1 | 2026, Malaysia,
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„Was ist der Preis des Fortschritts?“

Malaysia, Indigene, Moderne

Der Bakun- See in Sarawak, Malaysia © Bethany Balan, alle Rechte vorbehalten

Malaysia: Jahre nach der Zwangsumsiedlung kehrt Bethany Luhong Balan an den Bakun-Staudamm zurück – wo ihre alte Heimat versunken liegt.

Das Schild sagt, dass Sungai Asap noch 90 Kilometer entfernt ist. Ich richte mich im Rücksitz des alten Hilux-Pickups meines Vaters auf – oder versuche es zumindest. Die holprige Straße wirft mich hin und her und ich stoße immer wieder mit meiner Schwester zusammen. Ich hole mein Handy heraus und sehe auf die Uhr. Ich rechne im Kopf. Wenn mein Onkel weiter so schnell fährt, sind wir in etwas mehr als einer Stunde da.

Meine Eltern, meine Schwester und ich besuchen die Lodge meines Vaters, die er am Bakun-Staudamm-Reservoir gebaut hat. Er möchte uns den Fortschritt zeigen. Ich bin aufgeregt und ein bisschen nervös. Mein Vater fährt regelmäßig zurück, aber ich war schon lange nicht mehr im kampung (Dorf). Das Leben, die Arbeit und die schiere Entfernung machen es einfacher, in Kuching zu bleiben. Doch die Reise ist heute viel kürzer als in meiner Kindheit. Wir müssen nicht mehr fast zwanzig Stunden auf ungeteerten Straßen fahren oder Fähren und Schnellboote nehmen.

Jetzt ist es nur noch:

  • ein fünfzigminütiger Flug von Kuching nach Bintulu,
  • eine dreistündige Fahrt vom Flughafen Bintulu zu unserem Langhaus, Uma Belor (um Vorräte und eventuell mitreisende Verwandte aufzunehmen),
  • dann eine fünfundvierzigminütige Fahrt zum Bakun-Damm-Anleger,
  • und schließlich eine zwanzigminütige Bootsfahrt zur Bayoh Lodge.

Einfach, kacang (Spitzname: kleiner Erdnuss).

Die Lodge auf dem Reservoir

Wir schaffen es in einem Stück an unser Ziel, beladen mit Wildschweinfleisch, Kaffee, Alkohol und zwei zusätzlichen Passagieren: meiner Großmutter und meinem Großonkel. Die Lodge steht am Rand des Reservoirs, direkt am Ufer: auf Pfählen über dem Wasser, Wasser auf drei Seiten, Bäume auf einer. Wir packen aus, richten uns ein und bereiten Essen zu. Ich sehe mir die Unterkünfte an: drei Zimmer, jedes mit eigener Küche und Bad. Die Holzbretter sind noch unbehandelt, aber es gibt Vorhänge an den Fenstern. Rustikal-chic. Work in Progress.

Ich gehe auf die schmale Veranda vorne, die über das Wasser hinausragt, und sehe, dass sich meine Familie bereits dort versammelt hat. Es gibt provisorische Bänke an den Wänden – Bretter, die auf Holzstümpfen balancieren und jeden übermütigen Erzähler bedrohen, der zu wild gestikuliert. Der perfekte Ort, um zu essen, zu trinken und zu plaudern. Zwischen dem Essen, Trinken und Plaudern besuchen wir zwei Wasserfälle, von denen mein Vater sagt, dass er oft in seiner Jugend dort war. Der Wasserspiegel ist jetzt offensichtlich höher, aber „der Felsen ist noch da“, sagt er und zeigt auf den riesigen Felsbrocken, der den Wasserfall einst verdeckte.

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Das Langhaus 2022 © Daniella Lupi Balan, alle Rechte vorbehalten

Früher brauchten mein Vater und seine Onkel zwei bis drei Tage, um von unserem alten Langhaus zu diesem Wasserfall zu wandern. Von unserer Lodge aus sind es weniger als zehn Minuten mit dem Speedboot, das über die Wasseroberfläche fliegt, so wie Vögel vor fünfundzwanzig Jahren über den Himmel flogen. Das bringt mich immer durcheinander. Dass wir dort stehen – oder vielmehr schwimmen – wo einst das Blätterdach der Bäume war.

Zwischen Sprechen und Schweigen

Das Wasser hier ist frisch und kühl, kühler als das Wasser im Staudamm-Reservoir, weil es direkt aus einem Bergbach kommt. Ich vergesse zu fragen, wie der Berg oder der Bach heißt. Die Kayan haben für jeden Bach und jeden Nebenfluss einen Namen, und sie erinnern sich an alle. Ich vergesse zu fragen. Ich vergesse, dass mein Vater keine Informationen von sich aus preisgibt, es sei denn, man fragt ihn explizit. Ich weiß nicht, wie viel ich nicht weiß, also weiß ich nicht, wo ich anfangen soll. Es ist so frustrierend, den Stammbaum meiner Familie mit ungeschickten, schmutzigen Fingern nachzuzeichnen. Die Geschichte meines Volkes liegt direkt vor mir, aber ich kann nicht darauf zugreifen; es gibt Sprachbarrieren und Hunderte von Metern Wasser zwischen uns. Und manchmal vergesse ich einfach zu fragen.

Nach den Wasserfällen kehren wir zur Lodge zurück. Mein Vater und mein Onkel fangen ein paar Fische, und es ist wieder Zeit zu essen. Mein Vater hat die Lodge nach den Bäumen benannt, die dort in Hülle und Fülle wachsen: Bayoh. Laut meiner Großmutter sind Bayoh-Blätter heilkräftig. Wenn man die Blätter kocht und sie um den Bauch wickelt, heilt das Bauchschmerzen.

Wie passend, denke ich, während ich meinen Kaffee schlürfe und mich auf der Veranda ausstrecke, den Blick auf die üppige Landschaft um mich herum gerichtet. Wie passend, dass unsere Lodge nach etwas benannt ist, das den Schmerz lindert.

Abschied vom alten Langhaus

1998 verlegte die Regierung unser Langhaus – zusammen mit vielen anderen – nach Sungai Asap, weil sie das Land für den Bakun-Damm wollten. Ich war damals sieben Jahre alt, und meine Erinnerung an das Ereignis ist bestenfalls verschwommen. Man sagt, die Umsiedlung sei freiwillig gewesen, aber wir alle wissen, was „freiwillig“ in diesem Land bedeutet. Der Bakun-Damm ist 205 Meter hoch und hat eine Oberfläche von 695 Quadratkilometern. Zum Vergleich: Singapur ist 728 Quadratkilometer groß. Ja, das ganze Singapur.

Letztes Jahr entdeckte ich ein zwei Stunden langes, zwanzig Jahre altes Video von meinem alten Langhaus. Es war, als würde ich einen Geist betrachten, einen Ort aus einem Traum, den ich vor langer Zeit hatte. Es wurde auf der Facebook-Seite meiner Cousine gepostet und, wie sich herausstellte, von meinem Vater gefilmt. Ich war schockiert, aber gleichzeitig gar nicht überrascht. Er gibt nie Informationen preis, es sei denn, man fragt ihn explizit, und ich weiß nicht, ob das kulturell oder generationenbedingt ist. Vielleicht ist es, wie so oft, eine Mischung aus beidem. Mein Vater dokumentierte die Tage vor unserem Exodus. Er ging die Holzveranda unseres alten Langhauses auf und ab, filmte die alten Türen, die alten Wände, das alte Land, den alten Fluss, die alten Bäume, denn es wäre das letzte Mal, dass wir sie je sehen würden.

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Ein Blatt des Bayoh- Baumes © Bethany Balan, alle Rechte vorbehalten

In einer Szene führte ein pui ake’ (Großvater) ein Ritual durch. Er verabschiedete sich vom Land. Das Video war pixelig und der Ton gedämpft, aber ich hörte ihn sagen: „Wir verlassen diesen Ort…“ und jemand von außerhalb des Bildes rief dazwischen: „Wir gehen nicht weg, wir fliehen! Wir fliehen!“

Es muss einer meiner Onkel gewesen sein, aber ich erkannte seine Stimme nicht, verzerrt von Schmerz, Wut und Niederlage. Derselbe Schmerz, dieselbe Wut und dieselbe Niederlage, die mich verfolgen, seit ich alt genug bin, um zu verstehen, wie die Dinge in Malaysia funktionieren.

Zurück nach Bakun

Jahrzehnte später kehrten mein Vater und viele meiner Verwandten nach Bakun zurück und bauten schwimmende Häuser, Homestays und Lodges. Ich glaube, wir hatten es satt, wegzulaufen.

Die Oberfläche des Bakun-Damms ist eine tote Zone. Was für eine Metapher. Kein Telefonempfang, und definitiv kein Internet. Der einzige Strom, den wir haben, ist bestenfalls unregelmäßig – mein Onkel bastelt ein paar Solarpaneele und Autobatterien zu einer provisorischen Ladestation für unsere Elektronik zusammen. Die Kayan sind nichts, wenn nicht erfindungsreich. „Wir kommen zurecht“ könnte unser Gemeinschaftsmotto sein.

Der Tag vergeht langsam in Bakun. Für ein Stadtmädchen gibt es hier nicht viel zu tun. Mein Vater ermutigt mich, im Dammwasser zu schwimmen, weil „der Schwefel gut für dich ist“, sagt er. Das ist zwar schön, aber ich entspanne mich nie ganz in dem trüben Wasser, fasziniert und gleichzeitig abgestoßen von seiner Unheimlichkeit. Ich kann nicht anders, als an all die Dinge zu denken, die hier untergegangen sind: verkalkte Bäume, Tierknochen und verlassene Langhäuser, Hunderte von Metern unter meinem schwimmenden Körper. Manchmal steigen Blasen an zufälligen Stellen auf und durchbrechen die eierschalenblaue Oberfläche des Wassers. Vielleicht sind es die Geister von Hirschen, Ameisen und Schleichkatzen von vor zwanzig Jahren, die „hallo“ sagen.

Gezähmt und entwurzelt

Während ich treibe, grüble ich. Was ist der Preis der Assimilation? Was ist der Preis des Fortschritts? War es das wert? Einerseits hat unser neues Langhaus Strom, fließend Wasser, eine richtige Asphaltstraße, die dorthin führt. Luxus! Andererseits ist es bis auf die Weihnachtszeit praktisch leer. So viele von uns sind in größere Städte gezogen – für Bildung, Arbeit, Überleben. Es gibt hier nichts mehr für uns. Früher konnten wir vom Land leben. Jetzt haben wir Land, um Pfeffer anzubauen und dergleichen, aber es ist nicht profitabel genug, um uns alle zu ernähren. Nicht genug Wild, um zu jagen, nicht genug Fische im Fluss, der so schlammig und unruhig ist, dass wir nicht einmal mehr darin schwimmen. Nach einem Wochenende in der Bayoh Lodge wirkt das „neue“ Langhaus so… kultiviert. Man muss eine Weile fahren oder laufen, um den Dschungel zu erreichen; er begrüßt einen nicht mehr, wenn man die Tür öffnet. Wir wurden verkleinert. Wir wurden gezähmt.

Das Langhaus – drinnen und draußen © Daniella Lupi Balan

Doch der Fortschritt schreitet voran, oder? Oder vielleicht auch nicht. Müßige Hände und müßige Köpfe sind eine schlechte Kombination für junge Leute, die nach Unfug suchen. Drogenmissbrauch bleibt ein großes Problem in ländlichen Gebieten. Und der Damm scheint nicht viel zu bewirken; Sarawak ist immer noch eines der am wenigsten entwickelten Bundesländer des Landes. Das größte Wasserkraftwerk Malaysias ist nur fünfundvierzig Minuten von meinem Langhaus entfernt, aber ich fühle mich nicht im Geringsten gestärkt.

Assimilation ist Opfer. Assimilation ist kostspielig. Man bezahlt seinen Bachelor-Abschluss mit 200 Metern Wasser, die das Langhaus des Vaters überfluten. Man bezahlt seine fließenden Bahasa-Kenntnisse mit verbrannten Brücken, und jetzt braucht man einen Dolmetscher, um mit der Großmutter zu sprechen. Aber wie nennt man ein Opfer, das unfreiwillig gebracht wurde? Ist das nicht Mord? Wie nennt man es, wenn man mehr nimmt (und nimmt und nimmt und nimmt), als vereinbart war? Ist das nicht Diebstahl?

Widerstand durch Existenz – und durch Erinnerung

Wusstest du, dass einige Langhaus-Stelzen aus belian-Holz gemacht wurden? Hart wie Stein, stabil wie Stahl. Ich weiß nicht, ob das bei meinem alten Langhaus der Fall war. Ich war so jung, als wir nach Sungai Asap umzogen, und manchmal vergesse ich zu fragen. Aber ich kann mir das Bild nicht aus dem Kopf schlagen: das Haus meines Vaters unter Wasser, dunkel, tot und leer auf seinen Eisenholzbeinen.

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Die Lodge © Daniella Lupi Balan 2022

War es das wert, unsere angestammte Heimat zu ertränken? War es das wert, uns zu entwurzeln und uns das zu verweigern, was uns versprochen wurde? War es das wert, dass eine ganze Generation von Kayan-Jugendlichen Archäologen spielen muss, um unser Erbe am Leben zu erhalten? Die Antwort hängt wohl davon ab, wen man fragt. Aber die Kayan sind nichts, wenn nicht widerstandsfähig. „Wir sind noch hier“ sollte unser Gemeinschaftsmotto sein. Trotz Entwurzelung, Kolonialisierung, Bekehrung und „Bangsa Malaysia“-isierung – wir sind noch hier.

Eine Frage, an die ich mich erinnerte, meinen Vater zu stellen, war, ob er Angst habe, dass die Regierung ihn bestrafen würde, weil er auf dem Damm gebaut hat. Was, wenn sie das Land, auf dem seine Lodge steht, zurückfordern würden, genau wie sie es mit unserem alten Langhaus taten? Er schnaubte und sagte, ohne Schmerz oder Niederlage in der Stimme, aber vielleicht mit einem Hauch von Wut: „Die können es ja versuchen!“

Die können es versuchen.

Aber wir werden noch hier sein.

Existenz ist Widerstand, und wir sind noch hier.

© Bethany Luhong Balan, alle Rechte vorbehalten

Übersetzung aus dem Englischen: Simon Kaack

Autor:in

  • Bethany Luhong Balan ist Multimedia-Designerin, Dichterin und autodidaktische bildende Künstlerin aus Kuching, Sarawak. Sie begann 2016, mit den Wordsmiths of Kuching Spoken-Word-Poesie aufzuführen. Zu ihren Projekten gehören Installationen für die DALAM-Kunstausstellung, die Mitarbeit an einem internationalen Poesieprojekt mit dem Titel „the border is not a line / it is a lie / we swallowed“, unterstützt von Innovation for Change, sowie die Teilnahme am George Town Literary Festival 2022 als Dichterin und Ausstellungskünstlerin.

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