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Editorial südostasien 1/2021:
Corona – Ein Jahr später, und immer noch mittendrin

Südostasien Corona

AHA Regeln in Yangon, Myanmar, 2021. Proteste gegen den Militärputsch finden trotzdem statt. © Judith Kunze

Als die südostasien-Redaktion im Mai 2020 gemeinsam über die Themen für die kommenden Ausgaben entschied, geschah dies mitten in der ‚ersten Welle der Pandemie’. Inzwischen wissen wir, dass wir dieses Kapitel ein Jahr später immer noch nicht schließen können. In Europa und Südostasien breitet sich der Erreger in unterschiedlichem Ausmaß und mit neuen Mutationen weiter aus.

In dieser südostasien-Ausgabe beleuchten wir die aktuelleren und vielschichtigen Erfahrungen von Menschen in Südostasien mit der Pandemie. Unsere Autor*innen berichten aus der Region und geben Aufschluss über die Auswirkungen der Pandemie auf Zivilgesellschaft, Politik, Wirtschaft und Umwelt. Die Artikel decken auch tiefer gehende Strukturen der Ungerechtigkeiten und Missstände auf, die durch die Pandemie erneut hervorgetreten sind.

Die Ausgabe ergänzt somit auch die Sammlung zivilgesellschaftlicher Länderperspektiven in Bezug auf COVID-19, die die Stiftung Asienhaus und das philippinenbüro zusammengetragen haben, sowie die im Herbst 2020 erschienene Broschüre Corona in Asien – Menschenrechtsverletzungen und soziale Ungleichheit im Schatten der Pandemie-Bekämpfung.

‚The new normal‘ – Umgang mit Unsicherheit und Unabwägbarkeit

Wie gehen Menschen – in ihrem täglichen Wirken und gegenüber ihren Mitmenschen – mit dieser allumfassenden neuen Realität um? Wie auch anderorts auf der Welt schürt und offenbart COVID-19 in Singapur Vorbehalte gegenüber als nicht ansässig gelesenen Menschen, wie Yasmine Wong in ihrem Artikel untersucht. Dagegen finden viele Menschen für sich und ihre Nahestehenden kreative und vielschichtige Formen der Bewältigung. Dies erörtern Kristina Großmann und Nicole Weydmann anhand der Rolle der traditionellen Medizin jamu für Indonesier*innen. In Kambodscha finden Menschen Hoffnung und innere Stärke durch das Aufstellen von Ting Mong, eine Art Schutzpatron*innen für Häuser. Die Wirkung dieser Figuren entfaltet sich dabei oft parallel zum Warten auf Impfung und/oder andere Wirkstoffe gegen die Krankheit, wie Paul Christensen erklärt.

Effektiv, aber nicht unproblematisch

Ein Blick über den Tellerrand, insbesondere nach Südostasien, ist sinnvoll und kann uns bereichern. Im Gegensatz zu Deutschland, das nur halbherzig auf die Pandemie reagierte und inzwischen über zwei Millionen Infektionen und über 60.000 Tote zu beklagen hat, haben die meisten Länder Südostasiens frühzeitig und entschlossen gehandelt. Wie Julia Holz analysiert, konnte Vietnam mit einem kurzen aber umfassenden Lockdown und einer systematischen Track&Trace Strategie die Zahl der Infektionen auf knapp 2.000 und die Zahl der Toten auf 35 begrenzen. Thailand hat schon im März 2020 den Flugverkehr eingestellt und danach eine Quarantäne für alle Einreisenden vorgeschrieben. Das Land hat heute nur einen Zehntel der Infektionszahlen von Deutschland pro Hunderttausend Einwohner und nur 79 Tote. Schlussfolgerungen aus dem bisherigen Erfolg der Pandemiebekämpfung in der Region werden von Oliver Pye und Tanja Matheis diskutiert.

Problematisch ist aber, dass die meisten Regierungen die Pandemie nutzen, um ihre autoritäre Kontrolle über die Gesellschaft auszuweiten. Der jüngste Militärputsch in Myanmar sollte in diesem Kontext analysiert werden, wie auch die zunehmende Gewalt des Duterte-Regimes in den Philippinen. Auch Singapurs Strategie war mit geschlossenen Grenzen, strikter Quarantänepflicht, rigorosem Lockdown und Contact-Tracing sehr erfolgreich. Allerdings untergruben Datenschutzlücken das Vertrauen der singapurischen Bevölkerung in die Maßnahmen, wie Julia Holz in ihrem zweiten Artikel erörtert. Das Militärregime in Thailand versuchte, Covid-19 zu nutzen, um die Opposition zu unterdrücken. Dr. Supat Hasuwannakit erklärt, wie die Zivilgesellschaft auf die Herausforderungen der Pandemie reagierte und es trotzdem zur Entstehung einer neuen Demokratiebewegung kommen konnte.

Wirtschaftlicher Einbruch und soziale Folgen

Die Pandemie und ihre Folgen treffen vor allem diejenigen, die ohnehin bereits in einer schwierigen Situation waren. Ganze Wirtschaftssektoren, wie die Tourismusbranche, sind zusammengebrochen. Internationale Unternehmen brachen Verträge in Lieferketten und Regierungen schlossen Grenzen. Folglich sahen sich Arbeitnehmer*innen, vor allem in Abwesenheit von zielgerichteten Hilfsmaßnahmen, mit Arbeitsplatzverlust, Einkommensausfällen und Reisebeschränkungen konfrontiert. Auf der Seite der Unternehmer berichtet Inthy Deuansavanh im Gespräch mit Michael Kleinod von den Schwierigkeiten in der laotischen Tourismus-Branche. In mehreren Beiträgen kristallisiert sich ein zentrales Thema heraus: in Ermangelung eines sozialen Sicherungsnetzes ist die Orientierung hin zu Subsistenzwirtschaft und familiären Netzwerken ein altbewährtes Mittel der Absicherung in diesen unsicheren Zeiten.

Das Besondere an dieser Ausgabe ist, dass ihre Autor*innen Facetten eines Zustands auffangen, der weiter andauert und uns alle, wenn auch in unterschiedlichen Ausmaßen, mehr oder weniger direkt betrifft. So ändert sich der Verlauf der Pandemie immer noch ständig, genauso wie die Reaktionen von Menschen, Regierungen, und Organisationen. Die Ausgabe trägt wesentlich dazu bei, die vielen Facetten einer weltumspannenden akuten Pandemie zu dokumentieren und (be-)greifbarer zu machen.

Wir wünschen interessante Erkenntnisse beim Lesen unserer Ausgabe 1/2021, und hoffen, dass das neue Jahr hoffnungsvolle Perspektiven hervorbringt.

Das Redaktionsteam

zur Ausgabe

  • Artikel


Der Autor


Oliver Pye ist wissenschaftlicher Mitarbeiter für Südostasienwissenschaften am Institut für Orient- und Asienwissenschaften in Bonn.

  • Politische Ökonomie Südostasiens

    Südostasien – Das Buch „The Political Economy of Southeast Asia“ analysiert die ökonomische Entwicklung Südostasiens im Kontext ihrer gesellschaftspolitischen Auseinandersetzungen. Es setzt damit neue Maßstäbe.

  • Corona Krise Kapital

    Europa/Asien – Die Covid-19-Pandemie verursacht eine globale Krise und zugleich enorme Konfusion und Ratlosigkeit. Das Buch „Corona, Krise, Kapital“ verbindet eine Analyse der Pandemie mit einer Perspektive, wie eine solidarische Antwort darauf aussehen könnte.

  • Vietnam – Vergewaltigung war für Frauen im Vietnamkrieg allgegenwärtig. Gina Marie Weaver geht in ihrem Buch ‚Ideologies of Forgetting. Rape in the Vietnam War‘ der Frage nach, warum sexualisierte Kriegsgewalt systematisch verschwiegen wird.

  • Thailand thaiconsent #MeToo

    Thailand – Mit der Online-Plattform thaiconsent veröffentlichte Wiphaphan Wongsawang #MeToo Geschichten in Thailand, noch bevor es #MeToo gab. Eine neue Generation von Feminist*innen behauptet sich auch gegen die Dominanz männlicher Aktivisten in der Demokratiebewegung.

  • Indonesien Palmöl

    Indonesien – Der Palmölboom passiert nicht nur einfach, er wird gemacht. Das Zusammenspiel von Staat und Kapitalinteressen analysiert das Buch „Der Palmölboom in Indonesien“. Dessen These: Die Dezentralisierung nach dem Rücktritt Suhartos hat die Verbreitung von Palmöl begünstigt.

  • Artikel


Die Autorin


Tanja Verena Matheis ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Fachgebiet Management in der internationalen Ernährungswirtschaft an der Universität Kassel. Ihr Fokus in Forschung und Lehre sind u. A. Nachhaltigkeitsstandards und soziale Gerechtigkeit in Lieferketten. Sie ist Mitglied im Global Partnership Network (GPN), das im exceed-Programm des Deutschen Akademischen Austauschdiensts (DAAD) gefördert wird

  • Südostasien, Digitalisierung

    Südostasien – Digitale Dienstleistungen sind in vielen Alltagsbereichen präsent. Wie steht es um Reichweite und Zugänglichkeit? Wo wird am meisten investiert? Spielt Nachhaltigkeit eine Rolle?

  • Thailand/ Myanmar/ Indonesien – Auf thailändischen Fischerbooten fristen tausende Migrant*innen in internationalen Gewässern ein Dasein als rechtlose Arbeiter*innen. Die beeindruckende Dokumentation ‚Slavery at Sea’ zeigt, wie die Industrie immer wieder Gesetze umgeht.

  • In Myanmar gibt es bislang wenig öffentliche Klimakommunikation und -bildung. Anastacia Howe und Nicole Tu-Maung orgaisieren deshalb „Klimagespräche“. Im Interview berichten sie über ihre Ideen zur Umsetzung von Klimaschutzmaßnahmen.

  • Artikel


Der Autor


Michael Kleinod ist Soziologe und hat zu Ökotourismus in Laos
promoviert . Seit 2015 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Orient-und Asienwissenschaften an der Universität Bonn.

  • Laos – Der Tourismus ist von der Pandemie hart getroffen. Wir sprachen mit dem Ökotourismusunternehmer Inthy Deuansavanh über die Reisebranche in der Krise.

  • Eingang zum Heiligen Wald Dong Sakee © Michael Kleinod

    Laos – Während der berühmte laotische Dschungel „dank“ der Kapitalisierung von Land mehr und mehr schwindet, gehen bestimmte „Traditionen“ eher unerwartete Koalitionen mit der „Moderne“ ein. Dies zeigt sich besonders gut an einer Geistervorstellung, die Ideen moralischer Reinheit mit tiefem Dschungel verbindet und so auch den gegenwärtigen ökologischen Raubbau in diesem autoritär regierten Land in ein ethisch-kritisches Licht taucht: den Bang Bot.

  • Artikel


Die Autorin


Judith Kunze arbeitet als Beraterin für Menschenrechte und den Schutz von Minderheiten in Myanmar und Kambodscha.

  • Myanmar – Lway Poe Ngeal ist Vorsitzende des Netzwerks ‚Women’s League of Burma‘. Im Interview spricht sie über Herausforderungen und Entwicklungen bei der Beteiligung von Frauen an sozialen und politischen Veränderungsprozessen.

  • Kambodscha – Curran Hendry unterstützt mit der NGO Angka Changrit die Verbreitung der Grillenzucht im Land. Im Interview erklärt er, wie Grillen-Produkte die Ernährungssicherheit der Bevölkerung stärken und Einkommensmöglichkeiten für ländliche Familien schaffen können.

  • Friedensdemo in Yangon © Generation Wave

    Myanmar – Der Menschenrechtsaktivist Moe Thway ist Gründungsmitglied und Präsident der Organisation Generation Wave, die sich für Frieden, Demokratisierung und Menschenrechte in Myanmar einsetzt. Im Interview erklärt er, warum die Kultur der Gewalt, des Militarismus und der Unterdrückung in seinem Land noch immer so stark ist.

  • Artikel


Die Autorin


Antonia Fuchs studiert im Master Südostasienwissenschaften an der Rheinischen-Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn. Ihr regionaler Schwerpunkt ist Vietnam.

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  • Artikel


Der Autor


Dominik Hofzumahaus ist Südostasienwissenschaftler und beschäftigt sich mit verschiedenen Aspekten von Entwicklung, Umwelt und sozialer Gerechtigkeit. Desweiteren arbeitet er in verschiedenen Projekten zu Demokratiebildung und gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit.

  • Thailand Faiyen Exil Interview

    Thailand – Die aktivistische Band Faiyen agiert seit dem Militärputsch 2014 aus dem politischen Exil – erst in Laos und seit 2019 in Frankreich. Im Interview mit der südostasien berichten sie über ihre Musik als Protestmittel, ihre Zeit im Exil, und warum sie nicht bereit sind, aufzugeben.

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Editorial südostasien 1/2021:
Corona – Ein Jahr später, und immer noch mittendrin

Singapur: Die COVID-19-Pandemie hat soziale Spannungen zwischen Singapurer*innen und Nicht-Singapurer*innen offen gelegt und verschärft. Dies ist kein neues Phänomen. Doch es stellt eine soziale Kluft dar, die es zu bewältigen gilt.

Krisen haben die Tendenz, soziale Spannungen aufzudecken und zu verschärfen. COVID-19, eine Pandemie von globalem Ausmaß, bildet da keine Ausnahme. Singapur hat im Kampf gegen Covid-19 zunächst international Lob für seine Fähigkeit geerntet, die Ausbreitung des Virus durch effiziente Erkennung und Isolierung neuer Fälle einzudämmen.

Sozioökonomische Auswirkungen der Pandemie-Bekämpfung

COVID-19 ist jedoch nicht nur eine Gesundheitskrise. Die Bemühungen, steigende Infektionsraten einzudämmen, haben nicht nur die Art und Weise verändert, wie wir mit anderen Mitgliedern der Gesellschaft umgehen, sondern haben auch zu einem allgemeinen Gefühl erhöhter Unsicherheit aufgrund der sozioökonomischen Auswirkungen der Pandemie beigetragen.

Die Abschottungsmaßnahmen zur Bekämpfung der Ausbreitung des Virus haben auch zu einer Verringerung der weltweiten wirtschaftlichen Aktivität geführt, wobei die Weltbank eine COVID-19-Rezession prognostiziert, die wahrscheinlich die schwerste in den fortgeschrittenen Volkswirtschaften seit dem Zweiten Weltkrieg sein wird. In Singapur ist die Wirtschaft im Jahr 2020 um rekordverdächtige 5,8 % gesunken. Zudem hat die Arbeitslosenquote ein 16-Jahres-Hoch erreicht.

Darüber hinaus hat sich die Angst vor dem Virus weltweit in einer ausländerfeindlichen Stimmung manifestiert, da Ausländer*innen nicht selten als Sündenböcke für die Ausbreitung des Virus dienen. In Amerika berichtet einer von vier asiatisch-amerikanischen Jugendlichen, dass sie aufgrund der Pandemie rassistische Anfeindungen erfahren haben. In Europa wurden koreanische, chinesische und japanische Geschäfte verwüstet. In Kuwait forderte eine Schauspielerin die Abschiebung von Wanderarbeiter*innen, um Krankenhausbetten für einheimische Patient*innen freizuhalten. Singapur ist keine Ausnahme.

COVID-19 und Fremdenfeindlichkeit in Singapur

In der Anfangsphase der Pandemie blieb auch Singapur nicht von der ersten Welle der Sinophobie verschont, die über den Globus rollte. Eine Petition mit über 100.000 Unterschriften machte die Runde, die das Verbot aller Reisenden aus China forderte. In einem Facebook-Post erklärte ein religiöser Führer in Singapur, das Virus sei die „Vergeltung Allahs“ für Chinas Unterdrückung der muslimischen Uiguren in der Provinz Xinjiang. Diese Ereignisse stehen vor dem Hintergrund von fremdenfeindlichen Gerüchten, Posts und Kommentaren in den sozialen Medien.

Singapurs Kampf gegen die Ausbreitung von COVID-19 wurde anfangs international gelobt, weil es neue Fälle effizient aufspüren und isolieren konnte (vgl. dazu den Artikel Singapurs gebrochenes Versprechen auf suedostasien.net. Doch als der Stadtstaat erneut in die internationalen Schlagzeilen geriet, geschah dies aus weniger erfreulichen Gründen. COVID-19-Cluster begannen, in Wohnheimen für Wanderarbeiter*innen aufzutauchen und offenbarten ein Versäumnis in Singapurs zuvor gepriesener Strategie. Diese schlecht bezahlten Arbeitskräfte, hauptsächlich Männer aus Bangladesch und Indien, übernehmen Jobs, die von den Singapurer*innen gemieden werden, wie in der Bau- und Produktionsbranche und bei Sicherheitsdiensten.

Als Reaktion darauf wurde in der chinesischsprachigen Singapurer Zeitung Zaobao ein Leserbrief veröffentlicht, in dem die Wanderarbeiter*innen und ihre vermeintlich mangelhafte Hygiene für den Ausbruch von COVID-19-Fällen in den Wohnheimen verantwortlich gemacht wurden, obwohl es Beweise dafür gibt, dass die Ursache der Ausbrüche mit den engen und unhygienischen Wohnverhältnissen, die dort herrschen, im Zusammenhang steht.

Zusätzlich hat es während der Pandemie öffentliche Schuldzuweisungen mit rassistischen und fremdenfeindlichen Untertönen gegeben. Zum Beispiel tauchte im Internet ein Video auf, in dem ein Paar von Schaulustigen beschimpft wurde, weil es keine Masken trug, mit einer Bildunterschrift, die lautete: „Wir sollten sie zurück nach Indien schicken“.

Auch die Ministerin für Kultur, Gemeinschaft und Jugend, Grace Fu, thematisierte die „heftige Reaktion“ auf Berichte über Ausländer*innen, die die Abstandsregeln missachteten.

Während Singapur unter der Covid-19-Ression leidet, fühlen sich ausländische PMETs (Professionals, Managers, Executives and Technicians) inmitten der fremdenfeindlichen Hetze im Internet zunehmend unwillkommen. Diese Kommentare unterstreichen die Wahrnehmung, dass Ausländer*innen mit Singapurer*innen auf einem durch die Pandemie zusätzlich angespannten Arbeitsmarkt um Jobs konkurrieren.

Gerechtfertigte Angst oder tiefer liegende Spannungen?

In der Tat ist Angst der Grundpfeiler einer jeden Pandemie. Und diese Angst wird oft auf die soziale Sphäre als Angst vor dem ‚Anderen’ projiziert. In Singapur manifestiert sich die Angst vor COVID-19 in der Stigmatisierung des fremden ‚Anderen’, ein Phänomen, das oft eher als Pragmatismus und Wunsch nach sozioökonomischer Stabilität dargestellt wird und weniger als Fremdenfeindlichkeit.

Die Marginalisierung von Mitgliedern bestimmter Bevölkerungsgruppen wurde so als ‚praktische’ und nicht als fremdenfeindliche Reaktion rationalisiert. Durch das von der Angst vor Covid-19 geprägte Handeln, wurden einige chinesische Arbeitskräfte und Unternehmen in Singapur, und auch im Rest der Welt, ausgegrenzt.

Eine Petition, die das Verbot chinesischer Staatsbürger und Reisender aus China forderte, wurde mit dem Anspruch begründet, „das Wuhan-Coronavirus davon abzuhalten, an unsere Türen zu klopfen“. Vielleicht war es eine ähnliche Denkweise, die einige Singapurer*innen beunruhigte, als eine unfundierte WhatsApp-Nachricht behauptete, dass Wanderarbeiter*innen das Virus auf ausländische Hausangestellte übertrugen, die dann das Virus zu ihren Arbeitgeber*innen zurückbrachten.

Die Sorgen über den wirtschaftlichen Abstieg hat die Singapurer*innen auch dazu gebracht, ihre Besorgnis über ausländische Konkurrenz zu äußern. Die Interessen der Bürger*innen sollten gegenüber denen der Ausländer*innen „vorrangig und nicht verhandelbar“ sein, so die entsprechende Forderung.

Neuer Anlass, alte Ressentiments

Auf den ersten Blick scheinen derartige Aussagen Projektionen der durch die Pandemie entstandenen Unsicherheit zu sein. Doch es wäre ein Fehler, die Tatsache zu vernachlässigen, dass fremdenfeindliche Tendenzen in Singapur nicht mit der Ausbreitung von COVID-19 begonnen haben. Schon vor der Pandemie spielte Fremdenfeindlichkeit eine große Rolle in der Einwanderungspolitik in Singapur und in den Diskussionen über die Rolle der Ausländer*innen im Stadtstaat.

Singapurs Diskriminierung von Mietern äußert sich beispielsweise in der Ungleichbehandlung von Inder*innen und Chines*innen, da sich Vermieter*innen auf vermeintliche Unterschiede in der Kultur und den Sauberkeitsstandards berufen. Auch die Ausgrenzung von Wanderarbeiter*innen ist ein langjähriges Problem in Singapur. Manche haben ihre Unzufriedenheit über den Bau von Wohnheimen für Wanderarbeiter*innen in der Nähe ihrer Wohngebiete geäußert und spiegeln somit eine ‚not in my backyard’-Perspektive wider, wenn es um die Unterbringung von Singapurs Wanderarbeitskräften geht.

Darüber hinaus erinnern Rufe nach privilegierten Rechten für Singapurer*innen gegenüber Nicht-Staatsbürger*innen an die Narrative ‚Singaporeans first’ und ‚Singapore for Singaporeans’, die während der Proteste im Jahr 2013 gegen das Population White Paper zu hören waren.

Der Blick nach vorne

Die Gesundheit eines Landes hängt von der Fähigkeit ab, mit diversen Bevölkerungsgruppen umzugehen. Wie der Ausbruch des Virus in den Wohnheimen für Wanderarbeiter*innen in Singapur zeigt, kann die Ausgrenzung einer Bevölkerungsgruppe schwerwiegende Folgen haben. Die Pandemie hat unserer Gesellschaft einen Spiegel vorgehalten und uns gezwungen, uns mit der Art und Weise auseinanderzusetzen, wie wir miteinander umgehen.

Es gibt jedoch auch einen Silberstreif am Horizont: Die Krise hat den Weg für neue Formen der Zusammenarbeit geebnet. Abgesehen davon, dass sich unsere Politiker*innen in der COVID-19-Krise mit China solidarisch gezeigt haben, haben sich auch Singapurer*innen in den sozialen Medien zu Wort gemeldet, um die online verbreitete Fremdenfeindlichkeit anzuprangern und ihre Unterstützung für die Bewohner*innen von Wuhan in der Frühphase der Pandemie zu demonstrieren.

Darüber hinaus wurden nach der ersten Veröffentlichung des fremdenfeindlichen Leserbriefs auch einige Antworten in der Zeitung Zaobao veröffentlicht, die die „haltlosen Anschuldigungen“ des Autors verurteilten und die strukturellen Ungleichheiten darlegten, welche zu den unzureichenden Lebensbedingungen geführt haben. Auch die Kooperation zwischen staatlichen und nicht-staatlichen Akteur*innen, die auf die Unterstützung von Arbeitskräften im Niedriglohnsektor abzielen, ist gewachsen. Das Bewusstsein für die systemische Misshandlung von Arbeitskräften mit Migrationshintergrund muss in Singapur geschärft werden, um diese Misshandlung zu bekämpfen.

Diese Solidarisierung durch die Gemeinschaft zeigt, dass die Gesellschaft die Vielfalt Singapurs begreift. Auch wird erkannt, dass Fremdenfeindlichkeit ein Problem ist, das das soziale Gefüge in Singapur plagt – ein Problem, das der Pandemie vorausging, ein Problem, das angegangen werden muss. In Zeiten von Krisen spiegeln solche Bemühungen die Stärke einer Gemeinschaft wider und zeigen, dass Singapur größer sein kann als die Summe seiner Ängste.

Dieser Artikel basiert auf dem englischsprachigen Kommentar COVID-19 and Sinophobia in Singapore von Yasmine Wong, den die Autorin für die südostasien aktualisiert und ergänzt hat.

 

Übersetzung aus dem Englischen von: Antonia Fuchs

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Corona – Ein Jahr später, und immer noch mittendrin

Laos: Die Pandemie hat Auswirkungen auf alle Laot*innen, doch sie betrifft den Alltag verschiedener Personengruppen auf unterschiedliche Weise. Dieser Beitrag lässt Hotelmanager, Arbeitsmigrantinnen und Bauern selbst zu Wort kommen.

Bereits seit Mitte Dezember 2019 machte Covid-19 die Runde in laotischen Medien und sozialen Netzwerken. Anfang Februar 2020 beschlossen der stellvertretende Premierminister und der Finanzminister die Einrichtung eines Sekretariats zur Prävention und Bekämpfung von Covid-19. Auf dieser Basis wurde Ende März 2020 ein nationaler Lockdown verhängt, der später schrittweise wieder aufgehoben wurde. Zugleich richtete die Regierung eine Informationswebsite ein. Laut dieser Seite gab es am 27. Januar 2021 (zum Zeitpunkt der Entstehung dieses Beitrags) nur 45 Fälle von Ansteckungen, über 40 Genesene, keinen Todesfall.

Trotz dieser niedrigen Zahlen hat die Pandemie Auswirkungen im gesamten Land. Doch sie betrifft den Alltag verschiedener Personengruppen auf ganz unterschiedliche Weise. In diesem Beitrag kommen in kurzen Ausschnitten Vertreter*innen verschiedener gesellschaftlicher Gruppen aus der Hauptstadt Vientiane sowie der gleichnamigen Provinz zu Wort: Hotelmanager in Vang Vieng, in Thailand arbeitende Arbeitsmigrantinnen und Landwirte aus dem ländlichen wie städtischen Umfeld. Sie berichten von ihrem Umgang mit der Pandemie. Die Gespräche wurden Ende Januar 2021 geführt.

Sichtweisen auf die Pandemie

Obwohl Covid-19 alle trifft, so trifft es doch alle unterschiedlich. Wie die folgenden Interviewausschnitte zeigen, sind die Auswirkungen der Pandemie komplex. Zwar verlaufen sie entlang sozio-ökonomischer Strukturen, dennoch scheint eine simple Einteilung in ‚Gewinner’ und ‚Verlierer’ nur schwer möglich.

Hotelmanager

Zu den Gruppen mit höherem Einkommen – zumal im Verhältnis zu den anderen Gruppen in diesem Beitrag – zählen Hotelmanager. Der Manager eines Hotels im Touristen-Hotspot Vang Vieng berichtet: „Wir, die Hotelvereinigung von Vang Vieng, sind sehr beunruhigt über die Auswirkungen von Covid-19. Normalerweise ist zwischen Ende Dezember und Anfang Januar die ‚Goldene Saison‘ für die Hotels im Land.“

Und der Manager eines anderen, sehr populären Hotels im Ort erklärt: „In unserem Hotel sind die Räume leer und der Pool ist still und verstaubt. In der Hotelvereinigung in Vang Vieng machen sich alle gegenseitig Mut, denn viele Mitglieder haben Schulden bei der Bank und sind deshalb sehr besorgt. Mein Hotel ist eines der beliebtesten in Vang Vieng, wir haben normalerweise zwanzig dauerhaft Angestellte. Vor Covid-19 hatten wir Tausende Buchungen, damit konnte ich sie bezahlen. Doch während Covid-19 sank die Zahl der Buchungen so stark, dass ich die Entscheidung treffen musste, Menschen zu entlassen. Und zwar zwei Drittel der Belegschaft, ohne jegliche Unterstützung. Die sind natürlich sehr unglücklich über meine Entscheidung. Doch selbstverständlich werden sie nach Covid-19 wieder eingestellt.“

Den derzeitigen Arbeitsalltag beschreibt der Manager so: “Normalerweise muss ich Anzug und Krawatte tragen, aber gerade bin ich Manager und Reinigungskraft in einem. Mir geht es momentan nicht viel besser als den anderen Angestellten. Gewöhnlich verdiene ich mehr Geld als Regierungspersonal oder die Angestellten in unserem Hotel, aber auch mein Einkommen hängt vom Einkommen des Hotels ab. Derzeit erhalte ich nur ein Viertel meines vorherigen Einkommens. Ich arbeite hier seit zehn Jahren und dachte bisher nie, dass diese Arbeit unsicher sein könnte. Doch jetzt müssen der Besitzer und ich Angestellte entlassen, um das Überleben des Hotels zu sichern. Ich habe da noch Glück, dass ich mit einer Frau aus Vang Vieng verheiratet bin und wir daher etwas Land hier haben, auf dem wir Geflügel halten und Gemüse für uns selbst anbauen können. Für unsere Angestellten, die kein Land haben, sieht es da schwieriger aus.”

Arbeitsmigrantinnen

Weitaus schlechter als der Manager haben es die Arbeitsmigrantinnen, die in Thailand arbeiten und nun aufgrund der Pandemie zurückgekehrt sind. Eine von ihnen sagte: “Wir sind aus Thailand zurückgekehrt, da es in den Textilfabriken, in denen wir sonst arbeiten, keine Arbeit mehr gibt. Wir arbeiten dort schon seit fünf Jahren. Nach unserer Quarantäne in einem Militärcamp östlich der Hauptstadt Vientiane gingen wir zurück aufs Dorf zu unseren Familien. Aber bei unserer Ankunft zu Hause hatten viele Menschen Angst, da Anfang März 2020 die meisten Ansteckungsfälle aus dem Ausland kamen. So mussten wir für weitere vierzehn Tage in unseren Häusern bleiben, bevor uns die Bewohner*innen wieder akzeptiert haben und wir von ihnen aufgenommen wurden.“

Eine andere Textilarbeiterin ergänzt: „Nun sind wir zurück bei unseren Familien, aber ohne Job. Wir arbeiten in Thailand ja in Fabriken, in denen es keine wirkliche Ausbildung gibt. So kommen wir hierher zurück, aufs Land, ohne besondere Fähigkeiten. Und so wissen wir nicht, wie wir uns über Wasser halten sollen. Wir helfen zwar unseren Eltern beim Hühnerhalten und beim Gemüseanbau. Aber unsere Familie hängt normalerweise von unseren Rücküberweisungen ab, die zum Beispiel unseren Geschwistern die Realschule finanzieren. Aber Hühner und Gemüse können eben kein finanzielles Einkommen ersetzen.”

Gemüsebauern

Für einen Gemüsebauern aus der Stadt stellt sich der Alltag unter Covid-19 wie folgt dar: “Ich bin aus Hadxaifong direkt am Mekong. Dort baue ich auf einem Hektar verschiedene Gemüsesorten an, von Frühlingszwiebeln und Salat über Gurken bis hin zu Auberginen und Chili. Der Beginn der Pandemie war für mich eine ‚goldene Zeit’, weil ich die gesamte Ernte an lokale Händler verkaufen konnte, die sie auch gleich direkt bei mir und anderen im Dorf abholten, da die Leute Nahrung zu Hause horteten. Doch nach dem Lockdown wurde es schwierig für uns, unsere Produkte zu verkaufen aufgrund der geringen Nachfrage. Ich denke, es gibt dafür drei Gründe: Erstens die geringeren Einkünfte bei unseren Kunden, und dass viele sich nicht wie sonst trauen, auf den Markt zu gehen. Es gibt auch keine Feste wie Hochzeiten, Neujahr oder das Raketenfestival, die große Mengen an Gemüse benötigen würden. Zweitens können die Menschen in Vientiane auch selber Gemüse anbauen, wenn sie von zu Hause arbeiten. Drittens leben in Vientiane viele, die aus dem ganzen Land zum Studieren oder Arbeiten gekommen sind. Wenn alles hier dicht macht, gehen viele von denen zurück in ihre Heimat. Das alles hat Auswirkungen auf mich als Gemüsebauer.“

Die Erfahrung eines ländlichen Gemüsebauers sieht ganz anders aus: “Meine Familie baut Gemüse zum Verkauf auf Märkten in der Hauptstadt und im Umland an, vor allem Kohl, Chinakohl und Zwiebeln. Normalerweise läuft der Verkauf über Mittelsmänner. Doch obwohl Händler reisen dürfen, finden sie keine Zeit mehr, Gemüse in die Stadt zu bringen. Weil viele Menschen aus Vientiane zurück in mein Dorf gekommen sind, werden wir Bauern dank der großen Nachfrage unseren gesamten Ertrag in unseren Dörfern los. Manchmal kommen Käufer direkt zu mir und ernten ihre Ware selbst. Was wir aber nicht tun dürfen, ist, die Preise zu erhöhen, da alle hier für ihren eigenen Konsum kaufen, nicht um Profit zu machen.“

Folgen der Pandemie

Diese Äußerungen verschiedener Personengruppen geben nicht nur Einblick in die alltäglichen Erfahrungen mit der Pandemie. Es zeigt sich auch, dass die Auswirkungen zwar entlang sozialer Unterschiede verlaufen, es aber dennoch schwierig ist, eindeutige Gewinner oder Verlierer dieser Krise auszumachen. Dennoch sind von den hier vorgestellten Personengruppen die Arbeitsmigrantinnen sicherlich am stärksten betroffen. Ihre Einkommen sind wichtig für das Vorankommen von Familienmitgliedern in Sachen Bildung – DEM Schlüssel zu sozialem Aufstieg und besseren Aussichten in der modernen laotischen Gesellschaft. Nun, da die Fabriken in Thailand geschlossen und sie zur Familie zurückgekehrt sind, fehlen ihnen aufgrund ihrer eigenen mangelnden Ausbildung die Mittel, um die Familie mit mehr zu unterstützen als ‚bloß’ durch Mithilfe in der Subsistenzwirtschaft.

Auch wenn er selbst seinen Job behalten konnte, musste der Hotelmanager mit der Kündigung seiner Mitarbeiter eine schwere und ihn belastende Entscheidung treffen. Auch sein Gehalt ist erheblich geschrumpft und bleibt abhängig vom Überleben des Unternehmens, welches wiederum über Kredite finanziert ist, deren Rückzahlung nun infrage zu stehen droht.

Bei den städtischen und ländlichen Gemüsebauern zeigte sich eine interessante Umkehr der Verhältnisse mit der pandemiebedingten Abwanderung zugezogener Vientianer in ihre Heimatdörfer. Bemerkenswert ist, dass bei allen Befragten das Thema der Subsistenzwirtschaft aufkommt – als eine altbewährte Strategie der Absicherung in unsicheren Zeiten. Was in diesem Zusammenhang die eindeutige Einteilung in Gewinner und Verlierer ebenfalls verkompliziert, ist das Zusammenrücken der Familien und die gegenseitige Hilfe innerhalb der erweiterten Verwandtschaft im Rahmen solch hergebrachter Absicherungsstrategien.

Die Interviews wurden vom Autor auf Lao geführt und ins Englische übersetzt.

Übersetzung aus dem Englischen von: Michael Kleinod.

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