonialisierten Welt leben, deren extraktivistisches Wirtschaftsmodell keinen Raum lässt für gemeinschaftsbasierte Ökonomie und die vielfältigen Verbindungen zwischen Menschen, Tieren und Pflanzen. Wir können lernen, dass es Alternativen zum anthropozentrischen und individualistischen Denken gibt und, dass diese Alternativen auf einem gerechteren Austausch zwischen den Geschöpfen basieren. Wir müssen die Kolonialität der Macht kontinuierlich untersuchen, herausfordern und umgestalten – so emsig und zahlreich wie die Mikroben, die im Fermentationsprozess der Durian Fruktose und Glukose umbauen und daraus etwas Gesundes und Nahrhaftes machen.

Übersetzung aus dem Indonesischen von: Anett Keller

Autor:in

  • Siti Maimunah ist Wissenschaftlerin und Umweltaktivistin. Sie ist Doktorandin am Lehrstuhl Vergleichende Entwicklungs- und Kulturforschung – Südostasien“ an der Universität Passau zum Thema Feministische Politische Ökologie im Rahmen des Netzwerkes WEGO-ITN (http://www.wegoitn.org/), gefördert von ‚European Union’s Horizon 2020 research and innovation program‘ (MSCA grant agreement number 764908).

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