1 | 2019, Kambodscha,
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Kambodschanische Arbeitsmigrant*innen und Netzwerkbildung in Thailand

Arbeitsmigrant*innen nähen ein Fischernetz zusammen © Central

Kambodschanische Arbeitsmigrant*innen nähen ein Fischernetz zusammen © Central

Kambodscha: Immer mehr Kambodschaner*innen verlassen das Land auf der Suche nach Arbeit. Doch viele werden Opfer von Menschenhandel und Ausbeutung. Die Bildung von Netzwerken von Arbeitsmigrant*innen im Empfängerland kann eine wirkungsvolle Methode sein, um die Arbeiter*innen zu schützen und zu stärken.

 

Kambodscha wird zunehmend zu einem der wichtigsten Entsendeländer von Arbeiter*innen in Südostasien. Derzeit befinden sich allein in Thailand circa zwei Millionen Kambodschaner*innen, die legal und illegal in unterschiedlichen Industrien arbeiten wie etwa in der Landwirtschaft, im Fischereiwesen, im Automobilbau oder in der Nahrungsmittelverarbeitung. Doch nicht nur in Thailand, sondern auch in Malaysia, Süd-Korea und Japan gibt es eine beträchtliche Anzahl an kambodschanischen Arbeitsmirgant*innen. In den vergangenen Monaten haben auch schon die Regierungen von Katar, dem Libanon, Jordanien, Saudi-Arabien und Hongkong ihr Interesse bekundet, (mehr) kambodschanische Arbeitsmigrant*innen aufzunehmen. Erschreckend ist jedoch, dass jene Arbeiter*innen aus Kambodscha aus sehr ärmlichen Lebensverhältnissen stammen, meist hoch verschuldet und stark gefährdet sind, Opfer von Menschenhandel und Ausbeutung zu werden.

Extreme Armut und hohe Verschuldung

Kambodschas Bevölkerung gehört zu einer der jüngsten in Südostasien, was unter anderem zurückzuführen ist auf den hohen Bevölkerungsverlust während des Khmer Rouge-Regimes und des nachfolgenden Bürgerkriegs. So treten jährlich schätzungsweise 250.000 Kambodschaner*innen in den Arbeitsmarkt neu ein. Doch es existieren schlichtweg nicht genügend Arbeitsplätze, die diese Nachfrage decken können. In den ländlichen Provinzen Kambodschas, wo Einkommen und Bildungsniveau wesentlich niedriger ausfallen als in der Hauptstadt, gibt es kaum Möglichkeiten, Arbeit zu finden. Gewöhnlich gehen junge Leute aus den ländlichen Provinzen in größere Städte, wie etwa Phnom Penh, um Arbeit zu suchen. Dies tun sie, um nicht nur für sich selbst, sondern auch für die in der Heimatprovinz gebliebenen Familien zu sorgen, wovon viele hoch verschuldet sind. Doch auch in den größeren Städten Kambodschas ist Arbeit rar und viele sind gezwungen im Ausland nach Arbeit zu suchen.

Verschuldung ist einer der treibenden Faktoren für Arbeitsmigration in Kambodscha. Im April 2018 betrug die Haushaltverschuldung im Land 2.9 Milliarden US-Dollar (David Hutt, 2018, To be down, out and in debt in Cambodia, Asia Times)

In den ländlichen Provinzen sind es insbesondere die hohen Kreditzinsen von Mikrofinanzinstitutionen und Kredithaien, die diese Schulden verursachen. In manchen Fällen führt dies zu einer effektiven Schuldknechtschaft, was zum Beispiel in Backsteinfabriken sehr gut beobachtet werden kann. Hier werden Kinder gezwungen, zu arbeiten, um die Schulden der Eltern abzubezahlen und gelten letztlich als Eigentum der Fabrikbesitzer*innen. Viele Arbeiter*innen suchen dann nach Jobs im Ausland, wo sie höhere Löhne erhalten, wie etwa in Thailand, um ihre Familien und sich selbst aus jener Schuldenfalle zu befreien. Doch durch das Zusammenspiel von extremer Armut und hoher Verschuldung sind kambodschanische Arbeitsmigrant*innen stark gefährdet, Opfer von Menschenhandel und Ausbeutung zu werden.

Diese kambodschanischen Arbeitsmigrant*innen arbeiten auf Fischerbooten © Central

Kambodschanische Arbeitsmigrant*innen verlassen Kambodscha, um auf Fischerbooten zu arbeiten © Central

Formen und Dimensionen von Menschenhandel und Ausbeutung

Menschenhandel und Ausbeutung sind bei Arbeitsmigrant*innen aus Kambodscha sehr häufig vorzufinden und können ganz unterschiedliche Formen und Dimensionen annehmen. In vielen Fällen kann Menschenhandel sehr explizit sein, indem Arbeiter*innen – meist Frauen – mit höheren Löhnen ins Ausland gelockt werden, wo sie schließlich als Sexarbeiter*innen und/oder Sklav*innen enden. Solche Fälle sind insbesondere im Kontext der Arbeitsmigration von kambodschanischen Frauen nach China zu beobachten, die als Bräute für unverheiratete Männer herhalten müssen. Aber auch kambodschanische Frauen, die als Haushälterinnen im Ausland arbeiten, werden häufig Opfer von sexueller und/oder anderweitiger physischer und psychischer Gewalt, die meist von ihren Arbeitgebern ausgeübt wird.

Dies dokumentiert auch die Geschichte von Eng Pov, die auch durch die kambodschanischen Medien ging (Yon Sineat and Daphne Chen (2018): A tale of two kingdoms: The Cambodian maid abused and treated as a slave for 13 years in Saudi Arabia, Phnom Penh Post).

Eng Pov migrierte als junge kambodschanische Frau nach Saudi-Arabien, um dort als Haushälterin zu arbeiten. Doch nachdem sie dort ankam, kam alles anders, als sie es sich vorgestellt hatte. Über 13 Jahre wurde sie quasi als Sklavin der Familie gehalten. Sie wurde gezwungen, über 20 Stunden am Tag zu arbeiten. Der Kontakt zu ihrer Familie wurde verboten, der Ausweis wurde ihr abgenommen. Der Lohn, der ihr ursprünglich versprochen wurde, wurde nicht gezahlt und sie war täglich den Schlägen der Familie ausgesetzt.

Die Geschichte von Eng Pov ist kein Einzelfall. Auch das nächste Beispiel eines jungen kambodschanischen Mädchens reiht sich hier nahtlos ein. Die inzwischen junge Frau wird seit 2010 vom Center for Alliance of Labor and Human Rights – kurz Central – unterstützt, einer kambodschanischen Organisation, die unter anderem auch Hilfe bei der Rettung und Rückführung verschleppter und ausgebeuteter Arbeitsmigrant*innen sowie auch bei der Rehabilitation und Wiedereingliederung der Arbeiter*innen anbietet. Damals war das Mädchen 15 Jahre alt, als es nach Malaysia ging, um dort als Haushälterin zu arbeiten. Sie war drei Monate dort als die Vermittlungsagentur ihre Familie kontaktierte. Das Mädchen könne nicht mehr seine Pflichten erfüllen und es bräuchte 500 US-Dollar, um sie wieder nach Kambodscha zurückzuholen, so die Agentur. Doch als das Mädchen wieder Zuhause war, hatte sie sich vollständig verändert. Sie litt unter psychischen Problemen, konnte kaum mehr reden, lehnte es ab, Kleidung zu tragen und verhielt sich jedes Mal auffällig, wenn sie Männern begegnete. Bis heute weiß keiner, was ihr in Malaysia widerfahren ist.

Kambodschanische Arbeitsmigrant*innen kommen zusammen © Central

Kambodschanische Arbeitsmigrant*innen kommen zusammen © Central

Unsichere Rekrutierungsprozesse

Der Handel mit und die Ausbeutung von Menschen beginnt jedoch oftmals schon mit dem Rekrutierungsprozess selbst. Viele Vermittler*innen sorgen für keine ordnungsgemäße Überführung der Arbeitsmigrant*innen, indem sie die Arbeiter*innen ins Ausland mittels Touristenvisa und ohne Arbeitsgenehmigung schicken. Die Arbeitsmigrant*innen, die meist keine andere Sprache als Khmer sprechen können sowie auch teilweise Analphabeten sind, sind sich der gesetzlichen Vorgaben und ihres illegalen Status im Ausland oft nicht bewusst. Dies macht sie für Ausbeutung sehr anfällig, da den Arbeitgebern in jenen Ländern der illegale Status der Arbeiter*innen meist sehr wohl bewusst ist und sie diesen ausnutzen. So können sie den Arbeiter*innen (wesentlich) weniger zahlen als den Mindestlohn und auch gegen andere gesetzliche Bestimmungen verstoßen wie etwa der Einhaltung der gesetzten Arbeitsstunden und Pausen – stets in dem Wissen, dass die Arbeiter*innen sich nicht beschweren können. Auch hier gibt es konkrete Beispiele: Im April 2018 führte die Organisation Central eine ganze Familie, genauer gesagt vier Arbeiter*innen, darunter ein Kind, aus Malaysia zurück. Die Familie war mittels eines lokalen „Brokers“ nach Malaysia gelangt, der jedoch keine gültigen Arbeitsvisa, sondern nur Touristenvisa für sie bereitgestellt hatte. Folglich war die Familie gezwungen, regelmäßig von einem Ort zum anderen zu ziehen, um dort inoffiziellen und schlecht bezahlten Arbeiten nachzugehen. Zudem waren sie der stetigen Angst ausgesetzt, aufgrund ihres illegalen Status im Land durch die malaysischen Behörden verhaftet zu werden.

Bereits bei der Bezahlung des Rekrutierungsprozesses selbst werden Arbeiter*innen häufig schon ausgebeutet. Gegenwärtig beobachtet Central gemeinsam mit einer thailändischen Gewerkschaft die Rekrutierungsprozesse von Arbeiter*innen in kambodschanischen Provinzen an der Grenze zu Thailand. Jenem Monitoring-Prozess vorangegangen war, dass Arbeiter*innen berichteten, zwischen 600 und 800 US-Dollar für ihren Rekrutierungsprozess zahlen zu müssen. Seitdem Central begann diesen Prozess zu beobachten, stiegen diese Kosten um 185 US-Dollar. Dies lässt vermuten, dass Broker und auch vermeintliche Agenturen sich mehr Geld in die eigene Tasche stecken – aus bis jetzt für die Arbeiter*innen unerklärlichen Gründen.

Bildung von Netzwerken

Eine der geeignetsten Methoden, um gegen jene Formen und Dimensionen von Menschenhandel und Ausbeutung von Arbeitsmigrant*innen vorzugehen, ist die Bildung eines starken Netzwerkes von kambodschanischen Arbeitsmigrant*innen in den unterschiedlichen Entsendungsländern. Netzwerke sorgen dafür, dass Arbeiter*innen Gleichgesinnte habe, mit denen sie kommunizieren, sich austauschen und Probleme teilen können. Hinzu wird ermöglicht, dass über Fälle von Menschenhandel und Ausbeutung besser informiert werden kann, so zum Beispiel bei Führungskräften innerhalb des Netzwerkes, die wiederum diese Informationen an Gewerkschaften, NGOs oder Behörden weiterleiten können.

2015 wurde ein solches Netzwerk unter dem Namen Cambodian Friendship Migrant Workers Association, kurz CFAT, in Kooperation mit der Organisation Central in Thailand gegründet. Das Netzwerk, das informell von regionalen Vertreter*innen geführt wird, umfasst bis heute schätzungsweise 13.500 kambodschanische Arbeitsmigrant*innen in Thailand, die Anzahl ist steigend. CFAT bietet den Arbeitsmigrant*innen Trainings zu Themen wie Rechtslage und sichere Migrationspraktiken an, um ihnen zu helfen, kein Opfer von Menschenhandel und Ausbeutung zu werden. So werden zum Beispiel die Arbeiter*innen aufgefordert nur mit sicheren, vertrauenswürdigen und offiziellen Agenturen zu migrieren. CFAT erreicht aber nicht nur die direkten Mitglieder. Foren in Dörfern mit (potentiellen) Arbeitsmigrant*innen in den Provinzen entlang der Grenze zwischen Kambodscha und Thailand werden abgehalten, in denen Teilnehmende das gleiche Training erhalten können, wie Mitglieder des Netzwerkes. Diese Teilnehmenden erhalten auch Kontaktdaten des Netzwerkes CFAT sowie auch von Central. Auf diesem Wege soll auch ihnen die Möglichkeit zur Hilfestellung gewährleistet und ein Kontakt gegeben werden, falls sie selbst oder andere in ihrem Umfeld Opfer von Menschenhandel und Ausbeutung werden.

Kambodschanische Arbeitsmigrant*innen bei einem Treffen Kambodschanische Arbeitsmigrant*innen kommen zusammen © Central

Netzwerkbildung soll kambodschanische Arbeiter*innen im Ausland stärken © Central

Die Führungskräfte des Netzwerkes sind letztlich ausgebildet, um Fälle von Menschenhandel und Ausbeutung sowie auch Arbeitskämpfe vor Ort selbstständig anzugehen und zu behandeln. Central steht aber auch als enger Kooperationspartner bei Bedarf unterstützend zur Seite. So etwa im Mai 2018 als das Netzwerk die Organisation im Fall der Ausbeutung von Arbeitsmigrant*innen in einer Plastikfabrik in der thailändischen Provinz Chonburi kontaktierte. Geschätzt 1.000 kambodschanische Arbeitsmigrant*innen haben in dieser Fabrik über Jahre gearbeitet und waren unzähligen Ausbeutungspraktiken ausgesetzt. Ihnen wurden zum Beispiel ihre Ausweisdokumente abgenommen, sie hatten keinen einzigen freien Tag in der Woche, ihnen wurde nicht gesagt, wann sie ihr nächstes Gehalt ausgezahlt bekommen würden und ihnen wurden 500 Thai-Baht (umgerechnet mehr als 14 Euro) pro Fehltag abgezogen. In Zusammenarbeit mit thailändischen Partner-NGOs, Central und dem Labour Office der Provinz Chonburi wurde an diesem Fall gearbeitet, um diese Arbeitswidrigkeiten anzugehen. Nach Verhandlungen mit Arbeiter*innen und dem Management der Fabrik erhielten alle Arbeiter*innen ihre Pässe wieder. Zudem wurden ihnen freie Tage eingeräumt und letztlich die explizite Zwangsarbeit beendet.

Stärkung der Arbeitsmigrant*innen und ihrer Organisation im Ausland

Da die Anzahl an kambodschanischen Arbeitsmigrant*innen im Ausland zusehends steigt, ist es wichtig, dass Arbeiter*innen über ihre Rechte und sichere Migrationspraktiken aufgeklärt werden. Außerdem muss die kambodschanische Regierung versichern, dass Vermittler*innen ordnungsmäßige Dokumente für die Arbeiter*innen bereitstellen, bevor jene ins Ausland entsendet werden. Hinzu müssen Vermittler*innen mit den von ihnen entsandten Arbeiter*innen Kontakt halten, um sicherzugehen, dass sie eben nicht Opfer von Menschenhandel und Ausbeutung geworden sind oder noch werden. Die kambodschanische Regierung sollte, in Zusammenarbeit mit NGOs, die Bildung von starken Netzwerken von Arbeitsmigrant*innen aus Kambodscha in Entsendungsländern vereinfachen und unterstützen, um Arbeitsmigrant*innen besser schützen zu können, wenn sie fern von ihrer Heimat sind.

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Kambodschanische Arbeitsmigrant*innen und Netzwerkbildung in Thailand

Südostasien: Ohne Naturkautschuk aus Südostasien wäre ein Großteil unseres Alltags nicht denkbar. Doch entlang der Lieferkette kommt es zu vielen Arbeits- und Menschenrechtsverletzungen. Dies lässt sich nur mit Standards und Zertifizierungen für Unternehmen beheben.

Naturkautschuk ist ein weltweit gehandelter Rohstoff, der als Gummi in zahlreichen Produkten zum Einsatz kommt. Vor allem in puncto Elastizität und Belastbarkeit ist Naturkautschuk dem synthetischen Kautschuk bis heute überlegen und bleibt in vielen Bereichen unverzichtbar, z.B. für die Reifen- und Automobilindustrie. Etwa 70 % des in Deutschland verwendeten Naturkautschuks landet allein in Fahrzeugreifen. Hinzu kommen weitere Bestandteile wie Schläuche und Dichtungen auch für Autos. Doch die Verwendung von Naturkautschuk ist weit vielfältiger. Insgesamt werden mehr als 50.000 verschiedene Produkte daraus hergestellt, darunter Handschuhe, Matratzen, Kondome und Schuhsohlen, aber auch Dichtungen, Förderbänder, Dämm- und Baumaterial.

Die Quelle für den Rohstoff, aus dem Gummi gewonnen wird, ist der Kautschukbaum (Hevea brasiliensis). Seinen weißen Milchsaft nennen die Indigenen in Südamerika, der ursprünglichen Heimat des Baumes, „Caucho“ – „Träne des Baumes“.

Latex besteht zu etwa einem Drittel aus Naturkautschuk. Um an diesen zu kommen, muss der Kautschukbaum ‚gezapft’ werden, indem er mit einem speziellen Messer angeritzt wird. Der so gesammelte Kautschuk wird dann entweder durch Zusetzen von Säure zum Gerinnen gebracht, so dass Klumpen entstehen (ähnlich der Herstellung von Käse), oder er wird durch Zugabe von Ammoniak stabilisiert, da bestimmte Produkte aus dem flüssigen Latex hergestellt werden.

Hauptanbaugebiete liegen in Südostasien

Wegen seiner spezifischen Ansprüche an Niederschlag und Temperatur ist der Kautschuk- Baum überwiegend im tropischen Tiefland nahe dem Äquator zu finden. Trotz seines eigentlichen Ursprungsgebietes, dem Amazonas, stammen heute 90% allen weltweit gehandelten Naturkautschuks aus Asien. Die bedeutendsten Anbauländer sind Thailand und Indonesien. Lange Zeit gehörte auch Malaysia zu den Hauptproduzierenden, wurde in den vergangenen Jahren aber von Vietnam, Indien und China überholt.

Der Kautschukanbau ist mit erheblichen ökologischen Risiken verbunden. Gerade der intensive Plantagenanbau ist, wie beim Palmöl, eine der zentralen Ursachen für die großflächige Rodung von Tropenwäldern. Das kommt vor allem bei steigenden Preisen zum Tragen: So sind beispielsweise zwischen 2000 und 2012 in Indonesien, dem Land mit einer der höchsten Entwaldungsraten weltweit, insgesamt über sechs Millionen Hektar Primärwald abgeholzt worden. Ein wichtiger Treiber für die Entwaldung bleibt Palmöl. Aber auch Kautschuk hat, vor allem als in dieser Zeit dessen Weltmarktpreise anstiegen, einen bedeutenden Anteil gehabt.

Recht wird zugunsten ökonomischer Interessen gebeugt

Vor allem zwischen 2008 und 2011 sind auch in vielen nicht-traditionellen Anbauländern wie Laos, Vietnam, Kambodscha, Myanmar oder China in großem Stil Plantagen angelegt worden. Landressourcen verknappen sich immer mehr und so ist die Ausdehnung der Kautschukproduktion vor allem in den neuen Anbauländern sehr viel stärker von groß angelegten Landinvestitionen geprägt. Diese Entwicklung spielt sich in Ländern ab, in denen schwache staatliche Institutionen, mangelnde Rechtsstaatlichkeit und eine mangelnde Anerkennung von Landrechten der lokalen Bevölkerung ein hohes Risiko für gravierende Menschenrechtsverletzungen darstellen. Oft sind rechtliche Schutzgrundlagen durchaus vorhanden, werden jedoch über politische Seilschaften zugunsten ökonomischer Interessen gebeugt.

Besonders gut dokumentiert sind Landrechtsverletzungen und Vertreibungen in Kambodscha, vor allem durch vietnamesische Unternehmen. Hier wurden vor allem seit den 1990er Jahren wirtschaftlich orientierte Landkonzessionen großzügig an internationale Unternehmen vergeben. Die Regierung verfolgt mit diesen Konzessionen die nationale Strategie, die Agrarindustrie weiter auszubauen. Leidtragende sind die auf den betroffenen Flächen lebenden Menschen. Sie verlieren mit dem Land ihre Lebensgrundlage. Die negativen Auswirkungen der Investitionen überwiegen für sie die propagierten positiven Auswirkungen in Form von Jobs, Investitionen und Infrastruktur bei weitem.

Auch in Myanmar ist die Lage sehr komplex. Die lange Geschichte autoritärer Herrschaft, die faktische Kontrolle des alten und neuen Militärregimes über Polizei und Militär sowie deren Beteiligung an der Zuteilung von Land für die Kautschukproduktion bilden den politischen und historischen Hintergrund für anhaltende, auch ethnische Konflikte über die Nutzung von Land. Hier sind es oft kleine oder mittlere Produzent*innen, die das Land vom Militär bereits in den 1990er Jahren (z.B. im Zuge von Waffenstillstandsvereinbarungen mit bewaffneten Gruppen) erhalten haben. Auch diese Landnahme ging nicht selten zu Lasten der dort ansässigen Bevölkerung. Heute erschwert es die Suche nach fairen Lösungen, da es eben nicht große Unternehmen sind, die auf der anderen Verhandlungsseite stehen, sondern oft kleinbäuerliche Betriebe, die selbst kaum genug zum Leben haben.

Niedrige Preise sind das Hauptproblem

Insbesondere in den traditionellen Anbauländern wird Naturkautschuk zu einem großen Teil (weltweit sind es schätzungsweise 80-85%) von Kleinbäuerinnen und Kleinbauern angebaut, die meist weniger als drei Hektar bewirtschaften. Zu den größten Problemen zählt daher derzeit der niedrige Preis, denn seit der regelrechten Hausse von 2011 sind die Preise dramatisch gesunken und verharren auf einem sehr niedrigen Niveau. Darunter leiden vor allem die kleinbäuerlichen Betriebe. Viele Optionen haben sie nicht, um auf ungünstige Preisentwicklungen zu reagieren. Da es sich bei Kautschuk um eine Dauerkultur handelt, sind sie abhängig von der einmal getroffenen Investitionsentscheidung, auch dann, wenn die Produktionskosten über dem Verkaufspreis liegen.

Insbesondere in den traditionellen Anbauländern wird Naturkautschuk zu einem großen Teil (weltweit sind es schätzungsweise 80-85%) von Kleinbäuerinnen und Kleinbauern angebaut, die meist weniger als drei Hektar bewirtschaften. Zu den größten Problemen zählt daher derzeit der niedrige Preis, denn seit der regelrechten Hausse von 2011 sind die Preise dramatisch gesunken und verharren auf einem sehr niedrigen Niveau. Darunter leiden vor allem die kleinbäuerlichen Betriebe. Viele Optionen haben sie nicht, um auf ungünstige Preisentwicklungen zu reagieren. Da es sich bei Kautschuk um eine Dauerkultur handelt, sind sie abhängig von der einmal getroffenen Investitionsentscheidung, auch dann, wenn die Produktionskosten über dem Verkaufspreis liegen.

Auch auf den großen Plantagen sind die Arbeitsbedingungen für die angestellten Zapfer*innen oft schlecht. Meist wird von einer Person pro Hektar ausgegangen, der mit etwa 450- 600 Bäumen bepflanzt ist. Schlangenbisse, Schnittverletzungen und Verätzungen von Haut oder Augen durch den Umgang mit Säuren zählen zu den häufigsten Verletzungen. Der Lohn für die harte Arbeit ist niedrig, meist entspricht er zwar dem Mindestlohn, dieser reicht aber bei weitem nicht aus, um sich und die Familie angemessen zu versorgen. Oft sind auch die Quoten, wie viel Kautschuk zur Erreichung des Lohns gezapft werden muss, so hoch, dass sie nur durch überlange Arbeitszeiten erreicht werden können. Immer wieder sind auch Fälle bekannt geworden, in denen Plantagen ihre Arbeiter*innen über viele Jahre nur als Tagelöhner*innen anstellen. Sie erzielen oft noch niedrigere Löhne und haben vor allem keinerlei Absicherung gegen Krankheit oder Arbeitsausfälle und keine Möglichkeit, sich gewerkschaftlich zu organisieren.

Noch vor rund zehn Jahren gab es darüber hinaus dramatische Berichte, in denen beispielsweise auf großen Plantagen in Malaysia oder in Indonesien Fälle von moderner Sklaverei oder Kinderarbeit aufgedeckt wurden. Hier hat sich die Situation zwar verbessert, noch immer aber listet das US-Arbeitsministerium in seinem Bericht über Verdachtsfälle von Kinder- und Zwangsarbeit für Kautschuk Kambodscha, Myanmar, die Philippinen und Vietnam als Länder auf, in denen Kinderarbeit wahrscheinlich ist. In Myanmar wird zusätzlich Zwangsarbeit vermutet.

Reifen- und Automobilindustrie in der Verpflichtung

Der weitaus größte Teil des weltweit produzierten Kautschuks geht in die Produktion von Fahrzeugen. Hier spielt der chinesische Markt zwar eine immer größere Rolle, zu den wichtigsten Autobauern zählen aber auch die deutschen Konzerne. Durch die sehr hohe Marktabdeckung steht die Reifen- und Automobilindustrie in der Verantwortung, ihre Lieferketten so zu gestalten, dass soziale und ökologische Missstände ausgeschlossen werden können. Bisher haben nur wenige Unternehmen einen tieferen Einblick in ihre Kautschuk-Lieferkette und können beurteilen, unter welchen Bedingungen der Naturkautschuk angebaut wurde. Aufgrund der kleinbäuerlichen Struktur ist das nicht einfach, aber auch nicht unmöglich.

Zertifizierungen können ein erster Schritt sein, um mehr Transparenz in die Lieferkette zu bringen und Mindeststandards einzuhalten. Da Kautschuk eine Baumkultur ist, ist der Standard Forest Stewardship Council (FSC), der Siegel für Holz- und Forstprodukte vergibt, am weitesten verbreitet. Erste zertifizierte Autoreifen sollen bald auf den Markt kommen, dürften aber angesichts der geringen verfügbaren Mengen vorerst ein absolutes Nischenprodukt blieben. Für andere Gummiprodukte wie Latexhandschuhe, Schuhsohlen oder Kondome gibt es bereits einen kleinen Markt an zertifizierter Ware. Das mag noch kein Garant für Nachhaltigkeit sein, setzt aber wichtige Standards bei der Sicherstellung von mehr Transparenz und schafft eine engere Verbindung zwischen allen an der Wertschöpfungskette Beteiligten.

Einige kleinere Unternehmen haben bereits begonnen, direkte Lieferbeziehungen zu ihren Produzent*innen aufzubauen und hier die Lebensbedingungen zu verbessern. Diesen Weg geht zum Beispiel der Berliner Kondomhersteller einhorn. Das Start-up kennt die Produzent*innen in Thailand, von denen es Kautschuk für seine Kondome bezieht, besucht sie regelmäßig und unterstützt sie bei der Einhaltung der eigenen Nachhaltigkeitsanforderungen (Fairstainability-Ziele).

Auch für größere Unternehmen wie Reifenhersteller bietet die zunehmende Digitalisierung gute Möglichkeiten, mehr Rückverfolgbarkeit in der Lieferkette herzustellen. Im Zuge einer zunehmenden Diskussion über Sorgfaltspflichten von Unternehmen in ihrer gesamten Lieferkette gewinnen solche Ansätze immer mehr an Bedeutung. Auch haben sich die größten Reifenhersteller nun zusammengetan, um über eine gemeinsame Plattform Standardansätze zu harmonisieren und so den Schutz von Menschenrechten zu verbessern, Entwaldung zu verhindern und biologische Vielfalt und Wasserqualität zu erhalten. Auch die Steigerung von Produktivität und eine bessere Rückverfolgbarkeit in der Lieferkette sind Bestandteile der Zielsetzungen. Damit diese Global Platform for Sustainable Natural Rubber nicht zum Greenwashing-Instrument wird, sollten ambitionierte Standards entwickelt und konsequent überprüft werden.

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