Plastikmüll am Straßenrand in Bandung, Indonesien. © Fanny Syariful Alam
Indonesien: Bandung ruft zum zweiten Mal innerhalb von drei Jahren den Notstand aus. Der Grund: wachsende Müll- und Plastikberge in der Stadt.
„Jedes Mal, wenn ich durch diese Straße fahre und im Stau stehe, rieche ich den stinkenden Müll auf dem Gehweg in der Nähe des Kordon-Marktes“, berichtet Santi, eine Einwohnerin von Bandung. Besonders bei Regen sei der Geruch kaum auszuhalten. Der Kordon-Markt, ein traditioneller Markt in Bandung, verkauft tägliche Bedarfsartikel wie Obst, Gemüse, Reis und Mehl.
Rund um den Markt lagern Händler:innen und Anwohner:innen ihren Müll zwischen, weil die Abholung nur zu bestimmten Zeiten erfolgt. Allerdings: Die städtische Müllentsorgung ist überlastet. So berichtet ein Anwohner aus dem Osten Bandungs, dass sein Hausmüll inzwischen nur noch alle vier Tage statt wie früher alle zwei Tage abgeholt wird. Das hat Folgen.
Der Müllnotstand kehrt zurück
Am 14. Januar 2026 erklärte die Stadtverwaltung den Müllnotstand. Laut Bürgermeister Muhammad Farhan produziert Bandung inzwischen mehr als 1.500 Tonnen Müll pro Tag. Mit den anfallenden Haus- und Industrieabfälle ist die örtliche Mülldeponie überlastet, Lösungen für das Müllproblem bislang nicht in Sicht.
Plastikabfälle von Handyhüllen wurden unsachgemäß entsorgt und sind auf dem Bürgersteig zu finden. Ort: Jalan Purnawarman, Bandung. © Fanny Syariful Alam
Bereits im Jahr 2023 hatte die Stadt Bandung erstmals offiziell den Müllnotstand ausgerufen. Ursache war ein Brand auf der Deponie Sarimukti, die normalerweise etwa 2.000 Tonnen Haus- und Industrieabfälle aufnehmen kann. Nach dem Feuer, das mehrere Tage wütete, stand jedoch nur noch rund die Hälfte der Kapazität zur Verfügung. Nachdem Feuerwehrkräfte den Brand unter Kontrolle gebracht hatten, hob die Stadtverwaltung den Notstand im Oktober 2023 wieder auf. Die Deponie kehrte jedoch nicht zu ihrer alten Kapazität zurück.
Bevölkerungswachstum als Ursache
Doch zu der überlasteten städtischen Müllentsorgung kommen weitere Ursachen, die das Müllproblem verschärfen. Dazu zählen steigende Müllmengen durch die Industrialisierung und das Bevölkerungswachstum. Bürgermeister Muhammad Farhan sieht darin einen wesentlichen Grund für die heutige Situation, denn: Je mehr Menschen in einer Stadt leben, desto größer werden Konsum, Ressourcenverbrauch und Abfallaufkommen
Die historische Stadtentwicklung Bandungs hilft dabei, die Ursachen der heutigen Krise zu verstehen. Bandung wurde im Jahr 1448 gegründet und entwickelte sich später unter niederländischer Kolonialherrschaft zu einem bedeutenden urbanen Zentrum. In den 1930er-Jahren entwarf der Stadtplaner Thomas Karsten einen Entwicklungsplan, der eine erhebliche Erweiterung des Stadtgebiets vorsah und Platz für etwa 750.000 Einwohner:innen schaffen sollte.
Heute leben jedoch rund 2,6 Millionen Menschen in Bandung. Gleichzeitig verfolgt die Stadt das Ziel, sich zu einer modernen Metropole weiterzuentwickeln. Dieses Wachstum wirft die Frage auf, ob die vorhandene Infrastruktur, insbesondere im Bereich der Abfallentsorgung, überhaupt mit der Bevölkerungsentwicklung Schritt halten kann.
Alexander Victor, Jugendpastor der Maulana Yusuf Christian Indonesian Church in Bandung betont, dass die Stadt mit diesem Problem nicht alleinsteht. Viele große Städte Indonesiens kämpfen mit ähnlichen Herausforderungen. Die fortschreitende Urbanisierung zieht immer mehr Menschen in die Städte, wodurch das tägliche Müllaufkommen kontinuierlich steigt und die Deponien zunehmend an ihre Grenzen geraten.
So funktioniert die Müllentsorgung
In den Wohngebieten Bandungs organisieren lokale Nachbarschaftsorganisationen zunächst die Müllsammlung. Das ist keine Besonderheit der Region, sondern im gesamten Land ein üblich- Die Haushalte zahlen monatliche Gebühren, damit ihr Müll eingesammelt und zu temporären Sammelstellen im Wohngebiet gebracht wird. Von dort übernehmen kommunale Dienste den Weitertransport zur Deponie Sarimukti. Da Bandung nahezu vollständig von der Deponie abhängig ist, führen Kapazitätsprobleme unmittelbar dazu, dass der Müll in Wohngebieten liegen bleibt und sich dort ansammelt.
Besonders problematisch ist der hohe Anteil von Plastikmüll. Nach Angaben der Umweltbehörde von Bandung bestehen etwa 16,7 Prozent des täglichen Hausmülls aus Kunststoffabfällen. Ein Großteil davon stammt aus Einwegverpackungen wie Portionsbeuteln oder Sachets, Getränkeflaschen und Verpackungen für Einkäufe des täglichen Bedarfs.
Hausmüll, der darauf wartet, nach Plan abgeholt zu werden. Ort: Jalan Purnawarman, Bandung. © Fanny Syariful Alam
Zusätzlich erschwert das Verhalten vieler Haushalte die Situation. Sie trennen die Abfälle häufig nicht, was die Weiterverarbeitung in Sammelstellen und Deponien deutlich komplizierter macht. Bürgermeister Farhan sieht deshalb auch eine Mitverantwortung bei der Bevölkerung.
Gibt es Lösungen?
Um der Entwicklung entgegenzuwirken, startete die Stadt Bandung bereits 2018 das Programm „KANG PISMAN“. Der Name steht für „Kurangi, Pisahkan, dan Manfaatkan“, also „Reduzieren, Trennen und Nutzen“. Ziel ist es, die Bevölkerung dazu zu motivieren, weniger Müll zu erzeugen, Abfälle zu trennen und wiederverwertbare Materialien weiter zu nutzen.
Jugendpastor Victor betrachtet das Programm als einen vielversprechenden Ansatz für städtische Haushalte. Ergänzt wird es durch weitere Maßnahmen wie Maden-/Wurmfarmen zur Verarbeitung organischer Abfälle sowie Schulungen von Mitarbeitenden, die Haushalte bei der Mülltrennung unterstützen.
Nina Fitriana, Abgeordnete im Stadtparlament Bandungs, sieht bislang keine ausreichenden Erfolge und äußert sich kritisch. Die Programme seien sinnvoll, könnten aber die begrenzte Kapazität der Deponien nicht ausgleichen. Die Müllmengen wachsen weiterhin schneller als die Möglichkeiten ihrer Entsorgung. Die Situation sei inzwischen so ernst, dass nicht nur die Stadtverwaltung sie offiziell als Müll- und Plastiknotstand anerkannt habe, sondern auch die nationale Regierung Unterstützung zugesagt habe.
Die Bedeutung der Bürger:innenbeteiligung
Sowohl Victor als auch Fitriana betonen die entscheidende Rolle der Bürger:innebeteiligung. Trotz Kritik und wissend um strukturelle Ursachen sind beide überzeugt, dass langfristige Verbesserungen nur möglich sind, wenn die Menschen ihren Müll trennen und verantwortungsvoller mit Ressourcen umgehen.
Victor nutzt seine Arbeit in der Kirche, um das Bewusstsein für Umwelt- und Abfallthemen zu stärken. Durch Predigten und kirchliche Projekte versucht er, nachhaltiges Verhalten im Alltag zu fördern.
Berge von Haus- und Marktmüll am Kordon Traditional Morning Market trotz eines Schildes, das deutlich darauf hinweist, dass das Abladen von Müll verboten ist. © Nadya Adriani (SEKODI Bandung)
Fitriana setzt sich auf politischer Ebene für bessere Rahmenbedingungen ein. Gleichzeitig fordert sie mehr öffentliche Aufklärung und Maßnahmen, um die Eigenverantwortung der Bürger:innen zu stärken. Dazu gehören auch bessere Sammelsysteme und ausreichend Möglichkeiten zur Mülltrennung in Wohngebieten.
Handlungsbedarf in Bandung
Weder technische Lösungen noch politische Maßnahmen allein werden ausreichend sein, um den Müllbergen die Stirn zu bieten. Notwendig sind Investitionen in die Infrastruktur, wirksamere Programme zur Müllvermeidung und vor allem eine aktive Beteiligung der Bevölkerung. Nur wenn Regierung, lokale Gemeinschaften und einzelne Bürger:innen gemeinsam handeln, kann Bandung die Herausforderungen durch Haus- und Plastikmüll langfristig bewältigen.
Übersetzung aus dem Englischen von: Lilli Breiniger und Anica Peters

