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Editorial südostasien 1/2021:
Corona – Ein Jahr später, und immer noch mittendrin

Südostasien Corona

AHA Regeln in Yangon, Myanmar, 2021. Proteste gegen den Militärputsch finden trotzdem statt. © Judith Kunze

Als die südostasien-Redaktion im Mai 2020 gemeinsam über die Themen für die kommenden Ausgaben entschied, geschah dies mitten in der ‚ersten Welle der Pandemie’. Inzwischen wissen wir, dass wir dieses Kapitel ein Jahr später immer noch nicht schließen können. In Europa und Südostasien breitet sich der Erreger in unterschiedlichem Ausmaß und mit neuen Mutationen weiter aus.

In dieser südostasien-Ausgabe beleuchten wir die aktuelleren und vielschichtigen Erfahrungen von Menschen in Südostasien mit der Pandemie. Unsere Autor*innen berichten aus der Region und geben Aufschluss über die Auswirkungen der Pandemie auf Zivilgesellschaft, Politik, Wirtschaft und Umwelt. Die Artikel decken auch tiefer gehende Strukturen der Ungerechtigkeiten und Missstände auf, die durch die Pandemie erneut hervorgetreten sind.

Die Ausgabe ergänzt somit auch die Sammlung zivilgesellschaftlicher Länderperspektiven in Bezug auf COVID-19, die die Stiftung Asienhaus und das philippinenbüro zusammengetragen haben, sowie die im Herbst 2020 erschienene Broschüre Corona in Asien – Menschenrechtsverletzungen und soziale Ungleichheit im Schatten der Pandemie-Bekämpfung.

‚The new normal‘ – Umgang mit Unsicherheit und Unabwägbarkeit

Wie gehen Menschen – in ihrem täglichen Wirken und gegenüber ihren Mitmenschen – mit dieser allumfassenden neuen Realität um? Wie auch anderorts auf der Welt schürt und offenbart COVID-19 in Singapur Vorbehalte gegenüber als nicht ansässig gelesenen Menschen, wie Yasmine Wong in ihrem Artikel untersucht. Dagegen finden viele Menschen für sich und ihre Nahestehenden kreative und vielschichtige Formen der Bewältigung. Dies erörtern Kristina Großmann und Nicole Weydmann anhand der Rolle der traditionellen Medizin jamu für Indonesier*innen. In Kambodscha finden Menschen Hoffnung und innere Stärke durch das Aufstellen von Ting Mong, eine Art Schutzpatron*innen für Häuser. Die Wirkung dieser Figuren entfaltet sich dabei oft parallel zum Warten auf Impfung und/oder andere Wirkstoffe gegen die Krankheit, wie Paul Christensen erklärt.

Effektiv, aber nicht unproblematisch

Ein Blick über den Tellerrand, insbesondere nach Südostasien, ist sinnvoll und kann uns bereichern. Im Gegensatz zu Deutschland, das nur halbherzig auf die Pandemie reagierte und inzwischen über zwei Millionen Infektionen und über 60.000 Tote zu beklagen hat, haben die meisten Länder Südostasiens frühzeitig und entschlossen gehandelt. Wie Julia Holz analysiert, konnte Vietnam mit einem kurzen aber umfassenden Lockdown und einer systematischen Track&Trace Strategie die Zahl der Infektionen auf knapp 2.000 und die Zahl der Toten auf 35 begrenzen. Thailand hat schon im März 2020 den Flugverkehr eingestellt und danach eine Quarantäne für alle Einreisenden vorgeschrieben. Das Land hat heute nur einen Zehntel der Infektionszahlen von Deutschland pro Hunderttausend Einwohner und nur 79 Tote. Schlussfolgerungen aus dem bisherigen Erfolg der Pandemiebekämpfung in der Region werden von Oliver Pye und Tanja Matheis diskutiert.

Problematisch ist aber, dass die meisten Regierungen die Pandemie nutzen, um ihre autoritäre Kontrolle über die Gesellschaft auszuweiten. Der jüngste Militärputsch in Myanmar sollte in diesem Kontext analysiert werden, wie auch die zunehmende Gewalt des Duterte-Regimes in den Philippinen. Auch Singapurs Strategie war mit geschlossenen Grenzen, strikter Quarantänepflicht, rigorosem Lockdown und Contact-Tracing sehr erfolgreich. Allerdings untergruben Datenschutzlücken das Vertrauen der singapurischen Bevölkerung in die Maßnahmen, wie Julia Holz in ihrem zweiten Artikel erörtert. Das Militärregime in Thailand versuchte, Covid-19 zu nutzen, um die Opposition zu unterdrücken. Dr. Supat Hasuwannakit erklärt, wie die Zivilgesellschaft auf die Herausforderungen der Pandemie reagierte und es trotzdem zur Entstehung einer neuen Demokratiebewegung kommen konnte.

Wirtschaftlicher Einbruch und soziale Folgen

Die Pandemie und ihre Folgen treffen vor allem diejenigen, die ohnehin bereits in einer schwierigen Situation waren. Ganze Wirtschaftssektoren, wie die Tourismusbranche, sind zusammengebrochen. Internationale Unternehmen brachen Verträge in Lieferketten und Regierungen schlossen Grenzen. Folglich sahen sich Arbeitnehmer*innen, vor allem in Abwesenheit von zielgerichteten Hilfsmaßnahmen, mit Arbeitsplatzverlust, Einkommensausfällen und Reisebeschränkungen konfrontiert. Auf der Seite der Unternehmer berichtet Inthy Deuansavanh im Gespräch mit Michael Kleinod von den Schwierigkeiten in der laotischen Tourismus-Branche. In mehreren Beiträgen kristallisiert sich ein zentrales Thema heraus: in Ermangelung eines sozialen Sicherungsnetzes ist die Orientierung hin zu Subsistenzwirtschaft und familiären Netzwerken ein altbewährtes Mittel der Absicherung in diesen unsicheren Zeiten.

Das Besondere an dieser Ausgabe ist, dass ihre Autor*innen Facetten eines Zustands auffangen, der weiter andauert und uns alle, wenn auch in unterschiedlichen Ausmaßen, mehr oder weniger direkt betrifft. So ändert sich der Verlauf der Pandemie immer noch ständig, genauso wie die Reaktionen von Menschen, Regierungen, und Organisationen. Die Ausgabe trägt wesentlich dazu bei, die vielen Facetten einer weltumspannenden akuten Pandemie zu dokumentieren und (be-)greifbarer zu machen.

Wir wünschen interessante Erkenntnisse beim Lesen unserer Ausgabe 1/2021, und hoffen, dass das neue Jahr hoffnungsvolle Perspektiven hervorbringt.

Das Redaktionsteam

zur Ausgabe

  • Artikel


Der Autor


Oliver Pye ist wissenschaftlicher Mitarbeiter für Südostasienwissenschaften am Institut für Orient- und Asienwissenschaften in Bonn.

  • Politische Ökonomie Südostasiens

    It’s the Political Economy, Stupid!

    Südostasien – Das Buch „The Political Economy of Southeast Asia“ analysiert die ökonomische Entwicklung Südostasiens im Kontext ihrer gesellschaftspolitischen Auseinandersetzungen. Es setzt damit neue Maßstäbe.

  • Corona Krise Kapital

    Solidarischer Corona-Lockdown, solidarischer Klima-Lockdown!

    Europa/Asien – Die Covid-19-Pandemie verursacht eine globale Krise und zugleich enorme Konfusion und Ratlosigkeit. Das Buch „Corona, Krise, Kapital“ verbindet eine Analyse der Pandemie mit einer Perspektive, wie eine solidarische Antwort darauf aussehen könnte.

  • Rambo war kein Vergewaltiger

    Rambo war kein Vergewaltiger

    Vietnam – Vergewaltigung war für Frauen im Vietnamkrieg allgegenwärtig. Gina Marie Weaver geht in ihrem Buch ‚Ideologies of Forgetting. Rape in the Vietnam War‘ der Frage nach, warum sexualisierte Kriegsgewalt systematisch verschwiegen wird.

  • Thailand thaiconsent #MeToo

    thaiconsent – #MeToo und neue feministische Ansätze

    Thailand – Mit der Online-Plattform thaiconsent veröffentlichte Wiphaphan Wongsawang #MeToo Geschichten in Thailand, noch bevor es #MeToo gab. Eine neue Generation von Feminist*innen behauptet sich auch gegen die Dominanz männlicher Aktivisten in der Demokratiebewegung.

  • Indonesien Palmöl

    Wie Staat und Kapital die Palmöl-Expansion voran treiben

    Indonesien – Der Palmölboom passiert nicht nur einfach, er wird gemacht. Das Zusammenspiel von Staat und Kapitalinteressen analysiert das Buch „Der Palmölboom in Indonesien“. Dessen These: Die Dezentralisierung nach dem Rücktritt Suhartos hat die Verbreitung von Palmöl begünstigt.

  • Artikel


Die Autorin


Tanja Verena Matheis ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Fachgebiet Management in der internationalen Ernährungswirtschaft an der Universität Kassel. Ihr Fokus in Forschung und Lehre sind u. A. Nachhaltigkeitsstandards und soziale Gerechtigkeit in Lieferketten. Sie ist Mitglied im Global Partnership Network (GPN), das im exceed-Programm des Deutschen Akademischen Austauschdiensts (DAAD) gefördert wird

  • Südostasien, Digitalisierung

    Digitale Märkte in Südostasien

    Südostasien – Digitale Dienstleistungen sind in vielen Alltagsbereichen präsent. Wie steht es um Reichweite und Zugänglichkeit? Wo wird am meisten investiert? Spielt Nachhaltigkeit eine Rolle?

  • Frischer Fisch dank Zwangsarbeit

    Frischer Fisch dank Zwangsarbeit

    Thailand/ Myanmar/ Indonesien – Auf thailändischen Fischerbooten fristen tausende Migrant*innen in internationalen Gewässern ein Dasein als rechtlose Arbeiter*innen. Die beeindruckende Dokumentation ‚Slavery at Sea’ zeigt, wie die Industrie immer wieder Gesetze umgeht.

  • „Resilienz und Frieden sind zwei Seiten einer Medaille“

    „Resilienz und Frieden sind zwei Seiten einer Medaille“

    In Myanmar gibt es bislang wenig öffentliche Klimakommunikation und -bildung. Anastacia Howe und Nicole Tu-Maung orgaisieren deshalb „Klimagespräche“. Im Interview berichten sie über ihre Ideen zur Umsetzung von Klimaschutzmaßnahmen.

  • Artikel


Der Autor


Michael Kleinod ist Soziologe und hat zu Ökotourismus in Laos
promoviert . Seit 2015 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Orient-und Asienwissenschaften an der Universität Bonn.

  • Keine Touristen, kein Einkommen

    Keine Touristen, kein Einkommen

    Laos – Der Tourismus ist von der Pandemie hart getroffen. Wir sprachen mit dem Ökotourismusunternehmer Inthy Deuansavanh über die Reisebranche in der Krise.

  • Eingang zum Heiligen Wald Dong Sakee © Michael Kleinod

    „Unsichtbare Menschen“ zwischen Entwaldung und Umweltschutz: Die Bang Bot in Laos

    Laos – Während der berühmte laotische Dschungel „dank“ der Kapitalisierung von Land mehr und mehr schwindet, gehen bestimmte „Traditionen“ eher unerwartete Koalitionen mit der „Moderne“ ein. Dies zeigt sich besonders gut an einer Geistervorstellung, die Ideen moralischer Reinheit mit tiefem Dschungel verbindet und so auch den gegenwärtigen ökologischen Raubbau in diesem autoritär regierten Land in ein ethisch-kritisches Licht taucht: den Bang Bot.

  • Artikel


Die Autorin


Judith Kunze arbeitet als Beraterin für Menschenrechte und den Schutz von Minderheiten in Myanmar und Kambodscha.

  • „Diskriminierung von Frauen ist systemisch verankert“

    „Diskriminierung von Frauen ist systemisch verankert“

    Myanmar – Lway Poe Ngeal ist Vorsitzende des Netzwerks ‚Women’s League of Burma‘. Im Interview spricht sie über Herausforderungen und Entwicklungen bei der Beteiligung von Frauen an sozialen und politischen Veränderungsprozessen.

  • Essbare Insekten - eine Chance für Kleinbäuer*innen

    Essbare Insekten – eine Chance für Kleinbäuer*innen

    Kambodscha – Curran Hendry unterstützt mit der NGO Angka Changrit die Verbreitung der Grillenzucht im Land. Im Interview erklärt er, wie Grillen-Produkte die Ernährungssicherheit der Bevölkerung stärken und Einkommensmöglichkeiten für ländliche Familien schaffen können.

  • Friedensdemo in Yangon © Generation Wave

    „Die militärische Tradition durchdringt noch immer alles“

    Myanmar – Der Menschenrechtsaktivist Moe Thway ist Gründungsmitglied und Präsident der Organisation Generation Wave, die sich für Frieden, Demokratisierung und Menschenrechte in Myanmar einsetzt. Im Interview erklärt er, warum die Kultur der Gewalt, des Militarismus und der Unterdrückung in seinem Land noch immer so stark ist.

  • Artikel


Die Autorin


Antonia Fuchs studiert im Master Südostasienwissenschaften an der Rheinischen-Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn. Ihr regionaler Schwerpunkt ist Vietnam.

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  • Artikel


Der Autor


Dominik Hofzumahaus ist Südostasienwissenschaftler und beschäftigt sich mit verschiedenen Aspekten von Entwicklung, Umwelt und sozialer Gerechtigkeit. Desweiteren arbeitet er in verschiedenen Projekten zu Demokratiebildung und gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit.

  • Thailand Faiyen Exil Interview

    Der Funke, der nicht erlischt

    Thailand – Die aktivistische Band Faiyen agiert seit dem Militärputsch 2014 aus dem politischen Exil – erst in Laos und seit 2019 in Frankreich. Im Interview mit der südostasien berichten sie über ihre Musik als Protestmittel, ihre Zeit im Exil, und warum sie nicht bereit sind, aufzugeben.

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Editorial südostasien 1/2021:
Corona – Ein Jahr später, und immer noch mittendrin

Laos: Die Pandemie hat Auswirkungen auf alle Laot*innen, doch sie betrifft den Alltag verschiedener Personengruppen auf unterschiedliche Weise. Dieser Beitrag lässt Hotelmanager, Arbeitsmigrantinnen und Bauern selbst zu Wort kommen.

Bereits seit Mitte Dezember 2019 machte Covid-19 die Runde in laotischen Medien und sozialen Netzwerken. Anfang Februar 2020 beschlossen der stellvertretende Premierminister und der Finanzminister die Einrichtung eines Sekretariats zur Prävention und Bekämpfung von Covid-19. Auf dieser Basis wurde Ende März 2020 ein nationaler Lockdown verhängt, der später schrittweise wieder aufgehoben wurde. Zugleich richtete die Regierung eine Informationswebsite ein. Laut dieser Seite gab es am 27. Januar 2021 (zum Zeitpunkt der Entstehung dieses Beitrags) nur 45 Fälle von Ansteckungen, über 40 Genesene, keinen Todesfall.

Trotz dieser niedrigen Zahlen hat die Pandemie Auswirkungen im gesamten Land. Doch sie betrifft den Alltag verschiedener Personengruppen auf ganz unterschiedliche Weise. In diesem Beitrag kommen in kurzen Ausschnitten Vertreter*innen verschiedener gesellschaftlicher Gruppen aus der Hauptstadt Vientiane sowie der gleichnamigen Provinz zu Wort: Hotelmanager in Vang Vieng, in Thailand arbeitende Arbeitsmigrantinnen und Landwirte aus dem ländlichen wie städtischen Umfeld. Sie berichten von ihrem Umgang mit der Pandemie. Die Gespräche wurden Ende Januar 2021 geführt.

Sichtweisen auf die Pandemie

Obwohl Covid-19 alle trifft, so trifft es doch alle unterschiedlich. Wie die folgenden Interviewausschnitte zeigen, sind die Auswirkungen der Pandemie komplex. Zwar verlaufen sie entlang sozio-ökonomischer Strukturen, dennoch scheint eine simple Einteilung in ‚Gewinner’ und ‚Verlierer’ nur schwer möglich.

Hotelmanager

Zu den Gruppen mit höherem Einkommen – zumal im Verhältnis zu den anderen Gruppen in diesem Beitrag – zählen Hotelmanager. Der Manager eines Hotels im Touristen-Hotspot Vang Vieng berichtet: „Wir, die Hotelvereinigung von Vang Vieng, sind sehr beunruhigt über die Auswirkungen von Covid-19. Normalerweise ist zwischen Ende Dezember und Anfang Januar die ‚Goldene Saison‘ für die Hotels im Land.“

Und der Manager eines anderen, sehr populären Hotels im Ort erklärt: „In unserem Hotel sind die Räume leer und der Pool ist still und verstaubt. In der Hotelvereinigung in Vang Vieng machen sich alle gegenseitig Mut, denn viele Mitglieder haben Schulden bei der Bank und sind deshalb sehr besorgt. Mein Hotel ist eines der beliebtesten in Vang Vieng, wir haben normalerweise zwanzig dauerhaft Angestellte. Vor Covid-19 hatten wir Tausende Buchungen, damit konnte ich sie bezahlen. Doch während Covid-19 sank die Zahl der Buchungen so stark, dass ich die Entscheidung treffen musste, Menschen zu entlassen. Und zwar zwei Drittel der Belegschaft, ohne jegliche Unterstützung. Die sind natürlich sehr unglücklich über meine Entscheidung. Doch selbstverständlich werden sie nach Covid-19 wieder eingestellt.“

Den derzeitigen Arbeitsalltag beschreibt der Manager so: “Normalerweise muss ich Anzug und Krawatte tragen, aber gerade bin ich Manager und Reinigungskraft in einem. Mir geht es momentan nicht viel besser als den anderen Angestellten. Gewöhnlich verdiene ich mehr Geld als Regierungspersonal oder die Angestellten in unserem Hotel, aber auch mein Einkommen hängt vom Einkommen des Hotels ab. Derzeit erhalte ich nur ein Viertel meines vorherigen Einkommens. Ich arbeite hier seit zehn Jahren und dachte bisher nie, dass diese Arbeit unsicher sein könnte. Doch jetzt müssen der Besitzer und ich Angestellte entlassen, um das Überleben des Hotels zu sichern. Ich habe da noch Glück, dass ich mit einer Frau aus Vang Vieng verheiratet bin und wir daher etwas Land hier haben, auf dem wir Geflügel halten und Gemüse für uns selbst anbauen können. Für unsere Angestellten, die kein Land haben, sieht es da schwieriger aus.”

Arbeitsmigrantinnen

Weitaus schlechter als der Manager haben es die Arbeitsmigrantinnen, die in Thailand arbeiten und nun aufgrund der Pandemie zurückgekehrt sind. Eine von ihnen sagte: “Wir sind aus Thailand zurückgekehrt, da es in den Textilfabriken, in denen wir sonst arbeiten, keine Arbeit mehr gibt. Wir arbeiten dort schon seit fünf Jahren. Nach unserer Quarantäne in einem Militärcamp östlich der Hauptstadt Vientiane gingen wir zurück aufs Dorf zu unseren Familien. Aber bei unserer Ankunft zu Hause hatten viele Menschen Angst, da Anfang März 2020 die meisten Ansteckungsfälle aus dem Ausland kamen. So mussten wir für weitere vierzehn Tage in unseren Häusern bleiben, bevor uns die Bewohner*innen wieder akzeptiert haben und wir von ihnen aufgenommen wurden.“

Eine andere Textilarbeiterin ergänzt: „Nun sind wir zurück bei unseren Familien, aber ohne Job. Wir arbeiten in Thailand ja in Fabriken, in denen es keine wirkliche Ausbildung gibt. So kommen wir hierher zurück, aufs Land, ohne besondere Fähigkeiten. Und so wissen wir nicht, wie wir uns über Wasser halten sollen. Wir helfen zwar unseren Eltern beim Hühnerhalten und beim Gemüseanbau. Aber unsere Familie hängt normalerweise von unseren Rücküberweisungen ab, die zum Beispiel unseren Geschwistern die Realschule finanzieren. Aber Hühner und Gemüse können eben kein finanzielles Einkommen ersetzen.”

Gemüsebauern

Für einen Gemüsebauern aus der Stadt stellt sich der Alltag unter Covid-19 wie folgt dar: “Ich bin aus Hadxaifong direkt am Mekong. Dort baue ich auf einem Hektar verschiedene Gemüsesorten an, von Frühlingszwiebeln und Salat über Gurken bis hin zu Auberginen und Chili. Der Beginn der Pandemie war für mich eine ‚goldene Zeit’, weil ich die gesamte Ernte an lokale Händler verkaufen konnte, die sie auch gleich direkt bei mir und anderen im Dorf abholten, da die Leute Nahrung zu Hause horteten. Doch nach dem Lockdown wurde es schwierig für uns, unsere Produkte zu verkaufen aufgrund der geringen Nachfrage. Ich denke, es gibt dafür drei Gründe: Erstens die geringeren Einkünfte bei unseren Kunden, und dass viele sich nicht wie sonst trauen, auf den Markt zu gehen. Es gibt auch keine Feste wie Hochzeiten, Neujahr oder das Raketenfestival, die große Mengen an Gemüse benötigen würden. Zweitens können die Menschen in Vientiane auch selber Gemüse anbauen, wenn sie von zu Hause arbeiten. Drittens leben in Vientiane viele, die aus dem ganzen Land zum Studieren oder Arbeiten gekommen sind. Wenn alles hier dicht macht, gehen viele von denen zurück in ihre Heimat. Das alles hat Auswirkungen auf mich als Gemüsebauer.“

Die Erfahrung eines ländlichen Gemüsebauers sieht ganz anders aus: “Meine Familie baut Gemüse zum Verkauf auf Märkten in der Hauptstadt und im Umland an, vor allem Kohl, Chinakohl und Zwiebeln. Normalerweise läuft der Verkauf über Mittelsmänner. Doch obwohl Händler reisen dürfen, finden sie keine Zeit mehr, Gemüse in die Stadt zu bringen. Weil viele Menschen aus Vientiane zurück in mein Dorf gekommen sind, werden wir Bauern dank der großen Nachfrage unseren gesamten Ertrag in unseren Dörfern los. Manchmal kommen Käufer direkt zu mir und ernten ihre Ware selbst. Was wir aber nicht tun dürfen, ist, die Preise zu erhöhen, da alle hier für ihren eigenen Konsum kaufen, nicht um Profit zu machen.“

Folgen der Pandemie

Diese Äußerungen verschiedener Personengruppen geben nicht nur Einblick in die alltäglichen Erfahrungen mit der Pandemie. Es zeigt sich auch, dass die Auswirkungen zwar entlang sozialer Unterschiede verlaufen, es aber dennoch schwierig ist, eindeutige Gewinner oder Verlierer dieser Krise auszumachen. Dennoch sind von den hier vorgestellten Personengruppen die Arbeitsmigrantinnen sicherlich am stärksten betroffen. Ihre Einkommen sind wichtig für das Vorankommen von Familienmitgliedern in Sachen Bildung – DEM Schlüssel zu sozialem Aufstieg und besseren Aussichten in der modernen laotischen Gesellschaft. Nun, da die Fabriken in Thailand geschlossen und sie zur Familie zurückgekehrt sind, fehlen ihnen aufgrund ihrer eigenen mangelnden Ausbildung die Mittel, um die Familie mit mehr zu unterstützen als ‚bloß’ durch Mithilfe in der Subsistenzwirtschaft.

Auch wenn er selbst seinen Job behalten konnte, musste der Hotelmanager mit der Kündigung seiner Mitarbeiter eine schwere und ihn belastende Entscheidung treffen. Auch sein Gehalt ist erheblich geschrumpft und bleibt abhängig vom Überleben des Unternehmens, welches wiederum über Kredite finanziert ist, deren Rückzahlung nun infrage zu stehen droht.

Bei den städtischen und ländlichen Gemüsebauern zeigte sich eine interessante Umkehr der Verhältnisse mit der pandemiebedingten Abwanderung zugezogener Vientianer in ihre Heimatdörfer. Bemerkenswert ist, dass bei allen Befragten das Thema der Subsistenzwirtschaft aufkommt – als eine altbewährte Strategie der Absicherung in unsicheren Zeiten. Was in diesem Zusammenhang die eindeutige Einteilung in Gewinner und Verlierer ebenfalls verkompliziert, ist das Zusammenrücken der Familien und die gegenseitige Hilfe innerhalb der erweiterten Verwandtschaft im Rahmen solch hergebrachter Absicherungsstrategien.

Die Interviews wurden vom Autor auf Lao geführt und ins Englische übersetzt.

Übersetzung aus dem Englischen von: Michael Kleinod.

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Editorial südostasien 1/2021:
Corona – Ein Jahr später, und immer noch mittendrin

Laos: Unser Autor analysiert die Auswirkungen von Covid-19 auf zwei Bereiche menschlicher Mobilität: Wanderarbeit und Tourismus. Ersterer bietet vielen ländlichen Haushalten ein wichtiges Einkommen. Letzterer ist der wirtschaftliche Lebensnerv von Reisezielen wie Luang Prabang.

Nimmt man einen beliebigen Reiseführer über Laos zur Hand, steht darin meist ein Satz wie: „Dieses etwas träge, isolierte Hinterland am Mekong scheint wie von der Zeit vergessen …“ Aber so abgelegen manche Landesteile sein mögen: seit den späten 1990er Jahren liegt Laos im Zentrum einer anhaltenden Integration der Mekong-Länder. Dieses Ineinander von Abgelegenheit und regionaler Verflechtung hat die Erfahrung mit Covid-19 entscheidend beeinflusst. Das zeigt sich deutlich anhand der Folgen der Unterbrechung gegenläufiger Mobilitätsformen, bei denen Menschen einerseits zum Geldverdienen ‚raus gehen’ und andererseits zum Geld ausgeben ‚rein kommen’.

“Covid hat Luang Prabang um etwa 25 Jahre zurückgeworfen“

Die abrupte, langfristige Unterbrechung des internationalen Tourismus – der Reisesektor machte in den letzten Jahren ca. 12% des Bruttoinlandsproduktes aus – hat einen hohen Tribut gefordert. Ein eindrückliches Beispiel für die Auswirkungen sind die geschlossenen Hotels und Restaurants in Luang Prabang, einer sonst mit Touristen übervollen Stadt, die nun, während die Pandemie weltweit ihren Lauf nimmt, in eine Art Starre verfallen ist.

Ein lokaler Reiseveranstalter erzählt mir: „Zu dieser Jahreszeit wäre normalerweise überall viel los, aber sehen Sie sich um. Überhaupt keine Ausländer*innen, nur ein paar laotische Tourist*innen und Expats. Stattdessen hat uns ‚Mr. Covid’ besucht, so sagen wir. Aber wir hatten nur wenige Fälle, wir hatten Glück in Laos, denn es gibt hier nicht so viele Menschen.“ Dank Grenzschließungen und Einstellung des regulären Flugverkehrs sowie einer frühen landesweiten Abriegelung (vgl. Artikel An der Grenze bleibt der Schlagbaum unten auf suedostasien.net) ist Laos in Bezug auf die Fallzahlen also sehr gnädig verschont geblieben.

Das kann man mit Blick auf die wirtschaftlichen Auswirkungen jedoch kaum sagen. Luang Prabang zählt während der Hochsaison – vom Ende bis zum Beginn der Regenzeit (Oktober bis März) – in der Regel Tausende Ankünfte von Touristen wöchentlich. Sie füllen die vielen Gästehäuser, Backpacker-Herbergen und Hotels der Stadt und schaffen Arbeit für Reiseführer*innen, Fahrer*innen und Verkäufer*innen schaffen. „So viele Geschäfte haben ein ganzes Jahr lang nichts zu tun gehabt“, sagt der Reiseveranstalter, „Covid hat Luang Prabang um etwa 25 Jahre zurückgeworfen. Es ist wie 1995, als wir den UNESCO-Status bekamen. Da waren so wenige Leute hier, nur Einheimische; mit Covid ist es wieder so.“

Heimreise laotischer Arbeitsmigrant*innen glich fast einer Völkerwanderung

Während Luang Prabang das Verbot des ausländischen Tourismus zu spüren bekam, hatte der Stopp eines ‚entgegen gesetzten’ Menschenstroms Auswirkungen, deren Ausmaß noch nicht vollständig abzusehen ist. Die Heimreise laotischer Arbeitsmigrant*innen glich fast einer Völkerwanderung. Schätzungen, wie viele Laot*innen im Ausland arbeiten, schwanken stark, was das Ausmaß undokumentierter Wanderarbeit widerspiegelt. Berichte der UN gehen von bis zu 280.000 laotischen Arbeiter*innen allein in Thailand aus. Von März bis Juli 2020 sind etwa 130.000 Migrant*innen infolge der Pandemie zurückgekehrt. Da viele inoffizielle Grenzübergänge nutzten, wird die wahre Zahl vielleicht nie bekannt werden. Nach einer Oxfam-Umfrage unter aus Thailand zurückgekehrten Wanderarbeiter*innen hatte mehr als die Hälfte ihren Arbeitsplatz bei der ersten Sperrung im März 2020 verloren. Die Gesamtverluste an Rücküberweisungen, die viele ländliche Familien dringend benötigen, da sie ohnehin in prekären Verhältnissen leben, werden auf 125 bis138 Millionen US-Dollar geschätzt.

Während für die Heimreise aus Thailand ein Bus zur nächsten Mekong-Brücke oder zu einem Boot über den Fluss genügt, standen diejenigen, die weiter weg arbeiteten, vor größeren Herausforderungen. Bekannt wurde der Fall einer Gruppe laotischer Fischer, die monatelang in Malaysia gestrandet waren, nachdem sie durch die Pandemie ihre Arbeit verloren hatten. Einige wurden beim Überqueren der Grenze nach Thailand aufgehalten, andere verwendeten den Großteil ihrer Ersparnisse für Charterflüge nach Vientiane.

Auf Rückkehrende wartet eine strenge 14-tägige Quarantäne in staatlichen Zentren oder, für jene, die es sich leisten können, in zugelassenen Hotels. Dennoch gibt es in den staatlichen Medien gelegentlich Berichte von positiven Fällen, zum Beispiel den einer Haushälterin, die aus Thailand über einen belebten Busterminal in Bangkok zurückkehrte und bei der Rückkehr positiv getestet wurde. Nach der Quarantäne ist es für die meisten schwierig, eine Arbeit zu finden, die auch nur annähernd den Lohn einbringt, den sie in anderen Ländern bekommen haben. Ein wahrscheinlicher Anstieg der Armut als Folge von Covid-19 droht, die jüngsten Verbesserungen des Lebensstandards und der Lebenschancen zunichte zu machen und die Ungleichheit zu erhöhen.

In Luang Prabang sind die meisten Jobs mit dem Tourismus verbunden

Während viele arbeitslose Migrant*innen einer unsicheren Zukunft entgegen sehen, leiden zahllose vom Tourismus abhängige Existenzen unter dem Verbot der internationalen Ankünfte. In den ruhigen Seitenstraßen von Luang Prabang dringt am späten Samstagnachmittag der traumhafte Gesang der Mönche aus den vielen Tempeln der Altstadt. Das Ausbleiben der Tourist*innen dürfte ihnen eine Atempause auf ihrem morgendlichen Almosengang verschaffen. DER Ort für den Sonnenuntergang ist Phousi, ein Hügel im Zentrum der Altstadt, von einem historischen Stupa gekrönt. Wo sonst hunderte Tourist*innen aus aller Welt auf den gewundenen Steinstufen Schlange stehen, ist nun fast niemand auf dem Weg nach oben, abgesehen von kleinen Gruppen Einheimischer. „Wir kommen gerne hierher, auch um den lokalen Tourismus zu unterstützen“, sagen sie mir, „es gibt für viele hier keine andere Möglichkeit, den Lebensunterhalt zu verdienen. Laot*innen müssen Laot*innen helfen.“

Ein Hotelangestellter fügt später hinzu: „In Vientiane ist es anders, weil es andere Jobs gibt, die die Leute machen können, aber in Luang Prabang sind die meisten Jobs mit dem Tourismus verbunden.“ Dies ist besonders in der Altstadt akut, aber auch andere Teile der Stadt und der weiteren Provinz sind in unterschiedlichem Maße von den Einnahmen aus dem Tourismus abhängig. Neben Dienstleistern wie Hotels, Bars und Restaurants verkauft der berühmte Nachtmarkt der Stadt Kunsthandwerk, das im Umland hergestellt wird. Der Morgenmarkt beliefert die meisten Restaurants der Stadt mit lokalen Produkten. Dutzende Fahrer, die Tourist*innen zu den nahegelegenen Wasserfällen und Höhlen bringen, warten auf Kund*innen – wie sonst die Raten für die Fahrzeuge abzahlen? (zu den Auswirkungen auf die laotische Tourismus-Branche siehe auch den Artikel Keine Touristen, kein Einkommen auf suedostasien.net)

Der Hotelangestellte erzählt, dass von den vielen vorübergehend geschlossenen Geschäften, Bars und Restaurants einige kleinere wohl nicht wieder öffnen werden: „Die Besitzer mussten woanders hingehen und einen anderen Weg finden, ihren Lebensunterhalt zu verdienen.“ Einige meinen, dass die gehobeneren Hotels in einer besseren Position sind, hohe Rabatte zu gewähren und sich so die wenigen Besucher*innen zu sichern. Für Besitzer*innen mit hohen Betriebskosten dürfte das etwas anders aussehen, aber kleinere, familiengeführte oder verpachtete Gästehäuser sind zweifellos in einer viel schwierigeren Lage, wenn sie monatelang keine Kund*innen bekommen. Viele waren vor dem Tourismusboom einfache Familienhäuser. Ihre Eigentümer*innen haben sie umgebaut, vermietet oder verkauft und sind aus der Altstadt wegzogen.

Zurück auf’s Feld?

Angesichts dieser Lage weist ein UN-Bericht über soziale Absicherung in Zeiten von Covid-19 auf die Gefahr hin, dass bereits ökonomisch gefährdete Familien nun völlig in die Armut abrutschen. Dabei verweist er auf die noch immer weithin agrarische Gesellschaft und das niedrige Geldeinkommen der meisten Menschen. Eine wichtige und bisher unbeantwortete Frage ist hierbei, inwieweit die Tradition der Subsistenzwirtschaft Familien unter solch ungünstigen Bedingungen, wie sie durch die Pandemie hervorgerufen wurden, wirklich über Wasser halten kann.

Bis in die jüngste Vergangenheit betrieben große Teile der Landbevölkerung hauptsächlich Subsistenzlandwirtschaft, kombiniert mit begrenzten kommerziellen Aktivitäten, um den Bedarf eines Haushalts zu decken. Jahrzehntelange hat die nationale Politik versucht, dies umzukehren und eine Nation kommerzieller Landwirte zu schaffen, wodurch auch der Verwertungsdruck auf Land und Ressourcen zugenommen hat.

In Luang Prabang scheinen viele zu meinen, dass das Sicherheitsnetz für den Lebensunterhalt immer noch diejenigen auffangen kann, die durch ‚Mr. Covid’ zu Fall gebracht wurden. „Laos hat wenige Menschen und viel Natur, die Menschen können hier anbauen, was sie zum Essen brauchen. Viele Menschen können noch Landwirtschaft betreiben, wenn sie keine Arbeit haben“, sagt ein einheimischer Tourist auf dem Phousi. Ein laotischer Agrarforscher äußerte sich ähnlich: „Laos ist teils in einer besseren Situation als die anderen Länder, wir sind nicht so betroffen wie in Amerika oder Europa. Die Menschen dort müssen zu Hause bleiben, aber sie haben kein Land, um für sich selbst etwas zu produzieren wie hier. Die Auswirkungen sind sehr schlimm, was die Arbeitsplätze in Laos angeht, aber viele Menschen können noch etwas anbauen, um zu überleben.“

Die Frage ist jedoch: Wie viel Land ist tatsächlich verfügbar oder zugänglich für potenziell hunderttausende zurückkehrender Migrant*innen sowie für arbeitslose Reiseleiter*innen, Fahrer*innen, Hotel- und Restaurantangestellte. Unterstützt das althergebrachte Sicherungsnetz tatsächlich all diejenigen, die längst eine andere Existenzgrundlage wie den Tourismus haben? Ich kann mich des Lächelns des Reiseveranstalters nicht erwehren, während er mir von einer Situation erzählt, die nichts Positives an sich hat. Als ich ihn darauf anspreche, antwortet er: „Was kann ich tun, außer zu lächeln? Ich muss es tun. Wir lächeln, weil es die einzige Möglichkeit ist, zu kämpfen.“

 

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Editorial südostasien 1/2021:
Corona – Ein Jahr später, und immer noch mittendrin

Südostasien: Wie Wirtschaftsinteressen und unternehmerisches Engagement des Militärs die Erreichung der Ziele für nachhaltige Entwicklung gefährden.

Das Militär ist eine Schöpfung und ein Instrument des Staates, um seine Autorität durchzusetzen. Aber was passiert, wenn das Militär zu einem Unternehmenskonglomerat wird und sich vor allem für Profit und Privilegien interessiert?

Wie in den Fällen von Myanmar, Thailand und den Philippinen ersichtlich ist, ähnelt das Militär, das sein eigenes Geld verdient, mehr und mehr einem Staat im Staate und ist gegenüber der Autorität demokratisch gewählter Parlamente zunehmend resistent. Die Demokratie wird untergraben; es entstehen Zweckbeziehungen mit einheimischen Plutokratien; Korruption im Beschaffungswesen herrscht vor; und der crony-Kapitalismus verfestigt sich.

Thailand: Boom der Milliardäre

In Thailand, der zweitgrößten Volkswirtschaft Südostasiens, führen Generäle den ‚Milliardärsboom‘ an, der es zum Land mit der größten Ungleichheit in der Region gemacht hat. [Der Terminus ‘Billionaire Boom’ stammt aus einem im November 2021 von Nikkei Asia veröffentlichten Bericht des Korrespondenten Marwaan Macan-Marker]

Das durchschnittliche monatliche Haushaltseinkommen liegt bei rund 22.000 Baht (588 €). Doch die 40 reichsten Personen Thailands – darunter junge, relativ unbekannte Magnaten, die in Militärfamilien geboren wurden – haben ein Vermögen von 151,7 Milliarden US-Dollar oder 28 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Ein Prozent der Menschen kontrollieren 67 Prozent des Reichtums des Landes. [Eine umfassende Darstellung dieser Ungleichheiten findet sich bei Phongpaichit and Baker (2016), Unequal Thailand: Aspects of Income, Wealth, and Power, National University of Singapore Press]

Myanmar: Waffenstillstandskapitalismus

Nach dem Waffenstillstand von 1989-1994 begannen Militäreinheiten, die in von Aufständen betroffene, rohstoffreiche Grenzgebiete zu China entsandt worden waren, Geschäftsabschlüsse (Holzeinschlag, Gummiplantagen, Bau, Wohnungsbau usw.) mit privaten, meist chinesischen Unternehmen, die der Myanmar-Kenner Kevin Woods „Waffenstillstandskapitalismus“ nannte.

Um Geschäfte zu machen, benötigte das Militär jedoch oft eine juristische Person – ein eingetragenes Unternehmen, das befugt war, Verträge abzuschließen, Bankkonten zu eröffnen, Mitarbeiter einzustellen oder Kreditbriefe auszustellen. Daher gründeten Generäle im April 1990 ein Unternehmen, das inzwischen in Myanmar Economic Holdings Limited (MEHL) umbenannt wurde und zur Kapitalbeschaffung zur Ausgabe von 20 Millionen Aktien ermächtigt wurde.

Bis zum 31. März 2002 hatte MEHL 11.235.497 Aktien im Besitz von 27.743 Militärangehörigen und 1371 institutionellen Aktionären, darunter das Verteidigungsministerium, die zwölf regionalen Kommandos, Bataillone und Organisationen von Veteranen. MEHL besaß 16 hundertprozentige Tochterunternehmen, die in den Bereichen Bergbau, Zementproduktion, Bankwesen, Tourismus und Transportdienstleistungen tätig waren, beteiligte sich außerdem an 22 Joint Ventures mit ausländischen Unternehmen und verpachtete Land an elf andere Firmen. [Die englische Übersetzung des Jahresberichts von MEHL März 2002 ist zugänglich: Online Burma/Myanmar Library]

Philippinen: Militarisierte Bürokratie

Der Verlauf des Militärkapitalismus auf den Philippinen ist ganz anders, obwohl der Militärapparat in ähnlicher Weise zunehmend zu einer Macht an sich wurde. Er hat nicht weniger Kontrolle über die Hebel in einer zunehmend ‚militarisierten Bürokratie‘, die Zugang zur Anhäufung von Reichtum bieten. Aktive oder pensionierte Militäroffiziere werden routinemäßig in die Vorstände staatseigener und staatlich kontrollierter Unternehmen berufen. Politiker, die bestrebt sind, deren Gunst zu gewinnen, geben Offizieren Zugriff zu Spitzenposten in der Bürokratie, insbesondere in Ämter mit Regulierungsbefugnissen über wirtschaftliche Transaktionen.

Weitere Einzelheiten zu den Fallbeispielen Thailand, Myanmar und Philippinen sind hier zu finden:

Regionaler Trend zu Khaki-Kapital

Der Trend einer Militär GmbH, KG oder AG hat sich in Südostasien so weit verbreitet, dass der Begriff Khaki-Kapital erfunden wurde, um die „wirtschaftlichen Vermögenswerte von Sicherheitskräften“ zu bezeichnen. Es ist ein Trend, der auch in Indonesien, Laos, Kambodscha und Vietnam zu beobachten ist, wenn auch mit anderen Merkmalen. Er führt zu Khaki-Kommerz oder formellen und informellen Formen des Militärkapitalismus.

Daher lässt sich fragen: Könnte die aktive Existenz des Militärs in der Geschäftswelt einer der Gründe sein, weshalb Südostasien nicht auf dem richtigen Weg ist, bis 2030 irgendeines der Ziele für nachhaltige Entwicklung (Sustainable Development Goals, SDG) zu erreichen, wie von der Wirtschafts- und Sozialkommission für Asien und den Pazifik der Vereinten Nationen (Economic and Social Commission for Asia and the Pacific, ESCAP) vorhergesagt?

Geschäftsinteressen und Vermögenswerte

Ein Militär, das Profite und Privilegien kontrolliert, hat ernsthafte Auswirkungen. Der Putsch in Myanmar im Februar 2021 zum Beispiel scheint durch Schritte im von der nichtmilitärischen National League for Democracy dominierten Parlament ausgelöst worden zu sein, die Kontrolle über die Vermögenswerte und Geschäfte des Militärs wieder an die Regierung zu übertragen. Obwohl Myanmars Verfassung von 2008 25 Prozent der Sitze im Parlament dem Militär zusichert, starteten die Generäle offenbar lieber einen Putsch, anstatt zu riskieren, dass Politiker die Kontrolle über ihre riesigen Geschäftsinteressen und wirtschaftlichen Vermögenswerte übernehmen.

In Thailand endete 2006 der Versuch des damaligen Premierministers Thaksin Shinawatra, Militärunternehmen zu privatisieren, mit einem Militärputsch, der seine Regierung stürzte. In den Philippinen tun Präsidenten, die das Militär ignorieren oder herausfordern, dies ebenfalls auf eigene Gefahr, wodurch die Zivilregierung ständig von einer Beschwichtigung des militärischen Establishments abhängig ist.

Es hat sich auch gezeigt, dass Unternehmen in Militärbesitz nicht nur Finanzierung und Gewinne, sondern auch politische Deckung bieten. Beispielsweise wurde bei der Vertreibung muslimischer Rohingya aus dem Bundesstaat Rakhine in Myanmar im August 2017 festgestellt, dass 45 ausländische Unternehmen mit kommerziellen Verbindungen zur bereits genannten, von Generälen gegründeten Myanmar Economic Holdings Limited (MEHL) und zur Myanmar Economic Corporation (MEC) dem Militär ‚Entwicklungsprojekte‘ im Wert von 6,15 Millionen US-Dollar zur Verfügung gestellt haben, um die ethnischen Säuberungen zu legitimieren. Eine Untersuchung der Vereinten Nationen zu den Gräueltaten bezeichnete diese Projekte als Aktivitäten, „die möglicherweise einen direkten Beitrag zur Begehung von Verbrechen nach internationalem Recht geleistet haben“, und empfahl eine strafrechtliche Untersuchung von MEHL und MEC. US-Sanktionen, die 2016 nach der Demokratisierung Myanmars aufgehoben wurden, wurden seitdem wieder verhängt, insbesondere gegen MEHL und MEC (siehe Box zu Myanmar).

Entpolitisierung oder Politisierung des Militärs?

In Südostasien sind in einem historischen Prozess, der viele Jahre gedauert hat, Militärs zu Bossen von Geschäftsabschlüssen und Empfänger von Privilegien geworden – und gleichzeitig zu Befehlshabern staatlich autorisierter Gewalt. Dieser Prozess wirkt sich eindeutig nicht nur auf demokratische Prozesse, sondern auch auf die Qualität der Entwicklung und das Wirtschaftswachstum in diesen Ländern aus. Ein Schlüsselindikator ist der Rückstand Südostasiens bei der Erreichung der 17 Ziele für nachhaltige Entwicklung bis 2030.

Der Trend zur Militär GmbH muss genau beobachtet und zum Thema weiterer Forschung gemacht werden, um Wege zu finden, das Problem anzugehen. Folgt man der Argumentation des angesehenen philippinischen Politikwissenschaftlers Francisco Nemenzo Jr., dass diese Militärs nicht mehr entpolitisiert werden können, lautet die Forschungsfrage: Wie könnten diese politisch unternehmerisch tätigen Militärs wieder so politisiert werden, dass sie sich an demokratischen Institutionen und Traditionen ausrichten?

Aus dem Englischen übersetzt von: Jörg Schwieger

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