1 | 2018, Indonesien,
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Der Reichtum der Suharto-Familie

Indonesiens Diktator Suharto hat seinen Kindern nicht nur ein Vermögen hinterlassen – er wird auch zehn Jahre nach seinem Tod noch auf zahlreichen ‚Fan-T-Shirts’ verewigt © Anett Keller

Während Suhartos über 30-jähriger Herrschaft in Indonesien gelang es seinen Kindern ein Geschäftsimperium aufzubauen und viele Millionen US-Dollar auf privaten Konten im In- und Ausland zu verstecken.

 

Nur ein Jahr nachdem die Panama Papers die versteckten Millionen und Investitionen von Prominenten in der Steueroase enthüllten, tauchten die Paradise Papers auf, die weitere Details von verdeckten Investitionen zur Steuervermeidung offen legten.

Die Panama Papers stammen von einem Offshore-Rechtsdienstleister namens Mossack Fonseca, die Paradise Papers von der Firma Appleby. Die Süddeutsche Zeitung war eines der ersten Medien, die die durchgesickerten Dokumente erhielten und sie dann an das Internationale Netzwerk Investigativer Journalisten (ICIJ) verteilten.

„Sie (Mossack Fonseca und Appleby) sind beide Anwaltskanzleien, die ihren Kunden helfen, eine Briefkastenfirma in Übersee zu eröffnen. Also, wenn man etwas im Ausland kaufen will, und seinen eigenen Namen nicht verwenden will, dann eröffnet man eine Briefkastenfirma. Je vertraulicher, desto teurer der Tarif“, sagte ICIJ-Gründungsmitglied Andreas Harsono der indonesischen Nachrichtenagentur Antara.

Große Namen, die in den Paradise Papers erwähnt werden, sind unter anderem die britische Königin Elizabeth II., U2-Sänger Bono und Weltstar Madonna. Einige indonesische Prominente tauchen hier ebenfalls auf, so etwa der ehemalige General und Politiker Prabowo Subianto [ein Ex-Schwiegersohn von Diktator Suharto, d.R.] und zwei von Suhartos Kindern, Hutomo Mandala Putra (Tommy) und Siti Hutami Endang Adiningsih (Mamiek).

Tommy Suharto wird als der Kopf der Humpuss-Gruppe sowie Aufsichtsratsvorsitzender der Asia Markt Investments Ltd. genannt, ein in Bermuda 1997 registriertes Unternehmen. Tommy ist außerdem einer der Großaktionäre des italienischen Sportwagen-Unternehmen Lamborghini. Laut Applebys Bericht kam 1997 in Bermuda ein Joint Venture zustande, das aus Tochtergesellschaften der Humpuss-Gruppe und der australischen Werbeagentur NLD bestand. Das Unternehmen betrieb Straßenwerbungen auf den Philippinen sowie in Malaysia, Myanmar und China.

Mamiek Suharto wird in dem Dokument als Vizepräsident von Golden Spike Pasiriaman Ltd. und Besitzerin von Golden Spike South Sumatra Ltd erwähnt. Dem ICIJ-Bericht zufolge wurden beide Unternehmen in den 1990er Jahren in Bermuda registriert, existieren aber jetzt nicht mehr. Die Nennung von Suhartos Kinder in den Paradise Papers wirft die alte Frage nach dem Vermögen der Suhartos wieder auf.

Suhartos Vermögen

Nach einem Bericht des Time-Magazine von 1999 hat die Suharto-Familie ein Geschäftsimperium aufgebaut und Milliarden von US-Dollar im In- und Ausland angehäuft. Zum Auslandsvermögen der Familie gehören unter anderem ein vier Millionen Dollar teurer Jagdpark in Neuseeland und anteilig ein ebenso teures Kreuzfahrtschiff, das in der Nähe von Darwin, Australien, vor Anker liegt. Milliarden von Suhartos Geld liegen zudem auf Schweizer Bankkonten. Als Suharto sein Amt 1998 niederlegte, soll er sein Vermögen in Sicherheit gebracht haben, indem er neun Milliarden Dollar von einer Schweizer Bank auf ein österreichisches Bankkonto übertrug.

Laut dem Bericht des Nationalen Grundbuchamts, den das Time-Magazine zitiert, kontrollierte die Suharto-Familie rund 3,6 Millionen Hektar Land mit Immobilien sowie 100.000 Quadratmeter Bürofläche in Jakarta. Suharto wies den Bericht jedoch zurück. Ihm zufolge besaß er nur 19 ha Land in Indonesien sowie Ersparnisse in Höhe von 2,4 Millionen Dollar. Die Zeitung New York Times schätzte das Vermögen Suhartos auf 30 Milliarden Dollar.

Einem Bericht des Wirtschaftsmagazins The Economist zufolge „schrumpfte“ Suhartos Privatvermögen auf „nur noch“ ca. 16 Milliarden Dollar, da die anderen Vermögensteile auf seine sechs Kinder, die Enkelkinder und einen Bruder verteilt wurden. Laut Transparency Interantional beliefen sich Suhartos Vermögen auf geschätzte 15 bis 35 Milliarden US-Dollar.

Suhartos vermögende Kinder

Nach dem Bericht des Time Magazine besitzen Suhartos Kinder Anteile an rund 564 indonesischen Unternehmen und haben außerdem „Beziehungen“ zu Hunderten anderen ausländischen Unternehmen aus den Vereinigten Staaten, Usbekistan, den Niederlanden, Nigeria, Vanuatu und anderen Ländern.

So besitzt Suhartos jüngster Sohn Tommy einen Anteil von 75 Prozent an einem Golfplatz mit 22 Luxuswohnungen in Ascot, Großbritannien. In Jakarta baute Tommy laut einem Bericht der New York Times auf einer Fläche von 425 Hektar eine Auto-Rennstrecke mit Kosten von bis zu 50 Millionen Dollar.

Tommys älterer Bruder Bambang Trihatmodjo hat ein Luxus-Ferienhaus im Wert von acht Millionen US-Dollar in Singapur und ein weiteres Haus im Wert von 12 Millionen Dollar in einer exklusiven Nachbarschaft in Los Angeles, nicht weit entfernt vom Haus seines Bruders Sigit Harjoyudanto, dem zweiten Sohn Suhartos, dessen geschätzter Wert neun Millionen Dollar beträgt. Im Jahr 2007 krönte das Wirtschaftsmagazin Forbes Bambang Trihatmodjo zum 33. reichsten Mann Indonesiens mit einem Vermögen von 200 Millionen US-Dollar.

Suhartos Töchter sind nicht weniger vermögend. Siti Hardijanti Rukmana, genannt Tutut, soll einige Flugzeuge besitzen, darunter eine Boeing 737, eine Challenger 601, eine BAC 1-11, eine McDonnell Douglas DC-10 und ein Exemplar des Modells Royal Squadron.

Woher kommt das Vermögen?

Bevor Suharto und seine Frau Siti Hartinah (Ibu Tien) an die erste Stelle im indonesischen Staat vorrückten, führten sie in Menteng, Zentral-Jakarta, ein relativ bescheidenes Leben. Zu dieser Zeit fuhr Suharto noch einen Ford Galaxy. Sein Wunsch an Geld zu kommen machte sich bereits in den 1950er Jahren bemerkbar: Damals war er am Zuckerschmuggel und anderen ‚außermilitärischen’ Aktivitäten in Zentral-Java beteiligt. Dies führte dazu, dass er 1959 von seiner Position als Kommandeur des Militärkommandos Diponegoro [Zentraljava und Yogyakarta, d.R.] suspendiert wurde.

Bevor Suharto und seine Frau Siti Hartinah (Ibu Tien) an die erste Stelle im indonesischen Staat vorrückten, führten sie in Menteng, Zentral-Jakarta, ein relativ bescheidenes Leben. Zu dieser Zeit fuhr Suharto noch einen Ford Galaxy. Sein Wunsch an Geld zu kommen machte sich bereits in den 1950er Jahren bemerkbar: Damals war er am Zuckerschmuggel und anderen ‚außermilitärischen’ Aktivitäten in Zentral-Java beteiligt. Dies führte dazu, dass er 1959 von seiner Position als Kommandeur des Militärkommandos Diponegoro [Zentraljava und Yogyakarta, d.R.] suspendiert wurde.

Sieben Jahre später, 1966, erließ Suharto – nun als Präsident – die Regierungsverordnung Nr. 8, um zwei von seinem Vorgänger Sukarno kontrollierte Unternehmenszusammenschlüsse im Wert von zwei Milliarden Dollar zu übernehmen. Suharto kontrollierte außerdem das Unternehmen PT-Pilot Project Berdikari, das von Achmad Tirtosudiro, einem pensionierten General, geleitet wurde. Diese Firma wurde zu einem der wichtigsten Motoren von Suhartos Geschäftsimperium. Gemeinsam mit seinen engen Freunden Liem Siu Liong (Salim Group) und The Kian Seng, besser bekannt als Mohammad „Bob“ Hasan, wurde er immer erfolgreicher. So übertrug Suharto etwa dem Unternehmen PT Bogasari Flour Mills, das von der Salim Gruppe kontrolliert wurde, nach und nach das Monopol für den Import und Vertrieb von Mehl und Weizen.

Um seine Geschäftsaktivitäten zu verschleiern, gründete Suharto ‚gemeinnützige’ Stiftungen, die Krankenhäuser, Moscheen und Schulen finanzierten. Laut Laut dem [inzwischen verstorbenen, d.R.] bekannten indonesischen Soziologen George Junus Aditjondro gab es 79 Stiftungen in den Händen Suhartos, seiner Familie und seiner Freunde. „Diese Stiftungen kaufen Aktien, gründen Firmen, verleihen Geld an Unternehmer“, so Adnan Buyung Nasution, ein Menschenrechtsanwalt, seinerzeit zum Time Magazine.

1978 erlangte eine von Suhartos Stiftungen die Kontrolle über 60 Prozent Aktienanteile der Bank Duta. Nach und nach stieg Suhartos Anteil auf 87 Prozent der Aktien dieser Bank. Die Fonds investierten Suhartos Stiftungen wiederum in etliche Privatunternehmen seiner Familienmitglieder und Freunde.

Eine der wichtigsten Geldmaschinen des Suharto-Clans war PT Nusantara Ampera Bakti oder Nusamba, ein Unternehmen, das 1981 von drei Stiftungen Suhartos mit einem Kapital von rund 1,5 Millionen US-Dollar gegründet wurde. Sein Freund Bob Hasan und sein Sohn Sigit Suharto erwarben jeweils zehn Prozent der Aktien. Das Unternehmen eröffnete ein Netzwerk von 30 Tochtergesellschaften in den Bereichen Finanzen, Energie, Zellstoff und Papier sowie Stahl und Automobil. Nusamba besaß einen Anteil von 4,7 Prozent an Freeport Indonesia, einem US-amerikanischen Goldminenunternehmen in Papua.

Als Suhartos Kinder erwachsen wurden, stiegen sie im großen Stil in die Geschäfte ihres Vaters ein. Der Time-Bericht nennt hier Tommy und Bambang als Besitzer der Unternehmen Perta Oil Marketing und Permindo Oil Trading in den 1980er Jahren. Beide Firmen wurden zu offiziellen Öllieferanten der staatlichen Ölgesellschaft Pertamina. Sie erhielten jeweils eine Provision von ca. 30-35 Cent (US-Dollar) pro Barrel Öl. Darüber hinaus wurden Suhartos Familie insgesamt 170 Verträge mit Pertamina für Versicherungen, Sicherheit, Nahrungsmittel und andere Dienstleistungen zugeschustert.

Darüber hinaus kontrollierte Bambang Suharto die staatliche Logistik-Agentur (BULOG), die das Monopol für bestimmte Lebensmittel innehatte, z.B. für den Handel von Reis. Die Agentur erzielte Gewinne von drei bis fünf Milliarden Dollar aus staatlichen Programmen zur Stabilisierung der Reispreise. Bambang kontrollierte auch Satelindo, ein Kommunikationsunternehmen, das 1995 2,3 Milliarden Dollar wert war. Suhartos Tochter Tutut kontrollierte derweil etliche Telekommunikationsunternehmen, das Bankwesen, außerdem Plantagen, Getreidemühlen, Bauunternehmen, Forstwirtschaft, Raffinerien und den Zuckerhandel.

Suhartos Familienvermögen stammt nicht nur aus Regierungsverträgen, sondern auch aus der Beschlagnahmung von Land, wie am Beispiel einer Rinderfarm in West-Java ersichtlich wird, die auf einer sich über fünf Dörfer erstreckenden Fläche von über 750 ha beschlagnahmtem Land, errichtet wurde. 1996 beschlagnahmte Tommys Firma 650 Hektar Land auf der Touristeninsel Bali für den Bau eines Luxusferienressorts. Das Unternehmen hatte ursprünglich nur die Genehmigung für 130 ha Land erhalten, dieses Gebiet wurde aber im Laufe der Zeit illegal erweitert.

Im Jahr 2016 fanden sich die Namen von Tommy Suharto, Bambang und Tutut auf der Liste der 150 reichsten Indonesier von The Globe Asia. Das Vermögen von Tommy Suharto [Platz 56 der Globe-Liste, d.R.] kam von der Humpuss Group, vor allem vom großen Energielogistiker PT Humpuss Intermoda. Außerdem besaß er unter der Schirmherrschaft von KG Property Eigentum, darunter den Mangkuluhur City Superblock in Semanggi in Zentral-Jakarta und den Jayanti City Apartmentkomplex.

Währenddessen lag Bambang Trihatmodjo mit einem Gesamtvermögen von 240 Millionen US-Dollar auf Platz 124 auf der Liste von The Globe Asia und Tutut mit insgesamt 190 Millionen US-Dollar auf Platz 132.

Tututs Vermögen kam vor allem von Citra Marga Nusaphala Persada, dem profitabelsten Autobahnbetreiber in Indonesien, obwohl sie dieses Unternehmen schließlich an ihre Tochter Danty Indriastuty Purnamasari abgab.

Siti „Tutut“ Rukmana baute gemeinsam mit der San Miguel Corp. aus den Philippinen auch das Joint-Venture-Unternehmen Citra Lamtoro auf, um indirekt Anteile an South Luzon Tollway Corporation (SLTC) und Manila Toll Expressway Systems Inc. zu erwerben. CMNP, die Holdinggesellschaft von Citra Lamtoro, ist auch am Bau der der Trans-Java-Autobahn beteiligt.

Suharto contra Time Magazine

Der ausführliche Bericht des Time Magazine über die Vermögensverhältnisse Suhartos brachte Ärger. Durch seinen Anwalt reichte Suharto eine zivilrechtliche Klage beim Bezirksgericht von Zentraljakarta ein. Gegenstand der Klage war der Bericht der asiatischen Ausgabe des Time Magazine vom 24. Mai 1999 mit der Titelgeschichte ‘SUHARTO INC. How Indonesia’s longtime boss built a family fortune’. Der Bericht sei tendenziös, suggestiv und provokativ, so die Anklage.

Im Jahr 2000 wies das Bezirksgericht in Jakarta jedoch alle Klagen zurück mit der Begründung, dass der Bericht von Time nicht den Vorwurf rechtswidriger Handlungen im Sinne der Artikeln 1365 und 1372 des Zivilgesetzbuchs erfüllte.

Suharto reichte daraufhin Berufung ein. Das übergeordnete Provinzgericht von Jakarta bestätigte zwar 2001 das Urteil des Bezirksgerichts von Jakarta. Im Jahr 2007 entschied jedoch der Oberste Gerichtshof Indonesiens, dass sich das Time Magazine der Verleumdung schuldig gemacht hatte und verhängte eine Entschädigungsstrafe von einer Billion Indonesische Rupiah [106 Mio. US-Dollar, d.R.]. Außerdem sollte das Time Magazine eine Entschuldigungsanzeige in verschiedenen indonesischen Medien sowie in drei internationalen Ausgaben der eigenen Zeitschrift schalten.

Zwei Jahre später wurde die Entscheidung des Obersten Gerichthofes aufgehoben. Der Oberste Gerichtshof erklärte, Time Magazine müsse keine Entschädigung an Suhartos-Familie zahlen. Im selben Jahr bezeichneten die Weltbank und die Vereinten Nationen in ihren Berichten Suharto als „korruptestes Staatsoberhaupt der Welt“.

Übersetzung aus dem Indonesischen von: Hendra Pasuhuk

Der Orginalartikel erschien im November 2017 im indonesischen Online-Magazin Tirto

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1 | 2018, Indonesien,
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Der Reichtum der Suharto-Familie

Die Poster zu diesem Artikel stellte uns der indonesische Posterkünstler Alit Ambara zur Verfügung. Er schuf sie 2015, um den Opfern der Massaker von 1965 zu gedenken. Alit Ambara, den wir in der südostasien 2/2017 vorgestellt haben, ist Teil des Posterkollektivs Nobodycorp Internationale Unlimited.

Indonesien: Der so genannte Kalte Krieg führte Mitte der 60er-Jahre in Indonesien zu einem Massenmord an Linken durch Militärs, Paramilitärs und Zivilisten. Das Blutbad ebnete den Weg für die – von Washington, London und Bonn unterstützte – antikommunistische Diktatur von General Suharto. Die traumatischen Erinnerungen der Überlebenden spiegeln sich bis heute in Geschichten über gefährliche Geister und verwunschene Orte.

 

Die Jahre 1965 und 1966 sind ein dunkles Kapitel in der indonesischen Geschichte. Es war die Zeit der Massenmorde an Kommunisten und vielen Menschen, die des Kommunismus bezichtigt wurden. Die Gewalt erstreckte sich über Java, Bali, Sumatra auf weitere Teile Indonesiens und forderte schätzungsweise zwei Millionen Opfer. Diese Massenmorde spiegelten nicht nur Klassenkonflikte oder unterschiedliche politische Ideologien wider. Die Gewalt wurde auch mit dem kulturellen Argument legitimiert, dass Kommunismus die soziale Harmonie erschüttere.

Führte aber die Vernichtung der vermeintlichen Feinde zu einer harmonischeren indonesischen Gesellschaft? Keineswegs. Wie es scheint, wird das Alltagsleben auch heute noch herausgefordert und zuweilen gar bedroht durch die Geister der Opfer des damaligen Massakers.

Wie in vielen asiatischen Kulturen gibt es auch in Indonesien den Glauben, dass die Seelen der Verstorbenen nicht aus dem alltäglichen Leben verschwinden. Vielmehr werden sie zu Geistern, die in einer „anderen Welt“ leben. Doch auch, wenn sie sich in einer anderen, einer ewigen Welt befinden, bleiben sie im Kontakt mit ihren Nachfahren, um die Harmonie aufrecht zu erhalten. Bei diesem Prozess wird unterschieden zwischen der Harmonie der großen Welt (jagad besar) und jener der kleinen Welt (jagad kecil). Nur „gute“ Geister können für Harmonie sorgen, während „böse“ Geister die Harmonie stören.

„Böse Kommunisten“ = „böse Geister“

Ob die Geister der Verstorbenen gut oder schlecht sind, hängt davon ab, wie sie von der Lebenswelt in die ewige Welt übergehen, sprich: mit ihrer Todesursache, zusammen. Ein natürlicher Tod ist ein Tod nach Gottes Willen. Es ist ein guter Tod, aus dem ein guter Geist hervorgeht. Ein nicht natürlicher Tod, sei es durch einen Unfall, durch Mord oder Selbstmord, ist ein unvollkommener Tod, der zu einer teuflischen Reise in eine dunkle Welt führt. Von dort können die bösen Geister – sichtbar oder unsichtbar – lebensbedrohlich für die Menschen wirken.

Seit dem blutigen Geschehen von 1965/66 bis heute können wir beobachten, wie sich die Erinnerung an die Gewalt gegen Kommunisten bzw. als Kommunisten geltende Menschen vermischt mit komplexen Trauma-Folgen und kulturellen Weltanschauungen in Erzählungen über Geister im täglichen Leben widerspiegelt.

Dieser Artikel basiert auf Geistererzählungen von Bewohnern des Dorf Masean (Batuagung, Jembrana, Bali) und von Menschen, die am Ufer des Winongo-Flusses (Yogyakarta, Java) leben. Weitere „Geister-Erfahrungen“ stammen von der Insel Buru, wo sich das größte Lager für politische Gefangene befand. In all diesen Erzählungen ist auf vielfältige Weise das Trauma spürbar, unter dem die Gesellschaft bis heute leidet.

Der Landkreis Jembrana auf der Insel Bali war vor 1965 eine starke Basis der Kommunistischen Partei Indonesiens (PKI). Aus diesem Grund ereigneten sich dort besonders viele Morde an Menschen, die einer kommunistischen Weltanschauung verdächtigt wurden. 50 Jahre nach den Gewalttaten von 1965 und 17 Jahre nach dem Ende von Suhartos „neuer Ordnung“ (1965 – 1998), geschah in Jembrana etwas Interessantes. Im Dorf Masean (Batuagung) wurde das traditionelle Ritual ngaben durchgeführt. Bei diesem Ritual auf Bali, wo die Mehrheit der Einwohner dem hinduistischen Glauben angehören, werden Leichname verbrannt, um die Seelen der Toten von den Makeln ihrer physischen Existenz zu reinigen. So geschah es 2015 auch mit den sterblichen Überresten von einigen Opfern der Massenmorde. Die lokale Gemeinschaft entschied sich zu diesem Schritt, nachdem viele Menschen von Angst und Besorgnis umgetrieben worden waren.

Ida Bagus Kadek Suwartama, der hinduistische Priester des Dorfes, erklärt die Ursache der Ängste folgendermaßen: Die Dorfbewohner hätten seltsame Sachen erlebt, beispielsweise Leichen ohne Köpfe herumlaufen sehen. „Jedes Mal, nachdem jemand so etwas gesehen hat, gab es kurz darauf einen Selbstmord“, so Ida Bagus Kadek. Seit 1965 habe es 50 Selbstmorde in Masean gegeben, immer auf die gleiche Weise, durch Erhängen. Und nicht zu zählen seien die vielen Unfälle, die sich an den Orten der Massengräber von 1965 ereigneten.

Ida Rsi Bhujangga Waisnawa Putra Sara Shri Satya Jyoti, Dozent für Religionswissenschaft an der Hinduistischen Universität in Denpasar, begründet die Notwendigkeit zur Durchführung des ngaben so: „Die Leichen der vor Jahrzehnten verstorbenen Menschen werden, wenn sie nicht eingeäschert wurden, zu Bhuta Cuil, zu Geisterwesen, die jederzeit das Leben der Menschen stören können. Gemäß unserer Weltanschauung findet eine Art Tauziehen zwischen prakerti (physische, sichtbare Welt) und purusa (ätherische, unsichtbare Welt) statt. Wenn ein Mensch stirbt, muss die Seele – durch das ngaben-Zeremoniell – vom prakerti befreit werden – damit sie sich von dessen Anziehungskraft lösen kann.“

Die Erzählungen von den störenden Seelen der Toten, die im Dorf Masean immer wieder Unheil verursachen, zeigen, dass die Politik des Abschlachtens nicht vorbei war, als Suhartos „neue Ordnung“ die Bühne der Macht in Besitz genommen hatte. Sie setzte sich vielmehr im politischen Bewusstsein der Menschen fest. Erzählungen von den Geistern der Toten, die sich rächen wollen, wurden wieder und wieder erzählt, jüngeren Generationen überliefert und so als Bestandteil der täglichen Gespräche verewigt. In den Augen vieler „beweist“ dies fortwährend, dass Kommunisten die kosmische Harmonie stören.

Traumatische Erinnerung wird zur Geistergeschichte

Auch die Menschen am Ufer des Flusses Winongo in Yogyakarta (Java) erzählen sich Geschichten von Geistern. Diesen begegnet man bevorzugt an dunklen und ungepflegten Teilen des Flussufers. Auch diese Geschichten gehen auf die Grausamkeiten von 1965 zurück und werden bis heute von Generation zu Generation weitergegeben. In ihnen ist die Rede von seltsamen Stimmen, die mitten in der Nacht zu hören sind, von unsichtbaren Wesen, die es auf das Leben der Anwohner abgesehen haben. Es geht um verfluchte Orte, an denen Unheil geschieht. Die Erzählungen von Wesen, die in unheimlicher Gestalt erscheinen, weil sie einst Opfer eines gewaltvollen Todes geworden sind, zeigt, wie sich die damalige Gewalterfahrung bis heute als Angst ins kollektive Bewusstsein der Gesellschaft schreibt. Wie es scheint, verbirgt sich im Geschehen der Massenmorde das Kommunismusthema und Tote werden nach und nach zu Wesen, die überall herumgeistern, zu lästigen, verbrecherischen Wesen, zu Zerstörer*innen der Harmonie.

Die Erzählungen aus Bali und Java zeigen die vielschichtigen Auswirkungen der damaligen Gewalt, sie zeigen Verdrängung, Schuldgefühle und den Wunsch, zu einem normalen Leben zurückzukehren. Das Trauma versteckt sich in den Geistergeschichten und wirkt zugleich in ihnen fort. Die Gruselnarrative, die als kollektive Bedrohung für Menschen auf den Straßen von Jembrana oder am Flussufer des Winongo daher kommen, sind vielleicht auch Ausdruck der Verdrängung der Tatsache, dass Anwohner*innen beim Blutbad von 1965/66 – aktiv oder passiv – zu Mittäter*innen wurden, häufig aus Angst vor den Drohungen der Armee. So wird die Erinnerung an das grausame „Damals“ zur fortgesetzten Angst im „Jetzt“, wie es Jeffrey Alexander in seinem Buch Trauma: A Social Theory [1] beschreibt.

Auf der Insel Buru, wo sich in den 70er-Jahren das größte Lager für politische Gefangene befand, das oft auch als indonesischer Gulag bezeichnet wird, erzählen sich die Menschen andere Geschichten. Der Schriftsteller Pramoedya Ananta Toer, der dieses Lager überlebte, beschreibt in seinem Buch Das Stille Lied eines Stummen, wie viele Gefangene angesichts der unerträglichen Zwangsarbeit und Willkürherrschaft der Militärs den Tod wählten, sei es dadurch, das Risiko einzugehen, bei einem Fluchtversuch erschossen zu werden, oder durch Selbstmord [2].

Verstorbene Häftlinge als Verbündete der Lebenden

Selbstmord wurde als „sichere“ Methode bevorzugt und darüber hinaus als eine, bei der Mithäftlinge nicht zur Verantwortung gezogen wurden. Zum Verüben des Selbstmordes wurden stille, versteckte Orte gewählt, wie Flussufer mitten im Wald. Immer wenn ein Selbstmord geschehen war, erzählten sich die Häftlinge Geistergeschichten voll grausamer Details. Diese Geschichten kamen den Militärs zu Ohren, die die Zwangsarbeiter bewachten. Und sie glaubten schließlich daran, dass an den Orten, wo ein Selbstmord geschehen war, böse Geister ihr Unwesen trieben und dass es besser sei, sich von diesen Orten fern zu halten.

Die Geschichten wurden zahlreicher und sie wurden von den Häftlingen wieder und wieder erzählt, wodurch sie immer weiter die Runde bei den wachhabenden Militärs machten. Die Wiederholung des Gruselnarrativs wurde zum Mittel der „psychologischen Kriegsführung“ zwischen Häftlingen und Soldaten. Und so wurden diese „verfluchten Orte“ zu Freiräumen, wo sich erschöpfte oder kranke Häftlinge erholen konnten, ohne die Präsenz der Militärs befürchten zu müssen.

Für die Militärs befeuerten diese Geistergeschichten auch die Angst vor der grausamen Rache der Menschen, die sie gefoltert, verletzt oder ermordet hatten. Die Geister der toten Häftlinge waren für sie eine unsichtbare und unkontrollierbare Bedrohung. Daran, dass die Militärs das Narrativ der Häftlinge bestätigen, zeigt sich psychologisch gesehen die Angst der Täter. Die Häftlinge wiederum fühlten sich von den Geistern der Toten nicht bedroht, es waren ja ihre Leidensgefährten, die sie schützen würden und von denen sie geschützt werden würden. Sie erfanden diese Geschichten vielmehr, um zumindest zeitweise der lebensgefährlichen Zwangsarbeit zu entkommen.

Die dargestellten Geistergeschichten aus Bali, Java und Buru zeigen, dass das „Erschaffen“ von Geistern nicht losgelöst von den herrschenden Machtverhältnissen betrachtet werden kann. Denn diese bestimmen die Bedeutung der Geister. Der Massenmord an (vermeintlichen) Kommunisten hat ein Trauma nach sich gezogen, das die Zeit nicht geheilt hat. Bis heute spiegeln die Geistergeschichten, wie sie in den Beispielen aus Bali und Java erzählt werden, Verdrängung, Schuldgefühle und Angst. Und sie dienen der – im Sinne des Harmoniestrebens – fortgesetzten Vergewisserung, dass es sich bei den Toten um die Zerstörer der Harmonie gehandelt habe. Nicht so bei den Geistergeschichten der Häftlinge von Buru. Hier dienen die Gruselnarrative dem strategischen Ziel, sich der Macht der Militärs zu entziehen.

Die indonesische Zeitgeschichte ist eine „Geistergeschichte“, weil noch immer so viel dessen im Dunkeln liegt, was 1965 geschah. Es wird noch vieler Mühen bedürfen, diese Dunkelheit zu erhellen und für Gerechtigkeit zu sorgen.

Übersetzung aus dem Indonesischen von: Anett Keller

 

Zum Weiterlesen:

  • [1] Alexander, J. C. (2013). Trauma: A Social Theory. Cambridge, Malden.
  • [2] Der Originaltitel lautet Nyanyi Sunyi Seorang Bisu, die deutsche Übersetzung erschien im Jahr 2000 im Horlemann Verlag.

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1 | 2018, Indonesien,
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Der Reichtum der Suharto-Familie

Indonesien: Wiji Thukuls „graswurzellieder“ sind wunderschöne Appelle an die Menschlichkeit. Die Gedichte des Lyrikers und Oppositionellen, der seit 1998 verschwunden ist und wahrscheinlich von Militärs ermordet wurde, sind nun erstmals gesammelt einem deutschsprachigen Publikum zugänglich. In Indonesien sind Wiji Thukuls Verse Slogans im Kampf gegen Unterdrückung und begleiten bis heute zahlreiche Proteste.

 

Endlich sind sie gesammelt auf Deutsch erschienen: die kraftvollen und zeitlosen Gedichte des seit 1998 verschwundenen indonesischen Lyrikers und Regimegegners Wiji Thukul. Beinahe prophetisch klingt sein Gedicht „ich schweife in der luft umher“ aus dem Jahr 1996: „in der luft könnt ihr nicht lügen, mit waffengewalt können radiowellen nicht mundtot gemacht werden […] in der luft sprechen tausend stimmen/die könnt ihr nicht auf eine linie ausrichten/in dem moment wo ein gewehrschuss losgeht wird das echo bis in jeden winkel des kontinents getragen […]“

Wiji Thukuls Spuren verlieren sich 1997/98, kurz vor dem Ende der Suharto-Diktatur. Freunde und Wegbegleiter sind sich sicher, dass das Militär ihn entführt und umgebracht hat. Doch Wiji Thukuls Echo ist noch lange nicht verhallt. Bis heute werden seine aufrüttelnden Verse in Indonesien zu Slogans des Kampfes für Freiheit und gegen Unterdrückung. Sie werden auf Wände gesprüht oder begleiten auf Bannern Aktionen zivilen Ungehorsams.

Appelle an die Menschlichkeit

Zum Beispiel das „lied der graswurzeln“, das der gerade erschienenen deutschen Übersetzung seinen Titel gab: „die hauptstraße wird verbreitert/wir werden vertrieben/bauen uns eine siedlung/werden verjagt/wir ziehen hierhin und dorthin/hängen an mauern/werden herausgezerrt/weggeworfen/wir sind das gras/brauchen erde/hört/folgt uns/damit wir zum albtraum des präsidenten werden.“ Oder das bekannte Gedicht „mahnung“, das mit dem Satz endet: „dann gibt es nur ein wort: widerstand!“. Wiji Thukuls Gedichte sind wunderschöne Appelle an die Menschlichkeit. Seine ebenso berührende wie zeitlose Lyrik ist nun dank der über einen Zeitraum von zehn Jahren entstandenen Übersetzungen von Peter Sternagel erstmals gesammelt auf Deutsch erschienen.

Alex Flor von der Menschenrechtsorganisation Watch Indonesia! vergleicht in seinem Vorwort die Ikonisierung, die Wiji Thukul in den letzten Jahren in Indonesien erfuhr, mit der von Che Guevara. Sein Konterfei drückt Widerstandsgeist aus, auch wenn nicht alle in Indonesien, die Wiji Thukuls Bild auf einem T-Shirt tragen oder auf ein Poster drucken, wirklich im Detail etwas über ihr „Vorbild“ wissen. Oder über die Zeit, in der Wiji Thukuls Gedichte entstanden.

Es war die Zeit der Suharto-Diktatur (1965 – 1998). General Suharto war 1965 – ähnlich wie Pinochet acht Jahre später in Chile – mit einem von westlichen Regierungen unterstützten regime change an die Macht gekommen. Hunderttausende, wenn nicht Millionen Menschen wurden umgebracht oder jahrelang inhaftiert, weil sie Kommunist*innen, Gewerkschafter*innen, Frauenrechtler*innen, Bauernaktivist*innen oder deren Angehörige waren. Das ressourcenreiche Indonesien, vor 1965 auf antiimperialistischem Kurs und ein Gründungsmitglied der Blockfreienbewegung, wurde mit dem Installieren von Suharto fest in das kapitalistische Weltwirtschaftssystem eingegliedert.

 

Gedichte für Widerstand und Solidarität

Der 1963 geborene Wiji Thukul stammte aus einfachen Verhältnissen, sein Vater fuhr Becak, die indonesische Form der Fahrradrikscha. Wiji Thukul bricht aus finanziellen Gründen die Schule ab, arbeitet mal als Ticketverkäufer im Kino, mal in einer Möbelfabrik. Der Alltag, geprägt von Mangel und Streit ums Geld, spricht aus seinen frühen Gedichten wie dem „lied des becakfahrers“ (1984). Darin finden sich noch Zeilen wie „mein schicksal ist ein spielball in der hand der mächtigen“. Wiji Thukuls Ton ändert sich mit der Zeit. Mit einfachen Worten versteht er es, zu mobilisieren, zu Widerstand und solidarischem Handeln aufzurufen. „ich verbanne die klugscheißer aus meinem kopf/ich habe keine angst mehr vor dem maul der klugen/die begeistert klingen, wenn sie reden/die welt bewegt sich nicht vom reden“, schrieb er in „die klugscheißer entmachten“.

Schon früh interessiert sich Wiji Thukul fürs Theater spielen. Starken Einfluss auf ihn üben ältere Mentoren einer Theatergruppe in seiner Heimatstadt Solo aus. Durch sie kommt er in Kontakt mit emanzipatorischen indonesischen Künstler*innen, er lernt die Schriften von Paulo Freire und Ivan Illich kennen und folgt dem Vorbild des Brasilianers Augusto Boal und dessen Theater der Unterdrückten. Wiji Thukuls Gedichte handeln von der Ausbeutung der Arbeiter durch Unternehmer, von Landbesitz und Ohmacht der Landlosen, von Gewalt der Militärs. Sie handeln jedoch auch von Lebensfreude, von emanzipatorischen Prozessen, von der Kraft, die in Solidarität und praktischem Handeln liegt.

In den 90er Jahren wird Wiji Thukul Vorsitzender des oppositionellen Künstlerverbandes Jaker (Vereinigung der Kulturschaffenden des Volkes), der sich in der Tradition des 1965 zerschlagenen linken Kulturverbandes Lekra sah. Jaker steht der oppositionellen, linken Demokratischen Volkspartei (PRD) nahe. Thukul spricht auf Großkundgebungen und organisiert Arbeiter*innen, zum Beispiel 1995 bei einem Streik von 15.000 Arbeiter*innen bei der Textilfirma Sritex (die auch für die Bundeswehr Uniformen näht). Militärs verhaften ihn und schlagen ihn mit solcher Wucht, dass er beinahe ein Auge verliert. 1996 wird die PRD verboten, viele Aktivist*innen, so auch Wiji Thukul, tauchen unter. Zunächst bekommt seine Familie noch gelegentlich Nachricht von ihm, Anfang 1998 bricht der Kontakt jedoch ab. In den Jahren 1997/98 werden 23 Aktivist*innen aus dem PRD-Umfeld entführt. Neun von ihnen überleben und berichten später davon, wie sie von Militärs gefoltert wurden. Und davon, dass sie in den Verhören immer wieder nach Wiji Thukul gefragt wurden.

Die für die Entführungen zuständige Militäroperation mit dem klangvollen Namen „Rosen-Team“ wurde von Angehörigen der Spezialkräfte Kopassus durchgeführt. Deren Befehlshaber war (der unter anderem bei der GSG-9 ausgebildete) General Prabowo Subianto, ein Schwiegersohn von Diktator Suharto. Prabowo, der einer einflussreichen Unternehmerdynastie entstammt, wurde nach Suhartos Rücktritt aus dem Militär entlassen, gründete später seine eigene Partei und kandidierte 2014 bei den Präsidentschaftswahlen, wo er knapp verlor. Bei den Wahlen im April 2019 forderte Prabowo den Amtsinhaber Joko Widodo erneut heraus. Doch auch im Führungskreis des amtierenden Präsidenten Widodo agieren Ex-Generäle, die während der Diktatur-Jahre Karriere gemacht haben.

1992 schrieb Wiji Thukul: „es spielt keine rolle/wer die wahl gewinnt/wir haben genug von einem leben wie jetzt […] wir brauchen keine beschwörungen/keine zauberformeln/oder versprechen/oder einen sack reis/aus dem speicher der unternehmer/der die not nicht lindert […] wir haben genug von einem leben wie jetzt/noch einmal deutlich: was ich fordere, ist veränderung!“

Dieser Artikel erschien zuerst in der Märzausgabe der Monatszeitschrift graswurzelrevolution

Rezension zu: Wiji Thukul: graswurzellieder, aus dem Indonesischen von Peter Sternagel, regiospectra, Berlin, Dezember 2018, 214 Seiten, kart., format 225 x 155 mm, 24,90 Euro, ISBN 978-3-947729-07-4

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Der Reichtum der Suharto-Familie

Indonesien: Linkspolitischer Aktivismus in verschiedenen indonesischen Städten und Regionen ist eng mit Musik verknüpft. Der Autor, selbst Aktivist und Songschreiber, erzählt von seinen Beweggründen und langjährigen Erfahrungen im Protest gegen Suhartos Regime.

Als ich im August 2019 in Berlin war, lebte ich dort im Haus von Dodi Cahyadi, in einem Haus, das von autonomen Gruppen übernommen worden war. Dodi selbst ist ein ehemaliges Mitglied des Kollektivs Taring Babi und ein Freund der Punkband Marjinal aus Jakarta. Er kannte meinen Namen, weil er, während er mit Marjinal zusammen lebte, einige meiner Songs spielte, die in den 2000er Jahren auf dem Marjinal-Album enthalten waren.

Die beiden Lieder, die von Marjinal als Medley zusammengefasst wurden, hatte ich geschrieben, als ich mit der NGO Anak Merdeka (dt. Kind der Unabhängigkeit) zusammenarbeitete. Anak Merdeka befasst sich mit alternativer Erziehung für Kinder, die Opfer des Bildungssystems der Orde Baru (Neue Ordnung) unter Suharto waren. Aus den Liedtexten wird ersichtlich, dass wir Werte wie Demokratie, Gleichheit und soziale Gerechtigkeit vertreten.

Während seiner Zeit in Berlin schrieb Dodi mit seiner Band Indiana Nightmare (Mitglieder aus Mexiko, Italien, der Türkei und Indonesien) ein Lied mit dem Titel Yang Terampas dan Terhisap (Die Benachteiligten und Aufgesaugten), welches von Papua erzählt:

Indiana Nightmare – Yang Terampas dan Terhisap:

Bevor ich Dodi kennenlernte, hatte mir Areu Pendul von ihm erzählt. Pendul ist Mitglied der Band Redwine Coolers, der zu dem Zeitpunkt gerade in Hamburg war. Dodi und Pendul sind enge Freunde. Zu diesem Zeitpunkt bat Pendul mich darum, ein weiteres Lied von Anak Merdeka aufzunehmen, nämlich Sama Kenyang (Gemeinsam satt) des letzten Albums Tanah Airku. Dieses Lied thematisiert gesunden Menschenverstand, Verantwortung und Solidarität.

Die Gruppen Marjinal in Jakarta und Dendang Kampungan in Yogyakarta wurden von Protestliedern inspiriert, die ich schrieb, und schrieben dann auch ihre eigenen. Wie zum Beispiel Predator (Räuber):

Marjinal mit Predator:

Die Kinder aus der Gruppe der Anak Merdeka, die seit 1980 aufgebaut wurde, sind nach und nach erwachsen geworden. Die Methode, den Kindern schon früh Werte durch Lieder zu vermitteln, wird von ihnen bis ins Erwachsenenleben getragen. Diese Methode habe ich von meinen Lehrer*innen an der Tamansiswa-Schule in Yogyakarta gelernt. Diese Schule wurde von Ki Hajar Dewantara im Jahr 1922 gegründet. Dewantara wurde nach der indonesischen Unabhängigkeit 1945 der erste Bildungsminister. Außerdem war diese Methode wirksam gegen die Manipulation durch Propagandalieder, die, auswendig gelernt, von den Kindern in Dörfern und Städten laut gesungen wurden und deren Botschaften unterbewusst im Gedächtnis hafteten.

Die 70er Jahre: Musikalischer Protest in Unis und auf der Straße

Anak Merdeka wurde gleichzeitig mit der Bewegung Anti Kebodohan (Anti-Dummheit) in Bandung 1977 vom Studierendenrat des Instituts für Technologie in Bandung ITB (Institut Teknologi Bandung) gegründet. Diese Bewegung kritisierte das Bildungssystem der Neuen Ordnung Suhartos, in welchem acht Millionen Kinder keine Möglichkeit hatten, eine Schulbildung zu bekommen. Da die Kritik der Studierenden von der Regierung nicht beachtet wurde, verkündeten die Studienräte des ITB, sowie die Studienräte aller Universitäten in Indonesien, dass sie sich nicht wünschten, dass Suharto auf der Beratenden Volksversammlung (Majelis Permusyawaratan Rakyat, MPR) 1978 erneut zum Präsidenten ernannt wird. Suharto war empört. Das ITB wurde für bis zu 6 Monate von der Armee eingenommen und besetzt. In dieser Zeit wurde die Straßenmusiker*innengruppe des ITB geboren. Sie schrieben Protestlieder und reisten mit ihren Liedern an zahlreiche Universitäten auf ganz Java, um den Studierenden dort ihre Lieder beizubringen:

Ein anderes hatte folgenden Text:

Später zeigte sich, dass die Protestliedserie während der Orientierung neuer Studierender an verschiedenen Universitäten ‚unterrichtet’ worden war. Einige Kommiliton*innen in verschiedenen Städten wurden ebenfalls von Polizisten oder Soldaten festgenommen, als sie an öffentlichen Orten sangen. Die Erfahrung der Verhaftung hat viele Studierende in verschiedenen Städten dazu angeregt, selbst auch solche Lieder zu schreiben und zu komponieren.

Im gleichen Jahrzehnt, insbesondere nach den Malari-Aufständen am 15. und 16. Januar 1974 in Jakarta, wurde die Zensurpolitik vom Suharto-Regime durchgeführt. Alle Buchveröffentlichungen, Zeitungs- und Magazinnachrichten, Aufführungen und Kunstausstellungen wurden streng zensiert und unterlagen strikten Lizenzierungen. Obwohl keine Musiker*innen inhaftiert wurden, war es vielen Musiker*innen untersagt, ihre Alben zu verbreiten und ihre Musik live zu spielen. Deshalb schrieben einige Sängerinnen oder auch Mainstream-Pop-Bands Semi-Protest-Songs. Sie benutzten in ihren Liedtexten symbolische Begriffe oder verhüllten diese so, dass die Regierung nicht direkt beschuldigt wurde, Unterdrückung oder willkürliche und barbarische Handlungen auszuführen. Wer nicht in die Musikindustrie einbezogen war, nahm Indie-Musik eigenständig auf und verteilte diese.

Die 80er Jahre: Organisierung nach philippinischem Vorbild

Im Laufe der 1980er Jahre wuchs die Zahl und Tragweite von NGOs, die ihre politischen Widerstandsprogramme in problemorientierten Bündnissen organisierten. Diese Art des Widerstands schaute man sich quasi von der philippinischen Bevölkerung ab, die sich organisierte, um das Marcos-Regime untergraben zu können. Jede dieser Aktivitäten musste heimlich geschehen, denn falls diese öffentlich gemacht würden, würden die Personen von der Polizei oder dem Militär festgenommen. Trotzdem wurden einige der Organisator*innen umgebracht, wie zum Beispiel Marsinah (1993), die Arbeiter*innen organisiert hatte. Auch bei Schulungen von NGO-Mitgliedern (sog. Training of Trainers-Methode) war es unter den Gemeindeorganisator*innen üblich, dass zum Zeitvertreib auch Protestlieder weitergegeben werden. Nicht selten wurden inmitten des Trainings sogar neue Lieder geschaffen.

Der Ausbau des internationalen NGO-Netzwerks unter ihnen führte dazu, dass von Zeit zu Zeit Informationen darüber verbreitet wurden, wie effektiv Musik als eine der Waffen der Unterdrückten in verschiedenen Teilen der Welt eingesetzt wurde. Dies erinnerte uns auch daran, dass sogar die Komposition des Liedes Indonesia Raya von Wage Rudolf Supratman in den Zeiten eines Jugendabkommens zur Gründung des Staates im Jahr 1928 eine Form des Widerstands gegen die niederländische Kolonialregierung war [der sog. Sumpah Pemuda (dt. Schwur der Jugend) zur Bekennung zu einem Vaterland, Nation und Sprache als Ideal, wurde von Repräsentant*innen von Jugendorganisationen auf dem Zweiten Jugendkongress (Kongres Pemuda Kedua) in Batavia (heute Jakarta) unterzeichnet, d. Red.].

Globale Inspiration für musikalischen Protest

Die Entstehung von Protestliedern beruhte zum Teil auf Liedern, die in den letzten Jahrzehnten von Studierenden und populären Widerstandsbewegungen in Europa, Lateinamerika, Afrika, Thailand, den Philippinen usw. vorgetragen wurden. Zum Beispiel ein Marschlied der (kommunistischen) Neuen Volksarmee NPA (New People’s Army) der Philippinen, dessen Text ich ins Indonesische umgeschrieben habe und Mars Pasukan Rakyat Merdeka (Marsch der neuen Volkstruppen) nannte:

Auftritt von Lokal Ambience mit dem Song Ke Selatan bei einem Konzert für Vielfalt und gegen religiöse Gewalt 2011 in Jakarta (1985):

Ähnlich werden bis heute ‚Vorbilder’ genutzt, zum Beispiel in einem Lied der Reggae-Band Lokal Ambience namens Ke Selatan (Nach Süden) auf einem Album von 2011 die Melodie des Liedes Bella Ciao. Es wurde mit einem Text über die Liebe zu Landarbeiter*innen in Indonesien versehen:

Zurück in die 80er Jahre: Landkonflikte und Widerstand

Um eine Gruppe Bauern in Gunung Badega (Garut, Westjava), zu unterstützen, setzten sich 1988 Tausende von Studierende aus dem über 60 Kilometer entfernten Bandung zu Fuß in Bewegung. Die Bauern waren von der Polizei festgenommen worden, weil sie sich 1987 der Räumung ihrer Felder widersetzten, welche die Präsidentenfamilie und eine private Firma an sich reißen wollten. Vor der Aktion baten die Studierenden mich, ein Lied zu schreiben, um ihre Reise zu begleiten. Ich schrieb umgehend ein Dutzend Lieder mit verschiedenen Melodien und Rhythmen. Unter anderem den Marsch Kawan Tigabelas (13 Gefährten):

Und auch ein anderer Marsch, Tanah Kebun Badega (Das Ackerland in Badega), thematisiert den Landdisput:

Erst im Jahr 2016 gewann die Bevölkerung den Fall: 1100 Familien in Badega erhielten Grundbesitzzertifikate für 383 Hektar. Doch Landkonflikte gab und gibt es in Indonesien viele: Und so nutzten Musiker*innen meine Badega-Songs und tauschten den Ort Badega mit den Aceh, Timor oder Papua und anderen ausgetauscht. Der Songtext wurde so an die Realitäten und Bedürfnisse der Menschen, mit denen sich die Musiker*innen solidarisch erklärten, angepasst.

Megaprojekte vertreiben Bevölkerung

In den späten 1980er Jahren kämpften die Menschen und Studierenden auch gegen den Bau des Kedung Ombo-Staudamms, der mit Geldern des Internationalen Währungsfonds und der Weltbank errichtet wurde. An dem von der Armee umgebenen Stausee lebten etwa 3.500 Kinder aus Tausenden von Familien. Ich habe ein paar Songs für diesen Widerstand geschrieben.

Ombo Moving (Ombo bewegt):

Cincang Penguasa Tanah (Landregeln):

Landkonflikte betrafen nicht nur die Bäuer*innen in den ländlichen Regionen, sondern auch die Unterschicht der urbanen Bevölkerung. Sie wurden beliebig vertrieben. Wenn sie sich wehren wollten, oder Räumungen verweigerten, wurden sie festgenommen, gefoltert oder umgebracht. Oder die ganze Nachbarschaft wurde abgebrannt. So etwas setzte sich auch nach dem Ende der Herrschaft Suhartos fort, zum Beispiel im Jahr 2001, während einer Vertreibung der Bewohner*innen am Fluss Ciliwung in Jakarta. Dort wurden drei Menschen, die sich der Räumung widersetzten, von der Polizei erschossen. Bis heute kommt es immer wieder zu Vertreibungen am Ciliwung-Fluss).

Eines der Lieder für den Widerstands am Ciliwung-Fluss ist beispielsweise Demi Ciliwung, Hancur Lebur Bangkit Kembali (Für Ciliwung, zerstört, eingeschmolzen, wieder aufgestanden):

„Vereint euch!“

Die Protestlieder, die ich geschrieben habe, verließen sich immer auf die Texte, um sowohl das Bewusstsein der Person zu öffnen, die das Lied sang, als auch der Personen, die zuhörten. Texte können eine Forderung, eine Grundhaltung und der Geist von Widerstand sein. Es muss sich also nicht immer kontextuell auf das Problem eines bestimmten Ortes bezogen werden. Der Rhythmus und die Melodie können an die Bedürfnisse der Atmosphäre angepasst werden.

Zum „Mut machen“ können etwa Balladen gesungen werden, die anregen, über die auftretenden Probleme nachzudenken. Auch können Lieder zum tiefen Nachdenken über die Werte, für die wir kämpfen, gespielt werden.

Während Demonstrationen oder Manifesten verschwindet die Melodie, wenn das Lied schnell gesungen wird. Texte werden dann weniger gesungen, als vielmehr geschrieen. Besonders ist dies in Liedern wie Rakyat Pasti Menang (Das Volk wird sicher gewinnen) zu hören:

Als die Bewegung der Arbeiter*innengewerkschaft Ende der 1980er stärker wurde, habe ich ein Lied für sie geschrieben, Buruh Bersatu Tak Bisa Dikalahkan (Vereinte Arbeiter*innen können nicht besiegt werden). Sie sangen dieses Lied in der Fabrik und begleiteten damit ihre Arbeit oder ihre Pausen. Außerdem benutzten sie den Slogan, während sie demonstrierten oder streikten. Sie machten sich mit dem Lied während der Organisationstreffen vertraut:

Wachsender Widerstand gegen die Suharto-Diktatur

Der Widerstand gegen die Neue Ordnung wuchs. Die Organisierung der Menschen umfasste verschiedene Sektoren, darunter Jugendliche, Arbeiter, Landwirte und urbane Arme. Aus den Studenten gingen Protestlieder hervor, insbesondere, nachdem sie 1994 die Demokratische Volkspartei PRD (Partai Rakyat Demokratik) gegründet hatten (zunächst als Demokratische Volksversammlung (Persatuan Rakyat Demokratik), 1996 umbenannt).

Dass das, was wir in dieser Zeit taten, die nachfolgende Generation inspirierte, zeigte sich, obwohl 1978 an allen Universitäten in Indonesien die Studierendenräte verboten worden waren. Lieder wurden geschaffen und gleichzeitig gesungen, als junge Menschen in ganz Indonesien 1988 auf der Straße demonstrierten. Das Lied Topi Jerami (Der Strohhut), ein 1979 geschriebenes Werk einer Gruppe Straßenmusiker*innen der ITB gegen Suharto, wurde mit dem Lied Pembebasan (Befreiung) verbunden, wobei der Text für das jeweilige Ziel der Bewegung verändert wurde.

Ngamen ITB (1979)/Safi’i Kemamang/PRD (1996) – Pembebasan/Buruh Tani:

Die Neue Ordnung endete 1998, die Probleme der Bevölkerung blieben. Noch immer werden zahlreiche Versionen des Songs Penbebasan (Befreiung) vertont. Hier ein aktuelles Beispiel:

Ein Mitglied der PRD, John Tobing, dichtete 1991 das Lied Darah Juang (Kämpfendes Blut), als er noch Student der Gadjah Mada-Universität in Yogyakarta war:

Darah Juang selbst wurde von einer Gruppe zur nächsten leise verbreitet. Auch mein Lied Satukanlah (Vereinigt euch) (1990) wurde mit dem Lied Rakyat Merdeka (Unabhängiges Volk), einem Werk der Band Lontar, verschmolzen und Rakyat Bersatu (Das Volk vereint sich) getauft:

Yayak Yatmaka singt gemeinsam mit der Band Dendang Kampungan Rakyat Bersatu:

Auch heute noch aktuell und häufig gesungen: Der Song Rakyat Bersatu (Das Volk vereinigt sich)

Der Staatsapparat, der die Bewegung des Volkswiderstandes gegen das faschistische Regime der Neuen Ordnung überwachte, übersah eines: die Lieder wurden als eine Art Code und Kennzeichnung verwendet. Wer die gleichen Protestlieder singt, egal wer es geschrieben hat, ist ein*e Freund*in der Widerstandsbewegung. Es ist nicht überraschend, dass das gesamte Volk aus den verschiedensten Gruppierungen und verschiedenstem Alter sich zusammentat, um gemeinsam auf der Straße zu protestieren. Sie sangen ihren Protest laut und gemeinsam in regionalen Regierungszentren in ganz Indonesien. Obwohl sie deshalb verletzt wurden oder von der Polizei oder der Armee gefoltert und erschossen wurden, sangen sie immer weiter.

Am 21. Mai 1998 waren die Protestierenden am Ziel: Suharto zog sich als Präsident der Republik Indonesiens zurück. Bis heute jedoch werden Lieder wie Darah Juang und Rakyat Bersatu als Ausdruck der Kritik an den Herrschenden gesungen, mit der linken Hand zur Faust geballt.

Übersetzung aus dem Indonesischen von: Mandana Uriep

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1 | 2018, Indonesien,
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Der Reichtum der Suharto-Familie

Indonesien: Indonesische Studierende wurden in Deutschland von der eigenen Regierung überwacht und bedroht. Handelte es sich um Einzelfälle oder systematisches Vorgehen? Wie reagierte die Bundesregierung? Fragen wie diesen geht das lesenswerte Buch „Zwischen Repression und Opposition“ nach.

„Die Bundesregierung sollte nicht dulden, dass auf ihrem Gebiet totalitäre Ansprüche ausländischer Regierungen verwirklicht werden können“, mit diesem Satz endet 1967 ein Artikel in der Freiburger Studentenzeitung, in dem berichtet wird, dass die indonesische Regierung unter Suharto indonesische Studierende in Deutschland überwacht, drangsaliert und bedroht.

Wie genau sahen diese Repressionen aus? Geschahen sie zeitlich und örtlich begrenzt? Wie hat die Bundesregierung reagiert? Wie die deutsche Öffentlichkeit? Und wie gingen die Studierenden damit um? Diese Fragen stellte sich die Lehramtsanwärterin Irina Grimm als sie den Artikel Jahrzehnte später las. Für ihre Abschlussarbeit ging sie auf die Suche nach Antworten. Sie hat Quellen recherchiert, Dokumente zusammengetragen, mit Zeitzeugen gesprochen und alles stringent und sehr gut lesbar aufgeschrieben. Zwischen Repression und Opposition. Indonesische Studierende in der Bundesrepublik (1965-1998) bringt Licht in ein dunkles und bisher unerforschtes Kapitel indonesischer Zeitgeschichte.

In einem ersten Kapitel geht die Autorin kurz auf die politische Situation in Indonesien nach 1945 ein. Zentral sind dabei der Putschversuch von 1965, die darauf folgenden anti-kommunistischen Massaker sowie die Machtergreifung von General Suharto, dessen Politik der Neuen Ordnung eine wirtschaftliche Öffnung des Landes für westliche Unternehmen vorsah. Grimm schreibt dazu: „Suhartos Regentschaft zeichnete vor allem ein straffer anti-kommunistischer Kurs aus, der vom Westen wohlwollend gesehen und gleichzeitig gefördert wurde.“

Westdeutschland als beliebter Studienort

In den Folgejahren zog es viele Studierende aus Indonesien an westdeutsche Universitäten: 905 waren es im Wintersemester 1967/68, in den folgenden zehn Jahren stieg ihre Zahl auf über 3.400 an. Westdeutschland war beliebt unter indonesischen Studierenden, die es ins Ausland zog: Rund 38 Prozent der im Ausland studierenden Indonesier*innen entscheiden sich Ende der 1970er für ein Studium in der BRD. Die meisten traten der Vereinigung Indonesischer Studierender (PPI) bei, die bereits 1956 gegründet worden war. In ihr fand man Anschluss und unterstützte sich in der Fremde. Obwohl die Vereinigung von Anfang an als regierungsnah galt, war die Mitgliedschaft zunächst freiwillig. Nach der Machtergreifung Suhartos wurde sie Pflicht und die PPI in den Folgejahren zum Instrument des staatlichen Anti-Kommunismus.

So mussten die Studierenden Ende 1966 in Deutschland ein patriotisches und anti-kommunistisches Gelöbnis auf den indonesischen Staat ablegen, in dem sie auch versprachen, „diejenigen, die sich gegen die ‚Neue Ordnung‘ stellen, tatkräftig zu verurteilen und zu liquidieren“. Grimm nimmt an, dass diese Aufforderung „auch den Boden der BRD mit einschloss“ und sieht bewiesen, „dass die indonesische Regierung ihre im Ausland studierenden Landsleute zur Verfolgung kommunistischer und oppositioneller Gruppen im Ausland, insbesondere in der Bundesrepublik in den Jahren 1966 und 1967 aufrief“.

Beipflichten, verdächtigen, denunzieren

Aber damit nicht genug. Beaufsichtigt von Mitarbeiter*innen des indonesischen Außenministeriums mussten die Studierenden – wie alle im Ausland lebenden Indonesier*innen – einen umfangreichen Fragebogen ausfüllen. Er diente nicht nur dazu, die Studierenden politisch zu durchleuchten, sie wurden auch aufgefordert, diverse Verdächtigungen zu äußern und Andersdenkende zu denunzieren. In geschlossenen Fragen wurden außerdem eine eindeutige Stellungnahme zu den Geschehnissen von 1965 sowie eine Beurteilung der in diesem Zusammenhang verhängten Todesurteile gegen (vermeintliche) Kommunisten/Putschisten verlangt.

Eine Übersetzung des Fragebogens ist im Anhang des Buches abgedruckt. Beim Lesen der rund 40 Fragen schaudert es einen auch jetzt noch. Nicht auszudenken, in welcher Zwickmühle sich die jungen Menschen damals befanden: sich fügen und in Ruhe studieren oder sich weigern und die Konsequenzen tragen? Diese wurden deutlich angedroht: Wer sich widersetzt, dem wird der Reisepass nur noch kurz oder gar nicht mehr verlängert. Dank derjenigen, die sich weigerten und die Dokumente sofort weitergaben, erfuhr die Öffentlichkeit schnell von den Repressionen. Schon Anfang 1967 druckten die wus nachrichten des World University Service das Gelöbnis samt Fragebogen in deutscher Übersetzung ab. Wenig später berichteten auch der Stern und die Zeit.

Studentische Solidarität und staatliche Gleichgültigkeit

Deutsche Kommilitonen*innen und ihre Medien solidarisierten sich mit den indonesischen Studierenden. Sie forderten die Bundesregierung auf, „die illegalen Handlungen der indonesischen Botschaft“ zu unterbinden. Doch diese verwies auf „die freundschaftlichen Verhältnisse zur Republik Indonesien“ und darauf, dass indonesische Diplomaten bei einer Unterredung im Auswärtigen Amt erklärte hätten, zukünftige Befragungen zu unterlassen. Eine öffentliche Verurteilung gab es nicht. Grimm bezeichnet die Reaktion als „politisches Armutszeugnis“ und nimmt an, „dass die Bundesregierung ihre guten Beziehungen, besonders wirtschaftlicher Art (…) nicht gefährden wollte“. Außerdem – doch das erwähnt die Autorin nicht explizit – war der antikommunistische Kurs, für den Suharto stand und von dem die BRD wirtschaftlich profitierte, zu dieser Zeit ohnehin der herrschende Zeitgeist im Westen.

Politischer Aktivismus entsteht

Im zweiten Teil des Buches berichtet die Autorin, wie in den 1970er Jahren in Deutschland eine Bewegung gegen das Regime Suharto entstand. Ein wichtiger Zeitzeuge ist Pipit Rochijat, der später die NGO Watch Indonesia! gründete. Auf seinen Aussagen und Dokumenten – die Pipit auch selbst unter dem Titel Dokumen Berlin auf Indonesisch veröffentlicht hat – basiert der größte Teil von Grimms Recherche zu diesem Zeitabschnitt. Als politisch unbedarfter Student kam Pipit 1971 nach West-Berlin und wurde sukzessive zum Oppositionellen.

Grimm zeichnet nach, wie sich unter den indonesischen Studierenden in Deutschland der politische Aktivismus formte, Vorreiter waren dabei Studierende der West-Berliner PPI. Ein „erstes Zeichen einer Opposition“ sieht Grimm in der Weigerung einiger, 1977 an der Gedenkfeier zum „Tag des Pancasila-Sieges“ teilzunehmen – einen Feiertag, den Suharto eingeführt hatte, um an die Niederlage der kommunistischen Partei PKI von 1965 zu erinnern. In den Folgejahren gewann der politische Aktivismus der West-Berliner PPI-Mitglieder an Fahrt – vor allem durch verschiedene neu gegründete kritische Zeitschriften, in denen sie als Redakteur*innen tätig waren und „konstant kritisch gegenüber der indonesischen Regierung“.

Die Repressionen seitens der indonesischen Regierung gingen bis zum Ende der Suharto-Zeit auf vielfältige Weise weiter – wie zum Beispiel „ein landesweites Programm der politischen Indoktrination“, das Ende der 1970er Jahre begann und offiziell P4 genannt wurde. Auch die in Deutschland studierenden Indonesier*innen mussten diese zweiwöchigen Seminare besuchen, die der „Niederschlagung der Opposition“ dienten.

Irina Grimm beschreibt die Ereignisse klar nachvollziehbar und so eindrücklich, dass man sogar die Fußnoten mit Interesse liest. Die nehmen – wie es sich für eine ordentliche wissenschaftliche Arbeit gehört – gern auch mal eine halbe Seite ein, tragen aber meist wissenswerte Details zur Geschichte bei. Das alles macht das Buch zu einem spannenden Dokument indonesischer – und zugleich auch deutscher – Zeitgeschichte.

Rezension zu: Irina Grimm. Zwischen Repression und Opposition. Indonesische Studierende in der Bundesrepublik (1965-1998). regiospectra, 2019, 150 Seiten, 19,90 Euro.

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1 | 2018, Indonesien,
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Der Reichtum der Suharto-Familie

Indonesien: Der Palmölboom passiert nicht nur einfach, er wird gemacht. Das Zusammenspiel von Staat und Kapitalinteressen analysiert das Buch „Der Palmölboom in Indonesien“. Seine These: Ausgerechnet die Dezentralisierung nach dem Rücktritt Suhartos hat die Verbreitung von Palmöl begünstigt

Wer sich mit Essen und Südostasien auseinandersetzt, kommt am Thema Palmöl nicht vorbei. Durch die Politisierung dieses Öls weiß jetzt fast jede*r, dass es in unzähligen Lebensmitteln verarbeitet ist und zum Beispiel für die Produktion von Fertiggerichten wie Eis, Pizza oder Kuchen eine dominante Stellung eingenommen hat. Trotz der großen Aufmerksamkeit, die Palmöl aufgrund der damit assoziierten Zerstörung der Regenwälder in Indonesien genießt, gibt es nur wenige deutschsprachige Bücher, die sich genauer mit dieser Industrie auseinandersetzen. Der Palmölboom in Indonesien von Alina Brad füllt daher eine Lücke.

Der Untertitel des Buchs beschreibt zutreffend seinen Fokus: die politische Ökonomie einer umkämpften Ressource. Brad analysiert den Palmölboom im Kontext der historischen und politisch-ökonomischen Entwicklung Indonesiens: als Folge sowohl der langen Herrschaft Suhartos als auch der Dezentralisierung nach seinem Rücktritt 1998. Damit stellt sie den Entwicklungsdiskurs des Mainstreams in Frage, der den Boom als Ergebnis der biologischen Eigenschaften der Ölpalme (‚ertragreich’) und einer globalen Nachfrage (‚bestimmt das Angebot’) erzählt. In diesem Buch wird deutlich: der Palmölboom ist ein politisches Projekt, das machtpolitisch eng mit Militär, Kapital und Staat in Indonesien zusammenhängt.

Machtstrukturen bestimmen den Umgang mit der Natur

Die Autorin kommt aus der regulationstheoretischen Schule von Uli Brand, Christoph Görg und Marcus Wissen, die mit der Theorie der „gesellschaftlichen Naturverhältnisse“ arbeiten. Diese geht von einem dialektischen Vermittlungszusammenhang zwischen Gesellschaft und Natur aus, der maßgeblich von gesellschaftlichen und ökonomischen Machtstrukturen bestimmt wird. Staatliche Regulation findet als Ergebnis von Auseinandersetzungen zwischen gesellschaftlichen Kräfteverhältnissen statt, die sich in verschiedenen Institutionen verdichten.

Aus dieser Perspektive zeigt Brad die Entstehung der Palmölindustrie in der Zeit der Neuen Ordnung [Suharto-Diktatur 1965 – 1998]. Große Konglomerate, die unter Suharto mächtig geworden sind, dominieren den Palmölsektor bis heute. Hinzu kommen große malaysische Unternehmen wie Wilmar, sowie eine rege Beteiligung ausländischer Banken und internationaler Finanzinstitutionen wie der Weltbank. Mit der Schaffung eines globalen Marktes für Agrotreibstoffe entstand eine regelrechte Goldgräberstimmung, die die Expansion vorantrieb. So führte der Rücktritt Suhartos 1998 nicht zum Ende sondern zur Intensivierung des ‚extraktivistischen Entwicklungsmodels’.

Verflechtungen von Staat und Kapital

Der Boom findet nicht einfach statt, sondern er wird gemacht. An verschiedenen Stellen im Buch wird deutlich, dass die Kräfteverhältnisse im Staatsapparat zugunsten des Kapitals ausfallen. Ob bei der gezielten Zurückdrängung des traditionell verwendeten Kokosöls (vgl. Artikel Die Kokospalme – eine aussterbende Art? auf suedostasien.net) oder beim staatlich subventionierten Ausbau der Agrotreibstoffindustrie – Palmöl wird als Entwicklungsmodell gefördert. Besonderes Augenmerk legt das Buch aber auf diese Verflechtungen zwischen Staat und Kapitalinteressen bei der Gestaltung der territorialen Expansion der Industrie. Brad verwendet hier den Begriff der „Territorialisierung“ und meint damit die räumlichen Strategien, die von staatlichen Institutionen entwickelt werden, um Naturressourcen und Menschen zu kontrollieren und zu regulieren. Wenn also mehr Plantagen angelegt werden, dann ist das nicht nur eine Vergrößerung von Fläche, sondern diese Plantagen werden mit Hilfe von Eigentums- und Zugangsrechten, Landgesetzen, Raumplanungen und Umweltverordnungen durchgesetzt.

Die palmölverknüpfte Territorialisierung hat dabei zwei Momente, die in Zusammenspiel zu einer spezifischen, räumlichen Ausprägung der „Verdichtung von Kräfteverhältnissen“ führen. Zum einen kontrolliert der Staat seit der holländischen Kolonialzeit zentral die Land- und vor allem Waldressourcen. Auch heute noch hat der Staat das Sagen über 70% des Grund und Bodens in Indonesien. Zum anderen kam es im Zuge von reformasi [politische ‚Öffnung’ nach Ende der Diktaturzeit] zu einer Dezentralisierung der Lizenzvergabe an die bupati, die Vorsteher der jeweiligen Regierungsbezirke, was diese nutzten, um lukrative Deals mit Palmölunternehmen einzugehen. Eine Stärke des Buches ist die genaue Analyse der landrelevanten Gesetze sowie der Widersprüche zwischen verschiedenen Verwaltungsinstitutionen und -einheiten.

Fallbeispiel: Batin Sembilan in Jambi

Als Fallbeispiel für diese Territorialisierung dient die ethnische Gruppe der Batin Sembilan in Jambi auf Sumatra. Während der Suharto-Zeit hat ein Plantagenunternehmen des Militärs das traditionelle Land [Adat-Land] dieser indigenen Gruppe für die Palmölproduktion enteignet. Zwar konnten die Batin Sembilan nach 1998 die Rückgabe ihres Territoriums fordern. Doch mit der Liberalisierung des Sektors übernahm der transnationale Konzern Wilmar die Plantage und nutzte seinen Einfluss auf die lokale Regierung auf der Landkreis-Ebene, um die Gruppe zu spalten. Der Konflikt eskalierte, als die paramilitärische BRIMOB eingesetzt wurde, um Bauern aus dem Gebiet zu vertreiben. Danach verkaufte Wilmar die Plantage erneut, um sein Image beim Roundtable on Sustainable Palm Oil (RSPO) des WWF nicht zu gefährden. Die Landnahme wird nun von anderen – nicht zertifizierten – Firmen weiterbetrieben.

Eine gute Einführung auf wissenschaftlichem Niveau

Zusammen mit dem Buch Umkämpfte Natur: Politische Ökologie der Palmöl- und Agrarstreibstoffproduktion in Südostasien von Melanie Pichler ist Der Palmölboom in Indonesien eine der besten deutschsprachigen Einführungen zum Thema Palmöl. Das Buch ist das Ergebnis einer Doktorarbeit, die auf Forschung in Indonesien, vor allem in Jambi, beruht. Das Niveau ist entsprechend hoch. Wer eine anspruchsvolle und sozialkritische Analyse bekommen möchte, ist hier genau richtig. Dazu kommt, dass das Buch als open source- Veröffentlichung zum Herunterladen bereitsteht, auch kapitelweise.

Wer sich für eine theoretische Diskussion von Natur und Raum interessiert, dem sei Kapitel 2 besonders empfohlen. Wer die geschichtliche und rechtliche Entwicklung der Landgesetzgebung nachlesen möchte, kann Kapitel 3 dazu nehmen. Sonst kann man aber auch direkt das Kapitel zur Politischen Ökologie des indonesischen Palmölbooms herunterladen, das die Verflechtung zwischen Zentralisierung und Dezentralisierung bei der Territorialisierung der Palmölproduktion analysiert.

Rezension zu: Alina Brad. Der Palmölboom in Indonesien. transcript Verlag, 2019, 206 Seiten.

Zum Weiterlesen:

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1 | 2018, Indonesien,
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Der Reichtum der Suharto-Familie

Dies ist der zweite Teile des Artikels „Feminismus als Klassenfrage“ (hier geht es zu Teil I):

Indonesien: Bei den antikommunistischen Massakern von 1965 setzte die indonesische Armee sexualisierte Gewalt gezielt ein, um die linke, feministische Massenorganisation GERWANI zu vernichten.

Für die reaktionären Kräfte unter der Führung von General Suharto stellte die Massenbewegung der feministischen und sozialistischen Aktivistinnen, vertreten durch GERWANI, eine ernsthafte Bedrohung dar, die ausgerottet werden musste. Ende 1965 legte die Armee die Ermordung der obersten Armeeführung durch die Bewegung vom 30. September der Kommunistischen Partei Indonesiens (Partai Kommunis Indonesia, PKI) zur Last. Die Beteiligung von GERWANI an der Ausbildung von PKI-Freiwilligen wurde als Vorwand benutzt, ihr eine organisatorische Verbindung zur PKI und zum angeblichen Versuch der Machtergreifung zu unterstellen.

Zusammen mit antikommunistischen paramilitärischen Gruppierungen begann die Armee, einen gewalttätigen Angriff auf die PKI und alle ihr angeschlossenen oder nahe stehenden Organisationen, bei dem schätzungsweise 500.000 Menschen ermordet und Hunderttausende weitere ohne Gerichtsverfahren inhaftiert wurden. GERWANI-Frauen waren das Ziel dieser Angriffe, weil sie als Teil einer größeren kommunistischen Familie angesehen wurden, aber auch, weil ihre emanzipatorische Politik die ideologische Basis der Kräfte in Frage stellte, die dann das Regime der Neuen Ordnung [Eigenbezeichnung der Suharto-Diktatur, d.Red.] bilden sollten. Sexualisierte Gewalt wurde systematisch gegen diese mächtigen und feministischen Frauen angewandt, um ihren Willen zu zerstören und ihre Organisation zu vernichten.

Frauen, die verdächtigt wurden, Mitglieder oder Sympathisantinnen von GERWANI zu sein, wurden zur Zielscheibe von willkürlichen Verhaftungen, Folter, sexueller Gewalt, Vergewaltigungen, gewaltsamem Verschwinden lassen und Mord. Frauen, die in der Internationalen Demokratischen Frauenföderation (IDFF) aktiv gewesen waren, wie Sudjinah, Sulami, Maasje Siwi, Tanti Aidit und Umi Sardjono, waren lange Zeit im Frauengefängnis Bukit Duri in Jakarta inhaftiert und Folter und Missbrauch ausgesetzt.

Die Konstruktion des GERWANI-Bildes durch die Neue Ordnung

Bildquelle: Screenshots Pengkhianatan G30S/PKI, YouTube.

Ein Hauptstrang der Erzählung, die von militärischen und zivilen Propagandisten konstruiert wurde, um die Vernichtung der Linken zu legitimieren, war die Behauptung, dass während des Putschversuchs GERWANI-Frauen in Jakarta nackt vor den von den ‚PKI-Verschwörern’ entführten Generälen getanzt, sie später kastriert, ihnen die Augen ausgestochen und sie von ihren männlichen Kameraden töten lassen hätten. Die Zeitungen berichteten über GERWANI-Frauen, die sich im Tausch gegen Waffen an Angehörige des Militärs prostituiert hatten. In diesen Diskursen wurde die politische Handlungsfähigkeit von Frauen mit einer unkontrollierten und räuberischen Sexualität gleichgesetzt, wobei auf patrilineare Geschlechterideologien angespielt wurde, die die Sexualität und Reproduktion einer Frau als unter der Kontrolle ihrer männlichen Verwandten stehend betrachteten. Während männliche Kommunisten als böse Ideologen dargestellt wurden, die die politische Ordnung in Frage stellen, wurden weibliche Kommunisten als unmoralisch und unnatürlich dargestellt, die die Grundlagen von Religion, Tradition und Kultur in Frage stellen.

Anfang 1966, nachdem diese Geschichten über GERWANI monatelang in allen Ecken des Landes verbreitet worden waren, wurden Tausende von Frauen, meist junge, unverheiratete Teenager, deren männliche Verwandte bereits als angebliche Kommunisten getötet, inhaftiert oder bedroht worden waren, organisierten Kampagnen des sexuellen Terrors ausgesetzt. Paramilitärische Banden und das Militär zogen von Haus zu Haus und führten Leibesvisitationen durch. Sie behaupteten, sie suchten nach Beweisen für die kommunistischen Sympathien der Frauen in Form von Hammer- und Sicheltätowierungen auf der Vagina, dem Unterleib oder dem Oberschenkel. Häufig wurden diese ‚Durchsuchungen’ in Gegenwart verängstigter Familienmitglieder durchgeführt. Manchmal wurde den Frauen befohlen, sich bei Regierungs- und Militärbehörden für weitere ‚Untersuchungen’ zu melden, was oft in Vergewaltigung und Zwangsprostitution, die sich über Wochen, Monate oder sogar Jahre erstreckten, endete.

Indonesische Aktivisten haben festgestellt, dass solche ‚Durchsuchungen’ in vielen Orten stattfanden. Sie dienten als eine Technik des Terrors, die die Verwundbarkeit der inzwischen diskreditierten Hinterbliebenen sichtbar machte, indem sie sowohl die Körper der Frauen Erniedrigung und Misshandlung aussetzte als auch die Ohnmacht ihrer männlichen Verwandten und Kameraden, diese zu schützen, verdeutlichte. Die Gewalt und ihre Folgen waren in hohem Maße geschlechtsspezifisch, wobei Männer und Frauen in besonderer Weise ins Visier genommen und betroffen wurden und kulturelle Vorstellungen von Geschlecht, Sexualität, Körper und Familie manipuliert und fetischisiert wurden.

Vor der Tragödie vom 1. Oktober 1965 war GERWANI eine legale Organisation, die ihre Aktivitäten in ähnlicher Weise wie andere Frauenorganisationen durchführte und Mitglied des Indonesischen Frauenkongresses war. Mehrere ihrer Führerinnen waren Mitglieder der gesetzgebenden Versammlung, und zwei von ihnen saßen in der Parlamentsfraktion der PKI. Doch die symbolischen und physischen Angriffe auf weibliche Aktivistinnen, die sich GERWANI oder anderen Massenorganisationen angeschlossen hatten, zerstörte die größte Frauenorganisation vollends. Von diesem Zeitpunkt an wurde die Frauenbewegung vom Staat kontrolliert.

Auswirkungen auf die Frauenbewegung

Unter dem Suharto-Regime, der so genannten Neuen Ordnung, definierte der Staat die Identität und Rolle der Frauen in der Gesellschaft aktiv neu und schuf eine staatlich geförderte soziale Konstruktion von Geschlechterrollen. Die Neue Ordnung entwarf Politiken und Programme sowie landesweite Institutionen, die auf der Vorstellung von der Rolle der Frau als Ehefrau und Mutter basierten.

Die Rolle und Stellung der Frau stand in engem Zusammenhang mit der Politik der nationalen Entwicklung. In den 1970er Jahren wurde die nationale Entwicklung zur Verantwortung der gesamten indonesischen Bevölkerung, einschließlich der Frauen erklärt. Zu diesem Zweck verabschiedete die Regierung das Gesetz Nr. 5 von 1974. Dieses Gesetz stellte eine besondere Beziehung zwischen Frauen und dem Staat auf Regierungsebene her. Als soziale Gruppe wurde die Rolle der Frauen als wichtig für die erfolgreiche Umsetzung der nationalen Entwicklungsbemühungen angesehen. Das Regime der Neuen Ordnung definierte Frauen als Hausfrau und Mutter im häuslichen Bereich (vgl. dazu auch Artikel Das Heiratsgesetz macht Männer zu Hausherren von Lina Knorr auf suedostasien.net). Gleichzeitig wurden Frauen als Quelle billiger Arbeitskräfte für das Programm der raschen Industrialisierung und nationalen Entwicklung ausgebeutet. Zu diesem Zweck schuf der Staat die Geschlechternorm für indonesische Frauen mit dem Namen Panca Dharma Wanita Indonesia (Fünf Pflichten der indonesischen Frauen):

  1. Frauen als Ehefrau und Gesellschaft des Ehemannes.
  2. Frauen als Haushaltsmanagerinnen
  3. Frauen als Mütter und Reproduzentinnen der Kinder.
  4. Frauen als Erzieherinnen
  5. Frauen als indonesische Staatsbürger

Diese staatlich verordneten Frauenrollen wurden zu einer Ideologie für jede Frauenorganisation, unter dem Vorwand, dass Mütter oder Frauen dafür verantwortlich seien, eine harmonische Familie zu erhalten und die Entwicklung des Landes zu unterstützen. Die Vereinnahmung der Frauenrolle durch Frauenorganisationen, die vom Staat auferlegt wurde, war sehr effektiv.

Zusammen mit der Einführung dieser Geschlechternormen bezeichnete sich Präsident Suharto als ‚Vater der Nation’, und er verbot auch alle massen-basierten Frauenorganisationen und -politiken, wie z.B. GERWANI. Der Begriff GERWANI wurde selbst als Stigma benutzt, um Frauen daran zu hindern, sich an politischen Aktivitäten zu beteiligen, insbesondere jene, die für die Rechte von Frauen und Marginalisierten kämpften.

Die Reduzierung der politischen Rolle der Frau auf eine der Mütter und Ehefrauen durch das Regime der Neuen Ordnung sorgte dafür, dass Frauen ihre politischen und wirtschaftlichen Räume verloren. Frauen wurden systematisch domestiziert und von der politischen Sphäre ausgegrenzt und als Bürgerinnen entmachtet.

Erst in den 1980er Jahren entstanden neue unabhängige Frauenrechtsorganisationen, die sich mit Arbeitsrechten, Gewalt gegen Frauen und staatlicher Gewalt, Wanderarbeitern und Fragen der wirtschaftlichen Entwicklung befassten. Einige der ersten Organisationen waren Kalyanamitra, Solidaritas Perempuan und YASANTI in Yogyakarta. Diese Frauenorganisationen spielten eine wichtige Rolle bei der Vorbereitung des Sturzes des Suharto-Regimes im Jahr 1998.

Noch heute kämpft die Frauenbewegung mit dem Trauma der sexualisierten Gewalt, die gegen so viele Aktivistinnen verübt wurde. Es bleibt noch viel zu tun, um Gerechtigkeit für die an GERWANI und Anderen begangenen Verbrechen zu erreichen und die von der Neuen Ordnung etablierten Geschlechterstereotypen zu überwinden.

Übersetzung aus dem Englischen von: Oliver Pye

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1 | 2018, Indonesien,
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Der Reichtum der Suharto-Familie

Indonesien – Mit dem Buch „Pemenang Kehidupan/Winners of Life“ setzen der Fotograf Adrian Mulya und die Autorin Lilik HS den Frauen ein Denkmal, die während der Suharto-Diktatur als Kommunistinnen verfolgt wurden.

Ärztin wollte sie werden. Als Studentin der Medizin engagierte sich die 1941 geborene Sri Muhayati (Titelfoto) in den frühen 60er Jahren in der linken Studentenorganisation Concentrasi Gerakan Mahasiswa Indonesia (CGMI), die ‚an der Basis’ arbeitete. Gemeinsam mit anderen Studierenden sorgte sie für gesundheitliche Aufklärung in Dörfern, baute Brücken und Sanitäranlagen und bekämpfte die grassierende Rattenplage. Sri Muhayatis Vater war führender Kader der Kommunistischen Partei Indonesiens (PKI) und Mitglied des Provinzparlamentes von Yogyakarta (Java).

Errichtung der antikommunistischen ‚Entwicklungsdiktatur’

Indonesien, das ressourcenreichste Land Südostasiens, war in Kolonialzeit wie im Kalten Krieg ein Spielball von Hegemonialinteressen. Der ‚Dominotheorie’ folgend, unterstützten die US-Regierung und deren Verbündete, darunter auch die Bundesregierung, nach Kräften antikommunistische Kräfte im Land.

Beim Putsch von 1965 siegte das antikommunistische Lager. General Suharto löste Präsident Sukarno als Staatschef ab und errichtete eine prowestliche Entwicklungsdiktatur, die er Orde Baru (Neue Ordnung) nannte.

Eines der furchtbarsten Verbrechen des 20. Jahrhunderts

All jene, die als Widersacher dieser Neuen Ordnung galten, vor allem linke Politiker*innen und Aktivist*innen, wurden brutal verfolgt. Die antikommunistischen Massaker der Jahre 1965 – 1968 zählen zu den furchtbarsten Verbrechen des 20. Jahrhunderts. Schätzungen zu den Zahlen der Ermordeten reichen von 500.000 bis zu drei Millionen Menschen.

Weitere Hunderttausende wurden verhaftet, verhört, gefoltert. Unter ihnen waren zahlreiche Frauen, die sich entweder bei der PKI oder linken Massenorganisationen wie Gerwani engagiert hatten (vgl. Artikel Feminismus als Klassenfrage von Ita Fatia Nadia auf suedostasien.net).

Die Verfolgten bekommen ein Gesicht und eine Stimme

Der Fotograf Adrian Mulya und die Autorin Lilik HS porträtieren in dem 2016 auf Indonesisch und Englisch erschienenen Bildband Pemenang Kehidupan/Winners of Life 22 dieser Frauen, darunter die ehemalige Studentenaktivistin Sri Muhayati. 1965 wurde sie verhaftet. Fünf Jahre musste sie hinter Gittern verbringen. Ihre Mutter starb im Gefängnis. Ihr Vater – verschleppt von Militärs – tauchte nie wieder auf. Nach ihrer Haftentlassung war an den Traum, Ärztin zu werden, nicht mehr zu denken. Sie ersetzte ihren vier jüngeren Geschwistern Mutter und Vater. Jahrzehntelang suchte sie nach Informationen über den Verbleib des verschwundenen Vaters und fand seine Überreste schließlich in einem der wenigen Massengräber, die Anfang der 2000er Jahre, kurz nach dem Rücktritt Suhartos, geöffnet wurden. Sie sei erleichtert, dass sie den Vater endlich mit einem anständigen Begräbnis habe ehren können, sagt Sri Muhayati. Sie verspüre keine Rachegefühle, so die alte Frau. „Rache macht deine Seele kaputt.“

Als Sri Suprapti verhaftet wurde, hatte sie bereits drei Kinder. Die 1928 geborene Javanerin war keine Aktivistin. Die Tochter eines Dorfvorstehers war ihrem Mann Isnanto nach Medan, der Hauptstadt Nordsumatras, gefolgt. Isnanto war aktiv in der großen und einflussreichen Gewerkschaft der Plantagenarbeiter (Sarbupri). Als im Oktober 1965 ihr Haus angezündet wurde, flüchtete Sri Suprapti zunächst mit den beiden jüngeren Kindern, wurde jedoch bald gefasst.

Im Gefängnis traf sie ihren Mann und den ältesten Sohn wieder. Abwechselnd wurden Vater, Mutter und Sohn mit Stromschlägen gefoltert. Über das, was Soldaten später mit ihr machten, in einem Raum im Obergeschoss des Gefängnisses, den sie erst Stunden später verlassen durfte, konnte Sri Suprapti lange nicht sprechen. „Ich will mich daran nicht erinnern.“ sagt sie.

Sri wird 1975 aus der Haft entlassen. Sie schlägt sich durch mit verschiedenen Jobs vom Zwiebeln schälen bis zum Ventilator reparieren. Sie engagiert sich in ihrer Kirchengemeinde. Und als nach dem Ende der Suharto-Diktatur die Überlebenden erstmals ihre Stimme erheben konnten, spricht sie als Zeitzeugin über das, was ihr angetan wurde.

Ni Made Murjiwati wurde 1942 auf der Insel Bali geboren. Anfang der 60er Jahre war sie Mitglied der Volksjugend (Pemuda Rakyat), der Jugendorganisation der PKI. Als solche kam sie 1963 Präsident Sukarno sehr nah, der auf Bali den chinesischen und den tschechoslowakischen Präsidenten empfing. Sie überreichte Sukarno – in einer Überraschungsaktion, die sie einigen Mut kostete – das Gemälde eines balinesischen Malers.

Als Sukarno 1965 von Suharto von der politischen Bühne gedrängt wurde, war Ni Made Murjiwati gerade mit einer Delegation der Volksjugend in China. Die Reise sollte zehn Tage dauern, es wurden Jahre daraus. Die Regierung entzog ihr den Pass, wie zahlreichen weiteren ihrer Landsleute, die auf diese Weise ins Exil getrieben wurden. Ni Made zieht schließlich nach Deutschland. Erst 1996 kehrt sie zum ersten Mal wieder nach Indonesien zurück.

Versuch einer alternativen Geschichtsschreibung

Der Fotograf Adrian Mulya gehört zur Generation von Indonesier*innen, deren Bild der Geschichte von Suhartos Propagandamaschine geprägt war. 1984 wurde eines der Hauptwerke dieser Propagandamaschine veröffentlicht, der vierstündige Film Pengkhianatan G30/PKI (Verrat der Bewegung 30. September/PKI), der die angebliche Verrohtheit und Brutalität von Kommunisten und im speziellen von Kommunistinnen in drastischen Bildern zeigte. Auch in zahlreichen Monumenten und Museen wurde die Suharto-Geschichtsschreibung verewigt. Bis heute werden diese Orte von Schulklassen besucht – Alternativen im öffentlichen Raum gibt es kaum.

Was ihr Land brauche, sei eine „Demilitarisierung der Geschichte“ fordert die indonesische Historikerin I Gusti Agung Ayu Ratih. Teil dieser Demilitarisierung müsse die Aufhebung des Stigmas sein, das Jahrzehnte auf den verfolgten Frauen gelastet habe. An dessen Stelle solle die historische Realität ihres Kampfes vermittelt werden, „der Teil unserer Geschichte ist, der uns Achtung einflößen kann und von dem wir viel lernen können“.

Genau dies vermittelt der beeindruckende Bildband Winners of Life. Er setzt der Entmenschlichung, die den Massakern von 1965 vorausging und mit der die Überlebenden jahrzehntelang stigmatisiert wurden, einen Raum entgegen, in dem die porträtierten Frauen als Menschen mit ihrer Lebensgeschichte gezeigt und gewürdigt werden.

Achtung vor der Lebensleistung der Frauen

Die Fotos zu diesem Bildband entstanden von 2007 bis 2015. Für den Fotografen war es eine sehr persönliche Reise, während der sich sein Geschichtsbild stark veränderte. Es war eine Zeit, die geprägt war von wachsenden Freundschaften zu den Frauen, die seine Großmütter sein könnten. Eine Zeit, in der eine große Achtung vor den Lebensleistungen der porträtierten Frauen entstand. „In ihrer Jugend waren sie voller Leidenschaft bereit, zum Fortschritt ihres Landes, vor allem der Frauen, beizutragen. Warum wurden sie verfolgt?“, fragt Adrian Mulya in seinem Vorwort.

Bis heute gibt es in Indonesien keine Strafverfolgung für die Täter. Bis heute gibt es keine staatliche Anerkennung des Leids, das den Opfern und ihren Familien zugefügt wurde. Die Porträts der weiblichen Überlebenden indes sprechen für sich. Gerade schauen sie in die Kamera, würdevoll und ungebrochen. Diese Frauen abzulichten, so der Fotograf Adrian Mulya, sei für ihn, als würde er das Leben selbst fotografieren.

Rezension zu: Adrian Mulya. Pemenang Kehidupan/Winners of Life. Kepustakaan Populer Gramedia. 2016.

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1 | 2018, Indonesien,
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Der Reichtum der Suharto-Familie

In seinem Buch „Cultural Violence“ analysiert Wijaya Herlambang, wie kulturelle Gewalt vom Suharto-Regime in Indonesien zur Legitimierung physischer Gewalt genutzt wurde. Dazu untersucht er einen einflussreichen Propagandafilm des Regimes und weitere Werke und gesellschaftliche Debatten.

Wijaya Herlambangs Buch Cultural Violence – Its Practice and Challenge in Indonesia erschien auf Basis seiner Dissertation an der University of Queensland. Auf Indonesisch erschien es unter dem Titel Kekerasan budaya pasca 1965 – Bagaimana Orde Baru melegitimasi antikomunisme melalui film dan sastra (Kulturelle Gewalt nach 1965 – Wie die Neue Ordnung via Film und Literatur Antikommunismus legitimierte). Der Autor analysiert darin die Rolle, die Kultur – insbesondere Literatur und Film – für die Legitimierung der antikommunistischen Repressionen in Indonesien ab 1965 und den Aufbau von Suhartos autoritärem Neue- Ordnung- Regime spielten. Es ist ein einsichtsreiches Buch über die Relevanz von Kultur in (transnationaler) politischer Propaganda.

Bis 1965 hatte Indonesien nach China und der Sowjetunion die stärkste kommunistische Partei weltweit. Im Unterschied zu diesen war die Kommunistische Partei Indonesiens (PKI) nicht in einer Position der Alleinherrschaft, sondern nach Wahlen 1955 die viertstärkste Partei im Parlament und ab 1962 an einer Regierungskoalition unter Präsident Sukarno beteiligt. Doch Spannungen zwischen der zunehmend autoritären Regierung Sukarnos und antikommunistischen liberalen, muslimischen Gruppen sowie oligarchischen Teilen des Militärs nahmen zu, nicht zuletzt unter US-amerikanischer Einflussnahme. Nachdem am 30. September 1965 eine Gruppe von Militärangehörigen aus nicht vollständig geklärten Gründen hochrangige Generäle entführten und ermordeten, wurde dies von General Suharto, der die militärische Führung übernahm, der PKI zugeschrieben. In der Folge wurden Hunderttausende vermeintliche Kommunist*innen vom Militär mithilfe der Zivilgesellschaft inhaftiert, gefoltert und ermordet.

Anders als Beiträge, die sich auf die innerindonesischen Debatten und Ereignisse fokussieren, zeigt Wijaya den Einfluss des Kalten Krieges auf die antikommunistische Propaganda in Indonesien auf und lenkt dabei den Blick auf ‚kulturelle Gewalt‘.

Einfluss US-amerikanischer Stiftungen im indonesischen Diskurs

Das Konzept der kulturellen Gewalt stammt vom Friedens- und Konfliktforscher Johan Galtung. Ihm zufolge hat Gewalt neben der direkten Gewalt zwei weitere Erscheinungsformen, die sich nicht auf eine*n Urheber*in zurückführen lassen: strukturelle und kulturelle Gewalt. Während strukturelle Gewalt sich auf soziale Strukturen bezieht, die vermeidbare Ungerechtigkeiten hervorbringen, findet kulturelle Gewalt auf der symbolischen und ideologischen Ebene statt und kann genutzt werden, um direkte oder strukturelle Gewalt zu legitimieren. In diesem Zusammenhang zeigt Wijaya die Rolle westlich-liberaler antikommunistischer Ideologie im indonesischen Diskurs auf, die ab den 1950er Jahren durch den Kongress für Kulturelle Freiheit (CCF) und seine Nachfolgeorganisationen sowie die antikommunistische Obor-Stiftung direkten Einfluss auf die Kulturszene Indonesiens ausübten.

Der CCF und die Obor-Stiftung wurden maßgeblich von politiknahen amerikanischen Stiftungen (Ford und Rand) und vom amerikanischen Geheimdienst CIA gefördert und verfolgten amerikanische außenpolitische Interessen ideologischer und wirtschaftlicher Natur. Teils unter diesem Einfluss verfassten liberale indonesische Autoren, die unter Sukarnos Restriktionen zu leiden hatten, 1963 das so genannte ‚Kulturelle Manifest‘ (Manifesto Kebudayaan, Manikebu) für Kunst- und Meinungsfreiheit. Wijaya argumentiert, dass den kulturellen Aktivisten damals zumindest zum Teil bewusst war, dass sie in eine transnationale antikommunistische Agenda eingespannt wurden.

Nach der gewaltsamen Ausmerzung der PKI, übernahmen die Kreise um eben jene Autoren eine entscheidende Rolle in der Legitimierung dieser Massaker. Wijaya analysiert zwischen 1966 und 1969 in von Manikebu- Urhebern herausgegebenen Literaturzeitschriften erschienene Kurzgeschichten, die sich mit den Massakern auseinandersetzen. Obwohl die Geschichten den Schrecken der Gewalt in den Blick nehmen, sind sie überwiegend aus Täterperspektive geschrieben. Sie befassen sich mit deren Gewissenskonflikten zwischen der Scheu, Gewalt auszuüben – oft gegenüber Bekannten– und deren vermeintlicher Notwendigkeit zum Schutz eines ‚universellen Humanismus‘, den Wijaya als westlichen Liberalismus identifiziert. Die analysierten Kurzgeschichten legen dagegen kein besonderes Augenmerk auf moralische Verantwortung oder die Gewalterfahrung der gefolterten Opfer. Wijaya sieht sie als politisch manipulativ an und zeigt auf, wie durch diese Perspektive die Gewalt gegenüber Kommunist*innen paradoxer Weise als durch universellen Humanismus moralisch (und oft religiös) geboten legitimiert wurde. Täter wurden somit indirekt von ihrer Schuld freigesprochen.

Blutiger und Geschichtsverzerrender Film als Pflichtprogramm an Schulen

Weitere Kapitel befassen sich mit dem Propagandanarrativ über den vermeintlich kommunistischen Putschversuch, das durch den Staatshistoriker Nugroho Notosusanto im Auftrag des Suharto-Regimes geschaffen wurde. Im Film Der Verrat der G30S/PKI fand dieses Narrativ seine populärste Ausdrucksform. Der blutige und Geschichtsverzerrende Spielfilm, der als Dokumentation posierte, präsentierte Kommunist*innen als animalische, unmoralische Unmenschen und alleinige Drahtzieher des Putschversuchs und schuf dadurch die Legitimation für Suhartos Militärherrschaft. Da ihn indonesische Schulkinder jährlich zur Mahnung ansehen mussten, hatte er einen denkbar nachhaltigen Einfluss auf die öffentliche Einschätzung der Ereignisse.

Wijaya Herlambangs Buch macht deutlich, weswegen antikommunistische Narrative bis heute so allgegenwärtig in Indonesien sind. Außerdem bietet es kritische Einblicke in rezente kulturelle Debatten. So befasst sich Wijaya mit dem äußerst einflussreichen Manikebu-Intellektuellen Goenawan Mohamad und dessen Rolle in der 1998 erfolgreichen zivilgesellschaftlichen Bewegung gegen das Suharto-Regime. Goenawans Organisation Komunitas Utan Kayu dominiert zum Leidwesen vieler indonesischer Linker die im Westen wahrgenommene indonesische Kunst und Literatur, so etwa die Beiträge zur Buchmesse 2015 in Frankfurt. Wijaya zeigt sich skeptisch gegenüber Goenawans Behauptung, sich nun für linke Politik einzusetzen, und sieht ihn nach wie vor im Dienst (neo-)liberaler Interessen.

Bildquelle: Screenshots Pengkhianatan G30S/PKI, YouTube.

Wijayas Analyse ist sehr anregend zu lesen. Einige Tippfehler hätten aber durch ein gründliches Lektorat ausgebessert werden können. Beim Lesen wird durch den teils überwältigenden Detailreichtum außerdem deutlich, dass es sich um eine Doktorarbeit handelt. Insbesondere im Theoriekapitel erschließt sich der Zusammenhang der etlichen abgehandelten Ansätze nicht vollständig. Dennoch leistet Cultural Violence einen wichtigen Beitrag zur Analyse des indonesischen Antikommunismus.

Dass das Thema kultureller Einflussnahme als Mittel internationaler Politik auch heute nicht obsolet ist, zeigt sich deutlich, wenn man Obor-Stiftung online sucht und dabei auf eine gleichnamige Stiftung stößt, die den ‚kulturellen Austausch‘ zwischen China und Indonesien im Interesse Xi Jinpings Mega-Projekt einer ‚modernen Seidenstraße’ vorantreibt.

Wijaya Herlambang 2011. Cultural Violence. Its Practice and Challenge in Indonesia. Saarbrücken VDM Verlag Dr. Müller.

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1 | 2018, Indonesien,
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Der Reichtum der Suharto-Familie

Als Indonesien nach dem Zweiten Weltkrieg unabhängig wurde, begann das Zeitalter der Dekolonisierung. David van Reybrouck erzählt in seinem gleichnamigen Buch die Geschichte einer Revolution

„Über viele Generationen“, so eröffnete der indonesische Präsident Sukarno am 18. April 1955 die Konferenz von Bandung auf der Insel Java, „hatten unsere Völker keine Stimme in der Welt. Wir waren die Nichtbeachteten, die Völker, für die andere die Entscheidungen trafen, die Völker, die in Armut und Erniedrigung lebten. Dann verlangten unsere Nationen nach Unabhängigkeit, sie kämpften dafür, und sie erlangten Unabhängigkeit. Mit dieser Unabhängigkeit aber kam Verantwortung. Wir haben eine große Verantwortung für uns selbst und für die Welt und die noch nicht geborenen Generationen.“

Indonesien an der Spitze der Bewegung

Ein Ereignis von weltgeschichtlicher Dimension: Die Vertreter ehemaliger Kolonien trafen sich, um gemeinsam die Weltlage zu debattieren. Bandung steht für eine neue Epoche, für das Zeitalter der Entkolonialisierung, für das Zurückdrängen der Großmächte durch andere Methoden als den Krieg, für die Möglichkeit einer Neugestaltung der Welt.

Im Lagerdenken des Kalten Krieges war ein solches internationales Forum außerhalb der Blöcke nicht vorgesehen. Vor allem im Westen erwartete man daher von dem Treffen wenig Gutes. Für die Teilnehmer hingegen waren es Tage des Aufbruchs. Indonesien erhielt für einige Zeit einen Platz mitten auf der Weltkarte, Sukarno wurde über Nacht zu einem der wichtigsten Staatsmänner. Er reiste kreuz und quer über den Globus, wurde vom Westen wie vom Osten hofiert, sprach mit Eisenhower, Adenauer, Chruschtschow, Mao und dem Papst. Nur in die Niederlande, das Land, das sein Leben so entscheidend geprägt hatte, und dessen Kolonialherrschaft in seiner Heimat Indonesien er so erbittert bekämpft hatte, führten ihn seine Reisen nie.

Rassismus und Ausbeutung: Kennzeichen des niederländischen Kolonialimperiums

Der indonesische Unabhängigkeitskrieg zwischen August 1945 und Dezember 1949, in dem Sukarno eine entscheidende Rolle spielte, war extrem brutal. Er steht im Zentrum des neuen Buches von David van Reybrouck. Der belgische Historiker, Autor und Journalist ist hierzulande bekannt geworden durch seine vor zehn Jahren erschienene fulminante Studie zur Geschichte des Kongo. In Revolusi bettet er die relativ kurze revolutionäre Periode des Befreiungskampfes in die Geschichte des niederländischen Kolonialimperiums ein. Auf diese Weise vermittelt er ein Verständnis dafür, wie jene Revolution aus dem Rassismus, der Ausbeutung und der Brutalität erwuchs, welche die niederländische Herrschaft in Indonesien kennzeichneten.

Van Reybrouck vergleicht die Gesellschaft des kolonial unterworfenen Indonesien (Niederländisch-Indien) mit einem Ozeandampfer mit drei Schiffsdecks. Auf dem unteren Deck drängten sich die ‚Habenichtse‘: Bauern, Arbeiter, einfache Soldaten und Arbeitslose. Ein Stockwerk höher, schon unter deutlich bequemeren Umständen, fanden sich Händler, kleine Fabrikanten und Angestellte. Auf dem obersten Deck schließlich die Elite der kolonialen Gesellschaft, die es sich an Bord richtig gut gehen ließ: Plantagenbesitzer, höhere Beamte und Offiziere.

Die koloniale Ordnung wird in Frage gestellt

Die Ordnung ‚auf dem Schiff‘ war, schreibt der Autor, ausgesprochen hierarchisch, aber nicht völlig statisch. Ein begrenztes Maß an sozialer Mobilität war möglich, freilich ging es abwärts am schnellsten, während Aufstiegschancen minimal blieben, sich im Zuge der Weltwirtschaftskrise sogar noch verringerten. „Die Leitern zu den höheren Decks verrosteten oder wurden sogar abgebaut. Die Ordnung konnte nur noch durch Repression aufrechterhalten werden.“

Es waren zunächst allerdings weniger die verarmten Menschen vom unteren Deck, die unbequeme Fragen stellten und sich aktiv gegen diese Ordnung zur Wehr setzten, sondern die Gruppe der ’sozialen Aufsteiger‘. Der Autor beschreibt detailliert die antikolonialen Bewegungen, die sich zwischen den beiden Weltkriegen entwickelten. Während die Kluft zwischen Indonesier*innen und Niederländer*innen unüberbrückbar wurde, verringerte sich der Abstand der einheimischen Bevölkerung zu einer anderen, einst ebenfalls sehr fernen Gruppe: den Japaner*innen. Deren Präsenz in der Kolonie hatte in den früheren 1930er-Jahren stark zugenommen.

Japanische Besatzung als Beschleuniger der Unabhängigkeit

Mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs änderte sich die Situation radikal. Während das ‚Mutterland‘ in Europa seit Mai 1940 von den Deutschen besetzt war, eroberte die japanische Armee 1942 Niederländisch-Indien. Sie blieb drei Jahre. Die Besatzung brachte Terror, Gewalt und Hunger über die einheimische Bevölkerung und wirkte zugleich als Beschleuniger der Unabhängigkeitsbewegung.

Sukarno kooperierte eng mit der japanischen Militärverwaltung. Dies trug ihm, nicht zuletzt in den Niederlanden, den Vorwurf ein, er habe mit Faschisten kollaboriert. Van Reybrouck formuliert hierzu eine angemessene Einschätzung. Der japanische Imperialismus habe Sukarno nie gefallen, „die militaristische Begeisterung und das Totalitäre waren ihm fremd. Seine gesamte politische Aktivität war auf ein Ziel, ein Ideal ausgerichtet: die Unabhängigkeit Indonesiens. Um sie zu erreichen, war er zu sehr weit gehenden Zugeständnissen an die Besatzer bereit, zumal sie aus einem Land stammten, das er bewunderte, weil es nie kolonisiert worden war und sich doch zu einer modernen Wirtschaftsmacht entwickelt hatte.“

Indonesiens Unabhängigkeitserklärung beantworten die Niederlande mit Krieg

Nach dem Abwurf der amerikanischen Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki kapitulierte Japan am 15. August 1945. Nur zwei Tage später verlas Sukarno, an der Seite von Mohammad Hatta, einem weiteren Veteranen der antikolonialen Bewegung, die Proklamasi, die Unabhängigkeitserklärung. Doch es sollten noch viereinhalb Jahre vergehen, bis das Land die koloniale Fremdherrschaft formal abschütteln konnte. Die Niederlande waren keineswegs gewillt, ihre Macht aufzugeben. Auch andere Staaten mischten kräftig mit, Großbritannien zunächst, später vor allem die Vereinigten Staaten. Am Ende war es nicht zuletzt der Druck aus Washington, der die Niederlande dazu brachte, klein beizugeben.

Ökonomisch lohnte sich dieser Schritt für die ehemalige Kolonialmacht. Indonesien musste die Schulden Niederländisch-Indiens beinahe vollständig übernehmen, Den Haag erhielt zudem Zahlungen aus dem Marshallplan sowie Militärhilfe im Rahmen der NATO. Die wirtschaftliche Erholung der Niederlande in den 1950er-Jahren verdankt sich zu einem großen Maße dem zögerlichen und von Gewalt geprägten Abzug aus Indonesien, den sich die Kolonialmacht gleichsam gut bezahlen ließ.

Einer der ersten großen – von Washington unterstützten – Militärputsche des Kalten Krieges

Später wurde der Geist von Bandung, der so stark aus der indonesischen Revolution schöpfte, mutwillig erstickt; und „wieder war Indonesien der – diesmal traurige – Vorreiter“. Im Oktober 1965 diente ein angeblicher linker Umsturzversuch als Vorwand, Sukarno abzusetzen und mithilfe der CIA ein deutlich weiter rechts stehendes Regime zu etablieren – einer der ersten großen von den USA unterstützten Militärputsche des Kalten Krieges. Im Anschluss wurden in entsetzlichen Gewaltexzessen zwischen einer halben und mehr als einer Million Indonesier*innen ermordet – Progressive, Kommunist*innen, ethnische Chines*innen. Zahllose Lehrer*innen, Journalist*innen und Student*innen landeten im Gefängnis. General Suharto errichtete eine Militärdiktatur, die mehr als drei Jahrzehnte Bestand haben sollte.

Die letzten Zeugen der Revolusi

Die große Stärke von van Reybroucks Darstellung besteht darin, dem langen Kampf für Unabhängigkeit in Indonesien ein menschliches Antlitz zu verleihen. Der Autor bezeichnet es als sein Anliegen, das zusammenzubringen, „was zahlreiche Historiker mit großer Sachkenntnis ergründet haben, ohne dass ihre Erkenntnisse immer ins Bewusstsein einer breiteren Öffentlichkeit vorgedrungen wären“.

Vor allem aber hält er sich an „die letzten Zeugen der Revolusi„. Er führte mehr als 180 Interviews mit inzwischen hoch betagten Personen aus allen Schichten und politischen Gruppierungen, die während und nach dem Zweiten Weltkrieg die Transformationen in Indonesien erlebt haben, darunter einheimische Nationalisten ebenso wie niederländische Militärs oder japanische Besatzer. Er erzählt Geschichten von Leiden, Hoffnung und Heldentum, von Sadismus, Brutalität und kaltblütigen Morden.

Bei allem Verdienst, diese wichtigen und oft faszinierenden Stimmen aufgespürt und aufgezeichnet und zugleich eine sehr gut lesbare Geschichte der indonesischen Unabhängigkeit geschrieben zu haben, bietet das Buch am Ende keine neuen umstürzenden Einsichten. Überdies leidet die Analyse darunter, dass der Autor die Geschichte vom bekannten Ende her schreibt. Alle möglichen Kämpfe und Auseinandersetzungen werden als Teil des schließlich siegreichen antikolonialen Nationalismus interpretiert. Seine Revolusi kommt als vereinte Massenbewegung daher, die sich einem von allen geteilten Ziel verschrieben hatte: der Unabhängigkeit in einer zentralistischen Republik. Lokale Varianten, Zweifel, Divergenzen, unbegangene Wege bleiben weitgehend außen vor.

Rezension zu: David van Reybrouck: Revolusi. Suhrkamp Verlag. 2022. 751 Seiten

Der Artikel erschien zuerst in KULTURAUSTAUSCH Zeitschrift für internationale Perspektiven 4/2022 und wurde für die südostasien redaktionell bearbeitet.

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1 | 2018, Indonesien,
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Der Reichtum der Suharto-Familie

Indonesien/Deutschland/USA: Das Buch „Die Jakarta-Methode“ von Vincent Bevins ist eine fundierte und beklemmende Spurensuche in puncto staatsterroristischem Antikommunismus.

Wir leben wahrlich in politisch bewegten wie bewegenden Zeiten. Ein hervorstechendes Merkmal der ‚Zeitenwende‘ besteht seit dem russischen Überfall auf die Ukraine darin, sämtliche vorangegangenen (gleichermaßen völkerrechtswidrigen) Kriege und Interventionen der ‚westlichen Wertegemeinschaft‘ vergessen zu machen oder schönzureden.

Nicht einmal ansatzweise flackerte im Falle der zahlreichen US-inspirierten und -geführten Aggressionen gegen andere Länder in der jüngeren Geschichte auch nur die Überlegung auf, als Gegenreaktion die vielfältigen Kontakte auf wissenschaftlicher, künstlerischer und sportlicher Ebene mit US-amerikanischen Kolleg*innen über Nacht zu kappen – von harschen Sanktionen ganz zu schweigen!

Da kommt so ein fundiertes Sachbuch wie das aus der Feder des US-amerikanischen Journalisten und Autors Vincent Bevins wie gerufen. Allein der Titel seines im PapyRossa Verlag erschienenen Opus Die Jakarta-Methode: Wie ein mörderisches Programm Washingtons unsere Welt bis heute prägt könnte präziser nicht sein. Es handelt von der Unterstützung und Mitschuld der US-Regierung an den Massenmorden 1965-66 in Indonesien, bei denen zwischen 500.000 und drei Millionen Menschen getötet wurden, um die politische Linke und die Reformbewegungen im Lande physisch zu liquidieren.

Antikommunismus als Staatsdoktrin

Das Buch beschreibt und analysiert überdies spätere Wiederholungen dieser mörderischen Strategie gegen Regierungsreformen in Lateinamerika. Die Morde in Indonesien durch die von den USA unterstützten indonesischen Streitkräfte waren bei der Ausmerzung des Kommunismus so ‚erfolgreich‘, dass allein der Begriff „Jakarta“ zur Chiffre des Schreckens und als gezielte Drohung lateinamerikanischer ‚Gorillas‘ gegen alle/s (vermeintlich) ‚Linke/n‘ eingesetzt wurde.

Die von Bevins verfolgten transkontinentalen Querverbindungen von Counterinsurgency- Strategien und ihren Hintermännern sowie die Schilderungen von Überlebenden verleihen dem Buch ein Höchstmaß an Authentizität. Mit Blick auf Südamerika war es vor allem die Operation Condor in den 1970er- und 1980er-Jahren, in deren Verlauf die Geheimdienste der Länder Argentinien, Brasilien, Bolivien, Chile, Paraguay und Uruguay mit tatkräftiger Unterstützung der USA einen tödlichen Antikommunismus zur Staatsdoktrin erhoben hatten.

Der in Buenos Aires akkreditierte bundesdeutsche Botschafter Jörg Kastl an das Junta-Mitglied Admiral Emilio E. Massera anlässlich des Militärputsches 1976 in Argentinien

 

1965 war ein in vielfacher Hinsicht bedeutsames Jahr. In Vietnam befand sich die unangefochtene Führungsmacht des ‚freien Westens’, die USA, auf dem Höhepunkt eines Krieges, den sie trotz des Einsatzes einer gewaltigen Kriegsmaschinerie und B-52-Flächenbombardements nicht gewinnen konnte. Im Herbst desselben Jahres erfolgten in Indonesien Weichenstellungen für einen schockartigen Wandel in Gesellschaft, Politik, Wirtschaft und Kultur, unter deren fürchterlichen Konsequenzen ein Großteil seiner Bevölkerung bis heute leidet. Als überaus kritisch schätzte in jenem Jahr die US-Regierung unter Lyndon B. Johnson die politische Situation in dem Land ein, das die Vereinten Nationen verlassen hatte, nachdem die britische Exkolonie Malaysia als nichtständiges Mitglied in den UN-Sicherheitsrat aufgerückt war. Besonderes Entsetzen löste in Washington die Tatsache aus, dass die Kommunistische Partei Indonesiens (PKI) einschließlich der PKI nahestehender Organisationen nach eigenen Angaben über 18 Millionen Mitglieder und Sympathisant*innen verfügte.

Damit war die PKI nach der Kommunistischen Partei Chinas und der Kommunistischen Partei der Sowjetunion die weltweit drittgrößte kommunistische Partei. Aus der Sicht einflussreicher konservativer Kräfte bedeutete dies eine veritable Herausforderung und Bedrohung. Zumindest in der Außenpolitik herrschte zwischen der PKI und Sukarno, damals noch Staatspräsident, Einigkeit über einen antiimperialistischen Kurs, was Letzterer bereits 1955 als Gastgeber der Bandung-Konferenz signalisiert hatte, auf der der Startschuss zur Gründung der Bewegung der blockfreien Staaten erfolgt war.

Gewaltsame Kehrtwende in Richtung Westen

Konsultationen zwischen hochrangigen indonesischen und US-Militärs ließen in einem Teil des jüngeren Offizierskorps und in der PKI-Spitze die Befürchtung keimen, ein Washington zugeneigter Rat der Generäle plane Schritte, um Sukarno zu entmachten, linke Nationalisten, Gewerkschafter und Kommunisten auszuschalten, eine außenpolitische Kehrtwende (in Richtung Westen) vorzunehmen.

Diesem Plan, so er tatsächlich bestand, kam der in der Nacht vom 30. September zum 1. Oktober 1965 von Oberstleutnant Untung, dem Chef der Leibgarde Sukarnos, inszenierte ‚Gegenputsch’ zuvor. Seinen Truppen gelang es, sechs ranghoher Generäle habhaft zu werden und sie samt einem ihrer Adjutanten zu töten. Diesen ‚Vorfall’ nahmen Generäle unter der Ägide des neuen starken Mannes Suharto zum Anlass, gegen Untung und seine Hintermänner mit brachialer Gewalt vorzugehen, die sie bezichtigten, im Auftrag der PKI gehandelt und das Land fast ins Chaos gestürzt zu haben.

Ishak Djuarsa, Militärkommandant von Aceh und glühender Antikommunist mit Ausbildung in Fort Leavenworth im US-Bundesstaat Kansas, während seiner Rundreise durch die Provinz im Oktober 1965, wo er der Bevölkerung immer wieder eintrichterte: „Zerschlagt die PKI!“

Erklärtes Ziel seitens des Westens war fortan, Indonesien nicht nur in den globalen antikommunistischen Block zu pressen, sondern auch, im größten, ressourcen- und bevölkerungsreichsten Markt Südostasiens Fuß zu fassen und sich dort dauerhaft zu etablieren.

Neben der Offiziersausbildung und Bereitstellung sensibler nachrichtendienstlicher Erkenntnisse leisteten die USA handfeste logistische Unterstützung für Suhartos Truppen. Die ‚freien Medien‘ lobhudelten den Mann als Sendboten von ‚freedom & democracy‘ in Südostasien.

Bundesrepublik Deutschland als Helfershelfer

Helfershelfer Suhartos waren seitens der Bundesrepublik nebst dem Bundesnachrichtendienst (BND) auch die Bundeswehr und der Bundesgrenzschutz. Letztere lieferten Hilfestellung in Form von Ausbildungskursen für Offiziere an der Bundeswehr-Akademie sowie Spezialtrainings bei der Elitetruppe GSG-9. Für die in- wie ausländische Imagepflege Suhartos als ‚lächelnder General‘ zeichnete ausgerechnet Rudolf Oebsger-Röder, ehedem glühender Nazi und SS-Obersturmbannführer, verantwortlich. Nach dem Krieg war Röder unter anderem hauptberuflich für die Organisation Gehlen, dem Vorläufer des BND, tätig. Später arbeitete er in Jakarta unter dem Namen O. G. Roeder, als Autor für Süddeutsche und Neue Zürcher Zeitung und als Berater und Biograph Suhartos (O. G. Roeder: The Smiling General: President Soeharto of Indonesia. Gunung Agung. Djakarta/Tokyo, 1969).

Reinhard Gehlen, unter Adolf Hitler Leiter der Abteilung Fremde Heere Ost und später erster Präsident des Bundesnachrichtendienstes (BND), über den ‚Erfolg‘ von Suhartos Truppen

 

Bis heute gibt sich die Bundesregierung extrem schmallippig, was ihre Mitwisser- und Mittäterschaft angeht. Es ist deshalb ein verdienstvolles Unterfangen von Bevins’ Übersetzer, Glenn Jäger, für die deutsche Ausgabe eigens ein Nachwort über die Rolle der BRD beigesteuert zu haben. In einer ersten Kleinen Anfrage der Fraktion Die Linke im Bundestag im Mai 2014 verschanzte sich die Bundesregierung hinter dem lapidaren Statement: „Die Bundesregierung ist nach sorgfältiger Abwägung zu der Auffassung gelangt, dass eine Beantwortung nicht offen erfolgen kann. Die erbetenen Auskünfte sind geheimhaltungsbedürftig, da sie Hinweise zu nachrichtendienstlichen Quellen enthalten.“

Auch im Jahr 2023 bestreitet die Bundesregierung im Rahmen einer weiteren Kleinen Anfrage seitens der Fraktion Die Linke erneut hartnäckig jedwede Mitverantwortung, was die „damaligen Ereignisse“ in Indonesien betrifft. Deren Bewertung, so die Antwort der Bundesregierung, sei ausschließlich „Aufgabe und Gegenstand wissenschaftlicher Forschung“. Und: „(…) Sie [die Bundesregierung, d.R.]) verweist (…) auf die Möglichkeit selbständiger Informationserhebung aus den Beständen des Bundesarchivs und des Politischen Archivs des Auswärtigen Amtes.“

Da kann denn – inspiriert durch Bevins‘ ausgezeichnete und quellenmäßig grundierte Studie – die an eine junge Generation von Historiker*innen und Politolog*innen gerichtete Losung nur lauten: Bildet zwei, drei, viele investigative Rechercheteams und durchkämmt in puncto Indonesien, Chile, Argentinien und Brasilien die Bestände des Bundesarchivs und des Politischen Archivs des Auswärtigen Amtes – und das sorgfältig und ausdauernd!

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1 | 2018, Indonesien,
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Der Reichtum der Suharto-Familie

Indonesien: Gadis Kretek (Cigarette Girl) ist die erste indonesische Netflix Originals-Serie. Die Enkelgeneration arbeitet darin die massive staatliche Gewalt der 1960er Jahre auf. Mittlerweile gibt es auch eine deutsche Übersetzung (Untertitel)

Wir befinden uns im ländlichen Indonesien. Der Rauch der Nelkenzigaretten (Kretek), der Duft der zum Trocknen ausgelegten Nelken und des Tabaks liegen in der Luft und man kann ihn vor dem Bildschirm beinahe riechen. Es knistert. Rauch wird eingeatmet und wieder ausgeatmet, bevor eine Nelkenzigarette in Zeitlupe genüsslich unter einem Fuß zertreten wird. Kretek rauchen wird hier als Genussmittel und Kulturgut zelebriert. Die Erzählung von Gadis Kretek umspannt einen Zeitraum von 40 Jahren. Die Zuschauer*innen werden zunächst mitgenommen in die 1960er Jahre, in die Zeit der florierenden Kretek-Industrie.

Im Zentrum der Geschichte steht die junge Frau Dasiyah, die älteste Tochter eines Kretek-Unternehmers, gespielt von Dian Sastrowardoyo. Sie hegt den Wunsch, das Unternehmen der Familie weiter voranzubringen und neue Aromen für die Nelkenzigaretten zu entwickeln. Sie hat ein gutes unternehmerisches Gespür, eine feine Nase für Aromen und Gerüche und einen starken Wunsch nach Freiheit und Unabhängigkeit.

Wie Staatsgewalt eine junge Liebe zerstört

Im Lauf der Geschichte trifft sie auf den jungen Mann Soeraja, gespielt von Ario Bayu, der bald für ihren Vater arbeitet. Eine Liebesgeschichte entwickelt sich. Doch diese ist nicht von langer Dauer. Auf tragische Weise wird die junge Liebe von den Ereignissen im Jahr 1965/66 durchkreuzt. Dasiyah und ihr Vater stehen auf der roten Liste des Militärs und werden im Zuge der Kommunistenverfolgung (unschuldig) festgenommen. Soeraja bleibt auf mysteriöse Weise verschont. Als Dasiyah nach zwei Jahren aus der Gefangenschaft entlassen wird, steht sie voller Verletzungen und Schmerz vor den Scherben ihres Lebens.

Jakarta, 2001. Wir sehen Soeraja, inzwischen Chef eines großen Kretek-Unternehmens in seinem Krankenbett. Er hat Krebs. In einem Fiebertraum gibt er seinem jüngsten Sohn Lebas, gespielt von Arya Saloka, einen letzten Auftrag: Finde sie! Doch wer ist „sie“? Der jüngste Sohn macht sich auf die Suche nach der mysteriösen Frau, um seinem Vater den womöglich letzten Wunsch zu erfüllen und das Geheimnis zu lüften.

Das Rätsel zweier Familien

Auf seiner Suche trifft er die junge Ärztin Arum, gespielt von Putri Marino, die ihn seiner Familiengeschichte näherbringt. Gemeinsam folgen sie den Spuren ihrer ineinander verflochtenen Familiengeschichte. Alte Briefe bringen sie der Vergangenheit Stück für Stück näher. Dabei müssen sie erkennen, dass ihre beiden Familien im Jahr 1966 massive Gewalt erlebt haben, über die ein Schleier des Schweigens gelegt wurde.

Gadis Kretek beruht auf dem gleichnamigen Roman von Ratih Kumala. Wie im Buch sind die fiktiven Figuren in der Verfilmung eingebettet in die Zeit vor und während der Machtübernahme von General Suharto. Das Schicksal von Dasiyah und ihrer Familie zeigt, wie deren Leben durch die skrupellose Verfolgung des Militärs zerstört wird. Soeraja bleibt durch gute Beziehungen zum Militär verschont und hat die Chance, ein Unternehmen ohne Konkurrenz aufzubauen. Er wird jedoch sein Leben lang von Schuld geplagt sein.

Wenn junge Menschen Fragen stellen

Gadis Kretek ist die erste indonesische Netflix Originals-Serie. Dem englischsprachigen Publikum ist sie besser bekannt unter dem Titel Cigarette Girl. Unter der Regie von Kamila Andini und Ifa Isfansyah ist eine aufwendig produzierte Verfilmung in fünf Episoden entstanden. Nach Erscheinen der Serie am 2. November 2023 auf Netflix war sie zwei Wochen in den Top Ten der meist gesehenen nicht-englischsprachigen Netflix-Serien.

Die Macher*innen von Cigeratte Girl haben im Vorfeld der Präsidentschaftswahlen 2024 ein beeindruckendes Plädoyer für das Erinnern geschaffen. Mit Lebas und Arum folgen wir im Jahr 2001 einer jungen Generation, die sich auf die Suche nach den Spuren der Vergangenheit ihrer Eltern macht. Sie wollen wissen, was ihren Familien zugestoßen und was bis heute unausgesprochen geblieben ist. Wenn Arun in der Serie sagt „Und ich weiß nicht, warum meine Mutter mir nie davon erzählte. Warum ließ sie mich im Dunkeln über meine Familie?“ können die Zuschauenden nachfühlen, wie sehr die Familie unter dem Schweigen gelitten haben muss. Es ist berührend zu sehen, was es mit den einzelnen Figuren macht, als Stück für Stück das ganze Ausmaß der Vergangenheit ans Licht kommt.

In einem Interview mit dem Journalisten Patrick Frater für das US-amerikanische Entertainment-Magazin Variety sprachen Kamila Andini und Ifa Isfansyah im Oktober 2023 über die Bedeutung von fiktionaler Geschichte für die Auseinandersetzung mit historischen Ereignissen. Ifa Isfansyah erklärte: „Ich denke, dass es mit einem jüngeren Publikum mehr Möglichkeiten gibt. Aber viele Geschichten müssen sich auf die Gegenwart konzentrieren. Und diese Dinge hängen davon ab, wer das Land regiert, und Sie wissen ja, wir haben Anfang nächsten Jahres Wahlen“.

Die politische Führung eines Landes beeinflusst nicht nur die Gegenwart, sondern immer auch die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit. Es wird sich noch zeigen, wie der neue Präsident die Erinnerungspolitik des Landes gestalten wird. Gadis Kretek ist eine berührende Geschichte, die einlädt, sich stärker mit der Vergangenheit zu befassen, alte Wunden heilen zu lassen und dem Schweigen mit Menschlichkeit entgegenzutreten. Um es abschließend mit Lebas‘ Worten zu sagen: „Und selbst jetzt gibt es noch viele ungelöste Rätsel, die diese Zeit umgeben, oder? Selbst für die Beteiligten.“

Rezension zu: Gadis Kretek (Cigarette Girl), Regie: Kamila Andini, Ifa Isfansyah. Indonesien. 2023. 5×60 Minuten. Zu sehenist die Serie auf Netflix

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