2 | 2018, Europa, Indonesien,
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Palmölsiegel: Beweise für Nachhaltigkeit?

Indonesien Palmöl © Janis Wicke

Vor noch wenigen Jahren war Palmöl in Deutschland ein eher unbekanntes Produkt. Inzwischen gibt es nur noch wenige Menschen, die es nicht in der einen oder anderen Form konsumieren. Gleichzeitig wächst das Bewusstsein darüber, wie viel Palmöl in Deutschland konsumiert wird und welche ökologischen und sozioökonomischen Konsequenzen der Anbau von Ölpalmen mit sich bringt.
 
Die Ölpalme (Elaeis guineensis) ist eine beeindruckende Pflanze. Ursprünglich kommt die Palme aus Westafrika, wird aber zunehmend in tropischen Gebieten weltweit angebaut. Die Ölpalme wird bis zu 30 Meter hoch und produziert Fruchtstände die bis zu 50 Kilogramm schwer sind. Aus diesen Früchten wird Palmöl gewonnen. Palmöl ist das Pflanzenöl mit dem höchsten Ertrag pro Fläche. Es ist geschmacksneutral und stabil gegenüber Hitze und Oxidation. Diese stofflichen Eigenschaften ermöglichen eine vielseitige Verwendung in der Lebensmittelproduktion. Auch in der Kosmetikindustrie wird Palmöl massiv eingesetzt. In Deutschland macht den größten Anteil mittlerweile die Verwendung von Palmöl als Biokraftstoff aus. Auch bei der Strom- und Wärmeerzeugung kommt Palmöl in Deutschland zum Einsatz. Den größten Teil des weltweit verwendeten Palmöls stellen heute Indonesien und Malaysia her, mit einem Gesamtmarktanteil von 85%.

Dass mittlerweile mindestens 41% des in Deutschland konsumierten Palmöls in Biokraftstoffe fließen, ist einer Nachhaltigkeitsidee zu ‚verdanken‘. Die Karriere von Palmöl als Energieträger begann 1997 in der EU. Damals wurde im Kyoto-Protokoll unter anderem das Ziel verabschiedet, bis 2020 die C02-Emissionen der EU um acht Prozent zu senken. Um diese Ziele praktisch umzusetzen, wurde seit 2000 in der EU, und besonders ambitioniert in Deutschland, die Nutzung von Biokraftstoffen als Alternative vor allem zu konventionellem Diesel diskutiert. Dieser Diskussion folgten Taten.

Palmöl - Yvonne Kunz

Endlose Monokulturen-Monotonie: Palmölplantagen in Jambi, Sumatra, Indonesien © Yvonne Kunz

Die weltweite Anbaufläche hat kaum vorstellbare Ausmaße angenommen: 2017 betrug diese mehr als 21 Millionen Hektar. Was als Nachhaltigkeitsidee begann, verursacht heute hitzige Debatten. Der Palmölindustrie wird Biodiversitätsverlust, Bodendegradation, die Freisetzung von Treibhausgasen, Entwaldung, Landraub, Menschenrechtsverletzungen, Kriminalisierung von Kleinbauern sowie Kinderarbeit vorgeworfen. Das Vordringen dieser Vorwürfe zu den Endverbraucher*innen sorgte dafür, dass Druck auf die Industrie ausgeübt wird und Wege gesucht werden, Palmöl nachhaltiger zu produzieren. Und fairer. Aber was bedeutet das eigentlich?

RSPO – nachhaltig, bio, fair?

Unter nachhaltiger Landwirtschaft versteht man eine wirtschaftliche Arbeitsweise unter Berücksichtigung von ökologischen und sozialen Aspekten, eine Balance der drei Nachhaltigkeitssäulen (Ökonomie, Ökologie und Soziales). Betrachtet Mensch die Informationen der Europäischen Union (EU) zu Produkten die mit dem EU-Bio-Siegel versehen sind, so verspricht dieses ein ökologisch erzeugtes Lebensmittel und schließt somit nur eine der drei Säulen mit ein. In deutschen Supermärkten finden wir aber in Bezug auf Palmöl nicht nur das EU-Bio-Siegel sondern häufig auch das Zertifikat RSPO = Roundtable for Sustainable Palm Oil (Runder Tisch für Nachhaltiges Palmöl). RSPO wurde 2004 vom World Wide Fund for Nature (WWF) zusammen mit palmölproduzierenden Unternehmen gegründet. RSPO sei kein Öko-Label, so der WWF auf seiner Website sondern „signalisiert, dass auf den Plantagen freiwillig mehr für Naturschutz und Menschenrechte getan wird, als gesetzlich vorgeschrieben“. Also ein bisschen fairer als ‚bloß bio‘ und damit ein wenig nachhaltiger, oder?

Der RSPO verspricht:

„Keine Rodung von Primärwäldern und ökologisch wertvollen Waldflächen für Plantagen, Schutz gefährdeter Tier- und Pflanzenartenarten auf der Plantage, Schutz von Wasser, Boden und Luft (das bedeutet unter anderem: kein Abbrennen von Wald), Einhaltung gesetzlicher Regelungen, darunter Landnutzungs- und Eigentumsrechte, Keine Kinderarbeit, dafür Bildungsangebote für die auf der Plantage lebenden Kinder, Einbindung und Förderung von Kleinbauern sowie Kontrolle der Plantagen durch unabhängige, autorisierte Prüfer“.

Alle drei Nachhaltigkeitssäulen bedient, so scheint es. Leider scheint die Realität eine andere zu sein.

Undurchsichtige Handelswege

Die Kritik am RPSO beginnt bereits mit verschiedenen Handelswegen über welches RSPO zertifiziertes Palmöl bezogen wird. Hier gibt es für Produzenten drei verschiedene Möglichkeiten, ihre Ware auf den Markt zu bringen: Getrennte Handelswege (Segregation bzw. Identity Preserved), Massenbilanzierung (Mass Balance) und Zertifikathandel (Book & Claim System). Den anspruchsvollsten Ansatz bieten die getrennten Handelswege.

Konventionelles und RSPO zertifiziertes Palmöl müssen nach diesem System von der Plantage bis zum Endprodukt in allen Produktionsschritten und von Händlern physisch getrennt gehandelt und verarbeitet werden. Ist bis zum Endprodukt noch erkenntlich, von welcher Plantage die verarbeiteten Palmölfrüchte kommen, spricht man von Identity Preserved (und somit von einem getrennten Handelsweg).

Unter dem Handelsweg Massenbilanzierung (Mass Balance) ist eine Mischung von zertifiziertem und nicht zertifiziertem Palmöl möglich. Dabei wird kontrolliert, wie groß der Anteil zertifizierter Ware ist. Gleichzeitig wird sichergestellt, dass nur so viel vom Endprodukt als zertifiziert ausgezeichnet wird, wie vor der Durchmischung als zertifiziert eingebracht wurde. Das Palmöl, das über den Handelsweg der Massenbilanzierung auf den Markt kommt, wurde also aufgrund der Durchmischung  nur anteilig nach den Richtlinien des RSPO angebaut.

Palmöl - Imke Rödel

Die weltweite Anbaufläche von Ölpalmen beträgt mehr als 21 Millionen Hektar © Imke Rödel

Eine dritte Möglichkeit bietet der Zertifikathandel (Book & Claim – System). Über eine Handelsplattform bieten Palmölproduzenten pro Tonne zertifiziertem Palmöl ein Zertifikat an. Dieses Palmöl geht zusammen mit nicht zertifiziertem Palmöl in die weitere Verarbeitung ein. Verarbeitende und produzierende Unternehmen palmölhaltiger Produkte, die nicht zertifiziertes Palmöl gekauft haben, können hier so viele Zertifikate erwerben, wie sie benötigen.

So wird garantiert, dass für das im Endprodukt verwendete Palmöl eine entsprechende Menge zertifiziertes Palmöl produziert wurde. Demnach funktioniert das System mit einer völligen physischen Trennung von Zertifikat und nach RSPO Richtlinien angebautem Palmöl. Unternehmen, die  lediglich Zertifikate über den RSPO für ihre Palmölprodukte erworben haben, dürfen diese mit dem GreenPalm-Siegelauszeichnen.

Eine transparente Lieferkette würde bedeuten, dass die Unternehmen eine Liste mit all ihren Zulieferern veröffentlichen. Denn nur so könnte sichergestellt werden, dass tatsächlich keine Unternehmen in der Lieferkette beteiligt sind, welche unter Verdacht stehen, gegen die RSPO – Richtlinien zu verstoßen. Leider sind solche Vorfälle keine Seltenheit. So bezogen Palmöllieferanten, die auch RSPO – zertifizierte Unternehmen beliefern, Früchte aus Plantagen, die nachweislich illegal in einem Nationalpark angelegt wurde[1]. Durch eine transparente Lieferkette würde der Druck auf Zulieferer steigen, die vom RSPO auferlegten Kriterien einzuhalten.

Wie anhaltende Kritik zeigt, belegt eine Mitgliedschaft im RSPO allein keine verantwortungsvolle Palmölproduktion gegenüber Mensch und Natur. Die vereinbarten Kriterien weisen Mängel auf und die Durchführung und Kontrolle selbst dieser werden nicht gewährleistet.

Grünes Feigenblatt für Produzenten

Schon 2008, dem ersten Jahr in dem RSPO-zertifiziertes Palmöl auf den Markt kam, haben 256 Umwelt- und Menschenrechtsorganisationen aus aller Welt RSPO als Etikettenschwindel abgelehnt. Konsens unter zahlreichen Umweltorganisationen weltweit ist, dass der RSPO in seiner gegenwärtigen Form vielen Palmölkonzernen als grüner Deckmantel dient, während diese weiterhin Regenwälder und Torfböden zerstören und auf geraubtem Land ihre Monokulturen betreiben. Die Urbarmachung von Torfböden für den Palmölanbau ist durch das RSPO Zertifikat nicht ausdrücklich untersagt.

Eine Studie der Queensland Universität in Australien schlussfolgert aus ihren Daten, dass RSPO-Zertifizierung in manchen Fällen gar Entwaldung vorantreibt. Der RSPO verbietet Zertifikate für Plantagen die auf Land stehen, welches nach 2005 entwaldet wurde. Dies führte dazu, dass weite Flächen vor diesem Stichdatum gefällt wurden, während auf vergleichbaren nicht-zertifizierten Flächen in der Untersuchungsregion noch Baumbestände zwischen den Plantagen vorhanden sind.

Imke Rödel - Indonesien Palmöl

Trotz anderslautender Versprechen der Produzenten werden für den Anbau von Ölpalmen riesige Mengen Regenwald vernichtet © Imke Rödel

Ölpalmen werden mit Hilfe von Kunstdünger und Pestiziden angebaut und sind deswegen nicht gleichzusetzen mit Produkten aus Ökolandbau. Auch Kriterien, die die Einhaltung von Arbeitsrechten garantieren sollen, werden auf den Plantagen kaum umgesetzt. So berichtet eine Gewerkschaft aus Zentral-Kalimantan, dass ihre Mitglieder von Militär und Polizei eingeschüchtert und Streiks gewaltsam aufgelöst werden, obwohl das Unternehmen seit Jahren durch den RSPO zertifiziert wird.

Frauen arbeiten oft ohne geeignete Schutzkleidung mit dem in Europa verbotenen Herbizid Paraquat und klagen über Hautreizungen und Atemwegsbeschwerden. Unabhängige oder selbstständige Kleinbauern und -bäuerinnen erhalten für nach RSPO Standards produzierten Palmöl keine höheren Preise gegenüber konventionell erzeugtem Palmöl. RSPO-Palmöl bleibt somit konventionell und nicht nachhaltig produziertes Öl.

Die Etablierung neuer Plantagen durch RSPO-Konzerne ist auch weiterhin mit der Verdrängung und Enteignung ansässiger Bauernfamilien verbunden. Das Beschwerdesystem des Runden Tisches ist bis jetzt nicht in der Lage diese Konflikte angemessen zu lösen und die Rechte der lokalen Bevölkerung durchzusetzen. Auch die Kontrolle der Standards durch Auditor*innen ist ineffektiv, weil diese angemeldet auf den Plantagen vorbeikommen. Sie prüfen in erste Linie die Dokumente des Managements und sprechen nur selten mit den Arbeiter*innen oder den Familien in den umliegenden Dörfern.

Nischenprodukt Bio-Palmöl

In Südostasien wird noch kein Bio-Palmöl angebaut, also keines, dass nach den Anforderungen der EU-Öko-Verordnung (Verordnung (EG) Nr. 834/2007) für den ökologischen Landbau produziert wird. Bio-Palmöl ist mit einem weltweiten Marktanteil von unter 1 % noch ein echtes Nischenprodukt. Doch der anhaltende Bio-Boom im Lebensmittelsektor bringt eine steigende Nachfrage mit sich. Ein klarer Vorteil von Biopalmöl ist, das durch den Verzicht von künstlichem Dünger und chemischen Pflanzenschutzmitteln einige der negativen ökologischen Konsequenzen, die durch das direkte Plantagenmanagement entstehen, eingeschränkt werden (z.B. Bodendegradation, Freisetzung von Treibhausgasen, Wasserverschmutzung).

Auch die gesundheitlichen Risiken für die Plantagenarbeiter*innen und lokale Bevölkerung werden so verringert. Was die dem Ölpalmenanbau vorhergegangenen Landnutzungsänderungen angeht, sind die Bestimmungen der EU-Öko-Verordnung jedoch lückenhaft, so ist die Rodung von Regenwald nicht ausdrücklich untersagt. Ein Umsteigen von konventionellem auf ökologischen Anbau von Ölpalmen sowie ihr Anbau in Mischkulturen könnte jedoch, besonders in Verbindung mit einer zusätzlichen Fairhandels-Zertifizierung eine echte Chance für die Kleinbauern und -bäuerinnen in Indonesien darstellen.

Projekte in Südamerika und Westafrika durch die Unternehmen Serendipalm und Natural Habitats zeigen, dass es durchaus Geschäftsmodelle gibt, bei denen die Kleinbauern und –bäuerinnen profitieren und negative sozioökonomische Konsequenzen minimiert werden.

85 Prozent des weltweit gehandelten Palmöls stammt von Ölpalmen aus Indonesien und Malaysia © Janis Wicke

Lasche Siegel beruhigen vor allem das Gewissen von Verbraucher*innen

Weltweit sind ca. 20 % des gehandelten Palmöls RSPO zertifiziert, auch der Anteil aus kontrolliert biologischem Anbau ist schwindend gering. Ein grundlegendes Problem vieler Zertifizierungssysteme für nachhaltiges Palmöl ist, dass diese auf freiwilligen Selbstverpflichtungen ihrer Mitglieder beruhen und es keine gesetzlichen Verpflichtungen gibt. Das heißt im Klartext, dass ein Nichteinhalten der Richtlinien keine weit reichenden Konsequenzen zur Folge hat, es drohen keine Sanktionen.

Die Produktionsweise von Palmöl kann nur dann einen Schritt in Richtung Nachhaltigkeit darstellen, wenn die massive Expansion von Ölpalmplantagen gestoppt wird; die lokale Bevölkerung in Entscheidungsprozesse einbezogen wird; die Zertifizierung nicht ausschließlich in der Hand von nichtstaatlichen Zusammenschlüssen liegt, deren Mehrheit aus Großkonzernen besteht; die Standards und Kriterien für die nachhaltige Produktion verschärft werden; es strikte Kontrollen von unabhängigen, dem RSPO nicht nahe stehenden Organen gibt und ein Nichteinhalten von Richtlinien ernst zu nehmende Konsequenzen hat.

Solange der RSPO mehrfach aufgedeckten Lücken nicht zu schließen beriet ist und sich die gegenwärtige Situation nicht ändert, bleibt das Nachhaltigkeitssiegel RSPO eine Farce und eine Gewissensberuhigung für Konsument*innen im Globalen Norden. Die zu Unrecht nachhaltig gelabelten Produkte erzielen im globalen Norden höhere Preise als nicht zertifizierte Ware. Dieser Preisaufschlag wird jedoch nicht auf die Produzent*innen umgelegt. Für die Produzent*innen im globalen Süden bedeutet dies keine Preissteigerung ihrer Produkte. Vielmehr leiden Teile der Produzent*innen unter anhaltender Ausbeutung, Menschenrechtsverletzungen und dem Verlust ihrer Lebensgrundlagen durch eingeschränkten Zugang zu Land sowie einem Qualitätsverlust des Landes.

In der Verantwortung Änderungen herbeizuführen stehen die EU und ihre Mitgliedsstaaten, die Regierungen der produzierenden Länder, die Palmölindustrie, die verarbeitende Industrie in den importierenden Ländern und die Lebensmittelgroßkonzerne als auch die Endverbraucher*innen. Sie sind mitverantwortlich für die derzeitige Situation in den Anbaugebieten und profitieren von der vorherrschenden Situation. Wir als Zivilgesellschaft und Endverbraucher*innen müssen den Druck auf Industrie und Regierungen erhöhen, unser eigenes Konsumverhalten hinterfragen und gemeinsam Lösungen finden.

[1] Katrin Hartmann: „Aus kontrolliertem Raubbau“, Karl Blessing Verlag, 2015, S. 61 – 65

Zum Weiterlesen:

  • Hartmann, Kathrin: Aus kontrolliertem Raubbau: Wie Politik und Wirtschaft das Klima anheizen, Natur vernichten und Armut produzieren, Karl Blessing Verlag, 2015
  • Kunz, Yvonne und Puder Janina, 2018, Unliebsame Karriere einer Palme, Iz3w, Bioökonomie-Kapital am gedeihen, (368) Sep/Okt 2018, S. 17-19, ISSN 1614-0095

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Die Autorin

Josephine Sahner ist promovierte Biologin und Mitarbeiterin bei Watch Indonesia! e.V. Seit 2012 beschäftigt sie sich vordergründig mit den ökologischen Konsequenzen des Ölpalmanbaus in Indonesien.

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Die Autorin


Yvonne Kunz vertritt aktuell die Professur „Nachhaltige Raumentwicklung und Governance“ an der Universität Trier. Sie beschäftigt sich seit über zehn Jahren mit Mensch-Umwelt-Beziehungen und Zugang zu natürlichen Ressourcen, vor allem in Indonesien. Bei Watch Indonesia! e.V. war sie für zwei Jahre als Umwelt- und Klimareferentin tätig und ist bis heute aktives Mitglied.

  • Indonesien, Punk, Rezension

    Indonesien/weltweit – Melanie Rennert zeigt in „Feministischer DIY Punk in Indonesien“, wie kreative Praktiken den Status Quo herausfordern können.

  • Kinipan, Doku-Film, Entwicklung

    Indonesien/Europa – Konsumverhalten, die Ausbeutung natürlicher Ressourcen, die Corona-Pandemie und der Klimawandel sind keine einzeln zu betrachtenden Phänomene. Dies schildert die Doku „Kinipan“ eindrucksvoll am Beispiel Indonesien.

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Der Autor


Janis Wicke hat in Hamburg und Jena Soziologie und Wirtschaftswissenschaften studiert. Für seine Masterarbeit hat er in Indonesien die Interaktion lokaler Communities und NGOs im Kontext der Zertifizierung von „nachhaltigem“ Palmöl untersucht.

  • Südostasien Interviews Klimawandel

    Südostasien – Wenn Indonesiens Wälder großflächig brennen, wird die ganze Region mit einer Dunstglocke aus giftigem Qualm (Haze) überzogen. Helena Varkkey von der University of Malaya in Kuala Lumpur erforscht die Ursachen der Waldzerstörung und erklärt, warum der Schutz von Torfböden entscheidend im Kampf gegen den Klimawandel ist.

  • Plastikmüll vor einer Palmölplantage © Greenpeace Malaysia

    Malaysia – Heng Kiah Chun hat für Greenpeace Malaysia die Untersuchungen zu den Auswirkungen der groß angelegten Plastikmüllimporte aus dem Globalen Norden geleitet. Im Interview spricht er über die Folgen für Mensch und Umwelt und den Widerstand von betroffenen Communities.

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Die Autorin


Flora Hartmann ist Geographin und hat im Rahmen ihrer Bachelorarbeit zu den lokalen Auswirkungen der Flächenbrände 2015 auf Sumatra geforscht. Sie macht zur Zeit ein Praktikum bei Watch Indonesia! e.V.

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2 | 2018, Europa, Indonesien,
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Palmölsiegel: Beweise für Nachhaltigkeit?

Myanmar: Eine Gruppe Hühnerfarmer*innen in Myanmar setzt auf alternative Produktionsbedingungen und vermarktet Eier ohne den Einsatz von Antibiotika.

Seit der politischen und wirtschaftlichen Öffnung des Landes vor einigen Jahren hat die industrielle Hühnerhaltung in Myanmar zugenommen: Um die stetig wachsende Metropole Yangon haben sich in sogenannten Agricultural Production Zones (landwirtschaftliche Produktionszonen) zahlreiche Hühermast- und Legehennenbetriebe angesiedelt, um dem steigenden Bedarf an Hühnerfleisch und Eiern gerecht zu werden.

Viele dieser Betriebe halten Hühner unter Bedingungen, die europäischer industrieller Hühnerhaltung gleichen: zusammengepfercht auf einer Fläche von wenigen Quadratzentimetern drängen sich die Tiere dicht an dicht in Drahtkäfigen, ohne Möglichkeiten für ausreichend Bewegung oder arttypisches Verhalten wie Scharren oder Picken.

Unter solchen Bedingungen entstehen und verbreiten sich schnell Krankheiten, die rasch zu einer oft lang anhaltenden Verminderung der Legeleistung führen. Um dem vorzubeugen, aber auch um entstandene Krankheiten effektiv zu bekämpfen, werden in großem Maße Antibiotika eingesetzt.

Es bedarf keiner tierärztlichen Verschreibung, um an die potenten Medikamente heran zu kommen. Sie werden frei verkauft und ihr Verbrauch wird auch nicht dokumentiert. Antibiotika landen bei Anwendung am Tier auch in deren Produkten – im Fleisch, in der Milch oder in Eiern. Um Verbraucher*innen vor dem Verzehr von Antibiotika-Rückständen zu schützen, sind in Europa Regeln in Kraft, die vorschreiben, wie lange Eier nach Gebrauch von Medikamenten nicht verkauft werden dürfen – und stichprobenartig werden alle Betriebe regelmäßig geprüft. In Myanmar aber gibt es Vergleichbares nicht. Eier werden auch bei Antibiotika-Behandlung weiterhin verkauft.

Antibiotika-Resistenz wächst weltweit

Weltweit gibt es seit vielen Jahren einen rasanten Anstieg so genannter resistenter Bakterien. Diese haben Schutzmechanismen gegen die Wirkweise vieler Antibiotika ausgebildet und sind somit nicht mehr angreifbar. Infektionen bei Mensch und Tier können sich so ungehindert ausbreiten. Bislang einfach behandelbare Krankheiten können deshalb potenziell tödlich enden. Laut Weltgesundheitsorganisation der Vereinten Nationen (WHO) ist Antibiotika-Resistenz heute eine der größten Bedrohungen für die globale Gesundheit, Ernährungssicherheit und Entwicklung.

Wenn ein neues Antibiotikum auf den Markt kommt, dauert es oft nicht lange, bis die ersten Resistenzen auftreten. Jeder Einsatz von Antibiotika fördert die Bildung von Resistenzen: Empfindliche Bakterien werden abgetötet – die Resistenten jedoch überleben und vermehren sich weiter. Antibiotika-resistente Erreger treten daher oft dort auf, wo viele Antibiotika eingesetzt werden, etwa in Kliniken, aber auch in der Landwirtschaft. Daher muss der Einsatz von Antibiotika weltweit strenger reguliert werden. In Europa gibt es ein institutionelles Rückgrat, das dies bewerkstelligen kann – in Ländern wie Myanmar fehlen diese regulatorischen Kapazitäten aber noch.

Neue Ideen brauchen mutige Vorreiter*innen

Die Healthy Egg Production Group (HEPG), eine Gruppe von Kleinbäuer*innen, die sich schon länger für eine Verbreitung von alternativen Haltungsformen einsetzen, hat deshalb im Jahr 2018 einen neuen Weg eingeschlagen. Sie setzen auf Eierproduktion frei von Antibiotika – ein Trend, der in vielen Ländern langsam um sich greift. So verkauft die thailändische Firma Betrago beispielsweise seit einigen Jahren in großem Stil Eier ohne den Einsatz von Antibiotika.

Die Gründung der HEPG wurde durch ein Projekt der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) mit unterstützt. Das galt vor allem für die Grundvoraussetzung des Projektes, nämlich der Etablierung eines glaubwürdigen Testsystems für Antibiotika-Rückstände im Ei.

In Myanmar werden wie erwähnt, Eier nicht routinemäßig auf Rückstände überprüft. Die Initiative war und ist somit eine nationale Vorreiterin. Das Projekt übernahm während der Anlaufphase die Kosten für die monatlichen Tests, die nun aber selbst von den Landwirt*innen getragen werden. Diese machen einen Großteil des Eipreises aus. Die Tests werden in einem staatlichen veterinärmedizinischen Labor durchgeführt: So wird sichergestellt, dass die Tests professionell und unabhängig ausgeführt werden. Die Test-Kits selbst wurden aus dem Ausland importiert, denn in Myanmar selbst gibt es diese angewandte Art von Verfahren noch nicht.

Um eine gesicherte Abnahme der Eier zu gewährleisten, vernetzte die Initiative sich mit der führenden Supermarktkette in Myanmar: die CityMart Holding betreibt in Myanmars Hauptstadt Yangon eine Großzahl an Geschäften und ist nun auch landesweit auf Expansionskurs. Dabei sind Supermärkte, wie wir sie in Europa kennen, noch gar nicht allzu lange im Land. Die erste Filiale öffnete 1996 ihre Pforten.

Die Betreiber*innen von CityMart sagten den Ankauf einer festen Anzahl von Eiern über einen Zeitraum von sechs Monaten zu und gewährleisteten damit eine gewisse finanzielle Sicherheit. Das Risiko lastete so nicht auf den Schultern der teilnehmenden Landwirt*innen. Denn ob die Eier sich auch gut verkaufen lassen würden, wusste zunächst niemand.

Unabhängige Institution prüft Produktionsstandards

Um die Neutralität der Prüfung durch eine unabhängige Institution zu gewährleisten, wurde die führende burmesische Vereinigung zur Förderung ökologisch hergestellter Lebensmittel mit ins Boot geholt. Die Myanmar Organic Agriculture Group (MOAG) zertifiziert die teilnehmenden Farmen. Landwirt*innen, die Mitglieder der HEPG werden möchten, müssen sich zu bestimmten Produktionsstandards verpflichten und ihre Eier monatlich auf Rückstände testen lassen.

Die Standards wurden in Zusammenarbeit mit der FAO ausgearbeitet. Sie orientieren sich an internationalen Zertifizierungstandards wie den ASEAN Good Animal Husbandry Practices. Doch sie berücksichtigen auch die Realität und Machbarkeit im lokalen Kontext. So ist es beispielsweise den meisten Landwirt*innen aus finanziellen Gründen nicht möglich, ihr gesamtes Grundstück einzuzäunen, oder die Kosten für eine weitläufige Umstrukturierung ihrer Gebäudekomplexe, die zur Verminderung vom Auftreten von Krankheiten bei den Tieren führen würde, zu tragen.

Der Vorsitzende der Vereinigung, U Hnin Oo, brachte seine langjährige Erfahrung mit Zertifizierungsprozessen für ökologisch angebauten Reis und Tee mit. Zertifizierte Tierprodukte gibt es aber bislang im Land nicht. Jetzt gibt es ein eigenes Gütesiegel, das erste im Land für Eier: MOAG – Raised without Antibiotics.

Grund hierfür sind zum einen mangelnde Nachfrage und fehlendes Bewusstsein für die Thematik der nachhaltigen Landwirtschaft. Zum anderen ist Myanmar eines der ärmste Länder Südostasiens und es ist ein Privileg der langsam aufkeimenden Mittelschicht, sich diese Produkte, die ja auch deutlich teurer sind, leisten zu können. Ein konventionell hergestelltes Ei kostet je nach Jahreszeit um die 80 bis 100 burmesische Kyat (MMK); die Eier der HPEG 290 pro Stück, was ungefähr 22 Eurocent entspricht.

Bei Verbraucher*innen wächst das Interesse

Doch immer mehr Menschen in Myanmar interessieren sich für die Herkunft und Produktion ihrer Lebensmittel. Seit einigen Jahren gibt es regelmäßig einen kleinen Bauernmarkt in Yangons Innenstadt, auf dem lokale Farmer*innen ihre Waren anbieten, die naturnah hergestellt werden. Und so hatte die HEPG bis zum heutigen Tag Erfolg. Ihre Eier verkaufen sich durchweg gut und die Gruppe plant, zu expandieren. Anfragen kommen vermehrt auch aus anderen Teilen des Landes. Durch einen Auftritt in einer bekannten burmesischen Radiosendung steigerte sich der Bekanntheitsgrad der Gruppe schlagartig.

Die Corona-Krise wirkt sich auch auf die HEPG aus. Es kam erst kurz zu einem rasanten Anstieg der Verkaufszahlen, als die Regierung einen zweiwöchigen Lockdown ankündigte. Danach aber mieden Menschen den Besuch von Einkaufszentren und die damit verbundenen Menschenansammlungen. Die Verkaufszahlen waren rückläufig. Langsam aber geht es wieder aufwärts.

„Wir möchten zeigen, dass andere Tierhaltungsformen möglich und rentabel sind“, sagt Dr. Hla Hla Thein, Tierärztin und Unternehmerin in Myanmar. Anfänglich begegneten ihr Kolleg*innen mit großer Skepsis und Zweifeln, ob die Idee der HEPG Erfolg haben kann. Nun aber hat sie noch weitere Ideen und denkt daran, Antibiotika freie Milch- und Fleischprodukte auf den Markt zu bringen. Sie plant auch eine eigene Futtermittelproduktion, denn oft sind bislang in gekauftem Hühnerfutter auch Antibiotika beigemischt und werden nicht offen deklariert.

Zum Weiterlesen:

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