1 | 2019, Indonesien,
Autor*in:

„Wettbewerb nach unten“ – Die Verlagerung von Fabrikstandorten

Nachdem PT Sentosa Utama Garmindo am 25. Januar 2019 besetzt wurde, gibt es Hinweise darauf, dass die Fabrik den Standort verlagern wird © GSBI

Nachdem PT Sentosa Utama Garmindo am 25. Januar 2019 besetzt wurde, gibt es Hinweise darauf, dass die Fabrik den Standort verlagern wird © GSBI

Indonesien: Der Industriesektor in Indonesien entwickelt sich dahin, Fabriken aus Gebieten mit hohen Lohnstandards, wie dem Großraum Jakarta, in Gebiete mit niedrigen Löhnen umzusiedeln, zum Beispiel nach Zentraljava. Zwar schreitet auf Java, der am dichtesten besiedelten und industriereichsten Insel, auch der Neubau von Fabriken voran. Gebaut wird aber vor allem in neuen Industriegebieten in Zentral- und West-Java. Standortverlagerung und Expansion erlauben die Senkung der Produktionskosten und sind somit Strategien zur Gewinnmaximierung für Unternehmen. Doch was passiert mit den Arbeiter*innen?

 

Laut Angaben des indonesischen Arbeitgeberverbandes Asosiasi Pengusaha Indonesia (Apindo) verlagerten seit 2013 mindestens 90 Fabriken im Großraum Jakarta ihren Standort nach Zentraljava. Alleine im Jahr 2015 wurden laut Berichten des indonesischen Textilverbandes Asosiasi Pertekstilan Indonesia (API) 47 Fabriken aus den an Jakarta grenzenden Provinzen Westjava und Banten nach Zentraljava verlegt.

Vom alten zum neuen Industriegebiet

PT Kawasan Berikat Nusantara (KBN) verwaltet drei als logistisch strategisch angesehene Industriegebiete, eines davon ist Kawasan Cakung. Das Industriegebiet stellt eine der größten Produktionsstätten der Bekleidungsindustrie in Jakarta dar und steht nun vor der Umsiedlung. Fabriken, die ursprünglich im Cakung KBN tätig waren, konzentrieren sich nun bei der Suche neuer Industriegebiete auf West bzw. Zentraljava. Als wir im Mai 2014 im Cakung KBN forschten, beobachteten wir, dass um die Mittagszeit Massen an Arbeiter*innen, überwiegend junge Frauen, in die Seitenstraßen zwischen den Fabriken strömten. Sie drängelten sich um die Essensstände der Straßenverkäufer*innen, denn die meisten Fabriken im Cakung KBN verfügten über keine beziehungsweise für die Masse an Arbeiter*innen nicht ausreichende Kantinen. Als wir Mitte 2018 zu Cakung KBN zurückkehrten, fanden wir zur Mittagszeit stattdessen leere Gassen vor. Viele der Fabriken wurden geschlossen, die Arbeiter*innen wurden entlassen und die Essensstände entlang der Straßen waren verschwunden.

Die Polizei überwacht die Lage während die Arbeiter*innen das Fabrikgelände PT Sentosa Utama Garmindos besetzen © LIPS

Die Polizei überwacht die Lage während die Arbeiter*innen das Fabrikgelände PT Sentosa Utama Garmindos besetzen © LIPS

Massenentlassungen im Cakung KBN

Die plötzliche Leere im Cakung KBN hing mit der Verlagerung der Fabrikstandorte zusammen. Mehrere Gewerkschaftsmitglieder und Verwalter erklärten, dass im Oktober 2018 nur noch etwa 30 Fabriken von ehemals 130 Fabriken in Betrieb gewesen wären. Berichten zufolge haben einige Unternehmen im Cakung KBN die Entlassung ihrer Arbeitnehmer*innen seit 2015 entweder mit niedriger Auftragslage oder nicht ausreichender Effizienz des Unternehmens gerechtfertigt. Die Kündigungsgründe erlauben es den Unternehmen, Arbeiter*innen zu entlassen, ohne Abfindungen zahlen zu müssen. Im Cakung KBN waren von den Kündigungen hauptsächlich junge Frauen betroffen, die im Textilsektor arbeiteten.

Nike, Adidas, Puma und H&M auf Sparkurs

Viele der Unternehmen, die einen Standortwechsel anstreben, sind Zulieferer für internationale bekannte Marken wie zum Beispiel: Nike, Adidas, Puma, Uniqlo, H&M und GAP. Standortverlagerung und Expansion können ebenfalls durch Markeninhaber*innen selbst oder andere Auftraggeber*innen durchgeführt werden. Sie besitzen machtvolle Positionen in den globalen Produktionsketten. Zulieferer fürchten, dass Markeninhaber*innen zum Beispiel ihre Produktionsaufträge an andere Zulieferfirmen eventuell in andere Länder vergeben, wenn sie sich nicht an die Anforderungen anpassen. Teilweise ist das schon der Fall, denn Nike und Adidas haben begonnen, ihre bisherigen Produktionsaufträge in China und Indonesien in Länder wie Kambodscha und Myanmar zu verlagern. Zulieferer stehen somit unter erheblichem Zugzwang. Es kommt zu Fabrikschließungen oder Standortverlagerungen, zum Teil ins Ausland, je nachdem, was Markeninhaber*innen von Zulieferern verlangen.

Jagd auf niedrige Löhne

Es gibt mehrere Gründe, die die Standortverlagerungen in Indonesien begünstigen. Einer der Hauptgründe: niedrige Löhne. Je nach Region variieren Lohnstandards erheblich. So werden im Industriegebiet Bekasi im Großraum Jakarta zum Beispiel Mindestlöhne von 3.837.939 IDR / Monat (ca. 240 Euro) gezahlt, während in Zentraljava im Regierungsbezirk Boyolali nur 1.651.619 IDR / Monat (ca. 104 Euro) gezahlt werden. So kann eine Verlagerung der Produktionsstätte unter Berücksichtigung der Lohnunterschiede Produktionskosten erheblich senken.

Kürzlich wurde eine Regierungsverordnung zur Beschränkung von Lohnerhöhungen erlassen (Peraturan Pemerintah (PP) 78/2015), die Lohnerhöhungen auf höchstens 10 Prozent pro Jahr beschränken. Doch unter Berücksichtigung der Inflation genügt das nicht, die Bedürfnisse von Arbeitnehmer*innen und Familien ausreichend zu decken. Die Verordnung hebelt die Rolle des Lohnrates aus, der dafür verantwortlich ist, Lebenshaltungskosten und Preisanstiege jährlich zu ermitteln. Die Berechnungen des Lohnrats sollten als Basis dienen, um Lohnerhöhungen so anzupassen, dass Arbeiter*innen ein menschenwürdiges Leben ermöglicht wird.

Nachdem Arbeiter*innen 2 Monate kein Lohn gezahlt wurde, besetzten sie am 25. Januar 2019 das Fabrikgelände von PT Sentosa Utama Garmindo in Sukabumi © GSBI

Nachdem Arbeiter*innen 2 Monate kein Lohn gezahlt wurde, besetzten sie am 25. Januar 2019 das Fabrikgelände von PT Sentosa Utama Garmindo in Sukabumi © GSBI

Während die Verordnung sich negativ auf das Leben der Arbeiter*innen auswirkt, profitieren Unternehmen, gerade in den neuen Industrieregionen, in denen Arbeiterbewegungen noch schwach sind. Durch die neue Lohnpolitik ist es möglich, Löhne zu zahlen, die weit unter den Mindestlohnvorschriften für Stadt und Regierungsbezirk liegen. Die Bezirksregierungen neuer Industrieregionen befinden sich im Wettkampf, billigste Standorte zu sein und senken daher immer weiter die vorgegebenen Mindestlöhne. Sie hoffen dadurch mehr Unternehmen in ihr Gebiet zu locken. Es entsteht ein so genannter „Wettbewerb nach unten“.

Veränderung der Standortumgebung

Ein weiterer Grund für die Standortverlagerung ist die Degradierung der Umwelt, die sich in Industriegebieten nach einigen Jahren bemerkbar macht. Neben saisonalen Überschwemmungen kommt es häufig zu einer „Wasserkrise“. Die Verfügbarkeit von sauberem Wasser sinkt und der Zugang zu Wasser wird teurer. Durch die Anwesenheit von Fabriken steigen weiterhin die Grundstückspreise. Deshalb wählen Unternehmen, die ihre Fabriken ausbauen wollen Gebiete, in denen keine Wasserknappheit herrscht und Grundstückspreise günstig sind. Zusätzlich stellen die täglichen Verkehrsstaus, Unruhen in den Arbeiterbewegungen, saisonale Überschwemmungen und die „Wasserkrise“, ernstzunehmende Bedrohungen für den Erfolg der Unternehmen dar.

Natürlich werden die alten Industriegebiete nicht vollständig aufgegeben. Landbesitzer in alten Industriegebieten verwandeln industriell genutzte Räume in Büros und Lager. Alte Industriegebiete werden also umgestaltet. Beispielsweise werden ehemalige Fabrikgebäude im Cakung KBN in Lagerflächen umgewandelt. Hiermit reagiert KBN auf Prognosen, dass der Hafen Tanjung Priok zum größten Hafen Asiens ausgebaut werden soll und damit einhergehend Be- und Entladevorgänge zunehmen werden, die Platz für Büros und Lager benötigen.

Anreize durch ausgebaute Infrastruktur in Zentraljava

Neue Industriegebiete in Zentral-Java verfügen heutzutage über gut ausgebaute Infrastruktur. Zum Beispiel führt nun die Trans-Java Mautstraße durch die neuen Industrieregionen. Die Straße erleichtert die Logistik, da sie Fabriken, Lagerhäuser und Häfen verbindet. Die Häfen Tanjung Mas in Semarang und der Hafen in Kendal sind leicht zu erreichen, beide Häfen liegen nahe Semarang in Zentral-Java. Dies erleichtert die Logistik einerseits, indem Rohstoffe für die Produktion leichter bezogen werden können und andererseits erleichtert es das Versenden der fertigen Ware für den Export. Hinzu kommt eine Verbesserung der Stromversorgung in den neuen Industrieregionen in Zentral-Java. Noch vor einigen Jahren beklagte sich der Arbeitgeberverband über unzureichende Stromversorgung in den Gebieten, aber durch die Inbetriebnahme mehrerer Kraftwerke auf Java gibt es mittlerweile ausreichend Strom für Haushalte und die Industriegebiete. Die gute Anbindung an das Verkehrs- und Stromnetz fördern die Umsiedlungspolitik der Unternehmen.

Die Standortverlagerung in Gebiete mit niedrigen Mindestlöhnen wird durch den Erlass, der Lohnerhöhungen einschränkt, gefördert. Auch wurden in den letzten Jahren Umweltauflagen, steuerliche Regelungen und arbeitsrechtliche Vorschriften so verändert, dass sie eine Standortverlagerung für Unternehmen attraktiver werden ließen. So gibt es zum Beispiel steuerliche Anreize für Unternehmen, ihre Fabriken nach Zentraljava zu verlagern.

Im Oktober 2018 blockierten Arbeiter*innen eine Straße in Purwarkata, West-Java, nachdem eine Fabrikschließung angekündigt worden war © FSPMI

Im Oktober 2018 blockierten Arbeiter*innen eine Straße in Purwarkata, West-Java, nachdem eine Fabrikschließung angekündigt worden war © FSPMI

Arbeiterbewegungen schrecken Unternehmen ab

Es gibt zahlreiche progressive und erfolgreiche Arbeiterbewegungen an den bisherigen Industriestandorten im Großraum Jakarta. Unternehmen versuchen Gewerkschaften zu meiden, ein weiterer Grund, der für Standortverlagerungen spricht. Im Großraum Jakarta und Bogor erzielten Arbeiterbewegungen einige Erfolge. Durch gewerkschaftliche Aktivitäten, wie zum Beispiel regionale und nationale Streiks oder Autobahnblockaden, setzte die Arbeiterbewegung ihre Forderungen nach besseren Arbeitsbedingungen gegenüber dem Staat und Unternehmen durch. Unternehmen und der Staat haben ein Interesse daran, bestehende Arbeiterbewegungen zu meiden und zu umgehen. Die Verlagerung von Fabrikstandorten ist dabei eine Strategie. In neuen Industriegebieten lassen die Arbeitgeber nur die Gründungvon solchen Gewerkschaften zu, die dem Unternehmen nicht kritisch gegenüber stehen. Sie verbieten zum Beispiel die Bildung unabhängiger Gewerkschaften, die sich für bessere Arbeitsbedingungen einsetzen.

Herausforderung für Gewerkschaften

Ende Oktober 2018 schloss PT Dada Indonesia in Purwakarta, Westjava, plötzlich seine Fabrik. Das Unternehmen, ein Adidas Zulieferer, eröffnete eine neue Fabrik, mit dem Namen PT Laspoin, in Boyolali, Zentral-Java. Insgesamt wurden 1300 Arbeitnehmer*innen ohne soziale Absicherung oder der Zahlung von Abfindungen entlassen. Seit 2017 setzte das Unternehmen die Zahlung von Mindestlöhnen aus.

PT Dada Indonesia ist nur ein Beispiel für die Folgen der Standortverlagerung von Fabriken. Unternehmen kommunizieren die geplanten Umzüge häufig nicht vorab. So erleben viele Arbeitnehmer*innen eine plötzliche Beendigung der Arbeitsverhältnisse und erhalten keine Abfindungen. Gründe für Standortverlagerungen sind häufig, dass Zulieferfirmen von den Mutterkonzernen gezwungen werden, günstiger zu produzieren. Standortverlagerungen ermöglichen (es) Unternehmen zum Beispiel durch Zahlung niedrigerer Gehälter, Produktionskosten erheblich zu senken.

Die Regierung unterstützt Standortverlagerungen zum Beispiel durch die oben beschriebene Regierungsverordnung zur Einschränkung der Lohnerhöhung. Arbeitsrechtsverletzungen die durch Standortverlagerungen hervorgerufen werden, werden nicht verfolgt. Durch Standortverlagerungen entsteht eine Schwächung der Gewerkschaften. Viele Gewerkschaftsmitglieder sind Opfer von Entlassungen. Im Jahr 2013 wurden auf Fabrikebene 11.852 Gewerkschaften verzeichnet mit 3,4 Millionen Mitgliedern. Im August 2018 wurden nur noch 7.294 Gewerkschaften mit 2,7 Millionen Mitgliedern gezählt.

Trotz der prekären Arbeitslage kämpfen die Arbeiter*innen weiter. Die negativen Auswirkungen der Standortverlagerungen veranlasst viele Arbeiter*innen vor Gericht zu ziehen und für Gerechtigkeit zu kämpfen. Manche kämpften über fünf Jahre darum, eine Abfindung nach plötzlichem Verlust des Arbeitsplatzes zu erhalten. Einige Unternehmensführungen mussten sich vor Gericht verantworten und wurden teilweise inhaftiert. Die Standortverlagerung ist eine große Herausforderung für Gewerkschaften. Sie müssen sich umorganisieren und neue Strategien entwickeln, um den Auswirkungen der Standortwechsel entgegenzuwirken.

Übersetzung aus dem Indonesischen von: Andrea Höing

  • Artikel


Der Autor


Alfian Al Ayubby Pelu ist Forscher am Lembaga Informasi Perburuhan Sedane – Sedane Arbeiter Ressourcen- und Informationszentrum.

    The User does not have any posts

  • Artikel


Der Autor

Syarif Arifin ist Geschäftsführer von LIPS (Sedane Arbeiter Ressourcen- und Informationszentrum) in Indonesien. Seine Arbeiten unter anderem über die Geschichte der indonesischen Arbeiter*innenbewegung, Arbeitsrechte und -gesetzgebung wurden in unterschiedlichen Medien veröffentlicht. Er ist zudem einer der Herausgeber der indonesischen Arbeitszeitschrift, Majalah Sedane.

Creative Commons Lizenzvertrag
Dieser Text erscheint unter einer Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz


1 | 2019, Indonesien,
Autor*in:

„Wettbewerb nach unten“ – Die Verlagerung von Fabrikstandorten

Was bedeuten Sport- und Freizeitaktivitäten für die Menschen in Südostasien? Manche schöpfen daraus Kraft und Energie, andere pflegen soziale Kontakte oder traditionelle Bräuche. Schönheitsideale oder die Lust auf Wettkampf sind weitere Motivationen für sportliche Betätigung.

Spiel, Sport und Freizeit spielen für Menschen in Südostasien eine zentrale Rolle im Leben.Es gibt eine große Vielfalt an Sport- und Freizeitangeboten, auch in Form ‚lokaler Sportarten’, wie die Kampfkünste Muay Thai, Kun Khmer, Pencak Silat oder der Federfußball Sepak Takraw. Daneben „eroberten“ auch ‚westliche Sportarten‘ wie Fußball, Badminton, Basketball und Volleyball die südostasiatische Sportwelt.

Sport- und Freizeitaktivitäten sind längst auch ein ernstzunehmender Wirtschaftsfaktor. Sportvereine funktionieren teilweise wie Wirtschaftsunternehmen oder werden von diesen gekauft und kommerzialisiert. Sport und Spiel werden nicht nur aktiv betrieben, sondern – im Zuschauen – auch konsumiert. Werbung, der Verkauf von Rechten, Ausrüstung an Sporttreibende sowie Fanartikeln und die sehr beliebten Sportwetten versprechen riesige Gewinnspannen und haben Einfluss auf Gesellschaft und Politik.

In dieser Ausgabe der südostasien beschäftigen wir uns mit der vielfältigen Welt von Spiel, Sport und Freizeit in Südostasien. Unsere Autor*innen setzen sich mit politischen und gesellschaftlichen Strukturen, Hintergründen und Herausforderungen der vielfältigen Aktivitäten auseinander.

Fußball ist in fast ganz Südostasien unangefochten die beliebteste Sportart. Fanrivalitäten, auch gewaltsam ausgetragen, sind ein bekanntes Phänomen. Staaten sehen im Sport auch die Möglichkeit, sich selbst zu definieren und durch sportliche Erfolge Stolz und Nationalgefühl zu generieren. Sportarten werden dann von der Politik gefördert und erfolgreiche Sportler*innen können zu Berühmtheit und gewissem Reichtum und öffentlichem Ansehen in ihren Heimatländern gelangen.

Im Interview erzählt Dr. Diana Ramos Dehn über ihre außergewöhnliche Basketballkarriere in den 1970er-Jahren in einer bis dahin in den Philippinen ausschließlich von Männern dominierten Sportart. Über Philippinische Sportpolitik zwischen Stolz und Misere schreibt Jörg Schwieger und beleuchtet die Herausforderungen junger Spitzenathlet*innen bei fehlender staatlicher Unterstützung.

Als großes Sportevent spielen die seit 1959 bestehenden Southeast Asian-Games (SEA-Games) eine herausragende Rolle in der Region: Sie sind die einzige internationale Sportveranstaltung, bei der regionale Sportarten vertreten sind. Neben dem Wettbewerb wird Raum geschaffen für einen grenz- und sportübergreifenden Austausch in Südostasien, der das Wir-Gefühl in der Region fördern kann.

Nicht nur im Wettkampf bei den SEA-Games sondern auch im Alltag ist Sepak Takraw aus Südostasien nicht wegzudenken. Sebastian Kelbling zeigt die lange Geschichte und die wichtige Bedeutung dieser im Deutschen „Federfußball“ genannten Sportart, die immer populärer wird.

Eine Motivation für Profisport liegt auch im Ziel, der Armut zu entkommen. Die Fotoreportage von Romi Perbawa und Christina Schott führt uns auf die indonesische Insel Sumbawa. Dort reiten Kinderjockeys Rennen, die aufgrund hoher Risiken und mangelnder Sicherheit sehr umstritten sind.

Wir wünschen euch/ihnen eine erkenntnisreiche Lektüre mit dieser südostasien, die in den kommenden drei Monaten um weitere Artikel wachsen wird. Und schon jetzt weisen wir auf die danach folgende Ausgabe 1/2024 hin. Zum Thema Wahlen, Demokratie und Menschenrechte können potenzielle Autor*innen noch Artikel einreichen.

Viel Freude mit der neuen südostasien wünscht das Redaktionsteam.

Creative Commons Lizenzvertrag
Dieser Text erscheint unter einer Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz


1 | 2019, Indonesien,
Autor*in:

„Wettbewerb nach unten“ – Die Verlagerung von Fabrikstandorten

Deutschland/Indonesien: Im Juni 2023 fanden die Olympics World Games 2023 zum ersten Mal in Deutschland statt. 2027 wird Indonesien der Gastgeber sein. Ein Interview mit Warsito Ellwein, Vorsitzender von Special Olympics Indonesia (SOINA).

südostasien: Was ist der Unterschied zwischen den Special Olympics und ‚anderen‘ Olympischen Spielen?

Warsito Ellwein: Die Special Olympics sind eine Bewegung, sie sind etwas Besonderes. Im Gegensatz zu den Olympischen und Paralympischen Spielen nehmen an den Special Olympics Athlet*innen teil, deren Beeinträchtigung meist auf das Down-Syndrom zurückzuführen ist. Menschen mit Down-Syndrom werden mit einer genetischen Störung, einer Chromosomenanomalie, geboren, die zur Entwicklung einer Intelligenz führt, die meist unter dem Durchschnitt liegt. Das Hauptziel der Special Olympics besteht nicht darin, Medaillen zu gewinnen, sondern in der Gemeinschaft und im Bemühen, Menschen ins gesellschaftliche Leben einzubeziehen.

Indonesien ist ja nicht zum ersten Mal dabei…

Indonesien ist seit 1986 Mitglied der weltweiten Special-Olympics-Bewegung. Deshalb nehmen wir auch immer an den Special Olympics World Games teil, 2019 in Abu Dhabi, 2023 in Berlin. Aber diese Beteiligung und die Spiele waren der Öffentlichkeit bisher kaum bekannt. Wir hoffen, dass es künftig mehr mediale Aufmerksamkeit geben wird.

Was tut SOINA, der indonesische Verband für die Special Olympics, dafür?

Wir haben das Ganze in Indonesien dieses Mal anders aufgezogen, angefangen bei den sprachlichen Bezeichnungen. Die Athlet*innen bezeichnen wir nicht mehr als „Menschen mit Behinderung“, wie man sie früher nannte, sondern „Menschen mit speziellen Begabungen“, auf Indonesisch „orang bertalenta khusus“. Für Menschen mit (geistiger) Behinderung gibt es in Indonesien sehr große Hürden. Sie erleben häufig soziale Stigmatisierung, werden als Belastung oder sogar als Schande für die Familie angesehen. Oft wird ihr Zustand als eine ‚Strafe Gottes‘ angesehen, zum Beispiel wegen Verfehlungen der Eltern oder anderer Familienmitglieder. Sie werden verspottet und für dumm gehalten, auch von ihren eigenen Familien. Sie werden oft geschlagen oder sogar gefesselt, weil sich die Familien für sie schämen.

Kann man das verändern, indem man diese Menschen anders bezeichnet?

Ja. Als Erstes wollten wir die Bezeichnungen „behindert“ streichen. Denn für uns sind sie Menschen mit spezieller Begabung. Sie sind also besondere Menschen. Ja, sie haben einen niedrigeren Intelligenzquotienten als andere, aber dafür haben sie auch andere Stärken. Und das wirkt. Seit wir die Bezeichnung geändert haben, und für diese „Menschen mit spezieller Begabung“ werben, bekommen wir mehr Sponsoren aus der Wirtschaft. Plötzlich gibt es Sportbekleidungsfirmen und Schuhfirmen, die unsere Athlet*innen ausstatten wollen.

Gab es weitere Veränderungen, über die sprachliche Ebene hinaus?

Wie gesagt, früher geschah alles eher unter dem Radar. Der Verband wählte einige Athlet*innen, meistens aus Jakarta oder aus Westjava, und schickte die Delegation anschließend zu den Special Olympics World Games. Es gab kaum Publikationen darüber, keine Berichte in den Medien. Wir sind bei den Vorbereitungen dieses Mal in die Provinzen gereist, haben mit den Regionalregierungen gesprochen, und baten sie um Hilfe bei der Wahl der Athlet*innen mit speziellen Begabungen. Und siehe da, viele Provinzen machen mit und viele Eltern kommen, um ihre Kinder registrieren zu lassen. Städte und Provinzen haben dann zusammen mit uns regionale Special Olympics Games veranstaltet, die so genannten PESODA. Und die besten Athlet*innen kommen dann zu PESONAS, den nationalen Special Olympics, die wir im Juli 2022 mit Unterstützung der Provinz-Regierung in Semarang, der Hauptstadt von Zentraljava, organisierten.

Wie war der Zuspruch unter Athlet*innen und Zuschauer*innen?

Die Resonanz war unglaublich, wir konnten es fast nicht glauben. Es kamen über 1000 Athlet*innen aus den Provinzen. Viele Delegationen kamen von fernen Inseln mit Bussen oder mit Schiffen, weil sie nicht genug Geld für ein Flugticket hatten. Es gab Familien, die ihre Kinder eigens finanzieren. Ganze Familien kamen nach Semarang. Wir hatten ja als nationaler Verband kein Budget aus staatlichem Haushalt. Aber es kamen viele Spenden. Und in Semarang hatten wir viele, viele Freiwillige, die bei der Durchführung von PESONAS helfen wollten. Die Athlet*innen brauchen ja Betreuung, und zwar 24 Stunden am Tag. Sie dürfen nicht allein gelassen werden. Die Begeisterung war außergewöhnlich. So viele Sportler*innen und so viele Freiwillige wollten sich engagieren, auf regionaler und auf nationaler Ebene. Nach PESONAS fingen wir dann direkt mit der Vorbereitung für die Special Olympics in Berlin an. Die ausgewählten Athlet*innen aus 17 Provinzen wurden zunächst in ihren Heimatstädten betreut, und dann später in einem speziellen Trainingscamp in Semarang vorbereitet. Und dieses Mal haben viele Medien darüber berichtet, regionale und auch nationale Medien. Bevor wir nach Berlin flogen, wurden wir von Präsident Joko Widodo empfangen.

Du hast lange in Deutschland gelebt, wo man dich als politischen Aktivisten gegen das Suharto-Regime kannte. Wie kommst du zur Position als Vorsitzender des indonesischen Special Olympics-Verbandes SOINA?

Nach Suhartos-Rücktritt (1998) bin ich nach Indonesien gegangen und habe mit unterschiedlichen zivilgesellschaftlichen Gruppen gearbeitet, vor allem in Zentraljava. Als der langjährige Vorsitzende der SOINA aus gesundheitlichen Gründen sein Amt zur Verfügung stellte, hat man mich als einen der Kandidaten für dieses Amt nominiert. Anfangs wollte ich die Nominierung nicht annehmen, da ich, ehrlich gesagt, nicht viel von Sportorganisation verstehe. Aber viele Freunde haben mich dazu gedrängt. Ich habe dann verstanden, das Special Olympics anders ist, es ist kein Leistungssport. Hier ist vielmehr der Solidaritätsgedanke, das Miteinander, die Teilhabe an gesellschaftlichem Zusammenleben wichtig. Also habe ich zugestimmt. Und dann wurde ich tatsächlich auch gewählt, obwohl es andere Sportfunktionäre gab, die sich zur Wahl gestellt hatten. Vielleicht, weil die darauf folgenden World Games in Berlin stattfinden sollten. Ich hatte ja vorher an vielen deutsch-indonesischen Projekten mitgearbeitet.

Hast du das Gefühl, du kannst in dieser Funktion tatsächlich gesellschaftlich etwas ändern, zum Beispiel beim Umgang mit Menschen mit Beeinträchtigungen in Indonesien?

Es ist ein langer Prozess, aber die Antwort ist: ja. Man sieht das jetzt schon, mit der Durchführung der nationalen Special Olympics (PESONAS) 2022. Plötzlich bekommen wir viel Aufmerksamkeit. Wir haben jetzt im Verband Sektionen in 34 Provinzen, die 35. ist in Vorbereitung. Wir haben jetzt über 4.700 aktive registrierte Sportler*innen. Außerdem fast 600 registrierte Trainer*innen und genauso viele registrierte Freiwillige, die sich freiwillig engagieren. Sie bekommen keine Bezahlung dafür.

Du sprichst über Solidaritätsgedanken und Miteinander. Wie wird das für dich spürbar?

Man spürt den Unterschied zwischen „Leistungssport“ und Special Olympics. Als wir mit über 1.000 Athlet*innen das Sportfest in Semarang veranstalteten, man muss sich erst einmal klarmachen, was das bedeutet. Diese Menschen sind ja etwas anders, sie vergessen sehr oft ihre Sachen und legen sie einfach auf einen Tisch oder eine Bank. Aber wir konnten ihre Smartphones, Uhren und andere Wertsachen immer wieder finden. Nichts wurde geklaut, alle waren fröhlich dabei.

Vielleicht noch eine kleine Geschichte… Am Anfang, als wir unser Fußballteam trainierten, ist uns aufgefallen, dass es den Spieler*innen anscheinend schwer fiel, Tore zu schießen. Jemand stand oft schon vor dem Tor, doch anstatt den Ball rein zu schießen, beförderte er den Ball ins Aus. Wir Trainer und Betreuer haben das am Anfang nicht verstanden, warum schießt er den Ball nicht ins Tor? Als wir den Spieler fragten, antwortete er: „Ich habe es nicht übers Herz gebracht, der Torwart ist doch mein Freund. Wenn ich den Ball ins Tor schieße, wird man nachher über ihn lachen oder ihn als schlechten Torwart bezeichnen. Das will ich nicht.“ So sind sie eben, diese speziellen Athlet*innen. So ist ihr Geist der Solidarität und des Miteinanders.

Und wie habt ihr dann trainiert? Beim Fußball müssen doch Tore fallen?

Wir haben ein Fußballspiel mit fünf Toren erfunden. Und die Spieler sollen Tore machen, egal in welches Tor. Und die anderen sollen die Tore verhindern. Das hat funktioniert.

Gab es bei den Special Olympics in Berlin für die indonesischen Athlet*innen ein Medaillenziel?

Ja, das Medaillenziel ist notwendig, um die Anforderungen der Gesellschaft und der Menschen in der Heimat gerecht zu werden. Es heißt eben Sport, und die Leute zu Hause wollen wissen, ob wir erfolgreich sind oder nicht. Deshalb haben wir von SOINA gesagt, wir wollen in Berlin neun Goldmedaillen gewinnen [die indonesischen Athlet*innen errangen zehn Mal Gold, fünf Mal Silber und acht Mal Bronze, d.R.] . Aber was für uns noch wichtiger ist, ist zu zeigen, dass die Sportler*innen herausragende Leistungen erbringen können und dass sie auch im Namen Indonesiens unterwegs sind. Wenn die Gesellschaft das erkennt, gibt es einen größeren Raum für ihre Teilhabe am Leben. Sie können mit weniger Diskriminierung und ohne Stigmatisierung leben. Zumindest ihre Familien sind jetzt sehr stolz auf diese talentierten Menschen, weil sie nach Berlin geflogen sind und dort Indonesien vertreten haben.

Interview und Übersetzung aus dem Indonesischen von: Hendra Pasuhuk

Creative Commons Lizenzvertrag
Dieser Text erscheint unter einer Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz


1 | 2019, Indonesien,
Autor*in:

„Wettbewerb nach unten“ – Die Verlagerung von Fabrikstandorten

Philippinen: Die Geschichte der Kampfkunst Arnis geht weit in die vorkoloniale Zeit zurück. Der philippinische Nationalsport wird heute auch international ausgeübt.

Sport spielt in den Philippinen eine wichtige Rolle im Leben der Menschen und hat eine vielfältige Bedeutung für die Gesellschaft. Das beginnt schon im Kindesalter mit sportlichen Spielen. Patintero [ein Fangspiel für zwei Gruppen, die Red.], Luksung Baka [eine Art Bockspringen, die Red.], Chinese Garter [ein Sprungspiel, in Deutschland bekannt als Gummi-Twist, die Red.] sind sehr verbreitet. Das beliebteste Spiel ist Langit-Lupa [ein Fangspiel für eine Gruppe, die Red.]. Auf den Philippinen nennt man diese Spiele Larong Kalye oder Straßenspiele. Hier finden Kinder eine Freizeitbeschäftigung, die sie körperlich und geistig fördert.

Die Sportarten werden von kleinen Barangays (Ortsteilen) bis zu nationalen Veranstaltungen ausgetragen. Die Organisation übernehmen sowohl Vereine als auch Gemeinden und Städte.

Noch vor der Kolonialisierung der Inseln im Pazifik waren Spiele ein Teil der sozialen Zusammenkünfte der Insulaner. Die unterschiedlichen lokalen Sprachen wurden und werden durch Sport überbrückt. Das führt zu sozialem Zusammenhalt und zur Stärkung der Gemeinschaft. Gern werden sogar Kampfsportarten wie Arnis spielerisch ausgetragen.

Von der Kriegskunst zur Kampfsportart

Die Kunst des Arnis – auch Kali oder Eskrima genannt – ist ein Teil der Künste und Traditionen der Kriegerkaste Maharlika.

Diese Kriegskunst umfasst verschiedene Aspekte des Kampfes, insbesondere bewaffnete Auseinandersetzungen mit Lang- und Kurzschwertern, Messern, Speeren sowie Ringen und Schlag- und Tritttechniken. Zu den besonderen Fähigkeiten eines Arnis-Kämpfers gehört der gleichzeitige Einsatz von zwei Waffen und die Verteidigung mit Alltagsgegenständen. Die Ausbildung erfolgt in der eigenen Clan-Gemeinschaft, oft mit Hartholz- oder Rattan Stöcken, um Verletzungen zu vermeiden.

Heute ist Arnis eine der auf Waffen basierenden Kampfsportarten des Landes, die unter dem Oberbegriff Filipino Martial Arts zusammengefasst werden. Neben Nahkampf-, Greif- und Entwaffnungstechniken werden Bastons (Stöcke) aus Rattan oder Kamagong-Holz, Messer, Klingen, Speere, Bolo (Haumesser), der indonesische Dolch kris und das einschneidige Schwert kampilan aus Mindanao verwendet.

Arnis ist auch bei internationalen Wettkämpfen eine etablierte Sportart und eine Disziplin bei den Südostasienspielen. Seit 2010 ist Arnis der offizielle Nationalsport der Philippinen. Er muss an allen philippinischen Schulen gelehrt werden.

Kolonisierung und Verbot der Arnis-Kampfkunst

Aus der vorkolonialen Zeit erzählt man sich bis heute Geschichten der Kriegerin Urduja der Yuan-Dynastie. In weiteren Legenden ist die Rede von Lam-Ang und dem Sonnen- und Kriegs-Gott Apo Laki als Meistern der Kunst. Für die kolonialen Eroberer stellten die Kampfkünste der Einheimischen eine Gefahr dar, da sie deren Selbstbewusstsein stärkte. Eine blutige Auseinandersetzung wie jener, bei der Fernando Magellan 1521 durch philippinische Soldaten unter Lapu-Lapus Kommando getötet wurde, war für die Kolonialisierung ein Hindernis.

Wegen der selbstbewussten und tapferen Krieger der Inseln gelang es den Spaniern erst im Bündnis mit einheimischen Adligen, das Land zu erobern. Dies schwächte das politische Gleichgewicht im Archipel. Die Einheimischen konnten keine effektive Streitmacht gegen die Spanier aufstellen. Das Verbot der Kunst des Arnis durch die spanische Kolonialmacht im Jahr 1764 war ein Herrschaftsinstrument. Die Krieger mussten ihr Können im Geheimen praktizieren und es oft mit Folkloretänzen verbinden. So bewahrten sie ihr Wissen für die Nachwelt.

Seit 1899 haben die USA mit der Übernahme der Philippinen als Kolonie von Spanien und der Befreiung von der japanischen Besatzung im Zweiten Weltkrieg die Regierung und das Militär bis zur heutigen Zeit geprägt.

Im Zweiten Weltkrieg und im Vietnamkrieg setzten die USA philippinische Soldaten ein, darunter den in Westpoint ausgebildeten späteren philippinische Präsident Fidel Ramos. Der Mythos, dass die USA gezielt Arnis-Meister angeworben hätten, ist aber nicht belegt. Die von den USA angeworbenen Soldaten aus dem Archipel waren meistens keine Arnis-Experten. Eine Ausnahme bildete der Arnis-Großmeister Leo Giron, der bereits in den zwanziger Jahren in die USA gegangen war, im zweiten Weltkrieg unter Befehl von Douglas Mc Arthur kämpfte und später in Kalifornien die philippinische Kampfkunst populär machte.

Leovigildo Giron, der Begründer des Vereins Bahala Na Giron Arnis Escrima, hatte Techniken aus dem Dschungelkrieg entwickelt, die im Zweiten Weltkrieg Verwendung fanden. Bis 1966 behielt Giron sein Wissen für sich. Der Mord an Krankenschwestern in Chicago änderte seine Meinung. Mit Kenntnissen der Selbstverteidugung hätten die Frauen möglicherweise ihr Leben retten können.

Traditionelle Ausübung oder Verwestlichung?

Traditionell wurde Arnis mit mittelalterlichen Kriegswaffen wie Schwert oder Speer ausgeübt. Nach dem Verbot durch die Spanier wurde Arnis weiterhin praktiziert, allerdings wurden die Schwerter und Speere durch Rattan Stöcke ersetzt. Heute wird die Kampfkunst Arnis mit ihren Bewegungsschemata sowie Kampf- und Verteidigungstaktiken wieder weitergegeben. Mit dem Nutzen von scharfen Klingen und Alltagsgegenständen werden Kampfkunstschüler nach einer langen Ausbildung zu Meistern. Wegen der kulturellen Zerstörung durch die spanische Kolonialherrschaft gibt es kaum Informationen über die Herkunft von Kampfkünsten wie Arnis. Archäologische Funde führten zwar zu einigen Fragmenten. Ob lediglich die Maharlika-Krieger diese Kampfkunst eingesetzt haben, oder ob sie weiter verbreitet war, darüber ist nichts bekannt.

Die Verwestlichung asiatischer Kampfkünste und ihre Integration in den Kampfsport führen dazu, dass mit Arnis immer häufiger Turniere im westlichen Stil abgehalten werden. Diese Turniere umfassen normalerweise freie Kämpfe und Vorführungen von Anyo (Stil). Aufgrund des hohen Verletzungsrisikos beim freien Kampf, insbesondere mit Stöcken, sind die Teilnehmer*innen heute in der Regel verpflichtet, Schutzausrüstung wie Helme, Brustpanzer, Handschuhe zu tragen. Zudem werden die Kämpfe mit speziell präparierten Stöcken ausgetragen. Auch sind manche gefährliche Techniken verboten.

Befürworter der westlichen Wettkämpfe betonen den sportlichen Charakter der asiatischen Künste und argumentieren für deren praktische Anwendbarkeit im sportlichen Kontext. Kritiker hingegen sind der Meinung, dass diese Art von Wettkämpfen dem wahren Charakter und Geist der Künste widersprächen und dass durch die stark reduzierte Anzahl und teilweise veränderten Techniken Arnis an Authentizität verliere.

Creative Commons Lizenzvertrag
Dieser Text erscheint unter einer Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz


1 | 2019, Indonesien,
Autor*in:

„Wettbewerb nach unten“ – Die Verlagerung von Fabrikstandorten

Myanmar/Thailand: Zwei zentrale Folgen der Netflix-Serie FightWorld konzentrieren sich auf Südostasiens Kampfkunst. Beleuchtet werden Muay Thai (Thai-Boxen) und sein weniger bekanntes Pendant Lethwei aus Myanmar.

Frank Grillo, Moderator der Netflix-Serie FightWorld, ist vor allem Schauspieler, aber er ist auch ein Fan von Kampfkünsten aller Art. In der Serie FightWorld gibt er seinem Hobby Raum und stellt Kampfkunst-Profis ins Rampenlicht. Die Folgen Thailand: Der glückliche Sohn und Myanmar: Am Scheideweg führen die Zuschauer*innen nach Südostasien.

Bei Kampfkunst geht es nicht um die Stärken und Schwächen des Gegners, sondern um die eigenen. „Wir wollen nicht einander besiegen, sondern uns selbst“ erläutert ein Hobby-Straßenkämpfer aus Bangkok in Thailand: Der glückliche Sohn. Seine Einschätzung wird von vielen anderen Befragten geteilt. Jede*r Kämpfer*in strebt danach, aus Vergangenheit und/oder Gegenwart resultierende psychische oder auch physische Schwierigkeiten zu bewältigen.

Karriere, Bildung und Gemeinschaft

Armut ist oft die treibende Kraft hinter der Entscheidung junger Menschen in Thailand und Myanmar, sich im Kampf-Ring zu testen. Außer der Möglichkeit zu einer Karriere, bietet die Mitgliedschaft in einem Klub auch Bildung und Gemeinschaft. Das Training bringe junge Menschen aus unterschiedlichen ethnischen und religiösen Hintergründen zusammen, erzählt der Gym-Besitzer Win Zin Oo aus Yangon in Myanmar: Am Scheideweg. Das ist eine wichtige Leistung in einer gespaltenen und konfliktreichen Gesellschaft. Doch sie hat ihren Preis.

Die Kamera verweilt auf einem bis zur Unkenntlichkeit geprellten Gesicht, auf gebrochenen Nasen, zerschrammten Rippen. Obwohl Artur Saladiak, ein ausländischer Teilnehmer der Lethwei Weltmeisterschaft in Yangon betont, dieser Sport sei ungefährlich und nicht brutal, erzählen die Verletzungen nach seinem Sieg eine andere Geschichte.

Mit 25 Jahren sind Kampfsportler bereits ‚alt‘

Muay Thai ist als Kunst der acht Gliedmaßen bekannt ist (Füße, Hände, Ellbogen und Knie). Lethwei gilt als Kunst der neun Gliedmaßen, weil auch Kopfstoß erlaubt ist. Außerdem tragen Lethwei-Kämpfer keine Handschuhe, nur eine dünne Schicht aus Gaze-Band. Im Gegensatz zu Muay Thai, das sehr viel Ausdauer verlangt, endet Lethwei nach fünf Runden mit einem Gleichstand. Das passiert aber nur wenn kein KO oder TKO vorher stattfindet. Deshalb fangen beide, Muay Thai und Lethwei Kämpfer, bereits sehr jung an. Im Alter von 25 Jahren ist ihre Karriere meistens schon vorbei. Inseepayong, der Protagonist der Thailand-Episode, hat im Alter von 17 Jahren schon 200 Kämpfe hinter sich.

Wer Glück hat, kann eine gewisse finanzielle Stabilität für sich selbst und seine Familie erreichen. Obwohl illegal, wird bei Muay Thai Kämpfen viel gewettet und die Einsätze werden mit den Teams mit Handzeichnen kommuniziert. Das Versprechen einer größeren Summe treibt erschöpfte Kämpfer an.

Lebende Legenden und bescheidene Meister

Erfolg bringt Ruhm gefolgt. Grillo besucht die größten Meister ihres Faches. In Thailand kennt jeder den Namen von Buakaw, der mit 240 Gewinnen eine lebende Muay Thai-Legende ist. Er ist auch Unternehmer und besitzt seine eigene Trainingshalle. Anderseits in Myanmar: Lone Chaw, der unbestrittene Champion von Lethwei bleibt seinen bescheidenen Anfängen treu und unterrichtet die nächste Generation im kleinen Familien-Gym von Win Zin Oo weiter. Obwohl, wie der Titel der Myanmar-Episode ankündigt, Lethwei gerade an einem Scheideweg steht, besteht er darauf, dass die Sportart traditionell bleiben und nicht Berühmtheit, sondern Selbstentwicklung im Vordergrund stehen solle.

Phoe Taw sieht es anders. Er stammt aus einer Mittelschichtfamilie und studierte Elektrontechnik. Seine Eltern missbilligen seine Ambition. Phoe Taw strebt nach Geld und Berühmtheit. „Ich werde wie die Ei-Puppe sein, ich werde nie fallen“ verkündet der junge Mann in Bezug auf pyit taing htaung, die Myanmar-Version des Stehaufmännchens. Sein französischer Gegner in der Weltmeisterschaft behandelt ihn zunächst herablassend. Doch kurz darauf wird er von Phoe Taw KO geschlagen. Er sei ein richtiger Star, so lautet Grillos Loblied nach dem Kampf.

Leben am Scheideweg

Es gibt Umstände, aus denen man sich nicht rauskämpfen kann. Wenn Inseepayong seinen Boxkampf verliert, treffen ihn verletzenden Worte seines Trainers hart. Doch nach einer Umarmung von Grillo konzentriert er sich schon wieder auf das nächste Match und führt seinen um die Überwindung der eigenen Grenzen fort.

In welchem Umfang das Leben von Phoe Taw an einem Scheideweg stand, verstand in der Zeit der Dreharbeiten noch niemand. Als freimütiger Kritiker des Militärputsches von 2021, der Min Aung Hlaing zu einem Cagefight herausgefordert hat, wurde er nach einem Autobombenanschlag trotz schwerer Verletzungen inhaftiert und für Anstiftung gegen die Regierung unter dem berühmten Paragraf 505 des Strafgesetzbuchs angeklagt. Phoe Taw ist nach wie vor in Haft, wie es ihm geht, darüber ist laut Medienberichten nichts bekannt. Too Too, der Titelverteidiger von Lethwei der in FightWorld auch auftaucht, wurde ebenso festgenommen. Sein gewaltsamer Tod in der Haft wurde im April 2023 verkündet.

Rezension zu FightWorld. Die Serie ist verfügbar auf Netflix.

Creative Commons Lizenzvertrag
Dieser Text erscheint unter einer Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz


1 | 2019, Indonesien,
Autor*in:

„Wettbewerb nach unten“ – Die Verlagerung von Fabrikstandorten

Kambodscha: Im Interview berichtet der Kickbox-Meister Eh Phouthong über seine Karriere als Profi-Sportler und seine heutige Arbeit als Boxtrainer.

südostasien: In welchem Alter hast du mit Boxen angefangen?

Eh Phouthong: Als ich zehn Jahre alt war habe ich angefangen Kun Khmer [die kambodschanische Form des Kickboxens, d.R.] zu trainieren.

Wie ging es danach weiter?

Mit 18 Jahren hatte ich meinen ersten professionellen Kampf. Obwohl ich in der Provinz Koh Kong geboren wurde und dort meine ersten Jahre verbracht habe, fand dieser Kampf in der Provinz Prey Veng statt. Für diesen Kampf, den ich auch gewonnen haben, wurden mir rund fünf Dollar bezahlt.

Wie konntest du mit so wenig Geld als Profiboxer überleben?

Damals habe ich noch bei meinen Eltern in der Provinz Koh Kong gelebt und musste nicht arbeiten gehen. Nachdem ich den ersten Profi-Kampf gleich gewonnen habe, hat mein Vater für die nächsten Kämpfe bessere Konditionen ausgehandelt und ich habe mehr und mehr Geld verdient.

Was waren die größten Hindernisse auf deinem Weg?

Nach dem ersten Profi-Kampf zog ich in die Provinz Prey Veng und lebte bei meinem Onkel. Dort fühlte ich mich oft alleine. Außerdem habe ich mich so auf das Trainieren und Boxen fokussiert, dass ich nicht zur Schule gegangen bin. Bis heute geht es in meinem Leben nur ums Boxen, etwas Anderes kann ich nicht. Deswegen bin ich immer noch in diesem Business tätig.

Was war dein größter Sieg? Wann fühltest du dich am glücklichsten?

Das war nach meinem ersten Sieg in Prey Veng. Ich habe gegen einen Gegner aus Battambang [eine Hochburg des Kun Khmer, d.R.] gewonnen. Ich war so glücklich und hatte das Gefühl, nur Kun Khmer kann mich glücklich machen. Außerdem hatte ich dann auch bald das Gefühl, dass ich von dem Sport leben kann.

Hierzulande ist vor allem das Thai-Boxen bekannt. Welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede gibt es zwischen Kun Khmer und Muay Thai?

Kun Khmer und Muay Thai sind sich ziemlich ähnlich. Kun Khmer hat eine ältere Tradition als Muay Thai. Aber während des Krieges [Kambodschas Bürgerkrieg, die Zeit unter den Khmer Rouge und dem anschließenden Bürgerkrieg bis 1991, d.R.] ging die Tradition im Land verloren. Zur gleichen Zeit haben die Thailänder Muay Thai gefördert und auf der ganzen Welt bekannt gemacht. Sie haben es zu ‚ihrem Sport‘ gemacht. Mittlerweile kämpfen die Khmer darum, dass der kambodschanische Ursprung des Sports anerkannt wird, weil es ein wichtiger Teil der Khmer-Kultur ist.

Im Vorfeld der Südostasien-Spiele 2023 gab es Streit zwischen Kambodscha und Thailand um die Benennung des Sports. Weil sich das Gastgeberland Kambodscha durchsetzte, hat Thailand die Kun Khmer-Wettkämpfe boykottiert. Was hältst du davon?

Ich hätte es gerne gesehen, wenn die Thais bei den Kämpfen mitgemacht hätten, weil es um den Spaß am Sport geht. Außerdem sollten auch die Besten daran teilnehmen. Wegen des Streits haben sich die Menschen über Khmer und die thailändische Kultur unterhalten. Die beiden Kulturen sind sich sehr ähnlich. Aber trotz aller Gemeinsamkeiten ist die Art, wie wir Boxen lernen und es praktizieren, doch noch eine andere.

Was muss geschehen um Kun Khmer auf internationaler Ebene mehr zu fördern?

Wir müssen von Thailand lernen und sehr viel mehr auf die sozialen Medien setzen. Außerdem müssen wir den jungen Menschen mehr Möglichkeiten geben, das Boxen als Leistungssport auszuüben.

Warum hast du nach deiner Karriere als Kämpfer eine Boxschule aufgemacht?

Ich habe die Schule gegründet, weil es keine Gegner mehr für mich gab. Ich war zu gut. Wenn mich heute ein anderer herausfordern würde, ginge ich sofort wieder in den Ring, um zu kämpfen.

Wie vielen Schülern bringst du Kun Khmer bei?

Als ich 2003 meine erste Schule in der Stadt eröffnete, hatte ich rund 20 Schüler. Mittlerweile habe ich zwei Schulen und um die 40 Schüler. Vor vier Jahren musste ich eine der Schulen in der Stadt schließen, weil es Ärger um die Landrechte gab. Ich bin deshalb aus der Stadt herausgezogen, wo ich jetzt auch wohne [Die Schule befindet sich rund eine halbe Stunde außerhalb Phnom Penhs, d.R.].

Gibt es unter deinen Schülern auch Kämpfer, die an dein Talent heranreichen?

Unter meinen 40 Schülern haben vielleicht vier oder fünf großes Talent und sie können eine erfolgreiche Zukunft haben, wenn sie sich voll auf das Boxen konzentrieren.

Wenn einer dieser Schüler kämpft, zieht es dich dann selbst wieder in den Ring?

Immer (lacht schallend!) Ja, manchmal will ich wirklich wieder zurück in den Ring und kämpfen.

Kuch Sikol hat während des Interviews aus dem Khmer ins Englische übersetzt.

Creative Commons Lizenzvertrag
Dieser Text erscheint unter einer Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz