3 | 2018, Thailand,
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Ein thailändischer Bram Stoker

Darstellung des Khmer Äquivalents Phi Krasues in einem kambodschanischen Comic © Reading Books 2012

Darstellung des Khmer Äquivalents Phi Krasues in einem kambodschanischen Comic © Reading Books 2012

Bram Stokers Dracula prägte das populäre Bild des Vampirs und machte ihn zum prominentesten unheimlichen Wesen der westlichen Moderne. Stokers Einfluss ist zwar außergewöhnlich – aber nicht einmalig: auch der thailändische Comiczeichner Tawee Witsanukorn griff auf regionale Folklore zurück, verschmolz sie mit dem herrschenden Zeitgeist und prägte so nachhaltig die popkulturelle Imagination thailändischer „Hexen“.

 

Wir wollen hier Tawee Witsunakorns Einfluss auf die Vorstellung vor allem eines unheimlichen Wesens in Thailand nachspüren: Phi Krasue. Während der Begriff phi zumeist mit Geist oder Gespenst übersetzt wird, soll unser Beitrag u.a. demonstrieren, dass hier differenziert werden muss. Am Wandel der popkulturellen Imagination Phi Krasues wird sich zeigen, dass es sich hier eher um ein hexenartiges Wesen handelt – welches zunehmend vampirartige Züge trägt.

Die Modernisierung des Geisterhaften in Thailands Popkultur

Dem thailändischen Geisterfilm wird gemeinhin der größte Einfluss auf die Vereinheitlichung des Geisterhaften zugeschrieben. Unsere neuesten Forschungen zeigen jedoch: Es waren Comics und nicht Filme, die den bekanntesten geisterhaften Wesen Thailands ihre heute charakteristischen Züge gaben. Ab der Mitte des 20. Jahrhunderts gaben thailändische Comic-Künstler vielen geisterhaften Wesen konkrete Formen, die dann in Filmen übernommen wurden. Im Laufe der Zeit fanden diese popkulturellen Imaginationen ihren Einzug in die thailändische Alltagswelt und verdrängten die eher schemenhafte und regionalspezifische Vorstellung des Geisterhaften.

Neuauflage des Comics Krasue Sao aus dem Jahre 2017 © Tawee Witsanukorn

Cover der zweibändigen Neuauflage des Comics Krasue Sao aus dem Jahre 2017 © Tawee Witsanukorn

Die Geschichte des thailändischen Comics begann bereits im Jahre 1907 und brachte eigene Meister und Trends hervor. Dazu zählen aufwendige und von kunstvoller Poesie begleitete Illustrationen, die in den 1930er Jahren ihren Höhepunkt erlebten und in den 1950er Jahren von einer Mischung aus Comic und Volkstheater, dem so genannten „Cartoon Likay“, abgelöst wurden. Am populärsten waren schließlich die Ein-Baht-Comics, die in den 1970er Jahren monatlich erschienen und eine Auflage von über einer Million erreichten. Geistergeschichten waren in dieser Zeit das beliebteste Comicgenre. Das lag vor allem an den Illustrationen von Hem Vejakorn (1903-1969), einem erfolgreichen Schriftsteller und Zeichner, der das Genre der Geistergeschichte in den frühen 1930er Jahren durch seine illustrierten Kurzgeschichten populär machte. Zwischen 1953-1967 produzierte er unzählige solcher Geistergeschichten. Er war der erste thailändische Künstler, der das Genre „thaiisierte“, indem er es mit Illustrationen versah, die entgegen dem globalen Trend, das Lokale des Geisterhaften betonten.

Tawee Witsanukorn und sein künstlerischer Einfluss auf das Comicgenre sind außerhalb der thailändischen Comicszene weitgehend unbekannt. Geboren als Tawee Yencham im Jahre 1941, entwickelte er seine Leidenschaft für das Zeichnen bereits in der Oberschule. 1960 begann Tawee sein Studium der Malerei an der prestigereichen Poh-Chang Akademie der Künste, wo er ein Student von Hem Vejakorn wurde. 1960 veröffentlichte er sein erstes Geistercomic Mae Nak Phra Khanong, eine Adaptation der wohl berühmtesten thailändischen Geistergeschichte.

Die „Popkulturalisierung“ von Phi Krasue

Da sich die Wissenschaft bisher kaum mit dem Comic als künstlerischem Genre auseinandergesetzt hat und die meisten thailändischen Geistercomics nur in wenigen Exemplaren erhalten sind, wurde die Bedeutung des Comics für die Kulturgeschichte des Geisterhaften in Thailand lange übersehen. Auch Tawees Krasue Sao (Krasue Mädchen, 1968-1973) war lange vergriffen und so wurde in der Wissenschaft bisher der gleichnamige Film aus dem Jahre 1973 (Regie: Naowaratch S.) als Ursprung der aktuellen Imagination dieses Wesens angenommen. Dabei ist Phi Krasue stets eine Frau, die tagsüber ein ganz normales Leben führt. Doch getrieben von einem unstillbaren Hunger, trennt sich im Schlaf der Kopf mit einer Reihe innerer Organe vom Rumpf und schwebt umgeben von einem flackernden Leuchten auf der Suche nach Nahrung davon. Dabei wird eine Vorliebe für Unreines und nicht Essbares betont, wie z.B. mit Krankheit, Tod und Geburt assoziierte Körperflüssigkeiten, Aas oder rohes Fleisch.

Orale Traditionen im ländlichen Thailand betonen dagegen insbesondere die Vorliebe für menschliche Fäkalien, die Phi Krasue von anderen hexenartigen Wesen unterscheidet. Dies ist auch der Grund, warum Phi Krasue in der ethnologischen Literatur lange als Schmutzgeist bezeichnet wurde. In der ländlichen Alltagswelt ist die Verwandlung in ein Phi Krasue Folge eines Tabubruchs. Magische Handlungen sind immer mit Tabus verbunden, orientieren sich meist am buddhistischen Wertekanon und sollen davor schützen, dass magisches Wissen aus niederen Beweggründen eingesetzt wird. Einige sind aber nicht mit den Aufgaben der Frau im ländlichen Alltagsleben Thailands vereinbar und so scheint ein Tabubruch für Frauen, die sich mit Magie beschäftigen, früher oder später unumgänglich. Magie ist im thailändischen Denken eine männliche Domäne, nach dem Frauen nicht über die charakterliche und spirituelle Stärke verfügen, sich unbeschadet dieses Wissen anzueignen. Während die Tatsache, dass es sich bei Phi Krasue immer um Frauen handelt, in der ländlichen Alltagswelt also über einen Tabubruch rationalisiert wird, ist es in filmischen Narrativen meist ein Familienfluch, der in der weiblichen Linie weitergegeben wird.

Darstellungen Phi Krasues und Phi Krahangs im Comic Krasue Sao © Tawee Witsanukorn

Darstellungen Phi Krasues und Phi Krahangs im Comic Krasue Sao © Tawee Witsanukorn

Ein Vergleich von Film und Comicbuch zeigt, dass Tawees Krasue Sao als Storyboard für den gleichnamigen Film diente, die zeichnerische Darstellung des Wesens und dessen Entstehungsgeschichte also eins zu eins übernommen wurden. Unsere Nachforschungen unter thailändischen Comic-Sammlern ergaben zudem, dass es keine Darstellungen Phi Krasues auf Wandgemälden oder in anderen historischen Quellen gegeben zu haben scheint, so dass es sich beim Comic offenbar um die erste bildliche Darstellung handelt. Im Comic finden sich aber auch etliche andere Wesen der thailändischen Folklore erstmalig in bildlicher Darstellung. Dazu zählt auch Phi Krahang, der als männliches Äquivalent Phi Krasues betrachtet wird. Auch hier scheint Tawees Comic eine Schlüsselrolle gespielt zu haben, was Phi Krahangs Erscheinungsbild nahelegt, das sich augenscheinlich von dem Phi Krasues unterscheidet. Phi Krahang wird gewöhnlich als menschliches Wesen mit Tierschwanz imaginiert, das zwei Worfelkörbe als Flügel nutzt und auf einer Mörserkeule durch die Luft reitet. Im Gegensatz zu Phi Krasue ruft Phi Krahang meist kein unheimliches Gefühl hervor, sondern wird eher mit Schmunzeln betrachtet.

Von 1968 bis 1973 erschien die Geschichte Krasue Sao zunächst zweiwöchentlich und später monatlich im Comic-Magazin Noo Ja und wurde schnell zu einem großen Erfolg. Daraufhin erschien die Geschichte ab 1971 in insgesamt neun Sammelbänden. Diese sowie die späteren Taschenbuchauflagen waren stets schnell vergriffen und erzielten unter Sammlern hohe Preise. 2017 entschloss sich Tawees Tochter aufgrund der anhaltenden Nachfrage, das Geisterepos in einem zweibändigen Sonderband mit insgesamt über 600 Seiten in vierter Auflage neu herauszugeben.

Der thailändische Comicsammler und Freund Tawees, Woravut Ruengsri, gibt im Vorwort zum Comic an, dass Tawee die Geschichte von Phi Krasue als Kind von seinem Vater hörte, der als Soldat im heutigen Kambodscha stationiert war. Dort wurde ein anderer Soldat zum Tode verurteilt, weil er seine Frau umgebracht hatte, deren Leiche kopflos am Tatort aufgefunden wurde. Während des Verhörs gab der Beschuldigte an, dass er seine Frau umbrachte, weil sie ein Krasue war. Er habe gesehen, wie nachts ein Leuchten aus dem Körper seiner schlafenden Frau drang. Vor diesem Hintergrund erschuf Tawee unter Rückgriff auf Elemente der populären Mae Nak-Erzählung seine Geschichte der jugendlichen Phi Krasue, die zusammen mit ihrem Ehemann gegen ihre unheimliche Verwandlung kämpft.

Das Gespenst der toten Großmutter

Wie der gleichnamige Film, erzählt Krasue Sao die Geschichte der jungen Buaklee, die von ihrer Großmutter aufgezogen wird. Diese hinterlässt Buaklee auf dem Totenbett einen Ring unter der Auflage, diesen niemals abzulegen. Außerdem wollte die Großmutter, entgegen der buddhistischen Tradition, nicht verbrannt, sondern beerdigt werden. Buaklee gehorcht, weiß jedoch nicht, dass der Ring aus dem geflochtenen Haar zweier unheimlicher Wesen hergestellt wurde, Phi Tai Hong (phi eines schlechten Todes) und Phi Tai Tang Klom (phi einer Frau, die im Kindbett starb).

Nach dem Verstreichen der hunderttägigen Trauerfrist fängt Buaklee an, sich nachts zu verwandeln, wobei sich ihr Kopf vom Köper löst und umgeben von einem unheimlichen Leuchten auf die Suche nach unreiner Nahrung geht. In Comic und Film ist es der Geist der toten Großmutter, der sich so ernährt. Der Ring stellt eine untrennbare Verbindung zwischen Buaklees Körper und dem Geist ihrer Großmutter her. Der größte Teil der Geschichte handelt davon, wie Buaklee und ihr Mann versuchen, die Verwandlung rückgängig zu machen wobei sie übernatürliche Schwierigkeiten zu bewältigen haben.

Khmer Ursprung?

Große Teile dieser Geschichte finden sich bereits in einer im Jahre 1904 erschienenen Beschreibung hexenartiger Wesen in Siam. Ihr Verfasser, Charles Hardouin, war ein französischer Kolonialbeamter im heutigen Kambodscha. Auch Hardouin berichtet von einem jungen Mann, dessen Frau ein Phi Krasue ist und der alles versucht, sie von diesem Wesen zu befreien. Beide Geschichten weisen also nach Kambodscha als „Ursprungsort“ Phi Krasues. Dennoch kann es sich bei dieser Verortung auch um das Ergebnis eines Stereotyps handeln, das die Khmer mit schwarzer Magie assoziiert und das in Thailand mindestens seit Mitte des 19. Jahrhunderts existiert.

Screenshot Sap Krasue: Verortung des Ursprungs in der Khmer Kultur Angkors - die erste Trägerin des Fluchs wird in der aktuellen Soap Sap Krasue als Apsara dargestellt ©

Screenshot Sap Krasue (Ch. 8, 2018): Verortung des Ursprungs in der Khmer Kultur Angkors – die erste Trägerin des Fluchs wird in der aktuellen Soap Sap Krasue als Apsara dargestellt, Quelle: https://drama.kapook.com/view199555.html

Da sich das thailändische Königshaus als rechtmäßige Erben der Herrscherdynastie Angkors inszeniert, steht Khmer im öffentlichen Diskurs auch für die thailändische Vergangenheit und dazu gehört das Wissen um schwarze Magie und mächtige Zaubersprüche. Da Phi Krasues Ursprung in magischen Praktiken vermutet wird und Krasue Khmer klingt, liegt es nahe, dessen Ursprung in der Khmer-Kultur zu verorten. Diese Assoziation zwischen Phi Krasue, schwarzer Magie und der Khmer-Kultur Angkors wird in Thailands gegenwärtiger Popkultur explizit betont.

Zur Sichtbarkeit innerer Organe

Hardouins Beschreibung ist auch die erste, die die Sichtbarkeit innerer Organe als Charakteristikum Phi Krasues erwähnt. Damit stellt sie eine Ausnahme dar, da erst nach dem Erscheinen von Tawees Comic und der filmischen Adaptation dies zu einem zentralen Merkmal Phi Krasues in Thailands Popkultur wird. Vorher wird die Sichtbarkeit innerer Organe meist nicht erwähnt, wohingegen das unheimliche Leuchten, das nachts durch die Gegend schwebt, und der Verzehr menschlicher Fäkalien stets im Mittelpunkt der Imagination standen.

Die wahrscheinlich früheste schriftliche Beschreibung Phi Krasues findet sich in Adolf Bastians 1867 erschienenem Buch „Reisen durch Siam“. Hier berichtet der deutsche Universalgelehrte davon, dass sich einige der siamesischen Hexen selber den Kopf abhauen und dann als feurige „Kasü“ aus dem Rumpf hervorschießen, jedoch bei Tag wieder in ihrer menschlichen Gestalt erscheinen. Bastian betont jedoch an keiner Stelle die Sichtbarkeit innerer Organe. Dies soll, mit Ausnahme Hardouins, so bleiben bis in den 1960er Jahren Phya Anuman Rajadhon und dann Tawee die heraushängenden Gedärme wieder zum charakteristischen Merkmal Phi Krasues machen.

Während nach mündlicher Überlieferung das unnatürliche Leuchten sowie der Verzehr menschlicher Fäkalien die Hauptquelle des Unheimlichen sind, übernehmen in der schwarz-weißen Welt des Comics die heraushängenden Gedärme diese Funktion. Das charakteristische farbige Leuchten ist hier nur begrenzt umsetzbar. Auch werden menschliche Fäkalien durch Aas und andere unreine Speisen ersetzt. Die Betonung der Sichtbarkeit des Inneren hat also mit den Spezifika des Mediums Comic zu tun.

Geist, Hexe, weder noch?

Während Bastian Phi Krasue noch eindeutig als „Hexe“ identifiziert, hat sich in der ethnologischen Literatur des 20. Jahrhunderts die Klassifikation als Geist oder Gespenst etabliert, was wohl auf die gängige Übersetzung des Wortes phi zurückgeht, das sich als Präfix vieler unheimlicher Wesen findet (s. Tappe und Kleinod in dieser Ausgabe). Bei der Übersetzung von phi als Geist wird aber übersehen, dass es sich um ein deiktisches Konzept handelt, d.h. dass die exakte Bedeutung vom Kontext abhängt. Phi bezeichnet einen menschlichen Leichnam, findet sich aber auch im Wort „Schmetterling“. Was bei dessen Verwendung jedoch immer mitschwingt, ist Ambiguität, die aus psychoanalytischer Sicht ja der Ursprung des Unheimlichen ist. Dass die Bezeichnungen Geist und Gespenst für Phi Krasue ungeeignet sind, zeigt sich auch daran, dass beide Begriffe im Deutschen ihre Bedeutung über ihre Beziehung zum Tod erhalten, während Phi Krasue ein lebendes Wesen ist. Deshalb bevorzugen wir den Begriff hexenartiges Wesen.

Der Begriff der Hexe ist, genauso wie der des Vampirs, eine Sammelbezeichnung, die ab dem 15. Jh. im Kontext der beginnenden Hexenverfolgung eine verhängnisvolle Rolle zu spielen beginnt. Vorher unterlagen die Bezeichnungen hexenartiger Wesen im deutschen Sprachraum einer großen regionalen Varietät. Das spezifisch Hexenartige Phi Krasues wird vom altnorddeutschen Begriff zûnrite vielleicht noch am besten getroffen: ein auf dem Zaun reitendes Wesen. Hexen sind stets Grenzwesen, deren Erscheinung somit von Ambiguität geprägt ist. Auch Phi Krasue wird meist in Grenzräumen begegnet, die das Dorf vom Feld oder das Feld vom Wald trennen. Diese Räume dienten vor der Einführung der Toilette im thailändischen Alltag der Entsorgung menschlicher Fäkalien, woraus sich das entsprechende Merkmal Phi Krasues erklärt. Ein weiteres Indiz für Phi Krasues Hexenartigkeit ist, dass ihm vornehmlich als durch die Nacht schwebendes Licht begegnet wird: ein Vergleich der ethnologischen Literatur zeigt, dass das nächtliche Leuchten das einzige Charakteristikum ist, das alle hexenartigen Wesen teilen.

Während die Übersetzung als Hexe im Kontext Thailands ungewöhnlich ist, ist sie in Kambodscha die Standardklassifikation für ähnliche Wesen. Obwohl es sich, wie erwähnt, bei Phi Krasue ursprünglich wohl nicht um ein Wesen der siamesischen Folklore handelte, haben Tawees Comics das populäre Bild hexenartiger Wesen so nachhaltig beeinflusst, dass es sich heute auch in Kambodscha findet.

Die „Vampirisierung“ Phi Krasues in der gegenwärtigen Popkultur

Aufgrund seiner Popularität und der eigentümlichen Erscheinung, die Ambiguität signalisiert, eignet sich Phi Krasue, um verschiedensten sozialen Ängsten eine konkrete Form zu geben. In dieser Hinsicht gleicht diese Figur dem Vampir in der westlichen Moderne. Erst kürzlich erschien unter dem Titel Sap Krasue (Der Fluch des Krasue) eine neue Daily Soap, in der eine zunehmende Vampirisierung von „Thailands berühmtester Hexe“ zu beobachten ist.

Betonung vampirartiger Züge in der gegenwärtigen Darstellung Phi Krasues in der Daily Soap Sap Krasue ©

Betonung vampirartiger Züge in der gegenwärtigen Darstellung Phi Krasues in der Daily Soap Sap Krasue (Ch. 8, 2018), Quelle: https://drama.kapook.com/view199555.html

Die Imagination unheimlicher Wesen verändert sich kontinuierlich. In diesem Sinne sind Geister immer auch Zeitgeister. Sie können zwar Aspekte einer verdrängten Vergangenheit heraufbeschwören, nehmen dennoch stets zeitgemäße Formen an. Die zunehmende Vampirisierung Phi Krasues muss daher im Rahmen der öffentlichen kulturellen Logik Thailands gesehen werden, nach welcher sich am Globalen bzw. Westlichen orientiert wird, genauso wie schwarze Magie und menschliche Fäkalien hier keinen Platz haben.

Die Vampirisierung Phi Krasues geht einher mit einer Betonung des Khmer Ursprungs Phi Krasues: im Film Tamnan Krasue (2002) (Demonic Beauty, Regie: Bin Banluerit) erhält dieses Figur sogar ihren eigenen Khmer-Ursprungsmythos, der jetzt in Sap Krasue aufgegriffen und weitererzählt wird. Wir sehen also, dass sich die popkulturelle Imagination Phi Krasues, genauso wie die des Vampirs, in einem stetigen Wandel befindet. Dennoch hat Tawee Witsanukorns Comic Krasue Sao auf die Vorstellung Phi Krasues im gegenwärtigen Thailand bleibenden Einfluss gehabt.

 

Der Beitrag ist eine zusammenfassende Kurzversion eines gemeinsamen Artikels, an dem beide Verfasser zurzeit arbeiten.

 

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Der Autor


Benjamin Baumann promovierte im Jahr 2017 in Südostasienstudien und arbeitet als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Asien- und Afrikawissenschaften der Humboldt-Universität zu Berlin. Die Kulturgeschichte thailändischer Geister ist Teil sei-ner laufenden Forschungsarbeit.

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Der Autor


Nicolas Verstappen ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Kommunikations-wissenschaften der Chulalongkorn Universität in Bangkok. Er schreibt gegenwärtig seine Doktorarbeit zur Geschichte des thailändischen Comics.

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3 | 2018, Thailand,
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Ein thailändischer Bram Stoker

Indonesien: Mit Kanonen, so erzählen sich die Menschen in Pontianak, vertrieb einst der erste Sultan der Stadt das Geisterwesen Kuntilanak. Doch man kann nie wissen, ob die gefürchtete Untote nicht doch zurückkehrt. In Filmen und Gruselgeschichten wird sie lebendig gehalten, während die Bäume, in denen sie lebte, durch Menschenhand zerstört werden.

 

Pontianak ist eine geschäftige Provinzstadt. Als regionales Wirtschaftszentrum West-Kalimantans hat sie sich in den letzten Jahren stark verändert: Viele moderne Gebäude am Stadtrand sind entstanden und im Zentrum liefern sich Muslime und Katholiken ein Wettrennen darum, wer das größere Gotteshaus baut. Die Stadt floriert wirtschaftlich, vor allem dank des Palmölbooms, der weite Teile des Hinterlandes bereits in großflächige Monokulturen verwandet hat. Aber am Ufer des Kapuas, dem größten Fluss Indonesiens, geht es noch beschaulich zu. Die Menschen leben an und mit dem Fluss, haben ihre Häuser auf Stelzen in den Fluss gebaut, der träge seine braune Wassermassen in Richtung des nur wenige Kilometer entfernten Flussdeltas schiebt.

Die Stadt liegt abseits der üblichen Touristenrouten. Die Umgebung ist weitestgehend abgeholzt, Tourist*innen finden hier also nicht mehr das Borneo, das sie möglicherweise suchen. Einzig aus der Tatsache, dass die Stadt fast genau auf dem Äquator liegt, ist eine einsame Besucherattraktion entstanden – das Äquator-Monument ein paar Kilometer nördlich des Zentrums. Um mehr Besucher*innen in die Stadt zu locken, sollte nach dem Willen der Provinzregierung eine weitere Attraktion her. Und so erhitze Anfang 2017 eine Kontroverse die Gemüter der Stadt, als der Minister für Sport und Tourismus vorschlug, eine 100 Meter hohe Statue der in ganz Indonesien bekannten Kuntilanak zu errichten.

Kuntilanak ist wohl eine der berüchtigtsten Geistergestalten nicht nur in Indonesien; sie ist auch in anderen Teilen Südostasiens bekannt und gefürchtet. Eine junge Frau, untot, in weißen Kleidern und immer auf der Suche nach Blut und ungeborenen Kindern, die ihr als Nahrung dienen. Manchmal wird sie auch als eine Art Vampir mit langen Zähnen beschrieben. Sie selbst, so wird erzählt, sei bei einer Geburt gestorben, oder, in einer noch grausameren Variante, vergewaltigt und dann, schwanger, von den Tätern umgebracht worden. Nun sinne sie nach Rache und werde besonders Kindern und schwangeren Frauen gefährlich.

Die Stadt und die Bäume der Kuntilanak

Einer meiner Lieblingsorte in Pontianak sind die malaiischen Siedlungen direkt am Fluss. Schmale Holzstege führen zu den Häusern auf Stelzen und zu den Boten der Fischer*innen. Am Fluss sitzen Männer und angeln, Kinder springen in den Fluss und spielen darin. In kleinen Cafés sitzt man auf Brettern und trinkt Kaffee, kann den Blick schweifen lassen über den weiten Fluss und die hohen Türme der Gewitterwolken am Horizont. In den letzten Jahren ist hier an den Ufern des Kapuas eine alte Tradition wieder lebendig geworden: Bunte Holzkanonen werden auf den Fluss gerichtet um an die Gründung der Stadt im Jahre 1771 zu erinnern. Und diese Gründung hat, wie ich in den Gesprächen mit den Menschen am Flusse des Kapuas erfahren habe, zu tun mit dem berühmten Geisterwesen. Sultan Alkadri, ein Adeliger jemenitischer Abstammung, soll die Stadt gegründet haben mit einer kleinen Truppe Gefolgsleute. Zu dieser Zeit war das Mündungsgebiet des Kapuas ein Ort, an dem sich Piraten tummelten, so dass die Wasserstraße, die ins Innere der Insel führte, nur unter großen Gefahren genutzt werden konnte. Als der Sultan und seine Leute den Zusammenfluss von Kapuas und Landak erreichten, an dem sie die neue Stadt gründen wollten, hörten sie des Nachts unheimliche Geräusche, die sie als Laute von Kuntilanak-Geistern identifizierten. Um diese zu vertreiben, zündete der Sultan Kanonen und vertrieb die Kuntilanak damit ins Inselinnere. Es entstand eine muslimische Stadt, die in der Wildnis im Inselinneren ihren Gegenpol fand.

In Malaysia heißt Kuntilanak „Pontianak“, genau wie die Stadt. Manche sagen, dass der erste Teil dieses Namens vom malaiischen po(ho)n ti(nggi) komme, was „hoher Baum“ bedeutet. Anak bedeutet Kind, was auf die Schwangerschaft des Geisterwesens verweist oder darauf, dass der Geist ein Kind der hohen Bäume ist. Denn, so heißt es, die Ufer von Kapuas und Landak war zu jener Zeit von hohen Bäumen bewachsen, in denen Kuntilanak/Pontianak-Geister lebten. Und in der Tat wird dieser Geist sowohl in der Wahrnehmung der Menschen in Pontianak als auch in der allgemeinen indonesischen Populärkultur oft mit Natur, Wildnis und Bäumen in Verbindung gebracht.

Die Vorstellung, dass es Geister gibt, die unter oder in großen Bäumen leben, ist in Südostasien weit verbreitet und auch auf Borneo oft anzutreffen. Während muslimische Malai*innen diesen Geistern oft keine Aufmerksamkeit schenken oder sie, wie im Fall von Kuntilanak, fürchten und Distanz zu ihnen wahren, sind sie für die Dayak, die meist im Inneren der Insel leben, Wesen, mit denen sich die Menschen arrangieren müssen – zumindest für diejenigen Dayak, die weiterhin an animistischen Weltanschauungen festhalten. Wenn ein Dorf gegründet wird oder ein neues Feld angelegt wird, brauchen die Menschen zunächst die Einverständniserklärung der Geisterwesen, die an diesem Ort leben. Wenn nämlich die Bäume gerodet werden, verlieren die Geister ihr Haus. Daher müssen sich diese entweder bereit erklären, umzuziehen, oder die Menschen müssen die Geister in einer Zeremonie an einen anderen Ort bringen. Wenn die Geisterwesen adäquat und respektvoll behandelt werden, machen sie keinen Ärger, sondern können sogar den Menschen dabei helfen ihre Felder frei von Krankheiten zu halten.

Was in der Legende von Kuntilanak berichtet wird, weist große Ähnlichkeiten zu diesen Vorstellungen auf, mit Ausnahme dessen, dass Kuntilanak kein Geist ist, mit dem eine rituelle Kommunikation stattfindet. Kuntilanak ist per se ein bösartiger Geist und muss daher vertrieben werden. Kein Wunder also, dass viele Bewohner*innen der Stadt die Idee einer überdimensionalen Statue des Geistes im Zentrum ihrer Stadt für eine unpassende Idee hielten und die Provinzregierung sich von diesen Plänen mittlerweile distanziert hat.

Ein Weiterlesen ohne Ort?

„Hier sieht man Kuntilanak nie“ erklärte mir eine Frau am Rande des Kapuas. „Der Gebetsruf schreckt sie ab, elektrisches Licht und Geräusche meidet sie.“ Weiter im Inselinneren, da könne man sie noch nachts antreffen. Aber wer wolle das schon? Kuntilanak geistert immer wieder durch die indonesischen Kinos und versorgt die Stadtmenschen in Pontianak, Jakarta und anderen Ecken des Landes mit einer Portion Schauder. Aber Kuntilanaks Haus – die Bäume und die Wildnis – sind auf dem Rückzug. Vielleicht fürchten sich die Menschen um so mehr vor etwas, je weniger sie es kennen? In der Stadt ist kein Platz für den unheimlichen Geist, aber auch das Hinterland beanspruchen die Menschen für Siedlungen und Ölpalmenanbau. Fast könnte man meinen, die Grausamkeit Kuntilanaks sei ein Ausdruck des schlechten Gewissens der Menschen, die ihr keinen Platz mehr zugestehen. Der Urwald Borneos ist im Begriff zu verschwinden und die Aura des Geheimnisvollen und Unheimlichen, der dem Wald für viele Indonesier*innen anhaftet, findet ihren Ausdruck auch im Horror der Geschichten über seine Bewohnerin, die Kuntilanak. So bekannt ist diese Geschichte, dass es mir möglich erscheint, dass die Erinnerung an sie und der Schrecken, der von ihr ausgeht, noch den letzten verbliebenen Urwald Borneos überleben könnten.

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