1 | 2021, Foto-Stories, Kambodscha,
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Bewacht und beschützt durch Ting Mong

Ting Mong Schutz

In der von westlichen Medienmachern gern praktizierten selbst-referentiellen Art wurden sie als ‚Vogelscheuchen’ dargestellt. Mit selbst gebastelten Ting Mong Puppen wird in Kambodscha seit jeher Schutz vor drohenden Krankheiten praktiziert. © Miguel Jeronimo

In Kambodscha gab es bis Anfang 2021 keinen größeren Ausbruch der Corona-Pandemie. Doch Informationen über Schutzmaßnahmen erreichen die Menschen auf dem Land kaum. Umso wichtiger sind traditionelle Riten, die vor Krankheit bringenden Geistern schützen sollen.

Das Corona-Virus hat Kambodscha im März 2020 erreicht. Seitdem ist die Zahl der bestätigten Covid-19 Fälle konstant niedrig geblieben. Die strengen Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie (Schulschließungen, Einschränkung des in- und ausländischen Reiseverkehrs) wurden nach dem Besuch des später positiv getesteten ungarischen Außenministers Péter Szijjártó in Kambodscha sogar von der WHO gelobt. Die niedrigen Werte sind vermutlich auch auf die geringen Zahlen von Covid-19 – Tests zurückzuführen. Aber einen weit reichenden Ausbruch mit vielen Toten hat Kambodscha bisher nicht erlebt (keine bestätigten Corona-Todesfälle, Stand 14.01.2021).

Doch der Informationsfluss über Covid-19 ist insbesondere im ländlichen Kambodscha spärlich und die Unsicherheit unter den Menschen groß. Wie gefährlich die Krankheit ist und welche Präventionsmaßnahmen wirksam sind – darüber wurde dort eher über private als über staatliche Kanäle spekuliert. In vielen Regionen greifen Kambodschaner*innen daher auf eine Präventionsmethode zurück, die Ting Mong genannt wird: der Schutz vor Krankheiten durch anthropomorphische, selbst gebastelte Puppen, die vor dem Haus platziert werden. Ausländische Medien griffen den Ritus auf und berichteten, dass die Kambodschaner*innen Covid-19 mit „Vogelscheuchen“ zu vertreiben versuchten, weil sie es nicht besser wüssten. Diese exotisierenden Beiträge möchte ich um eine verstehende, ethnologische Perspektive bereichern und berichtigen.

Ting Mong Schutz

Diese Ting Mong standen 2012 in einem Dorf in der Nähe von Battambang, in dem mehrere Personen an einem Magen-Darm-Virus erkrankt waren. © Paul Christensen

Abschreckende und anlockende Funktion der Ting Mong

Ting Mong werden zu verschiedenen Anlässen benutzt, vor allem bei drohenden Krankheiten. Beim ersten Aufstellen wird ein kleines privates Segensritual durchgeführt, um sie vor dem Kontakt mit bösartigen Geistern zu schützen. Da Krankheiten oft spirituell begründet werden, sind Ting Mong vor allem auf die Abschreckung und die Täuschung von Geistern ausgerichtet. Die Puppen können somit aus religiöser Perspektive zwei Funktionen erfüllen: Zum einen stellen die meist bewaffneten und abschreckenden Ting Mong eine Bewachung des Anwesens (Haus, Stall, Feld) gegen missgünstige Geister dar. Sie dienen aber auch als Platzhalterinnen für Menschen, die Geister anlocken und täuschen, um die Menschen selbst zu verschonen. Bei Befragungen werden oft beide Möglichkeiten genannt und nur selten werden die Ausrichtungen so deutlich getrennt, wie beispielsweise bei bewaffneten Ting Mong (abschreckend) und bei denen mit Beuteln roter Flüssigkeit, die Blut saugende Geister (beisach chonh chok chheam) täuschen (anlockend).

Beispiele hierfür sind mir während meiner 13-monatigen Feldforschung zu Geistern und Geistmedien in Kambodscha begegnet. Die Fotos zeigen Puppen, die von den Bewohner*innen eines Dorfes in der Nähe von Battambang nach dem Ausbruch besonders schwerer Magen-Darm Krankheiten mit Todesopfern aufgestellt wurden. Solche Fotos, die nun auch im Internet vielfach unter dem Stichwort Ting Mong zu finden sind, erinnern an eine verspielte Version von Vogelscheuchen, die in Europa kaum noch zu finden sind. Es entsteht der Eindruck, dass sich die Kambodschaner*innen einer veralteten Technik bedienen, um ein Virus zu bekämpfen, während in anderen Ländern hoch bezahlte Forscher*innen in Laboren nach medizinischen Lösungen suchen. Ich plädiere jedoch dafür, Ting Mong als eigenes Konzept zu verstehen und sich für andere Erklärungsmöglichkeiten zu öffnen.

Denn Ting Mong werden nicht mit einer besonderen Effektivität oder Wirksamkeit erklärt, die das Benutzen der Puppen einwandfrei verständlich macht. Die angenommene Wirksamkeit der Ting Mong lässt sich, wie auch andere Geister-Praktiken, auf die Formel ‚solange es nicht schadet, nutzt es vielleicht’ bringen – ähnlich wie hierzulande viele Menschen die Wirkung von homöopathischen Arzneimitteln erklären.

Doch dieses ‚vielleicht’ ist nach dem neuen Werk des Religionsethnologen Andrew Johnson (2020) ein mächtiges Konzept, dessen Unsicherheit Erklärungsmöglichkeiten eröffnet. Die Ting Mong können dazu beitragen, die unsichere Lage der Menschen zu erklären und zu verbessern. Die Wirkung dieses Potentials überbrückt die Zeit des passiven Abwartens und initiiert eine Verbindung zu spirituellen Mächten. So wird eine kulturelle Verbindung zur Natur (der Krankheit) geschaffen, die Handlungs- und Interpretationsspielräume schafft.

Spiritueller Umgang mit Unwissen und Unsicherheit

Ein weiteres Potential spiritueller Macht, das mit dem Initiationsritus der Ting Mong eröffnet wird, schafft einen Zugang zu vertrauter, kosmischer Ordnung inmitten des weltlichen Chaos. Neben den Ting Mong werden auch die Eigentümer und Verwalter des Landes, die Ortsgeister Neak Ta, in weniger Aufsehen erregenden und alltäglichen Ritualen zum Schutz gegen Krankheiten mobilisiert.

Diese Ansammlung von menschlichen und nicht-menschlichen Akteuren, wie der Anthropologe Bruno Latour (2002) es ausdrücken würde, schafft einen Interpretationsrahmen zu den Ursachen und zur Prävention, Behandlung und Vertreibung von Krankheit. Dem Unwissen über Wirkung und Maßnahmen zum medizinischen Stand der Vorbeugung wird so eine alternative, spirituelle Lesart entgegengesetzt, die einen lokalen Umgang mit Unwissen und Unsicherheit widerspiegelt. Durch die Prämisse des ‚vielleicht’ hegt dieser Glaubensansatz keinen Wahrheitsanspruch, sondern bietet ein potentielles Erklärungsmodell zur derzeitigen Situation, ohne andere auszuschließen (anders als die hitzig diskutierten Verschwörungstheorien, die derzeit in Deutschland kursieren).

Wer die kambodschanische Gesellschaft verstehen will, sollte grundsätzlich die spirituelle und religiöse Perspektive berücksichtigen. Das gilt auch in Bereichen, die vermeintlich säkulär gedacht werden, wie der Medizin, der Verarbeitung der humanitären Krise zwischen 1968-1998 oder politischen Prozessen.

Spiritualität soll Medizin nicht ersetzen

Bei meinem Besuch 2012 in dem Dorf nahe Battambang wurde mir gesagt, dass sich die Krankheit nach dem Aufstellen von Ting Mong weniger schnell ausgebreitet habe. Daran wird noch ein weiterer Effekt des Phänomens sichtbar: Wer durch ein Dorf mit vielen Ting Mong fährt, reduziert instinktiv den Kontakt zu den Ansässigen. Die Dorfbewohner*innen betonten, dass das Aufstellen der Ting Mong aber nicht der einzige Grund für die Verbesserung gewesen sei; die Kranken hatten auch Medikamente genommen.

Ähnlich argumentiert auch eine Frau in einem Interview mit der Nachrichtenagentur Reuters. Sie glaube an die Kraft der Ting Mong, hoffe aber auf eine baldige Impfung gegen Covid-19. Schade nur, dass das Video die Untertitelung erhielt „These Cambodian villagers believe they have found a way of avoiding coronavirus, without using masks or following social distancing”. Denn in einem Land mit fast 80% Landbevölkerung auf engem Raum und einem alltäglichen Gebrauch von Masken (schon vor Covid-19) sind Ting Mong keine Absage an medizinische Empfehlungen. Vielmehr sind sie eine kambodschanische Methode zur aktiven und kreativen Gestaltung des Wartens auf bessere Zeiten.

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Bewacht und beschützt durch Ting Mong

Vietnam: Nguyễn Tiên Dũng vom Vietnam National Puppetry Theatre berichtet im Interview über das vietnamesische Wasserpuppentheater zwischen Tradition und Moderne.

Das Licht im Saal ist gedimmt, nur die Bühne aus Wasser ist hell erleuchtet. Klänge von Trommeln und Flöten erfüllt den Raum. Drachen tanzen durch wabernden Nebel über das Wasser. Aus ihren Mündern spritzt Wasser. Ein Abend im Vietnam National Puppetry Theatre in Hanoi beginnt.

Die Hauptstadt Vietnams ist reich an Geschichte und Tradition. Eine davon ist das traditionelle Wasserpuppentheater, auch bekannt als múa rôi nước, was so viel bedeutet wie „Puppen, die auf Wasser tanzen“. Historiker*innen zufolge hatte es seinen Ursprung während der Ly-Dynastie (1010-1225) im Delta des Roten Flusses in Nordvietnam.

südostasien: Wie der Name vermuten lässt, spielt Wasser eine besondere Rolle im vietnamesischen Wasserpuppentheater. Wie kam es dazu?

Nguyễn Tiên Dũng: Die Tradition stammt aus einer Zeit, in der ein Großteil der Bevölkerung Vietnams noch Bauern waren. Nach den anstrengenden Reisernten sehnten sich die Menschen nach Unterhaltung. So begann man, die überschwemmten Reisfelder oder manchmal auch Teiche zur Unterhaltung der Dorfbewohner*innen zu nutzen und das Ende der Reisernte zu feiern. Die Puppenspieler standen dabei immer bis zur Hüfte im Wasser und kontrollierten die Puppen aus Holz hinter einem Bambusschirm mithilfe von Stöcken. Die Zuschauer sahen dabei nur die bunten Puppen über das Wasser tanzen.

Das Wasserpuppentheater wurde immer beliebter und schließlich auch am königlichen Hof aufgeführt. Die Puppenspieler entwickelten mit der Zeit neue und kompliziertere Techniken. Das Handwerk wurde dabei schon immer sehr ernst genommen. Die Geheimnisse der Puppenspielkunst wurden meist nur innerhalb der Familie von Generation zu Generation weitergegeben.

Wovon handeln die Geschichten, die im Wasserpuppentheater erzählt werden?

Wir haben verschiedene Geschichten. Viele sind eng mit dem Ursprung des Wasserpuppentheaters verbunden, mit den Dörfern und Feldern Vietnams. Sie erzählen von alltäglichen Aktivitäten wie dem Fangen von Fröschen, der Jagd auf Füchse zum Schutz der Entenküken, der Reisernte und auch von Festen wie Bootsrennen oder Ringkämpfen.

Andere Stücke erzählen unsere alten Mythen und Legenden, die über Generationen weitergegeben wurden und weit bekannt sind. Ein Beispiel ist die Legende Sơn Tinh – Thủy Tinh (Gott der Berge und des Wassers). Sie handelt von den saisonalen Monsunen die Vietnam heimsuchen und dem harten Kampf unserer Vorfahren gegen deren verheerende Folgen.

Unabhängig vom jeweiligen Stück gibt es einen Charakter, der immer wieder auftaucht. Sein Name ist Chú Tễu, also buchstäblich ‚Onkel Comedian‘ oder Joker. Wie es sein Name schon sagt, sorgt er bei den Vorführungen für Lacher. Manchmal ist er Erzähler und führt durch die verschiedenen Szenen der Geschichten, manchmal tritt er aber auch als Kommentator auf.

Seit der Entstehung des Wasserpuppentheaters ist viel Zeit vergangen. Hat sich mit dem Alltag der Bevölkerung auch das Wasserpuppentheater verändert?

Natürlich hat sich seitdem viel getan. Früher war das Wasserpuppentheater vor allem ein Vergnügen des einfachen Volkes in den gefluteten Reisfeldern der Dörfer. Heute spielen wir auf großen Bühnen für ein breites Publikum. Das Theater hat sich in vielen Bereichen stark weiterentwickelt und sich an kulturelle und soziale Veränderungen angepasst. Neben dem traditionellen Programm werden auch modernere oder internationale Stücke gespielt, um auch die jüngeren Generationen anzusprechen. Wir zeigen zum Beispiel verschiedene Märchen von Hans Christian Andersen. Die Kombination aus traditioneller vietnamesischer Kunst und den beliebten Märchen aus Dänemark kommt bei den Zuschauer*innen sehr gut an.

Auch die technologischen Entwicklungen haben uns neue Möglichkeiten für unsere Aufführungen eröffnet. Durch den gezielten Einsatz von modernem Ton- und Lichtequipment können wir die visuelle Darstellung verbessern. Das Theaterstück wird dadurch noch lebendiger. Wichtig ist dabei aber immer, dass trotz aller Innovation bei der Kombination zwischen Tradition und Moderne die Seele des Wasserpuppenspiels erhalten bleibt. Wir sind damit auf einem guten Weg. Das Wasserpuppentheater ist nicht nur in Vietnam beliebt, sondern mittlerweile auch im Ausland als eine einzigartige Kunstform unseres Landes bekannt. Es ist ein Teil unserer kulturellen Identität, die wir fördern und bewahren müssen.

Welche Rolle spielt das Vietnam National Puppetry Theatre beim Erhalt dieser traditionellen Kunstform?

Das Vietnam National Puppetry Theatre ist das größte Zentrum für Puppenspielkunst im Land. Es hat es sich zur Aufgabe gemacht, die traditionelle Kunst nicht nur zu bewahren, sondern auch weiterzuentwickeln. Es wurde 1956 auf Anweisung des damaligen Präsidenten Hô Chí Minh gegründet, der damit Kindern Freude und etwas zum Lachen schenken wollte. Unser Theater besteht aus einem vielfältigen Team aus talentierten Künstler*innen verschiedener Berufe, von Regisseur*innen, Drehbuchautor*innen, über Puppenmacher*innen und -spieler*innen, bis hin zu Ton- und Lichttechniker*innen. Viele von ihnen haben im Ausland studiert oder direkt von traditionellen Wasserpuppenspieler-Truppen aus den Dörfern gelernt. Aktuell gibt es im Vietnam National Puppetry Theatre drei Bühnen, eine für ’normales‘ Theater und zwei für Wasserpuppentheater. Damit schaffen wir nicht nur einen Platz für Künstler*innen, die traditionelle Kunst zu leben, sondern auch, sich auszuprobieren. Ein wanderndes Puppentheater erlaubt uns zudem, Vorstellungen überall in Vietnam, aber auch im Ausland zu geben. So können wir unsere Kultur lebendig halten und ein neues Publikum erreichen, indem wir sie in die Welt tragen.

Welche Regierungs-Maßnahmen unterstützen das Wasserpuppenspiel?

Das Vietnam National Puppetry Theatre wurde nicht nur von Hô Chí Minh gegründet, sondern untersteht auch dem Ministerium für Kultur, Sport. Damit hat die Regierung ein großes Zeichen gesetzt. Das Wasserpuppenspiel ist seitdem offiziell als eine traditionelle Volkskunstform mit hohem Wert für die Nation anerkannt.

Das Wasserpuppenspiel ist eine Kunstform, die nicht nur passende Bühnen, sondern auch eine entsprechende Ausbildung der Mitarbeiter*innen und spezielle Requisiten benötigt. Ohne gute Puppenmacher könnten keine neuen Puppen mehr angefertigt werden. Traditionelle Puppen würden auch nicht richtig gepflegt oder bei Bedarf ausgebessert. Ohne die nötige Förderung und Investitionen könnte diese Kunstform nicht bestehen und die Kultur verschwände. Daher müssen vor allem lokale Behörden und Kulturbeauftragte auf die Bedürfnisse der verschiedenen Puppentheater achten. Außerdem soll die Rolle des damit verbundenen Handwerks gefördert werden, um diese Kunstform weiterhin zu erhalten. Nur so kann das vietnamesische Wasserpuppenspiel weiterhin bestehen und ein großes Publikum erfreuen.

Interview und Übersetzung aus dem Englischen von: Eileen Kristiansen

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In Timor-Leste ist ‚der Ozean‘ eine ’sie‘. ‚Mutter Meer‘ umarmt und nährt zahllose Wesen. Die indigene Praxis des Tara Bandu dient ihrem Schutz.

Timor-Leste liegt im so genannten Korallendreieck und ist reich an mariner Artenvielfalt. Mit 747 Kilometern Küstenlinie ist der südostasiatische Staat von Fischerei und Meerestourismus geprägt. Ein Fischerei-Hotspot sind die Gewässer um die Insel Ataúro vor der Küste der Hauptstadt Dili. Ataúro ist bekannt für seine Vielfalt an Rifffischen und wird von Meeresbiolog*innen weltweit für seine Riff-, Seegras- und Mangrovenlebensräume anerkannt. Ataúro liegt in der Straße von Wetar, einer Meerenge im Malaiischen Archipel mit äußerst nährstoffreichen Gewässern.

Tara Bandu – Traditioneller Meeresschutz

Seit Jahrhunderten sind die traditionellen Fischer*innen in Ataúro auf den Fischfang angewiesen, um ihren Lebensunterhalt zu sichern. Das Herzstück ihrer harmonischen Beziehung zum Meer ist die indigene Praxis des Tara Bandu. Dieser über Generationen weitergegebene Brauch fördert Frieden und Versöhnung durch die Kraft einer öffentlichen Vereinbarung sozialer Normen und Praktiken. Tara Bandu ist auch ein kultureller Leitfaden, der die Menschen auffordert, die Meeresressourcen zu schätzen und zu schützen und dafür zu sorgen, dass sie nicht übermäßig ausgebeutet werden.

Tara Bandu stellt Regeln für die nachhaltige Nutzung natürlicher Ressourcen auf, bei Fischfang, Jagd und Landwirtschaft. Dazu gehören genaue Richtlinien, wann und wo bestimmte Aktivitäten stattfinden dürfen, um Raubbau zu vermeiden und die Regeneration der Ressourcen zu sichern. Diese Praxis umfasst Verbote, bestimmte Bäume zu fällen, bestimmte Tiere zu jagen und Ökosysteme zu stören, die als heilig oder lebenswichtig für das Wohlergehen der Gemeinschaft gelten.

Tara Bandu umfasst viele Handlungen zum Umgang mit Wasser. Dies betrifft häufig den Schutz und die nachhaltige Bewirtschaftung von Quellen, Flüssen und Seen. So können zum Beispiel bestimmte Wasserquellen als heilig gekennzeichnet und Aktivitäten verboten werden, die die Wasserqualität oder die Umgebung beeinträchtigen könnten. Gemeinschaften haben spezielle Rituale und Zeremonien, um die Reinheit von Gewässern zu schützen und zu erhalten und ihre nachhaltige Nutzung für künftige Generationen zu sichern. So gibt es zum Beispiel das Ritual Nahe Biti („die Matte ausbreiten für den Konsens“), das die Ernte vor moruk („Gift“) schützen soll. Es wird während der Nassreisernte durchgeführt, um die Wechselbeziehung mit dem Fluss zu pflegen.

Die Lösung von Konflikten ist ebenfalls Bestandteil von Tara Bandu. Es beinhaltet die Schlichtung von Streitigkeiten und die Aufrechterhaltung von Frieden und Harmonie zwischen den Mitgliedern der Gemeinschaft. Tara Bandu unterstreicht die Selbstverpflichtung und den Respekt der Gemeinschaft für gemeinsame Vereinbarungen.

Regeln und Rituale

Die Praxis des Tara Bandu beginnt in der Regel mit einer Versammlung, in der die Leiter und Mitglieder der Gemeinde die durchzusetzenden Regeln diskutieren und vereinbaren. Die vereinbarten Regeln werden dann durch Zeremonien symbolisch gekennzeichnet, wobei oft Zeichen, Symbole oder physische Barrieren (wie Holzpfähle oder gewebte Gegenstände) aufgestellt werden, um geschützte Bereiche abzugrenzen oder auf eingeschränkte Aktivitäten hinzuweisen. Zu den Ritualen gehören häufig Opfergaben wie das Schlachten von Schweinen oder Hühnern, um den Segen der Geister der Vorfahren herbeizurufen und die Einhaltung der Regeln durch die Gemeinschaft sicherzustellen. Die Regeln werden öffentlich verkündet und allen Mitgliedern der Gemeinschaft mitgeteilt, um sicherzustellen, dass jeder die neuen Regeln kennt.

Verstöße gegen die Regeln des Tara Bandu werden ernst genommen und können zu verschiedenen Sanktionen führen. Geldstrafen sind üblich und können je nach Schwere des Verstoßes unterschiedlich hoch sein. Sie werden in der Regel in bar oder mit Naturalien wie Vieh oder landwirtschaftlichen Erzeugnissen bezahlt. Von den Schuldigen kann verlangt werden, sich öffentlich bei der Gemeinschaft zu entschuldigen, ihr Fehlverhalten einzugestehen und um Vergebung zu bitten.

In einigen Fällen müssen die Täter die Betroffenen entschädigen, zum Beispiel indem beschädigtes Eigentum ersetzt wird oder verlorene Ressourcen zu bezahlen sind. Wiederholungstäter können von der Teilnahme an Aktivitäten oder Ritualen der Gemeinschaft ausgeschlossen werden. Dadurch werden sie sozial isoliert, bis sie sich an die Regeln halten. Weit verbreitet ist der Glaube, dass ein Verstoß gegen Tara Bandu Unglück oder spirituelle Vergeltung für den Einzelnen und die Gemeinschaft bringen kann, etwa Krankheiten, schlechte Ernten oder anderes Unglück. In seltenen und schweren Fällen können körperliche Strafen verhängt werden, aber das ist immer seltener der Fall.

Rückkehr zu kulturellen Wurzeln

Während der indonesischen Besetzung von Timor-Leste von 1975 bis 1999 verbot die nationale Regierung das Praktizieren des Tara Bandu. Die Kontrolle der Fischereiaktivitäten wurde zentralisiert, was zu einer Verschlechterung der Bedingungen in den wichtigen marinen Ökosystemen, einem Rückgang der Fangzahlen und folglich einem Anstieg der Armut in den Küstengemeinden führte.

„Nachdem wir das Tara Bandu wieder für einige Jahre eingeführt hatten, beobachteten wir mehr Fische in unseren Fischgründen. Die Fische stammen aus dem Schutzgebiet. Tara Bandu ist für uns wichtig, weil es seit Generationen genutzt wird und unsere natürlichen Ressourcen schützen kann. Die Regierung und die Zivilgesellschaft unterstützen seine Umsetzung“, so Sr. Manuel Gamboa, ein Fischer aus Ataúro.

Seit der Unabhängigkeit Timor-Lestes von Indonesien im Jahr 2002 ist eine stetige Rückkehr auf alte Tradition wie das Tara Bandu zu beobachten, da sich die Gemeinschaften wieder auf ihre kulturellen Wurzeln besinnen. Diese Rückbesinnung hat das Interesse globaler Meeresschutzorganisationen geweckt, die bei der Revitalisierung der Kultur und der alten Traditionen unterstützen. Eine davon ist Blue Ventures, eine Organisation mit Hauptsitz in Großbritannien, die seit 2016 in Timor-Leste tätig ist.

Blue Ventures unterstützt vor allem die von Gemeinschaften betriebene Meeresbewirtschaftung und die Diversifizierung der Lebensgrundlagen in den Küstengebieten. Durch das Einbinden von Küstengemeinden in Ataúro und auf dem Festland wird die Wiederbelebung des Tara Bandu unterstützt, um einen Meeresschutz zu fördern, bei dem die Menschen vor Ort im Mittelpunkt stehen. Zu den Grundsätzen von Tara Bandu im Rahmen lokal verwalteter Meeresgebiete gehören sowohl temporäre als auch absolute Fischereiverbote, sowie die Überwachung der Meeresökosysteme und der Fischerei durch die lokale Bevölkerung.

Die Gemeinschaften beziehen auch die Kinder in die kulturelle Praxis von Tara Bandu ein. „Wenn Kinder an Tara Bandu teilnehmen, lernen sie, wie wichtig es ist, unsere Umwelt zu schützen und die Harmonie innerhalb unserer Gemeinschaft zu erhalten. Dieses Wissen ist lebenswichtig für unsere Zukunft“, sagt Isabel Fernandes aus Ataúro.

Die Frauen in den Dörfern spielen, ebenso wie Dorfälteste und Gemeindevorsteher, eine wichtige Rolle bei der Weitergabe dieses Wissens, in dem sie Geschichten erzählen und Kinder sowie Jugendliche an Ritualen und Zeremonien miteinbeziehen. Ana dos Santos aus Ataúro, die ebenso wie Isabel Fernandes aktiv an den Tara Bandu Ritualen beteiligt ist, bekräftigt: „Unsere Kinder über Tara Bandu zu unterrichten, bedeutet nicht nur, unsere Kultur zu bewahren, sondern ihnen auch die Werte des Respekts für die Natur und die Gemeinschaft zu vermitteln, die den Kern unserer Lebensweise bilden.“

Übersetzung aus dem Englischen von: Eileen Kristiansen und Norbert Schnorbach

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