Schwimmende Dörfer sind noch ein alltägliches Bild auf dem Tonle Sap. © YEP Academy
Schwimmende Dörfer sind noch ein alltägliches Bild auf dem Tonle Sap. © YEP Academy
Kambodscha: In „Troubling the Water“ schildert die Journalistin Abby Seiff, wie sich der vom Mekong gespeiste Tonle Sap drastisch verändert – und das Leben der Menschen an seinen Ufern.
Der Tonle Sap in Kambodscha ist das größte Süßwasserreservoir in Südostasien und eines der fischreichsten Binnengewässer weltweit. Der See ist ein einzigartiges Ökosystem, das durch seinen Rhythmus und sein Fischreichtum das Leben und die Geschichte Kambodschas seit Jahrhunderten beeinflusst.
Er speist sich aus dem Mekong und dient dem Fluss als natürliches Rückstaubecken. Zwei Mal im Jahr wechselt er seine Fließrichtung. Während der Regenzeit vergrößert sich seine Fläche um rund das Dreifache und spült kostbare Nährstoffe auf die Felder. Daher spielt der Tonle Sap eine wichtige Rolle in Kambodschas Alltag und Geschichte. Schon im Ursprungsmythos der Khmer wird auf den See angespielt. Die Tempelanlagen Angkors sind in der Nähe erbaut worden und deren einzigartiges Bewässerungssystem, das bis zu drei Reisernten im Jahr ermöglichte, wurde aus dem Tonle Sap gespeist.
Buchcover © Potomac Books, University of Nebraska Press, USA
Die amerikanische Journalistin Abby Seiff beschreibt in ihrem Buch Troubling the Water: A Dying Lake and a Vanishing World in Cambodia das System Tonle Sap und erklärt, was den See bedroht. Die Autorin hat viele Jahre als Redakteurin bei den Zeitungen Cambodia Daily und Phnom Penh Post gearbeitet und bereits 2016 über die Trockenheit am Tonle Sap berichtet. Danach ist sie immer wieder an die Ufer des Sees zurückgekehrt, um mit den Menschen über die Folgen zu sprechen.
Die Ergebnisse dieser Gespräche und weitere umfassende Recherchen hat sie in ihrem Buch zusammengefasst. Die Fotos stammen vom Fotografen Nick Axelrod, der sie auf ihren Recherchen meist begleitet hat. Seiff erklärt leicht verständlich, wie sich die drei von Menschen hervorgerufenen Faktoren Klimawandel, illegale Fischerei und Staudämme für Wasserkraftwerke auf das Ökosystem Tonle Sap und das Leben der Menschen am und auf dem See auswirken.
Der Fisch aus dem Tonle ist eine wichtige Nahrungsquelle für die kambodschanische Bevölkerung und deckt etwa 80 Prozent des Proteinbedarfs der Bevölkerung. Doch der Fischbestand sinkt seit rund zehn Jahren dramatisch. Obwohl die Regierung Schutzzonen eingerichtet hat, bleibt die illegale Fischerei ein Problem. Zum einen werden diese Schutzzonen nur unzureichend eingehalten, zum anderen sind die Behörden, die die Einhaltung kontrollieren sollten, bestechlich.
Durch die illegale Fischerei reduziert sich der Bestand drastisch und verhindert das Nachwachsen, weil in den Schutzzonen auch Jungfische in die Netze gehen. Seiff hat mit vielen Fischern vor Ort gesprochen, die von den früheren besseren Zeiten erzählen, während sie heute kaum noch von ihren Fängen leben können.
Auch die Staudämme der Wasserkraftwerke am Lauf des Mekong – vor allem in China, wo der Fluss Lancang genannt wird – und seiner Nebenarme beeinflussen das Ökosystem Tonle Sap stark. Sie verhindern nicht nur die Fischwanderung, sondern ändern auch die Wassermengen, da sie am Oberlauf in China große Mengen Wasser zurückhalten und so den natürlichen Wasserkreislauf unterbrechen.
Der Tonle Sap bei Phnom Penh. © Robin Eberhardt
Zu guter Letzt hat auch der Klimawandel negative Auswirkungen auf den Tonle Sap. Die Dürreperioden in der Region haben sich verlängert und die Regenmengen nehmen zusehends ab. Wegen des fehlenden Niederschlags sind die Wasserstände des Mekong und damit auch des Tonle Sap stetig gesunken. Zu ersten Mal erleben die Menschen während der Trockenzeit auch Waldbrände.
Die Autorin beschreibt sehr eindrücklich, wie sich das Leben der Menschen am Tonle Sap verändert – gestützt auf viele Interviews, die sie zum Teil mit denselben Personen in zeitlichen Abständen geführt hat. Weil der Fischfang als Lebensgrundlage wegfällt, verschulden sich viele Menschen oder ziehen weg. Vor allem die junge Generation sieht vor Ort keine Zukunft und sucht sich Jobs in der Tourismusindustrie oder im aufstrebenden Baugewerbe in Phnom Penh.
Besonders lesenswert ist das Buch, weil die Autorin nicht nur die aktuelle Situation aufzeigt, sondern auch historische Berichte von Entdeckungsreisenden und alte Mythen miteinbezieht und dadurch die Bedeutung des Tonle Sap auch in früheren Zeiten unterstreicht.
Rezension zu: Abby Seiff. Troubling the Water. A Dying Lake and a Vanishing World in Cambodia. Potomac Books. 168 Seiten. 2022
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