3 | 2019, Osttimor, Timor-Leste,
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20 Jahre in Freiheit

Aus der Asche in die nationale versöhnung, den Wiederaufbau und die Entwicklung 1999 – 2019 © Monika Schlicher

Aus der Asche in die nationale Versöhnung, den Wiederaufbau und die Entwicklung 1999 – 2019 © Monika Schlicher

Timor-Leste: Zusammen mit internationalen Gästen feierten Osttimores*innen den 20. Jahrestag des Referendums für die Unabhängigkeit und die Mission der Schutztruppe INTERFET. Unter dem Motto ‚20 Jahre in Freiheit’ würdigten sie den Weg zu Frieden, Stabilität und Demokratie. 

Am 30. August 1999 stimmten 78,5% der Bevölkerung von Timor-Leste für eine Loslösung von Indonesien. Die Osttimores*innen hatten einen hohen Preis für ihre Unabhängigkeit gezahlt. Fast 200.000 Menschen verloren während des Widerstandes gegen die Besatzung durch Indonesien 1975 – 1999 ihr Leben. Das Wüten der vom indonesischen Militär unterstützten Milizen nach dem von den Vereinten Nationen durchgeführten Referendum erschütterte die Welt. Sie töteten schätzungsweise 1.500 Menschen und vertrieben über 270.000 Menschen ins benachbarte Westtimor.

„Mehr als 80% der Infrastruktur wurde zerstört und in Trümmern zurückgelassen. Eine von Australien angeführte internationale Truppe (INTERFET) intervenierte, um die Sicherheit wiederherzustellen“ erinnert sich Mica Barreto Soares. In vielerlei Hinsicht habe die jüngste Nation Südostasiens seither positive Veränderungen vorgenommen, und in einigen Schlüsselbereichen mehr als nur bescheidene Fortschritte erzielt: Grundlagen für wichtige staatliche Institutionen sind gelegt, Voraussetzungen für Meinungsfreiheit sind geschaffen, ein Plan für die nationale Entwicklung ist aufgestellt und eine Grundversorgung ist aufgebaut worden.

Osttimors verdiente Frauen: Mana Lu & Mana Kasian © Monika Schlicher

Osttimors verdiente Frauen: Mana Lu & Mana Kasian © Monika Schlicher

Erfolge in Demokratie und Friedenskonsolidierung

Timor-Leste wird heute nicht mehr als ein fragiles Land in einer Krise wahrgenommen, wie das noch vor zehn Jahren der Fall war. Der Demokratieindex der Economist Intelligence Unit  hat Timor-Leste 2018 sogar als das demokratischste Land in Südostasien eingestuft. Die deutlichen Erfolge des Landes in Demokratie und Friedenskonsolidierung sind bemerkenswert. Und es ist unbestritten, dass noch eine ganze Menge an Arbeit zur Konsolidierung der demokratischen Entwicklung zu leisten ist: Weiterhin lehnt Präsident Guterres die Einsetzung von elf Ministern und Vizeministern wegen Korruptionsverdacht ab. Gespräche zwischen Präsident und Premierminister haben bislang zu keiner Einigung geführt.

Das schwarze Dreieck in der Flagge von Timor-Leste steht für all das ‚Schlechte und Dunkle’, das es im Land noch anzugehen und zu beenden gilt. „Wachsende Korruption und Nepotismus gehören zu diesen dunklen Seiten, die Timor-Leste in den heutigen Tagen vehement bekämpfen muss,“ mahnt João Boavida, Direktor von CEPAD, dem Centre of Studies for Peace and Development, bei einer Podiumsdiskussion gemeinsam mit der katholischen Kirche in Dili.

Die VIII. Regierung zeigt sich seit ihrem Amtsantritt im Juni 2018 schwach. Noch immer lebt ein Drittel der Menschen unterhalb der Armutsgrenze. Hier hat es Verbesserungen gegeben: vor zehn Jahren betraf dies noch die Hälfte der Bevölkerung. Weiterhin sind viele junge Menschen arbeitslos und suchen nach Perspektiven. Die Herausforderungen liegen darin, die Abhängigkeit von Öl- und Gaseinnahmen zu mindern und wirtschaftliche Diversität zu fördern. Außerdem muss der ungleichen sozialen Entwicklung entgegengewirkt werden.

Die Kraft der Selbstbestimmung

Die einst negative Beurteilung hielt die Osttimores*innen in einem Gefühl von Bedürftigkeit. Das hat sich heute entschieden gewandelt: Mit großem Stolz blicken die Menschen auf die Entwicklung ihres Landes, für die sie mehr und mehr die Verantwortung übernommen haben. Ihr beständiger und erfolgreicher Kampf um Selbstbestimmung zeitigt Kraft und Selbstvertrauen. Wie zum Beispiel die Unterzeichnung eines neuen Vertrags über die Seegrenze mit Australien entlang der Mittellinie.

Timor-Leste hat die Auseinandersetzung mit Australien um die Seegrenze für sich entscheiden: Ein Sieg der ganzen Nation © Monika Schlicher

Timor-Leste hat die Auseinandersetzung mit Australien um die Seegrenze für sich entscheiden: Ein Sieg der ganzen Nation © Monika Schlicher

„Stolz bin ich alleine schon auf die Unabhängigkeit“, so Maria José Guterres, Direktorin der Frauenrechtsorganisation Fokupers. „Die Regierung hat in vielen Bereichen schon etliches erreicht und wir können wirklich zufrieden mit all dem sein.“ Keineswegs möchte sie damit sagen, dass schon alles erreicht ist. Vielmehr kommt hier eine veränderte Haltung gegenüber Entwicklung zum Ausdruck, wie wir sie häufig vernommen haben: Nicht mehr das Mangelerleben steht im Fokus, sondern vielmehr wird der Prozess gesehen und gewürdigt. Guterres fährt fort:

„Im Gesundheits- und Bildungsbereich haben sich viele Dinge verändert, verglichen mit der Situation vor 20 Jahren. Wir haben heute Kliniken, Universitäten, Schulen und Einrichtungen für Kinder. Alle haben Zugang zu öffentlichen Schulen, Mädchen und Jungen gleichermaßen. Die Malaria ist eingedämmt. Die Infrastruktur hat sich verbessert, auch entfernte Gebiete sind etwas leichter zu erreichen.

Langsam hat sich auch die Arbeit des Justizwesens zum Positiven verändert. Wir haben die Menschenrechtskonvention unterschrieben. Kinderrechte, Frauenrechte, und vieles mehr sind in der Verfassung verankert, ebenso die Gleichberechtigung. Das sind großartige Entwicklungen und Erfolge. Die innere Sicherheit im Land hat sich stabilisiert, auch zeichnet sich eine wirtschaftliche Entwicklung ab.“

Aus dem Widerstand in die Entwicklungsprozesse

Der Widerstand in Timor-Leste war eine breite Bewegung, die von allen getragen wurde. Nach der Invasion durch das indonesische Militär im Jahr 1975 blieben einige Wenige als bewaffnete Guerillakämpfer*innen in den Bergen. Viele Zivilist*innen, die sich Indonesien aufgrund von weit verbreitetem Hunger und Krankheiten ergeben hatten, setzten ihren Widerstand fort. Sie arbeiteten in der geheimen Befreiungsbewegung.

Die Student*innen fanden ihre Identität im Kampf um ihr Land („mate ka moris – ukun rasik aan“ = übersetzt aus Tetum: „Tot oder lebendig – Selbstbestimmung“). Sie waren sogar bereit, ihr Leben für dieses Ziel hinzugeben, wie zum Beispiel beim Santa Cruz Massaker 1991. Junge Menschen spielten eine entscheidende Rolle im Widerstand. Heute gibt es ein großes Denkmal vor der Motael Kirche im Herzen der Hauptstadt Dili, das ihren Beitrag zum Unabhängigkeitskampf würdigt.

„Es gibt auch Proteste gegen die Regierung“

„Viele der jungen Aktivist*innen im Widerstand engagierten sich später im unabhängigen Timor-Leste in der NGO-Arbeit, die zum Entwicklungsprozess der Gemeinschaft beiträgt und die Nation von der Basis her aufbaut. Andere sind der Regierung beigetreten oder aktiv in Parteien. Wieder andere haben es sich zur Aufgabe gemacht, die Arbeit der Regierung kritisch zu begleiten. Ebenso schauen Journalist*innen der Regierung auf die Finger. Es gibt auch Proteste gegen die Regierung“, resümiert Rui Muakandala, SJ, Direktor von Casa Produsaun Audiovisual (CPA), einer NGO, die seit 16 Jahren Einheit, Identität und Frieden in Timor-Leste durch Medienarbeit fördert.

„In vielen Bereichen ergänzen NGOs, die in der Gemeindeentwicklung tätig sind, die Arbeit der Regierung, wie zum Beispiel in der Sozial-, Bildungs-, Gesundheits-, Jugend- und Kulturarbeit.  Aber das ist nur ein Aspekt. Weitergehend engagieren sich NGOs für marginalisierte Gruppen und sind aktiv in der Empowerment- und Advocacy-Arbeit für Frauen und Mädchen. Der Geist, der die jungen Aktivist*innen in der Vergangenheit verbunden hatte, war der Wunsch nach Unabhängigkeit. Jetzt verbindet sie der Wille, Timor-Leste konstruktiv zu einem besseren gemeinsamen Wohl zu entwickeln.“

Junge Generation fordert ihren Platz

Timor Leste ist nicht nur eine junge Nation, das Land hat auch eine sehr junge Bevölkerung: 53% der Osttimores*innen sind unter 17 Jahren alt. Inzwischen ist eine neue Generation herangewachsen, die den Kampf für die Unabhängigkeit nur aus den Erzählungen ihrer Eltern kennt. Noch vor wenigen Jahren suchten junge Menschen ihre Identität und ihre Rolle in einer Gesellschaft, die von Held*innen und Kämpfer*innen der Vergangenheit bestimmt war. Wo blieb da Platz für sie? Heute nehmen sie sich ihren Raum mit einem neuen Selbstvertrauen.

„Ich bin ein Kind Timors. Meine Identität als Timoresin definiert sich durch meinen Beitrag, den ich für die Nation leiste. Timor-Leste gehört auch mir: Das heißt, ich bin mitverantwortlich für dieses Land und seine Entwicklung. Ich identifiziere mich mit meiner Kultur, unserem Handwerk und Traditionen. Das sind die äußeren Gegebenheiten. Aber für mich persönlich ist die Identifikation mit Timor-Leste, dass es MEIN Land ist. Ich muss dieses MEIN fühlen, und damit bin ich verantwortlich für mich in diesem Land und für das Land selbst“, erläutert uns Maria Filomena Soares Abrantes, 21 Jahre alt und Mitglied im Jugendparlament.

Timor-Leste präsentiert bei der offiziellen Feier zu 20 Jahre Referendum seine Kultur © Monika Schlicher

Timor-Leste präsentiert bei der offiziellen Feier zu 20 Jahre Referendum seine Kultur © Monika Schlicher

„Die letzten 20 Jahre waren für uns junge Menschen wie eine Suche nach uns selbst“, ergänzt Oktavianti Maria Nunes, 23 Jahre alt. „Es ist uns wichtig zu erfahren, was in der Geschichte unseres Landes wirklich passiert ist. So können wir einschätzen, was bis heute schon alles erreicht wurde. Und nur aus diesem Verständnis heraus können wir unseren Beitrag zur Entwicklung leisten.“

Umgang mit der belasteten Vergangenheit: Versöhnung und Frieden

Ihre Fragen nach der Geschichte trugen die jungen Menschen in viele Veranstaltungen rund um den 20. Jahrestag hinein. Sie drehten sich um Gerechtigkeit, Versöhnung und Frieden. Respekt und Anerkennung für die Beiträge der internationalen Solidaritätsbewegung wurden uns Aktiven nicht nur von den alten Weggefährten gezollt, sondern auch von der jungen Generation. Diese nutzten die Veranstaltungen ausgiebig, um in Dialog zu treten. Und zwar durchaus kritisch.

Solidarisch an der Seite von Timor-Leste: Damals wie heute © Monika Schlicher

Solidarisch an der Seite von Timor-Leste: Damals wie heute © Monika Schlicher

Eines dieser umstrittenen Themen ist der Umgang mit der belasteten Vergangenheit. Während manche internationale Aktivist*innen es als ein Versäumnis ansehen, dass Timor-Leste nicht auf die Strafverfolgung für die Generäle aus Indonesien gepocht hat, brachten junge Menschen einen anderen Blickwinkel ein. „Ich bewundere unsere politische Führung dafür, dass sie 1999 sogleich in einen Aussöhnungsprozess mit Indonesien getreten ist“, betont Matheus dos Santos, der aktiv im Jugendrat ist.

„Die Versöhnung zwischen Indonesien und Timor-Leste war ein Weg, um den Konflikt zu beenden und Frieden in Timor-Leste für die kommenden Generationen zu schaffen. Damit haben Xanana Gusmão, José Ramos-Horta und andere das Überleben unseres Landes gesichert. So konnte das Land wieder aufgebaut werden. Wir, die junge Generation, können nun die Chancen nutzen, unser Land weiter zu entwickeln, und die Unabhängigkeit genießen.“

Fehlende Gerechtigkeit – fehlende nationale Einheit

Auch in anderen Zusammenhängen haben wir den Stolz auf den Versöhnungsprozess zwischen Timor-Leste und Indonesien vernommen. Gerade anlässlich der 20 Jahres-Feierlichkeiten ist vielen nochmals bewusst geworden, wie gewichtig dieser für Timor-Leste war. Dennoch fügte sich ein ‚Aber’ an: Viele der Straftäter von damals seien in Timor-Leste bis heute nicht zur Rechenschaft gezogen und viele Opfer noch nicht berücksichtigt worden. Dieser Prozess sei begonnen, doch mitten auf dem Weg abgebrochen worden. Dieses Ungleichgewicht bleibe bestehen.

Immer wieder wurde betont, dass eine noch fehlende Verständigung zwischen den Unabhängigkeitsbefürworter*innen und den Pro Autonomie Kräften der Einheit der Nation noch entgegenstehe. Es bleibt ein unbearbeitetes Thema. „Im Prozess des Aufbaus einer Nation muss sich der Identifikationsraum von einem „Ich und meine Gruppe“ zu einem einschließenden „Wir“ öffnen, um dem Kreislauf, immer jemand anderem die Verantwortung zuzuschieben, zu entkommen“, mahnt Hugo Fernandes, Direktor des Centro Nacional Chega! (CNC), der Nachfolgeinstitution der Wahrheitskommission.

Solidarität mit den Opfern

Das berührt auch die Fragen nach der Solidarität mit den Opfern und Überlebenden. „Bis zur Einrichtung des CNC 2017 gab es in der Regierungspolitik keinerlei Erwähnung der Opfer von Menschenrechtsverletzungen. Beachtung fanden nur die Veteran*innen.“, fährt er fort. „Solidarität mit den Opfern ist eine unserer Aufgaben beim CNC, und es liegt noch ein langer Weg vor uns. Welchen Sinn macht es, die Wahrheit ans Licht zu bringen, wenn wir dann nicht darauf reagieren?“ Auch er verweist auf das Ungleichgewicht im historischen Narrativ, das seit 20 Jahren bestehe: „Während die Veteran*innen als Held*innen gefeiert werden, bleibt die vergewaltigte Frau, die drei Kinder von drei verschiedenen indonesischen Soldaten hat, ausgegrenzt.“

Adelia Guterres leitet die Abteilung für Konfliktprävention im Innenministerium. Sie arbeitet an der Umsetzung des Nationalen Plans zur UN Resolution 1325 zu Frauen, Frieden und Sicherheit. Am Rande der internationalen Konferenz Strengthening Solidarity for Justice and Peace sitzen wir mit ihr im Park Borja da Costa. Die Beziehung zur Basis hat die alte Widerstandskämpferin und Aktivistin nie verloren. In diesem Geiste engagiert sie sich nun in der Regierungsarbeit, immer zum Wohle aller, insbesondere für diejenigen, die Hilfe brauchen.

Die internationale Solidarität für Gerechtigkeit und Frieden stärken - über die Grenzen von Timor-Leste hinaus © Maria Tschanz

Die internationale Solidarität für Gerechtigkeit und Frieden stärken – über die Grenzen von Timor-Leste hinaus © Maria Tschanz

Ihr Traum für die Zukunft ist, dass die Frauen, die Opfer von Menschenrechtsverletzungen wurden, endlich auch Gerechtigkeit erfahren. Damit meint sie zum Beispiel die Frauen, deren Männer im Dschungel kämpften, und die deshalb vom indonesischen Militär gefangen genommen, ins Gefängnis gebracht, gefoltert und vergewaltigt wurden. Nicht selten waren sie gezwungen ihre Peiniger zu heiraten.

„Früher sind sie Opfer von Menschenrechtsverletzungen geworden, nach der Unabhängigkeit werden sie schon wieder zum Opfer. Sie erfahren Verurteilungen und Verletzungen durch das Verhalten der Regierung, der Gesellschaft, ihrer Familie und Gemeinde. Die Menschen wollen einfach nicht verstehen, dass sie zu einer Heirat gezwungen wurden. Damit haben sie womöglich sogar das Leben ihrer Väter, ihrer Ehemänner, ihrer Familien gerettet. Es war keineswegs ihr Wunsch, diese indonesischen Militärs zu heiraten. Genauso verhält es sich, wenn Frauen vergewaltigt wurden. Heute wird ihnen vorgeworfen, dass sie dies ja selbst so gewollt hätten. Sie werden als Huren beschimpft und sind geächtet.”

Frauen haben einen enormen Beitrag zur Befreiung geleistet

So kam es auch, dass viele der Frauen über diese Vergehen nicht öffentlich Zeugnis ablegten, zum Beispiel bei den Anhörungen der Wahrheitskommission. Erst heute wagen sie diese Anklagen öffentlich zu machen.

„Dieser Schritt ist so wichtig, damit die Gesellschaft diese Verbrechen auch als Straftat begreift. Diese Frauen haben einen enormen Beitrag zur Befreiung geleistet. Es wäre ein Heilungsprozess für sie, dieses Verständnis zu bekommen. Während der Besatzungszeit war es unser Traum, frei zu sein. Das haben wir erreicht. Die soziale Gleichheit ist mein Traum für die Zukunft.“

Der Wiederaufbau eines Landes ist eine schwierige Aufgabe, unabhängig von seiner Größe und seinen Ressourcen. Zwanzig Jahre sind keine lange Zeit. „Aber es ist genug Zeit, um die Menschen in den Mittelpunkt der Entwicklung zu stellen“, fasst Mica Barreto Soares die Aufgabe zusammen.

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Die Autorin

Monika Schlicher ist Geschäftsleiterin der Stiftung Asienhaus und zudem dort verantwortlich für das Programm zu Timor-Leste. Solidarisch steht die Politologin, Historikerin und Menschenrechtsaktivistin an der Seite Osttimors und engagiert sich im lebendigen Austausch mit seinen zivilgesellschaftlichen Kräften.

  • Timor-Leste, Papst, Religion

    Timor-Leste – Anlässlich des Papst-Besuchs 2024 kritisiert Josh Trindade die kulturelle, spirituelle und identitätsbezogene Kolonisierung.

  • Timor Leste, Wassernutzung, Umweltschutz

    Timor-Leste – Ego Lemos, Gründer von Permatil, spricht im Interview über nachhaltige Landwirtschaft, die gemeinschaftsorientiert ist und auf indigenem Wissen fußt.

  • Timor Leste, Demokratie, Institutionen

    Timor-Leste – Demokratie-Messungen sehen das Land in führender Position in Südostasien. Doch Rivalitäten der alten Führungselite beeinträchtigen das Funktionieren der Institutionen.

  • Einweg-Plastik soll verboten werden © Philip Ray

    Timor-Leste – Der Gebrauch von Einweg-Kunststoffprodukten soll künftig verboten werden. Bis 2030 möchte die sich entwickelnde Inselnation alle Kunststoffabfälle recyceln. Entsprechende Gesetzesentwürfe und Vereinbarungen hat der Staatssekretär für Umwelt des Landes, Demétrio do Amaral de Carvalho, jüngst auf den Weg gebracht.

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Die Autorin


Maria Tschanz war von 2003-2007 als Fachkraft der AGEH im Zivilen Friedensdienst in Timor-Leste bei der Frauenorganisation Fokupers für psychosoziale Beratung, Coaching und Organisationsentwicklung tätig. Sie ist seither dem Land und seinen Menschen verbunden.

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3 | 2019, Osttimor, Timor-Leste,
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20 Jahre in Freiheit

USA/Kambodscha: Die Rhetorik in der Corona-Krise hat erneut Parallelen zwischen anti-asiatischem und anti-Schwarzem Rassismus deutlich gemacht. Als Konsequenz begannen viele Gruppen, sich zu solidarisieren und ihre Kämpfe zu verbinden, zum Beispiel die Cambodian American Literary Arts Association

Das Alarmsignal für mehr Solidarität untereinander war in diesem Jahr laut und deutlich zu vernehmen. Während die Welt gegen eine globale Pandemie kämpft, haben viele von uns nach wie vor mit dem Kampf gegen rassistische Benachteiligung zu tun. Mit aufgesetzten Masken und handgeschriebenen Plakaten oder Schildern, die hoch in die Luft geschwenkt werden, entscheiden sich Gemeinschaften aus der ganzen Welt, einschließlich derer aus der kambodschanischen Diaspora, solidarisch zusammenzustehen. Das Adrenalin, das dabei freigesetzt wird und durch die Straßen schwappt, ist förmlich greifbar.

Anti-asiatischer Rassismus während der Corona-Pandemie

Sich zu engagieren und sich an den gegenwärtigen sozialen Bewegungen zu beteiligen, erfordert viel Mut, Opfer und das bewusste Eingehen von Risiken. Zu Beginn der Pandemie und aufgrund vermehrter rassistischer Rhetorik wurden asiatische Amerikaner*innen wiederholt angefeindet. Menschen mit asiatischen Wurzeln dienten als Zielscheibe und wurden Opfer hasserfüllter Taten. Antirassistische Bewegungen, die es zuvor bereits gab, wollten dem etwas entgegensetzen und klar machen, dass Asiat*innen – anders als so oft behauptet – eben kein Virus sind.

Die Spannung war bereits hoch. Als George Floyd am 25. Mai 2020 ermordet wurde, wuchs die antirassistische Bewegung noch einmal, da die Demonstrierenden nun auch gegen die Brutalität der Polizei kämpften. Viele Menschen aus der kambodschanischen Diaspora in Amerika stellten sich an die Seite der Schwarzen Bevölkerung, um gegen diese Ungerechtigkeiten aufzubegehren. Dies geschah jedoch nicht immer ohne Kritik von Mitgliedern aus unserer eigenen Gemeinschaft. „Ihr seid keine Schwarzen. Warum engagiert ihr euch dafür?“ hieß es oft. Unsere Antwort darauf lautet: „Das Leben von Kambodschaner*innen ist wichtig. Aber alle Leben sind gleich wichtig.“

Kämpfe gegen Diskriminierung verbinden

Häufig bekamen wir dennoch zu hören, dass wir zuerst unserer eigenen Gemeinschaft helfen sollten. Diese Reaktionen auf die Black Lives Matter-Bewegung (BLM) waren teilweise sehr entmutigend. Aber sie hielten diejenigen, die verstehen, dass die Befreiung von asiatischen Amerikaner*innen und Afroamerikaner*innen miteinander verbunden sind, nicht davon ab, weiter zu demonstrieren. Wie Dr. Martin Luther King Jr. sagte: „Niemand ist frei, bis wir alle frei sind“. Hätte die kambodschanische Diaspora in den USA dieselben Freiheiten ohne die Opfer, welche die Schwarze Gemeinschaft in der Geschichte erbracht hat und ohne die Bürgerrechtsbewegung? Wir müssen uns an diejenigen erinnern, die uns den Weg zum Schutz unserer eigenen Menschenrechte geebnet haben, lange bevor wir es konnten.

Ein weiterer Aspekt in der Debatte ist, dass uns klar werden muss, welche Vorurteile uns selbst beigebracht wurden. In dem Moment, als einige von uns auf ihre eigene Erziehung zurückblickten, wurde vielen klar: Anti-Schwarzer Rassismus wurde uns schon in jungen Jahren anerzogen. Man sah auf dunklere Haut herab, und hellere Haut wurde bewundert. Es wurde deutlich, dass genau dies ein Teil des Problems ist. Um eine stärkere Gemeinschaft aufzubauen und Verbündete im Kampf gegen Rassismus zu werden, müssen wir das Problem anerkennen und die toxischen Erzählungen, die man uns beigebracht hat, aktiv wieder verlernen. Dazu müssen wir in der Lage sein, miteinander zu kommunizieren und bereit dazu sein, neue Dinge zu erlernen.

Sich Sprache bewusst machen, um Rassismus zu verlernen

Die Cambodian American Literary Arts Association (CALAA) hat als Lehre aus diesen Erkenntnissen aktive Schritte unternommen, um das Gespräch über Anti-Schwarzen Rassismus und die Black Lives Matter-Bewegung zu unterstützen und zu fördern. Dank des Engagements und der Leitung von Lena Sarunn, der Exekutivdirektorin der CALAA, begann die Vereinigung, mit Gemeindepartner*innen in Massachusetts und Minnesota zusammenzuarbeiten, um das Black Lives Matter Translation Project zu entwickeln. Der erste Schritt, den die Menschen in unserer Gemeinde tun können, besteht darin, die verschiedenen Wörter und Sätze zu lernen, die nötig sind, um miteinander zu kommunizieren und sinnvolle Gespräche über Rassismus und Anti-Schwarze Diskriminierungsformen zu führen. Das Black Lives Matter Translation Project bietet Wörter und Redewendungen in Khmer und Englisch mit erläuternden Audiospuren in Khmer als Hilfsmittel für diese Gespräche an. Es besteht auch die Möglichkeit einer wörtlichen Übersetzung ins Englische, da es manchmal schwierig ist, Wort für Wort zu übersetzen. Die wörtliche Übersetzung von Black lives matter in Khmer lautet zum Beispiel: Schwarze Leben sind ebenso wichtig.

Nutzer*innen können dabei auch lernen, was Begriffe wie ‚Rassismus’, ‚weißes Privileg’ und ‚Allyship’ bedeuten und wie sie jeweils ausgesprochen werden. Die Hoffnung von CALAA ist, dass dieses Hilfsmittel eine nützliche Wirkung entfalten kann, sei es in Gesprächen mit der Familie, Freunden oder anderen Bekannten. Indem wir ein Wort nach dem anderen bestimmen, können wir positive, wünschenswerte Veränderungen für eine bessere, antirassistische Zukunft herbeiführen.

Wichtige Wörter und Phrasen zum Thema in Khmer können im Verzeichnis des Projektes nachgelesen werden.

Gemeinsame Diaspora-Erfahrungen teilen

Darüber hinaus sammelte CALAA verschiedene Perspektiven aus der kambodschanischen Diaspora im ganzen Land in Bezug auf die Black Lives Matter-Bewegung (BLM) und stellte sie in einer Publikation zusammen. Diese hat vor allem zum Ziel, das Thema in Südostasien bekannter zu machen. Wenn man die Möglichkeit hat, aufzuschreiben, wie man sich fühlt, und diese Gedanken austauschen kann, ist das ein wirkungsvoller Weg, um Verbindungen untereinander herzustellen. Wie die kambodschanisch-amerikanische Dichterin Sabrina Im als Teil ihrer Sichtweise der BLM feststellt: „Wir alle durchleben eine Pandemie und einen historischen Einschnitt. Aber wenn unsere südostasiatischen Gemeinschaften zusammenkommen können, vereint gegen Ungerechtigkeit, hoffe ich, dass wir uns alle daran erinnern, was Hoffnung und kollektive Solidarität bedeuten“.

Wie sehen Solidarität und Allyship in Zeiten wie diesen aus? Ein großer Teil davon besteht darin, Vordenker*innen von Schwarzen-Bewegungen und den Menschen in Schwarzen Gemeinschaften aktiv zuzuhören. Diese Form der Solidarität hebt schwarze Schriftsteller*innen, Künstler*innen und Kreative hervor. Sie nutzt Ihre Macht als Verbraucher*in, um Unternehmen, die von Schwarzen Menschen geführt werden, zu unterstützen. Sie stärkt auch ihre politische Stimme und geht an die Wahlurnen, um für diejenigen zu stimmen, die Rassismus verurteilen.

Erziehungsmuster verändern, um Gemeinschaft zu schaffen

Ein weiterer wichtiger Aspekt ist das Verständnis dafür, wie eng unsere Gemeinschaften miteinander verflochten sind. Ein afrikanisches Sprichwort besagt: „It takes a village to raise a child.” Alle Kinder, auch die mit bikulturellem oder multikulturellem Hintergrund, müssen wissen, dass wir alle zueinander stehen und dass sie in allen Räumen akzeptiert werden. Egal, ob sie sich nun als kambodschanisch, als Schwarz oder als Schwarze Kambodschaner*innen sehen.

Rassismus wird nicht über Nacht verschwinden. Wir können protestieren, wir können Artikel schreiben, wir können spenden. Aber am wichtigsten ist, dass wir immer solidarisch zusammenhalten müssen, damit in unserer nahen Zukunft und für kommende Generationen ein echter antirassistischer Wandel stattfinden kann.

Übersetzung aus dem Englischen von: Simon Kaack

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3 | 2019, Osttimor, Timor-Leste,
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20 Jahre in Freiheit

Vietnam gilt als erfolgreich bei der Bekämpfung von Covid-19. Liegt es an den Maßnahmen der Regierung? Und wie sind diese durch die Bevölkerung akzeptiert worden?

In neueren Zeitungsartikeln wird Kritik an Europas Versäumnissen bei der Bekämpfung der Covid-19-Pandemie geäußert. Diese hätten durch die Anwendung von erfolgreichen Maßnahmen, wie sie einige asiatische Länder durchgeführt hatten, verhindert werden können. Eine eurozentristische Sichtweise, die den Erfolg dieser Maßnahmen zur Eindämmung des Virus auf autoritäre Strukturen allein zurückführt, versperrt den Blick auf jene wirksamen Maßnahmen, die – in abgewandelter Form – auch in Europa hätten durchgeführt werden können. Beispielsweise hätten auch in Deutschland konsequentere lokale Lockdowns, eine Pflichtquarantäne in zentralisierten Einrichtungen für Einreisende aus Risikogebieten oder Verbote der Ausreise in Risikogebiete eingeführt werden können.

Maßnahmen zur Kontaktreduktion und -rückverfolgung

Die hohe Alarmbereitschaft Vietnams zeigt sich deutlich an der zügigen Grenzschließung zu China am 1. Februar 2020. Ein Grund ist der geregelte Austausch zwischen Vietnam und China im Falle einer Pandemie. Gleichzeitig kann auch ein gewisses Misstrauen Vietnams gegenüber China bezüglich der Nachrichtenlage zu Covid-19 nicht ausgeschlossen werden. So wurde von einem vietnamesischen Cyber-Angriff auf China berichtet, was von offizieller Seite jedoch abgestritten wurde. Schnell setzte die vietnamesische Luftfahrtbehörde zuerst Flüge nach Wuhan und dann nach ganz China aus. Die Einreise internationaler Tourist*innen ist seit dem 22. März 2020 nicht mehr möglich.

Der erste und bis dato einzige landesweite Lockdown galt ab dem 1. April 2020 für 15 Tage, wo ausschließlich für wichtige Besorgungen oder in Notfällen das Haus verlassen werden durfte.

Bei späteren Ausbrüchen gab es gezielte lokale Lockdowns. Ende Dezember 2020 zum Beispiel gab es in Ho-Chi-Minh-Stadt einen Infektionsfall, auf den hin alle 72 Wohnungen eines Wohnblocks komplett abgeriegelt wurden. Leider gab es auch Extremfälle: in Hanoi ist im Mai 2020 ein Gebiet mit circa 120 Haushalten komplett abgeriegelt worden, nachdem eine Person Fieber und ein Engegefühl in der Brust gemeldet hatte. Rigoros wurde auch bei Verdacht auf Superspreading-Events vorgegangen: am 16. März 2020 wurden ein ganzes Dorf sowie eine Moschee abgeriegelt, nachdem eine infizierte Person identifiziert worden war.

Eine weitere Kontakt reduzierende Maßnahme war das Verbot größerer kultureller und religiöser Veranstaltungen mit mehr als 20 Personen im Frühjahr 2020. Die erste und einzige landesweite Schulschließung galt von Februar bis Mai 2020. Bei späteren Ausbrüchen gab es gezielte lokale Schulschließungen.

Contact Tracing

Vietnam wurde schnell für seine effektive Rückverfolgung bekannt. Bereits am 9. März 2020 wurde landesweit die App NCOVI bereitgestellt, mit der Benutzer*innen ihren aktuellen Gesundheitsstatus eingeben und auf Karten bestimmte Hotspots einsehen konnten. Am 18. April 2020 wurde zusätzlich die Warn-App Bluezone eingeführt. Diese arbeitet ähnlich der deutschen Corona Warn-App mit Bluetooth- und GPS-Daten. Sie wurde bis September 2020 bereits 22,5 Millionen Mal heruntergeladen.

Die gesellschaftliche Akzeptanz der Freigabe persönlicher Daten zum Wohl der Gesellschaft ist in Vietnam relativ groß. Gleichwohl gibt es auch Bedenken. Nach Aussage eines vietnamesischen IT-Sicherheitsingenieurs kann die App auch ohne Einverständnis der Nutzer*innen auf deren Benutzerdaten zugreifen. Ebenfalls kritisch zu sehen ist die herkömmliche analoge Kontaktpersonennachverfolgung. Medien zufolge nutzen vietnamesische Tracer nicht nur die Informationen, die die Personen ihnen freiwillig geben, sondern gleichen diese zusätzlich mit deren Facebook- oder Instagram-Posts ab.

Quarantäne und Isolation

Am 3. Februar 2020 führte Vietnam die Quarantänepflicht für Einreisende aus der chinesischen Provinz Hubei ein. Am 12. März 2020 wurde sie auf alle Einreisenden erweitert. Bald mussten alle Menschen mit Covid-19-ähnlichen Symptomen sowie alle Erstkontakte in zentrale Quarantäneeinrichtungen. Dieses System hat sich als sehr effektiv erwiesen. Seit Beginn des Ausbruchs mussten (Stand: 01/21) insgesamt 10.409.779 Menschen in Quarantäne, 4.447.859 davon in zentralen Einrichtungen.

Kritikwürdig bleibt die Unfreiwilligkeit der Quarantäne. Tausende Menschen wurden zum Aufenthalt gezwungen ─ was gegen sämtliche Freiheitsrechte verstößt. Am 3. April 2020 wurde außerdem die konsequente Isolation Erkrankter verordnet: Mindestdauer 14 Tage und Entlassung erst nach zwei negativen Tests. Alle nachgewiesen Infizierten werden in Krankenhäusern medizinisch überwacht. Zweit- und Drittkontakte dürfen je nach Situation entweder die Quarantäne zu Hause verbringen oder müssen sich in eine Quarantäneeinrichtung begeben.

Offensichtlich ist also in Vietnam alles dafür getan worden, die Kontakte zu reduzieren. Die Grenzen wurden abgeriegelt, Einreisende in Quarantäne-Einrichtungen geschickt, alle Erkrankten isoliert und sämtliche Kontakte (F1, F2, F3 & F4) ermittelt. Dies funktionierte allerdings nur durch die Einschränkung von Freiheitsrechten.

Laut einer Studie unterstützten im April 2020 89% der befragten Vietnames*innen die Kontakt reduzierenden Beschlüsse der Regierung. Wie ist diese hohe gesellschaftliche Akzeptanz der Maßnahmen zu erklären? Ein wichtiger Grund liegt sicherlich im ganzheitlichen Ansatz der Regierung zur Virusbekämpfung, was weitere Verunsicherungen in der Bevölkerung vermied. Außerdem waren die Umsetzung und Kontrolle aller Maßnahmen konsequent. Und schließlich ist entschieden gegen die Nichtbeachtung der Regeln sowie gegen öffentliche Opposition vorgegangen worden. Beispielsweise wurde von massiver Zensur berichtet, insbesondere in den Sozialen Medien. Kritik an Regierungsmaßnahmen konnte als Kritik an der Regierung selbst verstanden werden und somit unter anderem auf Berufung des Dekrets 15 (z.B. Teilen von Informationen, welche dem nationalen Interesse widersprechen) bestraft.

Gesellschaftsbewusstsein und Kollektivismus

Ein weiterer Grund für die gesellschaftliche Akzeptanz in Vietnam kann am stark ausgeprägten gemeinwohlorientierten Denken liegen. An dieses Bewusstsein (vn.: ý thức) wird stets appelliert. In kollektivistischen Gesellschaften sind Menschen eher bereit, ihre individuellen Freiheiten für das Wohl aller zu opfern. China-Korrespondentin Lea Deuber wehrt sich gegen die oft gehörte Behauptung, die asiatische Solidarität beruhe auf einer Art ‚Untertanen-Mentalität’. Vielmehr seien die Maßnahmen einfach nicht so politisiert worden wie hierzulande. Die Menschen fühlten sich durch ihren Staat geschützt. Doch neben Solidarität und Kollektivismus mögen auch bestimmte Ängste eine nicht unwesentliche Rolle gespielt haben.

Dies zeigt sich beispielsweise an dem großen Einfluss eines BBC-Artikels, der am 30. Januar 2020 in den vietnamesischen sozialen Medien verbreitet worden ist. Darin stellte der Tropenmediziner Dr. Hoàng Kim Phúc Ideen vor, die Vietnam beim Umgang mit Covid-19 helfen könnten. Schon der Titel Vietnam braucht ein Quarantänemodell, damit die Gesundheitsversorgung im Falle eines Ausbruchs der Epidemie nicht zusammenbricht wirkt erschreckend, da die Möglichkeit eines Zusammenbruchs des Gesundheitssystems direkt angesprochen wurde. Unter anderem schlug er vor, beim Auftreten eines Ansteckungsfalles die örtlichen Schulen zu schließen und diese aufgrund ihrer guten Luftzirkulation stattdessen als Quarantäne-Einrichtungen zu nutzen.

Die Inanspruchnahme von Gesundheitsleistungen in Vietnam ist relativ gering, stattdessen glauben viele Vietnames*innen an Selbstmedikation. Dies liegt unter anderem an einigen bestehenden Problemen in der allgemeinen Gesundheitsversorgung. Gründe hierfür könnten unter anderem die relativ geringen staatlichen Ausgaben für das Gesundheitssystem (9,3 % der vietnamesischen Staatsausgaben) sein.

Das Misstrauen der Bevölkerung gegenüber dem staatlichen Gesundheitssystem ist groß. Angesichts begrenzter Ressourcen sind sich die Menschen bewusst, dass jede*r Einzelne beim Kampf gegen das Virus einen aktiven Beitrag leisten muss. Die Hanoier*innen wussten um die mangelhafte Ausstattung ihrer Krankenhäuser, über die nur 300 Beatmungsgeräte in der Millionenstadt, welche das medizinische Personal bei einem größeren Covid-19-Ausbruch vor enorme Schwierigkeiten (inklusive Priorisierungs-Entscheidungen) stellen würde.

Angst und Kontrolle

Neben der Angst vor Ansteckung und Erkrankung riskiert man in Vietnam, beim Auftreten von Covid-19-Symptomen gemeldet zu werden. Aufrufe zur Denunziation seien augenfälliger Teil des Kampfs gegen die Verbreitung des Virus, berichtet der Soziologe Lê Trọng Phương (Persönliches Gespräch, 14.9.2020). Im Bewusstsein der Überwachung durch die Sicherheitsorgane ist die Bevölkerung zur Vorsicht angehalten. Durch den Kollektivismus, der die Zurückstellung eigener Bedürfnisse zum Wohle der Gemeinschaft fordert, kann eine Ansteckung für ein Individuum zu öffentlicher Anprangerung führen. Manche an Covid-19 Erkrankten wurden sogar derart gestalkt, dass sie sich öffentlich entschuldigten mussten.

Nicht nur der Solidaritätsgedanke trug zur gesellschaftlichen Akzeptanz der politischen Maßnahmen bei, sondern auch die diversen Ängste der Menschen: vor Ansteckung, vor Krankenhausaufenthalt, vor öffentlicher Anprangerung, vor Repressionen (z.B. die Bestrafung von Social-Media-Posts zu Covid-19), vor Überwachung oder dem Aufenthalt in einer Quarantäne-Einrichtung.

Fazit & Ausblick

Einige Asienwissenschaftler sehen Europas Umgang mit Covid-19 als gescheitert an, unter anderem aufgrund eines „Habitus der Überlegenheit“ gegenüber asiatischen Ländern, die kompetentes Krisenmanagement bewiesen. Deshalb liege Europas einzige Hoffnung nun in der raschen Impfung der Bevölkerung. Vietnam hingegen hat dank seines kompetenten Krisenmanagements einen relativ glimpflichen Verlauf der Covid-19-Pandemie erfahren. Die Gründe hierfür sind seine Pandemieerfahrung (die SARS-Pandemie 2003, die H5N1-Vogelgrippe 2004 und die H1N1-Schweinegrippe 2009) insbesondere in den Krankenhäusern, die verhältnismäßig junge Bevölkerung sowie die frühe Hospitalisierung Erkrankter.

Aufgrund der geografischen Nähe zu China ergriff Vietnam außerdem bereits Abwehrmaßnahmen, als man sich hierzulande noch in sicherer Entfernung wog. Gleichwohl haben einige der durchgesetzten Maßnahmen stark in die Menschenrechte eingegriffen. Unklar bleibt, wie lange Vietnam seine Grenzen geschlossen halten kann. Was wird passieren, wenn Vietnam wieder seine Grenzen für den Tourismus öffnet? Daher ist man auch hier bestrebt, die Bevölkerung zu impfen, weshalb an einem eigenen Impfstoff geforscht wurde. Die Regierung bestellte zudem im Januar 2021 30 Millionen Impfstoffdosen von AstraZeneca. Interessant wird außerdem sein, ob die vietnamesische Regierung eine Impfpflicht einführen wird. Solch eine Impfpflicht gibt es bereits für zehn Krankheiten wie Hepatitis B oder Diphterie.

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3 | 2019, Osttimor, Timor-Leste,
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20 Jahre in Freiheit

Europa/Asien – Die Covid-19-Pandemie verursacht eine globale gesundheitliche, soziale und ökonomische Krise und zugleich enorme Konfusion und Ratlosigkeit. Das Buch „Corona, Krise, Kapital“ von Verena Kreilinger, Winfried Wolf und Christian Zeller ist lesenswert. Denn es verbindet eine solide Analyse der Pandemie mit einer klaren Perspektive, wie eine solidarische Antwort darauf aussehen könnte.

Die Politik der Bundesregierung angesichts der Pandemie ist eine Bankrotterklärung. Hier ist das Buch Corona, Krise, Kapital unmissverständlich. Nach einem Jahr währenden ‚Jojo-Lockdown’ ist dieser Bankrott offensichtlich geworden. Die Große Koalition hat nicht nur fast drei Millionen Infizierte, viele davon mit Langzeitfolgen, und über 75,000 Tote in Deutschland zu verantworten, sondern auch immense soziale und psychische Schäden, die durch ihre halbherzige Politik angerichtet werden. Die These des Buches, die die Autor*innen systematisch nachweisen, ist, dass die deutsche Regierung (und natürlich auch viele andere in Europa und der restlichen Welt) die Profit- und Akkumulationsinteressen des Kapitals über die Gesundheit und das soziale Wohlergehen der Bevölkerung stellen.

Um es kurz zu sagen: man kann eine Pandemie nicht wirksam eindämmen, wenn Kontaktbeschränkungen auf individualisiertes Verhalten in der Freizeit fokussiert werden, aber jeden Tag Millionen von Menschen in Fabriken, Supermärkten und Großraumbüros arbeiten müssen. Von Anfang an hat diese Regierung daher nicht das Ziel verfolgt, den Virus auszulöschen, sondern nur die Ausbreitung zu verlangsamen („flatten the curve“), damit deutsche Unternehmen weiterproduzieren können.

Der Provinzialismus des Westens

SARS, MERS-CoV, Ebola – es gab in den letzten Jahren etliche Virenseuchen, die Warnsignale abgegeben haben. 2012 gab die Bundesregierung die vom Robert-Koch-Institut mitverfasste Studie Pandemie durch Virus Modi-SARS in Auftrag. Die Analyse, wenn man sie im Vergleich zur heutigen Pandemie lese, sei „im hohen Maß wirklichkeitsnah“, nur mit dem Unterschied, dass der angenommene Virus tödlicher sei. Im Planspiel sterben 7.5 Millionen Menschen. Man hatte daher genug Zeit, sich auf diese Pandemie vorzubereiten, doch „alle Warnungen wurden in den Wind geschlagen“. Stattdessen seien seit der Studie „120 Kliniken geschlossen und mehr als 10,000 Krankenbetten abgebaut“ worden, wird in Corona, Krise, Kapital festgestellt.

Die Autor*innen schreiben, dass man „eine Epidemie des 21. Jahrhunderts“ am besten mit „Maßnahmen des 19. Jahrhunderts bekämpft“. Laut WHO müsse man „die Kontaktpersonen ausfindig machen, alle Kontakte nachvollziehen“, um sie dann zu isolieren. Genau dies hat die chinesische Regierung nach dem Ausbruch in Wuhan getan. Die Stadt und die Provinz wurden abgeschottet, keiner durfte rein oder raus. Alle Menschen mussten zu Hause bleiben, auch die Büros und Fabriken wurden geschlossen, der individuelle Autoverkehr und öffentliche Verkehrsmittel eingestellt. Es halfen auch viele Freiwillige mit, um die Menschen systematisch zu testen. Mit Hilfe von zehntausenden von Ärzten und Helferteams wurden überall „Quarantäneeinrichtungen in Messehallen, Sportstätten“ und Krankenhäusern eingerichtet, um auch „Kontakte der Infizierten aufzuspüren und unter Quarantäne zu stellen und somit die Übertragungsketten einzudämmen“. Mit Erfolg. Nach wenigen Monaten war der Virus in China praktisch ausgestorben, das Leben geht schon längst ‚normal‘ weiter.

Kaum auszumalen, wenn China den Virus so hätte grassieren lassen, wie Europa. Allerdings wird im Buch auch die Intransparenz und Informationspolitik der chinesischen Regierung kritisiert: anstatt sofort die WHO zu informieren und Flüge aus der Region zu unterbinden, habe man zunächst geschwiegen, um die Exportgeschäfte nicht zu gefährden. Damit seien wertvolle Tage und Wochen verloren gegangen. Dass man aber trotzdem entschlossen auf die Gefahr reagieren konnte, zeigt Südostasien, das zum Beispiel Auslandsflüge schnell unterband. Der Westen hingegen blieb in neoliberalen Dogmen verhaftet. Ein solches rigoroses Eingreifen wie im ‚autoritären Asien‘ wäre mit ‚unserer freiheitlichen‘ Ordnung nicht zu machen, so eine häufig gehörte Argumentation.

Eine neoliberal gemachte Katastrophe

Eine Stärke des Buches ist seine globale und ganzheitliche Perspektive. Die Pandemie ist in seiner Analyse ein Resultat der kapitalistischen, globalisierten Produktionsweise einerseits. Andererseits verstärkt sie die enormen sozialen Ungleichheiten und Verwerfungen des Neoliberalismus. Covid-19 wird zugleich als Ergebnis und Beschleuniger einer dreifachen ökologischen, sozialen und wirtschaftlichen Krise analysiert.

Die Autor*innen verorten die Ursachen dieser sowie vieler vorangegangener und künftig auf uns zurollender Pandemien in der Zerstörung der Natur im Kapitalismus. Erstens werde durch die Zerstörung von Habitaten, zum Beispiel durch Entwaldung, eine künstliche Nähe zwischen Wildtieren und Menschen hergestellt, die zur Übertragung und Mutation von Viren führen könne. Zweitens schaffe die Massentierhaltung ideale Bedingungen für die Ausbreitung und Mutation von Viren. Und drittens werde durch die globalisierten Warenketten und Freihandelsdogmen eine große Zahl von Verbindungen geschaffen, die zur schnellen Ausbreitung einer Pandemie führen könne. Dies alles trifft in besonderer Weise auf Südostasien zu, wo sich Plantagenwirtschaft und Bergbau in die Wälder hineinfressen, und Landschaften schaffen, die ideal für die Ausbreitung von Stechmücken (mitsamt Virenmutationen) sind.

Ein ganzes Kapitel des Buches ist der Wirtschaftskrise gewidmet, die die größte seit 1929 werden dürfte. Kapitalvernichtung und Einbrüche im Bruttosozialprodukt führten vielerorts zu Massenverarmung, während mal wieder Rettungspakete für die großen Konzerne geschnürt würden. Auch die sozialen Folgen der Pandemie, die als „Brennglas der Ungleichheit“ bezeichnet wird, werden breit diskutiert. Betroffen sind vor allem die Armen, die prekär Beschäftigten, die Migrant*innen und Geflüchteten, die nicht nur ohne Auskommen und soziale Absicherung dastünden, sondern auch häufiger infiziert würden und stürben. Die „nationalen Egoismen“ der EU-Staaten führten auch dazu, dass der Virus sich global weiter ausbreiten werde, mit verheerenden künftigen Folgen für Millionen von Menschen in den Slums und Großstädten des globalen Südens. Auch hier ist die Relevanz für Südostasien mit den urbanen Megaräumen wie Manila oder JABODETABEK (Großraum Jakarta) offensichtlich.

Das Unvermögen der Regierung gekoppelt mit der kalten Verwertungslogik des Kapitals wird in der Pandemie auf besondere Weise im Gesundheitssektor sichtbar. Die Autor*innen sprechen von der „Durchrationalisierung des Krankenhaussektors zur Fabrik“. Der „radikale Abbau der Krankenhauskapazitäten“, Pflegenotstand und Kostensenkung durch die schlechte Bezahlung von migrantischem Pflegepersonal, zum Beispiel aus den Philippinen, hätten dazu geführt, dass die Situation für Beschäftigte im Gesundheitsdienst schon vor der Pandemie unerträglich gewesen sei. Die Blockadehaltung der EU bezüglich der Freigabe der Patente auf Covid-19-Impfstoffe nehme den unnötigen Tod von Hunderttausenden Menschen vor allem im Globalen Süden in Kauf.

Solidarisch aus der Krise

Angesichts des Bankrotts der Bundesregierung und vieler anderer Länder sei es unerklärlich und unverzeihlich, dass die Linke und die Gewerkschaftsbewegung weitgehend passiv blieben und den Moment verpasst hätten, „mit einer eigenständigen und solidarischen Forderungsperspektive zur Eindämmung der Pandemie in die politische Auseinandersetzung einzugreifen“. Zwar würden vereinzelte Forderungen nach Patentfreigabe oder nach einer besseren sozialen Abfederung der Krise gestellt, es gebe aber kein radikal anderes Vorgehen insgesamt, kritisieren die Autor*innen. Und dass, obwohl die Pandemie gerade die Arbeiter*innenklasse am stärksten treffe und als Ausdruck einer umfassenden Krise des Kapitalismus zu verstehen sei. Dies schaffe den Raum für Stimmen der Faschisten und so genannten Querdenker.

Umso wichtiger ist es, dass das Buch eine klare „solidarische und ökologische Perspektive zur Eindämmung der Pandemie“ aufzeigt. Diese baut auf die wissenschaftlichen Erkenntnisse der wichtigsten Epidemiolog*innen auf, die eine „konsequente Eindämmung“ des Virus fordern. In der „ersten Säule“ der „solidarischen Anwendung“ dieser Strategie wird genau erörtert, wie dies sozial- und geschlechtergerecht, inklusiv für Migrant*innen und unter Verteidigung unserer demokratischen Rechte passieren kann. In der „zweiten Säule“ wird genauso detailliert der Ausbau und die schrittweise „gesellschaftliche Aneignung des Gesundheitswesens“ beschrieben. Dazu kommt die Aneignung des gesellschaftlichen Reichtums (Säule 3) und die „lokale bis globale Solidarität“ (Säule 4), die auch die Freigabe der Patente und eine koordinierte, transnationale Pandemiebekämpfung mit einschließt.

Corona, Krise, Kapital ist ein rundum empfehlenswertes Buch – nicht nur als Lektüre sondern auch als Handlungsaufforderung. Ganz besonders sei es der Fridays for Future-Bewegung ans Herz gelegt. Denn es zeigt sehr gut, wie ein solidarischer Lockdown, der die Wirtschaft mit einschließt, als Schritt zum umfassenden sozial-ökologischen Umbau unserer Gesellschaft dienen könnte. Erst solidarischer Corona-Lockdown, dann solidarischer Klima-Lockdown!

Rezension zu: Verena Kreilinger, Winfried Wolf und Christian Zeller. Corona, Krise, Kapital. Plädoyer für eine solidarische Alternative in den Zeiten der Pandemie. PapyRossa. 2020. 277 Seiten.

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3 | 2019, Osttimor, Timor-Leste,
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20 Jahre in Freiheit

Indonesien: Für marginalisierte Minderheiten in Städten erhöhte die Covid-19-Pandemie den strukturellen Druck unter dem sie ohnehin leiden. Doch während der Staat nicht schnell genug reagierte, entwickelte die Bevölkerung verschiedene Formen der Solidarität.

Die Covid-19-Pandemie hat das Leben der Menschheit verändert. Menschen, die zuvor in Nähe und Gemeinschaft lebten, müssen auf einmal in Abstand zueinander gehen. Auf unterschiedlichste Weise versuchen die Menschen, mit der neuen Situation umzugehen. Dabei gibt es auch jene, die versuchen, Profit aus ihr zu schlagen. In Indonesien geschah dies beispielsweise mit dem Durchpeitschen des Omnibus-Gesetzes, von dem die Eliten des Landes profitieren (vgl. dazu den Artikel Covid-19 und das Omnibusgesetz in Indonesien auf suedostasien.net) Auch in Thailand und Myanmar wurde Covid-19 von den Herrschenden instrumentalisiert, um ihre Position zu stärken.

Für Minderheiten, wie der marginalisierten Bevölkerung in Großstädten, hat die Pandemie den strukturellen Druck, unter dem sie leiden, noch erhöht. Die Ansteckungsgefahr in beengten Wohnverhältnissen, die eingeschränkte Bewegungsfreiheit sowie die Reduzierung ihrer wirtschaftlichen Aktivitäten trifft diese Bevölkerungsgruppe besonders hart.

Städtische Arme, die keinen Zugang zu Land haben, auf dem sie selbst Nahrungsmittel anbauen können, kommen in einer derartigen Situation schnell in existentielle Not. Angesichts einer Regierung, die im ersten Jahr der Corona-Pandemie kaum etwas tat, um ihre Bürger*innen zu schützen, schien Selbstorganisation und Solidarität der wirksamste Weg aus der Krise. Dieser Artikel besteht aus zwei Teilen und stellt drei Solidaritätsnetzwerke marginalisierter Gruppen in den drei indonesischen Großstädten Jakarta, Semarang und Yogyakarta vor. Er basiert auf Interviews des Autors mit Akteur*innen sowie Informationen aus Online-Publikationen.

Jakarta: Selbstorganisierte Kontaktreduzierung und solidarische Versorgung

Jakarta, die 10,56 Millionen Einwohner zählende Hauptstadt Indonesiens, hatte im März 2020 4,5 % Einwohner, die der Regierungsstatistik zufolge als arm galten. Der Gini-Koeffizient, der die Verteilung von Vermögen misst [0 = gleiche Verteilung, 1 = maximale Ungleichverteilung], stieg von 0,38 im Jahr 2019 auf 0,39 im Jahr 2020 (Zahlen der Nationalen Statistikbehörde, Stand März 2020).

Als Graswurzelorganisation, deren Mitglieder der städtischen Unterschicht angehören, war Jaringan Rakyat Miskin Kota (Netzwerk der armen städtischen Bevölkerung, JRMK) sehr direkt mit der Tatsache konfrontiert, wie schnell mittellose Menschen in der Covid-19-Pandemie vor existentiellen Problemen standen. Als die Nachrichten über Covid-19 im Februar 2020 zum ersten Mal die Runde machten, setzten Panikkäufe ein. Masken und Handdesinfektionsmittel wurden in großer Zahl gekauft. Doch wer das Geld dafür nicht aufbringen konnte, ging leer aus und sah sich ungeschützt der Ansteckungsgefahr und damit auch der potentiellen Möglichkeit, an einer Infektion zu sterben, ausgesetzt.

JRMK forderte daher seine Mitglieder auf, zwei Wochen lang zu Hause zu bleiben und von dort aus zu arbeiten. Das Konzept des home office oder von bezahlter Kurzarbeit sollte nicht der Mittelschicht vorbehalten bleiben. „Auch die städtischen Armen müssen diese Möglichkeit haben“, sagt JRMK-Koordinator Gugun (Interview am 18. März 2021). Während dieser zwei Wochen sammelte JRMK Spenden über die Internetplattform kitabisa.com. Bis zum Ende der Spendensammlung kamen 260 Millionen Indonesische Rupiah (rund 15.200 Euro) von mehr als 1.000 Spender*innen zusammen. Dieses Geld wurde an 465 Familien des JRMK-Netzwerkes verteilt – verbunden mit der Auflage, zu Hause zu bleiben.

Außerdem verteilte JRMK selbst genähte Masken und selbst hergestellte Desinfektionsmittel. Zur Immunstärkung wurde Jamu (auf Kräutern und Wurzeln basierende Naturmedizin, siehe Artikel Jamu – Kräutermedizin ist gelebter Pluralismus auf suedostasien.net) von Jamu– Hersteller*innen aus Yogyakarta bestellt und verteilt. All diese Maßnahmen wurden vor dem Hintergrund ergriffen, dass die arme städtische Bevölkerung in sehr beengten Wohnverhältnissen lebt. Kam es zu Fällen von Ansteckung, so begaben sich die Betreffenden dennoch freiwillig in die Isolation – und wurden von den eigens errichteten Gemeinschaftsküchen des Netzwerkes mit Nahrung versorgt.

Allzu lange zu Hause zu bleiben konnten sich die JRMK-Mitglieder, die überwiegend im informellen Sektor arbeiten, jedoch nicht leisten. Doch die generell heruntergefahrene wirtschaftliche Aktivität in Jakarta sorgte dafür, dass die Verdienste drastisch sanken. Die einzige Lösung bestand darin, die eigenen Ausgaben für Nahrungsmittel zu verringern.

Reis ist für Javaner*innen das Hauptnahrungsmittel. Üblicherweise kommt er aus den „Reisgebieten“ West- und Zentraljavas nach Jakarta. Der Beginn der Pandemie fiel mit der Reisernte in Zentraljava zusammen, doch durch die eingeschränkte Mobilität kam es auch zu Lieferengpässen von Reis. So kam es zur widersprüchlichen Situation, dass die Bäuer*innen ihre Reisernte zunächst lagerten, weil es kaum Transportmöglichkeiten gab, während die arme Stadtbevölkerung diesen dringend brauchte und nur wenig Geld dafür hatte.

Solidarität mit Geschichte

Um an bezahlbaren Reis zu kommen und die Zwischenhändler, die den Preis hochtreiben, beiseite zu lassen, kaufte JRMK direkt von den Bäuer*innen. Hierbei wurden alte solidarische Netzwerke wieder belebt. In Zentraljava am Kendeng-Gebirge gibt es Reisbäuer*innen, die seit Jahren gegen Landraub durch Zementfabriken protestieren. In der Vergangenheit hatte JRMK die Bürgerinitiative der Bäuer*innen vom Kendeng-Gebirge bei ihren Protestaktionen in der Hauptstadt unterstützt, zum Beispiel als sie sich vor dem Präsidentenpalast ihre Füße einzementiert hatten. „Also dachten wir uns, diesmal bitten wir sie um Unterstützung“, so JRMK- Koordinator Gugun.

So bekam JRMK Reis zu einem Preis, der 20 bis 30 Prozent unter dem Marktpreis lag. Bis heute haben die Bäuer*innen vom Kendeng-Gebirge 24 Tonnen Reis nach Jakarta geschickt. Nach Aussage von Gunretno, Reisbauer und Koordinator der Bürger*innen-Initiative am Kendeng-Gebirge, solle dies den Menschen helfen, die selbst keinen Zugang zu Land und dem Anbau von Reis haben. Zugleich gehe es auch darum, dass die Fruchtbarkeit des Landes am Kendeng- Gebirge und seine Schutzwürdigkeit auch Menschen in der Ferne vor Augen geführt würden.

Umgekehrt ‚warben’ auch die Mitglieder einer Kooperative von Fischern, die sich innerhalb der JRMK organisiert, für ‚ihre Produkte`. Sie schickten 50 Kilo Trockenfisch mit dem LKW, der den Reis geliefert hatte, von Jakartas Küste nach Zentraljava zum Kendeng-Gebirge. „Mit Reis kommen, mit Fisch nach Hause fahren“, kommentierte JRMK-Koordinator Gugun das Geschehen.

Es zeigt sich am Beispiel der Initiative von JRMK, wie die Menschen aus dem Geschehen der Covid-19-Pandemie neue Wege der Solidarität entwickeln. Im zweiten Teil des Artikels lest ihr über zwei weitere Beispiele von Solidaritätsformen. Dann wird es um selbst verwaltete Gemeinschaftsgärten in Semarang und den Aufbau von Küchen für Alle (KüfAs) in Yogyakarta gehen…

Übersetzung aus dem Indonesischen von: Anett Keller

Das ist der erste Teil des Artikels „Solidarität in Pandemie-Zeiten“. Hier geht es zu Teil II.

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3 | 2019, Osttimor, Timor-Leste,
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20 Jahre in Freiheit

Dies ist der zweite Teile des Artikels „Solidarität in Pandemie-Zeiten“ (hier geht es zu Teil I):

Indonesien: In Anbetracht einer drohenden Nahrungsmittelkrise fanden Aktivist*innen neue Wege der solidarischen Unterstützung. In Semarang enstand ein Netzwerk zum kollektiven Anbau von Gemüse. In Yogyakarta wurde in Gemeinschaftsküchen für die besonders betroffene Bevölkerung gekocht.

Weltweit gab und gibt es die Befürchtung, dass die Covid-19-Krise zu einer Nahrungsmittelkrise führen könnte. Die Welternährungsorganisation (FAO) warnte bereits im März 2020 vor dieser Gefahr. Die Sorge war groß, dass Länder wie Thailand und Vietnam, aus denen Indonesien bislang (über die eigene Produktion hinaus) Reis bezogen hatte, ihre Exporte beschränken würden. In Semarang, der Hauptstadt der Provinz Zentraljava, wurde diese Sorge noch durch Unwetter und Missernten verstärkt. Außerdem reagierten zahlreiche Unternehmen auf die Pandemie mit Massenentlassungen, was für fehlende Einkommen der Lohnarbeiter*innen und damit für verringerte Kaufkraft sorgte. Die städtische Bevölkerung stand inmitten dieser Situation vor der Frage, wie sie sich dennoch in ausreichender Weise mit Grundnahrungsmitteln versorgen kann.

Semarang: Ein Gemeinschaftsgarten entsteht

Einige Aktivist*innen in Zentraljavas Provinzhauptstadt Semarang wollten nicht in Angst und Ohnmacht verharren. Sie gründeten Anfang Mai 2020 die Gewerkschaft der städtischen Bäuer*innen Semarangs (STKS) und begannen im Stadtgebiet mit dem Anbau von Gemüse. Dafür nutzten sie – in Absprache mit den Besitzer*innen – deren zuvor brachliegende und mit Wildpflanzen zugewucherte Flächen. Anwohner*innen und STKS- Aktivist*innen machten diese Flächen gemeinsam nutzbar. Sie säuberten sie vom Wildwuchs und legten Beete an. Die nötigen Werkzeuge wurden, soweit vorhanden, mitgebracht und/oder von Anwohner*innen geliehen und gemeinschaftlich genutzt.

Modell des kollektiven Gemüse-Anbaus

So entstand ein Modell des kollektiven Anbaus. Wer in welchem Maße wo mitarbeitete, entschieden die Beteiligten gemeinsam auf der Basis, wie viel und in welchen Bereichen sich jede/r Einzelne einbringen konnte. Wer Erfahrung im Umgraben/Pflügen hatte, bereitete den Boden für die Aussaat vor und brachte zugleich jenen ohne Erfahrung diese Fähigkeiten bei. Diese Aktivitäten des kollektiven Anbaus weckten viel Aufmerksamkeit bei den Anwohner*innen und zogen weitere Kreise. Bald schon bekam STKS aus verschiedenen Stadtteilen mehr Angebote, brach liegende Flächen zu nutzen, als sie personell umsetzen konnte. Die STKS-Mitglieder versorgten schließlich vier Gemeinschaftsgärten, in denen sie Mais, Kürbis, Hülsenfrüchte und Auberginen anbauten.

Versetzte Anbauzeiten und verschiedenen Fruchtfolgen sorgten dafür, dass nicht an allen Orten zur selben Zeit das Gleiche zu tun war. Auf einigen Beeten wurde gerade gesät, während auf anderen geerntet wurde. Was wann wo zu tun war, all das war Ergebnis eines kollektiven Abstimmungsprozesses. Die Ernte sorgte dafür, dass die Mitglieder der STKS jeden Tag ausreichend Gemüse auf dem Tisch hatten. Und das obwohl die Hälfte der Ernte an die Anwohner*innen ging, die ihr Land zur Verfügung gestellt hatten.

Neben den praktischen Tätigkeiten in den Gärten veranstaltete STKS auch Diskussionsforen unter dem Motto Schule auf dem Feld (Sekolah di lahan, SDL). In diesen Foren tauschten sich die Beteiligten des STKS- Projektes darüber aus, wie sie den Anbau geplant und umgesetzt haben. Auch weitergehende Themen rund um Landwirtschaft und damit verbundene Aspekte kamen bei SDL zur Sprache.

Herausforderungen und Lernen für die Zukunft

Leider dauerte das regelmäßig städtische Gärtnern im Rahmen von STKS nur etwa ein Jahr lang. Nach Aussage eines Mitglieds mangelte es an der konsequenten Beteiligung einer für Anbau und Ernte notwendigen Zahl von Menschen. Regenzeitbedingt findet derzeit [März 2021] nur noch in zwei der vier Gärten Anbau statt. Einerseits gab es seitens der STKS keinen ‚Plan’ oder keine Entscheidung für eine feste, andauernde Organisationsstruktur. Diese Offenheit hat zunächst dazu geführt, dass sich viele Menschen auf eine freie und niedrigschwellige Weise beteiligen konnten. Andererseits steht und fällt eine solche Initiative mit dem Engagement der Beteiligten. Da die befürchtete Nahrungsmittelkrise nicht eingetreten sei, so Eka, eine der Initiator*innen des Projektes (Interview 20. März 2021), zögen sich einige Beteiligte nun wieder aus dem eigenen Anbau zurück.

Dennoch sehen Eka und weitere STKS- Beteiligte viel Potenzial im Modell des kollektiven Anbauens und Erntens. Auf diese Weise könne Selbstversorgung in Zeiten von Missernten oder anderweitig verursachten Versorgungsengpässen ermöglicht werden. Wenn es gelinge, das STKS- Modell weiterzuentwickeln und kontinuierlicher zu gestalten, könne sich die Stadtbevölkerung mit begrenztem Zugang zu eigenen Anbauflächen unabhängiger machen, wenn es – wie im Fall der aktuellen Pandemie – zu Engpässen in der Nahrungsmittelversorgung komme. Zudem biete es stadtsozialisierten Menschen mit Hilfe der praktischen Erfahrung des Gemüseanbaus die Möglichkeit, mehr Bewusstsein und mehr Selbstbestimmtheit in Bezug auf die eigene Nahrungsmittelversorgung zu erlangen.

Yogyakarta: Solidarisches Kochen

Als Stadt, deren Ökonomie stark auf Tourismus baut, war und ist Yogyakarta heftig von der Covid-19-Krise betroffen. Die Regierungsvorgaben schränkten die Mobilität ein und sorgten dafür, dass sich die Zahl der touristischen Besucher*innen stark verringerte. Die Folgen spürten auch Menschen, die zum marginalisierten Teil der Bevölkerung gehören und deren Gelegenheitseinkommen von Tourist*innen abhängt, zum Beispiel Becak [Fahrradrikscha] – Fahrer oder die Souvenirverkäufer*innen in den Straßen. Yogyakarta ist nicht nur Tourismus- sondern auch Universitätsstadt. Doch auch an den zahlreichen Hochschulen und Unis mussten die Aktivitäten pausieren.

Wie an anderen Orten auch, war das „normale Leben“ der Bürger*innen stark eingeschränkt. Wie sollte man sich anders schützen, als zu Hause zu bleiben? Doch wer nicht von zu Hause aus arbeiten konnte, musste „raus“ und zur Arbeit gehen, vor allem Menschen im informellen Sektor wie Becak-Fahrer und Marktverkäufer*innen.

Diese Situation veranlasste eine Gruppe von Aktivist*innen zu einer kollektiven Aktion, in deren Rahmen Essen für marginalisierte Bevölkerungsschichten bereitgestellt wurde, die von der Pandemie besonders betroffen waren. Micha, eine der Initiator*innen, berichtet, wie die Bewegung entstand. Ende März 2020 sei bei Diskussionen in den sozialen Medien die Frage immer drängender geworden, wie eine direkte Hilfe für jene aussehen kann, die besonders stark von den ökonomischen Folgen der Pandemie betroffen waren. Eine Idee, die daraus entstand, war die einer Küche für Alle (KüfA, Indonesisch: dapur umum).

Nahrung für Bedürftige mit Hilfe von Spenden und KüfAs

Die daraus entstehende Initiative nannte sich Nahrungsmittel- Solidarität Jogja (Solidaritas Pangan Jogja, SPJ), in der sich NGO- Mitarbeiter*innen, Büroangestellte, Künstler*innen und Studierende gemeinsam engagierten. Ein Soli-Poster wurde gestaltet, eine Bankverbindung eröffnet und die Menschen der Stadt wurden zum Spenden eingeladen. So kamen am ersten Abend unter dem Hashtag #RakyatBantuRakyat (= Das Volk hilft dem Volk) rund 2,5 Millionen IDR (~ 140 Euro) zusammen [Anm. d. R.: Der offizielle monatliche Mindestlohn in Yogyakarta lag zu dem Zeitpunkt bei zwei Millionen IDR]. Dieses Geld wurde genutzt, um an drei verschiedenen Standorten in der Stadt eine KüfA zu eröffnen. Zusätzlich zu den Geldspenden brachten viele Menschen Lebensmittelspenden wie Reis, Brat-Öl und Gemüse direkt zu den KüfAs, deren Zahl in den Folgetagen von vier auf zwölf stieg.

Dort begann der Tag damit, auf dem nächstgelegenen traditionellen Markt einzukaufen, was noch nicht vorhanden, aber zum Kochen gebraucht wurde. Ähnlich wie in Jakarta konnten auch die Aktivist*innen in Yogyakarta in punkto Nahrungsmittelversorgung auf gewachsene Solidaritätsnetzwerke mit Kleinbäuer*innen zurückgreifen. Regelmäßig konnten sie Gemüse abholen, das ihnen die Vereinigung der Bäuer*innen auf den Feldern der Küste (PPLP) aus dem nahe gelegenen Kulon Progo zur Verfügung stellte. PPLP hatte in den letzten Jahren energischen Protest gegen die Vertreibung von Kleinbäuer*innen für den Bau des New Yogyakarta International Airport (NYIA) geleistet, den viele Aktivist*innen aus Yogyakarta unterstützt hatten.

Zurück in die Küchen der SPJ: Dort wurde peinlich genau darauf geachtet, dass alle Beteiligten das nötige Gesundheitsprotokoll erfüllen. Diejenigen, die Essenspakete zu den Bedürftigen brachten, wurden mit Masken und Handschuhen ausgestattet. Sich selbst mit Vitamin C zu versorgen, Hände zu waschen und – soweit möglich – Abstand zu halten, war obligatorisch.

Nachdem das Essen gekocht und in Papier verpackt war, machte sich eine Gruppe von Verteiler*innen auf den Weg. Um größere Menschenaufläufe zu vermeiden, wurden keine Verteilstellen eingerichtet, sondern die Freiwilligen von SPJ fuhren in Gebieten herum, wo viele arme und marginalisierte Menschen leben. Dort teilten sie es an jene aus, die es anscheinend brauchten. Dieses Vorgehen wurde zwar bei der SPJ intern als nicht ausreichend beschrieben, weil nicht sicher war, ob das Essen auf diese Weise wirklich die am meisten Bedürftigen erreichte. Zugleich sah sich die SPJ aber auch nicht in der Lage, erst eine umfangreiche Datenbank anzulegen, da es ihnen um schnelle und direkte Hilfe ging und sie mit dem Kochen und Verteilen vollauf beschäftigt waren.

Schließlich wurde auch die Regierung auf die SPJ- Initiative #RakyatBantuRakyat aufmerksam und lobte diese als innovative öffentliche Dienstleistung, die eine Ehrung verdiene. Als die SPJ- Akteur*innen erfuhren, das Ministerium für die Nutzung von Staatsapparaten und die Reform der Bürokratie wolle sie im Rahmen einer Pressekonferenz auszeichnen, gaben diese wiederum in einer Pressemitteilung bekannt, dass sie die Ehrung nicht annehmen werden. Zur Begründung erklärte SPJ, ihre Aktivitäten seien schließlich Ausdruck der Kritik an einer Regierung, die gleichgültig gegenüber den Menschen sei und diese in Zeiten der Pandemie nicht ausreichend schütze.

Nach einem Jahr schloss die SPJ ihre KüfAs und ihren Spenden-Kanal. Fahin, einer der SPJ-Aktiven begründet das damit, dass die Aktivitäten der SPJ vor allem eine Lücke schließen sollten für jene Menschen, die von der Pandemie besonders schwer getroffen waren und denen keine schnelle Anpassung möglich war (Interview des Autors am 16. März 2021). Zugleich setzte aber eine andere Gruppe ähnliche Aktivitäten fort, indem sie Nahrungsmittelspenden für die Frauen sammelt, die auf den traditionellen Märkten Yogyakartas als Lastenträgerinnen arbeiten.

Ausblick

Aus dem Geschehen während der Covid-19-Pandemie entwickelten sich verschiedene Formen der Solidarität. Sie entstanden aus dem Willen zur gegenseitigen Hilfe in einer Zeit, in der der Staat seine Bürger*innen nicht schnell genug geschützt und versorgt hat. Diese Solidaritäts-Initiativen entstanden durch spontane Zusammenschlüsse von Menschen, die ihre Zeit, Energie und materielle Ressourcen zur Verfügung stellten, um andere Menschen mit dem zu versorgen, was am dringendsten benötigt wurde. Auch wenn diese Initiativen nicht als Teil einer größeren und gefestigten Bewegung agierten, konnten ihre Akteur*innen Netzwerke gründen. Dort konnten wertvolle Erfahrungen gesammelt werden, wie sie sich in Krisensituationen schneller helfen können als der Staat dies tat. Lang lebe die Solidarität!

Übersetzung aus dem Indonesischen von: Anett Keller.

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3 | 2019, Osttimor, Timor-Leste,
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20 Jahre in Freiheit

Philippinen: Als Pfarrer und Organisator der Rehabilitationsprogramme „Kalinga“ und „Paghilom“ leistet Flavie Villanueva Sorgearbeit für Opfer des ‚war on drugs‘. Ein Interview über die Ökonomie extralegaler Tötungen, Solidarität in Aktion und würdevolle Trauerarbeit.

Die Covid-19 Pandemie hat ein lang existierendes Problem verschärft: das der Exhumierung von ‚Apartment Gräbern’. Die Mietverträge für solche Gräber laufen nach fünf Jahren aus. Das trifft die Opfer des ‚war on drugs‘ – der von Amnesty International als „Krieg gegen die Armen“ bezeichnet wurde nun mit verschärfter Dringlichkeit. Gerade ihnen bietet Paghilom einen Raum für Trauer und leistet Beistand bei einer würdevollen Wiederbestattung.

südostasien: Vielen Dank für Ihre Zeit und Ihren Einsatz, Father Flavie. Wo setzt Ihr Community Rehabilitationsprogramm an?

Flavie Villanueva: 2016 erklärte der neu gewählte Präsident Duterte den ‚war on drugs‘ und die Morde begannen. Zunächst versuchte ich im Hinterkopf einen Kompromiss zu finden, aber bereits einen Monat nach seinem Amtsantritt war ich davon überzeugt, dass ich diesen Mann nicht akzeptieren kann. Es war das erste Mal in der Geschichte, dass wir so etwas wie den ‚war on drugs‘ erlebten. Ich leite nun das Programm Paghilom mit der Inspiration von Kalinga. KALINGA ist ein Akronym und steht für: Kain-Aral-LIgo-naNG-umAyos (Essen, Lernen, Baden, Wohlergehen). Es ist alles selbst gemacht. Es gab kein Muster oder Modell dafür, wie man Witwen und Waisen des ‚war on drugs‘ ernährt, wäscht und wie man sie ganzheitlich, würdevoll und systematisch versorgt.

Ich glaube, dass es tatsächlich ein Drogenproblem gibt, aber das ist nicht das Hauptproblem des Landes. Das Drogenproblem ist in erster Linie eine Frage der Gesundheit, der medizinischen und klinischen Versorgung. Der ‚war on drugs‘ ist eine Fehldiagnose als Sicherheitsproblem der, Ruhe und Ordnung‘, in dem die Polizei zum Töten eingesetzt wird. Wenn man es als ein Problem der Kriminalität behandeln will, dann beginne man doch bitte mit den Drogenkartellen und schiebe die Schuld nicht auf die Ärmsten.

Sie sprechen von einer Fehldiagnose des ‚war on drugs‘ als Sicherheits- an Stelle eines Gesundheitsproblems. Wie hängt Polizeigewalt mit außergerichtlichen Tötungen zusammen?

Definitiv war es die PNP (Philippine National Police), die in den Anti-Drogen-Einsatzkommandos von Oplan Double Barrel oder Oplan Tokhang zur Waffe wurde. Durch sie haben sich eine Kultur sowie eine Ökonomie der Gewalt und des Tötens entwickelt. Das Militär spielt zwar auch eine Rolle, aber sie sind hauptsächlich in den Provinzen. Diese Formel des Tötens kommt aus Davao, wo Herr Duterte einmal Bürgermeister war. Dieses Morden hat sich von der lokalen auf die nationale Ebene übertragen.

Es ist schmerzliche Realität, dass mit jedem Menschen, der erschossen wird, auch ein Mörder geboren wird. Ich denke, selbst wenn Duterte nicht unser Präsident wäre, dann würden die Morde nicht aufhören. Das liegt am dadurch geschaffenen Markt, an der Kultur, die in die mündliche und schriftliche Ordnung eingebettet ist. All das hat einen Kreislauf von Gewalt und Tod geschaffen, der so tief in der PNP verankert ist.

Können Sie genauer ausführen, wie sich eine Ökonomie des Mordens entwickelt hat?

Dafür gibt es einen Markt: Es gibt Leute, die wollen, dass jemand getötet wird. Die Polizei wählt einen Gefangenen, der unter ihrer Obhut steht, und nutzt diesen Gefangenen aus, indem sie ihm falsche Versprechungen macht. Ganz nach dem Motto: „Wenn du diese Person tötest, kommst du früher aus dem Gefängnis und stehst unter meinem Schutz.“ Wenn ein Mörder mir sagen würde, dass ich auf einer Drogenbeobachtungsliste stehe, würde er Geld von mir erpressen, weil ich leben will. Es gibt etwas, dass man auf Tagalog „palit ulo“ nennt, einen „Kopftausch“ (Anm. d. Red.: Hierzu stehen sich zwei Aussagen gegenüber. Zunächst die von Leni Robredo, die das Schema aufdeckt und jenes der PNP, die dieses in ihrer Weise versucht zu korrigieren). Die Bedingung dafür ist, dass ich auf jemanden zeigen muss, der/die meinen Kopf austauscht.

Würden Sie sagen, dass dies eine Form der Korruption ist, die sich auf Tötungen ausweitet?

Es ist mehr als Korruption. Das Töten ist zu einem selbstständigen Unternehmen, zu einem lebensfähigen Produkt geworden. Das System hat sein eigenes Umfeld mit neuen Formen von Kapitalisten geschaffen. Dieses Regime beschuldigte die ehemaligen Eliten – die Aristokraten, das alte Manila. Sie haben ihren eigenen Imperialismus und ihre eigene kapitalistische Bewegung geschaffen. Das ist der Grund, warum es so funktional ist, weil die Lakaien dieses politischen Umfelds profitieren.

Welche Bewegungen in der Zivilgesellschaft sind in dieser Zeit entstanden?

Ich kann da einige Hoffnungsschimmer nennen. In erster Linie müssen wir anerkennen, wie die Hinterbliebenen, meist Witwen, ihr Bestes geben, um darauf zu reagieren. Wie schöpfen sie Kraft? Ich denke an die Geschichten von Witwen und Waisen, die sich entschlossen haben, aufzuwachen und aufzustehen, obwohl sie ihre Lieben und Versorger*innen verloren haben; die für einen Bruchteil eines Dollars Müll sammeln, um Essen auf den Tisch zu bringen. Das Kind, das seine Eltern vor den eigenen Augen verlor und seine Geschwister versorgt. Ich sehe in diesen Geschichten einen Grund zur Hoffnung, denn die Gerechtigkeit nimmt allmählich Gestalt an. Ich definiere Gerechtigkeit nicht einfach als einen Sieg vor Gericht. Gerechtigkeit bedeutet für mich, zu sehen, wie es diesen Witwen jeden Tag etwas besser geht und wie sie trotz ihres Schmerzes weitermachen; wie Kinder und Alleinerziehende einen sozialen Wandel in ihren Communities bewirken. Die einzige Möglichkeit, auf dieses Übel zu reagieren, besteht darin, sich solidarisch die Hände zu reichen.

Welche Schwierigkeiten ergeben sich durch die Exhumierung von Gräbern der Opfer des ‚war on drugs‘?

Es wird wichtig sein, die Exhumierungen zu dokumentieren, denn damit wird Gegenwart zu Geschichte gemacht. Zunächst einmal: Warum kann eine Person nicht einfach dauerhaft bestattet werden? Warum müssen sie so genannte Apartment-Gräber mieten? Es geht um Armut als soziale Sünde, die durch die außergerichtlichen Tötungen in den Vordergrund rückt. Das zweite Problem ist das Stigma, wodurch wir Schwierigkeiten haben, die Menschen wissen zu lassen, dass es sich um die Leiche eines Opfers des ‚war on drugs‘ handelt. Ein weiteres Problem ist manchmal das mangelnde Verständnis für Kremierungen durch die Familien selbst. Für manche ist es einfacher, die Angehörigen in den Sack zu stecken, wenn der Mietvertrag für das Grab ausläuft, als sie einäschern und an einem würdigen Ort bestatten zu lassen. Hinzu kommt das begrenzte Interesse der Menschen. Aus Sicherheitsbedenken aufgrund der Pandemie-Richtlinien wollen sich manche nicht an dieser Beisetzung beteiligen. Der letzte Punkt sind die Kosten für die Einäscherung, die 35.000 Philippinische Pesos (PhP, rund 600 Euro, Anm. d. Red.) kostet. Darin enthalten sind die Genehmigungen, Dokumente, der Transport. Die Urne macht weitere 10.000 PhP aus, und dazu kommt noch die Gebühr für die Übergabe der Asche in der Zwischenzeit.

Wie war es für Sie, die Betroffenen bei den Exhumierungen zu begleiten?

Es ist, als würde man die Erinnerung der Toten wiederaufleben lassen, was für die Hinterbliebenen schmerzhaft ist und noch tiefere Wunden hinterlässt. Es kann aber auch befreiend sein und bei der Bewältigung der Traumata helfen. Was ihnen widerfährt, ist, ein unmittelbares Auseinandersetzen mit dem Schmerz. Unweigerlich ist auch die wieder erlebte Erfahrung der Tötung.

Gibt es in diesen Fällen dennoch so etwas wie postmortale Würde?

Die Würde des Menschen ist angeboren, wenn man es in christlichen Begriffen ausdrückt – imago dei – Ebenbild Gottes, Respekt. Wenn man von Respekt spricht, muss man zwei Worte einbeziehen: Wahrheit und Gerechtigkeit. Die Armut diskriminiert die Opfer des Drogenkriegs, sie werden wie Ware behandelt. Wir reagieren darauf, indem wir uns für eine teurere, aber würdevollere Behandlung des Leichnams entscheiden: Eine echte Einäscherung, anstatt ihn einfach in einen Sack zu stecken und ihn auf einen anonymen Knochenhaufen zu legen.

Eine persönliche Form davon ist, wie die Angehörigen dies vor ihren Augen erfahren, wie sie zu der Akzeptanz kommen, die ihnen hilft, Frieden zu finden. Sie werden zu Akteuren des sozialen Wandels in ihrer Gemeinschaft. Die Erfahrung, ihre Angehörigen so zu sehen, wird von anderen vielleicht als re-traumatisierend empfunden, aber wir nehmen diese Erfahrung auf und verarbeiten sie gemeinsam.

Wie können Menschen innerhalb und außerhalb der Philippinen gemeindebasierte (Rehabilitations-)Programme unterstützen?

Das staatliche gemeindebasierte Drogenprogramm wird von so vielen Ländern unterstützt. Die Frage ist, was wirklich bei dem Programm ankommt: von der Diagnose über die Rehabilitation und die Betreuung der Familien bis hin zur Schaffung eines würdigen Arbeitsplatzes für den genesenden Süchtigen. All das sind offene Fragen. Wir hingegen haben keinen einzigen Zuschuss von der Regierung erhalten.

Was bedeutet für Sie Solidarität?

Solidarität ist nur ein Bruchteil eines Ganzen. Solidarität ist nicht darauf beschränkt, auf die Straße zu gehen. Solidarität bedeutet, der Stimme der Vernunft, der Stimme des eigenen Gewissens, Gehör zu verschaffen, sich zu fügen, auch wenn die zu vertretende Position gegen den Strom geht. Die schwächste Form der Solidarität ist die Spende. Solidarität in Aktion bedeutet, unpopulär zu sein, lächerlich gemacht zu werden. Ich sage es auf Tagalog:

Es bedeutet, etwas zu riskieren, einen Standpunkt einzunehmen, einen Übergang von einem passiven, egoistischen Zustand zu einem empathischeren, engagierteren und stärkeren Standpunkt.

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3 | 2019, Osttimor, Timor-Leste,
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20 Jahre in Freiheit

Myanmar: In den Tagen und Wochen nach dem Militärputsch in Myanmar am 1. Februar 2021 kam es zu einer kollektiven Mobilisierung der Menschen und insbesondere der Künstler*innen.

Die Demonstrationen, die als Antwort auf den Putsch am 1. Februar 2021 folgten, waren einige von vielen, die seit der britischen Kolonialherrschaft in Burma 1824 abgehalten wurden. Der Putsch vor einem Jahr war der dritte seit 1962. Es scheint kein Ende dieser zyklischen Unterdrückung in Sicht, nur ein immer wiederkehrender Wechsel zwischen Ebbe und Flut. Die Ebbe reicht aus, um den Griff des Militärs um die Bevölkerung Myanmars zu lockern. Jedes Mal, wenn die Militärs versuchen, die Macht zurückzuerobern, verlieren sie an Boden, weil eine immer tiefere Verwurzlung der Menschen in ihren Überzeugungen stattfindet.

Im Dezember 2019 stufte der World Giving Index Myanmar als das zweitgroßzügigste Land der Welt, nach den USA und vor Neuseeland, ein. Diese Großzügigkeit fußt auf individuellen Spenden und Freiwilligenarbeit. Künstler*innen spielen eine wichtige Rolle in den beständigen Solidaritätsbewegungen im ganzen Land. Sie haben mit dazu beigetragen, dass Proteste so einen starken Zusammenhalt haben.

Ein besonderes Beispiel für diese Solidarität stellt auch das Jahr 2008 dar, als der Zyklon Nargis den Süden und Südosten des Landes verwüstete. Damals organisierten Künstler*innen innerhalb weniger Tage Transporte von Hilfsgütern für besonders betroffene Regionen und sammelten Zehntausende US-Dollar an Spenden, während das Militär wenig tat um das Leid der Menschen zu lindern. Als Reaktion auf den Putsch von 2021 organisierten sich die Künstler*innen auf ähnliche Weise: indem sie Spenden sammelten, Gemälde und Kunsthandwerk verkauften, Hilfsgüter für Demonstrant*innen bereitstellten – von medizinischen Hilfsgütern bis hin zu Catering. Außerdem informierten sie internationale Medien und die globale Kunstwelt über die Kämpfe in Myanmar.

Auch die Association of Myanmar Contemporary Arts (AMCA), New Zero Art Group, Lokanat Galleries, Myanm/art, Kalasa Art Space, Nawaday Tharlar Gallery, Myanmar Deitta, Wathhan Film Festival, Pansodan Gallery und zahlreiche weitere kreative und Untergrund-Gruppen wie Punks, Musiker*innen, Straßenkünstler*innen, Schauspieler*innen, Models, DJs, Poet*innen, Fotograf*innen und Regissuer*innen leisteten in den Wochen des Protests nach dem Putsch Unterstützung. Zudem boten sie den Menschen eine (Bild)Sprache, die die Massen begeisterte und den Demonstrierenden half, sich mithilfe von Performances, Instrumenten, Cartoons, Aufklebern, Graffiti, Bildern, Skulpturen, Installationen, Videos, Gedichten und weiteren kreativen Formen auszudrücken.

Kreative Protestformen

Die Künstlerin Ku Kue, von der das Titelbild für diese Ausgabe der südostasien stammt, war eine der ersten, die sich engagierte. Als Graphikdesignerin und Digital Content Creator gewann ihre Fähigkeit, Botschaften mit Bildern in Einklang zu bringen, mit jedem Tag des Protests an Ausdruckskraft. Sie bot ihre Kunst online zum Herunterladen und Ausdrucken an, damit die Protestierenden ihre Kunst mit zu den Demonstrationen nehmen konnten. Als ehemaliger Graffiti-Künstler folgte Bart Was Not Here dem Beispiel, kreierte einen beliebten ‚Disobey‘- Slogan mit Aufklebern und verteilte sie auf der Straße.

Richie Htet nahm sich ein wenig mehr Zeit, um sein spannungsgeladenes und symbolträchtiges Werk mit dem Titel Bitch better have my democracy zu malen, eine Anspielung auf Rihannas berühmten Song Bitch better have my money. Htein Lin schuf eine Installation von Frauenröcken, die über einer verbarrikadierten Straße hängen. Die Frauenröcke, oder htamein auf Burmesisch, sind eine Anspielung auf abergläubische Militärs, die glauben, dass jeder Mann, der unter einem Frauenrock geht oder seine Kleidung mit der einer Frau wäscht, einen Teil seiner Männlichkeit oder Macht verliert.

Im März 2021 herrschte in den meisten Dörfern und Städten Myanmars eine strenge Ausgangsperre und die Straßenproteste am Tag ließen nach. Das Militär organisierte sich so weit, dass Versammlungen in der Öffentlichkeit gefährlich wurden. Viele Menschen wurden verhaftet, gefoltert und eingesperrt. Einige Künstler*innen verließen die großen Städte und zogen aufs Land oder in kleinere Städte. Einige verließen das Land ganz, um die Möglichkeit zu haben, weiterhin frei zu arbeiten. Es wurde deutlich, dass die Einhaltung regelmäßiger Öffnungszeiten in einigen der etablierten Kunstzentren auf kurze Sicht nicht möglich war. Banken waren geschlossen, Geld abzuheben dauerte sehr lange oder war gar unmöglich. Künstler*innen und Galeriebesitzer*innen waren nicht mehr in der Lage, ihre Miete zu bezahlen. Abgesehen von den Kosten war es für die Mitarbeitenden und Künstler*innen, die in diesen beliebten Räumen arbeiteten, zu riskant. Mehrere Kunst- Räume wurden geschlossen, mit der unverbindlichen Absicht, zurückzukehren, wenn sich die Lage in den Städten wieder stabilisiert hat.

Pandemie fordert auch unter Künstler*innen viele Opfer

Covid-19 versetzte den Menschen in Myanmar einen weiteren schweren Schlag. Ende Juli 2021 fegte die Delta-Variante durch das Land. Da viele Mediziner*innen und Krankenhausmitarbeiter*innen im Rahmen der Bewegung für zivilen Ungehorsam (CDM) streikten und auch Militärkrankenhäuser den Dienst an der Öffentlichkeit verweigerten, verlor fast jede Familie Angehörige.

Die Künstler*innengemeinschaft verlor Dutzende lebender Legenden: Sonny Nyein, geschätzter Bildhauer, Sammler und Archivar und Besitzer der Tiger Art Gallery. Aung Cheimt, Myanmars berühmtester und beliebtester zeitgenössische Dichter. Ko Ko Gyi, Maler des abstrakten Expressionismus und ehemaliger Professor für Psychologie. Tin Maung Oo, renommierter Wegbereiter der modernistischen Kunstbewegung. Laut Radio Free Asia starben 73 Schriftsteller*innen und Dichter*innen, 22 Karikaturist*innen und Maler*innen, 18 Filmstars und Theaterkünstler*innen sowie 18 Sänger*innen und Songschreiber*innen innerhalb weniger Wochen an Covid-19. Diese Verluste hinterließen einen Abgrund in den Herzen und Köpfen der Künstler*innen, nachdem ihre Stärke bereits durch die Rückkehr der Militärherrschaft auf die Probe gestellt worden war.

Der Putsch beeinflusst mit Sicherheit wie die Künstler:innen auf die Gegenwart reagieren und wie sie ihre Zukunft planen. Die zeitgenössische Kunstszene in Myanmar ist deutlich größer, als viele außerhalb des Landes annehmen. Ihre Mitglieder gehören mehreren Generationen und Religionen an, haben verschiedene ethnische Hintergründe und sind im ganzen Land verteilt. Das Überleben ihrer gewählten Kunstformen inmitten des politischen Umbruchs hängt von mehreren Faktoren ab. Dazu gehört auch, wie sie mit den bestehenden Zensurgesetzen umgehen, ob sie sie durch das gewählte Thema ihrer Kunstwerke konfrontieren oder einhalten.

Staatliche Zensur in der Kunst

Zensur gibt es in Myanmar in verschiedenen Formen bereits seit der Kolonialzeit. Zensur unter der Herrschaft des Militärs verbot oft jeglichen Bezug zur Politik oder Kritik am Militär. Noch willkürlicher war die Verbannung der Farben Rot und Schwarz und Nacktheit aus Gemälden, indem sie beschlagnahmt, die Ausstellungen, in denen sie sich befanden, abgesagt oder die Kunstwerke sogar physisch markiert wurden, um zu zeigen, dass sie verboten waren.

In den letzten Jahrzehnten vertrat das Militär einen nationalistischen Ansatz in der Kunst und unterstützte die friedliche und passive Abbildung des ’schönen Myanmar‘ – seiner Blumen, Bäuer*innen und buddhistischen Tempel. Abgesehen davon wurden Künstler*innen über Jahrzehnte vom Militär beauftragt, heroische Szenen von Soldat*innen zu malen und darzustellen wie sie der Landbevölkerung den Frieden bringen. Beispiele dieser vom Militär gewünschten Ausdrucksform finden sich in jedem Nationalmuseum des Landes.

Ohne Zweifel werden diese Erwartungen an die Kunstszene im Myanmar nach dem Putsch nun erneut zurückkehren. Doch selbst unter der demokratisch gewählten Regierung von Aung San Suu Kyi blieben Elemente der Zensur bestehen, die größtenteils auf religiös konservativen Prinzipien beruhten. Zeitgenössische Künstler*innen schafften es jedoch schon immer viele dieser Regeln zu umgehen indem sie sich zurückziehen und keine Aufmerksamkeit auf sich oder ihre Arbeit lenken, private Zusammenkünfte abhalten und zeitgenössische Kunstwerke kreieren, die von Behörden nicht leicht interpretiert werden können. Kunsträume und Kollektive spiel(t)en eine wichtige Rolle dabei, Künstler*innen vor der öffentlichen Kontrolle zu schützen.

Kunsträume weiten

Einen weiteren wichtigen Faktor stellt Repräsentation dar. Wenn Kunstkollektive, Galerien und Kunsträume Auslandskontakte zu internationalen Institutionen, Kurator*innen und Sammler*innen aufbauen, verhilft dies den Künstler*innen zu mehr Möglichkeiten, ins Ausland zu reisen und ihre Kunst dort auszustellen. Abhängig von Land oder Institution bekommen Künstler*innen mit mehr politischen Anspielungen in ihren Werken mehr Anerkennung von Kurator*innen und Galerien. Beispielsweise ist in Asien die Unterstützung konzeptueller Kunstwerke üblicher, während in Europa eher politische Kunstwerke geschätzt werden. Das Singapore Art Museum und die National Gallery Singapore sowie mehrere in Singapur ansässige kommerzielle Galerien unterstützen seit Jahren Künstler*innen aus Myanmar. Tatsächlich ist die Unterstützung von Kunstinstitutionen in ganz Asien in den letzten zehn Jahren immer weiter gewachsen. Zweifelsohne werden sie trotz des Militärputsches weiterhin Künstler*innen aus Myanmar unterstützen.

Zwischen Februar und Oktober 2021 schossen Ausstellungen, die Kunst aus Myanmar ausstellten auf der ganzen Welt wie Pilze aus dem Boden. Dies waren zunächst Akte der Solidarität, aber darüber hinaus luden diese Ausstellungen internationale Interessierte dazu ein, Kunstwerke zu kaufen, sich auszutauschen und sich mit der myanmarischen Diaspora-Gemeinschaft zu verbinden, die in Großstädten wie Tokio, London, Sydney, New York, Stockholm und Singapur lebt, und sich dadurch öffentlich zu beteiligen.

In einer paradoxen Wendung der Ereignisse erhielten Künstler*innen aus Myanmar in diesen Monaten wegen des Putsches mehr Unterstützung und Aufmerksamkeit von großen Plattformen der Kunstwelt als zuvor. Als praktizierende*r Künstler*in aus Myanmar war und ist es eine fortwährende Belastung – die Welt schenkt einem Land immer dann besondere Beachtung, wenn es in eine turbulente politische Zeit eintritt.

Andauernde Herausforderungen im Land und in der Diaspora

Die im Land verbliebenen Künstler*innen arbeiten unermüdlich weiter. Sie kommunizieren über Fragen der Unterstützung der Bewegung, die Verbesserung ihrer eigenen Praktiken und organisieren sogar Ausstellungen und Veranstaltungen. Während das Land in einen Bürger- und Guerillakrieg verwickelt ist, gibt es Versuche, ein wenig Normalität herzustellen. Kreative Outlets bieten Ruhe und eine Gelegenheit, sich zu treffen. Myanmar/art wurde an einem neuen Standort wiedereröffnet. Das Goethe Institut Yangon veranstaltet wieder Events, darunter Filmvorführungen. Beide Organisationen müssen darauf achten, die Aufmerksamkeit des herrschenden Militärs nicht auf sich zu ziehen. Politische Themen und Kritik müssen vorerst vermieden werden. Das ist nichts Neues. Wo die Grenzen der Toleranz von den Verantwortlichen gezogen werden, war nie klar. Kunsträume müssen wachsam sein und sich darauf konzentrieren, auf die Bedürfnisse des Publikums einzugehen, das bleibt und sich weiterhin mit Kunst und Kultur beschäftigen möchte. Zu diesem Publikum gehören unzählige junge Menschen in den Städten Myanmars, die von einer Zukunft träumen, so begrenzt diese für sie auch sein mag.

Außerhalb des Landes stehen die Neuzugänge der myanmarischen Diaspora vor einschüchternden Herausforderungen. Von der Flucht über die Grenze bis zur Teilnahme an Künstlerresidenzprogrammen im Ausland, kann es sehr belastend sein, sich an die Schuldgefühle zu gewöhnen, das Land verlassen zu haben und gleichzeitig danach zu streben, im Leben voranzukommen.

Einer Handvoll Künstler*innen wurde in Frankreich und den USA Asyl gewährt. Manche mögen sagen, es sei ein Glücksfall, und natürlich sind die Künstler*innen dankbar für diese Möglichkeit. Aber es ist nie einfach, sich auf ein neues Land, eine neue Sprache und eine neue Kultur einzulassen. Andere Künstler*innen und Intellektuelle bleiben Myanmar für ein oder zwei Jahre fern, haben aber die feste Absicht, zurückzukehren.

Vieles hat sich im Land und für die Menschen in Myanmar im letzten Jahr verändert, wovon sie sich vielleicht nie wieder erholen werden. Ausdauer und Stärke angesichts andauernder Widrigkeiten sind jedoch in die DNA der Menschen eingeschrieben. Die Künstler*innen und Kreativen Myanmars sind die Geschichtenerzähler*innen und Verkörperung dieser Stärke. Sie teilen die Trauer und triumphieren durch ihre anhaltende Präsenz.

Übersetzung aus dem Englischen von: Tanja Gref

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3 | 2019, Osttimor, Timor-Leste,
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20 Jahre in Freiheit

Südostasien/Deutschland: Gründungsmitglied Frithjof Schmidt blickt zurück auf die Anfänge der südostasien. Bis heute ist er Leser und engagiert sich für die Region.

südostasien: Du warst Mitte der 80er Jahre Gründungsmitglied der „Südostasien-Informationen“ (später: südostasien) und Teil der Südostasien Informationsstelle, die die Zeitschrift herausgab. Welche Absicht war mit der Publikation verbunden?

Frithjof Schmidt: Die frühen achtziger Jahre waren in Fragen der Nord-Süd Beziehungen stark durch die Dritte-Welt-Solidaritätsbewegungen geprägt. In Deutschland lag der Fokus stärker auf Lateinamerika, Afrika und dem Nahen Osten als auf Asien. Es gab bewegungsorientierte Informationsstellen zu diesen Regionen, die die Sicht von Befreiungsbewegungen und demokratischen Nicht-Regierungsorganisationen (NROs) in die deutsche Öffentlichkeit vermittelten.

Unsere Idee war es, eine solche Informationsstelle auch für die Länder Südostasiens aufzubauen: Gemeinsam mit Solidaritätsgruppen für einzelne Länder dieser Region Informationsmaterial und Publikationen – so genannte Graue Literatur – in einer Art alternativen Bibliothek zugänglich zu machen.

Auf dieser Basis ging es darum, in einer deutschsprachigen Zeitschrift die aktuellen Entwicklungen in Südostasien aus Sicht dortiger NRO, Aktionsgruppen, Gewerkschaften und Parteien darzustellen und ihnen hier eine Stimme zu geben. Dazu sollten wissenschaftlich fundierte Analysen neokolonial geprägte wirtschaftliche und politische Beziehungen kritisieren.

Insbesondere war es auch Ziel, die Unterstützung von autoritären und diktatorischen Regierungen in Südostasien durch die deutsche Regierung zu enthüllen und anzugreifen. Zielgruppe in Deutschland waren insbesondere Menschen, die sich der Nord-Süd-Solidarität verpflichtet sahen und sich für die Region interessierten.

Wie sah das Tagesgeschäft der Redaktion damals praktisch aus, bevor es e-Mail und Whatsapp gab? Wie habt ihr Themen recherchiert und zu Autor:innen Kontakt gehalten?

Im Zentrum der Redaktionsarbeit stand neben der systematischen Auswertung diverser Publikationen der Kontakt und Dialog mit Autor:innen, Aktivist:innen und Journalist:innen in der Region.

Die Kommunikationsrevolution durch die Nutzung der ersten PC war in vollem Gange und interessanterweise bei den meisten Partner:innen in Südostasien bereits fester Bestandteil ihrer Arbeit. Wir lernten von ihnen, was ein Modem ist und wie elektronische Kommunikation via Telefonleitung den langsamen Postweg ersetzen kann.

Wir lernten auch, dass Computer abstürzen können und ein halbes Zeitschriften-Layout dabei spurlos verschwindet. Das alles zu einem Zeitpunkt, wo etwa in der grünen Bundestagsfraktion in Bonn sehr grundsätzlich gestritten wurde, ob überhaupt Computer im Büro benutzt werden dürften oder sollten.

Wie präsent war die Region Südostasien damals in der medialen Berichterstattung?

In den achtziger Jahren gab es meist nur eine selektive und begrenzte Berichterstattung der Medien. Selten ging es dabei um die gesamte gesellschaftliche und politische Entwicklung eines Landes.

Es gab intensivere Wirtschaftsberichterstattung unter dem Stichwort „neue internationale Arbeitsteilung“ über erste Industrieverlagerungen aus Europa nach Südostasien – Singapur, Malaysia Thailand, Indonesien Philippinen, Vietnam – sowie über den Zugang zu Rohstoffen durch Abkommen zwischen der damaligen Europäischen Gemeinschaft und ASEAN. Auch Auswüchse des Massentourismus – Stichwort „Sextourismus“ – spielten medial eine größere Rolle. Seltener wurde über bewaffnete Auseinandersetzungen zwischen Oppositionskräften und meist autoritären Regierungen berichtet wie in Thailand oder in den Philippinen.

Wie war es um die Reichweite der südostasien bestellt? Welche Resonanz und Wirkung lassen sich aus den frühen Jahren – oder auch später – berichten?

Die südostasien konnte in der Medienlandschaft nur ein kleines, punktuelles Gegengewicht bilden, indem sie insbesondere Multiplikator:innen in Journalismus, im Wissenschaftsbereich und im Bereich der Entwicklungspolitik erreichten und dort als relevante Quelle respektiert waren. Diese Akteur:innen waren und sind ja auch in der Politikberatung von Parlamenten und Regierungen ein wichtiger Faktor.

Ich will ein Beispiel für erfolgreiche Interventionen durch die Solidaritäts- und Informationsarbeit ansprechen, an denen auch die südostasien beteiligt war. Das ist die Kritik an einem der größten bundesdeutschen Entwicklungsprojekte in den achtziger Jahren: Das Infrastrukturprojekt auf der Halbinsel Bondoc auf Luzon in den Philippinen.

Dieses Gebiet war eine Hochburg der bewaffneten Opposition unter Führung der NDF [National Democratic Front of the Philippines – Nationale Demokratische Front der Philippinen, ein Bündnis oppositioneller linker Organisationen, das seit Ende der 60er Jahre einen revolutionären, zum Teil bewaffneten Kampf führt. d.R.]. Der Bau von Straßen- und Transportwegen durch die Region wurde vom philippinischen Militär als wichtiger Bestandteil der Aufstandsbekämpfung gesehen. Eine zentrale Forderung der philippinischen Opposition und der deutschen Solidaritätsgruppen war die Verwendung der Entwicklungsgelder für Wasserversorgung und Armutsbekämpfung und der Stopp des Straßenbaus. Es gelang mit der gemeinsamen Anstrengung vieler Akteur:innen, über breite Berichterstattungen, die Initiierung von Anhörungen und von Anträgen im Deutschen Bundestag, dieses Projekt nicht nur zu verzögern, sondern auch teilweise zu stoppen und positiv zu verändern.

Du warst viele Jahre Mitglied des Bundestags und vorher als Abgeordneter im Europaparlament auch Delegierter für die Beziehungen zu Südostasien. Hast Du den Eindruck, dass Stimmen aus der Region im politischen Diskurs ausreichend Gehör fanden? Konnte die südostasien hierbei einen Beitrag leisten?

Wenn es um die außenpolitischen und diplomatischen Beziehungen der EU und Deutschlands zu Ländern Südostasiens geht, gibt es grundsätzlich zwei unterschiedliche Ebenen der Stimmen, die von dort zur Geltung kommen. Die staatlichen Beziehungen werden ja maßgeblich von den Regierungen geprägt. Meist dominieren da ökonomische Themen, inzwischen häufig verbunden mit ökologischen Fragen.

Das Europaparlament und der Bundestag bringen über entsprechende Ausschüsse offensiv Fragen der Demokratie, der Menschenrechte, der sozialen Gerechtigkeit in solche Dialoge ein. Hierbei spielen gerade auch Kontakte zur Zivilgesellschaft und der Graswurzel-Opposition in Südostasien und entsprechende Informationen eine Rolle. International dominieren dabei allerdings englischsprachige Medien. Die deutschsprachigen Europa- und Bundespolitiker zu erreichen, ist der südostasien aber durchaus immer wieder gelungen.

Die Region, die die südostasien in den Blick nimmt, hat sich im Lauf von 40 Jahren stark verändert. Welche Veränderungen findest Du besonders markant?

Die Modernisierung hat die Form einer dramatischen Urbanisierung und Motorisierung angenommen. Globalisierte Megametropolen stehen in scharfen Gegensatz zur ländlichen Entwicklung. Die Lebenswelten in verschiedenen Regionen klaffen immer stärker auseinander. In kürzester Zeit ist die wachsende Bedrohung der Umwelt zu einer gesellschaftlichen Existenzfrage geworden.

Gab es für dich in den 40 Jahren so etwas wie eine Glanzzeit der südostasien – wenn ja, wann und warum?

Ich denke, dass die achtziger und neunziger Jahre des 20. Jahrhunderts und teils auch noch die ‚Nullerjahre‘ des 21ten durch eine intensive Nord-Süd-Solidaritätsbewegung in der Gesellschaft geprägt waren, was einen guten Resonanzboden für eine Zeitschrift wie die „Südostasien-Informationen“/südostasien bedeutete. Das ist deutlich zurückgegangen. In dieser Zeit definierten sich fast alle ASEAN-Staaten noch als Teil der Dritten Welt, als sogenannte Entwicklungsländer des Südens.

In den Medien erfährt die Region heutzutage mehr Aufmerksamkeit, bedingt durch ihre wachsende wirtschaftliche und politische Bedeutung – auch durch digitale Medien. Wie schätzt Du als heutiger Leser dabei die Relevanz der südostasien ein?

Heute definieren sich viele Staaten der Region mehr als „emerging countries“, als sogenannte „Schwellenländer“ der Industrialisierung. Damit stellen sich auch viele Fragen der internationalen und weltwirtschaftlichen Beziehungen im Rahmen der dynamischen Globalisierung anders als früher, zum Beispiel in Bezug auf Menschheitsfragen wie die Klimapolitik. Daraus ergeben sich auch veränderte Aufgaben und Themen in der Informations- und Solidaritätsarbeit.

Das spiegelt sich natürlich auch in den letzten Jahrgängen der südostasien. Unter dem Einfluss der neuen sozialen Medien sinkt der Stellenwert eines Nachrichtenteils, da das Internet-Tempo des Medienmarktes nicht zu überbieten ist. Dagegen sehe ich einen steigenden Bedarf an fundierten Analysen zu den großen Themen der Zeit und der Region. Ich sehe die Online-Zeitschrift da heute auf einem schwierigen, aber guten Weg.

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3 | 2019, Osttimor, Timor-Leste,
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20 Jahre in Freiheit

Vietnam: In westlichen Reiseführern gilt Vinh als „hässlichste Stadt Vietnams“. Idee und Baumaterial lieferte die DDR.

Vor 50 Jahren endete der Krieg in Vietnam. Als die US-Armee sich im April 1975 aus der südvietnamesischen Hauptstadt Saigon zurückzog, hinterließ sie ein verwüstetes Land. Besonders verheerend waren die Ausmaße der Zerstörung in der Hafenstadt Vinh. Wo sich Eisenbahnlinien und Nationalstraßen mit Transportrouten des geheimen Hô-Chí-Minh-Pfades kreuzten, hatte sich einst die logistische Schaltzentrale Nordvietnams befunden. Begraben unter Trümmern war die Infrastruktur nun restlos lahmgelegt.

„Es gibt schreckliche Bilder von dem zerstörten Minsk und Stalingrad, den Ruinenfeldern von Coventry und Dresden. Hier in Vinh gab es nicht einmal Ruinen“, schilderte Bauingenieur Gerhard Kosel aus der DDR seine Eindrücke vor Ort. „Vor dem Auge dehnte sich eine mit zahllosen Bombentrichtern wie mit Blattern übersäte und ausgebrannte Mondlandschaft“ („Vinh: Report über eine vietnamesische Heldenstadt“, Ag 231/56/74, Berlin 1974). Kosel war mit einer Regierungsdelegation aus Ost-Berlin im Juli 1973 nach Vietnam gereist. Ihre Mission: Vinh wiederaufzubauen.

Honecker schickte Geld und Freiwillige

Nach dem Abzug der USA ruhten die Hoffnungen der Nordvietnamesen auf der Hilfe aus den sozialistischen Bruderländern. Neben der mächtigen Sowjetunion kam der DDR dabei eine Sonderrolle zu. Durch die Rekonstruktion des zerbombten Dresdens und die Deutsche Arbeitsgruppe Hamhŭng, die schon in den 1950er Jahren in Nordkorea ein prestigeträchtiges Aufbauprojekt umgesetzt hatte, galten ostdeutsche Architekten und Ingenieure als technisch versiert und praxiserprobt im Wiederaufbau. Frei nach dem Topos ihrer Nationalhymne „Auferstanden aus Ruinen“ und als Fortsetzung der Vietnam-Unterstützung „Solidarität hilft siegen!“ entsandte Staatschef Erich Honecker helfende Hände aus der DDR.

Für die DDR war der Wiederaufbau des sozialistischen Vietnam moralische Verpflichtung und Profilierungschance zugleich. Auf internationalem Parkett konnte Ost-Berlin als eigenständiger Staat bislang nicht mit dem Klassenfeind aus Westdeutschland konkurrieren. Während die BRD im Vietnamkrieg bündnistreu als größter Geldgeber auf Seiten der US-amerikanischen Zerstörer gestanden hatte, bot sich für die DDR nun Gelegenheit, mit großer Symbolkraft einen konstruktiven Beitrag des Aufbaus zu leisten.

‚Internationale Solidarität‘ in Theorie und Praxis

Nachdem ostdeutsche Architekten unter der Leitung von Gerhard Kosel und Hans Grotewohl grünes Licht für die Projektierung gegeben hatten, schlossen die DDR und Vietnam am 23. Oktober 1973 das Abkommen über die Hilfe beim Wiederaufbau und der Projektierung der Stadt Vinh. So gelangten unter der sozialistischen Maxime der ‚internationalen Solidarität‘ zwischen 1974 und 1980 mehr als 200 Expert:innen aus der DDR in das außenpolitisch vollkommen abgeschottete Vietnam. Wie wenig die ‚internationale Solidarität‘ in der Lebenswirklichkeit verankert war, zeigt hingegen die strenge Segregation, der Vertragsarbeitende aus Vietnam später in der DDR unterworfen wurden.

Für Premierminister Phạm Văn Đông hatte der Wiederaufbau Nordvietnams auch eine symbolische Implikation. Während sich die Sowjetunion vor allem in der Hauptstadt Hanoi engagierte, wünschte er von den „Kindern von Karl Marx“ aus der DDR einen Einsatz in der Provinz Nghệ An – wo nur unweit von Vinh der Geburtsort des Revolutionärs und vietnamesischen Landesvaters Hô-Chí-Minh lag. Durch ihre eigene Teilungsgeschichte im Kalten Krieg hatte die DDR ohnehin schon eine starke Verbindung zu Nordvietnam entwickelt.

Kolonialismus architektonisch überwinden

Streng nach den Prinzipien des Funktionalismus entwarfen die Architekten am Reißbrett eine hybride Phantasiestadt mit einer tropischen Palmenallee und dem brutalistischen Wohnkomplex Quang Trung im Zentrum.

Zuvor waren die Stadtbilder Vietnams gekennzeichnet von der Fremdbestimmung kolonialer Architektur, die sich mit organischem Siedlungsbau vermischte. Nun sollte eine von den ‚Bruderländern‘ auf Augenhöhe geplante Modellstadt entstehen. Vietnamesische Ingenieure, die an Universitäten in der Sowjetunion oder in der Bauhaus-Stadt Weimar ausgebildet worden waren, tüftelten deshalb stets mit. „Ein neues, schöneres, ein sozialistisches Vinh zu bauen“, lautete die utopische Vision, die Vietnam-Korrespondent Knut-Rainer Barthel den Bürgern in der heimischen DDR 1977 in der Berliner Zeitung beschrieb (Barthel, Knut-Rainer: „Vinh wächst jetzt wieder“. Berliner Zeitung, 13./14. August 1977)

Zweiundsechzig Mal begaben sich Frachtschiffe von Rostock aus auf den Seeweg, um für das Vorhaben 41.500 Tonnen Baumaterial, Krane und Fahrzeuge in den Hafen von Vinh zu transportieren. Vor Ort mussten zunächst eine Zementfabrik, eine Ziegelei und ein eigenes Wasserwerk zur unabhängigen Energieversorgung errichtet werden.

Vorbild Halle-Neustadt

Vorbildcharakter für das technische Prinzip des Plattenbaus aus Betonfertigteilen fand der Komplex in der DDR-Planstadt Halle-Neustadt, die 1964 gegründet worden war. Durch die neue Bautechnik – auch im Hinblick der Nachhaltigkeit – stieg Vinh auf zur modernsten Stadt des Landes. Mit viel Tageslicht und einer entsprechend der Windbewegung ausgerichteten Belüftung waren die Apartments ein Musterbeispiel für klimagerechtes Wohnen. Für seine postkolonialistische Architektur erhielt Vinh landesweite Anerkennung. „Schon heute“, sagte Erich Honecker mit Blick auf die anwachsende Stadt im Dezember 1977 verheißungsvoll, „vermag man sich das blühende und starke sozialistische Vietnam von morgen vorzustellen.“

Die Wohnungen in den Plattenbauten von Quang Trung waren nach ihrer Fertigstellung Anfang der 1980er Jahre begehrt. Sie galten als Vorgeschmack für moderne Lebensart im Sozialismus. Mit der Unterstützung aus der DDR konnten 1.650 neue Wohnungen für 8.360 Bewohner gebaut werden. „Wer heute in das neu entstehende Vinh kommt, sieht im Zentrum eine leuchtend helle Fassadenfront neuer Wohnhäuser. Auf dem Dachfirst eines Blockes flattern zum Richtfest die Fahnen der DRV und der DDR im Winde“, berichtet Vietnam-Korrespondent Barthel mit Stolz über die Aufbruchstimmung (Ag 231/56/74, Berlin 1974 ebd.)

Zerfall einer gescheiterten Zukunftsvision

Zunächst war der neue Wohnkomfort privilegierten Bewohnern und deren Familien vorbehalten, die als Kader der kommunistischen Partei besondere Beiträge zum Aufbau der vietnamesischen Nation geleistet hatten. Heute hingegen, stehen die baufälligen Betonquader für Zerfall und eine gescheiterte Zukunftsvision.

Während sich einige ältere Bewohner noch für den Erhalt eines Teils der Plattenbauten stark machen, den sie als kulturelles Erbe der Wiederaufbauleistung nach dem Krieg und als Andenken an die besondere vietnamesisch-deutsche Freundschaft bewahren möchten, haben Abrissbagger schon erste Abschnitte dem Erdboden gleichgemacht. Sie schaffen Platz für neue Wohnflächen. Der frühere Bewohner Hoàng Nguyễn sieht das pragmatisch: „In ein paar Jahrzehnten würde es ohnehin zusammenbrechen.“

Im übertragenen Sinne spiegelt das architektonische Relikt somit auch den Zusammenbruch der DDR wider, die – ebenso wie viele ihrer Plattenbauten – den Wandel der Zeit nicht überdauert hat.

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