1 | 2018, Osttimor, Timor-Leste,
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Ungleiche Vermögensverteilung in Timor-Leste: Wer hat, dem wird gegeben

Regierungsprogramm zur Entwicklungspolitik © Monika Schlicher

Regierungsprogramm zur Entwicklungspolitik © Monika Schlicher

Die Wirtschaft von Timor-Leste ist geprägt von Ressourcenausbeutung und Infrastruktur-Großprojekten. Die Einnahmen fließen in die Taschen der Eliten.

 

Timor-Leste ist trotz reicher Öl- und Gasvorkommen eines der ärmsten Länder der Welt. 90 Prozent der staatlichen Einnahmen kommen aus der Erdöl- und Gasförderung. Andere Wirtschaftszweige sind kaum aufgebaut. Ihr Beitrag von ca. einem Viertel des Bruttoinlandsproduktes speist sich vor allem aus öffentlichen Ausgaben für Infrastrukturmaßnahmen, Verwaltung und Beschaffungswesen.

Das einzige weitere nennenswerte Exportgut Timor-Lestes ist Kaffee, der aufgrund des globalen Marktes jedoch ständigen Preisschwankungen ausgesetzt ist. Die Regierung sucht nach Möglichkeiten, die wirtschaftliche Diversität abseits des Ölsektors zu fördern, z. B. den Tourismussektor. Noch ist das internationale Interesse an Timor-Leste als Reiseziel jedoch gering.

Einnahmen aus Öl- und Gasfonds kommen Armen nicht zugute

Landarbeiterin in Timor-Leste © UN, Foto:  Martine Perret

Zur Verwaltung der Öl- und Gaseinnahmen richtete Timor-Leste kurz nach Erlangung seiner Unabhängigkeit von Indonesien 2002 einen Fond ein. Wie man mit den Erträgen umgehen soll, war von Anfang an umstritten: Sollten die Einkünfte für die Zukunft angelegt oder in aktuelle entwicklungsbedürftige Bereiche wie Bildung und Gesundheit, Ausbildung von Fachkräften etc. investiert werden? Obwohl also gesetzlich vorgeschrieben war, die Gewinne in den Fond einzuzahlen, konnte bis heute die Armut im Land mit diesen Einnahmen kaum gemildert werden.

Die Weltbank empfiehlt, dass das Land „seine Wirtschafts- und Einkommensquellen diversifiziert, die Qualität des Bildungs- und Gesundheitswesens erhöht und die Bevölkerung mit nützlichen Qualifikationen ausstattet.“ Dazu müsste eine Strategie verfolgt werden, zeitnah eine große Anzahl an Arbeitsplätzen zu schaffen. Die Berufsausbildung sollte den Absolventen dann einen leichten Einstieg in die produzierenden Gewerbe des Landes ermöglichen.

Im Einklang mit dem Strategischen Entwicklungsplan der Regierung für 2011 bis 2030 wurde der Großteil der staatlichen Mittel bisher für Infrastrukturmaßnahmen wie den Ausbau von Straßen, Brücken, den Flughäfen, Häfen, Elektrizitätsnetz verwendet. Die Maßnahmen sollen dazu dienen, die ländlichen Regionen mit städtischen Zentren zu verbinden und den Zugang zu Schulen, Gesundheitsdiensten, Märkten und damit auch zu Beschäftigung zu verbessern.

Seit die Partei CNRT 2007 Regierung übernahm, war das Argument, intensiv in die Infrastruktur investieren zu müssen, die Rechtfertigung dafür, Mittel aus dem Fond zu nehmen. 2016 schlug der damalige Premierminister Rui Araujo in seiner Rede zum Haushalt 2017 vor, den Fond über ein nachhaltiges Maß hinaus zu belasten. Einerseits werde zwar so die zukünftige Rendite des Fonds gesenkt, andererseits könne aber durch die Investition mittel- und langfristig höhere soziale, wirtschaftliche und finanzielle Erträge erzielt werden.

Schwache Anti-Korruptionsbehörde

Die Gefahr, dass dabei korruptionsanfällige Arbeitsprozesse entstehen, ist hoch. Geeignete Kontrollmechanismen und das dementsprechendes Personalwesen müssen sich erst noch entwickeln. 2009 wurde eine Anti-Korruptionsbehörde ins Leben gerufen. Doch im Parlament steht die Verabschiedung eines Anti-Korruptionsgesetzes noch aus.

Einmal jährlich berechnet das Finanzministerium das geschätzte nachhaltige Einkommen des Staates. Dieser Maßstab gibt an, wie viel Geld aus dem Erdölfond zur Finanzierung des Staatshaushalts abgeschöpft werden soll. Von 2008 bis 2012 sowie 2014 bis 2018 wurde diese Grenze jährlich überschritten. Diese Budgetüberschreitung hat die Bilanz des Fonds und dessen zukünftige Investmenteinnahmen (langfristig) gesenkt.

Zwei der kapitalintensivsten Projekte der Regierung befinden sich in abgelegenen Regionen und stehen unter starker Kritik. An erster Stelle steht das Tasi Mane Projekt, an der Südküste der Insel. Das Projekt basiert auf Plänen für eine zukünftige Erdölindustrie und sieht den Bau einer Raffinerie, eines Flüssiggaskraftwerkes, einer 156 km langen Straße und einer Ölpipeline vor. Ein Flughafen in Suai ist bereits gebaut. Kritikern zufolge wird dieses Megaprojekt Timor-Lestes Abhängigkeit von Öl und Gas nur weiter vorantreiben. Ein weiteres Großprojekt ist eine Sonderwirtschaftszone in Oecussi, einer osttimoresischen Enklave im indonesischen Westtimor. Diese geographisch isolierte Region soll zu einem Handels- und Tourismuszentrum ausgebaut werden. In Timor-Leste befürchten viele, dass dieses Vorhaben der lokalen Bevölkerung nicht zu Gute kommen wird, da es für die anliegenden Tätigkeiten kaum qualifiziertes Personal gibt.

Politiker und Unternehmer profitieren von Großprojekten

Wer profitiert von dieser Form des Tourismus? © Monika Schlicher

Die Projekte selbst sind berechtigterweise umstritten, denn wer von ihnen profitiert ist offensichtlich. Sie ermöglichen es vor allem Politiker*innen und regierungsnahen Unternehmen, sich daran zu bereichern. Nach 10 Jahren können wir deutlich die weit auseinander klaffende Wohlstandsschere in Timor-Leste ausmachen. Und innerhalb einer Dekade hat Timor-Leste eine eigene, sich auf politische und familiäre Beziehungen stützende Elite hervorgebracht, welche sich in zwei politische Lager aufteilen lässt. Im Zentrum dieser stehen Xanana Gusmão und Mari Alkatiri. Sie gelten als die Gründerväter des Landes. Alkatiri initiierte die Unabhängigkeitsbewegung mit seiner FRETILIN Partei und Gusmão führte das Land seit den 1980ern bis zum Referendum. Gusmão wurde auch kürzlich als Verteidiger der Souveränität Timor-Lestes bezeichnet, da er die maritimen Grenzverhandlungen mit Australien entscheiden konnte. Beiden Männern wird jedoch Korruption und Nepotismus unterstellt.

Gusmão soll dafür gesorgt haben, dass mit CNRT verbundene Unternehmen bei der Vergabe von Projekten bevorzugt wurden. Sowohl sein Neffe Nilton als auch seine Tochter Zenilda sind involviert. Nilton Gusmão besitzt seit 15 Jahren das Ölunternehmens ETO, das kein Eigenkapital ausgewiesen hat. ETO ist einer der wichtigsten Öllieferanten für die Regierung und für das mit Schweröl befeuerte Elektrizitätswerk in Hera. Nilton Gusmão besitzt zudem einen eigenen Fernsehsender mit der Lizenz, die Fußball-Weltmeisterschaft 2018 zu übertragen. Er gründete die erste timoresische Fußballliga „Liga Futeball Amadora“, die von der Elite der Hauptstadt Dili gefördert wird. Darüber hinaus steht er als Käufer der Timor Telecom im Gespräch.

Zenilda Gusmão wurde beschuldigt, geheime Absprachen getroffen zu haben, um Reis mit Hilfe von staatlichen Subventionen zu importieren. Vor kurzem kam es außerdem zu Festnahmen in einem ihrer Bauunternehmen, da die 7. konstitutionelle Regierung unter Mari Alkatiri eine Nulltoleranzpolitik gegen Korruption ins Leben gerufen hatte. Die Firma wurde ins Visier genommen, nachdem das Parlament das Programm und den Haushaltsplan der Regierung nicht verabschiedet hat und die Regierung damit vor dem Aus stand. Bis heute gibt es keine weiteren Informationen über das Verfahren, es scheint im Sand zu verlaufen.

Mari Alkatiri wird zeitgleich beschuldigt bei Verhandlungen mit Australien im Jahr 2002 über das Konto seines Bruders Ahmed Alkatiri Bestechungsgelder von dem Energiekonzern ConocoPhilips erhalten zu haben. Selbst unter der von der CNRT geführten Regierung erhielt Mari Alkatiri einen großen Anteil vom „Kuchen“ der Infrastrukturprojekte. Ihm wurde die Leitung von ZEEMS, der Sonderwirtschaftszone in Oecussi, zuteil. Seine Tochter zog jüngst ins Parlament ein. Sie ist ebenfalls in die Ölversorgung sowie verschiedene Bauprojekte in Oecussi involviert.

Neue Hoffnung durch neue Partei?

Dörfliches Leben an der Grenze zu Indonesien © UN, Foto: Martine Perret

Keine der großen Parteien, die bei der vorgezogenen Wahl am 12. Mai 2018 antraten, wird die Armutsbekämpfung im Land drastisch verbessern. Die FRETILIN hätte unter Alkatiris strikt reglementierter Führung die Elite noch exklusiver gefördert. Auch Xanana Gusmão und die CNRT werden die Ausbreitung der Korruption im Land nicht unterbinden. Ein wenig Hoffnung auf Veränderung bietet die neue Partei PLP um Expräsidenten Taur Matan Ruak mit seinem überwiegend jungen Team.

Bereits vor dem Wahlkampf gab es zahlreiche politisch motivierte Eingriffe in die Wirtschaft. So hatte z.B. der Umweltminister die Arbeit auf Baustellen im Infrastrukturbereich einstellen lassen, weil diese angeblich nicht mit geltendem Umweltrecht übereinstimmen. Die involvierten Firmen gelten als finanzielle Unterstützer des CNRT. Allerdings hatten parteiassoziierte Baufirmen bereits vor dem offiziellen Wahlkampfbeginn begonnen, unter dem Deckmantel sozialer Verantwortung Straßen und ähnliches kostenfrei zu reparieren. Eine Geste, deren politische Motivation offensichtlich ist. Es gibt einige wenige Firmen die in sehr geringem Umfang versuchen, für den gesellschaftlichen Nutzen zu arbeiten. Diesen Unternehmen fällt es allerdings schwer, wettbewerbsfähig zu bleiben auf einem Markt, in dem die meisten Unternehmer mit mächtigen Politikern in direktem Kontakt stehen.

In diesem politisiertem Umfeld wird wirtschaftlicher Fortschritt gedämpft. Viele Menschen in Timor-Leste haben das Gefühl, Krise um Krise gemeistert zu haben, um sich ein geregeltes Leben aufzubauen, und nun sorgen die Konfrontationen der Eliten erneut für politische Instabilität. Die Aussicht der Bevölkerung auf eine steigende Lebensqualität nimmt ab. Seit einem Jahr stagniert die Wirtschaft. Eine Besserung ist auch in diesem Jahr nicht zu erwarten. Die Regierungsbildung nach der Wahl im Mai 2018 wird noch dauern, denn Präsident Guterres lehnte die Ernennung von elf Ministern und Vizeministern wegen Korruptionsverdacht ab.

Die prekäre Wirtschaftslage und das Überstrapazieren des Ölfonds sind Herausforderung, vor denen die neue Regierung steht. Eine Abkehr von der Ausgabenüberlastung des Fonds ist nicht in Sicht, gleichfalls hält man daran fest, Flüssiggastechnologie nach Timor zu bringen. So würde sich der Kreis schließen und dieselben Eliten würden erneut von den staatlichen Infrastrukturprojekten profitieren während der Rest der Bevölkerung leer ausgeht.

Ungleichmäßigen Vermögensverteilung

In der osttimoresischen Öffentlichkeit wird viel über den Reichtum Einzelner, die Verbindungen zu Regierungsparteien haben, gesprochen. Es gibt allerdings keine wissenschaftlich erhobenen Daten dazu. Die meisten Debatten beruhen auf Beobachtungen. Aufgrund der engen kulturellen und familiären Beziehungen ist die Bevölkerung Timor-Lestes sehr gut vernetzt. Leicht kann in Erfahrung gebracht werden wem etwas gehört und wie es beschafft wurde. In der politischen Debatte rückte der Fokus jedoch auffällig selten auf das Thema der ungleichmäßigen Vermögensverteilung. Auf Ebene der Zivilgesellschaft ist es schon eher ein Thema, aber nur selten werden die Ursachen oder gar ihre Bekämpfung in den Fokus gerückt. Dies liegt auch an dem geringen Vertrauen in das Justizwesen. Viele Verfahren, die mit Personen der Führungsriege in Verbindung stehen, wurden vorzeitig eingestellt.

Unser Kampf um Unabhängigkeit muss auch dafür sorgen, dass soziale Gerechtigkeit im Zentrum unserer Gesellschaft steht. Das Bildungs- und Gesundheitswesen ist zu verbessern. Die Regierung muss einen Weg finden, der den schwächsten Mitgliedern der Gesellschaft, wie den Alten, den Menschen mit Behinderung und den Opfern der vergangenen Krisen sowie aktueller Naturkatastrophen die notwendige Unterstützung zukommen lässt. Die Menschen erwarten von der neuen Regierung, dass ihre Grundbedürfnisse gesichert sind und gleichzeitig ein nachhaltiges Fundament für die Zukunft geschaffen wird

Übersetzung aus dem Englischen von: Rafael Klabisch.

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Ungleiche Vermögensverteilung in Timor-Leste: Wer hat, dem wird gegeben

Laos: Der Tourismus, einer der wichtigsten Wirtschaftssektoren der laotischen Volksrepublik, ist von der Pandemie hart getroffen. Wir sprachen mit dem Ökotourismusunternehmer Inthy Deuansavanh über die Reisebranche in der Krise – und wie sie danach aussehen könnte.

Wie geht es Ihnen und ihrer Familie in diesen Zeiten?

Es geht immer besser. Wir hatten ja Glück in Laos, da die Zahl der Corona-Fälle nicht sehr hoch war. Zu Beginn, im ersten Lockdown im März 2020, war es sehr hart für uns alle. Doch danach war es uns zumindest möglich, in Laos herumzureisen und innerhalb des Landes überall hin zu gehen. Insgesamt bisher also alles ziemlich normal. Der einzige Unterschied ist, dass wir nicht ins Ausland reisen können. Meine Tochter ist für ihr Studium in Melbourne. Das ist schwierig, weil ich sie nicht besuchen kann und sie kann auch nicht hierher kommen. Linienflüge sind eingestellt, Touristenvisa werden keine ausgestellt.

Sie sind ein zentraler Akteur in der laotischen Reisebranche. Welche Auswirkungen hat die Coronapandemie auf den laotischen Tourismus?

Da sieht es sehr, sehr schlecht aus, weil so ziemlich jeder in der Tourismusindustrie auf ausländische Touristen ausgerichtet ist. Die Zahl einheimischer Touristen ist äußerst gering und die meisten Produkte, die wir entwickeln, sind für ausländische Reisende. Vor allem für viele Anbieter in der UNESCO-Welterbe-Stadt Luang Prabang – dem Aushängeschild des Laos-Tourismus – ist es extrem schwer, da man sich dort auf sogenannte ‚high-end‘-Touristen aus dem Ausland konzentriert. Dennoch haben wir auch ein bisschen Glück, weil die Zahl der einheimischen Reisenden ebenfalls zugenommen hat. Einige von denen, die sonst ins Ausland reisen, entdecken nun ihr eigenes Land.

Am meisten leiden aber sicher die Reiseagenturen. Für sie ist es sehr schwer sich anzupassen, da einheimische Touristen keine Reiseagenturen nutzen. Die buchen ihre Hotels selbst und gehen alleine zu den Attraktionen. Auch viele Guides haben es schwer. Tourguides sind ja stets Freiberufler und somit in der Krise auf sich und ihr soziales Netz angewiesen. Einige liefern jetzt Essen aus, andere arbeiten auf dem Bau oder in der Landwirtschaft. Auch einige Hotels haben es sehr, sehr schwer. Es hängt vom Ort ab, aber sehr teure Hotels in Luang Prabang haben große Schwierigkeiten, denn selbst wenn die ihre Preise um die Hälfte reduzieren bekommen sie keine einheimischen Kunden.

Ihr Unternehmen bietet auch gemeindebasierten Tourismus in Minderheitendörfern in Naturschutzreservaten an. Damit soll sowohl diesen Gemeinden geholfen als auch der Naturschutz mitfinanziert werden. Was sind die Auswirkungen von Corona dort?

Dasselbe Problem. Wenn es keine Touristen gibt, dann gibt es auch kein Einkommen. Das heißt, einige der Bewohner gehen wieder in den Wald, um Wildtiere zu jagen. Abholzung ist derzeit eher schwierig, da die Regierung ziemlich stark kontrolliert, was natürlich gut ist. Aber die Lokalbevölkerung muss etwas finden, von dem sie leben kann. Also zurück zur illegalen Wildtierjagd, das passiert tatsächlich derzeit.

Welche staatliche Unterstützung bekommt der Tourismussektor in der Pandemie?

Nur wenig. Die Handelskammer hat bereits alles, was wir an Hilfe von der Regierung benötigen, gemeldet, wie Steuererleichterungen, Einstellung von Mietzahlungen und Konzessionsabgaben, Reduktion der Strompreise für Hotels und so weiter. Es wäre gut, wenn es Steuererleichterungen während dieser Pandemie gäbe. Elektrizität wird ja genug im Land hergestellt, muss also nicht importiert werden. Die Kosten dafür müssten für den Tourismussektor gesenkt werden, vor allem für Hotels. Und natürlich wäre es wichtig, dem Privatsektor zu helfen, das Personal zu bezahlen. Unserer Kernbelegschaft zahlen wir im Moment mindestens 20%. Und zwar bis zu den Filialleitern in den Provinzen. Und das, obwohl niemand arbeitet. Manche Unternehmen können das natürlich nicht. Aber im Tourismus sind die Angestellten, ist das Team besonders wichtig. Denn wenn ein Hotel oder eine Reiseagentur keine Belegschaft hat und von Null anfängt, wenn Corona vorbei ist, dann wird es für die sehr schwierig.

Es gibt zwar einen Kredit für kleine und mittlere Unternehmen mit sehr niedrigen Zinsen, aber es ist sehr schwer den zu bekommen. Es soll bald ein Projekt von UNICEF geben, da gab es ein paar Meetings in den vergangenen Wochen. Es geht wohl auch um finanzielle Unterstützung, aber wir warten noch. Es ist eine sehr harte Zeit für alle, auch für politische Entscheidungsträger, da es nun einmal kein Einkommen gibt. Aber es ist wichtig, den Unternehmen zu helfen, da vieles an denen hängt. Wenn nach Corona die Geschäfte im Sterben liegen, dann wird alles nur noch schlimmer. Bisher ist aber leider noch nicht allzu viel passiert.

Ein kleiner Lichtblick für die Reisebranche ist die Kampagne Lao Thiao Lao – Laoten besuchen Laos. Wie läuft diese Kampagne?

Wir müssen uns natürlich anpassen und einige von uns schaffen es, sich auf einheimische Touristen einzustellen. Hotels in Luang Prabang oder auch meine Unternehmen richten jetzt ihre Angebote auf einheimische Touristen aus. Und das heißt in erster Linie natürlich, die Preise zu senken – und zwar im Durchschnitt um 50 Prozent. Bei Lao Thiao Lao ist es das erste Mal so, dass der Privatsektor über die Handelskammer die Sache selbst in die Hand nimmt. Denn wir wissen ja, dass es oft etwas länger dauern kann, wenn man auf die Regierung wartet, weil es da so viele Abläufe, Budgetfragen und so weiter gibt. Diesmal baten wir die Regierung, schnell handeln zu dürfen.

Werbevideo der Lao Thiao Lao-Kampagne:

Lao Thiao Lao dient in erster Linie zu Kommunikationszwecken; es ist vorrangig eine Facebook-Plattform mit allen Informationen zu Attraktionen, Reiseagenturen und Hotels, die Sonderangebote haben. Wir haben diese Seite mit Unterstützung des luxemburgischen Projekts Skills for Tourism und einer professionellen Online-Werbeagentur aufgebaut und auch beworben, damit die Leute darüber informiert sind. Und die Seite ist ein ziemlicher Erfolg, weil nun einige von denen, die sonst im Ausland reisen, notgedrungen nach Möglichkeiten im Inland suchen. Die Seite nimmt schnell Fahrt auf: jeden Tag gibt es mindestens zwei neue Posts mit Angeboten und wir haben bereits fast 30.000 Follower, alles sehr dynamisch.

Welche Menschen nutzen diese Möglichkeiten und was ist das Neue an dieser Art des einheimischen Tourismus?

Es sind in erster Linie Menschen aus den vier größten Städten: Pakse, Savannakhet, Luang Prabang und natürlich Vientiane. Aber es sind auch Leute aus Oudomxay, Saravan oder Sekong dabei.

Neu ist zum Beispiel, dass diese Reisenden sehr ähnlichen Aktivitäten nachgehen wie ausländische Touristen und auch in Hotels übernachten. Vielen Hotels in Luang Prabang geht es im Moment relativ gut, da sie hohe Rabatte anbieten. Im Hotel Avani zum Beispiel zahlte man vor Corona fast 300 US-Dollar pro Nacht; jetzt können Einheimische für 70 Dollar dort übernachten. Jetzt ist die beste Zeit für Laoten, Laos in dieser Form zu bereisen. So billig war es nie. Die Pauschalangebote der Hotels beinhalten den Flug und sind sehr attraktiv. Luang Prabang war für Laoten sonst meist zu teuer – das Hotel, das Essen – also sind sie lieber nach Thailand, Vietnam oder Malaysia gereist. Natürlich gibt es einige, die sich über den Preis keine Gedanken machen müssen, aber das ist nur ein Bruchteil.

Jetzt gibt es also eine recht große Zahl an Reisenden, die zwar auch klassische Ziele besuchen, wie zum Beispiel die Khone Papheng-Wasserfälle oder Wat Phou im Süden; sie fangen aber auch an, Abenteuer- oder Outdoor-Angebote zu nutzen. Unser neues Projekt auf dem Berg Phu Pha Marn in Khammuan ist zum Beispiel sehr beliebt bei Einheimischen; es ist derzeit unser erfolgreichstes Angebot.

Neu ist also, dass Laoten anfangen, auf ihren Reisen im Inland Dinge zu machen, die sonst in erster Linie eher Reisenden aus dem Westen vorbehalten waren.

Genau. Und Facebook ist hier natürlich auch ein wichtiger Faktor, denn die Leute posten ihre Erlebnisse und sorgen so dafür, dass andere dasselbe auch erleben wollen. Aber natürlich kann der einheimische Tourismus nicht das Geschäft insgesamt ersetzen. Er hilft, den Betrieb am Laufen zu halten und das Personal wenigstens zum Teil zu halten. Doch auch diese Kampagne deckt für viele sicher nicht die Kosten. Selbst mein Unternehmen wird leiden, wenn Corona länger dauert als erwartet. Wir alle hoffen, dass es bald wieder besser wird. Es ist auch klar, dass es noch einige Zeit dauern wird, bis sich die Branche wieder erholt hat.

Wie wird es nach der Pandemie weitergehen?

Es wird sich etwas ändern, aber nicht von Grund auf. Wir planen bereits, den Markt regionaler auszurichten. Denn Reisende von weiter her, aus Europa oder so, das wird noch eine ganze Zeit dauern, bis die wieder ihren Weg nach Laos finden. Aber die Nachfrage ist da. Wenn nicht bei westlichen Touristen, dann in Thailand, China oder Vietnam.

In den vergangenen zwei, drei Jahren haben wir dort nicht wirklich Marketing betrieben. Heute versuche ich, unseren Freunden in den Reiseagenturen zu sagen, dass wir uns nicht darauf konzentrieren sollten, woher die Touristen kommen, sondern eher auf bestimmte Arten von Touristen. Die Thai-Touristen, die Unternehmen wie meines anspricht, suchen Natur- Erfahrungen. Und das ist eine recht große Gruppe. Und ich bin sicher, das ist dasselbe in China. Wir ziehen nicht diejenigen Touristen an, die Pattaya oder so etwas wollen. Wir suchen einen spezielleren Typ Touristen, wie die neue Generation, die jungen Chinesen, die Englisch sprechen und umweltbewusst sind.

Und die es sich leisten können, mehr Geld für ein höherwertiges Angebot zu zahlen.

Genau. Es gibt hier viele neue Angebote im Naturtourismus, auch weil es die Politik der Regierung ist, ‚grünen Tourismus‘ zu unterstützen. Ich berate derzeit drei Unternehmen, die solche Angebote entwickeln. Das ist ein gutes Zeichen, aber es hängt natürlich alles davon ab, ob sie wirklich ernsthaft in ein gutes Produkt investieren.

Und da sind wir bei einer Sache, die wir bisher noch gar nicht angesprochen haben. Die neue Autobahn von Vientiane nach Vang Vieng – dem Tourismus-Hot Spot auf dem Weg nach Luang Prabang – wurde gerade erst eröffnet: 55 Minuten von Vientiane nach Vang Vieng – statt wie früher vier Stunden! Damit wird sich vieles ändern. Unser Hotel in Vang Vieng war vom Tag der Eröffnung des Highways bis heute voll belegt. Das sind wirklich große Auswirkungen. Und wir wissen, das ist erst der Anfang, weil viele den neuen Highway ausprobieren wollen. Für Vang Vieng ist die große Herausforderung, wie die Behörden mit dem Andrang umgehen werden.

Dasselbe gilt für die Schnellzugstrecke aus China, die Ende dieses Jahres fertig werden soll. Auch hier ist viel Potenzial: ich habe gehört, dass jedes Jahr 200 bis 300 Millionen einheimische Touristen Yunnan besuchen – und das ist dann nur fünf Stunden von Vientiane entfernt. Das ist sehr wichtig und wir sprechen gerade sehr viel mit der Regierung, um uns darauf vorzubereiten und sicherzugehen, dass Laos davon Vorteile hat.

Wie denken Sie über die Auswirkungen dieser Infrastrukturprojekte auf die Umwelt?

Ich denke, dass die Regierung hier sehr wichtig ist, da sie die Sache kontrolliert. Natürlich wird es Auswirkungen auf die Umwelt geben. Aber wenn wir mit der Autobahn gut umgehen, wird sie mehr Vorteile als Nachteile haben. Dasselbe gilt für die Zugstrecke. Wir können nicht einfach darauf warten, dass die Chinesen kommen und dann hier tun, was immer ihnen gefällt. Ich denke, es ist sehr wichtig, dass wir darüber diskutieren und dass der private Sektor und die Regierung zusammenarbeiten um zu sehen, wie wir am besten davon profitieren können.

Und wir müssen jetzt beginnen. Eigentlich wäre es schon vor drei Jahren an der Zeit gewesen, jetzt haben wir nicht einmal mehr ein Jahr. Gerade im Tourismus ist es wichtig, dass wir unser Land selbst China gegenüber bewerben. So können wir mit den richtigen Leuten dort kommunizieren; also denen, die unsere Natur und das authentische Laos erleben und genießen wollen. Wenn wir das nicht tun, dann gibt es sehr aggressive Geschäftemacher, die Laos sonst als billige Massenware vermarkten werden. Die Vorteile für unser Land werden dann sehr, sehr gering sein.

Interview und Übersetzung aus dem Englischen von: Michael Kleinod

 

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Ungleiche Vermögensverteilung in Timor-Leste: Wer hat, dem wird gegeben

Laos: Als die Corona-Krise Südostasien erreicht, schließt Laos seine Grenzen. Die Infektionszahlen sind niedrig. Doch die Folgen von Pandemie und Lockdown prägen die Wirtschaft…

Wie gewohnt ist am Khua Din-Markt im Zentrum von Vientiane um sechs Uhr morgens keine Parklücke in Sicht. Erst nach mehreren Runden geduldigen Suchens lässt sich ein freies Plätzchen ergattern. Das war während des ersten Lockdown im März und April 2020 noch anders.

Der Talat Khua Din, hier kann man Obst und Gemüse säckeweise einkaufen, ist ein guter Indikator für die Geschäftstätigkeit in Vientiane. Hier decken viele kleinere Lebensmittelhändler*innen, Suppenküchenbetreiber*innen und Restaurantbesitzer*innen in Vientiane ihren täglichen Bedarf an frischem Obst und Gemüse, Geflügel oder Fisch.

Auf diesem Markt herrschen normalerweise Gedränge und Hektik. Doch im April 2020 war ein Einkauf hier eher ein Spaziergang. Die Menschen blieben auf Abstand und es gab lange nicht die übliche vielfältige Auswahl an Obst und Gemüse. Die Preise hatten sich teils verdoppelt und verdreifacht. Die laotische Regierung sah sich sogar dazu veranlasst, Mäßigung anzumahnen.

Während des Lockdown

Die Maßnahmen der laotischen Regierung gegen die Ausbreitung des Virus sind durchaus wirkungsvoll. Seit dem 30. März 2020 gibt es keine Touristenvisa mehr. Alle Linienflüge wurden eingestellt und seit dem 23.12.2020 auch wieder alle Charterflüge. Wer ins Land kommt, muss zwei Wochen in Quarantäne: der*die Diplomat*in im Hotel, der*die Wanderarbeiter*in im Quarantänelager. Auch Inlandsreisen waren eingeschränkt, der Handel mit den Nachbarländern für Wochen unterbrochen. Mit der zweiten Corona-Welle im Dezember 2020 wurden wieder einige kleinere Grenzübergänge für den Warenverkehr gesperrt (Stand: Januar 2021). Die wichtigen Handelsverbindungen sind jedoch nicht unterbrochen.

Während des Lockdown galten die üblichen Regeln: Restaurants, Karaoke-Bars und alle nicht lebensnotwendigen Geschäfte waren geschlossen, alle Großveranstaltungen abgesagt. Sogar Boun Pi Mai, das buddhistische Neujahrsfest im April, in Laos normalerweise eine fünf Tage andauernde ausgelassene Dauerparty, fiel aus.

Laos ist im Gegensatz zu seinen Nachbarn dünn besiedelt. Ein Großteil des sozialen Lebens spielt sich im Freien ab. So könnten sich die niedrigen Infektionszahlen, bisher 44 Infektions-Fälle, keine Toten, erklären. Der Abt eines buddhistischen Klosters in Vientiane hat dazu seine ganz eigene Erklärung: “Wir Laoten führen als Buddhisten ein ausgeglichenes Leben, von allem ein wenig und nichts wird übertrieben”.

Nach dem ersten Lockdown hat sich die Lage im Mai und Juni schnell entspannt, innerhalb von Laos gibt es seitdem kaum noch Einschränkungen. Man wird zum Händewaschen aufgefordert und hin und wieder wird beim Betreten einer Mall oder Bank die Körpertemperatur gemessen.

Für laotische Wanderarbeiter*innen und auch für Firmen, die von Auslandsaufträgen abhängig sind, ist die Lage aber nach wie vor prekär. Viele Laot*innen, die in Thailand gearbeitet haben, versuchen inzwischen, illegal ins Nachbarland zurückzukehren, da es in Laos keine vergleichbare Arbeit gibt.

Vor allem chinesische Investitionen fließen

“Arbeitsmäßig sieht es im Moment sehr schlecht aus. Keines unserer Projekte kommt in die Gänge” so Odt, Mitarbeiter einer privaten Firma zur Entsorgung sogenannter UXOs – nichtexplodierter Hinterlassenschaften der US-Flächenbombardements während des Vietnamkiregs. Seine Firma bekommt ausschließlich private Aufträge von ausländischen Firmen die in Laos Stromtrassen, Kraftwerke oder Anlagen zur Wasserversorgung bauen. Hier zeigt sich auch die zunehmende Dominanz chinesischer Investoren. Waren es früher auch Firmen aus Thailand, Malaysia, Australien oder sogar Europa, stehen im Moment ausschließlich chinesische Projekte an.

„Viele Projekte werden verschoben oder sogar gestoppt,“ berichtet Chanthaboune Keobounkhoune, Managing Director der AusLao UXO Clearance Co.,Ltd. „Viele Unternehmen, so auch AusLao, bekommen keine Aufträge mehr und können den Arbeitern keinen Lohn mehr zahlen. Und Steuern an die Regierung zahlen wir natürlich auch nicht mehr.“ Er meint, die laotische Regierung gebe sich große Mühe, das Virus einzudämmen, aber viele Unternehmen wären auf Hilfe angewiesen. Er setzt hier Hoffnung in ausländische Unterstützung, z.B. der KfW Entwicklungsbank, die bereits in der Vergangenheit Projekte finanziert hat.

Die Unterstützung kommt zurzeit, wenn überhaupt, zum überwiegenden Teil aus China. Ein chinesischer Baukonzern, die China Railway Group baut die Schnellbahntrasse von Boten nach Vientiane. Bis 2024 hat Laos jährlich mehr als eine Milliarde Dollar an Schulden zurückzuzahlen und das bei nur noch 860 Millionen Dollar Währungsreserven. Chinesische Firmen bauen mautpflichtige Autobahnen (zuletzt wurde die Strecke Vientiane – Vang Vieng eröffnet) und chinesische Konzerne sind die größten Bauinvestoren in Vientiane. Die chinesische Regierung stellt den Firmen zinsgünstige Kredite zur Verfügung um – nach eigener Aussage – den chinesischen Einfluss in Asien zu stärken. Arbeitsplätze für Laoten entstehen dadurch aber nur am Rande, nicht zuletzt, da chinesische Firmen ihre Arbeiter oft mitbringen.

Gleichzeitig versucht die laotische Industrie- und Handelskammer mit Unterstützung durch die Regierung den Laoten den Konsum laotischer Produkte schmackhaft zu machen, vor allem um kleinere Unternehmen und Handwerksbetriebe zu fördern. Unter dem Motto Made in Laos wurde eine Image-Kampagne gestartet und in der größten Messehalle in Vientiane, dem ITECC Exhibition Center, Ende des Jahres eine Verkaufsmesse organisiert, wie es scheint aber nur mit mäßigem Erfolg.

Tourismus und Dienstleistungsbranche betroffen

Für 2018 hatte die laotische Regierung zum dritten Mal ein Visit Laos Year ausgerufen. Laut Ministerium für Information, Kultur und Tourismus besuchten rund 4,1 Millionen Touristen das Land. Die Regierung hatte fest mit einer jährlichen Steigerung gerechnet. Das Einkommen aus dem Tourismus lag bei rund 700 Millionen USD und sollte neben dem Export von Elektrizität und Bodenschätzen dazu beitragen, 2024 den Status als eines der ärmsten Länder (LDC) hinter sich zu lassen. Aufgrund der Covid-19-Pandemie wird daraus aber nichts, wie die Regierung vor dem Parteitag der Laotischen Revolutionären Volkspartei im Januar betont hat.

Zur aktuellen Lage sagt Thanta Kongphaly, Mitglied der Nationalversammlung: “Alle sind in Sorge wegen der negativen ökonomischen Auswirkungen, von denen insbesondere der Tourismus und der Dienstleistungssektor betroffen sind.”

Wer zurzeit hier in Laos reist, übernachtet in gespenstisch leeren Hotels zu moderaten Preisen. In Tourismus-Hotspots wie Luang Prabang herrscht gähnende Leere. Vang Vieng, einst Backpacker-Mekka, zuletzt beliebtes Ziel koreanischer und chinesischer Reisegruppen, wirkt wie eine Geisterstadt. Die meisten Geschäfte und Restaurants sind verriegelt, viele Hotels geschlossen. Auch in der Hauptstadt Vientiane stehen die Hotels leer oder sind auch hier ganz geschlossen, wie das einst erste Haus am Platz, das Lao Plaza. Gaststätten, Kneipen und Restaurants, die sich auf die Bedürfnisse von Ausländer*innen spezialisiert haben, hoffen jetzt auf die wenigen verbliebenen Expats.

Was tut die Regierung?

Mit der Initiative Lao Thiao Lao – Laoten reisen in Laos versuchen das Tourismusministerium und die laotische IHK deshalb, ähnlich wie in Thailand, den Inlandstourismus anzukurbeln. Das ist bis jetzt noch der berühmte Tropfen auf den heißen Stein. „Aber besser als gar nichts“, antwortet ein Restaurantbesitzer auf meine Frage, wie das Geschäft liefe, und fügt hinzu, „Jetzt bin ich froh, dass ich auch immer Wert auf laotische Gäste gelegt hab“. Sein Restaurant ist eines unter vielen am Quai Fa Ngum. Die Uferstraße in Vientiane ist eine beliebte Strecke für abendliche Spaziergänger, Jogger oder Radfahrer und damit eigentlich beste Lage.

Die Regierung sieht durchaus die Probleme der betroffenen Menschen. Allerdings sollte niemand mit staatlicher Hilfe rechnen. Es gibt die offizielle Empfehlung, sich in der Landwirtschaft zu betätigen. Das heißt soviel wie, „geht zurück in eure Dörfer und baut die notwendigen Lebensmittel selber an“. Und damit sind wir bei einem wesentlichen Grund, der die Folgen der aktuellen Corona-Krise etwas mildert. Das soziale System der Großfamilie – statt eines öffentlichen Sektors staatlicher Absicherung – funktioniert in Laos noch weitgehend und verhindert, dass Menschen in Obdachlosigkeit, Armut und Einsamkeit abrutschen. Aber dieses System hat auch seine Grenzen, zum Beispiel dann, wenn die Familie auf das Einkommen der Wanderarbeiter*innen angewiesen ist.

Die zweite Welle?

Silvester in Laos. In den Nachbarländern herrscht zum Teil wieder der Lockdown, die Infektionszahlen steigen sprunghaft an. Auch in Laos wurden alle Großveranstaltungen, zum Beispiel das beliebte Vang Vieng Festival, abgesagt. Das hält die Menschen jedoch nicht vom Feiern ab. In Vientiane sind fast alle Restaurants und Bars geöffnet, bieten zum Teil Silvesterpartys an.

Die Suppenküchen und Streetfood-Ecken sind überlaufen, die Menschen drängen sich an den kleinen Tischen auf wackligen Plastikstühlen. Vereinzelt sieht man Mundschutzmasken. „Wir sind schon vorsichtig, treffen uns meist nur mit engen Freunden oder in der Familie“, erwidert eine junge Frau auf meine Frage nach dem Infektionsrisiko in Menschenansammlungen.

Die geringen Infektionszahlen werden zwar oft skeptisch kommentiert. Ein Großteil der Bevölkerung scheint der laotischen Regierung aber in diesem Fall zu vertrauen. Die fast totale Isolation des Landes hat sich bei der Pandemie-Eindämmung anscheinend bewährt. Dass sich die Grenzen nach Bewältigung der weltweiten Krise wieder öffnen werden, daran zweifelt hier niemand.

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Ungleiche Vermögensverteilung in Timor-Leste: Wer hat, dem wird gegeben

Laos: Unser Autor analysiert die Auswirkungen von Covid-19 auf zwei Bereiche menschlicher Mobilität: Wanderarbeit und Tourismus. Ersterer bietet vielen ländlichen Haushalten ein wichtiges Einkommen. Letzterer ist der wirtschaftliche Lebensnerv von Reisezielen wie Luang Prabang.

Nimmt man einen beliebigen Reiseführer über Laos zur Hand, steht darin meist ein Satz wie: „Dieses etwas träge, isolierte Hinterland am Mekong scheint wie von der Zeit vergessen …“ Aber so abgelegen manche Landesteile sein mögen: seit den späten 1990er Jahren liegt Laos im Zentrum einer anhaltenden Integration der Mekong-Länder. Dieses Ineinander von Abgelegenheit und regionaler Verflechtung hat die Erfahrung mit Covid-19 entscheidend beeinflusst. Das zeigt sich deutlich anhand der Folgen der Unterbrechung gegenläufiger Mobilitätsformen, bei denen Menschen einerseits zum Geldverdienen ‚raus gehen’ und andererseits zum Geld ausgeben ‚rein kommen’.

“Covid hat Luang Prabang um etwa 25 Jahre zurückgeworfen“

Die abrupte, langfristige Unterbrechung des internationalen Tourismus – der Reisesektor machte in den letzten Jahren ca. 12% des Bruttoinlandsproduktes aus – hat einen hohen Tribut gefordert. Ein eindrückliches Beispiel für die Auswirkungen sind die geschlossenen Hotels und Restaurants in Luang Prabang, einer sonst mit Touristen übervollen Stadt, die nun, während die Pandemie weltweit ihren Lauf nimmt, in eine Art Starre verfallen ist.

Ein lokaler Reiseveranstalter erzählt mir: „Zu dieser Jahreszeit wäre normalerweise überall viel los, aber sehen Sie sich um. Überhaupt keine Ausländer*innen, nur ein paar laotische Tourist*innen und Expats. Stattdessen hat uns ‚Mr. Covid’ besucht, so sagen wir. Aber wir hatten nur wenige Fälle, wir hatten Glück in Laos, denn es gibt hier nicht so viele Menschen.“ Dank Grenzschließungen und Einstellung des regulären Flugverkehrs sowie einer frühen landesweiten Abriegelung (vgl. Artikel An der Grenze bleibt der Schlagbaum unten auf suedostasien.net) ist Laos in Bezug auf die Fallzahlen also sehr gnädig verschont geblieben.

Das kann man mit Blick auf die wirtschaftlichen Auswirkungen jedoch kaum sagen. Luang Prabang zählt während der Hochsaison – vom Ende bis zum Beginn der Regenzeit (Oktober bis März) – in der Regel Tausende Ankünfte von Touristen wöchentlich. Sie füllen die vielen Gästehäuser, Backpacker-Herbergen und Hotels der Stadt und schaffen Arbeit für Reiseführer*innen, Fahrer*innen und Verkäufer*innen schaffen. „So viele Geschäfte haben ein ganzes Jahr lang nichts zu tun gehabt“, sagt der Reiseveranstalter, „Covid hat Luang Prabang um etwa 25 Jahre zurückgeworfen. Es ist wie 1995, als wir den UNESCO-Status bekamen. Da waren so wenige Leute hier, nur Einheimische; mit Covid ist es wieder so.“

Heimreise laotischer Arbeitsmigrant*innen glich fast einer Völkerwanderung

Während Luang Prabang das Verbot des ausländischen Tourismus zu spüren bekam, hatte der Stopp eines ‚entgegen gesetzten’ Menschenstroms Auswirkungen, deren Ausmaß noch nicht vollständig abzusehen ist. Die Heimreise laotischer Arbeitsmigrant*innen glich fast einer Völkerwanderung. Schätzungen, wie viele Laot*innen im Ausland arbeiten, schwanken stark, was das Ausmaß undokumentierter Wanderarbeit widerspiegelt. Berichte der UN gehen von bis zu 280.000 laotischen Arbeiter*innen allein in Thailand aus. Von März bis Juli 2020 sind etwa 130.000 Migrant*innen infolge der Pandemie zurückgekehrt. Da viele inoffizielle Grenzübergänge nutzten, wird die wahre Zahl vielleicht nie bekannt werden. Nach einer Oxfam-Umfrage unter aus Thailand zurückgekehrten Wanderarbeiter*innen hatte mehr als die Hälfte ihren Arbeitsplatz bei der ersten Sperrung im März 2020 verloren. Die Gesamtverluste an Rücküberweisungen, die viele ländliche Familien dringend benötigen, da sie ohnehin in prekären Verhältnissen leben, werden auf 125 bis138 Millionen US-Dollar geschätzt.

Während für die Heimreise aus Thailand ein Bus zur nächsten Mekong-Brücke oder zu einem Boot über den Fluss genügt, standen diejenigen, die weiter weg arbeiteten, vor größeren Herausforderungen. Bekannt wurde der Fall einer Gruppe laotischer Fischer, die monatelang in Malaysia gestrandet waren, nachdem sie durch die Pandemie ihre Arbeit verloren hatten. Einige wurden beim Überqueren der Grenze nach Thailand aufgehalten, andere verwendeten den Großteil ihrer Ersparnisse für Charterflüge nach Vientiane.

Auf Rückkehrende wartet eine strenge 14-tägige Quarantäne in staatlichen Zentren oder, für jene, die es sich leisten können, in zugelassenen Hotels. Dennoch gibt es in den staatlichen Medien gelegentlich Berichte von positiven Fällen, zum Beispiel den einer Haushälterin, die aus Thailand über einen belebten Busterminal in Bangkok zurückkehrte und bei der Rückkehr positiv getestet wurde. Nach der Quarantäne ist es für die meisten schwierig, eine Arbeit zu finden, die auch nur annähernd den Lohn einbringt, den sie in anderen Ländern bekommen haben. Ein wahrscheinlicher Anstieg der Armut als Folge von Covid-19 droht, die jüngsten Verbesserungen des Lebensstandards und der Lebenschancen zunichte zu machen und die Ungleichheit zu erhöhen.

In Luang Prabang sind die meisten Jobs mit dem Tourismus verbunden

Während viele arbeitslose Migrant*innen einer unsicheren Zukunft entgegen sehen, leiden zahllose vom Tourismus abhängige Existenzen unter dem Verbot der internationalen Ankünfte. In den ruhigen Seitenstraßen von Luang Prabang dringt am späten Samstagnachmittag der traumhafte Gesang der Mönche aus den vielen Tempeln der Altstadt. Das Ausbleiben der Tourist*innen dürfte ihnen eine Atempause auf ihrem morgendlichen Almosengang verschaffen. DER Ort für den Sonnenuntergang ist Phousi, ein Hügel im Zentrum der Altstadt, von einem historischen Stupa gekrönt. Wo sonst hunderte Tourist*innen aus aller Welt auf den gewundenen Steinstufen Schlange stehen, ist nun fast niemand auf dem Weg nach oben, abgesehen von kleinen Gruppen Einheimischer. „Wir kommen gerne hierher, auch um den lokalen Tourismus zu unterstützen“, sagen sie mir, „es gibt für viele hier keine andere Möglichkeit, den Lebensunterhalt zu verdienen. Laot*innen müssen Laot*innen helfen.“

Ein Hotelangestellter fügt später hinzu: „In Vientiane ist es anders, weil es andere Jobs gibt, die die Leute machen können, aber in Luang Prabang sind die meisten Jobs mit dem Tourismus verbunden.“ Dies ist besonders in der Altstadt akut, aber auch andere Teile der Stadt und der weiteren Provinz sind in unterschiedlichem Maße von den Einnahmen aus dem Tourismus abhängig. Neben Dienstleistern wie Hotels, Bars und Restaurants verkauft der berühmte Nachtmarkt der Stadt Kunsthandwerk, das im Umland hergestellt wird. Der Morgenmarkt beliefert die meisten Restaurants der Stadt mit lokalen Produkten. Dutzende Fahrer, die Tourist*innen zu den nahegelegenen Wasserfällen und Höhlen bringen, warten auf Kund*innen – wie sonst die Raten für die Fahrzeuge abzahlen? (zu den Auswirkungen auf die laotische Tourismus-Branche siehe auch den Artikel Keine Touristen, kein Einkommen auf suedostasien.net)

Der Hotelangestellte erzählt, dass von den vielen vorübergehend geschlossenen Geschäften, Bars und Restaurants einige kleinere wohl nicht wieder öffnen werden: „Die Besitzer mussten woanders hingehen und einen anderen Weg finden, ihren Lebensunterhalt zu verdienen.“ Einige meinen, dass die gehobeneren Hotels in einer besseren Position sind, hohe Rabatte zu gewähren und sich so die wenigen Besucher*innen zu sichern. Für Besitzer*innen mit hohen Betriebskosten dürfte das etwas anders aussehen, aber kleinere, familiengeführte oder verpachtete Gästehäuser sind zweifellos in einer viel schwierigeren Lage, wenn sie monatelang keine Kund*innen bekommen. Viele waren vor dem Tourismusboom einfache Familienhäuser. Ihre Eigentümer*innen haben sie umgebaut, vermietet oder verkauft und sind aus der Altstadt wegzogen.

Zurück auf’s Feld?

Angesichts dieser Lage weist ein UN-Bericht über soziale Absicherung in Zeiten von Covid-19 auf die Gefahr hin, dass bereits ökonomisch gefährdete Familien nun völlig in die Armut abrutschen. Dabei verweist er auf die noch immer weithin agrarische Gesellschaft und das niedrige Geldeinkommen der meisten Menschen. Eine wichtige und bisher unbeantwortete Frage ist hierbei, inwieweit die Tradition der Subsistenzwirtschaft Familien unter solch ungünstigen Bedingungen, wie sie durch die Pandemie hervorgerufen wurden, wirklich über Wasser halten kann.

Bis in die jüngste Vergangenheit betrieben große Teile der Landbevölkerung hauptsächlich Subsistenzlandwirtschaft, kombiniert mit begrenzten kommerziellen Aktivitäten, um den Bedarf eines Haushalts zu decken. Jahrzehntelange hat die nationale Politik versucht, dies umzukehren und eine Nation kommerzieller Landwirte zu schaffen, wodurch auch der Verwertungsdruck auf Land und Ressourcen zugenommen hat.

In Luang Prabang scheinen viele zu meinen, dass das Sicherheitsnetz für den Lebensunterhalt immer noch diejenigen auffangen kann, die durch ‚Mr. Covid’ zu Fall gebracht wurden. „Laos hat wenige Menschen und viel Natur, die Menschen können hier anbauen, was sie zum Essen brauchen. Viele Menschen können noch Landwirtschaft betreiben, wenn sie keine Arbeit haben“, sagt ein einheimischer Tourist auf dem Phousi. Ein laotischer Agrarforscher äußerte sich ähnlich: „Laos ist teils in einer besseren Situation als die anderen Länder, wir sind nicht so betroffen wie in Amerika oder Europa. Die Menschen dort müssen zu Hause bleiben, aber sie haben kein Land, um für sich selbst etwas zu produzieren wie hier. Die Auswirkungen sind sehr schlimm, was die Arbeitsplätze in Laos angeht, aber viele Menschen können noch etwas anbauen, um zu überleben.“

Die Frage ist jedoch: Wie viel Land ist tatsächlich verfügbar oder zugänglich für potenziell hunderttausende zurückkehrender Migrant*innen sowie für arbeitslose Reiseleiter*innen, Fahrer*innen, Hotel- und Restaurantangestellte. Unterstützt das althergebrachte Sicherungsnetz tatsächlich all diejenigen, die längst eine andere Existenzgrundlage wie den Tourismus haben? Ich kann mich des Lächelns des Reiseveranstalters nicht erwehren, während er mir von einer Situation erzählt, die nichts Positives an sich hat. Als ich ihn darauf anspreche, antwortet er: „Was kann ich tun, außer zu lächeln? Ich muss es tun. Wir lächeln, weil es die einzige Möglichkeit ist, zu kämpfen.“

 

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1 | 2018, Osttimor, Timor-Leste,
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Ungleiche Vermögensverteilung in Timor-Leste: Wer hat, dem wird gegeben

Indonesien: Illegale Shrimp-Farmen auf der Inselgruppe Karimunjawa bedrohen Mangrovenwälder und Korallenriffe. Eine lokale Bewegung kämpft für den Erhalt des UNESCO- Biosphärenreservats.

Karimunjawa, ein Archipel aus 27 Inseln, liegt nördlich der indonesischen Hauptinsel Java. Aufgrund der einzigartigen Unterwasserwelt gehören die Inseln seit 2020 zum UNESCO-Biosphärenreservat Karimunjawa-Jepara-Muria. Das Inselreich bietet nationalen und internationalen Tourist*innen scheinbar den idealen tropischen Inselurlaub. Doch das Bild der perfekten Idylle ist ins Wanken geraten. Seit 2017 breiten sich auf den Inseln immer mehr illegale Garnelenfarmen aus. Was als kleines Projekt begann, hat sich innerhalb des Karimunjawa-Nationalparks auf 33 Garnelenfarmen mit 238 Teichen (Stand: März 2023) ausgeweitet.

Als Reaktion auf den stetigen Ausbau der Anlagen rief 2018 die lokale Organisation Pondok Kreatif Bunga Jabe, die Umwelt- und Klimabewegung #SAVEKARIMUNJAWA ins Leben. Ihr Ziel ist es, den weiteren Ausbau der Garnelenfarmen zu stoppen, die Farmbesitzer*innen zur Verantwortung zu ziehen und den entstandenen Schaden so gut wie möglich zu beheben.

Dramatische Folgen für Umwelt und Menschen

Auf den ersten Blick scheint der Bau der Farmen eine sinnvolle neue Einkommensquelle für die Inselbewohner*innen zu sein. Jedoch handelt es sich bei den Aquakulturen auf Karimunjawa um illegale Projekte, die keine Genehmigung für den Bau von Teichen oder die Nutzung von Meerwasser besitzen. Vorgeschriebene Umweltschutzmaßnahmen, wie beispielsweise ein geregeltes Abfall- und Abwasserbewirtschaftungssystem, werden nicht eingehalten.

Garnelenfarmen brauchen große Mengen an frischem Meerwasser und werden deshalb in Küstenregionen angelegt. Auf Karimunjawa kommt es deswegen durch das Anlegen von Teichen und meterlangen Rohren zur Degradierung von Mangrovenwäldern, wichtigen küstennahen Feuchtbiotopen und Korallenriffen. Diese Ökosysteme dienen als Schutzwälle gegen Überschwemmungen und Landerosionen, versorgen die Bevölkerung mit Trinkwasser und Nahrung und bieten seltenen und bedrohten Tier- und Pflanzenarten einen Lebensraum. Für Küstenbewohner*innen sind Mangrovenwälder wichtig, um sich besser an die Folgen des Klimawandels anzupassen. Die Wälder bieten Schutz vor Extremwetterereignissen und Überschwemmungen, die aufgrund des ansteigenden Meeresspiegels häufiger auftreten. Zudem leisten sie als natürliche und langfristige Kohlenstoffspeicher einen wichtigen Beitrag im Kampf gegen den Klimawandel.

Da die Farmen auf Karimunjawa keine Abwasser- und Filtersysteme besitzen, wird das chemisch verunreinigte Abwasser in die direkte Umgebung der Zuchtstationen abgeleitet. Das verschmutze Wasser besteht aus organischen und anorganischen Stoffen, die von Futterresten und Exkrementen der Garnelen sowie in der Zucht eingesetzten Medikamenten stammen. Dies führt zu einem Massensterben an Kleintieren und Pflanzen an den Küsten und ist gefährlich für Riffe, Seegras und Mangroven. Dies ist einerseits eine Umweltkatastrophe und hat andererseits enorme Auswirkungen auf das Leben der lokalen Bevölkerung.

Anwohner*innen klagen über Hautausschläge und Kleinfischer*innen müssen ihre Fischgründe ausweiten oder wechseln. Und auch der früher florierende Anbau und Handel mit Seegras, macht mittlerweile wirtschaftliche Verluste. Laut Betroffenen wird sich der Effekt langfristig auch auf den Tourismussektor auswirken. Der Tourismus auf Karimunjawa lebt von Schnorchel- und Tauchausflügen, sowie sauberen Stränden mit glasklarem Wasser. Abgestorbene Korallenriffe, eine verschwindende marine Biodiversität und chemisch verseuchtes Wasser, werden in naher Zukunft keine Urlauber*innen mehr anziehen.

Ausbreiten der Farmen mit ökonomischen Argumenten

Insbesondere Küstenbewohner*innen sind von den Folgen des Klimawandels besonders betroffen. Der steigende Meeresspiegel, häufigere Extremwetterereignisse und das Verschwinden der marinen Biodiversität erschweren das Leben der Einheimischen. #SAVEKARIMUNJAWA möchte deshalb die illegalen Garnelenfarmen, die diesen Prozess beschleunigen, stoppen und zukunftsträchtigere Alternativen schaffen. Die Bewegung besteht aus Kleinfischer*innen, Seegrasfarmer*innen, Arbeiter*innen aus dem Tourismusbereich und weiteren engagierten Einheimischen. Eine solche Bewegung ist auf Karimunjawa keine Selbstverständlichkeit. Laut den Gründer*innen stieß sie vor allem zu Beginn auf Misstrauen und Unverständnis. Als #SAVEKARIMUNJAWA im Jahr 2018 versuchte, über die negativen Auswirkungen aufzuklären, wurden sie meistens nicht ernst genommen oder ihnen wurde vorgeworfen, die wirtschaftliche Entwicklung der Inseln aufzuhalten.

Insbesondere während der Corona-Pandemie verkauften oder verpachteten viele Einheimische ihr Land an Besitzer*innen der Garnelenfarmen. Den Menschen wurde für ihre Lebensverhältnisse verhältnismäßig viel Geld angeboten. Verdienstausfälle während der Pandemie führten dazu, dass diese Angebote schwer auszuschlagen waren. Zudem wussten nur wenige Menschen über die Folgen der Farmen Bescheid und wurden von den Landkäufer*innen unter Druck gesetzt. Bis heute trauen sich viele nicht, gegen die Teichwirtschaft vorzugehen.

Es hat dementsprechend viel Aufklärungsarbeit gebraucht, um Menschen für die Bewegung zu gewinnen. Sich öffentlich äußernde Mitglieder müssen mit Druck und Bestechungsversuchen rechnen. Regelmäßige Versammlungen, um sich über Neuigkeiten auszutauschen und das Gemeinschaftsgefühl zu stärken, sind deshalb besonders wichtig.

Sammelklage soll Farmen stoppen

Derzeit bereitet sich die Bewegung auf eine Sammelklage gegen die Garnelenfarmen vor. Die betroffenen Gruppen sammeln wichtige Beweise und dokumentieren Schäden, die durch die Zuchtanlagen entstanden sind. Ziel der Klage ist es, die Produktion der Farmen so bald wie möglich zu stoppen und Entschädigungszahlungen für die Anwohner*innen, die betroffenen Wirtschaftszweige und die verschmutzte und zerstörte Umwelt zu erlangen.

Laut den Mitgliedern der Bewegung, sollen mit den Geldern Mangrovenwälder wieder aufgeforstet werden und alternative Einkommensquellen geschaffen werden. Dies kann beispielsweise in Form von ökofreundlichem Tourismus geschehen oder in einer nachhaltigen Zucht von Garnelen in den bereits vorhandenen Teichen. Die Gründer*innen von #SAVEKARIMUNJAWA möchten damit den Schutz der Umwelt garantieren, dem Klimawandel entgegenwirken und die Einheimischen wirtschaftlich absichern.

Unterstützt wird die Bewegung von der indonesischen NGO Kawali, die den rechtlichen Prozess begleitet. Aber auch aus dem Kunstbereich kommt Zuspruch. So gestaltet die Kunstgruppe Japara Poster Syndicate Plakate und Karikaturen, die sowohl in sozialen Medien wie auch an öffentlichen Orten auf die Problematik aufmerksam machen.

Politischer Rückenwind von ‚ganz oben‘

Die Bewegung hat Höhen und Tiefen erlebt. Zwischenzeitlich schien es unmöglich, auf juristischen Weg erfolgreich gegen die Umweltzerstörung vorzugehen. Wichtige Entscheidungsträger schienen bewusst nichts mit der Problematik zu tun haben zu wollen. Dazu zählen Politiker*innen, Verantwortliche des Nationalparks oder auch die lokale Polizei. Frust und Verzweiflung begleiteten den Alltag der Aktivist*innen.

Seit März 2023 hat sich das Blatt gewendet. Ganjar Pranowo, Gouverneur von Zentraljava, forderte überraschenderweise die Regierung Jeparas auf, die illegalen Garnelenfarmen zu schließen. Laut Aktivist*innen steht dies vermutlich im Zusammenhang mit seiner Präsidentschaftskandidatur bei den Wahlen 2024. Danach sprach sich auch der amtierende Regent der Provinz Jepara, Edy Supriyanta, für eine Schließung der Farmen nach der nächsten Garnelenernte aus. Jedoch bestehen weiterhin Zweifel auf Seiten der Bewegung, da ihnen das Vertrauen in die Politik teilweise verloren gegangen ist und nur vage Angaben zum Zeitpunkt der endgültigen Schließung der Farmen mitgeteilt wurden. Dementsprechend macht die #SAVEKARIMUNJAWA Bewegung weiterhin Druck und bereitet sich auf ihre Sammelklage vor.

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1 | 2018, Osttimor, Timor-Leste,
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Ungleiche Vermögensverteilung in Timor-Leste: Wer hat, dem wird gegeben

Kambodscha: Der Tonle Sap ist der größte See Südostasiens und Lebensgrundlage für unzählige Pflanzen, Tiere und Menschen. Gleichzeitig dient er zunehmend als Freizeitrevier für Tourist*innen, die Natur aktiv erleben wollen.

Kajakfahren kann Rennen, Freestyle, Flexibilitätsstile oder Wildwassertouren beinhalten. Es ist ein herausfordernder und aufregender Sport, der Geschicklichkeit, Kraft, Ausdauer und Bewusstsein erfordert. Der Tonle Sap See, größter natürlicher Süßwassersee Südostasiens und ein UNESCO-Biosphärenreservat, ist in Kambodscha einer der Orte, an denen man Sportkajak fahren kann. Der See hat eine einzigartige Hydrologie, die dazu führt, dass der Wasserstand zwischen Trocken- und Regenzeit schwankt. Dadurch entstehen unterschiedliche Lebensräume und Ökosysteme, die je nach Jahreszeit und Vorlieben von Sportbegeisterten unterschiedliche Möglichkeiten bieten.

Tourismus anstatt Fischerei

Im Rahmen unserer persönlichen Kajakcamp-Erfahrung besuchten wir zusammen mit unserer Trainingsgruppe das schwimmende Dorf Mechrey, das auf dem Tonle Sap See liegt. Der Lebensunterhalt der Dorfgemeinschaft hängt weitgehend vom Fischfang ab. Leider sind die Fischerträge in den letzten Jahren aufgrund menschlicher Eingriffe in die natürlichen Wasserverhältnisse zurückgegangen, sodass die Dorfbewohner*innen nach alternativen Einkommensmöglichkeiten suchen müssen.

Eine davon ist der gemeindebasierte Tourismus, der den Dorfbewohner*innen die Möglichkeit bietet, ihren Lebensunterhalt zu verdienen und sich über die Vielfalt des Tonle Sap, die damit verbundenen Kulturen der Gemeinden und die Herausforderungen, denen sie und das gesamte Ökosystem gegenüberstehen, auszutauschen. Zu unseren Zielen für das Camp gehörte es daher, Unterstützung und Bewusstsein für die Gemeinden zu kreieren, uns selbst herauszufordern und uns durch die überfluteten Wälder, Fischerdörfer und Ökosysteme des Flusses treiben zu lassen.

Kajakfahren im eigenen Tempo

In Kambodscha ist keine formale Ausbildung oder Zertifizierung für das Kajakfahren erforderlich. Daher können Besucher*innen oft beobachten, wie Menschen während ihres Urlaubs Kajak fahren, als kleinen, aber wesentlichen Teil ihrer Reise. Kajakfahren kann auf verschiedene Weise, individuell oder als Gemeinschaftsaktivität, ausgeübt werden.

Individuell kann allein oder mit Guides auf dem Tonle Sap See Kajak gefahren werden. Dabei können Kajakfahrende die Landschaft genießen, Wildtiere beobachten und ihr eigenes Tempo bestimmen. Sie können sich auch eigene Ziele und Herausforderungen setzen, zum Beispiel eine bestimmte Strecke oder eine bestimmte Zeitspanne paddeln oder verschiedene Techniken oder Manöver ausprobieren. Das Kajakfahren kann auch als eine Form der Meditation oder Entspannung genutzt werden, indem man in ruhigen Gewässern paddelt und den Geräuschen der zwitschernden Vögel, dem Wind, der die Blätter berührt, und den Wellen des Wassers lauscht und die Gedanken mit dem Rhythmus fließen lässt.

Als Gemeinschaftsaktivität können Gruppen auf dem Tonle Sap See Kajak fahren, um gemeinsam Abenteuer zu erleben. Außerdem bietet das Kajakfahren in der Gruppe einen Raum, um den Teamgeist zu fördern und die Kommunikationsfähigkeit zu stärken. Ebenso besteht die Möglichkeit, sich einer Reisegruppe oder einer Organisation anzuschließen, die Sportkajaktouren auf dem Tonle Sap See organisiert, um neue Leute mit ähnlichen Interessen kennen zu lernen.

Mehr Männer als Frauen fahren Kajak

Laut einer Studie von Indochine Exploration, einem Reiseveranstalter, der Sportkajaktouren auf dem Tonle Sap See anbietet, gibt es mehr männliche als weibliche Reisende, die an Kajakaktivitäten teilnehmen. Die Studie ergab, dass 67 Prozent der Kund*innen des Veranstalters männlich und 33 Prozent weiblich waren. Die Studie ergab auch, dass das Durchschnittsalter der Kajakfahrenden bei 35 Jahren liegt. Die meisten von ihnen kamen aus Europa, Nordamerika und Australien. Als mögliche Gründe für das Ungleichgewicht zwischen den Geschlechtern beim Kajakfahren auf dem Tonle Sap See nannte die Studie die mangelnde Bekanntheit und Werbung für diese Sportart unter Frauen, das Risiko der Sportart sowie kulturelle und soziale Normen, die die Wahl der Freizeitaktivitäten von Frauen beeinflussen.

In der Studie werden Strategien empfohlen, um mehr Frauen als Kundinnen anzuziehen, wie zum Beispiel das Angebot von frauenfreundlicheren Dienstleistungen und Einrichtungen, die Schaffung von mehr weiblichen Vorbildern und Ausbilder*innen und die Entwicklung von geschlechtsspezifischen Marketingkampagnen. Nach unserer Beobachtung ist die Kluft auch darauf zurückzuführen, dass Kajakfahren als Sport angesehen wird, für den man körperlich stark sein muss. Das führt zu der Annahme, dass es ein Sport für Männer ist.

Positives Feedback von Teilnehmerinnen

Eine weitere Informationsquelle über geschlechtsspezifische Unterschiede beim Kajakfahren auf dem Tonle Sap See sind Berichte früherer Kund*innen, die über ihre Erfahrungen und ihr Feedback zu den Kajakaktivitäten berichteten. Diese brachten auch Zufriedenheit und Freude an diesem Sport zum Ausdruck. Eine Frau stellte zum Beispiel fest: „Ich hatte eine tolle Zeit beim Kajakfahren auf dem Tonle Sap See. Es war eine schöne und friedliche Art, den See zu erkunden und die Tierwelt zu beobachten. Die Guides waren freundlich und hilfsbereit.“ Sie hätten ihr auch gezeigt, wie man richtig Kajak fährt. „Ich habe mich während der gesamten Reise sicher und wohl gefühlt. Ich würde diese Aktivität allen empfehlen, die Natur und das Abenteuer lieben“, fährt sie fort.

Eine andere Teilnehmerin sagte rückblickend: „Die ganze Reise hat mir die Augen geöffnet und war eines der lehrreichsten und abenteuerlichsten Camps, die ich je erlebt habe.“ Sie fand es spannend, etwas über den großen Tonle Sap See, den Lebensunterhalt der schwimmenden Dörfer und die Herausforderungen der Ökosysteme zu erfahren. „Ich bin dankbar für das Fachwissen unseres Trainers bei der Durchführung des Programms, für den herzlichen Empfang durch die örtlichen Guides und für das Programm selbst“, ergänzt sie.

Schönheit und Vielfalt des Sees erleben

Unserer Beobachtung passen die Kajaktouren auf dem Tonle Sap See sowohl zu männlichen als auch weiblichen Teilnehmer*innen. Das Interesse am aktiven Kajakfahren hängt eher vom Charakter ab und ist für Menschen unterschiedlichen Alters, Fitnessniveaus und Hintergrunds geeignet. Kajaktouren sollen vor allem Spaß machen, lehrreich und umweltfreundlich sein. Es gibt zwar geschlechtsspezifische Unterschiede bei der Teilnahme am Kajaksport auf dem Tonle Sap See. Allerdings gibt es auch Gemeinsamkeiten und Möglichkeiten für beide Geschlechter, den Sport zu genießen. Kajakfahren auf dem Tonle Sap See ist etwas für Menschen, die die Schönheit und Vielfalt des Sees und seiner Umgebung erleben wollen.

Nach unseren Erfahrungen kann man beim Kajakfahren etwas über sich selbst, die Kultur und Geschichte Kambodschas erfahren und gleichzeitig die lokalen Gemeinschaften und den Naturschutz in der Region unterstützen. Die schonende und unaufdringliche Art, natürliche Wasserwege zu erkunden, ermöglicht es den Teilnehmenden, Ökosysteme hautnah zu erleben und ein tieferes Verständnis für die Schönheit und Zerbrechlichkeit der Natur zu entwickeln. Die stärkere Verbindung des Kajakfahrens mit der Natur des Tonle Sap Sees kann zu einem stärkeren Umweltbewusstsein und dem Wunsch führen, aquatische Lebensräume zu schützen.

Darüber hinaus beteiligen sich Kajakfahrende häufig an Aufräumaktionen, bei denen sie Unrat und Müll aus den Gewässern entfernen und so die Erhaltung der lokalen Ökosysteme verbessern. Die Ausübung des Kajaksports fördert auch ein verantwortungsbewusstes Verhalten in der Natur und die Einhaltung der Leave No Trace-Grundsätze (Lasse nichts zurück), wodurch die negativen Auswirkungen auf empfindliche aquatische Ökosysteme verringert werden.

Übersetzung aus dem Englischen von: Simon Kaack

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1 | 2018, Osttimor, Timor-Leste,
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Ungleiche Vermögensverteilung in Timor-Leste: Wer hat, dem wird gegeben

Die Philippinen zählen zu den Ländern mit der höchsten maritimen Biodiversität weltweit. Die Übernutzung der Meere bedroht diese Vielfalt. Liegt im Tauchtourismus ein Potential für ihren Schutz?

Vier Uhr. Das Handy dudelt eine fröhliche Melodie. Am Horizont, im Osten, ist der heraufziehende Morgen zu erahnen. In der Tauchbasis verbreitet eine einsame Glühbirne an der Decke milchiges Licht. Alles liegt bereit: Neopren-Anzug, Bleigürtel, Flossen, Maske. Die Tarierweste ist bereits mit der Druckluftflasche verbunden.

Halb fünf. Knirschend schiebt sich der Bug des Auslegerboots durch den Sand. Der Boatman gibt einen letzten Stoß, springt auf und wirft den Motor an. Monad Shoal, die versunkene Insel, ist unser Ziel. Ich habe keine Ahnung, wie der Bootsführer sich orientiert, wie er den unsichtbaren Punkt auf dem dunklen Meer ansteuert. Dann springen wir ins Wasser, bald wird die orange-rote Sonne den Horizont erhellen.

Wir lassen uns auf 14 Meter sinken, auf ein kleines Unterwasser-Plateau. An der Seite geht es noch einmal über 20 Meter weiter in die Tiefe. Auf einem schmalen Absatz, der einem Unterwasser-Balkon gleicht, knien wir nieder und halten uns an dort verankerten Leinen fest. Das Wasser ist dämmrig blau-grau, hier unten gibt es kaum noch Farben. Wir blicken in die Tiefe. Und dann sind sie plötzlich da, die majestätisch-souveränen, bizarren Fuchshaie. Erst einer, dann zwei, schließlich ein Dritter tauchen sie aus der bodenlosen Tiefe auf, ihre Körper vielleicht zwei Meter lang, der schräg nach oben gerichtete obere Teil der Schwanzflosse noch einmal fast ebenso lang. An ihnen, um sie herum machen sich Putzerfische zu schaffen. Gemächlich ziehen die Haie vor uns ihre Kreise. Versunken in den Anblick vergesse ich die Zeit.

So geht es mir beim Tauchen immer wieder. Die Unterwasserwelt ist so anders als alles, was es auf dem Land gibt. Nirgendwo an Land kann ich mit einem einzigen Blick so viel buntes Leben entdecken: Korallen in den absonderlichsten Formen, elegante Nacktschnecken, Fische in grellen Farben, bizarre Krebse mit riesigen Scheren. Ich bewege mich in einem dreidimensionalen Raum, nicht eingeschränkt durch einen festen Boden unter den Füßen. Atem und Flossen bestimmen die Position. Auch über Kopf lässt sich die Korallenwelt prima beobachten.

Zentrum maritimer Biodiversität

Die Philippinen liegen im Coral Triangle, dem Weltzentrum der marinen Biodiversität. Hier findet man knapp 600 von insgesamt 800 Riffbildenden Korallen. Zum Vergleich: das australische Great Barrier Reef weist nur knapp 400 Arten auf und liegt damit auf der Biodiversitätsskala an dritter Stelle (Jürgen Freund, Hg.; Sulu-Sulawesi-Seas; Manila 2001). In den philippinischen Wassern findet man 33 Mangrovenarten, 800 Algenarten, mehr als 1.200 Arten von Rifffischen, 22 Wal- und Delfinarten. Außerdem leben hier Seekühe (Dugong) und Walhaie, die größten Fische der Welt.

Die Philippinen verfügen als Inselnation zwischen Pazifik und Südchinesischem Meer (das wegen der aggressiv vorgetragenen Gebietsansprüche von China inzwischen gern Westphilippinische See genannt wird) einschließlich der Ausschließlichen Wirtschaftszone AWZ über eine Wasserfläche von 2.200.000 km². Im Vergleich dazu macht die philippinische Landfläche gerade einmal 300.000 km² aus. Korallenriffe finden sich auf 27.000 km². Damit sollten die Voraussetzungen für eine gute Eiweißversorgung der Bevölkerung aus dem Meer gegeben sein. Allerdings stellt sich bei genauerer Betrachtung heraus, dass die Fischbestände der Philippinen an ihre Grenzen gekommen sind. Man unterscheidet bei der Fischproduktion drei Sektoren: den gemeindebasierten (municipal) Fischfang mit Booten unter drei Bruttoregistertonnen und bis zu 15 km von der Küstenlinie, den kommerziellen Fischfang mit größeren Booten abseits der Küste und die Aquakultur.

Grenzen und Folgen der Fischproduktion

Die gesamte Fischproduktion der Philippinen in allen drei Sektoren zusammen erreichte 2010 mit rund fünf Millionen Tonnen ihren Höhepunkt. Seitdem nimmt sie kontinuierlich ab, 2021 waren es nur noch rund vier Millionen Tonnen. Interessant dabei ist, dass dieser Rückgang alle drei Sektoren betrifft. Vor allem der gemeindebasierte Fischfang stellt traditionell eine günstige Eiweißquelle für die ländliche Bevölkerung sicher. Bei einer insbesondere auf dem Land und in ärmeren Gemeinden stetig wachsenden Bevölkerung ist der Rückgang des Fischfangs jedoch nicht durch eine abnehmende Nachfrage zu erklären. Vielmehr hat die intensive Befischung die philippinischen Bestände an ihre Grenzen gebracht und sie vielerorts bereits überschritten.

In einer Situation abnehmender Fischbestände greifen Fischer*innen immer häufiger zu destruktiven Methoden. Ich kann mich an keinen einzigen Tauchgang vor der Insel Cebu erinnern, bei dem ich keine Unterwasserexplosion gehört hätte. Dynamit-Fischen ist eine Fischereimethode der Verzweiflung. Dabei werden meist aus Glasflaschen und Sprengstoff selbstgebaute Granaten im Wasser zur Explosion gebracht. Die Druckwelle zerstört die Schwimmblasen der Fische und tötet oder betäubt sie. Diese Methode ist höchst ineffizient, weil von 10 getöteten Fischen nur einer oder zwei an die Oberfläche treiben und eingesammelt werden können, der Rest sinkt zu Boden. Zugleich wird alles Meeresleben im Umkreis geschädigt oder zerstört. Schätzungen gehen davon aus, dass etwa 70.000 der einen Million Kleinfischer*innen in den Philippinen mit Hilfe von Sprengladungen fischen.

Weit verbreitet ist auch die Fischerei mit Zyanid, das vor allem für den Fang von Zierfischen für den Aquarienhandel eingesetzt wird. Dabei wird das Gift aus einer Spritzflasche ins Wasser gegeben. Ziel ist es, die Fische zu betäuben, damit sie eingesammelt und lebend verkauft werden können. Da aber die Dosierung im Meer kaum zu kontrollieren ist, sterben auch bei dieser Methode zahlreiche Fische, Korallen und anderes Meeresleben.

Gefährliches Tauchen

Eine besondere und besonders gefährliche Form des Tauchens zum Fischfang ist das Kompressortauchen, pa’aling genannt. Dabei springen Gruppen von Fischern ins Meer, um gemeinsam ganze Fischschwärme in riesige Netze zu treiben. Sie tauchen bis zu 40 Meter tief; mit Atemluft versorgt sie ein kleiner Plastikschlauch, der an einem rostigen Kompressor auf einem Boot hängt. Ein Boot trägt bis zu 25 Taucher, oft operieren vier Boote gemeinsam. Pa’aling ist vor allem um die Insel Palawan herum verbreitet. Es wird geduldet, weil es die noch viel schädlichere und gefährlichere muro-ami Fischerei abgelöst hat, bei der Gruppen von Kindern unter Wasser mit Steinen auf Riffe und Korallen schlagen, um Fische in die Netze zu treiben.

Eine häufige Erscheinung beim Kompressortauchen ist die Dekompressionskrankheit, bei der unter Druck im Blut gelöster Stickstoff beim schnellen Auftauchen Bläschen bildet und eine Lungenembolie auslösen kann. Sie verläuft oft tödlich. Druckkammern, die Betroffene retten könnten, stehen in den Fischereikommunen nicht zur Verfügung.

Auch das Freizeittauchen verursacht Schäden. Schlecht ausgebildete und unerfahrene Taucher, häufiger Männer als Frauen, schlagen mit ihren Flossen auf Korallen und brechen Stücke ab. Sie versuchen, Fische und Federsterne zu berühren, und lassen sich von großen Meeresschildkröten durchs Wasser ziehen. Zugleich liegt im Freizeittauchen auch eine Chance für den Erhalt der philippinischen Unterwasserwelt.

Tauchtourismus als Wirtschaftsfaktor

Tauchtourismus ist ein wichtiger Treiber der wirtschaftlichen Entwicklung in vielen philippinischen Regionen. Einige der besten und bekanntesten Tauchgebiete weltweit sind hier zu finden: das Tubbataha-Riff, seit 1993 UNESCO Welterbe, das Apo-Riff, Coron mit seinen bizarren Weltkriegswracks, Malapascua mit seinen Fuchshaien, Anilao, das Nacktschnecken-Paradies, Apo Island mit einer Vielzahl an Schildkröten und den behäbigen Anglerfischen. Über 300 Tauchbasen im Land gehören zum Netzwerk der bekanntesten Tauch-Zertifizierungs-Organisation Professional Association of Diving Instructors (PADI). Zahlreiche andere sind mit weiteren Organisationen verbunden.

In der Frühzeit des Tauchtourismus in den Philippinen in den 1970er und 80er Jahren waren Betreiber*innen der Tauchbasen, Tauchlehrer*innen und Guides überwiegend ausländischer Herkunft, vor allem aus Europa. Das hat sich inzwischen geändert. Auch wenn es in der Freizeit-Tauchindustrie noch immer viele Ausländer*innen gibt, ist die Mehrheit der dort Tätigen nun einheimisch.

Das Tourismusministerium misst dem Tauchtourismus große Bedeutung und ein starkes Wachstumspotenzial zu. Das Ministerium schätzt, dass etwa fünf Prozent der ausländischen Tourist*innen Freizeittaucher*innen sind. Das Einkommen aus Tauchtourismus weltweit wurde für 2022 mit knapp vier Milliarden US-Dollar angegeben. Zahlen für die Philippinen sind nicht bekannt. Man geht aber davon aus, dass Tauchtourist*innen über eine höhere Bildung und ein größeres Einkommen verfügen, mehr Nächte im Land verbringen und pro Tag mehr ausgeben als der Durchschnitt der Tourist*innen. Hinzu kommt eine stark wachsende Zahl einheimischer Taucher*innen.

In agrarisch geprägten Gesellschaften sind Konzepte von Urlaub und Freizeit einer kleinen Schicht von Grundbesitzenden und anderweitig Wohlhabenden vorbehalten. In der Ära der Call Center und des so genannte Business Process Outsourcing eröffnen sich für gebildete, Englisch sprechende junge Menschen zahlreiche Möglichkeiten, um mehr zu verdienen als sie für den unmittelbaren Lebensunterhalt brauchen. Seitdem boomt auch der lokale Tourismus, einschließlich des Tauchtourismus. Hinzu kommen die Überweisungen der philippinischen Arbeitsmigrant*innen, die zahlreichen Familien einen Lebensstil jenseits ihrer eigenen Einkommensmöglichkeiten eröffnen.

Schutz der Tauchgebiete

Für viele Fischereigemeinden ergeben sich daraus neue Perspektiven. Wo die Fischerei fast nichts mehr einbringt, lässt sich mit Beherbergung und Verköstigung von Tourist*innen, mit dem Verleih von Tauch- und Schnorchelausrüstung, mit Bootstouren und -verleih, Tauchunterricht und Tauchführung ein Einkommen erzielen. Dazu gehören allerdings intakte Korallenriffe.

Bisher gibt es für die Philippinen keine wirklich belastbare Berechnung des ökonomischen Werts intakter Korallenriffe. Eine Studie von 2018 schätzt den Total Economic Value eines Korallenriffs aus Fischerei, Gesundheits- und Freizeitwert auf etwa 140.000 US-Dollar pro km² und Jahr. Viele Gemeinden haben daher inzwischen Initiativen für den Schutz ihrer Riffe ergriffen, Meeresschutzgebiete ausgewiesen, eine Gruppe von Wachleuten namens Bantay Dagat mit ihrem Schutz beauftragt, und erheben Gebühren für den Zugang zu den Riffen. Feste Bojen werden angelegt, damit die Tauch- und Freizeitboote die Korallen nicht mit ihren Ankern zerstören. Tauchbasen, einheimische Nichtregierungsorganisationen, Lokalverwaltungen und Schulen engagieren sich in Umweltbildung. Apo Island, die kleine Insel vor Dumaguete auf Negros und eines der bekanntesten Tauchgebiete, hat seine Korallenriffe bereits vor dreißig Jahren unter Schutz gestellt und erhebt Gebühren von allen Besucher*innen. Hier kann man eine unvergleichlich schöne Unterwasserwelt erleben und große Seeschildkröten beim Weiden in den Seegraswiesen beobachten. Fischerei spielt kaum noch eine Rolle. Die Riffe sind dafür einfach zu kostbar.

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